Kitabı oku: «Haiders Schatten»

Dieses Buch schildert wahre Begebenheiten.
Namen handelnder Personen wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre teilweise geändert.
Stefan Petzner: Haiders Schatten
Alle Rechte vorbehalten
© 2015 edition a, Wien
www.edition-a.at
Coverfoto: Astrid Obert
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Hidsch
Gesetzt in der Premiera
Gedruckt in Europa
1 2 3 4 5 — 18 17 16 15
Print-ISBN: 978-3-99001-144-7
eBook-ISBN 978-3-99001-147-8
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
Darum
Im Herz der Karawanken
Mein Traumberuf
Mein politischer Hintergrund
Haider und ich: Der Anfang
Ein politischer Lehrling
Auf Tour mit Jörg Haider
Haiders letzte Geheimnisse
Die Entzauberung der Populisten
Haiders letzter Auftritt
Haiders Abschied
Darum
Während ich an diesem Buch arbeite, jährt sich Jörg Haiders Tod bald zum siebten Mal. Haider, der erfolgreichste Rechtspopulist Europas, gleichermaßen bewundert und verehrt wie gefürchtet und angefeindet, starb in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 2008 bei einem Autounfall in Lambichl, südwestlich der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt, als er gerade auf dem Weg zu seiner Familie war. Er hat in dieser Nacht von der Welt abgelassen, diese Welt aber bis heute nicht von ihm. Dieses Buch soll uns dabei helfen, es doch zu tun. Auch mir.
Es ist aber kein Buch über den Mythos Haider. Es ist vielmehr ein persönliches Buch über einen Politiker, der mein Leben geprägt hat und vielleicht heute sogar mehr denn je prägt, gerade weil er nicht mehr da ist. Seit seinem Tod wusste ich, dass ich dieses Buch eines Tages schreiben würde. Denn es gibt Geschichten im Leben, die erzählt werden müssen. Die Geschichte, wie ich als Publizistik-Student Haider kennenlernte und sein engster Vertrauter, Pressesprecher, Spin-Doktor und Generalsekretär wurde, ist eine davon.
Trotzdem habe ich fast sieben Jahre gewartet. Zum einen, weil in der Zeit nach Haiders Tod die Stimmung in Österreich zu aufgeheizt und emotionsgeladen war. Die Diskussionen über ihn verliefen hitzig bis hysterisch und Spekulationen, Gerüchte und Verschwörungstheorien mischten sich mit zumeist stümperhaften Erklärungsversuchen des Phänomens Jörg Haider und ersten halbherzigen Anläufen der historischen Einordnung seines politischen Wirkens und dessen Folgen. Die einen sprachen ihn heilig, die anderen verdammten ihn, dazwischen gab es nichts.
Ich wollte dieses Buch erst schreiben, wenn eine nüchterne und sachliche Auseinandersetzung mit Haider und dem Rechtspopulismus, den er in Europa mit erfunden hat, tatsächlich möglich geworden wäre. Wie tickte Haider wirklich? Wie lebte und wie starb er? Was war damals wirklich? Und wie funktionierte seine Politik? Erst wenn sich diese Fragen stellen lassen würden, ohne dass jede Antwort in den Reflexen zorniger Kritiker oder beleidigter Anhänger untergehen würden, wollte ich damit beginnen.
Außerdem musste ich selbst erst die dafür nötige Distanz gewinnen und meine Position im Leben neu bestimmen. Denn genau wie meine Begegnung mit Haider mein Leben verändert hat, hat es auch sein Tod getan. In den Jahren an seiner Seite war ich im Dauerbetrieb, und das stets am Belastungslimit, in den sieben Jahren nach seinem Tod war ich mit den Aufräumarbeiten in mir und um mich beschäftigt.
In allen meinen Haider-Jahren war ich ohne einen einzigen Tag Urlaub praktisch rund um die Uhr mit ihm in Kontakt oder zumindest für ihn erreichbar. Mein Handy war kein einziges Mal ausgeschaltet, seit ich von der Idylle eines steirischen Bauernhofes in einen Brennpunkt der europäischen Politik geriet, wo sich alle meine Kindheitsträume erfüllten, um gleich darauf in einer einzigen Nacht wieder zu platzen. Meine Neupositionierung im Leben war dementsprechend schwer.
Ich habe mich nie von meiner politischen Vergangenheit distanziert und werde es auch weiterhin nicht tun. Denn populistische Parteien können natürliche Bestandteile eines gesunden politischen Biotops sein. Sie sind nicht nur ungefährlich, sie sind sogar ein Gewinn für die Demokratie, wenn, ja wenn die anderen Parteien nur richtig mit ihnen umzugehen wüssten.
Das ist ein zweiter Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe: Mein steigendes Unbehagen über das massive Unvermögen genau dazu und über den falschen Umgang der europäischen Eliten mit den derzeit in Europa aktuellen populistischen Strömungen auf beiden Seiten des politischen Spektrums, rechts und links.
Die europäischen Eliten haben den rechten wie linken Populismus durch ihre strategischen Fehler, ihr beharrliches Wiederholen falscher Gegenrezepte, ihre taktische Ungeschicklichkeit und ihr handwerkliches Versagen zu einem hypertrophen Symptom ihrer eigenen politischen Unkultur gemacht. Wenn sie nicht endlich kapieren, was da läuft und was sie dagegen tun müssen, werden die dermaßen künstlich aufgeblähten Populisten tatsächlich flächendeckend die Macht an sich reißen. Dann geht es irgendwann um die europäische Aufbauarbeit seit 1945 und die dabei mühsam erarbeitete friedliche Demokratie in einem freien, vereinten Europa.
Haider und ich haben immer herzlich gelacht, wenn die Politologen, Soziologen und Meinungsforscher angetreten sind, um unseren Erfolg zu erklären und die Frage zu beantworten, wie wir denn zu stoppen und zu verhindern wären. Sie waren ahnungslos und hilflos. Ihre Erklärungsversuche reichten niemals an unsere tatsächliche politische Denkart und Konzeption heran und erschienen uns immer kläglich. Trotz der Schwächen, die auch wir hatten, trotz all der Angriffsstellen, die wir zu Genüge boten, und die uns selbst sehr wohl bewusst waren, konnten wir uns dennoch stets sicher fühlen. Wir hatten nicht nur keine Gegner, unsere vermeintlichen Gegner spielten uns auch noch ständig in die Hände. Wir wussten immer, dass die Einzigen, die uns wirklich schaden konnten, wir selbst waren. Niemand sonst.
Doch mit dem unmäßig erstarkenden Populismus in ganz Europa ist die Lage tatsächlich ernst geworden. In Österreich ist Heinz-Christian Strache, den viele als neuen Haider sehen, drauf und dran, Haiders bestes bundesweites Wahlergebnis aller Zeiten, 27 Prozent der Stimmen, wieder zu erreichen, und das ohne bemerkenswertes politisches Talent, sondern vor allem durch konsequentes Kopieren von Haiders bewährten politischen Verfahren. In den Niederlanden macht Geert Wilders von der »Partei für die Freiheit« Schlagzeilen, in Schweden Jimmie Âkesson von den »Schwedendemokraten« und in Frankreich Marine Le Pen vom »Front National«, die sogar Anlauf nimmt, 2017 französische Präsidentin zu werden. In Finnland entstanden die »Wahren Finnen« und sitzen heute in der Regierung, in Belgien der »Vlaams Belang« und auch in England, wo Rechtspopulismus bis vor kurzem nicht wahrnehmbar war, brachte es die rechtspopulistische »UK Independence Party« bei der jüngsten Europawahl zur stimmenstärksten Partei. In der Schweiz reüssiert seit Jahren die rechtspopulistische »Schweizer Volkspartei«. Auf der anderen Spielfeldseite des Populismus bringt der griechische Volksverführer Alexis Tsipras (Syriza) sein eigenes Land und mit ihm gleich ganz Europa ganz nahe an den politischen und finanziellen Abgrund, während »Podemos« drauf und dran ist, es ihm in Spanien gleich zu tun.
Sogar in Deutschland, das vor allem rechte und nationalistische Strömungen schon dank der guten Aufarbeitung seiner Geschichte bisher immer einigermaßen im Griff hatte, gingen Menschen zu Tausenden für eine rechte Bewegung, die Pegida, auf die Straße. Ganz Deutschland war schockiert, niemand verstand es und keiner hätte es für möglich gehalten. Doch Deutschland dürfte bald noch viel intensivere Bekanntschaft mit dem Rechtspopulismus machen. Denn während ich das schreibe, richtet sich gerade die »Alternative für Deutschland«, die anfangs eher ungeschickt agierte, an den erfolgreichen rechtspopulistischen Arbeitsmodellen aus. Dies mit ihrer neuen Chefin Frauke Petry, die politische Erfahrung mitbringt, intelligent und ungleich charismatischer ist sowie mit ihrem Hang zur Provokation eine deutsche Marine Le Pen werden kann. Wenn Petry alles halbwegs richtig macht, ist die »AfD« klar auf dem Weg zur Zehn-Prozent-Partei, und ich wage zu prophezeien, dass die deutschen Eliten in ihren Reaktionsmustern genau die gleichen Fehler und Trugschlüsse eingewebt haben werden wie alle anderen.
Ich habe fünf Jahre lang das Handwerk eines Populisten erlernt und als politischer Grenzgänger erfolgreich angewandt. Ich habe mit Haider die, letztlich immer gleichen, Tricks einstudiert, perfektioniert und andere darin unterwiesen. Ich weiß deshalb, wie sich Populisten entzaubern lassen und wie ihnen ihre Gegenspieler jenen Platz im politischen Biotop zuweisen können, der für eine Gesellschaft noch nützlich ist.
Ich erzähle meine Geschichte deshalb auch, um zu zeigen, wie Populisten wirklich funktionieren, was ihre Gegenspieler, allen voran die beiden großen politischen Blöcke der Sozialdemokraten und der Konservativen, falsch machen, wie sie es richtig machen könnten und wie sie, statt den Populisten den Weg zu ebnen, deren besondere Fähigkeiten zu ihrem eigenen Vorteil und zum Vorteil der Gesellschaft nutzen könnten.
Dieses Buch ist mein Beitrag zur Geschichtsschreibung: Über den Populismus in Europa und über Jörg Haider, der so viele Jahre lang der wichtigste Mensch in meinem Leben war.
Im Herz der Karawanken
Wir stiegen mit Atemwolken vor den Mündern und umgeschnallten Rucksäcken durch den frühen Morgen den Berg hinauf. Im Gegensatz zu Jörg Haider hatte ich nie viel Spaß am Wandern und Bergsteigen gehabt. Für mich als Bergbauernkind war die Natur kein so großes Abenteuer wie für ihn, und mit ihm war es besonders anstrengend, weil er Sport immer gleich als Wettkampf interpretierte. Doch an diesem sonnigen 28. Dezember des Jahres 2007 hatte ich keine Wahl. Haider hatte seine Funktion als Kärntner Landeshauptmann von Anfang an als eine Art Dauerwahlkampf angelegt und ließ sich Veranstaltungen wie die »Eierspeisparty« in der Klagenfurter Hütte im Bärental nicht entgehen. Umso weniger, als das Bärental seine Wahlheimat war. Er wollte, dass ich mitkomme, und ich hatte mich schließlich überreden lassen.
Uriges Beisammensein mit dem Zweck, Spenden für die Bergrettungen Klagenfurt und Ferlach zu sammeln, Zieharmonika-Musik, Gesang, Tanz, und zur »Eierspeis« viel Alkohol, das war das so einfache wie beliebte Konzept der Veranstaltung. Seit 1984 war sie Tradition, und auch dieses Jahr würden sich an die zweitausend Menschen bei dem ländlichen Spektakel einfinden, alle mit rohen Eiern im Gepäck, aus denen ihnen der Hüttenwirt ihre »Eierspeis« zubereiten würde. Einem Volkspolitiker wie Haider bot das eine perfekte Bühne. Während ich als sein Pressesprecher und engster Mitarbeiter eher widerwillig und einsilbig durch den Schnee stapfte, riss mich ab und zu das Gelächter der kleinen Wanderergruppe um ihn aus meinen Gedanken.
Als wir oben ankamen, war die Hütte bereits gefüllt, doch wie immer strömten über den Tag verteilt immer mehr Gäste in das kleine Alpenvereinshaus inmitten der Karawanken, bis es darin drückend eng wurde. Haider störte das nicht. Er kam umso mehr in Fahrt, je voller die Hütte wurde. Bis zum frühen Abend mischte er sich unter die Menschen, ging von Tisch zu Tisch, schüttelte Hände, scherzte, sang und tanzte. Obwohl der Mann auf die Sechzig zuging und damit mehr als dreißig Jahre älter war als ich, hatte er eine scheinbar unerschöpfliche Energie.
An der Volksnähe, die er in der Hütte an den Tag legte, wirkte nichts inszeniert. War es auch nicht. Haider liebte das Bad in der Menge. Während anderen Politikern der direkte Kontakt zu den Bürgern suspekt bis unheimlich ist, eine lästige Pflichtübung vor allem in Wahlkampfzeiten, blühte Haider im Umgang mit Menschen erst richtig auf. Sie waren es, die seine Akkus mit Energie speisten. Tag für Tag aufs Neue. Je mehr Menschen er begegnete, umso größer war seine Energie.
Noch dazu hatte er die erstaunliche Gabe, sich Menschen, die er nur ein einziges Mal gesehen hatte, über Jahre hinweg zu merken, meist samt ihren Geschichten. Oft genug verblüffte er einen Gesprächspartner, wenn der »kennst mich eh nimmer« sagte, und Haider Jahre nach der ersten und einzigen Begegnung mit dem Mann, antwortete: »Klar, du bist doch der Heinz aus dem Maltatal. Wie geht es deinen beiden Töchtern? Die müssen jetzt auch langsam groß sein.«
Er wisse auch nicht, woher er das habe, hatte Haider einmal zu mir gesagt, er benütze es einfach. Jedem einzelnen seiner Gesprächspartner gab er damit das Gefühl, ihm ganz nahe und verbunden zu sein. Als wären sie alle keine Wähler, sondern ein fixer Teil seines Lebens, an den er sich zu jeder Zeit an jedem Ort erinnerte. Sie liebten ihn dafür und er war damit für sie weniger die Respektperson eines Landeshauptmannes, sondern vielmehr ein Freund, ein Kumpel, sie fühlten sich als Teil seiner großen Familie, die er Kärnten nannte und als dessen Oberhaupt er sich ansah.
Als die Dämmerung hereinbrach, stiegen wir mit ein paar Anderen wieder ab und erreichten schließlich das Anwesen der Haiders. Haider hatte natürlich noch lange nicht genug und wollte die Feierei noch im Haus ausklingen lassen. Das renovierte alte Bauernhaus lag abgeschieden in dem Tal, das seinen Namen von den vielen Bären hat, die es dort einmal gab. Ringsum erstreckte sich dichter Nadelwald. Unweit des Anwesens, auf einer Waldlichtung, stand eine kleine Kapelle. Nähere Nachbarn gab es in dieser Abgeschiedenheit keine, und auch keinen Handyempfang.
Wir polterten in das längst verdunkelte Haus und unterhielten uns in der rustikalen Bauernstube mit einer kleinen Gruppe von Begleitern noch lautstark über das Erlebte und den hinter uns liegenden Tag. Nach gut einer Stunde verabschiedete ich mich, stieg in meinen silbergrauen Nissan und fuhr los.
Die Straße nach Klagenfurt, die durch das Rosentaler Idyll führt, ist bei Tageslicht für Urlauber eine echte Traumstraße. Bei der herrschenden Witterung konnte ich mich darauf allerdings nicht konzentrieren, zumal nach einer derart ausgelassenen Feier. Ich richtete meine ganze Aufmerksamkeit also auf die Fahrbahn, die in engen Serpentinen einen Berg hinab und dann wieder hinauf führte, und auf der eine dünne Schneedecke lag.
Ich fuhr langsam und vorsichtig und kam gut voran. Bis zu dem Moment als ich mit meinen Rädern auf eine spiegelglatte Eisfläche traf und die Kontrolle über den Wagen verlor. Das Auto ließ sich nicht mehr steuern, schleuderte und glitt geradewegs auf eine steile Böschung zu. Leitplanken gab es dort keine. Meine Tasche, mein Handy und ein paar andere Dinge, die am Beifahrersitz gelegen waren, flogen durcheinander, als der Wagen einen Erdwall am Straßenrand durchbrach und über die Böschung hinunterstürzte.
Mit aufgerissenen Augen sah ich mit Schnee bedeckte Fichten auf mich zukommen, während mein Wagen durch das Strauchwerk rutschte. Mit einem dumpfen Knall kam der Nissan zum Stillstand. Er hing jetzt, abgefangen von einem Baumstumpf umgekippt im Gebüsch, sodass von der Straße her die Bodenplatte und die Räder zu sehen gewesen wären.
Ich hing still im Gurt und sah mich um, bis mich ein Knarren aus der Starre riss. Ich bekam Angst. Was, wenn das Auto weiter die Böschung hinunter purzelt? Ich löste den Gurt, prallte gegen die Fahrertür und kletterte auf allen Vieren über die Beifahrerseite hinaus ins klirrend kalte Freie und hinauf auf die Straße.
Es war längst stockdunkel. Ich stand mitten im Dezember in der Einöde, weit und breit kein Mensch, die Jacke im Auto, das Auto im Gebüsch. Wenigstens war ich relativ unversehrt, wie ich nach gründlichem Abtasten feststellte. Neben dem Handy hatte ich im Auto noch schnell meine Zigaretten zusammengesucht, und zündete mir eine an. Zwar war ich durch den Unfall in einem leichten Schock, mir war aber klar, dass ich noch nicht weit weg vom Anwesen der Haiders sein konnte. Also wählte ich die Festnetznummer im Bärental. Haider hob sofort ab. Ich redete bewusst beschwichtigend. »Ich habe ein kleines Problem«, sagte ich. »Ich habe gerade einen Unfall gebaut.«
»Um Gottes Willen, wo bist du? Ist dir etwas passiert?«
Ich beruhigte ihn. »Alles in Ordnung. Ich muss nur irgendwie das Auto aus der Böschung kriegen«, sagte ich.
»Rühr dich nicht vom Fleck, ich bin gleich da«, sagte Haider, nachdem ich ihm die Stelle so genau wie möglich beschrieben hatte.
Da stand ich also frierend mitten in diesem winterlichen Nirgendwo, wartete und starrte auf die leuchtenden Scheinwerfer meines Wagens. Nach kaum zehn Minuten hörte ich in der Ferne Sirenen aufheulen. Zuerst stellte ich keinen Zusammenhang zwischen ihnen und meinem Missgeschick her, schon gar nicht, als es anscheinend mehrere Sirenen wurden. Doch sie kamen näher, und wenige Minuten später war es, als würden aus allen Ecken des Tals Einsatzfahrzeuge auf mich zurasen.
Eine Heerschar an Einsatzkräften rückte an. Offensichtlich hatte Haider sie persönlich verständigt. Es war mir peinlich und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. So ein Aufwand, bloß um mein Auto aus der Böschung zu ziehen, dachte ich und erklärte den Einsatzleuten fast entschuldigend, was geschehen war. Da brauste auch schon Haider in seinem schwarzen Phaeton daher, stellte ihn mitten im Geschehen ab und sprang heraus.
Nachdem er sich kurz vergewissert hatte, dass es mir halbwegs gut ging, verschaffte er sich einen Überblick über die Lage. Während ich auf und ab lief, eine Zigarette nach der anderen rauchte und anfing, mir darüber Gedanken zu machen, wie mein Auto wieder halbwegs unbeschädigt aus der Böschung zu kriegen wäre, dirigierte Haider gemeinsam mit dem Feuerwehr-Kommandanten die Einsatzkräfte. Die befestigten an den Vorder- und Hinterrädern Seile und hoben den Nissan mit einem Kran hoch in die Luft und aus der Böschung heraus.
Ein Polizist trat auf mich zu. Ich hatte noch gar nicht bemerkt, dass in der Zwischenzeit auch die Polizei eingetroffen war. »Haben Sie Alkohol getrunken?«, fragte er.
Ich sah ihm in die Augen und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich.
Vielleicht glaubte er mir, vielleicht auch nicht, jedenfalls fragte er nicht weiter. »Die Kurve liegt tagsüber im Schatten. Da bilden sich bei etwas milderer Witterung regelmäßig Eisplatten«, sagte er stattdessen. Schon vor mir seien einige Fahrer hier weggerutscht. »Da sollte die Straßenmeisterei in Zukunft wohl Schotter streuen.« Damit ging er wieder.
Sie stellten meinen Wagen behutsam auf die Straße und nach Aufforderung Haiders drehte ich am Zündschlüssel. Niemand rechnete damit, dass das leicht verbeulte Ding anspringen würde, aber einen Versuch war es wert. Nach kurzem Rattern lief der Motor tatsächlich.
Am liebsten wäre ich gleich losgefahren, aber das ließ Haider nicht zu. »Du fährst sicher nicht selbst«, sagte er.
Ein junger BZÖ-Parteifunktionär, Fred Reininger, sollte mich chauffieren. Er war zuvor bei der kleinen Runde im Anwesen der Haiders dabei gewesen. Doch wir konnten noch nicht aufbrechen. Denn mit großer Geste verkündete Haider, dass alle Anwesenden zum Dank für die schnelle und professionelle Aktion in das nächste Wirtshaus eingeladen seien.
»Wir müssen das machen«, sagte er, als er bemerkte, wie müde und geknickt ich war. »Es dauert auch nicht lang.« Ich wollte nach der Unfall-Aufregung nur noch heim, fühlte mich aber in der Schuld der Feuerwehrleute und widersprach daher nicht.
Gegen zehn Uhr abends kamen wir in einem netten, aber mit seinem Stil der Siebzigerjahre schon etwas verkommenen Wirtshaus an. Die Tischtücher waren aus Plastik, die hölzernen Stühle mit Schaumgummi gepolstert und die bunten Tapeten an der Wand verblasst. Der Wirt staunte nicht schlecht, als rund zwanzig Gäste zur Tür herein strömten, die noch dazu der Landeshauptmann anführte. Schließlich war das Gasthaus eher als Treffpunkt der slowenischsprachigen Volksgruppe bekannt. Nachdem Haider dem verdutzten Wirt mit einem lauten »servas« die Hand entgegengestreckt hatte, wandte er sich an mich und senkte die Stimme. »Es ist gut, dass wir hier auch einmal vorbei schauen«, sagte er.
Haider hatte halb Kärnten schon einmal die Hand geschüttelt und sprach ohnedies die meisten Kärntner per du an. Allen Sicherheits-Warnungen seiner Mitarbeiter und der Exekutive zum Trotz hatte er nicht die geringste Schwellenangst und ging überall hinein, selbst in die windigsten Spelunken, aus denen angesichts der dunklen Gestalten darin der Großteil der bürgerlichen Gesellschaft Kärntens gleich wieder geflüchtet wäre.
Wir saßen also dort, zwei Feuerwehrautos, einen Phaeton und einen verbeulten Nissan vor dem Gasthaus geparkt, und Haider schwang sich vor der versammelten Truppe zu einer Dankesrede auf. Er war verzückt. Der Abend bot ihm unversehens schon wieder eine Bühne, was ihm schon immer mehr Freude bereitet hatte, als einmal einen stillen Dezemberabend zurückgezogen mit sich selbst zu verbringen.
Er redete über Verlässlichkeit und andere Werte, und zwischendurch drang wieder entspanntes Gelächter, untermalt vom Klirren der Gläser, zu mir. Ich war leicht benommen, doch als Mann der zweiten Reihe, in jener Rolle, die ich mir für mein Leben ausgesucht hatte, wollte ich Haider nicht allein lassen und schon gar nicht ihm die Show stehlen.
Ziemlich einsilbig wartete ich darauf, endlich heimfahren zu können, doch es sah nach einer Stunde noch immer nicht gut für mich aus. Die Rede war zwar vorbei, aber die zweite Runde bereits bestellt. »Entschuldige, könnten wir dann bald aufbrechen?«, sagte ich nach fast zwei Stunden zu ihm. »Irgendwie geht es mir nicht so gut.«
Haider klopfte mir auf die Schultern. »Gleich«, sagte er.
Während die Gruppe immer ausgelassener wurde, verfiel ich zusehends. Schließlich wurde mir übel. Mit der Hand vor dem Mund riss ich gerade noch die Klotür auf und übergab mich im nächsten Augenblick. Obwohl ich nach wie vor halb ohnmächtig war, putzte ich das Klo mit Papier, um es halbwegs zivilisiert zu hinterlassen. In meiner Funktion brauchte ich keine Reden zu halten, aber ich durfte auch keinen schlechten Eindruck machen. Als ich zum Tisch zurückkam, sah mich Haider aufmerksam an. »Dir geht es wirklich nicht gut«, sagte er.
Ich wusste, dass ich käsebleich war. »Ich habe gerade gekotzt. Aber ich glaube, das war nur vom Schock«, sagte ich.
Er stand auf. »Wir fahren ins Krankenhaus«, sagte er.
Ich schüttelte müde den Kopf. »Ich brauche nur etwas Schlaf.«
»Wir fahren jetzt sofort.«
Ich hasste Krankenhausaufenthalte und wollte tatsächlich nur ausschlafen, aber Haider machte sich nun offensichtlich wirklich Sorgen und duldete daher keinen Widerspruch. Also nahm ich am Beifahrersitz seines Phaeton Platz und er fuhr mich ins Landeskrankenhaus Klagenfurt, während Fred Reininger meinen demolierten Nissan zu meiner Wohnung brachte.
Eine Menge Schwestern liefen zusammen, als der Landeshauptmann persönlich einen Patienten in die Notaufnahme brachte. Er schüttelte allen die Hand. Einige kannte er auch hier, die sprach er mit ihrem Vornamen an. »Schaut ihn euch bitte genau an, Monika. Er hatte einen Unfall mit dem Auto. Wer weiß, was da passiert ist.«
»Mir geht es eh ganz gut. Alles halb so wild«, sagte ich, doch niemand hörte mir zu. Was mich nicht kränkte. Ich wusste, dass mir die Sonderbehandlung nicht zuteil wurde, weil ich Stefan Petzner war, sondern weil ich Haiders rechte Hand war. Meine Rolle privilegierte mich in Kärnten und das war reizvoll, aber ich war mir des Unterschiedes immer bewusst: Ohne Haider wäre ich nichts in Kärnten.
Ich konnte in Krankenhäusern nie gut schlafen, doch Haider bestand darauf, dass ich blieb. Ich kannte ihn als hilfsbereiten Menschen, der da war, wenn ihn jemand brauchte. Das zeichnete ihn aus. Andererseits war er nicht in der Lage, einer Bühne zu widerstehen, die sich ihm bot. Deshalb hielt ich mich nach meinem ungehörten Einwand auch hier im Hintergrund. Auch das Krankenhaus war sein Auftritt, nicht meiner, und seine Fürsorge gehörte zumindest zum Teil zum Programm.
»Wir machen das schon, Herr Landeshauptmann«, sagte Schwester Monika zu ihm. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Herrn Petzner wird es hier an nichts fehlen.«
Ich kam in den Genuss aller Annehmlichkeiten, über die ein Krankenhaus verfügt. Die Ärzte stellten nichts weiter als eine leichte Gehirnerschütterung fest, trotzdem bestanden die Schwestern weiterhin darauf, dass ich für die Nacht blieb, selbstverständlich in einem Einzelzimmer, das sofort bereitstand.
Als ich am nächsten Tag aufwachte, hatte ich Lust auf eine Morgen-Zigarette. Ich suchte das halbe Krankenhaus ab, bis ich einen Raucherhof fand. Kaum hatte ich mir eine angesteckt, stand ein Arzt neben mir, als hätte er mich die ganze Zeit beschattet. »Sie dürfen noch nicht rauchen«, maßregelte er mich. »Warten Sie bitte die weiteren Untersuchungen ab.« Es klang nach Rundum-Check vom Haaransatz bis zu den Zehennägeln.
Ich hatte genug. »Ich habe nichts und ich gehe jetzt nachhause«, antwortete ich, was der Arzt erst akzeptierte, nachdem ich einen Revers unterschrieben hatte. Am Weg aus dem Krankenhaus rief ich Haider an, sagte ihm, dass alles in Ordnung sei, und nahm mir ein Taxi. Unterwegs nach Hause hörte ich im Radio die Nachrichten. »Unfall des Pressesprechers von Landeshauptmann Dr. Jörg Haider. Stefan Petzner kam gestern in den späten Abendstunden im Rosental mit dem Wagen von der Straße ab.«
Die nächsten zwei Stunden musste ich damit verbringen, meiner Familie, Verwandten und Freunden am Telefon zu erklären, dass mir nichts fehlte. Zwischendurch tauchte auch schon mediale Kritik auf, weil bei der Bergung meines Wagens niemand einen Alko-Test mit mir gemacht hatte.
Als sich der Rummel legte und ich mich daheim in meiner kleinen Sofa-Ecke zurücklehnte, um meinen Unfall am vergangenen Freitag-Abend noch einmal Revue passieren zu lassen, fiel mir ein Traum ein. Einer, den ich immer wieder hatte, und der einer von diesen intensiven und besonders real scheinenden war.
Darin ging es auch um einen Unfall, bloß war nicht ich das Opfer. Alles lief in diesem Traum immer genau gleich ab. Mitten in der Nacht läutete mein Handy. Es war immer der gleiche Mann, dessen Stimme ich nicht kannte. Sein letzter Satz war immer der gleiche: »Der Landeshauptmann ist tot«, sagte er.
Mein Traumberuf
18 Jahre vor dieser Begebenheit im Rosental, an einem Sonntag um fünf Uhr nachmittags, hörten wir Kinder die Stimme unseres Vaters. »Wir müssen zurück«, rief er. »Die Kühe warten nicht.«
Mein größerer Bruder und ich kannten den Spruch. Wir wären lieber noch geblieben, denn das Grenzlandfest war stets eine große Sache. Es hieß so, weil unser kleines Dorf, Laßnitz bei Murau, genau an der Grenze zwischen der Steiermark und Kärnten lag, die der kleine Bach bildete, der durch unser Tal floss. Es fand auch in diesem Jahr, 1989, auf einem Hof gleich in unserer Nähe statt. Die Frauen buken für das Fest Kuchen und brühten Kaffee auf, die Männer sorgten für Bier, Wein und Schnaps sowie für Tische und Sitzgelegenheiten, und die Kinder tollten miteinander herum. Wir fanden es unfair, dass wir schon fahren mussten. Stumm trotteten wir hinter meinem Vater her zum Wagen.
Zurück auf unserem eigenen Hof ruhten wir uns etwas aus, während sich mein Vater umzog und in den Stall ging. Als das Telefon läutete, dachten wir uns nichts dabei. Unser Onkel rief an, der auch mit uns am Grenzlandfest gefeiert hatte. Er war Vizebürgermeister von Laßnitz für die Volkspartei. Er klang aufgeregt.
Als mein Vater endlich aus dem Stall kam und den Anruf entgegen nahm, konnten wir die Stimme unseres Onkels aus dem Telefon hören, obwohl wir zwei Meter entfernt standen. »Der Haider ist da!«, rief er. »Der Haider!«
Mein Vater war ebenfalls im Gemeinderat politisch aktiv, allerdings nicht wie mein Onkel bei der ÖVP. Er war Ortsparteiobmann bei den Freiheitlichen, was mitunter intensive politische Diskussionen innerhalb der Familie und Verwandtschaft auslöste, den Frieden aber nicht störte.
Als mein Vater aufgelegt hatte, suchte er unverzüglich meine Mutter. Sie war einverstanden, die Kühe zu übernehmen. »Geh nur«, sagte sie zu meinem Vater, der sich den Auftritt des FPÖ-Chefs nicht entgehen lassen wollte.
Mein großer Bruder und ich wollten unbedingt mit. Die Aufregung meines Vaters steckte uns an, und obwohl wir noch klein waren, wussten wir, wer Haider war. Schließlich drehten sich die meisten der politischen Diskussionen in unserer Familie um den schillernden Haider. Er war der Mann aus dem Fernsehen, der sich mit allen anderen anlegte, der jung, frech und anders war, modern wirkte, und der für alle der Größte zu sein schien, selbst für die, die sich über ihn mokierten.
Seit ich denken konnte, hatte ich Haider als Sieger erlebt. Ich kam 1981 zur Welt und er eilte ab 1986 als Bundesparteiobmann der FPÖ von Wahltriumph zu Wahltriumph. Er war der Star, der Unbezwingbare, der ewige Gewinner. Er war für uns der Held einer Art Realitiy-Soap, die uns so sehr beschäftigte, dass sie Teil unseres Lebens war. Diesen Mann in echt zu treffen, war für mich vergleichbar damit, Michael Jackson zu treffen. Er war fast außerirdisch. Unerreichbar. Weit weg, und jetzt auf einmal ganz nah.
Mein Vater duschte eilig, zog sich wieder sein Festtagsgewand und hielt uns die Fondtür unseres weinroten Passat auf. Zurück auf dem Fest mischten uns unter die anderen Besucher. Nach wie vor herrschte reger Betrieb. Überall auf dem weitläufigen Gelände des Hofes wuselte es vor Menschen. Werkzeugkammern und Scheunen dienten heute als Bier-Schuppen, Schnapsbars und Kaffeeküchen, und eine Tenne als Tanzboden. Irgendwo mitten in diesem Gewusel musste Haider sein.
Während mein Vater die Menschenmenge nach ihm absuchte, eilten wir Kinder hinter ihm her. Bis ich ihn sah. Haider stand bei ein paar Musikanten. Sie spielten Ziehharmonika und er spielte mit. Genau im Takt schlug er zwei Löffel aufeinander, ausgelassen und mit einem breiten Lächeln, als gehöre die ganze Welt ihm. Gleichzeitig schaffte er es auch noch, Menschen im Publikum zuzunicken oder ihnen etwas zuzurufen.
Ich hob langsam eine Hand, um auf ihn zu zeigen. Da entdeckte ihn auch mein Vater, und während er geradewegs auf ihn zusteuerte, blieb ich mit Respektabstand wie angewurzelt stehen und starrte ihn gebannt an. Ich hatte noch nie jemanden in echt gesehen, der berühmt war. Vor kurzem hatte ich noch gedacht, dass es die Menschen im Fernsehen gar nicht wirklich gab, sondern dass sie so im Fernseher eingeschlossen waren, wie die Helden von Romanen anscheinend in Buchseiten eingeschlossen waren. Ein bisschen unwirklich kam er mir noch immer vor. Er war wie ein Fernsehbild, das sich mit dem richtigen Leben vermischt hatte, wie eine Projektion inmitten der vertrauten Menschen um mich.
Haider stand in weißem Hemd da und wirkte inmitten des Trubels souverän und erhaben auf mich. Er hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Menschen um sich. Auch mit meinem Vater tauschte er sich aus. Schließlich ging er von Tisch zu Tisch und von Stand zu Stand. Er ging das ganze Gelände ab und reichte allen die Hand. Jedes seiner Gegenüber schien für diesen Augenblick seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben.
Mein Bruder war bei mir geblieben und beobachtete mit mir das Treiben. Erst als wir sahen, dass Haider Autogramme schrieb und sich eine ganze Menschentraube um ihn bildete, um eines zu ergattern, wagten wir uns vor. Haider stand jetzt auf einem kleinen Podest und gab jedem eine Autogrammkarte, der eine haben wollte. Wir stellten uns in die Schlange. Ich fragte mich, was ich tun sollte, wenn ich an der Reihe war, aber ich war zu nervös, um darüber nachzudenken.
Stück für Stück rückten wir näher, und irgendwann war ich auf einmal derjenige, der Haiders ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. Ich erstarrte fast vor Ehrfurcht und sah ihn einfach nur mit großen Augen an. Haider grinste mich an. »Das sind dann Wähler von morgen«, sagte er zu den Erwachsenen um uns und drückte mir eine Karte in meine ausgestreckten Hände. Mein »Danke«, das er dafür bekam, hörte er gar nicht mehr, weil er längst dem Nächsten sein Autogramm in die Hand drückte. Dennoch war ich hochzufrieden. Er war mein Idol und nun hatte ich ein Stück dieses Idols in Form seiner Unterschrift und konnte es an die Wand meines Kinderzimmers kleben.
Als wir Kinder uns wenige Wochen später in der Früh die Schuhe anzogen, machte meine Mutter wie immer jedem von uns ein Kreuzzeichen auf die Stirn. »In Gottes Namen«, sagte sie dabei, was so viel bedeutete wie »Viel Glück, und kommt heil wieder heim«. Gleich darauf standen wir wie jeden Schultag vor dem Haus unseres Nachbarn und wartete auf den alten gelben Postbus, der uns zur Laßnitzer Volksschule bringen würde. Dreißig Schüler besuchten sie, und es gab zwei Lehrerinnen, eine für die erste und die zweite Klasse, sowie eine für die dritte und die vierte. Die Busfahrt dauerte rund 25 Minuten und als Volksschüler musste ich einmal umsteigen, denn der eine Bus fuhr mit den Hauptschülern und AHS-Schülern in die nächstgrößere Stadt, nach Murau, weiter, während ein anderer Bus die Volksschüler nach Laßnitz brachte.
Ich ging in die vierte, und an diesem Schultag im Jahr 1991, ich war zehn Jahre alt, sollten wir in Deutsch einen Aufsatz schreiben. Thema: Mein Traumberuf.
Ich mochte die Volksschule, weil ich dort jeden Tag Kinder aus unserer Gegend traf. Ich war allerdings nur ein mittelmäßiger, weil eher fauler Schüler, der mehr Streiche als Lernen im Kopf hatte. Deutsch ging noch ganz gut, aber die anderen Fächer wie Rechnen fielen mir eher schwerer.
Mein Traumberuf? Ich saß vor meinem Heft in der Schulbank, in die schon Schülergenerationen vor mir ihre Zeichen und Muster geritzt hatten, und musste nicht lange nachdenken. Ich wollte weder Astronaut noch Feuerwehrmann werden, und auch nicht Bauer wie mein Vater und mein Onkel. Ich hatte keinen dieser typischen Jungen-Berufswünsche. Ich wusste ganz genau, was ich werden wollte, und ich war sicher, dass ich es schaffen würde, trotz meiner mäßigen schulischen Leistungen und trotz eines anderen Problems, das mich seit einer Weile heimgesuchte: Irgendwann in der zweiten Klasse hatte ich zu stottern begonnen.
Weder wusste ich, woher es kam, noch beschäftigte es mich sonderlich, was wohl daran lag, dass wir Kinder einander alle schon immer kannten und nicht hänselten. Es war einfach da und fiel mir zum Beispiel dann besonders auf, wenn ich einmal aufzeigte, aber, wenn mich die Lehrerin aufrief, die Laute nicht heraus brachte. Irgendwann fiel das Stottern auch ihr auf, worauf sie mich in Absprache mit meiner Mutter zu einer Sprachlehrerin schickte. Zu der musste ich einmal die Woche, wegen diverser Übungen, deren Sinn sich mir damals überhaupt nicht erschloss.
Trotzdem hatte mein Traumberuf viel mit der Fähigkeit zu sprechen zu tun. Und mit den in der Grundfarbe Blau gehaltenen Werbeartikel der FPÖ, die ich im Kofferraum des weinroten Passat meines Vaters fand, wenn gerade Wahlkampf war. Ich begutachtete dann immer die Kugelschreiber, Sticker und Aufkleber. Während des Wahlkampfes im vergangenen Jahr hatte ich mich über und über mit Stickern behängt, auf denen »Ich flieg auf die FPÖ« stand, und war so zur Schule gegangen.
Mein Berufswunsch hatte auch mit meiner wachsenden Leidenschaft für politische Diskussionen zu tun. Während andere Kinder im Schulbus über Kleidung oder Pop-Hits stritten, versuchte ich, politische Diskussionen loszutreten. Meine Cousine, eine Tochter der Kocher-Familie, hielt meistens mit. Ganz ihrer Familientradition entsprechend vertrat sie die ÖVP, während ich für die FPÖ das Wort ergriff. Ich konnte sie relativ einfach in Schach halten, indem ich ihr die Wahlerfolge der FPÖ vorhielt, und die immer größer werdenden Stimmenverluste der ÖVP. Manchmal wurde es so hitzig, dass der Busfahrer intervenieren musste.
Mein Berufswunsch also. Ohne langes Zögern schrieb ich in meinen krakeligen Zügen, an denen unsere Lehrerin wenig Gefallen fand, meine Überschrift hin: »Generalsekretär in der FPÖ unter Jörg Haider.«
Mein politischer Hintergrund
Ich habe mich nie für Ideologien interessiert. Meine Begeisterung für die Politik galt immer nur dem Handwerk. Als Kind interessierte mich, wer die Kugelschreiber, Sticker und Aufkleber machte, die ich im Kofferraum meines Vaters fand. Je mehr ich über diese Dinge herausfand, desto mehr faszinierte mich, womit sich Menschen begeistern ließen und womit nicht, oder wie Wahlkämpfe funktionierten und welche Dynamik ihnen innewohnte. Schuld daran war wohl eine Prägung durch meine Familie, die mütterlicherseits aus einem christlich-sozialen und väterlicherseits aus einem freiheitlichen Teil bestand. Die politischen Wurzeln beider Teile reichten weit in die Vergangenheit.
Meine Mutter, eine geborene Kocher, bekam von ihren Eltern den Namen der österreichischen Kaiserin Maria-Theresia. Die Kochers waren eine von zwei großen Bauernfamilien in unserem Tal. Ihr erster politischer Funktionär war Friedrich Kocher, mein Ururgroßvater, der von 1919 bis 1920 für die Christlich-Sozialen Mitglied der konstituierenden Nationalversammlung der Ersten Republik war. In diesem ersten, vom Volk frei gewählten Parlament in der Geschichte Österreichs, nach dem Ersten Weltkrieg, beschloss er die Bundesverfassung mit und stimmte bei der Ratifizierung des Friedensvertrags von St. Germain ab. Schon während der Anfänge des Nationalsozialismus waren die Kochers offen gegen Hitler, dessen Schergen den damaligen christlich-sozialen Bundeskanzler Österreichs, Engelbert Dollfuß, ermordeten. Der Name meiner Großmutter war ein Tribut an ihn: Engelberta. Einer unserer Familienlegenden zufolge verweigerte meine Ururgroßmutter Wehrmachtssoldaten einmal sogar Verpflegung. »Für den Hitler gib i nix«, soll sie gesagt haben.
Auch die politische Tradition der väterlichen Linie in meiner Familie reichte weit zurück. Klement Wallner, mein Ururgroßvater väterlicherseits, war Mitglied im Landbund, einer deutsch-nationalen, antiklerikalen Bauernbewegung, die in Deutschland entstanden war und sich auch in Österreich verbreitet hatte. Wie viele zur damaligen Zeit war wohl auch er für den Anschluss Österreichs an Deutschland. Denn nur wenige glaubten damals an das Überleben dieses kleinen Rest-Österreichs, das von der einst so großen K&K-Monarchie übrig geblieben war.
Mein Großvater väterlicherseits, Rudolf Petzner, war ein klassischer Mitläufer. Über seine Haltung im Dritten Reich sprachen wir nie viel. Es hieß von ihm nur, dass er im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Deutschland stationiert gewesen sei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war er Anhänger und Mitglied des VDU, des Verbandes der Unabhängigen, einem nach dem Krieg neu entstandenen Sammelbecken national gesinnter Kräfte. Später wurde er Mitglied der Freiheitlichen Partei Österreichs, der FPÖ, die Ende der Fünfzigerjahre aus dem VDU hervorging.
Mein Vater Hubert wurde 1968 ebenfalls Mitglied der FPÖ. Er übernahm bereits in jungen Jahren sein Mandat als Gemeinderat in unserem Dorf, das damals immer die ÖVP dominierte. Er wurde FPÖ-Ortsparteiobmann und kandidierte später auch für den steirischen Landtag.
Mit meinen Eltern begegneten sich also zwei Kinder aus zwei Familien, die politisch völlig konträr waren. Noch dazu waren die Petzners neben den Kochers die zweite große Bauernfamilie in unserer Gegend, weshalb beide Familien besondere Beachtung und Aufmerksamkeit fanden. Die Liebe wollte es so, dass mit meinen Eltern ausgerechnet zwei Kinder aus diesen beiden großen Familien zueinander fanden und heirateten.
Da es damals üblich war, um Erlaubnis zu bitten, wollte meine Mutter ihrer Urgroßmutter ihre Wahl möglichst schonend beibringen. »In Ordnung«, sagte die. »Der Hubert ist ein anständiger Bauer.« Dann hob sie einen Finger. »Aber dass er ein Freisinniger ist, das passt mir gar nicht.« Die Anhänger der Freiheitlichen Partei nannten sie bei uns damals noch »Freisinnige«.
Trotz dieser gegensätzlichen Einstellungen befreundeten sich beide Familien eng miteinander. Die einzige Folge der politischen Trennlinie zwischen ihnen war eine besonders intensiv gelebte politische Diskussionskultur. Politik war bei uns immer Thema. Wir waren alle daran interessiert. Wie das bei einer großen Bauernfamilie mit fünf Kindern so ist, saßen im Haus Petzner immer alle am Küchentisch und debattierten. Wir lernten dabei die Materie spielerisch kennen, indem wir anfangs nur zuhörten und dann immer mehr mitredeten. Mein Vater gab uns nie eine Linie oder eine Ideologie vor. Er war eher darauf bedacht, uns zu mündigen und selbstbestimmten Bürgern zu erziehen.
Nachrichtensendungen im Fernsehen waren bei uns Fixtermine, nach denen wir das Weltgeschehen besprachen. In unserem Tal war das Fernsehen das einzige richtige Fenster zur Welt. Sonst gab es nur Wald, Wiesen und Kühe, was idyllisch sein mochte, aber auch sehr abgeschieden. Wir waren als Bauernfamilie nie im Ausland auf Urlaub gewesen. Schon ein Ausflug zum Wörthersee war etwas Besonderes für uns, obwohl er kaum eine Stunde Autofahrt entfernt lag. Als ich mit knapp elf Jahren zum ersten Mal eine Rolltreppe sah, war das wie ein Weltwunder für mich. Über Politik zu diskutieren war für mich deshalb auch eine Form, am Rest der Welt teilzuhaben.
Der Fall der Berliner Mauer etwa war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Dass der Kommunismus im Osten Deutschlands gescheitert war, verstand ich damals nicht wirklich, dennoch saß ich mit den anderen vor dem Fernseher und sah mit großen Augen all diese Menschen auf der Mauer stehen. Etwas Gewaltiges, Weltveränderndes passierte da, das begriff ich. Mein Vater, der neben mir saß, war aufgelöst und glückselig. »Passt auf und merkt euch das«, sagte er zu uns Kindern. »Schaut zu, denn in diesem Moment wird Weltgeschichte geschrieben.« Sein Versuch, uns die Hintergründe zu erklären, schlug fehl, doch eine Sache verstand ich: Politik verändert die Welt.
Der Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu war auch so ein Ereignis. Die Fernsehbilder waren gespenstisch: Der Diktator, der mit geballter Faust vom Balkon seines Palastes spricht, die demonstrierenden Massen vor ihm zu beschwichtigen und mit neuen Versprechungen zu besänftigen versuchte. Das Volk, das das Gebäude stürmte und ihn zur Flucht im Hubschrauber vom Dach seines eigenen Palastes zwang. Drei Tage später seine Verhaftung, der Schauprozess und seine Hinrichtung durch ein Erschießungskommando, das ihn an eine Ziegelwand an einem geheim gehaltenen Ort irgendwo in Rumänien stellte. Diese Bilder verfolgten mich tagelang in meinen Träumen. Mit acht Jahren verstand ich, dass es in der Politik nicht nur geliebte und geehrte Menschen gab, sondern dass politisches Handeln auch düstere Konsequenzen haben konnte. Den Tod inklusive.
Mein Vater hatte immer ein gespaltenes Verhältnis zu Haider. Zum einen freute er sich über die steigende Bedeutung, die seine Partei, für die er im Laßnitzer Gemeinderat saß, durch die von Haider erzielten Wahlerfolge auf einmal hatte. Vor Haider war die FPÖ eine Kleinstpartei mit gerade einmal vier, fünf oder höchstens acht Prozent gewesen, erst mit Haider an ihrer Spitze begann ihr Siegeszug. Wir saßen an jedem Wahlabend vor dem Fernseher, egal ob gerade Landtagswahl oder Nationalratswahl war, und fieberten dem Ergebnis entgegen. Dass Haider wieder einmal gewinnen würde, war damals schon vor der ersten Hochrechnung dem ganzen Land klar, die Frage lautete stets nur noch, wie hoch.
Andererseits fühlte sich mein Vater immer dem liberalen Lager innerhalb der FPÖ zugetan, das sich von vielen Ideen des nationalen Lagers, dem die Burschenschaften angehörten, distanzierte. Auf einem Bundesparteitag der FPÖ stimmte er seinerzeit daher auch für den liberalen Norbert Steger als Parteiobmann und gegen den Kandidaten des nationalen Lagers. Jenem Norbert Steger, der später von Jörg Haider gestürzt werden sollte. Denn obwohl mein Vater als Bauer aus einer konservativen und ländlich-traditionell geprägten Region stammte, war er ein weltoffener und liberaler Mensch. Als solcher war er ein glühender Anhänger des vereinten Europa, des Euro als gemeinsame Währung und des Beitritts Österreichs zur EU. Haider hingegen schürte zuerst die Ängste der Menschen vor diesen Veränderungen, und benützte sie dann, um zu polarisieren.
Die kalkulierten Skandale, die Haider regelmäßig lieferte, verabscheute mein Vater. Als Haider Österreich als »ideologische Missgeburt« bezeichnete und wochenlang Historiker und Politikwissenschaftler darüber diskutierten, war auch er aufgebracht. »Was ist ihm da wieder eingefallen?«, schimpfte er. »Das geht doch nicht. Das ist eine Beleidigung aller Österreicher. Ich kann das nicht unterstützen.«
Auch als Haider das Thema Zuwanderung entdeckte und 1993 sein Ausländer-Volksbegehren startete, weigerte sich mein Vater, es zu unterstützen und zu unterschreiben. »Das ist menschenverachtend«, sagte er zu mir, und Hetze würde seiner politischen Haltung widersprechen. Zu den grundlegenden christlichen Werten, die ausgesprochen oder unausgesprochen meine gesamte Familie prägten, gehörte auch die Hilfe für Menschen, die Hilfe benötigten. Egal welcher Herkunft.
Ich hingegen sah die Dinge emotionslos. Ich sah in Haider den geschicktesten politischen Taktiker im Land, der mit seinen Gegenspielern meist machte, was er wollte. Bei seinen polarisierenden Äußerungen interessierte mich vor allem, wie weit er gehen konnte. Ich entdeckte die schmale Grenze zwischen Applaus und Ekel bei solchen Äußerungen, und Haider als waghalsigen Grenzgänger zwischen den Fronten. Als Haider etwa im TV-Duell im Zuge der Nationalratswahl 1994 den damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler Franz Vranitzky vor laufenden Kameras mit einem »Taferl« auf dem die Mehrfach-Einkommen eines SPÖ-Multifunktionärs angeführt waren, völlig aus der Fassung und aus dem Konzept brachte, war ich nicht nur fasziniert. Die dahinter steckende Machart solcher Aktionen und ihre Wirkungsweise beschäftigten mich intensiv.
Doch die Kluft zwischen mir und meinem Traumberuf erwies sich, als ich in die Hauptschule in der Bezirkshauptstadt Murau wechselte, noch größer, als es in der Laßnitzer Volksschule den Anschein gehabt hatte. Dort sah es für mich weder nach einer Laufbahn in der Politik, noch in irgendeinem anderen Bereich, der eine höhere Bildungslaufbahn voraussetzte, aus. Denn ich kam mit dem Schulwechsel schwer zurecht. Für einen Bauernjungen wie mich war Murau eine große fremde Stadt mit vielen unbekannten Gesichtern. Alleine in meiner Klasse waren jetzt mehr Schüler als bisher in der ganzen Schule, und insgesamt gab es hier mehrere Hundert. Das machte mir Angst. Ich zog mich in mich selbst zurück und wurde ein extrem schüchterner Junge.
Meine wenigen Freunde aus der Volksschule fanden rasch Anschluss und waren für mich schon bald keine Bezugspersonen mehr. Auch deshalb, weil ich im Unterricht weiterhin nur Mittelmaß war. Außer in Deutsch war ich in allen Fächern in der zweiten von drei Leistungsgruppen, während meine Kindheitsfreunde sich alle in der ersten Gruppe befanden. Dabei musste ich ständig fürchten, in die dritte Leistungsgruppe abzurutschen. Einmal sollte ich im Mathematik-Unterricht an der Tafel ein Beispiel vorrechnen. Ich hatte keine Ahnung und brach in Tränen aus. »Ich will nicht in die dritte Leistungsgruppe, ich will nicht in die dritte Leistungsgruppe«, schluchzte ich. In der dritten Leistungsgruppe wäre ich der einzige Schüler meiner Klasse gewesen, was auch daran lag, dass damals alle guten Schüler in die eine Klasse gesteckt wurden und die schlechten Schüler in die andere. Als Schüler des Mittelmaßes fiel ich diesem selektionsartigen Einteilungsprozess, der nur schwarz oder weiß kannte, zum Opfer. Für die schlechte Klasse war ich zu gut, und für die gute Klasse war ich zu schlecht. Am Ende landete ich in der guten Klasse, war dort aber der Schlechteste unter lauter Einser-Schülern.
Im Sport konnte ich auch nicht mithalten. Bei Völkerball oder Fußball wählten mich die anderen immer als wenn nicht Letzten, als Vorletzten unter großem Seufzen in die Mannschaft. Meiner ohnehin sensiblen Natur tat das gar nicht gut. Ich fühlte mich hilflos, ausgeliefert, allein gelassen und zog mich noch mehr zurück. Ich sprach während der ersten beiden Jahre in der Hauptschule mit fast niemandem meiner Mitschüler ein Wort.
Ab der dritten Klasse verbesserten der Deutsch- und der Geografie-Unterricht mein Selbstbewusstsein zumindest ein wenig. Beide Fächer unterrichtete eine Lehrerin namens Juliane Höfinger, die uns politische Bildung vermitteln und uns für das nationale und internationale politische Geschehen interessieren wollte. Die Erfolge der anderen Schüler in diesem Bereich waren mäßig, aber ich war aufgrund der elterlichen Prägung über alle politischen Entwicklungen genau informiert und sammelte so bei Juliane Höfinger Punkte. »Stefan hat es als Einziger gewusst«, sagte sie, wenn sie mit Verweis auf die darin enthaltenen politischen Fragestellungen unsere Tests zurückgab.
Es waren kleine Lichtblicke in meiner Isolation. Doch selbst bei diesen Gelegenheiten quälte mich das Stottern, das mir mittlerweile als Problem voll bewusst geworden war, und das mich alljährlich für einige Zeit heimsuchte, um dann ebenso leise und unauffällig wieder zu verschwinden, wie es gekommen war. Einmal war die Apartheid in Südafrika Thema. Nelson Mandela kam gerade frei, Frederik Willem de Klerk dankte ab und ein neues Zeitalter begann für das Land. »Wie hieß das abgelöste politische System in Südafrika?«, fragte Höfinger.
Schweigen in der Klasse. Ich wusste es aus den Nachrichten, die bei uns daheim nach wie vor Fixtermine für alle waren. Doch ich zögerte, meine Hand zu heben. Ich wusste wie jeder Stotterer, dass jedes Wort, das mit einem Vokal beginnt, besonders schwierig ist. Sekunden verstrichen. Juliane Höfinger streifte mich mit einem halb fragenden Blick.
Auf die Toleranz meiner Mitschüler in Sachen Stottern konnte ich in der Hauptschule nicht zählen. Besonders Klaus, der beliebteste Junge in unserer Klasse und Klassensprecher, war in dem Punkt gnadenlos. Er stellte mich regelmäßig bloß und hänselte mich dafür, was mein Problem nur noch schlimmer machte. Mir fiel auch keine Möglichkeit ein, das »A« in »Apartheid« durch eine andere Satzkonstruktion zu umgehen.
Ich lasse mich davon nicht unterkriegen, ich kriege das weg und dann werde ich Generalsekretär der FPÖ unter Haider, dachte ich während Höfinger das Wort in den Raum schmetterte, das ich die ganze Zeit im Kopf gehabt hatte.
Daheim sahen wir uns in dieser Zeit einmal eine Übertragung einer Nationalratssitzung an. Mein Vater saß in seinem Couchsessel und ich auf der Ofenbank direkt in seinem Rücken. »Weißt du, was ich mir wünsche?«, sagte er, mitten aus dem Nichts.
Ich erwartete eine der üblichen Belehrungen, dass ich mich mehr anstrengen sollte, damit etwas aus mir wird. Doch er hatte anderes im Sinn. »Ich wünsche mir, dass einmal einer meiner Söhne im Nationalrat sitzt«, sagte er. Er hätte das selbst auch gerne geschafft, aber für ihn hätte es sich nie ergeben. »Das würde mich sehr stolz machen«, sagte er.
Ich schwieg. Ich antwortete nur innerlich: Ja Papa, ich werde einmal dort sitzen. Das verspreche ich dir.
Ich war in diesem Moment sicher, dass jeder Mensch eine Bestimmung im Leben hatte, und dass meine trotz meiner Schulleistungen die Politik war. Diese Gewissheit in mir war so groß, dass ich trotz meiner Isolation und den damit verbundenen Demütigungen alle Probleme und Hürden als Aufforderung sah, härter zu arbeiten, härter zu kämpfen und alles zu unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen.
Ich fing an, dafür zu üben. Vor dem Badezimmerspiegel hielt ich Reden. Ich war vielleicht vor Menschen blockiert, aber das hinderte mich nicht daran, hier an meiner Mimik, Gestik und Rhetorik zu arbeiten. Ich stützte die Hände auf den Rand des Waschbeckens, das mir als Rednerpult diente, und legte los. Es waren keine konkreten politischen Themen, die ich da mit mir selbst besprach, ich übte eher die Stilmittel, Techniken und rhetorischen Kunstgriffe der Politiker. Ich studierte Gesten ein, Stehsätze und einzelne Bauteile. »Ich sage Ihnen, meine Damen und Herren, es ist wichtig, dass wir uns unserer Verantwortung im Bereich der Ausländer- und Sicherheitspolitik stellen. Hier geht es um den Schutz unserer Heimat Österreich!«
Die Fragen der Fernseh-Moderatoren an Politiker merkte ich mir, um damit vor dem Spiegel zu üben. Selbst beim Spielen oder bei Hofarbeiten murmelte ich politischen Argumentationen vor mich hin. Am meisten Inspiration holte ich mir von der FPÖ. Sie zeigte damals im Vergleich zu den anderen Parteien einen anderen, neuen und aggressiven rhetorischen Stil. Ich sah die FPÖ-Politiker Peter Westenthaler und Walter Meischberger Journalisten und politische Gegner regelrecht niederreden. Sie brachten im Fernsehen die Fragesteller meist schon aus dem Konzept, ehe die überhaupt richtig angefangen hatten.
In etwa dieser Zeit organsierte die FPÖ-Bezirkspartei von Murau eine Fahrt nach Wien mit einem Besuch des Parlaments. Mein Vater meldete sich und mich zu dieser Fahrt an. Wien war mir egal, nur das Innenleben dieses Gebäudes mit seinen wuchtigen Säulen und der steinernen Pallas Athene vor dem Eingang interessierten mich. Ehrfürchtig ging ich durch die langen Gänge und versuchte dabei mit allen Sinnen, die Eindrücke zu erfassen und einzuprägen, die sich mir boten. Ich sog die Luft auf, die nach dem alten Gemäuer dieses historischen Gebäudes roch und sah den verstreut vorbei eilenden Mitarbeitern und Abgeordneten, mit ihren Akten und Unterlagen unter dem Arm, hinterher. Als Höhepunkt lauschte ich an der Seite meines Vaters von der Besuchergalerie aus der gerade laufenden Nationalratssitzung im großen Plenarsaal. Ich sah das hölzerne Rednerpult mit den schwarzen Mikrofonknöpfen, um das sich wie in einer Arena die Sitzreihen der Abgeordneten auftürmten. Auf einem dieser Sessel werde ich sitzen, dachte ich. Von diesem Rednerpult aus werde ich sprechen. In diesem Haus werde ich arbeiten. Ich war überwältigt von dieser Flut an Eindrücken und fühlte mich dennoch zuhause und angekommen. Nur widerwillig räumte ich nach Aufforderung einer Saalordnerin meinen Platz auf der Galerie, um für die nächste Besuchergruppe Platz zu machen. Ich komme wieder, als einer von ihnen, sagte ich still in mich hinein, während mein Blick ein letztes Mal über die Reihen der Abgeordneten strich.
Als in der vierten Klasse die Nationalratswahlen 1994 vor der Tür standen, ließ uns Juliane Höfinger die Runde der Spitzenkandidaten im Fernsehen nachstellen. Jeweils ein Schüler sollte eine der Parteien vertreten, und dann würde die Klasse mit Stimmzetteln wählen. Beim Völkerball und beim Fußball wurde ich noch immer als Letzter in die Mannschaften gerufen, aber wenn es um die FPÖ ging, war ich der Erste. Es stand in der Klasse außer Streit, wer die FPÖ in dieser Diskussion vertreten sollte, den von meinem politischen Interesse wussten längst alle. »Das macht der Stefan«, hieß es.
In den nächsten Tagen bereitete ich mich intensiv darauf vor. Ich las Hintergrundinformationen und übte wuchtige Ansagen über die rot-schwarze »Freunderlwirtschaft« und die »Privilegienritter« ein. Bepackt mit Unterlagen ging ich in die Diskussion.
Für die SPÖ trat Klaus an, der auch unser Klassensprecher war. Es war meine Chance, mich für die Jahre der Ausgrenzung zu revanchieren. Mir war klar, dass sich niemand so intensiv auf diese kleine Übung in der Klasse vorbereitet hatte wie ich, dass ich in politischem Wissen allen anderen überlegen war und dass es mir leicht fallen würde, meine Gegner rhetorisch zu besiegen. Nun konnte ich zeigen, was ich die Jahre zuvor heimlich zuhause vor dem Spiegel wieder und wieder geübt und geprobt hatte. Nur eines konnte mich noch stoppen: Das Stottern. Ich wusste aber auch, ich konnte diese Sprachbarriere überwinden, wenn ich nur wollte und die Angst davor überwand.
Mit voller Konzentration legte ich los. Der erste Satz gelang mir perfekt, der zweite ebenfalls. Damit war der Damm gebrochen und die Worte und Sätze sprudelten nur so aus mir heraus. Klaus knickte ein, als ich Argument um Argument und Beispiel um Beispiel brachte. »Mit solchen Mitteln arbeitet ihr! Das ist ein Skandal!«, sagte ich einmal, während ich ein Plakat der Sozialistischen Jugend hochhielt. »Inländer sind faul und stinken«, stand darauf. Es war ein Versuch der Sozialistischen Jugend gewesen, die Diktion der FPÖ zu karikieren, doch im Getöse eines Nationalratswahlkampfes hat solche Ironie keinen Platz und die Sache war für die SJ nach hinten losgegangen. Die FPÖ hatte das Plakat sogar groß in ihrer Parteizeitung abgedruckt. »Das ist also eure Meinung über uns«, sagte ich in Richtung Klaus, »dass wir faul sind und stinken.«
Nach der Auszählung durch unsere »Wahlkommission« war ich klarer Sieger, und Juliane Höfinger wirkte leicht pikiert. Sie dachte anscheinend, sie hätte im Unterricht etwas falsch gemacht, weil alle FPÖ wählten, eine Partei, die für sie offenbar unwählbar war. Niemand meiner Mitschüler gratulierte mir, dem Außenseiter. Mir jedoch reichte das Wissen, endlich einmal gewonnen zu haben. Gegen Klaus. Auch gegen mich selbst. Und für die FPÖ. Es gab ein Gebiet, auf dem ich, nun auch nachweislich, der Beste war.
Als in der Folge die Entscheidung über meine Zukunft nach Beendigung der Schulpflicht anstand, war Juliane Höfinger die Einzige, die mich dann in ein Oberstufenrealgymnasium schicken wollte. Alle anderen Lehrer sahen mich angesichts meiner bis zum Schluss mäßigen Schulerfolge eher in einem Lehrberuf und rieten meinen Eltern von ihrem Vorhaben ab, mich an eine höhere Schule zu schicken. Doch Höfinger hielt dagegen. »Der Stefan schafft das«, sagte sie meinen Eltern. Sie setzte sich durch und ich konnte im musischen Zweig des Gymnasiums mit neuen Mitschülern neu anfangen.
Vielleicht war es mein Sieg in der nur für mich so wichtigen »Elefantenrunde«, der mir das Gefühl gab, nicht nur in meinen Träumen, sondern auch im richtigen Leben für etwas gut sein zu können. Jedenfalls vollzog ich in der neuen Schule einen kompletten Wandel. In kürzester Zeit wurde ich von einem schüchternen Außenseiter zu einem aufgeweckten und besonders kommunikativen Jungen. Ich kompensierte jetzt, was ich vier Jahre lang an Freundschaft und Austausch verpasst hatte.
Ich musste mich zwar mit dem Unterrichtsstoff abmühen, doch jetzt war ich fester Bestandteil einer richtig gut funktionierenden Klassengemeinschaft und entwickelte das Talent, nicht nur meine Mitschüler, sondern auch meine Lehrer mit lausbübischem Charme und einem gewissen ironischen Witz für mich einzunehmen. Mich verblüffte es am Anfang selbst, wie effizient sich diese Instrumente einsetzen ließen. Einmal erklärte ich unserer Englischprofessorin anhand des wenigen, das ich über ein uns zur Lektüre aufgetragenes Theaterstück wusste, dass ich es einfach zu langweilig und die im Stück erzählte Liebesgeschichte viel zu kitschig gefunden hätte, um nach ein paar Seiten weiter zu lesen. »Für so etwas habe ich schlicht keine Zeit. Da mache ich das, was dort steht, doch viel lieber selbst«, sagte ich. Obwohl sie davor alle anderen, die es nicht gelesen hatten, mit einem »Nicht genügend« abgestraft hatte, antwortete sie mir mit einem Lachen. »Du hast recht, Stefan«, sagte sie. »Das Stück ist wirklich mies.« Auf das »Nicht genügend« verzichtete sie.
In dieser Zeit fing ich auch zu rauchen an, denn wer damals zur coolen Avantgarde der Schule gehören wollte, der hatte sich bei den Rauchern im Raucherhof einzufinden. Die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden bedeuteten für mich beinahe schon Strapazen, weil ich längst mit der halben Schule bekannt war, und mit jedem Schüler, dessen Wege ich in den Gängen kreuzte, ein paar Worte wechselte. Ich veränderte mich auch äußerlich. Eben war ich noch blass, etwas pummelig und total out gekleidet gewesen, doch jetzt war ich schlank, sonnengebräunt und achtete sorgfältig auf mein optisches Erscheinen.
Am Ende war ich der Klassensprecher und schaffte die Matura locker im ersten Anlauf. Das bestätigte mich neuerlich in meinen jungenhaften Vorstellungen vom Politikerdasein. Der Weg zu meinem Traumberuf, den es bisher nur in meiner Phantasie gegeben hatte, schien sich vor mir aufzutun.
Haider und ich: Der Anfang
»Stefan«, sagte die Marketingverantwortliche zu mir, als ich gerade das Büro verlassen wollte, um mir einen Kaffee zu holen. »Machst du den Haider?«
Es war Dezember 2002 und die Kleine Zeitung organisierte wie jedes Jahr eine Sammelaktion im Rahmen der ORF-Spendeninitiative »Licht ins Dunkel«. Das Blatt hatte dafür einen Stand am Weihnachtsmarkt am Neuen Platz in Klagenfurt aufgebaut und bewarb die Aktion, indem sie Prominente dorthin einlud. Die kauften bei solchen Gelegenheiten Lose und warfen sie öffentlichkeitswirksam in eine Sammel-Urne aus Glas. Meine Aufgabe bestand darin, PR-Artikel über diese Begebenheiten zu schreiben.
Ich hatte nach dem Gymnasium im Herbst 1999 ein Publizistik-Studium begonnen, weil mir das Fach am nächsten an die Aufgaben des Generalsekretärs einer politischen Partei heranzureichen schien, und mir zudem einen Plan B ermöglichte: Wenn schon nicht Politik, dann wenigstens über Politik schreiben, als Journalist. Das Studium mit seinen rein theoretischen Zugängen nervte mich allerdings bald. Ich wollte Medien und Kommunikation machen, nicht darüber philosophieren. Daher besuchte ich neben meinem Studium auch eine Schauspielschule, um meine Sprache zu verbessern und meine lästige Sprachstörung endgültig loszuwerden. Meinen zwölfmonatigen Zivildienst in einem Altenpflegeheim hatte ich zwischen mein Studium eingeschoben und durch ein Ferialpraktikum nach der Matura war ich bei der Kleinen Zeitung gelandet. Über den Umweg als Mitarbeiter im Kundenservice-Center landete ich in der Marketing-Abteilung und durfte auch erste Artikel als freier Mitarbeiter für die Redaktion schreiben.
Ich war 22 Jahre alt und hatte, jeweils gemeinsam mit einem Fotografen, schon einige Termine beim Spendenstand absolviert, denn zweimal die Woche tauchten dort Prominente auf. Es waren auch schon Politiker darunter gewesen, etwa der Klagenfurter Bürgermeister Harald Scheucher und einige Landesräte. Ich hatte ihnen Fragen gestellt und mein Diktiergerät mitlaufen lassen.
Dass jetzt Haider an der Reihe war, war keineswegs selbstverständlich. Denn die in der Steiermark und in Kärnten auflagenstarke Kleine Zeitung stand ihm sehr kritisch gegenüber. Ich war davon ausgegangen, dass ihn die Marketing-Abteilung gerade nach den jüngsten politischen Turbulenzen aus der Prominenten-Berichterstattung über die Aktion ausklammern würde. Denn Haider war zu diesem Zeitpunkt politisch so gut wie tot und von allen abgeschrieben.
Noch 1999 hatte er unaufhaltbar gewirkt. Er hatte bei der Nationalratswahl sagenhafte 27 Prozent geholt und die FPÖ von einer Kleinpartei zur zweitstärksten Partei Österreichs gemacht. Gegen den Widerstand des Bundespräsidenten und unter heftigen Protesten von Teilen der Bevölkerung, die mit ihren Demonstrationen jeden Donnerstag halb Wien lahmlegten, führte er die geächtete FPÖ in eine Regierungskoalition mit der ÖVP. Die internationale Empörung und die Proteste darüber gingen so weit, dass die EU Sanktionen gegen Österreich verhängte. Haider war am Cover von Time-Magazine und Newsweek mit Schlagzeilen wie »Should Europe fear this man?« und beschäftigte die Zeitungen und TV-Sender um den halben Globus.
Als Folge der internationalen Proteste und der verhängten Sanktionen verzichtete Haider und überließ den Posten des Kanzlers unter heftigem Wehklagen aus den eigenen Reihen dem damaligen ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel. Er zog sich auf seine Funktion als Kärntner Landeshauptmann zurück und gab auch die Funktion des FPÖ-Parteiobmannes an seine Mitstreiterin Susanne Riess-Passer ab, die auch Vizekanzlerin wurde. Die Worte, die er bei der Amtsübergabe auf einem groß inszenierten FPÖ-Bundesparteitag mit brüchiger Stimme benutzte, wählte er mit Bedacht, doch in der allgemeinen öffentlichen Aufregung ging deren eigentlicher Sinn völlig unter. Haider verglich sich mit einem Bergführer, der kurz vor Erreichen des Gipfels an seine Bergkameraden übergibt. Er sagte: »Susanne, geh voran!« Er sagte nicht: »Susanne, geh allein!« Er machte damit klar, dass er keinesfalls vorhatte, ihr den Gipfel zu überlassen, wie alle annahmen, sondern dass er sie nur voran schickte, während er in Gipfelnähe das Vorüberziehen des politischen Sturms der Entrüstung abwarten wollte, um am Ende nachzukommen und selbst den Gipfel zu erklimmen.
Ich hatte dieses Geschehen zuhause vor dem Fernseher verfolgt und versucht, mir einen Reim auf Haiders Entscheidung, seine Beweggründe und seine dabei gezeigten Emotionen zu machen. »Haider will das eigentlich nicht. Er geht, weil er glaubt, es zu müssen. Haider ist aber kein Mann für die zweite Reihe. Das wird nicht funktionieren. Er wird da unten in Kärnten keine Ruhe geben«, hatte ich zu meinem Vater gesagt.
Tatsächlich sollte es so kommen: Haider betrieb von Kärnten aus Oppositionspolitik gegen die eigene Regierungsmannschaft in Wien und meldete sich ständig öffentlich mit immer härter werdender Kritik zu Wort. Er schoss permanent quer. So lange bis die Situation endgültig eskalierte. Bei einer Versammlung von FPÖ-Parteitagsdelegierten im steirischen Knittelfeld kam es zum offenen Bruch zwischen Haider und der Führungsmannschaft der FPÖ. Riess-Passer trat als Parteiobfrau und Vizekanzlerin zurück, der Finanzminister, Karl-Heinz Grasser, und FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler folgten ihr, worauf hin Schüssel die Gunst der Stunde nutzte und Neuwahlen ausrief. Bei diesen Neuwahlen Ende 2002 stürzte die FPÖ auf zehn Prozent ab und verlor damit gleich 17 Prozent ihrer Wähler. Haider hatte zerstört, was er selbst dreißig Jahre lang aufgebaut hatte. Er hatte das Aufeinanderprallen der Fronten bewusst zugelassen. Er, der Unbezwingbare, gegen den Rest der Welt.
Die Medien, die Öffentlichkeit und seine politischen Gegner hatten Haider deshalb wie gesagt abgeschrieben. Selbst in seiner einstigen Kärntner Hochburg feindeten ihn nun viele an. Auch meinem Vater, der seit 1968 Mitglied der FPÖ war, reichte es. Er trat wegen Haider aus der Partei aus. Auch ich war enttäuscht, zugleich versuchte ich, den Menschen hinter dem Politiker Haider zu verstehen und seine Psyche zu entschlüsseln.
In einem seiner Interviews in dieser Zeit waren mir seine blutunterlaufenen Augen aufgefallen. Sie sahen aus, als hätte er kurz davor geweint. Der spinnt nicht, dachte ich, als sogar mediale Spekulationen aufkamen, Haider könnte geisteskrank sein. Der ist einfach nur völlig aus dem Ruder gelaufen. Der ist verzweifelt, weil er seinen großen Moment verpasst und zu spät realisiert hat, dass er alles zerstört.
»Klar mache ich den Haider«, sagte ich zu meiner Vorgesetzten in der Marketing-Abteilung der Kleinen Zeitung.
Die schien meinen überraschten Blick bemerkt zu haben. »Immerhin ist er noch unser Landeshauptmann«, sagte sie.
»Wann kommt er denn?«
Seit meiner Kindheit hatten die Medien und die anderen Parteien Abgesänge auf Haider angestimmt und seinen endgültigen Untergang kommen sehen, etwa nachdem er sich zu der Aussage verstiegen hatte, dass es im Dritten Reich eine »ordentliche Beschäftigungspolitik« gegeben habe und in deren Folge er als Landeshauptmann zurücktreten musste. Doch immer wieder hatte er sich zurückgekämpft. So real und unabwendbar wie diesmal war Haiders politisches Ende aber noch nie erschienen. Doch eine Politik in Österreich ohne Jörg Haider war für mich unvorstellbar. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. »Er kommt wieder. Er ist noch jedes Mal zurückgekommen. Stärker als zuvor«, sagte ich bei vielen unserer Gespräche zu meinem Vater. Ich wollte Haider dabei helfen.
Trotzdem war meine Gewissheit, eines Tages FPÖ-Generalsekretär unter Jörg Haider zu sein, seit meiner Schulzeit nahezu geschwunden. Sie hatte unter den Sachzwängen meines Lebens gelitten, in dem Kindheitsträume nicht mehr so viel Platz hatten. Vielleicht traute ich mir auch die Verwirklichung meines Traumes noch immer nicht richtig zu, weshalb mein Plan B allmählich in den Vordergrund gerückt war. Ganz aufgegeben hatte ich meinen Traum aber nie. Jetzt, als ich begriff, dass ich Haider demnächst gegenüberstehen würde, kam etwas in mir in Bewegung. Ich musste an meine Zeit als Zivildiener im Altenpflegeheim denken, und an eine wesentliche Erkenntnis, die ich von dort mitgenommen hatte: dass das Leben ziemlich kurz ist, weshalb alles, das nicht mit der Verwirklichung meiner Träume zu tun hatte, Zeitverschwendung war.
Bis zu meinem Zivildienst, den ich in Neumarkt, ganz in der Nähe meines Heimatortes, absolvierte, hatte ich gedacht, alle Zeit der Welt zu haben. Als junger Mensch schien mir das Leben unendlich lang zu sein. Doch im Pflegeheim war ich mit Leid, Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert gewesen. Das hatte etwas Schreckliches gehabt, zugleich hatte ich den Tod mit anderen Augen zu sehen gelernt, als Freund, der es in Wahrheit gut mit uns meint, und vor dem wir uns nicht zu fürchten brauchten.
Ich hatte davor noch nie jemanden leiden oder sterben gesehen, doch dieses Heim war eine der Endstationen des Lebens gewesen. Die Menschen dort hatten diesen Ort zu Fuß betreten und würden ihn im Sarg wieder verlassen. Es war ihnen bewusst und daher ließen die meisten das Ende auch nicht einfach auf sich zukommen, sondern bereiteten sich auf ihre letzte Reise vor. Ohne Furcht. Sie erzählten mir davon.
Ich hatte dort unter anderem gelernt, dass Menschen es spüren, wenn für sie die Zeit zu gehen gekommen ist. Nicht alle, aber all jene, die im Trubel des Lebens nicht verlernt hatten, die eigene innere Stimme zu hören. Ich hatte erlebt, wie Menschen, die eben noch recht rüstig gewesen waren, eine Woche, nachdem sie gemeint hatten, dass ihre Zeit gekommen sei, nicht mehr da waren. Für Putz- und Pflegedienste zuständig, hatte ich einmal eine 104 Jahre alte Frau, die sich jeden Tag ihre gewünschte, ganz spezielle Frisur machen und perfekt einkleiden ließ, gefragt, wie sie es geschafft hatte, so alt zu werden. »Ganz einfach«, hatte sie geantwortet. »Der liebe Gott hat auf mich vergessen.«
Ich hatte viele Gespräche mit den Senioren geführt, und einige dabei wiederkehrende Sätze waren bei mir hängengeblieben. Ach, ich möchte einmal noch so jung wie du sein. Du hast noch alles vor dir. Sei froh, gesund zu sein. Es ist so schön, jung zu sein. Das Leben vergeht so schnell. Genieß deine Jugend. Mach etwas aus dir. All das war mir unter die Haut gegangen, auch wenn ich vielleicht nur geahnt hatte, was diese alten Menschen offenbar mit Sicherheit gewusst hatten: Dass das Leben und die Gesundheit ein großes Geschenk waren, und alles nur einen Wimpernschlag lang dauerte.
Nach dem Gymnasium hatte ich einen Hang, in den Tag hineinzuleben, doch im Altenpflegeheim hatte ich mich an diese innere Gewissheit erinnert, die ich gespürt hatte, als mein Vater seinen Wunsch über die politische Zukunft eines seiner Söhne geäußert hatte. Der Kreis schließt sich, dachte ich jetzt, als mir klar wurde, dass meine erste richtige Begegnung mit Haider bevorstand. Wann würde ich je eine andere Gelegenheit bekommen, mit ihm persönlich zu reden? Wobei »persönlich« relativ war. Ich wusste, mir würden nur wenige Minuten bleiben.
Der Stand der Kleinen Zeitung am Klagenfurter Weihnachtsmarkt am Neuen Markt befand sich direkt vor dem Rathaus. Der Platz war fast menschenleer, als ich hinkam, und Weihnachtsstimmung hatte schon in den vergangenen Tagen nicht recht aufkommen wollen. Wegen des für die Jahreszeit untypisch warmen Wetters lag kein Schnee, dafür durchnässte ein unaufhörlicher Nieselregen jeden und alles. Die Rahmenbedingungen für mein Interview und meinen Versuch zu einer ernsthaften Kontaktaufnahme mit Haider hätten also besser sein können.
Ich lehnte mich an ein hölzernes, als Hauptpreis der Spendenaktion neben dem Stand aufgebautes Gartenhäuschen, und betrachtete den Lindwurm, der als Wahrzeichen der Stadt in der Mitte des Neuen Platzes stand. Da sah ich zwei einsame Gestalten auf mich zu wandern. Der eine trug einen schwarzen Mantel, hatte den Kragen hoch geschlagen und die Hände in den Taschen vergraben. Der andere ging hinter ihm und hielt einen schwarzen Schirm über ihn. Ich sah auf die Uhr. Haider und sein Sekretär waren fast pünktlich.
»Er kommt«, sagte ich nervös zum Photographen und zupfte an meinem Hemd. Möglichst professionell zu wirken war mir umso wichtiger, als mich Haider vielleicht wegen meiner Jugend als Interviewer nicht ernst nehmen würde. Ich hatte mir vorgenommen, etwas Besonderes zu ihm zu sagen, etwas, das zwangsläufig seine Aufmerksamkeit erregen musste, aber bisher war mir nichts Passendes eingefallen. Jetzt drängte schon die Zeit. Denn mit schnellen Schritten überquerten die beiden den Platz und näherten sich dem Stand. Einmal atmete ich noch durch, dann trat ich ihnen entgegen. »Kleine Zeitung. Grüß Gott«, sagte ich.
Haider streckte mir die Hand entgegen. Das Interview ging unverzüglich los. Meine Fragen waren einfach und er beantwortete sie routiniert. Was halten Sie von der Aktion der Kleinen Zeitung? Zum wievielten Mal sind Sie heuer hier? Was würden Sie mit dem Hauptgewinn machen? Und so weiter.
Von Anfang an redete Haiders Sekretär störend dazwischen und drängte zur Eile. Sie müssten gleich weiter, sagte er. Ich wurde nervös. Auf einmal waren wir schon bei den Fotos, die immer den Abschluss dieser kleinen Interviews bildeten.
Die spärlichen Gäste des Weihnachtsmarktes waren inzwischen auf Haider aufmerksam geworden, und ein paar von ihnen versammelten sich um ihn. Ich bewunderte ihn ein bisschen dafür, dass er es sich auch in dieser für ihn zweifellos schweren Zeit nicht nehmen ließ, ein paar Worte mit potenziellen Wählern zu wechseln. Ich beobachtete, dass der Sekretär die Kontaktdaten einiger der Menschen, mit denen Haider sprach, aufnahm.
Der Sekretär wurde immer ungehaltener, klopfte Haider von hinten im Minutentakt auf die Schulter und deutete auf seine Uhr. »Wir müssen weiter, Herr Landeshauptmann«, sagte er schließlich ultimativ. Ich wusste, mir blieben nun nur noch wenige Augenblicke und ich musste unverzüglich handeln. Tu was jetzt. Egal was, dachte ich. In einem kurzen Moment zwischen zwei seiner Gespräche mit Marktbesuchern packte ich Haider einfach an der Schulter und nahm in etwas zur Seite. »Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Landeshauptmann, dass Sie sich wegen des Artikels keine Sorgen machen müssen. Es wird alles passen. Ich bin ja einer von euch.«
Ich wusste, dass ich eben eine massive journalistische Grenzüberschreitung begangen hatte. Deswegen hatte ich ihn auch zur Seite genommen, damit niemand Dritter uns hören konnte. Ich setzte aber darauf, dass er diese Art der Grenzüberschreitung ausgerechnet von einem Schreiber der Kleinen Zeitung am wenigsten erwartet hätte, und eine bessere Idee hatte ich einfach nicht gehabt.
Haider sah mich überrascht an. »Woher kommst du?«, fragte er.
Es klappt, dachte ich. »Vielleicht kennen Sie meinen Vater«, sagte ich. »Er ist Gemeinderat und Ortsparteiobmann in der Steiermark. Ich bin aus Laßnitz bei Murau.«
»Wie heißt dein Vater?«
»Petzner.«
»Ah, der Hubert«, sagte er. »Ja, den kenn ich.«
Ich war fassungslos. Ich hatte schon von Haiders phänomenalem Personengedächtnis gehört, es aber noch nie erlebt.
Haiders Sekretär drängte jetzt endgültig auf sofortigen Aufbruch. Vielleicht ahnte der Typ, dass ich in seinem Job gut wäre und ihn auch übernehmen würde, dachte ich.
»Hast du eine Telefonnummer?«, sagte Haider. »Vielleicht sieht man sich wieder einmal.«
Ich wertete es als gutes Zeichen, dass Haider die Aufnahme meiner Daten nicht seinem Sekretär überließ. Er notierte meine Nummer mit einer Füllfeder auf einen kleinen Zettel, steckte den Zettel in seine Manteltasche, verabschiedete sich mit einem Händedruck und ging mit seinem Sekretär davon.
Ich blieb zufrieden stehen und sah den beiden nach, wie sie im Nieselregen verschwanden. Mehr hatte ich nicht erreichen können, dachte ich. Alles Weitere lag nicht mehr in meinen Händen.
Nach meiner anfänglichen Euphorie wurde mir aber schnell klar, dass die Wahrscheinlichkeit, von Haider zu hören, denkbar gering war. Ich glaubte aber noch immer an das Schicksal. Wenn es mein Schicksal wollte, dass ich eine politische Tätigkeit im Umfeld Haiders ausführte, würde es diese Gelegenheit benutzen, dachte ich.
Inzwischen ging ich wieder in meinem Alltag auf. Ich war an der Uni, in der Kleinen Zeitung oder fuhr in meinem rostigen Toyota Corolla zu Freunden. Als ich wenige Tage nach meiner Begegnung mit Haider gerade die Villacher Straße in Klagenfurt entlangfuhr, kam ein Anruf mit unterdrückter Nummer. »Servus, da ist der Jörg«, sagte Haider. »Wie geht’s? Was machst du?« Der Landeshauptmann wirkte völlig entspannt und begrüßte mich locker.
Das überrumpelte mich, zumal ich im Grunde nicht ernsthaft damit gerechnet hatte, dass er wirklich anrufen würde. Schon gar nicht er persönlich. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und auf seinen Ton einzusteigen. »Mir geht’s gut. Ich fahre gerade zur Uni, weil ich eine Vorlesung habe. Wie geht’s dir?« Ich wählte bewusst das Du, während ich ihn bei unserer Begegnung am Neuen Platz noch mit »Herr Landeshauptmann« angesprochen hatte.
Haider antwortete auf meine Gegenfrage mit nur einem Wort. »Gut«, sagte er, um gleich darauf wieder selbst die Fragen zu stellen. Was ich studiere, wie mir die Universität in Klagenfurt gefalle, welchen Job ich genau bei der Kleinen Zeitung hätte. Das Gespräch bestand nur aus seinen Fragen und meinen Antworten. Nach fünf Minuten war es auch schon wieder vorbei. »Ich muss weiter«, sagte Haider. »Vielleicht hören wir uns wieder einmal.«
Das klang für mich nicht unbedingt gut, es war aber besser als nichts.
Ich ging das Telefonat gedanklich immer wieder durch. Wort für Wort. Ich fragte mich, welchen Eindruck ich wohl bei ihm hinterlassen hatte und was ich beim nächsten Mal anders oder besser machen könnte. Sofern es überhaupt ein nächstes Mal gab.
Haider meldete sich tatsächlich kurz darauf wieder. Wieder beschränkte er sich darauf, Fragen zu stellen und mir zuzuhören. Wegen seiner Einsilbigkeit versuchte ich umso lebhafter und spannender zu erzählen, obwohl mein Leben und mein Alltag nicht viel hergaben. Vor allem bemühte ich mich, keine Gesprächspausen entstehen zu lassen. Mein einziges Ziel war, den Kontakt aufrecht zu erhalten, und dabei war ich von meiner Wirkung auf ihn abhängig. Denn Haider rief auch weiterhin mit unterdrückter Nummer an. Ich konnte ihn nicht erreichen. Er behielt die Kontrolle und bestimmte die Regeln.
In den Tagen zwischen den Anrufen behielt ich mein Handy immer im Auge, selbst an der Uni, aus Angst, seinen nächsten Anruf zu verpassen, und bei jedem nächsten fürchtete ich, es könnte der letzte gewesen sein. Meinem Selbstvertrauen tat dieser Kontakt trotzdem gut. Manchmal saß ich im Hörsaal und dachte: Wenn ihr wüsstet. Als kleiner Student mit einem unbedeutenden Nebenjob habe ich es geschafft, einen Draht zum bekanntesten Politiker des Landes zu finden. Zu Jörg Haider.
Politische Themen klammerte ich bei unseren Telefonaten bewusst aus. Nach Jahrzehnten als Geächteter hatte es Haider endlich geschafft gehabt, und nun stand er vor den Trümmern seiner politischen Existenz. Was sollte ein Student wie ich mit ihm über Politik sprechen? Was könnte ich dazu beitragen, das ihn in seiner schwierigen politischen Lage helfen könnte? Wozu in seinen Wunden wühlen? Das machten ohnehin alle anderen.
Wenn ich den Politiker Jörg Haider wirklich erreichen wollte, musste ich zuerst den Menschen Jörg Haider für mich gewinnen. Deshalb sprach ich diesen privaten Menschen auch an, und mit dem wenigen, das er von sich preisgab, versuchte ich meine offenen Fragen über ihn zu beantworten. Wie tickte der Mensch Haider wirklich?
Er war verschlossen und misstrauisch, so viel stand fest. Das musste mit seiner aktuellen Situation zu tun haben. Er hatte zweifellos genügend Menschen erlebt, die nur den Kontakt zu ihm gesucht hatten, weil sie auf einen Posten, auf Macht und den einfachen, schnellen Erfolg aus gewesen waren. Menschen, denen er vielleicht gegeben hatte, was sie von ihm wollten, vielleicht auch nicht, und von denen ihn zweifellos viele verraten und ihm Stich gelassen hatten. Ich vermutete, dass er sich alleine fühlte und in Wahrheit nur eines suchte: Einen wahren, einen echten Freund. Denn echte Freundschaft, das gab es in der Politik nicht.
Umso mehr bemühte ich mich, ihm genau das zu geben. Freundschaft ohne Erwartungen. Ohne Forderungen. Ohne Gegenleistung. Ein Gegenüber, mit dem er einfach nur reden konnte, und sei es über banale Dinge. Ein Gegenüber mit dem er unbeschwert lachen konnte, und sei es über kindische Kleinigkeiten. Jemanden aus einer Art von Leben, die ihm selbst seit langem verwehrt war. Mein langfristiges Ziel blieb der Sprung in die Politik, aber ich ahnte, dass es dafür vor allem eines brauchte: sein uneingeschränktes Vertrauen.
Wochen und Monate vergingen. Erst nach mehr als einem halben Jahr hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Haider tatsächlich langsam so etwas wie Vertrauen zu mir entwickelte. »Ich habe heute ein bisschen Stress«, sagte er an diesem Tag zu mir. »Sehr viele Termine. Ich fahre gerade von Villach zurück in die Landesregierung. Dort habe ich eine Sitzung und muss dann noch weiter zu einer Veranstaltung. Ich bin dafür zwar eigentlich schon viel zu müde, aber ich muss dort hin. Ich habe es versprochen.«
In einem anderen Umfeld wäre vielleicht auch das noch als Smalltalk durchgegangen, aber ich spürte, dass sich Haider öffnete, und dass er es bewusst tat. Der starke Landeshauptmann und Landesvater, bei dem sich die Menschen anlehnen konnten, der sich um ihre Probleme kümmerte und sich an jeden erinnerte, redete über Müdigkeit. Für einen Menschen wie Haider, der wahrscheinlich glaubte, nie Schwäche zeigen zu dürfen, weil er gewissen Erwartungshaltungen zu entsprechen hatte, musste das ein gewagter Schritt sein.
»Heute am Nachmittag habe ich die Firma Jacques Lemans besichtigt«, sagte er ein anderes Mal zu mir. »Sagt dir das etwas?«
Ich kannte das Unternehmen, das mit einem Werk in St. Veit Uhren herstellte.
»Es hat mir gefallen«, sagte Haider. »Ich sammle Uhren, vielleicht weißt du das ja.«
Ich wusste es tatsächlich aus den vielen Haider-Porträts, die ich gelesen hatte. Er sammelte Uhren und hatte eine Leidenschaft für Füllfedern. »Treffen wir uns wieder einmal?«, fragte er.
Wir vereinbarten, dass sich seine Sekretärin bei mir melden würde. Es ging also um einen offiziellen Termin, voraussichtlich bei ihm im Büro. Ich war gespannt.
Haiders Sekretärin meldete sich, als ich gerade in einer Psychologie-Vorlesung saß. Es ging im Fach »Spezielle Neurosenlehre« um Narzissmus. Wegen der seltsamen Vorwahl ahnte ich schon, wer dran war, und eilte aus dem Hörsaal. »Christine Kogler, Büro Landeshauptmann Haider.« Die Frau klang sehr freundlich. »Sie wissen vielleicht Bescheid«, sagte sie. »Ich soll mit Ihnen einen Termin ausmachen. Wann hätten Sie denn Zeit?«
»Immer«, sagte ich. »Ich bin Student. Ich kann mir das einteilen und richte mich ganz nach dem Herrn Landeshauptmann.«
»Mittwoch, 14 Uhr?«, fragte Frau Kogler.
Mein Kleidungsstil war der eines Studenten, und so fand sich in meinem Schrank kein Anzug. Da ich auch diesmal möglichst seriös wirken wollte, zog ich zu Jeans einen grauen Pullover und darüber mein einziges Sakko an. So betrat ich das von außen klobige und schmucklose Gebäude der Kärntner Landesregierung. Durch ein schweres Tor trat ich ein und orientierte mich an einer Tafel. Regierungsmitglieder – 1. Stock.
Ich ging die Steintreppe hinauf. Der Landeshauptmanntrakt lag oben links. Eine in weißem Metall gerahmte Glastür trennte diesen Bereich vom Stiegenhaus. Ich bemerkte, dass rechts neben der Glastür ein Kamera-Auge montiert war. Darüber hing ein goldenes Schild mit schwarzer Gravur. »Landeshauptmann Dr. Jörg Haider« stand darauf.
Obwohl ich wegen der Kamera nicht sicher war, ob sich die Türe von außen öffnen ließ, versuchte ich es. Ich hörte das Türschloss knacken. Sie ließ sich öffnen. Zögernd trat ich in den Empfangsbereich. Kleine, runde Tischchen mit Tischplatten aus weißem Stein und kleinen schwarz lackierten Holzstühle standen dort. Rechts vom Empfangsbereich befand sich eine weitere Tür aus Milchglas. »Büro Landeshauptmann Dr. Jörg Haider« stand auf dem Türschild. Hinter dieser Türe musste er also sein.
Ich wagte nicht zu klopfen, sondern entschied mich, im Empfangsbereich zu warten. Schließlich war ich vorsichtshalber 15 Minuten zu früh gekommen. Ich war der einzige Wartende.
Frau Kogler hatte am Telefon noch gemeint, dass sie sich melden würde, sollte dem Landeshauptmann etwas dazwischen kommen, weshalb ich auch nach einer halben Stunde ruhig blieb. Ich nützte die Zeit, um mich etwas umzusehen. Der prunkvolle Spiegelsaal, der offizielle Festsaal der Landesregierung, passte nicht zur kargen Fassade des Gebäudes, fand ich.
Gerade als ich den Spiegelsaal verließ und wieder im Gang des Empfangsbereiches stand, öffnete sich die Glastür, und federnden Schrittes kam Haider auf mich zu. »Entschuldige, dass du warten musstest«, sagte er. »Komm mit.«
Wider Erwarten befand sich hinter der Milchglastür nicht das Büro des Landeshauptmannes, sondern ein Vorraum in dem hinter einem Tresen zwei Sekretärinnen saßen. Haider lotste mich weiter in sein Büro, das sich links dieses Vorraumes hinter einer schweren, bräunlichen Polstertür befand. Es war nicht sehr groß und bis auf die Fahnen Kärntens und Österreichs nicht beeindruckend. Es wirkte vielmehr schrecklich altmodisch. Ein Teil des Raumes war mit Holz vertäfelt, wie es in den Siebzigerjahren Mode gewesen war. Vor einer kleinen Bücherwand stand ein Glastisch, der Haider offenbar als Schreibtisch diente.
Er bot mir einen Platz in einem der Ledersessel an, die rund um einen Besprechungstisch standen. Wir plauderten. Es ging um nichts Politisches, wie ich es wegen des diesmal offiziellen Termins insgeheim erhofft hatte, sondern es war wieder zwangloser Small Talk. Als einmal Stille aufzukommen drohte, erkundigte ich mich nach den Gemälden an den Wänden. Haider erklärte mir daraufhin jedes einzelne genau. Er erzählte über das Bild und über den Künstler, der es gemalt hatte. Es waren lauter Werke von Kärntner Künstlern, etwa von Werner Berg mit einem Motiv des Großglockners. Nur ein Bild fiel aus der Reihe. Es war ein abstraktes Gemälde, in rot-orangen Tönen. Ich stand auf, ging hin und strich mit meinen Fingern vorsichtig über die raue Oberfläche des Bildes. »Was ist das für ein Material?«, fragte ich.
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