Kitabı oku: «Amok / Der Amokläufer. 7 Novellen einer Leidenschaft», sayfa 2
Er kam vorsichtig heran, als ginge er über ein schmales Brett und rechts und links sei schäumende Untiefe. Und sie hielt ihm die kleine, magere Hand entgegen, die er vorsichtig mit seinen derben Fingern umfaßte, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen, und ehrfürchtig zu den Lippen führte. Sie hieß ihn mit freundlicher Handbewegung auf einem behaglichen Lehnsessel neben ihrem Bette Platz nehmen, und er sank hinein wie mit jäh zerbrochenen Knien.
Ein wenig sicherer fühlte er sich, als er so saß. Nun konnte das ganze Zimmer nicht mehr wild um ihn kreisen, der Boden nicht so wellig schwanken. Der ungewohnte Anblick verwirrte ihn aber noch immer, das lose Seidengewebe der Decke schien die nackten Formen ihres Körpers wiederzugeben und die rosa Wolke des Baldachins niederzuschweben als Nebel: er wagte nicht hinzublicken und fühlte doch, daß er die Blicke nicht immer in den Boden bohren konnte. Seine Hände, seine unnützen großen, roten Hände tasteten die Lehne auf und nieder, als müßte er sich hier festhalten, dann erschraken sie wieder vor ihrer eigenen Unruhe und lagen erfroren wie schwere Klumpen ihm im Schoß. In den Augen hatte er ein brennendes, fast weinerliches Gefühl, an allen Muskeln riß eine Angst, und in der Kehle spürte er keine Kraft, ein Wort wegzuschwingen.
Sie entzückte sich an seiner Verlegenheit. Es bereitete ihr Vergnügen, das Schweigen unbarmherzig lang werden zu lassen, lächelnd zu beobachten, wie er nach dem ersten Wort rang und wie es doch immer wieder nur Stammeln blieb, zu sehen, wie dieser baumstarke Mensch zitterte und mit hilflosen Augen um sich griff. Schließlich hatte sie Mitleid mit ihm und begann, ihn um seine Absichten zu fragen, für die sie ungemeines Interesse zu heucheln wußte, so daß er allmählich wieder Mut bekam. Er erzählte von seinen Studien, von den Kirchenvätern und Philosophen, sie plauderte mit, ohne viel davon zu wissen. Und da die breitspurige Sachlichkeit, mit der er seine Anschauungen vorbrachte und erörterte, sie zu langweilen begann, ergötzte sie sich damit, ihn durch allerhand Bewegung aus der Contenance zu bringen. Sie zog manchmal an der Decke, als wollte sie herabgleiten, holte plötzlich bei einer jähen Geste des Sprechens einen blanken Arm aus der zerklüfteten Seide heraus, wippte mit den Füßen unter der Decke; und immer hielt er inne, überstürzte sich, verschluckte Worte oder sprudelte sie heraus, immer mehr bekam sein Gesicht einen gequälten, gespannten Ausdruck, und sie sah hin und wieder eine Ader hastig wie eine Schlange über seine Stirn laufen. Das Spiel amüsierte sie. Er gefiel ihr tausendmal besser in dieser knabenhaften Verwirrung als in seiner wohlgesetzten Rhetorik. Und sie suchte ihn nun auch mit Worten zu beunruhigen.
»Denken Sie nicht immer so viel an Ihre Studien und Verdienste! In Paris entscheiden die Geschicklichkeiten, Sie müssen lernen, sich vorzudrängen. Sie sind ein hübscher Mensch, seien Sie klug und nützen Sie Ihre Jugend aus, vergessen Sie vor allem die Frauen nicht, die bedeuten alles in Paris, unsere Schwäche muß Ihre Stärke sein. Lernen Sie Ihre Geliebten gut wählen und ausnützen, und Sie werden Minister sein. Haben Sie hier schon eine Geliebte gehabt?«
Der junge Mann zuckte zusammen. Sein Gesicht war mit einem Male blutdunkel. Er fühlte das Unerträgliche in ihm übermächtig werden, es riß ihn, zur Tür zu stürzen, aber in ihm war eine Schwere, er war wie betäubt von dem Duft von Parfüm, vom Atem dieser Frau. Alle Muskeln in ihm krampften sich zusammen, seine Brust spannte sich, er fühlte sich wild werden und sinnlos.
Da knackte etwas. Er hatte die Lehne des Sessels mit den gekrampften Fingern zerbrochen. Erschreckt sprang er auf, er war unsäglich beschämt über das Mißgeschick, aber sie, die entzückt war von seiner elementaren Leidenschaftlichkeit, lächelte nur und sagte: »Sie dürfen nicht gleich so erschrecken, wenn man Ihnen ungewohnte Fragen stellt. Das wird Ihnen in Paris öfters geschehen. Aber Sie müssen noch ein wenig im Benehmen lernen, und ich will Ihnen helfen. Ich entbehre ohnehin nur schwer meinen Sekretär; wollen Sie hier an seine Stelle treten, so wäre es mir lieb.«
Er stammelte mit leuchtenden Augen überschwenglichen Dank und preßte ihre Hand, daß es weh tat. Sie lächelte, lächelte trübe – das war wieder der alte Betrug, sich geliebt zu wähnen, und der eine meinte eine Stellung, der andere Eitelkeit und der dritte Karriere. Aber immerhin, es war so schön, immer wieder daran zu vergessen. Und dann: hier hatte sie niemand anderen zu betrügen als sich selbst.
Drei Tage später war er ihr Geliebter.
Aber die gefährliche Langeweile war nur verscheucht und nicht zu Tode getroffen, weiter schleppte sie sich durch die verlassenen Räume und lauerte hinter den Türen. Von Paris kam nur ärgerliche Nachricht. Der König antwortete überhaupt nicht, die Leszcyńska sandte ein paar frostige Zeilen, die ihrer Gesundheit galten und alle Hindeutung auf freundschaftliches Empfinden sorgfältig vermieden. Die Pasquillen schienen ihr unsauber und geschmacklos, auch verrieten sie zu sehr, wer sie veranlaßt hatte, und dies war geeignet, ihre Position bei Hofe, sofern man dort für sie noch ein Erinnern hatte, zu verschlechtern. Auch in dem Brief ihres Freundes Alincourt war nirgends ein Wort von Rückkehr, nicht einmal ein Flimmern der Hoffnung. Ihr war zumute wie einer Scheintoten, die unter der Erde in ihrem Sarge erwacht und schreit und tobt und gegen die Wände hämmert: aber oben hört sie keiner, mit leichten Schritten gehen die Menschen über die Erde, und ihre Stimme erstickt in der Einsamkeit. Madame de Prie schrieb noch einige Briefe, aber mit dem gleichen Gefühl, wie die Begrabenen schreien, vollkommen bewußt, daß niemand sie hören würde, daß sie ohnmächtig gegen die Schranken ihrer Einsamkeit hämmerte. Aber sie betrog die Zeit damit, und die Zeit war hier in Courbépine ihr bitterster Feind.
Auch das Spiel mit dem jungen Burschen langweilte sie schon. Sie hatte nie Standhaftigkeit in ihren Neigungen gezeigt (was auch hauptsächlich ihren Sturz verschuldete), und die paar Worte Liebe, die rasch verlernte Ungeschicklichkeit dieses Burschen, dem sie erst die guten Kleider, die seidenen Strümpfe und Schuhschnallen schenken mußte, konnten sie nicht beschäftigen. Ihr Wesen war so überfüttert mit vielen Menschen, daß der Einzelne ihr bald langweilig war und sie sich selbst, sobald sie allein war, widerlich und verhungert erschien. Es war ein hübsches Spiel gewesen, diesen timiden Bauern zu verführen, seine ungeschickten Zärtlichkeiten zu belehren, den Bären tanzen zu lassen; ihn zu besitzen, war lästig und ihr nachgerade peinlich.
Und dann: er behagte ihr nicht mehr. Was sie so sehr entzückt hatte, war die Verehrung gewesen, die er ihr entgegengebracht hatte, die Hingebung und die Verwirrtheit. Aber er tat sie rasch ab und entwickelte eine Vertraulichkeit, die sie anwiderte, sein ursprünglich so demütiger Blick war nun strotzend vor Wohlbehagen und Selbstgefühl, er reckte sich in den neuen Kleidern und sie fühlte, er prunkte damit im Dorf. Irgendein Haß kam allmählich in ihr auf, weil er von ihrem Unglück, ihrer Einsamkeit all dies gewonnen hatte, weil er gesund war, mit sattem Wohlbehagen fraß, während sie vor Zorn und Kränkung immer weniger aß, abmagerte und schwach wurde. Er nahm sie schon ganz selbstverständlich, dieser Lümmel, als seine Geliebte, er räkelte sich so zufrieden im Faulbett seines Besitzes, statt noch immer den Schauer des Geschenkes zu empfinden, er wurde stumpf und träge, und sie, die verbrannte vor Unglück und Schmach, haßte mit bitterm Neid seine widrige Zufriedenheit, seine bäurische Geldgier und seinen niedrigen Stolz. Und haßte sich selbst, weil sie so tief gesunken war und zu solchem plumpen Volk den Arm hatte ausstrecken müssen, um nicht im Schlamm der Einsamkeit zu versinken.
Sie begann, ihn aufzureizen, zu quälen. Sie war eigentlich nie boshaft gewesen, aber in ihr war das Bedürfnis, sich an irgend jemandem zu rächen für alles, für den Triumph ihrer Feinde, die Verbannung von Paris, für die unbeantworteten Briefe, für Courbépine. Und sie hatte niemand andern. Sie wollte ihn aufkitzeln aus seinem satten Behagen, ihn wieder klein machen, geduckt und weniger glücklich. Unbarmherzig warf sie ihm seine roten Hände vor, seine Unbildung, seine schlechten Manieren, aber er, der mit dem gesunden Instinkt des Mannes die Frau nicht mehr sehr achtete, die ihn einmal gerufen hatte, war trotzig, lachte und schüttelte die Scherzworte unwillig ab. Sie aber ließ nicht nach: es war ein hübsches Spiel in der Langeweile, einen aufzureizen. Sie suchte ihn eifersüchtig zu machen, erzählte bei allen Anlässen von ihren Geliebten in Paris und zählte sie ihm an den Fingern auf. Sie zeigte ihm Geschenke, die sie bekommen hatte, sie übertrieb und log. Aber all das schmeichelte ihm nur, daß sie ihn nach Herzögen und Prinzen erwählt hatte. Er schmatzte behaglich und kam nicht aus seiner Ruhe. Das reizte sie noch mehr. Sie erzählte ihm andere Dinge, schlimmere, sie log ihm vor von den Reitknechten, den Kammerdienern. Seine Stirne verwölkte sich endlich. Sie bemerkte es, lachte und erzählte weiter. Plötzlich schlug er mit der Faust auf:
»Genug! Warum erzählst du mir das alles?«
Sie machte ein ganz unschuldiges Gesicht.
»Weil es mir so gefällt.«
»Ich will es aber nicht!«
»Aber ich, mein Lieber, sonst täte ich es ja nicht.«
Er schwieg und biß sich auf die Lippen. Sie hatte einen so gebietenden, so selbstverständlich gebietenden Ton, daß er sich wie ein Knecht fühlte. Er ballte die Fäuste. Wie er tierisch wird im Zorn, dachte sie, und hatte ein Gefühl des Ekels und der Angst zugleich. Sie spürte das Gefährliche der Atmosphäre. Aber es war zuviel aufgespeicherte Wut in ihr, sie mußte ihn noch weiter quälen. Sie begann von neuem.
»Wie du dir das Leben vorstellst, mein Kleiner. Glaubst du, man lebt in Paris wie hier in euren Hundehütten, wo man sich langsam zu Tode langweilt?«
Seine Nasenflügel schnoben. Dann sagte er:
»Man muß ja nicht herkommen, wenn man es zu langweilig findet.«
Sie spürte tief innen den Stich. Auch er wußte also schon von ihrer Verbannung. Der Kammerdiener hatte es wohl ausposaunt. Sie fühlte, daß sie schwächer wurde, seit er das wußte, und nahm ein Lächeln vor ihre Angst.
»Mein Lieber, es gibt Gründe, die man nicht versteht, auch wenn man ein wenig Latein gelernt hat. Vielleicht wären bessere Manieren nützlicher gewesen.«
Er blieb stumm. Aber sie hörte ihn leise vor Wut schnauben. Das reizte sie noch mehr, sie empfand es wie Wollust, ihm weh zu tun.
»Überhaupt, wie du dastehst, breitspurig wie ein Hahn auf dem Düngerhof. Und warum schnaubst du so? Wie ein Rüpel benimmst du dich!«
»Es kann nicht jeder ein Prinz sein, ein Herzog oder ein Reitknecht.«
Er war rot im Gesicht und hatte geballte Fäuste. Aber sie, vergiftet von alle ihrem Unglück, sprang auf.
»Ruhig! Du vergißt, wer ich bin. Ich verbiete mir solche Worte von einem Bauernlümmel!«
Er machte eine Geste.
»Ruhig! Oder …«
»Oder?«
Frech stand er da. Und da fiel ihr ein, daß sie kein Oder mehr hatte. Sie konnte nicht mehr in die Bastille schicken, nicht degradieren, verweisen lassen, konnte niemandem mehr befehlen und verbieten. Sie war nichts, eine wehrlose Frau, wie Hunderttausende in Frankreich, ausgeliefert jeder Beschimpfung, jeder Unbill.
»Oder« – sie rang nach Atem – »ich lasse dich von den Dienern hinauswerfen.«
Er zuckte mit den Achseln und wandte sich um. Er wollte gehen.
Aber sie ließ ihn nicht. Nein, nicht er durfte ihr den Abschied geben, noch einer sie wegstoßen, und am wenigsten dieser. All ihr Zorn brach plötzlich los, die Bitternis von Tagen, sie fiel ihn förmlich an wie eine Trunkene.
»Hinaus mit dir! Glaubst du, ich brauche dich, du dummer Bauernlümmel, weil ich Mitleid mit dir hatte? Fort! Mach’ mir nicht länger die Dielen schmutzig, geh’, wohin du willst, aber nicht nach Paris, nicht zu mir. Weg! Mir graut vor dir, vor deiner Gier, deiner Einfalt, deiner blöden Zufriedenheit, du bist mir widerlich. Hinaus!«
Da geschah das Unerwartete. Er hatte, als sie ihn so plötzlich mit ihrem Hasse anfiel, die Fäuste wie einen unsichtbaren Schild vor sich gehalten, aber jetzt fielen sie plötzlich schwer wie stürzende Steine auf sie nieder. Sie schrie auf und starrte ihn an. Er aber schlug und schlug in blinder Rachsucht, berauscht vom Bewußtsein seiner Kraft, auf sie los, schlug all den Neid, den er auf die reiche, die vornehme, die kluge Aristokratin als Bauer hatte, den Haß des mißachteten Mannes gegen die Frau, alles schlug er in ihren schwachen, zuckend sich aufbäumenden Körper hinein. Sie schrie zuerst, wimmerte leise und verstummte dann. Die Schmach schmerzte sie mehr als die Schläge. Irgend etwas wurde tot in ihr in dieser Sekunde. Sie schwieg, fühlte seine Wut, schwieg und schwieg.
Da hielt er inne, erschöpft und erschrocken vor der eigenen Tat. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Er glaubte, sie wolle aufstehen, hatte Angst vor ihren Augen und flüchtete hinaus. Aber es war nur das niedergeknechtete Weinen, das endlich wie ein Krampf ihren Körper aufriß.
So zerbrach sie selbst ihr letztes Spielzeug.
Die Tür war längst hinter ihm zugefallen, und sie regte sich noch immer nicht. Sie blieb liegen wie ein zu Tode gehetztes Tier, leise nur röchelnd und ganz ohne Angst schon, ohne Gefühl, ohne Bewußtsein von Schmerz oder Beschämung. Eine unsägliche Mattigkeit erfüllte sie, sie spürte nicht Rachsucht, nicht Empörung mehr, nur Mattigkeit, unsägliche Mattigkeit, als sei mit den Tränen ihr ganzes Blut entströmt, und hier läge nur ihr lebloser Körper, niedergehalten von seiner Schwere. Sie versuchte gar nicht aufzustehen; sie wußte nicht mehr, wohin sie mit sich sollte, nachdem sie solches erlebt.
Der Abend trat langsam in das Zimmer herein, und sie fühlte ihn nicht. Denn der Abend ist leise. Nicht wie der Mittag blickt er frech durch die Fenster, er strömt wie dunkles Wasser aus den Wänden, hebt die Decke ins Nichts hinauf, schwemmt alle Dinge sacht hinunter in seine lautlose Flut. Als sie aufsah, war Dunkel um sie und Schweigen, nur irgendwo trippelte die kleine Uhr ins Endlose hinein. Die Vorhänge lagen in so finsteren Falten, als verberge sich hinter ihnen ein ganz Ungeheuerliches, die Türen waren irgendwie in der Wand versunken, so daß rings das Zimmer schwarz verschlossen schien, wie ein vernagelter Sarg. Nirgends war Eingang mehr und Ausgang, alles war unbegrenzt und doch versperrt, alles schien heranzudrängen und die Luft so zusammenzudrücken, daß man bloß röcheln konnte und nicht atmen.
Nur rückwärts glänzte ein Weg ins Ungewisse; der hohe Spiegel, der im Dunkel leise glitzerte wie die nächtige Fläche eines sumpfigen Teiches, und dem nun, wie sie sich aufrichtete, etwas Weißes entwallte. Sie stand auf, trat näher; es schwellte wie ein Rauch daraus, ein gespenstisches Wesen: sie selbst, die näher kam und rasch wieder zurückwich.
Ihr graute. Irgend etwas in ihr schrie nach Licht. Aber sie wollte niemanden rufen, entzündete selbst den Feuerschwamm und flammte dann eine nach der anderen der Kerzen des Leuchters an, der mit seinem matten Erz leise schimmernd auf dem Marmor der Konsole stand. Die Flammen zuckten, tasteten zitternd in das Dunkel hinein, wie heiße Menschen, die in kühles Bad treten, wichen zurück, griffen wieder hinein, und endlich rundete sich eine zitternde Wolke von Licht über dem Leuchter und schwebte in immer weiteren Kreisen bis zur Decke empor. Hoch oben, wo sonst zarte Amoretten wolkenbeflügelt sich im Blau schaukelten, lag grauer Nebelschatten, unruhig durchzuckt von den leisen Blitzen der aufzuckenden Flammen. Die Dinge rings schienen wie aufgeschreckt aus ihrem Schlaf, reglos standen sie da, hoch hinter ihnen krochen die Schatten wie ein niedriges Getier und machten sie schreckhaft.
Aber der Spiegel lockte und lockte. Dort regte sich immer etwas, wenn sie ihn ansah. Sonst war alles stumm um sie und feindlich, die Dinge waren verschlafen, und die Menschen stießen sie weg. Sie konnte niemanden fragen, zu keinem klagen: dort aber war noch etwas, was Antwort gab, was nicht stumpf blieb, was sich regte und sie deutend ansah. Aber was sollte sie ihn fragen? Sie hatte selten in Paris gefragt, ob sie schön sei. In den funkelnden Augen der Männer, die sie begehrten, war ihr Spiegel gewesen. Sie wußte, daß sie schön war, an den Triumphen, an den heißen Nächten, wußte es schon am Staunen der Leute, wenn sie im Wagen nach Versailles fuhr. Ihnen hatte sie geglaubt, auch wenn sie logen, denn das Vertrauen an ihre Gewalt war schon selbst ihre Macht. Aber nun, was war sie nun, daß sie gedemütigt war?
Sie sah angstvoll hinein in das flackernd bestrahlte Glas, als stünde ihr Schicksal darin und blickte zurück auf sie. Sie erschrak: war sie das wirklich? Ihre Wangen schienen ihr eingefallen und ohne Frische, ein böser Zug um den Mund höhnte sie an, die Augen lagen tief in den Höhlen und sahen schreckhaft, wie hilfesuchend, heraus. Sie schüttelte sich. Das war Spuk. Und lächelte in den Spiegel hinein. Aber das Lächeln kam frostig und höhnisch zurück. Sie tastete ihren Leib ab: ja, der Spiegel log nicht, sie war mager geworden, kindlich mager, und die Ringe schlotterten an ihren Fingern. Sie fühlte das Blut kühler durch die Adern gehen. Ihr graute. War also alles vorbei, auch die Jugend? Ein Ingrimm kam sie an, sich selbst zu verhöhnen, die Gefeierte, die Herrin Frankreichs, und wie aus einem Traum heraus sprach sie die Verse Voltaires, mit denen er ihr sein Drama gewidmet hatte, die Verse, die ihre Schmeichler so gerne wiederholten:
Vous qui possedez la beauté
Sans être vaine et coquette
Et l’extrème vivacité
Sans être jamais indiscrète,
Vous a qui donnerent les Dieux
Tant des lumières naturelles,
Un esprit juste, gracieux,
Solide dans le sérieux
Et charmant dans les bagatelles.
Jedes Wort schien ihr Hohn zu sprechen, und sie starrte, starrte in den Spiegel hinein, ob die drüben sie nicht verhöhnte.
Sie hob den Leuchter, um sich besser zu sehen. Und je näher sie ihn hielt, um so mehr schien sie zu altern. Jede Minute, die sie hineinblickte, schien Jahre wegzutrinken von ihrem Leben, sie sah sich immer fahler, immer bleicher, kränklicher, immer greisenhafter werden, sie fühlte sich altern, ihr ganzes Leben schien zu vergehen. Sie zitterte. Ihr ganzes Schicksal sah sie grauenhaft in dem Spiegel aufgetan, ihren ganzen Verfall, und sie konnte sich nicht satt sehen und starrte immer und immer auf die weiße verzerrte Maske dieser alten Frau, die sie selber war.
Da plötzlich zuckten die Kerzen alle zugleich auf wie erschreckt, die Flammen suchten blau von den Dochten wegzufliegen. Eine dunkle Gestalt stand im Spiegel, ihre Hand griff nach ihr.
Sie schrie gellend auf und schleuderte zur Abwehr den erzenen Leuchter in den Spiegel, daß tausend Funken daraus sprangen. Die Kerzen stürzten, erloschen. Dunkel ward um sie und in ihr, die ohnmächtig zusammenbrach. Sie hatte ihr Schicksal gesehen.
Der Kurier, der eingetreten war, um die Nachrichten aus Paris zu überbringen, und dessen jähe Erscheinung im Rahmen Madame de Prie so erschreckt hatte, sah nur die flirrenden Blitze der zerklirrten Spiegelscheibe und hörte einen dumpfen Sturz im Dunkel. Er sprang hinaus, holte die Diener. Sie fanden Madame de Prie auf dem Boden zwischen den funkelnden Splittern und den erloschenen Kerzen reglos hingestreckt, mit geschlossenen Augen. Nur die bläulichen Lippen zitterten leise und verrieten eine Spur des Lebens. Man trug sie zu Bett, ein Diener machte sich auf und ritt nach Amfreville, den Arzt zu holen.
Aber die Kranke erwachte bald, fand sich mühsam zurecht inmitten der erschreckten Gesichter. Sie wußte nicht genau, wieso sie hierhergekommen war, aber sie bezwang ihre Angst, ihre Müdigkeit vor den anderen, hielt sich ihr immer bereites, aber nun schon wie zu einer Maske erstarrtes Lächeln vor die blutlosen Lippen und fragte mit einer Stimme, die sich bemühte, sorglos und fast heiter zu sein, was denn mit ihr geschehen sei. Ängstlich und mit ausweichenden Worten gaben die Diener Bericht. Sie antwortete nichts, lächelte und griff nach dem Brief.
Aber es wurde ihr schwer, das Lächeln nicht sinken zu lassen. Ihr Freund teilte darin mit, es sei ihm endlich gelungen, mit dem König zu sprechen. Der König sei noch immer höchlichst erzürnt gegen sie, weil sie die Finanzen des Landes zerrüttet und das Volk erregt habe, aber es sei Hoffnung vorhanden, in zwei oder drei Jahren ihre Rückberufung nach Paris zu erwirken. Das Blatt zitterte in ihren Händen. Zwei Jahre sollte sie fern von Paris leben, ohne Menschen, ohne Macht: sie war nicht stark genug, so viel Einsamkeit zu ertragen. Das war ihr Todesurteil. Sie wußte, daß sie nicht atmen konnte ohne Glück, ohne Reichtum, ohne Macht, ohne Jugend, ohne Liebe, nicht hier Bäuerin werden, nachdem sie die Herrin Frankreichs gewesen war.
Und mit einem Male verstand sie jene Gestalt im Spiegel, die nach ihr gegriffen hatte, und das Verlöschen der Flammen: sie mußte ein Ende machen, ehe sie ganz alt wurde, ganz häßlich und ganz unglücklich. Den Arzt, der inzwischen gekommen war, empfing sie nicht: der König allein hätte ihr helfen können. Er wollte nicht, so mußte sie sich selbst helfen. Der Gedanke tat ihr nicht mehr weh. Sie war ja längst schon gestorben, damals als der Offizier in ihrem Zimmer stand und ihr alles nahm, wovon sie lebte, die Luft von Paris, in der sie einzig atmen konnte, die Macht, die ihr Spielzeug war, die Bewunderung und den Triumph, dem sie ihre Kraft dankte. Die Frau, die hier einsam, gelangweilt, erniedrigt in den leeren Zimmern umherschlich, war nicht mehr Madame de Prie, war ein alterndes, unglückliches, häßliches Wesen, das sie töten mußte, damit sie nicht länger den Namen schände, der einst über Frankreich gefunkelt hatte.
Seit die Verbannte den Entschluß gefaßt hatte, selbst ein Ende zu machen, war mit einem Male die Starre, die Schwere, die drängende Unruhe von ihr gewichen. Sie hatte wieder ein Ziel, eine Beschäftigung, etwas, das sie in Atem hielt, sie anspannte und mit vielfältigen Möglichkeiten reizte. Denn sie wollte ja nicht hier wegsterben wie ein Tier, das in der Ecke verröchelt, sie plante irgend etwas Geheimnisvolles, Mystisches, das ihren Tod umschweben sollte. Heroisch, legendär wollte sie sterben, wie die Königinnen des Altertums. Ihr Leben war funkelnd gewesen: so sollte auch ihr Tod sein, er sollte noch einmal die schläfrige Bewunderung der Tausende aufrütteln. Niemand in Paris sollte ahnen, daß sie hier qualvoll unterging, erdrosselt von Einsamkeit und Ungnade, verbrannt von unerfüllter Machtgier, alle wollte sie betrügen durch eine Komödie des Todes. Die Lust ihres Lebens, der Betrug, riß ihr Herz wieder auf. In einem lodernden Brand der Heiterkeit, wie zufällig, wollte sie enden, nicht zuckend verlöschen wie ein weggeworfenes Wachslicht, das auf der Erde sich krümmt und mitleidig zertreten wird. Tanzend wollte sie hinab in den Abgrund.
Am nächsten Tag flatterte eine Anzahl Billette von ihrem Schreibtisch fort, zärtliche, bittende, verführerische, herrische, versprechende Zeilen von weichem Parfüm getragen. Sie streute ihre Einladungen über Paris und die Provinz aus, lockte jeden mit seiner Neigung, bot dem einen Jagd, dem andern Spiel, dem dritten Maskenfeste. Sie ließ durch ihre Agenten in Paris Komödianten dingen, Sänger und Tänzer, bestellte kostbare Kostüme, kündigte einen zweiten Hofstaat in Frankreich an mit allen Raffinements und Vergnügungen wie in Versailles. Sie lockte und lud Fremde und Bekannte, Vornehme und Geringe, nur Menschen wollte sie hierher, viele Menschen, viel Zuschauer für die Komödie des Glücks und der Zufriedenheit, die sie vorspielen wollte, ehe das Ende kam.
Und bald begann ein neues Leben in Courbépine. Die immer vergnügungssüchtige Gesellschaft von Paris suchte des Neuartige auf. Und dann, sie alle hatten die heimliche und ein wenig höhnische Neugier, zu sehen, wie sich die gestürzte Herrin Frankreichs in ihrem Exil zurechtfinde. Fest reihte sich an Fest. Die Karossen kamen mit den adeligen Wappen, breite Landkaleschen, vollgepackt mit übermütigem Volk, Offiziere zu Pferd, täglich fluteten andere heran, mit ihnen ein Heer von Schmarotzern und Dienern. Manche hatten Schäferkostüme mitgebracht wie zu einem ländlichen Spiele, andere kamen in großem Pomp: das kleine Dörfchen glich einem Feldlager.
Und das Schloß wachte auf, glänzte nun stolz mit seinen entflammten Fenstern, denn es war belebt von Lachen und Reden, Spielen und Musik. Menschen gingen auf und nieder, in den Ecken, wo sonst nur grau das Schweigen hockte, flüsterten Paare. In dem Schatten der Boskette leuchtete der hellere Ton bunter Frauenkleider, Mandolinen zitterten mit übermütigem Geklimper freche Lieder in die Nacht hinein. Diener liefen die Gänge entlang, Blumen randeten die Fenster ein, bunte Lichter leuchteten wie Funken farbig aus den Büschen. Man lebte das leichte Leben von Versailles, die leichte Anmut der Sorglosigkeit. Die Abwesenheit des Hofes minderte zwar ein wenig den Glanz, erhöhte aber den Übermut, der, frei von aller Etikette, die Menschen zum Tanzschritt erregte.
Madame de Prie fühlte, wie inmitten dieses Wirbels ihr erstarrtes Blut wieder feuriger zu kreisen begann. Sie war eine jener nicht seltenen Frauen, die ganz aus der Stimmung der anderen gewebt sind. Sie war schön, wenn man sie begehrte, geistreich mit klugen Menschen, hochmütig, wenn man ihr schmeichelte, verliebt, wenn man sie liebte. Je mehr man von ihr erwartete, desto mehr gab sie. In der Einsamkeit aber, wo sie keiner sah, ansprach, hörte und verlangte, war sie häßlich geworden, dumm, hilflos und unglücklich. Sie ward erst lebendig im Leben und sank in der Einsamkeit zum Schatten zusammen. Und jetzt, da ein Abglanz ihres früheren Lebens sie umschwirrte, funkelte all ihre Heiterkeit, ihre sorglose Anmut wieder empor, sie war wieder geistreich, gefällig, sie bezauberte, unterhielt, flammte auf in dem Feuer von Blicken, die an ihr sich fingen. Sie vergaß, daß sie diese Menschen betrügen wollte durch Lustigkeit und war wirklich übermütig, sie nahm jedes Lächeln wie ein Glück, jedes Wort wie eine Wahrheit, stürzte sich fiebrig in den Genuß der langentbehrten Geselligkeit wie in den Arm eines Geliebten.
Immer wilder ließ sie diese Feste sein, immer mehr Menschen rief, lockte sie her. Und immer mehr kamen. Denn damals, nach dem Bankbruch Laws, war das Land verarmt, sie aber warf mit vollen Händen die Millionen, die sie während ihrer Regentschaft erpreßt hatte, in den Wind. Das Geld rollte auf den Spieltischen, verprasselte in kostbaren Feuerwerken, zerrann in exotischen Launen, aber immer wilder warf sie es weg wie eine Verzweifelte. Die Gäste staunten, von der Verschwendung und Pracht dieser Feste überrascht: keiner wußte, wem zu Ehren sie eigentlich gegeben waren. Und sie vergaß im wilden Wirbel beinahe selbst daran.
Den ganzen Monat August rauschten die Feste. September kam mit den bunten Früchten im Haar der Bäume und den golden durchwirkten Abendwolken. Schon wurden die Gäste spärlicher, die Zeit drängte.
Aber Madame de Prie hatte inmitten der Lustbarkeiten beinahe ganz an ihre Absicht vergessen. Sie wollte die anderen mit Rausch und Prunk betrügen und betrog sich selbst damit, ihre Leichtfertigkeit verlor sich, so sehr an dieses Abbild ihres früheren Lebens, daß sie es für wirklich nahm, selbst an ihre Macht, ihre Schönheit, ihre Lebensfreude glaubte.
Freilich, eines war anders, und das tat ihr weh. Die Menschen waren alle freundlicher zu ihr, seitdem sie nichts mehr war, wärmer und doch wieder kühler. Die Frauen beneideten sie nicht mehr, stichelten nicht mit den kleinen Bosheiten, die Männer umdrängten sie nicht. Man lachte mit ihr, nahm sie als guten Kameraden, aber man log nicht mehr Liebe, bettelte nicht, schmeichelte nicht, befeindete sie nicht, und daran spürte sie, daß sie ganz machtlos war. Ein Leben ohne Neid, ohne Haß, ohne Lüge war nicht lebenswert. Sie erkannte mit Grauen, daß sie eigentlich schon vergessen war: der Wirbel schwang noch so wild wie früher, aber sie war nicht Mittelpunkt mehr. Die Männer lachten mit den anderen Frauen, deren Jugend und Frische sie zum erstenmal bemerkte: es war Zeit, die Welt wieder an sie zu erinnern, ehe sie alt ward und ihnen fremd.
Sie zögerte von Tag zu Tag mit ihrem Entschluß. In ihr zitterte ein Gefühl, halb Angst, halb Hoffnung, irgend etwas möchte sie noch festhalten, noch zurückreißen von dem verzweifelten Sprung ins Unwiderrufliche. War unter all den Händen, die nach ihren Tafeln griffen, Frauen im Tanze umschlangen, das Gold über den Spieltisch rollten, nicht vielleicht doch eine, die sie halten konnte, halten wollte, kein Mensch, der sie so liebte, daß sie das bunte Spiel der vielen Menschen ruhig missen konnte, ihn eintauschen gegen den gleitenden Besitz königlicher Macht? Ohne es zu wissen, suchte sie, warb sie bei allen Männern um Leidenschaft, denn sie warb damit um ihr Leben. Aber sie gingen alle an ihr vorbei.
Da traf sie eines Tages einen jungen Kapitän der königlichen Garde, einen hübschen, lustigen Burschen, der ihr schon früher aufgefallen war, in dem schon dämmernden Park, wie er mit verzerrtem Blick und verbissenen Zähnen zwischen den Bäumen hin und her irrte und manchmal mit der Faust gegen die Stämme schlug. Sie sprach ihn an. Er gab verwirrt Antwort, sie merkte, daß irgendein Geheimnis ihn unruhig mache, und forschte seiner Verzweiflung nach. Er gestand schließlich, daß er hundert Louisdor im Spiel verloren habe, die ihm vom Regiment anvertraut waren. Nun war er ein Dieb und mußte sich selbst Gerechtigkeit tun. Wie seltsam mahnend sie das fühlte, daß hier, inmitten des fröhlichen Tumults, noch ein anderer mit dem gleichen dunklen Entschlusse ging. Aber freilich, dieser war jung, hatte rote Wangen und konnte wieder lachen: ihm war noch zu helfen. Sie berief ihn in ihr Zimmer und schenkte ihm fünfhundert Louisdor. Er zitterte vor Glück und küßte ihre Hände. Sie hielt ihn lange zurück, aber er begehrte von ihr nichts, mit keinem Blick, mit keiner Geste. Sie zitterte: nicht einmal kaufen konnte sie sich mehr die Liebe. Das ermunterte wieder ihren Entschluß.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
