Kitabı oku: «Gesammelte Werke von Stefan Zweig»
Stefan Zweig
Gesammelte Werke von Stefan Zweig
Joseph Fouché + Sternstunden der Menschheit + Schachnovelle + Ungeduld des Herzens…

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-1438-9
Jeremias – Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
Insel-Verlag zu Leipzig, 1918
Friederike Maria von Winternitz
Dankbarst
Ostern 1915 – Ostern 1917
Die Gestalten des Gedichts
ZEDEKIA, der König
PASHUR, der Hohepriester
NACHUM, der Verwalter
IMRE, der Älteste der Bürger
ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte
HANANJA, der Profet des Volkes Schwertträger, Krieger, Knechte
JEREMIAS
SEINE MUTTER
JOCHEBED, eine Anverwandte
ACHAB, der Diener
BARUCH, ein Jüngling
SEBULON, sein Vater
Das Volk von Jerusalem Die Gesandten Nabukadnezars Chaldäische und Ägyptische Krieger
Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.
Die Bilder des Gedichts
I. Die Erweckung des Profeten
II. Die Warnung
III. Das Gerücht
IV. Die Wachen auf dem Walle
V. Die Prüfung des Profeten
VI. Stimmen um Mitternacht
VII. Die letzte Not
VIII. Die Umkehr
IX. Der ewige Weg
I. Die Erweckung des Profeten
»Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«
Jer. XXX, 3.
Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.
Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt herauf.
JEREMIAS:
Die Tore rammelt zu… die Riegel vor… zum Wall… zum Walle!… Oh Wächter, schlimme Wächter… sie kommen… sie sind da… Brand über uns… im Tempel Brand… Hilfe… zu Hilfe!… Die Mauer fällt, die Mauer…
JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider): Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, Träume, wie voll ist ihrer das Haus!
(Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)
Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!
Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht, der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem, wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du, Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser Stadt voll Schlummer und Entsinkens!
(Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)
Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich, nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, – tu auf dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den Sinn!
EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne): Jeremias!
JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):
Wer?… mein Name… war dies mein Name nicht… rief es von Sternen, riefs aus meinem Traum?… (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)
JEREMIAS:
Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget… bin ich es selbst, tönt mein hinstürmend Blut… noch einmal sprich, daß ich dich kenne, Stimme… noch einmal ruf mich an… noch einmal, einmal sprich…
DIE STIMME (näher tastend):
Jeremias!
JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend):
Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts regt sich ringsum.)
JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):
Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes Schweigen.)
JEREMIAS:
Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, daß er dann glühet deiner Rede, – du wählst nach andern Zeichen. Wen du berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!
DIE STIMME (näher, eindringlicher):
Jeremias!
JEREMIAS (entbrennend):
Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu! Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines Dienstes – offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!
DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):
Jeremias!
JEREMIAS (in Ekstase):
Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon! Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe – einbrenn mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe, gebeuget schon ist mein Nacken, – dein bin ich, dein für immerdar. Nur erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit, den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem ewigen Knecht!
DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit): Oh hier… hier bist du, mein Kind.
JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm): Weg… fort… oh, verloschen die Stimme… zerschlagen der Weg… verborgen für immer…
DIE MUTTER:
Weh… wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer… komm hinab, mein Kind… Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens…
JEREMIAS (voll Wildnis):
Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf…
DIE MUTTER:
Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort…
JEREMIAS (auf sie zu):
Du hörtest… Du auch… um der ewigen Wahrheit willen… Du hörtest Ihn reden, vernahmest den Ruf…
DIE MUTTER:
Wen meintest… keinen seh ich mit dir…
JEREMIAS (sie fassend):
Mutter… ich beschwöre dich, sprich mir… Tod oder Seligkeit trägt mir dein Wort… Du hörtest eine Stimme… wachen Sinnes hörtest du sie…
DIE MUTTER:
Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und ich rief deinen Namen…
JEREMIAS (erschwankend):
Du riefest… Du riefest meinen Namen…
DIE MUTTER:
Zu dreien Malen rief ich ihn… Doch warum…
JEREMIAS:
Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß…
DIE MUTTER:
Dreimal rief ich dich an…
JEREMIAS (mit brechender Stimme):
Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott…
DIE MUTTER:
Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war hier.
JEREMIAS:
Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter… oh Qual und Marter der Träume… Sinn und Widersinn im Betruge… ich Narr, ich Narr meines Wahns!…
DIE MUTTER:
Was redest du… was ficht dich an…
JEREMIAS:
Nichts, Mutter, nichts… nicht achte meiner Worte…
DIE MUTTER:
Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir. Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was sorget dich?
JEREMIAS:
Nichts quält mich, Mutter… mich schwülte das Bett… Kühlung kam ich zu trinken…
DIE MUTTER:
Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die Qual!
JEREMIAS:
Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!
DIE MUTTER:
Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest dein Leben, daß du beginnest dein Werk!
JEREMIAS:
Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!
DIE MUTTER:
Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters Bild.
JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):
Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, nicht bräutlich nahet die Stunde!
DIE MUTTER:
Ich faß dich nicht.
JEREMIAS:
Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.
DIE MUTTER:
Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller im Frieden dies Land?
JEREMIAS:
Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus der Nacht.
DIE MUTTER:
Entsetzen… wie wüßtest du’s?…
JEREMIAS:
Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,
Da ich Gesichte beschaute des Nachts
Und irrging in Träumen.
Furcht und Bangnis fiel über mich,
Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,
Und gleich rissiger Mauer
Einstürzte mein Herz. –
Mutter,
Ich habe Dinge gesehen,
Wenn die stünden geschrieben,
Würde starren der Menschen Haar
Und der Schlaf fallen wie Asche
Von ihrem Gesicht.
DIE MUTTER:
Jeremias… was ist über dich…
JEREMIAS:
Das Ende nahet, das Ende,
Es fahret aus
Dräuend von Mitternacht,
Feuer sein Wagen,
Würgung sein Flug!
Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,
Schon bebt die Erde von Donner und Huf.
DIE MUTTER (im Entsetzen):
Jeremias!
JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):
Hörst du… hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah…
DIE MUTTER:
Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein Wind umspielet das Dach.
JEREMIAS:
Ein klein Wind?
Wehe, wehe!
Gewaltigen Rauschens
Wächst er empor,
Sturmwind von Gott.
Aus dem Geklüfte
Der Mitternacht
Kommt er gefahren,
Schrecknis schwingt er
Über die Stadt.
Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:
Schwert klirrt im Wind,
Räder rollt die rauschende Welle,
Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,
Krieger und Krieger, unendliche Scharen
Schüttet der Sturmwind über das Land.
DIE MUTTER:
Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!
JEREMIAS:
Es nahet, es nahet,
Fremd Volk,
Mächtig und alt
Aus dem Osten der Erde,
Unendliche Fülle
Rauschen sie an,
Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,
Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,
Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.
Und inmitten ausfähret
Mit blutiger Krone
Der Stürzer der Städte,
Der Zünder der Brände,
Der Zwingherr der Völker,
Der König, der König von Mitternacht.
DIE MUTTER:
Der König von Mitternacht… Du träumest… der König von Mitternacht.
JEREMIAS:
Den Er erweckte,
Den Er erwählte,
Als harten Vollstrecker
Härtesten Spruchs,
Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,
Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,
Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,
Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden
Und pflüge die Straßen Jerusalems.
DIE MUTTER:
Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS:
Es fällt!
Was Gott berennet,
Hat nicht Bestand!
Von untenher
Werden dorren seine Wurzeln,
Und von obenher
Geschnitten seine Frucht!
Mit der Axt und dem Brande
Wird der Reisige roden
Israels Forst und Zions Gefild.
DIE MUTTER (ausbrechend):
Es ist nicht wahr!
Du lügst! Du lügst!
Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!
Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
Ewig werden die ragenden Mauern,
Ewig die Herzen Israels dauern,
Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS:
Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende nahet, Israels Ende!
DIE MUTTER:
Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!
JEREMIAS:
Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen Gesichten!
DIE MUTTER:
Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu werde mein Schoß?
JEREMIAS:
Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den Gesichten.
DIE MUTTER:
Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!
JEREMIAS:
Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß ab von mir, Mutter, laß ab!
DIE MUTTER:
Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem Schoß.
JEREMIAS:
Zum erstenmal kündest du dies… zum erstenmal.
DIE MUTTER:
Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.
JEREMIAS:
Mich gelobet… Mutter!… auch du… auch du…
DIE MUTTER:
Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet. Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und tritt in den Tag.
JEREMIAS:
Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer mich gefordert…
DIE MUTTER:
Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede…
JEREMIAS:
Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung…
DIE MUTTER:
Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist du nicht, schreist du aus solchen Wahn!
JEREMIAS:
Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort, auch ich habe mich ihm gelobet…
DIE MUTTER:
So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du lobpreisest seinen Namen!
JEREMIAS:
Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen – selbst will ich das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias, auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich muß fort…
DIE MUTTER:
Wohin willst du vor Tag?
JEREMIAS:
Ich weiß nicht, Gott weiß es.
DIE MUTTER:
Doch sage, was planest du?
JEREMIAS:
Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!
DIE MUTTER:
Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du verschweigst deine Träume…
JEREMIAS:
Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!
DIE MUTTER:
… daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.
JEREMIAS:
Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!
DIE MUTTER:
Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.
JEREMIAS:
Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.
DIE MUTTER:
Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!
JEREMIAS:
Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.
DIE MUTTER:
So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der Schrecknis wirft über Israel, ich fluche…
JEREMIAS (schauernd):
Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!
DIE MUTTER:
Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.
JEREMIAS:
Nicht Fluch sprich… Mutter… vielleicht stößt Er mich unter ihn…
DIE MUTTER:
Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias… wähle!
JEREMIAS:
Ich… geh… meinen Weg… (Er beginnt mit schwerem Schritt zur Treppe zu treten.)
DIE MUTTER:
Jeremias… mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost… entweiche meinem Fluch… denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte mein Gelöbnis.
JEREMIAS:
Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl! (Er schreitet die erste Stufe hinab.)
DIE MUTTER (aufschreiend):
Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!
JEREMIAS:
Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite… ich fühl die Steine nicht, die ich trete… ich fühl einen Ruf nur… einen Ruf, der mich rufet… und ich folge dem Ruf…
(Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und verhalten, die Augen starr in den Himmel.)
DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung):
Jeremias!… Jeremias!… Jeremias!…
(Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten beginnt.)
II. Die Warnung
»Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz; wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«
Jer. XVIII, 8/9.
Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor des Tempels.
Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.
STIMMEN:
Der Wächter hat schon gerufen vom Turm… nein, noch nicht… doch, ich habe das Horn gehört… ich auch… ich auch… sie müssen nahe sein… von wo kommen sie… werden wir sie sehen…
ANDERE STIMMEN:
Vom Tore Moria kommen sie… hier müssen sie vorbei… sie gehen zum Palast… laßt die Gasse frei,… ja… ja… wir wollen sie sehen… weicht zurück… macht Raum… Raum für die Ägypter…
EINE STIMME:
Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?
EINE ANDERE STIMME:
Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.
STIMMEN:
Er hat den Boten gesprochen… erzähle… wie viele sind ihrer… bringen sie Geschenke… wer ist ihr Führer… was bringen sie… erzähle, Isaschar!
(EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)
ISASCHAR:
Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt. Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.
STIMMEN:
Es lebe Pharao… Ruhm seiner Herrschaft… Heil Ägypten!
EINE STIMME:
Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?
ISASCHAR:
Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.
STIMMEN:
Ruhm Pharao… Heil Zedekia… werden wir sie schauen… Heil Ägypten!…
EIN ALTER MANN:
Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige…
STIMMEN:
Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten… fort mit ihnen… was schmähst du Ägypten… ja, was wollen, sie… was bedeutet die Sendung… seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel… was wollen sie?
EINE STIMME:
Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von Abimelech.
STIMMEN:
Heil Abimelech, unser Führer… kein Bündnis… kein Bündnis mit Ägypten… kein Bündnis mit Mizraim… wider wen ist das Bündnis…
ISASCHAR:
Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie begehren unseres Beistands.
DER ALTE:
Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!
ISASCHAR:
Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!
STIMMEN:
Wir auch nicht… wir auch nicht… nieder mit Assur… zerbrechen wir das Joch… hüten wir uns…
BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch):
In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?
SEBULON (der Vater Baruchs):
Schweige… nicht dein ist die Rede… eine linde Knechtschaft ist Chaldäas Joch…
STIMMEN:
Aber wir wollen nicht länger Knechte sein… die Stunde der Freiheit ist gekommen… nieder mit Assur… verbinden wir uns Ägypten…
SEBULON:
Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen und gedulden.
STIMMEN:
Die Geräte des Tempels muß man schaffen… nicht länger soll Baal sich ihrer ergötzen… nieder mit den Räubern des Tempels… jetzt ist es die Stunde…
ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):
Sie kommen! Sie kommen!
STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):
Sie kommen… Raum… macht Raum… sie kommen… hier herauf… zurück hier… ich sehe sie schon… hier kannst du sie sehen…
(DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der lärmenden Menge leuchten.)
STIMMEN:
Wie stolz sie gehen… wer ist der Führer… Araxes ist es… die Geschenke… die Sänften… seht diese, sie ist verhüllt… die Tochter Pharaos muß es sein… heil Araxes… heil Ägypten… wie schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein… wir werden es zahlen müssen mit Blut… die Schwerter, seht die kurzen… die unsern sind besser… wie hochmütig sie gehen… gewaltige Krieger müssen es sein… es lebe Pharao Necho… es lebe Ägypten… heil… Gott strafe Assur… heil Ägypten… heil Araxes… es lebe Necho… Segen über Pharao… geheiligt unser Bund… heil euch… heil euch…
(DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der Ägypter.)
(DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)
BARUCH (von den Stufen herab):
Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!
STIMMEN:
Ja… ja… auf gegen Assur… zerbrechen wir das Joch… es lebe Necho… Segen über eure Ankunft… Rache für Zion…
ANDERE STIMMEN:
Zum Palast… geleitet sie zum Palast… zum Könige… er schließe den Bund… es lebe Araxes… Segen über Zedekia, unsern König… ein König der Knechte… nein… nein… Freiheit… auf zum Palast…
(DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)
BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):
Ich muß mit ihnen.
SEBULON:
Du bleibst!
BARUCH:
Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen, und nun ist die Stunde genaht.
SEBULON:
Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die Entscheidung.
BARUCH:
Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.
SEBULON:
Oft und oft noch wirst du’s erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.
EIN ANDERER:
Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht erschienen? Freunde sind Israel erstanden.
SEBULON:
Nie war Mizraim Israels Freund.
BARUCH:
Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.
SEBULON:
Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere Gewalt.
DER ANDERE:
Aber sie wollen für uns kämpfen.
SEBULON:
Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.
BARUCH:
Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia…
SEBULON:
Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu richten.
BARUCH:
Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet und groß gemacht unter den Völkern.
SEBULON:
Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.
BARUCH:
Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den Frieden, und wir wollen den Krieg.
SEBULON:
Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit und ein Schänder des Lebens.
BARUCH:
Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!
EINE STIMME:
Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.
STIMMEN:
Ungültig ist der Eid… er zerbreche den Schwur… kein Eid gilt den Heiden…
STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel):
Abimelech! Heil Abimelech… Abimelech, unser Führer… heil dir…
(DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger, und jubeln ihm zu.)
STIMMEN: Abimelech… ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet… raffe dein Schwert… auf, ziehe wider Assur… raffe Israels Kraft… wir sind bereit… wir sind bereit…
ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge): Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner Freiheit.
(DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)
ABIMELECH:
Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun, mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein Herz, Volk von Jerusalem.
DIE MENGE (jauchzend):
Auf gegen Assur… Krieg mit Chaldäa… heil Abimelech…
EIN KRIEGER:
Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers Gewand.
EINE STIMME:
Das ist nicht wahr!
DER KRIEGER:
Wer sagt, es sei nicht wahr?
EINE STIMME:
Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.
STIMMEN:
Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde… ein Gekaufter ist er… sein Weib ist eine Chaldäerin… sie hat gehurt mit allen Knechten Babels… Verräter…
DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):
Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?
DIE STIMME:
Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.
DER KRIEGER (auf ihn eindringend):
Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn Israel.
STIMMEN:
Sag es noch einmal… zerreißt ihn… Verräter… Verräter…
DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert):
Nicht das sagte ich… ich meinte… ich meinte, daß ihrer viele sind.
ABIMELECH:
Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.
STIMMEN:
Wer kann an wider uns… alle haben wir geschlagen… Moab zerschmettert und Ammon… Sanherib und seine Tausendmaltausend… die Philister und Amalek… Wer kann uns widerstehn… Tod über den, der uns schmäht…
(EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)
DIE MENGE (sie umdrängend):
Wohin eilet ihr… was bringt ihr… wen suchet ihr… was ist…
EIN BOTE:
Der König hat den Rat berufen.
STIMMEN:
Krieg… er beschließet den Krieg… Krieg…
ABIMELECH:
Wen hat er berufen?
DER BOTE:
Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein Ruf.
ABIMELECH:
Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!
DIE MENGE:
Heil Abimelech… Heil Abimelech… heil dir, du Gottesstreiter… heil…
(ABIMELECH eilt in den Palast.)
BARUCH:
Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern Willen erdonnern vor seinem Palast.
SEBULON:
Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und Ruhe muß sein um den Ratschluß.
BARUCH:
Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle wollen den Krieg.
STIMMEN:
Ja, wir alle… wir alle… schreit auf zu ihm…
EINE STIMME:
Nein, ich will keinen Krieg… ich will keinen Krieg…
STIMMEN:
Schweige… Verräter… noch ein Gekaufter… wer bist du… nieder mit ihm… wer bist du…
DER SPRECHER:
Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg, ich will nicht!
BARUCH (wild):
Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.
DER SPRECHER:
So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes, und er hat sie mir zu eigen gegeben.
BARUCH:
Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte, daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester, wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu Jerusalem?
STIMMEN:
Ja… die Profeten… wo sind sie, die Priester… wecket sie auf… sie versäumen die Stunde… wo ist Hananja…
BARUCH:
Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die Gottesmänner!
STIMMEN:
Ja… wo sind unsere Hirten… in ihnen ist die Wahrheit… Hananja… Pashur… wo sind sie… tut auf den Tempel… tut auf das Tor… Hananja… Pashur…
(EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür. Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)
PASHUR (der Hohepriester):
Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?
BARUCH:
Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket deinem Volke.
STIMMEN:
Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei… den Profeten rufe, daß er uns Wahrheit sage… aus den Büchern lies die Weissagungen… zum Könige sprich und zum Volke…
PASHUR:
Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?
BARUCH:
Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert. Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer Stimme.
STIMMEN:
Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren… Hananja… Hananja… wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser Stunde?… Ihrer sei die Entscheidung… Hananja…
PASHUR:
Was begehret ihr des Profeten?
BARUCH:
Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche Nabukadnezar und seine Knechte… Sein Wort soll wie Feuer über uns fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die Stunde, Gott fordert ihn.
DIE MENGE:
Hananja… wo ist unser Profet… Gott fordert ihn… Er erscheine… wir dürsten nach seinem Worte… Hananja… Hananja…
(HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)
(DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)
BARUCH (zu ihm empor):
Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede! Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande, mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen liegt Jerusalems Schicksal!
DIE MENGE:
Gieß aus Gottes Wort über uns… Die Verheißung verkünde… Sage, sollen wir ausziehen… Gottes Wille laß uns wissen… belehre dein Volk, du Bote des Herrn, belehre den König… oh, sprich die Verheißung… sieh unser Schwanken… erwecke unser Herz.
HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):
Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch Gotterweckten.
DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):
Höret ihn!… Erweckte sind wir… wahrlich, wie im Schlafe sind wir gelegen… sage, Meister, ist es Zeit… sag an, ist es die Stunde…
HANANJA:
Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte… wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre, Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet, denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen; er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet für ihn!
BARUCH:
Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht Gottes Joch!
DIE MENGE:
Zerbrechen wir das Joch… auf wider Assur… streiten wir gegen Nabukadnezar… zu den Waffen… werft auf das Panier… Sage, ist es Zeit, daß wir ausziehen… Krieg wider Assur… Sag, werden wir ihrer obsiegen?
HANANJA:
Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel, wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen, nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!…«
JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):
Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn –! Nicht höret auf ihn!
(DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der Stelle empor, wo Hananja spricht.)
STIMMEN:
Wer redet… wer ist dieser… was für Rede… was sagt er… wer ist er…
JEREMIAS:
Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden, tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller, nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!
PASHUR (sich aufrichtend):
Wer redet in der Menge?
HANANJA:
Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!
JEREMIAS (sich vorstoßend):
Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels Leben!
STIMMEN:
Wer ist er… ich kenne ihn nicht… es ist keiner von den Profeten… ich kenne ihn nicht… wer ist es…
EINE STIMME:
Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.
STIMMEN:
Wer ist Jeremias… wer ist er… was wollen die zu Anathoth in Jerusalem… der Sohn Hilkias ist es… wer ist er… was will er…
PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):
Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist es, Gottes Wille zu künden!
JEREMIAS:
Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit, er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume…
BARUCH:
Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!
HANANJA:
Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest vor dem Tempel?
STIMMEN:
Nein… er soll reden… wir wollen ihn hören… ein Wahnwitziger ist er… seine Träume soll er künden… erzähle… offen ist der Markt… frei ist Gottes Haus… sprich, Jeremias…
PASHUR:
Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß!
HANANJA:
Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte!
BARUCH:
Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.
STIMMEN:
Er soll reden… wir wollen ihn hören… nein, Hananja rede… Hananja… er ist vielleicht gesandt vom Herrn… sprich, Jeremias… warum ihn nicht hören… was hat er geträumt… in Träumen ist oftmals Verkündung… laß ihn reden, Hananja… man wäge ihre Worte… sprich, Jeremias…
JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):
Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr, der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf…
PASHUR:
Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.
HANANJA:
Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.
BARUCH:
Hinunter mit ihm!
STIMMEN:
Nein, die Träume wollen wir hören… was deuten sie… ein Irrwitziger ist er… ein Narr… fort mit ihm…
JEREMIAS:
Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig, daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!
BARUCH:
Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und Verrätern!
HANANJA:
Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel.
STIMMEN:
Nein… er redet recht… viel Wahres ist an seinem Wort… lasset ihn ausreden… die Träume… was für Verheißung… lasset ihn… auch ihn wollen wir hören…
JEREMIAS:
Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer? Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe, siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den Frieden!
SEBULON:
Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!
PASHUR:
Wie chaldäisch Gold!
STIMMEN:
Ja… er ist verkauft… nein, recht redet er… Friede… wir wollen den Frieden… ein Verräter ist er… ein Söldling von Assur… lasset ihn reden… nein, Hananja redet wahr… nur Hananja…
HANANJA:
Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes Erstling ist unter den Völkern.
BARUCH (auf Jeremias eindringend):
Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören: soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter!
STIMMEN:
Ja… ja… antworte… rede… sollen wir weiter zahlen… antworte.
JEREMIAS:
Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!
HANANJA:
Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du leugnen die Schrift?
JEREMIAS:
Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet, würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.«
STIMMEN:
Ja, so ist es geschrieben… er redet wahr… ja, so ist es geschrieben… weise ist sein Wort… nein, er drehet es zu seinem Sinne.
HANANJA:
Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!
JEREMIAS:
Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben.
BARUCH:
Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle meines Sinnes sind!
HANANJA:
Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen mit Ägypten.
STIMMEN (jauchzend):
In drei Monden… Heil Hananja… höret ihn… in drei Monden…
HANANJA:
Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.
BARUCH:
Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.
STIMMEN:
Israel über den Völkern… auf wider Assur… Krieg… Krieg… nein, Friede… Friede über Israel… Krieg… Krieg… für Assur spricht er… ein Verräter… sind die nur wahrhaft, die Krieg schreien?… gekauft ist er… übereilet nicht…
BARUCH:
Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!
EIN WEIB (Jeremias anspeiend):
Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns schändet! Krieg… Krieg wider Assur!
JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):
Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien wider mich und wider den Frieden…
STIMMEN (Weiber):
Wehe… wehe… höret den Fluch… unsere Söhne… wehe… wehe… der Furchtbare… wehe…
BARUCH:
Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter mit dir!
EINIGE KRIEGER:
Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!
HANANJA:
Sperrt ihm den Mund!
STIMMEN:
Fort… er verstört die Frauen… fort… genug Unheil gekündet… kalt ward mein Gebein, da er sprach… er schweige… schweige…
JEREMIAS:
Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem! Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken, Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre! Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden…
STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):
Ja… Gottes Friede über Israel… Verräter… Gekaufter… Gottes Friede über uns… meine Söhne will ich bewahren… Krieg… Krieg wider Assur… dem König die Entscheidung… ein Verräter… wir wollen in Frieden leben… feige ist er… gekauft… Krieg… Friede… Hananja sagt die Wahrheit… nein Jeremias… wir glauben ihm… recht redet er… Krieg… nein… zerbrechet das Joch… Krieg… Friede…
(EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes, eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.)
DIE STIMMEN DER NAHENDEN:
Verrat… Verrat… Verrat in Israel.
(DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)
STIMMEN:
Was ist geschehen… Abimelech… was ist ihm widerfahren… vom Könige kommt er… Abimelech… Zorn schattet seine Brauen… was ist geschehen.
ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):
Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern. Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und der König gab ihnen Gehör.
STIMMEN:
Nieder mit Nachum… Verrat… Imri der Greis… Verräter… Was ward beschlossen… was sagte der König… Friede, heil dem Frieden… Gottes Gericht.
ABIMELECH:
Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und bereden, eh er entscheidet.
JEREMIAS:
Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!
ABIMELECH:
Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.
BARUCH (ekstatisch):
Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel flammt!
PASHUR:
Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und Krämern.
HANANJA:
Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf, Israel, auf, in den Palast.
STIMMEN:
Auf! Zum Palast… Zum Könige… nieder mit den Greisen… zum Palast… zieh mit uns, Abimelech… auf.
PASHUR:
Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum Siege! Gott will es! Gott will es!
STIMMEN:
Auf… zum Könige… zum Palast… zum Sieg…
JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend):
Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!
STIMMEN:
Fort… Raum… Zum Palast… Was ruft er…
BARUCH (das Schwert ziehend):
Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!
HANANJA:
Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!
PASHUR:
Nieder mit dem Verräter!
JEREMIAS:
Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!
PASHUR:
Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!
JEREMIAS:
Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet Jerusalem!
PASHUR:
Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!
BARUCH:
Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!
JEREMIAS:
Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret…
DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend):
Auf… was zögert ihr… wer wehrt den Eingang… fort… zum Palast…
BARUCH:
Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!
JEREMIAS:
Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden!
HANANJA:
Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!
BARUCH:
Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu stoßen.)
JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme):
Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!
(BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)
(JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)
DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):
Mord… sie haben einen erschlagen… Mord… wer ist es… Jeremias… sie haben ihn erschlagen… wehe… warum Gewalt… warum schlägt man den Profeten… recht getan an den Lügnern… zum König… zum König!
(BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden Hand.)
HANANJA (ekstatisch über alle rufend):
Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset Jerusalem!
ABIMELECH:
Tod den Verrätern! Rache an Assur!
PASHUR:
Gott hat ihn gefällt!
HANANJA:
Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!
DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die Säulenhalle des Palastes flutend): Zum Könige… Israel über alle Völker… Krieg… Krieg mit Assur… nieder mit den Verrätern… zum Könige… Gott mit uns… Gott mit uns… nieder mit Assur… Freiheit… Freiheit…
(DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)
(JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg. Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.) (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach seinem Atem.)
BARUCH:
Jeremias… sprich, Jeremias… wenn noch Leben in dir ist!
(BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)
JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):
Die feurige Wolke ist gefallen… es brennt… es brennt… Feuer über der Stadt… es brennet uns an… wehe… wehe…
BARUCH:
Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische… still…
JEREMIAS (die Augen aufschlagend):
Wo… wo bin ich… wer… wer bist du…
BARUCH:
Halte dich still und laß deiner warten…
JEREMIAS:
Wer… wer bist du…
BARUCH:
Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen…
JEREMIAS:
Lasse mich… lasse mich… ich kenne dein Antlitz… aus deiner Stimme fuhr Haß wider mich… deine Augen brannten mich an… ich kenne dich… warst du es nicht…
BARUCH:
Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut… laß es mich stillen…
JEREMIAS:
Laß es fließen, laß es fließen… oh, daß einzig das meine strömte in Jerusalem… (sich aufrichtend): Wo… wo sind die andern… das Volk, wo… leer die Straße… der Markt… ah… im Palaste schon… bei dem König, daß sie ihn zwingen… wo… wo sind sie…
BARUCH:
Beruhige dich…
JEREMIAS:
Fort sind sie… zu spät… Fluch über dich, Fluch über dich, daß du mich fälltest… daß du brachst meine Knie… Oh Mörder mehr, als wenn du mich schlugest… nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels Blut… nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen… Zion zerstört… den Wächter hast du getötet, und sie wüten im Heiligtum des Herrn… auf… auf… laß mich… weg, du Mörder Israels…
BARUCH:
Was willst du?
JEREMIAS (fiebrig):
Auf… hilf mir auf… Du hast mich gefällt, so hilf mir empor… auf… raffe mich hoch… vielleicht ist es noch Zeit…
(JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)
JEREMIAS (aufschreiend):
Ah… ah… ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung… zu spät wird es… ich muß… ich muß… warnen… auf, um Jerusalems willen… stütze mich… ich muß zu ihm… es ruft mich… es ruft…
BARUCH (verwirrt):
Was willst du? Noch beben deine Knie…
JEREMIAS:
Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das Volk… hilf mir auf… ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es gellen in die Ohren der Vertaubten… auf… auf…
BARUCH (erstaunt):
Noch einmal willst du… noch einmal allein wider das Volk… in deinen Tod stürzest du dich…
JEREMIAS:
Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und Gottes Frieden… so hilf mir… hilf mir für mein vergossen Blut… noch dunkeln mir die Sinne… hilf… es gilt Jerusalem…
BARUCH (schaudernd):
Noch einmal willst du… noch einmal allein gegen alle… mächtig ist die Gewalt, die dich treibt, Jeremias… ich habe dich gesehen unter meinem Schwert, und dein Auge war klar… Jeremias… einen Feigen habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke… Doch ich sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod… Jeremias… ein Gewaltiges kündest du mir…
JEREMIAS:
Wenn du mich ehrest, so hilf mir… auf, stütze mich, daß ich wider sie schreite… daß ich rette Zion vor dem Verderben…
BARUCH (ihn stützend):
Ich… helfe dir… Jeremias… wider meinen Willen und meinen Glauben… denn Macht ist in dir, die mich zwingt… wie heiß dein Auge brennt im Willen… Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den sanften Frieden gefordert.
JEREMIAS:
Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit. Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.
BARUCH:
Nicht gehe… nicht gehe allein… nichts vermagst du wider sie…
JEREMIAS:
Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet. Auf… daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider den König… fort… hilf mir weiter…
BARUCH:
Laß mich… laß mich mit dir gehen… daß ich tue, wie du tuest… denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.
JEREMIAS:
Mit mir willst du gehen… war denn dein Wille nicht wider mich und dein Schwert?
BARUCH:
Zu stark warst du, da ich wider dich war… so will ich mit dir sein. Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn ich… ich glaube dir, Jeremias!
JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):
Du glaubst meinen Worten?
BARUCH:
Ich… glaube an dich… denn klar sah ich dein Auge unter meinem Schwert.
JEREMIAS:
Du… glaubst an mich… wider die Priester und Profeten, die mich verleugnen, wider Volk und Stadt?
BARUCH:
Ich glaube an dich… denn ich sah dein Blut für dein Wort.
JEREMIAS:
Du glaubest an mich… eh ich selber kaum glaube meinen Träumen… redest du wahr, du Knabe?
BARUCH:
Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen Willen tu ich in deinen Willen.
JEREMIAS (erschüttert):
Du glaubst an mich… Knabe… wer bist du? Mein Blut hast du gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen… der erste bist du, der mir glaubet… und noch weiß ich deinen Namen nicht.
BARUCH:
Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.
JEREMIAS:
Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein, Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.
BARUCH:
Ich will mein Leben nicht… Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.
JEREMIAS (bewegt):
Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling bist du und meiner Angst erstgeboren Kind… mit meinem Blute habe ich dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden… soll ich dich wahrhaft nehmen in meiner Bitternis…
BARUCH:
Nimm mich mit dir… nimm mich mit dir… um Jerusalems willen…
JEREMIAS (sich aufraffend):
Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das verwirrte… So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!
BARUCH:
Ich gehe mit dir… ich gehe mit dir…
(JUBELGESCHREI von nahe.)
JEREMIAS:
Wehe… wehe… wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.
BARUCH:
Sie kommen… sieh… aus dem Palast kommen sie…
JEREMIAS:
Ihnen entgegen… raffe mich auf… noch dunkeln mir die Sinne…
BARUCH:
Der König… der König ist unter ihnen… er hält das Schwert nackt in den Händen… zum Tempel ziehen sie…
JEREMIAS:
So raffe mich weiter… es ist Zeit…
BARUCH:
Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme… Hananja tanzt ihnen voraus wie David vor der Lade… sie haben obgesiegt… es ist zu spät… Weiche von ihnen, birg dich… es ist zu spät.
JEREMIAS:
Es ist nie zu spät… laß mich ihnen entgegen.
BARUCH:
Was willst du tun… mich laß es tun… ich bin jung und stark.
JEREMIAS:
Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert… ich will wenden des Königs Herz… zu ihm muß ich durch… zu ihm…
(DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)
STIMMEN:
Heil Zedekia… Israel über alle Völker… Krieg wider Assur… das Joch ist zerbrochen… es lebe Ägypten… Krieg mit Chaldäa… Vernichtung Nabukadnezar… zum Siege… zum Siege… heil dem Bund mit Ägypten… heil Zedekia… heil Abimelech… Sieg… Sieg…
HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):
Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der König den Bund wider Assur!
STIMMEN:
Heil dem Bunde!… Oh Tag der Verheißung… oh Ende der Knechtschaft… Nieder mit Assur… heil Zedekia… heil… Sieg… Sieg… Israel über alles… Gott ist mit Israel…
(DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen. Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.) (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt mitten aus ihr der Schrei):
JEREMIAS:
Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!
(DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich nieder.)
(DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)
JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):
Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel! Gottes Friede!
DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander):
Krieg… Krieg… Krieg mit Assur… wer redet… ein Gekaufter… nieder mit den Verrätern… Krieg… Krieg… Schlagt ihn nieder… Israel über alles… Krieg… Krieg…
(JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen, er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer ekstatischen Stimmen zum Könige.)
(DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten Stufen empor.)
III. Das Gerücht
»Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie verbrennen.«
Jer. IV, 14.
Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf-und Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch.
EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen):
Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.
EIN ANDERER:
Ja… auch ich habe es gehört… ein Bote ist gekommen…
EINE STIMME:
Unablässig kommen Boten in den Palast… das hat nichts zu bedeuten.
DER ZWEITE:
Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß.
DIE STIMME:
Den Boten hast du gesprochen?
DER ZWEITE:
Nein… Aphitor, den Schreiber des Königs… auch er sagte, eine Schlacht habe begonnen… eine große Schlacht…
DER ERSTE:
Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten gegen Nabukadnezar…
STIMMEN:
Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten… Ägypten ist mächtig… auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle… sie werden ihn strafen, den Hochmütigen…
EINER:
Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.
EIN ANDERER:
Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.
EIN ANDERER:
Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen…
EIN ANDERER:
Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!
DER ERSTE:
Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!
EINER:
Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld.
EIN ANDERER:
Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.
(EINIGE lachen.)
EINER:
Pharao wird sie vernichten.
STIMMEN:
Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne… lang lebe Pharao, unser Freund… es lebe Pharao, der Besieger… lang lebe Pharao… er kann nicht an wider ihn… es lebe Pharao…
ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd):
Was sagt ihr vom Pharao… was ists mit Pharao Necho…
EINER:
Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar…
STIMMEN:
Er wird sie besiegen… wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden sie vor ihm laufen… ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat angehoben… er wird sie besiegen… er wird uns befreien… es lebe Pharao… ewigen Ruhm über Pharao… eine Tafel des Gedenkens möge man ihm graben aus Gold… es lebe Pharao, der Besieger Assurs.
NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):
Was ists… was ist geschehen…
EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN:
Pharao hat Nabukadnezar besiegt.
STIMMEN:
Heil Pharao Necho… ist es wahr… ich muß heim, meinem Weibe es künden… heil Pharao Necho…
EINER:
Aber noch ists nicht gewiß!
ANDERE:
Wieso ist es nicht gewiß… willst du zweifeln… wie kann Baal wider unsern Gott… Gott ist mit uns…
EINER:
Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er streitet, ist Sieg… Keiner kann wider uns… keiner…
EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):
Wir haben gesiegt… Pharao hat Nabukadnezar geschlagen…
(DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)
STIMMEN:
Sie erzählen von Sieg… ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar geschlagen…
STIMMEN:
Ja, es ist wahr… noch nichts ist gewiß… ja, es ist gewiß… wer sagt es… alle sagen sie es… er hat es gehört… der Schreiber des Königs hat es gesagt… der König hat es gesagt… er hat es selbst gehört vom Könige… Pharao möge leben… es lebe unser Freund… ein Ende der Knechtschaft… es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels…
EINER:
Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten diesen Übermütigen!
STIMMEN:
Eine Schmach… nun sollen sie uns bezahlen… das Haus Jahves muß erneut werden… ein neues müssen wir ihm bauen… ja, ein neues… sie müssen es bezahlen zur Sühne… Salomos Palast muß erstehen… Salomos Haus…
EIN MANN:
Was ists? Was ist geschehen?
STIMMEN:
Wir haben gesiegt… Pharao hat Nabukadnezar geschlagen… Sieg… Sieg… wir haben gesiegt…
DER MANN:
Sieg, endlich Sieg, heil Pharao… ich muß es verkünden daheim… sie harren der Kunde… (wegeilend) Sieg… Sieg über Assur.
DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die Rufe werden lauter und lauter): Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen… heil Zedekia… nun müssen wir sie alle besiegen… Israel muß über allen Völkern sein… ein Brandopfer auf dem Altar… danket dem Herrn, daß er unsere Feinde geworfen… ja… ja… danket dem Herrn, Halleluja… Sieg über Assur… zum Tempel… zum Könige… daß wir mehr doch wüßten, mein Herz verzehrt sich in Ungeduld… von Gott war diese Erleuchtung über Zedekia… Hananja hat es geweissagt… Ja, Hananja… Hananja… sein war der Ruf… nun müssen wir wider Babel… ja, zerbrechen wir seine Mauern… die goldenen Geräte muß man holen… Sklaven müssen sie werden, unsere Sklaven… mein Herz hat gedürstet nach dieser Stunde…
EINER:
Ein Bote kommt vom Tore…
ALLE (wild in die Richtung stürzend):
Ein Bote… ein Bote… wer hat es gesagt… vom Blachfeld kommt er… was ist es… was bringt er… er wird uns berichten… wo ist er… wo…
(EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die Menge.)
STIMMEN:
Erzähle… er hat gesiegt… was ists mit Nabukadnezar… wieviel sind der Toten…
DER BOTE:
Los… laßt mich los… Raum… an den König geht meine Botschaft…
STIMMEN:
Sei nicht so grob… ein Wort nur… ein Wort… ist er geflohen… erzähle… laßt ihn frei… er muß zum Könige… ein Wort nur…
DER BOTE (sich ihnen entwindend):
Laßt mich frei!… laßt mich frei… ihr werdets bald erfahren… zum König… ich muß zum König… meine Botschaft ist eilig…
STIMMEN:
Was hat er gesagt… was ists… Die Botschaft sei eilig… was hat er gesagt…
EINER:
Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.
EIN ANDERER:
Das ist gut.
EIN DRITTER:
Warum gut?
DER ZWEITE:
Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?
STIMMEN:
Ja… das ist wahr… ja… ja… mit einem silbernen Schäkel zahlt ihm der König jedes Wort… ja… er eilt um den Botenlohn… er verkündet den Sieg… Sieg… Sieg… gute Nachricht… Sieg…
STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten):
Sieg… er verkündet den Sieg… Der Bote hat den Sieg verkündet… zerschmettert ist Assur… Sieg… Sieg…
EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend):
Was ist… was ists… was jauchzet ihr…
STIMMEN:
Sieg… Sieg… ein Bote ist gekommen… er hat Botschaft vom Siege gebracht… Nabukadnezar ist geschlagen… ein Sieg ist errungen… ein gewaltiger Sieg… danket Gott… Halleluja… nun ist es gewiß… Sieg… Sieg…
EINER:
Ein gewaltiger Sieg muß es sein.
EIN ZWEITER:
Sonst hätte er nicht so verborgen getan.
EIN DRITTER:
Man spart uns die Kunde.
STIMMEN:
Ja… ein gewaltiger Sieg… bald werden wir es hören… Tausende müssen gefallen sein… vielleicht Nabukadnezar selbst… Tausende… Zehntausende müssen es sein… ich habe es immer gesagt… heil Zedekia… ein weiser König ist er… Salomo…
EINER (sich durchdrängend):
Ist es wahr… Nabukadnezar ist gefallen… sie sagen es in allen Gassen…
STIMMEN:
Ja… tot ist der Bedrücker… nein… es ist noch nicht gewiß… ja… er hat es gesagt… der Bote… inmitten seines Zeltes haben sie ihn geschlagen… Zehntausende mit ihm… lobpreiset Gott… ja… ja… lobpreiset Gott… danket dem Herrn… der Bedrücker ist gefallen… Halleluja…
EIN ÄLTERER MANN:
Aber er sagte doch nur, der Bote…
STIMMEN:
Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch… ausrotten soll man diese Kleinmütigen… ich hab es gehört… ich auch… ich auch… er sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen… inmitten seines Zeltes, sagte er… nein, das hat er nicht gesagt… ja… nein… aber Sieg hat er gekündet… frei ist Israel… frei…
DER ÄLTERE MANN:
Aber ich stand doch neben ihm und hörte…
STIMMEN:
Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der Freude… kommt, legt Festkleider an… fort mit dir, du Schwätzer…
(EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)
STIMMEN:
Sieg… Sieg, Nabukadnezar ist gefallen… habt ihr es auch gehört… durch die ganze Stadt… ein Bote ist gekommen und hat es berichtet… ja, hier… hier hat er es erzählt… längst wissen wir es schon… länger als ihr… uns hat er es zuerst berichtet… nein… uns… uns… wir wußten es als erste!…
EINER:
Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die flennten und greinten, der Tempel werde stürzen…
EIN ANDERER:
Assur würde Zion besiegen…
EIN DRITTER:
Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern.
DER ERSTE:
Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem Profeten!
STIMMEN:
Ja… ja… nein, wir wollen warten… Freude und Ungeduld zehrt unser Herz… der König wird erscheinen… ja… ja… wer hat es gesagt… immer erscheinen die Könige nach dem Siege… er wird in den Tempel gehen… er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt es… ja… ja… bleiben wir… aber Zimbeln und Pauken laßt uns rüsten zum Siege… wie David hinter der Lade wollen wir tanzen… oh, Gott ward wieder gütig Jerusalem… den Reigen rüstet… den Reigen… die Frauen holt alle… die Bläser und die Lautenschläger… ja… ja… tuen wir also… allen erzählet vom Siege… ein Fest lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige… ja, wir gehen… ich bleibe…
(DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider, Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.) (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)
EINER (lachend):
Da… da kommt er… da seht hin… Jeremias…
ANDERE (übermütig):
Gegrüßt, du Verkünder!… der Profet kommt, lasset uns grüßen den Zerstörer Jerusalems… da ist er, der Schwätzer der Gasse… kommt… kommt mit…
(EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)
EINER (sich tief verneigend):
Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!
DIE ANDERN:
Gegrüßt du, Elia… heil dir, du Verkünder… Gruß dir, du Starkmutiger… heil Jeremias, dem Profeten!
JEREMIAS (stehen bleibend, finster):
Was heischt ihr von mir?
BARUCH (an ihm drängend):
Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen und Verhöhnung in ihrem Blick.
EINER:
Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!
DER ZWEITE:
Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen.
DER DRITTE:
Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen die Mauern Jerusalems.
JEREMIAS (hart):
Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und Krieg hängt über Israel.
DER ERSTE:
Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!
DER ZWEITE:
Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer.
DER DRITTE:
Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder?
DER VIERTE:
Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?
JEREMIAS:
Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei schon der Krieg, kaum daß er begonnen?
BARUCH:
Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit Rasenden spricht!
DER ERSTE:
Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!
DER ZWEITE:
Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen geschieht.
JEREMIAS:
Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.
DER ERSTE:
Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen!
DER ZWEITE:
Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!
JEREMIAS:
Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?
DER ERSTE:
Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.
DER ZWEITE:
Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.
DER DRITTE:
Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.
JEREMIAS (erschüttert):
Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht… treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!
DER ERSTE:
Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!
DER ZWEITE:
Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!
JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen): Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du, Gott, gesegnet!
DER ERSTE:
Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt unser Herz.
DER ZWEITE:
Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?
DER DRITTE:
Wen nunab betrügen, du Betrüger?
DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung):
Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume!
STIMMEN (durcheinander lachend):
Ja, erzähle uns, Elia… belehre uns wieder, du Allweiser… beglückt, der dir vertrauet… auch dein Knabe… beschläfst du ihn mit Weisheit… wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter dir… oh, erzähle uns, Jeremias… Unheil verkünde uns, viel Unheil, Jeremia… Berge von Unheil…
JEREMIAS (plötzlich ausbrechend):
Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran, spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und Überheben!
BARUCH (sich an ihn drängend):
Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!
EINER:
Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.
DER ZWEITE:
Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an dir jetzt das Schweigen.
DER DRITTE:
Nicht hören willst du’s, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben gesiegt!«
JEREMIAS (einen anfassend):
Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.
STIMMEN:
Ägyptens Sieg ist Israels Sieg… wir sind Israel… auch der Unsern waren dabei… wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist… es ist das gleiche… er will uns nur höhnen… seine Wut seht, daß wir siegten…
JEREMIAS:
Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht, nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht, und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten für euch und euren stinkenden Stolz!
STIMMEN:
Weh, daß sie siegten – habt ihr gehört?… er ist toll… Ihn lüstet nach Nabukadnezar… er trauert um Assur… weh, daß sie siegten… er heulet um Jerusalems Fall… Ohrenschmaus ist sein Zorn…
JEREMIAS:
Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen!
STIMMEN:
Kommt… kommt her… hört den Profeten… zerreißt die Kleider, denn wir haben gesiegt… streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist gefallen… heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset… trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg… Oh, Weisheit, oh, Jeremias!
JEREMIAS (immer mehr entbrennend):
Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen! Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares ist dir bereitet…
STIMMEN:
Es werden stürzen die Mauern… es werden weinen die Jungfrauen… wir kennen es schon… Zion wird sinken… oh, Jeremias, du Weisheit des Narren… wie unsere Freude ihn brennet… hört ihr wanken die Mauern?…
JEREMIAS:
Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget, schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote…
STIMMEN:
Geh heim, Jeremias… friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf unsere Freude… nein, hört ihn, er erheitert das Herz… sprich weiter… spei dich aus, du Verkünder…
EINE STIMME (von rückwärts):
Ein Bote… von Moria kommt er…
DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend):
Ein Bote… wo ist er… er bringt Nachricht vom Siege… führt ihn her… vom Siege bringt er Kunde…
JEREMIAS (erbebend im Schrecken):
Der Bote… der Bote…
EINE STIMME:
Vom Tore kommt er gelaufen… wie ein Trunkener wankt er von seiner Schnelle…
STIMMEN:
Wo ist er… hieher… hieher… was ist… erzähle… wann fiel er… hieher… hieher…
(DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor Erschöpfung keucht.)
STIMMEN:
Heil dir, Siegbringer… gegrüßt… gegrüßt… erzähle…
DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend):
Den Weg frei… ich… zum König… ich… ich muß…
STIMMEN:
Ein Wort nur… wie fiel Nabukadnezar…
DER BOTE:
Ist Irrwitz unter euch gefahren… was ist so viel Jubel in Jerusalem… rüstet euch, rüstet euch… laßt mich… zum König…
STIMMEN:
Was ist geschehen… ist Nabukadnezar denn nicht tot… Pharao hat ihn zerschlagen… was sollen wir rüsten…
DER BOTE:
Mit seiner ganzen Macht zieht er heran… Nabukadnezar… kaum entkam ich seinen Reitern… rüstet… rüstet… Wächter an die Mauern… ich… ich muß…
STIMMEN:
Wie… was sagt er… wer ist geschlagen… wo ist Pharao… Du bist verwirrt… gebt ihm Wasser… er lebt… es ist nicht möglich… wo ist Ägypten…
DER BOTE:
Wasser… ich kann nicht mehr… Ägypten ist geschlagen… Necho hat Friede gemacht… Tribut… Tribut… nun zieht er heran… Nabukadnezar… führt mich… ich kann nicht mehr… hinter mir seine Reiter… zum Könige…
(EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum Palast.)
STIMMEN (von rückwärts):
Was hat er gesagt… sind die Chaldäer geschlagen… was ist… warum schweigt ihr… was ist geschehen…?
DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und erschreckt aus der Stille aufzucken): Es ist nicht möglich… es darf nicht wahr sein… was… was hat er gesagt… ein Betrüger… er ist trunken… nein, er war erschöpft… die Reiter hinter ihm, hat er gesagt… es kann nicht sein… sie haben doch gesagt… er lügt… nein, nicht eines Lügners war sein Gebaren… was ist… was ist geschehen… was hat er gesagt… es kann nicht sein… Gott kann das nicht wollen…
EINE STIMME (laut):
Pharao hat uns verraten!
STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend): Ja… Pharao hat uns verraten… ja… ja… Fluch über Pharao… ein Bündnis geschlossen… Fluch Mizraim… Betrüger die Ägypter… sie haben uns verraten… Fluch Pharao…
EINE STIMME:
Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten.
STIMMEN:
Ich auch… ich auch… ja… ich auch… ich auch… wir alle… ich auch… ein Rohrstab ist Ägypten… weh, daß der König ihnen traute… ich habe widerraten… ich auch… ich auch… wir alle… Fluch über Pharao… was wird nun aus uns… wehe über Israel… mein Weib, meine Kinder… ich habe gewarnt… ich auch…
EIN MANN (hereinstürzend):
Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter…
STIMMEN:
Wehe… bei Hebron… in zwei Tagen umgürtet er die Stadt… wir sind verloren… nein… an die Mauern… wo ist der König… man schließe Friede… nein… es ist zu spät… sind wir besiegt denn… die Priester, wo sind sie… bei Hebron hat er gesagt… zu den Waffen… nein, Friede… Friede… zieht ihm entgegen… verloren sind wir… von je hab ich gewarnt…
EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt): Da… da seht hin…
STIMMEN:
Was ist… wer ist es… was habt ihr… was meinet er…
DER EINE:
Dort… dort sehet hin… von ihm geht es aus… er hat sie gerufen… er hat den Boten gekündet… er hat uns verflucht…
STIMMEN:
Wer… Jeremias… wer ist es… Jeremias, er hat uns verflucht… ja, er hat ihn gerufen… er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg… ein Gekaufter ist er… zerreißet ihn… nein, nicht rührt ihn an… er hat es gekündet… ein Profet ist er… ein Gekaufter… seht, wie er brütet…
DER EINE:
Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich. Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.
STIMMEN:
Ja… ja… ewig währet Jerusalem… tretet ihn tot… nein, weichet von ihm… Macht ist in ihm… weh, daß er uns fluchte… er ist alles Unheils schuld… ausreißt ihm die Zunge… nein, laßt ab von ihm…
(EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)
STIMMEN:
Ein Herold… ein Bote des Königs… Botschaft des Königs… schweigt… schweiget… höret ihn an… ein Bote…
(DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)
DER HEROLD:
Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!
DIE MENGE:
Ja… Gott ist mit Israel… Wir werden uns rüsten… ja… Gott ist mit uns… auf… zu den Waffen…
DER HEROLD:
Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet, den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!
DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):
Ewig währet Jerusalem… zu den Waffen… ich hole mein Schwert… auf wider Assur… lasset uns ermannen… auf… zu den Waffen… eilt, eilt… an die Wälle… in die Häuser… wir werden zerschellen ihre Macht… ewig währet Jerusalem!…
(DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung einer grauenhaften Stille weicht.) (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)
BARUCH (ihm nach):
Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!
JEREMIAS:
Allein muß ich… allein… zu ihm, daß er mich erleuchte… ein Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht, denn, Baruch… ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn… oh, daß es Gebrest nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes… Denn wehe, wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume… wehe…
BARUCH:
Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten ist über dir und ihre Gewalt!
JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden Händen): Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß er verstoße meine Verkündung und, Baruch – bete, bete mit mir, daß ich als Lügner erfunden werde an Jerusalem!
(JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)
IV. Die Wachen auf dem Walle
»Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: ›Wenn ich ein Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand fordern.‹«
Hesekiel XXXIII, 1.
Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern, laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.
Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen schimmert das Mondlicht.
Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse Ferne.
EINE FRAU:
Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht das letzte Schlafen in Stille.
EIN MANN:
Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde, wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe, und kann doch nicht fort – wie in einen Abgrund muß ich starren in die Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und die Lanzen wie Halme gesäet.
EIN ANDERER:
Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.
EIN ANDERER:
Wehe, sie wollen verweilen.
EIN ANDERER:
Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.
DER ERSTE:
Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.
DAS WEIB:
Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt.
EINER:
Samaria ist dort!
EIN ANDERER:
Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria genommen!
STIMMEN:
Wehe!… es ist nicht möglich… eine Feste ist Samaria, dreifach gegürtet!… ein Rasender bist du… Samaria ist es… ich sehe es… wehe… es ist nicht möglich…
EINER:
Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen…
EIN ANDERER:
Wehe… Unsere Türme… Jerusalem… Jerusalem…
EIN ANDERER:
Dort drüben sieh… dort drüben… eine neue Säule, rot greift sie den Himmel hinan… Gilgal ist das…
EIN ANDERER:
Meine Heimat… meiner Kinder Haus…
EIN ANDERER:
Mordbrenner sind sie… Fluch über Assur…
DER ERSTE:
Mizpah haben sie vertilgt und Saron… wie ein Sturm sind sie über das Land gefahren… furchtbar ist Assur in seinem Zorne.
EIN ANDERER:
Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.
STIMMEN:
Wer hat ihn begonnen… nicht wir… ich nicht… der König… die Priester… wir wollten in Frieden leben mit ihnen…
EINER:
Ägypten hat uns verlockt und verraten.
STIMMEN:
Ja, Ägypten… der Pharao… Fluch Pharao… sie haben uns verkauft… verlassen haben sie unser Elend… wo sind sie, die fünfzigtausend Bogenschützen… allein sind wir nun… verloren…
EINER:
Wehe… Jerusalem, Jerusalem… Deinen Feinden bist du gegeben, und deine Neider blecken die Zähne…
DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):
Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und schlaft. Wir wachen für euch!
EINER:
Wir wollen schauen, wie…
DER ERSTE KRIEGER:
Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen, ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.
EINER:
Aber sage uns…
DER ERSTE KRIEGER:
Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste ihr Maul. Fort… Herunter mit euch…
(DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im weißen Mondlicht.)
DER ERSTE KRIEGER:
Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden.
DER ZWEITE KRIEGER:
Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft nicht und hilft doch.
DER ERSTE KRIEGER:
Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.
DER ERSTE KRIEGER:
So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle.
(DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)
DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):
Hörst du?
DER ERSTE KRIEGER:
Was soll ich hören?
DER ZWEITE KRIEGER:
Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt. Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es dumpf an die Mauern.
DER ERSTE KRIEGER (hart):
Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!
DER ZWEITE KRIEGER:
Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
DER ERSTE KRIEGER:
Von jeher war es so.
DER ZWEITE KRIEGER:
Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?
DER ERSTE KRIEGER:
Die Völker begehren seiner um seinetwillen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
DER ERSTE KRIEGER:
Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht weiter.
DER ZWEITE KRIEGER:
Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?
DER ERSTE KRIEGER:
Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht meine Zunge.
(EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz. Schweigen.)
DER ZWEITE KRIEGER:
Weißt du etwas von den Chaldäern?
DER ERSTE KRIEGER:
Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat.
DER ZWEITE KRIEGER:
Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn, kennst du ihre Sitten und Lande?
DER ERSTE KRIEGER:
Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen, hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem, Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß wir redeten Herz zu Herz.
DER ERSTE KRIEGER:
Das darfst du nicht.
DER ZWEITE KRIEGER:
Warum darf ich das nicht?
DER ERSTE KRIEGER:
Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß?
DER ERSTE KRIEGER:
Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.
DER ZWEITE KRIEGER:
Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht klar.
DER ERSTE KRIEGER:
Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns befohlen, wir müssen gehorchen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?
DER ERSTE KRIEGER:
Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.
DER ZWEITE KRIEGER:
Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.« Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm wahrhafter denn mit der Feinde Blut.
DER ERSTE KRIEGER:
Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.«
DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):
Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!
DER ERSTE KRIEGER:
Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Aber ich frage…
DER ERSTE KRIEGER (hart):
Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen, nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten?
DER ZWEITE KRIEGER:
Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.
DER ERSTE KRIEGER:
Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur.
DER ZWEITE KRIEGER:
Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle.
DER ERSTE KRIEGER:
Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.
DER ZWEITE KRIEGER:
Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne.
(EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)
DER ZWEITE KRIEGER:
Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.
DER ERSTE KRIEGER:
Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!
DER ZWEITE KRIEGER:
Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. Tritt zurück in den Schatten!
DER ERSTE KRIEGER:
Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!
(DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.) (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. Der Krieger steht – von ihnen ungesehen – im Schatten wie aus Erz gegossen.)
BARUCH:
Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?
JEREMIAS:
Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.
(JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)
BARUCH (ängstlich):
Was starrst du so, was sprichst du nicht?
JEREMIAS (schauernd):
Der König… er ist gekommen… der König von Mitternacht (erregt nach Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum. Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich wach!
BARUCH:
Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.
JEREMIAS:
Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.
BARUCH:
Ich fasse dich nicht… wie zweifeltest du…
JEREMIAS:
Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr! Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt, und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir dawider und kein Schwert – oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!
BARUCH:
Meister, was redest du… nicht fasse ich den Sinn… sprich zu mir, daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.
JEREMIAS: Daß du es glaubest… Baruch, Baruch… wirst du wahrhaft glauben meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen… wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner Seele Siegel… denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will…
BARUCH:
Meister… der Glaube an dich ist mein Leben…
JEREMIAS:
So höre es, höre, was ich dir sage… (geheimnisvoll, leise) Dies alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all dies hab ich geträumt… Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu…
BARUCH (schauernd):
Ich höre dich… ich höre dich…
JEREMIAS:
Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch, ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende…
BARUCH:
Künde es, du Geweihter… ausrufe dein Wort…
JEREMIAS:
Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her…
BARUCH (schauernd):
Ich sehe den Feind… ich sehe die Zelte…
JEREMIAS:
Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!…
BARUCH (hingerissen):
Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!
JEREMIAS (immer fanatischer):
Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,
Da Tod ihnen unter die Lagerstatt
Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.
Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!
Oh, wie können, wie können
Sie so hindämmern, in Träumen verloren,
Da donnernd wider die Tempel und Tore
Schon Assurs Widder hämmern und rennen;
Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?
Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,
Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,
Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein
Gottes Gebot und Wille hinschrein?
BARUCH (ekstatisch):
Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf!
JEREMIAS:
Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!
Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,
Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,
Laßt eure Habe, laßt euer Haus,
Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,
Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!
Auf! Empor!
Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
Empor! Empor!
DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):
Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.
JEREMIAS:
Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem… Gottesstadt, errette dich…
DER ZWEITE KRIEGER:
Trunken bist du… fort mit dir… geh schlafen…
BARUCH (sich dazwischen werfend):
Ablasse von ihm!
JEREMIAS:
Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich, der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!
DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):
Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst… ich selbst bin die Wache… fort mit dir…
BARUCH:
Nicht rühr ihn an… den Erwählten des Herrn… den Profeten…
DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):
Bist du Hananja, der Gotteskünder?
BARUCH:
Jeremias ist es, der Profet!
DER ZWEITE KRIEGER:
Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn! Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks… ich will dir Verkündigung geben…
BARUCH (mit ihm ringend):
Laß ab von ihm… laß ab…
DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend):
Der König kommt… der König macht die Runde… schaff weg das Volk…
JEREMIAS:
Der König!… Segnung des Herrn… oh, sichtliche Deutung… Gott stößt ihn mir in die Hände…
DER ERSTE KRIEGER:
Fort mit euch… fort, ihr Schwätzer…
DER ZWEITE KRIEGER:
Hinab mit dir… da… fort… Da krieche unter und rühr dich nicht, sonst mach ich dich kalt…
DER ERSTE KRIEGER:
Weg… fort… der König kommt…
(JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.) (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde Blachfeld hinaus.)
DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):
Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?
ABIMELECH:
Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht trauen.
ZEDEKIA:
Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas.
ABIMELECH:
Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA:
Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den Worten…
ABIMELECH:
Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid.
ZEDEKIA:
Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick, tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!
ABIMELECH:
Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann den Frieden!
ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):
Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns. Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens und des Schlafes vielleicht für immerdar.
ABIMELECH:
Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!
DIE ANDERN:
Ewig währet Jerusalem!
DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):
Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch…
ZEDEKIA (zusammenfahrend):
Wer spricht? Wer spricht?
STIMMEN:
Wer redet… wer spricht…
DIE STIMME JEREMIAS:
Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!
ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):
Wer spricht da? Wer redet da?
DER ERSTE KRIEGER:
Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.
STIMMEN:
Sperr ihm das Maul… fort mit ihm… fort… ein Toller…
ZEDEKIA:
Nein… bring ihn vor… ich will ihn sehen… ich will sehen, daß ein Lebendiger solches sprach… denn zu furchtbar klang diese Stimme… mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte der Mauer das Wort…
(DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)
ABIMELECH:
Nicht laß dich verwirren, Herr… viele sind gekauft in der Stadt von chaldäischem Gold…
ANDERE:
Nicht höre ihn an… laß von der Mauer ihn werfen… Nicht mit den Verängstigten sprich…
(JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt, Jeremias vor den König gestoßen.)
DER ZWEITE KRIEGER:
Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn belauscht.
ZEDEKIA:
Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den Leuten. Ist es dieser?
STIMMEN:
Er ist es… Jeremias… Fluch über ihn… Unheil sprengt er aus… er vergiftet die Herzen… ein Lügner ist er…
BARUCH:
Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.
STIMMEN:
Wer bist du, daß du zeugest?… Du Knabe… nicht höre ihn… niederschlagen soll man solch Otterngezücht.
ZEDEKIA:
Schweiget… Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht…
(BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)
ZEDEKIA:
Tritt heran zu mir, Jeremias… Bist du es, der Israel verwirrt?
JEREMIAS:
Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.
ZEDEKIA:
Ich kenne deine Stimme… ich muß sie gehört haben… aus meinem Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich dich nie. Oder… Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor dem Palast…
JEREMIAS:
Ich war es, Herr!
ZEDEKIA:
Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war dein Ruf noch wach in meinem Herzen.
JEREMIAS:
Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.
DIE ANDERN:
Nicht höre auf ihn, König… ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes Wort… sprich nicht mit ihm…
ABIMELECH:
Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!
EINER:
Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den Feinden…
JEREMIAS (erschreckt):
Meine Mutter, sagst du…
ANDERE:
Ein Verräter ist er… nicht höre ihn, mein König… nicht höre ihn… nimm ihn fest…
ZEDEKIA:
Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten mit dem Willen…
JEREMIAS:
Du kannst es, Herr!
ZEDEKIA (zornig):
Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?
JEREMIAS:
Du kannst es, Herr, denn du bist der König.
ZEDEKIA:
Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.
JEREMIAS:
Es ist nie zu spät.
ZEDEKIA (noch zorniger):
Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie kann ich enden, was nicht begonnen?
JEREMIAS:
Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest, so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!
ZEDEKIA:
Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?
JEREMIAS:
Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!
ABIMELECH:
Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel… fort mit dem Zagherzigen…
ZEDEKIA:
Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?
JEREMIAS:
Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.
ZEDEKIA:
Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?
JEREMIAS:
Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König, der das Blut spart seines Volkes.
ZEDEKIA:
Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?
JEREMIAS:
Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie auf an sein Herz.
ZEDEKIA:
Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber lachen meiner Schmach.
JEREMIAS:
Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so beuge dich vor ihm!
ZEDEKIA:
Ich mich beugen?
JEREMIAS:
Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!
ZEDEKIA:
Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.
JEREMIAS:
Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt! Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore, tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest dich, denn daß Israel gebeuget werde.
ZEDEKIA:
In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben, als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir, weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!
JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):
Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein Gottesteil. Aber höre mich…
ZEDEKIA:
Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes…
JEREMIAS:
Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!
ABIMELECH:
Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!
DIE ANDERN:
Er hat den König gelästert… sperrt ihm das Schandmaul… die Mauer hinab… nicht fürchte des Rasenden Wort… Schaum steht um seine Lippe… ein Kranker ist er… hinab mit ihm.
(DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)
ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand am Herzen, sich wieder ermannend): Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst auf die Krieger falle.
ABIMELECH:
Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.
STIMMEN:
Man steinige ihn… ein Söldling ist er… er will die Stadt den Chaldäern preisgeben… laß ihn töten… er betet um unser Verderben…
ZEDEKIA:
Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich! Antworte mir frei!
JEREMIAS:
Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns erretten.
ZEDEKIA:
Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!
(JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)
ZEDEKIA:
Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft. Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben! Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache der Brüder, die starben für Jerusalem.
ABIMELECH:
Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.
(JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)
ZEDEKIA:
So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar, des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet Jerusalem!
DIE ANDERN (jauchzend):
Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!
ZEDEKIA:
So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod und kriech in dein Leben!
JEREMIAS (sich fassend):
Ich lasse nicht Jerusalem!
ZEDEKIA:
Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So flieh, daß du ihm entweichest!
JEREMIAS:
Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich stürze mit dem letzten seiner Steine.
STIMMEN:
Nicht dulde ihn bei den Kriegern… ein Verräter ist er… Verwirrung sprengt er unter die Krieger… jage ihn fort… nicht habe er länger Gemeinschaft mit uns…
ZEDEKIA:
Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!
JEREMIAS:
Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!
ZEDEKIA:
Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben verfallen.
JEREMIAS:
Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In seine Hände habe ich mich gegeben.
ZEDEKIA:
Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an, solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias): Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.
JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):
Nicht mich hüte ich… ich hüte Jerusalem…
ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):
Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!
(ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem sinnend Hinschreitenden langsam nach.) BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):
Rasch… eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft… Gottes Sendung ist über dir… eile, daß du ihn zwingest.
JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):
Wen… wen soll ich zwingen?
BARUCH:
Den König… eile ihm nach… entbrenne dein Wort, rette, rette Jerusalem!
JEREMIAS:
Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend): Oh, fort… fort… versäumt… verloren die heilige Stunde… von Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen Willen, und ich ließ ihn entgleiten… Blick in Blick war mir der Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein Wort… Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich mein Atem… Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich geschlagen… wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem Wort… Oh, Fluch der Nessel meiner Rede… Fluch der Distel meines Munds…
BARUCH:
Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein Wille!
JEREMIAS:
Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem… ein Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind…
BARUCH:
Nicht quäle dich, Meister… der Schmerz verwirret dich.
JEREMIAS:
So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei… was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich… von Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts… so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde… meine Warnung, wen warnete sie… nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt… nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens… Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein Lebendiger glaubet meiner Rede!
BARUCH:
Ich glaube dir, ich laß dich nicht.
JEREMIAS:
Du glaubest mir… noch immer… dann hör mein Wort… So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet… daß ihm darre die Zunge… daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis…
BARUCH:
Nein, ich weiche nicht von dir… Du bist der Große… Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.
JEREMIAS:
Nicht lobe mich, nicht lobe mich… mich verbrennet die Scham… was hab ich denn Jerusalem zum Heile getan… hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet… wo ist meine Tat… wem brachte ich Segen… wo schuf ich den Frieden… wo weckte ich den Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt…
BARUCH:
Wie sagtest du… einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von Nabukadnezar zum Könige?
JEREMIAS:
Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.
BARUCH (heiß):
Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen… aus deinem Atem… siehe, Jeremias, wisse… du heilig Verzagter… nicht dürr und fruchtlos ist dein Wort… fruchtend ist es mir in die Seele gefallen… in mir nun keimet Gottes Geheiß… ich danke dir, Meister, Erwecker… aus dem Dunkel hast du mich gehoben… meine Tat mir gewiesen… oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze… ich danke dir… ich danke dir.
JEREMIAS:
Was erglühest du so… Ich fasse dich nicht…
BARUCH:
Meine Tat… Sie ist es, die mir entglüht… Du hast mich befeuert… ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine… doch ich will ihn gehen für Jerusalem… lebe wohl, Meister… ich will würdig sein deines Rufes, lebe wohl.
JEREMIAS:
Wohin willst du?
BARUCH:
Lebe wohl, Meister… lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe, und fluche mir nicht, so ichs versäume… lebe wohl… lebe wohl… es gilt Jerusalem…
(BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)
JEREMIAS:
Was willst du an der Mauer… Baruch… wohin…
BARUCH:
Deinen Weg… lebe wohl… lebe wohl…
(BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)
JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):
Baruch, wohin gehest du… halt ein… sie werden dich fassen… die Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege… Baruch… Baruch… Was fliehst du von mir… Was lässest du mich allein… Baruch… Baruch… bleib bei mir in dieser Stunde…
DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):
Was rufst du da… was schreist du in die Nacht…
JEREMIAS (sich aufrichtend):
Ich rufe… ich rufe, und doch hört keiner auf mich…
DER ERSTE KRIEGER:
Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?
JEREMIAS:
Keiner ist mit mir… keiner ist mehr mit mir…
(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern, und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der Wachtruf: »Simson über sie«… »Simson über sie« durch die weiße Nacht…)
V. Die Prüfung des Profeten
»Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«
Jes. LIII.
Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte Diener.
JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges): Achab… hör, Achab…
ACHAB:
Leise!… Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr, eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!
JOCHEBED:
Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen beben der Stadt!
ACHAB:
Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone der Kranken.
JOCHEBED:
Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?
ACHAB:
Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.
JOCHEBED:
Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?
ACHAB:
Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.
JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):
Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern anrennen?
ACHAB:
Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang finde von Lärmen und Licht!
JOCHEBED:
Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren Sinn?
ACHAB:
Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie, doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.
JOCHEBED:
Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?
ACHAB:
Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.
JOCHEBED:
Jeremias… den Rasenden… den Geiferer der Gasse… sie selbst doch stieß ihn aus dem Haus.
ACHAB:
Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich düster in ihren Sinnen.
JOCHEBED:
Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der Würger der Freude?
ACHAB:
Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst, nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.
JOCHEBED:
So laß es ihn wissen.
ACHAB:
Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?
JOCHEBED:
Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.
ACHAB:
Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?
JOCHEBED:
Bei Gottes Güte, so mein’ ichs. Ihr Leben rettest du damit.
ACHAB:
So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es getan in meines Herzens Bedrängnis.
JOCHEBED:
Gesegnet, gesegnet dafür!
ACHAB:
Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den seinen!
JOCHEBED:
Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.
ACHAB:
Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie wie mit sich selber entzweit.
JOCHEBED:
Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!
(DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)
JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):
Achab… sie regt sich… der Schlaf fällt von ihr ab… noch sind ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort…
(ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)
DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner Gesang): Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein Sorgensohn?
JOCHEBED (flüsternd):
Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!
ACHAB:
Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.
DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):
Wo… Achab… Du bist es… Jochebed… oh, das Dunkel über mir… Traum, Traum, der mich verwirrte… wo…
ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):
Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?
DIE MUTTER:
Wie kann ich ruhen… wie ruhen in solcher Träume Schrecknis… wo ist er… war er nicht hier… wo ist er… ich hab ihn gesehen… was ging er fort…
JOCHEBED:
Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie der Traum.
ACHAB:
Wen meinst du, Liebe?
DIE MUTTER:
Fort… was ging er fort… was ließest du ihn von mir… hier war er, hier…
ACHAB:
Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich…
DIE MUTTER:
Nicht er… nicht er… oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus… (plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn nicht… er soll kommen… soll kommen…
ACHAB:
Wen soll ich rufen?
DIE MUTTER:
Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du rufst ihn nicht!
ACHAB:
Wie wagte ich…
DIE MUTTER:
Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden Knechten, von steinernen Herzen. Fort… fort von mir!
ACHAB:
Aber Liebe…
DIE MUTTER:
Verraten hast du mich… gesperrt ihm das Haus… gewiß war er hier, und du hast ihn fortgestoßen… er war hier… mein Blut spürt ihn an der Schwelle… er harrt nur des Rufes, und du schweigst… Du hast ihn weggestoßen.
ACHAB:
So höre doch, Liebe…
DIE MUTTER:
Weh über mich… fort… fort von mir… mögest du sterben wie ich, verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige…
ACHAB:
Ein Wort nur laß mich sagen.
DIE MUTTER:
Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da…
ACHAB:
Dies eben vermeld ich… er kommt… schon nahen dem Haus seine Schritte…
DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):
Er kommt… er kommt… mein Jeremias… oh, Achab… nicht belüge mich… nicht trüge den Tod…
JOCHEBED:
Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen… bald ist er hier…
DIE MUTTER:
Er kommt… Ist es wahr… er kommt… ja, schon höre ich ihn… in mir gehen seine Schritte… ich hör ihn im Haus… er will herein… im Herzen pocht er… hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab… was steht ihr noch…
ACHAB (beruhigend):
Du Liebe, gleich ist er bei dir… frühmorgens schon sandte ich die Söhne… er kommt gewiß…
DIE MUTTER (wieder erregt):
Nein… er kommt nicht… träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie ihn… sie streichen die Gassen… oh, eilten sie doch… das Dunkel… das Dunkel… im Blute steigt mirs auf… ich… ich will ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick… geh, Achab… sieh doch… er ist da…
ACHAB:
Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.
DIE MUTTER:
Laß ihn ein… was läßt du ihn warten… hörst du nicht, wie er hämmert am Tor… an den Schläfen fühle ichs schon… auf… tu ihm auf… wie er hämmert… weh… wie er hämmert mit den Fäusten… auf, tu ihm auf…
ACHAB:
Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang…
JOCHEBED:
Gleich wird er kommen… gedulde dich…
DIE MUTTER:
Nein, nein, er ist da… was haltet ihr ihn von mir… ich habe nicht Zeit… kalt rinnts mir die Glieder herauf… oh, kalt… wie Stein meine Beine… es will… es will…
(JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer Last gebeugt.)
ACHAB:
Nicht raff dich so auf… bette dich hin… er wird…
(ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht plötzlich im dunklen Raum.)
DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend): Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal… was schweigt ihr so? (Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen… ist er da, mein Kind, mein Sohn… mein Jeremia… oh, daß meine Sinne so dunkel sind… wo… wo bist du, Jeremia…
(JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)
DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):
Du bist da, ich fühl es… meine Sinne eratmen dich… weh, daß es so dunkelt vor meinem Gesicht… was trittst du nicht nah, daß meine Hände dich fassen… Was kommst du nicht, mein Jeremia?
JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft): Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht Schauer anstreife dein heilig Herz!
DIE MUTTER (fiebrig):
Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber, was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine Hand?
JEREMIAS:
Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!
DIE MUTTER:
Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich sehnen, was bist du so hart?
JEREMIAS:
Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie des Engels Schwert.
DIE MUTTER:
Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.
JEREMIAS:
Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst. Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den Verfluchtesten aller!
DIE MUTTER:
Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur heim an mein mütterlich Herz…
JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend): Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!
DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib. Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht):
Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
Und das Wort, das harte, das törige Wort,
Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.
JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):
Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?
DIE MUTTER:
Was mir fehlte, warst du allein,
All, was mich quälte, dein Fernesein.
Als hier vom Haus
Dein letzter Schritt im Gang verklang,
Da ward herzinnen mir so schwach,
Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
Als ich dich in die Welt gebar
Und vieler Monde volle Frucht
Aus meinem süß beschwerten Schoß
Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
Und fast das Herz mir stille stand,
Da es nicht mehr dies andre fand,
Das mit ihm schwang im Wechselspiel. –
Oh, jene Stunde banger Qual,
Da du zuerst dich mir entrafft,
Als neue Not und Mutterschaft
Durchlebt ich sie nun abermal,
Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.
JEREMIAS:
Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!
DIE MUTTER:
Und wenn ich so mit mir allein
Im leeren Haus verlassen lag,
Träumt ich dir all deine Träume nach.
Bei Tag
Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
Im grauen Gespind und Gebälk herum.
Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
Da regten sie sich,
Wie Eule, Unke und Fledermaus
Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
Sie schlichen
Und strichen
Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
Sie hockten
Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
Sie hackten
Und nagten
Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
Von Schauer und Traum
Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.
JEREMIAS:
Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
Die du um meinetwillen verwacht!
Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.
DIE MUTTER:
Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
Oh, höre, ich beschwöre dich,
Jeremias, verlaß mich nicht,
Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
Bleib da bei mir, Jeremia!
JEREMIAS:
Was fürchtest du… ich faß dich nicht…
DIE MUTTER:
Nicht lüge, nicht betrüge mich.
Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
Und wie in einer Schattenuhr
Ganz unmerklich
Der schwarze Zeiger Strich um Strich
Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
So steigt
Mit jedem wachen Atemzug
Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
Wie ich im wachen Blut einfrier.
JEREMIAS:
Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
Bedenke, nun sind
Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!
DIE MUTTER:
Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
Ach, daß ichs vermöchte,
Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
Wie friedsam sollte dies Leben sein!
Mit lindem Gang
Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
Und zur Nacht
Säß ich ob deinem Schlummer wach
Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
Ich horchte in deines Atems Getön,
Ob still er weht
Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
So weckte ich dich,
Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.
JEREMIAS:
Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.
DIE MUTTER:
Du träumst nicht mehr?
JEREMIAS:
Ich träume nicht mehr.
Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
Nicht mehr wallen
In meinem Blut die Gesichte um,
Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.
DIE MUTTER (ekstatisch):
Jeremia! Du träumst nicht mehr?
Oh, wie gut! Oh, wie gut!
Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
Was ich dich lehrte von Anfang an:
Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
Ewig werden die ragenden Mauern,
Ewig die Herzen Israels dauern,
Ewig währet Jerusalem!
JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach): Nie wird… ein Feind… unsere Stadt… umwallen?…
DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):
Was schrickst so jäh,
Was blickst du so blaß?
JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):
Nie wird… ein Feind… unsere Stadt umwallen…
DIE MUTTER:
Jeremia, sprich,
Was ist dir geschehn,
Was krampfst du die Hand,
Was birgst du den Blick?
Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
Und ihr,
Achab, Jochebed,
Was winkt ihr ihm ab,
Was blinkt ihr ihm zu,
Jeremia, Jeremia,
Sage mir, sage, was ist geschehn?
JEREMIAS (sich fassend):
Nichts, Mutter… nichts… nicht errege dich.
Mir war
Nur dein Wort so fremd… so sonderbar.
DIE MUTTER:
Nein!
Euer Blick
Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
Fürchterlich, fürchterlich
Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
Ich spür
Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.
JEREMIAS (stammelnd):
Nichts, Mutter… nichts… verbergen wir dir.
DIE MUTTER:
Was belügt ihr mich,
Was betrügt ihr mich?
Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
Noch geht der warme Atem von mir,
Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.
JEREMIAS:
Mutter… du fieberst… Wahn hält dich umkrallt,
Deine Schläfen sind Feuer… deine Hände so kalt…
DIE MUTTER:
Was biegt ihr mir aus,
Was schließt ihr mich ab?
Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
Warum, oh warum
Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
Warum ist alles so dunkel und stumm?
Wie in einen Sarg
Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
Warum, warum
Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?
JEREMIAS:
Mutter… Mutter… bette dich hin…
Nicht wirf dich hoch… beruhige dich…
Meine Hände fühle… ich bin doch bei dir…
DIE MUTTER:
Ich lebe… ich lebe… ich lebe noch,
Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
Fürchterlich Wachen kommt über mich.
Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
Oft
Hörte ich Dröhnen
Von Rossen und Wagen,
Ein Tönen,
Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
Und ich lag
Von Grauen umdrängt
Und meinte,
Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
Doch jetzt
Bin ich wach,
Grauenhaft wach,
Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
Ich weiß,
Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
Wehe, Krieg ist in Israel!
JEREMIAS:
Mutter! Mutter!
DIE MUTTER:
Jeremia,
Jeremia, sprich,
Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
Sag,
Ist er gekommen,
Den du verkündet,
Der König, der König von Mitternacht?
JEREMIAS:
Du träumst, Mutter, du träumst.
JOCHEBED (flüsternd):
Leugne es ihr… um ihres Lebens willen leugne es ihr…
DIE MUTTER (im Fieber):
Weh, die Fanfaren,
Wie sie dröhnen und schallen!
Er ist da, er ist da,
Der reisige König von Mitternacht!
Krieg ist in unsere Länder gefallen,
Feind kommt gefahren
Unendliche Scharen.
Weh, wie sie stürmen!
Es knicken die Mauern,
Es brechen die Tore
Gewaltig entzwei.
Verloren… verloren
Israels Stadt und heiliges Haus.
Die Mauer begräbt mich,
Die Mauer erschlägt mich.
Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
Rette mich, rette!
Wohin
Soll ich entfliehn?
Jeremia… wo bist du… Jeremia,
Hebe mich fort… trag mich hinaus!
JEREMIAS (bei ihr kniend):
Mutter, Mutter, unseliger Wahn
Hält dich umkettet,
Mutter, Mutter, höre mich an!
DIE MUTTER:
Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
So schwöre mir, schwöre,
Daß es nicht wahr ist.
Schwöre mir, schwöre,
Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
Schwör mirs, beschwöre,
Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!
JEREMIAS (erschreckt):
Es wird… es wird… Gott wird gnädig sein
Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.
DIE MUTTER:
Jeremia,
Sage mir, sage,
Bin ich wach oder wirr,
Ist Feind vor den Toren
Oder seligen Friedens voll unsere Welt?
(JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)
ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):
Täusche sie… sprich doch… eh sie vergeht.
Siehst du denn nicht,
Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
Schatten des Todesengels hinweht?
Die Angst… die Schrecknis… scheuch ihr sie fort…
JOCHEBED:
Sprich ihr zu… sonst wird es zu spät…
Ein Wort nur… ein Wort,
Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.
JEREMIAS (mit sich ringend):
Ich… kann nicht… ich kann nicht.
Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
Es hält mir einer die Seele umschnürt…
DIE MUTTER:
Wehe,
Er schweigt,
Oh, wahr, es ist wahr!
Gott hat sein eigenes Volk geschlagen…
Jerusalem… Fluchtag, der mich gebar…
Das Dunkel… wehe… das Dunkel steigt…
Brand überm Land… die rasende Glut…
Weh, ich verbrenne… rettet mich fort…
ACHAB (gleichzeitig):
Ein Wort… ein Wort nur sprich… nur ein Wort.
JOCHEBED:
Tröste sie… tröste sie… eh sie vergeht… Ein Wort nur… ein Wort… sieh, wie sie verschmachtet.
JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):
Ich… kann es nichtsagen… das Wort…
Er läßt nicht… Er… Mir die Kehle verdorrt…
Die Hand… die grausame Gotteshand…
Mir… die Seele geschnürt… die Kehle umspannt…
Gott… Gott, gib mich frei… gib mich frei…
DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):
Verloren… weh
… wehe… ich brenne… Mord im Gezelt…
Hilfe… die Stadt… der Tempel… Gott fällt…
Gott ist gefallen… verloren… die Flammen Gehennas…
Ins Herz… bis ins Herz… oh, Jerusalem…
(Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.) (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die Tote.)
JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend): Es ist nicht wahr:
Ich log, ich log,
Ewig währet Jerusalem,
Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
Ewig währet Jerusalem!
ACHAB (im Zorn):
Weg,
Du schreist sie nicht wach!
Laß ihr den Frieden!
JEREMIAS:
Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
Eh es zu spät ist!
ACHAB:
Es ist zu spät!
Weg
Von ihrer Stille,
Fort aus dem Gemach,
Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
Fort,
Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
Da,
Sieh nur, wie starr
Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
Und du hast
Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
Du Gottverfluchter… weg… laß ihr den Frieden…
Der du sie selber gemordet hast.
JEREMIAS (stammelnd):
Laß mich… ich will…
JOCHEBED:
Fort, du Aussatz
Von den Gerechten,
Fort aus dem Haus!
Wehe, warum
Ließ sie dich ein?
Weg, du Verfluchter,
Rühr nicht die heilige Stille an
Und den Tod, den du ihr angetan.
JEREMIAS (zusammenbrechend):
Ewig verflucht,
Ewig verstoßen,
Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
Gott… Gott… es ist hart, dein Bote zu sein!
(ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des Todes.) (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)
ACHAB:
Wer dringt heran?
JOCHEBED:
Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.
ACHAB:
Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!
JOCHEBED:
Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!
(Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)
SEBULON:
Hier muß er sein.
EIN KNABE:
Ich sah ihn eingehn ins Haus.
STIMMEN:
Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du befahlst… ich auch… ich hab ihn gesehn.
ACHAB:
Wen sucht ihr?
PASHUR:
Gib ihn heraus, den du birgst!
SEBULON:
Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!
ACHAB:
Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte…
PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst): Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann wendet er sich und tritt schweigend zurück.)
DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):
Gelobt sei der ewige Richter…
EINER (leise):
Wer starb?
ACHAB:
Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie einen Feind ihrem Volke gebar.
EINER:
Jeremias!
SEBULON:
Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!
JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem Zorne): Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme, daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!
SEBULON:
Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?
JEREMIAS (abwesend):
Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.
SEBULON:
Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret, diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten des Unheils und verleitet zur Schande.
HANANJA:
Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!
JEREMIAS:
Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort müßte fahren zu Gott!
STIMMEN:
Er schweigt… er redet wirr, daß man ihn nicht fasse… Haltet Gericht… nicht gebet ihn frei… Pashur, Hananja… Ein Ende machet mit ihm… haltet Gericht…
HANANJA:
Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?
SEBULON:
Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an der Mauer, daß er überliefe zum Feind!
HANANJA (zu dem ersten Krieger):
Bist du des zu zeugen erbötig?
DER ERSTE KRIEGER:
Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes…
SEBULON:
Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!
DER ERSTE KRIEGER:
Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut Untergang, daß mir das Herz ergrimmte…
HANANJA (zu den andern):
Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!
DER ERSTE KRIEGER:
… und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte und blieb.
SEBULON:
Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich ihn und der Schmach über mein Haus.
PASHUR:
Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
So nennest du keinen Zeugen?
JEREMIAS (dumpf):
Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.
PASHUR:
Wird er sich erweisen zur Zeit?
JEREMIAS:
Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!
HANANJA:
Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!
STIMMEN:
Er leugnet nicht… überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.
PASHUR:
Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu Einspruch und Widerrede!
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.
JEREMIAS (schweigt).
STIMMEN:
Er verbirgt sich… brich seinen Trotz… ein Ende, mach ein Ende…
HANANJA:
So leugnest du deine Verheißung?
JEREMIAS (schweigt wie abwesend).
HANANJA:
Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum ersten Male schweiget er!
JEREMIAS:
Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh, daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet von mir und verstört nicht meinen Frieden!
SEBULON:
Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich, gerecht Gericht.
HANANJA:
Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!
STIMMEN:
Tod über ihn… befreie uns von seiner Nähe… tilg ihn aus… Sprich deinen Spruch…
PASHUR:
Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal rufe ich dich.
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen, nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel…
JEREMIAS:
Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!
PASHUR:
In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.
JEREMIAS:
Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet das Grab!
PASHUR:
Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!
STIMMEN:
Gerechter Spruch… gesegnet deine Weisheit… fort… hinab… schleifen wir ihn fort… die Seile holt… die Seile… daran wir ihn niederlassen.
JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):
Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh, wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten Bruder zu sein – fort – weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!
(JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, ihm vorsichtig nachzufolgen.)
HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):
Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! Ewig währet Jerusalem!
(JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)
DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit): Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt… ein Verhängnis war er… man verbrannte an seinem Blut… oh, daß nun doch Frieden würde… Friede in Israel… hinab mit ihm, daß versiegelt sei dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung… daß doch nun Friede würde in Israel…
(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)
VI. Stimmen um Mitternacht
»Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«
Jer. VI, 4.
Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.
(ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.) (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)
DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):
Mein König!
(ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)
DER KNABE:
Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat vor dich zu rufen.
ZEDEKIA:
Sind alle versammelt?
DER KNABE:
Alle, so du entboten.
ZEDEKIA:
Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?
DER KNABE:
Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.
ZEDEKIA:
Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?
DER KNABE:
Er harrt in der Halle der Türhüter.
ZEDEKIA:
Er möge warten. Erst rufe den Rat.
(DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und entschwindet.)
ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus): Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie, sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben, doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich, und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehn!
(DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)
ZEDEKIA:
Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede. Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!
(ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in Pashurs Hand.)
ZEDEKIA:
Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn. Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands, daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände. Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.
HANANJA (heftig):
Gott ist mit uns!
(DIE ANDERN schweigen.)
ZEDEKIA (sehr ruhig):
Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu enden.
HANANJA:
Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein Doppeltes tun als bisher…
NACHUM:
Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.
HANANJA:
Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die du birgst vor den Altären.
NACHUM:
Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu säugen, und als Zehrung den Kranken.
HANANJA:
Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.
PASHUR (ernst):
Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.
HANANJA:
Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.
PASHUR:
Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren, Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und Wille.
HANANJA:
Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, vor sein Antlitz zu treten…
ZEDEKIA (heftig):
Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech, den Obersten meiner Krieger.
ABIMELECH:
Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein Herz.
ZEDEKIA:
Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr die Schilde und wahren den Blick.
ABIMELECH:
Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die Mauern Jerusalems.
ZEDEKIA:
Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.
ABIMELECH:
Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.
ZEDEKIA:
Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher Art?
PASHUR:
Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.
ZEDEKIA:
Und was ist dein Wort, Hananja?
HANANJA:
Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit der Schärfe des Schwerts.
IMRE:
Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen, die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!
ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:
Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA (nach einer Pause):
Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?
NACHUM:
Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.
ZEDEKIA:
Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt, willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!
NACHUM:
Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein ganzes Brot erhalte des Tages.
(ALLE schweigen betroffen.)
ZEDEKIA:
Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und Vieh in die Mauern treiben?
NACHUM:
Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.
ZEDEKIA (nach einer Pause):
Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden sparen.
NACHUM:
Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.
ZEDEKIA:
Und wie lange… meinest du… könnten wir ausharren… mit unserer Zehrung…
NACHUM (leise):
Drei Wochen, Herr, – zum längsten.
(ALLE schweigen wieder betroffen.)
ZEDEKIA:
Drei Wochen… und dann?
NACHUM:
Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.
(ALLE schweigen wieder.)
HANANJA (erregt):
Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel. Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie darben für den Herrn.
ABIMELECH:
Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf nicht darben.
HANANJA:
Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.
ABIMELECH:
Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern, die Luftbläser und Wortemacher.
NACHUM:
Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei Sabbate mehr.
PASHUR:
Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von unserer Not.
ZEDEKIA:
Und wenn er es wüßte bereits?
NACHUM:
Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not, nicht Nabukadnezar.
ABIMELECH:
Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.
ZEDEKIA:
Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden zwischen unsern Völkern.
HANANJA:
Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!
ABIMELECH:
Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!
PASHUR:
Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen, sobald er unsere Botschaft gehört.
ZEDEKIA:
Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen, doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des Geheimnisses nutzen.
NACHUM:
Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.
ABIMELECH (erbittert):
Keine Gnade! Lieber den Tod!
PASHUR:
Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!
HANANJA:
Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens…
IMRE (mühsam):
Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König. Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.
ABIMELECH:
Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.
PASHUR:
Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.
ZEDEKIA:
Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!
(ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)
NACHUM:
Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!
HANANJA:
Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!
ABIMELECH:
Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!
PASHUR:
Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?
ZEDEKIA:
Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus, Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!
(ALLE schweigen.)
PASHUR:
Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig Schicksal trägt.
ZEDEKIA:
An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.
NACHUM:
Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.
IMRE:
Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.
ABIMELECH:
Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.
ZEDEKIA:
Und ihr, Pashur und Hananja?
PASHUR:
Man höre ihn!
(HANANJA schweigt, wendet sich ab.)
ZEDEKIA:
Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:) Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.
(BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?
BARUCH:
An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.
ZEDEKIA:
Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den andern:) Fraget ihn aus.
HANANJA (höhnisch):
Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs…
ABIMELECH (hart unterbrechend):
Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?
BARUCH:
Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.
ABIMELECH:
Unseres Blutes nennst du dich?
BARUCH:
Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner Väter Haus.
ABIMELECH:
Ist einem Kenntnis dieses Mannes?
PASHUR:
Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.
ABIMELECH:
Wie fielest du in des Feindes Hand?
BARUCH:
Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich von den Schultern her und griffen mich.
ABIMELECH:
Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir gegeben, gesiegelte Schrift?
BARUCH:
Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)
ABIMELECH:
Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.
BARUCH:
Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«
ABIMELECH:
Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu haben elf Monde lang.
BARUCH:
Und er sagte ferner – die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«
NACHUM:
Milde dünkt mich die Botschaft.
PASHUR:
Zu milde, als daß ich ihr traute.
ZEDEKIA:
Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?
BARUCH:
Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße tun und deiner Hoffart.«
ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):
Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?
BARUCH:
Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken…«
ZEDEKIA (auffahrend):
Ein Joch?
BARUCH:
»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«
ZEDEKIA:
Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt. Niemals! (Er steht auf.) ABIMELECH:
Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)
(DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)
NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):
Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?
PASHUR:
Hundert Schritte kaum sind es… nicht mehr…
IMRE:
Nicht siebenzig sind es… nicht siebenzig…
ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):
Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid ihr…
PASHUR:
Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, was sein Herz ihm gebietet.
ZEDEKIA:
Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach eurem Herzen.
NACHUM:
Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König. Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.
PASHUR:
Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.
ZEDEKIA:
Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, Hananja?
HANANJA:
Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!
ZEDEKIA:
Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?
ABIMELECH:
Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein Wille!
ZEDEKIA:
Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß ich unter das Joch trete für Israel?
(ALLE schweigen. Dann sagt:)
NACHUM (als erster):
Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.
IMRE:
Für die Stadt und das Land.
PASHUR:
Für den heiligen Tempel und den Altar.
HANANJA:
Für Gott, der es heischt von dir.
(ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)
ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich): Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.
(ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)
ZEDEKIA:
Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?
PASHUR (ergriffen):
Ich schwöre es, mein König.
IMRE, HANANJA, NACHUM:
Wir schwören es.
ABIMELECH:
Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!
NACHUM:
Ewiges Gedenken dem König Zedekia.
ZEDEKIA:
So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!
ALLE (begeistert):
Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA (zu Baruch):
Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia, der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das köstliche Wort: Friede.
BARUCH (unruhig, leise):
Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines noch heischt er von uns.
ABIMELECH (auffahrend):
Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?
BARUCH:
Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.
ZEDEKIA:
Was fordert sein Stolz noch mehr?
BARUCH:
Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne. Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote, nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte Nabukadnezar.
PASHUR:
Niemals! Niemals!
HANANJA:
Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!
PASHUR:
Lieber in Staub den Tempel als entweiht!
IMRE (bestürzt):
Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!
PASHUR:
Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König, sende ihn heim!
HANANJA:
Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!
NACHUM:
Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu erwägen.
ABIMELECH:
Tausend Tode lieber als diese Schmach.
PASHUR:
Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!
HANANJA (wild):
Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!
IMRE:
Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort! Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!
PASHUR:
Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?
IMRE:
Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben. Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?
HANANJA:
Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.
NACHUM:
Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König, errette Jerusalem!
HANANJA:
Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!
ZEDEKIA:
Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet, entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im Bösen oder im Guten.
IMRE:
Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.
HANANJA:
Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.
PASHUR:
Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!
NACHUM:
Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.
ZEDEKIA:
Und du, Abimelech?
ABIMELECH:
Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.
ZEDEKIA:
Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?
PASHUR:
Gott wird dich erleuchten!
ZEDEKIA:
Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte finde!
NACHUM:
Unsere Liebe ist mit dir, mein König!
ZEDEKIA:
Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!
PASHUR:
Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe du entschieden. Ich harre vor dem Altare!
HANANJA (im Abgehen):
Gedenke Gottes!
NACHUM (gleichfalls):
Gedenke der Stadt!
IMRE:
Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!
ABIMELECH:
Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.
(ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)
BARUCH (leise):
Soll ich mit ihnen, mein König?
ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):
Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!
(BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich scharf um.)
ZEDEKIA:
Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?
BARUCH:
Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.
ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):
Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder im geheimen?
BARUCH:
Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war gegenwärtig und sein Vertrauter.
ZEDEKIA:
Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?
BARUCH:
Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.
ZEDEKIA:
Und da er drohete, wie war er?
BARUCH:
In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte seines Zorns.
ZEDEKIA:
Und frug er dich nach mir?
BARUCH:
Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es nicht.
ZEDEKIA:
Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) Keine Frage hat er getan nach mir?
BARUCH:
Nein, mein König.
ZEDEKIA:
Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?
BARUCH:
Morgen neut sich der volle Mond.
ZEDEKIA:
Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an Nabukadnezar! Melde ihm…
BARUCH (erschreckt):
Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!
ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):
Was erkühnst du dich?
BARUCH (flehend):
Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der Botschaft.
ZEDEKIA:
Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern Worte zu bringen. Und ich befehle dir… Warum zitterst du?
BARUCH:
Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.
ZEDEKIA:
Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?
BARUCH:
Nicht ihn fürchte ich – ich fürchte die Botschaft.
ZEDEKIA (erstaunt):
Was fürchtest du?
BARUCH:
Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, rette, rette die Stadt!
(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)
BARUCH:
Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!
ZEDEKIA (grimmig):
Tu auf die Tore, tu auf dein Herz – ich kenne dieses Wort. Nicht du sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider mich…
BARUCH:
Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.
ZEDEKIA:
Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden zu holen?
BARUCH:
So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.
ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):
Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!
BARUCH:
Niemand hat mich sie geheißen.
ZEDEKIA:
Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.
BARUCH:
Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.
ZEDEKIA:
Wer ist dieser, der dir gebietet?
BARUCH (ausflüchtend):
Mein Lehrer, mein Meister.
ZEDEKIA:
Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser Stadt?
BARUCH:
Gottes Diener und Profet ist mein Meister – Jeremias.
ZEDEKIA (ausbrechend):
Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?
BARUCH:
Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser Stadt.
ZEDEKIA:
Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern, Zedekia ist ihm bereit.
(BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)
ZEDEKIA:
Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt. Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich will sterben als König zu Jerusalem.
(BARUCH hebt noch einmal die Hände.)
ZEDEKIA:
Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!
(BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein Antlitz und wendet sich ab.) ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend): Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt. Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)
DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):
Mein König?
ZEDEKIA:
Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne Träume!
(DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder unruhig.)
ZEDEKIA:
Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht gegangen, zögert er noch?
SCHWERTTRÄGER:
Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.
ZEDEKIA:
Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie die andern.
SCHWERTTRÄGER:
Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht glänzt in den Raum.)
SCHWERTTRÄGER:
Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie gestern und ehetags?
ZEDEKIA:
Aus den Büchern?… Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und mein Herz brennt mit.
SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das Ruhelager): Gott schütze deinen Schlummer, mein König.
(ZEDEKIA breitet sich hin.)
(SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm weiter.)
ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):
Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?
SCHWERTTRÄGER (erschrocken):
Wir sprachen nichts, mein König.
ZEDEKIA:
Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?
SCHWERTTRÄGER:
Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.
ZEDEKIA:
Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!
(SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit vorbei.)
ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er heftig): Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?
SCHWERTTRÄGER:
Ich höre nichts, mein König!
NEHEMIA:
Nichts habe ich vernommen…
ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend): Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es nicht?
SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann schaudernd):
Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!
ZEDEKIA:
Ah, du hörst sie auch!
SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.
NEHEMIA:
Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?
ZEDEKIA:
Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache ihn stumm.
(SCHWERTTRÄGER eilends ab.)
ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend): Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!
(SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)
ZEDEKIA:
Wer war es, der da sprach?
SCHWERTTRÄGER (zitternd):
Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.
ZEDEKIA:
Was tönte die Stimme?
SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
Ich… ich kann es nicht sagen!
ZEDEKIA:
Ich befehle dir: sage die Worte!
SCHWERTTRÄGER:
Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.
ZEDEKIA:
Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!
SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):
So sang es von der Tiefe:
Ich habe mein Haus verlassen müssen
Und mein Erbe meiden,
Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht
Und hören nicht auf,
Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
Ist greulich zerplagt.
ZEDEKIA (aufschreiend):
Jeremias! Er, immer er!
SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):
Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
Mit seinem Zorn überschüttet!
Er hat die Herrlichkeit Israels
Vom Himmel auf die Erde geworfen,
Er hat die Mauer seiner Paläste
In des Feindes Hände gegeben,
Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben
Wie an einem Fest.
Er hat…
ZEDEKIA (ausbrechend):
Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht! Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer befreit mich von ihm…
SCHWERTTRÄGER:
Herr, ist es dein Feind, so… (Er macht eine Bewegung.)
ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann in erwachendem Stolz): Du meinst… Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm zu flüchten… Vielleicht… (Er geht unruhig auf und ab): Schwertträger!
SCHWERTTRÄGER:
Mein König?
ZEDEKIA:
Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er gebracht werden und im geheimen wieder hinab.
(DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)
ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):
An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!
(JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig forschend an.)
ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):
Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?
JEREMIAS:
Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.
ZEDEKIA:
Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem, und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.
JEREMIAS:
Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein Tun.
ZEDEKIA:
Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen, daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.
JEREMIAS:
Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.
ZEDEKIA:
Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!
JEREMIAS:
Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?
ZEDEKIA:
Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das Brot.
JEREMIAS:
Ich weiß es, Herr.
ZEDEKIA:
Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter der Erde?
JEREMIAS:
Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.
ZEDEKIA (noch gereizter):
Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.
JEREMIAS:
Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.
ZEDEKIA:
Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen sein?
JEREMIAS:
Gott einzig bin ich zu Willen.
ZEDEKIA:
So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.
JEREMIAS (jauchzend):
Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA:
Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart ohne Maß.
JEREMIAS:
Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein Herz, doch rette die Stadt!
ZEDEKIA:
Meine Ehre hat er gefordert.
JEREMIAS:
Gib sie hin für die Stadt!
ZEDEKIA:
Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?
JEREMIAS:
Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn Sterben.
ZEDEKIA:
In ein Joch will er mich beugen!
JEREMIAS:
Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge den Nacken, errette die Stadt!
ZEDEKIA:
Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid meiner Ahnen.
JEREMIAS:
Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke der Stadt, gedenke der Lebendigen!
ZEDEKIA:
Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.
JEREMIAS:
Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA:
Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!
JEREMIAS:
Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA (ergrimmt):
Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.
JEREMIAS:
Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.
ZEDEKIA:
Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.
JEREMIAS:
Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.
ZEDEKIA:
Jeremias!
JEREMIAS:
Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du willst nicht, daß ich ihn wende.
ZEDEKIA (unsicher):
Wie kannst du es wissen?
JEREMIAS:
Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn. Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott versucht er in ihnen.
ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):
Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem Boten.
JEREMIAS:
Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!
ZEDEKIA:
Schon ist er gegangen.
JEREMIAS:
Zurück! Ruf ihn zurück!
ZEDEKIA:
Zu spät! Zu spät bist du gekommen.
JEREMIAS:
Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.
ZEDEKIA:
Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!
JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen Schrei die Hände reckend): Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!
ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):
Was ist dir, Jeremias?
JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):
Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
Über die Wolken wolltest du fahren,
Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.
ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):
Jeremias!
JEREMIAS:
Was war heller, als deine Stirne,
Du Burg Jakobs,
Du Kronstadt Davids,
Du Zelt Salomos,
Gottes Kleinod und heiliges Haus?
Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?
Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,
Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
Völker pilgerten her, dich zu schauen,
Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!
ZEDEKIA:
Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!
JEREMIAS:
Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,
Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
Nicht mehr flüstern
Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,
Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
Das Tönen der Freude,
Flötenklang und der Jungfraun Gesang!
Weh! Ein Würger ist über dich kommen,
Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
Eitel Wüstung sind deine Straßen,
Dornen wachsen in Marmelgemächern
Und Nesseln in deines Königs Palast.
Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen
Das ewige Herz deines Heiligtums.
ZEDEKIA:
Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!
JEREMIAS (immer frenetischer):
Alles Haupt ist geschoren,
Aller Bart ist geschnitten,
In Säcken gehen die Mütter und reißen
Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
Und die Schakale der Wüste sind satt.
ZEDEKIA:
Schweig still! Schweig still! Du lügst!
JEREMIAS:
Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
Sie fassen dich an und fassen dich doch!
Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.
ZEDEKIA:
Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!
JEREMIAS (aufklagend):
Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
»Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
Das ist der Tag, des wir haben begehret,
Wir habens erlanget,
Wir habens erlebt!«
ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):
Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!
JEREMIAS:
Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
Wiege der Völker und Kleinod der Welt.
Wer wird dich rühmen, wer findet dich?
Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
Fabel und Sprichwort unter den Völkern,
Oh, ich sehe…
ZEDEKIA:
Nichts wirst du sehen, du Rasender du!
JEREMIAS:
Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
Ich sehe…
ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):
Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!
JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):
Mich?!
Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!
Wohl wird einer geblendet sein,
Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
Doch jener, der längst schon verblendet war,
Als sein Auge noch blickte und sah: –
Höre mich, König Zedekia!
(ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)
JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):
Dich
Werden sie fassen, des Königs Knechte
Im Hause Gottes, das du verstört,
Sie reißen die Rechte
Dir los vom Altar,
Daran sie zur Hilfe verklammert war!
Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
Und schleppen
Und schleifen dich über die Treppen,
Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen
Jenem entgegen,
Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen
Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!
(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)
JEREMIAS:
In die Knie
Knicken sie dich und stoßen dich sie,
Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
Vier Hände halten den Blendstahl hinein.
Heiß
Frißt die Hitze
Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!
Und dann
Fassen dich rauh ihre Fäuste an,
Zischend und rauchend
Tauchen
Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.
ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein Geblendeter):
Weh!
JEREMIAS:
Doch eh
Dir noch in einer brennenden Gischt
Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,
Mußt du noch sehn
Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!
Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,
Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!
Du siehst,
Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,
Und siehst,
Eh der rote Stahl dich für immer blendet,
Wie Israels Stamm und Königtum endet.
ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, die Hände flehend aufhebend): Erbarmen! Erbarmen!
JEREMIAS:
So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
Denn Gott erhört
Nie den, der frevelnden Übermutes
Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.
Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,
Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,
Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,
Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.
Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,
Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
Und tritt einer nah
Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
Das, was einstens König zu Zion war,
Dann hebt er die Hand
Und flucht dir, König Zedekia!
ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias mit einem wirren Blicke schauernd an): Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!
JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen erloschen): Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich und nicht wenden!
ZEDEKIA (erschüttert):
Warum bist du nicht früher vor mich getreten?
JEREMIAS:
Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.
ZEDEKIA:
Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an – ich… glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem König in Israel, und doch – ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache denn Gott allein.
(JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)
ZEDEKIA (gequält):
Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es nicht wenden?
JEREMIAS (düster):
Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe den Ohnmächtigen!
ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):
Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein Wort sich erfüllt.
JEREMIAS (ergriffen):
Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!
(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)
ZEDEKIA:
Jeremias!
(JEREMIAS wendet sich.)
ZEDEKIA:
Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir geflucht, Jeremias – nun segne mich auch, ehe wir scheiden.
JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände über des Königs Stirn): Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.
ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):
Und… gebe… uns… den Frieden…
VII. Die letzte Not
»Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Spott und Speichel.«
Jer. L, 6.
Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.
DER TÜRHÜTER (erscheint):
Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot mehr gegeben!
EIN WEIB:
Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!
EINE ANDERE:
Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)
EINE ANDERE:
Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)
STIMMEN (wild durcheinander):
Ich habe Hunger… Gib Brot… Brot… Brot… Wir verhungern… Brot… Brot…
EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):
Her mit den Schlüsseln, sage ich.
STIMMEN (durcheinander):
Ja… her mit den Schlüsseln… Sperrt auf… Die Schlüssel… Ja… ja…
DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend): Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und dann die Speicher zu schließen.
EINE STIMME:
Mir hat man keines gegeben!
ANDERE STIMMEN:
Mir auch nicht… mir auch nicht… Man hat mich vergessen… mich auch… warum mir keines?
EINE FRAU:
Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust. Gerechtigkeit!
EINE ANDERE:
Sand war in meinem, Kies und Sand!
EINE ANDERE:
Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu! Gerechtigkeit!
DER TÜRHÜTER:
Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.
EINE STIMME:
Wo ist er?
ANDERE STIMMEN:
Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!… Wo ist er… er soll uns Rede stehn… Heraus mit ihm… Er bestiehlt uns… wo ist er…
EINE STIMME (aufreizend, grell):
Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.
EIN ANDERER:
Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!
ANDERE:
Und wir sollen hungern… nein! nein!… Sie bestehlen uns… Brot für die Armen… Brot… Brot…
DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:
Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren Kindern.
EINE STIMME:
Das ist nicht wahr.
ANDERE STIMMEN:
Ja… ja… ich habe es selbst gesehen… meine Schwester sagt es auch… Wo ist Nachum… Vorwärts… Hinauf… Brot… Brot… Verschwunden sind sie jetzt alle… Brot… Brot…
(DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.) (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)
ABIMELECH:
Fort!… Stoßt sie zurück… Hinunter die Treppen… hinunter… Raum vor dem Palast.
(DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in panischem Tumult.)
DIE STIMMEN (durcheinander):
Wehe… Er hat mich geschlagen… Sie töten uns… Wehe… Wo ist mein Kind… Weh… Gewalt… Zu Hilfe!
(DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)
ABIMELECH:
Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was wollt ihr, Rotte?
DIE STIMMEN:
Brot… Wir haben Hunger… Brot… Unsere Kinder verhungern.
ABIMELECH:
Jedem ist Brot zugeteilt.
DIE STIMMEN:
Mir nicht… Man hat mich vergessen… Nicht genug…
ABIMELECH:
Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist jetzt.
DIE STIMMEN:
Nicht genug… Wir haben Hunger…
ABIMELECH:
So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!
EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):
Es lebe Jerusalem!
DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):
Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht Jerusalem. Wir sind Jerusalem!
DIE MENGE:
Ja! Wir sind Jerusalem… wir wollen leben… wir wollen nicht verhungern… Meine Kinder sollen leben… Was ist mir Jerusalem? Brot… Brot…
ABIMELECH (aufstampfend):
Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.
EIN WEIB:
Warum ist Krieg?
VIELE STIMMEN:
Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede… Friede… Friede… Brot…
DIE AUFREIZENDE STIMME:
War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und linde unsere Tage?
VIELE STIMMEN:
Ja… ja… Friede mit ihm… Friede… Ja… ja… Endet den Krieg… Nieder mit dem Krieg… Fluch dem, der ihn begann…
EIN WEIB:
Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen…
STIMMEN:
Ja… Er hat uns verkauft… Unsere Räte haben uns verraten… Zedekia hat uns verraten… er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.
ABIMELECH:
Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im Kampfe…
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Das ist nicht wahr!
ABIMELECH:
Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?
(DIE MENGE schweigt.)
ABIMELECH:
Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft hat, an die Wälle.
STIMMEN (von rückwärts):
Nachum… Nachum… da ist er.
DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt): Nachum, guter Nachum… Gib uns Brot… Brot… Brot… Du bist der Gerechte… Nachum… Hilf uns… Guter Nachum…
NACHUM (sich losringend):
Laßt mich los! Gebt mich frei!
DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):
Nachum, Nachum…
ABIMELECH:
Zurück mit euch!
(DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)
NACHUM:
Was wollt ihr von mir?
EINE STIMME:
Die Speicher schließ auf!
NACHUM:
Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.
DIE STIMMEN VON FRÜHER:
Ich habe keines bekommen… ich auch nicht… tu auf die Speicher… tu auf die Speicher…
NACHUM:
Die Speicher sind leer.
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Wir wollen sie sehen.
VIELE STIMMEN:
Ja, wir wollen sie sehen… ich glaube es nicht… es ist nicht wahr… mit unseren Augen wollen wir es sehen… schließe sie auf… wir wollen selbst sehen… ja… ja… schließe auf… ich glaube es nicht…
NACHUM:
Ich schwöre euch…
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.
VIELE STIMMEN:
Ja… alle haben uns belogen… die Priester… Ja, alle… der König… Her mit den Schlüsseln… Alle haben sie Lügen gesagt… Sieg haben sie verkündet.
ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend):
Wo sind die Ägypter… Wir wollen sie sehen… Zedekia hat sie verheißen… Wo sind die Wunder… Wo sind sie… wo… Brot… Brot… Her mit den Schlüsseln… Brot… Her mit den Schlüsseln…
(DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)
NACHUM:
Zu Hilfe! Zu Hilfe!
ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):
Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!
EINE STIMME:
Wehe, ich bin getroffen!
VIELE STIMMEN:
Wehe… mein Kind… er hat mich geschlagen… Mörder… Mörder… Wehrlose schlagt ihr… Sie morden uns… Mein Kind… Wehe… Gewalt…
EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend):
Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!
DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus):
Rache… Nieder mit ihnen… nieder!
ABIMELECH:
Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse das Schwert!
DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:
Unser ist der Markt, unser die Stadt!
VIELE STIMMEN:
Ja, wir bleiben.
EIN WEIB:
Ich bleibe, bis der König kommt.
STIMMEN:
Ja… ja…
DAS WEIB:
Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche nicht, ehe ich nicht Brot habe.
ANDERE:
Ich bleibe… wir warten… ich weiche nicht… ich bleibe.
EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge):
Abimelech, wo ist Abimelech?
ABIMELECH:
Hier bin ich!
DIE MENGE:
Dort ist er, der Verruchte… der Mörder…
DER BOTE:
Zu Hilfe, Abimelech… Am Tore Moria sind sie eingedrungen.
(DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)
ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):
Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.) (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu, flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten, Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst, ratloses Entsetzen.)
STIMMEN AUS DER MENGE:
Bei Moria sind sie… Wir sind verloren… jetzt ist es zu Ende… wohin… Meine Frau… meine Kinder… Wehe… wehe… Wo bist du… Gottes Tod über uns… In den Tempel… Elia… Elia… Gott errette uns… Wo sich bergen… Wehe… wehe… Was sollen wir tun…
EINE STIMME:
An die Mauern… Alles an die Mauern…
STIMMEN:
Ja… nein… An die Mauern… Elia… Wohin…
EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen
STIMMEN:
In den Tempel… In den Tempel… Gott muß uns helfen… Die Bundeslade… Die Bundeslade… Traget sie vor…
ANDERE STIMMEN:
In den Tempel… Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie? Verschlossen die Türen!
EINER (hereinstürmend):
Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!
(DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)
STIMMEN:
Verraten sind wir… verloren… Wo ist der König… wo sind die Priester… wo Hananja… verraten… Verschlossen die Türen… wir sind verloren… wohin… sie haben uns belogen… Rache… Rache… sie lassen uns ermorden… Wehe, wer rettet uns… Wer rettet uns… Tod über uns… Die Chaldäer…
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Fluch dem Könige!
STIMMEN (im Wutgeschrei):
Fluch! Fluch!
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!
DIE MENGE:
Fluch! Fluch!
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Sie haben geschlagen, die warnten und rieten…
EINE STIMME:
Geschlagen Jeremias!
ANDERE STIMME:
Ja! Er hat es gesagt! Jeremias… Jeremias…
ANDERE STIMMEN:
Er hat gewarnt… Friede hat er gefordert… gedenket ihrs noch… ja… Ich habe es gehört… Ja… ja… Hier hat er es gesagt… ja… ja… Er ist der Profet… immer wurde sein Wort Wahrheit… Ja… ja… ja… Er hat alles gekündet.
ANDERE STIMMEN:
Wo ist er… Jeremias… rufet ihn her… Jeremias… wo ist er… er soll uns raten… ja… ja… er hat stets das Rechte gewußt… er wird uns helfen… Wo ist er… wo ist er…
EINE STIMME:
In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.
(DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)
STIMMEN:
Wir müssen ihn befreien… ja… ja… er wird uns erretten… sprengt seine Gruft… ja… heraus mit ihm.
ANDERE STIMMEN:
Die Tore auf… Jeremias… Jeremias… Oh, er ist der Befreier. Gott hat ihn gesandt… Wo ist er… Jeremias, du Gottesknecht… Erlösung… Erlösung…
ANDERE:
Schlagt die Lügner und Profeten… Er ist der Wahre, er hat es verkündet… ja… ja… jedes Wort ist Wahrheit geworden… Gottes Gnade war über ihm… Gib das Beil… die Latte gib her… wir müssen ihn befreien… hinauf… Jeremia!… Jeremia!… Er soll König sein… Wo ist er… oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster…
(DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.)
DER TÜRSTEHER:
Was wollt ihr?
DIE MENGE:
Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.)
DER TÜRSTEHER:
Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von Türen, das Schlagen von Äxten.) (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das Geschehen.)
STIMMEN:
Hinein!… Hinein!… Ganz unten haben sie ihn verscharrt… sie hatten Furcht vor ihm… die Hunde…
STIMMEN:
Oh, ein Heiliger ist er… ein Gesandter des Herrn… Oh, Jeremia… er wird uns erretten…
EIN WEIB (in Ekstase):
Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird uns erlösen!
EINE ANDERE:
Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten!
EINE ANDERE:
Gegeißelt haben sie ihn… wie Balsam sind für uns seine Wunden… ich will knien vor ihm in den Staub…
DIE ERSTE:
Heilig… heilig… heilig ist er, Jeremia!
STIMME (von oben):
Seile… Bringt ein Seil… daß wir ihn heben!
DAS WEIB:
Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige naht.
DIE ANDERE:
Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird davon Jerusalem.
(JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)
DIE MENGE UNTEN:
Sie haben ihn gefunden!… Rettung… Rettung… Gottes Gnade… Jeremia… Jeremia…
DAS WEIB:
Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen! Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden, rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!
DIE MENGE (wild ekstatisch):
Jerusalem!… Rette die Stadt… Jeremia… Jeremia…
DAS WEIB:
Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!
(DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die Ekstase der Menge.)
STIMMEN:
Heiliger! Meister!… Samuel… Elia… Elia… Oh, Verkünder… Jeremia… errette… errette uns… Jeremia… König… Gesalbter du… Jeremia… Höre ihn, Israel… Jeremia…
DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend):
Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh, Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir auferstehen vom Tode!
JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und düster, wie er in die wilde Erwartung blickt): Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?
DIE MENGE:
Heiliger… Jeremias… rette uns… Gesalbter… rette die Stadt… Unser König sei… tue ein Wunder…
JEREMIAS:
Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?
DIE MENGE (chaotisch durcheinander):
Moria… die Burg… rette Jerusalem… ein Wunder… wir sind verloren… Unser Hort bist du… errette uns… rette Jerusalem…
JEREMIAS:
Einer rede, nicht alle!
DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen):
Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände, die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!
EINE STIMME:
Sie stürmen die Mauer von Moria!
EINE ANDERE STIMME:
Unsere Männer sind geschlagen…
EINE ANDERE STIMME:
Vor dem Tempel schon kämpfen sie.
EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):
Rette, rette Jerusalem!
DIE MENGE (frenetisch):
Rette, rette Jerusalem!
(JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)
DAS WEIB:
Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser Hort bist du und unsere Hoffnung.
EINE STIMME:
Wer errettet uns, wenn nicht du?
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft.
JEREMIAS (auffahrend):
Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König?
STIMMEN:
Er hat uns verlassen… Wo ist er… warum hilft er nicht… er ist geflüchtet… er ist geflohen…
JEREMIAS (stark):
Das ist nicht wahr.
STIMMEN:
Es ist wahr… Sie haben uns in diesen Krieg geführt… sie haben uns geopfert… Wir haben diesen Krieg nicht gewollt… Friede wollten wir… Friede… Mache Friede mit ihnen… Friede… Friede…
JEREMIAS:
Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.
STIMMEN:
Ich nicht… nein… ich nicht… ich nicht… Der König hat ihn gewollt… ich nicht… keiner von uns…
JEREMIAS:
Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung! Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!
STIMMEN:
Wehe… er zürnt uns… Jeremias… sieh unsere Not… hilf uns… was sollen wir tun…
JEREMIAS:
Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und murret nicht!
DIE MENGE:
Nein… Rettung… Hilf uns… Sieg, gib uns Sieg… Laß uns nicht ohne Hoffnung… Siehe, wir vergehen… Jerusalem… rette uns… rette Jerusalem… Heiliger… Gütiger… hilf uns… ein Wunder tu, laß es nicht geschehen… ein Wunder… recke aus deinen Arm, wie Jesaja tat… wie Elia… wie Aaron… hilf uns…
JEREMIAS:
Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.
DIE AUFREIZENDE STIMME:
Gott hat uns verlassen!
DIE MENGE:
Ja… Gott hat uns verlassen… wo ist er… wo ist der Bund, den er geschlossen mit uns… Gott hilft nicht…
JEREMIAS (zornig):
Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war, brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken, aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!
STIMMEN:
Wehe… wie unbarmherzig… er verläßt uns… nur Worte gibt er… Wir sind verloren… wer hilft uns… Nicht harte Worte gib uns… ein Wunder tu… ein Wunder… ein Wunder… ein Wunder…
JEREMIAS:
Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung! Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse – den Gott erlöset in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe ihr zerbrochen werdet!
STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:
Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria… Abimelech ist gefallen!
DIE MENGE (wild aufschreiend):
Wehe… wehe… (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias aufschäumend): Höre… höre… wir sind verloren… jetzt hilf… tue ein Wunder… ein Wunder, Profet… ein Wunder…
JEREMIAS (verzweifelt):
Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den Feind…
DIE MENGE (ekstatisch):
Ja… ja… tue also…
JEREMIAS:
Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?
DIE MENGE:
Ja… ja… Du kannst es… Du kannst es… Du mußt es können… ja… ja… alles kannst du…
JEREMIAS:
Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!
DIE MENGE:
Du kannst es… rette Jerusalem… Du kannst es!… Das Wunder tu…
JEREMIAS (ausbrechend):
Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich beuge mich.
STIMMEN:
Wehe… nein… nein…
JEREMIAS:
Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt, durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest – sein Wille geschehe, sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist – ich beuge mich.
STIMMEN:
Wehe… er verleugnet uns… er verläßt uns…
JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):
Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist – ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein Wille ist – ich beuge mich!
(DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)
JEREMIAS:
Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist – ich beuge mich!
(AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)
JEREMIAS:
Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name, Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es dein Wille ist – ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!
DIE MENGE:
Er ist rasend… Nieder mit ihm… Er ist toll… Wehe… Er verflucht uns… Schweige… Verräter… Wehe…
JEREMIAS (ganz in Ekstase):
Was immer du tust, ich beuge mich.
Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,
Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,
Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
Verstoße dein Volk und verstoße auch mich –
Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!
DIE MENGE (ihn wild umstürmend):
Verräter… Er betet um unsern Tod… Er verflucht uns… Steiniget ihn… steiniget ihn…
JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der dunkel schwelenden Masse): Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.
Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
Herr, ich bin allem Leiden bereit!
Gieß aus deines Zornes fressende Lauge
In meine Seele – sie wird dich nicht lassen,
Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen –
Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,
Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!
Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,
Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,
Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,
Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
Was immer du sendest, ich lobe dich,
Herr, höre mein Wort und erprobe mich!
DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):
Verräter… steiniget ihn… er segnet unsere Feinde… er betet für unsere Feinde… Steiniget ihn… Fluch wirft er über uns… Lästerer… Steiniget ihn…
DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):
Kreuziget ihn! Kreuziget ihn…
DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):
Ja… ans Kreuz… kreuziget ihn… Gotteslästerer… Verräter… steiniget ihn… kreuziget ihn…
JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):
Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,
Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,
Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, –
Ich will ja nur für euch alle und alle
Vor Gott das selige Sühnopfer sein.
Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
Mein brennendes Herz und erbarmet sich
Und rettet und rettet Jerusalem!
(DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)
STIMMEN:
Ans Kreuz… steiniget ihn… Er lästert Gott… Kreuziget ihn… Fluch Jeremias… Kreuziget ihn…
ANDERE STIMMEN:
Laßt… Der Geist Gottes ist über ihm… Er rast… laßt ab…
ANDERE STIMMEN:
Ans Kreuz… Ans Kreuz… Er hat uns verflucht.
JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):
Was zögert ihr noch? Den seligen Preis
Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,
Denn ich weiß,
Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.
Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,
Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,
Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
Doch seine Seele wird flügelnd mit allen
Sünden der Menschen zu Gott aufschweben
Und dort der Bitter und Bote sein!
Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,
Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!
Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!
(DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit sich. Sie schlagen auf ihn ein.)
STIMMEN:
Kreuziget ihn… Ans Kreuz… Er hat sie gerufen… er ist der Feind… Kreuziget ihn!… steiniget ihn…
(Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und gebärden sich wie Tolle.)
WILDE STIMMEN:
Die Mauer ist gefallen… Die Feinde sind in der Stadt… Die Chaldäer über uns… Verloren… Israel ist verloren…
NEUE FLÜCHTIGE:
Abimelech ist tot… Alles ist verloren… Jerusalem ist gefallen… Rettet euch… Die Chaldäer…
NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):
Sie sind hinter uns… Zum Tempel… Alles ist verloren… Wehe… Israel… Israel… Wehe! Israels Ende… verloren Jerusalem!
(DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und Flucht.)
VIII. Die Umkehr
»Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«
Hiob XXXIV, 36.
Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.
Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.
Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach Sonnenuntergang.
DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen sie im murmelnden Chore mit):
Höre, oh höre, du Hirte Israels,
Der du Josefs hütest wie der Schafe,
Erscheine, der du sitzest über Cherubim,
Erscheine, erwecke deine Gewalt!
DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):
Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!
DER ÄLTESTE:
Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,
Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?
Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DIE ANDERN:
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER ÄLTESTE:
Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
Und eingepflanzt in der Heiden Land,
Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,
Gehügel und Berge deckte sein Schatten
Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
Doch wehe,
Die Fremden haben die Reben zerrissen,
Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
Festiglich war er, und wüst ist er nun!
DIE ANDERN:
Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER ÄLTESTE:
Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,
Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!
Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
DIE ANDERN:
Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
ANDERE (flehentlich):
Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut aufschreiend): Ah! Ah! Ah!… Ich verbrenne… Legt mir Wasser auf… ich verbrenne… ah… ah… ah… Wasser!
DIE FRAU (neben ihm):
Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.
DER ÄLTESTE:
Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.
EIN ANDERER:
Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!
DER VERWUNDETE:
Sie sollen mich töten… ah… ah… ich ertrage es nicht… es frißt mich das Feuer… ah… ah… Wasser… Wasser… gebt mir Wasser… ich verbrenne… Hilfe… Hilfe!…
EIN MANN:
Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.
DIE FRAU:
Nein… fort von ihm… mein Bruder ist er… von der Mauer habe ich ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber… Lieber… ich flehe dich an… versuche zu schweigen… ich hole dir Wasser… da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne… so… so…
(DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.) (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder niedergelassen.)
EINER:
Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.
EIN ANDERER:
Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!
ANDERE:
Ja… vom Gottesknecht… vom Reis aus Isais Stamm… die Verkündigung… Oh, lies… sänftige mein Herz… vom Erlöser lies… unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts…
(DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)
EINE FRAU (ängstlich):
Es hat gepocht!
EINE ANDERE (erregt):
Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!
EIN MANN:
Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen den Gang. Tut ihm auf!
DIE FRAU:
Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!
DER ÄLTESTE:
Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe). Wer ist es?
(EINE STIMME von außen antwortet.)
DER ÄLTESTE:
Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt, wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und unbeteiligt.)
ALLE (wild durcheinander):
Was ist geschehen… Hast du Neter gesehen, meinen Sohn… Tebia, mein Weib… mein Haus, haben sie es verbrannt… Erzähle… sprich… Wo ist der König… Der Tempel… Erzähle, Zefanja… Mein Gatte, Ismael… wo ist er… Sprich… Wo ist der Priester… was geschieht mit uns… Erzähle…
DER ÄLTESTE:
Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und die Stadt!
ZEFANJA:
Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde. Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht Salomos Burg.
ALLE:
Wehe… Jerusalem… wehe… wehe…
ZEFANJA:
Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die Leuchter geraubt von den Wänden.
DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):
Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies mein Gewand!
STIMMEN:
Wehe… wo ist Gottes Kraft… der Bund… die Verheißung… wo sind unsere Führer… Nachum… wo ist Jochan… verloren, verloren… Jerusalem… mein Gatte… wen sahest du…
ZEFANJA:
Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.
ALLE:
Wehe… Sie alle… es ist nicht möglich… Was ist mit Abodassar… Jojakim, auch er… Hedassar… Imre… mir sage, mir… Nachum…
ZEFANJA:
Nicht fraget mich… ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.
ALLE (durcheinander):
Und sage, auch Nachum… antworte… die Kinder des Königs… Absalon, mein Schwäher…
ZEFANJA:
Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.
STIMMEN:
Zedekia lebet… Warum ihn geschont… warum gerade ihn… Ein Verräter ist er… Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod… warum ihm Schonung?
ZEFANJA:
Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.
STIMMEN:
Was ist mit ihm… ist er gefangen?…
ZEFANJA:
Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.
STIMMEN:
Und er… was tat er?
ZEFANJA:
Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber… als seine Augen voll waren mit Grauen und Tränen… dann ward der Gesalbte des Herrn, dann ward Zedekia geblendet…
JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in furchtbarstem Entsetzen): Geblendet, sagst du… geblendet…
ZEFANJA:
Wer ist dieser?
STIMMEN:
Sprich nicht mit ihm… sieh ihn nicht an… Schweiget… nicht nennet den Namen des Verruchten… Fluch ist auf ihm… fort… Sprich nicht zu ihm…
ZEFANJA:
Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.
STIMMEN:
Nicht frage… Fluch über ihn… er gehört nicht zu uns… ein Ausgestoßener ist es des Herrn…
EINE FRAU:
Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel und Galle – Jeremias, Jeremias!
ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):
Jeremias!
JEREMIAS:
Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich an und geh deines Wegs!
ZEFANJA (schauernd):
Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein, ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!
JEREMIAS:
Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort, ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.
ZEFANJA (noch mehr schauernd):
Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen nicht hören, ohne zu schauern.
DER ÄLTESTE:
Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die Schmach seine Heimstatt.
ZEFANJA:
Nein… nein… furchtbar ist er… furchtbar… er hat es gewußt… er hat es gewußt voraus… er… er allein… und er hat ihn gerufen… der König… er… er…
DER ÄLTESTE:
Wer hat ihn gerufen?
ZEFANJA (ganz entgeistert):
Er… er hat ihn gerufen… der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder schlüge… er wehrte sich… aber sie zwangen ihn… Seine Lippen waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen… und er schwieg, wie sie den ersten faßten seiner Söhne… aber wie sie den zweiten griffen, da bebten sie… und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie auf, die Lippen, die verzerrten… aber nicht um Gnade schrie er… er schrie: »Jeremias! Jeremias!«
(ALLE schauern zurück.)
ZEFANJA:
Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen zerstieß, da schrie er nochmals… Jeremias… Jeremias… Wo bist du, Verkünder… wo bist du… mein Bruder Jeremias… ihn… ihn hat er gerufen… Er hat es gewußt…
(ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)
JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):
Es ist nicht wahr… Ich habe es nicht gewollt… nichts, habe ich gewollt von dem allen… er darf mich nicht anklagen… er darf nicht… Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt… er darf mich nicht anklagen… ich… ich wollte zu ihm… nicht ich… Gott hat mich zum Lügner gemacht… ich habe mich seiner erwehret… es ist nicht wahr… nicht ich habe es getan…
ZEFANJA:
Was redet er?
EIN WEIB:
Wahnsinn hat ihn befallen.
EIN ANDERER:
Ein Rasender ist er.
EIN MANN:
Nein… er hat es gesagt… er hat alles gewußt… ein Weiser ist er… ein Profet…
JEREMIAS:
Er darf nicht… er darf nicht… er darf mich nicht anklagen… mein Wort ist mein Wille nicht… Macht ist über mir… Er… Er… Der Furchtbare… Der Mitleidslose… Sein Werkzeug bin ich nur… sein Hauch… seiner Bosheit Knecht… Er hat mich beredet, und ich ließ mich bereden… denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich geworden… Fluch hat er in meinen Atem getan… Er… Er… der Furchtbare… die Galle in meine Rede… und das Bittere in meinen Speichel… Oh, wehe über die Gottesfaust… wen er faßt, der Furchtbare, den läßt er nicht wieder… oh, daß er mich freigäbe, den Verfluchten seines Worts… ich… ich… ich will nicht mehr reden seine Rede… schweigen will ich… schweigen… ich… ich… ich will nicht mehr, Gott… ich will nicht mehr… ich fluch deinem Fluche… laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund… ich… ich… ich kann nicht mehr… ich will nicht mehr…
DIE STIMMEN:
Tobsucht hat ihn überkommen… die Krämpfe… die Krämpfe… wie eine Gebärerin windet er sich… weichet von ihm… hört ihn nicht an… Gott hat ihn gestraft…
(JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)
DIE STIMMEN:
Sehet… seht… Die Hand des Herrn hat ihn getroffen… Wahnsinn hat ihn geschlagen… weichet von ihm… weichet von ihm…
(ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)
ZEFANJA:
Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!
ALLE (um ihn):
Was ist… was ist geschehen… was bedeutet der Ruf… Lasset den Narren… Sprich, Zefanja… welche Botschaft…
ZEFANJA:
Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.
STIMMEN:
Wehe… was haben sie vor… sollen wir gehen, sie zu hören… dürfen wirs wagen… sprich, Zefanja…
ZEFANJA:
Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.
STIMMEN:
Nein… sprich… erzähle… sprich… was ist uns verhängt…
ZEFANJA:
Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.
(STIMMEN in Schreckensschreien.)
ZEFANJA:
Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen es lüstet, sie zu vernehmen!
(DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)
STIMMEN:
Wir sollen hinaus… fort von Zion… fort von Jerusalem…
DER ÄLTESTE:
Ich gehe nicht… ich bleibe… ich bleibe…
ZEFANJA:
Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.
DER ÄLTESTE:
Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!
EIN WEIB:
Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber sind mein Erbe, ich will es behüten.
EIN MANN:
Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind meine Lider in fremder Welt.
STIMMEN (begeistert):
Wir bleiben… wir wollen sterben… lieber den Tod, als das Diensthaus… nicht in die Verbannung… sterben für Gott… sterben… lieber sterben…
DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):
Nein… nein… ich will nicht sterben… nicht sterben… leben will ich, leben… ich will fort… fort… nur nicht sterben… wer wird mich tragen… verlaßt mich nicht… nicht… nicht sterben… leben, leben, leben!…
DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):
Beruhige dich… ich trage dich.
DER KRANKE (fiebernd):
Ja… fort… fort von den Wahnwitzigen… nur nicht sterben… nur nicht sterben…
DER ÄLTESTE:
Er spricht wirr… sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert… er weiß nicht, was er redet…
DER KRANKE (in fiebriger Wut):
Ich weiß… ich weiß… ich habe den Tod gespürt… nur nicht sterben… Lieber verbrennen, lieber leiden… aber doch Leben noch fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts… nur nicht sterben… leben… leben…
EINE JUNGE FRAU:
Ja, auch ich will leben… ich habe noch nichts geschaut, nichts gefühlt… meine Glieder blühn noch… ich spüre mich… ich will nicht ins Kalte… ich will nicht… ich gehe mit dir… überallhin… überallhin…
EIN ANDERES WEIB:
Metze du… Buhlerin… willst du Kebse werden der Fremden?
DIE JUNGE FRAU:
Alles… alles… nur leben, nur leben…
DER KRANKE:
Leben… alles leiden, alle Qualen… aber leben…
EIN MANN (wild):
Kein Leben ohne Gott… kein Leben ohne Jerusalem…
ANDERE STIMMEN (durcheinander):
Lieber sterben… lieber sterben… nur nicht zurück ins Diensthaus… nicht Sklave sein… nicht sterben, nur nicht sterben…
(DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)
EINER:
Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht locken! Sterben wir mit Jerusalem!
DER ÄLTESTE:
Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem, Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein Tod!
ZEFANJA:
Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual, oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!
DER KRANKE (sich aufrichtend):
Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen. Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen! Leben, oh, leben, nur leben!
DER ÄLTESTE:
Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn rücklings lassen in Schutt und Schande?
EIN MANN:
Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.
EINE FRAU:
Wir wollen seiner gedenken im Gebet.
DER ÄLTESTE:
Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.
EIN MANN:
Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.
DER ÄLTESTE:
Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.
STIMMEN:
Er wandert mit uns… überall spricht er zu uns… auch aus dem Golus wird er uns hören… auch dort werden wir gläubig sein… unter allen Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege…
DER ÄLTESTE:
Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus, hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.
STIMMEN (widerstreitend):
Nein… überall ist er… hier ist er allein… überall… allerorts ist er… er wird sich uns weisen an jeder Stätte… nur im Tempel ist sein Haus… überall ist er… überall… nur hier ist sein Antlitz…
JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):
Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!
DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen aufzuckend zum Himmel fahrend): Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!
JEREMIAS (immer heißer):
Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes Lästerer, er, nur er!
DER ÄLTESTE:
Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!
JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):
Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht, weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem! Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun, da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er, daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße ihn!
STIMMEN (durcheinander):
Er ist rasend… er lästert Gott… fort von ihm… Gott wütet in ihm… Irrwitz hat ihn befallen.
JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
Sag an,
Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
Und da meine Seele in Flammen stand,
Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
Was wars, als dein rasender Wille nur,
Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte –
Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
So diente ich dir! So diente ich dir!
Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.
STIMMEN:
Im Fieber redet er… zu wem spricht er… er ist rasend… sein Hirn verbrennt… Irrwitz redet er…
JEREMIAS:
Aber ich sage mich los!
Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
Dessen Seele Glut ist von allem warmen
Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
Mich ruft der König, den du geblendet,
Dein Altar, den du dir selber geschändet:
Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
Und mein Herz erhört sie – es hat sich gewendet:
Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
Nur ihnen, nur ihnen
Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie –
Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!
DER ÄLTESTE:
Er hat Gott verflucht… Schlagt ihn nieder…
STIMMEN:
Er rast… er ist toll… Irrwitz ist seine Rede… Wachen Auges träumt er… es ist Gefahr, ihn zu hören… bringt ihn zum Schweigen…
JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):
Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
Ich meinte, daß ich der Große bin,
Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, –
Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
Und ob ich hoffärtig an euch getan,
Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
Zu euren Füßen werf ich mich hin,
Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!
(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)
JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):
Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
Und ich der jüngste, geringste von allen!
Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
Sich frech und mahnend wider euch kehren.
Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!
DER ÄLTESTE:
Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.
STIMMEN:
Gottverfluchter… fort mit dir… fort… weg von uns… weg aus unserer Mitte… verpeste uns nicht… Gottesleugner… fort… fort…
JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):
Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich zusammen.)
STIMMEN:
Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas… er verpestet mit seiner Nähe den Atem… Wahnsinn ist über ihm… hinaus mit ihm… tötet ihn… schlagt ihn nieder…
DER ÄLTESTE:
Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn die unsere.
(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)
ALLE (durcheinander):
Die Herolde… die Chaldäer… es pocht wie die Hand eines Gebieters… es ist keiner der unsern…
(DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)
ALLE (durcheinander):
Wie er drängt… er ist ungeduldig… man darf ihn nicht erzürnen… laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer… man muß auftun… er erzürnt sonst.
DER ÄLTESTE:
Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?
(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird hastig aufgestoßen und herein stürzt)
BARUCH (verstörten Gesichts):
Brüder, ist Jeremias hier?
DER ÄLTESTE:
Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!
BARUCH:
Ist er hier? Man hat mirs gesagt.
DER ÄLTESTE:
Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes Hand.
BARUCH (hinstürzend):
Jeremias! Jeremias!
JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd ihn anstarrend): Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?
BARUCH:
Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd meine Stimme?
JEREMIAS:
Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!
BARUCH:
Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!
JEREMIAS:
Wer sucht mich noch auf dieser Welt?
BARUCH:
Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH:
Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch, daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.
JEREMIAS:
Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!
BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):
Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.
JEREMIAS:
Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen Qual wider die Gottesqual.
BARUCH:
Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein Leben nicht, ich lasse es nicht!
JEREMIAS:
Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!
BARUCH (ihn umschlingend):
Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.
(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)
ALLE (stürzen in die Winkel):
Wehe… wehe… die Chaldäer… unsere Stunde ist gekommen… er hat das Unheil über uns gebracht… Wehe… er… er… liefern wir ihn aus…
BARUCH (entsetzt):
Es ist zu spät… sie sind da…
JEREMIAS:
Tu ihnen auf, Baruch!
(BARUCH zögert.)
JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender Stimme): Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet, gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!
(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)
(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)
JEREMIAS (mächtig):
Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!
(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)
(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)
DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):
Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von Anathoth?
JEREMIAS:
Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.
(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden anderen tun desgleichen.) (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)
DER GESANDTE (sich aufrichtend):
Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem Gehaben.) (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)
DER GESANDTE:
Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun dürstet sein Auge, dich zu schauen.
JEREMIAS:
Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!
DER GESANDTE:
Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.
JEREMIAS:
Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.
DER GESANDTE:
Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt, sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein Ausgang und Eingang in seinem Palast.
JEREMIAS:
Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem Gnadelosen, ich mag sie nicht.
DER GESANDTE:
Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs Botschaft will Gehorsam.
JEREMIAS:
Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich will dich nicht finden.«
DER GESANDTE:
Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz fordert!
JEREMIAS:
Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!
DER GESANDTE:
Noch nie ward Weigerung ihm geboten.
JEREMIAS:
Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein Zorn.
DER GESANDTE:
Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!
JEREMIAS (entbrennend):
Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?
DER GESANDTE:
Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.
JEREMIAS:
Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für Jerusalem!
(DER GESANDTE schrickt zurück.)
DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit begeistert): Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!
JEREMIAS (ganz in Glut):
Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die Tage Assurs und gezückt das Schwert – Schwert wider Babel, Schwert wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«
(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und halten die Hände abwehrend vor sich.)
DER ÄLTESTE (in Ekstase):
Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!
EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um ihn gesammelt. Flehentlich): Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!
JEREMIAS:
Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen Schwert.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!
DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die Begeisterung): Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen… erfülle, erfülle sein Wort… oh, Verheißung… sende den Rächer… sende den Rächer… fälle Babel, wie er gekündet… erhöre ihn, Gott… erhöre ihn…
(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)
JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):
Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße Israel, daß er versäumte Jerusalem!
(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)
DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten seine Rede mit hymnischem Zuruf): Segen auf dein Wort… Segen über dein Haupt… Gott vergißt nicht Jerusalem… Oh, Verkündigung, selige Botschaft… Segen auf dein Wort… Segen über dich!
JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):
Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer Stunde:
Stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf, du Gekränkte,
Und fürchte dich nicht,
Denn ich erbarmte mich dein.
Ich habe dir gezürnet
Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
Und ich zürne nicht ewiglich.
Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
Und die Verstoßene einen Tag,
Sollst du die Prächtige sein für und für
Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
Und gürten mit meinem Frieden,
Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
So stehe auf, Jerusalem,
Stehe auf,
Denn ich hab dich erlöset!
DER ÄLTESTE:
Segen über dein Wort und Erfüllung!
DIE ANDERN:
Erhöre ihn, Gott… tue nach seinen Worten… erhöre uns… erlöse Jerusalem… erlöse Jerusalem…
JEREMIAS:
Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede Jerusalems!
DIE ANDERN:
Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr… tue also, wie er gesagt… Friede über Israel… lasse auferstehen Jerusalem… laß uns auferstehen… laß uns auferstehen…
JEREMIAS:
Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
Die wir so lange die klagenden Knechte
Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
Da werden wir gläubig zusammentreten,
Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
»Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
Der du groß und gnädig an uns hast getan!
An den Wassern von Babel saßen wir bangend
Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
Denn unsere Seele war heimverlangend
Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
Oh, seht
Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
Umschatte uns, Karmel und Libanon,
Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
Und du,
Du selige Stadt, geliebt und verloren,
Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«
DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit): Heimgekehrt… auferstanden… oh, Verheißung… Jerusalem… Jerusalem…
BARUCH (zu seinen Knien):
Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen, wie selig deine Erleuchtung!
DER ÄLTESTE:
Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!
EINE FRAU:
Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm auf und hellen den Raum.
EINE ANDERE:
Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!
DER KRANKE:
Aufgerichtet hat mich sein Wort… aufrecht bin ich… ich lebe, ich lebe wieder… oh, daß ich heimkehrte mit euch.
ZEFANJA:
Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.
JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase erwachend und erschreckt um sich blickend): Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?… Waren nicht Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet… mir dünkte, drei Männer kamen und redeten… prächtig waren sie gewandet… wo sind sie hin…
DER ÄLTESTE:
Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.
ANDERE:
Deine Worte haben sie gejagt… wie ein Schwert fuhr dein Zorn über sie.
JEREMIAS (immer verwirrter):
Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs von innen an… Was habe ich gesagt… Oh, und warum, warum blickt ihr mit einmal auf zu mir wie die Durstigen… was seid ihr geschart um mich… es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich an mit den Blicken… Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit euch?
DER ÄLTESTE:
Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet, welche Verheißung!
EIN MANN:
Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!
EIN WEIB:
Mein Herz mir mit Manna gespeist.
STIMMEN:
Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber… genesen sind wir an deiner Verheißung… nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis… heimkehren werden wir, oh, seliges Wort…
JEREMIAS (ergriffen):
Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?
DER ÄLTESTE:
Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner vordem!
EINER:
Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, Gebenedeiter!
EIN ANDERER:
Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt bereitet.
EIN ANDERER:
Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele wird ihm nicht mehr erliegen.
EINE FRAU:
Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.
JEREMIAS:
Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe, der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der nächtigsten aller, ein liebendes Wort!
EIN WEIB:
Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben! Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!
DER KRANKE:
Seht her… seht her… ich schreite, ich gehe… ich spüre die Qualen nicht mehr… aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt… wie Elia… ein Wunder hast du an mir getan.
DAS WEIB:
Seht ihn an… er lag, vom Fieber zerfressen… ich bezeuge es, ich bezeuge es… ein Wunder hat er an ihm getan…
STIMMEN (ekstatisch):
Ein Wunder… ein Wunder wie Elia… ein Wunder hat er getan… Erweckung… beugt euch dem Gottgesandten… ein Wunder… ein Wunder… beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!…
JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):
Schweiget, ihr Brüder… nicht rühmet mich… beschämet mich nicht… ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht ich habe es vollbracht – an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
DER ÄLTESTE (ekstatisch):
Jeremias… oh, Jeremias… uns allen möge er tuen wie dir!
JEREMIAS:
Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein gläubiges Wort!
(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
So segn ich, solang mir mein Leben währt.
Ich segne dich, daß du das würzige Brot
Des Wortes in meine Lippen getan,
Damit ich dich preise in Leben und Tod,
Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
Und flammend mit deiner Allfältigkeit
Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
Selig, der sich an dich verloren,
Selig, den du dir auserkoren,
Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
Selig der Tod und selig das Leben!
BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!
DER ÄLTESTE:
Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!
STIMME:
Auf… zu den Brüdern… zu unsern Brüdern… erwecke sie… gib ihnen Trost, wie du uns gegeben… gib Verkündigung… gib Verheißung…
JEREMIAS (sich aufrichtend):
Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!
(JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)
DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen klingen ekstatisch durcheinander): Jerusalem… oh, das ewige Jerusalem… Verkündigung… Auf, Bauherr Gottes… Ewig währet Jerusalem…
IX. Der ewige Weg
»Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will euer Gefängnis wenden.«
Jer. XIX, 11–14.
Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.
Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die Vertriebenen.
Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich kündet.
STIMMEN:
Hier ist der Platz… wie viele ihrer schon sind… haltet euch zusammen, Söhne Rubens… wie es doch dunkel ist… hier voran, daß ihr die ersten seid…
ANDERE STIMMEN:
Was drängt ihr… unser ist die Stelle… seit Abend stehen unsere Mäuler hier gegürtet… Unser ist die Stelle… immer will Ruben voran sein…
EIN ALTER:
Nicht streitet… lasset Ruben voran, so will es das Gesetz…
DIE ANDERN STIMMEN:
Es gibt kein Gesetz mehr… verbrannt ist die Schrift… wer bist du, daß du uns gebieten willst… die Priester ruft, die Priester… Es gibt keine Priester mehr… alle raffte sie das Schwert… Hananja ist entkommen… nein, am Pfahle verdarb er… führerlos sind wir… verlassen von allen… wer wird uns gebieten… oh, Qual der Knechtschaft… wer wird die Opfer empfangen zu Babel… wer uns deuten das Wort… ausgerottet ist Aarons Geschlecht… weh uns Verwaisten… daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des Gesetzes… sie ist verbrannt… nein, Gottes Wort verbrennt nicht… selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch… wehe, sie ist verbrannt… verbrannt das Gesetz… nein, es kann nicht wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht… ist sein Haus nicht verbrannt, sein Altar nicht gestürzt… ließ er nicht sinken seine heilige Stadt… Ja… ja… hat er nicht uns in Knechtschaft gegeben… ja… ja… gebrochen hat er den Bund, vernichtet die Verheißung… lästert nicht… lästert nicht… ich fürchte ihn nicht mehr… lästert nicht… wer gebietet mir… führerlos sind wir… daß doch Mose uns erstünde… daß ein Richter unter uns wäre… der König, wo ist er… der Geblendete… blind ist er immer gewesen… er hat uns hinabgestoßen… oh, Ende Israels, Ende Jerusalems… was ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise… oh, Simson, Simson… warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker Hand… nie war größer die Not… ach, er kommt nicht, verloren sind wir… Gott ist gesunken mit seinem Tempel… lästere nicht… lästere nicht… daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier…
EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):
Hier ist des Marktes Mitte… wer seid ihr… Benjamin sind wir… die Letzten, reihet euch an… nein… nein… wir wollen nicht fressen von eurem Staube… und wir nicht den euren… fort mit den Tieren, führt sie am Zaume… ihr tretet die Frauen… weichet aus… wehe, was stoßet ihr… es ist so dunkel… ach, daß es schon Morgen würde, daß ausginge diese Nacht… wehe, wie Arges wünschest du, bete, daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge… ja… ja… segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere Schmach… die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den Heiden zeigen… wehe… betet, daß der Morgen nie komme über unser beladen Haupt… ich kann nicht beten mehr… meine Seele ist starr geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen… selig die unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels, sie dürfen weilen im Schatten der Heimat… ins Diensthaus müssen wir ziehen… ach, bräche doch nie dieser Tag über uns… wehe uns, weh unsern Kindern, den Knechten der Fremde…
(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)
DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):
So geh doch wider Nabukadnezar… Auf, Erstürmer Babels… nicht falle, du Säule Israels… geh… stoßt ihn weg… er ödet uns… nicht kann er tanzen, wie David, der König… nicht schlägt er die Psalter… lasset ihn… kommt zurück zum Weine… an seinen Weibern erletz ich mich lieber… lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir Wein… kommt… kehret… laßt ihn…
(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.) (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)
STIMMEN:
Wer ist es… warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle… wer ist er… wie ein Felsen steht er schwarz… warum spricht er nicht… seine Blicke sind verschnürt… wie er die Hände hebt… wer ist er… nicht nahet ihm… wer mag es sein… ich will sehen…
(EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)
EINER (plötzlich aufschreiend):
Zedekia!
DIE MENGE (durcheinander):
Der König… der Geblendete… Gottes Gericht… Zedekia…
ZEDEKIA (unsicher):
Wer ruft mich?…
STIMMEN:
Keiner ruft dich… Fluch ruft dich und Gottes Gericht… Wo sind die Ägypter… wo ist Zion…
ANDERE STIMMEN:
Schweiget!… Der Gesalbte ist er des Herrn… geblendet haben ihn unsere Feinde… Ehrfurcht dem Könige… ehret den Dulder…
ANDERE STIMMEN:
Nein, er soll nicht sitzen unter uns… wo sind meine Kinder… gib sie mir wieder… Fluch über den Mörder Israels… sein ist die Schuld… fort mit ihm… warum lebt er, da Bessere starben?
ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):
Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?
DER FÜHRENDE:
Herr, Unglückliche sind es!
STIMMEN:
Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!… abseits möge er sitzen… Gott hat ihn gestraft… Fluch liegt auf ihm…
ZEDEKIA:
Fort… führe mich fort… in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem Hasse… ich will ihre Stimmen nicht hören… ihr Haß brennt auf meine Wunden… in den Tempel.
DER FÜHRENDE:
Herr, der Tempel ist nicht mehr.
ZEDEKIA:
Ist der Tempel gefallen… dann falle auch ich… wehe, wer tötet mich, den Blinden… geh… sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen, daß sie ein Ende machen.
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet ihr einander, da der Feind uns würget?
STIMMEN:
Ein Fluchbringer ist er… er hat Gottes Haus stürzen lassen… er brach den Eid… nein, lasset ihn… man hat seine Söhne geschlagen… ein Blinder ist er… aber er soll nicht mehr König sein… nein… nein… was soll uns ein Blinder… eine Last ist er… nein, er soll nicht König sein… nein…
ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):
Führ mich fort… meine Augen sind mir genommen… die Krone noch reißen sie mir ab… birg mich… verbirg mich vor ihnen.
EINE FRAU: Hier ruhe aus… mein König, bette dich hin.
(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)
DER ÄLTESTE:
Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist er von Gott.
STIMMEN:
Nein… ein Blinder ist kein Führer… wie kann er König sein in Jerusalem, da Zion fiel… Knechte sind wir alle, wir brauchen keine Führer… oh, wir bedürfen eines Erretters… oh, daß Mose uns erstünde… ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter… ein Erleuchteter und kein Blinder… niemand kann uns helfen… rüstet zur Reise… sehet das Dämmern… wehe der Tag… oh, Auszug ins Fremde… wehe wir Vertriebenen… wehe uns Führerlosen…
(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)
STIMMEN:
Wehe, die Posaune… die Posaune… hört ihr sie tönen… nein, es ist die Posaune nicht… wie von Zimbeln klingt es und Pauken… Gesang, hört ihr Gesang… es jauchzen unsere Feinde… oh, Schmach… oh, Qual…
(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)
STIMMEN:
Pauken und Zimbeln… sie rufen… sie jauchzen… sie kommen, uns fortzutreiben… Gesang schwillt her… wehe, wehe, wenn unsere Feinde jauchzen… ihren Sieg jubeln sie… verschließet die Ohren… weh, ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer… Schmach, es hören zu müssen… wohin flüchten vor ihrem Hohn… sie danken ihrem Gotte… wem sollen wir klagen?
(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)
EINER (aus der Menge):
Sehet… sehet… der Unseren welche sind es, die nahen…
STIMMEN:
Es ist nicht wahr… wie könnten sie jauchzen… Fluch dem Sohn Israels, der frohlockte an diesem Tag… Trunkene müssen es sein… die Unsern sind es… ich erkenne sie… Wer ist es, den sie umschreiten… was geschieht hier… was jauchzen sie… was schlägt die Zimbel das rasende Weib…
(DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst und feierlich.)
STIMMEN DER NAHENDEN:
Hosianna… Verkündigung… ewig währet Jerusalem… oh, selige Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!… Gesegnet der Tröster, gesegnet die Tröstung… Hosianna… ewig währet Jerusalem…
STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):
Sie sind rasend… was ist geschehen… höret… höret! Hosianna rufen sie… was bringet er… was ist seine Botschaft… er rede auch zu uns… wer ist es… auch zu uns sprich, Verkünder… Oh, Tröstung, wer gibt uns Tröstung…
EINER:
Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?
STIMMEN:
Ja… nein… dunkel war jenes Gesicht… ein Leuchten ist aber um diesen… doch, sehet, er ist es… er ist es… wie ist er gewandelt… wehe der Flucher… wie kann Süßes kommen von dem Bittern… was folget er uns, der uns verfolgte…
BARUCH:
Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes, mit dem Brote des Lebens!
STIMMEN:
Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten… wie die Geißel schlägt er zu… er wird uns würgen mit dem Wort… genug der Profeten, sie haben uns verredet mit ihren Worten… nein, dieser hat gewarnet… hart ist sein Mund wie ein Schwert… Salz streut er in unsere Wunden… hebe dich fort, Unbarmherziger!
BARUCH:
Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten, ihr Gottesbrüder!
DER KRANKE:
Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge…
STIMMEN:
Wer ist dieser… höret ihn an… Wunder verheißet er, und wir bedürfen der Wunder… Tröstung will mein Herz… mich trösten einzig Zions Tale… wie kann er trösten… kann er wecken die Toten, kann er aufbaun die zederne Burg… nein, höret ihn… wehe uns…
DAS WEIB:
Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und dreimal hast du uns gesegnet.
BARUCH:
Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!
JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):
Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?
STIMMEN:
Hört ihr den Lästerer… ich habe gewarnt vor ihm… er höhnt uns… er fragt, warum wir klagen… Salz streut er in unsere Wunden… sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs… sollen wir vergessen der Toten… er spottet unserer Tränen… schweige… nein, höret ihn… lasset ihn reden…
JEREMIAS:
Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch geschenkt…
EINE STIMME:
Wehe, welch ein Leben!
JEREMIAS:
Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!
STIMMEN:
Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht… willst du uns aufrichten, so richte auf die Mauern Jerusalems… baue Zions Burg… wehe, er sieht unsere Not nicht… er erkennet unsere Leiden nicht…
JEREMIAS:
Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!
STIMMEN:
Warum prüfet uns Gott… Warum gerade uns, seine Auserwählten… warum ist so hart diese Prüfung…
JEREMIAS:
Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder, immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.
STIMMEN:
Ja, er redet recht… nein, gütig ist Gott… verstehet ihn recht… ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht«… Ja, ja… so steht es geschrieben… nur die Sünder strafet er… was haben wir getan… Vergessen haben wir seiner in Hoffart… nie rief ich ihn an wie jetzt in der Not… wahr redet er… Tröstung ist in seinen Worten…
JEREMIAS:
Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht!
STIMMEN:
Geben wir uns hin seinem Willen… gepriesen die Prüfung… ich will die Klage zerschlagen in meinem Munde… ja… auch sie waren in Knechtschaft, und er hat sie erlöset… auch uns wird er hören… ja… ja… oh, daß er unser sich erbarmte… sage, du Verkünder, wird er uns wieder aufnehmen… gibt er uns Erhebung… erlöst er uns von Babel… laß es uns glauben…
JEREMIAS:
Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
STIMMEN:
Oh, Wahrheit des Wortes… unser Erbe ist das Leid… ich will es auf mich nehmen… ich glaube an seine Barmherzigkeit… er wird uns ausführen, wie er uns führte aus Mizraim… Segen auf dein Wort… Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter…
JEREMIAS:
So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns ihr erwählte in alle Ewigkeit!
(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen heben sich rhythmisch die Chöre.)
STIMMEN:
Knechte Mizraims
Waren die Väter,
Eiserne Zäume
Preßten und banden
Israels Stirn.
Knechte und Vögte
Schlugen die Klage
Auf dienendem Rücken
Mit Peitschen entzwei,
Schlugen die Kinder
Mit tödlichem Erz.
HELLERE STIMMEN:
Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
Fand uns Gottes erbarmender Blick,
Einen Befreier in niederem Schoße
Weckt’ er dem Volke, eh es zerbrach.
In seine Zunge ergoß er die Rede
Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
Und wir ließen das bittere Land.
JUBELNDE STIMMEN:
Und die Siebzig dereinstens gekommen,
Tausend und Tausend kehrten darwider,
Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
Säule des Rauchs und Säule des Feuers
Zogen voran den seligen Blicken,
Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
JEREMIAS:
Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet sie!
STIMMEN:
Hinter uns jagten,
Schäumender Nüster,
Rosse und Wagen
Pharaos Heer.
Über uns schollen
Schon Schreie der Rache,
Vor uns war Meerflut
Und hinter uns Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
Weit voneinander riß er die Fluten,
Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
Und wir wandelten trockenen Fußes
Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Klirrend folgten die gierigen Feinde,
Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
ERNSTE STIMMEN:
So zerbrach der Herr die Gefahren,
Heil entriß er das Volk seiner Haft.
Oh, großer Anhub der wunderbaren,
Selig unseligen Wanderschaft!
JEREMIAS:
Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!
STIMMEN:
Brach die Kehle,
Leer die Lippen,
Ausgedürstet
Und verschmachtet
Wankten wir
Im leeren Land.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
Wasser netzte die lechzende Lippe,
Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
HELLERE STIMMEN:
Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
Bittere Bronnen wurden zu süßen,
Würzige Wachteln herblies der Wind,
Und als Hunger feurigen Eisens
Unsere Eingeweide zerriß,
Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
JEREMIAS:
Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke! Besinnet sie! Besinnet sie!
STIMMEN:
Völker standen
Auf in Waffen,
Neid und Habsucht
Sperrten Wege
Unsrer Fahrt,
Städte schlossen
Turm und Tore,
Speere starrten
Trotz und Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
Wider Tausend gab er uns Stärke,
Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
Moab zerknickte, Amalek verging.
Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
Bis unser Herz die Prüfung bestand,
Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
Kanaan, unser verheißenes Land.
Heimat durften die Schweifenden haben,
Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
Israel blühte, und Zion erstand.
ALLE STIMMEN:
Immer waren wir Pflüger im Joche,
Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
Immer hat er uns heimgerufen,
Und unsern Samen zur Blüte erneut!
JEREMIAS:
Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
Bedenket, bedenket,
Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
Segnet die Schickung, so uns geschah,
Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
STIMMEN (ekstatisch):
Ja, auf, zur Wanderschaft… führe uns an… wie die Väter wollen wir leiden… oh, Auszug und ewige Wiederkehr… auf… auf… hebet an… es ist nahe gen Tag… ziehen wir aus… ziehen wir aus in die Knechtschaft… Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset… Alle wollen wir gehen… alle… ja, wir alle…
DIE STIMME ZEDEKIAS:
Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, wer hebet mich auf?
JEREMIAS:
Wes Ruf ist dies?
STIMMEN:
Laß ihn… er bleibe… Spreu ist er und verworfen… Du führe uns an, du, Gesegneter… Du sei uns Herr… Laß den Verworfenen…
JEREMIAS:
Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller willen!
STIMMEN:
Nicht er… nicht er… Aussatz ist er unseres Volkes… alles Unheils Quelle… Laß den Verstoßenen Gottes… Laß den Verfluchten!
JEREMIAS:
Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
STIMMEN:
Im Dunkel ist er… auf den Stufen… dort, sieh den Gebückten… Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
JEREMIAS:
Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
STIMMEN:
Sieh doch… seine Sterne sind erloschen… seine Schritte sind irr… er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete…
JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
Zedekia! Mein König!
ZEDEKIA:
Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
JEREMIAS:
Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich in die Knie vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
JEREMIAS (zu seinen Füßen):
Ich bin bei dir… mein König Zedekia.
ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
JEREMIAS:
Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
ZEDEKIA (zitternd):
Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
JEREMIAS:
Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr, erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
Sehet, sehet,
Leidensvolk, Gottesvolk,
Gott erhörte euer Begehr,
Er hat euch einen Führer gesandt!
Der Schmerzengekrönte,
Der Menschenverhöhnte,
Wer mag wie er,
König der selig Besiegten sein?
Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
Diesem als König der Duldenden gleich?
ZEDEKIA:
Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
JEREMIAS:
Hebet ihn auf,
Den Hingesenkten,
Ehrt den Gekränkten
Mit sorgender Liebe!
Hüllet um ihn
Königsgewande
Und erneuet
Der Zeichen Gewalt,
Ehret, oh ehret
In ihm euer Leiden,
Als der Erste schreite er aus.
Zäumet die Rosse,
Rüstet die Sänfte,
Fürchtigen Armes
Hebet ihn hoch,
Denn er ist
Heiligste Bürde,
Israels Hort und königlich Haus.
(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und betten den Blinden in eine Sänfte.) (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, vom morgendlichen Himmel aus.) (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)
STIMMEN:
Die Posaune… die Posaune… Gott ruft uns… der Tag ist angebrochen… der Tag unserer Prüfung… die Sonne nahet Jerusalem… rüstet die Tiere… rüstet die Herzen… Gott ruft uns… wir kommen, wir kommen… Auszug… Auszug… oh Einkehr und Wiederkehr… Jerusalem… Jerusalem!
JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):
Auf, ihr Verstoßenen,
Auf, ihr Besiegten,
Rüstet zur Reise!
Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,
Hebe dein Herz!
(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)
JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):
Zum letztenmal glänzen
Jerusalems Zinnen
In eure Tränen,
Leuchtet euch Höhe
Des heiligen Bergs!
Einmal noch hebet
Brennende Blicke,
Trinket der Heimat
Verlorenes Bild!
Trinket die Zinnen,
Trinket die Mauern,
Trinket die Türme
Der ewigen Stadt,
Trinket das Dürsten,
Sie wieder zu schauen,
Trinket, oh trinket Jerusalem!
STIMMEN:
Glüh ein in uns, daß wir entbrennen… wie könnt ich dich vergessen, Bild der Bilder… möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße, Jerusalem… oh, Heimat unserer Herzen… Zion, Zion, du heilige Stadt!
JEREMIAS:
Einmal noch beuget
Fromm euch der Erde,
Einmal noch rühret
Die Grube der Väter
Fürchtiger Hand!
Erde, oh Erde, die ich verlasse,
Du blutgetränkte,
Du tränenversengte,
Sehet, ich fasse
Sie fromm mit liebenden Händen an.
Erde, Erde, ich schlinge dich,
Erde, Erde, durchdringe mich!
Bitteren Kloß
Würg ich die schluchzende Kehle hinab,
Doch deine Bitternis innen im Leibe
Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
Daß ich ewig deiner gedenke,
Ewig deiner teilhaftig werde!
Erde, du heilige Vätererde,
Schenke
Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
Ewigen Hunger und Heimverlangen
Nach Zion, unserm verlorenen Land!
DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß schlingend):
Oh, teure Erde, Scholle der Väter… dring ein in mich… würg meine Seele, wie ich dich würge… oh, verloren Land… Sarg meiner Väter… oh, dich lassen… Erde, Erde, du heilige Erde…
JEREMIAS (sich erhebend):
Doch nun du gespeiset
Bittere Sehnsucht,
Doch nun du getrunken
Brennendes Bild,
Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
Lasset die Toten,
Sie haben den Frieden,
Lasset die Mauern,
Sie stehen nicht auf,
Du doch erstehest
Ewig und ewig
Aus deinen Tiefen
In deinem Gott.
Auf,
Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,
Blick in die Ferne,
Blick nicht zurück!
Die verweilen,
Haben die Heimat,
Doch die wandern,
Haben die Welt!
Auf, ihr Gebeugten,
Auf, ihr Besiegten,
Hebet die Stirnen
Über die Nöte
Wider die ewigen Morgenröten
Und der Gestirne
Wanderndes Zelt.
Gott hat die Straßen,
Die ihr beschreitet,
Wissend bereitet,
Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!
(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.) EINER (vortretend):
Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
Werden die Tale uns wieder gehören,
Wird einstens Israel wiederkehren,
Sag, schauen wir wieder Jerusalem?
STIMMEN:
Ja… sage… künde, verkünde… schauen wir wieder Jerusalem?
JEREMIAS:
Ewig wird inwendig es schauen,
Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
Schöner als wir es vordem gekannt,
Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
STIMMEN:
Wir glauben… wir glauben… ewig werden wir es schauen… Der Glaube ist unser Jerusalem!
EIN ANDERER (vortretend):
Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
JEREMIAS:
Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
Ihr selber werdet die heiligen Werker,
Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
Um so schöner erstehet Jerusalem!
STIMMEN:
Ja, laßt es uns bauen… das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden… laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes… zu Gott die Richtschnur erhoben… bauen wir Jerusalem.
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
JEREMIAS:
Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
Irdischer Werke, die Reiche veralten,
Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
Dauert in Gottes Allewigkeit.
Wer kann sie zerstören,
Die unsichtbaren,
Innen geschauten,
Tränenerbauten
Zinnen der heiligen Zuversicht,
Wer kann ihn uns rauben
Den seligen Glauben,
Wer stürzet des Herzens Jerusalem?
STIMMEN:
Ewig währet Jerusalem… wer kann es zerstören… heilig, heilig unsrer Herzen Haus… heilig die Stätte unsrer Not… oh, Tröstung… oh, Zuversicht…
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,
Wo schauet die Seele Jerusalem?
JEREMIAS:
Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
An jeglichem Orte,
Wo euch Glaube inwohnet,
Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!
STIMMEN:
Oh, Tröstung des Glaubens… Gottes selige Knechtschaft… zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe… überall wollen wir sie finden… laßt sie uns aufbauen in den Herzen… ewig ist unser Jerusalem… Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr…
(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
JEREMIAS (hoch über ihnen):
Wandervolk, Leidvolk – im heiligen Namen
Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang –
Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
Rüste und schreite unendlichen Gang!
Wirf deinen Samen
Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!
(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
STIMME DER SCHREITENDEN:
In fremden Häusern werden wir wohnen
Und brechen ein tränensalzenes Brot.
Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
Und ruhen allzeit in Jerusalem.
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Aus weiten Wassern werden wir trinken,
Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
Und unsere Seele erstehet gekräftigt
Von der heiligen Zehrung Jerusalem!
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Auf fremden Straßen werden wir fahren,
Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
Heimat um Heimat reißen die Völker
Uns von den brennenden Sohlen fort,
Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
Nirgends verschwistert und keinem genehm,
Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
Zu unserer Seelen Jerusalem!
(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!
EIN CHALDÄER:
Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
DER HAUPTMANN:
Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
DER CHALDÄER:
Herr, sie klagen nicht.
EIN ANDERER CHALDÄER:
Siehe… wie sie schreiten… wie die Sieger gehen sie einher… es leuchtet in ihren Blicken.
DIE CHALDÄER:
Was ist mit diesem Volke… sind sie die Besiegten nicht… hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung… hört, was sagen sie… was singen sie… seltsam ist dies Volk… unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung… wer begreifet dies Volk… in dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist… ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten… nie sah die Welt ein Volk wie dieses…
STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
Unendliche Straßen des Leidens entlang,
Ewig sind wir die ewig Besiegten,
Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
Niedrige Knechte niedrigen Frons,
Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
Tiefer hinein in die eigene Kraft,
Die sich aus Erden die Ewigkeiten
Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Sieh… sieh… wie die Tänzer schreiten sie her… ein Taumel ist über sie gekommen… haben wir sie denn nicht besiegt… sind sie nicht in Schande… warum klagen sie nicht…
EIN CHALDÄER:
Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt…
EIN ANDERER CHALDÄER:
Ja… sie glauben an das Unsichtbare… das ist ihr Geheimnis…
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht… ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern… man müßte es lernen von ihnen…
DER CHALDÄER:
Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.
DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):
Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
Wir aller Völker Spielball und Spott,
Wir einzig Heimatlosen der Erde,
Wir wandern in alle Ewigkeiten,
Die Letztgebliebnen
Unendlicher Schar
Heimwärts zu Gott,
Der aller Anfang und Ausgang war,
Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
DER CHALDÄER:
Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?
DER CHALDÄER:
Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.
(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die Zeiten schreitet.)
Die Liebe der Erika Ewald – Novellen
Egon Fleischel & Co. Berlin 1904
Die Liebe der Erika Ewald
Camill Hoffmann
in inniger Freundschaft
… Aber das ist die Geschichte aller jungen Mädchen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, daß sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen. Es ist gewiß so ihr Schicksal, sie erfahren es früh und sind darüber so wenig erstaunt, daß sie noch immer sagen, das Übel sei nicht da, wenn es längst gekommen…
Barbey d’Aurévilly.
Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer Zuspätkommenden. Der Vater und die Schwester saßen schon beim Abendessen; beim Geräusch der Türe blickten sie auf, um der Eintretenden flüchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war unscheinbar und häßlich; eine jahrelange Erfahrung, stets überhört oder bespöttelt zu werden, hatte ihr jene altjüngferliche stumpfe Resignation gegeben, die jeden Tag mit einem Lächeln scheiden sieht. Den Vater hatte eine langjährige gleichfarbige Bureautätigkeit der Welt entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne ihre physischen Leiden verbergen.
Auch Erika schwieg meistens an diesen eintönigen Abenden. Sie fühlte es, daß sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende Wetterwolken über diese Stunden legte, nicht ankämpfen lasse. Und dann war sie zu müde dazu. Die quälende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonieen, tastende Akkorde, unmusikalische Brutalitäten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, löste in ihr ein dumpfes Ruhebedürfnis aus, ein wortloses Verströmen aller Empfindungen, die die Gewalt des Tages überwuchert hatte. Sie liebte es, in diesen wachen Träumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast überreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein überreifer Obstbaumzweig unter der Last seiner Früchte schwankt. Und nur ein leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen verriet, daß Kampf und Ringen in ihr war und eine unbändige Sehnsucht, die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein wildes Beben um den festgeschlossenen Mund legte wie von jähem Schluchzen.
Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen Gutenachtgruß und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuzünden. Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgültigste Tätigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre Schwester holte sich wie immer ihr Nähzeug her und begann beim Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu sticken.
Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war diesmal noch sehr früh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein zu lesen, oder sie lehnte in einem süßen Gefühle am Fenster und blickte hoch von oben über die hellen mondscheinbeleuchteten Dächer, die sich in lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende Gedanken, nur das unbestimmte Gefühl einer Liebe für das Schimmernde, Blitzende und doch so sanft Verströmende des Mondlichtes, das die Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine selige Schwere, die sich sehnt von milden, warm anschmiegenden Decken getragen zu werden. Eine Schläfrigkeit, die nichts anderes ist als Sehnsucht nach süßen, seligen Träumen, rann durch alle Glieder wie ein sacht erkaltendes, betäubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe mit Hast die letzten Kleidungsstücke von sich, verlöschte die Kerze. Einen Augenblick noch – und dann dehnte sie sich im Bette…
Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen… Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor – Chopin, die Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte, die vielen lieben Worte!
Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie führten sie wieder nach Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennen gelernt hatte. Und bald stürmten sie heraus über die Enge der Zeit und des Erlebens und wurden immer wilder und bunter. Noch hörte Erika, wie ihre Schwester nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwürdiger Gedanke kam ihr, ob er sie wohl auch zu sich gebeten hätte. Ein frohes übermütiges Lächeln wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu schlaftrunken. Und einige Minuten später trug sie ein sicherer Schlaf zu seligen Träumen.
Beim Erwachen fand sie eine Ansichtskarte auf dem Bette. Nur ein paar Worte waren darauf, mit fester energischer Schrift hingeworfen, Worte, wie man sie auch an Fremde verschenkt. Aber Erika empfand sie als Gabe und Glück, weil er sie geschrieben hatte; ihr war es gegeben, aus dem Geringfügigen und Unscheinbaren die Ahnungen der wirklichen Fülle sich zu erschließen. Und so sollte ihr diese Liebe nicht nur wie ein milder Glanz werden, der jedes Wesen umleuchtet und erhellt, sondern so tief sollte dieses verklärende Gefühl sich verlieren, daß es wie ein Schimmer wurde, der in innigem Durchglühen von innen emporzuwachsen schien aus allem Leblosen und Unbeseelten. Schon von früher Jugend auf hatte das dunkle Gefühl ihres Ängstlichseins und ihrer zurückhaltenden Einsamkeit sie gelehrt, die Dinge nicht als kalt und leblos zu betrachten, sondern als verschwiegene Freunde, die Geheimnisse und Zärtlichkeiten dem anvertrauen, der auf sie hört. Bücher und Bilder, Landschaften und Musikstücke sprachen zu ihr, der das dichterhafte Vermögen des Kindes geblieben war, in bemalten Körpern, unbeseelten Dingen frohbewegte bunte Wirklichkeit zu sehen. Und das waren ihre einsamen Feste und Seligkeiten, ehe die Liebe zu ihr gekommen war.
So wurden ihr auch die wenigen schwarzen Schriftzüge auf dem Blatte Ereignis. Sie las die Worte so wie er sie zu sprechen pflegte, mit der weichen und musikalischen Betonung seiner Stimme, sie suchte in ihren Namen den heimlich-süßen Reiz zu legen, den nur die Sprache der Zärtlichkeit geben kann. Und sie horchte in den wenigen Sätzen, die ihrer Angehörigen wegen in kühler, fast respektvoller Form gehalten waren, den verborgen klingenden Unterton der Liebe und buchstabierte sich so langsam und traumverloren durch die Zeilen, daß sie beinahe ihren Inhalt wieder vergessen hätte. Und der war nicht so unwichtig. Sie möchte ihm doch mitteilen, ob ihr geplanter Sonntagsausflug zustande käme. Und noch ein paar unwichtige Worte wegen ihres gemeinsamen Auftretens in einem längst besprochenen Konzert. Dann ein freundlicher Gruß und eine hastige Unterschrift. Aber sie las die Zeilen immer wieder und wieder, weil sie in ihnen die starke und drängende Empfindung zu hören glaubte, die doch nur der Widerklang ihrer eigenen war.
Es war noch nicht lange her, daß diese Liebe zu Erika Ewald gekommen war und den ersten Glanz in ihr blasses gleichgültiges Mädchenleben getragen hatte. Und ihre Geschichte war still und alltäglich.
In einer Gesellschaft hatten sie sich kennen gelernt. Sie gab dort Klavierstunden, aber ihre diskrete und feine Art gewann ihr so sehr die Liebe des ganzen Hauses, daß sie nur mehr als Freundin betrachtet wurde. Und er war dort zu einer Veranstaltung geladen, sozusagen als pièce de résistance, denn sein Ruf als Geigenvirtuose war trotz seiner Jugend ein ganz ungewöhnlicher.
Die Umstände erwiesen sich selbst als bereitwillig, um ihre Verständigung zu unterstützen. Er wurde gebeten zu spielen, und es ergab sich als fast selbstverständlich, daß sie die Begleitung übernehmen sollte. Und da wurde er zuerst auf sie aufmerksam, denn sie ging mit soviel Verständnis auf seine Intentionen ein, daß er sogleich die Feinheit und Innigkeit ihres Wesens ahnte. Und noch mitten im stürmischen Applaus, der ihrem Vortrag folgte, machte er ihr den Vorschlag, ein bißchen zusammen zu plaudern. Sie nickte leise, ganz unmerklich leise.
Aber es kam nicht dazu. Man gab sie beide nicht so rasch frei, er konnte nur ab und zu mit einem verstohlenen Blicke ihre überschlanke biegsame Gestalt messen und einen schüchtern-staunenden Gruß ihrer dunklen Augen auffangen. Ihre Worte gingen unter in Gewöhnlichkeiten und Höflichkeiten, mit denen man sie überhäufte. Dann kamen wieder neue Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, daß sie beinahe die Verabredung vergaß. Aber als alles vorüber war und sie sich empfahl, stand er plötzlich neben ihr und fragte sie mit seiner sanften zurückhaltenden Stimme, ob er sie nach Hause geleiten dürfe. Einen Augenblick war sie hilflos; dann lehnte sie mit so ungeschickten Worten seine Mühe ab, daß er seinen Willen schließlich leicht durchsetzen konnte.
Sie wohnte ziemlich weit draußen in der Vorstadt, und es war ein langer Weg in der mondhellen kalten Winternacht. Eine Zeitlang blieb ein Stillschweigen zwischen ihnen; es war dies keine Unbehilflichkeit, sondern nur die unbestimmte Furcht, die feiner durchbildete Leute haben, eine Unterhaltung mit Banalitäten zu beginnen. Dann begann er zu sprechen. Von dem Musikstück, das sie gemeinsam gespielt hatten, und von der Kunst überhaupt. Aber das war nur ein Anfang. Nur ein Weg zu ihrer Seele. Denn er wußte, daß alle, die in der Kunst ihre letzten Schätze so königlich verschwendeten, die ihr volles Gefühl in die musikalische Schönheit legten, im Leben ernst und verschlossen waren und sich nur dem Verstehenden offenbarten. Und sie gab ihm auch wirklich in ihren Ansichten über Schaffen und Reproduzieren viel von ihren geheimen psychischen Erlebnissen, vieles, das sie noch keinem anvertraute und manches, das ihr selbst bisher noch nicht zum Bewußtsein gekommen war. Später konnte sie es selbst nicht begreifen, wieso sie ihre stete, fast ängstliche Zurückhaltung damals überwunden hatte, später, als er ihr näher getreten war, ihr Freund und Vertrauter wurde. Denn an jenem Abend erschien ihr ein Künstler, ein Schaffender noch wie ein Gewaltiger, der nie in das Leben tritt, sondern in Fernen lebt, unnahbar und überragend, ein Verstehender und Gütiger, dem man nichts verschweigen darf. Bisher waren nur schlichte Leute in ihren Kreis getreten, Menschen, die sich zerlegen und berechnen ließen, wie eine Schulaufgabe, vorurteilsvolle und konservative Ketzerrichter, denen sie sich fremd fühlte, und die sie beinahe fürchtete. Und dann: es war eine stille und helle Nacht gewesen. Und wenn man in solchen schweigenden Nächten zu zweit geht, von niemandem gehört und gestört, und sich die dunklen Schatten der Häuser über die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst spräche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast des Tages ungehört untergehen und denen erst die Stille des Abends sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten fast ohne daß man es will.
Der lange Gang in der einsamen Winternacht hatte sie einander nahe gebracht. Als sie sich zum Abschied die Hände reichten, blieben ihre blassen kühlen Finger lange hilflos in seiner starken Hand liegen wie vergessen. Und sie gingen wie alte Freunde voneinander.
Sie begegneten sich noch oft in diesem Winter. Zuerst war es ein günstiger Zufall, der aber bald Verabredung wurde. Ihn reizte dieses interessante Mädchen mit allen ihren Eigenarten und Seltsamkeiten, er bewunderte die vornehme Zurückhaltung ihrer Seele, die sich nur ihm offenbarte und sich zagend zu seinen Füßen warf wie ein erschrecktes Kind. Er liebte ihre tausendfachen Feinheiten, die schlichte Gewalt des Empfindens, die jeder Schönheit willenlos entgegenpulste und doch vor fremden Augen sich bergen wollte, um sich die reine Innigkeit des Genusses nicht zu stören. Aber diese zarten und innigen Empfindungen, die er so voll und hinreißend bei jemandem mitempfinden konnte, waren ihm selbst fremd. Schon von Jugend auf, noch ein halbes Kind, war er zu sehr von Frauen als Künstler verhätschelt und verführt worden, um in einer vergeistigten Liebe Befriedigung zu finden; er empfand zu wenig feminin, zu wenig jünglinghaft, weil die ganze unverständige wunschlose Süße der Gymnasiastenliebe sich nie in sein frühreifes Leben eingeschlichen hatte. Temperamentvoll und blasiert zugleich liebte er mit jenem schroffen Begehren, das der letzten sinnlichen Erfüllung zustrebt, um dort zu verbluten. Und er kannte sich selbst und verachtete sich wegen jeder Schwäche, die ihn überwältigte, er empfand jede dieser raschen Befriedigungen mit Ekel, ohne sich wehren zu können, denn Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durchbebten sein Leben wie seine Kunst. Auch die Meisterschaft seines Spieles wurzelte in dieser festen, temperamentvollen Männlichkeit; die letzten verhauchenden Nuancen, die wie leise Atemzüge einer schlummernden Melancholie sind, mußten seiner energischen und doch zigeunerhaft-süßen Bogenführung entgehen. Eine leise Furcht stand immer versteckt hinter der packenden Gewalt, mit der er zu überwältigen wußte.
Und so furchtsam und ergeben war auch ihre Liebe zu ihm. Sie liebte in seiner Person alle ihre Traumgestalten, die in den langen Jahren des Alleinseins eine gewisse Wirklichkeit gewonnen hatten, sie verehrte den Künstler, der sich in seinem Wesen verkörperte, weil sie den mädchenhaften Glauben hatte, daß ein Künstler auch in seiner Lebensführung die priesterliche Würde verwirklichen müsse. Manchmal sah sie ihn mit einem fremden und unsinnlichen Blick an wie ein seltsames Bild, in dem man vertraute Züge empfinden will, und ihr Anvertrauen war wie zu einem Beichtiger. Sie dachte nicht an das Leben, weil sie es nie gekannt hatte, sondern es erlebt hatte wie einen haltlosen Traum. Darum fehlte ihr auch jede Angst und jedes Bangen vor der Zukunft, sie glaubte an ein sanftes und seliges Weiterklingen dieser unsinnlichen verehrenden Liebe, die sie zuversichtlich machte mit ihrer künstlerischen Schönheit und innigen Reinheit.
Manchmal überraschte sie sich dabei, daß sie gar nicht das Bedürfnis hatte zu sprechen, wenn sie bei ihm war. Er spielte oder schwieg, und sie saß und träumte und fühlte nur, wie ihre Träume immer heller und lichter wurden, wenn er sprach oder sie anblickte. Das war alles verklungen, kein irrer Lärm drang mehr vom Tage herüber, nur Stille, Schweigen und silberne Feiertagsglocken tief im Herzen. Und ein sehnsüchtiges Zärtlichkeitsbedürfnis, ein Erwarten von lieben und leisen Worten, die sie doch eigentlich fürchtete, bebte dann in ihr. Sie ahnte, wie sie ganz in seinem Banne stand, wie er sie mit seiner Kunst beherrschen konnte, Schmerzen und Jubel geben mit seinen lockenden Tönen; sie fühlte sich wehrlos seinem Spiel gegenüber, und so unsäglich arm, weil sie nichts geben konnte und nur empfing, mit offenen zitternden Händen bei ihm bettelte.
Es war eine unabänderliche Gewohnheit geworden, daß sie mehrmals in der Woche zu ihm kam. Zuerst waren es Proben zu einem gemeinsamen Konzert, aber bald konnten sie die wenigen Stunden gar nicht mehr entbehren. Sie ahnte gar nicht die Gefahr, die in der wachsenden Intimität ihrer Freundschaft lag, sondern ließ die letzte Zurückhaltung ihrer Seele vor ihm fallen und offenbarte ihm ihre verborgensten Geheimnisse als ihrem einzigen Freunde. Sie merkte es oft gar nicht in ihrem heißen, fast visionären Erzählen, wie er ihre Hände in wachsender Erregung umspannte und manchmal die Lippen brennend zu ihren Fingern herabsenkte, während er ihr zu Füßen lag und zuhörte. Und sie erkannte auch nicht, wie er manchmal in den drängendsten und verlangendsten Tönen seiner Geige nur zu ihr sprach, weil sie in der Musik immer sich selbst suchte und ihre Träume. Ein Verstehen und eine Erlösung war ihr diese Zeit für das viele, das sie bisher nicht laut zu sagen wagte, und noch nicht mehr. Sie wußte nur, daß eine solche stille Stunde viel Glanz hineinbrachte in ihren öden, arbeitsvollen Tag und einen lichten Schein in ihre Nächte. Und mehr wollte sie nicht als still sein und selig sein; sie verlangte nur einen reichen Frieden in den sie flüchten konnte, wie zu einem Altar.
Aber sie hütete sich wohl, ihr Glück offen zu zeigen; ihre Lippen bargen oft ein Lächeln reinster Seligkeit mit so herbverschlossener Gewalt vor den Leuten und vor ihrer Familie, als sei es ein aufquellendes Weinen. Denn sie wollte ihre Erlebnisse bewahren vor fremden Blicken wie ein Kunstwerk mit hunderterlei flüchtigen Zusammenhängen, das in plumpen Fingern mit einem bangen Aufschrei zerbricht. Und sie baute kühle und abgenutzte Alltagsworte um ihr Glück und um ihr Leben, so daß es durch viele Hände gehen konnte, ohne verkannt zu werden und in wertlose Scherben zu zerbrechen.
Am Samstag abend vor dem Ausfluge besuchte sie ihn wieder. Als sie anklopfte, fühlte sie wieder jene merkwürdige Bangigkeit wie immer, wenn sie zu ihm ging, und die sich immer mehr steigerte, bis er selbst mit ihr war. Aber sie mußte nicht lange warten. Er öffnete rasch, geleitete sie in sein Studienzimmer, nahm ihr mit vorsichtiger Galanterie die Frühlingsjacke ab und streifte respektvoll mit den Lippen ihre schöne feingeäderte Hand. Und dann setzten sie sich zusammen auf ein kleines dunkles Samtsofa, das bei seinem Schreibtisch stand.
Es war schon düster im Zimmer. Draußen am Himmel verfolgten sich graue Wolken hastig im Abendwind, und ihre Schatten trübten unruhig das matte Dämmerlicht. Er fragte, ob er anzünden solle. Sie verneinte. Das matte süße Licht, das nicht mehr erkennen und nur ahnen läßt, war ihr so lieb mit seiner sanften Melancholie. Sie saß ganz still. Man konnte noch die geschmackvolle Einrichtung des Zimmers deutlich wahrnehmen, den prächtigen Schreibtisch mit einer Bronzestatue, rechts einen geschnitzten Geigenständer, dessen Silhouette sich scharf von dem grauen Stück Himmel abhob, das durch die Scheiben gleichgültig hereinblickte. Irgendwo tickte eine Uhr mit schwerem abgemessenem Schlag, als sei es der harte Schritt der mitleidslosen Zeit. Sonst war es still. Nur ein paar bläuliche Rauchstreifen von seiner vergessenen Zigarette stiegen ebenmäßig in das Dunkel. Und durch das geöffnete Fenster kam ein lauer Frühlingswind zu ihnen herein.
Sie plauderten. Zuerst war es ein Lächeln und Erzählen, aber ihre Worte wurden immer schwerer im drohenden Dunkel. Er sprach von einer neuen Komposition, einem Liebeslied, das sich an ein paar schlichte wehmütige Volksliedstrophen anschmiegte, die er einmal in einem Dorfe gehört hatte. Ein paar Mädchen waren es gewesen, die von der Arbeit kamen, ihre Stimmen klangen weit von ferne, daß er die Worte nicht mehr verstand und nur die leise, schweratmende Sehnsucht der Weise hörte. Und gestern war die Melodie wieder in ihm erwacht, spät am Abend und war ihm ein Lied geworden.
Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an. Und er verstand ihre Bitte. Schweigend trat er zum Fenster hin und nahm seine Geige. Ganz leise begann sein Lied.
Hinter ihm ward es langsam wieder hell. Die Abendwolken waren in Brand geraten und glühten in purpurnem Glanz. Das Zimmer begann widerzuleuchten von dem hellen Schein, der allmählich düsterer und gesättigter wurde.
Er spielte das einsame Lied mit wundervoller Gewalt, er verlor sich selbst in seinen Tönen. Und er verlor sein Lied und behielt nur die unendlich sehnsüchtige fremde Volksmelodie, die in allen seinen Variationen immer wieder dasselbe stammelte, weinte und jauchzte. Er dachte an nichts mehr, seine Gedanken waren fern und verwirrt, nur das strömende Gefühl seiner Seele formte mehr die Töne und gab sich ihnen zu eigen. Das enge dunkle Zimmer überflutete von Schönheit… Die roten Wolken waren schon schwere, schwarze Schatten geworden, und er spielte noch immer. Längst hatte er schon vergessen, daß er dieses Lied nur ihr als Huldigung spielte; seine ganze Leidenschaft, die Liebe zu allen Frauen der Welt, zum Inbegriff des Schönen wachte in den Saiten auf, die in seliger Inbrunst erschauerten. Immer wieder fand er eine neue Steigerung und eine wildere Gewalt, aber nie die verklärende Erfüllung, es blieb auch im rasendsten Aufschwung immer nur Sehnsucht, stöhnende und jauchzende Sehnsucht. Und er spielte immer weiter, wie einem bestimmten Akkord zu, einer abschließenden Auflösung entgegen, die er nicht finden konnte.
Plötzlich brach er jählings ab… Erika war mit einem dumpfen hysterischen Schluchzen auf dem Sofa zusammengebrochen, von dem sie sich in ihrer Ekstase erhoben hatte, wie angelockt von den Tönen. Ihre schwachen reizbaren Nerven unterlagen stets dem Zauber einer Gefühlsmusik; sie konnte weinen bei wehmütigen Melodien. Und dieses Lied mit seiner drängenden, aufpeitschenden Erwartung hatte in ihr alle Gefühle erregt, ihre Nerven in eine furchtbare atemlose Spannung versetzt. Wie einen Schmerz empfand sie die Wucht dieser niedergehaltenen Sehnsucht, sie hatte ein Gefühl, als ob sie aufschreien müßte unter dieser engenden Qual, aber sie vermochte es nicht. Nur in einem jähen Weinkrampfe löste sich ihre gesteigerte physische Erregung.
Er kniete bei ihr nieder und suchte sie zu beruhigen. Er küßte ihr leise die Hand. Aber sie bebte noch immer, und manchmal lief ein Zucken über ihre Finger wie von einem elektrischen Schlage. Er sprach ihr freundlich zu. Sie hörte nicht. Da wurde er immer inniger und küßte mit heißen Worten ihre Finger, ihre Hand und küßte ihren bebenden Mund, der unbewußt unter seinen Lippen erschauerte. Seine Küsse wurden immer drängender, dazwischen stieß er zärtliche Liebesworte hervor und umfaßte sie immer stürmischer und verlangender.
Mit einem Male fuhr sie aus ihrem Halbtraum und stieß ihn beinahe mit Heftigkeit zurück. Er stand erschrocken und unsicher auf. Einen Augenblick blieb sie noch stumm, wie um sich an alles zu besinnen; dann stammelte sie mit unruhigem Blick und gebrochener Stimme, er möge ihr verzeihen, sie habe öfters so nervöse Anfälle, und die Musik habe sie erregt.
Einen Augenblick blieb ein peinliches Schweigen. Er wagte nichts zu antworten, weil er fürchtete, eine niedrige Rolle gespielt zu haben.
Sie fügte noch hinzu, sie müsse jetzt gehen, es sei schon höchste Zeit, man würde sie zu Hause schon längst erwarten. Und zugleich nahm sie ihre Jacke. Ihre Stimme schien ihm kühl und fast frostig.
Er wollte etwas sprechen, aber es kam ihm alles so lächerlich vor nach den Worten, die er ihr noch eben in seiner leidenschaftlichen Trunkenheit gesagt hatte. Stumm und respektvoll geleitete er sie zur Türe. Erst wie er ihr die Hand zum Abschied küßte, fragte er zögernd: »Und morgen?«
»Wie wir verabredet haben. Ich denke doch?«
»Selbstverständlich.«
Er war freudig berührt, daß sie über sein Benehmen ohne ein Wort hinwegging, und bewunderte ihre feine Zurückhaltung, die ihm vergab, ohne es merken zu lassen. Ein flüchtiges Abschiedswort sagten sie sich noch, dann fiel die Türe dumpf ins Schloß.
Der Sonntagmorgen war ein wenig trübe und melancholisch gewesen. Ein schwerer Frühnebel legte sein dichtmaschiges graues Netz über die Stadt und ließ wie durch feine Ritzen ein leises Regenstieben auf die Straße niederzittern. Aber bald begann es in dem dunklen Netz zu funkeln, als ob sich eine schwere goldene Königskrone darin gefangen hätte, die immer schimmernder und heller wurde. Und schließlich zerriß das trübe Gewebe unter der lichten Last, und eine frische Frühlingssonne leuchtete herab und spiegelte tausendfältig ihr junges Antlitz in den blanken Scheiben und nassen Dächern, in den glitzernden Wassertümpeln, den sanft erglühenden Kirchturmkuppeln und in den heiteren Blicken der auslugenden Leute.
Nachmittags war schon helles Sonntagstreiben in den Straßen. Die vorüberrasselnden Wagen klapperten eine frohe Melodie, aber die Spatzen wollten noch lauter sein und schrieen um die Wette von den Telegraphendrähten herab, und dazwischen schrillten die Signale der Straßenbahn in hellem Durcheinander. Eine breite Menschenflut drängte sich auf den Hauptstraßen gegen die Peripherie zu wie ein dunkles Meer, aber ein lichtes schimmerndes Blitzen war darin von weißen Frühlingskleidern und hellen Farben, die sich zum ersten Male wieder ins Freie wagten. Und über dem allen lag Sonne, eine warme, lichtflutende Frühlingssonne mit einem blinkenden Leuchten.
Erika freute sich im Dahinschreiten, wie leicht und beseligt sie an seinem Arm ging. Am liebsten hätte sie getanzt oder getollt wie ein Kind. Und ganz kindlich und mädchenhaft war sie in ihrem einfachen glatten Kleide und dem aufgesteckten Haar, das sonst tief und schwer wie eine wetterschwere Wolke über der Stirne drohte. Und ihr Übermut war so überquellend und echt, daß er auch seinen Ernst bald ins Wanken brachte.
Sie hatten ihren ursprünglichen Beschluß, in den Prater zu gehen, bald aufgegeben, denn sie fürchteten den grellen stimmenlauten Sonntagstrubel, der in die feierliche Stille des prächtigen Parkes bricht. Ihr Prater, das waren die breiten wohlgepflegten Alleen mit den uralten Kastanienbäumen, die weiten schweifenden Auen, die in dunklen Waldungen enden und die hellen Wiesen, die sich in sattem Glanze sonnen und nichts mehr von der Millionenstadt wissen, die in unmittelbarer Nähe atmet und stöhnt. Aber am Feiertag verliert sich dieser Zauber und verbirgt sich vor den überströmenden Scharen.
Er schlug vor, gegen Döbling zu zugehen, aber weit hinter den eigentlichen netten Ort mit seinen freundlichen weißen Häuschen, die so kokett aus der dunklen Umhüllung schmucker Gärten herausblitzen. Er wußte dort ein paar stille und stimmungsvolle Wege, die durch schmale akazienblütenbeschneite Alleen sanft in die weiten Felder hinüberführen. Und die gingen sie auch heute. Sie kamen in den stillen Ort mit seinem fast ländlichen Sonntagsfrieden, der sie auf ihrem ganzen Spaziergange wie ein milder unfaßbarer Duft begleitete. Manchmal sahen sie sich an und fühlten, wie reich ihr Schweigen war, wie es die ganze selige Empfindung des vollströmenden Frühlings trug und mehrte.
Die Felder waren noch niedrig und grün. Aber der segensschwere Duft der warmen spendenden Erde kam zu ihnen wie ein verheißungsvoller Gruß. Ferne lag der Kahlenberg und der Leopoldsberg mit seinem uralten Kirchlein, von dem die Wand steil abfiel bis zur Donau hinab. Und dazwischen viel reiches Land, meist noch braun und unbestellt und voll gewärtiger Saat. Aber dazwischen schon viereckige Flächen mit gelber werdender Frucht, die sich eckig und unvermittelt vom dunklen Erdreich abhoben, wie abgerissene und zerschlissene Fetzen auf dem gebräunten kraftvollen Körper eines arbeitsharten Werkmannes. Und wie ein blauer Bogen darüber ein heiterer Frühlingshimmel gespannt, in den die flinken Schwalben mit zwitscherndem Jubel hineinsegelten.
Als sie durch eine alte breite Akazienallee kamen, erzählte er ihr, daß dies Beethovens Lieblingsgang gewesen sei, auf dem er im Spazierengehen viele seiner tiefsten Schöpfungen zuerst empfunden habe. Der Name stimmte sie beide ernst und feierlich. Sie dachten an seine Musik, die ihnen ihr Leben in vielen begnadeten Stunden reicher und inniger gemacht hatte. Alles schien ihnen bedeutender und größer, da sie an ihn dachten: sie empfanden die Majestät der Landschaft, deren fröhliche Heiterkeit sie nur vorher geschaut, und der schwere satte Duft der sonneglühenden fruchtschwellenden Erde gab ihnen das geheimste Symbol des Frühlings.
Ihr Weg ging weiter durch die Felder. Erika ließ im Vorübergehen das unreife Korn durch ihre Finger rauschen, aber sie fühlte es gar nicht, wenn ab und zu ein Halm unter ihrer Hand zerknickte. Das Schweigen zwischen ihnen gab ihr seltsame und tiefe Gedanken, in die sie sich träumend verlor. Es waren milde und heimliche Liebesgefühle in ihr erwacht, aber sie dachte nicht an ihn, der ihr zur Seite ging, sondern an alles, das um sie war und lebte, an das Korn, das sich leise im Winde wiegte und an die Menschen, denen es Arbeit und Glück schenkte; sie dachte an die Schwalben, die sich am Himmel hoch verfolgten und an die Stadt, die fern unten in einer grauen Dunstkapuze eingehüllt herüberschaute, sie fühlte wieder die allumfassende Gewalt des Frühlings in sich wie ein Kind, das mit frohen Sprüngen zum ersten Male jubelnd in das mildströmende Sonnenlicht hinausstürmt.
Sie gingen lange in den Wiesen und Feldern. Inzwischen neigte sich der Nachmittag seinem Ende zu. Es war noch nicht Abend, aber das scharfe Licht ging allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, die sein Nahen verkündigte, und in der Luft zitterte ein leiser blaßrosa Ton. Erika war ein wenig müde geworden und, um sich auszurasten und ein wenig auch aus Neugier gingen sie in ein kleines Wirtshaus am Wege, aus dem ihnen fröhliche Stimmen in buntem Durcheinander entgegen klangen. Im Garten setzten sie sich nieder; an den Nachbartischen saßen Familien aus der Vorstadt, bessere Leute mit gemütlichen Mienen und lauten ungezwungenen Stimmen, die den Sonntag nach Wiener Art mit einem Ausflug feierten. Rückwärts in einer Laube waren ein paar Musikanten, drei oder vier Leute, die am Wochentag in der Stadt bettelnd herumzogen und nur des Sonntags ein Dach über sich hatten. Aber sie spielten die alten abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten und populären »Schlager« begannen, so fielen bald alle Stimmen ein und sangen die Melodie aus voller Kehle mit. Auch die Frauen stimmten ein, niemand genierte sich, alles war hier Gemütlichkeit und behäbige Zufriedenheit.
Erika lächelte ihm über den Tisch zu, aber ganz verstohlen, daß sich niemand beleidigt fühlte. Ihr gefielen diese schlichten unkomplizierten Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht verbergen konnten. Und ihr gefiel die behaglich-ländliche Stimmung, die kein fremder Einschlag trübte.
Der Wirt, ein breiter, gutmütiger Mann kam mit jovialem Lächeln zum Tisch her. Er hatte in seinem Gast einen vornehmeren Mann bemerkt, den er selbst bedienen wollte. Er fragte, ob er ihm Wein bringen dürfe, und als das bejaht wurde, erkundigte er sich, ob das Fräulein Braut auch etwas wünsche.
Erika wurde blutrot und wußte ihm im ersten Augenblicke nichts zu antworten. Dann nickte sie nur verwirrt mit dem Kopf. Ihr »Bräutigam« saß gegenüber, und obwohl sie ihn nicht ansah, fühlte sie seinen lächelnden Blick, der sich an ihrer Verwirrung weidete. Sie schämte sich eigentlich, wie ungeschickt sie sich benahm einer naturgemäßen Verwechslung halber, aber sie wurde das peinliche Gefühl nicht mehr los. Und mit einem Male war ihr die Stimmung verdorben, jetzt fühlte sie erst, wie abgehackt und maschinenmäßig die Leute ihre Lieder abdudelten, jetzt erst hörte sie das häßliche Brüllen und Poltern der Bierbässe, die in toller Freude mitjohlten. Am liebsten wäre sie weggegangen.
Aber da begann der Geiger ein paar seltsame Takte. Mit weichen süßen Strichen spielte er einen alten Walzer von Johann Strauß, und die andern stimmten schmiegsam in die weiche, liebe Melodie ein. Erika fühlte wieder erstaunt, was für zwingende Macht die Musik über ihre Seele habe, denn mit einem Male war eine Leichtigkeit in ihr und ein Wiegen und Schweben. Und die Süßigkeit der Melodie ließ sie fremde Versworte mitsingen, ganz leise mitsummen, ohne daß sie es recht wußte. Sie spürte nur, daß wieder alles gut und froh sei, und das Blühen des Frühlings fühlte sie wieder und ihr eigenes tanzendes Herz.
Als der Walzer zu Ende war, stand er auf und ging. Sie folgte ihm gern, denn sie verstand sofort seine Absicht, sich die packende Gewalt der Melodie und ihre sonnige Innigkeit nicht durch einen öden Gassenhauer zerstören zu lassen. Und sie gingen den schönen Weg gegen die Stadt zu wieder zurück.
Die Sonne war schon gesunken, nur hinter den Kanten der Berge, durch die goldumglühten Bäume sickerten feine Lichtbäche von seltsam rosiger Färbung hinab ins Tal. Es war ein wundersamer Anblick. Ein rötliches Leuchten stand am Himmel wie von einem fernen Brande, und tief unten über der Stadt wölbte sich der Dunst in der intensiven Strahlenfärbung wie ein purpurner Ball. Und alle Geräusche verklangen im Abend in sanfter Harmonie: der ferne Gesang von heimkehrenden Ausflüglern, begleitet von einer Harmonika, das immer lauter werdende helle Gezirp der Grillen und das unbestimmte Sausen und Rauschen und Raunen, das in allen Blättern lebte, in allen Ästen wisperte und selbst in der Luft zu surren schien.
Plötzlich, ganz unvermittelt, fielen ein paar Worte von ihm in ihr feierliches, fast andächtiges Schweigen hinein: »Erika, das war doch komisch, wie Sie der Wirt meine Braut nannte.«
Und dann ein Lachen, ein mühseliges gezwungenes Lachen.
Erika fuhr aus ihrer Träumerei. Was wollte er damit? Sie fühlte, daß er ein Gespräch beginnen, erzwingen wollte. Sie hatte Furcht, eine dumme, sinnlose dunkle Angst. Sie gab keine Antwort.
»Nicht, das war doch komisch? Und wie Sie rot geworden sind!«
Sie sah hinüber, um seinen Gesichtsausdruck zu betrachten. Wollte er sie verspotten? – Nein! Er war ganz ernst und sah sie gar nicht an. Er hatte es absichtslos gesagt. Aber er wollte eine Antwort haben. Jetzt fühlte sie erst, wie gezwungen er das gesagt hatte; wie um einen Anfang zu machen. Es war ihr so bange, und sie wußte nicht, warum. Aber etwas mußte sie sagen, er wartete ja darauf.
»Mir war es weniger komisch als peinlich. Ich bin nun einmal so, daß ich Scherze nicht recht verstehen kann.« Sie sagte es hart und abschließend, fast wie gereizt.
Dann stellte sich wieder ein Schweigen zwischen beide. Aber es war keine selige Stille vereinten Genießens mehr, wie früher, kein sympathetisches Ahnen und Erfassen der ungeborenen Empfindung, sondern ein schweres und dunkles Schweigen, das ein Verschweigen war von irgend etwas Drohendem und Drängendem. Und sie hatte plötzlich Angst vor ihrer Liebe, daß sie auch so schmerzhaft und verzehrend werden sollte wie jedes Glück, das ihr begegnet war, wie die wehmütigen und leisen Bücher, über denen sie weinte, und die doch ihr liebstes waren und wie die brennenden Wellen der Tonfluten in Tristan und Isolde, die ihr höchste Seligkeit bedeuteten und sie doch quälten wie ein Schmerz. Das Schweigen drückte sie immer mehr und mehr und wurde wie ein dunkler, schwerer Nebel, der sich schmerzhaft auf ihre Augen legte. Allmählich befreite sie sich erst aus ihrer Bangigkeit. Sie wollte ein Ende machen, ihn klar und offen fragen.
»Mir ist so, als wollten Sie mir etwas verschweigen. Was ist Ihnen?«
Einen Moment blieb er ruhig. Dann sah er sie an mit dunklen, unbeweglichen Augensternen. Er überlegte und sah sie nochmals an, tiefer und sicherer, und seine Stimme klang seltsam voll und melodisch.
»Ich habe es lange nicht gewußt. Seit kurzem weiß ich es erst. Ich – sehne mich nach Ihnen.«
Erika erbebte. Sie hatte die Augen zu Boden gerichtet, aber sie spürte, daß er sie ansehe, tief, fragend, durchdringend. Sie dachte nun an das letzte Mal, wie sie bei ihm war und er sie geküßt hatte. Sie hatte ihm damals nichts gesagt, aber ihr Herz war ungestüm erwacht, sie wußte nicht, ob in Zorn oder Scham. Und das Bangen hatte sie erfaßt, das sie sonst spürte, wenn er so glühende und leidenschaftliche Lieder spielte, jenes selige Grauen mit Abgründen und Seligkeiten ohne Ende. Was sollte jetzt kommen? O Gott, o Gott!… Sie fühlte, daß er weitersprechen würde und sehnte sich danach und fürchtete sich doch. Sie wollte es nicht hören. Sie wollte die Felder sehen, ja, den Abend, den herrlichen Abend. Nur nichts hören, nichts hören. Nur die Stadt ansehen mit ihrem dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben… Die Wolken, wie sie rasch am Himmel segelten! Ganz wenige waren noch oben. Eins… zwei… drei… vier… fünf… ja fünf Wolken… Nein! Nur vier waren es!… Vier…
Aber da begann er zu sprechen.
»Ich habe lange Angst gehabt vor meiner Leidenschaft, Erika! Ich habe immer geahnt, daß sie kommen werde und habe es nie glauben wollen. Nun ist sie da. Ich weiß es, seitdem Sie das letzte Mal bei mir waren, seit gestern.«
Einen Moment schwieg er und holte Atem aus tiefster Brust.
»Und – das macht mich traurig, unendlich traurig. Ich weiß, daß ich Sie nicht heiraten kann, ich weiß, es würde mich meine Kunst kosten. Das kann kein Fremder verstehen – Sie werden es verstehen, meine liebe, liebe Erika. Nur ein Künstler kann das verstehen, und Sie haben eine reiche, unendlich reiche Künstlerseele. Und Sie sind auch klug. Wir können nicht mehr weiter so zusammen verkehren… es muß ein Ende gemacht werden…«
Er hielt inne. Erika fühlte, daß er noch nicht zu Ende war. Am liebsten wäre sie vor ihm bettelnd hingesunken und hätte ihn gebeten, jetzt nicht weiter zu sprechen. – Sie wollte jetzt nichts hören, nichts verstehen. – Nein, sie wollte nicht… Und angstvoll begann sie wieder die Wolken zu zählen… Aber die waren schon weg… Nein, dort war noch eine… Eine, die letzte, rosig überhaucht wie ein stolzer Schwan, der den dunklen Strom hinabsegelt… Wieso fiel ihr das Bild ein? Sie wußte es nicht… Ihre Gedanken wurden immer wirrer. Sie fühlte nur, daß sie bloß an die Wolke denken wollte… Die zog jetzt fort, ja sie zog fort über den Berg hin… Sie spürte, wie ihr ganzes Herz an ihr hing, wie sie sie am liebsten mit ausgestreckten Händen gehalten hätte, aber sie ging… sie lief, lief schneller, immer schneller… Und jetzt – jetzt war sie verschwunden… Und Erika hörte nun wieder klar und unabänderlich seine Worte, unter denen ihr Herz in blinder Angst erbebte.
»Ich weiß nicht, ob du mich so ganz kennst. Ich glaube nicht, ich meine immer, daß du mich überschätzt. Ich bin kein großer Mensch, ich bin keiner von denen, die… die über dem Leben stehen in ihrer sicheren Selbstgenügsamkeit. Ich wollte, ich wäre so, aber ich bin es nicht. Ich klebe am Leben, ich bin nicht eben viel mehr als einer, der das begehrt, was er liebt. Ich bin nur so, wie alle Männer sind, ich verehre nicht nur die Frau, wenn ich sie liebe, ich… verlange sie auch… Und… mit Fremden will ich dich nicht betrügen. Ich will nicht, daß du mich verachtest. Du bist mir zu lieb dazu…«
Erika war blaß geworden. Nun erst verstand sie, was er meinte, und sie wunderte sich, daß sie nicht früher daran gedacht. Mit einem Male war sie wieder ruhig geworden. Es war alles gekommen, wie es kommen mußte.
Sie wollte ablehnend sprechen, aber sie vermochte es nicht. Das sanfte »du« seiner Rede hatte sie eigentümlich überwältigt mit seiner liebevollen Innigkeit. Sie verspürte wieder, wie sie ihn liebte; das Bewußtsein kam ihr plötzlich, wie ein vergessenes Wort, das wiederkehrt. Und sie fühlte auch, wie schwer sie ihn verlieren könnte, wie viel geheime Kräfte sie mit ihm verbanden. Wie ein Traum war ihr alles…
Er sprach weiter, und seine Stimme wurde mild wie eine Liebkosung. Sie fühlte seine Hand in ihren zärtlichen Fingern.
»Ich weiß nicht, ob du mich geliebt hast, ob du mich so geliebt hast, wie ich dich jetzt. Mit der letzten Hingabe und mit dem grenzenlosen Vergessen an alle Kleinlichkeiten, mit jener heiligsten Liebe, die nur schenken und nichts verweigern kann. Und ich glaube nur an die Liebe, die Opfer bringt um ihrer selbst willen… Aber nun ist alles zu Ende. Und ich habe dich darum nicht minder lieb…«
Erika war wie von einem Rausch befangen. Ein sanfter Schauer überlief sie. Sie wußte nur, daß sie ihn verlieren sollte und nicht konnte. Und daß sie hoch über dem Leben stand. Alles war so fern, so weit. Abendstille lag über den Tälern und sanfte Feierlichkeit, die Stadt war fern und ihr Gebrause und alles, was an Wirklichkeit erinnerte. Sie fühlte sich in sonnigen Höhen, weit, weit oben über alle Häßlichkeit und Kleinlichkeit mit ihrer opferfreudigen, freien und spendenden Liebe, mit ihrer seligen Macht des Glückverschenkens. Keine Gedanken, kein kluges, rechnendes Besinnen war mehr in ihr, nur Gefühle, jauchzende, überströmende Gefühle, wie sie sie nie gespürt. Die Stimmung überwältigte sie und ihr eigenstes Wollen. Und so sagte sie leise und schlicht:
»Ich habe niemanden auf der Welt als dich. Und dich will ich glücklich machen.«
Alle Scham war von ihr gewichen, wie sie zu ihm sprach. Sie wußte nur, daß sie mit einem Worte viel, viel Glück verschenken konnte und sah nur seine leuchtenden Augen und ihren dankbaren Glanz.
Und er beugte sich nieder und küßte mit stiller Ehrfurcht ihren Mund.
»Ich habe nie an dir gezweifelt.«
Und dann gingen sie den Weg hinab, der Stadt, nach Hause zu.
Langsam kamen sie wieder in die dunkle, tagesmüde Stadt, und es war Erika, als stiege sie von den leuchtenden Firnen eines seligen Traumes ins harte, kalte und unerbittliche Leben nieder. Mit fremden und ängstlichen Blicken trat sie in die nebelfeuchten Vorstadtgassen, die vom häßlichen und aufdringlichen Lärm und Dunst erfüllt waren; und ein Gefühl schmerzhafter Öde senkte sich auf sie herab. Sie fühlte sich bedrückt von den rauchigen Häusern, die sich dunkel über ihr zueinander drängten, ein finsteres Symbol des Alltagslebens, das sich mit rücksichtsloser, drohender Gewalt in ihr Schicksal preßte, um es zu zermalmen.
Sie erschrak beinahe, als er sie plötzlich mit einem Liebeswort ansprach, und sie erstaunte, daß sie die zärtlichen Minuten und ihr Versprechen beinahe vergessen hatte. Wie fremd ihr alles hier plötzlich geworden war in dieser dumpfen, beengenden Umgebung, was ihr früher die jähe Impulsivkraft einer Rauschstimmung entlockt hatte. Sie sah ihn an, ganz vorsichtig von der Seite. Seine Stirne war kraftvoll gefaltet, und um den Mund lag die Ruhe eines Selbstsicheren, alles war unbeugsame und selbstgefällige Männlichkeit in seinem Gesichtsausdruck. Nirgends die sanfte Melancholie, die sonst seine Kräfte in eine schöne Harmonie bannte, nur triumphierende Härte, die vielleicht eine lauernde Sinnlichkeit war. Langsam wandte Erika den Blick. – Noch nie war er ihr so fremd und so ferne gewesen wie in diesem Augenblick.
Und plötzlich hatte sie Angst, tolle, unbändige Angst! Mit einem Male wachten tausend erschreckte Stimmen in ihr auf, die warnten und lärmten und sich selbst überschrieen. Was sollte jetzt kommen? Sie fühlte es nur dunkel, denn sie wagte es nicht auszudenken. Alles empörte sich in ihr gegen das Versprechen, das ihr eine Minute der Schwäche entrissen hatte, und ihre heiße Scham brannte wie eine Wunde. Sie war nie sinnlich gewesen, das spürte sie nun in allen Tiefen ihres Herzens, sie hatte kein Begehren nach einem Manne, nur Abscheu vor der brutalen, zwingenden Macht. Nur Ekel empfand sie in diesem Augenblick, und alles verfinsterte sich vor ihren Blicken und bekam eine häßliche und niedrige Bedeutung; der leise Armdruck, den sie fühlte, die Liebespaare, die im Nebel auftauchten und sich wieder verloren, jeder zufällige Blick, der sie im Vorübergehen traf. Deutlich und zornig klopfte ihr Blut an den schmerzenden Schläfen.
Mit einem Male ward ihr die tiefe Schmerzlichkeit ihrer Liebe bewußt, die unter den Enttäuschungen bebte, wie unter züchtigenden Schlägen. Was immer geschehen war, mußte wieder Erlebnis werden. Die Sinnlichkeit des Mannes mordete die sanfte Liebe des Mädchens und ihre heiligsten Schauer. Das Glück, das wie schimmernde Abendwolken über dem Dunkel gehangen, war nun zerbrochen, und die Nacht begann aufzusteigen schwarz und schwer mit drohender, leidvoller Stille und unbarmherzigem Schweigen…
Ihre Füße wollten kaum weiter. Sie merkte, daß er den Weg gegen seine Wohnung nahm, und dieses Bewußtsein betäubte sie. Sie wollte ihm alles sagen: wie ihre Liebe ganz anders sei als die seine, wie sie nur das Versprechen gegeben im Banne einer Stimmung, der ihr nervöses Empfinden unterlegen, und wie sich alles in ihr aufbäume gegen diese vorbesprochene Liebesszene. Aber die Worte fanden keine Laute, nur finstere und drängende Empfindungen, die ihre Seele quälten und marterten, ohne sie zu befreien. Dunkle und bange Erinnerungen streiften sie wie mit schwarzschattenden Schwingen. Und eine kam immer wieder, eine seltsame und doch so alltägliche Geschichte von einem Mädchen, die mit ihr zur Schule gegangen war. Die hatte sich einem Manne hingegeben, und als er sie verließ, aus Rache und Zorn einem andern und dann wiederum andern – sie wußte selbst nicht mehr, warum. Und Erika erschauerte immer, wenn sie an dieses Mädchen dachte, durch deren Leben die Liebe gegangen war wie ein dunkler Wettersturm; und das gewaltsame Widerstreben in ihr war mehr als die erste Scham eines unbefleckten Mädchens, das vor dem unbekannten Geschehen bangt, es war die schöne Schwäche einer zarten und schwächlich-scheuen Seele, die das laute Leben fürchtet und seine brutale Häßlichkeit.
Aber das Schweigen blieb kalt und scheidend zwischen den beiden, die nebeneinander hergingen, Arm in Arm. Gern wollte Erika den ihren losmachen, aber es war, als hätten ihre Glieder jede Bewegungsfähigkeit verloren, nur die Füße schoben sich in traumhafter Gleichförmigkeit nach vorwärts. Und ihre Gedanken wurden immer wirrer und schossen durcheinander wie glühende Pfeile, die sich mit feinen brennenden Widerhaken in ihrem Gehirn festbohrten. Und darüber legte sich immer dichter die schwarze Wolke der kraftlosen Furcht und der verzweifelten Ergebung. Ein Gebet wagte sich immer wieder auf ihre Lippen, daß jetzt plötzlich alles vorbei sein sollte, ein großes, dunkles, schmerzloses Nichts, ein Nichtfühlen und Nichtmehrdenkenmüssen, ein Aufhören, jäh und unvermittelt, wie das Erwachen, das aus einem bösen Traum befreit…
Plötzlich blieb er stehen.
Sie fuhr auf und erschrak. Sie waren vor dem Hause, in dem er wohnte. Eine Minute blieb ihr Herz ohne Schlag, ruhig, ganz unbeweglich. Aber dann begann es wieder zu pochen, hastig und wild, mit hämmernder Angst und steigender Schnelligkeit.
Er sagte ihr ein paar Worte, liebe süße Worte. Sie hatte ihn beinahe wieder gern in diesem Augenblick, so herzlich und feinfühlig sprach er zu ihr. Aber als er ihren Arm fester erfaßte und ihren widerstandslosen Körper mit sanfter Zärtlichkeit drängte, da kam wieder die alte dunkle Angst, und sie war betäubender und furchtbarer denn je. Es war ihr so, als müßte plötzlich in ihr die Stimme freigebunden werden und laut ihn betteln und bitten, daß er sie freigebe, aber ihre Kehle blieb stumm und verschlossen. Halb bewußtlos ging sie an seinem Arm durch das große, düstere Tor, jenen Schmerz des Unabwendbaren in der Seele, der so tief ist, daß man ihn nicht mehr als Leid empfindet.
Eine dunkle Wendeltreppe gingen sie hinauf. Sie fühlte die kalte, muffige Kellerluft und sah die gelben, zitternden Gaslichter, die im kühlen Hauche bebten. Jede Stufe spürte sie, alle diese Bilder glitten an ihr vorüber, wie die Vorstellungen knapp vor dem Einschlafen, flüchtig und doch scharf, tief eindringend und doch wieder verfliegend im nächsten Augenblicke.
Nun standen sie in einem Gang. Sie wußte es, vor seiner Tür…
Er ging voraus und ließ ihren Arm.
»Einen Augenblick, Erika, ich will nur Licht machen.«
Sie hörte seine Stimme von innen, wie er hineinging und dort ein Licht anzündete. Der Augenblick gab ihr Mut und Erwachen. Die Furcht kam plötzlich über sie wie ein Fieberschauer, der die krampfhafte Starre löste. Und blitzschnell stürmte sie wieder die Treppe hinab, ohne in ihrer wahnsinnigen Eile auf die Stufen zu achten, rasch, nur rasch vorwärts. Ihr war noch, als ob sie seine Stimme von oben hörte, aber sie wollte gar nicht mehr zur Besinnung kommen, sondern lief und lief, ohne innezuhalten, immer vorwärts. Eine wilde Angst war in ihr erwacht, daß er ihr nachfolgen könne und eine Angst vor ihr selbst, sie möchte zu ihm zurückkehren. Und erst, als sie mehrere Straßen weit war und plötzlich sich in einer fremden Gegend sah, blieb sie mit einem tiefen Seufzer stehen, um dann langsam der Richtung ihrer Wohnung zuzuschreiten.
Es gibt leere, inhaltslose Stunden, die Schicksal in sich bergen. Sie steigen auf wie dunkle gleichgültige Wolken, die kommen, um sich wieder zu verlieren, aber sie bleiben hartnäckig und trotzig. Und wie ein schwarzer, steigender Rauch lösen sie sich auf, werden ferner und breiter, bis sie schließlich mit mattem, schwermütigem Grau unbeweglich über dem Leben schweben, ein Schatten, der sich unabwendbar und eifersüchtig an die Minute heftet und immer wieder seine drohende Faust erhebt.
Erika lag auf dem Sofa in ihrem dunkel heimlichen Zimmer, den Kopf in die Kissen gepreßt und weinte. Sie fand keine Tränen, aber sie spürte sie in sich verfließen, heiß, quellend und anklagend, und manchmal lief der jähe Schauer eines Schluchzens über ihren Körper. Sie fühlte, wie ihr diese schmerzvollen Minuten Erlebnis wurden, wie mit der ersten großen Enttäuschung sich das Leid tief in ihre Seele einsog, die sich ihm ahnungslos erschloß. Eigentlich bebte der Triumph in ihrem Herzen, daß ihr die Flucht gelungen war, noch im letzten entscheidenden Augenblicke, aber es wollte keine helle, blinkende Freude und kein Jubel werden, sondern blieb stumm wie ein Schmerz. Denn es gibt Naturen, in denen alle großen Ereignisse und alle überragenden Geschehnisse mit der allgemeinen Erschütterung der Seele auch die vorklingende dumpfe Saite einer verborgenen Schmerzlichkeit und innigen Melancholie anschlagen, deren Klingen so laut und drängend wird, daß alle anderen Stimmungen sich selbstlos in ihr auflösen. Und so war die Erika Ewald. Sie trauerte um ihre Liebe, die jung und schön gewesen war, wie ein spielendes Kind, das sich im Leben verliert. Und Scham war in ihr, heiße brennende Scham, daß sie entflohen war wie ein stummes hilfloses Wesen, statt ehrlich zu sein und zu ihm zu sprechen, kühl und mit herbem Stolz, dem er sich hätte fügen müssen. Und sie dachte an ihn und ihre Liebe mit einem seligen Schmerz und einer heißen Ängstlichkeit, und alle Bilder kamen wieder und wirrten durcheinander, aber sie waren nicht mehr hell und froh, sondern dunkel beschattet von der Wehmut der Erinnerung.
Draußen ging eine Türe. Sie erschrak jäh und unvermittelt. Ängstlich horchte sie jedem Geräusch und suchte sich jede leise Klangerregung zu deuten in einem unbestimmten Gedanken, den sie nicht recht zu denken wagte.
Da trat ihre Schwester ein.
Erika war verwirrt. Sie erstaunte, daß sie nicht daran, nicht an das Nächstliegende gedacht hatte, daß ihre Schwester kommen müsse, und sie spürte wieder mit einem merkwürdigen Gefühle, wie fremd, wie ungeheuer fern ihr doch alle diese Leute waren mit denen sie lebte.
Die Schwester begann sie über den Nachmittag zu fragen. Erika antwortete ungeschickt, und wie sie merkte, daß sie unsicher sei, wurde sie hart und ungerecht. Man sollte sie nicht immer mit Fragen belästigen, sie kümmere sich auch um niemanden. Und außerdem habe sie jetzt Kopfschmerzen und wolle Ruhe haben.
Die Schwester erwiderte nichts, sondern ging aus dem Zimmer. Mit einem Male fühlte Erika, wie ungerecht sie gewesen war. Und Mitleid empfand sie mit diesem stillen, schicksalsergebenen Wesen, das nichts erlebte und auch nicht bat darum, das nichts besaß vom Leben, nicht einmal einen reichen, adelnden Schmerz, wie sie selbst.
Das brachte sie wieder zu ihren Gedanken zurück. Und die zogen heran und verloren sich wieder in der Ferne, schwere, schwarzbeschwingte Boote, die sich durch die dunkle Flut gerungen ohne Lärm und Rauschen, ohne Färbung und tiefeinschneidende Spur, nur von unbekannten und unsichtbaren treibenden Gewalten gesendet und gelenkt. Aber ihre trübe Stimmung zitterte in Erikas Seele fortschwingend dahin und löste sich nach dunkelschweren Stunden in einer Müdigkeit, der sie sich willenlos ergab.
Die nächsten Tage brachten für Erika nur Harren und Bangen. Im geheimen wartete sie auf einen Brief, eine Nachricht von seiner Hand; sie sehnte sich selbst nach einem Schreiben mit harten, unbarmherzigen Vorwürfen und zornigen Worten. Denn sie wollte einen Abschluß haben, ein Ende, das sich über die Vergangenheit legte und ihr das geheime Hinübertreten in ihre kommenden Tage verwehren sollte. Oder es sollte ein Brief sein mit milden, verstehenden Worten, die zu ihrer Seele gingen und sie wieder zurückführten in den Reigen der seligen Stunden, aus dem sie geschieden.
Aber keine Botschaft kam, kein Zeichen stellte sich zwischen sie und die quälende Ungewißheit. Denn Erika war noch viel zu sehr im Banne ihrer Empfindungen und Erregungen, um zu wissen, ob ihre Liebe zu ihm noch lebte oder ob sie schon gestorben war oder sich am Ende im Umwandlungzustande neuer Phasen befand, von denen sie noch nichts ahnte. Sie spürte nur die Unruhe und Verworrenheit in sich, die fortwährende Spannung, die sich nicht lösen wollte und in ihr gereizte und häßliche Stimmungen erweckte. Nervös und mit Kopfschmerzen ging sie in die Stunden, die ihr furchtbarer wurden als je, weil sie alles Falsche und Unharmonische viel schärfer spürte. Und jedes Geräusch irritierte sie, die Außenwelt wurde ihr unerträglich in ihrem lauten Hasten und Drängen, und selbst die eigenen Gedanken verloren ihre sanfte, wohltuende Traumhaftigkeit und bekamen harte einschneidende Spitzen. In jedem Dinge verbarg sich ihr eine geheime Feindseligkeit und eine trotzige Absicht, die sie verletzen wollte. Die ganze Welt, die sie umschloß, schien ihr nur mehr ein großes, dunkles Gefängnis mit tausend verborgenen Marterwerkzeugen und erblindeten Scheiben, die dem Lichte den Eingang verwehrten.
Und diese Tage waren ihr unerträglich lang und wollten kein Ende nehmen. Erika saß beim Fenster und wartete auf den Abend, der ihr ein wenig Frieden brachte mit der sanften Milderung aller Kontraste. Wenn die Sonne sich langsam hinter den Dächern zu senken begann, und immer matter und mehr abgedunkelt die Widerscheine nachzitterten, wurde alles in ihr stiller und ruhiger. Dann fühlte sie auch, daß ihr ganzes Denken und Fühlen jetzt anders und fremder werden wollte, daß neue Geschehnisse und neue Gefühle vor der Pforte ihres Lebens standen und lärmten und Einlaß begehrten. Aber sie achtete ihrer nicht, denn sie glaubte, die Regungen, die in ihr wuchsen und sich formten, seien nur die letzten verscheidenden Zuckungen ihrer sterbenden Liebe…
So gingen zwei Wochen dahin, ohne daß Erika eine Nachricht von ihm empfangen hätte. Alles schien vorüber zu sein und vergessen. Ihre Traurigkeit und Unbeständigkeit verlor sich noch nicht, aber sie befreite sich von ihrer häßlichen, gereizten Form und fand verfeinerten und durchgeistigten Ausdruck. Die schmerzlichen Empfindungen lösten sich leise und lind in schwermütigen Liedern, Melodieen mit tiefen, verhaltenen Mollklängen und melancholisch wehklingenden Akkorden. Manche Abende spielte sie so ohne Gedanken, sich in sanfter Abirrung vom eigentlichen Motive zu selbstgeschaffenen Verbindungen hinwendend, immer leiser und leiser werdend wie die Geschichte ihrer so leidvollen Liebe, die nun langsam in Vergangenheit verrinnen wollte.
Auch begann sie wieder zu lesen. Jene herrlichen Bücher wurden ihr wieder nahe, denen die Schwermut entströmt wie ein schwerer betäubender Duft aus seltsam dunklen und melancholischen Blüten. Die Maria Grubbe kam ihr wieder zur Hand, der das harte Leben eine heilige und tiefinnige Liebe zerstört, und die unglückliche Madame Bovary, die nicht entsagen wollte und ihr schlichtes Glück verstieß. Und das unsäglich rührende Tagebuch der Maria Bashkirceff las sie, zu der die große Liebe nie gekommen war, ob ihr auch ein reiches und sehnsuchtsvolles Künstlerherz erwartungsvoll die Hände entgegenhielt. Und ihre gequälte Seele tauchte in diesem fremden Schmerze unter, um den eigenen zu verlieren und zu vergessen, aber manchmal kam ein Erschrecken über sie, in dem Furcht sich dem Stolze verschwisterte; denn Worte kamen ihren Blicken entgegen, die auch in ihrem eigenen Leben standen, und deren schicksalsschweren Sinn sie verstand. Und nun fühlte sie, wie ihre Geschichte nicht Ungerechtigkeit und Haß des Lebens verkündigte, sondern nur schmerzlich war, weil ihr der frohe Tänzerschritt eines lachenden unbedeutenden Temperamentes fehlte, der rasch vergessend die dunklen, aber geheimnisreichen Abgründe des Schmerzes überspringt. Nur ihre Einsamkeit senkte sich noch drückend auf sie herab. Niemand stand ihr nahe. Eine sonderbare Scham, sich mit ihren Tiefen und geheimen Schönheiten einem Fremden zu geben, hatte sie von allen Freundinnen abgewandt; und ihr fehlte auch der seligvertrauende Glaube der Frommen, der zu einem Gotte spricht und ihm die verschwiegensten Geständnisse zu eigen gibt. Der Schmerz, der von ihr ausging, floß wieder in ihre Seele zurück, und dieses unaufhörliche Sichselbstanvertrauen und Zergliedern gab ihr schließlich eine dumpfe Müdigkeit und hoffnungslose Trägheit, die nicht mehr mit dem Schicksal ringen wollte und mit seinen verborgenen Gewalten.
Sonderbare Gedanken überkamen sie, wenn sie vom Fenster auf die Gasse herabsah. Sie sah Leute in wildem Durcheinander, Liebespaare, die in seliger Versunkenheit vorübergingen, dann wieder hastende Burschen, vorbeischießende Radfahrer, rasch dahinrollende Wagen mit schwirrenden Rädern, Bilder des Tages und der Gewöhnlichkeit. Aber ihr war alles das so fremd. Wie von ferne, aus einer anderen Welt schaute sie zu, als könnte sie nicht verstehen, warum diese Wesen so eilten und drängten und vorbeistürmten, wenn alle Ziele so klein und verächtlich waren. Als ob es etwas Reicheres und Seligeres geben könne als den großen Frieden, in dessen Bann alle Leidenschaften schlafen und alle Sehnsüchte; der doch wie eine wunderwirkende Quelle war, in deren milder und geheimkräftiger Flut sich alles Kranke und Häßliche ablöste, wie eine lästige Schicht. Und wozu dann alle die Kämpfe und Überwindungen? Und wozu die heiße nimmermüde Sehnsucht, die niemanden zurückweichen läßt?
So dachte die Erika Ewald manchmal und lächelte über das Leben. Denn sie wußte nicht, daß auch der Glaube an diesen großen Frieden nur eine Sehnsucht ist, das innigste und unvergänglichste Begehren, das uns nicht zu uns selbst gelangen läßt. Sie glaubte ihre Liebe überwunden zu haben und dachte ihrer, wie man eines Toten gedenkt. Die Erinnerungen bekamen milde, versöhnliche Farben, vergessene Episoden tauchten wieder auf, und zwischen Wirklichkeit und sanfter Träumerei liefen geheime, verbindende Fäden hin und her, bis sie sich unlöslich verwirrt hatten. Denn sie träumte von ihrem Erlebnis wie von einem eigenartigen und schönen Roman, den man vor langem gelesen; seine Gestalten treten langsam wieder heran und sprechen die Worte, die bekannt sind und doch so ferne, alle Räume werden wieder sichtbar, wie erleuchtet von einem plötzlichen aufblitzenden Licht, alles ist wieder wie einst. Und Erika dichtete sich in ihren Gedanken, die sich im Abend berauschten, immer wieder neue Abschlüsse dazu, aber sie fand keinen rechten, denn sie wollte ein mildes und versöhnliches Ende voll Hoheit und reifer Entsagung, mit kühlem freundschaftlichem Händereichen und tiefem Verstehen. Langsam gaben ihr diese romantischen Träume den innigen Glauben, daß auch er jetzt ihrer harre und in tausend seligen Schmerzen gedenke, und diese Idee, die sich in ihr allmählich zu einer unbeugsamen Tatsache verdichtete, ließ das Vertrauen immer sicherer sich entfalten, daß alles noch gut werden müsse und daß eine versöhnende, abschließende Konsonanz die seltsam bewegte Melodie ihrer Liebe erlösen müsse.
Nach langen, langen Tagen wagte sich jetzt manchmal ein Lächeln über ihre Lippen, wenn sie ihrer Liebe gedachte mit all ihren bitteren Wunden, die nun vernarben wollten. Denn sie wußte noch nicht, daß ein tiefer Schmerz wie ein finsterer Gebirgsbach ist, der sich unterirdisch, mit unruhvollem Schweigen durch das Gestein wühlt und in ohnmächtigem Zorne lange an ungebahnten Pforten pocht und pocht. Aber einmal zersprengt er die Wand und stürmt mit haltlosem Jubel vernichtend und kraftvergeudend in die blühenden Tale hinab, die sich in heiterem, ahnungslosem Vertrauen gewiegt…
Es sollte alles anders kommen, als es Erika geträumt. Noch einmal trat die Liebe in ihr Leben, aber sie war anders geworden; nicht mehr so still und mädchenhaft nahte sie mit milden, segnenden Geschenken, sondern wie ein Frühlingssturm, wie eine heiße, begehrende Frau, die brennende Lippen hat und die tiefrote Rose der Leidenschaft im dunklen Haare trägt. Denn die Sinnlichkeit der Männer ist nicht wie die der Frauen; bei jenen glüht sie vom Anbeginne, von den Jahren der ersten Reife, aber zu manchen Mädchen kommt sie vorerst in tausend Verhüllungen und Gestalten. Sie schleicht sich als Schwärmerei ein und als selige Träumerei, als Eitelkeit und ästhetisches Genießen, aber einmal kommt ein Tag, da wirft sie alle Masken von sich und zerreißt die bergenden Hüllen.
Eines Tages war Erika alles bewußt geworden. Kein lautes Ereignis hatte ihr die Erkenntnis abgezwungen und auch kein Zufall. Vielleicht war es ein Traum gewesen mit verwirrenden Lockungen oder ein Buch mit heimlich verführender Gewalt, vielleicht eine ferne Melodie, die sie plötzlich verstanden oder ein fremdes, blühendes Glück – es war ihr nie klar geworden. Sie wußte nur plötzlich, daß sie sich wieder nach ihm sehnte, aber nicht nach gütigen Worten und schweigenden Stunden, sondern nach seinen kraftvollen Armen und nach den heißen Lippen, die einstmals verlangend auf den ihren gebrannt, ohne daß diese ihre stummen, bettelnden Worte verstanden. Vergebens widerstrebte ihre mädchenhafte Scham diesem Bewußtsein; sie suchte der früheren Tage zu gedenken, die nie auch nur ein schwacher Hauch schwüler Sinnlichkeit durchzittert, sie suchte sich vorzulügen, daß diese Liebe schon längst tot und begraben sei, indem sie jenes Abends gedachte, da sie aus seinem Hause mit innerlichem Abscheu geflüchtet. Aber dann kamen Nächte, da sie ihr Blut brennen fühlte von glühendem Begehren und ihre Lippen in die kühlen Kissen sich einknirschen mußten, damit sie nicht stöhnten und seinen Namen hinausschrieen in die stumme, mitleidslose Nacht. Und da wagte sie sich nicht länger zu täuschen, und die Erkenntnis machte sie erbeben.
Nun wußte sie auch, daß die dumpfen Wallungen, die sie in allen diesen Tagen empfunden, nicht das Absterben ihrer schönen und hellen Liebe bedeutet hatten, sondern das langsame Keimen dieser drängenden Gewalten, die nun ihre Seele durchwühlten. Und mit sonderbarer Scheu dachte sie dieser Neigung, die so schlicht und alltäglich gewesen war, und der doch unablässig neue Schmerzen entsprossen, die feindlichen Kinder eines dunklen Geschickes. In dieser Leidenschaft, welche wie ein später Herbst gekommen war, der seine Früchte in die leeren, fröstelnden Felder wirft, einte sich die Kraft der Unberührtheit mit der Fülle der unverbrauchten Jugendtage, die nie unter den drängenden Krisen des Blutes gelitten. Eine stürmische, siegende Gewalt war in ihr, gegen die es kein Widerstreben gab und kein Verweigern, weil sie über alle Schranken sprang und die letzte Überlegung ertötete.
Erika ahnte noch nicht, wie schwach sie gegen diese jähe Leidenschaft war. Sie fühlte nur das Verlangen in sich siegreich werden, daß sie ihn wieder sehen müsse, sei es auch nur von der Ferne, ganz von fern, ohne bemerkt zu werden, ohne daß auch eine Ahnung ihn überkommen könne, daß sie ihn sehe und ersehne. Sie holte sich wieder seine Photographie hervor, die in einer versteckten Lade beinahe verstaubt war und brachte ihr eine sonderbare Verehrung entgegen. Sie küßte in glühender Leidenschaft seinen Mund, dann stellte sie sie wieder vor sich hin und begann wirre und heftige Worte zu sprechen, die sie ihm selbst sagen wollte, daß er ihr verzeihen möge, weil sie damals kindisch und erschreckt gehandelt habe. Und dann erzählte sie ihm in sich übereilenden Sätzen von ihrer Sehnsucht, und wie sie ihn wieder unendlich liebe, mehr, als er es jemals werde verstehen können. Aber alle diese Ekstasen befriedigten sie nicht, denn sie wollte ihn selbst wiedersehen. Mehrere Tage lang wartete sie an den Ecken der Straßen, die er zu passieren pflegte, doch vergebens. Und so sehr steigerte sich ihre Ungeduld, daß manchmal, aber ganz furchtsam und unbestimmt, der Gedanke in ihr erwachte, sie sollte zu ihm in die Wohnung gehen und sich für ihr Benehmen von damals entschuldigen. Aber da fand sie in den Tagesblättern die Notiz, daß er nächstens in einem eigenen Konzerte auftreten wolle, eine Nachricht, die Erika wie mit einem seligen Rausche erfüllte, denn nun ergab sich die beste Möglichkeit, ihn zu sehen, ohne daß er es ahnte. Und langsam, furchtbar langsam verflossen ihr die Tage, welche sie von dem festgesetzten, sehnlichst herbeigewünschten Abende trennten.
Erika war eine der ersten im großen, mit tausend Lichtern flimmernden Konzertsaale. Eine sehnsüchtige Unruhe, die Minuten zu Stunden dehnte, hatte sie seit Tagesanbruch erfüllt und durchschauert, seit jener Stunde, da der Gedanke, daß sich heute alles begeben müsse, ihr den Schlaf von den Lidern riß. Und dann war sie alle die Stunden durch Traumland gegangen, ob auch die einzelnen Forderungen ihres Berufes sie immer wieder aufschrecken ließen aus ihren sinnenden Erwartungen und ihrer sanftruhenden Sehnsucht. Und als der Abend kam, nahm sie ihr bestes Gewand und legte es mit einer gewissen feierlichen Sorgfalt an, die nur Frauen haben, wenn sie den Blick des Geliebten erwarten. Eine Stunde zu früh begab sie sich zum Konzertsaal. Wohl hatte sie zuerst einen Spaziergang geplant, ein kurzes Rasten für ihre Nerven, die zu fiebern schienen, aber kaum daß sie die Straße betrat, fühlte sie eine dunkle Gewalt, die sie magnetisch einer Richtung zudrängte. Ihre anfangs bedächtigen Schritte wurden unruhiger und beschleunigter. Und mit einem Male stand sie, fast selbst überrascht, vor den breiten Stufen des Konzertgebäudes und schämte sich ihrer Unrast. Gedankenlos ging sie noch ein wenig dort auf und ab. Und als die ersten Wagen behäbig vorrasselten, mühte sie sich nicht mehr länger, sich zu bezwingen und ging mit beherzter Miene in den eben erleuchteten Saal.
Nicht lange blieb drinnen dieses breite und leere Schweigen, das zu fürchtigen Träumen lud. Dichter und dichter drängten sich die Leute. Erika sah nicht die einzelnen, sondern fühlte nur die hereinströmende Masse, fühlte vor ihren Augen die wandernden Streifen der farbigen Toiletten, das dunkle Durcheinanderschieben und die vielen wechselnden Gesichter, die ihr wie Masken schienen. Alles in ihr war Unrast und Erwartung. In ihren Augen stand nur ein Name, ein Wunsch, ein Wort.
Und dann plötzlich begann das jähaufrauschende Murmeln und Bewegen, die vorbereitende Unruhe vor dem Schweigen, das leise Knacken der geöffneten Operngläser, das Klappern der Lorgnons, das Regen und Bewegen, jenes vieltönige Geräusch, das sich in stürmischen Beifall löste. Sie fühlte, daß er eingetreten war, jetzt eingetreten war. Und schloß die Augen. Sie wußte sich zu schwach, ihn in dieser stolzen Minute schweigend zu sehen. Sie hätte ja jubeln müssen oder ihn rufen, aufspringen oder ihm zuwinken, aber jedesfalls etwas Törichtes, Unüberlegtes, Lächerliches tun. Ihr Herz fühlte sie bis an die Kehle schlagen. Sie wartete. Sie wartete, mit geschlossenen Augen alles sehend, wie er hinaufschritt, wie er sich verneigte und jetzt, – jetzt mußte es ja sein – zum Bogen griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Töne seiner Geige sich singend erhoben wie langsam steigende Lerchen, die aus den Feldern zum Himmel aufjubeln.
Dann schaute sie empor, leise, ganz vorsichtig, wie man in ein sehr grelles blendendes Licht sieht. Und sie fühlte eine warme Blutwelle, wie sie ihn sah, gleichsam emporgetragen von diesem dunklen, schweigenden Meer, das die funkelnden Gläser und suchenden Blicke wie zitternde Schaumkämme durchglänzten. Und sie fühlte sein Spiel und wieder die ganze zauberische Gewalt von einst. Und wie die Töne wuchsen und anschwollen, so füllte sich auch ihr Herz. Lachen und Weinen war in ihr, ein Fluten der Erregung, warme zitternde Wellen. Sie fühlte Jubel, Jubel aus tausend sonndurchglänzten Springstrahlen in ihr Herz sprudeln, sie fühlte es selbst aufschäumen zu ihrer Kehle wie den jauchzenden Strahl einer aufzuckenden Fontäne. Wieder verführte sie die Stimmung der Musik wie eine Blinde, die keinen Weg weiß und sich willig der fremden und lieblichen Hand vertraut. Und als dann der Jubel losbrach und dieses dunkle Meer im Saale, das gleichsam in bezaubertem Schlafe gelegen war, plötzlich in wilder, tosender Brandung aufschäumte, als von allen Seiten ein überwältigender Beifall dröhnte, da rauschte ein jäher Stolz in ihr empor. Ihre Seele jubelte bei dem Gedanken, von ihm begehrt worden zu sein. Alle Häßlichkeit und Herbe jener Minuten war zerronnen in diesem stolzen Bewußtsein, in dieser siegenden Stunde seines Künstlertums.
So ward dieser Abend ein lauteres und tiefes Fest für ihre suchende und unruhige Seele. Nur eine Frage drängte sie, ob er ihrer wohl noch gedachte. Und sie war ganz Demut in jener Stunde, eine Sehnsüchtige, die nur begehrt, sich verschenken zu dürfen. Sie dachte nicht mehr an sich und nur mehr an ihn, sah nur sein Verlangen und seine Inbrunst in dem lockenden Geigenspiel und nicht mehr Töne und Melodien.
Und da kam ihr eine seltsame und unendlich beseligende Antwort. Nach langen Beifallsstürmen hatte er sich noch zu einer Zugabe entschlossen. Und nur ein paar schlichte, langsame Takte hatte er gespielt, als Erika erblaßte. Sie lauschte und lauschte wie gebannt. In herbem Erschrecken hatte sie das Lied erkannt, das Lied jenes ersten seltsamen Abends, da er es ihr zuliebe in die Dämmerung gestammelt. Und sie träumte von einer Huldigung. Sie fühlte, daß es ihr gesungen sei, zu ihr gesungen sei. Sie hörte es nur als Frage, die über alle andern zu ihr hinabtastete in den Saal, sie sah eine Liedseele, die in den dunklen Saal flog, um sie zu finden. Eine rasche Gewißheit schaukelte sie in selige Träume. Sie verstand ein Geständnis, daß er ihrer, nur ihrer mehr gedachte. Und Seligkeiten brausten auf sie nieder. Wieder war es die Musik, die sie betörte und über alle Wirklichkeiten hob. Sie fühlte einen Flug nach oben, menschenhoch und erdenfrei. Fast so wie damals in jener Stunde, als sie hoch über der fernen, brausenden Stadt zusammen standen. Nur höher noch, viel höher über Schicksal und Welt, über allen Kleinlichkeiten und Bedenken. In den wenigen Minuten dieses Spieles überflog sie in seligem Traume alle Schranken und Wirklichkeiten.
Der unerhörte Jubel, der seinem Spiele folgte, erweckte Erika erst wieder aus ihren weltentrückten Träumen. Und in drängender Hast eilte sie dem Ausgange zu, um ihn zu erwarten. Denn nun wußte sie auch die helle und sonnige Antwort auf ihre letzte Frage, die sie beängstigt und sie zurückgehalten, sich ihm zu schenken – nun war es ihr offenbar, daß er sie noch immer liebte und glühender wie einst, mit einer viel schöneren, wilderen und größeren Liebe. Sonst hätte er nicht all diesen Menschen den leuchtenden Hymnus gesungen, den er ihr zur Feier und aus ihrer Liebe geschaffen, dieses herrliche Lied, dessen Macht sie damals überwältigt und besiegt hatte, ohne daß sie es geahnt. Aber heute wollte sie ihm die sorglich gehüteten Früchte ihrer schenkenden Neigung zu Füßen legen, daß er sie selig erhöhe…
Mit Mühe drängte sie sich bis zum Ausgange durch, wo die Künstler herabzukommen pflegten. Wenige Flammen erhellten das matte Dunkel; dort drängten die Menschen nicht in so wilder Hast, und sie konnte sich ungestört wieder ihren Träumen hingeben, die sich in seliger Sicherheit wiegten. Sie hätte es doch schon lange, so lange wissen können, daß er sie nicht vergessen könnte – dieser Gedanke kehrte immer wieder und einte sich mit fröhlichen Verheißungen für die kommenden Tage. Mit übermütigem Lächeln dachte sie an seine Überraschung, wenn er ahnungslos die Treppen herabkäme und sich plötzlich der Wunsch verwirklichte, von dem er vielleicht eben geträumt. Und wenn…
Aber da kamen wahrhaftig schon Schritte, die immer lauter und näher tönten. Unwillkürlich zog sich Erika mehr ins Dunkel zurück.
Lachend und plaudernd stieg er die Treppe hinab – zärtlich hinabgebeugt zu einer Dame in spitzenbesetztem Kleide, einer kleinen, netten Sängerin von der Oper, die irgend eine alte Operettenmelodie trällerte. Erika zuckte zusammen. Da bemerkte er sie. Instinktiv griff er nach dem Hut, aber ließ die Hand auf halbem Wege müßig sinken. Ein böses, beleidigtes und höhnisches Lächeln schien auf seinen Lippen zu lauern, aber er wandte den Kopf zur Seite. Und dann führte er die kleine Dame im Spitzenkleid zu seinem Wagen, half ihr hinein und stieg selbst ein, ohne den Blick noch einmal zurückzuwenden zur Erika Ewald, die dort einsam stand mit ihrer verratenen Liebe.
Solche Erlebnisse erwecken oft mit ihrer jähen Gewalt ein Leid, das so furchtbar und tiefeinschneidend ist, daß man es nicht mehr als Schmerz empfindet, weil man die Fähigkeit des Begreifens und des bewußten Fühlens in seinem wilden Anpralle verliert. Man fühlt sich nur sinken, aus schwindelnden Höhen atemlos, willenlos und widerstandsunfähig herabsausen, einem Abgrunde zu, den man noch nicht kennt, den man aber ahnt, näher, näher und immer näher kommen fühlt mit jeder Sekunde, mit jeder verschwindend kleinen Zeiteinheit, die im wirbelnden Sturze verfliegt, jenem furchtbaren Ende zu, von dem man weiß, daß es zerschmettern und zerbrechen wird.
Erika Ewald hatte schon zu viel kleine Leiden ertragen, um einem großen Ereignis ruhig ins Auge sehen zu können. Jene kleinen Schmerzlichkeiten hatten ihr Leben erfüllt, die ein seltsames Glückseligkeitsgefühl in sich tragen, weil sie zu melancholischen, träumerischen Stunden leiten, zu sanften Verzagtheiten und zu jenen süßen Traurigkeiten, aus denen die Dichter ihre innigsten und wehmütigsten Verse schaffen. Aber sie hatte in jenen Stunden schon die mächtige Pranke des Schicksals zu verspüren geglaubt, und es war doch nur ein verrinnender Schatten seiner drohend ausgereckten Hand. Sie hatte gemeint, die finstere Gewalt des Lebens schon getragen zu haben und auf dieses Bewußtsein baute sie ihre starke Sicherheit, die jetzt zusammenbrach unter der Wirklichkeit wie ein Kinderspielzeug in einer nervigen Faust.
Und darum verlor ihre Seele so ganz ihre bindenden Kräfte. Das Leben kam zu ihr wie ein Hagelschauer, der Saaten und Blüten zerbricht. Nur mehr Öde war vor ihren Blicken und Finsternis, weite undurchdringliche Finsternis, die alle Wege versteckte, alle Blicke erblindete und die hallenden Angstrufe mitleidslos verschlang. Nur mehr Schweigen war in ihr, ein dumpfes, atemloses Schweigen, die Stille des Todes. Denn viel war in ihr gestorben in einem einzigen Augenblick: ein helles heiteres Lachen, das noch nicht geboren war, aber in ihr Leben wollte, wie ein Kind, das zum Lichte strebt. Und viel Jugend, jenes sehnsüchtige Empfangenwollen, das der Zukunft vertraut und Freude und Glanz hinter allen verschlossenen Pforten ahnt, die ihr Verlangen sich eröffnen soll. Und viel lautere und weltvertrauende Empfindungen, das Sichhingeben an alle Menschen und an die große Natur, die nur Feste und Wunder ihren gläubigen Schülern offenbart. Und endlich eine Liebe, die unendlich reich gewesen war, weil sie in den dunklen Quellen des Schmerzes sich gebadet hat und durch wechselnde Gestalten gegangen ist, um die Vollkommenheit zu finden.
Aber auch eine neue Saat war in dieser Enttäuschung, ein bitterer Haß gegen alles, was sie umgab und ein heißes Rachebedürfnis, das noch nicht wußte, wie es sich Bahn brechen sollte. In ihren Wangen brannte die Schmach, und ihre Hände bebten, als müßten sie jeden Augenblick losfahren in zorniger Gewalt gegen irgend etwas. Die Schwächlichkeit und Scham war von ihr gewichen, die drängende Macht des Handelns wurde immer deutlicher und unruhiger in ihr; ein Wesen, das sich vom Schicksal immer hatte formen und lenken lassen, wollte ihm nun entgegengehen und mit ihm ringen.
Und dieser ziellose ungebärdige Trieb ließ sie in den Gassen irren, ohne einen Entschluß. Die Wirklichkeit lag in weiter, weiter Ferne. Sie wußte nicht, wohin sie ging, in ihren Füßen war bleierne Müdigkeit, aber auch eine irre Bewegung, die sie weiter stieß. Immer mehr hüllte sie sich in ihre Gedanken, um den Schmerz, der jetzt wach werden wollte, wegzudenken und ihn im raschen Gehen zu vergessen; doch sie spürte einen Druck von Tränen, die noch nicht hervorbrechen konnten, aber innen brannten und tropften…
Auf einmal stand sie vor einer Brücke. Unten der Fluß, schwarz und langsam gleitend, mit vielen hellen, glitzernden Punkten. Sterne waren das und Reflexe von den Brückenlaternen, die hinaufstarrten wie aufgerissene Augen. Und von irgendwo ein leises unaufhörliches Plätschern, die Strömung, die sich an einem Pfeiler bricht.
Einen Todesgedanken barg dieser Anblick, das fühlte sie. Ein Beben überlief ihren Körper. Sie wandte sich um. Es war niemand in der Nähe, hie und da schwarze Schatten, die vorüberhuschten. Manchmal ein Lachen aus der Ferne oder das Rollen eines Wagens. Aber in der Nähe niemand, keiner, der sie hindern könnte. Wie leicht, wie rasch das war; ein Griff, ein Schwung über die Rampe, dann noch ein paar häßliche ringende Minuten unten, dort unten in dieser schweigsamen Dunkelheit und dann Friede… reicher, ewiger Friede, fern von allen Wirklichkeiten, der beruhigende Trost des Nichtwiedererwachens…
Aber dann ein anderer Gedanke! Eine verunstaltete Leiche, die man aus dem Wasser zieht, Neugierige, die sich belustigen, Gerede und Geschwätz – es tat ja nicht mehr weh! Aber einer war, der könnte es erfahren und dann vielleicht selbstbewußt lächeln, im Bewußtsein eines Siegers… Nein – das durfte nicht sein! Das Leben war noch nicht erschöpft, das fühlte sie, denn es konnte noch Rache bergen, den letzten tastenden Versuch einer Verzweiflung. Und vielleicht war es sogar schön, und sie hatte nur falsch gelebt, sie war gut und vertrauend gewesen, mild und zurückhaltend, während man rücksichtslos, gierig und verschlagen sein sollte, wie ein Raubtier, das sich von fremdem Leben nährt.
Ein Lachen rang sich ihr aus der Brust, wie sie sich von der Brücke abwendete, ein Lachen, vor dem sie erschrak. Denn sie fühlte, wie sie sich selbst nicht ihre ungesprochenen Worte glaubte. Nur der Schmerz war wahr, und der glühende brennende Haß, die blinde Sucht nach Rache. Wie fremd sie sich doch geworden war, daß sie sich nicht einmal selbst mehr erkannte, wie schlecht und wie wertlos!
Ihr fröstelte. Sie wollte an nichts mehr denken. Sie ging wieder tiefer in die Stadt hinein… irgend wohin… nach Hause zu… Nein – nicht nach Hause! Mit Furcht dachte sie daran. Dort war alles so finster und eng und dumpf, dort lauerten in allen Ecken Erinnerungen, die mit hämischen Fingern auf sie deuteten, dort war sie dann ganz allein mit ihrem großen Schmerz, dort konnte er seine schwarzen Flügel dicht ausbreiten, sie umfassen und eng, ganz eng an sie pressen, daß ihr der Atem verginge.
Aber wohin? Wohin? Die Frage zermarterte ihr das Hirn. Sie wußte nichts anderes mehr, ihr ganzes Denken konzentrierte sich in dieses eine Wort. –
Neben ihr lief ein Schatten.
Sie achtete nicht darauf.
Sie merkte es auch nicht, als er sich hart gegen den ihren neigte und mit ihm eine Zeitlang parallel lief. Jemand ging neben ihr, ein Freiwilliger, und betrachtete ihr Gesicht angelegentlich in dem Momente, als sie vor einer Laterne vorbeikamen. Erst wie er sie höflich ansprach, fuhr sie jäh aus ihren Gedanken auf. Sie brauchte einige Momente, um die Situation, in der sie sich befand, erst recht zu erfassen und antwortete nicht.
Der Freiwillige, ein Kavallerist, sehr jung noch und ein bißchen ungeschickt, ließ sich durch ihr Schweigen nicht einschüchtern, sondern redete in einem halb vertraulichen Ton, aber mit einer gewissen Reserve weiter. Offenbar war er mit sich nicht recht im klaren, mit wem er es eigentlich zu tun hätte; sie hatte ihm nicht geantwortet und war doch so vornehm – solid gekleidet. Und andererseits wieder dieses einsame langsame Spazierengehen spät in der Nacht – ganz recht bekam er’s nicht heraus. Aber er redete unbekümmert weiter.
Erika schwieg. Instinktiv hatte sie ihn abweisen wollen, aber alle Dinge von früher hatten sie auf seltsame Gedanken gebracht. Sie wollte doch jetzt ein anderes Leben beginnen, nicht mehr dieses traumvolle Dahindämmern und müßige Sichsehnen, das ihr tausend Leiden geboren, es sollte ja für sie ein neues Leben beginnen, heiß verwegen und voll wilder Gewalt. Und dann dachte sie wieder an ihn – eine Rache wollte sie nehmen, eine furchtbare Schmach. Dem ersten besten, der gekommen, wollte sie sich verschenken; weil er sie verschmäht, die Erniedrigung auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tödlichen Tropfen. Alles wurde rasch in ihr Plan und Entschluß, eine grausame Selbstpeinigung, die eine neue Schmach wählt, um die alte brennende zu vergessen… wie sie zurecht kam, die Gelegenheit… ein junger Mensch, ganz jung, der nichts davon verstand, nichts wußte, der sollte es sein, der erste beste…
Und plötzlich antwortete sie ihm mit so hastiger Liebenswürdigkeit, er dürfe sie begleiten, daß er beinahe wieder schwankend wurde, mit wem er es zu tun hätte. Aber ein paar Fragen, das Opernglas, das sie vom Konzert mitbrachte und ihr vornehmes Benehmen, veränderten seine oberflächliche Haltung zu ihr. Er blieb recht befangen. Eigentlich war er noch ein halbes Kind, das in einer Uniform sich so seltsam ausnahm, wie in einem kriegerischen Maskenkostüm; und seine bisherigen Abenteuer waren so simpler Natur gewesen, daß sie keine Abenteuer mehr waren. Zum ersten Mal sah er sich einem wirklichen Rätsel gegenüber. Denn manchmal blieb sie Minuten still und unbeweglich, überhörte alle Fragen und ging wie im Traum, bis sie dann plötzlich wie mit einer provozierten Zärtlichkeit, die sie im Augenblick vergessen hätte, mit ihm lachte und scherzte; aber manchmal wollte es selbst ihm so erscheinen, als sei im Lachen ein falscher Ton.
Und in der Tat kostete es Erika nicht geringe Mühe, die Rolle einer Entgegenkommenden und Leichtsinnigen zu spielen, während ihr die tollsten Gedankenreihen durch den Kopf schwirrten. Sie wußte, was das Ende sein würde, und sie wollte es, aber eine geheime Angst beschlich sie immer wieder, daß sie gegen sich selbst frevle. Aber das Bedürfnis nach Rache, das sich positiv nicht betätigen konnte, hatte hier ein Mittel gefunden, sich zu entfalten, wenn auch in einer falschen Richtung, die die Spitze gegen sich selbst kehrte, aber es war so überströmend und machtvoll, daß sich ihre frauenhaften Empfindungen vergebens dagegen aufbäumten. Mochte geschehen, was da wolle, sollte eine Reue kommen… nur nichts wissen von jener Schmach… nur vergessen, wenn auch in einem Rausch, einem künstlichen und einem verderblichen… aber nur nicht mehr daran denken müssen…
So nahm sie auch gern den Vorschlag des Freiwilligen an, mit ihr in ein Restaurant in ein separiertes Zimmer zu gehen, obwohl sie dumpf ahnte, was das bedeutete. Aber sie wollte nicht daran denken… nur nicht sich immer besinnen müssen…
Zuerst kam ein kleines Souper, dem sie aber nicht zusprach. Aber Wein trank sie, in gieriger Hast, Glas auf Glas, um sich zu betäuben. Ganz gelang ihr es noch nicht. Manchmal übersah sie die ganze Situation mit furchtbarer Klarheit. Sie betrachtete ihr Gegenüber. Das war eigentlich der Rechte, besser hätte sie sich ihn nicht wünschen können: ein guter Kerl, von einer gesunden rotwangigen Derbheit, ein bißchen eitel und nicht zu klug… der würde nie ahnen, was in dieser Nacht geschehen sei, was für eine Rolle er gespielt in einem armen gequälten Menschenleben… der würde sie übermorgen vergessen haben. Und das wollte sie…
In solchen Augenblicken der Überlegung bekamen ihre Augen einen träumerischen Ausdruck, und in ihrem Gesichte zeichnete sich der düstere Schatten eines inneren Schmerzes. Dann kam sie langsam ins Träumen hinein… ihre Finger zitterten leise… sie hatte alles vergessen, und die fernen versunkenen Bilder wollten langsam, ganz langsam wieder auftauchen…
Dann erweckte sie wieder plötzlich ein Wort oder eine Berührung. Eine Sekunde brauchte sie immer, um sich wieder recht in alles hineinzufinden, aber dann faßte sie wieder ein Weinglas und leerte es auf einen Zug. Und dann noch eines und noch eines, bis sie spürte, wie ihr der Arm schwer herabsank…
Der Freiwillige hatte sich inzwischen herübergesetzt und ziemlich dicht an sie angedrückt. Sie merkte es noch, aber scherzte ruhig weiter…
Allmählich aber begann sie die Wirkung des Weins zu fühlen. Ihr Blick wurde unsicher und sah wie durch trübe Wolken eines schweren breitverströmenden Dunstes; und die zärtlichen und überredenden Worte, die sie vernahm, schienen irgendwo von weiter, weiter Ferne herzukommen, ganz verschwommen und verloren. Ihre Zunge begann zu lallen, und sie merkte, wie trotz aller Bestrebungen ihr Gedankengang sich verwirrte und ein Blitzen und Surren vor ihren Augen funkelte, gegen das sie sich nicht zu wehren wußte. Aber mit der Müdigkeit, die sie immer enger und zärtlicher umfaßte, kam auch jene Schwermut wieder, halb die lallende unmotivierte Melancholie der Trunkenen, und halb der Schmerz, der schon den ganzen Abend ihre Brust durchstürmte und sich noch immer nicht Bahn gebrochen hatte. Sie war ganz in ihr Leid verloren, stumpf und gefühllos gegen die Außenwelt, taub gegen alle Worte und sanften Liebkosungen.
Der junge Bursch verstand ihr Verhalten nicht ganz und eine Unsicherheit überkam ihn, was er mit ihr beginnen sollte; er hielt sie für betrunken, wollte sie jedoch bewegen, wach zu werden, weil er sich schämte, ihre Trunkenheit sich zunutze zu machen. Aber ihre Apathie war nicht durch Zureden, noch durch schmeichelnde Küsse zu lösen; er fächelte ihr Kühlung zu; als er aber versuchte, ihr Kleid zu öffnen, geschah etwas Unerwartetes, das ihn erschreckte.
Denn im Augenblicke, da er sie umfaßte, fiel sie ihm plötzlich in die Arme und begann furchtbar zu weinen. Es war ein unendlich schreckvolles und leidvolles Schluchzen, nicht das wehmütige Duseln eines Trunkenen, sondern in ihrem Weinen war eine elementare Gewalt; wie ein Raubtier war es, das jahrelang im Käfig gefesselt war und mit einem Male in wilder Gewalt die Schranken durchbricht, es war ihr ganzer heiliger und tiefer Schmerz, der ihr nur dunkel bewußt gewesen war und sich jetzt in bebenden Schauern erlöste. Erika weinte aus tiefster Brust, alles, alles schien jetzt gut zu werden, da diese glühende Last der Tränen und die drückende Bürde der nichtentladenen Erregungen sich wie in mächtigen Gewitterstößen von ihr losrang; sie weinte und weinte, jähe Schauer liefen über ihren hilflos angeschmiegten Körper, aber die heißen Quellen ihrer Augen schienen nicht versiegen zu wollen; es war, als spülten sie all das bittere Leid mit sich hinweg, das sich langsam angesetzt hatte wie wachsende Kristalle, die sich verhärten und nicht weichen wollen. Nicht ihre Augen weinten, ihr ganzer schmaler und biegsamer Leib erbebte unter den harten Stößen, und ihr Herz erbebte mit.
Der junge Mann war diesem jähen und peinlichen Ausbruche gegenüber gänzlich hilflos. Er suchte sie zu beruhigen, strich ihr leise und zärtlich über die dunklen Flechten; wie aber ihre Anstrengungen sich immer verdoppelten, kam ein sonderbares Gefühl mitleidsvoller Zuneigung über ihn. Er hatte noch nie so weinen gehört, und dieses unerhörte Leid, von dem er nichts wußte, dessen Größe er aber ahnen mußte, flößte ihm eine achtungsvolle Furcht vor dieser Frau ein, die willenlos in seinen Armen lag. Wie ein Verbrechen erschien es ihm, ihren Körper zu berühren, der zu schwach war, den mindesten Widerstand leisten zu können; nach und nach kam ihm dann auch zu Bewußtsein, daß er sehr großartig dabei handle, und diese kindliche Freude an einem seltsamen Erlebnis stärkte seine Willenskraft. Er ließ einen Wagen holen und begleitete sie, nachdem er von ihr die Adresse erfahren hatte, bis zum Hause hin, wo er sich mit freundlichen und beruhigenden Worten verabschiedete.
Als Erika sich wieder in ihrem Zimmer befand, war auch der letzte Rest des Rausches verflogen. Nur das Geschehene der letzten Stunden war ihr unklar und verschwommen, aber sie dachte nicht mit scheuer Ängstlichkeit zurück, sondern mit friedevoller Ruhe. In diesen glühenden Tränen war ihre ganze junge Seele gewesen mit all ihrem Schmerz: mit der großen drückenden Liebe, mit der wilden und brennenden Schmach und der letzten, beinahe vollbrachten Erniedrigung.
Langsam kleidete sie sich aus.
Alles hatte so kommen müssen; denn es gibt Menschen, die nicht zur Liebe geboren sind, denen nur die heiligen Schauer der Erwartung blühen, weil sie zu schwach sind, die schmerzhaften Seligkeiten der Erfüllungen zu tragen.
Erika dachte über ihr Leben nach. Sie wußte nun, daß die Liebe nicht mehr zu ihr kommen würde, und daß sie ihr nicht entgegengehen dürfe; die Bitterkeit des Entsagens nahte ihr zum letzten Male.
Einen Augenblick zögerte sie noch in geheimer unverständlicher Scham; doch dann löste sie die letzten Hüllen vor dem Spiegel.
Sie war noch jung und schön. In ihrem blütenweißen Körper lag noch die hellschimmernde Frische früher Jahre, in sanfter, fast kindlicher Rundung bebten ihre Brüste, die in wilder innerer Erregung sich hoben und senkten, leise und zart in rhythmisch verfließendem Linienspiel. Stärke und Geschmeidigkeit prunkte in den Gliedern, alles war geschaffen und bereit, eine schenkende Liebe kraftvoll zu empfangen und zu erhöhen, Seligkeiten zu geben und zu nehmen im wechselnden Spiel, dem heiligsten Ziele entgegen zu schaffen und das verklärte Wunder der Schöpfung in sich zu erleben. Und das alles sollte ungenützt und unfruchtbar vergehen, wie die Schönheit einer Blume, die ein Wind verweht, ein taubes Korn im unübersehbaren Garbenfelde der Menschheit?
Eine milde versöhnliche Resignation kam über sie, die Hoheit der Menschen, die durch den größten Schmerz gegangen. Und auch den Gedanken, daß diese blühende Jugend einem, einem einzigen bestimmt gewesen sei, der sie begehrt und verachtet habe, auch diese letzte schwerste Prüfung fand keinen Groll mehr bei ihr. Wehmütig löschte sie das Licht und sehnte sich nur mehr nach dem leisen Glück milder Träume.
Diese wenigen Wochen umgrenzten das Leben der Erika Ewald. In ihnen lag alles beschlossen, was sie erlebte, und die vielen späteren Tage gingen an ihr vorüber, gleichgültig wie Fremde. Ihr Vater starb, die Schwester heiratete einen Beamten, Verwandte und Freunde trugen Glück und Unglück, nur in ihre einsamen Stunden ließ sie das Schicksal nicht mehr ein. Ihr konnte das Leben nichts mehr anhaben mit seiner stürmischen Gewalt; die tiefe Wahrheit war ihr bewußt geworden, daß der große heilige Friede, um den sie gerungen, nicht anders errungen wird, als durch einen tiefen läuternden Schmerz, daß es kein Glück gebe für den, der nicht den Weg der Leiden gegangen ist. Aber diese Weisheit, die sie dem Leben abgezwungen, blieb nicht kalt und unfruchtbar; die Fähigkeit zur spendenden Liebe, die einst ihr Wesen in heißen Konvulsionen erschüttert, zog sie nun zu den Kindern hin, die sie Musik lehrte und denen sie vom Schicksal und seinen Tücken erzählte, wie von einem Menschen, vor dem man sich hüten muß. Und so gingen ihre Monate, Tag für Tag dahin.
Und wenn der Frühling ins Land kam und warmer segnender Sommer, dann überströmten auch ihre Abende von inniger Schönheit…
Sie saß dann am Klavier beim offenen Fenster. Von außen zitterte ein feiner würziger Duft herein, wie ihn der erste Frühling bringt, und das Brausen der Großstadt war fern wie ein Meer, das seine stürmischen Fluten gegen die weißen Gestade wirft. Im Zimmer trällerte der Kanarienvogel die lustigsten Läufe, und draußen vom Gang hörte man die Knaben des Nachbars mit ihren tollen, übermütigen Spielen. Wenn sie aber zu spielen begann, dann wurde es draußen still; leise, ganz leise ging dann die Tür auf, und ein Knabenkopf nach dem anderen schob sich herein, um andächtig zu horchen. Und Erika fand wehmütige Melodieen mit ihren weißen schmalen Fingern, die immer heller und durchleuchtender zu werden schienen, dazwischen leise Phantasieen, bei denen verhallte Erinnerungen anklangen.
Und einmal, als sie so spielte, kam ihr ein Motiv, dessen sie sich nicht entsinnen konnte. Und sie spielte es immer wieder, bis sie es jählings erkannte; das Volkslied, die wehmütige Liebesweise, mit der er sein Liebeslied begonnen…
Da ließ sie die Finger sinken und träumte wieder von der Vergangenheit. Ganz ohne Groll und Neid waren ihre Gedanken. Wer weiß, ob es nicht das Beste gewesen, daß sie sich damals nicht gefunden… Und ob sie sich vertragen? Wer kann es wissen?… Aber… – sie schämte sich beinahe des Gedankens – ein Kind hätte sie gerne von ihm gehabt, ein schönes goldlockiges Kind, das sie hätte wiegen und warten können, wenn sie allein war, ganz einsam war…
Sie lächelte. Was für dumme Träumereien das doch waren!
Und tastend suchten ihre Finger wieder das vergessene Liebesmotiv…
Der Stern über dem Walde
Franz Carl Ginzkey
in herzlicher Gesinnung
Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner François beim Servieren über die Schulter der schönen polnischen Gräfin Ostrowska herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde währte es und war kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel und Qual gebannt sind, gleichwie der großen dunkelrauschenden Eichen wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in einem einzigen verflatternden Samenstäubchen geborgen ist. Nichts Äußerliches geschah in dieser Sekunde. François, der geschmeidige Kellner des großen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte dem suchenden Messer der Gräfin besser zurecht zu legen. Doch sein Gesicht ruhte diesen Moment knapp über der weichgelockten duftenden Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das devot gesenkte Auge aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weißleuchtender Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jähen Bezauberung ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der kühlen und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garçons weiter. Er reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der Gräfin, einem älteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Französisch gleichgültige Dinge erzählte. Dann trat er ohne Blick und Gebärde von dem Tisch zurück.
Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, daß ihr das gewichtige und stolze Worte Liebe beinahe übel ansteht. Es war jene hündisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern nur träumt. Er vergaß ganz jene ungerechte und doch unauslöschliche Mißachtung, die selbst kluge und bedächtige Leute gegen Menschen im Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Möglichkeiten und Zufällen, sondern nährte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime Innigkeit sich aller Bespottung und Bemänglung entrang. Seine Zärtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden Blicke, die jäh losbrechende Kühnheit verwegener Gebärden, die sinnlose Brünstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hände, sie war ein stilles Mühen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er strich nach dem Souper über die zerknüllten Tischtuchfalten vor ihrem Platze mit so zärtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und weichruhende Frauenhände streichelt; er rückte alle Dinge ihrer Nähe mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste bereite. Die Gläser, die ihre Lippen berührt hatten, trug er sich sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und ließ sie im perlenden Mondlicht nächtlich auffunkeln wie köstliches Geschmeide. Stets war er aus irgend einem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und Wandelns. Er trank ihre Sprache so wie man einen süßen und duftberauschenden Wein wollüstig auf der Zunge wiegt, und fing die einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball. So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgültiges Leben einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatsächlichkeit zu kleiden, daß der armselige Kellner François eine exotische, ewig unerreichbare Gräfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast berührenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die sichere Grazie ihrer Gebärden. Unterwürfigkeit schien ihm Selbstverständlichkeit, und die demütigende Nähe niederen Dienstes empfand er als Glück, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen Kreis treten durfte, der sie umfing.
So ward in dem Leben eines einfachen Menschen plötzlich ein Traum wach, gleich einer edlen und sorgfältig gezüchteten Gartenblüte, die an einer Straße blüht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer Traum inmitten eines kalten, gleichtönigen Lebens. Und Träume solcher Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis plötzlich ihr Kiel mit jähem Ruck an ein unbekanntes Ufer stößt.
Die Wirklichkeit ist aber stärker und robuster als alle Träume. Eines Abends sagte ihm der feiste Waadtländer Portier im Vorübergehn: »Die Ostrowska fährt morgen mit dem Acht-Uhr-Zug.« Und dann noch ein paar andre gleichgültige Namen, die er überhörte. Denn ein wirres Brausen und Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal fuhr er sich mechanisch mit den Fingern über die gepreßte Stirn, als wollte er eine drückende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das Verständnis umdämmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln. Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewußt tastete er am Geländer die breite Treppe in den umdämmerten Garten hinab, wo die hohen Pinien-Bäume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und taumelnden Flug eines großen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine Bank, den Kopf an die kühle Lehne gepreßt. Es war ganz still dort. Rückwärts zwischen den runden Sträuchern funkelte das Meer. Weiche und zitternde Lichter glühten dort leise, und in der Stille verlor sich der eintönig murmelnde Singsang fernplätschernder Brandungsquellen.
Und plötzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, daß er fast ein Lächeln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Gräfin Ostrowska fährt nach Hause, und der Kellner François bleibt auf seinem Posten. War dies denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie töricht, das nicht überdacht zu haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Er lachte ganz laut in seinem jähen ingrimmigen Schmerz. Und die Gedanken schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem Acht-Uhr-Zug nach Warschau. Nach Warschau – Stunden und Stunden durch Wälder und Täler, über Hügel und Berge, über Steppen und Flüsse und durch brausende Städte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht ausdenken, aber im tiefsten fühlen, dieses stolze und drohende, harte und ferne Wort: Warschau. Und er…
Eine Sekunde flatterte noch eine kleine träumerische Hoffnung auf. Er konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber, als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Straße stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt nur atmen, sie manchmal vielleicht vorüberbrausen sehen, nur ihren Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige Träumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert Francs Ersparnisse im besten Falle. Das reichte kaum die Hälfte des Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf einmal sein Leben, fühlte, wie arm, wie kläglich, wie häßlich es jetzt werden mußte. Öde leere Kellnerjahre, zermartert von törichter Sehnsucht, diese Lächerlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein Schauder kam es über ihn. Und plötzlich liefen alle Gedankenketten stürmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Möglichkeit. –
Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und gelassen von seiner Bank und schritt über den knirschenden Kies zu dem großen, in weißem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen, daran sich träumerische Sehnsucht hätte entzünden können. Nun ging sein Blut in ruhigen Schlägen, und er schritt wie einer, den nichts mehr verwirrt und betrügt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden Morgenzeichen.
Am nächsten Tage war sein Gebaren gänzlich in den Grenzen sorgfältig gezirkelter Überlegung und erzwungener Ruhe. Mit kühler Gleichgültigkeit erledigte er seine Pflichten, und seine Gebärden hatten eine so sichere und sorglose Gewalt, daß niemand hinter der trügerischen Maske den herben Entschluß hätte ahnen können. Kurz vor der Stunde des Diners eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste Blumengeschäft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glühende Tulpen, die wie eine Leidenschaft waren, weiße breitgekränzte Chrysanthemen, die wie lichte und exotische Träume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder der Sehnsucht und ein paar stolze betörende Rosen. Und dann erstand er eine prächtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorübergehen einem Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebärde. Und eilte zurück. Die Vase mit den Blumen stellte er mit wehmütiger Feierlichkeit vor das Kuvert der Gräfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptuösen und langsamen Peinlichkeit bereitete.
Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: kühl, lautlos und geschickt, ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wußte. Und nie erschien sie ihm so schön, wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann trat er ruhig, ohne Abschied und Gebärde vom Tische zurück und ging aus dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen, schritt er durch die Gänge und über die vornehme Empfangstreppe hinab der Straße zu: man hätte fühlen müssen, daß er mit diesem Augenblick seine Vergangenheit verließ. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde unschlüssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und breiten Gärten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin.
Bis zum Abend irrte er so unstet in träumerischem Verlorensein. Er sann über nichts mehr nach. Nicht über Vergangenes und nicht über das Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge drohenden Revolver prüfend in der wägenden Hand hebt und wieder senkt. Längst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in flüchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis zu einer verhängnisvollen Schulstunde, da ihn ein törichtes Abenteuer aus einer verführerisch winkenden Zukunft jählings in das Gewirre der Welt stieß. Dann die rastlosen Fahrten, Mühen um den Taglohn, Versuche, die immer wieder mißglückten, bis die große finstere Welle, die man Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwürdigen Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorüber. Und schließlich glänzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus den wachen Träumen; und jählings stießen sie wieder das dunkle Tor der Wirklichkeit auf, das er durchschreiten mußte. Er besann sich, daß er noch heute sterben wollte.
Eine Weile sann er über die vielen Wege, die zum Tode führen, und wägte ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn plötzlich ein Gedanke durchzuckte. Aus trüben Sinnen fiel ihm jäh ein finsteres Symbol ein: so wie sie unwissend und vernichtend über sein Schicksal hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Körper zermalmen. Sie selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen Stunde, um acht Uhr ging der Expreß ab, der sie ihm entführte. Dem wollte er sich unter die Räder werfen, sich zerstampfen lassen von der gleichen stürmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Träume entriß. Unter ihren Füßen wollte er verbluten. Die Gedanken stürmten und stürmten gleichsam jubelnd einander nach. Er wußte auch den Ort. Weiter oben am Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein hämmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizität und Zielsicherheit in seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Träumen im Vorwärtswandeln ertötet. Unruhig stürmte er in die dämmernde Pracht des südlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hügeln der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwärts, bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor ihm aufglänzte und seinen Weg geleitete. Und sie führten ihn in gewundenem Zuge aufwärts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im steigenden Gange in das Hügelland, wo man sah, wie ferne das weite nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglänzte. Und sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub.
Es war schon spät, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bäume um ihn. Nur hoch oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes Mondlicht in den Zweigen, die stöhnten, wenn sie die leise Nachtbrise in die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvögel in diese dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der Kurve der ersten ansteigenden Serpentine das rote Licht des Zuges auftauchten wollte. Manchmal sah er wieder nervös auf die Uhr und zählte die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der Lokomotive. Aber es war eine Täuschung. Ganz still wurde es wieder. Die Zeit schien erstarrt zu sein.
Endlich glänzte fern unten das Licht. Er fühlte in dieser Sekunde einen Stoß im Herzen, wußte aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jäher Gebärde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fühlte er einen Augenblick nur die wohlige Kühle der Eisenstreifen an seiner Schläfe. Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochte es wohl dauern. Noch hörte man nichts außer dem flüsternden Rauschen der Bäume im Wind. Wirr sprangen die Gedanken. Und plötzlich einer, der blieb und sich wie ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: daß er um ihretwillen starb und sie es nie ahnen würde. Daß nicht eine einzige leise Welle seines aufschäumenden Lebens die ihre berührt hatte. Daß sie nie wissen würde, daß ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei.
Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert und folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Näher und näher ratterte der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. Über ihm war ein schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und über dem Walde ein weißer blinkender Stern. Ein einsamer Stern über dem Walde… Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe faßte. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten über in den weißen leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Näher und näher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern über dem Walde. Dann schloß er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten, näher und näher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, daß der Wald dröhnte wie von großen hämmernden Glocken. Die Erde schien zu taumeln. Noch ein betäubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes Getöse, dann ein schriller Pfiff, der ängstliche tierische Schrei der Dampfpfeife und das gelle Stöhnen einer vergeblichen Bremse…
Die schöne Gräfin Ostrowska hatte im Zuge ein eigenes reserviertes Coupé. Seit der Abfahrt las sie einen französischen Roman, sanft gewiegt von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war schwül und getränkt von dem drückenden Dufte vieler welkender Blumen. Schon nickten von den prächtigen Abschiedskörben die weißen Fliedertrauben müde herab wie überreife Früchte, erschlafft hingen die Blüten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen schienen zu welken in der heißen Wolke der berauschenden Düfte. Erstickende Schwüle wärmte diese schweren Duftwellen, die träge niederdrückten, selbst in der sausenden Eile des Zuges.
Plötzlich ließ sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wußte selbst nicht, warum. Ein geheimes Gefühl war es, das sie aufriß. Sie fühlte einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jäher, unverständlicher beklemmender Schmerz umpreßte ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu müssen in dem schwülen betäubenden Dunst der Blumen. Und dieser ängstigende Schmerz wich nicht, sie fühlte jede Schwingung der sausenden Räder, das blinde Vorwärtsstampfen marterte sie unsäglich. Eine plötzliche Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu können, ihn zurückzureißen von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstürmte. Nie hatte sie in ihrem Leben eine ähnliche Angst vor etwas Furchtbarem, Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefühlt, als in diesen Sekunden unverständlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer wilder wurde dieses unsagbare Gefühl, immer enger der Druck um die Kehle. Wie ein Gebet stöhnte in ihr der Gedanke, daß der Zug anhalten möge.
Da plötzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der Lokomotive und das klägliche knirschende Stöhnen der Bremse. Und verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Räder, langsamer und langsamer, dann ein ratterndes Stammeln und ein stockender Stoß…
Mühsam tappt sie zum Fenster, um die kühle Luft zu trinken. Die Scheibe rasselt nieder. Draußen schwarze, stürmende Gestalten… fliegende Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmörder… Unter den Rädern… Tot… Auf freiem Feld…
Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden Himmel und drüben die schwarzen rauschenden Bäume. Und über ihnen ein einsamer Stern über dem Walde. Sie fühlt seinen Blick wie eine funkelnde Träne. Sie sieht ihn an und spürt jählings eine Traurigkeit, wie sie sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in ihrem eigenen Leben nie war…
Langsam rattert der Zug wieder weiter. Sie lehnt in der Ecke und spürt leise Tränen über die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie fühlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in finstrer undurchdringlicher Nacht plötzlich erwachen und fühlen, daß sie ganz einsam sind…
Die Wanderung
E. M. Lilien
dem Künstler und dem Freunde
Dunkle Gerüchte waren durch das Land gezogen und seltsame Worte, als sollte die Zeit sich erfüllt haben und der Messias nahe sein. Immer häufiger kamen Männer von Jerusalem zu den kleineren Orten Judäas und erzählten von Zeichen und Wundern, die sich ereignet hatten. Und wenn sie zu wenigen beisammen waren, dann senkten sie ihre Stimmen geheimnisschwer, um von dem seltsamen Manne zu künden, den sie Meister nannten. Allerorts hörte man sie dann gerne und glaubte ihnen mit banger Zuversicht, denn die Sehnsucht nach dem Erlöser war drängend und reif geworden im Volke, wie eine Blüte, die ihren Kelch zersprengt. Und wenn man der Verheißungen in den heiligen Büchern gedachte, so nannte man seinen Namen, und ein hoffnungsfrohes Leuchten flammte in den Blicken.
Damals lebte auch ein Jüngling im Lande, dessen Herz gläubig war und erwartungsvoll. Die armen Pilger, die des Weges von Jerusalem kamen, lud er in sein Haus, daß sie ihm vom Heilande berichteten, und wenn sie von ihm sprachen und von seinen wunderseligen Taten und Worten, da fühlte er einen dumpfen Schmerz im Herzen, denn sein Verlangen wurde jäh und ungestüm, das Angesicht des Erlösers zu schauen. Tag und Nacht träumte er von ihm, und seine rastlose Sehnsucht formte tausend Bilder seines Antlitzes voll Güte und Milde, er aber fühlte, daß sie doch nur stammelnde Abbilder einer großen Vollendung seien. Und ihm war, als müßte alle Unrast und Schmerzlichkeit seiner jungen Seele schwinden, dürfte er nur einmal den leuchtenden Glanz tragen, der von dem Herrn ausging. Noch aber wagte er es nicht, Heimat und Arbeit zu verlassen, die ihn ernährten, und dorthin zu gehen, wohin ihn seine Sehnsucht wies.
Einmal aber erwachte er plötzlich in tiefer Nacht aus einem Traum. Er vermochte sich seiner nicht mehr zu besinnen, nicht einmal, ob er ihm Glück gegeben oder einen Schmerz; er fühlte nur so, als ob ihn jemand von ferne gerufen hätte. Und da wußte er, daß der Heiland ihn zu sich entboten. Im schwersten Dunkel erwuchs ihm noch der jähe Entschluß, daß er nun nicht mehr zaudern dürfe, seines Herrn Angesicht zu schauen, und der sehnsüchtige Drang ward so siegreich und mächtig in ihm, daß er sich sogleich ankleidete, einen starken Wanderstab nahm und, ohne jemandem ein Wort zu sagen, aus dem schlummernden Hause ging, den Weg gegen Jerusalem zu.
Helles Mondlicht lag auf der Straße, und der Schatten seiner hastenden Gestalt eilte vor ihm her. Denn sein Schritt war beschleunigt und beinahe ängstlich; es schien, als wollte er das monatelange Versäumnis in dieser einen Nacht wett machen. In ihm bangte ein Gedanke, den er sich kaum zu sagen wagte: es könnte zu spät sein, und er würde den Heiland nicht mehr finden. Und manchmal überkam ihn auch die bange Furcht, er könnte den Weg verfehlen. Aber dann gedachte er des innigen Wunders, das er vernommen von drei Königen aus fernem Lande, die ein leuchtender Stern durch das Dunkel geführt. Und da verließ wieder die lästige Schwere seine Seele, und der eilende Wanderschritt hallte sicher und fest auf dem harten Pfade.
Einige Stunden eilte er so dahin, dann ward es Morgen. Langsam hob sich der Nebel und zeigte das farbensatte Hügelland mit seinen fernen Bergen und hellen Gehöften, die zur Rast einluden. Er aber hielt nicht inne auf seiner Wanderung, sondern strebte unablässig weiter. Langsam stieg die Sonne höher und höher. Und es ward ein heißer Tag, der sich schwer über das Land legte.
Bald wurde sein Schritt langsamer. Lichte Schweißperlen tropften von seinem Körper, und das schwere Feiertagsgewand begann ihn zu drücken. Zuerst legte er es über die Schulter, um es zu bewahren, und ging in ärmlicher Gewandung dahin. Bald aber begann er die Schwere der Last zu fühlen und wußte nicht mehr, was er mit dem Kleide beginnen sollte. Er wollte es nicht weggeben, denn er war arm und hatte kein anderes Feiertagsgewand, so daß er schon daran dachte, es im nächsten Dorfe zu verkaufen oder als Pfand für Geld zu geben. Aber als ein Bettler mühselig des Weges daherkam, dachte er seines fernen Meisters und schenkte das Gewand dem Armen.
Eine kurze Zeit ging er wieder rüstiger, doch dann verlangsamte sich von neuem sein Gang. Die Sonne stand schon hoch und heiß, und die Schatten der Bäume fielen nur als schmale Streifen über den staubigen Weg. Sehr selten kam ein schwacher Wind durch die stockende Mittagsschwüle, der aber trieb den breitkörnigen und schweren Staub der Straße mit sich, der sich an den schweißüberströmten Körper klebte. Und er fühlte ihn auch auf den vertrockneten Lippen brennen, die lange nach einem Trunke lechzten. Aber die Gegend war gebirgig und öde, nirgends war ein frischer Quell zu sehen oder ein gastliches Haus.
Manchmal kam ihm der Gedanke, er sollte umkehren oder doch wenigstens im Schatten einige Stunden rasten. Aber eine immer wachsende Unruhe trieb ihn weiter mit schwankenden Knieen und lechzenden Lippen seinem Ziele entgegen.
Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne brannte heiß und stechend vom wolkenlosen Himmel herab, und die Straße glühte unter den Sandalen des Wanderers wie flüssiges Erz. Seine Augen waren rot und geschwollen vom Staube, der Gang wurde immer unsicherer, und die ausgetrocknete Zunge vermochte nicht mehr den seltenen Vorüberwandernden den frommen Willkommengruß zu erwidern. Längst hätten alle Kräfte versagt, aber es war, als triebe der Wille allein ihn noch vorwärts und die furchtbare Angst, er könnte sich verspäten und möchte das leuchtende Antlitz nicht mehr schauen, das seine Träume erhellte. Und der höhnische Gedanke, daß er ihm schon nahe sei, nur mehr zwei armselige Stunden von der heiligen Stadt, drohte ihm das Gehirn zu zersprengen.
Bis zu einem Hause am Wege schleppte er sich noch fort. Mit letzter Kraft warf er den knorrigen Wanderstab gegen die Tür und bat die öffnende Frau mit trockener und fast unhörbarer Stimme um einen Trunk. Dann brach er ohnmächtig über der Schwelle zusammen.
Als er wieder zur Besinnung erwachte, fühlte er wieder sichere und frische Kraft in seinen Gliedern. Er fand sich in einem kleinen Raum von wohltuender Kühle auf einem Ruhebette ausgestreckt. Und überall die Spuren einer mildtätig-sorglichen Hand; sein glühender Körper war mit Essig gewaschen worden und sorgfältig gesalbt, und neben seinem Lager stand noch das Gefäß, aus dem man ihn gelabt.
Sein erster Gedanke galt der Zeit, und er sprang rasch vom Lager, um nach der Sonne zu sehen. Die stand noch hoch, denn es war erst früher Nachmittag, so daß er wenig Zeit versäumt hatte. In diesem Augenblicke trat die Frau ins Zimmer, die ihm früher das Tor geöffnet. Sie war noch jung und dem Aussehen nach eine Syrierin; wenigstens hatten ihre Augen jenen dunklen raubtierartigen Glanz der Frauen dieses Volkes, und ihre Hände und Ohrgehänge verrieten die kindliche Freude am Schmuck, die allen diesen Frauen eigen ist. Ihr Mund lächelte leise, als sie ihm Willkommen in ihrem Hause bot.
Er sagte ihr warmen Dank für ihre Gastfreundschaft, wagte es aber nicht, gleich vom Abschied zu sprechen, so sehr ihn auch sein Herz auf den Weg drängte. Und nur ungern folgte er ihr in das Speisegemach, wo sie ihm eine Mahlzeit vorbereitet. Dort hieß sie ihn mit einer Gebärde sich niederzulassen, fragte ihn dann nach seinem Namen und um das Ziel seiner Reise. Und bald kamen sie ins Gespräch. Sie begann von sich zu erzählen, daß sie die Frau eines römischen Centurio sei, der sie aus ihrem Heimatlande entführt hatte und hierhergebracht, wo ihr das Leben in seiner Eintönigkeit, fern von ihren Stammesgenossen, wenig behage. Heute bliebe er den ganzen Tag in der Stadt, denn Pontius Pilatus, der Statthalter, habe die Hinrichtung dreier Verbrecher angeordnet. Und so sprach sie noch allerlei gleichgültige Dinge mit viel Geschäftigkeit, ohne auf seine unruhige und ungeduldige Miene zu achten. Und manchmal sah sie ihn mit einem eigentümlich lächelnden Blick an, denn er war ein schöner Jüngling.
Zuerst bemerkte er von alldem nichts, denn er achtete nicht auf sie und ließ ihre Worte wie ein sinnloses Geräusch an sich vorbeiströmen. Sein ganzes Denken verlor sich immer wieder in dem einzigen Gedanken, daß er weiterwandern müsse, um noch heute den Heiland zu sehen. Aber der schwere Wein, den er achtlos trank, gab seinen Gliedern Müdigkeit und Schwere, und mit der Sättigung überkam ihn auch das sanfte Gefühl einer trägen Behaglichkeit. Und als die sinkende Willenskraft ihn nach dem Mahle zu einem matten Versuche zwang, Abschied zu nehmen, hielt sie ihn mit Hinblick auf die drückende Hitze des Nachmittags ohne viel Mühe zurück.
Und lächelnd verwies sie ihm seine Hast, die mit wenigen Stunden geize. Wenn er schon Monate gezögert, dürfe er doch nicht mit einem einzigen Tage rechnen. Und mit ihrem seltsamen Lächeln kam sie immer wieder darauf zurück, daß sie allein zu Hause sei, ganz allein. Dabei bohrte sich ihr Blick verlangend in den seinen. Und auch über ihn war eine seltsame Unruhe gekommen. Der Wein hatte in ihm dumpfe Begierden geweckt, und sein Blut, das in dem kochenden, verzehrenden Brande der Sonne geglüht, pochte in seinen Adern mit einer seltsamen Schwüle, die sein Denken immer mehr überwältigte. Und als sie ihr Antlitz einmal nah zu dem seinen neigte und er den verlockenden Duft ihrer Haare einsog, riß er sie zu sich und küßte sie in stürmischem Überschwang. Und sie wehrte ihm nicht…
Und er vergaß seiner heiligen Sehnsucht und dachte nur derer, die er in seinen fiebernden Armen hielt, einen langen schwülen Sommernachmittag lang.
Erst die Dämmerung erweckte ihn wieder aus seinem Taumel. Jäh, fast feindselig riß er sich aus ihren Armen los, denn der Gedanke, er könnte den Messias versäumt haben um eines Weibes willen, machte ihn furchterfüllt und wild. In Hast nahm er seine Kleider, ergriff den Stab und verließ das Haus nur mit einer stummen Gebärde des Abschieds. Denn wie eine Ahnung war es in ihm, daß er dieser Frau nicht Dank sagen dürfe.
In unaufhörlicher Hast strebte er Jerusalem zu. Der Abend war schon gesunken, und in allen Ästen und Zweigen bebte ein Rauschen wie von einem dunklen Geheimnis, das die Welt erfüllte. Und ferne in der Richtung gegen die Stadt zu lagen ein paar dunkelschwere Wolken, die langsam im Abendrote zu glühen begannen. Und sein Herz erschrak in jäher und unverständlicher Angst, wie er dieses grelle Zeichen am Himmel erkannte.
Atemlos legte er den Rest des Weges zurück, und schon lag das Ziel vor seinen Augen. Er aber dachte immer wieder, daß er seiner Berufung untreu geworden sei, um einer flüchtigen Wollust willen, und die dumpfe Schwere in seinem Herzen wollte nicht leichter werden, ob er auch die hellen Mauern und blanken Türme der heiligen Stadt erblickte und die leuchtenden Zinnen des Tempels.
Nur einmal hielt er inne auf seiner Wanderung. Nahe der Stadt, auf einem niederen Hügel, sah er eine gewaltige Menge Menschen, die sich wirr durcheinander drängte und so laut lärmte, daß er die Stimmen selbst aus der Ferne vernahm. Und über ihnen sah er drei Kreuze ragen, die sich schwarz und scharf von der Himmelswand abhoben. Diese aber war überflutet von heller Glut, als sei die ganze Welt mit leuchtendem Flammenschein übergossen und in drohenden Glanz getaucht. Und die blanken Speere der Söldner glühten, als seien sie mit Blut befleckt…
Ein Mann kam auf dem menschenleeren Weg daher, mit ziellosem, unruhigem Gang. Den fragte er, was hier geschehe, um im nächsten Augenblick maßlos zu erstaunen. Denn das Antlitz, das der Fremde vom Boden erhob, war so schreckverzerrt und erstarrt, wie von einem jähen Schlage gerührt, und ehe sich der Fragende fassen konnte, stürmte er in wilder Verzweiflung davon, wie von Dämonen verfolgt. Verwundert rief er ihm nach. Der Fremde wendete sich nicht um, sondern lief fort und fort, aber dem Weiterwandernden dünkte es, als hätte er in ihm einen Mann aus Kerijoth, namens Judas Ischariot, erkannt. Doch er verstand nicht sein seltsames Gebaren.
Den Nächsten, der des Weges vorüberzog, befragte er ebenfalls. Der aber war eilig und sagte nur, es seien drei Verbrecher gekreuzigt worden, die Pontius Pilatus verurteilt habe. Und ehe er ihn weiter fragen konnte, war er vorüber.
Und da ging er selbst weiter gegen Jerusalem zu. Einmal warf er noch einen Blick zurück auf den Hügel, der wie mit Blut umwölkt war, und sah zu den drei Gekreuzigten hin. Zum Rechten, zum Linken und zuletzt zu dem in der Mitte. Aber er konnte sein Angesicht nicht mehr erkennen.
Und er schritt achtlos vorüber und wanderte zur Stadt, um das Antlitz des Erlösers zu schauen…
Die Wunder des Lebens
Hans Müller
dem lieben Freunde
Die graue Nebelfahne hatte sich tief über Antwerpen gesenkt und hüllte die Stadt ganz in ihr dichtes, drückendes Tuch. Die Häuser verflossen bald in einem feinen Rauch, und die Straßen führten ins Ungewisse: über ihnen aber ging wie ein Wort Gottes aus den Wolken ein dröhnendes Klingen und ein surrender Ruf, denn die Kirchtürme, aus denen die Glocken mit gedämpfter Stimme klagten und baten, waren zerronnen in diesem großen wilden Nebelmeer, das Stadt wie Land erfüllte und ferne im Hafen die unruhigen, leise grollenden Fluten des Ozeans umschlang. Hie und da kämpfte ein matter Lichtschein mit dem feuchten Rauche und suchte ein grelles Schild zu beleuchten, aber nur das verschwommene Lärmen und Lachen harter Kehlen verriet die Schenke, in der sich die Frierenden und die des Wetters Unlustigen zusammengefunden hatten. Die Gassen waren leer, und wenn Gestalten vorbeikamen, so war es nur wie ein flüchtiger Streif, der rasch in Nebel zerrann. Trostlos und müde war dieser Sonntagmorgen.
Nur die Glocken riefen und riefen ohne Unterlaß, wie verzweifelt, daß der Nebel ihren Schrei erstickte. Denn die Andächtigen waren spärlich; die fremde Ketzerei hatte Fuß gefaßt im Lande, und wer nicht abtrünnig geworden, war lässiger und matter im Dienst des Herrn, so daß eine morgendliche Nebelwolke genügte, um viele ihrer Pflicht zu entfremden. Alte, verhutzelte Frauen, die ihre Rosenkränze emsig surrten, arme Leute in schlichtem Sonntagsgewand standen wie verloren in den tiefen dunklen Hallen der Kirche, aus denen das schimmernde Gold der Altäre und Kapellen und das leuchtende Meßgewand wie eine milde und sanfte Flamme entgegenstrahlte. Wie durchgesickert durch die hohen Wände war der Nebel, denn auch hier wohnte die traurig-fröstelnde Stimmung der verlassenen, versponnenen Straßen. Und kalt, herbe, ohne den sonnigen Strahl war auch die Morgenpredigt: sie galt den Protestanten und war von wildem Zorn getragen, in dem sich Haß mit starkem Kraftbewußtsein vermählte, denn die Zeiten der Milde schienen vorbei, und von Spanien her kam den Klerikern die frohe Kunde, daß der neue König mit lobenswerter Strenge dem Werk der Kirche diene. Und mit den schildernden Drohungen des letzten Gerichtes vereinten sich dunkle Worte der Mahnung für die nächste Zeit, die vielleicht unter einer zahlreichen Hörerschar durch das raunende Gestühle weitergerauscht wären, so aber, in der dunklen Leere dröhnend und hohl zu Boden fielen, wie erfroren in der naßkalten schauernden Luft.
Während der Predigt waren zwei Männer rasch beim Hauptportal eingetreten, für den ersten Augenblick unkenntlich durch den hoch aufgeschlagenen hüllenden Mantel und das tief ins Antlitz verstürmte Haar. Der größere löste sich mit einem jähen Ruck aus der nassen Hülle: ein klares, nicht aber ungewöhnliches Gesicht, zu dessen wohlbehäbigem, bürgerlichen Schnitt die reiche Kaufherrntracht wohl paßte. Der andere war absonderlicher, wenn auch nicht phantastisch gekleidet: seine sanften und ruhigen Bewegungen harmonierten mit seinem etwas grobknochig-bäuerlichen, aber gutherzigen Gesicht, dem die weiße Wucht der herabwallenden Haare die Milde eines Evangelisten verliehen. Sie verrichteten beide eine kurze Andacht; dann winkte der Kaufherr seinem älteren Begleiter zu, ihm zu folgen, und sie gingen langsam und mit behutsamen Schritten in das Seitenschiff, das fast ganz im Dunkel lag, weil die Kerzen unruhig im feuchten Raume zitterten und vor den farbigen Scheiben die schwere Wolke lag, die sich noch immer nicht erhellen wollte. Vor einer der kleinen Seitenkapellen, die meist Stiftungen und Gelöbnisse der erbgesessenen Familien enthielten, blieb der Kaufherr stehen, und mit der Hand gegen einen der kleinen Altare hindeutend, sagte er kurz: »Hier ist es.«
Der andere trat näher und legte die Hand über das Auge, um die Dämmerung besser zu durchdringen. Der eine Altarflügel trug ein lichtes Bild, das im Dunkel nur noch weicher und milder in seiner Tönung zu werden schien und den Blick des Malers sogleich fesselte. Es war die Muttergottes mit dem vom Schwert durchbohrten Herzen, ein Bild, ganz sanft und versöhnungsvoll trotz seines Schmerzes und seiner Traurigkeit. Ein seltsam süßer Kopf war die Maria, nicht so sehr Mutter Gottes wie träumerische blühende Jungfrau, der ein leiser schmerzlicher Gedanke die lächelnde Anmut spielender Sorglosigkeit nimmt. Schwarze, dicht herabfließende Haare umschlossen zärtlich angepreßt ein schmales, blaßleuchtendes Gesicht, aus dem die Lippen rot entgegenbrannten, wie eine purpurne Wunde. Wundersam fein waren die Züge, und manche Linie, wie der schmale und sichere Schwung der Augenbrauen legten einen fast begehrlichen Schein und eine spielerische Schönheit über das zarte Antlitz, aus dem die dunklen Augen versonnen träumten, wie aus einer andern vielfarbigeren und süßeren Welt, der sie ein banger Schmerz entführt. Die Hände waren sanft ergebungsvoll gefaltet, und die Brust schien noch leicht schreckhaft zu erbeben vor der kalten Berührung des Schwertes, dem entlang die blutende Spur ihrer Wunde verströmte. All dies war in wundersamen Glanz getaucht, der ihr Haupt golden überflammte, und selbst ihr Herz glühte nicht wie warmes rauschendes Blut, sondern wie das mystische Licht des Kelches im farbigen Scheine der sonnedurchleuchteten Kirchenscheiben. Und die fließende Dämmerung nahm noch den letzten Schein der Weltlichkeit dieses Bildes, so daß der Heiligenschein über diesem süßen Mädchenhaupte so lebendig glühte wie wahrhaftiges Schimmern der Verklärung.
Beinahe ungestüm raffte sich der Maler aus seiner nachhaltigen und bewundernden Betrachtung auf.
»Das hat keiner von den Unsrigen gemalt.«
Der Kaufherr nickte zustimmend mit dem Kopf.
»Ein Italiener war es. Ein junger Maler. Aber das ist eine ganze Geschichte. Ich will sie Euch von Anfang an beginnen, und Ihr selbst sollt es sein, wie Ihr wißt, der Ihr den Schlußstein setzt. Doch seht: die Predigt ist zu Ende, wir wollen für Historien andern Platz suchen als die Kirche, wiewohl ihr unser Bemühen und gemeinsam Werk gelten wird. Laßt uns gehn!«
Der Maler blieb noch zögernd einige Augenblicke stehen, ehe er sich vom Bilde abwandte, das immer leuchtender zu werden schien, in dem Maße, als die rauchige Finsternis sich zu erhellen strebte und der Dunst immer goldener um die Fenster sich wölbte. Und es war ihm fast, als würde, wenn er andächtig betrachtend zurückbliebe, die sanft-schmerzliche Falte dieser Kinderlippen sich in ein Lächeln verlieren und neue Holdseligkeit ihm offenbaren. Doch sein Begleiter war schon vorausgegangen, und er mußte seinen Schritt beschleunigen, um ihn noch beim Portale zu erreichen. Gemeinsam, wie sie gekommen waren, traten sie aus der Kirche.
Aus dem schweren Nebelmantel, den der Vorfrühlingsmorgen der Stadt umgehängt hatte, war ein matter, silberner Flor geworden, der wie ein Spitzengewebe sich an den gegiebelten Dächern verfangen. Das enggesteinte Pflaster glänzte feucht-atmend wie Stahl, und schon begann sich das erste Sonnenflimmern goldig darin zu spiegeln. Der Weg der beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu, wo der Kaufherr wohnte. Und da sie langsam dahinschritten, in Gedanken und Erinnerung verloren, führte des Kaufherrn Geschichte schneller hin zum Ziele als ihrer Schritte träumerischer Gang.
»Ich hab Euch schon erzählt«, begann er, »daß ich in jungen Jahren in Venezia war. Und um nicht lang zu zögern: ich trieb es nicht sehr christlich. Statt meines Vaters Contor zu verwalten, saß ich in Schenken mit dem jungen Volk, das dort den lieben Tag in Saus und Braus verbringt, trank, spielte, wußte auch schon manches freche Lied und manchen bittern Fluch über den Tisch zu donnern, wie die andern. An Heimkehr dacht’ ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters Worte, die er mir dringender und drohender von Hause schrieb: man kannte mich und hatte ihn gewarnt, daß mich das Luderleben noch verschlingen würde. Ich lachte nur, manchmal mit Ärgernis: ein rascher Schluck von diesem dunkelsüßen Wein schwemmte mir alle Bitterkeiten weg, und tat’s nicht er, so tat’s ein Dirnenkuß. Die Briefe riß ich auf und bald entzwei: mich hatte ganz der böse Rausch gefaßt, ich dachte nie mehr loszukommen. Doch eines Abends ward ich alles frei. Sehr seltsam war’s, und manchmal fühl’ ich’s heute noch so, als hätte sichtbarlich ein Wunder meinen Weg gebahnt. Ich saß in meiner Schenke: heut noch seh’ ich sie mit ihrem Qualm und Dunst und meinen Kneipgesellen. Auch Dirnen waren mit, und eine war sehr schön; wir trieben’s selten toller als in dieser Nacht, die stürmisch war und sehr unheimlich. Plötzlich, als eben eine unzüchtige Historie dröhnendes Lachen weckte, trat mein Diener ein und gab mir einen Brief, den der Kurier von Flandern gebracht hatte. Ich war sehr ärgerlich, weil ich die Briefe meines Vaters ungern sah, denn sie mahnten mich unablässig an meine Pflicht und an ein christlich Tun, zwei Dinge, die ich längst im Wein ersäuft hatte. Ich wollt’ ihn nehmen: da sprang der eine meiner Kneipgesellen auf, ein schöner Bursch, geschickt und aller ritterlichen Künste Meister. ›Laß doch den Unkenschrei! Was geht’s dich an!‹ rief er und warf den Brief hoch, riß seinen Degen rasch heraus und stieß geschickt das niederflatternde Blatt tief in die Wand, daß die blaue geschmeidige Klinge zitterte. Er zog sie vorsichtig zurück – der geschlossene Brief blieb an seiner Stelle. ›Da klebt die Fledermaus‹, lachte er. Die andern schlugen in die Hände, die Dirnen sprangen freudig zu ihm auf, man trank ihm zu. Ich lachte selbst, trank mit, zwang mich zu toller Fröhlichkeit, in der ich Brief und Vater, Gott und mich vergaß. Wir gingen fort, ohne daß ich noch des Briefes dachte, zu einer andern Schenke, wo unsre Fröhlichkeit zur Torheit wurde. Ich war berauscht wie nie, und eine der Dirnen war schön wie die Sünde.« –
Der Kaufherr blieb unwillkürlich stehen und strich sich mit der Hand mehrmals über die Stirne, gleichsam, als wollte er ein unerfreuliches Bild von sich abstreifen. Der Maler merkte rasch die Peinlichkeit der Erinnerung und sah ihn nicht an, sondern ließ seinen Blick wie neugierig auf einer raschsegelnden Galeone ruhen, die sich mit vollen Segeln dem Hafen näherte, in dessen farbigem Gewirre die beiden langsam angelangt waren. Das Schweigen dauerte nicht lange, und der Erzähler fuhr mit Hastigkeit fort.
»– Ihr könnt Euch denken, wie es wurde. Ich war jung und verwirrt, sie frech und schön. Wir gingen zusammen, und ich war voll Unrast und Begierde. Aber ein Sonderbares geschah. Als ich in ihren buhlerischen Armen lag und sich ihr Mund an meinen preßte, da ward diese Zärtlichkeit mir nicht wilder, gern erwiderter Genuß, sondern in wunderbarer Weise mahnten mich diese Lippen an den sanften Abendgruß im Elternhause. Mit einem Male, wundersam und kaum glaublich, fiel mir in den Armen der Dirne meines Vaters zerknüllter, zerstoßener, ungelesener Brief ein und mir war, als fühlte ich den Stoß des Gesellen in meiner blutenden Brust. Ich fuhr auf, so unvermittelt und blaß, daß mich die Dirne erschreckten Blickes befragte, was mir zugestoßen sei. Aber ich schämte mich meiner törichten Angst, und ich schämte mich dieses fremden Weibes, in dessen Bett ich gelegen und deren Schönheit ich genossen, ohne ihr den törichten Gedanken eines Augenblickes anvertrauen zu wollen. Aber in dieser Minute hat sich mein ganzes Leben gewandelt, und heut wie damals fühle ich, daß nur Gottes Gnade solches wirken kann. Ich warf ihr Geld hin, das sie widerwillig nahm, weil sie fürchtete, daß ich sie verachte, und nannte mich einen deutschen Narren. Ich aber hörte nicht mehr, sondern stürmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein Verzweifelter in die dunklen Kanäle hinaus nach einer Gondel. Endlich kam eine, die sich ihre Fahrt mit Gold aufwiegen ließ, aber mein Herz pochte in einer so jähen, unbarmherzigen und unbegreiflichen Angst, daß ich an nichts anderes dachte als an den Brief, den mir ein Wunder so jählings wieder in Erinnerung gebracht. Als ich bei der Schenke angelangte, brach die Begierde nach diesen Zeilen aus wie ein zehrendes Fieber; ein Rasender stürmte ich jäh in die Schenke, ohne der freudig-erstaunten Rufe meiner Genossen zu achten, sprang auf einen gläserklirrenden Tisch, riß den Brief von der Wand und rannte weiter, ohne das tolle Hohnlachen und zornige Fluchen hinter mir zu beachten. An der nächsten Ecke entfaltete ich den Brief mit zitternden Händen. Der Regen strömte nieder vom verwölkten Himmel, und der Wind riß an dem Blatt in meiner Hand. Ich ließ aber nicht früher ab, als bis ich mit überquellenden Augen alles entziffert hatte. Es waren nicht viel der Worte: meine Mutter sei zum Sterben krank, und ich möchte nach Hause kommen. Kein Wort des Tadels und Vorwurfs wie sonst. Aber wie brannte mein Herz in tiefster Scham, als ich sah, daß des Degens Klinge mitten durch meiner Mutter Namen gestoßen war…«
»Ein Wunder, ein offenbarliches Wunderzeichen, nicht allem Volke verständlich, aber wohl dem, für den es erstanden«, murmelte der Maler, als der Erzähler tiefbewegt in Schweigen versunken war. Eine Zeitlang gingen sie wieder wortlos nebeneinander her. Fernüber leuchtete schon das prächtige Haus des Kaufherrn ihnen entgegen. Als der Kaufherr aufblickend es bemerkte, fuhr er hastig fort.
»Laßt mich kurz sein, laßt mich Euch verschweigen, in welchem Schmerz und reuevollem Wahnsinn ich diese Nacht verlebte. Laßt Euch nur sagen, daß mich der nächste Morgen knieend auf den Stufen der Markuskirche fand, wo ich in brünstigem Gebete der Muttergottes einen Altar gelobte, wenn sie mir vergönnen wollte, meiner Mutter Gruß und Verzeihung zu erlangen. Am selben Tage reiste ich ab, reiste Stunden und Tage der Verzweiflung und Angst nach Antwerpen, stürmte wild und verzweifelt zu meiner Eltern Haus. Vor dem Tore stand meine Mutter, gealtert und blaß, doch wohlauf. Als sie mich sah, breitete sie mir jubelnd die Arme entgegen, und ich weinte vieler Tage Sorge und vieler vergeudeter Nächte Schmach an ihrem Herzen aus. Mein Leben ist seitdem ein anderes geworden, ich darf beinah sagen ein gutes. Das Liebste, das ich hatte, jenen Brief, habe ich eingesargt in den Grundstein dieses Hauses, das meiner Hände Arbeit geschaffen hat, und mein Gelübde habe ich zu lösen gesucht. Bald nach meiner Ankunft ließ ich den Altar errichten, den Ihr gesehn habt, und bot alle Mühe auf, ihn würdig zu schmücken. Da ich aber unbekannt war in den Geheimnissen, nach denen ihr Eure Kunst zu werten wißt und der Muttergottes ein würdiges Bild weihen wollte, so wie sie mir ihr Wunder geoffenbart, schrieb ich an einen treuen Freund nach Venedig, er möge mir den Tüchtigsten der Maler senden, den er kenne, daß er mir das Werk meines Herzens würdig vollende.
Monate vergingen. Eines Tages stand ein junger Mann vor meiner Tür, berief sich seiner Sendung und entbot mir Gruß und Brief meines Freundes. Der italienische Maler, dessen wunderbaren und seltsam traurigen Gesichtes ich mich noch wohl besinne, glich durchaus nicht den lärmenden und großsprecherischen Kumpanen meiner Venezianer Zechgelage. Eher hätte man ihn als Mönch empfangen, denn als Maler, weil sein Habitus schwarz und lang war, seine Haare schlicht gereiht und sein Antlitz von jener vergeistigten Blässe der Nachtwachen und Askesen. Der Brief bestätigte nur jenen günstigen Eindruck und zerstreute meine Bedenken ob der Jugend des Meisters; die alten Maler, schrieb mir mein Freund, seien in Italien stolzer als Fürsten, und es hielte schwer, sie auch mit dem verlockendsten Angebot aus ihrer Heimat zu entfernen, wo sie umringt seien von Freunden und Frauen, von Fürsten und Volk. Diesen jungen Meister habe nur der Zufall bestimmt: die Sehnsucht, wegen eines ihm unbekannten Grundes Italien zu verlassen, sei ihm dringender gewesen als alles Geldes Angebot, denn man kenne auch daheim des jungen Malers Wert und wisse ihn zu ehren.
Es war ein stiller verschlossener Mann, den mir mein Freund gesandt. Nie habe ich von seinem Leben etwas erfahren, nur dunklen Andeutungen entnahm ich, daß eine schöne Frau schmerzlichen Anteil an seinem Geschicke habe und er um ihretwillen die Heimat verlassen. Und, wiewohl ich keinen Beweis dafür habe und mich solches Tun ketzerisch und unchristlich anmutet, so meine ich, daß jenes Bild, das Ihr gesehn und das er im Verlauf weniger Wochen ohne Vorbild und mühsame Bereitung aus der Erinnerung gemalt, jener Frau Züge erhalte, die er geliebt. Denn immer, wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn, wie er das gleiche süße Antlitz, das ihr gesehen, von neuem versuchte oder träumend in seiner Betrachtung verweilte. Und als ich nach des Bildes Vollendung in heimlicher Angst ob der Gottlosigkeit, eine Dirne als Gottesmutter zu malen, ihm anbefahl, für das zweite Bild eine andere Gestalt zu wählen, da blieb er stumm. Und des nächsten Tages, als ich zu ihm ging, war er ohne ein Wort des Abschieds von hinnen gereist. Ich trug Bedenken mit diesem Bilde den Altar zu schmücken, doch der Priester, den ich befragte, verstattete es ohne jegliches Besinnen…«
»Und er hat recht getan«, fiel der Maler beinahe erregt ein. »Denn woher sollten wir die holde Schönheit unserer lieben Frauen zu schildern wissen, wenn nicht von der Schönheit jeder Frau, die uns begegnet. Sind wir nicht nach Gottes Bilde geschaffen und muß nicht, um das Vollkommenste darzubieten, das Vollendetste unter den Menschen eine, wenngleich nur matte Folie des Unsichtbaren sein! Seht! Ich, den ihr bestimmt, das zweite Bild zu schaffen, ich bin einer der Armen, die nicht zu malen wissen ohne die Natur, denen es nicht gegeben ist, von innen zu bilden, sondern die in mühsamer Nachzeichnung des Wahrhaftigen ihr Werk erschaffen. Nicht meine Liebste würde ich wählen, um die Mutter Gottes würdig zu bilden, denn es wäre sündhaft, die Unbefleckte durch einer Sünderin Antlitz zu sehen, aber ich würde nach Schönheit spüren und diejenige malen, deren Antlitz mir am meisten unserer Gottesmutter Züge zeigte, wie ich sie in meinen frommen Träumen erschaut. Und glaubt, obgleich eines sündigen Menschen Antlitz, wenn ihr in frommer Hingebung es schafft, bleibt nichts von Schlacken der Begehrlichkeit und Sündhaftigkeit in diesen Zügen, ja dieser wunderbaren Reinheit Zauber wirkt oft weiter als ein Zeichen in der irdischen Frauen Angesicht. Dies Wunder meint’ ich oftmals selbst zu sehn.«
»In jedem Fall – Euch traue ich. Ihr seid ein reifer Mann, der viel geduldet und gelebt, und so Ihr keine Sünde darin findet…«
»Im Gegenteil! Ich find’ es lobenswert, und nur die Protestanten wie andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses!«
»Da habt ihr recht. Doch bitt’ ich Euch, beginnt bald mit dem Bild, denn wie eine Sünde brennt dies ungelöste Gelübde auf mir. Durch zwanzig Jahre vergaß ich an das zweite Bild: erst jüngst, als ich meines Weibes gramvolles Angesicht sah, wie sie am Krankenbette meines Kindes weinte, fühlte ich diese Schuld und erneute mein Gelübde. Und Ihr wißt, auch diesmal hat die Muttergottes ein Wunder der Genesung dort gewirkt, wo alle Ärzte sich mit Verzweiflung abgewandt hatten. Ich bitte Euch, zögert nicht lange mit dem Werk.«
»Ich tue, was ich kann, doch frei herausgesagt, fast nie in meiner langen Schaffenszeit ist mir ein Werk so schwer erschienen, denn wenn es nicht als eines Stümpers leichtfertiges Gefüge neben dieses jungen Meisters Bild erscheinen soll – von dessen Wirken ich mehr zu wissen begehre – muß Gottes Hand mit meinem Werke sein.«
»Der fehlt seinen Treuen nie. Lebt wohl! Und schreitet wohlgemut zum Werk. Ich hoffe, Ihr bringt mir bald frohe Kunde ins Haus.«
Der Kaufherr schüttelte ihm vor seiner Pforte noch einmal innig die Hand und sah vertrauensvoll in die klaren Augen des Malers, die wie ein helleuchtender Gebirgssee, den verwitterte Zacken und Schroffen umgrenzen, aus dem derbdeutschen, kantigen Gesichte entgegenblauten. Der hatte noch ein entgegnendes Wort auf den Lippen, verschluckte es aber mutig und faßte mit festem Drucke die dargebotene Hand. In innig verstehenden Gefühlen schieden die beiden.
Der Maler ging langsam den Hafen entlang, wie es stets seine Gewohnheit war, wenn ihn nicht die Arbeit an seine Stube fesselte. Er liebte dieses wilde farbenreiche Bild, darin die Arbeit ungebrochen pulste, und manchmal setzte er sich auf einen Taupflock nieder, um irgend eines Schaffenden seltsame Körperbiegung nachzubilden und der schwierigen Kunst der Verkürzungen ein fußbreit Weges abzuringen. Ihn störte nicht der laute Ruf der Schiffer, das Rasseln der Wagen und das Meer, das sich mit seinem gleichtönigen lallenden Geschwätze an die Ufer warf, ihm waren jene Blicke gegeben, die zwar nicht leuchten vom Abglanz innerer selbstgeschauter Bilder, die aber in allem Lebenden, so gleichgültig es auch sich gebärden mag, jenen Strahl erkennen, der ein Kunstwerk zu erleuchten vermag. Darum ging er auch immer ins Leben, wo es sich am farbigsten ausstrahlte und verwirrende Fülle wechselnder Reize ausatmete; zwischen dem Matrosenvolk streifte er mit langsamen Schritten und suchendem Auge, ohne daß ihn jemand zu verlachen wagte, denn unter dem vielen lärmenden unnützen Volk, das ein Hafen ansammelt, so wie der Strand die tauben Muscheln und zerbröckelndes Gestein, fiel er durch sein stilles Gebaren und die Ehrwürdigkeit seiner Mienen auf.
Diesmal aber stand er bald von seiner Suche ab. Des Kaufherrn Geschichte hatte ihn im Tiefsten berührt, weil sie leise auch an ein eigenes Schicksal gestreift, und selbst der Kunst sonst so hingebender Zauber versagte heute seinen Dienst. Über allen Frauenantlitzen, und ob sie auch nur plumpe Fischergestalten waren, leuchtete der milde Glanz des Muttergottesbildes von des jungen Meisters Hand. Unschlüssig wandelte er in träumerischen Gedanken eine Zeitlang dem sonntäglich geputzten Getriebe entlang; dann aber mühte er sich nicht mehr, dem sehnsüchtigen Drange zu widerstehen, und durch das dunkle Netz der winkeligen Gassen suchte er wieder zur Kirche zurück zu jener milden Frau wundersamem Konterfei.
Einige Wochen gingen seit jener Unterredung dahin, in welcher der Maler seinem Freunde die Vollendung des Bildes für den Altar der Gottesmutter zugesagt hatte, und noch immer blickte die unberührte Leinwand vorwurfsvoll den alten Meister an, der sie beinahe zu fürchten begann und die Stunden immer lieber auf der Straße zubrachte, um nicht die grausame Mahnung und den schweigenden Vorwurf seiner Mutlosigkeit fühlen zu müssen. In diesem Leben regsamer Arbeit, das vielleicht sogar zu viel gewirkt hatte, um prüfend in sich selbst zu schauen, war seit jenem Tag, da der Maler des jungen Meisters Bild erblickt, eine Wendung geschehen; Zukunft und Vergangenheit waren jählings aufgerissen und blickten ihn an, wie ein leerer Spiegel, in den nur Dunkelheit und Schatten strömen. Und nichts Furchtbareres gibt es, als den Schauer eines Lebens, das schon auf dem letzten Grat seines Aufstieges aufblickt, vom mutvollen Schreiten und dann von sinnender Angst befallen, es habe den Fehlweg eingeschlagen, die Kraft verliert, die letzten leichtesten Fußtapfen nach vorwärts zu machen. Mit einem Mal schien dem Maler, der in seinem Leben schon hundert und aberhundert frommer Darbildungen gemalt, die Fähigkeit zerronnen, eines Menschen Angesicht würdig zu gestalten, daß es ihm selbst so schiene, als sei es göttlichen Wesens würdig. Er hatte Frauen gesucht, solche, die ihr Antlitz verkauften für die Stunde der Nachbildung, solche, die ihren Leib verkauften, Bürgersfrauen und sanfte Mädchen, deren Gesicht überleuchtet war vom durchglühenden Schimmer innerer Reinheit; aber stets, wenn sie nahe vor ihm standen und er den Pinsel ansetzen wollte zum ersten Strich, da fühlte er ihre Menschlichkeit. Er sah die blonde gefräßige Behäbigkeit in der einen, die wilde verhaltene Gier, sich im Liebeskampfe auszutoben, in der andern, er fühlte die leere Glätte hinter den kurzen glänzenden Mädchenstirnen und erschrak beim plumpen Schritt und bei der verbuhlten Hüftenbiegung der Dirnen. Und die Welt ward ihm mit einem Male so öde, alle diese Menschen, die er um sich sah: der Atem der Göttlichkeit schien ihm ausgelöscht, überwuchert von dem blühenden Fleische dieser begehrlichen Frauen, die nichts mehr wußten von dem mystischen Magdtum und den sanften Schauern unbefleckter Hingebung an die Träume einer andern Welt. Er schämte sich, die Mappen aufzuschlagen, die sein eigenes Werk enthielten, denn ihm schien, als hätte er sich selbst wie von der Erde entfernt und sei sündig gewesen, indem er plumpe Bauern zu Blutzeugen des Heilands und grasse Weiber zu seinen Dienerinnen erwählt. Dumpfer und drückender wölkte sich diese Stimmung über ihn herab. Er sah sich als jungen Knecht hinter seines Vaters hartem Pfluge gehen, lange bevor er zur Kunst entlief, mit harten Bauernhänden die Egge in die schwarze Erde stoßen und fragte sich, ob er nicht besser getan, gelbes Korn zu säen und Kindern wohlgehüteten Bestand zu wahren, als mit plumpen Fingern an Geheimnissen und Wunderzeichen zu rütteln, die nicht für ihn geschaffen. Sein ganzes Leben schien ihm in den Fugen zu wanken, emporgekeilt durch die flüchtige Erkenntnis einer Stunde, durch ein Bild, das seine Träume durchschwebte und seiner wachen Minuten Folter und Seligkeit war. Denn es war ihm nicht mehr möglich, die Muttergottes in seinen Gebeten anders zu empfinden, als sie auf jenem Bilde war, welches so holdseliges Konterfei bot und doch so abgewandt war von der Schönheit aller irdischen Frauen, die ihm begegnet, so verklärt in dem Scheine fraulicher Demut mit göttlicher Ahnung. Aller Frauen Bild, die er geliebt, verfloß in dem trügerischen Dämmer der Erinnerung in die wundersame Hülle dieser Gestalt. Und als er sich mühte, zum ersten Male, nicht dem Wirklichen abzulauschen, sondern eine Muttergottes nach dem Phantasiebilde zu schaffen, das ihn durchschwebte, Maria mit dem Kinde, sanft lächelnd und in froher ungetrübter Seligkeit, da sanken seine Finger, die den Pinsel führen wollten, kraftlos nieder, wie vom Krampf gelähmt. Denn der Strom versiegte, die Fertigkeit der Finger, des Auges Worte zu sprechen schien hilflos gegenüber jenem hellen Traum, den er mit seinem inneren Blick so deutlich sah, als sei er aufgemalt auf einer starren Wand. Wie ein Feuer brannte dieser Schmerz der Unfähigkeit, den schönsten und treuesten seiner Träume in die Wirklichkeit tragen zu können, wenn die Wirklichkeit nicht selbst aus ihrer Fülle eine Brücke bot. Und er stellte sich die bange Frage, ob er sich selbst noch Künstler nennen dürfe, da ihm solches geschah und ob er sein Leben lang nicht nur ein mühsam bildender Handwerker gewesen sei, der nur Farben nebeneinander gefügt, wie ein Kärrner die Steine zu einem Bau.
Solche selbstquälerische Betrachtung ließ ihn keinen Tag ruhen und trieb ihn mit zwingender Gewalt aus seiner Stube, wo ihn die leere Leinwand und die sorgsam bereiteten Utensilien wie höhnische Stimmen verfolgten. Mehrmals wollte er dem Kaufherrn seine Not beichten, aber er fürchtete, daß dieser zwar fromme und auch wohlgesinnte Mann ihn nie ganz verstehen könnte und eher an eine ungeschickte Ausflucht werde glauben wollen, als seine Unfähigkeit, ein solches Werk zu beginnen, wie er sie schon in großer Zahl und zum allgemeinen Beifall der Meister und Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewöhnlich ratlos und rastlos in den Straßen umher, geheim erschreckend, wie ihn der Zufall oder eine verborgene Magie aus seinen wandelnden Träumen immer wieder vor jener Kirche erwachen ließ, gleichsam als binde ihn ein unsichtbares Band an dieses Bild oder eine göttliche Kraft, die seine Seele selbst im Traume regiere. Manchmal trat er ein, mit der geheimen Hoffnung, daß er Makel und Fehl entdecken könne und so der zwingende Zauber gebrochen sei; vor dem Bilde aber vergaß er gänzlich des jungen Meisters Schöpfung neidlich nach Kunst und Handwerk zu messen, sondern er fühlte es wie Schwingen um sich rauschen, die ihn auftrugen in Sphären sanfteren und verklärteren Genießens und Anschauens. Und erst wenn er die Kirche verließ und begann, seiner selbst und eigenen Bemühens zu gedenken, fühlte er den alten Schmerz mit doppelter Gewalt.
Eines Nachmittags war er wieder durch die hellerleuchteten Straßen geirrt, und diesmal fühlte er seine quälerischen Zweifel milder werden. Von Süden her war der erste Frühlingswind gekommen und trug, wenn auch nicht die Wärme, so doch die Helle vieler heranblühender Lenztage in sich. Zum ersten Male schien dem Maler jener graue stumpfe Glanz, den sein eigener Gram über die Welt gelegt, sich zu lösen und Gottes Gnade in sein Herz zu rauschen, wie immer, wenn das große Auferstehungswunder in flüchtigen Zeichen sich verkündete. Eine klare Märzsonne wusch alle Dächer und Straßen blank, die Wimpel wehten bunt im Hafen, der zwischen den sanft sich wiegenden Schiffen hervorblaute und im steten Lärmen der Stadt brauste es wie jubelndes Singen. Ein Pikett spanischer Reiter trabte über den Platz; man sah sie heute nicht mit feindlichen Blicken, wie sonst, sondern freute sich des sonnigen Widerspiels ihrer Rüstungen und der blinkenden Helme. Die weißen Hauben der Frauen, die der Wind mutwillig zurückschlug, wiesen frische und farbige Gesichter; über das Pflaster aber trappte flink der holzschuhklappernde Tanz der Kinder, die sich bei den Händen faßten und singend in Ringelreihn sich drehten.
Auch in den sonst so dunklen Hafengassen, denen sich nun der immer froher werdende Wandler zuwandte, flackerte ein leichter Schimmer, wie ein sinkender Regen des Lichts. Die Sonne konnte nicht ganz ihr leuchtendes Angesicht zwischen diese vorgeneigten Giebeldächer blicken lassen, denn die neigten sich dicht zusammen, schwarz und verknittert, wie uralte Hauben zweier Mütterchen, die in stetem geschwätzigem Gespräche stehen. Aber von Fenster zu Fenster gab sich das spiegelnde Leuchten weiter, wie wenn funkelnde Hände flirrend hinabgriffen und es hin-und herschnellten in übermütigem Spiel. Und manchen Fleck gab es, da das Leuchten still und mild blieb, wie ein träumendes Auge in der ersten Dämmerung des Abends. Denn unten, auf der Straße, lag das Dunkel, unbeweglich und seit Jahren, nur selten im Winter unter schneeigem Mantel geborgen. Und die da wohnten, trugen in ihren Augen die Unlust und Traurigkeit steter Dämmerung; nur die Kinder, denen die Seele brannte vor Sehnsucht nach Licht und Helle, ließen sich von diesem ersten Strahl des Frühlings vertrauensvoll verführen und spielten in leichter Gewandung auf dem schmutzigen, holprigen Pflaster, in ihrer Unbewußtheit tief beglückt durch den schmalen, blauen Streif, der zwischen den Dächern lugte und durch den goldenen Tanz der Sonnenkringel.
Der Maler ging und ging, ohne ein Müdewerden zu fühlen. Es war ihm, als sei auch ihm ein geheimer Jubel beschieden und als sei jedes Sonnenfunkens flüchtiger Schein Gottes leuchtender Gnadenstrahl, der zu seinem Herzen ginge. Alle Bitternis war verloschen in seinem Angesicht, das so milde und begütigend durchleuchtet war, daß die spielenden Kinder aufstaunten und ihn fürchtig grüßten, weil sie einen Priester in ihm zu sehen meinten. Er ging und ging, ohne an Ziel und Ende zu denken, denn in seinen Gliedern drängte der neue Frühlingstrieb, wie in alten verknisterten Bäumen die Blüten bittend an den haltenden Bast klopfen, daß er ihre junge Kraft aufschießen lasse ins Licht. Sein Schritt war froh und leicht wie der eines Jünglings; frischer und lebendiger schien er zu werden, obgleich der Weg schon Stunden währte, und rascher geschmeidiger Takt maß die rasch zurückgelegten Strecken.
Plötzlich hielt der Maler wie versteinert inne und fuhr sich mit der Hand schützend über die Augen, wie einer, den ein blitzender Strahl verletzt oder ein schrecksames und unglaubliches Ereignis. Aufschauend zum sonneüberleuchteten Schein eines Fensters hatte er den vollen Strahl des zurückspiegelnden Lichtes schmerzhaft in den Augen gefühlt, aber durch jenen Nebel von Purpur und Gold war eine seltsame Erscheinung, ein wunderbares Trugbild auf dem wirrenden Scharlachschleier erschienen: die Madonna jenes jungen Meisters, träumerisch und leise schmerzlich zurückgelehnt, wie auf jenem Bild. Ein Schauer überlief ihn, die grausame Angst der Enttäuschung vereint mit jenem selig zitternden Rausch eines Begnadeten, dem die wundersame Vision der Gottesmutter nicht im Dunkel eines Traumes, sondern in Tageshelle erschienen, ein Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch wagte er den Blick nicht zu erheben, weil er sich nicht stark genug fühlte, um den niederschmetternden Augenblick unseliger Entscheidung auf seinen zitternden Schultern tragen zu können, weil er fürchtete, daß diese eine Sekunde sein Leben noch grimmiger zerstampfen könnte, als die unerbittliche Selbstqual seines verzagten Herzens. Erst als seine Pulse langsamer und ruhiger gingen und er nicht mehr schmerzvoll ihren Hammerschlag in der Kehle spürte, raffte er sich auf und sah langsam, unter der überschattenden, zitternden Hand zu jenem Fenster auf, in dessen Rahmen er das verführerische Bild gesehn.
Er hatte sich getäuscht. Es war nicht das Mädchen von des jungen Meisters Marienbild. Aber die erhobene Hand sank darum nicht verzagend herab. Denn auch das, was er erschaute, schien ihm ein Wunder zu sein, wenn auch ein viel lieblicheres, milderes und menschlicheres, als eines Gottes Erscheinung, die im glühenden Strahl einer begnadeten Stunde erscheint. Nur eine ferne und verlorene Ähnlichkeit hatte jenes Mädchen, das sich nachdenklich über die leuchtende Brüstung des Fensters lehnte, mit jenem Altarbild: auch ihr Gesicht war von schwarzen Locken umfaltet, und auch sie blühte in jener geheimnisvollen und phantastischen Blässe, aber ihre Züge waren härter, geschärfter, fast zornig, und um den Mund legte sich ein verweinter und trotziger Zorn, den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer träumerischen Augen mäßigen konnte, aus denen eine alte und tiefe Trauer empordämmerte. Kindischer Mutwille und vererbtes vergrabenes Leid funkelten zusammen in dieser mühsam gebändigten Unrast. Eine Stille war in ihrem Ruhen, die sich jeden Augenblick in einer jähzornigen Bewegung lösen konnte, etwas Phantastisches und Abenteuerliches, über das kein sanftes Träumen hinwegtäuschen konnte; und der Maler fühlte an einem gewissen gespannten Ausdruck ihrer Züge, daß in diesem Kinde schon eine jener Frauen zu wirken beginne, die ihre Träume leben und mit ihren Sehnsüchten verwachsen, deren Seele sich an die Dinge klammert, die sie lieben, mit allen ihren Fibern und Fasern, und die sterben, wenn sie Gewalt von ihnen löst. Mehr aber als alle diese Sonderbarkeit und Fremdheit in ihrem Gesichte erstaunte ihn das Wunderspiel der Natur, das hinter ihrem Haupte im bespiegelten Fenster die sonnige Glut aufstrahlen ließ wie einen Heiligenschein, der sich um ihre Locken sammelte und sie funkeln ließ, wie schwarzen Stahl. Und in diesem Spiel meinte er deutlich die Hand Gottes zu spüren, die ihm den Weg wies, sein Werk wohlgefällig und würdig zu vollenden.
Ein Karrenführer stieß derb an den in Schauen versunkenen Maler an, der verloren inmitten der Straße stand. »Gottes Zorn! Könnt ihr nicht achtgeben oder hat es Euch alten Kerl die schöne Jüdin da angetan, daß ihr gafft wie ein Lümmel und den Weg versperrt?«
Der Maler fuhr auf, erschreckt, aber nicht verletzt durch den groben Ton, den er überhört hatte über der Kunde, die ihm dieser übelgekleidete und ruppige Genosse brachte. Und ganz erstaunt richtete er das Wort an ihn.
»Das ist eine Jüdin?«
»Ich weiß nicht, aber man sagt es. Jedenfalls ist es nicht der Leute Kind, sie haben es wo gefunden oder bekommen. Was schert’s mich, meine Neugierde hat’s nie geplagt und wird’s auch nicht sobald. Fragt den Meister selbst, wenn ihr’s wissen wollt, der weiß sicherlich besser als ich, wieso er dazu gekommen ist.«
Der »Meister«, auf den er wies, war ein Wirt, der Besitzer einer jener dumpfen, verrauchten Schenken, in denen nie ganz das Leben und Lärmen erstirbt, weil Spieler und Matrosen, Soldaten und Müßiggänger sich dort einquartieren, um sie nur selten wieder zu verlassen. Breit, mit aufgequollenem, aber gutmütigem Gesicht stand er in der schmalen Türe, wie ein einladendes Schild. Ohne viel Besinnen trat der Maler auf ihn zu. Sie traten ein in die Schenke; der Maler setzte sich in eine Ecke an einen der beschmierten Holztische, ein wenig unruhig und erregt, und als der Wirt ihm das geforderte Glas vorsetzte, bat er ihn, einen Augenblick mit ihm den Platz zu teilen. Und leise, um ein paar Matrosen, die am Nebentische, schon ein wenig betrunken, vor sich hingröhlten, nicht aufmerksam zu machen, sprach er sein Anliegen aus. Er erzählte ihm in fliegenden, aber innerlich bewegten Worten von dem Wunderzeichen, das ihm erschienen und bat schließlich den Wirt, der erstaunt zuhörte und sich anscheinend bemühte, mit seinem langsamen, vom Wein verqualmten Fassungsvermögen dem Maler zu folgen, – er möge gestatten, daß ihm seine Tochter als Folie eines Marienbildes diene. Er vergaß nicht zu erwähnen, daß durch die gegebene Verstattung auch der Vater teilhaftig werde an dem gottesfürchtigen Werk und merkte wiederholt an, daß er bereit sei, den Dienst in barem Gelde zu vergüten.
Der Wirt antwortete nicht gleich, aber er wühlte mit seinem dicken Finger unablässig in den breiten, aufgeblähten Nasenlöchern. Endlich begann er.
»Ihr müßt mich nicht für einen schlechten Christen halten, bei Gott nicht, aber das Ding ist nicht so einfach, wie ihr denkt. Denn wäre ich der Vater und könnte zu meinem Kind sagen, geh hin und tu so, wie ich dir’s befehle, ich sag’ Euch, unser Handel wäre schon erledigt. Mit diesem Kind ist’s aber eine eigene Sache… Donnerwetter, was gibt’s denn dort!«
Er war aufgesprungen, in hellem Zorn, denn er ließ sich ungern in der Rede stören. Am andern Tische hämmerte einer wie toll mit dem leeren Krug auf der Bank und begehrte neue Füllung. Unwirsch riß ihm der Wirt den Humpen aus der Hand und besorgte mit unterdrücktem Fluch die frische Ladung. Gleichzeitig nahm er auch ein Glas und die Flasche mit, stellte sie zum Tisch des Gastes und schenkte beide Gläser voll. Mit einem Ruck war das seine hinabgespült, und wie erfrischt wischte er sich den struppigen Schnauzbart ab und begann.
»Ich will Euch sagen, wie ich zu der Judendirne kam. Ich war Soldat, in Italien drunten und dann in Deutschland. Ein schlechtes Handwerk sag’ ich Euch, nie schlechter als heute und damals. Ich hatt’s auch über und wollt’ eben durch Deutschland nach Hause ziehn und ein ehrbares Handwerk ergreifen, denn geblieben war mir just nicht viel; Beutegeld rinnt zwischen den Fingern durch, und Knauser war ich nie gewesen. Da kam’s in einer deutschen Stadt; ich war just dort, als sich eines Abends ein großes Getöse erhob. Warum, weiß ich nicht mehr, doch das Volk hatte sich zusammengerottet, die Juden zu erschlagen, und ich zog mit, verlockt von der Hoffnung, etwas zu erhaschen, auch aus Neugierde, was geschehen möchte. Es ging toll zu, man stürmte, mordete, raubte, schändete, und die Kerle brüllten vor Lust und Begierde. Bald hatt’ ich’s satt und riß mich aus dem Haufen, denn mein ehrliches Kampfschwert mocht’ ich nicht mit Weiberblut besudeln und mit Dirnen nicht um Beute streiten. Da, in einer Nebengasse, durch die ich heim will, springt ein alter Jude mit langem, zitterndem Bart und verstörtem Gesicht, im Arm ein kleines vom Schlaf aufgeschrecktes Kind, auf mich zu und stottert eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch verstand, war, daß er mir viel Geld bot, wenn ich sie beide retten wollte. Mir tat das Kind recht leid, das mich erschreckt mit seinen großen Augen anstarrte, der Handel schien nicht übel, so warf ich ihm meinen Mantel über und führte sie in mein Quartier. Ein paar blieben stehn auf den Gassen und zeigten nicht übel Lust, auf den Alten loszugehen, aber ich hatte mein Schwert blank und so ließen sie die beiden ungeschoren. Ich brachte sie zu mir, und weil mich der Alte auf den Knieen beschwor, verließ ich noch am selben Abend die Stadt, in der Brand und Mord bis spät in die Nacht wütete. Weit am Wege sahen wir noch den Feuerschein, in den der Alte verzweifelt starrte, während das Kind ruhig weiter schlief. Lang blieben wir drei nicht zusammen: der Alte wurde nach wenigen Tagen auf den Tod krank und starb auf der Reise. Zuvor gab er mir noch alles Geld, das er bei seiner Flucht zusammengerafft hatte und ein beschriebenes Blatt in seltsamen Lettern, das ich in Antwerpen bei einem Makler abgeben sollte, dessen Namen er mir nannte. Sein Enkelkind befahl er mir noch sterbend an. Ich zog hierher und wies die Schriftzeichen vor, die seltsam wirkten: der Makler gab mir eine stattliche Summe Geldes, mehr als ich erwartet hatte. Ich war dessen froh, denn meines Wanderlebens wurde ich so frei, kaufte mir das Haus und diese Schenke, und der tollen Kriegszeit hab’ ich bald vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft’ ich auch, sie würde, wenn sie heranwachse, mir altem Hagestolz das Haus besorgen. Doch das kam anders.
Wie Ihr sie jetzt gesehn, so ist ihr ganzer Tag. Sie gafft zum Fenster in die Luft hinaus, spricht niemand an und gibt nur scheue Antwort, gleichsam geduckt, als ob sie einer schlagen wollte. Mit Männern spricht sie nie. Anfangs dacht’ ich, sie würde hier in meiner Schenke helfen und so mir manchen Gast anlocken, wie es drüben des Wirten junge Tochter tut, die mit den Gästen scherzt und sie anfeuert, daß sich ein Glas nach dem andern leert. Doch die ist zimperlich: faßt sie mal einer an, so schreit sie auf und saust zur Tür hinaus wie ein Wirbelwind. Und suche ich sie dann, so sitzt sie sicherlich irgendwo in einem Winkel zusammengeknäult und heult, daß einem das Herz brechen könnte und man dächte, es sei ihr, weiß Gott was für Leid geschehn. Ein sonderbares Volk!«
»Und sagt«, unterbrach der Maler den Erzählenden, der immer nachdenklicher in seiner Rede zu werden schien, »ist sie noch Jüdin oder schon zum Glauben bekehrt?«
Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. »Wißt Ihr«, hub er dann an, »ich war ein Soldat und weiß von meinem Christentum selber nicht viel. Selten war ich in der Kirche und bin’s auch jetzt nicht, so sehr mich’s reut; und um das Kind da zu bekehren, schien ich mir immer zu töricht. Ich hab’s nie recht versucht, weil mir so schien, als sei’s bei diesem trotzigen Ding verlorne Liebesmüh. Einmal hat man mir schon die Priester auf den Hals gehetzt und mir die Hölle heiß gemacht; ich habe sie vertröstet, bis das Ding vernünftig werde. Doch damit hat’s wohl noch lange Zeit, obwohl sie heute schon ihre fünfzehn Jahre hinter sich hat, denn sie ist ganz versponnen und trotzig. Wer kennt sich aus mit diesem Judenvolk, es sind so seltsame Menschen; der Alte schien mir gut, und die ist auch kein übles Ding, so schwer man auch an sie herankommt. Und was dann Eure Sache anlangt, die mir nicht übel gefällt, weil ich meine, daß ein ehrlicher Christ nie genug für sein Seelenheil tun kann und jedes Bemühn dereinst gewogen wird… ich sage Euch offen, ich habe keine rechte Gewalt über das Kind, denn wenn sie einen mit ihren großen schwarzen Augen anschaut, hat man nicht rechten Mut, ihr was zuleide zu tun. Doch Ihr werdet ja sehn. Ich will sie rufen.«
Er stand breitspurig auf, schenkte sich noch ein Glas voll, das er stehend hinuntergoß und stapfte dann durch die Schenke, in die eben wieder einige Matrosen eingetreten waren, die einen undurchdringlichen Qualm aus ihren kurzen weißen Tonpfeifen emporstießen. Vertraulich schüttelte er ihnen die Hände, füllte ihre Gläser und scherzte derb mit ihnen. Dann erinnerte er sich seiner Absicht, und der Maler hörte ihn langsam und mit schweren wuchtigen Schritten die Treppe emporstampfen.
Ihm war sehr seltsam zumute. Das selige Vertrauen, mit dem ihn diese glückliche Bewegung beschenkt hatte, begann sich zu trüben in dem schwellenden Lichte dieser Schenke. Straßenstaub und dunkler Qualm legte sich über das schimmernde Bild seiner Erinnerung. Und immer und immer wieder die dunkle Angst vor der Sünde, diese feiste und viehische Menschheit, die sich überall mit den Gestalten der irdischen Trägerinnen so erlauchter Gedanken vermengte, emporzutragen zu dem Thron seiner frommen Träume. Ihm schauderte, aus welchen Händen er die Gabe empfangen sollte, zu der ihm geheime und offenbare Wunderzeichen den Weg gewiesen.
Der Wirt trat wieder ein in die Stube, und in seinem schweren breiten schwarzen Schatten zeichnete sich die Gestalt des Mädchens ab, das unschlüssig und wie erschreckt von dem gröhlendem Qualm an der Schwelle stehen geblieben war und sich mit den schmalen Händen wie hilfesuchend an den Türpfosten festhielt. Ein derbes Wort des Wirtes, das sie eintreten hieß, scheuchte ihren flüchtigen Schatten eher noch mehr in das Dunkel des Treppenganges zurück, doch schon war der Maler aufgestanden und auf sie zugetreten. Mit seinen beiden alten, derben, aber doch so milden Händen faßte er die ihren und fragte sie leise und vertraulich, indem er ihr voll in die Augen schaute: »Willst du dich nicht einen Augenblick zu mir setzen.«
Das Mädchen sah ihn erstaunt an, im tiefsten überrascht durch diesen tiefen Glockenton der Milde und geklärten Liebe, der ihr zum ersten Mal aus dem verräucherten Dunkel der Schenke entgegenschlug. Und sie fühlte die Milde seiner Hände und die zärtliche Güte seiner Augen mit dem süßschauernden Erschrecken derer, die Wochen und Jahre nach Zärtlichkeit hungern und sie eines Tages mit staunender Seele empfangen. Ihres toten Großvaters Bild erstand jäh in ihrem inneren Blick, als sie die schneeige Milde dieses Hauptes umfaßte, und vergessene Glocken schlugen an in ihrem Herzen und schlugen so laut und jubelnd durch alle Adern und bis in die Kehle hinauf, daß sie kein Wort der Antwort wußte. Sie errötete nur und nickte heftig, fast wie im Zorn, so eckig und hart in der plötzlichen Bewegung. Bangend und erwartend folgte sie ihm an seinen Platz und setzte sich halb an seine Seite, ohne die Bank recht zu berühren.
Der Maler beugte sich zärtlich zu ihr nieder, ohne zu sprechen. Vor dem klaren Blick des alten Mannes glühte jäh die Tragödie der Einsamkeit und stolzen Fremdheit auf, die so früh schon in diesem Kinde kämpfte. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und ihr einen segnenden, beruhigenden Kuß auf die Stirne gedrückt, aber er fürchtete sie zu erschrecken und fürchtete die Augen der andern, die einander lachend die seltsame Gruppe zeigten. Er verstand dieses Kind so ganz, ohne ein Wort von seinen Lippen zu wissen, und ein brennendes Mitleid stieg in ihm empor, wie eine heiße strömende Flut, denn er kannte die Schmerzlichkeit jenes Trotzes, die nur so hart und jähzornig und drohend ist, weil er Liebe ist, eine große und unfaßbare Fülle der Liebe, die sich verschenken will und sich verstoßen fühlt. Sanft fragte er sie: »Wie heißt du, Kind?«
Sie sah vertrauend, aber verwirrt zu ihm auf. Noch war ihr alles zu seltsam, zu fremd. Und ein schüchternes Zittern lag in ihrer Stimme, als sie leise und sich halb abwendend sagte »Esther.«
Der alte Mann aber fühlte dennoch, daß sie Vertrauen zu ihm hege, es nur noch nicht zu zeigen wage. Und sanft begann er:
»Ich bin ein Maler, Esther, und ich will dich malen. Es wird dir nichts Übles geschehen, und du wirst manches Schöne bei mir sehen und manchmal werden wir vielleicht zusammen sprechen, wie gute Freunde. Nur eine oder zwei Stunden wird es jeden Tag dauern, so lange, als es dir behagt. Willst du zu mir kommen, Esther?«
Das Mädchen wurde noch röter und wußte nicht zu antworten. Dunkle Rätsel taten sich plötzlich vor ihr auf, zu denen sie keine Wege fand. Schließlich sah sie mit einem unruhig fragenden Blick den Wirt an, der neugierig daneben stand.
»Dein Vater erlaubt es und sieht es sogar gerne«, beeilte sich der Maler zu sagen. »Von dir allein hängt die Entscheidung ab, denn zwingen möchte und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther?«
Er hielt ihr seine große gebräunte Bauernhand einladend entgegen. Sie zögerte einen Augenblick, dann legte sie verschämt und wortlos ihre kleine weiße Hand zustimmend in die des Malers, die sich eine Sekunde lang darum schloß, wie um eine gefangene Beute. Dann gab er sie mit freundlichem Blick frei. Der Wirt staunte über den so rasch abgeschlossenen Handel und rief einige Matrosen von den Tischen herbei, um ihnen das seltsame Geschehnis zu zeigen. Aber das Mädchen, das sich verschämt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit fühlte, sprang plötzlich auf und schoß wie der Blitz zur Türe hinaus. Überrascht schauten ihr alle nach.
»Donnerwetter«, sagte der Wirt ganz verwundert, »Ihr habt da ein Meisterstück gemacht. Nie hätte ich gedacht, daß das scheue Ding einwilligen würde!«
Und wie zur Bekräftigung goß er wieder ein Glas hinab. Der Maler, dem es unbehaglich zu werden begann in dieser Gesellschaft, die langsam vertraulich wurde, warf Geld auf den Tisch, besprach mit dem Wirte alles nähere und schüttelte ihm dankbar die Hand, beeilte sich aber aus der Schenke zu treten, deren Dunst und Lärm ihn anwiderte, und deren saufende und gröhlende Insassen ihn mit Ekel erfüllten.
Als er auf die Straße trat, war die Sonne schon gesunken, und nur mattrosa Dämmerung umhüllte noch den Himmel. Der Abend war mild und rein. Mit langsamem Schritt ging der alte Mann heimwärts und dachte der Ereignisse, die ihm so seltsam und so begütigend dünkten wie ein Traum. Und gottesfürchtige Stimmung umfing sein Herz, das selig zu erzittern begann, wie nun von einem Turme die erste Glocke zum Gebete rief und Glockenstimmen von allen Türmen der Runde einfielen, mit hellen und tiefen, dumpfen und freudigen, klingenden und murrenden Stimmen, wie Menschen in Freude und Sorge und Schmerz. Unglaublich dünkte es ihm zwar, daß über ein Herz, das ein Leben lang schlicht im Dunkel geraden Weges gegangen, noch spät die milden Leuchten göttlicher Wunder sich entzündeten, aber er wagte nicht mehr zu zweifeln; und diesen Glanz erträumter Gnade trug er durch das Dunkel der verdämmernden Straßen heimwärts in ein seliges Wachen und einen wundersamen Traum…
Tage waren verflossen, und noch immer stand die Leinwand unberührt auf des Malers Staffelei. Nun war es aber nicht Verzagtheit mehr, die seine Hände fesselte, sondern ein sicheres inneres Vertrauen, das nicht mehr mit Tagen rechnet und zählt, das nicht hastet, sondern sich wiegt in seliger Stille und verhaltener Kraft. Esther war gekommen, scheu zwar und verwirrt, aber bald hingebender, sanfter und schlichter werdend in dem wärmenden Lichte der väterlichen Güte, das der Seele dieses schlichten und fürchtigen Menschen zu entstrahlen schien. Sie hatten diese Tage nur zusammen verplaudert, wie Freunde, die einander nach langen Jahren begegnen und sich gleichsam wieder erkennen wollen, ehe sie die alten herzlichen Worte wieder mit innigem Empfinden durchtränken und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes Bedürfnis diese zwei Menschen, die sich so ferne waren und doch so ähnlich in einer gewissen Einfachheit und Einfalt ihrer Empfindung: der eine ein Mensch, den das Leben gelehrt, daß es in seinem tiefsten Grunde nur Klarheit und Stille ist, ein Erfahrener, den lange Tage und Jahre schlicht gemacht. Und die andre eine, die das Leben noch nicht empfand, weil sie wie in einer Dunkelheit versponnen sich verträumt hatte und den ersten Strahl, der aus der lichten Welt zu ihr kam, im Innersten auffing und in einfarbigem stillen Leuchten zurückspiegelte. Und beide waren sie allein zwischen den Menschen; so wurden sie sich ganz nahe. Der Geschlechter Unterschied sprach nicht zwischen beiden; bei dem einen war der Gedanke erloschen und warf nur noch den Abendschein klärender Erinnerung herüber in sein Leben, und dem Mädchen war das dunkle Empfinden ihrer Weiblichkeit noch nicht bewußt geworden und wirkte nur als milde, sehr unsichere und unruhige Sehnsucht, die sich noch kein Ziel weiß. Eine leise und schon erzitternde Wand stand noch zwischen ihnen: die der Fremdheit des Volkes und der Religionen, die Zucht des Blutes, sich immer fremd sehen zu müssen und feindlich, ein Mißtrauen zu hegen, das erst ein Augenblick großer Liebe überwindet. Ohne diesen unbewußten Halt hätte sich längst das Mädchen, in der Liebe, versparte und edelste Liebe nach vorwärts drängte, weinend an die Brust des alten Mannes geworfen und ihm ihre heimlichen Schauer und werdende Sehnsucht, den Schmerz und Jubel ihrer einsamen Tage gestanden; so aber verriet sie das Geheimste ihrer Seele nur in Blicken und Verschweigungen, in unruhigen Gebärden und Andeutungen, denn immer, wenn sie fühlte, wie alles in ihr zum Lichte strömen wollte und sich in den klaren und überströmenden Worten innigster Empfindung verraten, da faßte sie wie eine dunkle unsichtbare Hand die geheime Kraft und preßte die Worte zusammen. Und auch der alte Mann vergaß nicht, daß er in seinem Leben an den Juden, wenn nicht auch gehässig, so doch mit dem Gefühl der Fremdheit vorbeigegangen sei. Ein Zögern hielt ihn zurück, mit dem Bilde zu beginnen, weil er hoffte, daß ihm dieses Mädchen nur in den Weg gewiesen worden sei, um zum wahren Glauben bekehrt zu werden. Nicht an ihm sollte das Wunder gewirkt werden, sondern er sollte es wirken. Er wollte in ihrem Blicke die tiefe Heilandssehnsucht sehen, die die Gottesmutter selbst getragen haben mußte, als sie mit seligem Erwarten seiner Erscheinung entgegenbangte. Er wünschte ihr Wesen erst mit Gläubigkeit zu erfüllen, um eine Madonna schaffen zu können, in der noch die Schauer der Verkündigung beben, aber schon vereint mit dem süßen Vertrauen der Erfüllung. Und rings dachte er sich eine milde Landschaft in Vorfrühlingsstimmung, weiße Wolken, die wie Schwäne durch die Luft wanderten, als zögen sie an unsichtbaren Fäden den warmen Frühling hinter sich, ein erstes zartes Grün, das der Auferstehung entgegendrängte und schüchterne Blumen, die wie mit dünnen Kinderstimmen die große Seligkeit verkündeten. Aber des Kindes Augen waren ihm noch zu verschüchtert und zu demutsvoll; die mystische Flamme der Verkündigung und der Hingebung an eine dunkle Verheißung wollte sich noch nicht in diesen unruhigen Blicken entzünden, in denen noch der tiefe verschleierte Schmerz des Volkes lastete und manchmal der flackernde Trotz der Auserwählten, die mit ihrem Gotte gehadert. Noch kannten sie die Demut nicht und nicht die sanfte unirdische Liebe.
Er suchte sorgfältige und vorsichtige Wege, um den Glauben ihrem Herzen näher zu tragen; denn er wußte, wenn er ihn ihr hell und in seiner ganzen Fülle erglühend entgegentrüge wie eine Monstranz, in der die Sonne tausendfarbig funkelt, daß sie nicht erschauernd niedersinken würde, sondern sich schroff und hart abwenden, um das feindliche Zeichen nicht zu sehen. In seinen Mappen ruhten viele Bilder aus der heiligen Geschichte; eigene und viele großer Meister, die er in seiner Lehrzeit und auch später noch manchesmal, von lebhafter Bewunderung überwältigt, nachgezeichnet hatte. Die suchte er nun heraus, und sie betrachteten gemeinsam, Schulter an Schulter die Bilder; bald fühlte er den tiefen Eindruck, den manches der Blätter in ihrer Seele erzeugte, an der Unruhe ihrer blätternden Hände und den raschen Atemzügen, die warm an seine Wangen wellten. Eine farbige Welt von Schönheit tauchte plötzlich vor diesem einsamen Mädchen auf, das seit Jahren nur mehr die verquollenen Gestalten der Schenke, die verrunzelten Gesichter alter schwarzgekleideter Frauen und die schmutzige Plumpheit der schreienden und sich balgenden Straßenkinder gesehn hatte. Und hier waren sanfte, in wunderbare Gewande gehüllte Frauen von bezaubernder Schönheit, traurige und stolze, begehrliche und verträumte, Ritter in Rüstungen und langen Prunkgewanden, die mit diesen Frauen scherzten oder sprachen, Könige mit langwallenden weißen Locken, auf denen goldene Kronen schimmerten, schöne Jünglinge, deren Leib von Pfeilen durchbohrt sich am Marterstamm niedersenkte oder unter Qualen verblutete. Und ein fremdes Land, das sie nicht kannte und dessen Anblick sie süß, wie eine unbewußte Heimatserinnerung berührte, tat sich auf mit grünen Palmen und hohen Zypressen, mit einem leuchtenden blauen Himmel, der über Wüsten und Berge, Städte und Fernen in gleichem tiefen Glanze lag und viel leichter und freudiger zu sein schien, als dieser nördliche, der selbst wie eine einzige graue ewige Wolke war.
Nach und nach fügte er ihr kleine Erzählungen bei. Er erklärte ihr die Bilder mit den einfachen und so dichterischen Legenden des Testamentes und sprach von den Wundern und Zeichen der heiligen Tage mit solcher Glut, daß er die eigene Absicht vergaß und das gläubige Vertrauen, welches ihm die erträumte Gnade der letzten Tage verliehen, in ekstatischen Farben verkündete. Und dieses alten Mannes begeisterter Glaube erschütterte tief das Herz dieses Mädchens, die selbst sich nun fühlte wie in einem erschlossenen Wunderlande, das sich jählings aus dem Dunkeln mit umfangenden Pforten geöffnet. Stärker und stärker begann ihr Leben zu wanken, das aus tiefster Nacht plötzlich in purpurner Dämmerung erwachte. Nichts schien ihr unglaublich, seitdem sie selbst so seltsames erlebt, nicht jene Legende von dem silbernen Sterne, hinter dem drei Könige aus fernem Lande gingen, mit Pferden und Kamelen, auf denen eine schimmernde Flut von Kostbarkeiten ruhte, – nicht daß ein Toter von einer segnenden Hand berührt, wieder zum Leben erstand, denn an sich selbst schien sie ähnliche Wundergewalt zu verspüren. Bald blieben die Bilder unbeachtet beiseite. Der alte Mann erzählte aus seinem Leben, manches Gotteszeichen mit den Legenden der Bücher vermählend; vieles, das er in den stummen Tagen seines Alters in sich versponnen und verträumt, hoben jetzt seine Worte ins Licht, ihn selbst erstaunend, wie etwas Fremdartiges, das man prüfend von eines andern Hand übernimmt; gleich einem Prediger war er, der in der Kirche mit einem Gotteswort begonnen, um es zu erläutern und zu durchleuchten; mit einem Male aber vergißt er Hörer und Ziel und gibt sich nur der dunklen Wollust hin, alle die rauschenden Quellen seines Herzens in ein tiefes Wort strömen zu lassen, wie in einen Kelch, in dem alle Süße und Heiligkeit des Lebens ist. Und über das niedere Volk seiner betroffenen Hörer, die nicht mehr reichen bis zu seiner Welt und murren und sich bestarren, fliegt sein Wort höher und höher und ist selbst allen Himmeln nahe in seinem verwegenen Traum der vergessenen Erdenschwere, die sich plötzlich wieder bleiern an seine Schwingen hängt…
Der Maler schaute plötzlich um sich, wie noch umrauscht von dem purpurnen Nebel seiner ekstatischen Worte; die Wirklichkeit wies ihm wieder ihr geordnetes kaltes Gefüge. Aber was er sah, war schön wie ein Traum.
Zu seinen Füßen saß Esther und schaute zu ihm auf. Sanft an seinen Arm gelehnt und in diese stillen, blauen, geklärten Augen blickend, in denen sich plötzlich so viel Licht gesammelt, war sie nach und nach an ihm herabgeglitten, ohne daß er es in seiner gottnahen Aufwallung bemerkte, und kauerte an seinen Knieen, den Blick zu ihm erhoben. Alte Worte aus eigener Kinderzeit rauschten wirr in ihrem Kopfe, Worte, die der Vater an manchen Tagen im langen schwarzen Feiergewand, umhangen von weißen zerfaserten Binden, aus einem alten und ehrwürdigen Buche vorgelesen hatte, und die auch so voll dröhnender Feierlichkeit waren und voll inbrünstiger Andacht. Eine Welt, die sie verloren und von der sie wenig mehr wußte, ward in dämmernden Farben wieder wach und erfüllte sie mit weher Sehnsucht, die Tränenglanz in ihren Augen erschimmern ließ. Und als der alte Mann sich zu diesen schmerzlichen Blicken niederbeugte und ihre Stirne küßte, fühlte er, wie ein Schluchzen ihre zarten kindlichen Glieder in wildem Fieber schüttelte. Und er mißverstand sie. Denn er meinte, daß das Wunder sich vollendet habe und Gott in einem großen Augenblicke seiner sonst schlichten und wortkargen Sprache die glühenden Feuerzungen der Beredsamkeit geschenkt habe, wie einst den Propheten, da sie zu dem Volke gingen. Und er meinte, dieses Schauern sei die bange und noch fürchtige Seligkeit einer, die den Heimweg zu dem wahren und aller Seligkeiten Fülle tragenden Glauben gefunden habe und die zittert und schwankt, wie einer Fackel jäh entflammte Flamme, die noch unsicher hoch in die Luft tastet und wieder in sich zusammensinkt, ehe sie sich klärt zu stillem geruhigem Leuchten. Dieser Irrtum umfing mit jubelnder Freude sein Herz, das sich mit einem Male seinen fernsten Zielen nahe wähnte. Eine Weihe überkam seine Worte.
»Ich habe dir von Wundern erzählt, Esther! Viele sagen, daß sie vor Zeiten waren, ich aber fühle und sage, daß sie noch heute sind, nur daß sie stiller geworden sind und nur in den Seelen derer erstehen, die sie erwarten. Was zwischen uns war, ist ein Wunder, meine Worte und deine Tränen, sie sind eines in einer unsichtbaren Hand, die sie aus unserem blinden Innern gestoßen, ein Wunder der Erleuchtung. Da du mich verstanden, gehörst du schon zu uns; in diesem Augenblicke, da dir Gott diese Tränen geschenkt, bist du schon Christin…«
Er hielt erstaunt inne. Denn bei diesem Wort war Esther von seinen Füßen mit abwehrenden Händen emporgefahren, wie um diesen Gedanken zurückzustoßen. Erschrecken flackerte in ihren Augen und der unbändige zornige Trotz, von dem man dem Maler gesprochen. Sie war schön in diesem Augenblick, da die Herbe ihrer Züge Trotz und Zorn wurde, die Linien um ihren Mund wie Messerschnitte so scharf, und in ihren zitternden Gliedern eine katzenhaft zur Verteidigung bereite Gebärde. Die ganze Glut, die in ihr schäumte, brach in einer Sekunde wildester Verteidigung empor…
Dann ward wieder alles ruhiger. Sie schämte sich der Gewalttätigkeit dieser wortlosen Abwehr. Aber die Wand, die schon ganz durchleuchtet gewesen war von den Strahlen einer übersinnlichen Liebe, starrte wieder schwarz und hoch zwischen beiden. In ihren Blicken war Kälte, Unrast und Beschämung, nicht Zorn mehr und nicht mehr Vertrauen, nur Wirklichkeit und nicht mehr mystisch erschauernde Sehnsucht. Und schlaff fielen die Hände an ihrem schmalen Körper herab, wie Schwingen, die auf hochrauschendem Fluge zerbrochen. Noch immer war ihr das Leben ein Rätsel von Schönheit und Seltsamkeit, aber sie wagte nicht mehr den Traum zu lieben, aus dem sie so niederschmetternd erwacht war.
Auch der alte Maler fühlte, daß ihn ein voreiliges Vertrauen betrogen hatte, aber es war nicht die erste Enttäuschung seines langen suchenden Lebens, das nur Treue und Vertrauen war. So kam ihn kein Schmerz an, sondern nur Erstaunen und dann wieder fast Freude über ihre rasche Beschämung. Sanft faßte er ihre beiden schmalen Kinderhände, in denen noch das Fieber glühte. »Esther, du hast mich beinahe erschreckt mit deiner jähen Aufwallung. Ich meine es doch nicht schlecht mit dir. Oder denkst du das?«
Sie schüttelte beschämt ihren Kopf, um sich im nächsten Momente wieder aufzurichten. Und ihre Worte wurden beinah wieder trotzig:
»Aber ich will keine Christin sein. Ich will nicht. Ich« – sie würgte an dem Worte lange, ehe sie es mit gedämpfter Stimme sagte – »Ich… Ich hasse die Christen. Ich kenne sie nicht, aber ich hasse sie. Was Ihr mir gesagt habt von der Liebe, die alle umfaßt, ist schöner, als jedes Wort, das ich in meinem Leben je erhört. Aber die Menschen um mich sagen auch, daß sie Christen sind, aber sie sind roh und gewalttätig. Und… ich weiß nicht mehr alles klar, es ist schon zu lange her… aber wenn wir zu Hause von den Christen sprachen, so war eine Angst und ein Haß in den Worten… Alle haßten sie… Und ich auch… Denn wenn ich mit meinem Vater ging, so schrieen sie uns nach und einmal warfen sie Steine nach uns… Mich selbst hat einer getroffen, daß ich blutete und weinte, aber mein Vater zog mich ängstlich fort, als ich nach Hilfe schrie… Mehr weiß ich nicht von ihnen… Doch, ich weiß noch… Unsere Gassen waren dunkel und eng, wie die hier, wo ich wohne. Und nur Juden wohnten darin… Aber drüben die Stadt war schön. Ich habe sie einmal hoch von einem Hause gesehn… Ein Fluß war darin, der so blau und klar vorüberfloß und drüben eine breite Brücke, auf der Menschen in hellen Gewandungen gingen, wie ihr mir sie auf den Bildern gezeigt habt. Und die Häuser waren mit künstlichen Figuren geschmückt und mit Gold und Giebeln verziert. Dazwischen standen hohe, ach, so hohe Türme, in denen die Glocken sangen, und die Sonne kam herab bis in die Straßen. Es war alles so schön… Als ich aber meinem Vater sagte, er möge hinübergehn mit mir in die helle Stadt, da wurde er ernst und sagte: ›Nein, Esther, die Christen würden uns töten‹… Ich erschrak bei dem Wort… Und seitdem haßte ich die Christen…«
Sie hielt inne in ihren Träumen, denn es ward wieder alles licht in ihr. Was sie längst vergessen hatte, was verstaubt und verschleiert in ihrer Seele gelegen, funkelte wieder auf. Sie ging wieder die dunklen Ghettogassen entlang bis zu dem Hause. Und mit einem Male waren Zusammenhänge da, alles wurde so klar, und sie erfaßte, daß was sie manchmal für einen Traum hielt, Wirklichkeit und vergangenes Leben war. Mühsam hasteten die Worte den klaren vorübereilenden Bildern nach.
»Und damals dieser Abend… Plötzlich riß man mich aus dem Bett… ich erkannte meinen Großvater, der mich in den Armen hielt, mit bleichem zitternden Gesicht… das ganze Haus brauste und zitterte, die Luft war voll Schreien und Lärmen… Aber jetzt dämmert es mir auf, ich höre wieder, was sie schrieen: die Fremden, die Christen… Mein Vater schrie es oder meine Mutter… Ich weiß nicht mehr… Mein Großvater trug mich hinab in die Dunkelheit durch schwarze Gassen und Straßen… Und immer das Lärmen und derselbe Schrei: die Fremden, die Christen… Wie hab’ ich das vergessen können!?… Und dann ein Mann, mit dem wir gehen… Ich weiß nicht mehr, ich glaube, ich schlief… Als ich erwachte, waren wir tief im Land, mein Großvater und der Mann, bei dem ich lebe… Die Stadt sah ich nicht mehr, aber der Himmel war sehr rot, dort, von wo wir gekommen… Und wir reisten weiter…«
Wieder hielt sie inne. Die Bilder schienen sich zu verlieren, langsamer dunkler zu werden.
»Ich hatte drei Schwestern… Sie waren sehr schön, und jeden Abend kamen sie an mein Bett und küßten mich… Und mein Vater war groß, ich reichte nicht hinauf zu ihm, und so trug er mich oft in seinen Armen… Und meine Mutter… Ich habe sie nie mehr gesehen… Ich weiß nicht, was mit ihnen ist, denn mein Großvater sah weg, wenn ich ihn fragte und schwieg… Und als er starb, wagte ich niemanden zu fragen…«
Und wieder hielt sie inne. Ein Schluchzen brach aus ihrer Kehle mit weher Gewalt. Ganz leise fügte sie bei:
»Jetzt weiß ich alles… Wie konnte das alles so dunkel sein für mich? Mir ist, als stände mein Vater neben mir und spräche das Wort, das er damals mir zur Antwort gesagt – so deutlich klingt es in meinen Ohren… Nun frage ich niemanden mehr…«
Ihre Worte wurden Schluchzen, stummes trostloses Weinen, das in ein tiefes trauriges Schweigen verklang. Das Leben, dessen helles Bild sie noch vor wenigen Minuten verführt, gähnte ihr nun wieder dumpf und dunkel entgegen. Und der alte Mann hatte längst Absicht und Ziel vergessen über der hingegebenen Betrachtung dieses Schmerzes. Stumm stand er vor ihr, und ihm war so weh, als müßte er sich zu ihr setzen, um mit ihr zu weinen, was er nicht in Worten sagen konnte: daß seine große Menschenliebe diesen Schmerz in ihr, den er unbewußt erweckt, fühlte als eine Schuld. Erschauernd spürte er die Fülle von Segen und lastender Schwere, die in einer Stunde sich die Hände reichten, und die schweren Wogen, die sich auf und nieder senkten, und von denen er nicht wußte, ob sie sein Leben erheben wollten oder in die drohenden Tiefen ziehen. Aber er fühlte sich matt und stumpf gegen Furcht wie Hoffnung; nur Mitleid für dieses junge Leben erfüllte ihn, vor dem noch so viel Wege und Ziele sich breiteten. Vergebens suchte er nach Worten: sie waren alle so schwer wie Blei und klangen wie falsches Metall. Was wog ihre Fülle gegen den Schmerz einer einzigen Erinnerung?
Traurig strich seine Hand über ihr zitterndes Haar. Sie schaute auf, verwirrt und zerfahren; mit mechanischer Gebärde ordnete sie sich ihre Haare und erhob sich mit umherirrenden Augen, als müßte sie sich wieder zurechtfinden in der Wirklichkeit. Schlaffer und müder wurden ihre Züge und nur in den Augen flackerte noch der dunkle Schein. Brüsk raffte sie sich zusammen und stieß die Worte rasch hervor, um zu verbergen, daß noch das Schluchzen in ihnen vibrierte. »Ich muß jetzt gehn. Es ist spät. Und mein Vater erwartet mich.«
Mit harter Gebärde schüttelte sie grüßend den Kopf, raffte ihre Sachen zusammen und wandte sich zum Gehen. Aber der alte Mann, der sie mit seinen sicheren verstehenden Blicken beobachtet hatte, rief sie noch einmal zurück. Mühsam wandte sie sich um, denn in den Augen leuchtete ein feuchter Schimmer von Tränen. Und wieder faßte der alte Mann mit seiner bezwingenden innigen Gebärde ihre beiden Hände und sah sie an. »Esther, ich weiß, du willst jetzt gehen und nicht mehr wiederkommen. Du glaubst mir und glaubst mir nicht, denn eine geheime Angst betrügt dich.«
Er fühlte, wie ihre Hände sich sanfter und vertrauender in den seinen lösten. Und er fuhr zuversichtlicher fort. »Komm aber wieder, Esther! Wir wollen alle Dinge ruhen lassen, die hellen und die traurigen. Morgen werden wir mit dem Bilde beginnen und mir ist, als wollte es gelingen. Und sei nicht traurig mehr, laß das Vergangene schlafen und rüttle nicht daran. Morgen wollen wir mit neuer Arbeit beginnen und mit neuer Hoffnung. Nicht wahr, Esther?«
Sie nickte unter Tränen. Und sie trug die Ungewißheit und Bangigkeit vor ihrem Leben wieder nach Hause zurück, wie vordem, nur mit dem Bewußtsein tieferer Fülle und vielfacheren Inhalts, als sie bisher gemeint.
Der alte Mann blieb in tiefem Sinnen zurück. Der Glaube an das Wunder war ihm nicht fremd geworden, aber das Wunder war ihm viel feierlicher und göttlicher erschienen, da es ihm nur ein Spiel des Lebens von göttlicher Hand dünkte. Und er entsagte dem Gedanken, Glauben an mystische Verheißungen in einem Antlitz aufleuchten zu lassen, dessen Seele vielleicht schon zu verzagt war, um noch zu glauben. Nicht mehr überheben wollte er sich und Mittler Gottes sein, sondern nur schlichter Diener, der ein Bild nach bestem Mühen schafft und es demütig am Altare niederlegt, sowie ein andrer eine Gabe. Er fühlte den Fehler, den Zeichen nachzugehen und sie zu suchen, statt zu warten, bis ihre Stunde käme und sie sich ihm offenbarten…
Tiefer und tiefer neigte sich sein demütiges Herz. Warum hatte er Wunder wirken wollen an diesem Kinde, die ihm niemand geheißen? War es nicht genug Gnade, daß in sein Leben, das schon leer und kahl wurzelte wie ein alter Stamm, der nur noch mit den Ästen sehnsüchtig ins Blau aufgriff, ein andres junges Leben getreten war, das sich ängstlich und vertrauensvoll an ihn schmiegte? Ein Wunder des Lebens war ihm geschehen, das fühlte er; die Gnade war ihm geworden, die Liebe, die seine späten Tage noch überflammte, geben und lehren zu dürfen, sie einzusenken wie einen Samen, der noch wundersam entblühen kann. Hatte ihm das Leben nicht genug damit gegeben? Und hatte ihm nicht Gott den Weg gewiesen, auf welchem er ihm dienen sollte? Eine Gestalt hatte er seinem Bilde ersehnt und, sie war ihm begegnet; war dies nicht Gottes Wille, daß er sie zum Bildnis schüfe, und nicht, daß er ihre Seele einem Glauben zuführte, den sie vielleicht nie würde verstehen können? Tiefer und tiefer neigte sich sein demütiges Herz.
Der Abend kam in sein Zimmer und die Dunkelheit. Der alte Mann stand auf; er fühlte eine Unrast und ein Bangen in sich, wie selten in seinen späten Tagen, die sonst so lind waren wie kühle klärende Herbstsonne. Langsam entzündete er das Licht. Dann ging er hin zum Schrank und suchte ein altes Buch. Sein Herz war aller Unrast müde. Er nahm die Bibel, küßte sie mit bebender Inbrunst; dann schlug er sie auf und las bis in die späte Nacht…
Das Bild wurde begonnen. Esther saß nachdenklich zurückgelehnt in einem weichen, wohligen Lehnstuhle und hörte bald den erzählenden Worten des alten Malers zu, der ihr mit allerhand Geschichten aus seinem und anderer Leben die eintönigen Stunden gleichmäßigen Sitzens zu vertreiben suchte, bald träumte sie gelassen in die tiefe Stube hinein, deren Wände mit Gobelins, Bildern und Zeichnungen geschmückt immer wieder ihren Blick anzogen. Die Arbeit ging nicht rasch vonstatten. Der Maler fühlte, daß alle diese Studien, die er machte, nur Versuche seien und noch nicht die endgültige überzeugende Stimmung. Es fehlte ihm noch etwas in dem Gedanken seiner Skizzen, das er in Worten und Begriffen sich nicht klären konnte, tiefinnerlich jedoch mit solcher Deutlichkeit empfand, daß ihn oft eine fieberhafte Eile von Blatt zu Blatt trieb, die er dann genau miteinander verglich, immer aber unzufrieden, so getreulich seine Schöpfungen auch sein mochten. Zu Esther sprach er nicht davon. Aber es war ihm, als läge in ihrem harten Zuge, der sich selbst in den Augenblicken sanfter Träumerei nie ganz von ihren Lippen ablöste, ein Widerspruch gegen die milde Erwartung, die seine Madonna verklären sollte, als sei noch zuviel kindhafter Trotz in ihr, der noch nicht reif sei, die süße Schwere des Muttergedankens zu tragen. Er fühlte, daß Worte ihr nicht recht die Düsterkeit würden abringen können, daß sich nur von innen diese Härte würde mildern können. Aber diese weiche, frauliche Regung blieb ihrem Antlitz fern, wenn auch die ersten Frühlingstage ihr rotes Sonnengold durch alle Fensterritzen ins Zimmer warfen und die schöpferische Regung einer ganzen Welt verkündeten, wenn alle Farben auch weicher und tiefer zu werden schienen so wie die Luft, die warm durch die Gassen wallte. Schließlich ermattete der Maler. Der alte Mann war erfahren und kannte die Grenzen seiner Kunst, deren Überschreitung er nicht erzwingen konnte. Er gab den Plan auf, so wie er ihn gefaßt hatte, rasch und der lauten Stimme einer plötzlichen Intuition gehorchend. Und nachdem er die Möglichkeiten gegeneinander abgewogen hatte, entschloß er sich, in Esther nicht den Gedanken der Verkündigung zu malen, da ihr Antlitz nicht die Schauer der ersten Zeichen der gläubig erwachenden Weiblichkeit trug, sondern sie als Madonna mit dem Kinde zu schaffen, dem schlichtesten und tiefsten Symbole seiner Gläubigkeit. Und er wollte sogleich damit beginnen, denn die Verzagtheit begann sich wieder in seiner Seele einzufinden, da der Glanz der erträumten Wunder mählich und mählich mehr verblaßt war, ja schon fast in die schwere, lastende Dunkelheit gesunken. Und ohne Esther zu verständigen, löste er die Leinwand, die einige flüchtige Spuren voreiliger Versuche trug ab und setzte eine neue an ihre Stelle, wie er sich überhaupt mühte, dieser neuen Vorstellung in sich freien Weg zu bahnen.
Als Esther am nächsten Tage sich in gewohnter Weise niedergelassen hatte und sanft zurückgelehnt auf den Beginn der Arbeit wartete, die ihr gar nicht unwillkommen war, sondern in die Armut ihres einsamen Tages reiche Worte und freudige Minuten säte, hörte sie zu ihrer Überraschung die Stimme des Malers nebenan in freundlicher Wechselrede mit einer derben, bäuerlichen Frauenstimme, die sie nicht kannte. Neugierig horchte sie hin, ohne aber deutliches vernehmen zu können. Bald verstummte die Frauenstimme, eine Tür fiel ins Schloß und schon trat der alte Mann herein und auf sie zu, etwas Helles in den Armen tragend, das sie beim ersten Anblick nicht erkannte. Und vorsorglich legte er ihr ein kleines, nacktes, derbes Kind von mehreren Monaten in den Schoß, das sich anfänglich unruhig bewegte, dann aber unbeweglich blieb. Esther sah mit erstarrten Augen den alten Mann an, von dem sie so sonderbaren Scherz nicht erwartet hatte. Doch dieser lächelte nur und schwieg. Und als er sah, daß sich ihre ängstlich fragenden Blicke nicht von ihm abwenden wollten, erklärte er ihr ruhig und mit bittendem Tone seine Absicht, sie mit dem Kinde auf dem Schoße zu malen. Die ganze Herzlichkeit und Güte seiner Augen legte er in diese Bitte. Die tiefe väterliche Liebe, die er zu diesem fremden Mädchen gefaßt hatte und das innige Vertrauen auf ihr unruhiges und gläubiges Herz durchleuchteten seine Worte und noch sein beredtes Schweigen.
Esthers Gesicht war blutig überloht. Eine unbändige innere Scham zerquälte sie. Kaum wagte sie mit einem ängstlichen Seitenblick das kleine, blühende, nackte Kind zu betrachten, das sie auf ihren erzitternden Knieen widerwillig hielt. Die Strenge des ganzen Volkes, in dessen Abscheu der Nacktheit sie erzogen war, ließen sie dieses gesundfröhliche und jetzt ruhig schlummernde Kind mit Ekel und geheimer Furcht betrachten; sie, die unbewußt vor sich selbst ihre Nacktheit verhüllte, schauerte zurück vor der Berührung dieses weichen, rötlichen Fleisches wie vor einer Sünde. Eine Angst war in ihr, und sie wußte nicht, warum. Alle Stimmen in ihr streckten ängstlich ihre rufenden Arme aus, aber das harte, kurze Nein wollte nicht den milden begütigenden Worten dieses alten Mannes entgegen, den sie mit wachsender Liebe verehrte. Sie fühlte, daß sie ihm nichts verweigern konnte. Und sein Schweigen und die Frage seiner gespannt wartenden Blicke lasteten so schwer auf ihr, daß sie hätte aufschreien mögen, blind, tierisch, ohne Zweck und ohne Worte. Wahnsinnig packte sie der Haß gegen dieses ruhig schlummernde Kind, das in den Frieden ihrer einzig stillen Stunde hereingebrochen war und ihre träumerische Traulichkeit zerstörte. Aber sie fühlte sich schwach und wehrlos gegen die gütige Weise dieses alten geruhigen Mannes, der wie ein weißer, einsamer Stern über ihrem dunklen, tiefen Leben stand. Und wieder, wie zu jeder seiner Bitten, neigte sie demütig und verwirrt das Haupt.
Da sprach er nicht weiter, sondern machte sich daran das Bild zu beginnen. Zunächst zeichnete er nur den Umriß. Denn, um den inneren Gedanken seines Werkes darzustellen, war Esther noch viel zu unruhig und zu verwirrt. Der träumerische Ausdruck war gänzlich gewichen. In ihren Blicken lag etwas Krampfhaftes und Gezwungenes, weil sie es unausgesetzt vermied, dem Anblick des nackten schlafenden Kindes auf ihrem Schoße zu begegnen und in endloser stumpfer Wiederholung die Wandhöhe mit den ihr innerlich gleichgültigen Bildern und Zierraten fixierte. Auch in ihren Händen war dieser Ausdruck der Gezwungenheit und Steifheit von der Furcht aufgezwungen, sie möchte den Körper berühren müssen. Dazu fühlte sie die Last schwer auf den Knieen, ohne eine Regung zu wagen. Nur ein gespannter Zug in ihrem Gesichte verriet stärker und stärker die qualvolle Anstrengung, so daß der Maler schließlich selbst, obwohl er nicht ihren ererbten Abscheu, sondern nur mädchenhafte Scheu voraussetzte, ihr Unbehagen zu ahnen begann und die Sitzung unterbrach. Das Kind schlief ruhig weiter, wie ein sattes Tier, und merkte nichts, wie es der Maler mit sorgfältigen Händen von dem Schoße des Mädchens abhob und es im Nebenzimmer auf das Bett legte, wo es blieb, bis seine Mutter, eine derbe holländische Schiffersfrau, die für einige Zeit nach Antwerpen verschlagen war, es wieder abholte. Aber, ob man sie auch von der körperlichen Last befreit, fühlte sich Esther doch noch von dem Gedanken schwer bedrückt, daß Tag für Tag sie gleiche Bangigkeit erfüllen sollte.
Unruhig ging sie und unruhig kam sie wieder in den nächsten Tagen. Im geheimen hegte sie die Hoffnung, daß der Maler auch diesen Plan aufgeben würde und der Entschluß wurde drängender und überquellender, ihn mit einem ruhigen Worte darum zu bitten. Aber nie vermochte sie es; ein innerer Stolz oder eine geheime Scham hielten die Worte zurück, die schon auf ihren Lippen zuckten, so wie schwungbereite Vögel, die prüfend ihre Schwingen flattern lassen, bereit, sich im nächsten Augenblicke frei emporzustoßen in die Luft. Aber während sie Tag für Tag kam und ihre Unruhe gewissermaßen schon mit sich trug, wurde diese Scham nach und nach eine unbewußte Lüge, denn sie hatte sich schon damit vertraut gemacht, wie mit einer lästigen Selbstverständlichkeit. Es fehlte nur noch der Augenblick der Erkenntnis. Das Bild schritt inzwischen wenig fort, obwohl der Maler ihr es mit vorsichtigen Worten andeutete. In Wirklichkeit umfaßte sein Rahmen nur die leeren und unwichtigen Linien der Gestalten und ein paar flüchtige versuchende Tönungen. Denn der alte Mann wartete, bis Esther sich mit dem Gedanken ausgesöhnt hätte und suchte nicht zu beschleunigen, was er mit Sicherheit erhoffte. Vorläufig kürzte er nur die Stunden der Sitzungen und sprach viel von allerlei gleichgültigen Dingen, die Anwesenheit des Kindes und Esthers unruhige Erregung mit Absicht übersehend. Er schien heiterer und sicherer als je.
Und sein Vertrauen betrog ihn diesmal nicht. Denn einer dieser Vormittage war hell und warm, das Fenster umschnitt mit seinen Kanten eine lichte und durchsichtige Landschaft: Türme, die ferne waren und doch ihren goldglänzenden Schein wie von nahe schimmern ließen, Dächer, von denen der Rauch leise und sanftgekräuselt sich in das tiefe und wie damastene Himmelsblau verlor, weiße Wolken, die ganz nahe standen, als wollten sie sich niedersenken wie ein flaumiger flatternder Vogel in dieses dunkelflutende Meer der Dächer. Und mit vollen Händen warf die Sonne ihr Gold herein, Strahlen und tanzende Funken, rollende Kreise wie kleine klirrende Münzen, schmale schneidende Streifen wie glänzende Dolche, flatternde Formen ohne Deutung und Sinn, die mit springender Behendigung wie kleine schimmernde Tiere über die Bohlen sprangen. Und dieses flirrende und prickelnde Spiel hatte das Kind aus dem Schlafe geweckt, indem es wie mit seinen spitzigen Fingern an die geschlossenen Augenlider pochte, bis sie sich auftaten und blinzelten und starrten. Unruhig begann es sich auf dem Schoße des Mädchens zu bewegen, das es mit unwilliger Gebärde behütete. Aber es strebte nicht von ihr weg, sondern haschte nur ungeschickt mit seinen kleinen täppischen Händen nach diesen Funken, die es umtanzten und umspielten, ohne daß es sie fassen konnte und dieser Mißerfolg steigerte nur seine Aufmerksamkeit. Immer eiliger suchte es die kleinen dicken Finger zu bewegen, die vom sonnigen Lichte rötlich durchleuchtet die warme Flut des Blutes durchdämmern ließen, und dieses naive Spiel erfüllte die ganze kleine unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewußt bezwang. Lächelnd und innerlich das vergebliche Bemühen überlegen bemitleidend, sah sie diesem endlosen Spiele zu, ohne zu ermüden oder sich ihres Widerwillens gegen dieses unschuldige hilflose Wesen zu erinnern. Zum ersten Mal webte ein menschliches und innig menschliches Leben für sie in diesem kleinen glatten Körper, dessen fleischige Nacktheit und stumpfe Sättigung sie bisher nur empfunden; und mit kindlicher Neugier folgte sie jeder Regung. Der alte Mann sah zu und schwieg. Mit Worten fürchtete er den Trotz und die vergessene Scham in ihr wieder wachzurufen, aber ein befriedigtes Lächeln eines, der die Welt und ihre Wesen kennt, wollte nicht weg von seinen milden Lippen. Nichts Sonderbares sah er in diesem Wechsel, sondern nur ein Berechnetes und Erwartetes, ein Vertrauen auf jene tiefrauschenden Gesetze der Natur, die nie versagen und vergessen, Wahrheit zu werden. Er fühlte sich wieder so ganz nahe einem jener ewigen, sich immer wieder erneuernden Wunder des Lebens, das aus den Kindern die hingebende Güte der Frauen mit einem Male erstehen läßt, die wieder hin zu den Kindern geht, von Werden zu Werden, und so eigene Kindheit nie verliert, sondern zweimal lebt, in sich und in denen, der sie begegnen. Und war dies nicht das Gotteswunder Marias, die Kind war, um nie Frau zu werden, sondern weiterzuleben in ihrem Kinde? Hatte nicht jedes Wunder seinen Spiegel in der Wirklichkeit und jeder erschaute Augenblick eines werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des Ewig-Unverständlichen?
Der alte Mann fühlte wieder tief jene Wundernähe, deren göttlicher oder irdischer Gedanke ihn nun seit Wochen umpreßte, ohne ihn freizugeben. Aber er wußte, daß dies eine dunkle und verschlossene Pforte war, vor der sich alles Sinnen demütig wieder wenden müsse, ohne mehr zu erringen, als einen ehrfürchtigen Kuß auf die versagte Schwelle. Und so griff er zum Pinsel, um mit Arbeit die Gedanken zu verjagen, die sich schon in düstre Wolkentiefen verloren. Wie er aber hinblickte, um der Wirklichkeit das Nachbild abzulauschen, blieb er für einen Augenblick gebannt. Denn ihm war, als sei er bisher mit seinem Suchen in einer Welt gegangen, die von Schleiern umhangen war, ohne daß er es wußte, und nun erst glühte sie ihm in ihrer unmittelbaren Kraft und Verschwendung entgegen. Vor seinen Augen lebte das Bild, das er gesucht. Mit leuchtenden Augen und haschenden Händen wandte sich das blühende gesunde Kind dem Lichte entgegen, das seinen nackten Körper mit einem mattschimmernden weichen Glanz übergoß und ihm so seraphischen Schein verlieh. Und über diesem spielenden Haupte ein zweites, das sich zärtlich betrachtend niederneigt und selbst gleichsam von dem Glanze erfüllt ist, den dieser helle lichterfüllte Körper ausstrahlt. Und schmale kindhafte Hände, die behütend zu beiden Seiten warten, um alles Unheil und Verderben von diesem Kinde abzuwehren. Und über dem Haupte ein flüchtiger Glanz, der sich in den Haaren verfangen hat und gleichsam von ihnen auszustrahlen scheint wie ein inneres Licht. Sanfte Bewegung, vereint mit tändelndem Licht, Unbewußtheit mit noch träumender Erinnerung, alles rann zusammen in ein flüchtiges und schönes Bild, das nur hingehaucht schien und aus gläsernen Farben geschaffen, die ein Augenblick jäher Bewegung zerschmettern kann.
Wie eine Vision sah der alte Mann dieses Paar, das ein flüchtiges Spiel des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel ihm des italienischen Malers fast vergessenes Bild ein und seine Gottesmilde. Und wieder schien es ihm, als hörte er göttlichen Ruf. Aber diesmal verlor er sich nicht an Träume, sondern schenkte seine ganze Kraft dem Augenblick. Mit heftigen Zügen hielt er dies Bewegungsspiel dieser kindischen Hände und die sanfte Neigung dieses sonst so harten Mädchenhauptes fest, als wollte er sie der Vergänglichkeit des Momentes für immer entraffen, der sie zusammengefügt. Er fühlte Schöpferkraft in sich wie heißes junges Blut. Sein ganzes Leben war ein Rinnen und Rauschen, ein Einschlürfen des Lichtes und der Farbe in dieser Minute, ein Formen und Umfassen seiner zeichnenden Hand. Und in dieser Minute, da er dem Geheimnis göttlicher Kräfte und unbegrenzter Lebensfülle so nahe stand wie noch nie, da sann er nicht ihren Wundern und Zeichen nach, sondern lebte sie, indem er sie selbst erschuf.
Dieses Spiel währte nicht allzu lange. Das Kind ermüdete endlich bei dem unablässigen Haschen, und auch Esther war befremdet, wie sie den alten Mann plötzlich mit fieberhafter Glut und geröteten Wangen arbeiten sah; wieder war in seinem Antlitz die gleiche visionäre Helle, wie an dem Tage, da er von Gott und seinen tausendfältigen Wundern zu ihr gesprochen hatte, und wieder fühlte sie begeistertes Erschauern für die Größe, die sich so ganz in die schöpferischen Welten verlieren konnte. Und in dieses umfassende Gefühl verlor sich ganz die kleine Beschämung, daß sie der Maler in dem Augenblicke überrascht hatte, da sie ganz von dem Anblick des Kindes erfüllt war. Sie sah nur eine Fülle des Lebens; und die Vielfältigkeit und Größe solcher Momente ließen sie immer jenes Erstaunen wiederempfinden, das sie zuerst gefühlt, als ihr der Maler die Bilder ferner und unbekannter Menschen, traumhaft schöner Städte und üppiger Landschaften gezeigt hatte. Und die Armut ihrer eigenen Tage und der monotone Gleichklang ihrer seelischen Erlebnisse färbten sich am Rausche des Fremden und von der Pracht des Fernen. Aber eigene Schöpfersehnsucht brannte tiefinnerst in ihrer Seele, wie ein verborgenes Licht im Dunkeln, von dem niemand weiß.
Dieser Tag war eine Wende in Esthers und des Bildes Schicksal. Der Schatten war gesunken. Nun ging sie mit hellen und hastenden Schritten zu jenen Stunden, die ihr so flüchtig schienen, weil sie eine wechselnde Reihe kleiner Erlebnisse aneinander ketteten, deren jedes ihr bedeutsam war, da sie den Wert des Lebens nicht kannte und sich reich glaubte mit den kleinen kupfernen Münzen unwertiger Begebnisse. Unmerklich trat die Gestalt des alten Mannes in den Hintergrund gegen den unbehilflichen kleinen rosigen Körper des Kindes. Ihr Haß war jählings in eine wilde und fast gierige Zärtlichkeit umgeschlagen, wie sie Mädchen oft gegen Kinder und kleine Tiere haben. Ihr ganzes Wesen erschöpfte sich in Beobachtung und Liebkosung, unbewußt lebte sie den erhabensten Gedanken der Frau, die Mutterschaft, in einem hingebenden leidenschaftlichen Spiel. Der Zweck ihres Besuches entglitt ihr. Sie kam, setzte sich mit dem kleinen blühenden Kinde, das sie bald erkannte und das ihr drollig entgegenlachte, in den breiten Lehnstuhl und begann ihre innigen Tändeleien, ganz vergessend, daß sie um des Bildes willen gekommen und daß sie einst dieses nackte Kind wie einen Druck und eine Last empfunden hatte. Das schien ihr so ferne, wie einer ihrer unzähligen falschen und verlogenen Träume, die sie früher in der dunklen traurigen Gasse in langen Stunden emsig aneinander gesponnen hatte, und deren Gewebe zerflatterte beim ersten vorsichtigen Atemzuge der Wirklichkeit. Und nur in diesen Stunden glaubte sie auch jetzt noch zu leben; ihr Verweilen zu Hause war ihr eine Fremde, wie die Nacht, in die man schlafend hinabtaucht. Wenn sie mit ihren Fingern die dicken fleischigen Händchen des Kindes umfaßte, fühlte sie, daß dies kein blutloser Traum war. Und das Lächeln war keine Lüge, das ihr aus diesen blauen großen Augen entgegenblinzelte. Das war alles Leben, und sie verzehrte sich in einer inneren Gier nach Verschwendung an die Welt, die ein reiches und unbewußtes Erbteil ihres Stammes war und nach Hingebung, der fraulichen Sehnsucht, ehe sie noch Weib war. In diesem Spiel barg sich schon der Keim tieferen Verlangens und tieferer Lust. Aber noch war alles ein tändelnder Reigen zärtlicher Einfälle und inniger Bewunderung, spielender Anmut und törichten Traums. Wie Kinder die Puppen schaukeln, so wiegte sie dieses Kind, aber sie träumte dabei, wie Frauen und Mütter träumen, – in eine süße zärtliche grenzenlose Ferne.
Der alte Mann fühlte die Wandlung mit der ganzen Fülle seines wissenden Herzens. Er spürte, daß er ihr ferner wurde, nicht fremder, und daß er nicht mehr in ihrem Wunsche stand, sondern schon abseits, wie eine milde Erinnerung. Und er freute sich dieses Umschwungs, so sehr er auch Esther liebte, denn er sah junge starke und gütige Triebe in ihr, von denen er hoffte, daß sie schneller die Trotzigkeit und Verschlossenheit ihrer ererbten Art zerbrechen würden als sein Bemühen. Und er wußte, daß ihre Liebe an ihn, den Alten, Absterbenden Verschwendung war, während sie in junges Leben Segnung und Verheißung tragen konnte.
Wunderbare Stunden verdankte er dieser erwachten Zärtlichkeit Esthers zu dem Kinde. Viele Bilder von bezwingender Schönheit formten sich vor ihm, alle Paraphrasen eines einzigen Gedankens und doch alle verschieden. Bald war es ein zärtliches Spiel: Esther mit dem Kinde tändelnd, selbst ganz Kind in ihrer unbändigen Mitfreude, geschmeidige Bewegungen ohne Härte und Leidenschaft, milde Farben in sanfter Vereinung, zärtliches Zusammenfließen zarter Formen. Und dann wieder Augenblicke der Stille, wenn das Kind träge auf dem weichen Schoße eingeschlafen war und die schmalen Hände Esthers über ihm wachten wie zwei Engel, wenn in ihren Augen jene zärtliche Freude seligen Besitzes aufglänzte und die verschwiegene Leidenschaft, das schlafende Antlitz mit Zärtlichkeiten zu erwecken. Dann wieder Sekunden, da sich die vier Augen ineinander einsenkten, unwissend, unbewußt und suchend die einen, innig hingebend und selig leuchtend die andern. Dann waren wieder Momente entzückender Verwirrungen, wenn das Kind mit seinen unbehilflichen Händen an der Brust des Mädchens emportastete, von der es die mütterliche Spende erwartete; dann rötete wieder die Scham Esthers Wangen wie rosiges Licht, aber es war keine Angst mehr, die sie erfüllte, und kein Unwille, sondern nur eine verlegene Aufwallung, die in ein beglücktes Lächeln zerrann.
Und diese Tage wurden die Schöpferstunden des Bildes. Aus tausend Zärtlichkeiten schuf er eine, aus tausend tändelnden, beseligten, ängstlichen, glücklichen, innigen Blicken einen Mutterblick. Ein stilles großes Werk wuchs empor. Ganz schlicht war es. Ein spielendes Kind und eines Mädchens sanft sich niederneigendes Haupt. Aber die Farben waren mild und klar, wie er sie nie gefunden, und die Formen standen so scharf und klar, wie dunkle Bäume gegen die heilige Glut des Abends. Es war, als müßte irgend ein inneres Licht verborgen sein, von dem sich jene geheime Helle entzünde, eine Luft in ihm weben, die weicher, umschmeichelnder und klarer sei als die aller irdischen Welt. Nichts Überirdisches war darin und doch eine heimliche Mystik des Lebens, das es geschaffen. Denn zum ersten Mal fühlte der alte Mann, der in seiner langen emsigen Schaffenszeit stets sorglich Strich an Strich gesetzt, ein inneres Wachsen und Werden an seinem Bilde, von dem er nichts wußte. Wie in der alten Volksmäre die zauberischen Geister ihre Werke erschufen, verborgen und doch mit so schaffender Eile, daß des Morgens die Menschen mit staunenden Augen die nächtige Vollendung schauten, so fühlte der Maler, wenn er nach Minuten schöpferischen Rausches vom Bilde zurücktrat und es mit prüfendem Auge betrachtete. Wieder pochte der Gedanke des Wunders an sein Herz, das kaum noch zögerte, ihm Einlaß zu gewähren. Denn dieses Werk schien ihm nicht nur seines ganzen Ringens leuchtende Blüte, sondern etwas viel Ferneres und Höheres, das sein niederes Werk nicht würdig sei zu tragen, wenn auch als seine Krönung. Und seines Schaffens Heiterkeit senkte sich tiefer und wurde fürchtige Stimmung, ein Bangen vor diesem eigenen Werk, in dem er sich nicht mehr wieder zu erkennen wagte.
So wurde auch er Esther ferner, denn sie schien ihm nur die Mittlerin des irdischen Wunders, das er vollbracht. Mit alter Güte behütete er sie, aber seine Seele erfüllte sich wieder mit den frommen Träumen, die er schon ferne geglaubt. Die schlichte Kraft des Lebens ward ihm mit einem Male so wunderbar. Wer konnte ihm Antwort geben? Die Bibel war alt und heilig, sein Herz aber irdisch und stand noch tief im Leben. Durfte er da fragen, ob die Schwingen Gottes hinabrauschten bis in diese Welt? Gingen noch heute Zeichen Gottes durch die Welt, oder waren es nur schlichte Wunder des Lebens?
Der alte Mann überhob sich nicht, da Antwort wissen zu wollen, so Seltsames auch in seinem Leben geschah. Aber er war seiner selbst nicht mehr so sicher wie einst, da er an das Leben glaubte und an Gott und nicht nachsann, wer die Wahrheit war. Und jeden Abend umhüllte er sorglich das Bild. Denn einmal in diesen Tagen, als er heimgekehrt war und der silberne Schein des Mondes segnend über dem Bilde hing, da war es ihm, als hätte die Gottesmutter ihm ihr Antlitz enthüllt. Und wenig fehlte, daß er sich betend hingeworfen hätte vor seinem eigenen Werk…
In diesen Tagen aber geschah noch ein anderes im Leben Esthers, das nichts Seltsames und Unwahrscheinliches war, aber doch wie ein aufwirbelnder Sturm bis in die Tiefen ihres Lebens hinabgriff, daß sie erschauerten in wildem und unverständlichem Schmerz. Sie fühlte die ersten Mysterien der Reife und ward Weib aus einem Kinde. Viel ratlose Verwirrung erfüllte ihre Seele, die niemand führte und unterwies, die einsam einen wundersamen Weg zwischen tiefen Dunkelheiten und mystischem Leuchten ging. Und viel Sehnsucht ward wach, die keinen Weg wußte. Ihr unbändiger Trotz, der früher allen Gespielen abweisend ausgewichen war und jedes unnötige Wort mit ihrer Umgebung vermieden hatte, brannte wie ein Fluch in diesen Tagen dunkler Verlorenheit. Denn so fühlte sie nicht die heimliche Süße, die in diesem Werden sich birgt, wie eine Saat, deren Fülle noch ferne ist, und nur der dumpfe, irre und so einsame Schmerz blieb zurück. Und in diese Unwissenheit glänzten die Legenden und Wunder, von denen der alte Mann ihr erzählt, wie verführerische Lichter, denen ihre Träume in die unsinnigsten Möglichkeiten gierig folgten. Die Erzählung von der milden Frau, deren Bild sie gesehen, die Mutter ward nach wundersamer Verkündigung, durchbebte sie mit einer jähen und fast freudigen Angst. Und doch wagte sie nicht zu glauben, denn noch von anderem war da gesprochen worden, das sie nicht verstand. Aber sie meinte, daß in ihr selbst irgend ein Wunder wirke, weil sie sich so verändert fühlte in ihrem ganzen Empfinden, weil die Welt und alle Menschen um sie mit einem Male anders zu sein schienen, tiefer, seltsamer und voll geheimer Triebe. Alle Dinge schienen zusammen zu gehören und ein inneres Leben zu haben, das sich entgegendrängte und wieder zurückstieß, eine Gemeinsamkeit, von der sie nicht wußte, wo sie sich berge; ihr schien alles zusammenzuhalten, was so vereinzelt stand. Und sie selbst fühlte diese innere Kraft, die sie hineinzog in das Leben und zu den Menschen, aber sie war unsinnig und wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte und hinterließ nur diesen gleichen drängenden, pressenden und quälenden Schmerz unverbrauchter Sehnsucht und unterbundener Kraft.
Was Esther bisher unmöglich erschienen, versuchte sie jetzt in verzweifelten Stunden, wenn ihre Verlorenheit sich erkannte und die Sehnsucht nach einem Dinge, an das sie sich anklammern könnte, ihr Herz überwältigte. Sie sprach mit ihrem Ziehvater. Bisher war sie ihm ausgewichen, instinktiv, weil sie die Ferne fühlte, die zwischen ihnen war. Aber nun stieß sie dieser blinde Drang über die Schwelle. Sie sprach mit ihm von allen Dingen, erzählte ihm von dem Bilde, griff tief in sich hinein, um aus diesen Stunden etwas emporraffen zu können, was ihm von Wert sein könnte. Und der Wirt, sichtlich erfreut über diese Wandlung klopfte ihr derb begütigend auf die Wangen und hörte zu. Manchmal warf er ein Wort drein, aber es war so lässig und unpersönlich wie die Gebärde, mit der er den zerkauten Tabak zur Erde spuckte. Schließlich erzählte er selbst in seiner ungeschickten Weise, was gerade vorgegangen war, aber Esther horchte vergebens. Er wußte ihr nichts zu sagen, er versuchte es gar nicht. Alle Dinge schienen nur bis an seinen Körper heranzukommen und nichts nach innen zu fließen, eine Gleichgültigkeit gegen alles schlug ihr aus seinen Worten entgegen, die sie mit Ekel erfüllte. Was sie früher nur dumpf geahnt, wußte sie jetzt: es gab keinen Weg von solchen Menschen zu ihr und ihrer Seele. Es gab ein Nebeneinandersein, aber kein Erkennen, eine Öde und kein Verständnis. Und er schien ihr noch der beste von all den Menschen, die in dieser traurigen Kneipe aus und ein gingen, weil eine gewisse biedere Derbheit in ihm war, die in manchen Augenblicken sogar Herzlichkeit werden konnte.
Diese Enttäuschung aber konnte die drängende Kraft dieser unbändigen Sehnsucht nicht zerbrechen und die ganze Wucht strömte wieder zu den beiden Wesen zurück, die Aufgang und Niedergang ihres Tages umspannten. Sie zählte die einsamen Stunden der Nacht, die sie noch vom Morgen entfernten, mit Inbrunst und die Stunden des Tages, die vor ihrem Besuche bei dem Maler lagen, mit fiebernder Glut, die sich auf ihrem Antlitz verriet. Und einmal auf der Gasse warf sie sich ganz in den Arm ihrer Leidenschaft, wie ein Schwimmer in eine aufschäumende Flut, und stürmte wie verzweifelt durch die ruhig vorwärtsstrebenden Menschen, um erst Halt zu machen, wenn sie mit gerötetem Gesicht und verwirrten Haaren vor dem Tore des ersehnten Hauses stand. Eine Unbändigkeit und Lust an freier leidenschaftlicher Gebärde hatte in dieser Zeit der Umformung Gewalt über sie gewonnen und gab ihr eine wilde begehrliche Schönheit.
Und diese gierige, fast verzweiflungsvolle Art ihrer Zärtlichkeit ließ sie das Kind vor dem alten Manne bevorzugen, in dessen freundlicher inniger Milde etwas Ablehnendes, Abgeklärtes gegenüber aller stürmischen Leidenschaft lag. Er wußte nichts von der fraulichen Wandlung Esthers, aber er ahnte sie aus ihrem ganzen Wesen, dessen so jäh erwachte Ekstatik ihn befremdete. Ihr Schranken zu setzen, versuchte er nicht, weil er die elementare Kraft spürte, die sie vorwärts trieb in diese zähe Leidenschaft. Und er verlor darum nicht die väterliche Liebe zu diesem einsamen Kinde, wenngleich auch sein Sinn sich ganz wieder dem fernen Spiel der geheimen Lebenskräfte zugewandt hatte. Er freute sich ihrer Gegenwart und suchte sie sich zu bewahren. Das Bild war schon vollendet, er sagte es aber Esther nicht, weil er sie nicht trennen wollte von dem Kinde, das sie mit Zärtlichkeit gleichsam überflutete. Ab und zu tat er noch einen Pinselstrich, aber es waren immer nur unwichtige Äußerlichkeiten, ein Faltenwurf, eine leichte Schattierung des Hintergrundes oder eine flüchtige Nuance im Spiel des Lichtes. Dem eigentlichen Gedanken des Bildes und seiner innerlichen Empfindung wagte er nicht mehr zu nahen, denn der Zauber der Wirklichkeit war langsam gewichen und das Doppelantlitz des Bildes schien ihm das vergeistigte Wesen jenes wundervollen Schöpfertraumes, der ihm immer weniger Vollführung irdischer Kraft schien, je weiter zeitlich die Erinnerung jenes Augenblickes zu verdämmern begann. Jeder Versuch der Verbesserung schien ihm nicht nur Torheit, sondern Sünde. Und im Innersten beschloß er, nach diesem Werke, da seine Hand offenbarlich geleitet war, nicht weiteres Stümperwerk zu schaffen, sondern seine Tage in tieferer Frömmigkeit und in Erspähung der Pfade zu verbringen, die sein Leben emporführen könnten in jene Höhen, deren goldenes Abendleuchten er in diesen späten Lebensstunden noch verspürt hatte.
Esther spürte mit dem feinen Instinkte, den die Verwaisten und Zurückgestoßenen in ihren Seelen wie ein geheimes Netzwerk empfindsamer Fäden haben, das alle Worte und auch die verschwiegenen umspannt, die leichte Entfernung des alten und ihr so lieben Mannes, und sie litt beinahe unter seiner gleichen milden Zärtlichkeit; sie fühlte, daß sie gerade jetzt seines ganzen Wesens und der befreiten Fülle seiner Liebe bedurft hätte, um ihre Seele mit ihren wachsenden Schmerzlichkeiten offenbaren zu können und Antwort zu verlangen von den Rätseln, die sie umringten. Sie horchte auf den Augenblick, da sie die Worte aus sich befreien konnte, die in ihr drängten und überschäumten, aber das Erwarten ward endlos und machte sie müde. Und da wandte sie ihre ganze Zärtlichkeit dem Kinde zu. Ihr ganzes Empfinden formte sie in diesen kleinen unbeholfenen Körper, den sie mit heißer Gewalt umfing und küßte, so ungestüm und vergessend, daß das Kind oft nur den Schmerz der Umarmung spürte und zu klagen begann. Dann wurde sie zurückhaltend, behütend, beruhigend, aber auch diese Ängstlichkeit war Ekstase, sowie ihr Empfinden kein mütterliches war, sondern ein ängstlich-suchendes Emporwallen erotischer und dumpf sehnsüchtiger Triebe. Eine Kraft in ihr drängte empor, und ihre Unwissenheit ließ sie an diesem Kinde verschäumen. Es war ein Traum, den sie lebte, und eine schmerzliche Betäubung; sie hielt sich nur krampfhaft an dieses Wesen, weil es ein warmes Herz hatte, das pochte, so wie das ihre, weil sie alle Zärtlichkeiten, die in ihr glühten, an diese stummen Lippen verschenken konnte, weil ihre Arme, in denen eine unbewußte Sehnsucht war, ein Lebendes umklammern konnten, ohne den Augenblick der Beschämung fürchten zu müssen, der sie überfiel, wenn sie sich nur mit einem einzigen Worte einem Fremden anvertraut hätte. Stunden und Stunden verbrachte sie so, ohne zu ermüden und ohne zu fühlen, wie sie sich selbst betrog.
Dieses Kind umschloß nun für sie den Begriff des Lebens, nach dem sie sich so wild gesehnt. Rings um sie verwölkten sich die Zeiten, sie merkte es nicht. Abends standen die Bürger zusammen und sprachen von der alten Freiheit und dem guten König Karl, der sein Flandern so sehr geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe wühlte in der Stadt. Die Protestanten einten sich insgeheim, lichtscheues Gesindel rottete sich zusammen, kleine Aufstände und Zusammenstöße mit den Soldaten häuften sich, getragen von drohenden Botschaften aus Spanien; und in diesem unruhigen Gezänke wetterleuchteten schon die ersten Flammen von Krieg und Rebellion. Die Vorsichtigen begannen schon jetzt ihren Blick gegen das Ausland zu richten, die andern trösteten und beruhigten sich, aber das ganze Land war mitgerissen in eine fröstelnde Erwartung, die sich in jedem einzelnen spiegelte. In der Schenke setzten sich die Männer in den Ecken zusammen und sprachen mit gedämpfter Stimme, und zwischen ihnen durch scherzte der Wirt in seiner derben Weise von Krieg und seinen Schrecknissen, doch das Lachen wollte allen nicht recht aus der Kehle. Die sorglose Fröhlichkeit der üppigen Menschen verlosch in Angst und unruhiger Erwartung.
Esther fühlte nichts von dieser Welt, nicht ihre gedämpfte und furchtsame Art und nicht ihr geheimes Fieber. Das Kind war still wie immer und lachte sie in seiner unbeholfenen Weise an, – so merkte sie keine Veränderung in ihrer Umgebung. Ihr Leben trieb einer einzigen Strömung nach in eine unselige Verwirrung; die Dunkelheit um sie ließ die phantastischen Träume ihrer leeren Stunden ihr als Wirklichkeit erscheinen, so ferne und fremd, daß sie für immer verloren war für die kühle besonnene Verständigkeit der Welt. Ihre erwachte Weiblichkeit schrie nach einem Kinde, aber dieses bange Mysterium wußte sie nicht, sondern sie erträumte es sich in tausend Formen, in der schlichten Wunderbarkeit der biblischen Legende, wie in der zauberischen Möglichkeit einsamer Phantasieen. Hätte ihr jemand dieses Rätsel des Alltags in einfachen Worten erklärt, so hätte sie vielleicht mit jenem verschämt betrachtenden Blicke wie sie Mädchen in dieser Zeit haben, die Männer gemustert, die an ihr vorbeigingen. So aber dachte sie ihrer nicht, sondern sah nur die Kinder auf den Straßen spielen und dachte träumerisch jenes seltsamen Wunders, das ihr vielleicht auch eines Tages ein solches rosiges spielendes Kind schenken könne, ein Kind, das ganz ihr gehörte und ganz ihre Seligkeit wäre. Und so unbändig war der Wunsch in ihr, daß sie sich vielleicht dem ersten besten hingegeben hätte, alle Scham und Ängstlichkeit vernichtend, nur um dieses ersehnten Glückes willen; aber sie wußte nichts von dieser schöpferischen Einung, und ihre Sehnsucht ging blinde und nutzlose Pfade in die Irre. Und so kehrte sie immer und immer wieder zu diesem fremden Kinde zurück, das ihr schon wie ein eigenes schien, so innig war ihre Zärtlichkeit geworden.
So kam sie eines Tages zu dem Maler, der mit geheimer Unruhe ihre übertriebene und fast krankhafte Leidenschaft zu dem Kinde bemerkt hatte, mit ihrem leuchtenden Gesicht und der funkelnden Unrast in den Augen. Das Kind war nicht, wie gewohnterweise, zur Stelle. Das beunruhigte sie, aber um es nicht einzugestehen, trat sie auf den alten Mann zu und fragte ihn nach dem Fortgang des Bildes. Das Blut stieg ihr in die Wangen bei dieser Frage, denn mit einem Male fühlte sie die stumme Beleidigung aller dieser Stunden, in denen sie nie Aufmerksamkeit weder ihm noch seinem Werke geschenkt. Die Vernachlässigung dieses so gütigen Menschen drückte sie wie eine Schuld. Aber er schien nichts zu bemerken.
»Es ist fertig, Esther«, sagte er mit einem leisen Lächeln, »und sogar schon lange. Nächster Tage werde ich es übergeben.«
Sie wurde blaß. Eine böse Ahnung befiel sie, die sie nicht auszudenken wagte. Ganz leise und verschüchtert fragte sie. »Und ich darf dann nicht mehr zu Euch kommen?«
Er streckte ihr beide Hände entgegen. Es war die alte milde bezwingende Gebärde, die sie immer wieder gefangen nahm. »So oft du willst, mein Kind. Und je öfter, desto lieber. Du siehst ja, daß ich hier einsam bin in meiner alten Stube und, wenn du da bist, dann ist es allein fröhlich und hell den ganzen Tag. Komm oft, recht oft, Esther.«
Ihre ganze alte Liebe zu diesem Manne flutete auf, wie wenn sie nun alle Dämme überrauschen wollte und sich in Worten ergießen. Wie groß und gut war er! War seine Seele nicht wahr und die des Kindes nur ihr eigener Traum? Ihr Vertrauen war wieder groß in diesem Augenblick, aber der Gedanke ihres Lebens hing noch lastend über dieser reifenden Saat wie eine Gewitterwolke. Der Gedanke an das Kind peinigte sie. Sie wollte diese Qual unterdrücken, sie preßte das Wort immer hinab und hinab, aber es quoll auf, ein wilder verzweifelter Schrei. »Und das Kind.«
Der alte Mann schwieg. Aber seine Züge wurden härter, beinahe unbarmherzig. Daß sie in diesem Augenblicke, da er ganz ihre Seele sein Eigen hoffte, seiner vergaß, das stieß ihn zurück wie ein zorniger Arm. Kalt und gleichgültig sagte er: »Das Kind ist fort.«
Er fühlte ihre Blicke gierig und in einer rasenden Verzweiflung an seinem Munde hangen. Aber die finstere Gewalt in ihm zwang ihn, trotzig und grausam zu sein. Er fügte nichts hinzu. In diesem Augenblicke haßte er dieses Mädchen, das so undankbar die viele Liebe vergaß, die sie von ihm empfangen, und der gütige und so milde Mensch empfand die Wollust einer Sekunde, sie zu quälen. Doch es war nur ein flüchtiger Moment der Schwäche und eigenen Verneinung, der wie eine einsame Welle in diesem unendlichen Meere der sanften Klärung verrann. Und, von dem Bangen ihres Blickes mit Mitleid erfüllt, wandte er sich ab.
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