Kitabı oku: «Magellan: Der Mann und seine Tat»

Yazı tipi:

Magellan: Der Mann und seine Tat

Stefan Zweig

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Navigare necesse est

Magellan in Indien

Magellan macht sich frei

Eine Idee verwirklicht sich

Ein Wille gegen tausend Widerstände

Die Ausfahrt

Die vergebliche Suche

Die Meuterei

Der große Augenblick

Magellan entdeckt sich sein Königreich

Tod vor dem letzten Triumph

Die Heimfahrt ohne Führer

Die Toten behalten unrecht

Anhang

Zeittafel

Impressum

Einleitung

Bücher können in Gefühlen verschiedenster Art ihren Ursprung haben. Man schreibt Bücher, angeschwungen von Begeisterung oder angeregt vom Gefühl einer Dankbarkeit, ebenso aber kann wiederum Erbitterung, Zorn und Ärger geistige Leidenschaft entzünden. Manchmal wird Neugier zum Antrieb, die psychologische Lust, sich selber im Schreiben Menschen oder Geschehnisse zu erklären, aber auch Motive bedenklicher Art wie Eitelkeit, Geldlust, Freude an der Selbstbespiegelung treiben allzu häufig – zur Produktion; eigentlich sollte sich darum ein Autor bei jedem Buche Rechenschaft geben, aus welchen Gefühlen, aus welchem persönlichen Bedürfnis er seinen Gegenstand gewählt hat. Bei dem vorliegenden Buche bin ich mir selber des innern Ursprungs vollkommen klar. Es entstand aus einem etwas ungewöhnlichen, aber sehr eindringlichen Gefühl: aus Beschämung.

Das kam so. Ich hatte im vergangenen Jahre zum erstenmal die langgewünschte Gelegenheit, nach Südamerika zu reisen. Ich wußte, daß mich in Brasilien einige der schönsten Landschaften der Erde erwarteten und in Argentinien ein unvergleichliches Zusammensein mit geistigen Kameraden. Schon dieses Vorgefühl machte die Fahrt wunderbar, und alles denkbar Freundliche kam während des Reisens hinzu, ein stilles Meer, die völlige Entspannung auf dem geschwinden und geräumigen Schiff, das Losgelöstsein von allen Bindungen und täglichen Vexationen. Unermeßlich genoß ich die paradiesischen Tage dieser Überfahrt. Aber plötzlich, es war am siebenten oder achten Tage, ertappte ich mich bei einer ärgerlichen Ungeduld. Immer wieder der blaue Himmel, immer wieder dies blaue, ruhende Meer! Zu langsam schienen mir in jener plötzlichen Aufwallung die Reisestunden. Ich wünschte innerlich, schon am Ziele zu sein, ich freute mich, wenn die Uhr jeden Tag unermüdlich vorrückte, und mit einemmal bedrückte mich dies laue, dies lässige Genießen des Nichts. Dieselben Gesichter derselben Menschen machten müde, die Monotonie des Bordbetriebs erregte gerade durch ihre gleichmäßig pulsende Ruhe die Nerven. Nur weiter, nur weiter, nur rascher, nur rascher! Mit einemmal war mir dieser schöne, dieser bequeme, dieser komfortable Schnelldampfer nicht mehr schnell genug.

Es bedurfte vielleicht nur dieser einen Sekunde, in der ich selbst meines ungeduldigen Zustands bewußt wurde, und schon schämte ich mich. Da reist du, sagte ich mir zornig, in dem denkbar sichersten aller Schiffe auf der denkbar schönsten Fahrt, und aller Luxus des Lebens steht dir zu Gebote. Ist dir abends zu kühl in deiner Kajüte, so brauchst du nur mit zwei Fingern einen Hahn zu drehen, und die Luft ist gewärmt. Du findest das Mittagslicht des Äquators zu heiß; sieh, nur einen Schritt hast du in den Raum mit den kühlenden Ventilatoren und zehn Schritte weiter steht ein Schwimmbad dir bereit. Bei Tisch kannst du jede Speise und jedes Getränk auf diesem vollkommensten aller Hotels dir wählen, alles ist zauberisch da, wie von Engeln hergetragen und im Überfluß. Du kannst allein sein und Bücher lesen oder hast Bordspiele und Musik und Geselligkeit, so viel du begehrst. Alle Bequemlichkeit ist dir gegeben und alle Sicherheit. Du weißt, wohin du fährst, weißt auf die Stunde genau, wann du ankommst, und weißt, daß du freundlichst erwartet bist. Und ebenso weiß man in London, in Paris, in Buenos Aires und New York in jeder Stunde, an welchem Punkte des Weltalls das Schiff sich eben befindet. Und nur eine kleine Treppe hinauf mußt du zwanzig rasche Schritte gehen, und ein gehorsamer Funke springt vom Apparat der drahtlosen Telegraphie weg und trägt deine Frage, deinen Gruß an jeden Ort der Erde, und in einer Stunde hast du von überall auf Erden Botschaft zurück. Erinnere dich, du Ungeduldiger, erinnere dich, du Ungenügsamer, wie dies vordem war! Vergleiche doch einen Augenblick diese Fahrt mit jenen von einst, vor allem mit den ersten Fahrten jener Verwegenen, welche diese riesigen Meere, welche die Welt erst für uns entdeckten, und schäme dich vor ihnen! Versuche es dir vorzustellen, wie sie damals auf ihren winzigen Fischerkuttern ausfuhren ins Unbekannte, unkund des Weges, ganz im Unendlichen verloren, ununterbrochen ausgesetzt der Gefahr, preisgegeben jeder Unbill des Wetters, jeder Qual der Entbehrung. Kein Licht des Nachts, kein Trank als das brackige und laue Wasser der Fässer und das aufgefangene des Regens, keine andere Speise als den verkrusteten Zwieback und den gepökelten ranzigen Speck und selbst dies Kärglichste der Nahrung oft durch Tage und Tage entbehrend. Kein Bett und kein Raum des Rastens, teuflisch die Hitze, erbarmungslos die Kälte und dazu das Bewußtsein, allein zu sein, rettungslos allein, in dieser unbarmherzigen Wüste des Wassers. Niemand daheim wußte monatelang, jahrelang, wo sie waren, und sie selber nicht, wohin sie gingen. Not fuhr mit ihnen, Tod umstand sie in tausendfältigen Formen zu Wasser und zu Land, Gefahr erwartete sie von Mensch und Element, und monatelang, jahrelang, ewig umrundete sie auf ihren armen, erbärmlichen Schiffen die entsetzlichste Einsamkeit. Niemand, sie wußten es, konnte ihnen helfen, kein Segel, sie wußten es, würde ihnen durch Monate und Monate begegnen in diesen unbefahrenen Gewässern, niemand sie erretten können aus Not und Gefahr, niemand Bericht geben über ihren Tod, ihren Untergang. Und ich mußte nur anfangen, diese ersten Fahrten der Konquistadoren des Meeres mir innerlich auszudenken, und war schon tief beschämt über meine Ungeduld.

Dieses Gefühl der Beschämung, einmal erregt, wich nun während der ganzen Reise nicht mehr von mir, der Gedanke an diese namenlosen Helden gab mich keinen Augenblick frei. Es verlangte mich, mehr von jenen zu wissen, die als erste den Kampf gegen die Elemente wagten, zu lesen von jenen ersten Fahrten in die unerforschten Ozeane, deren Schilderung schon meine Knabenjahre erregt hatte. Ich ging in die Schiffsbibliothek und nahm mir auf gut Glück ein paar Bände. Und von allen Gestalten und Fahrten lernte ich eine am meisten bewundern, die Tat des Mannes, der meinem Empfinden nach das Großartigste geleistet in der Geschichte der Erderkundung, Ferdinand Magellan, er, der mit fünf winzigen Fischerkuttern von Sevilla ausfuhr, um die ganze Erde zu umrunden – die herrlichste Odyssee in der Geschichte der Menschheit vielleicht, diese Ausfahrt von zweihundertfünfundsechzig entschlossenen Männern, von denen dann einzig achtzehn heimkehrten auf zermorschtem Schiffe, aber die Flagge des größten Siegs gehißt auf dem Mast. Viel war in jenen Büchern über ihn nicht berichtet, jedenfalls mir nicht genug; so las und forschte ich, heimgekehrt, weiter, erstaunt, wie Weniges und wenig Verläßliches über diese heldenhafte Leistung bisher gesagt war. Und wie schon mehrmals erkannte ich es als die beste und fruchtbarste Möglichkeit, etwas mir selbst Unerklärbares für mich zu erklären, indem ich es auch für andere gestaltete und darstellte. So entstand dieses Buch – ich darf ehrlich sagen: zu meiner eigenen Überraschung. Denn ich hatte, indes ich diese andere Odysseusfahrt nach allen erreichbaren Dokumenten möglichst der Wirklichkeit getreu darstellte, ununterbrochen das merkwürdige Gefühl, etwas Erfundenes zu erzählen, einen der großen Wunschträume, eines der heiligen Märchen der Menschheit. Doch nichts Besseres als eine Wahrheit, die unwahrscheinlich wirkt! Immer haftet den großen Heldentaten der Menschheit, weil sie sich so hoch über das mittlere irdische Maß erheben, etwas Unbegreifliches an; aber immer gewinnt nur an dem Unglaubhaften, das sie geleistet, die Menschheit ihren Glauben an sich selbst zurück.

Der Name des Mannes, der die erste Umrundung der Erde unternahm, ist in nicht weniger als vier oder fünf verschiedenen Formen der Geschichte überliefert. In den portugiesischen Dokumenten erscheint der große Seefahrer manchmal als Fernão de Magalhais, manchmal als Fernão de Magelhaes, er selbst unterzeichnete später, nachdem er in spanische Dienste übergetreten war, Schriftstücke bald Maghallanes, bald Maghellanes, und die Kartographen latinisierten dann diese spanische Form in Magellanus. Als es galt, für dieses Buch eine einheitliche Namensgebung zu wählen, entschied ich mich für die lateinische und international längst geläufige Form: Magellan, aus Analogie zu Columbus, den wir gleichfalls nicht Christoforo Colombo oder Cristobal Colon nennen. Ebenso ist der habsburgische Herrscher, der ihm die Reise ermöglichte, immer unter seinem berühmteren Namen Karl V. angeführt, obwohl er in jenem Jahr der Ausreise bloß Carlos I., König von Spanien, war und noch nicht zum deutschen Kaiser gekrönt.

Navigare necesse est

Im Anfang war das Gewürz. Seit die Römer bei ihren Fahrten und Kriegen zum erstenmal an den brennenden oder betäubenden, den beizenden oder berauschenden Ingredienzien des Morgenlandes Geschmack gefunden, kann und will das Abendland die »especeria«, die indischen Spezereien, in Küche und Keller nicht mehr missen. Denn unvorstellbar schal und kahl bleibt bis tief ins Mittelalter die nordische Kost. Noch lange wird es dauern, ehe die heute gebräuchlichsten Feldfrüchte wie Kartoffel, Mais und Tomate in Europa dauerndes Heimatsrecht finden, noch nützt man kaum die Zitrone zum Säuern, den Zucker zur Süßung, noch sind die feinen Tonika des Kaffees, des Tees nicht entdeckt; selbst bei Fürsten und Vornehmen täuscht stumpfe Vielfresserei über die geistlose Monotonie der Mahlzeiten hinweg. Aber wunderbar: bloß ein einziges Korn indischen Gewürzes, ein paar Stäubchen Pfeffer, eine trockene Muskatblüte, eine Messerspitze Ingwer oder Zimt dem gröbsten Gerichte zugemischt, und schon spürt der geschmeichelte Gaumen fremden und schmackhaft erregenden Reiz. Zwischen dem krassen Dur und Moll von Sauer und Süß, von Scharf und Schal schwingen mit einmal köstliche kulinarische Obertöne und Zwischentöne; sehr bald können die noch barbarischen Geschmacksnerven des Mittelalters an diesen neuen Incitantien nicht genug bekommen. Eine Speise gilt erst dann als richtig, wenn toll überpfeffert und kraß überbeizt; selbst ins Bier wirft man Ingwer, und den Wein hitzt man derart mit zerstoßenem Gewürz, bis jeder Schluck wie Schießpulver in der Kehle brennt. Aber nicht nur für die Küche allein benötigt das Abendland so gewaltige Mengen der »especeria«; auch die weibliche Eitelkeit fordert immer mehr von den Wohlgerüchen Arabiens und immer neue, den geilen Moschus, das schwüle Ambra, das süße Rosenöl, Weber und Färber müssen chinesische Seiden und indische Damaste für sie verarbeiten, Goldschmiede die weißen Perlen von Ceylon und die bläulichen Diamanten aus Narsingar ersteigern. Noch gewaltiger fördert die katholische Kirche den Verbrauch orientalischer Produkte, denn keines der Milliarden und Abermilliarden Weihrauchkörner, die in den tausend und abertausend Kirchen Europas der Mesner im Räucherfasse schwingt, ist auf europäischer Erde gewachsen; jedes einzelne dieser Milliarden und Abermilliarden muß zu Schiff und zu Lande den ganzen unübersehbaren Weg aus Arabien gefrachtet werden. Auch die Apotheker sind ständige Kunden der vielgerühmten indischen Specifica, als da sind Opium, Kampfer, das kostbare Gummiharz, und sie wissen aus guter Erfahrung, daß längst kein Balsam und keine Droge den Kranken wahrhaft heilkräftig scheinen will, wenn nicht auf dem porzellanenen Tiegel mit blauen Lettern das magische Wort »arabicum« oder »indicum« zu lesen ist. Unaufhaltsam hat durch seine Abseitigkeit, seine Rarität und Exotik und vielleicht auch durch seine Teuernis alles Orientalische für Europa einen suggestiven, einen hypnotischen Reiz gewonnen. Arabisch, persisch, hindostanisch, diese Attribute werden im Mittelalter (ähnlich wie im achtzehnten Jahrhundert die Ursprungsbezeichnung französisch) gleichbedeutend mit üppig, raffiniert, vornehm, höfisch, köstlich und kostbar. Kein Handelsartikel ist so begehrt wie die especeria; beinahe hat es den Anschein, als hätte der Duft dieser morgenländischen Blüten auf magische Weise die Seele Europas berauscht.

Aber gerade weil so modisch begehrt, bleibt die indische Ware teuer und wird immer teurer: kaum kann man die ständig steigenden Fieberkurven der Preise heute noch richtig nachrechnen, denn alle historischen Geldtabellen bleiben erfahrungsgemäß abstrakt; am ehesten gewinnt man noch eine optische Anschauung von der tollen Überwertung der Gewürze, wenn man sich erinnert, daß zu Anfang des zweiten Jahrtausends derselbe Pfeffer, der heute an jedem Wirtstisch offen steht und achtlos wie Sand verschüttet wird, Korn um Korn abgezählt wurde und im Gewicht fast gleichwertig dem Silber galt. So absolut war seine Wertbeständigkeit, daß manche Staaten und Städte mit Pfeffer kalkulierten wie mit einem Edelmetall: man konnte mit Pfeffer Grund und Boden erwerben, Mitgiften bezahlen, sich einkaufen ins Bürgerrecht; mit Pfeffergewicht setzten manche Fürsten und Städte ihre Zölle fest, und wenn man im Mittelalter einen Mann als schwerreich bezeichnen wollte, so schimpfte man ihn einen Pfeffersack. Auf Gold- und Apothekerwaagen wiederum wurden Ingwer und Zimt, Chinarinde und Kampfer ausgewogen und sorgfältig dabei Türen und Fenster verschlossen, damit nicht etwa ein Luftzug ein Quentchen des köstlichen Abfallstaubs verblase. Aber so absurd diese Überwertung unserem heutigen Blick erscheint, so selbstverständlich wird sie, sobald man die Schwierigkeiten und das Risiko des Transports in Rechnung zieht. Unermeßlich weit liegt in jenen Tagen das Morgenland vom Abendland, und welche Fährnisse und Hindernisse haben die Schiffe, die Karawanen und Wagen unterwegs zu überwinden! Welche Odyssee jedes einzelne Korn, jede einzelne Blüte zu bestehen, ehe sie von ihrem grünen Strauch am Malaiischen Archipel bis an den letzten Strand, an den Verkaufstisch des europäischen Krämers gelangt! An sich wäre freilich keines dieser Gewürze eine Seltenheit. Unten auf der andern Fläche des Erdballs wachsen zwar die Zimtstangen Tidores, die Gewürznelken Amboinas, die Muskatnüsse Bandas, die Pfefferstauden Malabars genau so üppig und frei wie bei uns die Disteln, und ein Zentner gilt auf den Malaiischen Inseln nicht mehr als im Abendland eine Messerspitze voll. Aber das Wort Handel kommt von Hand, und durch wie viele Hände muß die Ware wandern, ehe sie durch Wüsten und Meere an den letzten Käufer, den Verbraucher, gelangt! Die erste Hand wird wie immer am schlechtesten entlohnt; der malaiische Sklave, der die frischen Blüten pflückt und im bastenen Bündel auf seinem braunen Rücken zu Markte schleppt, bekommt keinen andern Lohn als den eigenen Schweiß. Aber sein Herr profitiert schon; von ihm kauft ein mohammedanischer Händler die Last und paddelt sie auf winziger Prau durch glühenden Sonnenbrand von den Gewürzinseln acht Tage, zehn Tage und mehr nach Malacca (in die Nähe des heutigen Singapore). Hier sitzt schon die erste Saugspinne im Netz; der Herr des Hafens, ein mächtiger Sultan, fordert für das Umladen vom Händler Tribut. Erst wenn die Abgabe entrichtet ist, darf die duftende Fracht auf eine andere, eine größere Dschunke verladen werden, und wieder schleicht, von breitem Ruder oder viereckigem Segel langsam vorwärtsgetrieben, das kleine Fahrzeug von einem Küstenplatz Indiens zum andern weiter. Monate gehen so dahin, eintöniges Segeln und endloses Warten bei Windstille unter wolkenlos brennendem Himmel, und dann wieder jähe Flucht vor den Taifunen und den Korsaren. Unendlich mühsam und auch unsagbar gefahrvoll ist diese Verfrachtung durch zwei, durch drei tropische Meere; von fünf Schiffen fällt fast immer eines unterwegs den Stürmen oder Piraten zum Opfer, und der Kaufherr segnet Gott, wenn er Cambagda glücklich umfahren, endlich Ormudz oder Aden erreicht hat und damit den Zugang zu Arabia felix oder Ägypten. Aber die neue Art der Verfrachtung, die hier anhebt, ist nicht minder entbehrungsvoll und nicht minder gefährlich. Zu Tausenden warten in langen, geduldigen Reihen in jenen Umschlagshäfen die Kamele, gehorsam beugen sie auf das Zeichen ihres Herrn sich in die Knie, Sack um Sack werden die verschnürten Bündel mit Pfeffer und Muskatblüten ihnen auf den Rücken geladen, und langsam schaukeln die vierbeinigen Schiffe ihre Fracht dann durch das Sandmeer. In monatelangem Zuge bringen arabische Karawanen die indische Ware – die Namen von Tausendundeine Nacht klingen auf – über Bassora und Bagdad und Damaskus nach Beyruth und Trebizonde oder über Dschidda nach Kairo; uralt sind diese langen Wanderstraßen durch die Wüste und seit den Jahren der Pharaonen und Bactrier schon den Händlern vertraut. Aber verhängnisvollerweise kennen sie die Beduinen, diese Piraten der Wüste, nicht minder genau; ein verwegener Überfall vernichtet oft mit einem Schlage die Fracht und Frucht unzähliger mühsamer Monate. Was dann glücklich den Sandstürmen entgeht und den Beduinen, kommt dafür andern Räubern zupaß: von jeder Kamelladung, von jedem Sack verlangen die Emire des Hedschas, die Sultane von Ägypten und Syrien Tribut, und zwar einen höchst ausgiebigen; auf hunderttausend Dukaten schätzt man, was jährlich allein nur der ägyptische Wegelagerer an Durchgangszoll vom Gewürzhandel erhob. Ist schließlich die Nilmündung nahe von Alexandria erreicht, so wartet dort noch ein allerletzter Nutznießer und nicht der geringste, die Flotte Venedigs. Seit der perfiden Vernichtung der Konkurrenzstadt Byzanz hat die kleine Republik das Monopol des abendländischen Gewürzhandels völlig an sich gerissen; statt direkt weiter verfrachtet zu werden, muß die Ware zuerst an den Rialto, wo die deutschen, die flandrischen, die englischen Faktoren sie ersteigern. Dann erst rollen in breiträdrigen Wagen durch Schnee und Eis der Alpenpässe dieselben Blüten, die tropische Sonne vor zwei Jahren geboren und gegoren, dem europäischen Krämer und damit dem Verbraucher zu.

Durch mindestens zwölf Hände, so schriftet es melancholisch Martin Behaim seinem Globus, seinem berühmten »Erdapfel« von 1492 ein, muß das indische Gewürz wucherisch wandern, ehe es an die letzte Hand, an den Verbraucher, gelangt. »Item ess ist zu wissen, dass die Spezerey die in den Insuln in Indien in Orienten in manicherley Hendt verkaufft wirdt, ehe sie herauss kumpt in unsere Landt.« Aber wenn auch zwölf Hände den Gewinn sich teilen, so preßt doch jede einzelne genug goldenen Safts aus dem indischen Gewürz; trotz allen Risiken und Gefahren gilt der Spezereihandel als der weitaus einträglichste des Mittelalters, weil bei kleinstem Volumen der Ware mit der größten Marge an Gewinn verbunden. Mögen von fünf Schiffen – die Expedition Magellans beweist dieses Rechenexempel – vier mit ihrer Ladung zugrunde gehen, mögen zweihundert Menschen von zweihundertfünfundsechzig nicht wiederkehren, so haben zwar Matrosen und Kapitäne ihr Leben verloren, der Händler hat aber bei diesem Spiel noch immer gewonnen. Kehrt nur ein noch so kleines Schiff von den fünfen, gut mit Gewürz beladen, nach drei Jahren zurück, so macht die Ladung mit reichlichem Profit den Verlust wett, denn ein einziger Sack mit Pfeffer gilt im fünfzehnten Jahrhundert mehr als ein Menschenleben; kein Wunder, daß bei dem großen Angebot an wertlosen Menschenleben und der stürmischen Nachfrage nach wertvollem Gewürz die Rechnung immer wieder prächtig klappt. Die Paläste Venedigs und jene der Fugger und Welser sind fast einzig aus dem Gewinn an indischem Gewürz erbaut.

Aber unvermeidlich wie Rost an Eisen setzt sich scharfer Neid an großen Gewinn. Immer wird jedes Vorrecht von den andern als Unrecht empfunden, und wo eine einzelne kleine Gruppe sich übermäßig bereichert, formt sich selbsttätig eine Koalition der Benachteiligten. Mit scheelen Augen sehen längst die Genuesen, die Franzosen, die Spanier auf das geschicktere Venedig, das den goldenen Golfstrom an den Canal grande zu leiten gewußt, und mit noch ärgerer Erbitterung starren sie nach Ägypten und Syrien, wo der Islam eine undurchdringliche Sperrkette zwischen Indien und Europa gelegt. Keinem christlichen Schiff ist die Fahrt auf dem Roten Meer gestattet, keinem christlichen Händler auch nur die Durchreise; unerbittlich geht aller Indienhandel ausschließlich durch türkische und arabische Händler und Hände. Damit wird aber nicht nur den europäischen Verbrauchern die Ware unnütz verteuert, nicht nur dem christlichen Handel der Gewinn von vorneweg abgemelkt, sondern es droht der ganze Überschuß an Edelmetall nach dem Oriente abzufließen, da die europäischen Waren bei weitem nicht den Tauschwert der indischen Kostbarkeit erreichen. Schon um dieses fühlbaren Handelsdefizits willen mußte die Ungeduld des Abendlands immer leidenschaftlicher werden, der ruinösen und entwürdigenden Kontrolle sich zu entziehen, und schließlich raffen sich die Energien zusammen. Die Kreuzzüge waren keineswegs (wie es oft romantisierend dargestellt wird) ein bloß mystisch religiöser Versuch, die Stätte des Heiligen Grabes den Ungläubigen zu entreißen; diese erste europäisch-christliche Koalition stellte zugleich die erste logische und zielbewußte Anstrengung dar, jene Sperrkette zum Roten Meer zu durchstoßen und den Osthandel für Europa, für das Christentum frei zu machen. Da dieser Stoß mißlang, da Ägypten nicht den Mohammedanern entrissen werden konnte und der Islam weiterhin den Weg nach Indien verlegte, mußte notwendigerweise der Wunsch wach werden, einen andern, einen freien, einen unabhängigen Weg nach Indien zu finden. Die Kühnheit, die Columbus nach Westen, die Bartolomeu Diaz und Vasco da Gama nach Süden, die Cabot nach Norden gegen Labrador vorstoßen ließ, entsprang in erster Linie dem zielbewußten Willen, endlich, endlich für die abendländische Welt einen freien, einen unbezollten und ungehinderten Seeweg nach Indien zu entdecken und damit die schmachvolle Vormachtstellung des Islams zu brechen. Immer ist bei entscheidenden Erfindungen und Entdeckungen ein geistiger, ein moralischer Antrieb die eigentlich beflügelnde Macht, meist aber wird der endgültige Abstoß ins Irdische dann von materiellen Impulsen gegeben. Gewiß hätten auch um der kühnen Idee willen die Könige und ihre Räte an Columbus' und Magellans Vorschlägen sich begeistert; nie aber wäre das nötige Geld gewagt worden an ihr Projekt, nie von Fürsten und Spekulanten ihnen tatsächlich eine Flotte ausgerüstet worden ohne die gleichzeitige Aussicht, bei dieser Entdeckungsfahrt den aufgewendeten Betrag tausendfach zu verzinsen. Hinter den Helden jenes Zeitalters der Entdeckungen standen als treibende Kräfte die Händler; auch dieser erste heroische Impuls zur Welteroberung ging aus von sehr irdischen Kräften – im Anfang war das Gewürz.

Wunderbar immer im Lauf der Geschichte, wenn sich der Genius eines Menschen dem Genius der Stunde bindet, wenn ein einzelner Mann hellsichtig die schöpferische Sehnsucht seiner Zeit begreift. Unter den Ländern Europas hat eines bisher seinen Teil an der europäischen Aufgabe noch nicht erfüllen können, Portugal, das in langwierigen heroischen Kämpfen sich der maurischen Herrschaft entrungen. Nun aber Sieg und Selbständigkeit endgültig erfochten sind, liegt die prachtvolle Kraft eines jungen und leidenschaftlichen Volkes völlig brach; der natürliche Expansionswille, der jeder aufsteigenden Nation innewohnt, findet zunächst keinen Ausstoß mehr. Mit seinen ganzen Landesgrenzen liegt Portugal an Spanien gelehnt, an eine befreundete, eine brüderliche Nation; so könnte einzig zur See, durch Handel und Kolonisation das kleine und arme Land sich erweitern. Aber verhängnisvollerweise ist – oder scheint zunächst – die geographische Lage Portugals die ungünstigste unter allen seefahrenden Nationen Europas. Denn der Atlantische Ozean, der seine Wellen von Westen her gegen seine Küsten wirft, gilt nach der ptolemäischen Geographie (der einzigen Autorität des Mittelalters) als endlose und undurchfahrbare Wasserwüste. Als nicht minder ungangbar erklären die ptolemäischen Weltkarten den Südweg, die afrikanische Küste entlang: unmöglich sei es, diese Sandwüste zu Schiff zu umfahren, denn dieses unwirtliche und unbewohnbare Land reiche bis zum antarktischen Pol und sei, ohne Durchlaß zu gewähren, mit der terra australis verwachsen. Nach der Ansicht der alten Geographie hätte Portugal, weil außerhalb des einzig fahrbaren Meers, des Mittelmeers, gelegen, die denkbar schlechteste Position unter den seefahrenden Nationen Europas.

Es wird nun der Lebensgedanke eines portugiesischen Fürstensohns sein, dies angeblich Unmögliche möglich zu machen und den Versuch zu wagen, ob nicht doch gemäß dem Bibelwort die letzten die ersten werden könnten. Wie, wenn Ptolemäus, dieser geographus maximus, dieser Papst der Erdkunde, sich geirrt hätte? Wie, wenn dieser Ozean, der mit seinen gewaltigen Wellen von Westen her manchmal merkwürdige fremde Hölzer (die doch irgendwo gewachsen sein müssen) an Portugals Küsten wirft, gar nicht endlos wäre, sondern zu neuen und unbekannten Ländern führte? Wie, wenn Afrika bewohnbar wäre jenseits des Wendekreises, wie, wenn der allweise Grieche grob geflunkert hätte mit seiner Behauptung, dieser unerforschte Kontinent sei zu Meer nicht zu umfahren und kein Weg führe hinüber in die indische See? Dann wäre Portugal, gerade weil am weitesten gegen Westen gelegen, das wahre Sprungbrett aller Entdeckungen, es hätte den nächsten Weg von allen nach Indien. Nicht verstoßen wäre es vom Ozean, sondern wie kein anderes Land Europas zur Seefahrt berufen. Dieser Wunschtraum, das kleine machtlose Portugal zur nautischen Vormacht zu erheben und den bisher nur als Sperre betrachteten Atlantischen Ozean in eine Straße zu verwandeln, ist in nuce der Lebensgedanke des »Iffante« Enrique gewesen, den die Geschichte zu Recht und zu Unrecht Heinrich den Seefahrer nennt. Zu Unrecht: denn abgesehen von einer kurzen Kriegsfahrt nach Ceuta hat Enrique niemals ein Schiff bestiegen, es gibt kein Buch, keinen nautischen Traktat, keine Karte von seiner Hand. Aber doch darf die Geschichte ihm diesen Namen Rechtens zuerkennen, denn Seefahrt und Seefahrern allein hat dieser Fürstensohn sein Leben und sein Vermögen gewidmet. Früh im maurischen Kriege bewährt bei der Belagerung von Ceuta (1412), zugleich einer der reichsten Männer des Landes, könnte dieser Sohn eines portugiesischen und Neffe eines englischen Königs seinen Ehrgeiz in den blendendsten Stellungen auswirken; alle Höfe laden ihn zu sich, England bietet ihm ein Oberkommando. Aber dieser sonderbare Schwärmer erwählt als Form seines Lebens die schöpferische Einsamkeit. Er zieht sich zurück nach Kap Sagres, das einstmals heilige (sacrum) Vorgebirge der Alten. Von dort bereitet er in beinahe fünfzig Jahren die Seefahrt nach Indien und damit die große Offensive gegen das »mare incognitum« vor.

Was diesem einsam-verwegenen Träumer den Mut gegeben hat, gegen die höchsten kosmographischen Autoritäten seiner Zeit, gegen Ptolemäus und seine Nachsprecher und Nachzeichner, die Überzeugung zu verfechten, Afrika sei kein dem Pol angefrorener Kontinent, sondern umschiffbar und der wahre Seeweg nach Indien – dieses letzte Geheimnis wird kaum mehr zu ergründen sein. Aber niemals war das (auch von Herodot und Strabo verzeichnete) Gerücht völlig verstummt, daß in den dunklen Tagen der Pharaonen einmal eine phönikische Flotte das Rote Meer hinabgefahren sei und nach zwei Jahren unvermuteterweise durch die Säulen des Herkules (die Enge von Gibraltar) heimgekehrt. Vielleicht hatte der Iffante auch durch maurische Sklavenhändler Kunde gehabt, daß jenseits der Libya deserta, der sandigen Sahara, ein »Land des Reichtums«, »bilat ghana«, liege, und tatsächlich findet sich schon auf einer Karte, die 1150 ein arabischer Kosmograph für den Normannenkönig Roger II. angefertigt, das heutige Guinea unter diesem Namen »bilat ghana« völlig richtig eingezeichnet. Es mag also sein, daß Enrique durch guten Kundschafterdienst besser über die wirkliche Form Afrikas unterrichtet war als die Schulgeographen, die einzig auf die Codices des Ptolemäus ihre Hand zum Eidschwur legten und zunächst auch die Berichte des Marco Polo und Ibn Battuta als falsches Geflunker ablehnten. Die eigentliche moralische Bedeutung Enriques aber liegt darin, daß er zugleich mit der Größe des Ziels auch die Größe der Schwierigkeit erkannte, daß er in edler Resignation begriff, er selbst werde seinen Traum niemals erfüllt sehen, weil eben mehr als ein einziges Menschenalter zur Vorbereitung eines so ungeheuren Unterfangens notwendig sei. Denn wie damals Seefahrt von Portugal nach Indien wagen ohne Kenntnis der See und ohne Schiffe zur Fahrt? Unvorstellbar primitiv sind zur Zeit, da Enrique an sein Werk geht, die geographischen, die nautischen Kenntnisse Europas. In den grauenhaften Jahrhunderten der Verdüsterung, die dem Einsturz des Römischen Reichs folgten, hatte das Mittelalter beinahe alles vergessen, was die Griechen, die Phönizier, die Römer auf ihren kühnen Fahrten erkundet. Unglaubhaft wie ein Märchen war es für jene Jahrhunderte der räumlichen Selbstbeschränkung geworden, daß ein Alexander längst bis an die Grenzen Afghanistans und tief hinab bis nach Indien vorgedrungen war, verloren sind die trefflichen Karten, die Weltbilder der Römer, verfallen ihre Heerstraßen, ihre Meilensteine, die bis tief nach Britannien und Bithynien reichten, vernichtet ihr vorbildlicher politischer und geographischer Nachrichtendienst; verlernt ist die Fähigkeit des Reisens, erstorben die Lust des Entdeckens, armselig geworden die Kunst der Schiffahrt; ohne jedes weite, jedes kühne Ziel, ohne richtigen Kompaß und klare Karten schleichen in ängstlicher Küstenfahrt kleine Fahrzeuge von Hafen zu Hafen, immer in Sorgnis vor Stürmen oder den ebenso gefährlichen Piraten. Bei einem solchen Tiefstand der Kosmographie und mit solch kläglichen Schiffen war es noch zu früh, die Ozeane der Erde zu bezwingen und überseeische Reiche zu erobern. Ein Menschenalter der Aufopferung mußte erst nachholen, was Jahrhunderte der Gleichgültigkeit versäumt hatten. Und Enrique – dies seine Größe – war entschlossen, sein Leben zu opfern für die zukünftige Tat.

Nur ein paar verfallene Mauern stehen noch von dem einstigen Schlosse von Kap Sagres, das Prinz Enrique erbaut und das ein höchst undankbarer Erbe seiner Wissenschaft, Francis Drake, geplündert und zerstört hat. Durch die Schatten und Schleier der Legende ist es heute kaum mehr möglich, in den Einzelheiten zu erkennen, in welcher Weise Prinz Heinrich den Welteroberungsplänen Portugals vorgearbeitet hat. Nach den (vielleicht romantischen ) Berichten seiner heimischen Chronisten ließ er sich sämtliche Bücher und Mappen aus allen Weltteilen kommen, berief arabische und jüdische Gelehrte und befahl ihnen, bessere Instrumente und Tabulaturen anzufertigen. Jeder Schiffer, jeder Kapitän, der von einer Reise kam, wurde ausgefragt, alle diese Mitteilungen und Kenntnisse wurden sorgsam in einem Geheimarchiv gesammelt und gleichzeitig eine Reihe von Expeditionen ausgerüstet. Unermüdlich wird die Kunst des Schiffbaus gefördert; in wenigen Jahren erwachsen aus den ursprünglichen »barcas«, diesen kleinen offenen Fischerbooten mit achtzehn Mann Besatzung, wirkliche »naos«, breite Kutter von achtzig und hundert Tonnen, die auch bei schwierigem Wetter im offenen Meere fahren können. Dieser neue, seetüchtige Typus des Schiffs bedingte wiederum einen neuen Typus des Seefahrers. Dem Steuermann gesellt sich ein »Meister der Astrologie« bei, der nautische Fachmann, der Portolane zu lesen, die Deklination zu bestimmen und die Meridiane einzuzeichnen weiß; Theoretik und Praktik greifen schöpferisch ineinander, und allmählich wird auf diesen Expeditionen aus bloßen Fischern und Schiffern ein Geschlecht von Seefahrern und Entdeckern systematisch herangebildet, dessen Taten der Zukunft vorbehalten sind. Wie Philipp von Mazedonien seinem Sohn Alexander die unwiderstehliche Phalanx zur Eroberung der Welt, so hinterläßt Enrique seinem Portugal die besten, die modernsten Schiffe seiner Zeit und die trefflichsten Seeleute zur Eroberung des Ozeans.

Aber es gehört zum tragischen Schicksal der Vorläufer, daß sie an der Schwelle sterben, ohne selbst das gelobte Land zu schauen. Enrique hat keine einzige der großen Entdeckungen erlebt, die sein Vaterland in der Geschichte der Weltentdeckung unsterblich machten; in seinem Todesjahr (1460) ist im äußern, im geographischen Raum kaum etwas Wahrnehmbares erreicht. Die vielgerühmte Entdeckung der Azoren und Madeiras war in Wirklichkeit nur eine Wiederentdeckung (schon 1351 verzeichnet sie der Portolano Laurentino). An der Westküste sind seine Schiffe nicht einmal bis zum Äquator hinabgelangt, ein kleiner, nicht sehr ruhmreicher Handel hat begonnen mit weißem und hauptsächlich mit »schwarzem Elfenbein«: das heißt, man raubt an der Senegalküste massenhaft Neger, um sie auf dem Sklavenmarkt in Lissabon zu verkaufen, und findet etwas Goldstaub – dieser kleine unzulängliche Anfang ist alles, was Enrique von seinem geträumten Werke gesehen. In Wahrheit ist der entscheidende Erfolg aber schon errungen. Denn nicht in der erreichten Distanz liegt damals der erste Triumph der portugiesischen Seefahrt, sondern in der moralischen Sphäre: in der Steigerung der Unternehmungslust und in der Vernichtung einer gefährlichen Legende. Jahrhunderte – und jahrhundertelang hatten die Seeleute gemunkelt, hinter dem Kap Non – zu deutsch: dem Kap Nichtweiter – sei Seefahrt unmöglich. Dahinter beginne sogleich »die grüne See der Dunkelheit«, und wehe dem Schiff, das sich in diese tödlichen Zonen wage. Von der Glut der Sonne siede und koche in jenen Wendekreisen das Meer. Sofort gerieten die Planken und Segel in Brand, jeder Christenmensch, der versuche, das »Land Satans« zu betreten, das wüst sei wie eine Kraterlandschaft, würde sofort zum Neger. So unüberwindlich war durch solche Fabeln diese Angst vor einer Südfahrt geworden, daß der Papst, um Enrique nur überhaupt Seeleute für seine ersten Expeditionen zu verschaffen, jedem Teilnehmer vollen Sündenablaß zusichern mußte; dann erst gelang es, ein paar Verwegene für diese ersten Entdeckungsfahrten anzuwerben. Welcher Jubel darum, als Gil Eannes 1434 dies angeblich unüberwindliche Kap Non umsteuert und von Guinea melden kann, daß der hochberühmte Ptolemäus als arger Fasler entlarvt sei, »denn es geht hier so leicht zu segeln wie bei uns zu Hause und das Land ist äußerst reich und schön«. Damit ist der tote Punkt überwunden. Nun braucht Portugal nach Mannschaft nicht mehr zu fahnden, aus allen Ländern melden sich Abenteurer und Abenteuerlustige. Jede neue geglückte Fahrt macht die Seefahrer verwegener, plötzlich ist eine Generation von jungen Menschen zur Stelle, denen das Abenteuer mehr gilt als das Leben. »Navigare necesse est, vivere non est necesse« – der alte Seemannsspruch hat wieder Gewalt bekommen über die Seelen. Und wo immer eine neue Generation geschlossen und entschlossen am Werke ist, verwandelt sich die Welt.

Nur den Augenblick des letzten Atemholens vor dem großen Sprung bedeutet darum der Tod Enriques. Aber kaum hat der energische König João II. den Thron bestiegen, so setzt ein Anschwung ein, der alle Erwartungen übertrifft. Was bisher ärmlicher Schneckengang gewesen, wird mit einmal Sturmlauf und Löwensprung. Während man es gestern noch als grandiose Leistung verzeichnete, wenn innerhalb von zwölf Jahren die wenigen Meilen bis Kap Bojador ersegelt wurden und man nach abermals zwölf Jahren langsamen Vordringens glücklich Kap Verde erreicht hatte, bedeutet nun ein Vorstoß von hundert, von fünfhundert Meilen nichts Ungewöhnliches mehr. Vielleicht nur unsere Generation, welche die Eroberung der Luft miterlebt, wir, die wir ebenso im Anfang schon gejubelt, wenn nur drei, nur fünf, nur zehn Kilometer vom Champ de Mars ein Aeroplan in der Luft sich halten konnte, und die ein Jahrzehnt später schon Kontinente und Ozeane überflogen sahen, nur wir vielleicht können den glühenden Anteil, den erregten Jubel ganz begreifen, mit dem ganz Europa den plötzlichen Vorstoß Portugals ins Unbekannte begleitete. 1471 ist der Äquator erreicht, 1484 landet Diego Cam bereits an der Mündung des Kongo, und endlich 1486 erfüllt sich der prophetische Traum Enriques: der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Diaz erreicht die Südspitze Afrikas, das Kap der Guten Hoffnung, das er freilich um der Stürme willen, denen er dort begegnet, zunächst noch Cabo tormentoso, das stürmische Vorgebirge, tauft. Aber wenn ihm auch das Wetter die Segel zerfetzt und den Mast zerspellt, der kühne Konquistador steuert entschlossen weiter. Schon ist er an die Ostküste Afrikas gelangt, und von hier könnten ihn mohammedanische Piloten leichthin nach Indien weiterbringen – da meutert die Mannschaft: genug sei für diesmal erreicht. Verwundeten Herzens muß Bartolomeu Diaz zurück, durch fremde Schuld den Ruhm verlierend, als erster Europäer den Seeweg nach Indien bezwungen zu haben, und ein anderer Portugiese, Vasco da Gama, wird um dieser Heldentat willen in Camoens' unsterblichem Gedicht gefeiert werden; wie immer bleibt der Beginner, der tragische Initiator, vergessen über dem glücklicheren Vollender. Immerhin: die entscheidende Tat ist getan. Zum erstenmal ist die geographische Gestalt Afrikas endgültig bestimmt, zum erstenmal gegen Ptolemäus bewiesen und erwiesen, daß der freie Seeweg nach Indien möglich sei. Den Lebenstraum Enriques haben seine Schüler und Erben ein Lebensalter nach ihrem Meister erfüllt.

Mit Staunen und Neid wendet die Welt jetzt ihren Blick diesem kleinen unbeachteten Seevolk im letzten Winkel Europas zu. Während sie, die Großmächte Frankreich, Deutschland, Italien, in unsinnigen Kriegen einander zerfleischten, hat Portugal, dieses Aschenbrödel Europas, seinen Lebensraum um das Tausendfache und Zehntausendfache erweitert; keine Anstrengung kann seinen unermeßlichen Vorsprung mehr einholen. Über Nacht ist Portugal die erste Seenation der Welt geworden, es hat sich durch seine Leistung nicht nur neue Provinzen, sondern ganze Welten gesichert. Ein Jahrzehnt noch und diese kleinste unter Europas Nationen wird den Anspruch erheben, mehr Weltraum zu besitzen und zu verwalten als das Römische Reich selbst zur Zeit seiner größten Ausbreitung.

Selbstverständlich muß ein derart übersteigerter imperialistischer Anspruch bei dem Versuch seiner Durchsetzung sehr bald die Kräfte Portugals erschöpfen. Jedes Kind könnte errechnen, daß ein so winziges Land, das im ganzen nicht mehr als anderthalb Millionen Einwohner zählt, auf die Dauer nicht allein ganz Afrika, Indien und Brasilien besetzen, kolonisieren, verwalten oder auch nur handelsmäßig monopolisieren kann und am allerwenigsten für ewige Zeiten gegen die Eifersucht der andern Nationen verteidigen. Ein einziger Öltropfen kann nicht ein aufgeregtes Meer glätten, ein stecknadelgroßes Land nicht hunderttausendfach größere Länder endgültig unterwerfen. Von der Vernunft aus gesehen, stellt also die schrankenlose Expansion Portugals eine Absurdität dar, eine Don Quichotterie gefährlichster Art. Aber immer ist ja das Heldische irrational und antirational, immer, wo ein Mensch oder ein Volk sich an eine Aufgabe wagt, die sein eigentliches Maß übersteigt, steigern sich auch seine Kräfte zu nie geahnter Stärke: nie vielleicht hat sich eine Nation großartiger in einen einzigen sieghaften Augenblick zusammengefaßt als Portugal um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts: nicht nur seinen Alexander, seine Argonauten schafft sich das Land plötzlich in Albuquerque, Vasco da Gama und Magellan, sondern auch in Camoens seinen Homer, in Barros seinen Livius. Gelehrte, Baumeister, große Kaufleute sind über Nacht zur Stelle: wie Griechenland unter Perikles, England unter Elisabeth, Frankreich unter Napoleon, verwirklicht in universaler Form ein Volk seine innerste Idee und stellt sie als sichtbare Tat vor die Welt. Eine unvergeßliche Weltstunde lang ist Portugal die erste Nation Europas, die Führerin der Menschheit gewesen.

Aber jede große Tat eines einzelnen Volks ist immer für alle Völker getan. Alle spüren sie, daß dieser eine erste Einbruch ins Unbekannte zugleich alle bisher gültigen Maße, Begriffe, Distanzgefühle umgestoßen hat, und mit pochender Ungeduld verfolgt man darum an allen Höfen, an allen Universitäten die neuesten Nachrichten aus Lissabon. Dank einer merkwürdigen Hellsichtigkeit begreift Europa das Schöpferische dieser welterweiternden portugiesischen Tat; es begreift, daß Seefahrt und Entdeckung bald entscheidender die Welt verändern werden als alle Kriege und Kartaunen, daß eine hundertjährige, eine tausendjährige Epoche, das Mittelalter, endgültig zu Ende ist und eine neue Zeit, die »Neuzeit«, beginnt, die in andern räumlichen Dimensionen denken und schaffen wird. Feierlich erhebt im Vollgefühl solchen historischen Augenblicks der Florentiner Humanist Politian als Sachwalter der friedlichen Vernunft die Stimme zum Ruhme Portugals, und der Dank des ganzen kultivierten Europa schwingt mit in seinen begeisterten Worten: »Nicht nur die Säulen des Herkules hat es hinter sich gelassen und einen wütigen Ozean bezähmt, sondern die bislang unterbundene Einheit der bewohnbaren Welt wiederhergestellt. Was für neue Möglichkeiten und wirtschaftliche Vorteile, welche Erhöhung des Wissens, welche Bestätigungen der alten Wissenschaft, die bisher als unglaubhaft verworfen wurden, dürfen wir noch erwarten! Neue Länder, neue Meere, neue Welten (alii mundi) sind aus jahrhundertelangem Dunkel aufgetaucht. Portugal ist heute der Hüter, der Wächter einer zweiten Welt.«

Ein verblüffender Zwischenfall unterbricht diesen grandiosen Vorstoß Portugals nach dem Osten. Schon scheint die »zweite Welt« erreicht, schon scheinen Krone und alle Schätze Indiens dem König João gesichert, denn nach der Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung kann Portugal niemand mehr zuvorkommen, und niemand unter den Mächten Europas darf sogar auf diesem langgesicherten Wege ihm noch nachfolgen. Denn bereits Enrique der Seefahrer hatte sich vorsichtigerweise vom Papst verbriefen lassen, daß alle Länder, Meere und Inseln, welche hinter dem Vorgebirge Bojador entdeckt würden, einzig und allein den Portugiesen zugehören sollten, und drei andere Päpste hatten diese sonderbare »Schenkung« bekräftigt, welche mit einem Griff und Federstrich den ganzen noch unbekannten Orient mit Millionen Einwohnern dem Hause Viseu als rechtmäßiges Krongut Übermacht. Portugal und Portugal allein sind also alle neuen Welten zugeschworen. Mit solchen unantastbaren Sicherheiten in Händen hat man im allgemeinen für unsichere Geschäfte nicht viel Neigung, und deswegen war es keineswegs so einfältig und wunderlich, wie es meist die Geschichtsschreiber a posteriori darstellen, wenn der beatus possidens, wenn König João II. dem etwas konfusen Projekt eines unbekannten Genuesen wenig Interesse entgegenbrachte, der emphatisch eine ganze Flotte forderte, »para buscar el levante por el ponente«, um Indien von Westen her zu erreichen. Man hört zwar Messer Christoforo Colombo im Schloß von Lissabon freundlich an, man sagt ihm keineswegs ein grobes Nein. Aber man erinnert sich allzu gut, daß bisher alle Expeditionen nach den sagenhaften Inseln Antilha und Brazil, die westwärts zwischen Europa und Indien liegen sollen, kläglich gescheitert sind. Und überdies: wozu sichere portugiesische Dukaten wagen für einen höchst unsichern Weg nach Indien, da man doch nach jahrelanger Mühe eben den rechten gefunden hat und auf dem Tejo die Schiffswerften bereits Tag und Nacht an der großen Flotte arbeiten, die geradewegs um das Kap bis nach Indien fahren soll?

Wie ein Steinschlag durch das Fenster klirrt darum die brüske Nachricht in den Palast von Lissabon, jener großsprecherische genuesische Abenteurer habe unter spanischer Flagge den Oceano tenebroso wirklich durchsteuert und sei in knappen fünf Wochen auf Land im Westen gestoßen. Ein Wunder hat sich ereignet. Erfüllt ist über Nacht die mystische Prophezeiung aus Senecas »Medea«, die seit Jahren und Jahren schon die Gemüter der Weltfahrer erregte:

»venient annis

saecula seris, quibus Oceanus

vincula rerum laxet et ingens

pateat tellus, Typhisque novos

detegat orbes, nee sit terris

Ultima Thula.«

Wahrlich, sie scheinen gekommen, »die Tage, da nach Jahrhunderten der Ozean sein Geheimnis auftut und ein unbekanntes Land erscheint, da der argonautische Pilot neue Welten entdeckt und Thule nicht mehr das fernste Land unserer Erde ist«. Zwar Columbus, der neue »argonautische Pilot«, ahnt nicht, daß er einen neuen Weltteil entdeckt hat. Bis zu seinem Lebensende hat dieser hartnäckige Phantast sich unbelehrbar in den Wahn vermauert, er habe bereits das Festland Asiens erreicht und könne, von seinem »Hispaniola« westwärts steuernd, in wenigen Tagesreisen an der Mündung des Ganges landen. Gerade dies aber ist Portugals tödliche Angst. Denn was hilft Portugal der Papstbrief, der ihm für die Ostfahrt alle Länder zusagt, wenn Spanien ihm auf dem kürzeren Westwege gerade vor dem Endsprunge zuvorkommt und Indien in letzter Minute noch vorwegnimmt? Damit wäre die fünfzigjährige Lebensarbeit Enriques, die vierzigjährige Mühe seit seinem Tode sinnlos geworden, Indien für Portugal verloren durch den tollkühnen Abenteurerstreich des unseligen Genuesen. Will Portugal seinen Vorrang und sein Vorrecht auf Indien weiter behaupten, so bleibt ihm keine andere Wahl, als die Waffen zu ergreifen gegen den plötzlich eingedrungenen Rivalen.

Glücklicherweise beseitigt der Papst die drohende Gefahr. Portugal und Spanien sind die Lieblingskinder seines Herzens, weil die einzigen Nationen, deren Könige sich niemals störrisch seiner geistlichen Autorität widersetzten. Sie haben die Mauren bekämpft und die Ungläubigen vertrieben, mit Feuer und Schwert rotten sie jede Ketzerei aus in dem Lande, nirgends findet gegen Mauren, Maranen und Juden die päpstliche Inquisition so bereite Helferschaft. Nein, seine Lieblingskinder sollen sich nicht entzweien, beschließt der Papst, und darum geht er daran, alle noch unbekannten Sphären der Welt zwischen Spanien und Portugal einfach aufzuteilen, und zwar aufzuteilen, nicht wie man in unserer modernen diplomatischen Heuchelsprache sagt, als »Interessensphären«, sondern der Papst schenkt klar und redlich diesen beiden Völkern alle die Völkerschaften, Länder, Inseln und Meere kraft seiner Autorität als Statthalter Christi. Wie einen Apfel nimmt er die Erdkugel und teilt sie statt mit einem Messer durch die Bulle vom 4. Mai 1493 in zwei Hälften. Die Schnittlinie setzt ein hundert leguas (ein altes Meilenmaß) von den Kap Verde-Inseln. Was auf der Erdkugel fortan an unentdeckten Ländern westlich dieser Linie liegt, soll seinem lieben Kinde Spanien, was östlich liegt, seinem lieben Kinde Portugal gehören. Zunächst erklären sich die beiden Kinder dankbar einverstanden mit dem schönen Geschenk. Aber bald fühlt sich Portugal doch beunruhigt und ersucht, die Grenzlinie möge noch ein wenig nach Westen verschoben werden. Dies geschieht im Vertrage von Tordesillas am 7. Juni 1494, der die Grenzlinie um zweihundertsiebzig leguas weiter nach Westen legt (wodurch Portugal späterhin tatsächlich das damals noch gar nicht entdeckte Brasilien zufallen wird).

So grotesk auf den ersten Blick eine Generosität auch anmuten mag, welche beinahe die ganze Welt mit einem einzigen Federstrich an zwei einzelne Nationen ohne Rücksicht auf die andern verschenkt – man muß doch diese friedliche Lösung als einen der seltenen Vernunftakte der Geschichte bewundern, wo ein Konflikt statt durch Gewalt vermittels friedlicher Einigung ausgetragen wurde. Für Jahre und Jahrzehnte ist jeder Kolonialkrieg zwischen Spanien und Portugal durch den Tordesillas-Vertrag tatsächlich vermieden worden, obzwar die Lösung von vorneweg eine provisorische bleiben mußte. Denn wenn man mit dem Messer einen Apfel ganz durchschneidet, muß die Schnittlinie auch auf der andern, unsichtbaren Fläche zutage treten. Innerhalb welcher Hälfte aber liegen nun die vielgesuchten, die kostbaren Gewürzinseln? Östlich oder westlich der Schnittlinie auf der andern Hemisphäre? Auf der Seite Portugals oder auf der Seite Spaniens? Das können in diesem Augenblicke weder der Papst noch die Könige noch die Gelehrten voraussagen, weil noch niemand das Rund der Erde ausgemessen hat und die Kirche ihrerseits die Kugelform des Kosmos um keinen Preis öffentlich anerkennen will. Aber bis zur endgültigen Entscheidung haben beide Nationen reichlich zu tun, um die ungeheuren Brocken hinunterzuschlingen, die ihnen das Schicksal hingeworfen: dem einen kleinen Spanien das riesige Amerika und dem einen winzigen Portugal ganz Indien und Afrika.

Die glückhafte Tat des Columbus erweckt in Europa zuerst maßloses Erstaunen. Dann aber bricht ein Rausch von Abenteuer- und Entdeckerlust aus, wie ihn unsere alte Welt nie gekannt: immer entwächst ja dem Erfolg eines einzelnen mutigen Mannes Eifer und Mut für ein ganzes Geschlecht. Alles, was in Europa unzufrieden ist mit seinem Stand und seiner Stellung, jeder, der sich zurückgesetzt fühlt und zu ungeduldig ist, zu warten, die jüngeren Söhne, die unbeschäftigten Offiziere, die Bastarde der großen Herren und die dunklen Gesellen, die von der Justiz gesucht werden – alle wollen sie in die neue Welt. Die Fürsten, die Händler, die Spekulanten rüsten jeder an Schiffen aus, was sie nur aufbringen können, mit Gewalt muß man den Abenteurern und Reisläufern wehren, die mit dem Messer kämpfen, um als erste ins Goldland befördert zu werden; während Enrique noch Sündenablaß für alle Teilnehmer erbitten mußte, um die allernötigsten Matrosen an Bord zu bekommen, wandern jetzt ganze Dörfer zu den Häfen, und die Kapitäne, die Kauffahrer wissen sich nicht mehr zu retten vor dem Andrang. Eine Expedition folgt der andern, und wirklich, als wäre eine Nebelwand plötzlich gesunken, tauchen jetzt überall im Norden, im Süden, im Osten, im Westen neue Inseln, neue Länder auf, die einen in Eis starrend, die andern mit Palmen bestanden; innerhalb von zwei, von drei Jahrzehnten entdecken die paar hundert kleinen Schiffe, die von Cadiz, Palos, Lissabon abstoßen, mehr Welt und mehr unbekannte Welt als vordem die ganze Menschheit in den hunderttausenden Jahren ihres Daseins. Unvergeßlicher, unvergleichlicher Kalender jener Entdeckerzeit: 1498 erreicht Vasco da Gama – »im Dienste Gottes und zum Vorteil der portugiesischen Krone«, wie König Manoel stolz berichtet – Indien und landet in Calicut, im gleichen Jahre sichtet Cabot als Kapitän in englischen Diensten Neufundland und damit die Nordküste Amerikas. Und wieder ein Jahr (1499) und gleichzeitig entdecken, unabhängig einer vom andern, Pinzon unter spanischer Flagge und Cabral unter portugiesischer Brasilien, während Gaspar Cortereal als Nachfahr der Wikinger nach fünfhundert Jahren Labrador betritt. Und weiter geht es Schlag auf Schlag. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts streifen zwei portugiesische Expeditionen, deren eine Amerigo Vespucci begleitet, die südamerikanische Küste hinab bis schon nahe an den Rio Plata, 1506 entdecken die Portugiesen Madagaskar, 1507 Mauritius, 1509 erreichen, 1511 erstürmen sie bereits Malacca und haben damit den Schlüssel des Malaiischen Archipels in Händen. 1512 erschließt Ponce de Leon Florida, 1513 sieht von der Höhe von Darien herab Nunez de Baiboa als erster Europäer den Pazifischen Ozean. Von dieser Stunde an gibt es für die Menschheit keine unbekannten Meere mehr. In dem knappen Zeitraum von einhundert Jahren hat sich die europäische Schiffahrt in ihrer Leistung nicht etwa bloß verhundert-, sondern vertausendfacht. Während 1418 unter Enrique es noch bewunderndes Staunen erregte, daß die ersten Barcas bis nach Madeira gelangten, landen 1518 portugiesische Schiffe – man stelle auf der Karte die beiden Distanzen gegeneinander! – schon in Kanton und Japan; bald wird eine Fahrt nach Indien als geringeres Wagnis gelten als vordem die Reise bis Kap Bojador. Von solchem Tempo beflügelt, muß sich von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat das Weltbild verändern und erweitern. Tag und Nacht sitzen in ihren Werkstätten zu Augsburg die Kartenstecher und Kosmographen an der Arbeit, aber sie können den Bestellungen nicht mehr nachkommen. Noch feucht, noch unkoloriert reißt man ihnen die Stiche aus den Händen, und ebenso können die Drucker an Reiseberichten, an Globen nicht genug auf die Büchermesse bringen, alles will Nachricht von dem »mundus novus«. Aber kaum haben die Kosmographen sauber und genau nach den letzten Mitteilungen ihre Weltkarte gestochen, so kommt schon neue Zeitung und neuer Bericht. Alles ist umgestoßen, alles muß frisch getan werden, denn was als Insel galt, hat sich als Festland erwiesen, was Indien schien, als neuer Kontinent. Neue Flüsse, neue Küsten, neue Berge sind einzuzeichnen, und siehe, kaum sind die Stecher zu Ende mit ihrer neuen Karte, so müssen sie schon mit einer berichtigten, verbesserten, erweiterten beginnen. Nie vordem, nie nachher hat die Geographie, die Kosmographie, die Kartographie ein so rasendes, so rauschhaftes, so sieghaftes Tempo des Fortschritts erlebt wie innerhalb dieser fünfzig Jahre, in denen, seit Menschen leben, atmen und denken, zum erstenmal Form und Umfang der Erde endgültig bestimmt wird, da zum erstenmal die Menschheit den runden Stern kennenlernt, auf dem sie seit Äonen durch das Weltall rollt. All dies Ungeheure aber hat eine einzige Generation geleistet; ihre Seefahrer haben für alle späteren alle Gefahren bestanden, ihre Konquistadoren alle Wege aufgetan, ihre Helden alle oder fast alle Aufgaben gelöst. Nur eine Tat ist noch übriggeblieben, die letzte, die schönste, die schwerste: auf ein und demselben Schiff den ganzen Erdball zu umrunden und damit gegen alle Kosmologen und Theologen der Vergangenheit die Rundform unserer Erde zu messen und zu erweisen – sie wird die Lebensidee und das Schicksal des Fernão de Magelhaes sein, den die Geschichte Magellan nennt.

Magellan in Indien

März 1505 - Juni 1512

Die ersten portugiesischen Schiffe, die den Tejo hinabsteuerten in die unbekannte Ferne, hatten der Entdeckung gedient, die zweiten suchten noch friedlichen Handel mit den neuerschlossenen Gebieten. Die dritte Flotte wird bereits kriegerisch ausgerüstet – unabänderlich hebt von diesem 25. März 1505 jener dreiteilige Rhythmus an, der das ganze nun beginnende Kolonialzeitalter beherrschen wird. Jahrhunderte wird der gleiche Vorgang sich wiederholen: erst wird die Faktorei errichtet, dann die Festung zu ihrem angeblichen Schutz. Erst wird mit den einheimischen Herrschern friedlich getauscht, dann, sobald man genug Soldaten herangeholt hat, den Fürsten ihr Land und damit die ganze Ware einfach weggenommen. Kaum ein Jahrzehnt, und Portugal hat über den ersten Erfolgen bereits vergessen, daß es ursprünglich nichts anderes begehrte als bloß einen bescheidenen Anteil am Gewürzhandel des Orients. Aber im glücklichen Spiel verlieren sich rasch die guten Vorsätze; von dem Tage, da Vasco da Gama in Indien landet, geht Portugal sofort daran, alle andern Nationen wegzustoßen. Rücksichtslos betrachtet es ganz Afrika, Indien und Brasilien als sein alleiniges Revier. Von Gibraltar bis Singapore und China soll von nun ab kein anderes Schiff mehr die Meere durchfahren, auf dem halben Erdball niemand Handel treiben dürfen als ein Angehöriger der kleinsten Nation des kleinen Europa.

Großartiges Schauspiel darum, jener 25. März 1505, da die erste Kriegsflotte Portugals, welche dies neue Imperium – das größte der Erde – erobern soll, den Hafen von Lissabon verläßt, ein Schauspiel, vergleichbar in der Geschichte nur jenem, da Alexander der Große den Hellespont überschreitet; auch hier ist die Aufgabe eine gleich überhebliche, denn auch diese Flotte fährt aus, nicht, um ein einzelnes Land, ein einzelnes Volk, sondern eine Welt sich Untertan zu machen. Zwanzig Schiffe liegen und warten mit gespannten Segeln auf den Befehl des Königs, die Anker zu lichten, und es sind nicht mehr wie zu Zeiten Enriques kleine, offene Barken, sondern schon breite, schwere Galeonen mit hohen Kastellen am vorderen und rückwärtigen Heck, mächtige Segelschiffe mit drei und vier Masten und ausgiebiger Bemannung. Neben den hunderten von kriegsgeübten Matrosen scharen sich nicht weniger als fünfzehnhundert gerüstete und gepanzerte Soldaten sowie zweihundert Bombardiere an Bord; außerdem sind noch Zimmerleute und alle möglichen Arten von Handwerkern mit eingeschifft, um dann in Indien an Ort und Stelle sofort neue Schiffe auszurüsten.

Auf den ersten Blick muß jeder begreifen, daß einer so gigantischen Flotte ein gigantisches Ziel gesetzt ist: die endgültige Besitzergreifung des Morgenlandes. Nicht vergebens ist dem Admiral Francisco d' Almeida der Titel eines Vizekönigs von Indien zugeteilt, nicht zufällig hat gerade der erste Held und Seefahrer Portugals, Vasco da Gama, der »Admiral der indischen Meere«, die Ausrüstung gewählt und geprüft. Die militärische Aufgabe Almeidas ist eindeutig klar. Almeida hat alle mohammedanischen Handelsstädte in Indien und Afrika zu schleifen und zu zerstören, an allen Stützpunkten Festungen zu errichten und Garnisonen zurückzulassen. Er hat – zum erstenmal wird die politische Idee Englands vorausgenommen – an allen Ausgangspunkten und Durchgangspunkten sich festzusetzen, alle Meerengen von Gibraltar bis Singapore zuzupfropfen und damit jeden fremden Handel auszusperren. Dem Vizekönig ist ferner befohlen, die Seemacht des Sultans von Ägypten sowie jene der indischen Rajahs zu vernichten und so streng alle Häfen unter Kontrolle zu halten, daß von diesem Jahre des Herrn 1505 an kein Schiff ohne portugiesischen Paß auch nur ein Korn Gewürz mehr verfrachten darf. Mit dieser militärischen Aufgabe geht die ideelle, die religiöse Hand in Hand: in allen eroberten Ländern das Christentum zu verbreiten; darum hat die kriegerische Ausfahrt zugleich das Zeremoniell eines Kreuzzugs. Mit eigener Hand überreicht der König in der Kathedrale Francisco d' Almeida die neue Fahne aus weißem Damast mit dem eingewebten Kreuze Christi, die über heidnischen und maurischen Landen siegreich wehen soll. Kniend empfängt sie der Admiral, und auf den Knien leisten hinter ihm die Fünfzehnhundert, die alle gebeichtet und das Abendmahl empfangen haben, den Eid der Treue ihrem irdischen Herrn, dem König von Portugal, sowie dem himmlischen Herrn, dessen Reich sie über diesen fremden Reichen erheben sollen. Feierlich wie eine Prozession durchschreitet der Zug die Stadt zum Hafen; dann donnern zum Abschied die Geschütze, und grandios gleiten die Schiffe den Tejo hinab in das offene Meer, das ihr Admiral bis ans andere Ende der Erde für Portugal erobern soll.

Unter den Fünfzehnhundert, die vor dem Altar mit erhobener Hand den Eid der Treue schwören, kniet auch ein vierundzwanzigjähriger Mann bisher unberühmten Namens, Fernão de Magelhaes. Von seiner Herkunft weiß man kaum mehr, als daß er um 1480 geboren ist. Aber schon seine Geburtsstätte ist umstritten. Der von späteren Chronisten angegebene Ort Sabrosa in der Provinz Tras os Montes hat sich nach neueren Forschungen als unrichtig erwiesen, weil ein angebliches Testament, welchem man diese Zuweisung entnahm, endgültig als Fälschung erkannt wurde; die größte Wahrscheinlichkeit spricht noch immer dafür, daß Magellan in Porto geboren wurde. Auch über seine Familie ist nicht viel mehr bekannt, als daß sie adelig gewesen, freilich nur im vierten Range des Adels, des »fidalgos de cota de armes«; immerhin gewährt diese Herkunft Magellan das Recht, ein eigenes Wappen zu führen und zu vererben, sowie den Zutritt zum königlichen Hof. Angeblich hat er schon in frühester Jugend der Königin Leonore als Page gedient, womit aber keinesfalls erwiesen ist, daß jemals in jenen anonymen Jahren seine Stellung bei Hofe eine sonderlich bedeutsame gewesen wäre. Denn als der »fidalgo« vierundzwanzigjährig in die Flotte eintritt, ist er nichts als ein gewöhnlicher »sobresaliente«, einer von den fünfzehnhundert subalternen Kriegsleuten, die zusammen mit Mannschaft und Schiffsjungen in der gleichen Schiffskammer essen, leben und schlafen, gerade nur einer von den »unbekannten Soldaten«, wie sie zu Tausenden in diesen Krieg um die Eroberung der Welt ausziehen, immer tausend, die zugrunde gehen, ein Dutzend, die das Abenteuer überleben, und immer nur ein einziger, der den unsterblichen Ruhm ihrer gemeinsamen Tat an sich reißt.

Magellan ist auf dieser Fahrt einer von Fünfzehnhundert und nicht mehr. Vergeblich sucht man seinen Namen in den Chroniken des indischen Kriegs, und nicht viel anderes kann man ehrlich von all diesen Jahren aussagen, als daß sie unvergleichliche Lehrjahre für den künftigen Weltfahrer gewesen sein müssen. Ein Sobresaliente wird nicht heikel angefaßt und für alles verwendet; er muß Segel reffen im Orkan und an den Pumpen stehen, muß heute Sturm laufen gegen eine Stadt und morgen in der glühenden Sonne Sand schippen für den Festungsbau. Er muß Waren schleppen zum Tausch und Wacht halten in den Faktoreien, zu Fuß kämpfen und zu Schiff, das Senkblei handhaben können und das Schwert, gehorchen und befehlen. Aber an allem beteiligt, lernt er auch teilnehmen an allem und wird alles zugleich, Kriegsmann, Seemann, Kaufmann, Kenner der Menschen, der Länder, des Meeres und der Gestirne. Schließlich mengt diesen jungen Menschen schon früh das Schicksal in die großen Geschehnisse, welche die Weltgeltung seiner Nation und die Gestaltung der Erde für Jahrzehnte und Jahrhunderte begründen werden, denn nach einigen kleinen Gefechten, die mehr Plünderungen sind als redlicher Krieg, empfängt Magellan die eigentliche Feuertaufe in der Seeschlacht von Cannanore (16. März 1506).

Diese Schlacht von Cannanore stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der portugiesischen Eroberungsgeschichte dar. Der Zamorin von Calicut hatte Vasco da Gama bei seiner ersten Landung (1498) freundlich empfangen und sich bereit gezeigt, mit diesem unbekannten Volke Handel zu treiben. Aber bald hatte er erkennen müssen, daß die Portugiesen, als sie wenige Jahre später mit größeren und besser gerüsteten Schiffen wiederkehrten, offenkundiges Herrenrecht über ganz Indien anstrebten. Mit Schrecken sehen die indischen, die mohammedanischen Händler, welch ein gefräßiger Hecht da plötzlich in ihren stillen Karpfenteich eingebrochen ist, denn mit einem Hieb haben die Fremden sich aller Meere bemächtigt. Kein Schiff wagt sich mehr aus den Häfen aus Furcht vor diesen brutalen Piraten, der Gewürzhandel stockt, die Karawanen nach Ägypten bleiben aus; bis an den Rialto von Venedig spürt man, daß irgendwo eine harte Hand die Leitung durchschnitten haben muß. Der Sultan von Ägypten, dem seine Zölle fehlen, versucht es zunächst mit dringlicher Drohung. Er schreibt an den Papst, wenn die Portugiesen weiterhin wie Räuber im indischen Meere schalteten, würde er als Repressalie das Heilige Grab in Jerusalem zerstören. Aber weder der Papst noch irgendein Kaiser oder König haben mehr Gewalt über den imperialistischen Willen Portugals. So bleibt den Geschädigten nur übrig, sich zusammenzutun und rechtzeitig den Portugiesen in Indien Schach zu bieten, ehe sie sich endgültig festsetzen. Den Angriff bereitet der Zamorin von Calicut vor, im geheimen unterstützt vom Sultan von Ägypten und wohl auch von den Venezianern, die ihm – Gold ist immer dicker als Blut – unter der Hand Kanonengießer und Geschützmeister nach Calicut senden. Mit einem einzigen plötzlichen Schlag soll die christliche Flotte überfallen und vernichtet werden.

Aber oft entscheidet die Geistesgegenwart und Energie einer Hintergrundsfigur für Jahrhunderte Geschichte. Ein glücklicher Zufall rettet die Portugiesen. Durch die Welt wandert damals ein verwegener, durch seinen Mut und seine Frische gleich sympathischer italienischer Abenteurer namens Lodovico Varthema. Nicht Gier nach Gewinn, nicht Ehrgeiz treibt den jungen Menschen in die Ferne, sondern eine ganz ursprüngliche, urtümliche Wanderlust. Ohne falsche Scheu bekennt dieser geborene Vagant: »Weil von zu schwerem Begriff und abgeneigt, aus Büchern zu studieren«, habe er sich entschlossen, »zu versuchen, persönlich und mit eigenen Augen, die verschiedenen Orte der Welt zu besehen, weil ja doch die Berichte eines einzigen Augenzeugen mehr wert seien als alles Gerede vom Hörensagen her«. Als erster Ungläubiger schleicht sich der verwegene Varthema ein in die verbotene Stadt Mekka (sein Bericht ist noch immer die Standardbeschreibung der Kaaba geblieben) und gelangt nach vielen Fährlichkeiten nicht nur bis nach Indien, nach Sumatra und Borneo, das immerhin schon Marco Polo betreten hatte, sondern als erster Europäer (und dies wird für die Tat Magellans mitentscheidend sein) auf die vielgesuchten islas de la especeria. Auf dem Rückweg erhält der als mohammedanischer Mönch Verkleidete in Calicut von zwei christlichen Renegaten erste Kunde von dem geplanten Überfall des Zamorin auf die Portugiesen. Aus christlicher Solidarität flüchtet er unter äußerster Lebensgefahr zu den Portugiesen hinüber, und seine Warnung kommt glücklicherweise noch zurecht. Als am 16. März 1506 die zweihundert Schiffe des Zamorin die elf der Portugiesen unvorbereitet zu überfallen hoffen, stehen diese schon schlachtbereit. Es wird der schwerste Kampf, den der Vizekönig bisher bestanden; mit nicht weniger als achtzig Toten und zweihundert Verwundeten (eine riesige Zahl für die ersten Kolonialkriege) bezahlen die Portugiesen ihren Sieg – freilich einen Sieg, der ihnen endgültig die Herrschaft über die indischen Küsten sichert.

Unter den zweihundert Verwundeten befindet sich auch Magellan: wie immer ist es sein Schicksal in diesen dunklen Jahren, nur Wunden zu erhalten und keine Auszeichnung. Er wird zunächst mit den andern Blessierten nach Afrika hinübergeschafft; hier verliert sich seine Spur, denn wer führt Protokoll über Leben und Sterben eines einfachen Sobresaliente? Eine Zeitlang scheint er in Sofala geblieben zu sein, dann muß er auf irgendeine Weise als Begleiter eines Transports zurückbefördert worden sein; aller Wahrscheinlichkeit nach – an diesem Punkt widersprechen sich die Chronisten – ist er im Sommer 1507 auf demselben Schiff wie Varthema nach Lissabon heimgekehrt. Aber schon hat die Ferne über den Seefahrer Gewalt bekommen. Schon grüßt ihn Portugal fremd, und sein knapper Urlaub wird nur ein ungeduldiges Warten auf die nächste Indienflotte, die ihn zurückführt in seine eigentliche Heimat: das Abenteuer. Dieser neuen Flotte, mit der Magellan nach Indien zurückkehrt, steht eine besondere Aufgabe zu. Zweifellos hat sein illustrer Reisegefährte Lodovico Varthema bei Hof Bericht erstattet über den Reichtum der Stadt Malacca und genaue Mitteilungen gemacht über die vielgesuchten Gewürzinseln, die er als erster Europäer und Christ ipsis oculis gesehen. Dank seinen Informationen begreift man am portugiesischen Hofe, daß die Eroberung Indiens unvollständig bleiben muß und der volle Reichtum nicht gewonnen werden kann, solange man sich nicht der Schatzkammer aller Gewürze, der islas de la especeria, bemächtigt hat; dies aber setzt voraus, daß man zuerst den Schlüssel, der sie verschließt, die Meerenge und Stadt von Malacca in die Hand bekommt (das heutige Singapore, dessen strategische Bedeutung die Engländer nicht übersehen haben). Nach bewährtem heuchlerischen System wird aber nicht sogleich eine Kriegsflotte ausgesandt, sondern zunächst nur Lopez de Sequeira mit vier Schiffen beauftragt, sich vorsichtig an Malacca heranzutasten, das Terrain zu rekognoszieren und ausschließlich in der Maske eines friedlichen Händlers aufzutreten.

Ohne erwähnenswerten Zwischenfall erreicht die kleine Flotte im April 1509 Indien. Eine Fahrt nach Calicut, die knappe zehn Jahre vorher noch als unvergleichliche Heldentat Vasco da Gamas in Geschichte und Gedicht gefeiert wurde, vollbringt jetzt schon jeder portugiesische Handelskapitän. Von Lissabon bis Mombassa, von Mombassa bis Indien kennt man bereits jede Klippe, jeden Hafen; kein Pilot ist mehr nötig und kein »Meister der Astronomie«. Erst als Sequeira am 19. August vom Hafen von Cochin weiter Kurs nach Osten setzt, befahren die portugiesischen Schiffe wieder unbekannte Zonen.

Nach dreiwöchentlicher Reise, am 11. September 1509, nähern sich die Schiffe, die ersten Portugals, dem Hafen von Malacca. Bereits von ferne sehen sie, daß der wackere Varthema nicht gefabelt und übertrieben hat, wenn er berichtete, in diesem Hafen »landeten mehr Schiffe als in einem andern Orte der Welt«. Segel an Segel gereiht drängen sich große und kleine, weiße und bunte Barken und Dschunken und Praus malaiischer, chinesischer, siamesischer Herkunft an der breiten Reede zusammen. Denn geradezu zwanghaft ist durch seine natürliche Lage der aurea chersonesus, die Meerenge von Singapore, zum großen Umschlageplatz des Ostens ausersehen. Jedes Schiff, das von Osten nach Westen, von Norden nach Süden will, von Indien nach China, von den Molukken nach Persien, muß dieses Gibraltar des Ostens passieren. Alle Waren werden in diesem Stapelplatz gegeneinander getauscht, die molukkischen Gewürznelken und die Rubine Ceylons, das chinesische Porzellan und das Elfenbein aus Siam, die bengalischen Kaschmire und das Sandelholz von Timor, die arabischen Damaszenerklingen und der Pfeffer von Malabar und die Sklaven aus Borneo. Alle Rassen, alle Hautfarben und Sprachen wimmeln babylonisch durcheinander in diesem Handelsemporium des Ostens, in dessen Mitte sich mächtig über dem hölzernen Gewirr der niedern Häuser ein leuchtender Palast und eine steinerne Moschee erheben.

Staunend betrachten von ihren Schiffen die Portugiesen die mächtige Stadt, lüstern nach diesem in blendendem Sonnenlicht weiß funkelnden Juwel des Ostens, das als edelster Edelstein die indische Herrscherkrone Portugals schmücken soll. Staunend und beunruhigt betrachtet wiederum von seinem Palast aus der malaiische Fürst die fremden und gefährlichen Schiffe. Das sind sie also, die unbeschnittenen Banditen, endlich haben die Verfluchten auch nach Malacca den Weg gefunden! Längst schon hat sich über tausend und tausend Meilen die Nachricht von Almeidas und Albuquerques Schlachten und Schlächtereien verbreitet; man weiß in Malacca, daß diese furchtbaren Lusitaner nicht wie die siamesischen und japanischen Dschunkenführer nur zu friedlichem Tausch das Meer durchqueren, sondern heimtückisch auf den Augenblick warten, sich festzusetzen und alles zu rauben. Das Klügste wäre, diese vier Schiffe gar nicht in den Hafen zu lassen; haben Einbrecher einmal den Fuß in der Türe, so ist es zu spät. Aber der Sultan hat auch verbürgte Nachricht über die Wirkung jener schweren Kanonen, die mit schwarzem, schweigendem Mund von den Kastellen der portugiesischen Schiffe drohen, er weiß, diese weißen Räuber kämpfen wie die Teufel, man kann ihnen nicht widerstehen. Am besten darum, Lüge mit Lüge, falsche Freundlichkeit mit gespielter Gastlichkeit, Betrug mit Betrug zu erwidern und lieber selbst rechtzeitig zuzuschlagen, ehe sie die Pranke heben zum tödlichen Schlag.

Überschwenglich empfängt darum der Sultan von Malacca die Gesandten Sequeiras, mit übertreiblichem Dank nimmt er ihre Geschenke entgegen. Herzlich seien die Portugiesen willkommen, läßt er ihnen sagen, und sie mögen Handel treiben nach ihrem Belieben. In wenigen Tagen wolle er ihnen so viel an Pfeffer und andern Spezereien beschaffen, wie sie nur mitnehmen könnten. Liebenswürdig lädt er die Kapitäne in seinen Palast zum Mahle, und wenn diese Einladung – auf allerhand Warnungen hin – auch nicht angenommen wird, so schwärmen die Seeleute doch frei und vergnügt in der fremden, gastlichen Stadt. Wollust, endlich wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben, mit gefälligen Frauen sich freuen zu dürfen, endlich nicht mehr in der stinkenden Kajüte kampieren zu müssen oder in einem dieser dreckigen Dörfer, wo die Schweine und Hühner zwischen den nackten Menschentieren hausen. Plaudernd sitzen die Matrosen in den Teehäusern, sie kaufen auf den Märkten, sie ergötzen sich an den scharf gegorenen malaiischen Getränken und frischen Früchten: nirgendwo, seit sie Lissabon verließen, haben sie so herzlichen, so gastlichen Empfang gefunden. Zu Hunderten wieder rudern in ihren kleinen, geschwinden Booten die Malaien mit Lebensmitteln an die portugiesischen Schiffe heran, geschickt wie Affen klettern sie an den Tauen hinauf, bestaunen die fremden, nie gesehenen Dinge. Ein heiterer Tauschverkehr entwickelt sich, und ungern erfährt die Mannschaft, daß der Sultan bereits die verheißene Ladung bereitgestellt und Sequeira verständigt hat, er möge am nächsten Morgen alle Boote ans Ufer schicken, damit man die riesige Fracht noch vor Sonnenuntergang verladen könne.

Sequeira, erfreut über die rasche Beschaffung der kostbaren Waren, sendet tatsächlich alle Boote der vier großen Schiffe mit reichlicher Bemannung ans Land. Er selbst, als portugiesischer Edelmann Kaufmannsgeschäft unter seiner Würde erachtend, bleibt an Bord und spielt mit einem Kameraden Schach, das Klügste, was man an einem langweiligen heißen Tage auf einem Schiff zu tun vermag. Auch die andern drei großen Fahrzeuge liegen schläfrig still. Aber ein ungemütlicher Umstand fällt Garcia de Susa, dem Kapitän der kleinen Karavelle, die als fünftes Fahrzeug die Flotte begleitet, auf: nämlich daß immer größere Mengen malaiischer Boote die halbverlassenen vier Schiffe umschwärmen, daß unter dem Vorwand, Waren an Bord zu bringen, mehr und immer mehr dieser nackten Burschen die Schiffstaue hinaufklettern. Schließlich schöpft er Verdacht, am Ende werde hier zugleich zu Land und See von dem allzu freundlichen Sultan ein verräterischer Überfall vorbereitet.

Zum Glück hat die kleine Karavelle ihr eigenes Boot nicht mit ans Ufer gesandt; so gibt de Susa seinem verläßlichsten Mann Auftrag, schleunigst zum Admiralsschiff hinüberzurudern, um den Kapitän zu warnen. Dieser sein verläßlichster Mann ist niemand anderer als der Sobresaliente Magellan. Mit raschen, energischen Schlägen rudert er hinüber, findet den Kapitän Sequeira noch gemächlich beim Schachspiel. Aber Magellan will es nicht gefallen, daß mehrere Malaien, scheinbar als Zuschauer, im Rücken der beiden Spieler stehen, den immer bereiten Kris im Gürtel. Unauffällig flüstert er Sequeira seine Warnung zu. Dieser, um keinen Verdacht zu erregen, unterbricht geistesgegenwärtig das Spiel nicht. Aber er befiehlt einem Matrosen, vom Mastkorb Ausschau zu halten, und läßt von nun an während des Spiels die eine Hand nicht mehr vom Degen.

Die Warnung Magellans war im letzten, im allerletzten Augenblick gekommen. Eben in dieser Minute steigt vom Sultanspalast eine Rauchsäule auf, das verabredete Zeichen für den gleichzeitigen Überfall zu Land und See. Auf dem Schiff gibt der Matrose im Mastkorb glücklicherweise noch rechtzeitig Alarm. Mit einem Ruck springt Sequeira auf und schlägt die Malaien, ehe sie zustoßen können, zur Seite. Signal wird geblasen, die Mannschaft sammelt sich an Bord; auf allen Schiffen werden die eingedrungenen Malaien über Bord gestoßen, und vergeblich, daß jetzt von allen Seiten bewaffnete Praus auf die Schiffe losfahren, um sie zu entern: Sequeira hat Zeit gewonnen, die Anker zu lichten, und seine Kanonen schaffen ihm mit kräftigen Salven Luft. Dank der Wachsamkeit de Susas und der Promptheit Magellans ist der Anschlag auf die Schiffe mißlungen.

Schlimmer steht es um die Unglücklichen, die vertrauensvoll an Land gegangen sind, eine Handvoll unvorbereiteter, in den Straßen zerstreuter Männer gegen Tausende von tückischen Feinden. Die meisten Portugiesen werden sofort niedergeschlachtet, nur wenigen gelingt es, bis zum Strand hinzuflüchten. Jedoch zu spät schon: die Malaien haben sich bereits der Boote bemächtigt und damit den Rückzug auf die Schiffe unmöglich gemacht; einer nach dem andern von den Portugiesen unterliegt der Übermacht. Nur ein einziger, der Tapferste von allen, wehrt sich noch, Magellans nächster und brüderlichster Freund, Francisco Serrão. Schon ist er umringt, verwundet, schon scheint er verloren. Aber da ist Magellan in seinem kleinen Boot mit einem zweiten Soldaten bereits herangerudert, unerschrocken sein Leben wagend für den Freund. Mit ein paar wuchtigen Hieben schlägt er den von zehnfacher Übermacht Umringten heraus, reißt ihn in die kleine Zille und rettet ihm damit das Leben. Die portugiesische Flotte hat bei diesem vernichtenden Überfall ihre Boote und mehr als ein Drittel ihrer Mannschaft verloren, Magellan aber einen Blutsbruder gewonnen, dessen Freundschaft und Vertrauen entscheidend sein wird für seine künftige Tat.

Das erste Mal bei diesem Anlaß zeichnet sich in dem noch ganz verschatteten Wesensbilde Magellans ein persönlicher Charakterzug ab: seine mutige Entschlossenheit. Es ist nichts Pathetisches in seiner Natur, nichts Auffälliges in seinem Wesen, und man versteht, daß ihn so lange alle Chronisten des indischen Kriegs übersahen, denn Magellan war zeitlebens ein Mann der Verborgenheit. Er versteht nicht, sich bemerkbar, sich beliebt zu machen. Aber immer, wenn eine Aufgabe ihm gestellt ist, und noch mehr, wenn er selbst eine Aufgabe sich stellt, dann handelt dieser hintergründige und verborgene Mann mit einer blendenden Bindung von Klugheit und Mut. Nie dagegen versteht er, nachher seine Leistung auszunützen oder sich ihrer zu rühmen; still und geduldig tritt er wieder zurück in den Hintergrund. Er weiß zu schweigen, er weiß zu warten, als ahnte er, daß für die eigentliche Leistung, die ihm zu vollbringen auferlegt ist, das Schicksal ihm noch viele Jahre der Schulung und Prüfung vorbehalten hat. Bald nachdem er in Cannanore einen der größten Siege der portugiesischen Flotte und in Malacca eine ihrer schwersten Niederlagen kämpfend miterlebt hat, ist ihm eine neue Mutprobe in seiner harten Seemannslaufbahn zugedacht: ein Schiffbruch.

Schon war Magellan bestimmt, einen der regelmäßig mit dem Monsun heimkehrenden Gewürztransporte zu begleiten, da läuft die Galeone an der sogenannten Paduabank auf. Kein Menschenleben geht verloren, nur das Schiff zerschellt am Korallenriff in hundert Stücke, und da man die ganze Mannschaft auf den wenigen Booten nicht bergen kann, muß ein Teil der Schiffbrüchigen zurückbleiben. Selbstverständlich erheben der Kapitän, die Offiziere und Adelsleute Anspruch, zuerst auf den Booten zurückgebracht zu werden, und diese Bevorzugung erbittert die »grumetes«, die einfachen Matrosen. Schon droht gefährlicher Zwist, da erbietet sich von allen Adeligen Magellan, er wolle mit den Seeleuten zurückbleiben, falls die »capitanes y hidalgos« ihre Ehre verpfändeten, sie sofort nach ihrer Ankunft am Lande mit einem andern Schiffe abzuholen.

Diese seine tapfere Haltung scheint zum erstenmal das Oberkommando auf den »unbekannten Soldaten« aufmerksam gemacht zu haben. Denn als kurze Zeit später, im Oktober 1510, Albuquerque, der neue Vizekönig, die »capitanos del Rey«, die Kapitäne des Königs, um ihre Meinung befragt, wie man die Belagerung Goas unternehmen solle, ist auch Magellan unter den Sprechern verzeichnet. Damit scheint nach fünfjähriger Dienstzeit der Sobresaliente, der einfache Soldat und Matrose, endlich in den Offiziersrang aufgerückt, und als solcher wird er auch der Flotte Albuquerques zugeteilt, welche die schmähliche Niederlage, die Sequeira in Malacca erlitten hat, rächen soll.

So steuert nach zwei Jahren abermals Magellan dem fernen Osten, dem aurea chersonesus zu. Neunzehn Schiffe, eine ausgesuchte Kriegsflotte, reihen sich im Juli 1511 drohend vor dem Hafen von Malacca auf, und erbitterter Kampf beginnt gegen den verräterischen Gastfreund. Sechs Wochen dauert es, ehe Albuquerque den Widerstand des Sultans zu brechen vermag. Dann aber fällt den Plünderern eine Beute in die Hände, wie sie selbst in dem gesegneten Indien noch nie gewonnen ward; mit dem eroberten Malacca hält Portugal die ganze östliche Welt in der Faust. Endlich ist dem mohammedanischen Handel die Schlagader für immer durchschnitten, in wenigen Wochen blutet er völlig aus. Alle Meere von Gibraltar, den »Säulen des Herkules«, bis zur Enge von Singapore, dem aurea chersonesus, sind endgültig ein portugiesischer Ozean. Weit hinauf bis nach China und Japan und jubelnd zurück bis nach Europa rollt der nachhallende Donner dieses entscheidendsten Schlages, den der Islam seit undenklichen Zeiten erlitten. Vor den versammelten Gläubigen dankt der Papst mit öffentlichem Dankgebet für die herrliche Tat der Portugiesen, die dem Christentum die halbe Erde in die Hände gegeben, und Rom erlebt das Schauspiel eines Triumphs, wie seit den Zeiten der Cäsaren ihn das Caput mundi nicht mehr gesehen. Eine Gesandtschaft, geführt von Tristão de Cunha, bringt die Siegesbeute des eroberten Indien, kostbar gezäumte Pferde, Leoparden und Panther; das Hauptstück und Schaustück jedoch ist ein Elefant, den portugiesische Schiffe lebend herübergebracht haben und der unter dem Jubelgeschrei des ganzen Volkes dreimal hinkniet vor dem Heiligen Vater.

Aber selbst dieser Triumph genügt noch nicht dem unbändigen Expansionswillen Portugals. Nie in der Geschichte hat einen Sieger ein großer Sieg gesättigt; Malacca ist ja nur der Schlüssel zur Schatzkammer der especeria; nun sie ihn in Händen halten, wollen die Portugiesen an die eigentlichen Schätze heran und sich der sagenhaft reichen Gewürzinseln des Sunda-Archipels, der Inseln Amboina, Banda, Ternate und Tidore, bemächtigen. Drei Schiffe werden unter dem Kommando Antonio d'Abreus ausgerüstet, und einige der zeitgenössischen Chronisten nennen auch Magellans Namen unter den Teilnehmern jener Fahrt in den damals äußersten Osten der Erde. In Wirklichkeit aber ist Magellans indische Zeit um jene Stunde schon zu Ende. Genug! sagt das Schicksal zu ihm. Genug gesehen im Osten, genug erlebt! Auf neue Bahnen nun, auf eigene Bahnen! Gerade diese märchenhaften Gewürzinseln, von denen er sein Leben lang träumen wird, auf die er von nun an mit dem innern Blick wie verzaubert starrt, hat Magellan nie »por vista de ojos«, nie mit dem eigenen irdischen Auge sehen dürfen. Nie war es ihm gegeben, den Fuß auf diese eldoradischen Eilande zu setzen, ein bloßer Traum werden sie bleiben für ihn, sein schöpferischer Traum. Aber dank seiner Freundschaft mit Francisco Serrão sind diese niegesehenen Inseln ihm wie erlebte vertraut, und die seltsame Robinsonade seines Freundes ermutigt ihn zum größten und kühnsten Abenteuer seiner Zeit.

Dieses merkwürdige private Abenteuer Francisco Serrãos, das für Magellan und dessen spätere Weltfahrt so entscheidend sein wird, bildet eine wohltuend entspannende Episode inmitten der blutigen Chronik der portugiesischen Schlachten und Schlächtereien; unter allen jenen vielgerühmten Kapitänen verdient die Gestalt dieses unberühmten einen besonderen Blick. Nachdem er in Malacca von dem heimkehrenden Blutsfreund Magellan innigen Abschied genommen, steuert Francisco Serrão mit den Kapitänen der beiden andern Schiffe zu den sagenhaften Gewürzinseln. Ohne Mühe und Unfall erreichen sie den begrünten Strand und finden dort überraschend freundlichen Empfang. Denn bis in diese abseitigen Gestade sind die Mohammedaner weder mit ihrer Kultur noch mit ihrem Kriegswillen vorgedrungen: im Naturzustand, nackt und friedlich, lebt die Bevölkerung, noch kennt sie nicht bares Geld, noch fragt sie nicht viel nach besonderem Gewinn. Für ein paar Glöckchen und Armringe schleppen die naiven Insulaner gewaltige Lasten Gewürznelken heran, und da gleich auf den beiden ersten Inseln, in Banda und Amboina, die Portugiesen ihre Schiffe schon voll bis an den Rand laden können, beschließt der Admiral d'Abreu, die andern Gewürzinseln gar nicht mehr anzulaufen, sondern mit all seinen Schätzen schleunigst nach Malacca zurückzukehren.

Vielleicht hat Habgier die Schiffe zu schwer beladen; jedenfalls läuft eines, und zwar gerade dasjenige, welches Francisco Serrão befehligt, an eine Klippe und zerschellt; nur das nackte Leben können die Schiffbrüchigen noch retten. Verlassen irren sie am fremden Strand, und schon droht ihnen erbärmlicher Untergang, da gelingt es Serrão, durch einen listigen Streich, sich eines Piratenboots zu bemächtigen, auf dem er nach Amboina zurücksteuert. Ebenso freundlich wie vordem, da sie als große Herren gekommen waren, nimmt der Häuptling die Gestrandeten auf und bietet ihnen in großzügigster Weise Unterkunft (fueron recibidos y hospedados con amor, veneracion y magnificencia), so daß die Leute vor Glück und Dankbarkeit sich gar nicht zu fassen wissen. Nun wäre es selbstverständlich soldatische Pflicht des Kapitäns Francisco Serrão, kaum daß seine Mannschaft erholt und ausgerastet ist, unverzüglich in einer der vielen Dschunken, die ständig nach Malacca hinüberpendeln, zu seinem Admiral heimzukehren und sich wieder dem königlich portugiesischen Kriegsdienst zu stellen, dem er mit Eid und Sold verpflichtet ist.

Aber die paradiesische Landschaft, das warme, balsamische Klima lockern bedenklich bei Francisco Serrão das Gefühl für militärische Disziplin. Und mit einemmal wird es ihm höchst gleichgültig, ob irgendwo viele tausend Meilen weit im Palast von Lissabon ein König murrt oder knurrt und ihn aus der Liste seiner Kapitäne oder Pensionäre streicht. Er weiß, er hat genug für Portugal getan, oft genug seine Haut zu Markt getragen. Nun möchte er, Francisco Serrão, endlich einmal anfangen, das Leben dieses Francisco Serrão ebenso behaglich und unbekümmert zu genießen wie alle die andern kleiderlosen und sorglosen Menschen auf diesen seligen Eilanden. Mögen die andern Matrosen und Kapitäne weiter die Meere pflügen, Pfeffer und Zimt für fremde Makler mit ihrem Blut und Schweiß erkaufen, mögen sie weiter als loyale Narren in Gefahren und Schlachten roboten, nur damit die Alfanda von Lissabon mehr Zölle in die Kassen kriege – er persönlich, Francisco Serrão, ci-devant Kapitän der portugiesischen Flotte, hat genug von Krieg und Abenteuern und Gewürzgeschäften. Ohne große Feierlichkeit rückt der tapfere Kapitän aus der heroischen Welt ab in die idyllische und beschließt, fortan auf die ganz primitive, herrlich träge Weise dieses freundlichen Völkchens privatissime zu leben. Die hohe Würde des Großwesirs, mit der ihn der König von Ternate bedenkt, bedrückt ihn nicht sehr mit Arbeit; er hat nur gerade einmal bei einem kleinen Krieg seines Herrschers als militärischer Berater zu figurieren. Zur Belohnung dafür bekommt er aber ein eigenes Haus mit Sklaven und Dienern, außerdem eine hübsche braune Frau, mit der er zwei oder drei halbbraune Kinder zeugt.

Jahre und Jahre bleibt, ein anderer Odysseus, der sein Ithaka vergessen hat, Francisco Serrão in den Armen seiner dunkelhäutigen Kalypso, und kein Engel des Ehrgeizes vermag ihn mehr aus diesem Paradies des dolce far niente zu vertreiben. Neun Jahre bis zu seinem Tode hat dieser freiwillige Robinson, dieser erste Kulturflüchtling, die Sundainseln nicht mehr verlassen, von allen Konquistadoren und Capitanos der portugiesischen Heldenzeit nicht gerade der heroischeste, aber wahrscheinlich der klügste und auch der glücklichste.

Diese romantische Weltflucht Francisco Serrãos scheint zunächst ohne Bezug auf das Leben und die Leistung Magellans. In Wahrheit aber hat gerade der epikuräische Verzicht des einen kleinen und höchst unberühmten Kapitäns den allerentscheidendsten Einfluß auf Magellans Lebensgestaltung und damit auf die Geschichte der Weltentdeckung geübt. Denn über die riesige räumliche Ferne hinweg bleiben die beiden Blutsfreunde in ständiger Verbindung. Jedesmal, wenn sich Gelegenheit bietet, von seiner Insel aus eine Botschaft nach Malacca und von dort nach Portugal zu schicken, schreibt Serrão an Magellan ausführliche Briefe, die begeistert den Reichtum und die Annehmlichkeit seiner neuen Heimat rühmen. Wörtlich schreibt er: »Ich habe hier eine neue Welt gefunden, reicher und größer als die Vasco da Gamas«, dringend mahnt er, ganz umstrickt vom Zauber der Tropen, den Freund, endlich doch das undankbare Europa und den wenig einträglichen Dienst zu lassen und baldigst ihm nachzukommen. Und es ist kaum zu bezweifeln, daß es Francisco Serrão gewesen, der zuerst Magellan auf den Gedanken gebracht, ob es bei der fernöstlichen Lage dieser Inseln nicht rätlicher wäre, sie auf dem Wege des Columbus (von Westen her) statt auf jenem Vasco da Gamas (von Osten her) aufzusuchen.

Wie weit die Verhandlungen zwischen den beiden Blutsfreunden gingen, wissen wir nicht. Jedenfalls müssen die beiden irgend etwas Bestimmtes erwogen haben, denn nach dem Tode Serrãos fand sich unter seinen Papieren ein Brief Magellans, in dem dieser dem Freunde geheimnisvoll verspricht, baldigst nach Ternate zu kommen, und zwar »wenn nicht über Portugal, auf einem andern Wege«. Und diesen neuen Weg zu finden, ist der Lebensgedanke Magellans geworden.

Dieser eine Gedanke, ein paar Narben auf dem dunkelgebrannten Leib und schließlich ein malaiischer Sklave, den er in Malacca gekauft – diese drei Dinge sind so ziemlich alles, was nach sieben Jahren indischen Frontdienstes Magellan in seine Heimat zurückbringt. Ein sonderbares, vielleicht ein unwilliges Erstaunen muß es für den abgekämpften Soldaten gewesen sein, da er, 1512 endlich wieder landend, ein ganz anderes Lissabon, ein ganz anderes Portugal erblickt, als das er vor sieben Jahren verlassen. Schon bei der Einfahrt in Belem staunt er auf. Statt des alten niederen Kirchleins, das seinerzeit Vasco da Gamas Ausfahrt gesegnet, erhebt sich, endlich vollendet, die mächtige, prächtige Kathedrale, erstes sichtliches Zeichen des riesigen Reichtums, der mit dem indischen Gewürz seinem Vaterlande zugefallen. Jeder Blick zeigt rings Veränderung. Auf dem früher spärlich befahrenen Fluß drängt Segel an Segel, in den Werften am Ufer entlang hämmern die Werkleute, um nur rasch neue, nur rasch größere Flotten auszurüsten. Im Hafen wimpeln dicht gereiht, Mast neben Mast, inländische und ausländische Schiffe, überfüllt ist die Reede mit Waren, vollgepfropft lagern die Speicher, Tausende von Menschen eilen und lärmen auf den Straßen zwischen den großartigen neuaufgeführten Palästen. In den Faktoreien, an den Wechslerbänken und in den Maklerstuben wirbeln alle Sprachen Babels – dank der Ausbeutung Indiens ist Lissabon innerhalb eines Jahrzehnts aus einer Kleinstadt eine Weltstadt, eine Luxusstadt geworden. In offenen Karossen zeigen die Frauen des Adels ihre indischen Perlen, prächtig gewandet scharwenzelt ein riesiger Troß von Höflingen im Schloß, und der Heimgekehrte erkennt: sein und seiner Kameraden in Indien vergossenes Blut hat sich dank geheimnisvoller Chemie hier in Gold verwandelt. Während sie unter der unerbittlichen Sonne des Südens gekämpft, gelitten, entbehrt und geblutet haben, wurde Lissabon durch ihre Tat die Erbin Alexandrias und Venedigs, wurde Manoel »el fortunado« der reichste Monarch Europas. Alles ist daheim anders geworden, alles lebt in der alten Welt reicher, üppiger, genießerischer, verschwenderischer, als hätte das eroberte Gewürz, das erhandelte Gold die Sinne beschwingt – nur er kehrt wieder als derselbe, als der »unbekannte Soldat«, von niemandem erwartet, von niemandem bedankt, von niemandem begrüßt. Wie in eine Fremde kehrt nach sieben indischen Jahren der portugiesische Soldat Fernão de Magelhaes in seine Heimat zurück.

Magellan macht sich frei

Juni 1512 - Oktober 1517

Heroische Zeitalter sind und waren niemals sentimental, und kläglich geringen Dank haben von ihren Königen jene kühnen Konquistadoren erfahren, die für ihr Spanien oder Portugal ganze Welten eroberten. Columbus kehrt nach Sevilla in Ketten zurück, Cortez fällt in Ungnade, Pizarro wird ermordet, Nuñez de Baiboa, der Entdecker der Südsee, enthauptet; Camoens, der Kämpfer und Dichter Portugals, verbringt, von erbärmlichen Provinzbeamten verleumdet, gleich seinem großen Gefährten Cervantes, Monate und Jahre in einem Kerker, der nicht viel besser ist als ein Düngerhaufen. Gigantischer Undank des Zeitalters der Entdeckungen: als Bettler und Krüppel, verlaust, verwahrlost und fieberkrank werden in den Hafengassen von Cadiz und Sevilla dieselben zurückgekehrten Matrosen und Soldaten herumirren, die für Spaniens Kronschatz Montezumas Geschmeide und die Goldkammern der Inkas erbeutet haben, und wie räudige Hunde werden die wenigen, die der Tod in den Kolonien verschont, ruhmlos in der Heimat verscharrt. Denn was gilt die von diesen namenlosen Helden geleistete Tat den Höflingen, die selber nie den sichern Palast verlassen, wo sie mit geschickter Hand sich die Reichtümer zuspielen, die jene im Kampf erobert? Sie, die Drohnen des Palasts, werden die Adelantados, die Gouverneure der neuen Provinzen, sie sacken das Gold, und als lästige Eindringlinge in ihre Pfründenkrippe stoßen sie die Kolonialkämpfer, die Frontoffiziere jener Zeit, zur Seite, wenn sie nach Jahren der Aufopferung und Erschöpfung die Torheit begehen, zurückzukehren. Daß er zu Cannanore, in Malacca und in vielen andern Schlachten gekämpft hat, daß er dutzendmal sein Leben und seine Gesundheit für Portugals Ehre aufs Spiel gesetzt, gibt dem heimgekehrten Magellan nicht das geringste Anrecht auf würdige Beschäftigung oder Sicherung. Nur dem zufälligen Umstand, daß er adelig ist und schon vorher zum Haushalt des Königs (criaçao de el Rey) gehörte, verdankt er, daß man ihn gnädigst in die Liste der Pensions- oder vielmehr Almosenempfänger wieder einreiht, zunächst sogar in die allerletzte Rangreihe als Mozo fidalgo mit dem Bettel von tausend Reis im Monat. Erst nach einem Monat und wahrscheinlich nach heftiger Verwahrung rückt er eine kleine Stufe auf zum Fidalgo escudeiro mit achtzehnhundertfünfzig Reis (oder nach einer andern Mitteilung als »cavalleiro fidalgo« – mit 1250 Reis). Jedenfalls: welcher dieser Pfründnertitel auch der richtige gewesen sein mag, keiner war ein gewichtiger, denn keiner dieser pompösen Titel berechtigt oder verpflichtet Magellan zu etwas anderem als zu einem faulen Herumlungern in den königlichen Vorgemächern. Ein Mann von Ehre und Ambition wird nun selbst Nichtstun sich nicht mit einem solchen verächtlichen Bettelgehalt auf die Dauer bezahlen lassen. Und so ist es keineswegs überraschend, daß Magellan die erste, freilich nicht die beste, Gelegenheit benützen wird, sich neuerdings im Kriegsdienst zu beschäftigen und zu bewähren.

Beinahe ein Jahr muß Magellan warten. Aber kaum, daß im Sommer 1513 König Manoel eine große militärische Expedition gegen Marokko ausrüstet, um den piratischen Mauren endlich den Genickfang zu geben, meldet sich der Indienkämpfer sofort zur Armee – ein Entschluß, der nur aus Unzufriedenheit mit der ihm aufgezwungenen Untätigkeit zu erklären ist. Denn bei einem Landkriege kann Magellan, der fast immer zu Schiff gedient hat und in jenen sieben Jahren einer der erfahrensten Seefahrer seiner Zeit geworden ist, seine eigentlichen Gaben gar nicht zur Geltung bringen. Wiederum ist er inmitten der großen Armee, die nach Azamor entsendet wird, nichts als ein untergeordneter Offizier ohne Rang und selbständiges Kommando. Wieder wie in Indien steht sein Name nicht im Vordergrund der Berichte, seine Person jedoch genau wie in Indien im Vordergrund der Gefahr. Auch diesmal wird Magellan – nun schon zum drittenmal – im Nahkampf verwundet. Ein Lanzenstoß gegen das Kniegelenk verletzt den Nerv, und das linke Bein bleibt für immer schwerfällig und halb lahm.

Im Frontdienst ist ein Hinkemann, der nicht rasch gehen und nicht reiten kann, weiter nicht zu gebrauchen. Magellan könnte jetzt bequem von Afrika abrücken und als Verwundeter erhöhte Pension fordern. Aber er beharrt darauf, in der Armee, im Krieg, in der Gefahr zu bleiben, seinem wahren Element; so weist man dem Verwundeten gemeinsam mit einem andern Offizier die Stellung an, die mächtige Beute an Pferden und Vieh, die man den Mauren abgenommen hat, als Prisenoffizier, als quadileiro das preses, zu verwalten; hier ereignet sich nun ein Zwischenfall dunkler Art. Einige Dutzend Schafe verschwinden nachts aus den riesigen Hürden, und böswillig redet sich das Gerücht herum, Magellan und sein Kamerad hätten einen Teil der Beute den Mauren heimlich zurückverkauft oder durch Nachlässigkeit ermöglicht, daß sie ihr Vieh nachts aus den Pferchen holten. Sonderbarerweise ist diese erbärmliche Anschuldigung, Veruntreuung zuungunsten des Staates verübt zu haben, ganz genau die gleiche, mit der portugiesische Kolonialbeamte wenige Jahrzehnte später den andern ruhmreichsten Mann Portugals, den Dichter Camoens, verleumden und erniedrigen werden; beide Männer, denen sich jahrelang in Indien hunderterlei Möglichkeiten geboten, sich bei Plünderungen zu bereichern, und die beide bettelarm aus dem Eldorado nach Hause zurückgekehrt waren, werden durch denselben schimpflichen Verdacht in ihrer Ehre beschmutzt.

Nun ist glücklicherweise Magellan aus härterem Holz geschnitzt als der sanfte Camoens. Er denkt nicht daran, sich von derlei Kreaturen verhören und wie Camoens monatelang in Gefängnissen herumschleifen zu lassen. Nicht wie der Dichter der Lusiaden hält er weichmütig seinen Feinden den Rücken hin, sondern kaum daß sich das Gerücht verbreitet und noch ehe irgend jemand gewagt hat, ihn öffentlich anzuschuldigen, verläßt er die Armee und reist nach Portugal, um Genugtuung zu fordern.

Daß sich Magellan nicht im mindesten als Schuldiger in dieser dunklen Affäre empfand, beweist, daß er, kaum nach Lissabon zurückgekehrt, eine Audienz bei dem König anspricht, aber keineswegs, um sich zu verteidigen, sondern im Gegenteil: um im Vollbewußtsein seiner Leistung endlich würdigere Beschäftigung und bessere Bezahlung zu fordern. Abermals hat er zwei Jahre verloren, abermals in offener Schlacht eine Wunde empfangen, die ihn beinahe zum Krüppel macht. Doch er kommt schlimm an; König Manoel läßt dem energischen Gläubiger gar nicht Zeit, seine Ansprüche vorzubringen. Vom Oberkommando in Afrika bereits verständigt, daß dieser ungebärdige Kapitän eigenmächtig und ohne Urlaub anzufordern die Armee in Marokko verlassen habe, behandelt er den verdienten, den verwundeten Offizier wie einen gemeinen Fahnenflüchtigen. Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, befiehlt er Magellan kurz und knapp, auf der Stelle zu seinem Standort in Afrika zurückzukehren und sich vor allem seinem Oberkommandanten wieder zur Disposition zu stellen. Um der Disziplin willen muß Magellan gehorchen. Mit dem nächsten Schiff kehrt er nach Azamor zurück. Dort ist selbstverständlich von einer offenen Untersuchung keine Rede mehr, niemand wagt, den verdienten Soldaten zu beschuldigen, und mit der ausdrücklichen Bekräftigung des Kommandos, die Armee in Ehren verlassen zu haben, mit all den Dokumenten, die seine Unschuld und seine Verdienste bezeugen, kehrt Magellan zum zweitenmal nach Lissabon zurück – man mag sich denken, mit welchem Gefühl der Erbitterung! Statt Auszeichnungen hat er Verdächtigungen, statt Belohnungen immer nur Narben empfangen. Lange hat er geschwiegen und still sich im Hintergrund gehalten. Jetzt aber, fünfunddreißig Jahre alt, ist er müde, um sein Recht wie um ein Almosen zu bitten.

Klugheit müßte Magellan in so heiklem Falle gebieten, nicht gleich unmittelbar nach seiner Rückkehr zu König Manoel zu gehen und ihm mit derselben Forderung neuerdings ins Haus zu fallen. Gewiß wäre es ratsamer, jetzt eine Zeitlang stillzuhalten, im höfischen Kreise Verbindungen und Freunde zu suchen, sich umzutun und einzuschmeicheln. Aber Geschicklichkeit und Geschmeidigkeit waren nie Magellans Sache. So wenig wir von ihm wissen, dies bleibt gewiß, daß dieser dunkle, kleine, unauffällige und schweigsame Mann niemals ein Gran jener Begabung besessen hat, sich beliebt zu machen. Der König, man weiß nicht warum, war ihm zeitlebens feindlich gesinnt (»sempre teve hum entejo«), und selbst sein getreuer Begleiter Pigafetta muß eingestehen, daß die Offiziere ihn redlich haßten (»li capitani sui lo odiavano«). Es ging – wie die Rahel von Kleist sagt – »streng um ihn her«. Er wußte nicht zu lächeln, nicht liebenswürdig, nicht gefällig zu sein, nie auch seine Ideen, seine Gedanken mit Geschick zu vertreten. Ungesprächig, verschlossen, immer in eine Wolke von Einsamkeit gehüllt, muß dieser ewige Einzelgänger eine Atmosphäre von eisiger Kälte, von Ungemütlichkeit und Mißtrauen um sich verbreitet haben, denn wenige kamen ihm nur an die Haut und sein innerstes Wesen hat keiner gekannt. Unbewußt spürten seine Kameraden in seinem schweigsamen Im-Hintergrund-Bleiben einen Ehrgeiz anderer, dunklerer Art, der ihnen verdächtiger war als jener der offenen Stellenjäger, die sich hitzig und schamlos an die Krippe drängten. Etwas blieb ständig hinter seinen tiefliegenden, kleinen, kugelig harten Augen, hinter seinem umbuschten Mund unzugänglich versteckt, ein Geheimnis, in das er nicht blicken ließ; immer aber wird der Mensch, der ein Geheimnis in sich birgt und die Kraft hat, es jahrelang hinter den Zähnen zu verpressen, den natürlich Zutraulichen, den Geheimnislosen unheimlich. Von Anfang an hat Magellan aus dem Dunklen seines Wesens heraus sich Widerstand geschaffen. Es war nicht leicht, mit ihm und für ihn zu sein, und am schwersten vielleicht für diesen tragischen Einzelgänger, mit sich selbst so allein zu sein.

Auch dieses zweite Mal geht völlig allein, ohne jeden Protektor und Förderer, der Fidalgo escudeiro Fernão de Magelhaes zu seinem König in Audienz, den schlechtesten Weg wählend, den es bei Hofe gibt: den ehrlichen und geraden. König Manoel empfängt ihn im selben Räume, vielleicht von demselben Thronsessel herab, auf dem sein Vorgänger João II. dereinst Columbus abgefertigt: an gleicher Stelle erneuert sich eine gleich historische Szene. Denn der kleine, bauernhaft breitschultrige, derb untersetzte, schwarzbärtige Portugiese mit dem tiefen, verdeckten Blick, der jetzt vor seinem Herrscher sich verbeugt und den dieser gleich verächtlich entlassen wird, trägt keinen geringeren Gedanken in sich als jener landfremde Genuese; an Kühnheit, an Entschlossenheit und Erfahrung ist Magellan dem berühmteren Vorgänger vielleicht sogar überlegen. Zeuge jenes Schicksalsaugenblicks ist niemand gewesen, aber doch sieht man nach den übereinstimmenden Schilderungen der zeitgenössischen Chronisten durch die Ferne der Zeit bis in den Thronsaal hinein: mit seinem gelähmten Bein hinkt Magellan bis zum König heran und überreicht mit einer Verbeugung die Dokumente, welche unwiderleglich das Unrecht jener böswilligen Anschuldigung dartun. Dann stellt er seine erste Bitte: der König möge in Anbetracht seiner abermaligen Verwundung, die ihn kampfunfähig mache, sein Monatsgehalt, seine Moradia, um einen halben Crusado (etwa einen heutigen englischen Schilling) im Monat erhöhen. Es ist ein lächerlich geringfügiger Betrag, den er fordert, und wenig scheint es sich für den stolzen, harten, ehrgeizigen Mann zu ziemen, daß er um eines solchen Bettels willen das Knie zur Bitte beugt. Aber bei dieser Forderung geht es Magellan natürlich nicht um das eine Silberstück, um den halben Crusado, sondern um seinen Rang, um seine Ehre. Die Höhe der Moradia, der Pension, drückt an diesem Königshofe, wo einer den andern eifersüchtig mit dem Ellbogen zurückschieben will, sinnbildlich die Rangstufe aus, welche ein Edelmann im königlichen Haushalt einnimmt. Magellan, fünfunddreißig Jahre alt, Veteran des indischen und des marokkanischen Kriegs, will nicht länger hinter flaumbärtigen Bürschchen, die hier dem König die Mundschüssel hinhalten oder den Kutschenschlag öffnen, zurückstehen. Aus Stolz hat er sich nie vorgedrängt, aber der Stolz verbietet ihm auch, sich Jüngeren und Geringeren unterstellen zu lassen. Er will sich nicht niederer einschätzen lassen, als er sich und seine Leistung selber einschätzt.

Doch mit düster verärgerter Braue blickt König Manoel auf den ungeduldigen Petenten. Auch ihm, diesem reichsten Monarchen, geht es natürlich nicht um das armselige Silberstück. Ihn verdrießt nur die Art dieses Mannes, der, statt demütig zu bitten, ungestüm fordert, der durchaus nicht warten will, bis er, der König, ihm das Gehalt wie eine Gnade zuteilt, sondern der starr und bockig auf seiner Rangerhöhung wie auf einem Recht besteht. Nun, man wird diesem hartstirnigen Burschen das Warten und das Bitten schon beibringen! Unglücklich von seinem Ärger beraten, lehnt Manoel, sonst el fortunado, der Glückliche, zubenannt, Magellans Ansuchen auf Pensionserhöhung ab, ohne zu ahnen, wie viele tausend goldene Dukaten er für diesen ersparten halben Crusado bald wird zahlen wollen.

Eigentlich sollte Magellan jetzt zurücktreten, denn die verwölkte Stirn des Königs läßt keinen Sonnenstrahl höfischer Gunst mehr für ihn erwarten. Aber statt servil sich zu verbeugen und den Saal zu verlassen, bleibt Magellan, von seinem Stolz gehärtet, ruhig vor seinem Monarchen stehen und stellt die zweite Bitte, welche im letzten Grunde seine eigentliche ist. Er fragt, ob der König nicht irgendeine Stellung, eine würdige Beschäftigung in seinen Diensten für ihn habe; er fühle sich zu jung und zu tatkräftig, um lebenslänglich Almosenempfänger zu bleiben. Nun steuern aus Portugals Häfen damals allmonatlich und sogar allwöchentlich Schiffe nach Indien und Afrika und Brasilien; nichts wäre selbstverständlicher, als auf einem dieser vielen das Kommando einem Manne anzuvertrauen, der so gut wie nur irgendeiner die Meere des Ostens kennt. Niemand mit Ausnahme des alten Veteranen Vasco da Gama ist in dieser Stadt und im ganzen Reich, der sich rühmen dürfte, Magellan an Kenntnissen zu übertreffen. Aber König Manoel wird es immer unerträglicher, den harten, fordernden Blick dieses unangenehmen Querulanten zu fühlen. Er lehnt kalt ab, ohne Magellan auch nur für die Zukunft zu vertrösten: nein, er habe keine Stellung für ihn.

Erledigt. Abgetan. Aber Magellan stellt noch eine dritte Bitte, und diese ist eigentlich keine Bitte mehr, sondern bloß eine Frage. Magellan fragt, ob der König etwas dawider habe, wenn er Dienst suche in einem andern Lande, wo er hoffen dürfe, bessere Förderung zu erhalten. Und mit einer beleidigenden Kälte gibt ihm der König zu verstehen, daß ihm dies völlig gleichgültig sei. Er möge Dienst nehmen, wo er ihn bekomme und wo es ihm gefiele. Damit ist Magellan deutlichst dargetan, daß man auf jede Art seiner Betätigung am portugiesischen Hofe verzichtet, daß man zwar gnädigerweise das Almosen ihm noch weiterhin zuerkenne, aber höchlich einverstanden wäre, wenn er Land und Hof den Rücken kehrte.

Bei dieser Audienz ist niemand Zuhörer gewesen. Man weiß nicht, ob bei diesem Anlaß, ob bei einem früheren oder späteren Magellan dem König schon seinen eigentlichen, geheimen Plan unterbreitet hat. Vielleicht hat man ihm gar nicht Gelegenheit gegeben, seine Ideen zu entwickeln, vielleicht wurden sie kühl abgelehnt; jedenfalls hatte in dieser Audienz noch einmal Magellan den Willen bewiesen, wie bisher auch weiterhin Portugal mit seinem Blut, seinem Leben zu dienen. Erst die schroffe Zurückweisung zwingt ihm jene innere Entscheidung auf, wie sie im Leben eines schöpferischen Menschen unverweigerlich einmal fallen muß.

Magellan weiß in dem Augenblicke, da er wie ein abgewiesener Bettler den Palast seines Königs verläßt: er darf nun nicht länger warten und zögern. Mit fünfunddreißig Jahren hat er alles erlebt und erfahren, was ein Krieger, ein Seemann im Felde und auf dem Meere erlernen konnte. Viermal hat er das Kap umfahren, zweimal von Westen, zweimal von Osten. Unzähligemal ist er knapp vor dem Tode gestanden, dreimal hat er das kalte Metall feindlicher Waffe im warmen, blutenden Leibe gefühlt. Unermeßlich viel Welt hat er gesehen, er weiß mehr von dem Osten der Erde als alle berühmten Geographen und Kartographen seiner Zeit. Er ist durch fast zehnjährige Erprobung bewährt in jeder Technik des Kriegs, er ist geschult, das Schwert zu handhaben und die Arkebuse, das Steuer und den Kompaß, das Segel und die Kanone, das Ruder, den Spaten und die Lanze. Er kann Portolane lesen, das Senkblei führen und nicht minder exakt als ein »Meister der Astronomie« die nautischen Instrumente bedienen. Was andere nur neugierig in Büchern lesen, endlose Windstillen und vieltägige Zyklone, Seeschlachten und Landschlachten, Belagerungen und Plünderungen, Überfall und Schiffbruch, all das hat er mittätig erlebt. Er hat innerhalb eines Jahrzehnts in tausend Nächten und Tagen das Warten gelernt auf endlosen Meeren und dann wieder, die blitzende Sekunde der Entscheidung zu nutzen. Er ist vertraut geworden mit aller Art Menschen, gelben und weißen, schwarzen und braunen, Hindus und Negern und Malaien und Chinesen und Arabern und Türken. In allen Formen des Dienens, zu Wasser und zu Land, in allen Jahreszeiten und Meereszonen, im Frost und unter brennendem Himmel hat er seinem König, hat er seinem Lande gedient. Doch Dienen ist eine Sache der Jugend, und nun, nahe dem sechsunddreißigsten Jahr, entscheidet Magellan, daß er nun genug lang sich aufgeopfert hat fremden Interessen und fremdem Ruhm. Wie jeder schöpferische Mensch fühlt er media in vita das Verlangen nach Selbstverantwortlichkeit und Selbstverwirklichung. Das Vaterland hat ihn im Stich gelassen, die Bindung an Amt und Pflichten gelöst – um so besser: nun ist er frei. Wie so oft wirft die Faust, die einen Menschen zurückstoßen will, ihn in Wahrheit auf sich selber zurück.

Niemals äußert sich bei Magellan ein gefaßter Entschluß sofort augenfällig und impulsiv. So wenig Licht auch aus den zeitgenössischen Beschreibungen auf seinen Charakter fällt, diese eine und wesentliche Tugend bezeichnet sichtlich alle Phasen seines Lebens: daß Magellan wunderbar zu schweigen verstand. Weder ungeduldiger noch gesprächiger Natur, auch mitten im Tumult der Armee unauffällig und abseitig, hat Magellan seine Gedanken einzig mit sich allein durchgedacht. Auf weite Fristen hinaus blickend, jede Möglichkeit im stillen durchrechnend, ist Magellan nie mit einem Plan oder einem Entschluß vor die Menschen getreten, ehe er seine Idee nicht innerlich reif, durchdacht und unwiderleglich wußte.

Auch diesmal übt Magellan wunderbar seine Schweigekunst. Ein anderer hätte nach jener beleidigenden Abweisung durch König Manoel wahrscheinlich sofort das Land verlassen und einem andern Herrscher sich angeboten. Magellan aber bleibt gelassen noch ein ganzes Jahr lang in Portugal, und niemand ahnt, womit er sich beschäftigt. Höchstens merkt man – sofern dies überhaupt beachtenswert wäre bei einem alten Indienfahrer –, daß Magellan viel beisammensitzt mit Piloten und Kapitänen, und hauptsächlich mit jenen, die früher die Südsee befuhren. Aber wovon plaudern Jäger lieber als von der Jagd, wovon Seefahrer lieber als von der See und neuentdeckten Ländern? Auch daß er in der Tesoraria, dem Geheimarchiv König Manoels, alle Küstenkarten, die Portolane und die Logbücher der letzten Expeditionen nach Brasilien durchforscht, die dort als secretissima verwahrt werden, kann keinen Verdacht erregen; was denn sollte ein unbeschäftigter Schiffskapitän in seiner vielen freien Zeit studieren als die Bücher und die Berichte über die neuentdeckten Länder und Meere?

Auffälliger wäre eher eine neue Freundschaft, die Magellan schließt. Denn dieser Mann, Ruy Faleiro, mit dem er sich immer enger zusammentut, scheint als fahriger, nervöser, aufbrausender Intellektueller mit seiner heftigen Suada, seinem überhitzten Selbstbewußtsein, seiner zänkischen Natur am allerwenigsten zu dem schweigsamen, beherrschten, undurchdringlichen Seemann und Kriegsmann zu passen. Aber die Begabungen dieser beiden Männer, die man bald unzertrennlich beisammen sieht, ergeben gerade dank ihrer polaren Gegensätzlichkeit eine gewisse – notwendigerweise kurzfristige – Harmonie. Wie für Magellan das Seeabenteuer und die praktische Durchforschung der irdischen Welt, so ist für Faleiro die abstrakte Erd- und Himmelskunde innerste Leidenschaft. Als reiner Theoretiker, als echter Stubengelehrter, der nie ein Schiff betreten, nie Portugal verlassen hat, kennt Ruy Faleiro die fernen Bahnen des Himmels und der Erde nur aus Kalkulationen, Büchern, Tabellen und Karten; in dieser abstrakten Sphäre allerdings, als Kartograph und Astronom, gilt er als höchste Autorität. Er kann kein Segel setzen, aber er hat ein eigenes System der Längenberechnung erfunden, das, wenn auch fehlerhaft, die ganze Erdkugel umspannt und Magellan späterhin entscheidende Dienste leisten wird. Er kann kein Steuer handhaben, aber die von ihm angefertigten Seekarten, Portolane, Astrolaben und andern Instrumente scheinen als nautische Hilfsmittel die besten seiner Zeit gewesen zu sein. Von einem solchen Fachmann kann Magellan, der ideale Praktiker, dessen Universität einzig der Krieg und das Abenteuer gewesen, der von Himmelskunde und Erdkunde nur weiß, was er im wörtlichsten Sinne er-fahren, das heißt auf seinen Fahrten und durch diese Fahrten erlernt hat, unermeßlich viel Nutzen haben. Gerade weil vollkommen polar in ihren Begabungen und Neigungen, ergänzen sich diese beiden Menschen so außerordentlich glücklich wie immer das Kombinatorische mit dem Experimentellen, der Gedanke mit der Tat, der Geist mit der Materie.

Dazu aber kommt in diesem besonderen Falle noch die zeitliche Schicksalsgemeinschaft. Beide diese – jeder in anderm Sinne – außerordentlichen Portugiesen sind in ihrem Selbstbewußtsein von ihrem Landesherrn tief gekränkt und in der Verwirklichung ihrer Lebensleistung gehindert worden. Ruy Faleiro strebt seit Jahren die Stellung eines königlichen Astronomen an, und zweifellos hätte niemand in Portugal berechtigteren Anspruch. Jedoch wie Magellan durch seinen schweigsamen Stolz, scheint Ruy Faleiro den Hof durch seine heftige, nervöse, leicht beleidigte und rasch aufbrausende Art verärgert zu haben. Einen Narren nennen ihn seine Feinde und verbreiten sogar, um sich seiner durch die Inquisition zu entledigen, den Verdacht, Faleiro bediene sich bei seinen Arbeiten übernatürlicher Geisterkräfte, er stehe mit dem Teufel im Bunde. Beide, Magellan und Ruy Faleiro, sehen sich also in der eigenen Heimat von Haß und Mißtrauen zurückgedrängt, und dieser äußere Druck von Mißtrauen und Haß treibt Magellan und Faleiro innerlich zusammen. Faleiro studiert Magellans Mitteilungen und Pläne. Er gibt ihnen den wissenschaftlichen Überbau, und seine Kalkulationen bestätigen, was Magellan rein gefühlshaft vermutete, mit genauen und tabellarischen Berechnungen. Und je mehr nun der Theoretiker und der Praktiker ihre Wahrnehmungen vergleichen, desto leidenschaftlicher wird ihr Entschluß, ein bestimmtes Projekt ebenso gemeinsam zu verwirklichen, wie sie es gemeinsam durchdacht und geformt haben. Mit Ehre und Eid verpflichten sich dann noch Theoretiker und Praktiker gegeneinander, bis zum entscheidenden Augenblick der Realisierung gegen jedermann das Geheimnis ihres Vorhabens zu wahren und notfalls auch ohne ihr Vaterland und gegen ihr eigenes Vaterland eine Tat zu vollbringen, die nicht bloß einem einzigen Lande, sondern der ganzen Menschheit gehören soll.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
310 s.
ISBN:
9783754183670
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar