Kitabı oku: «Ungeduld des Herzens / Нетерпение сердца», sayfa 3
Die ersten zwei, drei Minuten fühle ich mich noch herzlich unbehaglich. Niemand vom Regiment ist da, kein Kamerad, kein Bekannter, und nicht einmal jemand von den Honoratioren des Städtchens – ausschließlich fremde, stockfremde Menschen. Hauptsächlich scheinen es Gutsbesitzer aus der Umgebung zu sein mit ihren Frauen und Töchtern oder Staatsbeamte. Aber nur Zivil, Zivil, keine andere Uniform als die meine! Mein Gott, wie soll ich ungeschickter, scheuer Mensch mit diesen unbekannten Leuten Konversation machen? Glücklicherweise hatte man mich gut placiert. Neben mir sitzt das braune, übermütige Wesen, die hübsche Nichte, die damals meinen bewundernden Aufblick in der Konditorei doch bemerkt zu haben scheint, denn sie lächelt mir freundlich wie einem alten Bekannten zu. Sie hat Augen wie Kaffeebohnen, und wirklich, es knistert, wenn sie lacht, wie Bohnen beim Rösten. Sie hat entzückende, kleine, durchleuchtende Ohren unter dem dichten schwarzen Haar: wie rosa Zyklamen mitten im Moos, denke ich. Sie hat nackte Arme, weich und glatt; wie geschälte Pfirsiche müssen sie sich anfühlen.
Es tut wohl, neben einem so hübschen Mädchen zu sitzen, und daß sie mit einem vokalischen ungarischen Akzent spricht, macht mich beinahe verliebt. Es tut wohl, in einem so funkelnd hellen Raum an einem so vornehm gedeckten Tisch zu tafeln, hinter sich livrierte Diener, vor sich die schönsten Speisen. Auch meine Nachbarin zur Linken, die wieder mit leicht polnischem Tonfall redet, scheint mir, wenn auch schon etwas massiv, eigentlich appetissant. Oder macht das nur der Wein, der goldhelle, dann wieder blutdunkle und jetzt champagnerperlende Wein, den von rückwärts her die Diener mit ihren weißen Handschuhen aus silbernen Karaffen und breitbäuchigen Flaschen geradezu verschwenderisch einschenken? Wahrhaftig, der wackere Apotheker hat nicht geflunkert. Bei Kekesfalvas geht es zu wie bei Hof. Ich habe noch nie so gut gegessen, nie mir überhaupt träumen lassen, daß man so gut, so nobel, so üppig essen kann. Immer köstlichere und kostbarere Gerichte schweben auf unerschöpflichen Schüsseln heran; blaßblaue Fische, von Lattich gekrönt, mit Hummerscheiben umrahmt, schwimmen in goldenen Saucen, Kapaune reiten auf breiten Sätteln von geschichtetem Reis, Puddinge flammen in blaubrennendem Rum, Eisbomben quellen farbig und süß auseinander, Früchte, die um die halbe Welt gereist sein müssen, küssen einander in silbernen Körben. Es nimmt kein Ende, kein Ende und zum Schluß noch ein wahrer Regenbogen von Schnäpsen, grün, rot, weiß, gelb, und spargeldicke Zigarren zu einem köstlichen Kaffee!
Ein herrliches, ein zauberisches Haus – gesegnet sei er, der gute Apotheker! – ein heller, ein glücklicher, ein klingender Abend! Ich weiß nicht, fühle ich mich nur deshalb so aufgelockert und frei, weil rechts und links und gegenüber nun auch die andern glitzernde Augen und laute Stimmen bekommen haben, weil sie gleichfalls alles Nobeltun vergessen, munter drauflos und durcheinander reden – jedenfalls, meine sonstige Befangenheit ist weg. Ich plaudere ohne die geringste Hemmung, ich hofiere beiden Nachbarinnen zugleich, ich trinke, lache, blicke übermütig und leicht, und wenn es nicht immer Zufall ist, daß ich ab und zu mit der Hand an die schönen, nackten Arme Ilonas (so heißt die knusprige Nichte) streife, so scheint sie dies leise Angleiten und Ausgleiten keineswegs krummzunehmen, auch sie entspannt, beschwingt, gelockert wie wir alle von diesem üppigen Fest.
Allmählich fühle ich – ob das nicht doch der ungewohnt herrliche Wein macht, Tokaier und Champagner quer durcheinander? – eine Leichtigkeit über mich kommen, die an Übermut und fast an Unbändigkeit grenzt. Nur etwas fehlt mir noch zum vollen Glücklichsein, zum Schweben, zum Hingerissensein, und was dies war, nach dem ich unbewußt verlangte, wird mir schon im nächsten Augenblick herrlich klar, als plötzlich von einem dritten Raume her, hinter dem Salon – der Diener hatte unmerklich die Schiebetüren wieder aufgetan – gedämpfte Musik einsetzt, ein Quartett, und gerade die Musik, die ich mir innerlich wünschte, Tanzmusik, rhythmisch und weich zugleich, ein Walzer, von zwei Violinen getragen, von einem dunklen Cello schwermütig getönt; dazwischen taktiert eindringlich mit scharfem Staccato ein Klavier. Ja, Musik, Musik, nur sie hat noch gefehlt! Musik jetzt und vielleicht dazu tanzen, einen Walzer, sich schwingen, sich fliegen lassen, um die innere Leichtigkeit seliger zu empfinden! Und wirklich, diese Villa Kekesfalva muß ein Zauberhaus sein, man braucht nur zu träumen, und schon ist der Wunsch erfüllt. Wie wir jetzt aufstehen und die Sessel rücken und Paar an Paar – ich reiche Ilona den Arm und fühle wieder die kühle, weiche, üppige Haut – in den Salon hinübergehen, sind alle Tische heinzelmännisch weggeräumt und die Sessel rings an die Wand gestellt. Glatt, blank, braun spiegelt das Parkett, himmlische Eisbahn des Walzers, und von dem Nebenraum her animiert unsichtbar die Musik.
Ich wende mich zu Ilona. Sie lacht und versteht. Ihr Auge hat schon »Ja« gesagt, schon wirbeln wir, zwei Paare, drei Paare, fünf Paare über das glatte Parkett, indes die Behutsameren und Älteren zuschauen oder plaudern. Ich tanze gern, ich tanze sogar gut. Verschlungen schweben wir hin, ich glaube, ich habe nie besser getanzt in meinem Leben. Bei dem nächsten Walzer bitte ich meine andere Nachbarin; auch sie tanzt ausgezeichnet, und ich atme, zu ihr hinabgebeugt, mit einer leichten Betäubung das Parfüm ihres Haars. Ach, sie tanzt wunderbar, alles ist wunderbar, ich bin so glücklich wie seit Jahren nicht. Ich weiß nicht mehr recht aus und ein, ich möchte am liebsten alle umarmen und jedem etwas Herzliches, etwas Dankbares sagen, so leicht, so überschwenglich, so selig jung empfinde ich mich. Ich wirble von einer zur andern, ich spreche und lache und tanze und spüre, hingerissen in dem Geström meiner Beglückung, nicht die Zeit.
Da plötzlich – ich blicke zufällig auf die Uhr: halb elf – fällt mir zu meinem Schrecken ein: jetzt tanze und spreche und spaße ich schon fast eine Stunde herum und habe, ich Lümmel, noch gar nicht die Haustochter aufgefordert! Nur mit meinen Nachbarinnen und zwei, drei andern Damen, gerade denen, die mir am besten gefielen, habe ich getanzt und die Haustochter total vergessen! Welche Flegelei, ja, welcher Affront! Nun aber fix, das muß sofort repariert werden!
Doch zu meinem Schrecken kann ich mich überhaupt nicht mehr genau erinnern, wie das Mädchen aussieht. Nur einen Augenblick lang habe ich mich ja vor ihr verbeugt, als sie schon bei Tisch saß; ich entsinne mich bloß an irgend etwas Zartes und Fragiles und dann an ihren raschen grauen Neugierblick. Aber wo steckt sie denn? Als Haustochter kann sie doch nicht weggegangen sein? Unruhig mustere ich die ganze Wand entlang alle Frauen und Mädchen: keine will ihr gleichen. Schließlich trete ich in das dritte Zimmer, wo, von einem chinesischen Paravent verdeckt, das Quartett spielt, und atme entlastet auf. Denn da sitzt sie ja – bestimmt, sie ist es zart, dünn, in ihrem blaßblauen Kleid zwischen zwei alten Damen in der Boudoirecke hinter einem malachitgrünen Tisch, auf dem eine flache Schale mit Blumen steht. Sie hält den schmalen Kopf ein wenig gesenkt, als horchte sie ganz in die Musik hinein, und gerade an dem heißen Inkarnat der Rosen werde ich gewahr, wie durchsichtig blaß ihre Stirn schimmert unter dem schweren braunrötlichen Haar. Aber ich lasse mir keine Zeit zu müßiger Betrachtung. Gott sei Dank, atme ich innerlich auf, daß ich sie aufgespürt habe. So kann ich mein Versäumnis noch rechtzeitig nachholen.
Ich gehe auf dem Tisch zu, nebenan knattert die Musik, und verbeuge mich zum Zeichen höflicher Aufforderung. Ein befremdetes Auge starrt überrascht zu mir auf, die Lippen bleiben halb offen mitten im Wort. Aber sie macht keinerlei Bewegung, mir zu folgen. Hat sie nicht verstanden? Ich verbeuge mich also nochmals, meine Sporen klimpern leise mit: »Darf ich bitten, gnädiges Fräulein?«
Aber was jetzt geschieht, ist furchtbar. Der vorgebeugte Oberkörper fährt mit einem Ruck zurück, als wollte er einem Schlage ausweichen; gleichzeitig stürzt von innen ein Guß von Blut in die bleichen Wangen, die eben noch offenen Lippen pressen sich scharf ineinander, und nur die Augen starren unbeweglich auf mich mit einem solchen Ausdruck von Schrecken, wie er mir noch nie im Leben entgegengefahren ist. Im nächsten Augenblick geht durch den ganzen aufgekrampften Körper ein Ruck. Sie stemmt sich, stützt sich mit beiden Händen am Tisch empor, daß die Schale darauf klappert und klirrt, gleichzeitig fällt etwas hart von ihrem Fauteuil auf den Boden, Holz oder Metall. Noch immer hält sie sich mit beiden Händen an dem wankenden Tisch fest, noch immer schüttert es diesen kindleichten Leib durch und durch; aber trotzdem, sie flüchtet nicht weg, sie klammert sich nur noch verzweifelter an die schwere Tischplatte. Und immer wieder dieses Schüttern, dieses Zittern von den angekrampften Fäusten bis hinauf ins Haar. Und plötzlich bricht es heraus: ein Schluchzen, wild, elementar wie ein erstickter Schrei.
Aber schon sind von rechts und links die beiden alten Damen um sie herum, schon fassen, streicheln, umschmeicheln, beschwichtigen sie die Bebende, schon lösen sie ihre Hände, die angekrampften, sanft vom Tisch, und sie fällt wieder in den Fauteuil zurück. Doch das Weinen hält an; eher vehementer wird es, wie ein Blutsturz, wie ein heißes Erbrechen fährt es in einzelnen Stößen immer wieder zuckend heraus. Wenn die Musik hinter dem Paravent (die all das überlärmt) nur einen Augenblick innehält, muß man das Schluchzen bis in den Tanzraum hinüberhören.
Ich stehe da, vertölpelt, erschreckt. Was – was ist denn geschehen? Ratlos starre ich zu, wie die beiden alten Damen die Schluchzende zu beruhigen suchen, die jetzt in erwachender Scham ihren Kopf auf den Tisch geworfen hat. Aber immer wieder neue Stöße von Weinen laufen, Welle nach Welle, den schmalen Leib bis hinauf in die Schultern, und bei jedem dieser jähen Stöße klirren die Schalen mit. Ich aber stehe gleich ratlos da, Eis in den Gelenken, gewürgt von meinem Kragen wie von einem heißen Strick.
»Verzeihung«, stottere ich schließlich halblaut in die leere Luft und trete – beide Frauen sind um die Schluchzende beschäftigt, keine hat einen Blick für mich – ganz taumlig in den Saal zurück. Hier hat anscheinend noch niemand etwas bemerkt, stürmisch drehen sich die Paare, und ich spüre, daß ich mich an dem Pfosten halten muß, so schwingt der Raum um mich her. Was ist geschehen? Habe ich etwas angestellt? Mein Gott, am Ende habe ich bei Tisch zu viel, zu rasch getrunken und jetzt in der Benommenheit einen Blödsinn getan!
Da stoppt die Musik, die Paare lösen sich. Mit einer Verbeugung gibt der Bezirkshauptmann Ilona frei, und sofort stürze ich auf sie zu und schleppe die Aufstaunende fast gewaltsam beiseite: »Bitte helfen Sie mir! Um Himmels willen, helfen Sie, erklären Sie mir!«
Offenbar hatte Ilona erwartet, ich hätte sie zum Fenster gedrängt, um ihr etwas Lustiges zuzuflüstern, denn ihre Augen werden plötzlich hart: anscheinend muß ich mitleiderregend oder erschreckend ausgesehen haben, in meiner Aufgeregtheit. Mit fliegenden Pulsen erzähle ich alles. Und sonderbar: mit dem gleichen krassen Entsetzen im Blick wie jenes Mädchen drinnen fährt sie mich an:
»Sind Sie wahnsinnig geworden …? Wissen Sie denn nicht …? Haben Sie denn nicht gesehen …?«
»Nein«, stottere ich, vernichtet von diesem neuen und ebenso unverständlichen Entsetzen. »Was gesehen? … Ich weiß doch nichts. Ich bin doch zum erstenmal hier im Hause.«
»Haben Sie denn nicht bemerkt, daß Edith … lahm ist …? Nicht ihre armen verkrüppelten Beine gesehen? Sie kann sich doch keine zwei Schritte ohne Krücken fortschleppen … und Sie … Sie Roh…« – (sie unterdrückt rasch ein Zornwort) – »… Sie fordern die Arme zum Tanz auf … oh, entsetzlich, ich muß gleich hinüber zu ihr …«
»Nein« – (ich packe Ilona in meiner Verzweiflung am Arm) – »einen Augenblick noch, einen Augenblick … Sie müssen mich bei ihr entschuldigen. Ich konnte doch nicht ahnen … ich habe sie nur bei Tisch gesehen, nur eine Sekunde lang … Bitte erklären Sie ihr doch …«
Aber schon hatte Ilona, Zorn im Blick, ihren Arm befreit, schon läuft sie hinüber. Ich stehe mit gewürgter Kehle, Übelkeit im Mund, an der Schwelle des Salons, der wirbelt und schwirrt und schwatzt mit seinen (mir plötzlich unerträglichen) unbefangen plaudernden, lachenden Menschen, und denke: fünf Minuten noch, und alle wissen von meiner Tölpelei. Fünf Minuten, dann tappen und tasten höhnische, mißbilligende, ironische Blicke von allen Seiten mich an, und morgen läuft, von hundert Lippen zerschmatzt, der Schwatz über meine rohe Ungeschicklichkeit durch die ganze Stadt, frühmorgens schon mit der Milch abgelagert an den Haustüren, dann breitgeschwenkt in den Gesindestuben und weitergetragen in die Kaffeehäuser, die Ämter. Morgen weiß man’s in meinem Regiment.
In diesem Augenblick sehe ich wie durch einen Nebel den Vater. Mit einem etwas bedrückten Gesicht – weiß er schon? – kommt er eben quer durch den Saal. Geht er am Ende auf mich zu? Nein – nur ihm jetzt nicht begegnen! Eine panische Angst packt mich plötzlich vor ihm und vor allen. Und ohne recht zu wissen, was ich tue, stolpere ich zur Tür, die hinausführt in die Hall, hinaus aus diesem höllischen Haus.
»Wollen uns Herr Leutnant schon verlassen?« staunt mit respektvoll zweifelnder Geste der Diener.
»Ja«, antworte ich und erschrecke bereits, wie das Wort mir vom Munde fährt. Will ich denn wirklich weg? Und im nächsten Augenblick, da er den Mantel vom Haken holt, ist mir schon klar bewußt, daß ich jetzt mit meinem feigen Davonlaufen eine neue und vielleicht noch unentschuldbarere Dummheit begehe. Jedoch es ist schon zu spät. Ich kann ihm den Mantel nicht jetzt mit einmal wieder zurückgeben, ich kann nicht wieder, indes er mir schon die Haustür mit knapper Verbeugung öffnet, zurück in den Saal. Und so stehe ich plötzlich vor dem fremden, dem verfluchten Haus, den Wind kalt im Gesicht, das Herz heiß von Scham und den Atem gekrampft wie ein Erstickender.







