Kitabı oku: «Feiertage und andere Katastrophen»
Feiertage und andere Katastrophen
Phantastische Geschichten
Stefanie Grimm
© 2018 Begedia Verlag
© 2018 Stefanie Grimm
Umschlagbild — Atelier Tag Eins, www.tageins.de
eBook-Bearbeitung — Harald Giersche
ISBN-13 — 978-3-95777-121-6 (epub)
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1. (rumänisches) Frühlingsfest – Festivalul Primăverii
»Vegetarier? Vegetarier! Warum nicht gleich Veganer!« Onkel Theobalds Faust landete so heftig auf dem schweren Eichentisch, dass Tante Edeltrauds gute Kristallgläser beängstigend hohe Sprünge taten. Ich beobachtete fasziniert, wie die rote Flüssigkeit, einem sturmgepeitschten Ozean gleich, in den edlen Kelchen hin- und herschwappte. Dem Nachthimmel sei Dank ohne die blütenweiße Tischdecke zu bekleckern. Tante Edeltraud legte größten Wert auf gute Etikette. Wären die Gläser umgekippt, hätte sie uns ganz schön in die Sonne gestellt. Blutflecken ließen sich so schlecht auswaschen. Onkel Theobald war im Grunde sehr verständig. Deswegen wollte ich ihn als Ersten in meine Pläne einweihen.
»Junge! Hast du dir das auch wirklich überlegt?« Theobald raufte sich sein schütteres Haar, strich es wieder glatt und erhob sich. Er ging zum Erkerfenster und starrte in die tiefdunkle Nacht. Gleich würde der Rest der Familie zum Frühstück heraufkommen. Mein Onkel war Frühaufsteher und auch meine Tante war wie immer schon in der Küche, hatte den Morgentrunk gepresst und hörte gerade die zwanzig Uhr Nachrichten. Mir blieben noch zehn Minuten, um Onkel Theobald auf meine Seite zu bringen.
»Mir hat es eigentlich nie geschmeckt und daher dachte ich ...«, versuchte ich eine Erklärung.
Onkel Theodor drehte sich abrupt um. »Geschmeckt? Papperlapapp. Das ist doch unwichtig. Geschmack ist etwas für Warmbluttrinker. Das liegt an dem modernen Fernsehen, das ihr Grünschnäbel immer schaut. Ich war dagegen, so etwas für unser Haus anzuschaffen. Und jetzt kommst du daher mit so einem neumodischen Ferz.«
Theobald trat wieder an den Tisch, griff sich einen der mit dunkelrotem Samt bezogenen Stühle und setzte sich rittlings darauf. Der Tadel seiner Frau war ihm gewiss. »Thomas, du bist erst knapp 150 Jahre alt. Das ist doch nur so eine Laune. Die hat jeder mal. Das geht vorbei.« Onkel Theobald versuchte es jetzt mit Herunterspielen. Mit dieser Taktik hatte ich gerechnet. Aber da gab es nichts herunterzuspielen und es war wirklich keine Laune.
Jetzt waren es nur noch fünf Minuten.
»Nein. Ich meine es ernst. Bluternst. Ich habe schon lange darüber nachgedacht. Es ist mir wirklich, wirklich wichtig.«
Theobald sah mich direkt an. Der Blick aus seinen dunkelroten Augen drang tief in mich. Das Ticken der Standuhr wurde unerträglich. Er schüttelte ganz leicht den Kopf. »Du willst dich also wirklich selber ausstoßen? Denk an Großvater Hubert.« Großvater Hubert zu erwähnen, war seine stärkste Waffe. Ein dunkles Geheimnis rankte sich um ihn. Man munkelte, dass Hubert dem vampirischen Leben entsagt hatte und seitdem ausgestoßen und in einem Kanalschacht dahinvegetierte. Ich zuckte kurz zusammen, straffte aber sofort meine Schultern.
»Es ist dir wirklich ernst.«, sagte er leise.
Ich nickte und antwortete heiser: »Ja, und ich bitte dich heute nur um Eins: sag meinen Eltern noch nichts. Hilf mir, eine gute Gelegenheit zu finden.«
Die Küchentür sprang auf und Tante Edeltraud kam mit dem Frühstückstablett in den Salon herein.
»Theobald! Wie sitzt du nur da? Jetzt steh ich seit Stunden in der Küche, passiere Blutsuppe, rühre Plasmakuchen, und du? Du lümmelst hier herum. Du solltest dem Jungen ein Vorbild sein. Thomas, was machst du überhaupt schon hier? Normalerweise verschläfst du die halbe Nacht.« Sie setzte das Tablett ab und sah sich suchend um: »Hast du deine Schwester schon gesehen? Keine Ahnung, wann sie nach Haus gekommen ist. Ich will nicht, dass sie sich in der Dämmerung herumtreibt. Das ist viel zu gefährlich ...«
So ging das noch eine Weile. Theobald setzte sich ordentlich auf den Stuhl und ich half meiner Tante, die Schüsseln auf den Tisch zu stellen. Ich liebte Tante Edeltraud sehr. Sie war immer noch eine sehr schöne Frau mit ihren nachtschwarzen Haaren und den weißen Lippen. Aber sie konnte auf ihre Art auch nervig sein.
»Danke fürs Frühstück, liebe Tante.« Ich hauchte ihr einen Kuss auf den Nacken, der sie zu einem Jungmädchenquietschen verleitete, und sagte: »Aber ich hab schon gegessen. Wartet nicht auf mich.«
Ich wand mich zur Tür und hörte sie noch verwundert fragen: »Theobald, was ist mit dem Jungen? Der hat doch sonst einen tüchtigen Hunger.«
»Ach, lass ihn. Die Jugend von heute.«
»Ist er verliebt?«
Wie nahe meine Tante der Wahrheit kam, ahnte sie sicher nicht. Aber vielleicht zählte mein Onkel jetzt eins und eins zusammen. Ob es dadurch einfacher würde? Vielleicht. Ich hoffte es jedenfalls.
Zehn Minuten später fuhr ich mit meinem Motorrad in die Stadt. Durch eine schöne und trockene Frühlingsnacht. Heute wollte ich es Nadine sagen.
Nadine. Der Polarstern meiner Nächte. Das fröhlich-leuchtende Grau in der Dunkelheit. Mein Magen kribbelte bei der Vorstellung, ihr nah zu sein. Ich konnte und wollte nicht mehr ohne sie leben. Nadine arbeitete im Night Cafe und studierte tagsüber Geschichte. Geschichte war es, die uns zusammengebracht hatte. Ich war der Erste, mit dem sie sich über Geschichte unterhalten konnte. Geschichte – nicht staubig trocken in Bücher verbannt, sondern lebendig wie Breitleinwandkino. Wir erweckten Geschichte zum Leben. Sie aus Leidenschaft und ich hatte einiges davon selber erlebt. Ihre Freunde hatten sich erst ungläubig und dann sehr amüsiert zurückgezogen, als wir uns eines nachts in den Verträgen von Locarno aus dem Jahr 1925 verloren hatten. In dieser Nacht hatte ich mich auch in ihren hellblauen Augen verloren, und das bis in alle Ewigkeit.
»Hi, Thomas.« Nadine strahlte mich an und gab mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Sie band sich geschickt ihre langen, blonden Haare zu einem Zopf zusammen. Die feinen silbernen Härchen auf ihrem zarten Nacken brachten mein Blut in Wallung. Sie dort zu streicheln, sie dort zu küssen, sie dort zu beißen ... Stopp!
Darüber war ich hinaus. Zu Beginn unserer Freundschaft hatte ich versucht, meinen Hunger auf Nadine durch übermäßige Sättigung zu unterbinden. Ich war nicht weit davon entfernt gewesen, mir einen Blutrausch zu verpassen. Was alles hätte passieren können! Ich musste meine Strategie umstellen. Radikal und mit Erfolg. Je weniger Blut ich zu mir nahm, desto geringer wurde mein Bedürfnis. Markus, ein menschlicher Kumpel, hatte mir einmal von seiner Null-Diät berichtet. Nach anfänglichem Magenknurren hatte er irgendwann überhaupt keinen Hunger mehr gehabt. Es funktionierte auch bei mir. Aber ich wusste, dass ich so nicht ewig weitermachen konnte. Meine Kräfte würden schwinden. Nicht schnell, denn ich war jung, doch irgendwann wäre es auch bei mir soweit. Aber darüber verbannte ich alle Gedanken. Ich war verliebt.
»Du schaust so ernst? Dabei wollte ich dich überraschen. Ich habe ein Stipendium bekommen. Dann brauch ich das hier nicht mehr zu machen und wir könnten uns früher treffen.« Nadine strahlte mich an, während ich fieberhaft über die Konsequenzen nachdachte. Früher. Ausgerechnet jetzt im Frühling. Mit jeder Woche wurden die Tage länger. Ich hasste den Sommer. Durch mein vegetarisches Leben konnte ich es zwar schon etwas länger in der Dämmerung aushalten, aber irgendwann würde ihr auffallen, dass wir uns nur in der Nacht sahen. Bisher hatte ich meinen vermeintlichen Job als Chemiker vorgeschoben. Ich hatte ihr erklärt, ich müsste an den Wochenenden oft wichtige Versuchsreihen betreuen. Nadine hatte mir den Blödsinn abgekauft. Aber ich fühlte, dass sie es nicht tat, weil sie dumm war, sondern weil sie spürte, dass ich etwas verheimlichen musste, obwohl ich es nicht wollte. Ich war die Heimlichtuerei leid.
»Freust du dich nicht? Wir könnten in den Osterferien wegfahren ... Oh, meinst du, du bekommst vielleicht keinen Urlaub?«
»He, Nadine. Deine Schicht hat schon begonnen. Du kannst später mit deinem Gspusi rumflirten.«
Ich hasste ihren Chef Bernd. Er war ein Depp und ich roch, wie er Nadine – meine Nadine – begehrte. Dennoch, Nadine würde nicht lockerlassen. Aber diesmal war ich froh, um eine Antwort herum gekommen zu sein.
Ich hing eine Weile im Night Cafe herum und beobachtete die Gäste. Bernd hatte mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht immer wütend dazwischen gehen konnte, wenn ein Gast versuchte, mit Nadine zu flirten. Ok, so war das Geschäft und Nadine wusste sich durchaus selber zu helfen. Sie war schlagfertig, witzig und konnte allzu aufdringliche Gäste mit deutlichen Worten in ihre Schranken weisen. Mehrmals musste ich das schon anerkennend feststellen.
Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. Ich zuckte zusammen. Normalerweise kam kein Mensch an mich heran, ohne dass ich es bemerkte. War ich einfach nur von meinen Gedanken an Nadine abgelenkt worden oder verlor ich langsam meine Fähigkeiten? Es war Karl, der sich freudestrahlend neben mich hockte.
»Hi Tom, ich hab ihn!«
»Wen?«
»Mensch, wirst du vergesslich? Den neuen Job!«
Jetzt fiel es mir wieder ein. Wie peinlich. Stundenlang hatten wir darüber geredet und ich hatte mit Karl sogar das Vorstellungsgespräch geübt. Heute war sein großer Tag gewesen. Auch das wäre mir früher niemals passiert. »Oh, cool. Das ist richtig klasse. Das müssen wir begießen.«
Ich wusste, wie Menschen einen Erfolg zu feiern pflegten und bestellte bei Nadine auch gleich Karls Lieblingsbier und Lieblingsschnaps und für mich wie immer eine Bloody Mary. Nur Nadine wusste, dass ich keinen Alkohol trank und goss mir reinen Tomatensaft ein. Meine Familie hätte sich geschüttelt, wenn sie gesehen hätte, mit welchem Genuss ich mir den roten Gemüsesaft von den Lippen leckte. Gemüse war mittlerweile mein Junkfood geworden. Am liebsten rotes Gemüse.
Gegen Ende der Nachtschicht hatte ich nicht mehr den Mut, Nadine alles zu erzählen. Außerdem blieb Karl an mir kleben wie ein Blutsauger. Er war schon ziemlich betrunken, und so nahmen Nadine und ich ihn einfach in ihre Wohnung mit. Die romantische Nacht mit Nadine konnte ich jetzt knicken. Nadine mochte Karl, und auch sie sah es als unsere Freundespflicht, ihn an seinem großen Tag nicht allein zu lassen. Schließlich schleppten wir Karl, der uns schief und laut die Ohren vollgrölte, ins fünfte Stockwerk. Wie viel lieber hätte ich Nadine auf meinen Händen die knarrenden Altbaustufen hinaufgetragen.
»Ich glaub, ich mach ihm etwas zu essen, sonst wird er so schnell nicht nüchtern. In diesem Zustand sollten wir ihn nicht zu seinem Hausdrachen zurückschicken. Ich weiß wirklich nicht, was er an ihr findet.« Nadine kicherte. »Du hast sicher wieder keinen Hunger, oder?«
Nein, ich hatte keinen Hunger, zumindest nicht auf irgendetwas zu essen. Ich versuchte, Karl so auf einen der bunt bemalten Küchenstühle zu setzen, dass er nicht gleich herunterrutschte. Da roch ich es. Blut! Obwohl ich schon seit einiger Zeit vegetarisch lebte, spürte ich, wie sich meine Fangzähne ganz langsam, schmerzlich pochend ihren Weg suchten. Verflixt. Ich musste mich ablenken. Dummerweise sah ich zu Nadine, die gerade von einem blutig rohen Rindersteak ein kleines Stück abschnitt und es sich verstohlen in den Mund schob. Da bemerkte sie meinen Blick. »Oh, ich weiß, das sollte man nicht. Aber es ist ganz frisch und Tatar isst man doch auch roh, oder nicht?« Sie leckte sich verlegen über die Lippen und legte das Steak in die Pfanne. Der Geruch von bratendem Fleisch verdrängte den Blutduft. Das war auch nicht besser. Dieser Gestank verursachte mir allergrößten Ekel. Feuer, Brennen, Sonne ... für Vampire stinkt gebratenes Fleisch wie der Tod, wie unser Tod. Ich würgte, ich schluckte und würgte wieder. Karl knallte mit dem Kinn auf die Tischplatte, als ich aufsprang und ins Bad rannte. Ich kotzte den Tomatensaft in die Kloschüssel. Rotes, schleimiges Blut. Nadine rief mir noch etwas hinterher, aber ich stürzte wie von tausend Sonnen verfolgt auf den Flur, sprang die fünf Stockwerke mit einem Satz hinunter und betete zu allen Untoten, dass Nadine meinen Sprung nicht gesehen hatte. Verdammter Mist.
Meine Freundin aß blutiges Fleisch. Sie aß es nicht nur, sie liebte es. Ich hatte es in ihren Augen gesehen. Gierig wie ein Vampir in den frühen Abendstunden. Mir wuchsen die Zähne und ich hasste den Brutzelgestank an meinem T-Shirt. Ich raste durch die Dunkelheit. Dass ich zwei Radarfallen auslöste, war mir schnurzegal. Ich fuhr das Motorrad in die Tiefgarage unter unserer Villa und stiefelte die Marmortreppe nach oben. Frustriert schlug ich die Eingangstür hinter mir zu. Kein Licht brannte. Klar, es war mitten in der Nacht und die Familie war ausgeflogen. Im Dunkeln bahnte ich mir meinen Weg in die Küche und angelte mir eine Blutkonserve aus dem Kühlschrank. AB-negativ, selten und teuer. Dass sie besonders gut schmeckte, war mir egal. Mist. Verdammter Mist. Im Wohnzimmer ließ ich mich auf einen Sessel fallen und starrte in die stockfinstere Nacht. In den stockfinsteren Park vor dem Fenster und in meine stockfinsteren Gedanken. Wegen ihr wollte ich zum Vegetarier werden.
»Na, hat wohl nicht so geklappt. Hat sie dir den Laufpass gegeben?«
Luzi! Meine kleine Schwester Luzi. Sie hockte auf der Fensterbank im Erker, nur ihre Silhouette war zu erkennen. Mit einer Handbewegung ließ ich die Tischlampe neben ihr aufleuchten. Schwarz, alles an ihr war schwarz. Die stacheligen Haare, die zerrissenen Netzstumpfhosen, die Stiefel und die Lederkorsage.
»Laufpass, wer?« Ich versuchte überrascht zu klingen.
»Na, das hübsche Mädchen aus dem Night Cafe. Ihr gefiel wohl deine Idee mit dem vegetarischen Restaurant nicht.« Luzi lachte und mir plumpste die Blutkonserve auf den Perserteppich.
»Hoffentlich war die leer, sonst weiß ich nicht, was Tante Edeltraud mit dir macht. Hast du schon gehört, dass sie einen Verein für die »Erhaltung vampirischer Etikette« gründen will? Von wegen – kein Schmatzen am Hals – und so?«
»Woher weißt du ...?«
»Das erzählt sie doch jeder ihrer Freundinnen.«
»Nein, ich meine das, was du vorher gesagt hast.« Ich überlegte kurz, vor meiner Schwester den Unwissenden zu spielen. Aber das wäre sinnlos gewesen. Luzi wusste immer alles. Als wäre sie als Kind in eine Weiß-die-Wahrheit-Droge gefallen.
»Ich hab mir den Schuppen angesehen, den du gekauft hast. Hätt ich dir nicht zugetraut. Da würde ich sogar mal mit meinen Kumpels hingehen. Da sind ohnedies Vegetarier dabei.«
Hatte ich vorher die Blutkonserve fallen gelassen, war es jetzt die Kinnlade, die mir herunterfiel.
»Kuck nicht so belämmert. Du bist nicht der einzige, der Tomatensaft trinkt.«
»Du bist auch ...?«, fragte ich verstört.
»Ne, dafür liebe ich eine zarte Kehle viel zu sehr. Am liebsten mit schlecht rasiertem Dreitage-Bart. Aber Gemüsesaft hab ich schon probiert. Törnt gut. Bei manchen wirkt es wie Ecstasy. Kann mir vorstellen, dass der Laden brummt, wenn du die richtigen Drinks hinstellst.« Luzi stand auf, streckte sich und ging zur Tür. »Hey, ich würd nicht so schnell aufgeben ... sie ist nett, deine Nadine.«
Sprachlos blieb ich hocken. Dass Luzi jemanden nett fand, war eigentlich schon sein Todesurteil. Aber meine kleine Schwester hatte unerwartet sanft geklungen.
»Luzi, warte!« Ich sprang auf und rannte ihr hinterher, aber sie war schon verschwunden. In der Nacht.
Ich grübelte zwei Tage, konnte nicht schlafen und fühlte mich scheußlich. Festivalul Primăverii stand vor der Tür. Einer der wenigen rumänischen Feiertage, die in unserer Familie noch richtig gefeiert wurden: Das Frühlingsfest. In unseren Breitengraden eher ein Abschiedsfest von den langen Nächten. Ein Umbruch, ein Neuanfang – auch das konnte es bedeuten. Sollte ich jetzt aufgeben? Nein. Endlich riss ich mich aus meinem Selbstmitleid und rief Nadine an. Sie klang etwas unterkühlt. Kein Wunder. In ihren Augen hatte ich ihr das Bad vollgekotzt, sie mit einem Betrunkenen alleingelassen, der ihr kurz darauf die Küche vollgekotzt hatte und war ohne jede Erklärung einfach abgehauen. Ich murmelte etwas von Allergie, aber das ließ sie nicht gelten. Wenigstens erlaubte sie mir, sie nach ihrer Schicht abzuholen.
Um zwei Uhr morgens schloss das Night Cafe. Es war fünf nach zwei. Fünf Minuten zu spät!
Es waren drei. Sie hatten in der Hofeinfahrt hinter den Abfallcontainern gewartet. Ich hörte Nadine schreien, roch Blut und war im Bruchteil einer Sekunde bei ihr. Ein schwerer Kerl in Lederjacke drängte sie an die Hausmauer und presste ihr ein Messer an den Hals. »Her mit den Schlüsseln«, fauchte er sie an. Währenddessen fingerte ein langer Lulatsch Nadine an der Kleidung herum. »Sei lieb, dann tun wir dir nichts.« Ich roch ihr süßes Blut und sah rot. Den Dicken riss ich mit einem Ruck von ihr weg und schleuderte ihn in einen halboffenen Müllcontainer. Der Deckel schloss sich mit einem lauten Scheppern über ihm. Nun mischte sich der dritte Schuft ein. Er zog eine Waffe und schoss auf mich. Dass ich mich duckte, war ein Reflex, denn die Kugel konnte mir nichts anhaben. So fuhr das Projektil dem langen Kerl, der Nadine immer noch festhielt, in den Rücken, durchdrang den dünnen Körper und traf sie in die Brust. Beide stürzten zu Boden. Der Kerl, der geschossen hatte, schrie: »Scheiße!«, und rannte davon, während ich seinen Kumpan von meiner Freundin zerrte. Vorsichtig hob ich sie hoch. Ein Federgewicht in meinen Armen. Blut am Hals und unter dem rechten Schlüsselbein. Oh Heilige der Nächte. Ich sprintete zu meinem Motorrad. Krankenhaus – nein, es war zu spät. Ich wusste es. Ich kannte mich aus – mit dem Hauch von menschlichen Leben. Mir blieben wenige Minuten.
Ich hielt Nadine umklammert vor mir auf dem Motorradsitz und raste mit einer Höllengeschwindigkeit durch die Stadt. Einen Polizeiwagen hängte ich mühelos ab, und noch bevor er Verstärkung rufen konnte, schloss sich das große schmiedeeiserne Tor zu unserem Anwesen hinter mir. Hoffentlich war Tante Edeltraud nicht unterwegs.
Ich ließ das Motorrad achtlos fallen, hastete mit Nadine auf den Armen die steinerne Treppe hoch, öffnete Kraft meiner Gedanken die Eichenholztür und stand nach wenigen Schritten in unserem Speisezimmer. Sie waren alle da: Festivalul Primăverii. Ich hatte es total vergessen. Die ganze Familie kam zusammen und feierte das Frühlingsfest mit einem Festmahl. In früheren Zeiten mit frisch Gezapftem ... ich drängte die Gedanken panisch beiseite.
»Wir brauchen Hilfe«, stieß ich hervor, während meine Tante, mein Onkel und meine Eltern fassungslos auf das menschliche Bündel starrten, das ich ihnen frei Haus geliefert hatte.
»Thomas!«, stöhnte meine Mutter entsetzt.
Ich wischte mit einer Bewegung die Kristallgläser vom Tisch und legte Nadine vorsichtig auf die weiße Spitzentischdecke.
»Thomas!«, rief mein Vater. Er stand auf, trat neben mich und starrte auf das Häufchen Leben vor uns auf dem Tisch. »Ein Mensch!«
Ein Häuflein Mensch auf dem Esszimmertisch zwischen sechs Vampiren, ausgerechnet zu Festivalul Primăverii.
Onkel Theobald zupfte nervös an seinem Schnurrbart. Tante Edeltraut flog in die Küche, um Handtücher zu holen. Mein Vater, der vollendete Aristokrat, schüttelte ungläubig den Kopf. Meine Schwester lehnte sich mit breitem Grinsen zurück und meine Mutter, eine durchscheinende Schönheit, löste sich auf.
»Sie hatte noch nichts gegessen«, zischte mein Vater in die plötzliche Stille. »Kannst du mir erklären, was das soll? Du wirst uns sicher kein Feiertags-Dinner mitgebracht haben.«
Peinlich für einen erwachsenen Vampir, aber ich hatte immer noch Angst vor meinem Vater. Aber noch mehr Angst hatte ich um Nadine.
»Ich liebe sie. Ich will sie heiraten. Ich will mit ihr ein vegetarisches Nachtlokal aufmachen. Ich will wie ein Mensch leben!«, platzte es aus mir heraus. Totenstille.
»Bravo! Endlich zeigst du mal Mumm in den Knochen.« Luzi stand auf und klopfte mir gönnerhaft auf die Schultern. »Dann sieh mal zu, dass deine Nadine nicht vorher stirbt.«
Meine Beine drohten unter mir nachzugeben. Ich stöhnte: »Tante Edeltraud, hilf uns! Bitte!«
»Thomas David Sokrates!«, brüllte mein Vater wutentbrannt, aber Onkel Theobald brachte ihn zum Schweigen: »Er meint es bluternst. Wie Großvater Hubert.«
»So schlimm?« Meines Vaters Stimme zitterte immer noch, war aber deutlich leiser geworden. »Gut. Du wirst mit den Konsequenzen leben müssen. Aber glaube nicht, dass deine Mutter und ich dich zum Mitternachtskaffee besuchen kommen, wenn du dich bar jeglicher Vernunft aus unserer Gesellschaft ausstößt.«
Tante Edeltraud hatte mittlerweile Nadines Wunden geschlossen. Sie besaß als Einzige der Familie die Fähigkeit der Sekundenheilung. »Thomas, es ist nicht überstanden. Dein Mädchen hat zu viel Blut verloren. Willst du ...?«
»Ja«, flüsterte ich heiser. Alle Ängste, Träume und Wünsche wirbelten einem Tornado gleich durch mein Gehirn. Aber am Ende stand nur eins: Nadine.
In dieser Nacht stand das Frühlingsfest zum erstem Mal, seit ich mich erinnern konnte, nicht für Tod und Ende, sondern für neues Leben.
Nach zwei Tagen wachte sie auf. Ich hatte ununterbrochen neben ihrem Bett gesessen, ihre Stirn gekühlt und ihre Hand gehalten. Meine Mutter hatte mich einmal zu ihr gebeten. Einem ätherischen Schatten gleich war sie dennoch eine starke Frau. Sie schüttelte den Kopf, nickte dann und drückte mir die Hand. Gesagt hatte sie nichts, ich verstand sie dennoch. Sie würde mir nicht im Wege stehen. Mein Vater hatte mich enterbt. Aber das war nichts Neues, und zum ersten Mal in meinem Leben war es mir sogar egal. Nadine war bei mir. Und ich in ihr. Mein Blut floss durch ihre Adern und hatte ihr das Leben gerettet. OK, das mit dem Blut war eigentlich nichts Besonderes. Wir Vampire amüsierten uns immer über die menschlichen Fantasien über unser Blut. Nichts von den Behauptungen aus den Vampirromanen stimmte. Es war nur einfach sehr verträglich, für jeden. Dennoch fühlte ich mich Nadine sehr nah.
Sie schlug die Augen auf.
»Wann ...«
»Nicht aufregen. Es ist alles gut. Du bist überfallen worden.«
»Wann ...«
»Ich hab dich zu meiner Tante gebracht, sie konnte dir helfen.« Jetzt galt es – ich musste es ihr endlich sagen. Spätestens, wenn sie sah, dass die Familie ihr Frühstück um acht nahm, würde sie Fragen stellen.
»Wann ...«
»Sch... nicht aufregen, aber ich muss dir etwas sagen ...«
»Himmel, Tom.« Nadine kämpfte sich aus den Kissen hoch und funkelte mich wütend an. »WANN willst du dein Restaurant eröffnen?«
»Wie?« Jetzt war es an mir, zu stammeln. »Woher ...«
»Von Luzi.«
»Woher kennst du meine Schwester? Sie ist eine ...«
»Vampirin. Ich weiß. Wenn du mich endlich mal ausreden lassen würdest«, keuchte Nadine und sank ermattet in die Kissen.
Ich beteuerte, ihr den Mond vom Himmel zu pflücken, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr jeden Unhold vom Leib zu halten und sie immer ausreden zu lassen, bis sie lachen musste. Endlich strahlten ihre blauen Augen in mein verängstigtes Herz.
»Ich möchte nur, dass du deine vegetarische Nachtbar eröffnest. Und dass ich nicht vegetarisch leben muss.«
Vier Wochen später feierten wir die Eröffnung des »Festivalul Primăverii«. Onkel Theobald wagte sich an eine alkoholfreie Blood Mary und Tante Edeltraud fragte nach dem Rezept. Mein Vater ging herum und inspizierte mit kritischem Blick Einrichtung und Ausstattung. Luzi hatte ein paar ihrer Freunde mitgebracht. Es war wirklich schwer zu unterscheiden, wer von ihnen Vampir war und wer nur aussah wie einer. Meine Mutter ließ sich entschuldigen. Aber sie hatte mir einen silbernen Cocktailshaker mit meinen Initialen geschenkt. Ich wusste, dass es zu viel für sie gewesen wäre, entstammte sie doch einem jahrtausende alten Vampirgeschlecht.
Im Morgengrauen verließen die letzten Gäste unser Restaurant. Luzi zupfte kurz an meinem Arm und drückte mir verschwörerisch etwas in die Hand. Ich starrte verblüfft auf ein kleines Fläschchen mit zartrosa Kügelchen. »Globlutuli. Sie helfen bei vegetarisch verursachter Unterversorgung – hat Großvater Hubert erfunden.«
Vier Monate später wurde Nadine schwanger und wir heirateten.
Vier Jahre später schenkte ich meiner kleinen Tochter zum Festivalul Primăverii ein Meerschweinchen.
»Süß!«, rief sie fröhlich. Dann grub sie ein zweites Mal ihre zarten Milchzähne in das zappelnde Tier und trank. Mein Vater, der sich von meiner lächelnden Frau gerade einen Mitternachtskaffee einschenken ließ, prostete mir mit der Kaffeetasse zu. »Großvater Hubert lässt übrigens grüßen, er will uns bald besuchen.«
2. Ostern – B&B
Ich schmiss meine Sporttasche auf das Ungetüm von Himmelbett. Sie versank sogleich zwischen hunderten von geblümten Kissen.
»Chris, verdammt«, nörgelte Anny sofort. »Du weißt doch ganz genau, dass ich unser Zimmer erstmal fotografieren möchte. Also nimm deine Tasche vom Bett.«
Ich verdrehte die Augen, griff mein Gepäck und sah mich ratlos um. »Und wo, bitteschön wird die Starfotografin nicht von meinen Sachen gestört? Das Zimmer ist so vollgestopft mit altem Krempel, dass man gar nicht weiß, wohin mit seinem Kram.«
Entnervt riss Anny mir die Tasche aus der Hand und stopfte sie in einen wurmstichigen alten Schrank. Ich hoffte, dass die Holzwürmer wirklich schon tot waren und sich nicht an meinem Gepäck vergriffen. Dann war Anny auch schon wieder bei mir, drückte mir die Hand auf die Brust und dirigierte mich rückwärts durch eine Tür, die, wie mir ein schneller Blick über die Schulter bescheinigte, ins Badezimmer führte. Von hier aus sah ich zu, wie sie mit ihrer Spiegelreflexkamera unser Zimmer sezierte.
Das konnte länger dauern. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und fingerte nach meinen Kippen. Da fiel mir ein, dass ich aufgehört hatte zu rauchen. Anny zuliebe. Wenn das mal kein Fehler gewesen war. Dann wenigstens frische Luft. Ich stand wieder auf und versuchte, das Fenster nach oben zu drücken. Der dicklackierte Rahmen ließ sich erst nach etlichen Versuchen bewegen. Wahrscheinlich war er genauso alt wie das ganze Anwesen. Endlich stand ich am offenen Fenster und sah hinaus in die stockdunkle Nacht über den schottischen Highlands. Von nebenan erklang immer wieder Annys begeistertes Quietschen. »Oh, wie entzückend, diese Bordüren. Chris, das musst du dir unbedingt anschauen. Ein echtes Chesterfield Sofa. Und hier, die Schminkkommode, mit klappbaren Spiegeln.«
»Ja, ja, Liebling«.
»Das ist Vintage Romantik pur. Wie bei Laura Ashley.« Mit glühenden Wangen kam sie ins Badezimmer gelaufen und küsste mich. »Danke, dass wir beide diesen Urlaub machen. Das bedeutet mir echt viel.« Ihre rehbraunen Augen strahlten mich an, und für einen Moment vergaß ich den ganzen Ärger in unserer Beziehung. Ich wollte sie an mich drücken, doch sie hatte sich schon wieder abgewandt und strich mit einer Hand langsam über den Badewannenrand. »Eine freistehende Badewanne. Sogar mit vergoldeten Löwenfüßen.«
»Ach ja? Ist mir gar nicht aufgefallen.«
»Chriesssss.«
Ich schloss die Augen und zählte von zehn rückwärts. Ich kam bis acht.
»Du hast das Fenster aufgemacht!«
Ich atmete langsam aus.
»Die Mücken werden uns umbringen.«
Plötzlich klopfte es. Ich nutzte die Chance, einem Vortrag über schottische Midgies zu entkommen und öffnete die Zimmertür. Es war die grauhaarige Frau unbestimmbaren Alters, die uns bei der Ankunft die mächtige Eichentür geöffnet hatte. Sie trug eine weiße Schürze mit Spitzenbesatz über einem dunklen Kleid und balancierte ein vollbeladenes Tablett. Um zwölf Uhr in der Nacht. Alle Achtung.
»Ja bitte?«, fragte ich.
»Ich wollte Ihnen eine kleine Erfrischung bringen. Sie hatten doch eine anstrengende Reise. Frühstück wird um acht im Speisezimmer serviert. Üblicherweise essen alle Gäste gemeinsam an der großen Tafel.«
Ich musste gestehen, dass ich beeindruckt war. Der Service in dem B&B schien gut zu sein. Wahrscheinlich mussten sie sich alle Mühe geben, um überhaupt irgendwelche Gäste in die Einsamkeit zu locken. Wir hatten auf den letzten Kilometern der Taxifahrt kein einziges Licht gesehen. Weder Häuser noch Fahrzeuge.
»Oh, das ist aber nett, Mrs ...?«, versuchte Anny gleich Kontakt aufzunehmen.
»Miss, Miss Elisa. Zu Ihren Diensten.« Sie stellte das Tablett mit Sandwiches und Getränken auf ein verschnörkeltes Tischchen, von dem ich hoffte, dass es nicht zusammenbrechen würde. Es hatte mindestens 150 Jahre auf dem Buckel, besser gesagt den dünnen Tatzenfüßchen.
»Ach, Miss Elisa, darf ich fragen, wie viele Gäste im Haus sind?«, erkundigte sich Anny neugierig und ich hoffte, dass die Antwort kurz sein würde.
»Mit Ihnen sind es sieben Bewohner. Das Haus hat sieben Zimmer, drei sind noch frei.« Miss Elisa verbeugte sich, verließ rückwärts unser Schlafzimmer und schloss die Tür geräuschlos. Anny überkam ein Kicheranfall. »Oh, Chris. Ob MISS Eliiisa hier der Hausgeist ist? Hast du eine Ahnung, wie alt sie sein könnte? Benehmen tut sie sich, als wäre sie über Hundert.«
»Gott sei Dank ist sie es nicht, sonst hätte sie kaum an ein kaltes Bier gedacht.« Ich öffnete die Flasche mit einem spritzigen Plopp und nahm einen tiefen Zug. Welch ein Genuss, endlich.
Nicht zu verachten war auch das Frühstück, das Miss Elisa pünktlich um acht im Speisesaal servierte. Anny und ich waren schon etwas früher die hochherrschaftliche Treppe heruntergestiegen. Vorbei an ausgestopften Hirschen, Füchsen und Raubvögeln, die zwischen missmutig blickenden Ahnenportraits hingen. Anny nahm meine Hand und hob geziert ihren freien Arm. »Möchtest du mich bitte zu Tisch geleiten?«
Ich lachte. Es war zwar etwas albern, aber wenigstens hatte Anny wieder bessere Laune. Und es passte wirklich zu der Umgebung. Noch nie hatte ich in einem Museum übernachtet. »Oh sieh, die Kronleuchter.« Während Anny ganz begeistert war, schaute ich skeptisch zur Deckenverankerung der beiden Monster, die über der langen Tafel hingen. Dann widmete sich meine Freundin dem Geschirr, den Platztellern und Kristallgläsern. Keine Ahnung, warum Blümchenporzellan und Jagdmotive so etwas Bemerkenswertes waren. Obwohl ich insgeheim zugeben musste, dass die Ausstrahlung des Viktorianischen Herrenhauses langsam aber sicher auch mich in seinen Bann zog. Ich trat an das Erkerfenster. Dunkel bewaldete Hügel mit kargen Gipfeln erhoben sich über einem tiefblauen See. Für mich als Großstädter eine ungewohnte Einsamkeit.
»Ha, Sie müssen die neuen Gäste sein. Zimmer vier, nicht wahr? Wir wohnen in Zimmer drei. Willkommen, willkommen«, ertönte eine tiefe Stimme. Sie gehörte einem älteren Mann mit Kinnbart und Knickerbockerhosen. »Darf ich mich vorstellen? Ed Cromwell und das ist meine Frau Daisy. Wir sind Ornithologen. Aber für Vögel werden Sie junge Leute nichts übrighaben. Eher fürs Vög ...«
»Ed, das wirst du jetzt nicht sagen.« Daisy klang gleichzeitig empört und belustigt. Ihre bunte Bluse flatterte bei jeder Bewegung um ihren fülligen, aber erstaunlich beweglichen Körper. In Windeseile durchquerte sie den Raum und schüttelte unsere Hände. Wir hatten uns gerade vorgestellt, als die übrigen Gäste erschienen. Max und Paul waren zwei Mountainbiker aus London und im Gegensatz zu den durchaus witzigen Cromwells recht schweigsam. Paul wurde erst gesprächiger, als Mary an den Tisch trat. Mary – alle Achtung. Eine blonde Schönheit, und offensichtlich ziemlich schwanger. Miss Elisa erschien mit Tee und Kaffee und fragte jeden, wie er seine Eier zubereitet haben wollte und welche Beilagen er dazu wünschte. Max neben mir war als letztes an der Reihe. Er rollte etwas genervt die Augen. »Aber Miss Elisa, das müssten sie doch mittlerweile wissen. Wie immer zwei Spiegeleier, eine Scheibe Black Pudding und eine gegrillte Tomate.«
Wortlos, aber mit einem kleinen Nicken, verschwand Miss Elisa.
»Sind Sie denn schon länger hier?«, fragte Anny die Cromwells, als wir uns alle an den großen Tisch setzten. Sie war, im Gegensatz zu mir, eine Meisterin im Smalltalk.
»Das kann man schon sagen«, antwortete Daisy mit einem Lächeln, das jedoch sofort verblasste, als Max laut auflachte und Ed ihr seine Hand auf den Unterarm legte. Das Gespräch verstummte, aber genau in diesem Augenblick erschien Miss Elisa mit einem riesigen Tablett voll unserer Bestellungen. Sie schien wirklich eine Küchenfee zu sein, so schnell und echt lecker hatte sie alles zubereitet. Spiegeleier, Bacon, gegrillte Tomate und Räucherfisch. Ich langte kräftig zu. Den Seitenblick meiner Freundin auf meinen vollen Teller ignorierte ich. Schließlich hatte auch ich Urlaub.
»Lunchimbiss, sofern Sie anwesend sind, wird um ein Uhr im Salon gereicht und Dinner serviere ich pünktlich um zwanzig Uhr hier im Speisezimmer.« Miss Elisa hatte uns mit Wanderkarten versorgt und verabschiedete die Gäste nach und nach in der Eingangsdiele. Daisy und Ed waren gleich nach dem Frühstück mit Ferngläsern und ornithologischen Büchern verschwunden. Paul und Max schoben ihre Mountainbikes aus der Scheune, schwangen sich in die Sättel und fuhren davon, ohne sich zu verabschieden.
»Sie werden es nie lernen«, murmelte die schöne Mary traurig, nahm ihr Buch und »begab« sich auf die Veranda, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie machte auf mich einen merkwürdigen Eindruck. Etwas durchscheinend – wie ein Geist. Anny meinte dazu nur, dass ich Gespenster sehen würde und dass schwangere Frauen halt immer eine besondere Aura ausstrahlten. Sie griff nach unserem Rucksack und zog mich hinaus.
Es war ein wunderschöner Tag. Wir hatten so etwas von Glück: Späte Osterferien und ein stabiles Hoch über Schottland. Die Sonne schien, aber ein paar Schäfchenwolken sorgten dafür, dass es nicht zu heiß wurde. Wir würden dennoch UV-Schutz brauchen, um nicht gleich am ersten Tag rote Nasen zu bekommen. Der Weg um den See herum war ordentlich befestigt. Die Wanderung tat uns beiden gut. Fern ab von all dem Stress in der letzten Zeit, fanden wir Schritt für Schritt wieder ein kleines Stückchen zueinander. Vielleicht war es wirklich richtig gewesen, unserer Beziehung noch eine Chance zu geben und Anny doch nicht zu verlassen. Gegen Mittag erreichten wir wieder das Haus. Es war eine prachtvolle Erscheinung mit seinen Türmchen und Erkern. Von außen erschien es mir noch viel größer, als von innen.
Das Nachmittagslicht erwärmte den Blauen Salon, in dem uns Miss Elisa Sandwiches und Scones mit Clotted Creme servierte. Wir hockten auf stilvollen, aber durchgesessenen Möbeln, bezogen mit hellblauem Samt. Merkwürdigerweise hatte mich eine solche Ruhe erfasst, dass mich nicht einmal das sonst nervtötende Ticken der Standuhr störte. Auch hier hingen Portraits an den Wänden. Ich betrachtete die alten Bücher in den raumhohen Regalen, die für jeden Antiquar ein Schatz gewesen wären.
»Sie können sie gern lesen. Das ist erlaubt.« Mary war durch die Verandatür gekommen, setzte sich auf einen zierlichen Stuhl und bediente sich an den Scones.
»Ich liebe ihre Scones. Nur meine Großmutter hat so gute gebacken.«
»Sie sind wirklich richtig lecker. Und ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt auch viel essen müssen – sozusagen für zwei.« Oh Anny. Manchmal konnte sie ein Elefant im Porzellanladen sein. »Anny meint das nicht so ...«
»Doch.«
Mary lachte. »Ach, es ist ja wirklich kein Geheimnis mehr. Und mir bleibt wenigstens die Lust am Essen.«
Ich wunderte mich etwas über den melancholischen Ton, aber Anny hakte gleich nach.
»Wann ist es denn so weit?«
»Nie.«
Jetzt war auch Anny platt. »Wie meinen Sie das?«, stammelte sie.
»Ich werde vorher sterben.« Mary sagte das ganz gleichgültig, griff nach einem weiteren Scone, erhob sich und verließ den Salon.
Pünktlich um zwanzig Uhr servierte Miss Elisa Selleriesuppe, Lammkeule mit Roasted Potatoes und Minzsauce. Daisy schwärmte, dass für den kommenden Karfreitag wunderbare Forellen angekündigt seien und zum Ostersonntag selbstverständlich Lammfilet. Dass die Küche in diesem einsamen B&B so gut war, hatte ich nicht erwartet. Obwohl der Prospekt von einem Viktorianischen Zauber schwärmte.
Es schmeckte ganz wunderbar. Aber als ich Mary verstohlen beobachtete, merkte ich, dass mich ihre Worte betroffen gemacht hatten. Waren das Schwangerschaftsdepressionen? Nicht dass ich mich damit auskannte. Oder hatte sie vielleicht eine Krankheit? Selbst Anny hatte sich nicht wie gewohnt in wilden Spekulationen ausgetobt. Ich beobachtete allerdings, dass Mary recht unbeschwert ihr Essen genoss und mit Paul flirtete. Max, der Dunkelhaarige, machte hingegen ein finsteres Gesicht. Ed und Daisy plapperten fröhlich und irgendwann ließen wir uns von ihrer guten Stimmung anstecken.
»Hörst du das?« Anny rüttelte mich wach. Ich kämpfte mich mühsam aus dem Tiefschlaf.
»Was?«, murmelte ich müde.
»Auf der Treppe und über uns. Gepolter, als ob irgendjemand durch die Gänge gejagt wird.«
»Da ist nichts. Schlaf weiter«, brummte ich, aber dann hörte ich es auch. Als würden mehrere Leute die Treppe hinauf und hinunterrennen. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, schlich zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Im Treppenhaus war es stockdunkel und der Lärm war verstummt. Merkwürdig. Hatte ich mir das eingebildet, oder hatte Anny nur schlecht geträumt?
Beim Frühstück fehlte Mary, doch außer uns schien es niemand zu bemerken. Anny fragte vorsichtig in die Runde, ob sie schon jemand gesehen hätte. Ed und Daisy schauten uns überrascht an. »Mary? Wer soll das sein?« Daisy klang nervös und Ed antwortete. »Das war doch die junge Frau, die schon vor langer Zeit abgereist ist, nicht wahr?« Ich verstand die Welt nicht mehr und Anny schien es genauso zu gehen. Die Mountainbiker verabschiedeten sich knapp und verschwanden, bevor Miss Elisa zum Abräumen erschien.
»Miss Elisa, könnten Sie mal nach Mary sehen? Vielleicht geht es ihr nicht gut«, versuchte es Anny.
»Ich kümmere mich nicht um die Geschichten der Gäste, nur um die Küche. Das Haus kümmert sich um seine Gäste.«
Was für eine Antwort. Eine solch offensichtliche Ignoranz sowohl von Seiten der Gäste als auch der Besitzerin hatte ich in diesem noblen Haus nicht erwartet. Mit einem Mal fühlte ich mich hier doch nicht mehr so wohl. Außerdem fehlten mir Fernseher, Internet und meine Stammkneipe. In unserem Zimmer fragte ich Anny, ob wir schon früher abreisen sollten, aber sie hörte mir nicht zu. Versteinert sah sie aus dem Fenster. »Chris, sieh.« Ich trat neben sie. Am Ufer des Sees trieb ein Körper im Wasser. Ganz eindeutig in einem hellblauen Kleid. Mary. Ihr Rücken war blutrot. Schnell griff ich zu meinem Handy. Kein Netz. Ich stürzte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und rannte in die Küche. Miss Elisa wetzte gerade ein langes Messer und sah mich versteinert an.
»Schnell, Mary liegt im Wasser«, keuchte ich.
»Da täuschen Sie sich, Chris«, antwortete Miss Elisa und wandte sich ab. Ich hetzte auf die Veranda und die Wiese hinunter zum Seeufer. Keine Leiche weit und breit, keine Mary.
Verwirrt saßen wir später in unserem Zimmer und besprachen die Möglichkeiten, die wir hatten. Aber wir hatten keine. Kein Funknetz und das Telefon in der Diele war ebenso tot. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und das war für mich ein sehr ungewohntes Gefühl.
Ein eisiger Schauer ergriff mich. Anny gegenüber wollte ich das nicht zugeben. Sie war beunruhigt und brauchte meine starke Schulter. Da konnte ich sie nicht auch noch mit meinen wirren Gedanken belasten.
Als wir zum Abendessen das Speisezimmer betraten, hatten wir uns vorgenommen zu glauben, dass wirklich nichts passiert sei. Dass wir einfach nur zu überarbeitet gewesen waren. Mit einer unbestimmten Nervosität sah ich mich um. Da saß Mary am Tisch, flirtete mit Paul und wurde von einem wütenden Max angestarrt. Ich musste mich getäuscht haben. Ed und Daisy erzählten wie immer und das Essen war hervorragend. So weit war alles wieder wunderbar. Als sich Mary aber erhob und umdrehte, sah ich auf ihrem Kleid einen großen blutroten Fleck, in dem ein langes Küchenmesser steckte. Ich kniff ungläubig die Augen zu und als ich sie wieder öffnete, war Mary verschwunden. Keiner der anderen, auch nicht Anny, schien es gesehen zu haben. Ich schenkte mir einen doppelten Whiskey ein.
In dieser Nacht blieb es ruhig. Ich hatte Anny nichts von dem Messer in Marys Rücken erzählt. Sie hätte sich Sorgen gemacht. Und ich selber wusste nicht, was ich überhaupt denken sollte. Ich merkte nur, dass ich fror.
Am nächsten Morgen luden Max und Paul uns zu einer Mountainbiketour ein. Da Anny darauf keine Lust hatte, fuhr ich alleine mit. Ich genoss die Bewegung. Es tat gut, sich endlich einmal so richtig auszupowern. Vielleicht hatte ich in den letzten Wochen einfach zu viel um die Ohren gehabt und musste nur mal richtig abschalten. Die Strecke war steil und anspruchsvoll. Wir kämpften uns über Wurzeln und groben Schotter. In einem Bachbett rutschte mir der Hinterreifen weg, aber es gelang mir, das Rad wieder auf Spur zu bringen. Endlich standen wir oberhalb des Waldes auf der felsigen Spitze eines der Berge. Ein grandioser Ausblick über Wald, See und Moor. Während ich die Aussicht genoss, schoben Max und Paul ihre Räder langsam weiter. Sie hatten erzählt, dass sie einen anderen Pfad für die Abfahrt nehmen wollten.
»Du hast sie geschwängert. Sie ist meine Verlobte!«, hörte ich plötzlich Paul schimpfen.
»Dann wirst du der Vater sein«, kam die lachende Antwort.
»Nein, wir haben noch nicht ... wir wollten die Hochzeit abwarten.«
»Dann bist du ein Trottel.«
»Und du bist ein Verräter.«
Es war mir äußerst peinlich, dem Streit zuzuhören und ich ging ein paar Schritte zur anderen Seite der Kuppe. Meinten sie etwa Mary? Einer der beiden brüllte hasserfüllt: »Aber du hast sie umgebracht. Du hast ihr das Messer in den Rücken gestoßen und sie in den See geworfen. Du hast meine Mary umgebracht.«
Oh Gott. Das wollte ich nicht hören. Verdammt, dann hatte ich gestern doch eine Leiche gesehen. Aber halt. Heute Morgen hatte sie munter am Tisch gesessen. Aber das Messer in ihrem Rücken? Konnte sie damit – leben ...? Dummer Unsinn. Damit konnte man nicht mehr leben, geschweige denn frühstücken. Plötzlich kam Max auf mich zu und sagte, wir müssten langsam los, um rechtzeitig zum Abendessen zurück zu sein.
»Wo ist Paul?«, frage ich vorsichtig.
»Der ist tot.« Max grinste.
Mir blieb jegliche Erwiderung im Halse stecken. Ich war einem Wahnsinnigen ausgeliefert. Einen Moment schossen mir meine Optionen durch den Kopf, doch es waren nicht viele. Ihm in den Bergen zu entkommen war aussichtslos, außerdem musste ich zu Anny. So riss ich mich zusammen und zitterte mich den Berg hinab zu unserem See.
Alle außer Paul, Max und mir saßen schon bei der Vorspeise, als wir dreckig und durchgeschwitzt durch die Diele polterten. Ich fand keine Gelegenheit, Anny von dem Mord zu erzählen. Paul wurde nicht vermisst. Keiner sagte irgendetwas. Nicht einmal Mary, die wieder recht munter am Tisch saß. Anny schien sich nicht an ihn zu erinnern. Sie lobte nur die grüne Minzsuppe mit den Kräuternockerln – es sei ja schließlich Gründonnerstag.
Wer wurde hier eigentlich verrückt?
Am nächsten Morgen saß Paul lebendig aber schlecht gelaunt wieder neben seinem Freund Max. Ich musste nicht lange nach irgendwelchen Verletzungen suchen. Er schien das rechte Bein und einen Arm gebrochen zu haben. Außerdem fiel ihm ein paar Mal sein Kopf so zur Seite, wie es nur mit einem Genickbruch möglich sein konnte. Marys Kleid war immer noch blutdurchtränkt und als ich mich Ed und Daisy zuwandte, um zu prüfen, ob sie vielleicht irgendwie irritiert waren, sah ich ein tiefes Loch in Eds Stirn. Kleinkaliber, wenn ich mich nicht täuschte. Und alle führten ein unbeschwertes Frühstücksgespräch. Ich schrak zusammen, als Ed mich anstupste und flüsterte: »Heute Abend gibt es die Karfreitagsforelle. Ich sage dir, ein Gedicht. Ein Höhepunkt der Woche. Meine Frau würde wegen der Lammkeule sterben, sagt sie. Aber mein Favorit ist eindeutig die gebratene Forelle mit Mandelblättern und wildem schottischen Thymian.«
Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und verbrannte mir dabei die Lippe. Unwichtig. Mein Gehirn versuchte verzweifelt eine wie auch immer geartete vernünftige Erklärung zu finden. Wahrscheinlich waren wir bei einem Haufen Irrer gelandet, die hier ihrer Maskeraden-Sucht frönten. Sozusagen Halloween das ganze Jahr. Wenn nicht, wurde ich langsam verrückt. Ich fröstelte. Dabei war es warm und das freundliche Gemurmel um mich herum wirkte so friedlich, so normal. Mein Magen zog sich zusammen. Irgendetwas sagte mir, dass das alles nichts mit Maskerade zu tun hatte. Ich bekam keinen Bissen mehr herunter, legte Messer und Gabel beiseite und flüsterte Anny ins Ohr: »Ich muss mit dir reden.« Ich zog sie auf unser Zimmer und verriegelte die Tür.
»Anny, ich sehe hier Verletzte, tödlich Verletzte, die leben. Gestern hat Max mir auf dem Berg gesagt, dass Paul tot ist. Und heute sitzt er mit gebrochenem Genick am Tisch.«
»Oh, Chris. Ich hatte schon befürchtet, nur ich allein wäre verrückt geworden. Oh mein Gott. Meinst du, es sind Wahnsinnige? Gestern habe ich gesehen, wie Ed Cromwell seiner Frau ein paar Tropfen in den Tee geträufelt hat. Wenige Minuten später hat Daisy sich auf dem Boden gewälzt und ist blau angelaufen.«
»Wir müssen hier weg«, flüsterte ich.
Anny fiel mir um den Hals, zitterte und schluchzte: »Du nimmst mich doch mit! Du darfst mich nie, nie verlassen.«
Ja, wir mussten hier weg. Sofort. Aber wie? Kein Handy, kein Taxi und auch kein Auto. Nur die Mountainbikes.
»Wir nehmen die Fahrräder. Morgen früh bei Sonnenaufgang«, flüsterte ich hoffnungsfroh. Es fühlte sich gut an einen Plan zu haben, wie bescheuert er auch sein mochte.
Nach einer unruhigen Nacht hatten wir schnell das Nötigste zusammengepackt und schlichen noch vor Sonnenaufgang die Treppen hinunter. Wir schafften es, ungesehen von Miss Elisa, die schon in der Küche werkelte, durch die Hintertür zu schlüpfen. Der Schuppen war nicht abgeschlossen. Kein Wunder, dachte ich bitter. Wer würde einem Haufen Verrückter etwas klauen wollen.
Fünf Stunden später standen wir erschöpft wieder am Ufer unseres Sees. Wir hatten alles versucht. Jeden Berg waren wir hochgestrampelt. Jeden Pfad hatten wir ausprobiert. Auch die Straße, die wir zu Beginn meiden wollten, weil wir mit Verfolgung rechneten, war keine Lösung gewesen. Immer wieder landeten wir am See. Anny heulte und ich fluchte, auch wenn mir mittlerweile ebenfalls zum Heulen zu Mute war.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlichen wir die Treppe zu unserem Zimmer hoch. Niemand war zu sehen, niemand war zu hören. Geisterhafte Stille. Morgen war Sonntag, Ostersonntag. Morgen würde uns der Taxifahrer wieder abholen. So hatten wir es zumindest vereinbart. Das würde unsere letzte Chance sein, diesem Wahnsinn zu entkommen. Anny klammerte sich an mich und zitterte am ganzen Leib. Ich durfte keine Schwäche zeigen, obwohl ich mich am liebsten in dem alten Kleiderschrank versteckt hätte. Stattdessen spielte ich den Besonnenen und gab Anweisungen. »Schließ das Fenster und hilf mir die Kommode vor die Tür zu schieben.« Während ich bereits versuchte, das schwere Möbelstück zur Seite zu rücken, schob Anny den offenen Fensterflügel nach unten. Er klemmte und sie musste ordentlich daran ruckeln. Plötzlich war es ganz still. Ich ließ von der Kommode ab und drehte mich zum Fenster. Meine Freundin stand da, mit dem Rücken zu mir und starrte in die Dämmerung. »Anny?«, fragte ich vorsichtig. Es war alles zu viel für sie, das wusste ich. Sie drehte sich langsam um und kam auf mich zu. Mit einem Messer in der Hand. »Du wirst mich doch nicht verlassen, Chris?«
Das Frühstück war wieder ausgezeichnet. Miss Elisa hatte sich selbst übertroffen. In der Mitte des Tisches lag ein duftendes Osterbrot. Schokoladeneier in allen Farben schimmerten in echten Moosnestern. In einer Bodenvase steckten Barbarazweige, gerade aufgeblüht, mit bemalten Eiern geschmückt. Miss Elisa servierte kross gebratenen Schinken und perfekte Spiegeleier. Einfach ein wundervolles Osterfrühstück. Nur Paul maulte, dass er mit einer Hand die frisch gebackenen Brötchen so schlecht aufschneiden konnte. Mit der anderen hielt er seinen Kopf in Position. Mary lachte und half ihm, weswegen sie von Max böse angefunkelt wurde. Ed und Daisy unterhielten sich darüber, ob sie gestern endlich eine schwarze Gryllteiste gesehen hatten und Miss Elisa brachte Obstsalat.
»Schatz, kannst du mir bitte den Kuchen reichen?«, bat mich Anny, die mittlerweile ganz süchtig nach Miss Elisas Früchtekuchen war. Ich reichte ihr die Platte. »Hier Liebling.« Meine Freundin sah bezaubernd aus. Der goldene Schal um ihren Hals passte gut zu ihren braunen Augen und kaschierte die blauen Würgemale. Hatte ich in den letzten Wochen wirklich daran gedacht, sie zu verlassen?
»Schatz, das Kuchenmesser fehlt.« Anny strahlte über das ganze Gesicht.
»Kein Problem, Liebling, du kannst das hier nehmen.« Ich zog das lange Messer aus meiner Brust und reichte es ihr. Die wenigen Blutstropfen, die ich verlor, tupfte ich sorgfältig mit der Damastserviette auf.
Mit einem lauten Gong hallte die Türglocke und alle Gespräche verstummten. Einen Moment später erschien Miss Elisa, strich sich die Schütze glatt und verkündete mit einem freundlichen Lächeln: »Die Gäste für Zimmer fünf sind angekommen.«
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