Kitabı oku: «Sprachliche Kommunikation: Verstehen und Verständlichkeit»

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Steffen-Peter Ballstaedt

Sprachliche Kommunikation

Verstehen und Verständlichkeit

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8252-5115-4 (Print)

ISBN 978-3-8463-5115-4 (ePub)

Inhalt

  1 Zur Konzeption des Buches 1.1 Grundannahmen 1.2 Praxisfelder 1.3 Aufbau des Buches

  2 Sprachliche Kommunikation: Meinen und Verstehen 2.1 Ein Modell der Kommunikation 2.2 Verständigung als Kooperation Zusammenfassung

  3 Mündliche Verständigung 3.1 Merkmale mündlicher Kommunikation 3.2 Der Dreischritt der Verständigung 3.3 Rationale Verständigung 3.4 Gespräche verständlich machen Zusammenfassung

  4 Schriftliche Verständigung 4.1 Merkmale schriftlicher Kommunikation 4.2 Absender: Adressatenorientierung 4.3 Adressat: Ressourceneinsatz 4.4 Probleme der Verständlichkeit 4.5 Texte verständlich machen Zusammenfassung

  5 Erforschung des Verstehens: Methoden 5.1 Indikatoren des Verstehens 5.2 Indikatoren des Verständnisses Zusammenfassung

  6 Prozesse des Textverstehens 6.1 Subsemantische Verarbeitung 6.2 Das Verstehen von Wörtern 6.3 Wörter im Kontext von Sätzen 6.4 Inkrementelles Textverstehen 6.5 Über den Text hinaus: Inferenzen 6.6 Verständnis: multiple Repräsentation 6.7 Verarbeitungsaufwand und Ressourcen Zusammenfassung

  7 Grammatische Verständlichkeit 7.1 Funktionale Grammatik 7.2 Verständliche Wörter 7.3 Einfache Sätze 7.4 Kohärente Texte Zusammenfassung

  8 Pragmatische Verständlichkeit 8.1 Handeln mit Sprache 8.2 Benennen 8.3 Definieren 8.4 Beschreiben 8.5 Erzählen 8.6 Anleiten 8.7 Argumentieren Zusammenfassung

  9 Didaktische Zusätze 9.1 Ergänzungstaktik 9.2 Zusatztexte 9.3 Didaktische Visualisierung Zusammenfassung

  10 Motivationale Aspekte der Verständlichkeit 10.1 Lesemotivationen 10.2 Die Lust am Text Zusammenfassung

  11 Texte evaluieren und optimieren 11.1 Gesucht: Experten für Verständlichkeit 11.2 Methoden der Adressatenanalyse 11.3 Guidelines und reduzierte Sprachen 11.4 Verständlichkeitsformeln und -indizes 11.5 Verständlichkeitsratings 11.6 Checklisten 11.7 Textanalyse-Software 11.8 Usability-Labor Zusammenfassung

  12 Ein kurzer Ausblick

  Literaturverzeichnis

  Abbildungen

  Zusatzmaterialien

  Sachregister

1 Zur Konzeption des Buches

Viele Jahre meiner wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich mit Problemen verständlicher Kommunikation zugebracht. Die Orientierung war dabei vorwiegend praktisch, es ging um Studienmaterial, Lehrbücher, technische Dokumentationen, journalistische Texte, audiovisuelles Material, Präsentationen. Als wissenschaftlicher Redakteur habe ich Studienbriefe im Funkkolleg fernstudiendidaktisch bearbeitet. In Workshops und Schreibwerkstätten berate ich Firmen und wissenschaftliche Institutionen, wie sie Texte und Bilder verständlich gestalten können. Bei dieser Praxis des Verständlichmachens kam die Theorie immer zu kurz, obwohl mir bewusst war, dass Verständlichkeit in einer Theorie der Kommunikation verankert werden muss und sich die praktische Umsetzung nicht in der Anwendung schlichter Richtlinien erschöpft wie „Vermeide Schachtelsätze!“ Verständliche Texte sind das Produkt einer komplexen und anspruchsvollen kommunikativen Arbeit. Dafür liefert dieses Buch einen theoretischen Rahmen.

1.1 Grundannahmen

Schon in der klassischen Rhetorik und ausführlich in der Hermeneutik war Verstehen und Verständlichkeit ein Thema, das derzeit in der Kognitionspsychologie und der Linguistik weitergeführt wird, allerdings nicht kontinuierlich und kumulativ, sondern in zahlreichen und verzweigten Forschungslinien. Die theoretischen und praktischen Ansätze sind kaum noch zu überblicken. Keine meiner Grundannahmen ist vollständig neu, in einem so traditionsreichen Forschungsgebiet steht man als Zwerg auf den Schultern von Riesen. Das Literaturverzeichnis zeigt, auf wie vielen Grundpfeilern das theoretische Gebäude errichtet ist. Ohne Respekt vor disziplinären Zäunen möchte ich die unterschiedlichen Forschungslinien zusammenführen: Hermeneutik, Sprachphilosophie, Philologie bzw. Interpretationstheorie, Linguistik und Psycholinguistik, Sprachpsychologie und Kognitionspsychologie. Einzig die Neuropsychologie habe ich ausgespart, obwohl sie durchaus ergänzende Beiträge zum Thema liefern könnte.

Aus diesem breiten Blickwinkel sind drei Einschränkungen notwendig:

1. Es geht um SachtexteSachtext, deren primäre Absicht es ist, über Sachverhalte zu informieren.1 Dazu gehören auch FachtexteFachtext, Fachsprache verschiedener Disziplinen und Wissensdomänen. Ganz ausgeblendet bleiben literarische Texte, obwohl das Verstehen dort nicht grundsätzlich anders abläuft (Kintsch, 1994). Verständlichkeit ist aber kein sinnvolles Kriterium für literarische Werke.

2. Der Fokus liegt auf schriftlichen Texten. Trotzdem kommt man um die mündliche Verständigung nicht herum, um im Vergleich die Probleme der Textverständlichkeit herauszuarbeiten. Die kommunikative Situation ist beim Schreiben und Leseverstehen eine völlig andere als beim Sprechen und Hörverstehen.

3. Die Präsentation von Texten in anderen Medien auf einem Monitor oder dem Display eines Smartphones, wird nicht berücksichtigt. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Leitlinien verständlicher Sprache für alle medialen Präsentationen gleich sind.

Verständlichkeit als theoretisches Problem

Ein Text bekommt die Eigenschaft „verständlich“ zugesprochen, indem ein Leser bzw. eine Leserin sein bzw. ihr eigenes Verstehen beurteilt. Durch die Substantivierung zu „Verständlichkeit“ wird daraus ein Merkmal, von dem ein Text mehr oder weniger besitzen kann. Diese Substantivierung führt allerdings in die Irre.

1. Verständlichkeit ist keine fixe Eigenschaft einer sprachlichen Mitteilung sondern eine kommunikative Kategorie und muss in einer Theorie der Kommunikation eingebettet sein. Für pragmatisch orientierte Linguisten ist das eine Selbstverständlichkeit (Heringer, 1979; Fritz, 1991), in der Psychologie hat sich diese Erkenntnis erst später durchgesetzt. Verständlichkeit ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen Absenderund Adressat. Verständlich ist eine Mitteilung – ein mündlicher oder schriftlicher Text – immer nur für einen bestimmten Adressaten oder eine bestimmte Adressatengruppe.

2. Verstehen findet im Kopf des Adressaten statt und das Ergebnis lässt sich nie über den Text allein vorhersagen. Vor allem das Vorwissen und der Einsatz von kognitiven Ressourcen bei den Adressaten spielen eine entscheidende Rolle. Der Text ist sozusagen nur eine Ausgangsbedingung, er regt Verarbeitungsprozesse an, aber er determiniert das daraus resultierende Verständnis nicht. Der Absender kann über die sprachliche Formulierung das Verstehen aber erleichtern oder erschweren.

3. Verständlichkeit ist abhängig vom Verarbeitungsaufwand, der zum Verstehen erforderlich ist. Wer ein Urteil über die Verständlichkeit eines Textes ausspricht, der schätzt ein, wie viele mentale Ressourcen er zum Verstehen einsetzen musste. Diese Idee findet sich bereits 1884 bei Herbert Spencer (2018), der Schwerverständlichkeit als eine von der Sprache verursachte geistige Anstrengung auffasst. Dabei spielen Beschränkungen der Kapazität im Arbeitsgedächtnis eine wichtige Rolle.

4. Es gibt verschiedene Verstehensprozesse, die den Einsatz mentaler Ressourcen erfordern. Einmal die grammatische Verarbeitung der Wörter, Sätze und Texte. Die deutsche Grammatik lässt Wortbildungen, Satzkonstruktionen und Textverknüpfungen zu, die zwar korrekt, aber für die Verarbeitung aufwendig sind. Zum anderen die pragmatische Verarbeitung, bei der es um das Verstehen der mit einer Äußerung vollzogenen Handlung geht. Vage und mehrdeutige Formulierungen erschweren nicht nur das Verstehen, sondern führen auch zu Missverständnissen. Schließlich lassen sich über einen anregenden Text auch motivationale Ressourcen aktivieren.

Mit diesen Annahmen wird ein kognitiver Konstruktivismus vertreten: Verstehen ist keine passive Entnahme von Bedeutungen aus einem Text, sondern die aktive Konstruktion eines Verständnisses.

Verständlichkeit als praktisches Problem

An Anleitungen für verständliches Schreiben und verständlichen Stil besteht keinerlei Mangel: seit der Stilkunst von Eduard Engel (1911, 2016) – erfolgreich plagiiert und arisiert von Ludwig Reiners (1943, 1961) – bis zu den strengen Traktaten des aktuellen Stilpapstes Wolf Schneider (1994, 2005) und den abwägenden Stilbetrachtungen von Willy Sanders (1990, 1998). Was verständliche Sprache ausmacht, das ist eigentlich in vielen Büchern nachzulesen.2 Schwierig bleibt aber offenbar die praktische Umsetzung. Entweder weisen praxisorientierte Anleitungen und Handreichungen einen schmalen oder gar keinen theoretischen Hintergrund auf. Oder es gibt Ansätze, die sich theoretisch differenziert über Verstehen und Verständlichkeit auslassen, aber nur sehr allgemeine Anregungen für den Praktiker der Verständlichkeit bieten. Mein Versuch soll die Grundlagenforschung zum Verstehen und die praktische Umsetzung in verständliche Texte miteinander verbinden.

1. Innerhalb einer Kommunikationstheorie ist die Adressatenorientierung von zentraler Bedeutung. Texte müssen so formuliert werden, dass sie bei den jeweiligen Adressaten keine unnötigen Ressourcen zum Verstehen beanspruchen. Diese Aufgabe des Absenders erfordert fundierte Annahmen über die Vorkenntnisse, die kognitiven Fähigkeiten und die Sprachkompetenz der Adressaten, aber auch über ihre Mentalität und Motivation.

2. Verständlich Schreiben ist ein Handwerk, das man lernen kann, z.B. in Schreibwerkstätten oder mit Trainingsmaterial. Das vorliegende Buch enthält Leitlinien für eine verständliche Sprache, aber damit sollen keine stilistischen Normen für Sachprosa propagiert werden. Die Sprache stellt viele Formulierungsvarianten zur Verfügung, um einen Gedanken auszudrücken, und jede hat ihren kommunikativen Sinn. Ohne die Vielfalt der Sprache zu beschneiden, soll dafür sensibilisiert werden, was man als Autor bzw. Autorin seinen Adressaten mit einer Formulierung geistig zumutet, man kann es den Lesenden – bewusst oder unbewusst – schwermachen. Die Language AwarenessLanguage Awareness, das Sprachbewusstsein, von Schreibenden soll geschärft werden.

3. Es gibt Randbedingungen für das Verstehen, die den Einsatz kognitiver Ressourcen beeinflussen. Dazu gehört der visuelle Auftritt der Sprache, altmodisch das Schriftbild. Die Typografie spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle beim Lesen und das Layout kann den Aufbau von kohärenten Wissensstrukturen unterstützen.

4. Das Eingreifen in Texte durch Umformulierung ist nicht immer möglich, so sind z.B. klassische Text tabu. Hier kann das Verstehen durch didaktische Zusätze als Erschließungshilfen gefördert werden. Derartige Erschließungshilfen sind Vorstrukturierungen, Leitfragen, Zusammenfassungen, Glossare usw. Sie sind aus gut aufbereiteten Lehrwerken heute nicht mehr wegzudenken. Wenn man an die Texte nicht herankommt, dann kann man mit solchen Hilfsmitteln die Lese- und Verstehenskompetenz der Lesenden verbessern.

Das Verständlichmachen ist eine kommunikative Aufgabe. Ziel ist die Ausbildung von Textexperten, die über das notwendige Hintergrundwissen und über Werkzeuge zur Evaluation und Gestaltung von Sachtexten verfügen. Mit diesem Anliegen stehe ich nicht allein. In den letzten Jahrzehnten sind Ansätze, die sich mit Verständlichkeit befassen, wie Pilze aus dem Boden geschossen: Informationsdesign (Horn, 2000), Textdesign (Weber, 2008), Instruktionsdesign oder didaktisches Design (Reinman, 2011), Wissenskommunikation (Antos, 2006), Fachkommunikationswissenschaft (Heidrich, 2017).

1.2 Praxisfelder

Um welche Texte geht es konkret? Es gibt Bereiche gesellschaftlicher Kommunikation, in denen die Forderung nach Verständlichkeit aus verschiedenen Gründen besonders wichtig ist. Meist handelt es sich dabei um die Kommunikation zwischen Experten und Laien mit einem erheblichen Wissensgefälle zwischen beiden. Dazu einige Skizzen relevanter Praxisfelder.

Verwaltungskommunikation

Die administrative Sprache ist geprägt von immer komplexeren Inhalten und dem Bestreben nach Rechtssicherheit. Dazu kommt eine aus bürokratischer Tradition stammende Unfähigkeit, sich auf die Adressaten einzustellen. Das führt zu schwer verständlichem Bürokratendeutsch in Vorschriften, Bescheiden, Mitteilungen usw. (Eichhoff-Cyrus & Antos, 2008). Die Klartext-Initiative der Universität Hohenheim hat viele Beispiele für schwer verständliche Kommunikation in Politik und Verwaltung gesammelt (Kercher, 2013). Ein Beispiel für Verwaltungskommunikation, die viele Adressaten nicht verstehen, sind die Steuerbescheide. – Ein leidiges Spezialproblem stellen Formulare und Vordrucke dar, die oft erhebliche kognitive Anforderungen beim Ausfüllen stellen. Dazu kommt ein oft unübersichtliches Layout (Barnett, 2007; Renkema, 2009). Bemühungen um eine bürgernahe Sprache in Recht und Verwaltung gab es in der BRD bereits 1966: Die Gesellschaft für Deutsche Sprache richtete einen linguistischen Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag ein, der Gesetzestexte auf Verständlichkeit prüft.

Juristische Kommunikation

Die Forderung, dass Gesetze für die Adressaten verständlich sein müssen, denen sie zur Richtschnur dienen sollen, stammt bereits aus der Aufklärung (Lück, 2008). Zu den nachgeordneten juristischen Texten zählen Kommentare, Vorschriften, Ausführungsbestimmungen, Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) usw. Für Allgemeine Geschäftsbedingungen und Vertragsklauseln gilt ein Transparenzgebot als Rechtsprinzip (§. 307 Absatz 1 Satz 2 BGB). Es fordert klare Formulierungen der Rechte und Pflichten der Vertragspartner. Verbraucherverbände weisen darauf hin, dass das Transparenzgebot in AGBs bei Online-Angeboten, denen der Kunde mit einem Klick zustimmen muss, oft nicht eingehalten wird.

Die Frage, ob und wie weit juristische Texte allgemeinverständlich formuliert werden können, wird kontrovers diskutiert (Lerch, 2004; Eichhoff-Cyrus & Antos 2008). Von linguistischer Seite wird eine verständlichere Rechtssprache gefordert und mit abschreckenden Befunden argumentiert (Dietrich & Kühn, 2000; Neumann, 2009; Wolfer, 2017). Von juristischer Seite wird dagegengehalten, dass die sprachlichen Formulierungen den Adressaten im System der Justiz verständlich sind und zudem Deutungsoffenheit ein Strukturmerkmal rechtlicher Kommunikation darstellt, an dem auch Umformulierungen nichts ändern (Ogorek, 2004). Die Kritik an der Schwerverständlichkeit juristischer Texte wird auch als stereotypes habitualisiertes Urteil gesehen, in dem sich ein Misstrauen gegenüber dem Gesetzgeber ausdrückt (Warnke, 2004).

In Deutschland beraten seit 2009 sechs Sprachwissenschaftler das Justizministerium und überprüfen die Gesetze aller Ministerien. Diese sollen sprachlich einwandfrei und so weit wie möglich für jeden verständlich sein. So wird z.B. aus der „Erweiterung des Restmüllbehältervolumens“ schlicht eine „größere Mülltonne“. – In der Schweiz werden Gesetze schon seit über 30 Jahren auf Verständlichkeit geprüft, die sprachliche Redaktion ist dort institutionalisiert. Zudem sorgt schon die Tatsache, dass die Gesetze in drei Sprachen veröffentlicht werden, für einfachere Formulierungen (Nussbaumer, 2002).

Wirtschaftskommunikation

Die Sprache der Real- und vor allem der Finanzwirtschaft steht seit langem wegen ihrer Unverständlichkeit in der Kritik. Eine empirische Untersuchung der Verständlichkeit von Bankdokumenten (Kontoeröffnungsunterlagen, Allgemeine Geschäftsbedingungen, Datenschutzerklärungen, Newsletter) ergab, dass sie teilweise „dem Schwierigkeitsgrad einer Doktorarbeit“ entsprechen (Brettschneider, 2010). Besonders Fachwörter wie Fluktuationsquote, Bonität, Risikoinventur usw. werden nicht definiert. Die Beschreibung von Finanzprodukten und deren Risiken bleibt für Kunden oft undurchschaubar. John Lanchester (2015) behauptet, dass hier Unverständlichkeit zum Programm gehört.

Auch Verlautbarungen des Managements sind für Außenstehende kaum nachvollziehbar, nicht zuletzt wegen der vielen Anglizismen und Neologismen. Die Reden der Chief Executive Officer (CEO) auf den Hauptversammlungen von DAX-Unternehmen sind für Analysten und Wirtschaftsexperten verständlich, aber nicht für eine interessierte Öffentlichkeit (Brettschneider, 2013). Insgesamt zeigt die externe Unternehmenskommunikation, z.B. durch Geschäftsberichte, erhebliche Mängel der Verständlichkeit (Keller, 2006; Moss, 2009).

Am meisten Mühe geben sich Firmen mit PR-Texten, aber auch hier besteht oft noch Optimierungsbedarf, vor allem wenn es um Krisen-PR geht (Ebert, 2014).

Politische Kommunikation

Politiker und Politikerinnen drücken sich oft nicht klar und verständlich aus, selbst wenn sie die Wähler als Adressaten direkt ansprechen. Bei dieser Berufsgruppe ist oft ein strategisches Sprachverhalten zu beobachten: Zum einen achten sie wegen der oft komplexen Materie und verschiedener Rücksichtnahmen wenig auf Verständlichkeit. Zum anderen dominiert die persuasive Funktion der Sprache gegenüber der Verständigungsfunktion.

Parteiprogramme sind das Ergebnis von Kompromissen in Expertenrunden und deshalb oft verklausuliert und mit Fachwörtern durchsetzt. Eine empirische Studie der Parteiprogramme zur Bundestagswahl 2009 ergab: Die Linke hatte das unverständlichste Programm, die Grünen das verständlichste, aber beide noch weit von guter Verständlichkeit entfernt (Brettschneider, Haseloff & Kercher, 2009; Kercher, 2013).

Wissenschaftskommunikation

Die Sprache der Wissenschaften steht in Bezug auf Verständlichkeit in mehrfacher Hinsicht immer wieder am Pranger. Dabei muss man zunächst einräumen, dass es hier nicht allein um die Sprache, sondern auch um komplexe Inhalte geht. Wissenschaft ist ohne spezifische Fachwörter und ohne differenzierte Argumentation nicht denkbar (Otero, Leon & Graesser, 2002). Dazu kommt eine Tradition wissenschaftlicher Prosa, die sich nach dem Motto richtet: „Je schwieriger ein Text, desto klüger sein Autor“. Das hat zur Ausbildung eines Imponierdeutsch in den Wissenschaften geführt, wobei einige Disziplinen dafür offenbar besonders anfällig sind, z.B. die Soziologie (Ballod, 2001; Groebner, 2012). Grundsätzlich gibt es für Wissenschaftler wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Adressaten.

Wissenschaftliche AdressatenAdressat. Zu den wissenschaftlichen Texten gehören Fachaufsätze und Monografien, aber auch die Qualifikationsschriften wie Bachelor- und Masterarbeiten, Dissertationen und Habilitationen. Sie werden für die Scientific Community der eigenen Disziplin geschrieben. SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit ist hier traditionell als déformation professionelle ein Ausweis für komplexes und tiefgründiges Denken. Das führt zu Kommunikationsbarrieren zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, man denke an die beiden Kulturen der Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler (Snow, 1987). Allerdings ist die wissenschaftliche Prosa dabei, sich aus den traditionellen Schreibzwängen zu lösen (Sanders, 2008). Wissenschaftliche Texte sind immer weniger Anpassungen an ein überholtes Reputationssystem. Immer mehr Wissenschaftler sehen, wie verständlich und anregend z.B. amerikanische Kolleginnen und Kollegen schreiben. Sogar Bestseller! Schreiben wurde traditionell an den deutschen Hochschulen nicht gelehrt, ein angehender Wissenschaftler wird in den Schreibstil seines Faches hineinsozialisiert. Nachdem in akademischen Texten erhebliche Defizite aufgefallen sind, werden jetzt Workshops und Schreibwerkstätten angeboten und das Schreiben wird zum Soft Skill aufgewertet. Aber eine deutsche Wissenschaftssprache ist vielleicht bereits ein Auslaufmodell, da Englisch als lingua franca das Deutsch in den Instituten und Hörsälen immer mehr verdrängt. Wer in der Scientific Community Karriere machen will, der tut gut daran, seine Qualifizierungsschriften gleich englisch abzufassen (dazu kritisch Kaehlbrandt, 2016).

Außerwissenschaftliche Adressaten. Bei Texten von Wissenschaftlern für Nichtwissenschaftler bzw. die interessierte Öffentlichkeit wird oft moniert, dass Fachleute sich wenig Mühe geben, sich verständlich auszudrücken. Ein Grund dafür ist der „Curse of knowledge“: Je intensiver man sich mit einer Wissensdomäne auseinandergesetzt hat, desto weniger kann man sich in die Adressaten hineinversetzen, die über dieses Wissen nicht verfügen (Nickerson, 1999). Ein kommunikativer Graben zwischen Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern ist jedoch aus verschiedenen Gründen nicht akzeptabel.

1. Zum einen wird Wissenschaft weitgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert und ist den Geldgebern, letztlich den Steuerzahlern Rechenschaft über ihre Ergebnisse schuldig. Wissenschaftler müssen den theoretischen wie den praktischen Nutzen ihrer Arbeit vermitteln, das gilt vor allem für teure Grundlagenforschung (Weitze & Gießler, 2016). Wissenschaftler sollten ihre Arbeiten verständlich in den Medien sowie in Sachbüchern und populärwissenschaftlichen Zeitschriften präsentieren können, um Akzeptanz für ihre Forschung zu erreichen (von Campenhausen, 2014).

2. Die vielen Akademiker aus hochspezialisierten Studiengängen, die derzeit die Hochschulen verlassen, verbleiben bei weitem nicht alle im wissenschaftlichen System, sondern viele werden in außerakademischen Institutionen arbeiten. Ihre Bewerbung gewinnt, wenn ein zukünftiger Arbeitgeber eine Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit versteht und nicht schon am verschwurbelten Titel der Arbeit scheitert.

Einen wichtigen Wissenstransfer leistet die Politikberatung (Pörksen, 2014). Bei Themen wie Energiewende, Klimawandel, pränatale Diagnostik, Gen-Lebensmittel, Sterbehilfe usw. sind verantwortliche politische Entscheidungen ohne verständlich formulierte wissenschaftliche Expertisen nicht mehr denkbar.

Medizinische Kommunikation

Hier haben wir es mit einem Sonderfall der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu tun. Nachdem die Wissensmacht der Ärzte schrumpft, weil sich Patienten mit Ratgeberliteratur und Verbraucherinformationen im Web informieren, bekommen verständliche medizinische Befunde, Informationen über Medikamente, Anleitungen für medizinische Geräte und Hinweise zur gesunden Ernährung einen wichtigen Stellenwert. Die Beipackzettel zu Medikamenten waren schon mehrfach Gegenstand der Verständlichkeitsforschung (z.B. Hoffmann, 1983; van Vaerenbergh, 2007). Eine Hürde stellen vor allem die Warnungen vor Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten dar. Tests mit Adressaten zeigen, dass viele Fremd- und Fachwörter nicht verstanden werden: Gravidiät wird als Übergewicht missverstanden, Insuffizienz als Impotenz, Dosis als Verpackung und orale wird mit analer Applikation verwechselt. Das Problem ist die Mehrfachadressierung, denn die Texte sind nicht nur für Patienten, sondern auch für Ärzte und Apotheker geschrieben. Zudem sind bestimmte schwierige Wörter und Formulierungen gesetzlich vorgeschrieben.

Technische Kommunikation

Dazu zählen Anleitungen zur Montage, Bedienung, Wartung und Reparatur von Geräten und Maschinen sowie die technische Beschreibung von Produkten und ganzen Anlagen. BedienungsanleitungenBedienungsanleitung haben keinen guten Ruf. Jeder kennt den Scherz: Wenn man gelernt hat, ein Gerät zu bedienen, dann versteht man auch die Gebrauchsanleitung. In der technischen Kommunikation hat der Druck auf Verständlichkeit jedoch zugenommen (Jahr, 2007):

1. Eine unverständliche Bedienungsanleitung ärgert den Endkunden und wirkt sich negativ auf die Bewertung und das Image des Produkts und der Firma aus. Verständliche Texte sind auch ein Aspekt des Marketings.

2. Seit 1990 legt das Produkthaftungsgesetz fest, dass die Bedienungsanleitung Teil des Produkts ist und damit der Hersteller für Personen- und Sachschäden haftet, die auf eine unverständliche oder fehlerhafte Anleitung zurückzuführen sind. Eine missverständliche Anleitung kann so juristische Konsequenzen haben: Wer sich mit der neuen Brotschneidemaschine einen Finger kupiert, kann die Firma verklagen, wenn das Unglück nachweislich auf Mängel in der Bedienungsanleitung zurückzuführen ist. Seitdem bemühen sich Firmen um verständliche Anleitungen. Sie richten dazu entweder eigene Abteilungen ein oder lagern die technische Dokumentation zu Dienstleistern aus. Immer häufiger wird die Verständlichkeit der technischen Dokumentation mit Usability-Tests empirisch überprüft (Ballstaedt, 2000).

3. Schließlich werden die meisten Produkte für einen globalen Markt hergestellt und eine einfache und verständliche Sprache ist besser in andere Zielsprachen zu übersetzen, sowohl von menschlichen Übersetzern, erst recht aber für eine maschinelle Übersetzung.

Über Jahrzehnte war Verständlichkeit in der technischen Kommunikation ein zentrales Thema, das derzeit aber in den Hintergrund tritt, denn das standardisierte und kontrollierte Schreiben ist auf dem Vormarsch. Dabei sind lexikalische und syntaktische Formulierungsregeln vorgegeben, deren Einhaltung durch elektronische Tools überwacht wird. Eine derart reduzierte Sprache dient zwar primär der besseren Übersetzbarkeit, aber gleichzeitig verbessert sich auch die Allgemeinverständlichkeit.

Didaktische Kommunikation

Hier geht es um Lehr- und Sachbücher für Schulen und Weiterbildung. Schulbuchverlage haben Handreichungen für Autoren und Autorinnen entwickelt und bemühen sich durch eine Qualitätskontrolle um verständliche Texte. Dabei wird meist das Hamburger Modell der Verständlichkeit adaptiert (Langer, Schulz von Thun & Tausch, 2011). Man kann feststellen, dass die Lehrbücher in den letzten Jahrzehnten deutlich verständlicher formuliert und übersichtlicher gestaltet sind. Vorbild sind dabei amerikanische Lehrmaterialien, die schon länger nach Kriterien des Instructional Design gestaltet und evaluiert werden (Burnett, 2005).

Weniger überzeugend sind oft Informationstexte in Ausstellungen und Museen. Von den Beschriftungen an den Exponaten bis zu den Katalogen gibt es viele Texte, die für einen breiten Adressatenkreis verständlich sein sollten. Sie werden meist von Fachwissenschaftlern geschrieben und diese nehmen auf den heterogenen Adressatenkreis wenig Rücksicht (Ballstaedt, 1992). Hier liegt noch ein erheblicher Forschungsbedarf, was verständliche Formulierungen, aber auch eine augenfreundliche Präsentation betrifft.

Journalistische Kommunikation

Der Journalismus steht nicht zufällig an letzter Stelle der Praxisfelder. Er ist sozusagen die Vermittlungszentrale zwischen allen gesellschaftlichen Systemen. Ressort-Journalisten müssen Verständigung über die Grenzen von Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Gesundheit und Bildung ermöglichen. Für journalistische Texte ist deshalb Verständlichkeit ein zentrales Qualitätskriterium (Bucher, 2005). Verständliche Nachrichten, Kommentare, Reportagen sind eine Voraussetzung zur Partizipation an demokratischen Entscheidungsprozessen. Untersuchungen zur Verständlichkeit von Nachrichten und Kommentaren waren deshalb ein frühes Arbeitsfeld der angewandten Linguistik (Straßner, 1975; Ballstaedt, 1980). Von einem Journalisten stammen auch die beliebtesten modernen Stillehren, in denen Verständlichkeit eine zentrale Rolle spielt (Schneider, 1984, 1987, 1994, 2005).

Im Bereich Journalismus werden auch Probleme verständlicher Sprache in Anpassung an verschiedene Medien diskutiert, z.B. Schreiben für das Hören (Radio) oder von Texten für das Internet (Online-Zeitung). Es hat sich eine Medienlinguistik etabliert, die untersucht, wie Sprache an die verschiedenen Medien angepasst wird (Perrin, 2006; Burger & Luginbühl, 2014; Schmitz, 2004, 2015). Dabei spielt auch die Kombination von Sprache mit Bildern eine wichtige Rolle, denn in den visuellen Medien steht die Sprache oft in einem bildlichen Kontext.

1.3 Aufbau des Buches

Kapitel 1. Nach den Grundannahmen und den Anwendungsfeldern hier zur ersten Orientierung ein Schnelldurchlauf durch die folgenden Kapitel:

Kapitel 2. Zunächst wird der kommunikative Rahmen aufgespannt, in dem ein Absender etwas meint und ein Adressat etwas versteht. Verständlichkeit ist dabei das Ergebnis einer Kooperation: Der Absender muss adressatenorientiert formulieren und der Adressat muss sich um ein Verständnis bemühen.

Kapitel 3. Ausgangspunkt ist die gesprochene Sprache. In der mündlichen Kommunikation wird Verständigung durch Techniken kooperativer Verständnissicherung erreicht. Die Kommunikationspartner unterstellen sich wechselseitig die Einhaltung bestimmter Maximen oder fühlen sich bestimmten Geltungsansprüchen verpflichtet.

Kapitel 4. Auch Schreiben ist eine kommunikative Tätigkeit, nicht das egozentrische Ausleeren eines Kopfes. Allerdings stellen sich hier Probleme der Verständlichkeit in verschärfter Form, da die alltäglichen Formen der Verständnissicherung ausfallen. Die Verantwortung für verständliche Kommunikation verlagert sich auf den Absender: Er muss bei schriftlicher Kommunikation seine Adressaten bei der Auswahl der Inhalte und den Formulierungen berücksichtigen.

Kapitel 5. Verstehen und Verständnis lassen sich nicht direkt beobachten, sie spielen sich verborgen im Gehirn des Adressaten ab. Die Wissenschaft hat eine Reihe von Methoden entwickelt, mit denen man sozusagen unter die Schädeldecke blicken kann. Jede einzelne Methode hat ihre Grenzen und erfasst nur einen Aspekt des Verstehens, aber in einem ergänzenden Methodenmix sind sie doch erfolgreich.

Kapitel 6. Das Verstehen kann in Teilprozesse aufgebrochen werden: Die Leserlichkeit der Schrift erleichtert oder erschwert das Erkennen von Wörtern, mit dem der Prozess des Verstehens startet. Die Formulierung von Sätzen und ihre Verknüpfung zu Texten steuern die Verarbeitung, aber das Herzstück des Verstehens sind Schlussfolgerungen, die über den Text hinausgehen und in eine mentale Repräsentation des Textes eingehen. Diese Prozesse sind teils automatisiert, teils kontrolliert, wobei Letztere die Schwierigkeit eines Textes ausmachen. Verständlichkeit bedeutet eine Schonung mentaler Ressourcen. Der Einsatz von Ressourcen wird vor allem durch die beschränkte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses begrenzt. Wir unterscheiden grammatische und pragmatische Ressourcen.

Kapitel 7. Den theoretischen Hintergrund für die grammatische Verständlichkeit bildet eine funktionale Grammatik, in der die kommunikative Funktion sprachlicher Ausdrücke im Fokus steht. Verständlichkeit lässt sich auf der Ebene der Grammatik durch den Gebrauch geläufiger Wörter, einfacher Sätze und kohärenter Texte herstellen. Es werden psycholinguistische Befunde referiert, wie bestimmte Formulierungen das Verstehen beeinflussen.

Kapitel 8. Den theoretischen Hintergrund für die pragmatische Verständlichkeit bildet die Sprechakttheorie. Es geht um eindeutige sprachliche Handlungen, die mit dem Schreiben vollzogen werden. Dazu gehören in Fachtexten einfache Handlungen wie Benennen oder Anleiten sowie komplexe Handlungen wie Definieren, Beschreiben, Erzählen, Begründen. Vor allem das Argumentieren spielt in wissenschaftlichen Texten eine zentrale Rolle.

Kapitel 9. Zum Verständlichmachen von Texten gehören als flankierende Maßnahmen didaktische Zusätze, die helfen, einen schwierigen Text zu erschließen, den man aus verschiedenen Gründen nicht verständlicher umformulieren kann: Vorstrukturierungen, Zusammenfassungen, Lehr- und Lernziele, Merksätze usw. Diese Zusatztexte verlängern zwar den Text, aber nutzen vor allem Adressaten mit geringem Vorwissen und schwach ausgebildeten Lesekompetenzen.

Kapitel 10. Es gibt – unabhängig vom Inhalt – langweilig und anregend formulierte Texte: Über verschiedene rhetorische und stilistische Mittel kann eine textgenerierte Motivation entstehen, die indirekt das Verstehen fördert. Hierher gehören die klassischen rhetorischen Stilmittel der Veranschaulichung, Akzentuierung und Stimulanz, die auch in Sachtexten eingesetzt werden sollten.

Kapitel 11. Schließlich geht es um die Praxis der Verständlichkeit, um Schreiben, Bewerten und Optimieren von Texten. Dazu werden methodische Werkzeuge vorgestellt, mit denen die Verständlichkeit von eigenen wie von fremden Texten ohne einen zu großen Aufwand ermittelt werden kann: Adressatenanalyse, Verständlichkeitsformeln, elektronische Tools, pro- und präskriptive Richtlinien, Checklisten, Fragebögen usw. Traumziel ist ein Verständlichkeitsexperte mit einem Usability-Labor.

Kapitel 12. Ein paar abschließende Anmerkungen zum theoretischen und praktischen Status und zur Zukunft der Textverständlichkeit dürfen nicht fehlen.

Ich habe mir Mühe gegeben, geschlechtergerecht zu schreiben, aber vermeide umständliche und damit schwer lesbare Formulierungen. Das generische Maskulinum wird als Gattungsbegriff verwendet, der alle, auch diverse Geschlechter umfasst. In vielen Zusammenhängen ist eine Markierung des Geschlechts nicht notwendig.

Dieses Buch behandelt die sprachliche Verständlichkeit. Eine Ergänzung für verständliche Bilder findet sich in meinem Buch „Visualisieren. Bilder in wissenschaftlichen Texten“ (Ballstaedt, 2011).

2 Sprachliche Kommunikation: Meinen und Verstehen

In diesem Kapitel werden das Verstehen und die Verständlichkeit in ein Modell der Kommunikation eingebettet. Zuerst werden die Komponenten des Modells vorgestellt (2.1). Danach wird die Verständigung als eine Kooperation zwischen Absender und Adressat beschrieben (2.2). Beide Seiten müssen dazu beitragen, damit eine Mitteilung aus sprachlichen Zeichen verstanden wird.

2.1 Ein Modell der Kommunikation

Bild 1:

Ein Modell der Kommunikation, das wie jedes sozialwissenschaftliche Modell nur eine grobe Orientierung bietet und das Forschungsfeld mit seinen wichtigsten Einflussgrößen vorstellt.

Kommunikation ist eine Interaktion mittels Zeichen, die dazu dient, wechselseitig das Verhalten oder das Erleben des jeweiligen Adressaten zu beeinflussen. Jede Kommunikation zwischen Absender und Adressaten – mit welchem Zeichensystem auch immer – spielt sich in einem Feld mit zahlreichen Einflussgrößen ab, die im Bild 1 in einem Modell visualisiert sind.

Kommunikative Situation

Jede Kommunikation ist situiert, sie ist in eine Situation eingebettet. In der mündlichen Kommunikation besteht die Situation aus einem Wahrnehmungsumfeld und aus einer sozialen Situation.1 Entscheidend ist dabei, dass allein die mentale Repräsentation der Situation im Kopf eines Absenders und Adressaten, ihre „Definition der Situation“ für die Sprachproduktion sowie das Sprachverstehen relevant sind. Es handelt sich nicht um objektive Gegebenheiten, sondern um subjektive mentale Konstrukte. Hier darf das berühmte Zitat nicht fehlen: „If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas & Thomas, 1928).

WahrnehmungsumfeldWahrnehmungsumfeld. In der mündlichen Kommunikation gehört zur Situation die gemeinsam wahrgenommene räumliche und zeitliche Umwelt, das Setting, in dem sich die Kommunikationspartner befinden und auf das sie sich mit Zeigegesten und deiktischen Ausdrücken beziehen können. Ein Kommunikant kann den anderen gestisch oder sprachlich auf einen Aspekt des Settings aufmerksam machen. Wichtig ist auch hier, dass Absender und Adressat die Umwelt nicht unbedingt gleich wahrnehmen, ihre visuelle Aufmerksamkeit kann sich auf unterschiedliche Aspekte des Settings beziehen, sie nehmen verschiedene PerspektivenPerspektive ein. Jede Gesellschaft schafft institutionalisierte Settings wie z.B. einen Hörsaal, ein Museum, einen Supermarkt mit bestimmten Gegenständen, die bestimmte Handlungen ermöglichen.

Soziale Situation. Jede Kommunikation findet in einer bestimmten sozialen SituationSituationsoziale statt, die soziale Rollen und die dafür geltenden Konventionen umfasst. Diese haben wir in der Sozialisation gelernt und halten sie meist unbewusst ein. In einem Gespräch fühlen wir uns nur sicher, wenn wir wissen, „was vor sich geht“ (Goffman, 1977), d.h. in welchem sozialen Kontext wir uns befinden. Zur sozialen Situation gehören oft noch andere Personen wie Mithörer (z.B. in einer Gruppe), aber auch unbeteiligte Zuhörer. Innerhalb von Institutionen gibt es klar definierte soziale Situationen, z.B. eine Prüfung, ein Verhör, ein Restaurantbesuch. Sie beeinflussen, welche Inhalte in welcher sprachlichen Form (Wortwahl, Satzbau, Rhetorik) geäußert werden.

Wenn wir in der Sprechstunde einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren, befinden wir uns in folgender kommunikativen SituationSituationkommunikative. Das Setting ist bekannt: Ein Schreibtisch mit Computer, Blutdruckmessgerät, daneben ein Stuhl für den Patienten und eine Liege für Untersuchungen usw. Die Situation bestimmt Inhalt und Form der sprachlichen Kommunikation. So stehen die Themen Gesundheit und Krankheit im Fokus. Wir erwarten und akzeptieren Fragen, die in anderen Situationen nicht angebracht sind: Wie klappt es mit dem Wasserlassen? Wie oft findet Geschlechtsverkehr statt? Wie viel Alkohol wird pro Tag getrunken? Gab es bereits Depressionen in der Familie? usw. Dabei herrscht eine strenge Komplementarität, denn Patienten dürfen derartige Fragen an den Arzt nicht stellen. Der Patient wird dem Arzt oder der Ärztin gegenüber seine Beschwerden anders formulieren als in der Familie. Während er in den heimischen vier Wänden oft furzen muss, spricht er in der Praxis von Blähungen, der Arzt von abgehenden Winden, Flatulenz oder Meteorismus. Der Patient ist auch bereit, sich auszuziehen – in diesem Kontext sich „freizumachen“, das direkte Wort „ausziehen“ wird diskret vermieden. Wir lassen uns an Körperstellen anfassen, die sonst der Intimkommunikation vorbehalten sind. Wir erwarten vom Arzt dabei einen nüchternen klinischen Blick. Wenn er zu einer Patientin sagt: „Sie haben einen hübschen Po“, so wäre diese wahrscheinlich irritiert, die Äußerung ist nicht situationsangemessen, der Arzt ist damit „aus dem Rahmen gefallen“.

Die kommunikative SituationSituationkommunikative ist eine Schnittstelle, an der die Gesellschaft mit ihren Institutionen und die Personen mit ihren Intentionen aufeinandertreffen. Sie ist nicht statisch, sondern verändert sich mit der Entwicklung der Interaktion zwischen den Beteiligten.

In der schriftlichen Kommunikation ist den Beteiligten die Kommunikationssituation meist weniger bewusst. Hier fehlt das gemeinsame Wahrnehmungsumfeld und die Kommunizierenden sind sich oft nicht bewusst, dass sie sich in einer sozialen Situation befinden.

Wenn ein Studierender eine Masterarbeit schreibt und eine Professorin sie später liest, befinden sich beide ebenfalls in einer institutionellen sozialen Situation. Der Studierende weiß, was seine Betreuerin inhaltlich gern lesen möchte und er kennt die Regeln wissenschaftlicher Argumentation. Zudem kennt er den akademischen Schreibstil der jeweiligen Disziplin, er schreibt also adressatenorientiert und passt sich sozialen Normen an.

Van Dijk & Kintsch (1983) haben ein „communicative context model“ eingeführt, van Dijk (2008) hat diesen Ansatz weiter ausgearbeitet. In dieses mentale Modellmentales Modell wird alles Wissen über die kommunikative Situation hineingesteckt: die geltenden Konventionen, die Images der Beteiligten, ihre Intentionen und ihr Vorwissen.

AbsenderAbsender und AdressatAdressat

Voraussetzung für Kommunikation sind Akteure: ein Absender, der mit einer Mitteilung etwas meint und ein Adressat, der durch die Mitteilung etwas versteht. Im mündlichen Dialog wechseln Absender und Adressat laufend ihre Rollen, beim Schreiben bleibt die Kommunikation oft einseitig. Das Modell stellt sozusagen nur einen eingefrorenen Moment in der Interaktion dar. Absender und Adressat fassen wir als Kommunikationspartner zusammen. Beide treten in die Kommunikationssituation mit unterschiedlichen Motiven und Intentionen sowie verschiedenen Wissensbeständen ein.

MotiveMotiv und IntentionenIntention

Die beiden oberen Ellipsen im Modell stehen für die basalen Motive (= Beweggründe), die sich in konkreten Intentionen (= Zielen) von Absender und Adressat manifestieren. Welche Basismotive die Menschen antreiben, dazu hat die Motivationspsychologie zahlreiche Ansätze geliefert, allerdings nur mit geringer Übereinstimmung. In das Gestrüpp der Triebe, Anreize, Motive, Bedürfnisse, Interessen usw. werden wir uns hier nicht begeben. Wir bleiben auf einer formalen Ebene.

Nach Michael Tomasello (2009, S. 95ff.) liegen der unendlich großen Zahl an IntentionenIntention drei evolutionär entstandene basale Kommunikationsmotive zugrunde.

Auffordern. Der Absender will, dass der Adressat etwas tut, was der Absender will, was ihm nutzt. In der Sprache entspricht dem der Imperativ, aber es gibt abgeschwächte Formen wie Bitten, Vorschlagen, Hinweisen (ausführlich Herrmann & Grabowski, 1994).

Informieren. Der Absender will, dass der Adressat etwas weiß, das für ihn – oder für beide – relevant ist. Er hilft dem anderen, indem er ihn informiert und damit für geteiltes Wissen sorgt. Hier liegt eine Wurzel für kooperatives und prosoziales Handeln.

Teilen. Der Absender will, dass der Adressat Gefühle, Stimmungen oder Einstellungen mit ihm teilt, dass er sozusagen mitfühlt. Dieses Mitteilungsmotiv liegt vielen alltäglichen Gesprächen (Smalltalk) zugrunde, die weder auffordern noch informieren, aber den sozialen Zusammenhalt fördern.

MotiveMotiv gehen den IntentionenIntention voraus, sie sind sozusagen der tiefere Grund für die Intention (Achtziger & Gollwitzer, 2006). Während die Intentionen den Kommunikationspartnern bewusst sind, müssen dies die Motive nicht immer sein. Alle Intentionen eines Absenders verfolgen letztlich das Ziel, das Denken oder Handeln des Adressaten zu beeinflussen. Wir gehen damit von einem Primat der Persuasion in der sprachlichen Kommunikation aus, die als Überreden oder als Überzeugen ausprägt sein kann.

ÜberredenÜberreden. Diese Kommunikation ist einseitig wirkungsorientiert, es dominieren IntentionenIntention des Absenders, den Adressaten in seinem Sinne zu beeinflussen, zu einer Änderung der Einstellung oder zu einem bestimmten Verhalten. Dem entspricht das basale Motiv des Aufforderns. Zahlreiche Sprachverwendungen haben eine direkte persuasive Funktion, vom Verschleiern, Täuschen, Aufbauschen, Kleinreden bis zum Lügen. Verständlichkeit ist beim Überreden nicht unbedingt erforderlich.

ÜberzeugenÜberzeugen. In der verständigungsorientierten Kommunikation sind die Beteiligten sozial motiviert, ein Einverständnis oder wenigstens einen Kompromiss über ein Problem herzustellen. Dabei sind die basalen Motive des Informierens und Teilens dominant. Argumentation ist der rationale Versuch, den Adressaten mit schlüssigen Gründen zu überzeugen. Für die rationale Verständigung ist Verständlichkeit eine zentrale Forderung.

Überredung und Überzeugung sind zwei Seiten jeder Kommunikation: Sprache ist ein Werkzeug zur Persuasion und zur Verständigung. Die basalen Kommunikationsmotive können eine Vielzahl von spezifischen IntentionenIntention hervorbringen. Im Prinzip gibt es keine Absicht, die man nicht auch sprachlich verfolgen kann (Herrmann, 2005). Einen Sachtext liest eine Person, um damit etwas zu erreichen, z.B. Wissen zu erwerben, ein Gerät zu bedienen, eine Entscheidung zu fällen, ein Problem zu lösen usw. (Sauer, 1999). Viele sprachliche Handlungen sind mehrfach determiniert, das Geflecht verschiedener Motive und Intentionen ist den Kommunizierenden nicht immer bewusst. Man kann sich über die eigenen Motive wie die der anderen täuschen.

Geteilte IntentionenIntention

Absender und Adressaten gehen beide mit bestimmten IntentionenIntentiongeteilt in eine Kommunikation, diese müssen aber nicht übereinstimmen. Geteilte oder kollektive Intentionen sind eine Basis für KooperationKooperation und schaffen ein Wir-Gefühl (Schmid & Schweikard, 2009). Aber gemeinsame Intentionen sind nicht der Normalfall, Kommunikation ist auch mit unterschiedlichen, gemischten und sogar widersprechenden Intentionen der Beteiligten möglich.

Bei einer Gebrauchsanleitung stimmen die Intentionen der technischen Autorin und des Anwenders in einem Punkt überein: Das Gerät soll problemlos bedient werden. Beim Autor kommen aber noch andere Intentionen dazu: Der Text muss Regressforderungen im Rahmen der Produkthaftung vermeiden. Und die Anleitung sollte einen werbenden Charakter haben, damit der Anwender weitere Produkte des Herstellers kauft, sie soll die Kundenbindung stärken. – Der Anwender hingegen will das Gerät möglichst schnell in Betrieb nehmen, er überspringt die Listen mit Warnhinweisen am Anfang der Anleitung und möchte auch nicht mit Werbung konfrontiert werden. Er will das Gerät benutzen und nachträglich in seiner Kaufentscheidung bestärkt werden.

Oft kommuniziert eine Person mit gemischten Intentionen: So ist es die Absicht eines Wissenschaftlers, über seine neuen Befunde und seine neue Theorie zu berichten, aber dazu kommen kollaterale Intentionen, die mit der Konkurrenz im Wissenschaftssystem und der Eitelkeit und Geltungssucht der Wissenschaftler zu tun haben. Der Wissenschaftler möchte Aufmerksamkeit erregen, mit Originalität imponieren und oft zitiert werden, um Drittmittel zu bekommen.

Kommunikation funktioniert auch ohne gemeinsame übergeordnete Intentionen, ja sogar mit entgegengesetzten Absichten. Auch ein Streit ist Kommunikation! Ein für Absender wie Adressat brauchbarer Text muss gleichwohl die Intentionen beider berücksichtigen, Elke Prestin (2001) hat dafür den Ausdruck „Intentionsadäquatheit“ vorgeschlagen.

Wissensbestände

Die beiden unteren Ellipsen im Modell stehen für die Wissensbestände von Absender und Adressat im LangzeitgedächtnisGedächtnisLangzeit- (LZG), die wir in folgende Bestandteile untergliedern:

SituationswissenWissenSituations-. Absender und Adressat wissen um die soziale Situation, in der sie kommunizieren, sie kennen die dafür geltenden Normen und Regeln.

WeltwissenWissenWelt-. Hiermit sind alle erworbenen Kenntnisse gemeint, die im Gedächtnis vorliegen. Jeder Mensch hat einen individuellen Bestand an Wissen, aber es gibt innerhalb einer Kultur auch ein übereinstimmendes kollektives Weltwissen in den Köpfen. Dieses allgemeine Wissen ist im semantischen GedächtnisGedächtnissemantisch gespeichert, z.B. die Tatsache, dass Frankreich ein Land in Europa und Paris seine Hauptstadt ist. Alle Theoretiker gehen davon aus, dass das Weltwissen in einer Form konzeptueller Netzwerke repräsentiert ist.

Erfahrungen. Hiermit sind die persönlichen Erlebnisse gemeint, die ein Mensch im Laufe seines Lebens ansammelt. Während das Weltwissen prinzipiell für alle zugänglich ist, sind die persönlichen Erfahrungen individuell. Sie sind im episodischen GedächtnisGedächtnisepisodisch gespeichert, z.B. dass ich den ersten Kuss in einem Urlaub in Paris in einer Metrostation ausgetauscht habe. Das episodische WissenWissenepisodisch enthält auch modalitätsspezifisches Wissen, vor allem visuelle und auditive Vorstellungen. Zu den für die Kommunikation relevanten Erfahrungen gehören auch diejenigen, die man bereits in anderen Situationen mit den beteiligten Partnern gemacht hat. Semantisches und episodisches Gedächtnis sind zwar neuronal getrennt, aber stehen in Interaktion (Tulving, 1972).

SprachwissenWissenSprach-. Ohne gemeinsame Beherrschung von Zeichensystemen oder Kodes ist Kommunikation unmöglich. Zum sprachlichen Wissen gehören das phonologische, orthografische, lexikalische, syntaktische und textuelle Wissen der Grammatik. Die natürliche Sprache besteht aus einem lautlichen Kode und einem später erworbenen schriftlichen Kode. Die sprachliche Kommunikation ist zudem mit paralinguistischen, mimischen und gestischen Kodes verknüpft, also grundsätzlich multikodal (Ballstaedt, 2015).

Personales WissenWissenpersonal. Der Absender verfügt über Wissen über den Adressaten, an den er seine Mitteilung richtet. Umgekehrt hat der Adressat ein Wissen über den Absender, nach dem er sein Verstehen ausrichtet. Das Wissen über den anderen wird als „model of the other person“ oder als ImageImage zusammengefasst. Der Aufbau eines Persönlichkeitsbildes des anderen beginnt beim Erstkontakt mit dem berüchtigten ersten Eindruckerster Eindruck: Ein Mensch ist sympathisch oder unsympathisch, wirkt mehr oder weniger intelligent usw. In das Image einer Person gehen ihre soziale Position und die damit verbundene Rolle mit ein. Anfangs werden Lücken durch soziale Stereotype wie „Student“, „Professor“, „Banker“ usw. geschlossen. Die Einschätzung des Wissens und der Intentionen des Gegenübers bleibt erschlossen und fragmentarisch. Dazu gehört auch eine Einschätzung, welche Definition der Situation der andere einbringt und damit die Möglichkeit, sich in die PerspektivePerspektive des anderen zu versetzen, eine der wichtigsten kommunikativen KompetenzenKompetenz. Diese ersten (Vor-)Urteile über die andere Person beeinflussen die weitere Kommunikation mit dieser Person und können sich im Verlauf der Kommunikation verändern. Wir testen sozusagen fortlaufend Hypothesen über die Person des anderen (Bach & Schenke, 2017). In der Kommunikation sind alle Beteiligten darauf bedacht, ihr Image in ihrem Sinne zu beeinflussen: Die Selbstdarstellung bzw. das Impression ManagementImpression Management ist ein persuasiver Bestandteil jeder Kommunikation.

In der Literaturtheorie wird bei fiktionalen Texten von einem impliziten Leser gesprochen, den ein Autor/eine Autorin beim Schreiben mitdenkt (Iser, 1976). Ebenso gibt es auf der Seite des Lesenden einen impliziten Autor, das ist die Vorstellung, die sich ein Lesender durch die Lektüre des Textes vom Autor konstruiert (Booth, 1974). Diese Überlegungen können auch auf Sachtexte übertragen werden.

In der hermeneutischen Tradition werden all diese subjektiven Wissensbestände als VorverständnisVorverständnis zusammengefasst. Das mitgebrachte Vorverständnis erschließt einerseits die Mitteilung, aber schränkt andererseits das Verstehen auch ein. Das unvermeidlich mitgebrachte Vorverständnis kann „für das neue Verstehen produktiv werden, aber auch in seiner Eingeschränktheit den Blick für das Andersartige verstellen und es von vornherein in den engen Horizont des eigenen Weltbildes zwängen“ (Kümmel, 1965, S. 31).

Geteiltes Wissen = Common GroundCommon Ground

Absender und Adressat bringen zwar ihre eigenen Köpfe mit, aber Kommunikation setzt eine teilweise Übereinstimmung der Wissensbestände voraus, einen Common GroundCommon Ground nach Herbert Clark (1997a, b) oder „culturally shared knowledge“ nach Walter Kintsch (1974). Gäbe es keinerlei geteiltes Wissen, dann wäre auch keine Kommunikation möglich, so als wenn wir einem Alien gegenüberständen, das andere Zeichensysteme benutzt, anderes VorwissenVorwissen, andere Erfahrungen und andere Konventionen einbringt. Je größer das geteilte Wissen, desto weniger muss explizit ausgedrückt werden, desto besser verstehen sich die Kommunikanten. Würden die beiden Ellipsen allerdings zusammenfallen, dann hätten die beiden Kommunikanten sich eigentlich nichts zu sagen. Kommunikation wird erst interessant, wenn man mit Unbekanntem und Abweichungen vom eigenen Wissen rechnen muss. Am Anfang einer Beziehung dient Kommunikation dazu, das gemeinsame Wissen zu ermitteln und auszuweiten, nach vielen Jahren des Zusammenlebens hat man sich dann weniger zu sagen, vieles kann als Common Ground unausgesprochen bleiben.

Zum geteilten Wissen gehört in der mündlichen Kommunikation auch das WahrnehmungsumfeldWahrnehmungsumfeld, in dem sich Absender und Adressat befinden. Und zum geteilten Wissen gehört auch alles, was vorher gesprochen oder geschrieben wurde, es wird als sprachlicher Kontext (oder Kotext) für die aktuelle Äußerung bezeichnet. Ein zusammenhängendes Gespräch kann nur kohärent sein, wenn die vorherigen Äußerungen beider Kommunikanten noch im episodischen GedächtnisGedächtnisepisodisch abrufbar sind.

MitteilungenMitteilung, Äußerungen

Das Herz der Kommunikation ist die Mitteilung, sie besteht aus Zeichen verschiedener Kodes. Mit ihr äußert der Absender, was er meint, und sie dient als Grundlage dafür, was der Adressat versteht. Eine Äußerung bringt etwas Erlebtes oder Gedachtes hörbar oder lesbar zum sprachlichen Ausdruck. Die meisten Mitteilungen sind multikodal, d.h. kombinieren mehrere Zeichensysteme. Auch sprachliche Zeichen sind stets in einen multikodalen Kontext eingebettet (Ballstaedt, 2016a). Gesprochene Sprache ist mit anderen Zeichensystemen wie Prosodie oder Gesten verknüpft. Geschriebene Sprache wird oft mit Abbildern und VisualisierungenVisualisierung kombiniert. Das bedeutet, „that language is always one of a number of semiotic (communication/representational) modes in use in any act of communication, and that language may not be the central mode“ (Kress, Ogborn & Martins, 1998, S. 69). Die Kombination von verschiedenen Zeichen kann zu sehr komplexen, sogar in sich widersprüchlichen Mitteilungen führen.

Noch eine terminologische Anmerkung: Bei Semiotikern und einigen Linguisten werden alle Zeichen eines Kommunikats als ein Text behandelt, also auch die Bilder. Wir gehen demgegenüber von einem engen Begriff von Text als zusammenhängender Satzfolge aus. Der weite Textbegriff verdeckt die kommunikativen und neuronalen Unterschiede des sprachlichen und bildlichen Kodes und führt dadurch zu unangemessenen Theorien und Methoden, die sich in Wörtern wie „Bildlinguistik“, „Bildgrammatik“, „Bildsprache“, „Bilderlesen“ usw. niederschlagen, die auch als Analogien problematisch bleiben.

MedienMedien

Eine sprachliche Mitteilung kann in verschiedenen MedienMedien transportiert, präsentiert und gespeichert werden. Die direkte Face-to-face-Kommunikation benötigt kein Medium, aber Texte können im Radio, in einem Buch, auf dem Monitor präsentiert werden. Medien sind der materielle bzw. apparative Anteil der Kommunikation. Inwieweit das Medium die Gestaltung und die Rezeption der Mitteilung beeinflusst, ist Thema der Medienlinguistik (Burger & Luginbühl, 2014; Schmitz, 2015). Wir gehen davon aus, dass die unteren Prozesse der Wahrnehmung von Texten – Laut- und Buchstabenwahrnehmung – medienspezifisch ablaufen, so werden z.B. Texte auf dem Monitor oder dem Smartphone flüchtiger gelesen als in einem Buch. Aber die Prozesse des Verstehens sind bei allen Medien gleich, die Richtlinien für sprachliche Verständlichkeit sind deshalb für alle Medien gültig.

MeinenMeinen

Wohl alle Sprachwissenschaftler sind sich darin einig, dass ein Absender mit seiner Mitteilung auf mehreren Ebenen etwas meinen kann. In seiner Sprachtheorie unterscheidet Karl Bühler (1982) beim Zeichengebrauch drei Funktionen: Darstellung, Appell und Ausdruck. Ein Beispiel für eine einfache Mitteilung.2 Situation: Der Satz wird von einem Kernkraftgegner mündlich geäußert oder in einem Flyer abgedruckt.


(1) Die radioaktiven Abfälle eines Kernreaktors belasten die Umwelt über Jahrtausende.

Was meint der Absender mit dieser Äußerung und wie kann sie ein Adressat verstehen?

Inhaltliche BedeutungBedeutunginhaltlich. Mit seiner Äußerung externalisiert der Absender Wissen über Dinge, Personen, Ereignisse. Das wörtlich Gesagte bezieht sich (= referenziert) auf die Wirklichkeit, hier auf die Auswirkungen von Radioaktivität. Zwei Aussagen werden getroffen:


(1.1) Kernreaktoren erzeugen radioaktive Abfälle.
(1.2) Radioaktive Abfälle belasten die Umwelt.

Diese Aussagen sind grundsätzlich überprüfbar, sie sind wahr oder falsch. Die wörtliche Bedeutung lässt viel aus, was der Absender beim Adressaten in der jeweiligen Situation als gemeinsames Wissen voraussetzt, z.B. über Halbwertzeit radioaktiver Substanzen und über Schädigungen durch Strahlung. Aber der Absender meint noch mehr mit seiner Äußerung.

Intentionale BedeutungBedeutungintentional. Wenn wir die Situation berücksichtigen, in der die Mitteilung ausgesprochen wird, will der Absender vor den Folgen der Kernenergie warnen. Die Warnung und der Appell sind nicht explizit formuliert, die intentionale Bedeutung muss vom Adressaten erschlossen werden.3


→ (1.3) Ich warne vor den Folgen der radioaktiven Abfälle von Kernkraftwerken.

Der Absender will mit der Warnung erreichen, dass der Adressat z.B. einen Aufruf unterschreibt, sich an einer Demonstration beteiligt oder eine bestimmte Partei wählt. Sprechen und Schreiben ist immer auch zielgerichtetes Handeln.

Expressive BedeutungBedeutungexpressiv. Der Absender bringt – ob er will oder nicht, bewusst oder unbewusst – einiges über sich zum Ausdruck, oft wird auch von Kundgabe oder Selbstoffenbarung gesprochen. In unserem Beispiel kommt die Sorge um die Zukunft unserer Umwelt oder die Angst vor einem radioaktiven Unfall zum Ausdruck. Gedanken, Gefühle und Vorstellungen, die ja nicht beobachtbar sind, können auch direkt geäußert werden.


→ (1.4) Ich mache mir Sorgen, dass unsere Kinder in einer verseuchten Umwelt leben werden.

Der Satz (1.4) könnte explizit geäußert werden, aber oft bleiben die Gefühle hinter der Sprache verborgen. Bei Bühler ist das die Symptomfunktion der Sprache.

Aus der Äußerung (1) kann man ersehen, dass ein Absender meist mehr meint als er sprachlich explizit mitteilt. Eine sprachliche Äußerung erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Existenziell verschärft ausgedrückt: Ob wir das wollen oder nicht, wir kommunizieren mit einer Äußerung immer auf den drei Ebenen. Dabei geht das Gemeinte über das explizit Gesagte oder Geschriebene hinaus, der Adressat muss das Gemeinte oft erschließen. Damit wechseln wir die Seite und sind beim Verstehen.

Verstehen

Verstehen wird zunächst als subjektives Gefühl erfahrbar: Der Adressat versteht eine Rede oder ein Buch bzw. er versteht, was der Absender damit meint. Dahinter steckt eine geistige Aktivität des Adressaten einer Mitteilung, die nicht direkt beobachtbar ist: Er konstruiert auf der Basis der Mitteilung mit Hilfe verschiedener Folgerungen – Fachwort: Inferenzen – ein bzw. sein Verständnis. Es muss ausdrücklich betont werden, dass keine Information vom Absender zum Adressaten fließt, deshalb ist im Bild 1 kein Pfeil vom Absender zum Adressaten durchgezogen, sondern zwei Pfeile zeigen von beiden Seiten auf die Mitteilung. Verstehen bedeutet keine spiegelbildliche Abbildung von Wissen des Absenders beim Adressaten! Der Absender gibt dem Adressaten mit der Mitteilung etwas zu verstehen. Dieses Verstehen umfasst ebenfalls die drei Funktionen der Kommunikation.

Inhaltliches VerstehenVersteheninhaltlich. Wörtliches Verstehen ist das Ergebnis zahlreicher Verarbeitungsprozesse, die meist nicht bewusst sind: Über die Wörter werden Begriffe aktiviert und über die Syntax werden Beziehungen zwischen den Begriffen hergestellt (bottom-up). Über die aktivierten Begriffe wird wiederum VorwissenVorwissen aktiviert, das zu weiterführenden Inferenzen führt (top-down). Wer die Mitteilung (1) versteht, der muss wissen, was ein Kernkraftwerk ist (Stromerzeugung), welche Abfälle dort anfallen (Brennstäbe) und wie sie entsorgt werden können (Endlagerung). Die verwendeten Wörter und syntaktischen Konstruktionen bestimmen nicht das Verständnis, aber sie setzen deutliche Grenzen (constraints). Das Verstehen selbst einer einfachen Äußerung ist ohne Inferenzen nicht möglich. Das externalisierte Wissen ermöglicht dem Adressaten einen Einblick in das Wissen und Denken des Absenders.

Intentionales VerstehenVerstehenintentional. Hier geht es um das Erkennen der Intentionen, die mit der Mitteilung verbunden sind. Warum hat sie mir das gesagt? Warum hat er das geschrieben? Welche Absicht steckt hinter einer Formulierung? Das intentionale VerstehenVerstehenintentional wertet in der mündlichen Kommunikation zusätzliche Zeichen aus wie Prosodie, Mimik, Gestik, in der schriftlichen Kommunikation sind die Absichten des Schreibenden oft schwerer zu verstehen. Bei der Äußerung (1) kann der Adressat die Intention erschließen, dass der Absender ihn zu einem Engagement gegen die Kernkraft oder zum Eintritt in eine Partei überzeugen will. Auch das intentionale Verstehen erfordert Inferenzen aufgrund von Vorwissen, Erfahrungen und Situation. Dazu trägt auch das Image bei, das der Adressat vom Absender als Vertreter einer bestimmten Institution hat.

Expressives VerstehenVerstehenexpressiv. Hier geht es um das Verstehen, was der Absender mit seiner Mitteilung über sich ausdrücken möchte oder unbewusst ausdrückt. Dieses Verstehen setzt ein gewisses Maß an EmpathieEmpathie voraus. So kann ein Adressat durch die Mitteilung erkennen, dass der Absender besorgt ist, vielleicht ein ängstlicher Mensch, vielleicht ein Hysteriker. Oliver Scholz (2016) hat darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Verstehen von Texten vom Verstehen von Personen nicht klar abgrenzen lässt. Wenn ich z.B. einen Brief lese, so möchte ich den Text verstehen (inhaltliches Verstehen), aber auch den Absender des Briefes (intentionales und expressives Verstehen). Wer einen Text versteht, der versteht auch zu einem Teil seinen Urheber. Texte können deshalb als Grundlage für psychologische Diagnosen dienen (Tergan, Knäuper & Ballstaedt, 2003).

Fassen wir mit einem Zitat zusammen: „Verbal comprehension starts with the recovery of a linguistically encoded sentence meaning, which must be contextually enriched in a variety of ways to yield a full-fledged speaker’s meaning“ (Wilson & Sperber, 2004, S. 259). Verstehen ist stets das Resultat einer Wechselwirkung von textgeleiteten (bottom-up) und wissengeleiteten (top-down) Verarbeitungsprozessen. In das Verstehen gehen damit Merkmale des Textes, aber auch Merkmale der Beteiligten ein (Ballstaedt & Mandl, 1988)4. Das Resultat des Verstehens ist ein Verständnis der Mitteilung. Dabei ist diese Trennung zwischen Prozessen (Verstehen) und Struktur (Verständnis) etwas künstlich, denn Strukturen sind kurzzeitig verfestigte Prozesse und Prozesse sind Strukturen in Veränderung (Kintsch, 1974).

Erfolgreiches Verstehen erfolgt auf allen drei angesprochenen Ebenen: Der Adressat versteht Inhalt, Intention und Ausdruck. Die Ebenen des Verstehens können dissoziieren: Eine Person versteht, was gesagt wird, aber versteht nicht, warum es gesagt wird, welche kommunikative Intention dahinter steht (Bublitz & Kühn, 2009). Verstehen auf allen drei Ebenen ist eine anspruchsvolle Aufgabe und misslingt deshalb immer wieder. Da es hier um Fachtexte bzw. expositorische Texte geht, werden nur das inhaltliche und das intentionale VerstehenVerstehenintentional thematisiert, das expressive VerstehenVerstehenexpressiv wird – wie übrigens in den meisten Verstehenstheorien – vernachlässigt.

Zusatzmaterial 1: Übung zum Vergleich von Kommunikationsmodellen

2.2 Verständigung als KooperationKooperation

Nachdem das Umfeld der Kommunikation, in dem Verstehen stattfindet, skizziert ist, steuern wir nun auf den Begriff der Verständlichkeit zu. In der Alltagssprache bezeichnen wir einen Text – z.B. eine Rede oder einen Aufsatz – als leicht verständlich, wenn wir ihn spontan und mühelos verstehen. Ein Text, bei dem wir uns um das Verstehen bemühen müssen, bezeichnen wir als schwer verständlich, wenn wir daran scheitern als unverständlich. Scheinbar ist dabei Verständlichkeit eine Eigenschaft eines Textes mit mehr oder weniger großer Ausprägung. Dabei vergessen wir aber, dass jeder Text Teil eines Kommunikationsprozesses ist, in dem eine Person sich mündlich bzw. schriftlich in einer Mitteilung äußert, die eine andere Person hört bzw. liest und zu verstehen versucht. In diesem störanfälligen Kommunikationsprozess entsteht Verständlichkeit erst in einer konkreten Kommunikation. „Der Text als Artefakt hat keine Verständlichkeit an sich, sondern erhält Zuschreibungen von Verständlichkeit erst durch seine Einbettung in einen kommunikativen Zusammenhang“ (Lutz, 2015, S. 188). Das kann man daran erkennen, dass ein Adressat einen Text leicht verständlich findet, ein anderer Adressat aber denselben Text schwer verständlich. Wie kommt Verständlichkeit in der Kommunikation zustande?

AdressatenorientierungAdressatenorientierung

Verständlichkeit ist zunächst eine Aufgabe für einen kooperativen Absender, der sich bemüht, dass seine Mitteilung für den Adressaten zu verstehen ist, indem er dessen Intentionen und Vorverständnis berücksichtigt und adressatenorientiert formuliert. Verständliche Kommunikation ist immer adressiert, d.h. auf eine bestimmte Person oder eine bestimmte Adressatengruppe ausgerichtet. Der Absender sucht dabei einen Kompromiss zwischen Verständlichkeit und sprachlichem Aufwand. Er formuliert gerade so ausführlich, dass er vom Adressaten mit einem Minimum an Verarbeitungsaufwand verstanden wird. Der Absender befolgt die Maxime: „Sorge dafür, dass dein Adressat dich versteht!“ Aber er versucht das selbst mit möglichst wenig Ressourcen beim Formulieren zu erreichen: „Wende dafür nicht zu viel Energie auf.“1

Ein schönes Beispiel ist der Baby Talk, mit dem ein Vater oder eine Mutter ein Kleinkind anspricht. Die Formulierungen werden automatisch an das VorwissenVorwissen und die kognitiven Fähigkeiten des Kindes angepasst: Vokabular nur für Basisbegriffe, syntaktisch einfache Sätze, überzeichnete Artikulation, langsames Sprechtempo, Betonung wichtiger Wörter, sprechbegleitende Gesten.

Die Adressatenorientierung wird besonders bewusst bei persönlichen Texten, z.B. einem Liebesbrief oder einem Bewerbungsschreiben, die inhaltlich und sprachlich auf ihre Adressaten ausgerichtet sind und unbedingt überzeugen sollen. Hier erlebt der oder die Schreibende die mentale Wirkung eines „model of the other person“ deutlich: Was soll ich schreiben? Wie soll ich es schreiben?

Die Adressierung einer Äußerung verlangt vom Absender ein Verstehen anderer Personen, ihres Vorwissens, ihrer Intentionen, ihrer Mentalität, ihrer sprachlichen und kognitiven Kompetenzen (Newen, 2015). Zu diesem Erfassen der Persönlichkeit ist Empathie erforderlich, dabei geht der Absender teilweise vom eigenen Denken und Erleben aus.

RelevanzannahmeRelevanzannahme

Die Hauptverantwortung für Verständlichkeit trägt zwar der Absender, aber auch der Adressat muss sich um Verstehen bemühen. Dabei geht er davon aus, dass das Gesagte bzw. Geschriebene grundsätzlich verstehbar und für ihn auch relevant ist, dass für ihn etwas Wichtiges aus der Mitteilung herauszuholen ist. Diese Unterstellung als Voraussetzung für sprachliche Verständigung taucht bereits in der frühen Hermeneutik als „principle of charity“ auf: Es besagt, dass ein Adressat dem Absender zunächst mit Wohlwollen begegnen soll, er soll ihn als rationales Gegenüber akzeptieren, dessen Äußerungen einen Sinn machen. Die schreibende Person genießt somit einen Vertrauensvorschuss.

Das Prinzip der wohlwollenden InterpretationInterpretation war in der Scholastik eine Absicherung, da heilige Texte oft unklar und widersprüchlich sind. Ein wohlwollender Lesender verwirft sie aber trotzdem nicht. In verschiedenen Varianten taucht das Nachsichtigkeitsprinzip in der Philosophie immer wieder auf (Scholz, 2016). Dahinter steht ein Motiv des aktiven Verstehenwollens auch schwieriger Texte (Kap. 4.3).

Diese Ausrichtung auf Bedeutung in einer Mitteilung ist von verschiedenen Autoren betont worden. Bereits Frederic Bartlett (1932, S. 44) sprach vom „effort after meaning“ als einem kognitiven Grundbedürfnis. Hans Hörmann (1976, S. 179) prägte dafür das nur für Wahrnehmungspsychologen verständliche Wort „Sinnkonstanz“. Deidre Wilson & Dan Sperber (2004, S. 608) sprechen von „expectations of relevance“: „the search of relevance is a basic feature of human cognition, which communicators may exploit.“ Unser Gehirn ist sozusagen immer auf Sinnsuche in mündlichen Äußerungen wie in schriftlichen Texten, man könnte von einem kognitiven Basismotiv sprechen.

Diese kommunikative Vorannahme kann den AdressatenAdressat eines Textes dazu bringen, erheblichen Verarbeitungsaufwand zu betreiben, um ein Verständnis zu konstruieren. Er befolgt die Maxime: „Strenge dich an, den Absender zu verstehen!“ Das bedeutet oft ein wiederholtes Lesen und zusätzliche Anstrengungen, die über das spontane VerstehenVerstehenspontan hinausgehen, wir bezeichnen sie als InterpretationInterpretation. Eine Interpretation setzt ein, entweder weil sich kein Verständnis einstellt, oder weil der Adressat mit dem Verständnis nicht zufrieden ist (Heringer, 1984; Scholz, 2016). Während die Interpretation noch im Text verankert ist, entfernt sich eine Deutung oder AuslegungAuslegung vom Text, hebt sozusagen ab und ist oft durch den Text nicht mehr vollständig gedeckt. Hier taucht die Gefahr der unterstellenden Spekulation auf (Sontag, 2016). Bei Sachtexten ist diese Gefahr allerdings deutlich geringer als bei literarischen Texten.

Vom spontanen VerstehenVerstehenspontan über die InterpretationInterpretation zur AuslegungAuslegung oder Deutung steigert sich der Verarbeitungsaufwand. Interessant bleibt die Frage, unter welchen Bedingungen diese Bemühungen um Verständnis abgebrochen werden. Jeder geht an einen Text mit der Einstellung heran, dass er grundsätzlich verstehbar ist, und ist deshalb auch frustriert, wenn er ihn nicht versteht. Jede nicht verstandene Äußerung ist eine Kränkung des Intellekts, der ein Betroffener mit Abbruch der Lektüre aus dem Weg gehen kann (dazu Kap. 4.4).

Bild 2:

Textverständlichkeit als Kooperation zwischen einem adressatenorientierten Absender und einem relevanzorientierten Adressaten.

KooperationKooperation und VertrauenVertrauen

Verständlichkeit ist das Ergebnis einer gemeinsamen Bemühung, wobei allerdings der Absender in Vorleistung geht. Verständlichkeit ist „nicht nur eine Frage der Bringschuld des Autors, sondern auch der Holschuld des Lesers: So wie sich der Autor auf den Leser zubewegen muß, muß sich auch der Leser auf den Autor zubewegen“ (Biere, 1996, S. 292). In Anknüpfung an die Tradition kann man von einer rhetorischen Aufgabe des Absenders und einer hermeneutischen Aufgabe des Adressaten sprechen. Der eine muss sich um die Formulierung, der andere um das Verstehen bemühen. Für dieses Zusammenspiel wird gern das Wort KooperationKooperation verwendet. „In general, a theory of comprehension must account for interpretations the listener comes to based on the assumption that the speaker is cooperating with him“ (Clark & Haviland, 1977, S. 3). Hans Jürgen Heringer (2004) hat darauf aufmerksam gemacht, dass Kooperation hier etwas anderes meint als der übliche Begriff der Kooperation. Unter Kooperation wird gewöhnlich das arbeitsteilige Zusammenwirken mindestens zweier Personen mit geteilter Intention verstanden. Sie stimmen ihre nichtsprachlichen und sprachlichen Handlungen aufeinander ab, um ein gemeinsames Ziel jenseits der Kommunikation zu erreichen, zum Beispiel in einem Projekt. Bei der Verständigung ist Kooperation jedoch allein darauf angelegt zu verstehen, was mit mündlichen oder schriftlichen Äußerungen in einer kommunikativen SituationSituationkommunikative gemeint ist, sie betrifft die Kommunikation selbst, kein Ziel außerhalb der Kommunikation. Als Basis dieser Kooperation dient ein wechselseitiges VertrauenVertrauen der Kommunikanten.

 Der Absender äußert sich im Vertrauen darauf, dass der Adressat seine Äußerungen ernst nimmt und sich um ein Verstehen bemüht.

 Der Adressat vertraut darauf, dass der Absender etwas für ihn Relevantes zu sagen hat, ihn nicht belügt und sich verständlich auszudrücken versucht.

Vertrauen ist eine wichtige Kategorie in der zwischenmenschlichen Kommunikation, darauf hat vor allem Johann Juchem (1988) aufmerksam gemacht. Vertrauen bleibt immer ein riskantes Gefühl, es kann enttäuscht und missbraucht werden, vor allem da es gerade in Situationen notwendig ist, in denen nur ein fragmentarisches Wissen über das Gegenüber besteht (Wertheimer & Birbaumer, 2016). Vertrauen in den Partner reduziert gerade bei Unsicherheit zunächst die Komplexität möglicher Interpretation. In der mündlichen Kommunikation zeigt sich kooperative Kommunikation am Einsatz verschiedener Methoden der VerständnissicherungVerständnissicherung wie Rückfragen, Wiederholen, Paraphrasieren (ausführlich Kap. 3.2). Vertrauen wird im Verlauf der Kommunikation durch positive oder negative Hinweisreize im Verhalten bestätigt oder widerlegt.

Wem „VertrauenVertrauen“ ein zu gefühliges Wort ist, der kann nüchterner von wechselseitigen HintergrunderwartungenHintergrunderwartung oder stillschweigenden Annahmen sprechen, die jede Kommunikation begleiten und erst thematisiert werden, wenn eine Person nicht kooperativ kommuniziert, wenn sie sich keine Mühe gibt, adressatenorientiert zu formulieren und absenderorientiert zu verstehen.

Es bleibt die interessante Frage, wie lange Kooperation und Vertrauen aufrechterhalten werden, wenn der Adressat zahlreiche unverständliche, schwer verständliche und widersprüchliche Aussagen liest. In der Linguistik wird die abwartende Haltung des Adressaten als Akzeptabilität bezeichnet (de Beaugrande & Dressler, 1981). Sie ist von der Frustrationstoleranz und der Motivation des jeweiligen Adressaten abhängig.

Fallibilität

Grundsätzlich ist ein letztgültiges oder vollständiges Verstehen einer Mitteilung nicht erreichbar oder überprüfbar. Der Adressat ist sich nie sicher, ob er auch das versteht, was der Absender meint. Umgekehrt kann sich auch der Absender nie sicher sein, ob seine Mitteilung verstanden wurde. Kommunikation ist deshalb prinzipiell fehlbar, Gerold Ungeheuer (2017) spricht von FallibilitätFallibilität. Der amerikanische Kognitionspychologe David Rumelhart (1981, S. 30) beschreibt die Situation so: „… the problem facing a comprehender is analogous to the problem that a detective faces when trying to solve a crime. In both cases there are a set of clues. The listener’s (or reader’s) job is to find a consistent interpretation of these clues.“ – „The speaker’s (or writer’s) problem is to leave a trail of clues which, in the opinion of the speaker, will lead the reader to make the inferences that the speaker wishes to communicate“.

Es gibt einige Denker, die von einem starken Misstrauen in die sprachliche Kommunikation geprägt sind. Sie verneinen eine sprachliche Verständigung zwischen Menschen grundsätzlich:

„Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben. […] Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmöglich gemacht, einander kennen zu lernen“ (Mauthner, 1982a, S. 56).

„Ich begriff, dass Menschen zwar zueinander sprechen, aber sich nicht verstehen, dass ihre Worte Stöße sind, die an den Worten der anderen abprallen, dass es keine größere Illusion gibt als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen. Man spricht zum anderen, aber so dass er einen nicht versteht. Man spricht weiter, und er versteht noch weniger. […] Selten dringt etwas in den anderen ein, und wenn es doch geschieht, dann etwas Verkehrtes.“ (Canetti, 1981, S. 48)

Für den Soziologen Niklas Luhmann (1981) ist nicht die gelingende Kommunikation der Normalfall, sondern eine Unwahrscheinlichkeit: „Die Sprache ist […] darauf spezialisiert, den Eindruck des übereinstimmenden Verstehens als Basis weiteren Kommunizierens verfügbar zu machen – wie brüchig immer dieser Eindruck zustandegekommen sein mag.“ (Luhmann, 1981, S. 32)

Zum Schluss ist auch Karl Valentin zu nennen, in dessen Gesprächen mit Liesl Karlstadt die Verständigung mit Sprache regelmäßig scheitert und sich die Beteiligten in Mehrdeutigkeiten, unscharfen Begriffen, Metaphern, Wortspielen verheddern (Valentin, 1990).

Kommunikative KompetenzenKompetenz

Adressatenorientierung und Relevanzannahme können als Bestandteile einer kommunikativen KompetenzKompetenz gesehen werden, die sowohl Absender als auch Adressat für eine angemessene und effektive Kommunikation einbringen müssen (Rickheit, Strohner & Vorwerg, 2008).

Formulierungskompetenz. Vom Absender wird die Fähigkeit verlangt, sich auf die jeweiligen Adressaten auszurichten. Diese AdressatenorientierungAdressatenorientierung ist nicht selbstverständlich, einige Autoren gehen davon aus, dass wir zunächst egozentrisch formulieren und egozentrisch verstehen (Keysar, Barr & Horton, 1998). Erst bei Störungen der Kommunikation setzten Bemühungen um adressatengerechtes Formulieren ein.

Verstehenskompetenz. Vom Adressaten wird die Fähigkeit verlangt, sich auf den Absender einzustellen und seine Äußerungen als grundsätzlich relevant aufzufassen. Auch wenn er Äußerungen spontan nicht gleich versteht, muss er sich unter Einsatz mentaler Ressourcen um eine Interpretation bemühen. Dazu gehört auch der bewusste Einsatz von Lerntechniken, die ein aktives Erschließen des Textes ermöglichen (Schnotz & Ballstaedt, 1995; Mandl & Friedrich, 2006).

Das kooperative Schaffen von Verständlichkeit nennen wir Verständigung! Sie gelingt in der mündlichen Kommunikation leichter (Kap. 3) als in der schriftlichen Kommunikation (Kap. 4).

Zusammenfassung

1. Verstehen, Verständnis und Verständlichkeit sind in eine kommunikative Situation eingebettet, in der ein Absender eine sprachliche Mitteilung für einen Adressaten produziert.

2. Kommunikation setzt Motive und Intentionen der Beteiligten voraus, die aber nicht übereinstimmen müssen. Auch mit unterschiedlichen oder widersprechenden Intentionen kann man kommunizieren.

3. Kommunikation setzt geteiltes Wissen über die Wirklichkeit, die Sprache und soziale Konventionen voraus. Dieses Vorverständnis beider Kommunikanten stimmt nie vollständig überein.

4. Jeder Absender hat eine Vorstellung, ein Image, von seinem Adressaten, an dem er die Gestaltung seiner Mitteilung ausrichtet. – Jeder Adressat hat eine Vorstellung, ein Image, des Absenders, das sein Verstehen beeinflusst.

5. In der Kommunikation werden keine Inhalte, Informationen oder Bedeutungen vom Absender zum Adressaten transportiert, sondern der Absender formuliert eine Mitteilung, die der Adressat zu verstehen versucht. Der Absender gibt dem Adressaten etwas zu verstehen. Der Adressat konstruiert aus der Mitteilung ein Verständnis.

6. Meinen und Verstehen betreffen drei Funktionen der Sprache: Darstellung, Appell und Ausdruck. Eine Mitteilung hat inhaltliche, intentionale und expressive Bedeutung. Das Verstehen umfasst analog inhaltliches, intentionales und expressives Verstehen.

7. Verständigung ist ein kooperatives Unternehmen: Auf Seiten des Absenders besteht die Kooperation in einer adressatenorientierten Formulierung, die das Vorverständnis und die Intentionen des Adressaten berücksichtigt. – Auf Seiten des Adressaten besteht die Kooperation in der Annahme, dass der Absender etwas Relevantes und Sinnvolles meint. Diese Annahme führt zum Einsatz von Ressourcen, auch wenn die Mitteilung nicht spontan verstanden wird.

8. Diese Kooperation basiert auf einem Vertrauen darauf, dass beide Seiten an einer Verständigung interessiert sind. Da Sprache oft rein persuasiv eingesetzt wird, ist das Vertrauen stets ein riskantes Gefühl, das enttäuscht werden kann.

9. Einige philosophische und soziologische Ansätze betonen die Unwahrscheinlichkeit und Fallibilität der Kommunikation, sie haben wenig Vertrauen in das Verständigungspotenzial der Sprache.

10. Adressatenorientierung und Relevanzannahme sind Teil einer kommunikativen Kompetenz, die jeder erfolgreichen und professionellen Kommunikation zugrunde liegt.

3 Mündliche Verständigung

Obwohl unser Schwerpunkt auf der Verständlichkeit schriftlicher Texte liegt, gehen wir von der mündlichen Kommunikation aus. In der direkten personalen Kommunikation haben sich die Fähigkeiten der Verständigung evolutionär herausgebildet. „The language of face-fo-face conversation is the basic and primary use of language, all others being best described in terms of their manner of derivation from the base“ (Fillmore, 1981, S. 152). Während die Benutzung des phonetischen oder des grafischen Kodes eine klare Dichotomie darstellt, ist der Sprachstil von gesprochener zu geschriebener Sprache ein Kontinuum. Man kann sprechen wie gedruckt, z.B. bei einem freien Vortrag, und schreiben wie gesprochen, z.B. in einem Chat.

Wir werden zuerst die Situation in der mündlichen Kommunikation charakterisieren (3.1), um dann zu untersuchen, wie sich Menschen im Gespräch verständigen (3.2). Dazu referieren wir zwei Ansätze, die sich mit den Bedingungen von gelungenen Gesprächen befasst haben: die Konversationsmaximen von Paul Grice (3.3) und die Geltungsansprüche von Jürgen Habermas (3.4). Zum Schluss werfen wir einen kurzen Blick auf die Praxis des Verständlichmachens in Kommunikationstrainings (3.5).

3.1 Merkmale mündlicher Kommunikation

Die Ursprünge der Kommunikation liegen wahrscheinlich im gestischen Bereich (Tomasello, 2009), die mündliche Kommunikation ist bereits ein spätes Stadium der Entwicklung. Im Hinblick auf Verstehen, Verständigung und Verständlichkeit spielen folgende Merkmale der mündlichen Kommunikation eine Rolle (ausführlich Dürscheid, 2012a):

WahrnehmungsumfeldWahrnehmungsumfeld. In der mündlichen Face-to-face-Kommunikation befinden sich die Kommunikanten in einem geteilten raum-zeitlichen Setting, auf das sie mit Zeigegesten oder deiktischen Ausdrücken Bezug nehmen können. Zur Erinnerung: Umfelder werden subjektiv wahrgenommen und ihre Wahrnehmung muss bei den Kommunikanten nicht übereinstimmen.

KopräsenzKopräsenz. Die Kommunikanten reagieren direkt aufeinander, sie sehen und hören, wie der andere ihre Mitteilungen aufnimmt. Durch die direkte Rückmeldung können Verstehensprobleme mit Methoden der VerständnissicherungVerständnissicherung schnell ausgeräumt werden. Bereits Friedrich Schleiermacher betont 1826/27 in einer Vorlesung, dass „der mündlichen Rede in der Regel vieles zu Hilfe kommt, wodurch ein unmittelbares Verständnis gegeben wird“ (Schleiermacher, 1977, S. 91).

FlüchtigkeitFlüchtigkeit. Ein für das Verstehen wichtiges Merkmal ist die Vergänglichkeit der gesprochenen Sprache (flatus vocis). Hat der Adressat eine Äußerung nicht verstanden oder missverstanden, so ist sie verklungen und nicht mehr rückholbar. Das Hören erfordert deshalb eine größere Aufmerksamkeit als das Lesen, bei dem jederzeit eine Wiederholung möglich ist. Für die Verständlichkeit spielt deshalb die Artikulation eine wichtige Rolle: Sprechgeschwindigkeit, klare Akzentuierungen, Pausen usw.

UnvollkommenheitUnvollkommenheit. Die spontan gesprochene Sprache ist weniger perfekt als die schriftliche Sprache. Es kommen grammatische Fehler, Ellipsen, Anakolute, Nachschübe, Partikelwörter, Versprecher, Selbstkorrekturen, Dialektismen usw. vor. Zudem ist die Artikulation oft durch Verzögerungen (Häsitationen) und Einschübe (Interjektionen) unterbrochen, die zum Inhalt nichts beitragen. Diese Abweichungen von einer Standardsprache wirken sich nicht unbedingt negativ auf das Verstehen aus, im Gegenteil bewirkt imperfektes Sprechen eine erhöhte Aufmerksamkeit und intensiveres Mitdenken, denn die Adressaten generieren Hypothesen über die korrekte Formulierung (Fraundorf & Watson, 2011).

Pragmatische Explizitheit. Oft legt in der mündlichen Kommunikation die Prosodie fest, welche sprachliche Handlung vollzogen wird. Über Betonung, Intonation, Sprechpausen usw. werden intentionale und expressive BedeutungenBedeutungexpressiv ausgedrückt, die im Text nicht explizit enthalten sind.


(1) Du fährst morgen ab.

Die Äußerung (1) kannn je nach Betonung eine Feststellung, eine Frage oder einen Befehl bedeuten. Dazu gehören auch sprachbegleitende Gesten: „Gestures […] and speech […] co-occur and are coexpressive acts of speaking“ (McNeill, 1992, S. 218).

Koordinationsprozesse

Mündliche Kommunikation ist ohne wechselseitige Einstellung auf den Partner zum Scheitern verurteilt. Gegenseitige Annahmen über die Intentionen und das Wissen der Kommunikanten spielen eine zentrale Rolle. Viele Verständnisprobleme und Missverständnisse gehen darauf zurück, dass derartige Annahmen falsch sind oder zu wenig berücksichtigt werden. Wenn ein Absender spricht und schreibt, ohne sich um die Adressaten zu kümmern, spricht man von egozentrischem Formulieren. Raymond Nickerson (1999) hat die Hypothese aufgestellt, dass der Absender zunächst vom eigenen Kopf ausgeht: Er unterstellt, dass sein Wissen mit dem des Adressaten übereinstimmt und redet und schreibt „über die Köpfe“ der Adressaten hinweg. Dies bestätigen Experimente von Keysar, Barr & Horton (1998): Der Absender formuliert zunächst egozentrisch und erst bei Anzeichen, dass der Adressat nicht oder falsch verstanden hat, wird die Äußerung angepasst. Egozentrisches Formulieren stellt bei kooperativ eingestellten Gesprächspartnern sicher nicht den Normalfall dar, wird aber häufig zum Problem in der Kommunikation mit Experten. Erfolgreiche mündliche Kommunikation wird fortlaufend über Grounding, Monitoring, Alignment und Metakommunikation koordiniert.

GroundingGrounding. Kooperative Partner stellen sich auf VorwissenVorwissen und IntentionenIntention des anderen ein und versuchen fortlaufend das geteilte Wissen und die geteilten Intentionen zu erweitern (Clark & Brennan, 1991). Dabei werden alle brauchbaren Informationen ausgewertet: die Wahrnehmungsumgebung, die aufgebauten ImagesImage, der bisherige Gesprächsverlauf usw.

Das Grounding lässt sich besonders eindrücklich bei entstehenden Beziehungen beobachten. Es gibt viel Gesprächsbedarf, um gemeinsames Wissen und gemeinsame Intentionen abzuklären. Dahinter steht das Interesse herauszubekommen, ob man zusammenpasst und eine weitere Kommunikation sinnvoll ist. Mit längerer Kommunikationsgeschichte nimmt der Gesprächsbedarf ab, dafür stellt sich gegenseitige Vertrautheit ein.

MonitoringMonitoring. Das Grounding setzt die fortlaufende Beobachtung des Adressaten auf verbale, mimische und gestische Anzeichen des Verstehens oder Nichtverstehens voraus: Reagiert er mit einem zögerlichem „Hm“? Runzelt sie die Stirn? Zieht er die Mundwinkel nach unten? Nickt sie mit dem Kopf? Diese gegenseitige Beobachtung wird als Monitoring bezeichnet.

Experten neigen dazu, ihr Fachwissen demonstrativ zur Schau zu stellen und unkooperativ über die Köpfe anderer hinwegzureden, dann findet weder MonitoringMonitoring noch GroundingGrounding statt. Ein anderes Beispiel: In Arbeitsgruppen kann man erleben, dass nicht kooperativ eingestellte Personen ihr Wissen gegenüber anderen ausspielen und sich keine Mühe geben, geteiltes Wissen aufzubauen. Sie bleiben gegenüber Rückmeldungen anderer unempfindlich, d.h. ihr Monitoring funktioniert nicht. Sie können nur durch massives Nachfragen dazu gezwungen werden, ihre Äußerungen anzupassen und ihr Wissen einzubringen.

AlignmentAlignment. Im Verlauf einer sprachlichen Kommunikation bzw. eines Gesprächs findet eine unbewusste Angleichung der Kommunikanten statt (Rickheit, 2005; Garrod & Pickering, 2007). Die Gesprächspartner passen kontinuierlich ihren Sprechstil, ihr Vokabular, ihre Syntax, ja sogar ihre Aussprache aneinander an. Während Grounding explizit sprachlich erfolgt, ist Alignment ein automatischer Prozess. Sind die Gesprächspartner gut aligniert, befördert das das wechselseitige Verstehen.

MetakommunikationMetakommunikation. Gemeint ist damit eine explizite sprachliche Verständigung über die abgelaufene Kommunikation. Metakommunikation ist nützlich oder sogar notwendig, wenn Verstehensprobleme oder Missverständnisse aufkommen. Die Beteiligten können metakommunikativ die Schwierigkeiten ansprechen und klären. Diese Kommunikation über Kommunikation ist allerdings wieder von Verständnisproblemen bedroht, vor allem, wenn das VertrauenVertrauen in die Beteiligten fehlt (Zierold, 2008). Zu viel Metakommunikation ist sicher ein Indiz für grundlegende Probleme in einer Beziehung.

All diese bewussten und unbewussten Koordinationsprozesse sind von großer Bedeutung für das gegenseitige Verstehen.

3.2 Der Dreischritt der VerständigungVerständigung

Wie sorgen Beteiligte wechselseitig für Verständlichkeit in der mündlichen Kommunikation? Kooperative Verständigung erfordert verschiedene Techniken der VerständnissicherungVerständnissicherung, um Störungen vorzubeugen oder auszuräumen. Man unterscheidet präventive und reparative Verständnissicherung (Foppa, 1987; Galliker & Weimer, 2006; Kindt & Rittgeroth, 2009). Der Dreischritt der Verständigung läuft so ab: 1. Der Absender äußert eine sprachliche Mitteilung, 2. der Adressat meldet sein Verständnis zurück, 3. der Absender modifiziert bei Bedarf seine Mitteilung.

Der Absender formuliert

Ein kooperativer Absender stellt sich auf seinen/seine Adressaten ein und ergreift Maßnahmen, um Verstehensprobleme präventiv zu vermeiden.

KorrigierenKorrigieren. Der Sprecher ist gleichzeitig Hörer seiner eigenen Äußerungen, im Prinzip kann er alle Arten von Fehlern korrigieren. Hier interessieren vor allem die Korrekturen, die dem besseren Verstehen beim Adressaten dienen. In einem Prozess des Self-monitoring wird das Verstehen der eigenen Äußerung kontrolliert und gegebenenfalls modifiziert (Klotz, 2017):

 inhaltliche Kontrolle: Ein Inhalt ist nicht angemessen oder sogar falsch ausgedrückt.

 lexikalische Kontrolle: Ein Wort ist irrtümlich oder nicht treffend gewählt oder falsch ausgesprochen (Versprecher).

 syntaktische Kontrolle: Ein Satz ist kompliziert oder mehrdeutig formuliert, der oder die Sprechende bringt ihn syntaktisch nicht korrekt zu Ende (Stranding).

 pragmatische Kontrolle: Eine sprachliche Handlung, also die kommunikative Intention ist mit der Äußerung nicht eindeutig vollzogen.

In diesen Fällen kann ein bewusstes Umformulieren erfolgen (Levelt, 1983). Im Sprechen wird so oft erst ein Gedanke „verfertigt“, der vorher nicht formulierungsreif vorliegt.

Heinrich von Kleist (1805) hat in einem Brief-Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ beschrieben, wie ein Redner beim Sprechen erst seine Ideen entwickelt: „Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.“ In der sprachlichen Kommunikation liegt eine Mitteilung nicht immer konzeptuell bereits vor, sondern das Sprechen oder Schreiben ist ein Mittel, um Gedanken zu generieren und zu ordnen.

KommentierenKommentieren. Der Sprecher kann seine Äußerungen kommentieren, d.h. erläutern, wie er sie verstanden haben will. Dies geschieht häufig als metakommunikative Ankündigung oder Zusammenfassung:


(2.1) „Der nächste Punkt liegt mir besonders am Herzen!“
(2.2) „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber …“

Um das Verstehen einer Äußerung zu kontrollieren, werden sogenannte Disclaimer eingesetzt, die eine bestimmte InterpretationInterpretation einer Äußerung ausschließen sollen.


(3) „Ich bin absolut kein Antisemit, aber die Siedlungspolitik Israels lehne ich ab.“

Die Fähigkeit, mit Sprache über Sprache reden und schreiben zu können, ist für einige Linguisten so wichtig, dass sie neben Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion noch eine metakommunikative Funktion der Sprache annehmen (z.B. Jakobson, 1960).

Voraussetzung für Verständigung ist das angesprochene MonitoringMonitoring: Wenn der Sprecher kritische nonverbale Signale beim Adressaten erkennt, kann er Absicherungsfragen stellen:


(4.1) „Verstehst du, was ich meine?“
(4.2) „Habe ich mich klar ausgedrückt?“
(4.3) „Das ist doch logisch, oder etwa nicht!“

Derartige Äußerungen sollen den Adressaten dazu bringen, den nächsten Schritt der Verständigung einzuleiten.

Der AdressatAdressat reagiert

Eine Rückmeldung des Adressaten kann bereits während der Äußerung mit nonverbalen Zeichen erfolgen, z.B. einem Kopfnicken oder einem Stirnrunzeln. Ist eine Äußerung formuliert, kann der Adressat seinerseits verständnissichernde Maßnahmen einsetzen.

RückfragenRückfrage. Vielleicht die wichtigste verständnissichernde Maßnahme ist das Rückfragen. Der Adressat erfrägt direkt weitere Informationen, wenn er nicht sicher ist, korrekt verstanden zu haben.


(5.1) „Was meinst du genau mit x?“
(5.2) „Kannst du mir dafür ein Beispiel geben?“

Oft unterbleiben derartige Rückfragen aus Angst davor, dass man sich blamiert, weil man etwas nicht verstanden hat. Für Journalisten, die ein Interview führen, ist die gezielte Rückfrage eine wichtige Technik, um den Gesprächspartnern verständliche Aussagen zu entlocken.

ParaphrasierenParaphrasieren. Eine verbreitete Technik ist die paraphrasierende oder zusammenfassende Wiedergabe. Der Hörer wiederholt das Gesagte in eigenen Worten:


(6.1) „Wenn ich richtig verstanden haben, dann behaupten Sie, dass …“
(6.2) „Wenn ich die Ausführungen einmal zusammenfasse, dann vertreten Sie die Meinung, dass …“

Der Adressat reagiert also nicht sofort auf eine Äußerung, sondern wiederholt sie mit eigenen Worten und Sätzen. In therapeutischen Gesprächen wird diese verständnissichernde Maßnahme auch als Spiegeln bezeichnet: Der Therapeut verbalisiert eine Äußerung des Klienten, die dieser „wie in einem Spiegel“ vorgehalten bekommt (ausführlich zur Paraphrase Lenke, Lutz & Sprenger, 1995, S. 162ff.).

Rückmelden von Folgerungen. Eine tiefergehende Technik ist die RückmeldungRückmeldung von Folgerungen (Inferenzen) aufgrund des Gesagten: Der Adressat formuliert unausgesprochene, implizite Folgerungen und legt sie dem Absender zur Bestätigung vor.


(7.1) „Heißt das denn, dass …?“
(7.2) „Aus deinen Äußerungen folgt für mich, dass … Stimmst du dem zu?“

Der Absender kann die Folgerungen bestätigen oder verwerfen. Im zweiten Fall wird erwartet, dass er eine Reformulierung anbietet.

Adäquates Handeln. Ein Adressat vollzieht nach einer Äußerung eine adäquate Anschlusshandlung und zeigt damit, dass er verstanden hat. Dies ist z.B. bei einer Bedienungsanleitung für ein Gerät ein Kriterium für eine gelungene sprachliche Handlung (Kap. 8.1).

Zurück an den AbsenderAbsender

Nachdem der Adressat reagiert hat, ist jetzt wieder der Absender gefordert. Er muss die Rückfragen beantworten oder eine Folgerung als korrekt akzeptieren oder als falsch zurückweisen. Wurde er nicht in seinem Sinne verstanden, wird erwartet, dass er eine neue Formulierung anbietet und der Dreischritt kann von neuem beginnen,

Modifizieren. Die sprachliche Anpassung an die Adressaten wird in der Linguistik auch als Modifizieren bezeichnet. Sie wird in der Hoffnung vollzogen, „dass die Sageweise das Verstehen möglichst genau bestimme“ (Klotz, 2017, S. 20). Eine ModifizierungModifizierung kann ein Erweitern, Einengen, Nuancieren, Relativieren, Fokussieren der ursprünglichen Äußerung umfassen.Fachwort (Terminus)1 Noch einmal Peter Klotz (2017, S. 21): „Es geht um die Versuche, etwas so zu sagen, wie man es meint, und es geht um die Versuche, den eigenen Ausdruck an das anzunähern, was der Sache, der Situation, dem Kommunikationspartner und einem selbst angemessen ist.“

Der Dreischritt der Verständigung kann mehrfach durchlaufen werden, dadurch findet eine kontinuierliche kommunikative Validierung des Verstehens statt. Beim Auftreten massiver Verständigungsprobleme kann ein Moderator hinzugezogen werden, bei Gesprächen von Konfliktparteien wird ein Mediator eingesetzt. Ihre Rolle besteht vor allem darin, das wechselseitige Verstehen abzusichern und einen Konsens oder KompromissKompromiss zu erarbeiten.

Verständlichkeit in der mündlichen Kommunikation ist das Ergebnis einer gemeinsamen Bemühung, die eine Motivation zur Verständigung voraussetzt (Verständigungsbereitschaft) und manchmal erheblichen Aufwand erfordert. „Verständlichkeit ist also zu einem beträchtlichen Teil eine Frage der wechselseitigen Abstimmung von Kommunikationspartnern“ (Schäflein-Armbruster, 1994, S. 495). Auf welcher Grundlage diese Kooperation zwischen Kommunikationspartnern abläuft, dazu schauen wir uns im Folgenden zwei wichtige theoretische Ansätze an.

3.3 Rationale VerständigungVerständigung

Dass Verständigung im Gespräch ein kooperatives Unternehmen ist, haben vor allem einige Philosophen herausgearbeitet, deren Ideen in der Sprachwissenschaft aufgenommen wurden. Ich referiere zwei Ansätze: die Konversationsmaximen von Paul Grice und die Geltungsansprüche von Jürgen Habermas.

Das KooperationsprinzipKooperationsprinzip und seine MaximenMaximen

Der Philosoph Paul Grice (1975) hat sich Gedanken darüber gemacht, welche Bedingungen für sprachliche Kommunikation (talk exchange) gelten. Als übergeordnetes Prinzip, das alle Äußerungen der Gesprächspartner anleiten soll, formuliert er ein KooperationsprinzipKooperationsprinzip: „Make your conversational contribution such as is required at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged“ (S. 307). Dieses allgemeine Prinzip wird durch vier Gesprächsmaximen konkretisiert, die sich wiederum in verschiedene Untermaximen aufteilen:

1. Quantität. Sage so viel wie nötig und sage nicht zu viel! Sage etwas, was für den Zuhörenden wirklich neu ist! Sage nichts, was dem Zuhörenden bereits bekannt ist! – Das Einhalten dieser Maxime verlangt vom Sprechenden eine Einschätzung des Wissens des Adressaten und eine Berücksichtigung dieses Wissens. Eine nachhaltige Störung kann aus Unterstellungen resultieren: Der Sprecher setzt mit seinen Äußerungen beim Hörer Wissen voraus, über das dieser nicht verfügt.

2. Qualität. Äußere nichts, was du nicht für wahr hältst! Signalisiere, welchen Grad an Wahrscheinlichkeit das Gesagte hat! Vor allem: Lüge nicht! – Es dürfte klar sein, dass Lügen die stärkste Bedrohung für ein Gespräch darstellt: Wer möchte sich mit jemandem auseinandersetzen, dessen Äußerungen ständig den Verdacht der Lüge oder Täuschung erregen?

3. Relation/Relevanz. Sage nur Relevantes, das Bezug zum anerkannten Zweck des Gesprächs hat! Sage dem Adressaten nur etwas, von dem du annehmen kannst, es sei für ihn wichtig! – Grice selbst hat diese Maxime nicht weiter ausgeführt, in der Relevanztheorie von Sperber & Wilson (1995) wird sie als die zentrale Maxime ausführlich behandelt, der alle anderen untergeordnet sind. Die Maxime zielt auf einen thematischen Zusammenhang ab.

4. Modalität. Gestalte deine Äußerung verständlich, d.h. vermeide Unklarheit, Mehrdeutigkeit, Weitschweifigkeit und Ungeordnetheit! Hier geht es um die Art und Weise, wie etwas gesagt wird, und das sind Aspekte der Verständlichkeit, die wir später aufgreifen. Grice formuliert hier sehr allgemein. Was soll man unter Unklarheit verstehen? Und wann ist eine Äußerung weitschweifig? Die Maxime der Modalität greift eine Tugend der elocutio in der klassischen RhetorikRhetorik auf (Asmuth, 2009): Die Rede soll perspicuitas besitzen, das heißt wörtlich Durchsichtigkeit, sie soll verständlich formuliert sein. Grice verwendet das entsprechende Adjektiv „perspicuous“.

Die Rezeption von Grice tut sich bis heute schwer, den Status dieser MaximenMaximen zu fassen, da auch der Autor selbst unklar bleibt. Grice hat sich bei der Einteilung der Maximen von Kant inspirieren lassen. Eine Maxime ist nach Kant ein subjektiver Grundsatz als vernünftiges Prinzip des Handelns. Formuliert sind die Maximen als allgemeingültige Imperative „Be relevant!“, „Avoid obscurity!“, „Be orderly!“, sozusagen als Vorschriften. Andere Autoren sehen in den Maximen ethische Postulate für eine rationale VerständigungVerständigung, eine Art kommunikativer Ethik. Da Grice auch von „conversational game“ spricht, kann man die Maximen auch als Spielregeln auffassen. Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass man sie nicht normativ oder präskriptiv interpretieren darf. Dem widerspricht aber, dass Sanktionen erfolgen, wenn man die Maximen verletzt.

Noch konfuser wird es, wenn man über Herkunft und Geltung dieser MaximenMaximen nachdenkt: Sind es universelle Regulative, die für alle sprachlichen Äußerungen gelten, oder kulturelle Konventionen, sozusagen gelernte Gewohnheiten? Kognitiv werden sie als wechselseitige kollektive Erwartungen, verinnerlichte Annahmen oder rationale Unterstellungen bezeichnet. Wie wir aus Berichten zur interkulturellen KommunikationKommunikationinterkulturell wissen, verläuft in anderen Kulturen ein Gespräch anders (z.B. Weitschweifigkeit in arabischen Ländern oder Zurückhaltung in asiatischen Kulturen). Grice selbst hat eingeräumt, dass seine Maximen ergänzt oder modifiziert werden müssen.

Die Befolgung des KooperationsprinzipsKooperationsprinzip und seiner MaximenMaximen wird bei jedem Gesprächspartner unterstellt – solange man ihn für „rational“ und an Verständigung interessiert hält. Wie wir bereits ausgeführt haben, setzt das Kooperationsprinzip VertrauenVertrauen als Grundbedingung jeder Kommunikation voraus (Juchem, 1988).

Bei der Analyse von Gesprächen fällt auf, dass viele Äußerungen den Maximen von Grice nicht gehorchen, es gibt andauernd Verletzungen aus Höflichkeit, Feigheit, Unwissenheit, Unaufrichtigkeit usw. Folgende Fälle eines Verstoßes gegen Maximen sind möglich:

Unbewusste Verletzung liegt vor, wenn ein Sprecher egozentrisch und nicht adressatenorientiert formuliert. Er ist sich keiner Schuld bewusst, aber redet an seinen Adressaten vorbei. Das ist oft bei Experten der Fall.

Bewusster Ausstieg liegt vor, wenn ein Sprecher eine Maxime explizit außer Kraft setzt, z.B. durch die Ankündigung, dass das Thema so kompliziert ist, dass er es nicht einfach formulieren kann.

Kollision liegt vor, wenn zwei Maximen nicht gleichzeitig eingehalten werden können, z.B. kann die Beachtung der Maxime der Modalität dazu führen, dass ein Sprecher die Maxime der Relation nicht einhalten kann: Er muss weit ausholen, damit das Gesagte verstanden wird.

Bewusster Verstoß liegt vor, wenn eine Maxime nicht erfüllt wird, um eine spezielle Mitteilung zu kommunizieren. Bei einem offensichtlichen Verstoß gegen eine Maxime versuchen wir aufgrund der RelevanzannahmeRelevanzannahme den Gesprächsbeitrag so zu verstehen, dass das KooperationsprinzipKooperationsprinzip gewahrt bleibt: Wir interpretieren die Äußerung um, damit sie einen Sinn innerhalb des Gesprächs bekommt.

In einem Gespräch fällt die Äußerung (8), die gegen die Maxime der Quantität verstößt. Der Satz ist tautologisch (gr. t’auton legein = dasselbe sagen) und enthält eigentlich keine Information.


(8) „Wenn Karl etwas verspricht, dann verspricht er es.“

Wenn wir annehmen können, dass der Sprecher fähig ist, das KooperationsprinzipKooperationsprinzip einzuhalten, dann muss die gemeinte Bedeutung über die wörtliche Bedeutung hinausgehen. Aufgrund von VorwissenVorwissen, dem Vorgespräch oder der Situation kann die Äußerung so den Sinn bekommen: Auf Karl ist Verlass, wenn der etwas verspricht, dann hält er es auch.

Damit kann Grice erklären, warum wir bestimmte Äußerungen nicht als unsinnig verwerfen, sondern eine Intention des Sprechers heraus- oder hineininterpretieren. Derart erschlossene Bedeutungen von Äußerungen innerhalb eines Gesprächs bzw. einer Konversation nennt Grice konversationelle ImplikaturenImplikatur, wir kommen im Kapitel 6.5 auf sie zurück. Der Verstoß gegen eine Maxime ist sozusagen eine Anregung zur InterpretationInterpretation. Erst wenn ein Sprecher permanent gegen MaximenMaximen verstößt, muss er mit Konsequenzen rechnen. Wer z.B. oft vom Thema abschweift (Relation) oder beim Lügen erwischt wird (Qualität), der muss Ermahnungen und Sanktionen bis zum Ausschluss aus der Kommunikation hinnehmen. Die Wacht über das Einhalten der Maximen kann einem Moderator bzw. einer Moderatorin übertragen werden. Sie dürfen bei Abweichungen vom Thema oder bei Unklarheiten den Sprechenden unterbrechen.

Werfen wir einen abschließenden Blick auf die Maxime der Modalität, die die Verständlichkeit thematisiert. Nach Grice unterstellen wir unseren Gesprächspartnern, dass sie sich darum bemühen, verständlich zu formulieren. Wenn sie etwas schwer Verständliches äußern, veranlasst uns das, nach einer zutreffenden InterpretationInterpretation zu suchen. Nach Grice gibt der Absender mit einer schwer verständlichen Formulierung sozusagen einen Denkanstoß.

Die Beispiele, die Grice benutzt, stammen durchweg aus der Literatur, es geht um mehrdeutige und umständliche Formulierungen. Ein anderes Beispiel sind unverständliche Sentenzen, z.B. Koans im Zen-Buddhismus, die zu tieferen Einsichten führen sollen. Auf die fachliche Kommunikation ist das Argument der Denkanregung aber nicht übertragbar, hier ist Verständlichkeit eine Grundbedingung der Kommunikation.

Unter der Geltung des KooperationsprinzipsKooperationsprinzip darf der Absender allerdings nicht zu weit gehen: „I must intend my partner to understand what I am saying despite the obscurity I import into my utterance“ (Grice, 1968, S. 313).

Universelle GeltungsansprücheGeltungsansprüche

Im deutschen Sprachraum hat der Philosoph Jürgen Habermas (1988) eine Theorie kommunikativen Handelns entwickelt, bei der allerdings die Verständlichkeit eine marginale Rolle spielt. Zentrale Funktion der menschlichen Kommunikation ist auch für Habermas die Verständigung zwischen mindestens zwei Menschen im Gespräch. Verständigung hat zwei Bedeutungen:

Gegenseitiges Verstehen. Darunter versteht man das wechselseitige Bemühen von Absender und Adressat um Verständigung durch Rückfragen, wiederholte Paraphrasierung, Metakommunikation usw. Wechselseitiges Verstehen bedeutet nicht unbedingt Einverständnis! Oft versteht man, was der andere meint, aber stimmt mit ihm nicht überein.

EinverständnisEinverständnis. Hier geht Verständigung über das wechselseitige Verstehen hinaus: Ziel ist die gemeinsame argumentative Erarbeitung eines Einverständnisses im Gespräch. Im Idealfall ist das ein Konsens (lat. consentire = übereinstimmen), oft aber nur ein fairer KompromissKompromiss, dem beide Seiten zustimmen können.

Die Theorie der Kommunikation von Habermas ist in eine Gesellschaftstheorie eingebettet. Diese blenden wir hier aus und fokussieren auf die rationale VerständigungVerständigung. Habermas unterscheidet zwei Grundformen der Kommunikation mit unterschiedlichen Zielen: Die verständnisorientierte Kommunikation ist auf Konsens aus, die strategische KommunikationKommunikationstrategisch auf Persuasion. Dem entspricht unser ÜberzeugenÜberzeugen und ÜberredenÜberreden als zwei Grundfunktionen der Sprache. Für Habermas dient die Sprache vor allem der Verständigung, die sprachliche Kommunikation ist „auf Konsensbildung, nicht auf Beeinflussung angelegt“. Die Sprache ist sozusagen das Werkzeug der Rationalität.


Verständigungsorientierte Kommunikation gemeinsame Überzeugungen rational motiviertes Einverständnis
Strategische Kommunikation = persuasive Kommunikation offen Drohungen Lockungen erzwungene Übereinstimmung erkaufte Übereinstimmung
verdeckt bewusste Täuschung = Manipulation unbewusste Täuschung erschlichene Übereinstimmung täuschende Übereinstimmung

Bild 3:

Tabelle der Kommunikationsformen nach Habermas (1981).

Verständigungsorientierte Kommunikation. Die Teilnehmenden sind bemüht, auf der Basis gemeinsamer Überzeugungen ein rational motiviertes EinverständnisEinverständnis herzustellen.

Strategische Kommunikation. Hier ist die erfolgsorientierte Einflussnahme (Persuasion) das Ziel der Kommunikation. Es werden zwei Fälle unterschieden: die offene und die verdeckte strategische KommunikationKommunikationstrategisch.

▶ Offen strategisch: Hier wird mit direkten Drohungen eine Übereinstimmung erzwungen oder mit Lockungen (z.B. Schmiergeld) erkauft. Diese Kommunikation stützt sich auf ein Sanktionspotenzial (Gewalt, Belohnung, Bestrafung).

▶ Verdeckt strategisch: Hier wird ein Interesse an Verständigung nur vorgetäuscht. Bei der Manipulation geschieht das bewusst unter Einsatz persuasiver Techniken. Psychologisch interessant ist der Fall der unbewussten Täuschung. Hier ist einem Absender nicht bewusst, dass er an Verständigung gar nicht interessiert ist. Dabei handelt es sich um eine pathologische Kommunikation, Habermas nennt sie „systematisch verzerrte Kommunikation“.

Das gesellschaftliche Leben ist auf verständnisorientierte Kommunikation angewiesen. Ein Vorherrschen strategischer KommunikationKommunikationstrategisch führt zu gesellschaftlichen Pathologien und Krisen.

Wer sich an verständigungsorientierter KommunikationKommunikationverständigungsorientiert beteiligt, der wird mit folgenden universalen GeltungsansprüchenGeltungsansprüche konfrontiert und konfrontiert seine Gesprächspartner damit (Habermas, 1971, 1988):

1. Verständlichkeit. Sie wird auf zwei Ebenen gefordert: 1. Die Äußerungen müssen grammatisch wohlgeformt sein, d.h. man darf kein wirres Zeug reden oder unverständliche Wörter benutzen. Dies entspricht der Maxime der Modalität bei Grice. 2. Die Äußerungen müssen pragmatisch verständlich sein, d.h. die intentionale Bedeutung muss explizit ausgedrückt werden. Ist die Verständlichkeit problematisch, dann stellen wir Fragen des Typs: Wie meinst du das? Wie soll ich das verstehen? Zwar steht hier Verständlichkeit an erster Stelle, nicht an letzter wie bei Grice, aber Habermas hat später Verständlichkeit als Geltungsanspruch ganz aufgegeben. Er sah darin nur noch eine Vorbedingung der Kommunikation.

2. Wahrheit. Die Aussagen müssen wahr sein, d.h. mit der äußeren Wirklichkeit übereinstimmen. Dies entspricht der Maxime der Qualität bei Grice. Hier lauten kritische Fragen: Verhält es sich so, wie du sagst? Stimmt das überhaupt, was du berichtest?

3. Aufrichtigkeit. Die Aussagen müssen der inneren Wirklichkeit des Absenders entsprechen, sie dürfen die anderen nicht über die eigenen Absichten täuschen. Dies entsprich der Maxime der Qualität. Hier stellt man die Fragen: Will er/sie mich täuschen? Ist der Sprecher ehrlich? Diese Fragen stellen wir meist nicht der unglaubwürdigen Person selbst, sondern an uns selbst oder an Dritte.

4. Angemessenheit1. Die Aussage muss in der jeweiligen kommunikativen SituationSituationkommunikative angemessen sein, d.h. den anerkannten gesellschaftlichen Normen entsprechen. Kritische Fragen sind hier: Warum tust du das? Darfst du das überhaupt sagen? Handelst du sozial angemessen? Diese Forderung findet man bei Grice nicht.

Die GeltungsansprücheGeltungsansprüche haben eine deutliche Ähnlichkeit mit den MaximenMaximen von Grice, beide werden wechselseitig von den Teilnehmenden unterstellt. Die Geltungsansprüche sind aber strenger gefasst. Eine Maxime ist ein vernünftiger Grundsatz für die Kommunikation, ein Geltungsanspruch ist eine universal geltende Regel der Verständigung. Die Beherrschung dieser universalen Regeln der Verständigung wird als kommunikative KompetenzKompetenz bezeichnet.

Machen wir uns die GeltungsansprücheGeltungsansprüche am Beispiel einer mündlichen Hochschulprüfung klar (vgl. Burkhart, 2002, S. 439). Die Verständlichkeit wird verletzt, wenn der Prüfer unklare Fragen formuliert oder der Prüfling verworren antwortet. Relativ unproblematisch ist die Wahrheit, da man im Rahmen einer Prüfung unterstellt, dass wissenschaftlich bestätigte Aussagen gemacht werden. Die unterstellte Aufrichtigkeit wird verletzt, wenn der Professor nicht neutral prüft, sondern Fangfragen stellt, um den Kandidaten durchfallen zu lassen. Die Angemessenheit wird verletzt, wenn der Professor in der Prüfungssituation persönliche oder gar intime Themen anspricht.

Erkennbar wird ein Geltungsanspruch bei Problematisierung durch die Adressaten, der Sprecher muss dann auf die oben angeführten kritischen Fragen antworten und sich rechtfertigen. Dabei wird wieder der Dreischritt der Verständigung durch Methoden der Verständnissicherung relevant.

Ideale Sprechsituationideale Sprechsituation. Verständigung im Diskurs verlangt nach Habermas bestimmte Voraussetzungen in der Kommunikationssituation:

1 Die Teilnehmenden dürfen nicht von offener oder verdeckter strategischer Kommunikation Gebrauch machen.

2 Es darf keine Zwänge von außen auf die Teilnehmenden am Diskurs geben, z.B. durch Gewalt, Geld, Autorität.

3 Jeder muss die gleiche Chance haben, seine Aussagen einzubringen und zu begründen sowie Geltungsansprüche anderer zu problematisieren.

Diese Kommunikationssituation ist ein theoretisches Konstrukt: Weder wird die ideale Sprechsituationideale Sprechsituation in der Gesellschaft oft Wirklichkeit, noch werden die unterstellten GeltungsansprücheGeltungsansprüche eingehalten, denn in fast allen Gruppen gibt es Status- und Machthierarchien. Diesem Einwand begegnet Habermas mit dem Argument, dass er „kontrafaktisch“ rekonstruieren möchte, unter welchen theoretischen Voraussetzungen Verständigung überhaupt möglich ist.

Kommunizieren wir rational?

Für die Ansätze von Grice und von Habermas ist der Begriff der RationalitätRationalität von zentraler Bedeutung, er bildet die Grundlage der KooperationKooperation.

Für Grice ist das Gespräch eine Form des rationalen Handelns: „As one of my avowed aims is to see talking as a special case or variety of purposive, indeed rational behavior“ (Grice, 1968, S. 308). Das Befolgen der MaximenMaximen setzt Beteiligte voraus, die ihre Beiträge zweckrational auf das gemeinsame Ziel ausrichten und sachlich und nüchtern nur das Notwendigste aussprechen. Weitschweifige Ausführungen, übertriebene Ausschmückungen und emotionale Ausbrüche sind nach diesen Maximen keine rationalen Beiträge. Selbst das Nichteinhalten einer Maxime hat ein vernünftiges Ziel: Es soll die Adressaten zu einer Uminterpretation anregen.

Der Theorie von Habermas liegt noch deutlicher als bei Grice ein rationales Menschenbild zugrunde: Menschen sind an Verständigung im Sinne von EinverständnisEinverständnis interessiert und die Sprache ist das Werkzeug eines rationalen Gesprächs. Die Einhaltung der universellen GeltungsansprücheGeltungsansprüche kann im Gespräch problematisiert und muss dann argumentativ begründet werden. In der idealen Sprechsituationideale Sprechsituation sind strategische, also persuasive Beiträge ausgeschlossen. Der rationale Diskurs à la Habermas ist allerdings ein eher seltenes Ereignis.

Mit guten Gründen kann man bezweifeln, ob sprachliche Kommunikation auf Verständigung angelegt ist. Kommunikation dient vielmehr primär der Persuasion. Schon im Alltag versuchen wir andauernd, andere durch unsere Äußerungen zu beeinflussen: Es gibt Befehle, Bitten, Schmeicheleien, Drohungen, Lügen usw. Die RhetorikRhetorik dient ausdrücklich der effektiven sprachlichen Beeinflussung.

Ein Philosoph, der den Primat der Persuasion vehement vertreten hat, ist Fritz Mauthner (1982b, S. 444): „Die Sprache ist etwas zwischen den Menschen, ihr Zweck ist MitteilungMitteilung. Aber die Mitteilung kann ja nicht selbst Zweck sein, sie ist es nur beim Schwätzer. Immer wollen wir – wenn auch oft indirekt und unbewusst – das Denken und damit das Wollen des anderen Menschen nach unserem Denken und Wollen, das heißt nach unserem Interesse beeinflussen. Der Zweck der Sprache ist also Beeinflussung, Willens- oder Gedankenlenkung, mit einem Modewort: Suggestion.“

Die rationale VerständigungVerständigung dürfte eine spätere Erwerbung sein, die zudem immer durch strategische Intentionen gefährdet ist.

3.4 Gespräche verständlich machen

Zur kommunikativen KompetenzKompetenz gehören zahlreiche Fähigkeiten, die wie andere Schlüsselqualifikationen durch Üben zumindest in bestimmten Grenzen gelernt werden können. Werfen wir einen kurzen und oberflächlichen Blick auf die Angebote zur Verbesserung der sprachlichen Kommunikation. Dabei muss man zwischen außerwissenschaftlicher Ratgeberliteratur und wissenschaftlich fundierten Ansätzen unterscheiden, obwohl die Übergänge durchaus fließend sind (vgl. Antos, 1996).

Ratgeberliteratur. In jeder Fachbuchhandlung findet man ein Regal mit Kommunikationsratgebern. Sie sind meist nicht völlig wissenschaftsfern, denn die Ansätze von Paul Watzlawick et al. (1982) und Schulz von Thun (1981) werden fast immer berücksichtigt. Aber die Kommunikationstrainer und -trainerinnen verfügen oft über keine sprach- oder kommunikationswissenschaftliche Ausbildung. Der theoretische Hintergrund bleibt handgestrickt (Antos, 1996). Die praktischen Ratschläge und Übungen – oft Rollenspiele – sind aber durchaus nützlich und haben sich auch bewährt. Im Fokus stehen dabei folgende Fähigkeiten:

 das aufmerksame, aktive Zuhören

 das Beachten der nonverbalen Kommunikation

 das paraphrasierende Rückmelden, überhaupt das Feedback

 das Nutzen der Metakommunikation bei Konflikten

Meist steht die Optimierung der eigenen strategischen Fähigkeiten im Zentrum, wie schon die reißerischen Titel anzeigen, ein Beispiel: „Kommunikationstraining: Mit Kommunikation überzeugen – Wie Sie mit Selbstbewusstsein, Schlagfertigkeit, Smalltalk und Körpersprache zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten“ (Magnus, 2017). Oft wird eine Schrumpf-Rhetorik angeboten, die einzig das Überreden zum Ziel hat und weit vom Leitbild einer rationalen und verständlichen Kommunikation entfernt ist (z.B. Rommer, 2018).

Wissenschaftliche Ansätze. Die Linguistik hat die VerständnissicherungVerständnissicherung in der mündlichen Kommunikation bisher vernachlässigt und das Praxisfeld den Psychologen überlassen. Hier ist als Erstes der vierbändige Bestseller „Miteinander Reden“ von Schulz von Thun (1981) zu nennen, der sich trotz Kritik im Detail durchgesetzt hat. Die Verständlichkeit spielt in dem Ansatz eine zentrale Rolle (dazu die Hamburger Verständlichkeitskonzeption Kap. 11.5). Auch in der Kommunikationsoptimierung bei Hans Strohner (2006) ist neben Instruktion und Persuasion die Verständlichkeit „eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer Kommunikation und wird deshalb besonders intensiv erforscht“ (S. 84). In anderen Ansätzen zum Gesprächstraining spielt die Verständlichkeit eine marginale Rolle (z.B. bei Flammer, 1997; Fiehler & Schmitt, 2004; Franck, 2017).

Nachgefragt werden kommunikationsbezogene Dienstleistungen vor allem aus dem Bereich der Unternehmens- und Verwaltungskommunikation, wenn Probleme mit Kunden oder innerhalb der Institution auftreten. Aber auch in der didaktischen Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler (Vogt, 2011) oder der medizinischen Kommunikation zwischen Arzt und Patient (Sator & Spranz-Fogasy, 2011) gibt es Bemühungen um Verständigung und Verständlichkeit.

In der klientenzentrierten Gesprächstherapie ist das einfühlende Verstehen der verbalen Äußerungen des Klienten eine wichtige Voraussetzung für die Psychotherapie. In der Gesprächsführung paraphrasiert der Therapeut Äußerungen des Klienten. Dieses Gesprächsverhalten dient zwei Zielen: 1. Der Therapeut soll seinen Klienten tatsächlich verstehen und sich in seine Welt hineindenken, die Rückmeldung ist eine kommunikative Validierung. 2. Indem der Therapeut dem Klienten sein Erleben zurückspiegelt, verhilft er ihm zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit sich selbst. Diese Variable des Therapeutenverhaltens hat eine nachweisbare Wirkung auf das Ausmaß der Selbstexploration beim Klienten (Tausch, 1968).

Bei journalistischen Interviews werden in der Gesprächsführung Fragetechniken eingesetzt, um unklare und schwer verständliche Antworten zu präzisieren (Friedrichs & Schwinges, 2015): 1. Bestätigungsfragen, um eine vorangegangene Antwort zu präzisieren, wenn sich der Interviewpartner unklar ausgedrückt hat. 2. Insistierendes Nachfragen, um eine unklare oder ausweichende Antwort zu ergänzen. 3. Fragen nach einem konkreten Beispiel, um abstrakte Äußerungen für die Adressaten anschaulicher und damit verständlicher zu machen.

Zusammenfassung

1. Mündliche Kommunikation hat einige für Verständigung und Verständlichkeit wichtige Merkmale: die Kopräsenz in einem gemeinsame Wahrnehmungsumfeld, die direkte Rückmeldung und die Flüchtigkeit der Äußerung.

2. Verständlichkeit in der mündlichen Kommunikation wird von Absender und Adressat durch kontinuierliche Koordinationsprozesse erreicht. Grounding ist die wechselseitige Einstellung auf Vorwissen und Intentionen des Gegenübers. Monitoring ist die fortlaufende wechselseitige Überprüfung des Verstehens. Alignment ist die unbewusste Angleichung der Kommunikationspartner. Auftretende Probleme können über Metakommunikation gelöst werden.

3. In einem Dreischritt der Verständigung werden wechselseitig Maßnahmen der präventiven und reparativen Verständnissicherung eingesetzt: Korrigieren, Kommentieren, Modifizieren, Rückfragen, Paraphrasieren u.a.m. Diese Maßnahmen setzen eine Verständigungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus.

4. Paul Grice hat mit dem Kooperationsprinzip und seinen Maximen Quantität, Qualität, Relation und Modalität die Voraussetzungen für eine rationale Kommunikation beschrieben. An Verständigung interessierte Kommunikationspartner unterstellen sich gegenseitig, die Maximen einzuhalten.

5. Jürgen Habermas unterscheidet verständnisorientierte und persuasive Kommunikation, aber nur Erstere ist für eine rationale Verständigung zuständig. Er stellt vier universale Geltungsansprüche auf: Verständlichkeit, Wahrheit, Aufrichtigkeit, Angemessenheit. Voraussetzung für eine Verständigung ist eine ideale Sprechsituation, die in Wirklichkeit selten zu finden ist.

6. Der Ansatz von Grice wie der von Habermas geht von einem rationalen Menschenbild aus, in dem Sprache vor allem die Funktion der Verständigung erfüllt. Die persuasive Funktion der Sprache wird wenig berücksichtigt und aus rationaler Kommunikation ausgegrenzt.

7. Das Verständlichmachen in der mündlichen Kommunikation ist bisher ein eher stiefmütterlich behandelter Bereich der Kommunikationsoptimierung. Es gibt viele außerwissenschaftliche Ratgeber und wissenschaftlich fundierte Kommunikationstrainings, bei beiden sind Übungen zur Verständnissicherung selten. Eine Ausnahme bildet der Ansatz von Schulz von Thun, der sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen bewährt hat.

4 Schriftliche Verständigung

Verständlichkeit in der mündlichen Kommunikation beruht auf einer Kooperation zwischen Absender und Adressat. Der Absender muss adressatenorientiert formulieren und der Adressat kann sein Verständnis rückmelden und den Absender zu einer Reformulierung bewegen. Bei gutem Willen der Beteiligten lässt sich in der mündlichen Kommunikation im Prinzip ein gegenseitiges Verständnis erreichen, nicht unbedingt ein Einverständnis. Anders bei der schriftlichen Kommunikation, bei der es keine direkte Kooperation gibt. Die Probleme der Verständlichkeit schriftlicher Texte werden deutlich im Vergleich mit der mündlichen Kommunikation.

Nach einer kurzen Charakterisierung der Besonderheiten der schriftlichen Kommunikation (4.1) beschreibe ich die Verantwortung des Absenders für eine verständliche Kommunikation, er muss vor allem adressatenorientiert formulieren (4.2). Der Adressat muss seinerseits kognitive Ressourcen einsetzen, die bereits die Hermeneutik gefordert hat (4.3). Das Kapitel beschließen wir mit einem vorläufigen Blick auf die Praxis des Verständlichmachens von Texten (4.4).

4.1 Merkmale schriftlicher Kommunikation

Schriftlichkeit hat sich lange nach der Mündlichkeit herausgebildet. Während sich die mündliche Sprache als „Sprache der kommunikativen Nähe“ charakterisieren lässt, ist die schriftliche Sprache eine „Sprache der kommunikativen Distanz“ (Koch & Oesterreicher, 2007). Sie bringt einige Merkmale mit sich, die sich massiv auf das Verstehen und die Verständlichkeit auswirken.

Soziale Isolation. Schreiben geschieht ohne ein Gegenüber, der Absender ist sich deshalb oft gar nicht bewusst, dass er an einer Kommunikation teilnimmt. Schreiben wird eher als Ausleeren eines Kopfes verstanden, als eine monologische Tätigkeit. Das verführt zu egozentrischem Formulieren, ohne Rücksicht auf die Adressaten und die Verständlichkeit zu nehmen. – Auch Lesen geschieht in sozialer Isolationsoziale Isolation und das hat eine bedeutende Konsequenz für die Verarbeitung: Der Adressat ist von der Anwesenheit und damit der Autorität des Absenders entlastet, das fördert eine vertiefende und kritische Verarbeitung. Texte können immer wieder neu interpretiert werden, Lesen ist mehr selbstgesteuert als Hören.

IndirektheitIndirektheit. In der schriftlichen Kommunikation sind Absender und Adressaten räumlich und zeitlich getrennt, die kommunikative SituationSituationkommunikative ist „zerdehnt“. Damit fehlt das gemeinsame WahrnehmungsumfeldWahrnehmungsumfeld und die Techniken der VerständnissicherungVerständnissicherung fallen aus. Dadurch ist eine fortlaufende KoordinationKoordination des Verstehens nicht möglich. Der Absender hat eine besondere Verantwortung, sich Gedanken über die Voraussetzungen seiner Adressaten zu machen und dementsprechend zu formulieren. – Auf Seiten der Lesenden sind direkte Rückfragen, Paraphrasieren usw. nicht möglich, dafür gibt es die Möglichkeit des wiederholten Lesens. Ein schriftlich produziertes Missverständnis lässt sich schwerer aus der Welt schaffen als eine unbedachte mündliche Äußerung, die sofort korrigiert werden kann. Auch die Bildung eines ImagesImage des Autors als Verstehenshilfe ist nur über den Text möglich. Absender und Adressat bleiben sich bis zu einem gewissen Grad fremd.

ReflexivitätReflexivität. Schreiben als Externalisierung von geistigen Inhalten geschieht meist reflektierter als freies Sprechen. Schreiben verfestigt flüchtige und assoziative Gedanken, bringt sie in eine lineare und hierarchische Ordnung, dafür wurde der Ausdruck epistemisches Schreiben geprägt (Molitor-Lübbert, 2003). Was schriftlich vorliegt, kann dem Autor immer wieder vorgehalten werden, er tut also gut daran, sich die Formulierungen sorgfältig zu überlegen. Schreiben kann als ein externalisiertes Denken verstanden werden. Diese Reflexivität bringt es mit sich, dass die Schriftsprache eine deutlich höhere syntaktische KomplexitätKomplexität aufweist als die Sprechsprache.

DauerhaftigkeitDauerhaftigkeit. Während die mündliche Rede flüchtig ist (es sei denn sie wird aufgezeichnet), sind Schrifttexte materiell fixiert. Sie objektivieren und konservieren Wissensbestände für spätere Generationen, während das Gehirn des Autors bzw. der Autorin bereits verwest ist und sich damit sein bzw. ihr Wissen aufgelöst hat. Texte sind kulturelle Fossilien. Diese Aussicht auf Dauerhaftigkeit zwingt Schreibende zu sorgfältigem Nachdenken, bevor ein Satz für die Nachwelt unkorrigierbar festgehalten wird. – Für die Lesenden hat ein vorliegender Text zwei Vorteile: 1. Der Text verändert sich nicht (Zeichenkonstanz), bleibt eine Passage dunkel, kann sie mehrfach gelesen und interpretiert werden. 2. Ein Lesender kann selektiv lesen und seine Aufnahme- und Verarbeitungsgeschwindigkeit selbst bestimmen.

MedialitätMedialität. Die Schrift ist an MedienMedien gebunden. Der Absender benötigt für die Produktion Schreibgeräte, vom Griffel bis zum Computer, und eine Schreibfläche, von der Tontafel bis zum Monitor. Die Frage, ob das Schreibwerkzeug die Produktion beeinflusst, wurde von Friedrich Nietzsche (2002, S. 18) mit einem oft zitierten Satz beantwortet: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“. So wirken sich Computer und Textverarbeitung deutlich auf Schreibprozess und -ergebnis aus. Ob die mediale Darbietung eines Textes in einem Buch oder auf einem Monitor das Verstehen und die Verständlichkeit beeinflusst, ist eine Forschungsfrage der Medienlinguistik.

Strukturelle Explizitheit. Schriftliche Kommunikation ist durch den Ausfall der para- und nonverbalen Zeichen ärmer als die mündliche Kommunikation. Die ausgefallenen Kodes können teilweise durch typografische Mittel kompensiert werden. Statt Pausen gibt es Absätze (Zeilendurchschuss, Einrückung), statt Betonungen typografische Auszeichnungen (Unterstreichung, Fett, Kursiv). Da damit inhaltliche Strukturen explizit sichtbar gemacht werden, erleichtern sie die Aufnahme und Verarbeitung (Kap. 7.4).

Diese kommunikative SituationSituationkommunikative hat erhebliche Konsequenzen: Zugespitzt kann man sagen, dass Verständlichkeit erst in der schriftlichen Kommunikation zum Problem wird. Liegt Verständlichkeit in der mündlichen Kommunikation nicht allein in der Verantwortung des Sprechers, sondern auch des Adressaten, so verschiebt sich bei der schriftlichen Kommunikation die Verantwortung für Verständlichkeit deutlich auf den Schreibenden.

Da das Lesen von Texten als eine der wichtigsten Kulturtechniken gepriesen wird, ist es interessant auch einmal eine andere Meinung zu hören, die des Neuropsychologen Ernst Pöppel (2009): Lesen ist in den Genen nicht vorgesehen, aber es wird durch die Gene möglich. Es ist eigentlich ein „Missbrauch des Gehirns“, der auf Kosten anderer, z.B. visueller KompetenzenKompetenz geht. Zudem führen geschriebene Wörter zu einer Verdinglichung von Konzepten und locken uns in eine „Sprachfalle“, da wir glauben, es gäbe so etwas wie die Intelligenz oder den Willen (oder die Verständlichkeit!). Das erinnert an den berühmten Satz von Ludwig Wittgenstein: „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (Wittgenstein 1967, S. 66).

Schwer verständliche Texte gibt es auch schon in der mündlichen Rede, aber mit der Schriftlichkeit verschärft sich das Problem. Nicht immer sind Schreibende und Lesende kooperativ eingestellt und geben sich beim Formulieren und beim Lesen Mühe. Zudem ist SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit oft ein unerwünschter Nebeneffekt, da im Berufsalltag von Textproduzenten wie etwa Journalisten oder technischen Redakteuren durch Zeitdruck oder andere Belastungen ein sorgfältiges Formulieren erschwert wird (Jakobs, 2006).

Ein besonderes Problem bilden die FachsprachenFachtext, Fachsprache, deren Ursprung in der Arbeitsteilung liegt (Fluck, 1996; Roelke, 2010; Adamzik, 2018): Bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie ursprünglich Bauern, Fischer, Schmiede, Seefahrer usw. entwickeln in der mündlichen Kommunikation eine Sprache mit eigenen Wörtern und Redewendungen, die die Kommunikation in der Berufsgruppe vereinfacht. Soziologisch gesehen grenzt eine Fachsprache nach außen ab und schafft einen Binnenraum der Verständigung. Man versteht sich untereinander prächtig und genießt den Distinktionsgewinn, aber nach außen entsteht eine Kommunikationsbarriere. Dies gilt erst recht für die Entstehung einer Fachliteratur, die in eine berufliche Kommunikation hineinsozialisiert. Beispiele sind die Fachsprachen der Psychoanalyse oder der Banker. Zum gesellschaftlichen Problem werden Fachsprachen, wenn es um Wissen geht, das für alle Mitglieder einer Gesellschaft relevant ist, z.B. in der Medizin, Technik oder Politik. Es entsteht das Ärgernis schwer verständlicher Experten-Laien-Kommunikation.

Ein kooperativ eingestellter Autor muss sich Gedanken über seine Adressaten machen und sorgfältig formulieren, um ihnen keinen unnötigen Verarbeitungsaufwand aufzubürden. Der Adressat muss kognitive Ressourcen investieren, wenn er einen Text nicht automatisch versteht. ich beschreibe zuerst die kommunikativen Aufgaben des Absenders, dann diejenigen des Adressaten.

4.2 Absender: AdressatenorientierungAdressatenorientierung

„Der Adressat ist König“, so lautet das Mantra in allen Kommunikationsberufen. Für eine erfolgreiche Kommunikation wird die Adressatenorientierung immer wieder beschworen, aber sie ist ein Kernproblem des Schreibens geblieben (Lehrndorfer, 1999, 2013). Meist ist ein Autor bzw. eine Autorin so damit beschäftigt, das Wissen aus dem Kopf in passende Formulierungen zu bringen, dass die Lesenden dabei vergessen werden. Aber jede effektive MitteilungMitteilung muss auf ihre Adressaten ausgerichtet sein. Die Adressatenanalyse und das daraus folgende adressatengerechte Schreiben haben Vorläufer in der Rhetorik, werden aber vor allem zur Forderung in der Didaktik, um Texte für Lernende optimal zu gestalten. Im Bereich des Marketings, der Werbung oder Public Relations wird von Zielgruppen gesprochen.

Gibt es eine AllgemeinverständlichkeitVerständlichkeitAllgemein-?

Eine verbreitete Richtlinie lautet: Schreibe so einfach als möglich, dann verstehen alle AdressatenAdressat deine MitteilungMitteilung. So verlangt z.B. Wikipedia von seinen Autoren und Autorinnen allgemeinverständliche Texte. Nach dem vorgestellten Kommunikationsmodell kann es aber eine von Adressaten unabhängige Allgemeinverständlichkeit aus verschiedenen Gründen nicht geben.

1. Das sprachliche Wissen ist nicht bei allen Sprechern einer Sprache identisch. So gibt es für das Deutsche zwar eine Standardsprache, die in einer präskriptiven Grammatik festgeschrieben und in der Schule gelehrt wird. Daneben existieren aber zahlreiche Varietäten: Dialekte, Soziolekte, Fachsprachen, Mediensprachen usw.

2. Das VorverständnisVorverständnis, also Weltwissen, Erfahrungen, und die kognitiven Kompetenzen sind bei jedem Adressaten anders. Es gibt keine zwei identischen Köpfe und deshalb auch keine Verständlichkeit für alle.

3. Komplexe inhaltliche Zusammenhänge sind allgemeinverständlich mit einfachen Wörtern und einfachen Sätzen schwer vermittelbar. Es gibt allerdings auch die Position, dass es allein eine Frage der Bemühung ist, auch komplexe Inhalte allgemeinverständlich zu formulieren.

Das bedeutet: Optimale Verständlichkeit ist immer adressiert! Eine AllgemeinverständlichkeitVerständlichkeitAllgemein- kann es nicht geben. Wir kommen bei der Leichten Sprache noch einmal auf das Thema zurück (Kap. 11.3).

SegmentierungSegmentierung der Adressaten

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, mit denen ein Schreibender bei seinen Adressaten rechnen kann:

Eine abgrenzbare Adressatengruppe. Dies ist der Schokoladenfall, denn hier lässt sich ein recht klares Profil der Lesenden erstellen. Beispiele: Reparaturanleitung einer Waschmaschine für den Wartungsdienst oder ein Artikel für eine Fachzeitschrift.

Mehrere abgrenzbare Gruppen. In der technischen Kommunikation ist dieser Fall nicht selten, zum Beispiel: Erstbenutzende und erfahrene Benutzende eines Geräts oder Laien und Experten. In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten:

 Es werden zwei Versionen für die beiden Adressatengruppen geschrieben. Das ist arbeitsaufwendig und wird teuer.

 Der Text wird so aufgebaut, dass zwei Lesewege möglich sind. Individuelle Adressatenführung ist ein Vorteil bei hypertextuellen Online-Angeboten.

Heterogene Adressatengruppe. Hier setzt sich das Publikum aus sehr unterschiedlichen Personen zusammen. Beispiele: Mit der Bedienungsanleitung für einen Mittelklassewagen muss ein großer Personenkreis umgehen können. Artikel für eine Zeitung müssen ebenfalls für verschiedene Lesergruppen mit unterschiedlichen Voraussetzungen verständlich sein. Viele massenmediale Kommunikate richten sich prinzipiell an heterogene Adressatengruppen. Diese sogenannte MehrfachadressierungMehrfachadressierung stellt eine kommunikative Herausforderung dar (Hoffmann, 1984). Folgende Möglichkeiten sind denkbar:

 Man richtet sich am untersten Niveau der Adressaten aus. Dabei geht man aber das Risiko ein, anspruchsvolle Lesende zu langweilen.

 Man kann versuchen, einen idealtypischen Durchschnittsadressaten, einen generalisierten Lesenden zu konstruieren. Dabei werden anspruchsvolle Lesende unterfordert und anspruchslose überfordert.

 Man bietet Erschließungshilfen für den Text an, z.B. Zusammenfassungen, ein Glossar, Bilder, Infografiken usw., die bei Bedarf freiwillig genutzt werden können (dazu Kap. 9.2).

 Man bietet in einem Dokument mehrere Lesewege an. Fortgeschrittene können bestimmte Kapitel überspringen. Für elektronische Texte ist ein Progressive Disclosure realisierbar. Zusätzliche Inhalte (Texte oder Bilder) sind zunächst verborgen und werden erst eingeblendet, wenn sie vom Nutzer aktiv abgerufen werden. So kann der Nutzer das Angebot an sein Vorwissen anpassen.

ProfilierungProfilierung

Das Bestimmen der Adressatengruppe ist nur die Vorstufe zur Analyse der Voraussetzungen, welche die Adressaten in die Kommunikationssituation einbringen. Wenn keine ausdrückliche ProfilierungProfilierung stattfindet, dann richtet sich der Absender nach dem ImageImage, das er von seinen Adressaten hat. Professionelle Kommunikation muss aber von einem abgesicherten Profil der Adressaten ausgehen. Man unterscheidet mehrere Gruppen von Variablen, die Aufnehmen, Verarbeiten und Nutzen eines Textes beeinflussen.

Sozio-ökonomische Variablen. Hierunter versteht man Merkmale, die eine Person gesellschaftlich und wirtschaftlich beschreiben: Geschlecht, Alter, Einkommen, Ausbildung, Beruf u.a. Diese Variablen sind interessant, sofern sie mit kognitiven Eigenschaften verbunden sind. So bringen Absolventen der Hauptschule meist schlechtere sprachliche Kompetenzen mit als Absolventen einer Hochschule. Senioren haben oft eingeschränkte Gedächtnisfähigkeiten, die das Verstehen von Texten beeinflussen und beim Schreiben berücksichtigt werden können.

Lesemotivation. Hier geht es um die Frage, mit welchem MotivMotiv und welchen konkreten IntentionenIntention ein Adressat zu einem Text greift. Lesen ist kein Selbstzweck, es ist in umfassendere Handlungen und Zielsetzungen eingebettet (Ballstaedt & Mandl, 1985). Die motivationalen Voraussetzungen spielen eine erhebliche Rolle, wenn es um den Einsatz von mentalen Ressourcen geht.

 Welche Motive, Bedürfnisse und Vorlieben bringt ein AdressatAdressat mit?

 Welche Aufgaben möchte er mit der Lektüre lösen: Nachschlagen, Lernen, Diskutieren, Reparieren?

 Wird der Text freiwillig oder gezwungen gelesen?

 Wie kann man die Adressaten über den Text motivieren?

Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht nur für eine stimulierende Formulierung, sondern auch für die visuelle Gestaltung, also Typografie und Layout, eines Textes relevant.

VorwissenVorwissen. Das Vorwissen ist die wichtigste Voraussetzung für das Verstehen eines Textes: Wer neue Informationen in vorhandene Wissensstrukturen einbetten kann, der versteht und lernt besser.1 Diese kognitionspsychologische Erkenntnis hat bereits der Pädagoge Johann Friedrich Herbart (1920) vorweggenommen, er nannte das vorhandene Wissen die „apperzeptive Masse“, in die neues Wissen und neue Erfahrungen integriert werden. Wir haben es mit zwei Fällen zu tun:

1. Das VorwissenVorwissen ist vorhanden, bleibt aber ungenutzt, Lernpsychologen sprechen auch von trägem Wissen, das erst aktiviert werden muss (Mandl, Gruber & Renkl, 1993). Das ist z.B. über einen vorangestellten Text möglich, der Vorwissen und Vorerfahrungen anspricht, einen sogenannten Advance Organizer (ausführlich Kap. 9.2).

2. Oft ist das notwendige VorwissenVorwissen bei den AdressatenAdressat nicht vorhanden. Ein neues wissenschaftliches Ergebnis oder ein aktuelles politisches Ereignis bleiben unverständlich, wenn das Hintergrundwissen fehlt. Der Absender kann hier wenig tun, um für das notwendige Vorwissen zu sorgen: Die Journalisten versuchen dies mit Info-Kästen, Wissenschaftler haben es schwerer, da das Vorwissen oft in der Alltagssprache kaum vermittelbar ist.

Vor allem Experten überschätzen gern das VorverständnisVorverständnis ihrer Adressaten. Folgende Fragen sind für verständigungsorientierte Absender relevant:

 Welche Ausbildung und welche Abschlüsse liegen bei den AdressatenAdressat vor?

 Handelt es sich um Laien, professionelle Nichtexperten, Experten?

 Welches Wissen kann nicht vorausgesetzt werden?

 An welches Vorwissen kann man anknüpfen?

Die Einschätzung des Vorwissens ist grundlegend für jede fachliche Kommunikation, da eine effektive Mitteilung immer vorhandenes Wissen aktiviert und daran anknüpft. Ein und derselbe Text kann für eine Person verständlich, für eine andere mit mangelndem Vorwissen völlig unverständlich sein.

Sprachkompetenzen. KompetenzenKompetenz haben die Eigenart, sich immer weiter aufzufächern, und so lassen sich auch hier verschiedene Unterkompetenzen unterscheiden, die man auch unter dem Dach der Literalität (literacy) zusammenfassen kann (Groeben & Hurrelmann, 2009).

Zunächst geht es um das SprachwissenWissenSprach- in unserem Kommunikationsmodell, die mehr oder minder ausgeprägte Beherrschung des Zeichensystems Sprache. Die Verwendung einer Sprache unterscheidet sich innerhalb eines Sprachraums gewaltig. Unterschiede zwischen der mündlichen Sprache und der Schriftsprache haben wir bereits angeführt. In der älteren Soziolinguistik unterschied man eine elaborierte (= ausgearbeitete) und eine restringierte (= eingeschränkte) Sprache (Bernstein, 1964). Die elaborierte Sprache zeichnet sich durch einen großen Wortschatz und komplexe grammatische Konstruktionen aus, die restringierte Sprache durch einen kleineren Wortschatz und einfache Satzkonstruktionen. Diese Einteilung ist jedoch recht grob und berücksichtigt nur Extreme in einem Kontinuum sprachlicher Differenzierung.

Weiter umfasst die Sprachkompetenz den Umgang mit Texten. Unter Lesekompetenz versteht die PISA-Studie „die Fähigkeit, geschriebene Texte unterschiedlicher Art in ihren Aussagen, ihren Absichten und ihrer formalen Struktur zu verstehen und sie in einem größeren sinnstiftenden Zusammenhang einzuordnen, sowie in der Lage zu sein, Texte für verschiedene Zwecke sachgerecht zu nutzen“ (Baumert, Stanat & Demmrich, 2001, S. 22). Es geht also um Verstehenskompetenz, die bisher vor allem bei literarischen Texten untersucht wird (Frederking, 2010). Wie wir später sehen, kann sie am besten als Fähigkeit beschrieben werden, aufgrund von Texten darüberhinausgehende Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die folgenden Fragen sollte ein Autor vor dem Schreiben für sich beantworten:

 Von welcher Lesefähigkeit kann man ausgehen (niedrig, mittel, hoch)?

 Pflegen die Adressaten einen eher elaborierten oder restringierten Sprachgebrauch?

 Kann die fachsprachliche Terminologie vorausgesetzt werden?

Der Sprachgebrauch spielt nicht nur für verständliche Formulierungen eine Rolle, sondern auch für die Beziehungsebene der Kommunikation. Es entsteht eine DiktionsdistanzDiktionsdistanz zwischen Absender und Adressat, wenn der Sprachgebrauch weit voneinander abweicht: Die Adressaten empfinden einen Text dann entweder als abgehoben und arrogant oder als anbiedernd und distanzlos (Siddiqi, 1977).

Persönlichkeit, MentalitätMentalität. In der mündlichen Kommunikation spielt das personale WissenWissenpersonal eine wesentliche Rolle: Das ImageImage, das ein Absender von seinem Adressaten hat, umfasst auch das Wissen, dass ein Gegenüber z.B. neugierig, konservativ, introvertiert, depressiv usw. ist. In der schriftlichen Kommunikation können solche Merkmale nur in Sonderfällen berücksichtigt werden, z.B. muss ein Sachbuch mit dem Titel „Wie komme ich aus meiner Depression“ anders geschrieben werden als ein Buch mit dem Titel „Scharfe Cocktails für die nächste Party“. Die Mentalität und die weltanschauliche Ausrichtung der Adressaten kann in Zeiten der political correctness bei Wortwahl oder Formulierung erhebliche Kommunikationsprobleme nach sich ziehen.

Prozedurales VorwissenVorwissen. Bei Instruktionstexten wie BedienungsanleitungenBedienungsanleitung oder Kochrezepten sind motorische Voraussetzungen wichtig. Dabei geht es um das Handlungswissen und das motorische Können einer Person: Welches Repertoire an Handlungen kann vorausgesetzt und wie differenziert können diese ausgeführt werden (z.B. Feinmotorik).

 Welche Handlungen und Handgriffe sind automatisiert?

 Wie sieht es mit Geschicklichkeit und Feinmotorik aus?

Die Beantwortung dieser Fragen ist wichtig, um die richtige Ebene der Handlungsbeschreibung oder -anweisung zu treffen. Ungewohnte Handlungen müssen detailliert beschrieben und angeleitet werden, gewohnte Handlungen muss man nur benennen (Kap. 8.6).

Eine Adressatenanalyse wird zwar von allen Kommunikationsexperten als wichtig erachtet, aber oft nur oberflächlich durchgeführt. Meist werden die Voraussetzungen der Adressaten in einer Arm-Chair-Analyse ergrübelt. Dabei handelt es sich nur um mehr oder minder wahrscheinliche Mutmaßungen, die so gut oder schlecht sind, wie der Autor bzw. die Autorin die potenziellen Adressaten aus eigener Erfahrung kennt. Einige empirische Methoden der Adressatenanalyse werden im Kap. 11.2 vorgestellt.

Zusatzmaterial 2: Übung zum adressatenorientierten Schreiben

Spezielle Adressatengruppen

In den letzten Jahren haben einige Adressatengruppen besondere Aufmerksamkeit erfahren, wenn es um verständliche sprachliche Kommunikation geht.

SeniorenSenioren. Wegen der Überalterung – oder politisch korrekt Unterjüngung – unserer Gesellschaft treten alte Menschen nicht nur als große Adressatengruppe für soziale und gesundheitsbezogene Dienstleistungen auf, sondern sie wurden auch als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt. Den Anfang machten Bücher im Großdruck, inzwischen wird darüber geforscht, auch Gebrauchsanleitungen für Handys oder altersspezifische Produkte seniorengerecht zu schreiben und zu gestalten (Schwender, 2013). Die Adressatengruppe der Senioren ist in ihren Bedürfnissen und Merkmalen gut untersucht. Während Fähigkeiten der als angeboren konzipierten fluiden Intelligenz nachlassen (Kurzzeitgedächtnis, Verarbeitungskapazität, induktives und deduktives Denken), bleiben erworbene Fähigkeiten der kristallinen Intelligenz (Wissen, Erfahrung) erhalten bzw. können sich sogar verbessern. Ältere Menschen müssen für bestimmte kognitive Leistungen mehr Ressourcen aktivieren, sie sind dadurch oft langsamer oder – positiv ausgedrückt – bedächtiger.

Van Horen et al. (2001) verglichen eine Gruppe von 20-30-Jährigen mit einer Gruppe von 60-70-Jährigen bei der Nutzung einer Gebrauchsanleitung für einen Video-Kassetten-Rekorder. Die Senioren machten mehr Fehler als die jüngeren Vpn, wenn die Anordnung von Gerätekomponenten nicht eindeutig beschrieben war und wenn der Sinn einer geforderten Handlung nicht ausdrücklich genannt wurde. Offenbar können jüngere Personen diese Informationen eher erschließen, während sie für ältere Personen ausdrücklich formuliert werden sollten.

Menschen mit BehinderungKommunikationbarrierefrei. Barrierefreie Kommunikation für Menschen mit besonderen Bedürfnissen ist in der BRD im §. 4 des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) definiert:

„Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind“ (BGG, 2002).

Was Kommunikate betrifft, z.B. Nachrichten, Gesundheitsinformationen oder Anleitungen für Geräte, so sollen sie zugänglich und mit eigenen Ressourcen verständlich sein (Schum, 2017). In digitalen Medien lassen sich Texte für sehr unterschiedliche Bedürfnisse barrierefrei aufbereiten und zur Verfügung stellen (Peter, 2013). Mit assistiver Software können Texte für Blinde in Braille-Schrift präsentiert oder in gesprochene Sprache übersetzt werden, für Hörbehinderte in Gebärdensprache. Für kognitive Behinderungen ist eine Leichte Sprache entwickelt worden, die nur einfache Wörter und Sätze umfasst (siehe Kapitel 11.3).

Menschen anderer Kulturen. Im Zuge der Globalisierung und der Migration hat sich die Sensibilität für interkulturelle KommunikationKommunikationinterkulturell verstärkt. Das gilt auch für informative Texte, die in andere Sprachen übersetzt werden. Dabei reicht eine korrekte Übersetzung eines Textes zur Verständlichkeit oft nicht aus, der Text muss auch kulturspezifischen Besonderheiten angepasst werden. Man spricht in diesem Fall von Lokalisierung (Göpferich, 2002). Es gibt zahlreiche Unterschiede, die zu Missverständnissen in der Kommunikation führen können (Heringer, 2004): unterschiedliche Bedeutungsnuancen von Wörtern (KonnotationenKonnotation), verschiedene MentalitätenMentalität, inhaltliche Tabus, abweichende Konventionen usw. Interkulturelle KompetenzKompetenzinterkulturell wird heute als eine kommunikative Schlüsselqualifikation angesehen, sie ist das Vermögen, „mit fremden Kulturen und ihren Angehörigen in adäquater, ihren Wertesystemen und Kommunikationsstilen angemessener Weise zu handeln, mit ihnen zu kommunizieren und sie zu verstehen“ (Lüsebrink, 2008, S. 9).

Frauen. In der Werbung oder dem Marketing für geschlechtsaffine Produkte sind Frauen schon lange eine spezielle Zielgruppe mit direkter Ansprache. Bei wissenschaftlichen Texten und technischen Dokumenten wird zunehmend eine Sprache gefordert, die Frauen als Adressatinnen in den Formulierungen berücksichtigt. Die meisten Sprachen, auch die deutsche, behandeln Männer und Frauen nicht gleich. „Teils sind diese Asymmetrien Relikte aus Zeiten, als Frauen tatsächlich Menschen zweiter Ordnung waren. Teils spiegeln sie frühere Versuche, zu den Frauen ganz besonders nett zu sein. Diskriminieren heißt wörtlich ‚unterscheiden‘. Ob aus Missachtung oder Hochachtung: Wir sprechen wohl oder übel eine Sprache, welche Unterschiede macht“ (Zimmer 1998, S. 67). Demgegenüber gibt es Bestrebungen, die geschlechtliche Ungleichbehandlung zu vermeiden (Hellinger & Bierbach, 1993). Dabei sind zwei allgemeine Richtlinien leitend:

 Sprachliche Sichtbarmachung. Wo von Frauen die Rede ist, muss dies auch sprachlich zum Ausdruck kommen.

 Sprachliche Symmetrie. Wo von Frauen und Männern die Rede ist, müssen beide verbal gleich behandelt werden.

Die Umstellung auf eine geschlechtergerechte Sprache bereitet zunächst Schwierigkeiten. Eine beliebte Möglichkeit, sich um eine geschlechtergerechte Sprache zu drücken, ist eine Generalklausel: „Aus Gründen der Verständlichkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter.“ Oder noch kecker: „Bei Verwendung der männlichen Formen sind die Frauen immer mitgemeint.“ Aber sind sie das tatsächlich? Und verstehen sich Frauen einbezogen?

Untersuchungen mit unterschiedlichen Methoden belegen, dass beim Lesen generischer Maskulina häufiger an Männer als an Frauen gedacht wird. Werden Personen danach gefragt, wer ihr beliebtester Maler oder Sportler sei, dann variiert die Anzahl der genannten Frauen signifikant in Abhängigkeit davon, ob mit dem generischen Maskulinum oder geschlechtsneutralen Formulierungen gefragt wird. Beim generischen Maskulinum werden kaum Frauen genannt (Irmen & Steiger, 2006). Andere Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, dass sich Leserinnen durch die männlichen Formen weniger angesprochen fühlen. Beispiele: Frauen werden von Stellenanzeigen, die das generische Maskulinum verwenden, weniger zu einer Bewerbung motiviert. Mädchen zeigen ein größeres Interesse an einem Beruf, wenn er geschlechtsneutral beschrieben wird (Bem & Bem, 1973).

Versteht man die AdressatenorientierungAdressatenorientierung als ein Grundprinzip professioneller Kommunikation, dann ist das Anliegen der feministischen Linguistik, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, durchaus berechtigt. Oft wird als Argument gegen geschlechtergerechte Sprache vorgebracht, dass unter ungewohnten und umständlichen Formulierungen Leserlichkeit und Verständlichkeit leiden. Die deutsche Sprache macht es auch gutwilligen Gendern nicht leicht, vor allem die Pronominalisierung (Wer hat seinen Lippenstift liegen lassen?) oder Komposita (Rednerinnenpult) stellen Schreibende vor verzwickte Aufgaben.

Zur Verständlichkeit gibt es einige Untersuchungen, deren Ergebnisse sich so zusammenfassen lassen: Zwischen Texten mit generischem Maskulinum und unterschiedlichen Alternativformulierungen gibt es keine Unterschiede in der subjektiven Verständlichkeit (Rothmund & Christmann, 2002). Dieser Befund konnte mit Nachrichtentexten repliziert werden (Blake & Klimmt, 2010). Beim Binnen-I (LeserIn) war allerdings die Lesezeit langsamer. Das verweist darauf, dass ungewohnte Wörter und Wortformen (z.B. Frauschaft statt Mannschaft, BürgerInnen) und ungewöhnliche grammatische Konstruktionen zusätzlichen Verarbeitungsaufwand erfordern.

Der Duden, konkret Gabriele Diewald & Anja Steinhauer (2017), hat Vorschläge vorgelegt, die auf drastische Eingriffe in die Sprachgewohnheiten verzichten: Doppelnennungen (Dozentinnen und Dozenten), Abwechseln in festen Wendungen (Damen und Herren, Herren und Damen), substantivierte Partizipien (Dozierende, Gewählte), sexusindifferente Wörter (Fachkraft, Person) und andere Ersatzformen. Obwohl ein drittes Geschlecht „divers“ in das Personenstandrecht eingeführt wurde, fühlen sich viele Intersexuelle sprachlich nicht repräsentiert. Die Berücksichtigung weiterer Geschlechtsidentitäten durch das Gendersternchen (Lehrer*innen) oder das Gendergap (Lehrer_innen) verletzt orthografische Regeln und ist zudem nicht aussprechbar. Man sollte sich rückbesinnen, dass mit dem generischen Maskulinum eine Gattung oder Gruppe bezeichnet wird, in der das biologische Geschlecht, welcher Art auch immer, keinerlei Rolle spielt.

Man kann in der Einführung einer gendergerechten Sprache einen natürlichen Prozess des Sprachwandels sehen, der mit der Abschaffung des Fräuleins in den 80er Jahren begann und irgendwann zur Norm werden wird. Die Verständlichkeit wird darunter wenig leiden, wenn auf gendergroteske Sprachverirrungen verzichtet wird.

Zusatzmaterial 3: Übung zum impliziten Adressaten

4.3 Adressat: RessourceneinsatzRessourceneinsatz

Switchen wir jetzt auf die Seite des Adressaten, der mit einem Text konfrontiert wird. Seinen Anteil an der Verständlichkeit hat schon die traditionelle Hermeneutik erkannt. Um wichtige – ursprünglich mythologische, religiöse und juristische Texte – zu verstehen und zu interpretieren, hat sich seit der Antike die Wissenschaft der Hermeneutik herausgebildet. Sie hat eine sehr interessante Geschichte hinter sich: als Methode der InterpretationInterpretation, als Grundlegung der Geisteswissenschaft bis zu einer universalen Theorie des Verstehens (Scholz, 2016). Hermeneutische, psychologische und linguistisch-pragmatische Ansätze benutzen zwar eine unterschiedliche Terminologie, aber inhaltlich gibt es viele Überschneidungen, auf die wir im Folgenden aufmerksam machen.Sachtext1 In den aktuellen Theorien des Verstehens spielt die Hermeneutik nur eine marginale Rolle in geistreichen Fußnoten und Exkursen.

Hermeneutische Voraussetzungen

Martin Scholz hat in seiner Aufarbeitung der Frühgeschichte der Hermeneutik aufgedeckt, dass bereits im 18. Jahrhundert Regeln der InterpretationInterpretation aufgestellt wurden. So postuliert der Philosoph und Theologe Christian August Crusius vier PräsumptionenPräsumption, also Voraussetzungen, mit denen ein Interpret an einen Text herangehen soll (Scholz, 2016, S. 49/50, S. 159).

 PräsumptionPräsumption der Konsistenz. Der Adressat geht davon aus, dass der Text in sich konsistent ist und keine Widersprüche enthält.

 PräsumptionPräsumption der Deutlichkeit. Der Adressat unterstellt, dass ein Autor sich Mühe gibt, verständlich zu formulieren, um verstanden zu werden: „daher präsumiret man auch von ihm, daß er mit dem Sprachgebrauch rede, und daß er Dunkelheit und Zweideutigkeit verhüte. Denn es ist der natürliche Zweck der Rede, daß man verstanden sein will“ (zitiert nach Scholz, 2016, S. 49).

 PräsumptionPräsumption der Zweckrationalität. Hier werden das Kooperationsprinzip und die Maxime der Relation bzw. Relevanz von Grice vorweggenommen: Ein Beitrag soll dem allgemeinen Zweck, also den geteilten Intentionen der Kommunikationspartner dienen.

 PräsumptionPräsumption der Zustandsgemäßheit. Diese Unterstellung muss man wohl so verstehen, dass das Geschriebene dem derzeitigen Zustand des Autors entspricht. Das entspricht dem Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit bei Habermas.

Es fällt auf, dass die PräsumptionenPräsumption wieder an die Rationalität gekoppelt sind: Ein vernünftiger Interpret handelt nach einem hermeneutischen „principle of charity“, das dem Autor und seinem Text wohlwollend und nachsichtig entgegenkommt. Der amerikanische Philosoph Donald Davidsons formuliert später ein globales Rationalitätsprinzip: „Interpretiere die fremde Person als rationale Person“ (zitiert nach Scholz, 2016, S. 117). Zwar sind die Präsumptionen grundsätzlich als widerlegbar gedacht, immer wieder wird die Klausel „bis zum Nachweis des Gegenteils“ beschworen. Wer aber an der Rationalität seines Gegenübers zweifelt, bei dem liegt auch die Beweislast. Ein Problem bleibt ungelöst: Welche konkreten Kriterien gibt es, um festzustellen, dass ein Autor sich nicht um Verständlichkeit bemüht, nicht aufrichtig ist und lügt oder gar verwirrt und unzurechnungsfähig ist? Die geforderte Nachsicht hat sicher ihre Grenzen: Zu viele unscharfe Begriffe, Widersprüche, Mehrdeutigkeiten, Fehlschlüsse, Inkonsistenzen, dunkle Passagen, Inkohärenzen usw. wird man auch bei aller hermeneutischen EmpathieEmpathie keinem Textproduzenten durchgehen lassen.

Als methodisches Prinzip ist es sicher sinnvoll, nicht bei jedem unverstandenen Satz sofort an den Fähigkeiten des Absenders zu zweifeln, sondern sich um ein Verstehen zu bemühen. Das Prinzip hat heuristische Funktion, es soll bewirken, unvoreingenommen und offen für neue Einsichten zu bleiben. Die PräsumptionenPräsumption werden als konstitutiv für das Interpretieren angesehen, allerdings wird das Gelingen des Verstehens den Adressaten aufgebürdet, während die Absender mit großem Wohlwollen und Vertrauensvorschuss behandelt werden.

Die Spirale des VerstehensSpirale des Verstehens

Hermeneutiker haben zwar die Verstehensprozesse nicht im Detail untersucht, wie heute die Psycholinguistik und die Kognitionspsychologie, aber sie haben eine Theorie entwickelt, wie ein Text im zeitlichen Verlauf verstanden und interpretiert wird.

1. Ausgangspunkt ist die hermeneutische Differenzhermeneutische Differenz, der Unterschied zwischen Absender und Adressat. Zwischen beiden können historische, gesellschaftliche und sprachliche Unterschiede bestehen. In unserem Modell stecken diese Differenzen in den nur teilweise geteilten Intentionen und Wissensbeständen. Diese Differenz taucht bei vielen Hermeneutikern auf: Wilhelm Dilthey spricht von einer „Verfremdung“, Hans-Georg Gadamer sieht die Hermeneutik „zwischen Fremdheit und Vertrautheit“, Paul Ricœur spricht von einer „distanciation“.

2. Wir gehen immer schon mit einem gewissen VorverständnisVorverständnis an einen Text heran, mit dem wir ihn zu verstehen suchen (Kümmel, 1965). Dieses Vorverständnis wird sich teilweise bestätigen, teilweise muss es aufgrund der Lektüre verändert werden. Das Textverständnis erweitert und modifiziert das Vorverständnis, mit dem weitergelesen wird usw. (Bild 4). Beim Verstehen schriftlicher Texte durchläuft der Lesende einen hermeneutischen Zirkel, oder besser eine hermeneutische Spirale (Bolten, 1985; Stegmüller, 1996). Dabei geht es um das Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen auf zwei Ebenen: Wir verstehen ein Wort im Kontext des Satzes, einen Satz im Kontext des Gesamttextes, dieser Gesamttext aber setzt sich aus den zu verstehenden einzelnen Sätzen zusammen. Aufgelöst wird diese Zirkularität durch das fortlaufende Lesen, da die Lektüre jedes Satzes das Verstehen des Gesamttextes erweitert, was wiederum auf das Verstehen der folgenden Sätze zurückwirkt (Dilthey, 1981). Das ist eine Beschreibung des kontinuierlichen Zusammenwirkens von textgeleiteten und wissensgeleiteten Verstehensprozessen, das schließlich zu einem Verständnis führt, das aber grundsätzlich vorläufig ist. Denn der Prozess der InterpretationInterpretation ist nie abgeschlossen, ein Text kann immer wieder neu gelesen und neu interpretiert werden. Das gilt vor allem für literarische Texteliterarischer Text, denn sie sind grundsätzlich für verschiedene Interpretationen offen (Eco, 1999), aber auch Sach- und Gebrauchstexte bleiben davon nicht verschont: So lesen wir heute z.B. die Bücher von Charles Darwin oder Sigmund Freud mit einem anderen Vorverständnis als ihre Zeitgenossen.

3. Ein Problem stellt die Validität (Gültigkeit) einer InterpretationInterpretation dar. Sind grundsätzlich alle Interpretationen gleichwertig, oder gibt es Kriterien für mehr oder weniger adäquate Verständnisse (Rusterholz, 1979)? Eine Interpretation kann auch einen Text bzw. den Autor bzw. die Autorin vergewaltigen, indem Deutungen unterstellt werden. Susan Sontag (2016) spricht in ihrem Essay „Against Interpretation“ von aggressiven und pietätlosen Interpretationen, die einen Text für eine Theorie oder Weltanschauung vereinnahmen.

Die hermeneutische Theorie verlagert das Problem der Verständlichkeit auf die Adressaten. Sie müssen Verstehensarbeit leisten, während den Autoren erstaunlich viel Nachsicht entgegengebracht wird. Einen Freibrief zum Formulieren bekommen die Textproduzenten allerdings nicht, auch Crusius verlangt mit der Präsumption der Deutlichkeit, dass sich ein Textproduzent verständlich für die Adressaten ausdrückt. Damit ist seine Hermeneutik nicht weit von unserem kommunikativen Ansatz von Verstehen und Verständlichkeit entfernt.

Bild 4:

Unser Vorverständnis (1. VV) beeinflusst das Textverstehen (1. TV), dieses wirkt wieder auf das Vorverständnis (2. VV) zurück, mit dem wir dann weiterlesen usw. Der hermeneutische Zirkel wird zur Spirale, sobald wir eine Zeitachse einziehen.

4.4 Probleme der Verständlichkeit

„Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss“, so ein Diktum von Arthur Schopenhauer (1986, S. 552). Warum gibt es schwer verständliche Texte? An dieser Stelle ist ein kurzer Blick auf die Kehrseite des Verstehens notwendig, auf die Fälle, in denen die Verstehensbemühungen scheitern. Drei Störfälle des Verstehens und der Verständlichkeit lassen sich unterscheiden: UnverständlichkeitUnverständlichkeit, SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit, MissverständlichkeitMissverständlichkeit.

UnverständlichkeitUnverständlichkeit

Ein völliges Unverstehen ist z.B. der Fall, wenn man einen Text in einer fremden Sprache (fehlendes Kodewissen) oder über eine völlig unbekannte Wissensdomäne (fehlendes Weltwissen) liest. Ob es in der mündlichen Kommunikation einen „complete communicative breakdown“ geben kann, lässt sich bezweifeln, da über paraverbale Zeichen immer eine teilweise Verständigung möglich ist. Meist haben wir es mit einem partiellen Nichtverstehen zu tun, denn nur ein Teil der Mitteilung bleibt unverständlich oder nur eine Ebene des Verstehens ist betroffen.

MissverständlichkeitMissverständlichkeit

Dies ist der kommunikativ heikelste Fall, denn der Adressat glaubt verstanden zu haben, aber der Absender hat es anders gemeint. Marcus Friedrich (2017, S. 24) spricht treffend von einem Scheinverstehen. Im Alltag kann man aneinander vorbeireden. In der mündlichen Kommunikation wird Scheinverstehen entdeckt, wenn ein manifestes Missverständnis auftaucht: „So habe ich das doch gar nicht gemeint!“ Durch Rückmeldungen kann es schneller ausgeräumt werden als in der schriftlichen Kommunikation (Falkner, 2007). Tückisch ist das unbemerkte Missverstehen, weil es als vermeintliches Verstehen getarnt ist (Hinnenkamp, 1998). Die Grenzen zwischen Verstehen und Scheinverstehen sind fließend.

SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit

In vielen Fällen verläuft das Verstehen spontan und automatisch. Kommt es aber ins Stocken, müssen wir Verstehensarbeit leisten, d.h. mentale Ressourcen einsetzen. In diesem Fall sprechen wir von schwer verständlichen Mitteilungen. SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit resultiert aus der KomplexitätKomplexität der Sache oder der Art der Formulierung. Das Letztere ist dann ein Fall für die Praxis der TextverständlichkeitVerständlichkeitText-.

Es gibt auch Verteidiger schwer verständlicher Texte, deren Argumente in unserem Kontext durchaus interessant sind. Es werden in verschiedenen Variationen drei Argumente vorgebracht (Ballstaedt, 2016):

Das inhaltliche Argument. Die Wirklichkeit ist so komplex, dass sie sich nicht mit einfachen Wörtern und einfachen Satzkonstruktionen ausdrücken lässt. Mit diesem Argument verteidigt der Philosoph Johann Hamann (1730-1788) seine dunkle Prosa, hier theologisch eingefärbt: Da die Welt nur Gott und nicht dem Menschen verstehbar ist, kann ein Mensch über sie auch nicht verständlich schreiben. Die Texte spiegeln sozusagen die Nichtverstehbarkeit der Welt für den Menschen. UnverständlichkeitUnverständlichkeit wird hier als Protest gegen die Aufklärung und deren Forderung, sich klar auszudrücken, verstanden. Denn Aufklärer fordern eine klare und verständliche Sprache, z.B. Jean Lerond d’ Alembert (1717-1783) für die Enzyklopädie. Auch die deutschen Aufklärer fordern einen verständlichen Schreibstil, der auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms verstanden wird. Friedrich Nicolai (1773, S. 121), ein Vertreter der Berliner Aufklärung, beklagt, dass die Schreibenden in Deutschland nur auf sich selbst und „auf den gelehrten Stand“ bezogen sind und die übrigen Menschen verachten. Noch schärfer geht Christian Garve (1796, S. 343) mit den Schreibenden ins Gericht. Er verlangt „Klarheit und Leichtigkeit des Styls“ und lässt das beliebte Argument nicht gelten, dass Tiefe und Gründlichkeit mit Unverständlichkeit erkauft wird, im Gegenteil: „Man kann also mit Recht sagen, daß der höchste Grad der Vollkommenheit und Ausbreitung philosophischer Ideen dann erst erreicht ist, wenn sie sich allen Menschen von gebildetem Verstande, auf eine leichte Art, mitteilen lassen.“ In dieselbe Kerbe schlägt Georg Christoph Lichtenberg (1971, S. 157): „Die simple Schreibart ist schon deshalb zu empfehlen, weil kein rechtschaffener Mann an seinen Ausdrücken künstelt und klügelt.“ Er spottet über Autoren, die ihre „gelehrte Notdurft auf Papier verrichten.“ Dies sind klare Worte gegen einen schwer verständlichen akademischen Imponierstil, der insbesondere in Deutschland bis heute gepflegt wird und zur Sozialisation in einige Disziplinen gehört (Groebner, 2012). Bei den Adressaten wird eine unverständliche Sprache als Ausdruck von Expertise oder Intelligenz aufgefasst. Doch KomplexitätKomplexität ist nicht Kompliziertheit!

Das didaktische Argument. Dieses Argument wird gern mit pädagogischem Zeigefinger vorgetragen: Man darf es den Lesenden nicht zu einfach machen, schwierige Texte führen zu tieferer Verarbeitung. So wünscht sich Hamann Adressaten, die wiederkäuend lesen und sich durch den Text zum Denken anregen lassen. Lesen wird hier zwar als ein kreativer, kein rezeptiver Akt gesehen, aber die Verantwortung für das Verstehen wird völlig auf die Seite der Lesenden abgeschoben. Der oder die Schreibende braucht sich nicht um Verständlichkeit zu bemühen, im Gegenteil: UnverständlichkeitUnverständlichkeit wird geradezu als Voraussetzung für Verstehen gesehen, sozusagen als produktiver Trigger für eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Text (Schumacher, 2000). Unter bildungspolitischem Aspekt ist dieses Argument indiskutabel, vor allem, da es oft nur ein kleiner Schritt dazu ist, die Adressaten als unverständig oder dumm abzustempeln (Pogarell, 1999).1

Das ästhetische Argument. SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit bereitet intellektuell anspruchsvollen Adressaten einen ästhetischen Genuss. Dies betrifft vor allem literarische Texteliterarischer Text, da bietet sich dieses Argument an. Keiner wird von Thomas Mann oder Thomas Bernhard einfordern, dass sie verständlich schreiben sollen. Norbert Groeben (1982, S. 152) nennt Verständlichkeit ein „Un-Kriterium für literarische Texte“. Für Verstehensprobleme werden gern rhetorische StilmittelStilmittel wie Metaphern, Ironie und Allusionen (= Anspielungen) verantwortlich gemacht, die eben manchen Lesenden überfordern. Das ästhetische Argument gilt aber sicher nicht für Sachtexte.

Alle drei Argumente haben eine gewisse Plausibilität, aber sie verschweigen die dunkeln Seiten der SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit, diese dient oft der Verschleierung und Abschottung.

AbschottungAbschottung. SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit kann als Mittel der sozialen Abgrenzung eingesetzt werden. So schreibt Friedrich Nietzsche im 381. Aphorismus der „Fröhlichen Wissenschaft“: „Es ist noch ganz und gar kein Einwand gegen ein Buch, wenn irgend jemand es unverständlich findet: vielleicht gehörte eben dies zur Absicht seines Schreibers – er wollte nicht von ‚irgend jemand‘ verstanden werden. Jeder vornehmere Geist und Geschmack wählt sich, wenn er sich mitteilen will, auch seine Zuhörer; indem er sie wählt, zieht er zugleich gegen die anderen seine Schranken.“ (Nietzsche, 1981, S. 256) Schwerverständlichkeit ist hier eine elitäre Strategie, sich nur Gleichgesinnten mitzuteilen und andere auszuschließen. Eine vergleichbare sektiererische Einstellung findet man in den „Schwarzen Heften“ von Martin Heidegger (2014): „Künftig muss das Unverständliche gewagt werden: jedes Zugeständnis an Verständlichkeit ist schon Zerstörung.“ Noch ein Zitat: „Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie“. Hiermit wird Kommunikation bewusst verweigert und nur Eingeweihte dürfen in den Elfenbeinturm des Philosophen eintreten. Schwerverständlichkeit wird zum Statussymbol.

VerschleierungVerschleierung. Immer wieder wurde der Verdacht geäußert, dass schwer verständliche Texte nur eine Schwäche der Argumentation verdecken sollen. Wer klar denkt, der kann sich auch klar ausdrücken. Wer verschwurbelt schreibt, der denkt auch so. Es gibt die „intendierte SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeitintendiert“ (Göpferich, 2002, S. 226), bei der durchaus gewollt ist, sich unverständlich auszudrücken, weil man eigentlich wenig zu sagen oder etwas zu verschweigen hat. Schwer verständliche Texte benötigen dann Vermittler wie Exegeten, Pressesprecher, Übersetzer, Kommentatoren usw., die eine Interpretationshoheit beanspruchen. Schwerverständlichkeit haftet oft etwas Esoterisches und Sektiererisches an.

Machtausübung. UnverständlichkeitUnverständlichkeit verweist auf eine verdeckte Machtausübung in Politik, Religion oder Recht, denn schwierige Texte führen zu einem Deutungsprivileg einer sozialen Gruppe (Enzensberger, 2004). SchwerverständlichkeitSchwerverständlichkeit von theologischen, philosophischen oder juristischen Texten führt zu Berufen, die für die InterpretationInterpretation bzw. AuslegungAuslegung zuständig sind, Juristen, Theologen oder Philologen (hermetische Hermeneutik). Ausgerechnet in der Politik dienen schwer verständliche Texte oft dazu, Interessen zu verschleiern und sich vor konkreten Äußerungen zu drücken: Schwerverständlichkeit begründet eine Abhängigkeit von Experten und Ratgebern.

Auf Seiten des Adressaten gibt es allerdings auch den Fall, dass er nicht verstehen kann oder will: „Doch was, wenn mein Gesprächspartner mich nicht verstehen kann, aus intellektuellen oder psychischen, aus kulturellen oder gesundheitlichen Gründen oder weil ihm einfach ein paar Informationen über mich fehlen? Was, wenn ich mein Gegenüber nicht verstehen will, weil mich kulturelle Vorurteile leiten, ich die Person nicht ausstehen kann oder sie dominieren will, weil mir der gute Wille zum Verstehen einfach fehlt?“ (Schulte, 2013). In der schwarzen RhetorikRhetorik wird sogar empfohlen, den Absender absichtlich misszuverstehen, z.B. empfiehlt Arthur Schopenhauer (2009, S. 61) diesen Kunstgriff: „Man erzwingt aus dem Satze des Gegners durch falsche Folgerungen und Verdrehung der Begriffe Sätze, die nicht darin liegen und gar nicht die Meinung des Gegners sind.“

4.5 Texte verständlich machen

Eine Verbesserung der schriftlichen Kommunikation ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen erwünscht, sie sind im Kapitel 1 aufgezählt. Da das 11. Kapitel ausführlich die Evaluation und Optimierung der Verständlichkeit behandelt, werden hier nur drei Szenarien angeführt. Wer die Verständlichkeit in der schriftlichen Kommunikation verbessern möchte, der kann an drei Komponenten der Kommunikation ansetzen: auf der Seite des Absenders, auf der Seite des Adressaten oder am Text selbst.

SchreibtrainingSchreibtraining. Hier geht es um Schulung im adressatenorientierten und verständlichen Schreiben durch Handreichungen und Schreibwerkstätten, um die Schreibfähigkeiten von Autorinnen und Autoren zu verbessern. Dieser Ansatz ist in der Ausbildung für Berufe mit professioneller Vermittlungsfunktion unverzichtbar. Für einige Arbeitsfelder liegen Handreichungen (GuidelinesGuidelines) für verständliches Schreiben vor, z.B. für technische Dokumentation (Baumert & Verhein-Jarren, 2012), für journalistische Beiträge (Häusermann, 2005), für amtliche Schreiben (Brettschneider et al., 2012), für Public Relations (Ebert, 2014). Auch für die besonders schwierige Gruppe der Wissenschaftler gibt es Schreibanleitungen (Bünting, Bitterlich & Pospiech, 2004; Moll & Thielmann, 2017). Zusätzlich ist eine Unterstützung und Kontrolle des Schreibens durch elektronische Tools möglich, z.B. Style Checker, die auf die stilistischen Schwächen eines Autors eingestellt sind, etwa zu lange Sätze oder viele Passivsätze (dazu Kap. 12.5). Fernziel ist eine Workbench zum Schreiben, ein Softwarepaket, das „den Schreibaktivitäten und Gewohnheiten der jeweiligen TextschreiberInnen angepaßt ist bzw. anpaßbar ist“ (Rothkegel, 1995, S. 179).

TextoptimierungTextoptimierung. Liegt bereits ein formulierter Text vor, kann seine Verständlichkeit für die Adressaten eingeschätzt werden. Dazu dienen Verfahren der Textevaluation, wie z.B. Verständlichkeitsformeln, Checklisten, Expertenratings oder Usability-Tests (ausführlich Kap. 11). Aufgrund der Ergebnisse überarbeitet der Autor oder ein Experte den Text, z.B. ein Wissenschaftsredakteur oder eine Lektorin. Der Text wird sozusagen an die Adressaten angepasst. Der Textexperte muss dabei den Text erst verstehen und eventuell interpretieren, bevor er eine verständlichere Formulierung vorschlagen kann. Dieses Szenario der Textoptimierung impliziert eine theoretische Voraussetzung: Es gibt synonyme Texte, derselbe Inhalt lässt sich in verschiedener sprachlicher Verpackung ausdrücken, so dass eine Variante durch die andere ohne semantischen Verlust substituiert werden kann. Diese Prämisse wird nicht nur von Sprachwissenschaftlern (z.B. Biere, 1989), sondern auch von der Translationstheorie zurückgewiesen. Jedes andere Wort oder jede andere Satzkonstruktion ist gegenüber dem Inhalt nicht neutral und hat einen Einfluss auf das Verstehen und Interpretieren. Eingriffe in den Text können das Verstehen erleichtern, aber auch die ursprüngliche Aussage des Textes verfälschen. Die meisten Richtlinien zur Textoptimierung empfehlen dennoch die Ersetzung eines Wortes oder eines Satzes durch einen anderen. Das ist die Ersetzungungstaktik, aber es gibt als Alternative die ErgänzungstaktikErgänzungstaktik. Dabei bleibt der Text unberührt, wird aber mit Erschließungshilfen flankiert, z.B. Vorstrukturierungen, Zusammenfassungen, Glossar (ausführlich Kapitel 9).

Lese- und Verstehenstraining. Da Verständlichkeit kein alleiniges Merkmal des Textes ist, kann in der schriftlichen Kommunikation auch ein Beitrag des Adressaten eingefordert werden. Das beginnt damit, dass ihm zugemutet werden kann, eine Textpassage oder einen ganzen Text wiederholt zu lesen, wenn er sie bei der ersten Lektüre nicht verstanden hat. Denkt man dabei an die hermeneutische Spirale, ist das sogar eine Voraussetzung für tieferes Verstehen, denn das Verständnis des Ganzen wirkt auf das Verstehen der Teile zurück. Die aktive Auseinandersetzung mit einem Text kann zusätzlich durch Techniken der Aneignung gefördert werden. Bei diesem Ansatz werden die Verstehensfähigkeiten bzw. Lesekompetenzen der Adressaten trainiert, es geht um Techniken der Texterschließung (Schnotz & Ballstaedt, 1995). Hier werden nicht die Texte an die Adressaten, sondern die Adressaten an die Texte angepasst. Der Ansatz bei den Adressaten ist sinnvoll, wenn z.B. klassische Texte vorliegen, in die nicht durch TextoptimierungTextoptimierung eingegriffen werden darf. Das VorverständnisVorverständnis ist schwer zu verändern, aber es können Techniken eingeübt werden, die das Verstehen durch die bessere Nutzung von Ressourcen verbessern. Zu diesen Lese- und Lerntechniken gehören: Anstreichen, Gliedern, Exzerpieren, Zusammenfassen, Visualisieren, Fragen stellen, Beispiele suchen u. v. m. (Keller, 2005; Mandl & Friedrich, 2006). Die Wirkung derartiger Techniken ist empirisch erprobt, es bleibt allerdings aufwendig, sie durch Übungen zu vermitteln. Einzelne Techniken wurden zu LesestrategieprogrammenLernstrategieprogramm zusammengefasst, z.B. die PQ4R-Methode (Thomas & Robinson, 1972): Preview, Question, Read, Reflect, Recite, Review. Das Verstehen wissenschaftlicher Texte kann durch Training der metakognitiven Fähigkeiten gefördert werden, d.h. der Einschätzung der eigenen Verstehensleistung (Wiley & Sanchez, 2010). Analog zu den Schreibwerkstätten kann es Lesewerkstätten geben, wie z.B. Lektüreseminare in den Geisteswissenschaften. Eine Anleitung speziell zur Erschließung von Fachtexten hat Ulrike Langer (2013) vorgelegt.

Zusammenfassung

1. Schriftliche Kommunikation weicht in etlichen Merkmalen von der mündlichen Kommunikation ab: Die Kommunikationspartner sind räumlich und zeitlich getrennt, Schreiben ist reflektierter und führt zu komplexen Formulierungen, das fortlaufende Monitoring fällt aus und damit jede Technik der Verständnissicherung. Damit wird Verständlichkeit zum Problem, das vor allem in der Verantwortung des Absenders liegt, der adressatenorientiert formulieren muss.

2. Nach dem kommunikativen Ansatz kann es eine Allgemeinverständlichkeit für alle Adressaten nicht geben. Für abgrenzbare Zielgruppen sind Texte gut adressierbar, ein Problem stellt die Mehrfachadressierung bei heterogenen Adressatengruppen dar.

3. Professionelle Kommunikation muss von einer Adressatenanalyse ausgehen. Diese besteht aus zwei Stufen: Bei der Segmentierung werden die Adressatengruppen bestimmt, bei der Profilierung werden diese in verstehensrelevanten Merkmalen beschrieben.

4. Zur Profilierung können etliche Merkmale der Adressaten herangezogen werden: sozio-ökonomischer Status, Lesemotivation, Vorwissen, Lesekompetenz, Sprachgebrauch, Mentalität, prozedurales Vorwissen. Für verständliches Schreiben sind vor allem das Vorwissen und die Sprachkompetenzen der Adressaten wichtig.

5. Einige Adressatengruppen sind in den letzten Jahren besonders in den Fokus der professionellen Kommunikation gerückt: Senioren, Menschen mit Behinderungen, Menschen anderer Kulturen. Frauen als Adressatengruppe haben zu Bemühungen um geschlechtsneutrale Formulierungen geführt, für die derzeit Richtlinien entwickelt werden.

6. Von den Adressaten schwieriger Texte wird in der hermeneutischen Tradition erwartet, dass sie einen Text wohlwollend zu verstehen suchen (hermeneutische Präsumptionen und principle of charity). Die Textproduzenten werden dadurch weitgehend von der Mühe um Verständlichkeit entlastet.

7. Die hermeneutische Spirale beschreibt den Prozess des fortlaufenden Verstehens. Es startet mit einem Vorverständnis, das durch das Lesen bestätigt oder verändert wird. Psycholinguistik und Kognitionspsychologie haben diese text- und wissensbasierten Prozesse detailliert beschrieben.

8. Ein völliges Unverständnis ist selten, da selbst in einer fremden Sprache noch paraverbale Zeichen für ein rudimentäres Verstehen sorgen. Missverständnisse, bei denen der Adressat etwas versteht, was der Absender aber nicht gemeint hat, sind hingegen oft zu finden. Ein erschwertes Verstehen erfordert viel Verarbeitungsaufwand, den nicht jeder Hörende bzw. jede Lesende aufbringen kann oder will.

9. Schwerverständlichkeit wird mit drei Argumenten verteidigt: dem inhaltlichen Argument (Komplexität des Themas), dem didaktischen Argument (Anregung zum Denken) und dem ästhetischen Argument (Lust am Schreibstil). Schwerverständlichkeit kann intendiert sein, um Kommunikation auf bestimmte Gruppen zu beschränken oder von der dürftigen Argumentation abzulenken. Schwerverständlichkeit dient hier der Abschottung und Verschleierung.

10. Die Verständlichkeit schriftlicher Kommunikation lässt sich durch drei Ansätze verbessern: Schreibtraining auf Seiten der Textproduzenten, Verstehenstraining auf Seiten der Adressaten und Textoptimierung durch Experten.

5 Erforschung des Verstehens: Methoden

Bevor das Verstehen genauer unter die Lupe genommen wird, müssen wir uns einem methodischen Problem zuwenden: Die Prozesse des Verstehens laufen in unserem Gehirn ab und sind nicht direkt beobachtbar. Wir können uns zwar beim Verstehen eines Texts selbst beobachten (Introspektion), aber diese Erkenntnisse sind lückenhaft, zufällig und nicht verallgemeinerbar. Wie gelingt uns ein Blick unter die Schädeldecke?

In diesem Kapitel lassen wir die quantitativen und qualitativen Methoden Revue passieren, mit denen die empirische Wissenschaft die verborgenen Prozesse und Strukturen des Verstehens aufzudecken versucht. In der Forschung werden zwei Gruppen von Methoden unterschieden: Die einen erfassen Indikatoren zum Prozess des Verstehens während des Lesens (5.1). Die anderen erfassen Indikatoren zum erreichten Verständnis nach dem Lesen (5.2). Nicht bei allen Indikatoren lassen sich Verstehen, Verständnis und Verständlichkeit sauber trennen. Bei jeder Methode wird deshalb die Validität hinterfragt: Was wird durch die Methode genau erfasst?

5.1 Indikatoren des VerstehensIndikatorenVerstehen

Hier geht es um die Erhebung von Variablen, die Schlüsse auf Prozesse des Verstehens und den kognitiven Aufwand zulassen. Sie werden während des Ablaufs des Verstehens erhoben.

VorlesenVorlesen

Verarbeitungsprozesse, die beim Lesen gewöhnlich still ablaufen, sollen beim lauten Lesen hörbar gemacht werden. Gemessen wird die Latenzzeit zwischen Darbietung des Textes auf einem Monitor und Beginn der WiedergabeWiedergabe (Recall), aber auch die Pausen und das Verlesen sind Indikatoren für Verarbeitungsprozesse (Danks et al., 1983). Allerdings ist die Interpretation der Daten aus verschiedenen Gründen schwierig: 1. Man kann auch vorlesen, ohne den Text richtig zu verstehen. Was z.B. während einer Verzögerung im Kopf abläuft, ist von außen nicht erkennbar. 2. Eine Leseverzögerung kann entweder auf eine schwierige Textstelle oder auf ein Defizit beim Lesenden, z.B. fehlendes VorwissenVorwissen, hinweisen. Die Flüssigkeit beim lauten Lesen wird als brauchbarer Indikator für Lesekompetenz eingesetzt (Fuchs et al., 2001). Diese Methode ermöglicht somit nur einen groben Einblick in das Verstehen.

Lautes Denkenlautes Denken

Mit dieser klassischen Methode wird versucht, die Entwicklung eines Verständnisses zu erfassen. Während des Lesens werden die Versuchspersonen (Vpn)1 angewiesen auszusprechen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Die verbalen Daten werden aufgezeichnet und qualitativ ausgewertet.

Die deutsche Denkpsychologie hat mit der Methode des lauten Denkenslautes Denken einen bisher kaum gewürdigten Beitrag zum Verstehen des Verstehens erbracht. Karl Bühler (1908) legte seinen Kollegen anspruchsvolle Sentenzen oder Sprichwörter vor.


(1) Wer zur Quelle kommen will, muss gegen den Strom schwimmen.

Nachdem eine Vp mit einem „Ja“ ihr Verständnis des Satzes signalisierte, sollte sie äußern, was ihr beim Verstehen durch den Kopf gegangen war. Selbst für Professoren wohl keine einfache Aufgabe. Ein damals wichtiger Befund: Denken ist ohne visuelle oder andere Vorstellungen möglich.

Die Validität dieses introspektiven Verfahrens wird unterschiedlich eingeschätzt. Einerseits wird darin eine Möglichkeit gesehen, an Denkprozesse heranzukommen, die mit anderen Methoden nicht erfassbar sind, z.B. Assoziationen, Wissensaktivierung, Schlussfolgerungen (Ericsson & Simon, 1980). Andererseits wird wohl nur ein Bruchteil dessen verbalisiert, was beim Verstehen im Gehirn tatsächlich abläuft (Nisbett & Wilson, 1977). Zudem lassen sich bei den retrospektiven Berichten fortlaufendes Verstehen und abschließendes Verständnis nicht trennen. Lautes Denken offenbart nicht die Verstehensprozesse selbst, sondern liefert nur einen metakognitiven Bericht darüber, der durch Vorannahmen beeinflusst sein kann (Ballstaedt & Mandl, 1984).

In einer Variante dieser Methode zum interdisziplinären Verstehen studierten Biologen historische FachtexteFachtext, Fachsprache und Historiker biologische Fachtexte und notierten am Rand der fachfremden Texte ihre Verständnisprobleme in Form von Fragen an den jeweiligen Autor (Reinhard et al., 1997). Anhand der problematischen Textstellen konnten fachspezifische Sichtweisen und interdisziplinäre Verständnisprobleme herausgearbeitet werden.

LesezeitenLesezeit

Wer länger braucht, um einen Text zu lesen, der investiert auch mehr kognitive Ressourcen gegenüber einem Adressaten, der das in kürzerer Zeit bewältigt. Diese summative Lesezeit sagt aber nichts über die konkreten Verstehensprozesse aus. Genauere Einsichten lassen sich aus den Lesezeiten einzelner Wörter und Wortgruppen gewinnen. So verwenden Just & Carpenter (1987) die Lesezeit pro Wort, Phrase oder Satz als Indikator des Verstehensaufwandes.

Sie entwickelten die LesezeitLesezeit-Methode des Moving Window. Das Sprachmaterial wird maskiert, z.B. jeder Buchstabe durch einen Bindestrich. Durch einen Tastendruck wird die erste sprachliche Einheit (ein Wort, eine Phrase, ein Satz) durch Buchstaben ersetzt, die Vp kann den Textteil lesen. Drückt die Vp wieder die Taste, verschwindet diese Texteinheit und die nächste erscheint auf dem Monitor. So wird der Text Einheit für Einheit dargeboten und die Verarbeitungszeit zwischen den Knopfdruckreaktionen für jede Einheit wird erfasst (Just, Carpenter & Woolley, 1982).

Zur Validität lässt sich anmerken: Der Verarbeitungsaufwand wird erfasst, aber es kann nur vermutet werden, auf welche Prozesse er zurückzuführen ist und was die Person verstanden hat. Zudem ist die Lesesituation sehr unnatürlich.

Reaktionszeiten: PrimingPriming

Auch kognitive Prozesse benötigen Zeit, wenn auch nur im Bereich von Millisekunden. Reaktionszeiten sagen etwas aus über den Aufwand, der für eine Verstehensaufgabe notwendig ist.

Ein weitgehend vergessener Pionier der kognitiven Psychologie ist der Niederländer Frans Cornelis Donders, eigentlich Mediziner und Augenarzt, der bereits 1868 Experimente zur mentalen Chronometrie durchführte. Ihn beschäftigte die Frage, ob und wie man die Dauer psychischer Prozesse messen könnte: „Sollte nun auch der Gedanke nicht die unendliche Schnelligkeit haben, die man ihm zuzuschreiben pflegt, und sollte es möglich sein, die Zeit zu bestimmen, die zur Bildung einer Vorstellung oder einer Willensbestimmung gefordert wird?“ (Donders, 1868, S. 4) Er ging davon aus, dass komplexe Prozesse mehr Zeit brauchen als einfache Prozesse. Er entwickelte die Subtraktionsmethode, bei der die Zeit zwischen einem Reiz und einer Reaktion bei zwei Aufgaben gemessen und verglichen wird, die einander bis auf einen vermuteten Teilprozess vollkommen gleichen. Die Differenz zwischen den durchschnittlichen Reaktionszeiten wird als Zeitbedarf des Teilprozesses interpretiert.

Eine chronometrische Methode ist für die Sprachverarbeitung ungemein wichtig: das PrimingPriming (to prime = vorbereiten, grundieren). Dabei wird die Reaktionszeit auf einen Zielreiz (Target) gemessen, dem ein Vorreiz (Prime) vorangeht. Der Prime beeinflusst die Reaktionszeit, sie wird schneller (facilitation) oder langsamer (inhibition). Mit Priming-Experimenten können Hypothesen zur Bahnung und Hemmung in konzeptuellen Netzenkonzeptuelles Netz überprüft werden. Unser Beispiel betrifft das Wortverstehen (zusammenfassend Neely, 1991).

Als Aufgabe wird eine lexikalische Entscheidung verlangt: Ist ein dargebotenes Wort ein Wort der deutschen Sprache, ja oder nein? Vor dem Zielwort (target), auf das die Vp reagieren soll, wird ein Vorreiz (Prime) gezeigt. Z.B. wird einer Gruppe von Vpn im ersten Durchgang „Brot“ als Prime vorgegeben, danach soll „Arzt“ als Zielwort (target) beurteilt werden, die Reaktionszeit wird in Millisekunden gemessen. Einer zweiten Gruppe von Vpn wird „krank“ als Prime gegeben, bei ihr ist die Reaktionszeit auf „Arzt“ deutlich kürzer. Die Zeitdifferenz zwischen den beiden Gruppen ist der PrimingPriming-Effekt, der umso größer ist, je enger die Beziehung zwischen Prime und Target ist. Die Erklärung: Unser Wissen ist in Netzwerken von Konzepten gespeichert, zwischen denen mehr oder weniger stark gebahnte Relationen bestehen. Jedes gehörte oder gelesene Wort erzeugt eine Aktivationsausbreitung, zwischen „krank“ und „Arzt“ besteht eine stärkere Verbindung als zwischen „Brot“ und „Arzt“, deshalb wird die Reaktion darauf erleichtert bzw. erfordert geringere Ressourcen.

Man spricht auch von einem semantischen Anwärmeffekt. Derartige Priming-EPrimingffekte sind sogar messbar, wenn ein vorgeschalteter Kontext so kurz dargeboten wird (40 Millisekunden), dass er von den Vpn nicht bewusst erkannt wird (Fischler & Goodman, 1978). Es gibt zahlreiche bewährte Varianten des Priming. Man kann nicht nur Wörter, sondern auch Satzteile und ganze Sätze voraktivieren. Priming-Experimente verlangen den Einsatz von Computern, um präzise Reaktionzeiten im Bereich von Millisekunden zu messen. Die Validität der Methode ist überzeugend, um Assoziationen im Gedächtnis aufzudecken.

EyeEye Tracking TrackingBlickbewegung (Eye Tracking)

Beim Lesen gleitet der Blick nicht kontinuierlich über die Zeilen, sondern bewegt sich mit Sakkaden (Sprüngen) und Fixationen vorwärts und manchmal auch wieder zurück (Regressionen). Nur während der Fixationen werden Wörter verarbeitet (ausführlicher Kap. 6.1). Die Fixationen und Sakkaden beim Lesen lassen sich mit Eye-Trackern genau registrieren (Bartl-Pokorny et al., 2013). Die Vp sitzt einem Monitor gegenüber, auf dem der Text präsentiert wird. Da beim Lesen die visuelle Aufmerksamkeit auf ein enges Areal auf einer Zeile fokussiert und eine sehr genaue zeitliche Auflösung notwendig ist, wird der Kopf durch eine Kinn- oder Stirnstütze stabilisiert. Um die Augenbewegungen zu erfassen, wird ein nicht sichtbarer Infrarot-Lichtstrahl über einen Spiegel auf das Auge der Vp gerichtet, seine Reflexion durch die Hornhaut wird von einer Kamera erfasst. Ein Computer mit entsprechender Software berechnet das Fixationsmuster, es wird als Scan Path visualisiert, bei dem die Sakkaden als Linien und die Fixationen als Kreise dargestellt werden. Für jede Vp muss der Tracker individuell kalibriert werden. Das sieht nicht wie eine natürliche Lesesituation aus, inzwischen gibt es auch Tracker ohne Stabilisierung des Kopfes, die Vp trägt nur eine Spezialbrille.

Bei einer typischen Blickbewegungsstudie wird z.B. ein Satz mit einer kritischen Region vorgegeben, z.B. mit einem Pronomen, das zum Verstehen aufgelöst werden muss.


(2) Einstein hat mit Freud korrespondiert, persönlich hat er ihn 1926 in Berlin getroffen.

Es kann nun überprüft werden, ob die Pronomen „er“ und „ihn“ länger fixiert werden und eventuell eine Regression in den Vorsatz erfolgt. Es liegen auch Studien zu den BlickbewegungenBlickbewegung (Eye Tracking) bei langen expositorischen Texten vor (Hyönä, Lorch & Kaakinen, 2002). Sie zeigen verschiedene Lesetaktiken, die zu unterschiedlichen Verstehensleistungen führten.

Die Fixationsmuster lassen valide Schlüsse auf den Verarbeitungsaufwand zu. Was aber während einer Fixation verarbeitet wird, bleibt unklar, es sind sicher nicht nur Prozesse des Worterkennens, sondern auch syntaktische Prozesse.

Neuropsychologische Techniken

Mit diesen Methoden werden Gehirnaktivitäten bei bestimmten Verstehensaufgaben sichtbar gemacht, also neurophysiologische Korrelate für Verarbeitungsprozesse (ausführlich Jäncke, 2017; Müller, 2013).

Ereigniskorrelierte Potenzialeereigniskorrelierte Potentiale (Event Related Potentials = ERP). Viele Elektroden werden auf der Kopfhaut befestigt, meist in einer Art Badekappe. Dann werden einer Gruppe von Vpn bestimmte sprachliche Reize vorgegeben, eine Kontrollgruppe bekommt diese Reize nicht präsentiert. So lässt sich ableiten, wo im Gehirn wann eine Veränderung des Wellenmusters auftritt. Die Methode hat eine gute zeitliche, aber eine schlechte räumliche Auflösung, denn die Messung erfasst nur sehr grobe summierte Potenziale und erlaubt keine genaue tiefere Lokalisierung im Gehirn.

Als Erste haben Kutas & Hillyard (1980) die Methode beim Sprachverstehen benutzt. Sie boten ihren Probanden Sätze, die eine semantische Inkongruenz enthielten, d.h. ein Wort, das nicht in den Kontext passt:


(3.1) He took a sip from the transmitter.
(3.2) Nach dem Regen scheint wieder die Suppe.

Der Satz wurde Wort für Wort, jeweils 100 Millisekunden auf einem Monitor präsentiert. Dabei wurde durchschnittlich um 400 Millisekunden nach dem kritischen Wort im parieto-temporalen Areal eine negative Amplitude abgeleitet, die N400 getauft wurde. In Folgeuntersuchungen wurde bestätigt, dass N400 eine Reaktion auf eine semantische Inkongruenz ist. Bei einer syntaktischen Verletzung taucht ein anderes Muster P600 auf. Auch eine Verletzung referentieller Bezüge führt zu bestimmten Mustern im posterioren Bereich (Hemforth, 2006). Aber was bedeutet z.B. N400 genau? 200 Millisekunden nach dem kritischen Wort ist das Satzverstehen bereits abgeschlossen, N400 zeigt also offenbar nachträgliche Verarbeitungsprozesse an (Müller, 2013).

Bildgebende Verfahren. Validere Daten liefern bildgebende Verfahrenbildgebende Verfahren, bei denen die Areale eingefärbt sichtbar gemacht werden, die bei Prozessen des Verstehens aktiviert sind. Bei der Positronenemissionstomografie (PET) werden der Vp radioaktiv markierte Substanzen injiziert, die sich in aktiven Zellen nachweisen lassen. Bei der Funktionellen Kernspintomografie (fMRT oder fMRI) werden nicht radioaktive Strahlungen, sondern magnetische Felder erfasst (ausführlich Jäncke, 2017). Auch die Magnetoencephalografie (MEG) erfasst magnetische Felder. Mit diesen Methoden können kleine Zellbereiche unterhalb von 1-4 mm3 (räumliche Auflösung) und Prozesse im Bereich von 100 msec (zeitliche Auflösung) untersucht werden.

In einer fMRI-Untersuchung lasen oder hörten Vpn vorstellungsaffine Sätze, in denen mentale Rotationen beschrieben wurden (Just et al. 2004):


(4) The number eight when rotated 90 degree looks like a pair odspectacles.

Die Vpn sollten entscheiden, ob die Sätze wahr oder falsch sind. Mit fMRI-Daten und deren VisualisierungenVisualisierung war nachzuweisen, dass beim Hören wie beim Lesen Areale des linken Scheitelhauptlappens aktiviert wurden, in denen visuelle Vorstellungenvisuelle Vorstellung, speziell mentale Rotationen generiert werden.

Diese neuropsychologischen Methoden sind vielversprechend, aber drei Nachteile sind nicht zu übersehen: 1. Sie erfordern einen erheblichen apparativen Aufwand. 2. Die Bedingungen, unter denen gemessen wird, sind für die Probanden nicht unbedingt angenehm und weichen weit von natürlichen Situationen ab. 3. Die Interpretation der Daten ist schwierig, denn gemessen wird nur, wo etwas geschieht, aber nicht was dort genau geschieht, das ist eine Einschränkung der Validität.

Simulative Methoden

Bei simulativen Methodensimulative Methode wird eine Teilfähigkeit der Sprachkompetenz mit Hilfe eines Computers nachgeahmt. Dazu schreiben Computerlinguisten Programme (Algorithmen), mit denen ein Computer ein vorgegebenes sprachliches Problem lösen kann, z.B. Subjekt und Objekt eines Satzes finden oder eine Antwort auf eine Frage geben. Die ursprüngliche Idee dahinter: Die einzelnen Schritte des Programms entsprechen den mentalen Prozessen, die beim Lösen des Problems im Gehirn ablaufen.

Aber diese Annahme wird inzwischen bezweifelt. Kein Sprachwissenschaftler geht heute davon aus, dass ein digitaler Computer ebenso funktioniert wie unser Gehirn. Wenn ein Computer einen deutschen Satz korrekt ins Englische übersetzt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er es mit denselben Prozessen und Strukturen wie eine Übersetzerin tut. Trotzdem sind die Bemühungen, sprachverstehende und sprachproduzierende Systeme zu entwickeln, für die Sprachwissenschaft interessant. Denn der Programmieraufwand, der getrieben werden muss, um z.B. eine Anapher aufzulösen, zeigt die Schwierigkeiten auf, mit denen auch unser Gehirn beim Verstehen konfrontiert ist.

Nehmen wir an, wir konfrontieren einen sprachverarbeitenden Computer mit folgendem Satz (Hilpert, 2013):


(5) Britta nahm die Zeitung von der Tischdecke und faltete sie zusammen.

Auf was wird der Computer das Pronomen „sie“ beziehen? Auf die Tischdecke oder die Zeitung, denn beide kann man falten. Die Zuordnung des Pronomens ist nur möglich, wenn das Computerprogramm den Kontext analysiert: Ging es thematisch um die morgentliche Zeitungslektüre von Britta, dann ist die Zeitung der wahrscheinlichere Kandidat. Zum „Verstehen“ muss also ein Kontextbereich ausgewertet werden.

Computer verstehen zwar Sprache nicht wie wir Menschen, aber sie können sprachlichen Input verarbeiten, z.B. wenn Siri oder Alexa uns eine Auskunft auf eine Frage geben oder auf einen Sprachbefehl die gewünschte Musik abspielen (Kremer, 2013). Weitere Anwendungen sind die Sprachsteuerung von Geräten (Navi, Smartphone), das Vorlesen von Texten für sehbehinderte Menschen, das Diktieren von Texten, die maschinelle Übersetzung und Auskunftssysteme.

Ist schon die Wort- und Satzverarbeitung schwierig zu simulieren, bleibt die Textverarbeitung eine bisher kaum lösbare Aufgabe (Jacobs, 2003). Trotzdem ruhen auf simulativen Methodensimulative Methode viele Hoffnungen, dass sie zusammen mit den traditionellen und neuen neuropsychologischen Methoden dazu beitragen, Licht in das Dunkel des verstehenden Gehirns zu bringen.

In Kooperation der Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie des Deutschen Literaturarchivs (DLA) Marbach und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen (IWM) wird ein Projekt „Understanding Understanding“ gestartet. Es soll geisteswissenschaftliche und computerlinguistische Ansätze zusammenführen.

5.2 Indikatoren des VerständnissesIndikatorenVerständnis

Das Verständnis ist das Produkt des Verstehens und kann nach dem Verstehen über Leistungen erfasst werden, die ein Verständnis des Textes voraussetzen. Dabei bleibt ein Schluss von einer Leistung auf die dahinterliegenden Prozesse und Strukturen allerdings immer gewagt, also auch hier muss die jeweilige Validität hinterfragt werden.

FragenFrage beantworten

Die Beantwortung von offenen FragenFrage nach der Textlektüre ist die älteste Methode zur Erfassung des Verstehens, die bis heute in pädagogischen Situationen (mündliche Prüfungen, Tests) verbreitet ist (Anderson, 1972; Graesser & Black, 2017). Es gibt verschiedene Typen von Fragen, die ganz unterschiedliche Anforderungen an den Adressaten stellen:

Wissensfragen sind durch den direkten Abruf von Wissen im semantischen LangzeitgedächtnisGedächtnisLangzeit- zu beantworten: Bezeichnungen, Definitionen, Daten, Fakten. Die richtige Beantwortung einfacher Faktenfragen sagt aber wenig über das Verstehen aus, das geht auch über schlichtes Behalten.

Verständnisfragen sind anspruchsvoller, denn sie erfordern Inferenzen, Kombinationen, Verallgemeinerungen über den Text hinaus. Dass Verständnisfragen Verstehen erfassen, ist unstrittig, allerdings ist es schwierig, den jeweiligen Aufwand einzuschätzen, den ihre Beantwortung erfordert.

Anwendungsfragen sind am anspruchsvollsten, denn sie verlangen die Übertragung des Gelernten in neue Bereiche.

Auf offene FragenFrage kann die Person frei antworten, die verbalen Daten sind aber nicht einfach auszuwerten, dazu sind AuswahlfragenAuswahlfrage (Multiple Choice [MC]) besser geeignet.

AuswahlfragenMultiple ChoiceAuswahlfrage (Multiple Choice [MC]), Multiple Choice (MC)

MC-Fragen zu einem Text geben Antwortmöglichkeiten vor, von denen die zutreffenden angekreuzt werden müssen. In der Pädagogik gelten sie als wenig geeignet zur Überprüfung von Verstehen, da man auch mit Raten einen guten Wert erreichen kann. MC-Aufgaben können aber durchaus valide sein, wenn die falschen Antworten (sogenannte Distraktoren) sorgfältig konstruiert werden. Zudem gibt es Varianten, bei denen man mit Raten nicht weit kommt, z.B. beim Aufgabentyp „n aus 5“. Dabei werden fünf Antworten vorgegeben, von denen eine, zwei oder drei zutreffend sein können (Friedrich, Klemt & Schubring, 1980). Derartig komplexe MC-Aufgaben haben sich im Testwesen durchaus bewährt. Testen Sie Ihr Wissen aus dem vorangegangenen Kapitel:

Welche Aussage/Aussagen über die MaximenMaximen von Grice sind zutreffend (ein, zwei oder drei Ankreuzungen sind möglich):

☐ 1. Die Maxime der Aufrichtigkeit fordert die Wahrheit der Aussagen.

☐ 2. Die Maxime der Relation wird auch Maxime der Relevanz genannt.

☐ 3. Konversationelle Implikationen sind die Ursache von Missverständnissen.

☐ 4. Das Kooperationsprinzip setzt rationale Kommunikationspartner voraus.

☐ 5. Verständlichkeit wird in der Maxime der Qualität gefordert.1

Inhalte behalten

In der kognitionspsychologischen Gedächtnisforschung werden verschiedene Maße des Behaltens verwendet. Sie sind einfach zu erheben, aber als Indikatoren des Textverstehens nicht unproblematisch.

Freies Wiedergeben (Free ReRecallcallWiedergabe (Recall)). Nach der Lektüre wird eine Reproduktion des Inhalts bzw. eine Paraphrasierung verlangt.2 Diese verbalen Daten haben nur eine begrenzte Validität, denn ein Verständnis wird nicht unbedingt erfasst. Wie schon die Alltagserfahrung zeigt, gibt es Inhalte, die wir beim Lesen verstehen und doch wieder vergessen und es gibt Inhalte, die wir nicht verstehen, die aber haften bleiben.

Gelenktes Wiedergeben (Cued RecallWiedergabe (Recall)). Es wird eine Hilfestellung zum Abruf gegeben, z.B. ein Stichwort, das dem Gedächtnis Aussagen entlocken soll.3 Dieses Maß hat noch weniger mit dem Verstehen zu tun, denn auch unverstandene Aussagen können mit geeigneten Cues rekonstruiert werden. Zudem ist es nur für kurze Texte geeignet. Bei längeren Texten kann ein formales Raster vorgegeben werden, das von der Vp ausgefüllt werden muss, um die Erinnerung an den Text voll auszuschöpfen: Hauptaussagen, Beispiele, Anwendungen, Vertreter usw. (Christmann, 1989).

WiedererkennenWiedererkennen (Recognition) (RecognitionRecognition). Ein Wort oder Satz wird vorgelegt und die Vp muss entscheiden, ob sie im Ausgangstext vorkamen. Auch dieses Maß ist ein schlechter Indikator des Verstehens, denn Wiedererkennen kann man auch ohne jedes Verständnis.

Jan Kercher (2013) schließt die Maße des Behaltens aus seiner Liste von Verstehensindikatoren aus, da sie weniger das Verstehen, sondern das Lernen betreffen. Dies ist allerdings radikal, denn auch wenn Behalten nicht gleich Verstehen ist, sind beide doch nicht völlig unabhängig voneinander: Was man versteht, integriert man in seine Wissensstrukturen und kann es wahrscheinlich auch besser abrufen. Verstehen ist zwar keine notwendige, aber sicher eine förderliche Bedingung für das Behalten (Schwarz, 1981). Ein zweites kritisches Argument in Hinblick auf die Validität: Es bleibt unklar, welche Verstehensprozesse mit dem Behalten erfasst werden: Prozesse zum Zeitpunkt der Verarbeitung oder Prozesse zum Zeitpunkt der Wiedergabe oder beides (Rickheit, Sichelschmidt & Strohner, 2002).

Zusammenfassen

Hier wird das Behalten des Wesentlichen aus einem Text verlangt. Die Konstruktion einer ZusammenfassungZusammenfassung ist eine anspruchsvollere Aufgabe als das bloße Wiedergeben. Wer die Inhalte eines Textes prägnant und kohärent zusammenfasst, der muss ihn wohl verstanden haben. Die reduktive Verarbeitung mittels spezieller Inferenzen ist recht gut erforscht (Ballstaedt, 2006).

Schnotz, Ballstaedt & Mandl (1981) legten Vpn einen schwierigen soziologischen Text mit der Instruktion vor, zunächst eine mündliche ZusammenfassungZusammenfassung der wichtigsten Inhalte zu erstellen. Später wurde unerwartet eine freie WiedergabeWiedergabe (Recall) des Textes verlangt. Ausgangstext, Zusammenfassung und Wiedergabe wurden in Bedeutungseinheiten zerlegt und inhaltlich miteinander verglichen. So konnten zahlreiche Verarbeitungsprozesse wie Tilgungen, Elaborationen, Verallgemeinerungen, Bündelungen nachgewiesen werden, die den Ausgangstext in eine Zusammenfassung überführen.

Die Validität der Methode ist gut, allerdings fallen keine zwei ZusammenfassungenZusammenfassung eines Textes gleich aus, denn was als wesentlich angesehen wird, hängt auch von den Intentionen und Interessen der Lesenden ab.

Textlücken ausfüllen

Der LückentestLückentest (Cloze Procedure) (Cloze Procedure) ist besonders in der amerikanischen Instruktionspsychologie beliebt, da er einfach durchzuführen ist und harte reliable Daten liefert. Nach der Lektüre eines längeren Textes (min. 250 Wörter) wird dieser noch einmal vorgelegt, dabei ist ursprünglich jedes fünfte Wort gestrichen und muss von der Vp ergänzt werden. Alle Lücken sind gleich groß und in der strengen Variante wird nur genau dasselbe Wort des Ausgangstexts als korrekt akzeptiert.

Die Kritik an der Validität des Verfahrens liegt auf der Hand: Es misst weniger das Verstehen, sondern eher den Redundanzgrad eines Textes (Heringer, 1979). Die Validität des Verfahrens kann aber durch die Art der Auslassungen gesteigert werden (Christmann, 2009). Es sollten nur Inhaltswörter sein, die möglichst auch noch zentrale Konzepte betreffen. Auch das Auslassen von kausalen, temporalen, adversativen und anderen Konjunktionen ist ein brauchbarer Indikator für Verstehen.

StrukturlegenStrukturlegen, Wissensdiagnose

Die Veränderung von Wissensstrukturen beim Verstehen kann über Karten externalisiert werden. Ein Verfahren dazu ist die Heidelberger Struktur-Lege-Technik, sie wurde als standardisierte Methode zur Erfassung subjektiver Theorien entwickelt (Scheele & Groeben, 1984). Dabei müssen sich die Vpn zuerst in einem Übungsteil mit einem Satz vorgegebener Relationen zwischen Konzepten vertraut machen, z.B. Überordnung, Inklusion, Attribut, positive, negative und wechselseitige Abhängigkeit usw. Danach beschriften sie Karten mit ihnen bekannten Konzepten aus einer Wissensdomäne und basteln daraus mittels der Relationen ihre Wissensstruktur.

Ballstaedt & Mandl (1991) haben die Methode zur Erfassung von Wissen vor und nach der Lektüre eines Textes eingesetzt. Die Vpn externalisierten zuerst ihr Wissen über Vulkane, indem sie Kärtchen mit Begriffen beschrifteten und mit einem Satz vorgegebener Relationen zu einer kohärenten Struktur verknüpften. Danach lasen sie einen wissenschaftlichen Text über Vulkanismus und bekamen die Möglichkeit, ihre Struktur zu verändern. Auf diese Weise konnten Prozesse der Anreicherung, Ausdifferenzierung, Umstrukturierung (accretion, tuning, restructuring nach Rumelhart & Norman, 1976) sichtbar gemacht werden.

Bei der Keyword Sorting Task werden den Adressaten nach der Lektüre textrelevante Wörter auf Kärtchen angeboten, die sie in eine Struktur bringen müssen. Gemessen wird die Übereinstimmung dieser Struktur mit der semantischen Struktur des Textes (McNamara & Kintsch, 1996).

Die Validität dieser Verfahren ist nur zufriedenstellend, wenn sich die Vpn wirklich Mühe geben, ihr Wissen auf den Tisch zu legen.

UsabilityUsability-Testing

Handlungsorientierte Texte wie z.B. BedienungsanleitungenBedienungsanleitung oder Kochrezepte werden mit der Intention gelesen, anschließend etwas zu können, sie sollen Anschlusshandlungen vorbereiten. Nach dem Diktum „Der Leser liest, um zu X-en“ hat Christoph Sauer (1995) die Anwendbarkeit oder „Intentionsadäquatheit“ als einen Indikator der TextverständlichkeitVerständlichkeitText- eingeführt (Prestin, 2001). Hier ist der Indikator der korrekten Umsetzung der Anleitungen in Handlungen überaus valide: Wer aufgrund einer Bedienungsanleitung ein Gerät benutzen kann, der hat den Text verstanden. Bei UsabilityUsability-Tests bekommt der Benutzer den Text und eine Aufgabe, die er mit der Lektüre lösen soll, z.B. mit einer Montageanleitung ein Bett zusammenbauen. Bei der Umsetzung werden die Dauer einzelner Handlungsschritte, Fehler bei der Umsetzung und die verbalen und paraverbalen Reaktionen registriert und ausgewertet.

Methodenmix

Diese breite Palette an empirischen Möglichkeiten, um an Verstehen und Verständnis heranzukommen, könnte noch durch weitere Verfahren und Varianten ergänzt werden. Von der quantitativen Messung von Millisekunden bis zur qualitativen Analyse von verbalen Daten sind sehr verschiedene methodische Zugänge zum Verstehen beschritten worden. Damit erfüllt die Forschung zwei Forderungen an die Empirie (Hussy, Schreier & Echterhoff, 2013): 1. Sich einem Forschungsgegenstand aus verschiedenen Perspektiven anzunähern und dabei 2. unterschiedliche, quantitative wie qualitative Methoden einzusetzen. Bei einem Methodenmix können sich Daten ergänzen und Befunde wechselseitig validieren. Das Fachwort: Datentriangulation.

Zusammenfassung

1. Die Prozesse des Verstehens und das daraus resultierende Verständnis sind nicht direkt beobachtbar, sondern nur über Indikatoren erschließbar, die ein Verstehen voraussetzen. Man unterscheidet Methoden, die Variablen während und nach dem Verstehen erheben.

2. Indikatoren des Verstehens werden online, also während des Lesens und Verstehens erhoben. Dazu gehören: Vorlesen, lautes Denken, Lese- und Reaktionszeiten, Blickbewegungen, neuropsychologische Aufzeichnungen und simulative Methoden.

3. Indikatoren des Verständnisses werden nach dem Verstehen eines Textes retrospektiv erfasst. Dazu gehören: Fragenbeantwortung, verschiedene Formen der Wiedergabe, Zusammenfassen, Textlücken ausfüllen, Strukturlegen, Usability-Tests.

4. Jeder Indikator erfasst nur einen Aspekt des Verstehens, die Validität einzelner Methoden ist zudem problematisch. Viele der erhobenen Indikatoren sind schwer interpretierbar, da ein Befund sowohl auf die Formulierungen des Textes als auch auf Voraussetzungen des Adressaten bezogen werden kann. Aber unterschiedliche Methoden erlauben, das Verstehen sozusagen einzukreisen. Bei einem Mix aus verschiedenen Methoden ergänzen und bestätigen sich die Befunde.

6 Prozesse des Textverstehens

Nachdem wir Verständigung als eine kooperative Unternehmung innerhalb einer kommunikativen Situation dargestellt haben, werfen wir jetzt einen Blick in den Kopf der Adressaten und beschreiben die Prozesse des Verstehens beim Lesen. Verstehen ist die anspruchsvollste kognitive Tätigkeit des Menschen, die von der Wahrnehmung über Erinnern bis zum Denken viele mentale Prozesse umfasst. McNamara & Magliano (2009, S. 298) nennen das Verstehen den „Backbone of cognition“, Walter Kintsch (1998) spricht im Untertitel eines Buches von einem „Paradigm for cognition“. Die Frage, wie ein Lesender Wort- und Satzfolgen zu einem Verständnis integriert, ist noch immer nicht befriedigend beantwortet.

Das Verstehen von Texten hat zu einer Reihe von Modellen und Theorien geführt. Über allen dominiert das Construction-Integration-Modell von Kintsch (1998). Wichtige andere Ansätze sind: der systemische Ansatz (Strohner, 1990), das Structure-Building-Modell (Gernsbacher, 1997), das Resonanz-Modell (Myers O’Brien, 1998), das Event-Indexing-Modell (Zwaan, Langston & Graesser, 1995, 1998), das Causal-Network-Modell (Trabasso & Suh, 1993), das Constructionist-Modell (Millis & Graesser, 1994) und das Landscape-Modell (van den Broek & Helder, 2017). Bei einem Vergleich der Ansätze kann man feststellen, dass sie sich nicht ausschließen, sondern verschiedene Aspekte des Verstehens fokussieren (McNamara & Magliano, 2009).

Das Leseverstehen verläuft kontinuierlich von Wort zu Wort und von Satz zu Satz, wobei Teilprozesse auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig ablaufen. Wir starten mit der Schriftgestaltung, die das Lesen und Verstehen behindern oder erleichtern kann, es geht um die subsemantischen Prozesse bis zum Worterkennen (6.1). Das eigentliche Verstehen beginnt mit Erkennen von Wörtern, die eine konzeptuelle Struktur im Gedächtnis aufrufen (6.2). Ein Satz verknüpft eine Abfolge von Wörtern über syntaktische Mittel zur einer einfachen Bedeutungsstruktur (6.3). Diese Struktur wird Satz für Satz weiter ausgebaut (6.4). Beim Verstehen werden zahlreiche Inferenzen über Text und Vorwissen ausgelöst, die Textteile miteinander und mit dem Vorwissen verbinden (6.5). Schließlich endet das Verstehen in der Konstruktion einer mentalen Repräsentation des Textes: dem jeweiligen Verständnis (6.6). Zeitliche und kapazitative Beschränkungen des Arbeitsgedächtnisses beeinflussen das Verstehen, denn mentale Ressourcen stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung (6.7).

6.1 Subsemantische Verarbeitung

Verstehen beginnt mit dem Erkennen von Wörtern bzw. der Aktivierung von Konzepten, für die sie stehen. Um Wörter wahrzunehmen, müssen beim Lesen Buchstaben und Buchstabengruppen erkannt werden. Aber was hat die Wahrnehmung der Schrift mit dem Verstehen zu tun?

Die Alltagserfahrung zeigt, dass Lesen mühsam sein kann, z.B. bei Handschriften oder beim Kleingedruckten. Die LeserlichkeitLeserlichkeit (Legebility) (= legebility) eines Textes wird nur als Vorstufe zur Verständlichkeit betrachtet, da sie zum Verstehen wenig beiträgt (Groeben, 1982). Aber unter dem Aspekt der Ressourcenschonung bildet eine schlechte Leserlichkeit eine indirekte Erschwernis für das Verstehen, weil mehr Ressourcen zum Erkennen der Wörter eingesetzt werden müssen: „Ein Text ist gut lesbar, wenn der Leser nicht merkt, dass er liest. Ein Text ist dann schlecht lesbar, wenn – dem Leser unbewusst – ein noch so geringer Teil der Aufmerksamkeit von der Erfassung und gedanklichen Bearbeitung des Inhalts abgelenkt und der Entzifferung zugewandt werden muss“ (Willberg & Forssman, 1997, S. 98).Leserlichkeit (Legebility)1

Die Arbeit der Augen

Die visuelle Verarbeitung beim Lesen ist sehr gut untersucht und es gibt hervorragende Zusammenfassungen der Forschung (Just & Carpenter, 1987; Wolf, 2010; Dehaene, 2010; Rayner et al., 2012). Wir fokussieren auf einige verstehensrelevante Aspekte.

BlickbewegungenBlickbewegung (Eye Tracking). Die Aufzeichnung von Blickbewegungen beim Lesen haben wir bereits als wichtige Methode kennengelernt (Kap. 5.1). Lesen verläuft nicht kontinuierlich, sondern in einer Abfolge von Fixationen und Blicksprüngen (Staub & Rayner, 2007).

 Die Blicksprünge oder Sakkaden dauern im Schnitt 20 bis 40 Millisekunden. Bei ungeübten Lesenden, schwer leserlichen oder schwierigen Texten kommen vermehrt Rücksprünge (= Regressionen) vor. Pro Sekunde finden etwa 4 bis 5 Fixationen statt.

 Die Fixationen dauern durchschnittlich 200 bis 250 Millisekunden, allerdings mit Schwankungen von 100 bis 1000 Millisekunden.

Nur während der Fixationen werden Informationen verarbeitet, d.h. Buchstaben und Wörter erkannt, während der Sprünge ist die Wahrnehmung verwischt (McConkie & Rayner, 1975). Bei geübten Lesenden beträgt die Lesegeschwindigkeit etwa 400 Wörter pro Minute. Bietet man die Wörter eines Textes auf einem Bildschirm einzeln und nacheinander dar, kann die Lesegeschwindigkeit auf 1600 Wörter pro Minute gesteigert werden. Die Trägheit der BlickbewegungenBlickbewegung (Eye Tracking) begrenzt also die Lesegeschwindigkeit: Die Wahrnehmung ist träger als das Verstehen!

Das Muster der BlickbewegungenBlickbewegung (Eye Tracking) verrät etwas über den Verarbeitungsaufwand beim Lesen. Rückschlüsse aus Blickbewegungsdaten auf mentale Prozesse sind unter zwei Annahmen möglich (Just & Carpenter, 1980):

 Immediacy assumption: Mit dem Fixieren und Erkennen eines Wortes werden unmittelbar Verarbeitungsprozesse auf allen Ebenen – lexikalisch, syntaktisch, inferenziell – ausgelöst.

 Eye-mind assumption: Die Betrachtungsdauer eines Wortes ist ein valides Maß für den investierten Verarbeitungsaufwand.

Unter diesen Annahmen liefern Fixationen und Sakkaden Hinweise auf Verstehen und Verständlichkeit.

 83 Prozent der Inhaltswörter (Substantive, Verben, Adjektive) werden fixiert, aber nur 38 Prozent der Funktionswörter. Die Anzahl der Fixationen, z.B. in einem Satz, ist ein Indikator für schwierige Texte bzw. intensive Verarbeitungsprozesse.

 Die Fixationsdauer beträgt für ein Wort im Durchschnitt 250 Millisekunden, unterliegt aber großen Schwankungen (zwischen 100 Millisekunden bis 1000 Millisekunden): Lange, ungeläufige und mehrdeutige Wörter werden länger fixiert. Verben werden länger fixiert als Nomen. Lange Fixationen am Ende einer syntaktischen Einheit, z.B. eines Satzes weisen auf abschließende Prozesse des Satzverstehens hin. Lesende fixieren Wörter, die ein Thema einführen, und Wörter am Satzende länger (sentence wrap-up process).

 Regressionen. Anzahl und Dauer von Rücksprüngen sind Indikatoren für Verstehensprobleme, die entweder durch den Text oder durch den Lesenden verursacht sein können.

Allerdings: Was genau im Gehirn abläuft, wenn z.B. ein Wort länger fixiert wird, das bleibt unklar und müsste mit Methoden wie lautes Denkenlautes Denken oder neuropsychologischen Aufzeichnungen ergänzt werden.

WahrnehmungsspanneWahrnehmungsspanne. Darunter versteht man das Feld, das während einer Fixation in die Fovea centralis, die kleine Stelle des schärfsten Sehens auf der Retina fällt. Nur dort reicht die Auflösung aus, um grafische Details zu erkennen. Die Wahrnehmungsspanne ist oval und asymmetrisch, sie umfasst links vom Fixationspunkt 3 bis 4, rechts 9 bis 12, also insgesamt etwa 15 Buchstaben (Bild 5). Die Asymmetrie hängt mit der Leserichtung zusammen, sie wird mit dem Lesenlernen eingeübt.

Je nach Schriftgröße sowie Buchstabenbreite und –abstand fallen mehr oder weniger Buchstaben in die WahrnehmungsspanneWahrnehmungsspanne bzw. können mehr oder weniger Wörter erkannt werden. In der Sekunde haben wir durchschnittlich vier bis fünf Fixationen und erkennen etwa vier bis fünf Wörter. Damit stellt die Wahrnehmungsspanne eine Beschränkung des Lesens dar. Während der Fixation wird in der unscharfen Peripherie außerhalb der Wahrnehmungsspanne der nächste Fixationspunkt bestimmt, auf den die Augen dann springen. Anhaltspunkte sind Großbuchstaben, Wortzwischenräume und Wortlängen. Die deutsche Schriftsprache, bei der die Substantive großgeschrieben werden, hat hier einen kleinen Vorteil: Der oder die Lesende kann in der Peripherie zwischen Substantiven und anderen Wortarten unterscheiden (Bock, 1989).

Bild 5:

Das Oval umfasst die Wahrnehmungsspanne um einen Fixationspunkt, der Bereich fällt auf die Fovea, die Stelle des schärfsten Sehens auf der Retina. Oben ist die Abfolge der Fixationen angetragen. Lesen besteht aus einer Abfolge von ovalen Schnappschüssen.

Erkennen von Buchstaben

Die Buchstaben innerhalb der WahrnehmungsspanneWahrnehmungsspanne werden nicht nacheinander gelesen (also buchstabiert), sondern stehen durch Parallelverarbeitung gleichzeitig zur Verfügung. Wörter setzen sich aus Buchstaben zusammen, die bei verschiedenen Schrifttypen grafisch unterschiedlich gestaltet sind. Wenn man die Buchstaben leicht unterscheiden kann, dann sollte auch das Erkennen von Wörtern einfacher sein.

DiskriminierbarkeitDiskriminierbarkeit. Die Buchstaben aller Schriftsysteme setzen sich aus einer Anzahl einfacher grafischer Elemente zusammen: horizontale, vertikale und schräge Striche, Dreiecke, Quadrate, Kreise und Halbkreise, verschiedene Winkel. Das Gehirn erkennt Buchstaben an diesen Merkmalen. Eine Studie mit teilweise verdeckten Klein- und Großbuchstaben zeigt, dass nur wenige grafische Merkmale wie Strichenden oder horizontale Linien ausreichen (Fiset et al., 2008). Oft ist zur korrekten Identifikation nur ein kritisches Merkmal notwendig (Sanocki & Dyson, 2012): Ein F unterscheidet sich von einem E durch einen Strich, ein b von einem d durch eine Rundung. Dass die Buchstaben aller Schriften hochgradig redundant sind, zeigt der Abdecktest: Eine Schrift bleibt lesbar, wenn die untere Zeilenhälfte verdeckt wird! Wird die obere Zeilenhälfte verdeckt, ist das Lesen massiv behindert.

Bild 6:

Der Abdecktest beweist: Die obere Hälfte einer Zeile ist informativer als die untere Hälfte.

Deutlich wird die Relevanz der unterscheidenden grafischen Merkmale bei kleinen Schriftgrößen oder schlechten Sehbedingungen, denn da werden Buchstaben leicht verwechselt, z.B. „c“ und „o“. Es gibt Schriften, die auf die Unterscheidbarkeit der Buchstaben aufgebaut sind (z.B. die „Syntax“ von Hans Eduard Meier). Die Auswirkung grafischer Merkmale auf die Buchstabenerkennung kann man untersuchen, indem man verschiedene Schwellenwerte ermittelt: die Dauer, die Distanz, die Helligkeit oder die Schärfe, bis ein Buchstabe erkannt wird.

WahrnehmungsinvarianzWahrnehmungsinvarianz. Beim Lesen vor allem von Hand-, aber auch von Druckschriften haben wir es mit sehr unterschiedlichen Formen, Größen und Positionen von Buchstaben zu tun.


Trotz der grafisch erheblichen Unterschiede wird immer ein A wahrgenommen. Sogar verzerrte und schräge Schriften bleiben lesbar. Diese Befunde zeigen, dass unser Gehirn beim Lesen mit einer großen Varianz an grafischen Formen problemlos umgehen kann. Wie diese WahrnehmungsinvarianzWahrnehmungsinvarianz zustande kommt, darüber existieren bisher nur Hypothesen (Dehaene, 2010, S. 34), aber die Invarianz legt den Schluss nahe, dass Subtilitäten der Schriftgestaltung gar keine so große Bedeutung zukommt, wie die Lesbarkeitsforschung und viele Typografie-Handbücher behaupten.

Leserliche Schrift

Eine leserliche Schrift sollte ein flüssiges Lesen ermöglichen, ohne unnötige Wahrnehmungsressourcen zu beanspruchen. Der Lesefluss kann durch die typografische Gestaltung behindert werden, gewöhnlich wird das über die Lesegeschwindigkeit gemessen. Wenn der gleiche Text in einer Schriftvariante A durchschnittlich längere LesezeitLesezeit beansprucht als in einer Variante B, dann ist die Schrift von A weniger leserlich. Das klingt zunächst plausibel, aber nicht nur typografische Variablentypografische Variablen beeinflussen das Lesen, sondern unzählige andere wie Motivation, Lesefähigkeit, Vorwissen, Beleuchtung, Ermüdung, Alter usw. Aus diesem Geflecht von Variablen die Wirkung einer Schrift herauszufischen, ist methodisch überaus schwierig.

Es gibt aber keinen Zweifel, dass einige typografische Variablentypografische Variablen die LeserlichkeitLeserlichkeit (Legebility) beeinflussen: Buchstaben- und Wortabstand, Zeilenabstand, Zeilenfall (Block- oder Flattersatz), Versalien, Serifen, Schriftgröße, Schriftstärke usw. (Gorbach, 1999; ausführlich Filek, 2013).

Zusatzmaterial 4: Text zur Wirkung typografischer Merkmale

Der experimentelle Ansatz, der die Wirkung verschiedener Schriften untersucht, aber die Interaktion mit anderen Variablen außer Acht lässt, hat einen Flickenteppich von Befunden hervorgebracht. Die Effekte aus der Laborforschung sind meist gering und oft widersprüchlich.

Ole Lund hat 28 Studien genauer unter die Lupe genommen und erhebliche methodische Mängel, vor allem eine mangelnde interne Validität festgestellt, d.h. die gefundenen Effekte können immer auch anders interpretiert werden, da Variablen miteinander konfundiert sind. Zu den methodischen Mängeln kommt oft eine falsche Rezeption der Befunde, manche wurden überinterpretiert und übergeneralisiert. Sein vernichtendes Fazit: „The thesis shows that traditional experimental egibility research has provided a non-productive approach to typographic knowledge production“ (Lund, 1999, S. 247). Verwunderlich ist das nicht: Eine Schriftart setzt sich aus zahlreichen typografischen Merkmalen zusammen, davon kann ein Merkmal die LeserlichkeitLeserlichkeit (Legebility) erhöhen, ein anderes sie herabsetzten, sie können sich wechselseitig verstärken, abschwächen oder kompensieren. „Das Prinzip dieser Studien, nur einen Faktor zu ändern und den Einfluss auf die Lesbarkeit zu prüfen, steht vor dem Problem, dass die Änderungen eines Faktors in der Typografie immer das Anpassen der anderen Faktoren nach sich zieht […]. Beispielsweise wird nur die Schriftart gewechselt, ohne im Anschluss Zeilenabstände, Schriftgrößen, Laufweite oder Zeilenbreite nachzukorrigieren, was die Ergebnisse schnell verfälscht“ (Filek, 2013, S. 88). Wenn man dann noch Beleuchtung, Lesedistanz, Kontraste usw. einbezieht, dann ergibt das ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für experimentelle Psychologen.

Ein überraschender, für wahrnehmungspsychologisch orientierte Typografieforschung geradezu schockierender Befund stammt aus der Disfluency-Forschung: Eine Reihe von Untersuchungen ergab, dass schwer leserliche Schrifttypen zu einer besseren Behaltensleistung führten, was auf eine intensivere Verarbeitung zurückgeführt wurde (Diemand-Yaumann et al., 2011). Die Befunde ließen sich aber nicht konsistent replizieren und sind vielleicht auch auf andere Variablen zurückführbar (Merkt, 2016).

Weiche typografische Variablentypografische Variablen

Typografen gehen aus professionellem Selbstverständnis davon aus, dass Schriften einen starken Einfluss auf das Lesen und das Verstehen haben. Dabei verstehen sie sich meist als Künstler, die eher auf ihre ästhetische Intuition als auf wissenschaftliche Erkenntnisse vertrauen. Einigkeit unter Typografen und Psychologen herrscht darin, dass es die leserliche Schrift nicht gibt, da immer zahlreiche Variablen interagieren. Nachdem aus der Forschung nur wenige und unsichere Richtlinien abzuleiten sind, wendet man sich derzeit „weichen“ Variablen der Schrift zu, die einen Einfluss auf das flüssige Lesen haben (Liebig, 2009).

Vertrautheit. Schriftarten, die in unserer Lesekultur in Büchern und Zeitschriften oft vorkommen, werden leserlicher bewertet als ungebräuchliche Schriften.

Als die serifenlosen Schriften eingeführt wurden, wurden sie „Groteske Schriften“ genannt, man war sie eben nicht gewohnt. Die Sütterlin-Schrift war einmal eine beliebte deutsche Volksschrift, kommt uns heute aber altmodisch vor und weckt nationalistische Assoziationen, obwohl die Nazis sie als „Judenschrift“ verboten haben.

Ästhetik. Die spontane ästhetische Anmutung, der Atmosphere-Value einer Schrift ist schwer fassbar. Jede Schrift hat einen besonderen Charakter, jede Zeit hat ihre Typografie. Typografen, Mediengestalter und Designer jonglieren gern mit ästhetischem Vokabular: Schriften werden mit Adjektiven wie würdig, edel, gediegen, kraftvoll, sachlich, verspielt, nüchtern, elegant, träge, zurückhaltend usw. beschrieben (Korthaus, 2014).

Congeniality. Wichtig ist eine Korrespondenz zwischen Inhalt und Schrift. Hier ist ebenfalls ein schwer fassbares „Feingefühl des Gestalters“ gefragt (Filek, 2013, S. 163). Vielleicht hilft die experimentelle Ästhetik weiter, aber letztlich werden sich nicht alle gestalterischen Entscheidungen aus wissenschaftlichen Befunden ableiten lassen.

Joy of use. Darunter wird verstanden, wie angenehm eine Schrift zu lesen ist (Sanocki & Dyson, 2012). Die LeserlichkeitLeserlichkeit (Legebility) einer Schrift hat auch einen messbaren Einfluss auf die Bewertung der Inhalte. Ist ein Text flüssig lesbar, dann wird auch sein Inhalt als weniger schwierig bewertet. Eine gut leserliche Schrift führt bei Bedienungsanleitungen zu der Einschätzung, dass die beschriebenen Handlungen leicht und schnell durchführbar sind (Song & Schwarz, 2008; Dreisbach & Fischer, 2011).

Typografen werden noch viele Schriften entwerfen, überleben werden nur die wahrnehmungsfreundlichen. Schwer leserlichen Schriften bleibt eine Nischenexistenz im künstlerischen und kalligrafischen Bereich. Deshalb kann man davon ausgehen, dass das breite Mittelfeld der in einer Schriftkultur gewohnten Schriftarten im Prinzip gleich gut leserlich ist und das Verstehen wenig behindert. Nur extreme Schriften wie Handschriften und ornamentale Schriften können Schwierigkeiten bereiten. Durch neue Leseoberflächen wird sich das Problem ohnehin teilweise auflösen: Auf E-Ink-Readern, Tablets oder Smartphones kann der Lesende die ihm genehme Schriftgröße einstellen und im Prinzip ist es auch möglich, die Schriftart zu wählen.

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