Kitabı oku: «Pepe S. Fuchs - Schatzjäger»

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe:

ISBN 978-3-89969-244-0

Print-Ausgabe:

ISBN 978-3-89969-243-3

Copyright © 2021 by PRINCIPAL Verlag, Münster/Westf.

Umschlagbilder:

© Norbert Krause / © Adobe Stock - Wolfgang Bitzker


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Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Steffen Schulze

Pepe S. Fuchs


Schatzjäger

PRINCIPAL VERLAG

Der Autor Steffen Schulze wurde 1975 in Finsterwalde/Niederlausitz geboren und arbeitet in einem weltweit agierenden Unternehmen.

Ehrenamtlich engagiert er sich für die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Er ist mit der besten Ehefrau von allen verheiratet und lebt in der Wartburgstadt Eisenach. Neben dem Rettungsschwimmen ist das Schreiben seine große Leidenschaft.

Vielen Dank an die beste Ehefrau von allen!

Ebenso geht mein Dank an Norbert für die Bereitstellung des Umschlagbildes und an das Team des Principal Verlags.

1

Als Pepe S. Fuchs den Campingplatz erreichte, war er buchstäblich stehend k. o. Die letzten Tage waren physisch und psychisch eine Strapaze für den Oberfeldwebel. Dabei war der Militärpolizist nicht in dienstlicher Mission unterwegs gewesen. Im Gegenteil. Genau genommen hatte er sich unerlaubt von der Truppe entfernt und galt wohl als eigenmächtig abwesend. Damit war nicht zu spaßen. In Paragraf 15, Absatz 1 des Wehrstrafgesetzes hieß es: »Wer eigenmächtig seine Truppe oder Dienststelle verlässt oder ihr fernbleibt und vorsätzlich oder fahrlässig länger als drei volle Kalendertage abwesend ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft.« Seine Feldjäger-Kameraden waren mit Sicherheit schon auf der Suche nach ihm. Das würde mindestens einen hässlichen Eintrag in seiner Personalakte geben und sämtliche Karriereambitionen, so er denn welche gehabt hätte, für immer zerstören. Doch darauf konnte er im Moment keine Rücksicht nehmen. Er hatte ein Versprechen abgegeben und Pepe S. Fuchs war niemand, der so etwas leichthin tat. Wenn er seine Unterstützung zusagte, dann war er durch nichts davon abzuhalten. Davon konnten im Laufe der Zeit gleich mehrere Gegenspieler ein schmerzhaftes Zeugnis ablegen. Von mitteldeutschen Motorradrockern, über kubanische Gangster und chinesische Geheimagenten, bis zu selbst ernannten Hexen. Nur wusste er dieses Mal nicht genau, worauf er sich eingelassen hatte. Aber das würde er noch früh genug erfahren.

Die Schranke am Eingang des Campingplatzes war geschlossen. Zuerst hatte Pepe geglaubt, sich geirrt zu haben. Die schmale Straße, die von der Bundesstraße abzweigte, schien ihm als Zufahrt für große Wohnmobile eher ungeeignet. Wurzeln drückten von unten durch die dünne Asphaltschicht und verwandelten den Fahrweg in ein Waschbrett. Die Federung seines Motorrades schlug mehrfach durch und die harten Schläge waren eine Tortur für Pepes malträtierte Muskeln. Schließlich war er beinahe zwei Tage durchgefahren, auf einem mit dreißig PS nicht gerade übermotorisierten Zweirad. Aber die Royal Enfield hatte ihn nicht im Stich gelassen. So, wie sie jetzt rot glänzend in der Nachmittagssonne vor der geschlossenen Schranke stand und beim Abkühlen leise klickte, konnte das kleine Motorrad durchaus als top restaurierter Oldtimer durchgehen. Dabei war die Maschine ladenneu.

Pepe riss sich von ihrem Anblick los, gähnte herzhaft und drehte seinen Kopf nach links und rechts bis seine Nackenwirbel vernehmbar knackten. Mit einem erschöpften Seufzer lief er zur Rezeption hinüber, über der in großen Lettern ›Naturcamping Malchow‹ stand. Als er sein Spiegelbild in der Glastür sah, schrak Pepe zurück. Ihn blickten rot unterlaufene, von schwarzen Ringen eingekreiste Augen an. Ein ungepflegter Dreitagebart breitete sich über sein blasses Gesicht aus. Die Motorradjacke war von Insektenresten übersät. Was er jetzt dringend brauchte, war eine Dusche und ein Bett. Ächzend stieß Pepe die Tür auf.

»Moin!«, begrüßte ihn eine freundliche Stimme.

»Ja, hallo. Ich hätte gern einen Schlafplatz.«

»Hast du ein Zelt dabei?«, fragte der junge Mann hinterm Tresen und versuchte an Pepe vorbei nach draußen zu sehen, was denn wohl auf dem Motorrad verschnürt war.

»Nein.«

»Oh, mein Bester, dann sieht es ganz schlecht aus. Die Pods sind alle belegt.«

»Die was?«

Pepe musterte sein Gegenüber genauer. Obwohl er Soldat und damit an strenge Regeln und Etikettenvorschriften gewöhnt war, legte er auf diese nicht allzu viel Wert. Dass er aber von vorneherein von einem jungen Burschen geduzt wurde, der vom Alter her gut sein Sohn sein konnte, störte ihn merkwürdigerweise doch.

»Die Camping Pods, so eine Art Finnhütte, sind alle ausgebucht. Und auch unsere Wohnwagen sind voll. Hier ist ein Geschichtsverein oder so etwas Ähnliches eingerückt«, antwortete der Junge. »Vielleicht probierst du es in der Stadt.«

»Nein«, blockte Pepe ab. Er verschränkte die Arme und starrte den jungen Mann mit zusammengekniffenen Augen an.

»Aber echt jetzt, sorry, ist wirklich nichts frei.«

Um seine Aussage zu unterstreichen, blätterte der Bursche schnell durch das große Kalenderbuch, das vor ihm auf dem Tresen lag. Dabei vermied er es, Pepe anzusehen.

»Die bleiben noch eine ganze Woche«, beteuerte er als Nächstes, schaute doch kurz zu Pepe hoch und gleich wieder in das Buch.

Ein Schweißtropfen bildete sich über seiner linken Braue. Pepe sah interessiert zu, wie der Tropfen größer wurde, leicht anfing zu zittern, langsam über das Jochbein abrollte und in dem Terminkalender aufschlug. Mit fahrigen Fingern wischte der Junge ihn weg und verschmierte dabei den getroffenen Eintrag.

Pepe hatte schon unzählige Verhöre als Militärpolizist geführt. Meistens mit Soldaten, die nicht viel älter waren als der Bursche vor ihm. Eines hatte er schnell gelernt: Am meisten erfuhr er, wenn er nichts sagte, nichts fragte, sondern den Delinquenten nur scharf anschaute. Es dauerte nie lange, bis er damit sein Ziel erreichte.

»Wir hätten da nur einen Wohnwagen, den wir eigentlich nicht mehr vermieten«, räumte der Junge schließlich leise ein und wischte sich mit dem Oberarm über sein Gesicht. Mittlerweile sah er so aus, als hätte er einen Marathon hinter sich. »Der ist ziemlich heruntergekommen. Sauber gemacht hat den seit Ewigkeiten keiner mehr. Ich weiß gar nicht, ob das Dach überhaupt dicht ist.«

»Ich nehme ihn«, unterbrach Pepe den plötzlichen Redefluss des Jungen.

»Der Zugang ist bestimmt mittlerweile total überwuchert.«

»Das passt schon.«

»Ich weiß leider nicht, ob das Schloss noch funktioniert.«

»Bei mir ist nichts zu holen.«

»Angeblich hat sich ein Waschbär drin eingenistet.«

»Wir werden uns bestimmt vertragen.«

»Wie lange möchten Sie denn bleiben?«

»Vorerst eine Woche«, antwortete Pepe und registrierte nur im Unterbewusstsein, dass der Junge nun doch zum Sie übergegangen war.

»Okay. Bitte tragen Sie sich hier ein.«

Pepe schrieb einen Fantasienamen in das Formular und eine Adresse, die ihm passend erschien. Er wollte es seinen Kameraden nicht zu einfach machen, ihn zu finden. Denn noch war er sich nicht sicher, ob er hinterher nicht gänzlich von der Bildfläche verschwinden würde. Das kam auch darauf an, was der Grund für das konspirative Treffen war, um das ihn sein Erzfeind mitten in der mecklenburgischen Provinz gebeten hatte.

Der Junge bedankte sich und nahm die ausgefüllte Anmeldung entgegen, legte Pepe einen Lageplan hin und machte ein fettes Kugelschreiberkreuz mitten im Wald. »Fahren Sie bis zum Ende der Straße geradeaus, dann bitte nach rechts abbiegen. Weiter bis zum Ende des Platzes. Dort führt ein kleiner, etwas zugewachsener Pfad in den Wald. Und da finden Sie den Wohnwagen.«

Er bückte sich hinter den Tresen und kramte in einer für Pepe unsichtbaren Kiste herum, aus der er schließlich einen angerosteten Schlüssel hervorholte.

»Der sollte passen«, vermutete der Bursche mit rotem Kopf. »Und wenn nicht, kommen Sie einfach wieder her. Und das hier ist die Chipkarte für die Schranke.«

»Danke«, sagte Pepe, steckte den Lageplan und die Chipkarte ein und nahm den Schlüssel.

Pepe trat ins Freie und atmete tief durch. Es roch nach Wald. Ein harziger, erdiger Geruch, der ihn stark an seine Grundausbildung erinnerte. Der Campingplatz wurde von dicht stehenden Kiefern umsäumt, durch die kräftige Sonnenstrahlen hindurchschienen. Obwohl die Autobahn in Richtung Rostock nicht weit entfernt sein konnte, war kein Verkehrslärm zu hören. Vögel zwitscherten, Insekten summten, hinter der Anmeldung juchzte ein Kind. Warum um alles in der Welt, hatte Oberbootsmann Candy Schulze ihn nur hierher bestellt? Auf jeden Fall hatte er es dringend gemacht und fast flehend um Hilfe gebeten. Schon allein die Tatsache, dass sich Schulze an ihn gewandt hatte, war ein Indiz dafür, wie aussichtslos die Lage sein musste. Bei ihrem letzten Treffen hatte der Oberbootsmann einen Maulwurf in ihren Reihen befürchtet. Jemanden, der brisante Dienstgeheimnisse verriet. Und so viel Pepe mitbekommen hatte, stand Schulze sogar selbst unter Verdacht.

Mit dem Oberbootsmann, der für den Militärischen Abschirmdienst, dem Geheimdienst der Bundeswehr, tätig war, verband Pepe eine lange Feindschaft. Zum ersten Mal waren sie vor vielen Jahren in Afghanistan aufeinandergetroffen. Schulze war damals ein junger, über alle Maßen ehrgeiziger Offizier gewesen, dem seine Karriere über alles ging. So hatte er versucht, die anderen am Hindukusch tätigen Geheimdienste über ein eigenes Spitzelnetz auszustechen. In seinen Mitteln und Wegen war er dabei nicht besonders zimperlich gewesen. Jeder, der ihn auf der Karriereleiter eine Sprosse weiter nach oben hieven konnte, wurde willkommen geheißen. So auch ein Übersetzer, der von den übrigen Alliierten als nicht zuverlässig eingestuft worden war. Irgendwie schaffte es der windige Afghane, Schulzes Vertrauen zu gewinnen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt waren die beiden praktisch unzertrennlich, wie siamesische Zwillinge. Der Informant folgte Schulze wie ein Hund seinem Herrchen und der Oberbootsmann war sehr freigiebig mit Leckerlis.

Generell schien Schulze damals immer in Bewegung zu sein, mit großen Gesten agierend und laut redend. Das an sich war natürlich kein Verbrechen. Was Pepe jedoch Schulze nie verzeihen würde, war die kriminelle Leichtfertigkeit, mit der der Geheimdienstler ihn und seine Kameraden in einen Hinterhalt hatte laufen lassen.

Pepes Dienstzeit am Hindukusch hatte sich bereits dem Ende genähert. So kam ihm der Einsatzbefehl, eine Delegation, die mit einem Ältesten über eine Zusammenarbeit gegen die Taliban verhandeln sollte, in ein abgelegenes Dorf zu begleiten, äußerst ungelegen. Doch Befehl war Befehl. Das Treffen hatte Schulzes Übersetzer organisiert. Diese Tatsache verstärkte Pepes mulmiges Gefühl nur noch. Und er sollte tragischerweise recht behalten.

Je weiter der Konvoi in die Berge vorgedrungen war, desto schmaler wurde der Pfad, auf der sich die Fahrzeuge bewegten. Das Gelände stieg links und rechts steil an, verwandelte die Piste in einen Hohlweg. Dichter, brauner Staub hatte sich wie Nebel über die Kolonne gelegt und ihnen fast vollständig die Sicht genommen. Pepe hielt sein Sturmgewehr die ganze Zeit umklammert und er hatte versucht, ruhig zu atmen. Sie waren nur langsam vorangekommen. Viel zu langsam. Der große Dieselmotor ihres gepanzerten Transporters hatte ohrenbetäubend geröhrt. Dazu war es im Innenraum heiß und stickig. Schweiß war in Pepes Augen gelaufen, den er sich immer wieder mit dem Ärmel seiner Uniformjacke aus dem Gesicht gewischt hatte. Plötzlich hatte es eine markerschütternde Explosion gegeben. Das führende Fahrzeug war in die Luft geschleudert worden, als wäre es ein Spielzeug. Eine Sprengfalle. Ein Hinterhalt. Pepe hatte die folgenden Sekunden wie in Zeitlupe wahrgenommen, mit einem lähmenden Fiepen im Ohr. Der vordere Transporter war zurück auf den schmalen Pfad gekracht und umgekippt. Hatte Feuer gefangen und den Weg nach vorn blockiert. Gewehrfeuer hatte eingesetzt. Kugeln waren dröhnend und in unablässiger Folge von der Panzerung ihrer Fahrzeuge abgeprallt. Schreie! Los, los, los! Pepe war aus dem Transporter gestürmt, hatte Deckung gesucht und das Feuer erwidert. Die Munition war ihm schnell ausgegangen. Rings um ihn waren Geschosse eingeschlagen wie in einem Hagelsturm. Dann wurde er am Bein getroffen.

Schließlich war der Moment gekommen, als er unter höllischen Schmerzen sein letztes Magazin in den Aufnahmeschacht des Sturmgewehres gerammt und damit die schreckliche Gewissheit hatte, dass er nach den dreißig verbliebenen Patronen wehrlos war. Im buchstäblich allerletzten Augenblick hatte ein amerikanischer Apache-Kampfhubschrauber die Angreifer vertrieben.

Bis heute litt Pepe unter den Nachwehen dieses Einsatzes. Die permanenten Schmerzen erinnerten ihn allerdings auch daran, was für ein Glück er gehabt hatte. Er durfte sein Bein behalten, während zwei seiner Kameraden gefallen waren.

Nach Afghanistan hatten sich ihre Wege noch mehrmals gekreuzt. Und jedes Mal hatte Schulze eine äußerst undurchsichtige Rolle gespielt. Nie zuvor hatte der Oberbootsmann ihn um Hilfe gebeten. Pepe schüttelte kurz den Kopf, als ob er seine Gedanken ordnen wollte. Er tastete nach dem Hammer, der in seinem Gürtel steckte. Ein Urlaubsmitbringsel aus Frankreich. Wenn Schulze ihn linken wollte, dann würde der sein blaues Wunder erleben. Warum sonst sollte der Oberbootsmann auf absolute Geheimhaltung bestehen?

»Oh, ein Neuer. Wer bist du denn, schöner Mann?«

Schöner Mann? Pepe war schon einiges genannt worden, schöner Mann war bisher nicht darunter gewesen.

»Paco«, stotterte Pepe und war froh, dass er sich an den Namen erinnerte, den er auf das Anmeldeformular geschrieben hatte. Dass er so offen angesprochen, direkt angemacht wurde, kam für Pepe überraschend. Anscheinend wurde auf diesem Zeltplatz ein eher lockerer Umgangston gepflegt. Wieder etwas, was ihn misstrauisch machte, da es so gar nicht zu dem im Verborgenen agierenden Oberbootsmann passen wollte.

»Paco, wow. Das ist spanisch, richtig? Wie mein Vorname. Ich heiße Isabella. Aber du kannst mich ruhig Isa nennen.«

»Hallo, Isa«, sagte Pepe und musterte die junge Frau eingehender. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten und ihre blauen Augen funkelten im Sonnenlicht wie Aquamarine.

»Ich müsste mich etwas frisch machen. Wo sind denn hier die Sanitäranlagen?«, riss sich Pepe von ihrem Anblick los.

»Gleich dahinten, mein Süßer«, gab Isa bereitwillig Auskunft und zeigte mit dem Daumen über ihre Schulter, ohne sich umzusehen. »Soll ich dir den Rücken waschen?«

»Danke, wird schon gehen«, entgegnete Pepe.

»Die Duschen sind echt gut. Schönes, heißes Wasser mit kräftigen Strahlen«, fuhr Isa fort. »Aber sieh dich vor. Nach drei Minuten werden die Eier hart und nach sieben platzt das Würstchen.«

»Ich werde aufpassen«, versicherte Pepe und ließ Isa mit einem Nicken stehen.

Während er auf das Sanitärgebäude zulief, konnte er ihren Blick in seinem Rücken, besser gesagt etwas tiefer, spüren.

»Sieh dich vor!«, beschwor er sich selbst, während er versuchte, die Frau aus seinem Kopf zu bekommen.

Wie alt mochte sie wohl sein? Noch keine dreißig. Ihre Haare waren blond gefärbt. Etwas zu blond, für Pepes Geschmack. Der Zopf stand ihr gut, legte ihre Grübchen frei. Denen hatte Pepe noch nie widerstehen können. Irgendwie übten die kleinen Einbuchtungen neben den Mundwinkeln eine fast magische Anziehungskraft auf ihn aus.

»Komm, Mark, es gibt Kuchen!«, hörte Pepe Isa hinter sich rufen.

»Ja, ja, ja«, kam prompt die euphorische Antwort vom Spielplatz und ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, rannte auf Isa zu.

Die sanitären Anlagen waren penibel sauber und in tadellosem Zustand. Pepe suchte sich zuerst ein Pissoir. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie müde er tatsächlich war. Wenn er jetzt die Augen schloss, würde er wohl im Stehen mit offenem Hosenschlitz einschlafen.

»Meine Mutter ist scharf auf dich.«

»Wie bitte?«

Pepe hatte den Dreikäsehoch gar nicht kommen hören. War er wirklich kurz eingenickt?

»Meine Mutter. Ich merke das sofort. Bin ja nicht blöd.«

Der Kleine hatte sich die Hose in die Knie gezogen, stellte sich auf Zehenspitzen und versuchte, das Pinkelbecken zu treffen. Seine Zunge half ihm anscheinend beim Zielen. Immer wieder schoss sie aus seinem Mundwinkel.

»Du bist Mark«, stellte Pepe fest und betätigte die Spülung.

»Du darfst ihr nicht wehtun«, plapperte Mark los und zog seine Hose hoch.

»Das habe ich nicht vor.«

»Das sagen sie alle.«

»Wer alle?«

»Na alle eben. Und dann weint sie doch.«

Mit diesen Worten verschwand er, ohne sich die Hände zu waschen. Pepe spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Er stützte sich einen Augenblick mit beiden Händen am Waschbecken ab, bevor er nach draußen ging. In der kurzen Zeit hatte sich die Luft noch weiter aufgeheizt. Der Sommer war bisher heiß und trocken gewesen und es sah nicht so aus, als ob sich das bald ändern würde.

Pepe zog den Lageplan aus der Tasche. Der Zeltplatz lag direkt am See.

»Erst ein Nickerchen, danach ein Bad«, sagte er laut und schaute sich erschrocken um, ob jemand sein Selbstgespräch mitbekommen hatte.

Aber er war allein. Also trottete er zu seinem Motorrad zurück. Die Enfield sprang knatternd an und fast tat es Pepe leid, die wohltuende Ruhe zu stören. Kurz über Standgas rollte er über den Platz. Wohnmobile reihten sich akkurat ausgerichtet nebeneinander, ab und an auch ein Campinganhänger. Zelten schien heutzutage niemand mehr. Im hinteren Bereich, kurz vor den Dauercampern, parkte ein roter Reisebus. Erst bei näherem Hinsehen erkannte Pepe, dass der Bus ebenfalls eine rollende Behausung war, in dem Gäste in winzigen Kabinen, Schließfächern gleich, übernachteten.

Das Gelände stieg leicht an und gab einen majestätischen Blick über den in der Sonne glitzernden See frei. Langsam merkte Pepe, wie er ruhiger wurde.

Er erreichte den überwucherten Abzweig in den Wald, parkte das Motorrad davor, schnallte die Gepäckrolle ab und arbeitete sich den Pfad entlang vor. Dessen Zustand nach zu urteilen war tatsächlich seit Längerem niemand mehr hier gewesen. Je weiter er vorrückte, desto dunkler und kühler wurde es. Nach etwa fünfzig Metern traf er auf einen Wohnwagen. Der war von oben bis unten mit grünem Moos überzogen. Die Scheiben waren so verdreckt, dass sie sich kaum von den Seitenwänden des Campinganhängers abhoben. Auf jeden Fall hatte Pepe hier seine Ruhe. Nachbarn gab es weit und breit keine. Die Natur stand kurz davor, sich den menschengemachten Eindringling einzuverleiben. Sträucher wuchsen bereits an den Seiten des Campinganhängers empor. Ein Baum schien den Wohnwagen mit mächtigen Ästen liebevoll zu umarmen, oder tödlich zu zerquetschen. Vor der Tür türmte sich ein gewaltiger Ameisenhaufen.

Pepe stellte die Gepäckrolle ab und beugte sich über den wuseligen Haufen, um an das Vorhängeschloss zu gelangen, das einen nachträglich angebrachten Türriegel sicherte. Er brauchte drei Versuche, ehe das Schloss aufsprang. Fast tat es ihm leid, dass er den obersten Teil des Ameisenhaufens mit der Tür abtrug. Das Innere des Wohnwagens roch muffig, war jedoch in einem besseren Zustand, als ihn der Junge an der Rezeption hatte glauben machen wollen. Keine Spur von einem Waschbären. Allerdings führte eine Ameisenstraße quer über den Fußboden. Damit konnte sich Pepe arrangieren. Die Einrichtung war vollständig eingestaubt. Auch die in den Ecken hängenden, dichten Spinnweben störten Pepe nicht wirklich. Ihn lockte das Doppelstockbett. Die obere Matratze fehlte. Also zog Pepe mühsam seine Motorradjacke aus, warf sie auf die Sitzgruppe rechts neben dem Eingang und sich auf das untere Bett. Sekunden später war er fest eingeschlafen.

2

Schüsse! Instinktiv rollte sich Pepe aus dem Bett, knallte auf den Boden, mitten zwischen die Ameisen. Hatte er geträumt? Früher, vor allem kurz nach seiner Verwundung, hatte ihn die Erinnerung an den Hinterhalt in Afghanistan oft nachts gequält und er war schweißüberströmt aufgeschreckt. Doch heute war etwas anders. Da! Kein Traum. Das waren tatsächlich Schüsse, nicht in unmittelbarer Nähe, aber nah genug, um sie deutlich hören zu können. Pepe robbte zum Wohnwageneingang hinüber. Die Tür stand noch offen. Eine leichte Brise wehte den Geruch des nahe liegenden Sees herein. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt und es hatte sich merklich abgekühlt.

Vorsichtig, den Kopf dicht über der Schwelle, spähte Pepe hinaus. Die Ameisen liefen rechts und links an ihm vorbei. Ein besonders großes Exemplar blieb auf Augenhöhe stehen und drehte sich zu ihm um, als wolle es fragen, was denn der Quatsch hier solle. Das wusste Pepe selbst nicht. Er zwinkerte dem Insekt entschuldigend zu, stand auf und zuckte sofort wieder zusammen. Schnelle, kurz aufeinanderfolgende Salven schallten durch den Wald. Nicht weit entfernt wurde mit Schnellfeuergewehren geschossen.

Seit einem Wasserunfall, bei dem er unfreiwillig ein Bad im Jadebusen genommen hatte, war Pepes Handy nicht mehr betriebsbereit. Bis jetzt hatte er nicht für Ersatz gesorgt, da ihn zurzeit der Gedanke reizte, komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Mit aktiviertem Telefon war es unmöglich, sich unsichtbar zu machen. Selbst ausgeschaltete Handys waren ortbar. Irgendjemand hatte einen immer auf dem Schirm. Gut, dass seines komplett den Geist aufgegeben hatte.

Sollte er zur Rezeption gehen, die Polizei anrufen und den Vorfall melden? Vielleicht hatte auch nur jemand seinen Fernseher laut gedreht und schaute einen Schweiger-Tatort. Nein, die Schüsse waren real. Die Intensität nahm jetzt sogar zu. Anscheinend war ein größeres Feuergefecht im Gange, mitten im beschaulichen Mecklenburg. Nur zwischen wem? Rivalisierende Bootsverleiher? Hatte Oberbootsmann Schulze ihn deswegen hierhergelockt?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Pepe rückte den Klauenhammer an seinem Gürtel zurecht und trat auf den überwucherten Pfad, der zum Campingplatz führte. Aus der leichten Brise war in der Zwischenzeit ein kräftiger Wind geworden. Die knorrigen Kiefern wankten beunruhigend, knarzten und warfen irritierende Schatten. Unwillkürlich wurde Pepe an seinen Einsatz an der Eisenacher Wartburg erinnert, bei dem er beinahe den Bundespräsidenten verloren hatte. Der Sturm war damals zwar bedeutend stärker gewesen, die Bäume hatten sich jedoch nicht weniger bedrohlich gebärdet.

Die Schüsse kamen aus nördlicher Richtung. Im Freien war deutlicher zu hören, dass sie mindestens einen Kilometer entfernt waren. Aus wie vielen Waffen gefeuert wurde, konnte Pepe nicht eindeutig unterscheiden. Mindestens fünf, eher jedoch zehn. Er atmete tief durch und lief los. Auf dem Zeltplatz schien sich niemand für die Ballerei zu interessieren. In vielen Wohnmobilen flimmerten hinter geschlossenen Türen riesige Fernseher. Vor anderen saßen sich Pärchen stumm gegenüber und starrten mit gesenkten Köpfen auf ihre Smartphones. Nur an dem roten Bus, dem rollenden Hotel, herrschte reges Treiben. Während einige Gäste bereits ihre Schlafsachen aus auf der Wiese abgestellten Koffern kramten, verspeisten andere an langen Biertischgarnituren sitzend die Reste des Abendbrotes. Bei dem Anblick wurde Pepe bewusst, dass er auch schon lange nichts mehr gegessen hatte. Zuerst musste er allerdings der Schießerei auf den Grund gehen. Warum kümmerte das denn sonst niemanden?

Am Ende des Campingareals führte ein Weg direkt am Ufer des Sees entlang in den Wald. Pepe wünschte, er hätte eine Taschenlampe dabei. Es wurde zunehmend dunkler, die Schüsse immer lauter. Wenige Meter hinter einem Bootsanlegesteg bog der Pfad im rechten Winkel ab. Der Mischwald schluckte jetzt den letzten Rest Tageslicht, sodass Pepe sein Tempo verlangsamen musste, um nicht über Wurzeln oder Zweige zu stolpern. Nach einhundert Metern gelangte er an eine T-Kreuzung und wandte sich nach links. Von dort waren es nur wenige Schritte, bis sich der Wald vor einer großen, gemähten Wiese öffnete. Pepe trat hinaus und hechtete sofort hinter einen immensen Findling. Vor ihm tobte ein Feuergefecht, wie er es seit Afghanistan nicht mehr gesehen hatte. Augenblicklich fühlte er sich in den Hinterhalt am Hindukusch zurückversetzt. Sein Herz raste, kalter Schweiß trat ihm aus allen Poren. Schwer atmend lehnte er mit dem Rücken an dem rauen Stein, zog seine Knie an den Oberkörper. Erst sah er Sterne, dann wurde ihm schwarz vor Augen. Die Schüsse und Schreie nahmen kein Ende. Pepe presste seine Hände auf beide Ohren, biss sich auf die Lippe, bis er Blut schmeckte. Beißender Pulvergeruch lag in der Luft. Trotzdem passte nichts. Er hatte nur einen kurzen Blick auf das Schlachtfeld werfen können und sein Gehirn brauchte einen Moment, um die erfasste Information zu verarbeiten. Ganz langsam beruhigte sich Pepes Atmung. Obwohl sein Herz noch wie der Flügel eines Kolibris schlug, nahm seine Panik allmählich ab.

»Reiß dich zusammen!«, schimpfte er sich selbst und schlug mit beiden Fäusten auf die staubige Erde.

Vorsichtig rappelte er sich auf und lugte hinter dem Findling hervor. Nicht weit von ihm entfernt hatte sich im Schutze einer kleinen Baumgruppe eine schwarz uniformierte Kampfeinheit eingegraben. Ein schweres Maschinengewehr nahm eine Gruppe Soldaten unter Feuer, die sich gegenseitig Deckung gebend über das freie Feld auf die Baumstellung zustürmten. Im Feuer des Maschinengewehrs lichteten sich die Reihen der Angreifer stetig. Einer nach dem anderen stürzte wild mit den Armen fuchtelnd zu Boden. Erst jetzt fielen Pepe die merkwürdigen Helme auf, die sie trugen. Stahlhelme der polnischen Infanterie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dazu passten auch die Karabiner, mit denen sie auf das Maschinengewehrnest feuerten.

Plötzlich kam ein offener olivgrüner Kübelwagen, auf dem groß und deutlich die Insignien der deutschen Wehrmacht prangten, von rechts den Feldweg entlanggerast, eine dichte Staubfahne hinter sich herziehend. Der Fahrer bremste mit blockierenden Rädern kurz hinter Pepes Findling. Ein hochgewachsener Mann mit schlohweißen Haaren in der schwarzen Uniform der Waffen-SS richtete sich auf dem Beifahrersitz auf und beobachtete durch einen schweren Feldstecher das Geschehen auf der Wiese vor ihm.

»Was ist denn hier los, spinnen die denn alle?«, entfuhr es Pepe, während das schwere Maschinengewehr eine weitere Salve den Hügel hinaufjagte.

»Ich verstehe das auch nicht«, entgegnete der Mann im Kübelwagen ruhig, ohne sich umzusehen oder das Fernglas herunterzunehmen. »Eine Zangenbewegung. Es hätte nichts weiter gebraucht als eine Zangenbewegung. Verdammte Amateure!«

Seine Stimme war über den Lärm des Feuergefechts kaum zu vernehmen. Trotzdem, als ob die polnischen Soldaten ihn gehört hätten, stoben sie plötzlich nach zwei Seiten auseinander. Während eine Gruppe weiter das Maschinengewehrwäldchen unter Dauerfeuer nahm, rannte die andere auf den Weg zu, den der Kübelwagen zuvor genommen hatte. Durch den leichten Abfall des Geländes waren sie hier vor dem Kugelhagel aus dem schweren MG einigermaßen sicher.

»Na bitte, gleich haben sie sie!«

Pepe sah zu, wie ein Drei-Mann-Team direkt auf ihn zu gerannt kam. Die Männer waren keine Soldaten. Nicht nur, dass sie während des Laufens ihre Karabiner wie Holzprügel trugen – bei einem schleifte sogar der Lauf über den Boden –, es war auch um ihre körperliche Fitness nicht besonders bestellt. Schon nach wenigen Metern hatte sich die kleine Gruppe weit auseinandergezogen. Während der erste Infanterist noch einen ganz ordentlichen Eindruck machte, als er schwer atmend an Pepes Findling vorbeistolperte, lösten die letzten beiden den starken Impuls bei ihm aus, die Sanitäter zu rufen. Ihre Gesichter glühten vor Anstrengung und hatten die Farbe eines frisch gekochten Hummers angenommen. Einer riss seinen Mund so weit auf, dass ihm Pepe sogar im Vorbeilaufen die Mandeln hätte rausnehmen können. Bei jedem Schritt rutschte ihm der Stahlhelm über die Augen. Der andere, für sein Gewicht viel zu kleine Soldat blieb neben dem Kübelwagen stehen und stützte sich schwer auf seinem Karabiner ab, wobei sich das offene Laufende tief in den Dreck bohrte.

In die Stellung in der Baumgruppe kam jetzt ebenfalls Bewegung. Ein großer Kerl riss das schwere Maschinengewehr hoch und schwenkte auf die drei Angreifer um, richtete damit die Waffe auch direkt auf Pepe. Blitzartig ließ der sich hinter seinen Findling fallen, während das Gewehr losbellte. Das deutsche MG 42 konnte bis zu eintausendfünfhundert Schuss pro Minute abfeuern und klang dabei wie eine elektrische Kettensäge. Schon allein in der Schrecksekunde, die Pepe brauchte, um die Bedrohung zu erkennen und in Deckung zu gehen, hätten ihn auf die Entfernung von knapp einhundert Metern fünfundzwanzig Kugeln treffen müssen. Doch er spürte nichts. Sicherheitshalber tastete Pepe seinen Oberkörper ab. Kein Blut, kein aufgerissenes Fleisch, keine herausquellenden Eingeweide, was ein oder mehrere Volltreffer aus einem Maschinengewehr hervorgerufen hätten. Hier stimmte etwas nicht. Trotzdem erhob sich Pepe erst wieder, als die Schüsse verstummten. Vor ihm lag der dicke Infanterist auf dem Rücken. Sein Brustkorb sah von Weitem normal aus, außer dass er sich hob und senkte wie der Blasebalg in einer Hufschmiede. Kein Blutstropfen weit und breit.

Mit einem Mal war es totenstill. Selbst der Wind hatte sich gelegt. Erst als das Dröhnen des Feuergefechtes in Pepes Ohren vollständig abklang, konnte er das feine Sirren einer Drohne über sich hören. Im schwindenden Licht sah er den Quadrokopter erst auf den zweiten Blick. Er schwebte über der Baumgruppe, in der sich die schwarz uniformierte Einheit eingegraben hatte. Der erste der polnischen Angreifer hatte sie eben erreicht und legte seinen Karabiner auf den MG-Schützen an, der breitbeinig und grinsend vor ihm stand. Selbst aus der Entfernung konnte Pepe sehen, wie er den Abzug erneut durchzog und hören, wie der Schlagbolzen ins Leere klickte. Keine Munition mehr. Das Grinsen fror nur kurz ein. Dann warf der Große das Maschinengewehr beiseite, zückte ein Kampfmesser und stürzte sich heulend wie ein Indianer auf den Polen. Der schoss sofort, schien aber die breite Brust seines Kontrahenten selbst auf die kurze Entfernung verfehlt zu haben. Unbeeindruckt stürmte der weiter nach vorn, schlug dem polnischen Infanteristen den Karabiner aus der Hand und verpasste ihm einen mächtigen Kinnhaken, dass der mit beiden Füßen vom Boden abhob und krachend hintüber fiel. Noch ehe er voll aufschlug, war der Große bereits über ihm und hielt ihm sein Messer an die Kehle. Reflexartig hatte Pepe den Hammer aus seinem Gürtel gezogen, holte aus und war zum Wurf bereit, als der MG-Schütze in dem Moment lachend aufstand und seinem Gegner die Hand reichte. Der griff nicht zu, sondern drehte sich zitternd zur Seite.

»Da sind sie kolossal gescheitert. Schon wieder«, murrte der Mann mit dem Feldstecher im Kübelwagen und Pepe realisierte erst einen Augenblick später, dass er tatsächlich mit ihm gesprochen hatte. »Da kann man wer weiß wie viele Taktiklehreinheiten durchführen, das Vorgehen siegreicher Feldherren erklären und vorbeten, aber nein, die begreifen es einfach nicht! Alles Dummköpfe! Das kommt davon, weil der Gorzka nicht auf mich hören will. Schauspieler hätte er engagieren sollen. Oder wenigstens einige meiner Studenten. Das wäre wahrhaft gelebte Geschichte. Doch wer nicht hören will, muss fühlen, besser gesagt, sich mit minderwertiger Filmqualität zufriedengeben.«

Das musste also der Geschichtsverein sein, von dem der Junge an der Anmeldung gesprochen hatte. Brave Familienväter, die sich nach Feierabend als Weltkriegssoldaten verkleideten und nachgeahmte Schlachten schlugen.

Pepe kam nun komplett hinter seiner Findlingsdeckung hervor, klopfte sich Staub von seiner Hose und ging auf den Mann in der SS-Uniform zu.

»Sind die Waffen entmilitarisiert?«, fragte er und hob den Karabiner auf, der neben dem noch immer schnaufenden, polnischen Hobby-Infanteristen lag.

»So gut wie«, kam lachend die Antwort. »Die Munition auf jeden Fall. Alles Platzpatronen und trotzdem nicht leicht zu bekommen. Obwohl ich mir oft wünschte, dass sie scharf schießen würden. Dann wären sie mit Sicherheit ernster bei der Sache.«

Pepe sah sich den Mann genauer an. Er war groß und hager, hatte ein strenges Gesicht mit einem harten Zug um die Mundwinkel. Seine Haare waren etwas zu lang für sein Alter. Obwohl Pepe kein Auge dafür hatte, schätzte er den Mann auf Ende siebzig oder sogar Anfang achtzig.

»Fast hätten wir sie gekriegt!«

Der Dicke war wieder auf die Beine gekommen. Er hielt sein Gewehr mit beiden Händen fest und trat mit dem Fuß gegen den Lauf, um Sand und Steine herauszuschütteln.

»Nicht mal annähernd«, entgegnete der Alte spöttisch.

Dabei blitzten seine hellblauen Augen wie die der Eiskönigin.

»Ihr wart viel zu langsam, habt euch zu spät für die Zangenbewegung entschieden und den Vorstoß nicht konsequent genug umgesetzt. So kann man eine Stellung der Waffen-SS nicht ausschalten.«

Obwohl der Mann seine Worte bewusst wählte, ruhig und bestimmt sprach, war Deutsch wohl nicht seine Muttersprache. Pepe konnte den Akzent nicht zuordnen, tippte aber auf nordische Vorfahren.

»Das kann man wohl sagen, ihr Flachzangen!«

Der Maschinengewehrschütze kam zum Kübelwagen herüber. Ein hämisches Grinsen zog sich über sein grobschlächtiges Gesicht. Er war an die zwei Meter groß – gut und gerne überragte er Pepe um zwei Köpfe – und ihm sofort unsympathisch. Es gab nicht viele Leute, die das von sich behaupten konnten.

»Du sei still!«, schnauzte ihn der Grauhaarige an. »Wer denkst du, dass du bist? Rambo, oder wer? Niemand und ich wiederhole das ausdrücklich, kein ernsthafter Soldat hebt ein Maschinengewehr vom Boden auf und schießt damit auf seinen Gegner. Mit scharfer Munition hättest du nicht einen Treffer gelandet. Die Waffe hat in alle Richtungen verrissen. Das Ding hat nicht umsonst zwei Füße, mit denen du es sicher im Boden verankern kannst.«

Wie vorhin fror dem Großen sein debiles Grinsen ein, dieses Mal jedoch für länger. Vom Hals her kroch rote Farbe wie eine Horde Ameisen über sein Gesicht. Dazu schwoll eine Ader über seiner linken Augenbraue drohend an und pulsierte hektisch.

»Aber ich habe ihn erwischt!«, entgegnete er nicht halb so selbstsicher, wie er wahrscheinlich klingen wollte.

»Du hast ihn erwischt? In deinen Träumen! Pawel, du bist tot! Dein Munitionsgurt war leer und er hat dich aus zwei Metern Entfernung mit seinem Karabiner voll getroffen. Wäre da keine Platzpatrone drin gewesen, könnte ich jetzt durch deinen Brustkorb hindurch bis Jürgenshof schauen!«

Unwillkürlich senkte der Große seinen Kopf und begutachtete seine Brust. Auch Pepe sah auf die angesprochene Stelle. Es war tatsächlich kein Loch drin.

»Du hast geschummelt«, meldete sich der polnische Infanterist zu Wort, der von dem harten Fausthieb zu Boden gegangen war. »Und bei mir ist jetzt ein Zahn locker.«

Um seine Feststellung zu unterstreichen, riss er seinen Mund weit auf und wackelte mit dem Zeigefinger an seinem rechten Schneidezahn.

Die Ader des Großen war mittlerweile dicker als Pepes Zeigefinger. In der linken Hand hielt er noch immer das Kampfmesser. Seine Faust hatte sich so sehr darum verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten. Pepe wechselte den Hammer von rechts nach links und wieder zurück.

»Geht mir bloß aus den Augen, ihr Versager!«, setzte der Grauhaarige seine Tirade fort. »Alle miteinander! Herr Daras, fahren Sie!«, schloss er, setzte sich auf den Beifahrersitz und verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Angesprochene ließ die Drohne heranschweben. Nachdem sie kurz in der Luft gehalten und sich einmal um sich selbst gedreht hatte, landete sie präzise auf der Rücksitzbank des Cabriolets. Erst dann startete der Fahrer den Wagen und fuhr in Richtung Jürgenshof davon, streifte dabei den Großen, den der Grauhaarige mit Pawel angesprochen hatte. Der starrte dem Kübelwagen mit zusammengebissenen Zähnen hinterher. Pepe erwartete, sein Messer jeden Moment hinter dem Cabrio herfliegen zu sehen. Stattdessen drehte sich Pawel abrupt um und stapfte an Pepe vorbei in den Wald. Auch die übrigen Wochenendkrieger trudelten nach und nach vom Schlachtfeld her ein. Sie scherzten und lachten miteinander, schlugen sich anerkennend auf die Schultern, als hätten sie tatsächlich einen Sieg errungen. Nur der Kerl mit dem losen Zahn schaute nicht sehr glücklich drein.

Pepe ließ die Gruppe passieren. Was für ein merkwürdiger Verein. Er wünschte ihnen, dass sie niemals in die Verlegenheit eines richtigen Feuergefechtes gerieten. Ein wackelnder Schneidezahn wäre dann ihre geringste Sorge.

Die Sonne war jetzt vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Pepe stieg den kleinen Hügel hinauf, vorbei an der amateurhaften Maschinengewehrstellung. Von dort konnte er über eine kleine Bucht hinweg zu einer etwa siebenhundert Meter entfernten Häuseransammlung sehen. Selbst aus der Distanz sahen die Gebäude sehr mondän aus, wie Strandhäuser an der französischen Riviera. Eines schien sogar einen Landeplatz zu besitzen. Außerdem lagen in einer kleinen Marina teuer aussehende Boote vertäut. In diesem Teil Mecklenburgs war anscheinend Geld zu Hause.

In der einsetzenden Dunkelheit zeichneten sich die roten Rücklichter des Kübelwagens deutlich in der Ferne ab. Sie schienen plötzlich an einer Stelle zu verharren und erloschen auf einen Schlag. Der Wagen hatte angehalten, direkt vor einer der Villen.

3

Mit einem Mal war es Nacht geworden. Über den See kroch kalte Luft den Hügel hinauf. Pepe warf einen letzten Blick in Richtung der Häuseransammlung, von der nur ein schwacher Lichtschimmer die Finsternis zu durchdringen suchte. Dann drehte er sich um und lief den Weg zum Zeltplatz zurück. Im Wald konnte er buchstäblich seine Hand nicht vor Augen sehen. Rechts und links des kaum als helleren Streifen auf dem Boden zu erkennenden Pfades raschelte es. Zweige knickten um, Äste schlugen gegeneinander, trockene Blätter knisterten, als sich etwas durch sie hindurchbewegte. Der Wind rauschte in den Bäumen, ließen sie knarzen und ächzen.

Folgte ihm jemand? Pepe blieb abrupt stehen, schloss die Augen, schärfte sein Gehör. Unwillkürlich hatte er nach dem Hammer gegriffen. Wie so oft in den letzten Tagen, wünschte er sich, seine Dienstpistole dabeizuhaben. Oder wenigstens ein Taschenmesser. Da! Pepe schnellte herum. War das ein Schatten hinter ihm? Hatte sich jemand blitzartig zu Boden geworfen? Wieso hatte er denn nur keine Taschenlampe dabei, oder wenigstens eine Panzerfaust. Ein Windstoß ließ Pepe frösteln. Nicht nur deswegen stellten sich plötzlich seine Nackenhaare auf. Er hob den Hammer, bereit, wie Thor einen Angriff abzuwehren. Etwas kam rasend schnell auf ihn zu! Im letzten Moment konnte er sich wegducken, als ein großer Vogel, mindestens genauso erschrocken einen Protestschrei ausstoßend, über ihn hinwegrauschte und das Weite suchte. Erst jetzt atmete Pepe erleichtert aus.

»Verdammtes Mistvieh!«, schimpfte er dem Raben hinterher und ging mit schnellen Schritten weiter. Bis zum Zeltplatz war es nicht mehr weit. Das Gefühl, verfolgt zu werden, blieb. Beständig blickte er über seine Schulter. Schon nach wenigen Schritten blieb Pepe erneut stehen. Vor ihm flackerte ein Lichtschimmer, als ob jemand eine Laterne schwenkte. Er ging in die Knie und lauschte. Hinter ihm schrie ein Käuzchen. Dann hörte er fröhliche Stimmen, von einer Windböe herübergeweht. Verdammt, war er paranoid geworden? Dort hinten feierte jemand am Seeufer eine Party. Über sich selbst den Kopf schüttelnd stand Pepe auf und lief vorwärts. Als er sich dem Ufer näherte, standen die Bäume weiter auseinander. Ließen mehr Restlicht durch. Am Bootssteg kurz vor dem Eingang zum Campingplatz, angestrahlt von einer im Wind schwankenden Lampe, hatte sich eine kleine Gruppe versammelt. Pawel, der Maschinengewehrschütze in der SS-Uniform, stach nicht nur durch seine Körpergröße heraus. Er hatte die Jacke ausgezogen, sodass sich seine bleiche Haut vor dem dunklen Seewasser deutlich abzeichnete. Sein ausgelassenes Lachen hallte weit. Immer wieder streckte er seine Hand nach einer Frau aus. Dieser schien das nicht zu gefallen. Sie schlug seinen Arm beiseite, versuchte auszuweichen, doch Pawels Kriegsspielkameraden hatten einen engen Kreis um sie gebildet und stießen sie Mal für Mal feixend zurück auf den Großen zu.

»Lasst mich in Ruhe, ihr Säue!«, brüllte sie.

Pepe erkannte die Stimme der jungen Frau vom Spielplatz, wenn auch etwas verzerrt. Wie hieß sie nur gleich? Ingrid? Ingeborg? Isabella! Isa!

»Lasst sie in Ruhe, ihr Wichser! Ich reiße euch den Arsch auf!«

Wo kam der denn her? Wie ein Kugelblitz schoss plötzlich Isas Sohn aus dem Gebüsch. Er rannte zwischen den Männern hindurch und stürmte direkt auf Pawel zu. Er prallte von ihm ab, als wäre er gegen eine Litfaßsäule gelaufen, fing sich aber schnell. Nachdem er sich kurz geschüttelt hatte, trommelten seine kleinen Fäuste pausenlos auf den Oberschenkel des Großen ein.

»Hau ab, du Zwerg!«, schnauzte der unwirsch und verpasste dem Kleinen eine gewaltige Ohrfeige, sodass der sich einmal um sich selbst drehte und vom Bootssteg ins Wasser stürzte.

In drei Schritten war Pepe bei ihm und zerrte ihn ans Ufer. Über ihm brüllte Isa wie ein Tier und sprang auf Pawels Rücken. Sie klammerte sich mit ihren Schenkeln fest und kratzte und schlug ihm von hinten ins Gesicht.

»Du Schwanzlutscher! Du miese, verdreckte Kackbratze! Ich kratz dir die Augen aus, du dämlicher Polacke!«

Was war nur mit der freundlichen Isabella vom Nachmittag geschehen? Wie konnte sie sich in so kurzer Zeit von einer liebevollen Mutter in eine fluchende Furie verwandeln? Selbst bei dem schwachen Licht sah Pepe, dass sie sich auch äußerlich verändert hatte. Die Grübchen waren verschwunden, genau wie der Zopf. Stattdessen hingen ihr die Haare strähnig im Gesicht, verdeckten zornig zusammengekniffene Augen und gefletschte Zähne.

»Alles klar bei dir, Kleiner?«, fragte Pepe.

»Meine Wange tut weh. Und die Daumen«, antwortete Isas Sohn.

»Zeig mal.«

Pepe nahm die Finger des Kleinen in seine Hände, strich sanft darüber und bewegte jeden einzelnen.

»Tut das weh?«, fragte er.

»Es geht.«

Anscheinend war nichts gebrochen.

»Du darfst die Daumen nicht in die Faust stecken, wenn du zuschlägst.«

»Warum denn nicht?«

»Na weil du dir die dann brechen kannst.«

»Warum denn?«

»Erklär ich dir später. Ich werde mal besser nach deiner Mutter sehen.«

Über ihnen drehte sich Pawel wie ein rumänischer Zirkusbär und versuchte, Isa von seinem Rücken zu schleudern. Dabei schlug er mit beiden Händen hinter sich, doch Isabella blieb unbeeindruckt. Die anderen Männer standen um das Paar herum und krümmten sich vor Lachen.

»Holt sie endlich mal von mir runter, ihr Affen!«, rief Pawel und schlug Isa erneut mit der flachen Hand hinter sich ins Gesicht.

Viel Wucht war allerdings nicht dahinter, sodass die junge Frau weiter festhielt und ihm einen tiefen, blutenden Kratzer quer über die Wange verpasste.

Pepe war jetzt um den Steg herum und lief auf die Gruppe zu. Zwei von Pawels Kumpanen stellten sich ihm sofort in den Weg. Einer von ihnen war der mit dem lockeren Zahn.

»Das ist eine Privatparty«, empfing der ihn und deutete mit seinem Zeigefinger auf Pepe. Dabei zeigte sein Daumen nach oben, so wie Kinder mit ihren Händen eine Pistole nachahmen. Pepe schnappte sich blitzschnell den hochstehenden Daumen. Seine rechte Hand war vom vielen Motorradfahren außergewöhnlich kräftig. So schlossen sich seine Finger wie ein Schraubstock um den gegnerischen Pistolendaumen. Ein kräftiger Ruck und der fleischige Daumen wurde aus der Gelenkpfanne gehoben. Dann kurz und heftig gegen die natürliche Bewegungsrichtung biegen und fertig. Ausgekugelt.

Der Mann schrie auf, als hätte ihm Pepe den Daumen abgerissen. Er versuchte, Pepes Finger mit seiner freien Hand zu lösen, doch der hielt eisern fest und erhöhte den Druck. Die Augen des Mannes wurden immer größer, seine Schreie lauter. Und als er glaubte, es könnte nicht schlimmer werden, legte Pepe prompt eine Schippe drauf. Das folgende Schmerzensgeheul ließ sogar Pawel kurz innehalten und auch Isa schaute von seinem Rücken interessiert herüber. Nun machte der zweite Anstalten, einzugreifen und seinem Kumpel aus der Not zu helfen. Als Pepe kurz den Kopf schüttelte und seinen Gegner erneut aufschreien ließ, hob der jedoch entschuldigend die Hände und drückte sich auf dem schmalen Steg schnell an beiden vorbei. Seine polternden, rennenden Schritte hallten lange nach.

Pepe hatte derweil den Daumen weiterhin fest im Griff und führte den dazugehörigen, auf Zehenspitzen tänzelnden Mann bis an den Rand der Anlegebrücke. Er ließ den Finger zurück ins Gelenk schnappen. Die Bänder waren wahrscheinlich überdehnt und würden sich eventuell entzünden. Mit etwas Glück war die Kapsel heil geblieben. Sofort klappte der Mann vornüber und presste sich beide Hände wimmernd zwischen die Schenkel. Pepe tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und stieß ihn rückwärts ins Wasser. Jetzt waren noch Pawel mit Isa auf dem Rücken und zwei Hobby-Soldaten übrig. Alle vier starrten Pepe verdutzt an. Isabella war als Erste wieder bei sich. Sie ließ sich von Pawel heruntergleiten und lief rückwärts zu Pepe hinüber.

»So ihr Fotzen, jetzt versohlen wir euch den Arsch!«, brüllte sie und ballte ihre Fäuste.

Pepe sah sie von der Seite an. Was war denn mit der los? Sie schien eine komplett andere Person als heute Nachmittag zu sein. Auf jeden Fall hatte ihre Ansage die anderen ebenfalls aus ihrer Starre gerissen. Pawel schlug seinen Kumpanen auf deren Rücken und schob sie auf Pepe und Isa zu.

»Greift sie euch!«, stachelte er sie an, während er sich mit dem Handrücken Blut aus dem Gesicht wischte.

Die Männer waren nicht durchtrainiert, aber anscheinend war das hier nicht ihre erste Prügelei. Ein Straßenkampf unterschied sich grundlegend von einer zigfach durchgespielten Verteidigungs- oder Kampfsportübung. Erstens hielt sich niemand an irgendwelche Regeln und zweitens war unter keinen Umständen vorherzusehen, was im nächsten Augenblick passieren würde. Eine Sache war jedoch bei beidem gleich: Wer den Kampf eröffnete, war im ersten Moment im Vorteil. Also nahm Pepe die Fäuste hoch und fuchtelte wie ein Schattenboxer vor den Gesichtern seiner Gegner herum. Die schienen nicht zu wissen, was sie davon halten sollten und folgten Pepes Bewegungen wie die Zuschauer bei einem Tennismatch. Die Köpfe drehten sich nach links, nach rechts und wieder zurück und keiner der beiden achtete auf Pepes Füße. Er trug zwar keine Kampfstiefel, dafür hatten seine Motorradschuhe einen verstärkten Zehenbereich. Der traf mit voller Wucht das Schienbein des linken Burschen. Pepe war sich nicht sicher, ob er ein Knacken gehört hatte, konnte sich allerdings gut vorstellen, dass zumindest das Schienbein gebrochen war. Erst klappte der Unterkiefer des Mannes nach unten und er riss seine Augen so weit auf, dass zu befürchten stand, sie würden aus ihren Höhlen kullern. Dann schnellte sein verletztes Bein nach oben. Er umklammerte es mit beiden Händen und begann auf dem anderen zu hüpfen wie ein Storch zur Balz.

»Da hast du es!«, brüllte Isa, sprang nach vorn, griff sich beide Ohren des Hobby-Soldaten und warf sich zu Boden. Dabei riss sie den Mann mit sich. Er knallte mit dem Kiefer voran auf den Bootssteg, verdrehte die Augen und blieb bewusstlos liegen. Sofort hockte sich Isa auf seinen Rücken und drosch auf ihn ein wie ihr Sohn nur Minuten vorher auf Pawel. Das Ganze war so schnell geschehen, dass der Partner des Storches eine Schrecksekunde brauchte, um zu realisieren, was geschehen war. Die reichte Pepe aus. Er landete einen perfekten Lebertreffer. Neben dem Schmerz, den ein Leberhaken auslöste, war das plötzliche Abfallen des Blutdruckes ein gewünschter Nebeneffekt. Es funktionierte. Der Hobby-Soldat fing an zu taumeln und kippte anschließend urplötzlich vom Steg, als hätte ihm jemand für einen Seemannsköpfer ein kleines Vermögen geboten. Nur dass unter ihm kein Wasser war. Somit blieb nur Pawel, der Große, übrig.

»Isa!«, rief Pepe.

Doch die hörte nicht. Wie von Sinnen schlug sie unentwegt auf den Rücken des Schienbeinverletzten ein, obwohl der noch immer bewusstlos war. Pepes Unterbewusstsein registrierte, dass auch sie ihre Daumen in den Fäusten hatte.

»Isabella!«, wiederholte Pepe. »Verschwinde hier!«

»Was?«

Isa starrte ihn mit blutunterlaufenen Augen an. Ihre Lippen hatten sich von den Zähnen zurückgezogen und wie sie so über ihrem Opfer hockte, sah sie aus wie ein Vampir, bereit zum tödlichen Biss.

»Verschwinde! Kümmer dich um Mark! Sofort!«

Sie stutzte. Ihre Gesichtszüge wurden plötzlich weicher und sie schaute erschrocken auf den unter ihr liegenden Mann. Dann blickte sie zu Pepe.

»Was ist los?«, fragte sie und war jetzt wieder die Frau vom Spielplatz.

»Du sollst abhauen! Dein Sohn braucht dich!«

»Mark!«, schrie sie auf. »Wo ist er?«

»Hier, Mama, ich bin hier!«

»Ich komme!«

Pepe atmete erleichtert auf, als er die beiden den Weg in Richtung Campingplatz entlangrennen sah.

»Jetzt sind nur noch wir zwei übrig.« Pawel grinste hämisch und zückte ein Bajonett, das länger war als Pepes Unterarm.

Warum waren heutzutage nur alle so verrückt auf Messer?

»Du hättest dich besser mit den anderen verpissen sollen«, blaffte Pawel und strich sich mit der Klinge über seinen Unterarm. Dabei rasierte er ein gutes Büschel Haare von seinem Handrücken.

Wahrscheinlich hatte er damit recht. Aber nun war es zu spät. Pepe lockerte seine Nackenmuskeln und zog den Klauenhammer aus dem Gürtel. Pawels Bajonett war ein Seitengewehr 42, in Suhl für die deutsche Wehrmacht entwickelt. Die Klinge war knapp achtzehn Zentimeter lang und lief in einer tödlichen Spitze aus. War es darüber hinaus richtig geschärft, wovon Pepe nach der Handrasur ausging, konnte es einem sehr hässliche Verletzungen zufügen, wenn der Angreifer im Umgang damit geübt war. Unglücklicherweise würde Pepe gleich herausfinden, ob das auf Pawel zutraf. Er war in seinem Leben schon mehrfach mit Messern angegriffen worden und hatte jedes Mal nur mit Mühe das Schlimmste verhindern können. Ein Motorradrocker hatte ihn fast aufgespießt und eine Chinesin hatte ihm beinahe die Kehle durchgeschnitten. Heute hatte er wenigstens einen Hammer zur Verteidigung dabei.

Die Lampe über ihnen hing an einer Eisenkette und fing bei einem heftigen Windstoß an zu zittern. Pepe ließ sich kurz davon ablenken und Pawel stach wie ein Degenfechter zu. Der Angriff kam zu ungestüm, nicht zielgenau, trotzdem ritzte die Klinge Pepes Unterarm auf. Blut quoll hervor. Das war der Weckruf, den er gebraucht hatte. Jetzt war er voll da. Adrenalin schoss durch Pepes System und schärfte alle seine Sinne. Wieder griff Pawel an, diesmal von der Seite, als wollte er Pepe mittig in zwei Hälften zerteilen. Das Messer zischte durch die Luft. Pepe riss seine Hüfte nach hinten wie der Vortänzer beim Aqua-Zumba. Die Hände samt Hammer flogen hoch in die Luft. Die Klinge zerfetzte sein T-Shirt auf Bauchnabelhöhe. Pawel wurde von seinem eigenen Schwung mitgerissen, machte einen Schritt zur Seite, nahe an den Rand des Steges heran. Sofort schlug Pepe mit dem Hammer zu, mit der Klaue voran, die eigentlich zum Herausziehen von Nägeln gedacht war. Doch Pawel war trotz seiner Größe schnell. Er packte den Laternenmast und schwang sich wie eine exotische Poledancerin um ihn herum, sodass er hinter Pepes Rücken auf dem Steg zu stehen kam. Die Holzkonstruktion schwankte bedenklich, als er schwer auf beiden Füßen landete. Pepe verlor kurz das Gleichgewicht, was ihm das Leben rettete. Seitwärts taumelnd ging Pawels Stoß ins Leere. Sein vorgestreckter Arm verpasste Pepes Niere haarscharf. Wieder holte der mit dem Hammer aus. Er traf Pawels Messerhand voll mit dem Hammerkopf. Ein Erste-Hilfe-Ausbilder hatte einmal mit Fachwissen glänzen wollen und die vielen kleinen Knochen aufgezählt, die sich rund um die Finger versammelten. Pepe war sich sicher, dass er mindestens die Hälfte davon zertrümmert hatte. Pawel grunzte schwer und ließ das Messer fallen. Dadurch ließ sich Pepe ablenken und übersah so den anfliegenden, linken Ellenbogen des Polen. Er hörte seine Nase brechen, wurde von den Füßen gerissen und stürzte rückwärts vom Bootssteg. Auch Pepe verpasste das Wasser, krachte mitten in ein Ruderboot. Das Sitzbrett zerbrach unter ihm. Der harte Aufprall drückte ihm die Luft aus den Lungen. Aus der gebrochenen Nase lief ununterbrochen Blut. Panisch rang Pepe nach Atem, versuchte sich aufzurappeln, als Pawel zu ihm ins Boot sprang. Er hatte sein Bajonett wieder, jetzt in der unverletzten, linken Hand. Pepe schob sich mit den Füßen nach hinten, während er mit beiden Händen nach dem Hammer tastete. War der mit ins Boot gefallen? Der große Pole stand breitbeinig direkt über ihm und warf, angestrahlt von der einsamen Laterne, einen langen Schatten. Trotzdem konnte Pepe sein hässliches Grinsen erkennen, das ihm schon bei ihrer ersten Begegnung unangenehm aufgefallen war. Das Ruderboot schwankte, Pepe versuchte, auf die Beine zu kommen. Doch Pawel stieß ihn mit seinem schweren Kampfstiefel grob zurück. Dann hob er das Messer wie Michael Myers in Halloween und fiel plötzlich vornüber. Sein massiger Körper begrub Pepe unter sich, das Bajonett schnitt tief in Pepes rechtes Ohr und blieb im Bootsholz stecken.

»Das war knapp. Das war wirklich knapp.«

Pepe konnte die Worte kaum verstehen. Pawel lag wie ein Alb auf ihm. Nur unter allergrößter Anstrengung gelang es ihm, den schweren Polen zur Seite zu schieben und sich unter ihm hervorzurobben. Endlich bekam er ausreichend Luft und atmete tief durch. Eine Schmerzwelle traf ihn wie ein Tsunami. Es gab praktisch keine Stelle seines Körpers, die nicht wehtat.

»Der hat Sie ja ganz schön zugerichtet. Ganz schön zugerichtet hat der Sie.«

Wer sprach denn da? Pepe blinzelte gegen das Licht der Laterne. Auf dem Steg stand Käpt’n Iglu auf eine Harpune gestützt und sah auf ihn herunter. Jedenfalls sah der Mann der Werbefigur aus dem Fernsehen verblüffend ähnlich.

»Da bin ich gerade rechtzeitig gekommen. Wirklich, da bin ich gerade rechtzeitig gekommen.«

Pepe wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, zuckte jedoch sofort zusammen, als er seine gebrochene Nase berührte.

»Sie sollten mal zügig aussteigen. Sie sollten jetzt wirklich zügig aussteigen. Ich habe ihn zwar gut getroffen, mit dem Ruder habe ich ihn gut getroffen, aber er wird wohl bald wieder zu sich kommen.«

Während der Alte sprach, strich er sich über seinen grauen Vollbart und warf das Ruder, das Pepe für eine Harpune gehalten hatte, zu ihm ins Boot. Es traf Pawel am Rücken, worauf der aufstöhnte, aber liegen blieb.

»Nun kommen Sie schon. Wirklich, kommen Sie schon. Wir werden Sie verarzten.«

Mit diesen Worten reichte er Pepe die Hand. Der griff zu und ließ sich auf den Steg helfen.

»Unser Wohnmobil ist gleich dahinten. Gleich dahinten steht unser Wohnmobil.«

»Einen Moment bitte«, sagte Pepe.

Er blieb kurz stehen, streckte den Rücken durch und hörte in seinen Körper hinein. Bis auf die gebrochene Nase und das verletzte Ohr schien er so weit okay zu sein. Von den blauen Flecken und Prellungen auf seinem Rücken mal abgesehen. Vorsichtig tastete er sein Gesicht ab und fühlte Blut an den Fingern.

»Ich mach mich nur ein bisschen sauber«, merkte Pepe an, stieg über den am Ufer liegenden Kopfspringer und stapfte bis zur Hüfte in den See. Das kalte Wasser tat gut. Er tauchte einmal komplett unter und kehrte dann zu seinem Retter zurück.

4

»Ihr seid ein jämmerlicher Haufen Schwachmaten! Schaut euch doch nur mal an! Selbst der Volkssturm war in besserem Zustand als ihr!«

Professor Kusch stand leicht versetzt hinter dem aufgebrachten Bison, wie Oleg Gorzka heimlich genannt wurde. Allerdings nur, wenn er es nicht hörte. Kusch musste dem millionenschweren Bauunternehmer leider recht geben. Trotz der martialischen Uniformen sah die Truppe wenig heldenhaft oder wenigstens annähernd soldatisch aus. Am schlimmsten hatte es wohl Pawel erwischt. Er trug seine rechte Hand in einer dicken Bandage, in die eine Packung Tiefkühlerbsen eingewickelt war. Trotzdem mussten sie gleich am nächsten Morgen einen Arzt ihres Vertrauens aufsuchen. Er war zwar kein Experte, aber Kusch vermutete, dass mindestens das Kopf- und Kahnbein, wahrscheinlich sogar das große und kleine Vieleckbein gebrochen waren. Der Hammer hatte einen ordentlichen Schaden angerichtet. Nur gut, dass Pawel kein Konzertpianist, sondern Polier in Gorzkas Firma war. Doch selbst in dieser Funktion war es äußerst nützlich, wenn man seine Hand vollumfänglich benutzen konnte. Zusätzlich zierte Pawels Hinterkopf eine riesige Beule. Ein Wunder, dass sein Schädel den Schlag ausgehalten hatte. Die Gehirnerschütterung, die der hünenhafte Pole ohne Zweifel erlitten hatte, steckte er bisher erstaunlich gut weg.

»Was für eine blamable Vorstellung«, fuhr Gorzka fort und schaltete, die Fernbedienung lässig über seine Schulter haltend, den Fernseher hinter ihm ein.

Eine Totale aus großer Höhe erschien auf dem Bildschirm. Langsam sank die Drohne ab und näherte sich der Maschinengewehrstellung in dem kleinen Wald auf der gegenüberliegenden Seite des Sees wie ein angreifender Tiefflieger. Jetzt war Pawel zu sehen, wie er aufsprang und das schwere MG auf die Angreifer richtete. Die boten tatsächlich einen jämmerlichen Anblick.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, das ist eine Spielszene aus The Biggest Loser! Seht euch Fettärsche doch nur einmal an! Da bewegt sich ja eine aufgeschreckte Kuhherde eleganter über das Feld!«

Während Gorzka verdrossen weiterschimpfte, ließ Kusch den Blick über die angetretene Truppe schweifen. Neben Pawel balancierte Ali auf einem Bein. Auch mit dem türkischstämmigen Polen mussten sie so bald als möglich zu einem Doktor. Sein Schienbein war definitiv gebrochen und nur notdürftig mit zwei hölzernen Kochlöffeln geschient worden. Außerdem hatte er eine böse Platzwunde am Kinn, die genäht werden sollte. Irgendjemand hatte ihm einen Verband um den Kopf gewickelt, sodass er wie eine Karikatur eines Mannes mit Zahnschmerzen aus den Zwanzigerjahren aussah. Merkwürdigerweise jammerte er nur darüber, dass ihm die Ohren wehtaten.

Auf Ali folgte eine Fingerverletzung. Dimitri hatte sich seine rechte Hand unter die Achsel geklemmt und atmete mit weit geöffnetem Mund geräuschvoll ein und aus. So war seine Zahnlücke gut zu sehen. Dabei ging die Schwellung seines Daumengelenks bereits wieder zurück.

Kamil sah am fittesten in der Reihe aus, von der Augenklappe und der leicht gekrümmten Körperhaltung abgesehen. Er hatte den Lebertreffer noch nicht vollständig verarbeitet und war bei seinem Sturz vom Steg mit dem linken Auge voran in einen Dornenbusch gefallen.

»Herr Professor, hören Sie mir überhaupt zu?«

Kusch zuckte zusammen. »Wie bitte?«

Den Bison reizte man besser nicht. Wie sein tierischer Namensvetter nahm der sonst Anlauf und rammte einen mit seinem Betonschädel gegen die Wand. Buchstäblich.

»Was sind Ihre nächsten Schritte nach dem Fehlschlag in Berlin, habe ich gefragt«, wiederholte Gorzka und kam dem Professor bedrohlich nahe.

Sie waren fast gleich groß, Kusch jedoch nur halb so schwer und mindestens doppelt so alt. Er war in Gedanken gewesen und hatte den Themenwechsel nicht mitbekommen. Das passierte ihm in letzter Zeit öfter. Leider hatte Gorzka recht. Berlin war tatsächlich ein Desaster gewesen. Nach mehr als zwei Jahren hatten sie endlich einen neuen Hinweis bekommen. Der Tipp kam von einer sehr vertrauenswürdigen Quelle. Leider hatte auch hier der im Wohnzimmer angetretene Volkssturm versagt. Besonders der beinverletzte Ali. Dabei war die Aufgabe leicht, der Plan wohldurchdacht gewesen. Kamil sollte sich als Pfleger getarnt in das Bundeswehrkrankenhaus Berlin einschleusen. Dort wurde eine Patientin behandelt, die laut Aussage ihrer Informanten Kontakt zu dem Objekt gehabt hatte, nach dem Oleg Gorzka und er, Professor Alexander Kusch, schon ihr Leben lang suchten. Und obwohl die Kontaktperson die kranke Soldatin als schwach und bettlägerig beschrieben hatte, war sie robust genug gewesen, um Kamil den Hintern zu versohlen. Vielleicht war die Hodenverletzung, die er aus Berlin mitgebracht hatte, sogar der Grund, warum er noch immer nicht gerade stehen konnte.

»Herr Professor, ich warte!«

Gorzka trat jetzt so nah vor Kusch, dass sich fast ihre Nasenspitzen berührten. Unwillkürlich hielt der Professor die Luft an, da er die Knoblauchwolke, die ihm entgegenschlug, nicht aushalten konnte. Obwohl der Spitzname Gorzkas recht martialisch klang, sah er eher wie der typische Bauernjunge aus einem russischen Märchen aus. Er war nicht dick, eher kräftig, mit Pausbacken, die im Moment rot glühten und strohblonden Haaren, die in einer Prinz-Eisenherz-Gedächtnis-Frisur geschnitten waren.

»Wir werden nicht erneut ins Krankenhaus gehen«, antwortete Kusch endlich.

»Das hätte ich Ihnen auch nicht geraten«, entgegnete Gorzka und warf einen verächtlichen Blick auf Kamil.

Der nestelte sich daraufhin nervös an seinem Schritt herum.

»Ich habe mich mit unserer Kontaktperson geeinigt. Sie wird die Informationen hierherbringen lassen.«

»Doch nicht zu mir!«, donnerte Gorzka aufgebracht. »Sie wissen ganz genau, dass meine Frau keine Geschäfte in unserem Wochenendhäuschen duldet!«

Ja, das wusste der Professor. Der große starke Bison stand dermaßen unter dem Pantoffel, dass die Männer, die in schwarzen SS-Uniformen mit dem zugehörigen Totenkopf am Revers vor ihnen standen, bunte Filzhausschuhe trugen, um den Teppich nicht schmutzig zu machen. Und das, obwohl seine Frau, die schöne Helena, noch nicht mal im Haus war. Kusch hatte es nie verstanden, wie Frauen eine solche Macht über das andere Geschlecht ausüben konnten. Wahrscheinlich aber auch, da er sich von jeher eher zu Männern hingezogen fühlte.

»Nein, wir treffen uns auf dem Campingplatz«, erwiderte der Professor.

»Wann?«

Gorzkas Augen glühten vor Aufregung. Seine Nasenflügel zitterten. Kusch konnte die Anspannung sehr gut nachvollziehen. Ihm ging es nicht anders. Wenn die Kontaktperson recht hatte, dann standen sie kurz davor, die Entdeckung ihres Lebens zu machen.

»Schon morgen.«

Gorzka schloss kurz die Augen.

»Wie viel?«, wollte er als Nächstes wissen.

»Bei einem Kurs von etwa eins zu drei reden wir von einer Milliarde Euro. Aufgerundet«, gab der Professor bereitwillig Auskunft und ein Raunen lief durch den Raum.

»Das weiß ich selbst!«, blockte Gorzka ab und schaute zwischen den angetretenen Männern und dem Professor hin und her.

Augenscheinlich war es ihm nicht recht, dass Kusch die Summe ausgeplaudert hatte.

»Wie viel kostet mich die Information, will ich wissen!«

»Fünfzigtausend.«

»Euro?«

Der Professor kniff kurz die Augen zusammen. Was denn sonst, Zloty?

»Ja, Euro«, antwortete er ruhig.

Oleg Gorzka atmete schwer aus.

»Sie geben mein Geld mit vollen Händen aus, Herr Professor. Erst quartieren sich Ihre Leute im Ritz-Carlton in Berlin ein und hinterlassen eine horrende Rechnung, ohne dass die Unternehmung von Erfolg gekrönt war, und jetzt das!«

»Eigentlich sind das Ihre Leute, nicht meine«, hielt der Professor dagegen.

»Das stimmt leider. Aber der Schuldige wird seiner Strafe nicht entgehen.«

Kamil wurde mit einem Mal kreidebleich und kippte noch weiter zur Seite, als er eh schon stand.

»Wir kehren heute nach Danzig zurück. Pawel und Kamil kommen mit. Der Rest bleibt hier und unterstützt den Professor. Wegtreten!«

Als Kusch sich auch zum Gehen wandte, pfiff Gorzka ihn zurück.

»Ich werde Ihnen die fünfzigtausend geben«, sagte er, als sie allein im Zimmer waren. »Allerdings ist das Ihre letzte Chance. Wenn Sie damit nicht zum Ziel kommen, suche ich mir einen anderen Wissenschaftler und mauere Sie in meinen nächsten Appartementblock ein.«

Das war kein Scherz. Der Professor hatte mehrere Männer aus Gorzkas Umfeld verschwinden sehen. Bei einem war er sich ziemlich sicher, dass der seine letzte Ruhe direkt hinter ihnen im See gefunden hatte. Zerkleinert in winzige Stücke. Der Kerl war erst Gorzkas Frau und dann einem Profihäcksler zu nahegekommen. Da sie ihn mit den Füßen voran in den Einführschacht gesteckt hatten, waren seine Schreie erst sehr spät verklungen.

Gorzka starrte Kusch aus seinem pausbäckigen Gesicht an. Der Professor hielt seinem Blick, ohne zu zwinkern, stand. Endlich ließ Gorzka von ihm ab und lief zu einem großen Wandgemälde hinüber. Kusch war sich ziemlich sicher, dass Gorzkas Frau das Bild gemalt hatte. Nach Zahlen. Es war mit Scharnieren an der Wand befestigt. Der Bison liebte es, sich mit einer Geheimagentenaura zu umgeben. Hinter dem Gemälde kam ein Wandtresor zum Vorschein. Gorzkas Daumenabdruck entriegelte die Tür. In dem Safe stapelten sich Geldscheine bis in die letzte Ecke. Sorgsam, wie bei einem Jenga-Spiel für Millionäre, zog Gorzka fünf Bündel hervor und warf sie dem Professor zu.

»Ihre letzte Chance!«, wiederholte er drohend.

Kusch war froh, als er Gorzkas Haus verlassen hatte. Er konnte den Kerl nicht ausstehen, brauchte ihn aber. Ohne die finanziellen Mittel des Baumoguls hätte er seine Suche nicht fortführen können. Dabei ging es dem Professor nicht um das Geld. Für ihn zählte der künstlerische Wert, das Vermächtnis und wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch der Ruhm. Was sollte er schon mit einer Milliarde Euro anfangen? Für die knappe Zeit, die ihm noch auf Erden blieb, hatte er längst ausgesorgt. Und wenn man bedachte, dass er sich seinen Lebensstandard selbst erarbeitet und erkämpft hatte, ohne fremde Hilfe, konnte er mit Recht stolz darauf sein.

Er war als Waisenjunge aufgewachsen, hatte sich von klein an gegen Größere und Stärkere zur Wehr setzen müssen. Nur klüger als er war kaum jemand gewesen. Mit seinem messerscharfen Verstand hatte Kusch es geschafft, trotz aller Widrigkeiten eine akademische Laufbahn einzuschlagen und seine dunkle Seite vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Oleg Gorzka und er hatten sich zufällig getroffen. Wie das Leben manchmal so spielte. Gorzkas Firma hatte den Zuschlag für den Forschungsneubau der Erfurter Universität erhalten, an der Kusch an der Theologischen Fakultät lehrte. Die Feierlichkeiten anlässlich des Spatenstichs hatte er als notwendiges Übel empfunden und kurz davorgestanden, das Weite zu suchen, als er dem cholerisch in sein Telefon brüllenden Gorzka über den Weg gelaufen war. Polnisch hatte der Professor damals seit Langem nicht mehr gehört oder gesprochen. Die vertrauten Laute hatten ihn innehalten lassen. Und er hatte ganz gegen jede Etikette dem Gespräch gelauscht. Die Diskussion hatte sich um Ostpreußen gedreht. Natürlich. Zu der Zeit wie auch heute kannte Gorzka nur zwei Themen. Entweder ging es darum, seinen Profit, den er aus seinem Bauimperium zog, zu maximieren, oder darum, Erich Kochs verschwundenes Vermögen aufzuspüren.

»Was willst du?«, hatte Gorzka ihn damals angeblafft und dabei sein Telefon zugehalten.

»Ich kann Ihnen helfen«, hatte Kusch auf Polnisch geantwortet, wobei es ihm anfangs schwergefallen war, sich an die richtigen Worte und deren korrekte Aussprache zu erinnern.

»Kein Interesse«, hatte Gorzka abgewinkt und sich nach Pawel umgesehen, der ihm schon als Leibwächter diente.

Doch dann hatte der Professor ein Detail erwähnt, das Gorzka hatte aufhorchen lassen. Seitdem waren sie ein Team. Eine Zweckgemeinschaft, vereint mit einem Ziel.

»Wohin geht es, Professor?«

»Wie bitte?«

»Wohin wir fahren?«, wiederholte Herr Daras seine Frage.

Er saß hinter dem Lenkrad des Kübelwagens und schaute Kusch erwartungsvoll an.

»Ach ja«, murmelte der Professor und sah sich um, als sei er sich nicht sicher, wo er sich im Moment befand.

Auch das passierte ihm in letzter Zeit öfter. Sein Gehirn verbiss sich in ein Thema und schaltete dabei seinen Körper in eine Art Stand-by-Modus. Wenn er wieder aufwachte, konnte er sich oft nicht erinnern, wie er an den jeweiligen Ort gekommen war.

»Das Buch bitte«, bat er Daras, der in Romanen des 18. Jahrhunderts wohl als Diener bezeichnet worden wäre. Pfleger traf es mittlerweile besser.

Daras beugte sich zum Rücksitz und angelte einen Rucksack hervor. Er musste nicht lange suchen, das Buch lag ganz oben. In den letzten Wochen hatten sie es oft benutzt.

»Und?«

»Dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig«, entgegnete Daras.

Mit der Zunge im Mundwinkel malte Kusch daraufhin die entsprechende Zeigerstellung in ein vorgetragenes Ziffernblatt ein und zeigte Daras das Ergebnis.

»Stimmt«, bestätigte der und nahm dem Professor das Buch ab.

»Sehr gut.« Kusch war erleichtert. »Der Uhrentest gehört zur Gruppe der psychometrischen Prüfungen und kann die Früherkennung einer Demenz unterstützen.«

»Sehr wohl, Herr Professor.«

»Und, Daras, zahlen Sie das Geld auf mein Konto ein«, ordnete der Professor an und reichte den Packen Geldscheine zu ihm hinüber.

5

»Sie hätten ja auch duschen gehen können. Das hätten Sie wirklich, duschen gehen können.«

Der Mann schüttelte den Kopf als verstünde er die Welt nicht mehr. Merkwürdigerweise kam er Pepe bekannt vor. Ob es an der Ähnlichkeit zur Fischstäbchen-Werbefigur Käpt‘n Iglu lag? Der weiße Vollbart verdeckt das gesamte Gesicht. Und da sie nun außer Reichweite der Licht spendenden Steglaterne waren, konnte Pepe weitere Einzelheiten nicht richtig erkennen.

»Die Nase sieht schlimm aus. Wirklich schlimm sieht die Nase aus. Das muss sich Isa anschauen.«

Wieso wiederholte er denn alles, was er sagte?

»Das ist nicht nötig«, winkte Pepe ab. »Ich gehe lieber zu meinem eigenen Wohnwagen.«

»Bestimmt nicht. Ganz bestimmt nicht.«

Vom Bootssteg waren es nur knapp einhundert Meter bis zum Zeltplatz. Als sie aus dem Wald auf den freien Platz traten, wurden sie bereits erwartet.

»Mann, war das ein Kampf! Wie der mit dem Messer auf dich los ist! Wie im Fernsehen. Ich dachte echt, es wäre aus mit dir, als du in das Boot geknallt bist. Exitus, Ende und vorbei. Gut, dass Onkel H da war und dem Kerl eins mit dem Paddel übergezogen hat. Mama wartet auf euch. Sie hat den Sanikasten ausgepackt.«

Mark hüpfte aufgeregt vor ihnen auf und ab und hörte gar nicht mehr auf zu plappern.

»Ist schon gut«, unterbrach ihn Pepe. »Ich komme zurecht.«

»Ach was«, widersprach der Kleine und griff sich Pepes Hand. »Das sind wir dir schuldig, meint sie. Du hast uns gerettet. Manchmal ist Mama nämlich nicht sie selbst, weißt du? Ab und an übernimmt ihre böse Tante das Kommando, sagt sie immer. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Aber sie ist dann oft sehr gemein, auch zu mir. Und zu Onkel H. Irgendwann geht das vorbei und hinterher kann sie sich nicht mehr daran erinnern.«

Obwohl sich Pepe wehren wollte, ließ er sich von Mark zu einem einsam stehenden Wohnwagengespann hinüberziehen. Als Zugfahrzeug diente ein olivgrüner Bulli T2, der in vielen Bundeswehreinheiten noch immer treu seinen Dienst verrichtete. Hintendran hing ein Campingwagen, der rein äußerlich in keinem besseren Zustand als Pepes aktuelle Behausung war. Allerdings war der Außenbereich sehr heimelig eingerichtet. Vor dem Gespann stand ein kleines Zelt, daneben ein Campingtisch, wie Pepe ihn von den Zelturlauben mit seinen Eltern kannte. Um ihn herum drei gemütliche Stühle. Das Ganze war mit einem großen Sonnensegel überspannt, unter der eine gasbetriebene Laterne brannte. Neben dem Eingang zum Wohnwagen war eine kleine, praktisch eingerichtete Küchenzeile aufgebaut. Es gab sogar einen Blumenkasten mit verschiedenen Kräutern darin. Das Ensemble komplettierte ein winziges Igluzelt.

»Cool, was? Hier wohnen wir. Onkel H in dem Bus, Mama und ich im Anhänger. Aber ich darf oft im Zelt schlafen. Da ist sie ja. Und guck, sie hat den Verbandskasten in der Hand.

Schau, Mama, das ist der Paco. Total nass ist der. Mann, war das eine Klopperei. Wie im Fernsehen!«

Um seine Worte zu unterstreichen, sprang und schlug Mark durch die Luft wie ein zweiter Bruce Lee. Isabella sah nun wieder wie am Nachmittag aus. Der Zopf und die Grübchen waren zurück, der Furcht einflößende Gesichtsausdruck verschwunden.

»Ist ja gut, Mark. Jetzt bring den Paco mal her«, empfing sie die Dreiergruppe. Auch ihre Ausdrucksweise hatte sich verändert. Sie fluchte nicht mehr wie ein angetrunkener Bierkutscher.

»Das ist absolut nicht nötig«, blockte Pepe ab und wollte sich gleich umdrehen.

»Doch ist es. Doch ist es wirklich«, fiel ihm jetzt Onkel H in den Rücken und schob ihn auf Isa zu. »Sie wird sich gut um Sie kümmern, das wird sie wirklich. Ich geh ins Bett. Gute Nacht, wirklich, Gute Nacht!«

Damit kletterte Käpt‘n Iglu in seinen Bus und zog die Tür hinter sich zu.

»Du bist ja ganz nass! Du musst sofort aus den Klamotten raus. Oh, und die Nase und das Ohr! Warte, ich helfe dir!«

Isa stellte aufgeregt den Erste-Hilfe-Kasten auf den Tisch und zog Pepe näher an die Laterne.

»Die Nase ist gebrochen!«, stellte sie ernst fest und betastete die Verletzung vorsichtig.

Pepe zuckte zusammen und verbiss sich einen Schmerzensschrei. Warum mussten Frauen immer mit ihren Fingern gucken?

»Wir sollten einen Krankenwagen rufen.«

»Nein!«, entgegnete Pepe schroff.

»Oder wenigstens die Polizei.«

»Erst recht nicht«, wehrte Pepe ab, hielt dann aber inne.

Eigentlich hatte Isa recht. Sie war schließlich angegriffen worden. Und wenn sie die Behörden einschalten wollte, durfte er sie nicht davon abhalten.

»Möchtest du Anzeige erstatten?«, fragte er deswegen sanfter.

»Nein!«, erwiderte Isa genauso hastig wie Pepe eben.

»Wir wollen keine Bullen«, belehrte ihn Mark, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

»Gut«, antwortete Pepe.

»Gut«, bestätigte Isa. »Setz dich!«

Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. Also gehorchte Pepe.

»Mark, gib mir mal die Watte und das Jod.«

Anscheinend hatten die beiden des Öfteren auf dem Medizinsektor zusammengearbeitet. Routiniert öffnete der Kleine den Verbandskasten und suchte das Gewünschte heraus.

»Ich denke, die Nase können wir mit zwei Hälften eines Zungenspatels und einem groben Heftpflaster stabilisieren. Das Ohr sieht im Grunde schlimmer aus, als es ist. Muss wohl nicht genäht werden.«

»Bist du Ärztin?«

»Nein. Ich habe allerdings viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Aber nun genug gequatscht. Raus aus den Klamotten!«

»Das geht schon«, entgegnete Pepe schnell, obwohl er tatsächlich fror. Ein Bad in voller Montur zu nehmen, stellte sich jetzt als blöde Idee heraus.

Doch Isa machte sich längst an seinem Gürtel zu schaffen.

»Mark, hol dem Paco mal ein großes Handtuch. Das mit der Sonnenblume drauf«, wies sie ihren Sohn an, packte Hosen- und Boxer-Shortbund gemeinsam und legte Pepe mit einem kräftigen Ruck untenrum frei.

»Ja, Mama!« Mark flitzte davon.

»Schaffst du die Schuhe allein?«

»Was?«

Pepe konnte sich im Moment nicht wirklich konzentrieren, da ihm Isa wie bei einem kleinen Jungen das zerschnittene T-Shirt über den Kopf zog. Sie hielt es gegen das Licht der Laterne und betrachtete den langen Schlitz.

»War wohl sehr scharf das Messer, was?«, fragte sie.

»War es«, bestätigte Pepe.

»Die Haut ist nur leicht geritzt worden«, stellte Isa fest und fuhr mit ihrem Zeigefinger zart die rote Schramme ab, die sich quer über Pepes Oberkörper zog.

Der schluckte und trat sich seine Schuhe von den Füßen.

»Na also, geht doch«, freute sich Isa und befreite Pepe von Hose und Unterhose, die bereits um seine Knöchel hingen.

»Hier, Mama!«

Mark reichte Isa das Handtuch und sie fing gleich an, Pepe trocken zu reiben. Erst den Oberkörper, anschließend den Rücken.

»Die Rückseite sieht auch nicht besonders gut aus«, stellte sie fest, was sie allerdings nicht davon abhielt, kräftig darüber zu reiben. Als sie tiefer ging, griff Pepe nach ihren Händen.

»Danke, den Rest schaff ich allein.«

»Gut, dann beeil dich und setz dich hin, damit ich nach der Nase und dem Ohr sehen kann.«

Pepe tat wie ihm befohlen, wischte sich halbherzig trocken, wickelte sich das Handtuch um die Hüfte und nahm wieder Platz. Tatsächlich fühlte er sich schon etwas besser.

»So, nun den Kopf zurück«, ordnete Isa als Nächstes an und begann, Pepes Verletzungen zu säubern.

Mark schaute mit großen Augen zu, lief von einer auf die andere Seite, stellte sich auf Zehenspitzen, um ja nichts zu verpassen.

»Leider habe ich keine Schmerztabletten mehr«, sagte Isa, als Pepe zusammenzuckte, da das Jod im offenen Schnitt an seinem Ohr brannte.

»Macht nichts«, antwortete er durch zusammengebissene Zähne. »Die schlagen bei mir eh nicht so gut an.«

»Ich habe deine vielen Narben gesehen. Was bist du, Stuntman, oder was?«

»So etwas Ähnliches«, wich Pepe aus.

»Ich habe im Anmeldebuch nachgesehen«, korrigierte Mark. »Er ist Soldat.«

»Was?«, stutzte Pepe.

Er hielt Isas Hand fest und richtete sich in seinem Stuhl auf, um den Kleinen besser sehen zu können. Nach dem Beruf war in dem Formular überhaupt nicht gefragt worden.

»Kannst du denn schon lesen?«

»Klar, ich bin fast acht.«

»Und warum bist du dann nicht in der Schule?«

»Weil es Nacht ist, da haben die zu.«

»Nein, ich meine generell. Nicht jetzt. Warum gehst du nicht zur Schule?«

»Geh ich doch. In Malchow. In die Goetheschule.«

»Und ihr wohnt hier auf dem Zeltplatz? Die ganze Zeit? Macht keinen Urlaub?«

»Klar.«

Isa drückte Pepe wieder zurück und zerbrach einen Zungenspatel, um eine provisorische Schiene an die gebrochene Nase zu legen.

»Warum denkst du, dass ich Soldat bin?«, fragte Pepe und es klang ein wenig nach Kermit, dem Frosch, da Isa ihm die Nasenflügel zudrückte.

»Weil du die Stauffenbergstraße 18 in Berlin als deine Adresse angegeben hast.«

»Und?«

»Dort ist das Verteidigungsministerium und kein Wohnhaus weit und breit.«

Verdammter kleiner Schlaumeier. Der könnte glatt mit der neunmalklugen Angelika Holm, Beates Nichte, verwandt sein. Schnell verdrängte Pepe den Gedanken an die Eisenacher Kommissarin. Dem Problem würde er sich später widmen – widmen müssen. Ihr letztes Aufeinandertreffen hatte ein beachtliches Gefühlschaos in ihm hinterlassen. Jetzt war es wohl besser, selbst in die Offensive zu gehen.

»Was ist denn mit Onkel H?«, fragte er, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

»Was soll denn mit Onkel H sein?«, stellte Mark die Gegenfrage.

»Ist er, ich meine, gehört er, besser gesagt, deine Mutter und er ...«

»Ob er ihr Stecher ist? Nein. Wir sind gute Freunde. Sie haben sich in einer Einrichtung kennengelernt und sind zusammen von dort abgereist.«

»Einer Einrichtung?«

»Mark, ab ins Bett!«, fuhr Isabella dazwischen.

Grob drückte sie ein Pflaster auf Pepes Ohr, sodass der einen Schmerzensschrei nur knapp unterdrücken konnte.

»Mann, Mama!«, schmollte Mark und lehnte sich mit seinem Oberkörper auf den wackligen Campingtisch.

»Nichts Mann, Mama. Ab ins Bett. Aber vorher bringst du uns noch bitte Harrys Medizin und zwei Gläser.«

Erst sah es so aus, als wollte Mark weiter protestieren, am Ende gehorchte er doch. Er lief zum Wohnwagen hinüber und kam mit einer großen Glasflasche ohne Etikett und zwei Zahnputzbechern zurück. Dann trottete er mit hängenden Schultern zu dem Igluzelt und krabbelte hinein.

»Er ist ein guter Junge«, merkte Isa an und goss die Becher randvoll.

Sie drückte Pepe einen in die Hand, zog einen Campingstuhl neben Pepe, setzte sich ebenfalls und prostete ihm zu. Pepe stieß mit ihr an und nahm einen ordentlichen Schluck. Das Zeug brannte wie Feuer und lief wie Batteriesäure seine Kehle hinunter. Er konnte sogar spüren, wie die Flüssigkeit im Magen ankam und sich großflächig verteilte.

»Was ist das?«, fragte er nach Luft japsend.

»Keine Ahnung.« Isa leerte ihren Becher in einem Zug, als wäre es Leitungswasser. »Aber wo die Flasche herkommt, gibt es noch mehr.«

»Und, bist du einer?«, hakte Isa nach und goss nach.

»Was für einer?«

»Na ein Soldat.«

»Ja.«

»Und du machst hier Ferien?«

»So ungefähr.«

»Läufst du vor etwas weg?«, fragte Isa als Nächstes und Pepe wurde das Gefühl nicht los, dass sie anfügen wollte: »So wie ich?«

Er antwortete nicht, schloss die Augen und sank tiefer in den Campingstuhl. Harrys Medizin hatte es echt in sich. Ihm wurde bereits schummrig, er war kurz davor, einzudösen.

»Lass uns zum See gehen!«, rief Isa plötzlich und sprang auf.

»Was?« Pepe schrak hoch.

»Zum See!«, wiederholte sie, griff sich Pepes Hand und zerrte ihn hoch.

In der Mitte des Zeltplatzes gab es eine vom Uferbewuchs befreite Badestelle mit mehreren Sitzbänken. Isabella zog Pepe wie ein unartiges Kind hinter sich her, die Medizinflasche in der anderen Hand haltend. Pepe hatte Mühe, das Handtuch festzuhalten. Sie rannten an mehreren Wohnwagen vorbei und Pepe hoffte nur, dass sie nicht über eine der vielen Spannschnüre stürzen würden.

»Ist doch schön hier, oder nicht?«, fragte Isa, als sie eng nebeneinander auf einer der Bänke saßen. »Und schau nur, die vielen Sterne!«

Pepe legte den Kopf in den Nacken und musste ihr recht geben. Einen so klaren Himmel mit einem unendlich scheinenden Sternenteppich hatte er seit Afghanistan nicht mehr gesehen.

»Oh, schau mal! Eine Sternschnuppe!«

»Das ist ein Flugzeug.«

»Gar nicht. Ist viel zu tief«, entgegnete Isa enttäuscht und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.

»Dann eben ein Hubschrauber.«

»Du bist echt ein Romantiker. Hier, trink was!«, polterte sie und rammte Pepe die Flasche in die Seite.

Der seufzte und ließ die Medizin in seine Kehle rinnen. Beim zweiten Mal schmeckte das Zeug nicht mehr ganz so garstig.

»Und jetzt gehen wir schwimmen!«

»Was?«

Pepe dachte, sich verhört zu haben. Doch Isa fing bereits an, sich auszuziehen. Erst die Flip-Flops. Danach zog sie sich ihre Bluse über den Kopf und ließ den BH-Verschluss aufschnappen. Als Frau musste man ganz schön gelenkig sein. Dass Isabella das war, bewies sie, als sie ihre Shorts mit durchgestreckten Beinen nach unten schob und Pepe dabei fast ihren Hintern ins Gesicht rammte. Natürlich war der String zum Schwimmen zu viel Stoff und so flog er auf den Sachenhaufen.

»Kommst du?«, fragte sie, als sie fertig war und stemmte ihre Hände in die Hüften, wobei ihre Brüste auffordernd auf und ab hüpften.

»Ich weiß nicht.« Pepe war unentschlossen.

»Pft!« Isa zuckte die Schultern und rannte los.

Pepe schaute sich um. In den umstehenden Wohnmobilen und Campingwagen brannte kein Licht. Trotzdem konnte hinter jedem Fenster ein Gaffer stehen und mit offenem Mund Isas Körper bestaunen. Und sehenswert war der wirklich. Wider besseres Wissen nahm Pepe einen weiteren Schluck aus der Flasche, ließ sein Handtuch fallen und lief Isa hinterher.

Das Wasser war kalt und ganz und gar nicht Pepes Element. Als Fertigkeitsnachweis im Bereich der Grundfitness sollte jeder Soldat einmal im Jahr zweihundert Meter in sieben Minuten schwimmen. Pepe war jedes Mal froh, wenn es vorbei war. Zum Glück reichte ihm im Moment das Wasser des Sees nur bis zum Knöchel. Seine Zehen gruben sich tief in den schleimigen Schlick, der den Uferbereich bedeckte.

»Ist das herrlich!«, rief ihm Isa zu.

Sie war bereits so weit hinausgeschwommen, dass Pepe sie im Dunkeln kaum erkennen konnte.

»Ja, super«, grummelte er und wagte sich bis auf Knietiefe vor.

An seinen letzten Wasserkontakt dachte er nur ungern zurück. Damals wäre er im Jadebusen beinahe draufgegangen.

»Noch zwei Schritte, damit der kleine Paco wenigstens nass wird«, lachte Isa und tauchte unter.

»So klein ist der gar nicht«, dachte Pepe, sah an sich herunter und dann wieder hoch.

Wo blieb sie nur? Konnte sie tatsächlich so lange die Luft anhalten? Die Badebucht war keine fünfzig Meter breit und wurde rechts und links von weit in den See reichenden Schilffeldern begrenzt. War sie dort hineingeschwommen und versteckte sich darin? Wenn es bloß nicht so dunkel gewesen wäre. Das mondlose Sternenlicht reichte allenfalls, um Konturen zu erkennen. Was? War da etwas um seine Beine geschwommen? Pepe machte langsam einen Schritt seitwärts und zuckte unwillkürlich zusammen, als etwas seine Wade streifte. Ein Fisch?

»Isabella!«, rief er und schnellte erschrocken herum, als es hinter ihm im Schilf raschelte.

Doch statt einer nackten Frau kam ein Schwan aus dem Dickicht und schaute Pepe mindestens ebenso vorwurfsvoll an wie die Ameise aus seinem Wohnwagen. Lautlos schwebte das Tier mit hochgeregtem Hals an ihm vorbei. Überhaupt war es gespenstisch still. Nur das leise Plätschern der Wellen, die sich am Ufer brachen, war zu hören.

»Isa!«, rief Pepe erneut, dieses Mal leiser, fast flüsternd.

Dabei ging er tiefer in den See hinein und schrak zusammen, als der kleine Paco in das kalte Nass eintauchte. Nicht nur deswegen bekam er eine Gänsehaut. Was sollte er nur Mark und Onkel Harry sagen? Sorry, Kleiner, aber wir waren nackig schwimmen und ich habe deine Mama verloren? Sie ist ertrunken.

Bestimmt. Niemand konnte so lange unter Wasser bleiben. Pepe duckte sich tief über die Seeoberfläche, starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit – und wurde plötzlich umgeworfen. Er verlor den Halt und fiel klatschend auf den Rücken. Panisch mit Armen und Beinen strampelnd japste er nach Luft. Wasser drang in seine gebrochene Nase und brannte in der Ohrwunde. Jemand drückte ihn nach unten, mit seinem gesamten Körpergewicht. Ein nackter Jemand. Ein nackter Jemand mit einem weichen Körper und geschickten Händen. Prustend versuchte sich Pepe zu befreien und wieder auf die Füße zu kommen. Endlich bekam er seinen Kopf aus dem Wasser.

»So klein ist der gar nicht«, hörte er Isa lachen, bevor sie erneut abtauchte und einen weiteren Angriff auf Pepes Körpermitte startete.

Dieses Mal war er besser vorbereitet. Er fand Isas linke Hand, drehte sie mit seiner rechten auf ihren Rücken und umklammerte ihr Kinn mit links, wobei sein Unterarm auf ihren vollen Brüsten zu liegen kam.

»Wow, wo lernt man denn so was?«

»Im Rettungsschwimmkurs.«

Dass er dabei beinahe ertrunken wäre, verriet Pepe lieber nicht.

»Ja, rette mich!«, hauchte Isa und rieb ihren Po an Pepes Leiste.

»Später vielleicht. Wir sollten langsam raus aus dem Wasser«, entgegnete Pepe und ließ Isa los.

»Och, warum denn? Bist du sicher?«, sagte die und wand ihren nackten Oberkörper wie eine indische Tempeltänzerin.

Pepe schaute ihr wie hypnotisiert zu und bekam einen trockenen Mund. Er schluckte und leckte sich mit der Zunge über die Lippen.

»Na was jetzt? Willste nur gucken, oder auch anfassen?«

Wenn er nicht augenblicklich die Kurve kriegte, war es zu spät. Auf keinen Fall durfte er auf den kleinen Paco hören. Der hatte mittlerweile ein gieriges Eigenleben entwickelt.

»Es ist reichlich spät. Und kalt. Wir sollten zurückgehen«, brachte Pepe endlich heiser hervor und wich von Isa zurück, als drohte die zu explodieren. Und nicht er.

»Du Spielverderber. Weißt du, wie lange ich schon keinen kleinen Paco mehr hatte? Jedenfalls keinen ohne Batterie?«

»Nein.«

»Siehste, ich auch nicht.«

»Ein andermal.«

»Versprochen?«

»Versprochen«, antwortete Pepe.

Damit war Isa anscheinend zufrieden. Sie seufzte, nahm Pepe zum wiederholten Mal an die Hand und zog ihn zum Ufer. Dort ließ sie ihn stehen, sammelte ihre Sachen auf und verschwand ohne ein weiteres Wort. Pepe sah zu, wie sie sich in der Dunkelheit aufzulösen schien. Was für eine Frau!

Er griff sich das Handtuch und warf es sich um wie eine römische Toga. Die Flasche mit Harrys Medizin fest umklammert machte er sich schließlich, einen letzten, unsicheren Blick in Richtung Isas Wohnwagen werfend, auf den Weg zu seiner Unterkunft. Sollte er vorher noch mal am Bootssteg vorbeischauen? Was, wenn die Polen ernsthaft verletzt waren und Hilfe brauchten?

6

»Aufmachen, Polizei!«

Pepe drehte sich auf die andere Seite.

»Machen Sie sofort die Tür auf!«

Pepe zog sich die Decke über den Kopf, die eigentlich Isas Handtuch war. Das mit der Sonnenblume drauf.

»Herr Morgenweck, wir wissen, dass Sie da drin sind!«

Morgenweck? Jetzt richtete sich Pepe doch in seinem Bett auf. Er blinzelte verdutzt. Es war verdammt hell, wo auch immer er war. Langsam schwang er die Beine von der Matratze und stellte seine Füße schwer auf den Boden. Morgenweck war tot. Leider. Was wollten die Kasper denn zu nachtschlafender Zeit von ihm? Und warum brummte ihm der Schädel, als hätte sich ein Schwarm Killerbienen darin eingenistet? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Mühsam hievte sich Pepe aus dem Bett hoch und stolperte zum Eingang. Wenigstens fiel ihm wieder ein, dass er in einem Wohnwagen mitten in der mecklenburgischen Provinz steckte. Trotzdem hatte Pepe Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Er stieß die Tür mit Schwung auf und musste sich am Rahmen abstützen, um nicht hinterherzufallen. Auf der gegenüberliegenden Seite zogen zwei uniformierte Polizisten synchron ihre Dienstpistolen und legten auf ihn an.

»Lassen Sie die Waffe fallen!«, befahl der weibliche Part des Duos, schaute Pepe allerdings nicht in die Augen, sondern eher etwas tiefer.

»Und ziehen Sie sich bitte etwas über!«, schob ihr Partner nach. Auch sein unsteter Blick wechselte ständig zwischen Gesicht und Bauchnabel.

Erst jetzt registrierte Pepe, dass er nackt war. Er hob seinen Arm, zwinkerte mehrfach gegen das grelle Sonnenlicht, das steil von oben auf den schmalen Waldweg fiel und starrte die leere Flasche in seiner Hand an.

»Das ist keine Waffe«, brachte er endlich hervor.

»Herr Morgenweck, legen Sie die Flasche weg und ziehen Sie sich etwas an. Wir möchten Sie bitten, uns zu begleiten!«

Höflich waren die Beamten, das musste man ihnen lassen.

»Wohin denn?«, wollte Pepe mit belegter Stimme wissen.

»Vorerst zum Weltenbummler«, antwortete die Polizistin und schielte noch immer verstohlen nach dem kleinen Paco.

»Wohin?«, fragte Pepe zurück und versuchte, die leere Flasche am Rand der Küchenzeile abzustellen. Sie fiel herunter und zerbrach in gemeine kleine Teile.

»In die Gaststätte des Zeltplatzes«, entgegnete der Polizist. »Und ziehen Sie sich endlich etwas an!«

Der Ton wurde rauer, ungeduldiger.

»Ja, ja, ist ja gut.«

Pepe hatte ein flaues Gefühl im Magen. Hoffentlich musste er sich nicht übergeben. Anscheinend hatte er Harrys Medizin gestern Nacht komplett in sich hineingeschüttet. Und das auf fast leeren Magen. Das musste ja schiefgehen. Paradoxerweise konnte er sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so einen totalen Filmriss gehabt hatte. Langsam drehte sich Pepe um und kratzte sich an der Stirn. Wo waren denn seine Klamotten? Bei Isabella! Verdammt.

»Herr Morgenweck, bitte beeilen Sie sich!«, schnauzte der Beamte nun hörbar ungehalten.

Pepe konnte seine schlechte Laune gut nachvollziehen. Oft genug hatte er in der Haut des Polizisten gesteckt und selbst einen Verdächtigen zu einer Befragung abholen wollen. Wenn der sich unkooperativ verhalten hatte, war er auch schon mal grob geworden. Allerdings war er bisher keinem Nackten bei seinen Einsätzen begegnet.

»Meinetwegen nicht«, hörte Pepe die Polizistin hinter sich leise kichern.

Hier musste doch irgendwo seine Gepäckrolle rumliegen. Da! Auf Zehenspitzen versuchte Pepe, die Glasscherben zu vermeiden. Es gelang ihm nicht gänzlich. Als er vor dem Doppelbett in die Knie ging, hatte sich bereits eine beachtliche Anzahl tief in seine Fußsohlen gebohrt. Nicht nur deswegen musste er sich am Kühlschrank festhalten und tief durchatmen. Er brauchte fast eine volle Minute, um den Würgereiz unter Kontrolle zu bekommen. Während er mit seinen Innereien kämpfte, überlegte Pepe krampfhaft, was die Ordnungshüter an seinen Wohnwagen geführt hatte. Irgendetwas lauerte in seinem Hinterkopf, dessen er nicht habhaft werden konnte. Das Letzte, woran er sich deutlich erinnern konnte, war die abrupte Verabschiedung von Isa nach ihrem gemeinsamen Bad. Danach war er mit der Schnapsflasche in der Hand auf direktem Wege nach Hause gelaufen. Oder etwa nicht? War er zum Bootssteg zurückgekehrt, um zu schauen, ob die polnischen Hobby-Soldaten Hilfe brauchten? Moment! War das der Grund für den offiziellen Besuch? Hatten die Kerle etwa Anzeige erstattet? Pepe versuchte sich zu entsinnen, wie schwer jeder Einzelne von ihnen verletzt worden war. Ad hoc fielen ihm ein gebrochenes Bein, eine zerschmetterte Hand und eine angeschlagene Leber ein. Nichts Weltbewegendes. Ihm ging es jedenfalls auch nicht viel besser. Vorsichtig kratzte Pepe an seiner geschienten Nase. Isa hatte ganze Arbeit geleistet. Der provisorische Verband saß noch immer akkurat. Der Schnitt an seinem Ohr pochte zwar merklich, konnte mit seinen Kopfschmerzen jedoch nicht mithalten.

»Herr Morgenweck!«

»Ich komme ja gleich«, antwortete Pepe.

Unterwäsche, ein frisches T-Shirt und eine Uniformhose mit Tarnfleckmuster gab seine Gepäckrolle her. Wovon er kein Ersatzpaar dabeihatte, waren Schuhe. Nicht einmal Badelatschen. Also zog Pepe an, was da war, fuhr sich über seine Glatze, die dringend eine frische Rasur nötig hatte, kramte noch schnell das Portemonnaie aus der Motorradjacke und trat barfuß zu den Polizisten hinaus.

»Na endlich!«, knurrte der Mann unfreundlich.

»Bitte folgen Sie uns«, ergänzte die Frau mit amüsiert glänzenden Augen.

Sie nahmen ihn auf dem schmalen Pfad in die Mitte. Der Beamte lief hinter ihm und Pepe war sich sicher, dass seine Hand angespannt über dem Pistolenhalfter schwebte. Pepe dagegen hüpfte über den mit Tannenzapfen gespickten Pfad, als ob er über glühende Kohlen zu laufen hätte. Erst als der Weg in das Campingareal mündete, wurde der Polizist etwas lockerer. Bei Pepe war es genau andersherum. Es war der reinste Spießrutenlauf. Zum Glück war das rollende Hotel schon abgereist. Trotzdem gab es genug Gaffer. Wie früher, wenn einen der Klassenlehrer in der großen Hofpause vor allen Leuten in das Büro des Direktors schleifte. Praktisch vor jedem Campingmobil und Wohnwagen wurde zu Mittag gegessen und Pepe war die Attraktion des Tages. Er konnte spüren, wie ihm jedes Augenpaar folgte und wie Köpfe tuschelnd hinter ihm zusammengesteckt wurden. Wie damals auf dem Schulhof war ihm das relativ egal. Viel neugieriger war er auf das, was gleich folgen würde.

Sie liefen den oberen Weg entlang, von dem man leicht erhöht einen fantastischen Blick über den See und die mit rot-weißem Absperrband abgeriegelte Badestelle hatte. Menschen in grellweißen Ganzkörperanzügen wuselten in der Schutzzone umher. Davor parkten Streifen- und Rettungswagen. War jemand ertrunken? Isabella? Sie hatten doch zusammen das Wasser verlassen. Allerdings würde das die beiden Polizisten erklären. Mit Sicherheit hatte einer der Campinggäste ihr gemeinsames Bad beobachtet. Pepe wurde langsamer und starrte aus der Ferne auf den schwarzen Leichensack, der von vier Weißanzügen auf eine Bahre gehoben wurde. Sie hatten anscheinend schwer zu tragen. Das konnte unmöglich Isa sein, die wog ja fast nichts.

»Kommen Sie, Herr Morgenweck«, kommandierte der Polizist. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Ich schon«, hätte Pepe am liebsten geantwortet. Oberbootsmann Candy Schulze hatte sich erst für den heutigen Abend ankündigt.

Im Weltenbummler wimmelte es nur so vor Menschen. Der Gastraum war in zwei Hälften geteilt worden. Die eine war der Wartebereich, abgetrennt durch die vorhandene Fachwerk-Balkenkonstruktion, die zusätzlich durch eine Grenzmauer aus Tischen vom übrigen Raum getrennt wurde. Der war offensichtlich für die Interviews reserviert. Das Polizistenduo führte Pepe zu einem freien Stuhl nah an der Tischmauer.

»Bitte setzen Sie sich und warten Sie hier«, sagte die Beamtin. »Man wird Sie gleich aufrufen und befragen.«

»Okay.« Pepe lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und rieb seine Füße aneinander, um die Glassplitter und Steinchen loszuwerden.

Von seinem Platz aus konnte er den gesamten Raum überblicken. Isabella und Mark waren nicht hier. Steckte sie also doch in dem Plastiksack? Onkel Harry dagegen war da. Er saß in der Interviewzone und so nah, dass Pepe jedes Wort, das gesprochen wurde, verstehen konnte.

»Wo waren Sie zwischen zehn und elf?«, fragte eine Frau in zivil gerade, wahrscheinlich eine Kommissarin.

»In der Grundschule. Ja, in der Grundschule.«

Pepe musste grinsen. Jetzt, bei besserem Licht, kam ihm Onkel H irgendwie bekannt vor.

»Herr Zimmermann, bitte, wir untersuchen einen Todesfall!«, entgegnete die Frau ungehalten, aber ruhig.

Sie war etwas älter als Beate, etwas fülliger und ein Schlagstock war auch nicht zu sehen. Dass sie trotz der Provokation professionell blieb, nötigte Pepe einigen Respekt ab.

»Wirklich, in der Grundschule. Ich habe Mark abgeholt. Ihm ging es nicht gut. Ganz und gar nicht gut ging es ihm.«

»Um zehn Uhr nachts?«

»Ach so, nein. Da habe ich geschlafen. Tief und fest geschlafen.«

»Kann das jemand bezeugen, Herr Zimmermann?«

Harry Zimmermann. Den Namen hatte er irgendwann mal gehört! Aber das Gesicht passte irgendwie nicht dazu. Oder lag es am Vollbart? Es fiel Pepe nicht leicht, sich Harry ohne die Käpt‘n-Iglu-Maske vorzustellen.

»Der da vielleicht. Wirklich, der Paco vielleicht«, antwortete Onkel Harry und zeigte auf Pepe.

Harry Zimmermann. Na klar! Harry Zimmermann war in eine Klapsmühle gesteckt worden, damals, als er die Mumie und den chinesischen Kampfjet verfolgt hatte. Verdammt war die Welt klein. Das war also die medizinische Einrichtung, in der sich Onkel Harry und Isabella kennengelernt hatten. Eine Irrenanstalt. Hoffentlich war Isa eine Krankenschwester und keine Insassin gewesen. Was er bis jetzt gesehen hatte, deutete allerdings eher auf Letzteres.

Die Kommissarin schaute zu Pepe hinüber, dann wieder zu Harry und notierte sich etwas auf ihrem Schreibblock.

»Wo waren Sie, bevor Sie um zweiundzwanzig Uhr zu Bett gingen?«, fragte sie als Nächstes.

»Da war ich am Bootssteg. Am Bootssteg war ich, gleich hinter meinem Camper. Ich bin oft da. Vor allem abends bin ich da oft.«

»Und was machen Sie dort, am Bootssteg?«

»Ich schau mir die Boote an. Wirklich, die Boote.«

»Gestern auch?«

»Nein, gestern nicht.«

»Was haben Sie gestern getan?«

»Ich habe jemandem mit einem Ruder eins über den Schädel gezogen. Voll über den Schädel.«

Die Beamtin legte ihren Stift kurz hin und schaute Harry fest in die Augen.

»Würden Sie das bitte wiederholen?«

Pepe musste sich ein Grinsen verkneifen. Onkel Harry zu bitten, etwas zu wiederholen, war so, als würde man die Kanzlerin fragen, ob sie nicht mal die Raute machen könne.

»Ich habe jemandem mit einem Ruder eins über den Schädel gezogen. Voll über den Schädel.«

»Warum haben Sie jemandem mit einem Ruder eins über den Schädel gezogen?«

»Na weil der sonst den Paco umgebracht hätte. Wirklich, umgebracht hätte er den.«

Die Kommissarin schaute zu Pepe, dieses Mal etwas länger.

»Die Männer haben miteinander gekämpft?«

»Das haben sie. Das haben sie. Der Paco und die Isa haben denen ziemlich Saures gegeben.«

»Wie ist es zu dem Kampf gekommen?«

»Das weiß ich nicht. Das weiß ich wirklich nicht.«

»Möchten Sie mir sonst noch etwas sagen?«

»Gut, dass Sie das fragen. Wirklich sehr gut. Ich bin denen nämlich auf der Spur, müssen Sie wissen.«

Harry beugte sich verschwörerisch zu der Polizistin herüber und senkte seine Stimme. Pepe hatte Mühe zu verstehen, was er nun von sich gab.

»Wem sind Sie auf der Spur?«, fragte die Kommissarin genauso leise.

»Na denen. Wirklich, denen. Es hängt natürlich alles zusammen, müssen Sie wissen. Angefangen bei Anna Amalia.«

»Anna Amalia? Wohnt die auch hier auf dem Zeltplatz?«

»Anna Amalia? Nein. Die ist tot. Tot ist die.«

»Woran ist sie gestorben?«

»Keine Ahnung. Wirklich, keine Ahnung. Aber ihre Bibliothek wurde abgefackelt. Fünfzigtausend Bücher sind am 2. September 2004 in Weimar verbrannt. Fünfzigtausend. Der Brand wurde angeblich ausgelöst durch ein Kabel. Dass ich nicht lache. Eine Vertuschungsaktion war das. Nichts weiter.«

Harry hatte plötzlich aufgehört, sich zu wiederholen, dafür gestikulierte er wild mit beiden Händen in der Luft und sein Gesicht glühte vor Eifer. Der Kommissarin klappte der Unterkiefer runter.

»Und Köln«, ereiferte sich Harry, schüttelte den Kopf und winkte ab, »kommen Sie mir nur nicht mit Köln.«

»Herr Zimmermann, bitte, können Sie mir etwas den Fall betreffend sagen?«, versuchte die Beamtin ihn zu bremsen. Fast hätte sie nach seinen Händen gegriffen, um ihn zu beruhigen.

»Aber es hängt doch alles zusammen! Alles hängt mit allem zusammen! Am 3. März 2009 stürzte ein Kölner U-Bahntunnel ein und riss das Stadtarchiv mit sich. Erzählen Sie mir nicht, dass Sie das nicht wissen«, fuhr Harry aufgebracht fort.

»Doch, natürlich.«

»Sehen Sie«, triumphierte er, »das sind alles Vertuschungsaktionen. Ich könnte die Liste ewig fortführen.«

»Bitte nicht«, wehrte die Kommissarin ab und winkte die beiden uniformierten Kollegen heran, die Pepe abgeholt hatten.

»Die Nazis stecken hinter allem. Wirklich, die Nazis.«

»Selbstredend.«

Das Winken der Kommissarin wurde energischer.

»Da liegt so viel im Verborgenen. Geld, Gold, Kunst, geraubt aus ganz Europa. Es sind die Nachkommen, die das Zeug im Keller horten und nun ihre Spuren in den Archiven verwischen. Denken Sie nur an das Bernsteinzimmer! Wirklich, das Bernsteinzimmer. Hier geht es um Millionen! Ach, was sage ich, um Milliarden!«

Schade, dass Beates Vater nicht hier war. Der hätte sich mit Harry bestimmt prächtig verstanden.

»Vielen Dank, Herr Zimmermann«, verabschiedete sich die Beamtin genervt und stand auf. »Meine Kollegen begleiten Sie nach draußen. Bitte halten Sie sich die nächsten Tage zu unserer Verfügung, falls wir weitere Fragen haben.«

Sie seufzte schwer, angelte ihre Tasse vom Tisch, nahm einen Schluck, verzog den Mund und stellte sie wieder hin. So lange wie Harry geredet hatte, war der Kaffee sicher eiskalt. Sie setzte sich und richtete das Wort an Pepe: »Herr Morgenweck, kommen Sie bitte.«

Pepe erhob sich und lief humpelnd um die Abgrenzungsmauer herum. Harrys Stuhl war noch warm. Kein Wunder, so wie der sich in Rage geredet hatte.

»Mein Name ist Samulski«, begann die Kommissarin das Gespräch. »Können Sie sich ausweisen?«

»Leider nein«, entgegnete Pepe und fasste unwillkürlich an die Beintasche seiner Uniformhose, in der die Geldbörse mit seinem Ausweis steckte.

»Sie sind Paco Morgenweck, wohnhaft in der Stauffenbergstraße 18 in Berlin?«, fragte Samulski, mit dem Finger auf dem entsprechenden Eintrag in der Anmeldeliste des Campingplatzes zeigend.

»Ja«, bestätigte Pepe vorsichtig.

»Was ist mit Ihrer Nase passiert?«

»Die ist gebrochen.«

»Wie?«

»Durch eine Fraktur der beiden Nasenbeine, vermute ich.«

Die Kommissarin stutzte und starrte Pepe mit zusammengekniffenen Augen an. Dann wechselte sie das Thema.

»Wo waren Sie gestern zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr?«

»Am Strand.«

»Hier auf dem Campingplatz?«

»Ja.«

»Allein?«

»Nein.«

»Wer war bei Ihnen?«

»Isabella.«

»Isabella Laskas?«

»Ich kenne ihren Nachnamen nicht.«

»Sie kennen den Nachnamen der Frau nicht, mit der Sie nackt schwimmen waren?«

Also waren sie doch beobachtet worden. Das war ja klar. Auf einem Zeltplatz konnte man keine Geheimnisse voreinander haben. Wie in einem DDR-Neubaublock voller Senioren.

»Nein.«

»Sie wurden gesehen, wie Sie total durchnässt das Camp betreten haben«, fuhr Samulski fort, rieb sich über ihren Nacken und schaute Pepe intensiv ins Gesicht.

Sie sah gestresst aus. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Mit Sicherheit über vierzig, aber bestimmt noch keine fünfzig. Ihre Haare waren kurz geschnitten und dunkelbraun gefärbt. Sie aß wohl gern und lachte viel. Das verrieten ihr Körperbau und die Fältchen um ihre Augen. Nur im Moment nicht. Und wenn Pepe in den Raum voller Menschen jenseits der Tischmauer schaute, wusste er warum. Es würde ein langer Tag mit den immer gleichen Fragen werden.

»Herr Morgenweck, Sie wurden gesehen, wie Sie gestern Abend total durchnässt das Camp betreten haben«, wiederholte Samulski.

»Und?«, fragte Pepe zurück und zuckte mit den Schultern.

»Kennen Sie diesen Mann?«, änderte die Polizistin ihre Taktik.

Sie zog ein Foto aus ihrem Schreibblock und legte es vor Pepe auf den Tisch. Den Mann zu erkennen, war nicht leicht. Er wies schlimme Verletzungen im Gesicht auf. Als hätte ihn jemand stundenlang mit einem Baseballschläger bearbeitet. Oder mit einem Ruder.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Pepe wahrheitsgemäß.

»Das ist Pawel Wrobel. Der Mann, mit dem Sie sich auf dem Bootssteg geprügelt haben und dem Herr Zimmermann mit einem Ruder eins über den Schädel gezogen hat, wie er mir vorhin bestätigte.«

»Aha.«

»Pawel Wrobel ist tot. Er trieb heute Morgen in der Badebucht des Zeltplatzes. Ihm wurde praktisch jeder Knochen seines Körpers gebrochen.«

»Aha.«

Samulski beugte sich zur Seite und holte etwas aus einer Reisetasche unter dem Tisch vor. Erst nahm sie die Fotografie an sich, dafür legte sie einen großen Beweisbeutel an die gleiche Stelle. Pepe neigte sich kurz vor, begutachtete den Inhalt des Beutels und lehnte sich dann wieder zurück.

Er fühlte sich nicht annähernd so cool, wie er sich gab. War er gestern Abend tatsächlich zum Steg zurückgekehrt und hatte den Kerl nach Strich und Faden verdroschen? Wenn er sich doch nur erinnern könnte!

»Wissen Sie, was das ist?«, unterbrach die Beamtin seine Gedankengänge.

»Ein amerikanischer Klauenhammer. Sechshundert Gramm schwer. Der Kopf aus hochwertigem Stahl mit gehärteten Schlagflächenrandzonen. Abgerundete Kanten. Die Finne mit dem Nagelzieher blank geschliffen. Ein hochwertiges Werkzeug«, gab Pepe bereitwillig Auskunft.

»Gehört der Ihnen?«

»Nein.«

»Sie wurden damit gesehen.«

»Das kann sein. Er gehört mir trotzdem nicht. Ich habe ihn mir geborgt.«

Die Kommissarin atmete tief ein und langsam aus.

»Herr Wrobel zeigt Frakturen, die ihm durchaus mit diesem Werkzeug zugefügt worden sein können.«

»Aha.«

»Finden wir Ihre Fingerabdrücke und Wrobels Blut auf dem Hammer, sieht es nicht gut für Sie aus«, fuhr die Samulski fort.

Sie starrte Pepe an, als versuchte sie ihn zu hypnotisieren. Dann klingelte ihr Telefon. Ohne den Blick von ihm zu nehmen, griff sie danach, ließ es noch einen Moment bimmeln, bevor sie schaute, wer störte. Es schien wichtig zu sein. Sie nahm den Anruf an.

Nach drei Ahas und einem Danke legte sie auf.

»Dieses Mal haben Sie Glück, Herr Morgenweck. Das war der Gerichtsmediziner mit einem ersten Update. Anscheinend hat sich Herr Wrobel seine tödlichen Verletzungen bei einem Sturz aus großer Höhe zugezogen.«

»Vom Bootssteg?«

»Höher.«

»Gibt es hier eine Brücke in der Nähe?«

»Noch höher. Sie können jetzt gehen. Aber halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung!«

7

Die Hauptgefreite Rossi stellte den Bundeswehr-Geländewagen auf einem kleinen, schattigen Parkplatz direkt vor der geschlossenen Schranke ab. Sie war nach dem Besuch ihrer Kameradin Johanna Bock im Bundeswehrkrankenhaus Berlin ohne Pause durchgefahren. Was in dem lauten und langsamen Fahrzeug keine wirkliche Freude gewesen war. Obwohl der Motor längst aus war, ließ das Dröhnen in ihren Ohren nur zögernd nach. Neben ihr auf dem Beifahrersitz lag das Buch, das dabei war, ihr Leben zu verändern. Nein, eigentlich hatte es das schon getan. Dabei war die Kladde nur der letzte Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hatte. Sie hatte sich längst in Machenschaften verstrickt, über die sie früher allenfalls in Romanen gelesen hatte. Jetzt ging es nur noch darum, mit heiler Haut davonzukommen. Für Gewissensbisse war es zu spät.

Rossi schaute sich im Rückspiegel selbst in die Augen. Dass sie keine Schönheit war, wusste sie natürlich. Selbst der überaus korrekte Major Frankfurt, ihr Vorgesetzter in der Erfurter Henne-Kaserne hatte sie vor nicht allzu langer Zeit darauf hingewiesen, dass sie sich durchaus die Haare wachsen lassen durfte und nicht unbedingt ihren militärischen Kurzhaarschnitt beibehalten musste. Aber ihr gefiel es so. Duschen konnte sie in Rekordzeit, ohne langes Gefummel mit Shampoo und Conditioner. Bei ihrer körperlichen Fitness sah das etwas anders aus. Ein bis zwanzig Kilo weniger würden ihr ganz guttun.

Die Hauptgefreite atmete tief durch, setzte die olivgrüne Feldmütze auf, nahm das Buch an sich und stieg aus.

Vor dem Restaurant blieb Pepe unschlüssig stehen. Im Geiste ging er das Verhör, das die Kommissarin mit ihm geführt hatte, nochmals durch. Der große Kerl, Pawel, mit dem er auf dem Steg aneinandergeraten war, lebte nicht mehr. Er war durch einen Sturz aus großer Höhe zu Tode gekommen. Ob Isabella etwas damit zu tun hatte? Eher unwahrscheinlich. Die Gegend um Malchow war recht flach, ohne Berge oder Felsen. Auch hatte Pepe keine Türme und Masten in der Nähe gesehen, von denen man fallen und sich den Hals brechen konnte. Selbst wenn. Wie hätte Pawel zudem von dort an den Badestrand des Naturcampingplatzes kommen sollen? Huckepack auf Isas Rücken? Nie und nimmer. Und wenn Harry Zimmermann geholfen hatte? Vielleicht hatten sie den Leichnam im Campingbus transportiert. Aber warum sollten sie ihn vor ihrer eigenen Haustür abgeladen haben? So dämlich war doch keiner. Andererseits hatten sie sich ja in einer Klapsmühle kennengelernt. Wer konnte schon wissen, was in verdrehten Köpfen vorging?

Jetzt brauchte Pepe erst einmal etwas zu essen. »Ohne Mampf kein Kampf«, hatte einer seiner Ausbilder immer gesagt. Das Restaurant war aus bekannten Gründen leider geschlossen. Samulski würde sicher noch den Rest des Tages brauchen, um alle Zeugenaussagen aufzunehmen. Sollte er sich bei Isabella zu einem späten Frühstück einladen? Obwohl er den Stellplatz ihres Wohnwagens von hier nicht sehen konnte, schaute er den Weg entlang zum See hinunter und entdeckte den Grauhaarigen vom Hobby-Schlachtfeld. Er stand vor einer der Miethütten und winkte ihm zu. Automatisch hob Pepe ebenfalls seine Hand und grüßte zurück. Heute trug der Alte keine Uniform, sondern einen eleganten, zweireihigen Anzug. Sein Begleiter war ebenfalls in zivil gekleidet, mit Jackett und hellem, am Kragen offenem Hemd.

»Was macht denn der Kerl von gestern Nachmittag da, Herr Daras?«

»Keine Ahnung, Herr Professor.«

»Er hat mich gegrüßt.«

»Wahrscheinlich hat er gedacht, Sie winken ihm zu.«

»Dabei habe ich unsere Informantin hinter ihm gemeint.«

»Ein Irrtum, Herr Professor. Ein Irrtum.«

»Er soll aus dem Weg gehen. Wir können keine Zuschauer gebrauchen.«

»Dann sollten Sie vielleicht aufhören, ihn so intensiv anzusehen.«

Das Buch wie ein Pfarrer seine Bibel haltend schritt Rossi auf den Eingang des Campingplatzes zu. Sie war etwas zu früh dran. Hoffentlich war die Kontaktperson schon da. Je schneller sie wieder von hier verschwinden konnte, desto besser. Major Frankfurt, ihr Vorgesetzter bei den Erfurter Feldjägern, der Militärpolizei der Bundeswehr, hatte sie merkwürdig angesehen, als sie ihn gebeten hatte, die Obergefreite Bock in Berlin besuchen zu dürfen. Letztendlich hatte er ihr aber grünes Licht und den heutigen Tag frei gegeben. Wenn sie bis zum späten Nachmittag zurück in der Kaserne sein wollte, durfte sie hier nicht allzu viel Zeit vertrödeln.

Da! Ihr winkte jemand zu. Rossi hatte sich die Beschreibung ihres Kontaktmannes gut eingeprägt. Ein großer, schlaksiger Herr mit weißen Haaren, der Professor genannt wurde. Das musste er sein.

Da der Grauhaarige angeregt mit seinem Begleiter redete und letztendlich an Pepe vorbeischaute, nahm der seine Hand herunter, drehte sich um und konnte nicht glauben, wen er sah.

»Rossi!«, entfuhr es ihm.

»Herr Oberfeldwebel«, antwortete die Hauptgefreite ebenso verdattert.

»Was machen Sie denn hier?«, fragten beide im Chor.

»Urlaub«, reagierte Pepe rasch.

»Was ist mit Ihrer Nase passiert?«, wollte Rossi als Nächstes wissen.

»Die ist gebrochen.«

»Wie?«

»Durch eine Fraktur der beiden Nasenbeine, vermute ich.«

»Wir dachten, Sie sind tot«, entgegnete Rossi nach einer kurzen Pause und musterte Pepe von oben bis unten, als ob sie sichergehen wollte, dass sie keinen Geist vor sich hatte.

»Es war knapp«, erwiderte Pepe.

»Und warum haben Sie sich nicht gemeldet? Der Alte dreht fast durch, wegen des ganzen Papierkrams. Obwohl das meiste ja wie immer an mir hängen bleibt.«

Dass Major Frankfurt sauer war, konnte sich Pepe lebhaft vorstellen.

»Es hat sich bisher nicht ergeben«, druckste Pepe herum.

»Es hat sich nicht ergeben? Sie gelten als eigenmächtig abwesend, Herr Oberfeldwebel! Das ist keine Kleinigkeit, wie ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen brauche. Oder muss ich Sie an Paragraf 15 Absatz 1 des Wehrstrafgesetzes erinnern?«

»Das gibt es doch nicht. Was soll denn das? Sie spricht mit dem kleinen Mann. Herr Daras, unternehmen Sie etwas!«

»Was denn, Herr Professor?«

»Gehen Sie hin und zerren Sie die Frau da weg! Wir können das jetzt ganz und gar nicht gebrauchen! Nicht, dass sie ihm das Buch noch überlässt!«

»Meinen Sie wirklich, dass wir Aufmerksamkeit erregen sollten, wo es hier nur so vor Polizisten wimmelt?«

Der Professor hielt inne. Die Soldatin und der Mann unterhielten sich weiterhin angeregt.

»Was machen sie denn jetzt, Herr Daras?«

»Sie gehen.«

»Das sehe ich selbst. Aber wohin denn?«

»Ich weiß es nicht, Herr Professor.«

»Wofür bezahle ich Sie überhaupt? Oh nein, sie steigen in das Auto der Frau. Wir müssen ihnen folgen. Fahren Sie den Wagen vor, Herr Daras!«

Pepe entging nicht, dass Rossi ständig zu dem Grauhaarigen hinüberschielte. Außerdem hatte sie ihm bislang nicht verraten, was sie nach Malchow verschlagen hatte. Zufall konnte das nicht sein. Erst bestellte ihn Oberbootsmann Schulze vom militärischen Geheimdienst in die mecklenburgische Provinz, dann traf er auf Hobby-Soldaten in SS-Uniformen und zu guter Letzt schlug die Geschäftszimmerdame aus der Erfurter Kaserne hier auf.

»Hauptgefreite Rossi, wir essen zusammen zu Mittag. Jetzt! Aufsitzen und abrücken!«

»Jawohl, Herr Oberfeldwebel!«, antwortete Rossi zackig und ließ möglichst unauffällig ein in Leder gebundenes Buch in der Beintasche ihrer Uniformhose verschwinden.

»Sie haben keine Schuhe an.«

»Stimmt. Sagen Sie es nicht weiter«, entgegnete Pepe und lief zu dem Militärfahrzeug hinüber.

Rossi warf einen letzten Blick zurück zu ihrer Kontaktperson, bevor sie ihm folgte.

Obwohl der Wagen schattig parkte, war es im Inneren heiß und stickig. Natürlich hatte der Geländewagen keine Klimaanlage. Pepe kurbelte die Scheibe herunter.

»Da Ihnen der Alte ein Fahrzeug gegeben hat, sind Sie wohl in offizieller Mission hier«, mutmaßte er und musterte die Hauptgefreite von der Seite.

Die erwiderte seinen Blick nicht, sondern wendete konzentriert und fuhr den schmalen, holprigen Weg vor zur Bundesstraße.

»Wir fahren nach Malchow rein«, bestimmte Pepe, als Rossi nicht auf seine Vermutung reagierte. »Im Insulaner soll es gutes Essen geben.«

»Jawohl, Herr Oberfeldwebel!«

»Jetzt hören Sie doch mal mit diesem Quatsch auf und erzählen mir, was los ist!«, ereiferte sich Pepe.

Rossi hielt sich krampfhaft am Lenkrad fest und starrte stur geradeaus. War das ein Zeichen, ein Wink des Schicksals? Wollte ihr eine höhere Macht mitteilen, dass sie hier und jetzt die Möglichkeit hatte, das Richtige zu tun? Sie konnte Oberfeldwebel Fuchs noch nie ausstehen. Nicht erst, seitdem er sie als lebendes Hindernis bei der Motorradausbildung benutzt hatte. Als Slalomhütchen sozusagen. Wobei sie zugeben musste, dass sie eher ein Hut, als ein Hütchen war. Aber auf eines konnte man sich bei Pepe S. Fuchs hundertprozentig verlassen: Wenn man in Schwierigkeiten war, half er einem aus der Patsche. Ohne Rücksicht auf Verluste. Nur durfte die Notlage nicht gegen seinen Gerechtigkeitssinn oder seine Vaterlandsliebe verstoßen. Und für beides konnte Rossi in ihrer Lage im Moment die Hand nicht ins Feuer legen.

»Was hat das mit dem Buch auf sich?«, unterbrach Pepe ihre Gedankengänge.

»Was meinen Sie?«

»Hauptgefreite Rossi, verscheißern Sie mich nicht! Sie sind nach Malchow gekommen, um das Buch, das jetzt in Ihrer Tasche steckt, dem grauhaarigen Schlaks zu übergeben, der in seiner Freizeit Krieg spielen lässt. Liege ich damit richtig?«

Verdammt!

»Das darf ich nicht sagen. Ist eine Geheimoperation«, antwortete Rossi zögernd.

»Hauptgefreite, nur weil ich keine Schuhe trage, bin ich noch lange nicht auf der Wurstsuppe hergeschwommen! Raus mit der Sprache!«

Die hielt ihn echt für blöd. Geheimoperation! Nie im Leben! Rossi hatte das Geschäftszimmer der Feldjäger-Einheit in Erfurt unter sich. Sie erledigte den Schreibkram, war die Sekretärin des Chefs. Nie und nimmer würde Major Frankfurt sie mit einer geheimen Dienstsache beauftragen. Das bedeutete, die Hauptgefreite war auf eigene Rechnung unterwegs! Nur warum dann in einem Bundeswehr-Geländewagen? Also gab es doch eine dienstliche Komponente!

»Wissen Sie, die Beate Jäger aus Eisenach, die hat jeden Tag bei mir angerufen und gefragt, ob Sie sich gemeldet haben. Bis vor einer Woche jedenfalls. Und plötzlich nicht mehr. Die hat sich echt Sorgen um Sie gemacht. Und wir auch!«

»Jetzt lenken Sie nicht ab! Her mit dem Buch!«, befahl Pepe und griff nach Rossis Bein.

»Nein!«, schrie die und schlug überraschend schnell und kräftig auf Pepes Finger.

Erschrocken zog der seine Hand zurück.

»Lassen Sie uns beim Essen darüber reden«, wehrte Rossi mit leiser, aber fester Stimme ab.

Mittlerweile hatten sie Malchow erreicht und fuhren über die Drehbrücke auf den Inselteil der Stadt. Gerade rechtzeitig. Der Brückenwärter ließ direkt hinter ihnen die Schranke herunter.

»Was soll denn das?«, fluchte Kusch. »Herr Daras, bitte sorgen Sie dafür, dass der Mann uns durchlässt.«

»Ich glaube nicht, dass er auf mich hören wird, Herr Professor. Sehen Sie, die Brücke beginnt sich schon zu drehen.«

»Wie, zu drehen?«

»Die Brücke wird geschwenkt, damit Boote auf die andere Seite können.«

»Dann fahren Sie eben außen rum, Herr Daras. Muss ich Ihnen denn alles sagen? Wir brauchen das Buch!«

»Außen rum? Das sind mindestens zehn Kilometer. Wir müssten über die Autobahn.«

»Na und? Fahren Sie!«

»Sehr wohl, Herr Professor.«

Mit den Worten legte Daras den Rückwärtsgang ein und wendete den Kübelwagen unter wütendem Gehupe der geduldig hinter ihnen wartenden Fahrer.

Kusch zog derweil sein Handy aus der Tasche und wählte Gorzkas Nummer. Beim ersten Klingeln nahm der ab.

»Kusch hier«, begann der Professor das Gespräch. »Wir brauchen Unterstützung. Schicken Sie Pawel und seine Leute nach Malchow!«

»Pawel ist indisponiert.«

»Was hat er denn?«

»Ist aus dem Hubschrauber gefallen.«

»Oh. Und der Rest?«

»Ich schicke Ali und Dimitri.«

»Gut. Sie sollen sich beeilen.«

»Wohin sollen sie kommen?«

»Herr Daras, wo wollen wir uns mit Ali und Dimitri treffen?«

»Auf dem Damm an der südöstlichen Seite der Stadtinsel gibt es einen Parkplatz. Wir warten dort auf sie.«

Der Professor gab die Information weiter und legte auf.

»Wenn die beiden weitergefahren sind, haben wir sie verloren«, gab Daras zu bedenken.

»Ach was. Die kehren auf der Insel ein«, widersprach der Professor. »Warum sollten sie sonst hergekommen sein? Schließlich sind sie an der Autobahn, dem schnellsten Weg von hier weg, vorbeigefahren.«

Rossi stellte den Geländewagen unweit der Brücke im Halteverbot ab. Ein Bundeswehrfahrzeug mit Blaulicht auf dem Dach würde schon niemand abschleppen. Sie liefen nebeneinander die Hauptstraße entlang in Richtung Brücke. Für Außenstehende mussten sie ein merkwürdiges Pärchen abgeben. Auf der einen Seite Rossi, die etwas füllige Soldatin mit militärischem Kurzhaarschnitt, auf der anderen Pepe, kaum größer als die Hauptgefreite, barfuß mit getapter Nase und verbundenem Ohr.

Sie hatten Glück. Auf der Terrasse des Insulaners war noch ein Tisch mit Blick auf den Kanal frei, durch den sich ein unablässiger Strom gemieteter Hausboote schob. Eine leichte Brise brachte etwas Abkühlung an einem sonst sehr heißen Tag. Das aufgeheizte Pflaster war eine Qual für Pepes Fußsohlen. Jetzt, im Schatten eines großen Sonnenschirmes, war es jedoch auszuhalten. Rossi hatte ihm gegenüber Platz genommen und versteckte sich hinter der Speisekarte. Das erinnerte ihn daran, wie hungrig er tatsächlich war.

»Was essen Sie?«, fragte er und griff ebenfalls zur Menükarte.

»Salat«, antwortete die Hauptgefreite kurz angebunden.

»Ich denke, ich fange mit der Soljanka an. Und als Hauptgang Kotelett vom Thüringer Duroc. Das klingt interessant. Das Fleisch des Duroc Schweins hat einen hohen Eisenanteil, ist fein marmoriert und bleibt durch den geringen Bratverlust schön zart und saftig – ein aromatischer und edler Genuss«, las Pepe laut vor.

»Gute Wahl. Und zu trinken?«

Pepe und Rossi zuckten synchron zusammen. Sie hatten den Kellner nicht kommen hören.

»Für mich ein großes Pils«, bestellte Pepe mit übertriebener Fröhlichkeit.

»Ich nehme ein Wasser«, sagte Rossi knapp.

»Kommt sofort.«

»So, und jetzt raus mit der Sprache!«, verlangte Pepe, als der Ober außer Hörweite war. Dabei nahm er Rossi die Speisekarte weg.

Die begann nun an einem breiten Lederarmband herumzufingern und vermied jeglichen Augenkontakt.

»Hauptgefreite, was führt Sie hierher nach Malchow?«

»Ich war in Berlin«, brachte Rossi stockend heraus.

»Und?«

»Bei Johanna Bock.«

Das hatte Pepe jetzt nicht erwartet. Johanna Bock. Die Suche nach der jungen Obergefreiten hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit einiges abverlangt. Außerdem hatten sie sich auch im biblischen Sinne kennengelernt. Seit sie wieder aufgetaucht war, hatten sie allerdings kein Wort miteinander wechseln können. Der Militärische Abschirmdienst hatte den Fall übernommen und Johanna abgeschirmt, ihr jeden Kontakt zur Außenwelt untersagt. Pepe hatte nicht einmal erfahren, wo sie sie hingebracht hatten.

»Sie ist überfallen worden. Im Krankenhaus«, fuhr Rossi fort. »Zum Glück ist sie schon so weit bei Kräften, dass sie die Angreifer in die Flucht schlagen konnte. Sie vermutet, dass es die Eindringlinge auf das Buch abgesehen hatten.«

Um ihre Aussage zu unterstreichen, klopfte sich die Hauptgefreite auf ihre Beintasche.

»Sie hat versucht, Sie zu erreichen.«

»Mich?«, vergewisserte sich Pepe verblüfft.

»Ja, Sie. Aber Sie waren, oder besser sind, ja eigenmächtig abwesend. Ich habe Johannas Anruf in Erfurt entgegengenommen. Major Frankfurt hat mir schließlich gestattet, das Buch abzuholen. Wir sind nämlich gerade etwas knapp an Personal, nachdem Morgenweck gefallen ist und Sie sich ebenfalls in Luft aufgelöst hatten.«

»Warum gerade ich?«, fragte Pepe.

»Anscheinend kennt sie niemand anderen, dem sie so vertraut. Sie vermutet, einen Maulwurf in den Reihen der Bundeswehr.«

»Einen Maulwurf? Für wen?«

Unwillkürlich musste Pepe an Oberbootsmann Schulze denken. Was hatte der noch bei ihrem letzten Treffen in Wilhelmshaven gesagt? »Beweisen Sie, dass ich unschuldig bin. Finden Sie den wahren Maulwurf.«

»Wir wissen nicht für wen«, antwortete Rossi und drehte ihr Armband einmal um sich selbst.

»Was steht in dem Buch?«, wollte Pepe als Nächstes wissen.

»Ich habe keine Ahnung«, log Rossi.

»Und wie passt der Grauhaarige vom Zeltplatz hier rein?«

»Er ist ein Experte, ein Professor, der helfen soll, den Inhalt des Buches zu analysieren.«

Pepe verschränkte die Arme vor der Brust und schaute Rossi intensiv an. Die Hauptgefreite wich seinem Blick aus. Außerdem konnte sie die Finger nicht von ihrem Handgelenk lassen. Sie verheimlichte ihm irgendetwas, so viel stand fest.

»Ich möchte das Buch sehen!«, insistierte er.

»Nein!«, wehrte Rossi bestimmt ab.

In dem Augenblick kam der Kellner und brachte das Essen.

»Wo bleiben die denn, Herr Daras?«, fragte Kusch zum wiederholten Mal und sah auf seine Armbanduhr.

»Ich habe keine Ahnung, Herr Professor.«

»Typisch!«

»Sie könnten Herrn Gorzka nochmals anrufen.«

»Das könnte ich tatsächlich.« Kusch nickte, blieb aber regungslos in dem offenen Wagen sitzen.

Von ihrem Parkplatz auf dem Damm hatten sie einen wundervollen Blick über den Malchower See, der sich nahtlos an den benachbarten Fleesensee anschloss. Von dort gab es einen Kanal, von dem man den Kölpinsee erreichen konnte, wenn man das wollte. Dann war es auch bis zur Müritz nicht mehr weit. Kein Wunder, dass die vermaledeite Drehbrücke so ein Nadelöhr war. Dabei waren sie so dicht dran. Wenn ihr Informant recht hatte, barg das Buch den entscheidenden Hinweis, den letzten Fingerzeig, der ihn zum Ziel führen würde. Damit könnte er seine lebenslange Suche abschließen, vielleicht gerade noch rechtzeitig. Ein hupendes Motorboot riss den Professor aus seinen Gedanken.

»Ali und Dimitri sind da«, sagte Daras.

»Gut. Sie sollen vor zur Brücke fahren, wir nehmen die Hauptstraße. Los!«

Daras fuhr in Schrittgeschwindigkeit. Die Malchower Insel wurde von zwei Einbahnstraßen zerschnitten. Da ihre Zielpersonen nicht im Don Camillo, direkt am Damm zu finden waren, konnten sie nur in einem der Restaurants in der Nähe der Drehbrücke eingekehrt sein. Oder Daras hatte mit seiner Befürchtung recht und sie waren längst über die B192 und alle Berge entschwunden.

Die beiden Einbahnstraßen trafen kurz vor der Brücke wieder aufeinander und nur wenige Meter später entdeckte Daras den Bundeswehr-Geländewagen.

»Dort, Herr Professor!«

»Halten Sie an, Herr Daras. Halten Sie an!«, befahl Kusch voller Elan.

Dieses Mal schien das Glück auf ihrer Seite zu sein.

8

Auch auf dieser Seite der Drehbrücke stauten sich die Fahrzeuge bis über die Vereinigung der beiden Einbahnstraßen hinaus. Die Leute nahmen die unfreiwillige Pause gelassen. Durch heruntergelassene Scheiben schallte fröhliche Radiomusik. Viele Fahrer, die meisten davon Touristen, waren ausgestiegen und streckten ihre Gesichter mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen.

Daras und Kusch schritten langsam die Autokolonne ab, jeder auf einer Straßenseite. Sie hatten den Kübelwagen neben dem Bundeswehrfahrzeug geparkt. Von Weitem konnte man denken, dass die beiden Autos aufgrund ihrer matten Tarnfarbe zusammengehörten, obwohl über siebzig Jahre zwischen ihnen lagen.

Der Professor passierte linker Hand eine Aalräucherei. Dort herrschte dichtes Gedränge. Bis auf den Bürgersteig reichte die Schlange der Fischhungrigen. Kusch drängelte sich, die Proteste ignorierend, hindurch bis zum Schaufenster, legte seine Hände an die Scheibe. Er starrte entgeistert in den Verkaufsraum und sog den typischen Fischgeruch in sich auf. Bis er am Arm zurück auf die Straße gezogen wurde.

»Ich habe sie, Herr Professor«, sagte Daras. »Ich habe sie.«

»Sehr gut!«, antwortete Kusch. »Wo denn?«

»Sie sitzen da vorn an der Brücke. Auf einer Außenterrasse.«

»Und wo sind unsere Männer?«

»Die haben sich unter die wartenden Boote gemischt. Sind gleich an der Reihe, die Durchfahrt passieren zu können.«

»Na dann los!«

Sie aßen schweigend. Pepe genoss es. Das erste, richtige Essen seit Tagen und auch noch in hervorragender Qualität. Frische Luft und vollwertige Nahrung hatten sich bei ihm von jeher als beste Medizin gegen einen ausgewachsenen Kater bewährt. Nur das Bier passte nicht wirklich dazu. Aber sein Opa hatte felsenfest behauptet, dass auf einen Hundebiss Hundehaare gehörten. Also bekämpfte er den Restalkohol mit frischem Nachschub.

Während Pepe durch das saftige Schweinefleisch schnitt, beobachtete er die Hauptgefreite aus dem Augenwinkel. Sie stocherte lustlos in ihrem Salat herum, wich Pepes Blick konsequent aus und tastete alle naselang nach dem Buch in ihrer Tasche. Was konnte dort wohl drinstehen, das einen Überfall auf eine Soldatin in einem Bundeswehrkrankenhaus rechtfertigte? Johanna Bock. Merkwürdig, dass sie gerade nach ihm gefragt hatte, wo sie sich nur kurz, dafür umso heftiger kennengelernt hatten.

Allmählich nahm der Bootsverkehr in der Engstelle zwischen den beiden Malchower Stadtteilen ab. Den Freizeitkapitänen beim Manövrieren zuzusehen, war eine willkommene Abwechslung. Mehr als einmal hatte Pepe befürchtet, Zeuge eines kapitalen Schiffuntergangs zu werden. Doch am Ende hatten alle Schiffe und Flöße die Kurve gekriegt. Als eines der letzten schob sich ein Sportboot fast im Leerlauf tuckernd an ihnen vorbei. Die Insassen hatte Pepe schon einmal gesehen. Gestern Abend auf dem Steg am Campingplatz. Der Mann am Steuer hatte ein riesiges Pflaster am Kinn und einen Gehgips. Der andere trug seinen rechten Arm in einer Schlinge, während seine linke Hand möglichst unauffällig auf einer Pistole in seinem Gürtel ruhte. Pepe legte langsam seine Gabel auf den Teller, wischte sich die Finger an seiner Serviette ab und klemmte sich das große Steakmesser unter den Schenkel.

»Wir bekommen Besuch«, warnte er leise, aber eindringlich Rossi. »Nicht umdrehen!«, zischte er, als die Hauptgefreite über ihre Schulter schauen wollte.

Im selben Moment trat der Grauhaarige an ihren Tisch, begleitet von einem weiteren Mann, der fit und fähig aussah. Der Fahrer des Kübelwagens vom Kriegsspielschauplatz.

»Schön, dass wir uns doch noch getroffen haben«, sagte der Alte. »Mein Name ist Professor Alexander Kusch. Ich denke, Sie haben etwas für mich.«

»Sie müssen uns verwechseln«, konterte Pepe und stand auf. Er stellte sich direkt vor Rossi.

Für die anderen unsichtbar, hielt er das Steakmesser mit der Klinge nach oben hinter seinem Unterarm verborgen. In der Zwischenzeit hatte das Boot direkt vor ihnen angelegt. Der Kerl mit der Armschlinge kletterte heraus und kam ebenfalls auf sie zu. Die Pistole hielt er jetzt wenig unauffällig in der Hand.

»Das denke ich nicht Herr ...«, fuhr der Professor fort.

Sein Begleiter stand jetzt so dicht hinter Pepe, dass der dessen Atem im Genick spüren konnte. Rossi war ebenfalls aufgestanden und sah mit weit aufgerissenen Augen von einem zum anderen.

Kurz bevor der Kerl mit Armschlinge und Pistole sie erreichte, reagierte Pepe. Sein rechter Ellenbogen schnellte zurück und traf den Begleiter des Professors mit voller Wucht an der Schläfe. Der fiel in sich zusammen, als wäre er eine Marionette, der jemand alle Schnüre auf einmal durchgeschnitten hatte. Dann warf er den Tisch um, schleuderte ihn gegen Kusch, der mit ihm zu Boden stürzte. Die übrigen Gäste und Passanten schrien panisch auf, sprangen von ihren Plätzen. Erst unschlüssig, was zu tun war, rannten sie plötzlich wie auf ein geheimes Zeichen hin gleichzeitig durcheinander. Das Chaos war vollkommen. Dabei rissen sie sich gegenseitig um. Tische und Stühle fielen, Geschirr und Gläser schepperten zu Boden. Erst jetzt begriff der Mann aus dem Boot, was vor sich ging. Er blieb stehen und legte an. Offensichtlich war er Rechtshänder und nicht gewohnt, mit der linken Hand zu schießen. Er versuchte es trotzdem. Die Kugel pfiffen weit über ihre Köpfe hinweg. Das Dröhnen der Schüsse vergrößerte den Tumult noch. Pepe hechtete zu Rossi hinüber, warf sie um und zerrte sie hinter einen Blumenkübel in Deckung.

»Hauen Sie ab!«, brüllte er ihr ins Ohr, während er sich mit dem Messer an ihrer Hose zu schaffen machte. »Rennen Sie zurück zum Wagen und verschwinden Sie!«

Der Pistolenschütze versuchte mittlerweile, das leer geschossene Magazin zu wechseln. Keine leichte Übung mit einem Arm in der Schlinge. Der Professor rappelte sich auf. Sein Begleiter lag noch immer bewusstlos am Boden. Besser würde es nicht werden.

»Jetzt!«, brüllte Pepe und gab Rossi einen Klaps.

Dann sprang er selbst auf und rannte auf den Schützen zu. Der rammte in dem Moment das volle Magazin in den Pistolenschacht, in dem Pepe ihn mit der Schulter voran erwischte. Der Mann taumelte rückwärts. Seine Waffe fiel zu Boden. Mit kurzen, schnellen Schlägen trieb Pepe ihn vor sich her, bis hinter ihm die Ufermauer endete und der Mann rücklings in den Malchower See stürzte.

Kusch sah Dimitri ins Wasser stürzen. Der kleine, kräftige Glatzkopf, der die Kontaktperson entführt hatte, konnte sich in letzter Sekunde bremsen, bevor er ihm durch seinen eigenen Schwung folgte. Er blieb mit rudernden Armen an der Kante stehen. Zum Glück hatte Ali im Boot das Ganze mitbekommen und legte bereits ab, um seinen Kameraden aufzunehmen. Nur Daras lag träge auf der Erde. Das Personal taugte heutzutage überhaupt nichts mehr. Kusch lief zu ihm herüber und stieß ihn mit der Fußspitze an.

»Herr Daras, hören Sie mich? Herr Daras, wir werden die Frau verlieren!«

Ihre Informantin robbte hinter einer Reihe Blumenkübeln den Bürgersteig entlang. Ihr ausladendes Hinterteil schaute in schöner Regelmäßigkeit über die Betonkästen hinaus, wie ein Erdmännchen, das prüft, ob die Luft rein ist.

Daras fuchtelte unwirsch mit einem Arm, als gelte es, eine lästige Fliege zu verscheuchen. Der Professor beugte sich tief zu ihm herunter und wiederholte leise, aber eindringlich: »Wir werden die Frau verlieren!«

»Sehr wohl, Herr Professor«, antwortete Daras gedehnt.

Er drehte sich mühsam auf den Rücken, öffnete und schloss seinen Mund mehrmals, wackelte mit der Hand an seinem Kiefer und stand endlich ächzend auf. Kusch stützte ihn, während er ein drittes Mal sagte: »Wir werden die Frau verlieren!«

Pepe hatte nur knapp verhindern können, dem Schützen ins Wasser zu folgen. Seine nackten Fußsohlen schlitterten über das heiße Pflaster. Unter ihm machte sein Gegner einarmige Schwimmbewegungen, während er immer tiefer sank. Schwer atmend blieb Pepe an der kleinen Kaimauer stehen und sah sich um. Die Terrasse hatte sich in der Zwischenzeit geleert. Was machte denn Rossi da? Sie kroch auf allen vieren hinter den Blumenkübeln entlang, anstatt die Beine in die Hand zu nehmen und zum Geländewagen zu rennen. Bevor er ihr etwas zurufen konnte, hallten erneut Schüsse über den Platz. Instinktiv warf sich Pepe zu Boden. Auch der zweite Angreifer war kein Kunstschütze. Auf dem Pflaster liegend sah Pepe die Pistole des ersten Schützen. Er robbte darauf zu. Die Einschläge kamen näher. Steinsplitter regneten auf ihn herab. Endlich! Pepes Fingerspitzen bekamen die Waffe zu fassen. Er riss sie an sich, drehte sich herum und feuerte. Die zweite Kugel fand ihr Ziel. Der Fahrer des Sportbootes brach getroffen zusammen. Er fiel auf den Gashebel und das Boot schoss vorwärts, direkt auf den Anleger zu. Von der Uferpromenade führte eine schräge Rampe aus dem Wasser auf die Terrasse. Die raste das Sportboot unter Volllast kreischend empor. Der erste Schütze, den Pepe von der Ufermauer gestoßen hatte, hing mit einem Fuß im Fender verheddert außen dran und wurde über die Betonfläche mitgezerrt. Sein Kopf ditschte über die Rampe wie ein außer Kontrolle geratener Flummi. Erst kurz vor den Tischen des Biergartens kam das Boot zum Stehen. Die Schraube drehte sich kreischend frei in der Luft. Wo waren der Professor und sein Begleiter?

»Schneller, Herr Daras, schneller!«

Kusch trieb seinen Begleiter an. Der hatte noch immer leichte Gleichgewichtsstörungen und Orientierungsschwierigkeiten. Nach so einem heftigen Kopftreffer war eine Gehirnerschütterung nicht unwahrscheinlich. Doch darauf konnte und wollte der Professor keine Rücksicht nehmen. Die Informantin war jetzt aufgestanden und rannte für ihr Aussehen erstaunlich schnell die Straße hinunter.

Pepe lief auf die andere Gehwegseite hinüber. Von dort konnte er Rossis geparkten Wagen sehen. Sie hatte ihn eben erreicht und versuchte anscheinend hektisch, das Türschloss zu öffnen. Aber es war zu spät. Der Begleiter des Professors packte sie grob am Arm und nahm ihr den Schlüssel ab. Pepe legte an. Er hatte auf die Entfernung kein freies Schussfeld. Die Gefahr, die Hauptgefreite zu treffen, war zu groß. Mit einem leisen Fluch ließ er die Pistole sinken. Jetzt öffnete der Professor die Autotüren und sein Begleiter stieß Rossi hinein. Kusch übernahm das Steuer, während sich sein Handlanger zur Hauptgefreiten auf die Rücksitzbank setzte. Der Professor startete den Motor und gab Gas. Sekunden später waren sie nicht mehr zu sehen.

Pepe überlegte nur kurz. Dann rannte er zu dem auf dem Trockenen sitzenden Boot. Er zerrte den sich wimmernd die angeschossene Schulter haltenden Fahrer heraus, schnitt das Tau, das sich um den Fuß seines Kumpanen gewickelt hatte, mit dem Steakmesser durch und wuchtete das Sportboot die Rampe hinunter zurück ins Wasser. In einem Satz sprang er hinterher und riss das Steuer herum. Die Brücke war wieder geschlossen. Pepes gekapertes Boot war jedoch klein genug, um darunter hindurchzupassen. Sich flach duckend, haarscharf vorbei an einer schützenden Bretterkonstruktion jagte er mit Vollgas auf die andere Seite. Über ihm trafen die ersten Streifenwagen ein. Eine Schießerei am helllichten Tag auf offener Straße kam im beschaulichen Mecklenburg-Vorpommern auch nicht jeden Tag vor. Darauf konnte Pepe jetzt keine Rücksicht nehmen. Mit etwas Glück würde er die entführte Rossi noch auf dem Damm, der Malchows Inselteil südöstlich mit dem Festland verband, erwischen können.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
354 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783899692440
Yayıncı:
Telif hakkı:
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