Kitabı oku: «Geschwisterliebe»
Stephan Hähnel
Geschwisterliebe
Der 31. Kappe-Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Stephan Hähnel, 1961 in Berlin geboren, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Der «Meister des schwarzen Humors» ist Initiator des Berliner Krimimarathons und hat ihn vier Jahre lang geleitet. Er reüssierte zunächst mit kriminaler Kurzprosa und veröffentlichte dann im Jaron Verlag seine Kriminalromane um den eigenwilligen Ermittler Morgenstern (zuletzt «Verschwiegene Wasser», 2016).
Originalausgabe
1. Auflage 2018
© 2018 Jaron Verlag GmbH, Berlin
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www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
Satz: Prill Partners|producing, Barcelona
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
ISBN 978-3-95552-041-0
Inhalt
Cover
Titel
Autor
Impressum
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
Es geschah in Berlin …
EINS
Dienstag, 16. Juni 1970
DER FEINE HERR IM ANZUG spendierte dem heruntergekommenen Mann im Café Breslau die dritte Runde Molle mit Korn. Der Schluckspecht konnte sein Glück kaum fassen. Es war noch früh am Abend, und die Tische waren übersichtlich besetzt. Gegenüber, vor dem Rathaus Friedenau, stand ein Chor ältlicher Damen der Heilsarmee. Sie sangen mit brüchigen Stimmen kirchliche Lieder. Wenige Passanten blieben stehen. Die meisten hasteten nach Hause, um den Feierabend zu genießen. Andere interessierten sich mehr für die weltlichen Angebote rund um den Breslauer Platz und die Rheinstraße. Auf ein Zeichen hin füllte der Wirt die leeren Gläser mit Schultheiss Pilsener und öffnete eine neue Flasche Korn. Dem Inhaber der Kneipe war es gleichgültig, wer die Rechnung bezahlte. «Solange der Sesselfurza blecht, is mir dit recht», murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und servierte dem ungleichen Paar am Ende des Tresens eine neue Runde. Normalerweise verwies er derart abgehalfterte Typen sofort aus der Kneipe. Wer von dem obdachlosen Pack meinte, diskutieren zu müssen, bekam schnell einen Satz warme Ohren.
«Schon ma wat von Seife jehört?», blaffte er den Mann mit dem eingefallenen Gesicht und dem beeindruckenden Trinkerzinken an, der gierig den Korn in sich hineinkippte und anschließend den letzten Tropfen im Schultheiss versenkte. Ohne eine Antwort zu erwarten, notierte der Wirt mit einem Bleistiftstummel zwei weitere Runden auf dem Deckel des Anzugträgers. Dann klemmte er sich den Stift hinters Ohr, begab sich ans andere Ende des Tresens und spülte Gläser. Ihn interessierte nicht, welchen Geschäften die beiden nachgingen. Der Mann mit dem eleganten Anzug war in den letzten Wochen häufig mit abgerissenen Typen im Café Breslau erschienen. Er hatte sie großzügig eingeladen und ihnen flüsternd etwas eingetrichtert. Reden konnte der Kerl wie ein Wasserfall. Schlimmer als die alten Truden vom Wohlfahrtskommando, dachte der Wirt. Er überlegte kurz, ob er das Fenster schließen sollte. «Du, Herr, stehst vor der Türe», stimmte der Frauenchor voller Inbrunst ein neues Lied an.
«Jäste wärn mir lieber», nuschelte der Wirt missmutig vor sich hin und schlurfte in die Küche, das Revier seiner Frau, um nach dem Rechten zu schauen.
«Das ist absolut sicher. Du gibst mir deinen Pass. Dafür zahle ich dir fünfhundert Mark, in bar auf die Hand», erklärte der Anzugträger mit gedämpfter Stimme seinem Gast, der ihn zweifelnd anstarrte.
«Und wat sag ick den Bullen?»
«Na, einer deiner Schnapsbrüder hat dir die Brieftasche geklaut. So was kommt doch ständig vor. Du erhältst einen neuen Ausweis. Das war’s. Leichter lässt sich Geld nicht verdienen.»
Der Mann, dessen Leben seit geraumer Zeit nicht mehr in geordneten Bahnen verlief, betrachtete gierig sein Bier und schüttelte nachdenklich den Kopf. «Ick weeß nich. Kommt mir unjesetzlich vor. Dit is doch illejal, oder? Da komm ick bestimmt in ’ne Bredullje. Abjesejen davon, kann ick mir ja nich vorstellen, dass eener im Osten die gleiche Visage hat wie icke.»
«Das lass meine Sorge sein!»
Enttäuscht schaute der Mann auf sein leeres Schnapsglas. Bedauernd trank er einen kräftigen Schluck Bier. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. «Du machst wat mit dem Bild, wa? Dit tauschste aus, oder?» Er zog seinen Pass aus der Innenseite des heruntergekommenen Jacketts und betrachtete das Foto. Da sah er noch gut aus, vier Jahre jünger und nicht so verhärmt wie jetzt. Sichtbar ratlos strich er mit dem Finger über die Hohlniete und ließ ihn anschließend über das Glas kreisen. «Een bisschen muss ick noch nachdenken!», sagte er fordernd. «So janz überzeucht bin ick noch nich, vastehste?» Erneut hob er das Bierglas, prostete einem imaginären Kumpan zu und kippte das Schultheiss in sich hinein.
Der Anzugträger holte ein zusammengerolltes Bündel Scheine aus der Hosentasche, das von einem Gummiband zusammengehalten wurde. «Wenn wir uns einig sind, steht die nächste Runde auch auf meinem Deckel.» Mit Nachdruck stellte er die Rolle mit den Fünfzigern zwischen sich und die leeren Gläser. «Sind wir uns einig?»
Der Mann mit dem beeindruckenden Trinkerzinken schaute nervös in den Schankraum, griff nach den Scheinen und ließ sie in seiner Tasche verschwinden. Niemand schien etwas mitbekommen zu haben. «Du bescheißt mir doch nich, oder?»
«Zähl nach!»
Einen Augenblick lang überlegte der verwahrloste Mann offenbar, ob er dem Vorschlag folgen sollte. Als aber einer der Gäste aus einem nicht ersichtlichen Grund loslachte, entschied er sich dagegen. Stattdessen schob er seinen Ausweis über den Tresen.
In diesem Moment kam der Wirt aus der Küche und leckte sich die Finger ab. Anscheinend war er zufrieden mit dem, was in der Küche für den Abend vorbereitet wurde. Auch wenn er den Eindruck machte, dass er sich dem ehernen Gesetz verpflichtet fühlte, niemals etwas zu sehen oder zu hören, was ihm Schwierigkeiten bereiten könnte – der vornehm gekleidete Mann spürte sehr wohl, dass der Wirt ihn argwöhnisch musterte.
«Noch mal das Gleiche und die Rechnung bitte!», rief er. Zufrieden mit dem Geschäft, ließ er den Blick über den sich zunehmend füllenden Gastraum schweifen. In einer Ecke entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Er ließ sich nicht anmerken, dass er darüber alles andere als glücklich war. Ein leichtes Nicken genügte als Begrüßung. In diesem Moment beschloss er, seinen Geschäften künftig in einer anderen Kneipe nachzugehen.
Am Abend legte er den Ausweis in einen Tresor, in dem schon vier weitere lagen. Die Investition lohnte sich. Auf dem Markt der Freiheit brachte jeder von ihnen mindestens fünftausend D-Mark ein. Wenn er es intelligent anstellte, noch mehr. Je schwieriger es wurde, die Mauer zu überwinden, desto stärker stiegen die Preise. Angebot und Nachfrage. Marktwirtschaft war ein einträgliches Geschäft. Der Tresor war unauffällig in einem alten Werkzeugschrank untergebracht, auf dem das Wort Schmiermittel zu lesen war, eine Bezeichnung, die er in diesem Zusammenhang durchaus angemessen fand. Mehrere Geldbündel und weitere Dinge, die offiziell niemand besitzen durfte, stapelten sich neben den Pässen. Im unteren Tresorfach lag eine Akte, die er sorgfältig aufbewahrte und die er respektvoll Lebensversicherung nannte.
ZWEI
Donnerstag, 18. Juni 1970
ANGESTRENGT lauschte Kai Jürgens dem Prasseln des Regens. Kam es ihm bloß so vor, oder nahm das monotone Rauschen ab? Nur vereinzelt beleuchteten Blitze den Himmel. Er zählte die Sekunden, bis es donnerte. Besorgt hob er seinen Kopf. Es war stockdunkel, kein Mond war erkennbar. Seit einer halben Stunde entlud sich ein Gewitter, das sich tagsüber zusammengebraut hatte, im Süden Berlins. Langsam zog es in Richtung Potsdam. Seit Wochen verfolgte Jürgens den Wetterbericht. Dass in dieser Nacht ein Unwetter tobte, war ein Glücksfall. Er hatte innig gehofft, dass es regnen würde. Und auch wenn er von sich nicht behaupten konnte, ein gläubiger Mensch zu sein – er schaute gen Himmel und dankte Gott für sein Einsehen. Vorsichtig blickte er auf seine Uhr. Aber weder die Zeiger noch die kleinen Punkte, die für die Ziffern standen, leuchteten. Eine Sekunde überlegte Kai Jürgens, ob er die Leuchtkraft mit seiner Taschenlampe auffrischen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Viel zu gefährlich. Seit Stunden saß er im Grenzgebiet, um herauszufinden, wann die Posten ihre Runde machten. Sie mussten jeden Moment an ihm vorbeikommen. Alle dreißig Minuten schlurften zwei Grenzsoldaten über den festgetretenen Weg und prüften den Sandstreifen auf Fußspuren. Sonderlich ernst nahmen sie ihre Aufgabe nicht. Dennoch, jede Veränderung wäre ihnen vermutlich aufgefallen. Plötzlich hörte Jürgens leise Stimmen. Die Grenzstreife war näher als erwartet. Noch verstand Kai Jürgens nicht, worüber sich die Soldaten unterhielten. Er lauschte angespannt. Ein Geräusch ließ ihm schlagartig die Haare zu Berge stehen. Es war ein Hecheln, das Hecheln eines Hundes. Offensichtlich hatte es einen Wachwechsel gegeben, und die neuen Posten versahen ihren Dienst mit einem Grenzhund. Ängstlich drückte er sich noch tiefer ins Gebüsch.
«Haste schon von die Typen jehört, die in Schönefeld fliehen wollten und sich umjebracht haben?», fragte der kleinere der zwei Grenzer. Ob der Neuigkeit, die er erzählen konnte, schwang Stolz in seiner Stimme mit.
«Mensch, halt doch mal die Luft an! Deinetwegen kommen wir noch in Teufels Küche!», erwiderte der andere in tiefstem sächsischem Dialekt und konnte dabei eine gewisse Gereiztheit kaum unterdrücken. «Wann soll das denn gewesen sein?»
«Is schon een Weilchen her. Anfang März. Jescheiterte Flugzeugentführung. Een Pärchen wollte ’ne Antonow An-24 entführen, um innen Westen abzuhauen. Hat aber nicht jeklappt. Der Pilot is in Schönefeld jelandet, anjeblich wejen Spritmangels. Und da haben unsere Jungs schon uff dit asoziale Pack jewartet. Dummerweise haben sich die beeden aber ’ne Kugel inne Birne jejagt. Haben Schiss jekricht vor de Strenge der Staatsmacht.» Der Kerl lachte. «Dumm jelaufen, wa!»
«Das hast du aber nicht aus unseren Medien!»
«Nee, natürlich nich. RIAS.»
Beide schwiegen einen Augenblick.
«Solltest vorsichtiger sein, wem du was erzählst. Feind lauscht mit.»
«Biste von Horch und Guck? Du wirst mir doch nich melden, oder?»
Inzwischen waren die Grenzsoldaten auf gleicher Höhe mit Jürgens. Der Hund wurde unruhig. Ein Knurren, das zunehmend bedrohlicher klang, war deutlich zu vernehmen. Dann schlug der Schäferhund entschieden an. Die beiden Grenzer blieben schlagartig stehen, rissen ihre AK 47 von den Schultern und richteten die Waffen auf das Unterholz. Der Sachse suchte mit der Taschenlampe nach verräterischen Spuren. «Kommen Sie raus, oder wir lassen den Hund los!», brüllte er, als wäre er fündig geworden.
Kai Jürgens, der auf den Boden gepresst lag, zitterte. Konnten sie ihn sehen? War die Flucht gescheitert, kaum dass sie begonnen hatte?
«Letzte Warnung! Wir machen von der Schusswaffe Gebrauch!»
Das Klicken der durchgezogenen Kalaschnikow ließ das Blut in seinen Adern erstarren. Vorbei. Sie hatten ihn aufgespürt. Der Hund musste ihn gewittert haben. In dem Moment, in dem sich Kai Jürgens seinem Schicksal beugen wollte, brach kaum zehn Meter entfernt ein Wildschwein aus dem Gebüsch. Es starrte die Grenzer gleichgültig an und marschierte unbeeindruckt den Postenweg entlang. Weitere Schweine folgten. Sie nahmen ebenfalls keine Notiz von dem kläffenden Hund und den beiden Soldaten. Nur die Frischlinge beäugten die Grenzer und rannten der Rotte Augenblicke später aufgeregt hinterher.
«Timur und sein Trupp», meinte der Sachse und sicherte die Maschinenpistole. «Unsere posteneigenen Schweine. Sind meistens harmlos. Nur wenn die Viecher Junge haben, ist es besser, Abstand zu halten. Eine Bache kann sehr gefährlich werden. Das weiß ein Neuling wie du natürlich nicht.»
Noch immer spielte der Hund verrückt und bellte hinter den Schweinen her. Wütend zog der Grenzer an der Leine. Der Schäferhund jaulte vor Schreck auf. «Ich zieh dir eine über, wenn du nicht die Schnauze hältst. Bei Fuß, blöde Töle!»
Die Grenzer schlurften weiter. Der Hund lief, wie ihm geheißen, brav neben dem Hundeführer her. Ein letzter verstohlener Blick zu jenem Gebüsch, in dem Jürgens lag, und ein bedauerliches Winseln, dann verschwand er mit den Soldaten hinter der nächsten Kurve.
Einen Augenblick zwang sich Kai Jürgens noch zur Ruhe und lauschte auf den Regen, der wieder stärker zu werden schien. «Jetzt oder nie!», flüsterte er, steckte den rechten Arm durch die Sprossen der dreiteiligen Fensterputzleiter und schulterte sie. Um jedes Klappern zu verhindern, hatte er sie mit Filz beklebt. Schnell überquerte er den Postenweg. Seine Schuhe sanken tief in den losen Sand ein, bevor er den Zaun erreichte. Kein wirkliches Hindernis. Aber es folgten weitere, bis er vor der eigentlichen Mauer stand. Drei Meter war sie hoch. Zwischen den Pfosten waren die Betonplatten übereinandergereiht. Er würde sich quer daraufsetzen, ein Bein im Osten, das andere in der Freiheit, schnell die Leiter hochziehen und auf der westlichen Seite wieder hinunterklettern.
DREI
Freitag, 19. Juni 1970
ALS HANS-GERT GALGENBERG das Büro betrat, erkannte Kriminaloberkommissar Otto Kappe sofort, dass etwas vorgefallen sein musste. Mit den Jahren hatte er gelernt, am Gesichtsausdruck seines Kollegen abzulesen, ob dieser im nächsten Moment über private, berufliche oder politische Ungeheuerlichkeiten zu referieren gedachte. Das Thema Fußball-WM in Mexiko konnte er ausschließen. Deutschland blieb nach dem Jahrhundertspiel vor zwei Tagen gegen Italien und der ärgerlichen 4 : 3-Niederlage nach Verlängerung nur der Kampf um Platz drei. Gestern hatten sie ausgiebig über das Spiel diskutiert. Das war also eindeutig nicht der Grund für Galgenbergs heutige Erregtheit. Ein weiterer kurzer Blick genügte, und Kappe tippte auf private Neuigkeiten. Galgenberg schien übermüdet, er war rot vor Aufregung und voller Vorfreude, die neuesten Nachrichten zu verkünden.
«Dit gloobste nich! Weeßte, wat mir heute Nacht passiert is?»
Kappe schüttelte ahnungslos den Kopf, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und deutete mit beiden Händen an, dass er wissbegierig sei. Galgenberg liebte schon immer das Berlinerische, seit er aber dem Verein zur Erhaltung der Berliner Mundart beigetreten war, durfte Kappe regelmäßig dessen bühnenreifen Ausführungen lauschen.
«Stell dir vor, da träumste von de Adria – Strand, Sonne, knappe Bikinis, wohin de schaust –, und plötzlich macht dir deine Frau wach. Nachts um drei! Panik inne Stimme. Angeblich hätten wa Einbrecher im Haus. Ick dachte, ick krieg ’nen Herzkasper. Einbrecher! Bei uns in Steinstücken! Wenn es eenen sicheren Ort uff de Welt jibt, dann ja wohl die Insel vor de Insel. Wer solln da klauen? Rin kommste nich in die Exklave und raus ooch nich. Jedenfalls nich nachtens. Da passt der olle Ossi uff.»
Vor ein paar Jahren waren Hans-Gert Galgenberg und seine Frau Sabine nach Steinstücken gezogen, offiziell wegen der günstigen Immobilienpreise. Hinter vorgehaltener Hand hieß es jedoch, dass Galgenberg wegen der stetig steigenden Arbeitsbelastung bei der Berliner Polizei versucht hatte, die Notbremse zu ziehen. Er glaubte, die exponierte Lage der West-Berliner Exklave in der Ostzone schütze ihn vor Fragen wie «Könntest du mal schnell vorbeikommen?» oder «Wäre es möglich, dass du kurzfristig für den Kollegen x oder y einspringst?». Doch er hatte sich getäuscht. Sein Chef Otto Kappe nahm auf derartige Befindlichkeiten keine Rücksicht. Nun lebte Galgenberg gut bewacht und abgeschirmt, zumindest vor unerwartetem Besuch, in der kaum einen Kilometer langen und dreihundert Meter breiten Exklave, die zum Ortsteil Wannsee zählte. Seitdem hatte er die beste aller Ausreden, wenn er zu spät zum Dienst erschien: «Die Grenzposten sind schuld. Kontrollieren mir immer janz jenau. Keene Ahnung, warum. Die wissen bestimmt, dass ick een treuer Staatsdiener bin.»
«Und was ist nun gewesen?», erkundigte sich Kappe und schaute prüfend auf die Uhr. «Und wenn es recht ist, bitte die Kurzfassung!»
Galgenberg verdrehte die Augen, setzte sich an seinen Schreibtisch, der gegenüber dem von Kappe stand, und lehnte seinen Oberkörper über die Arbeitsplatte. «Plötzlich hör ick ooch wat. Ick spring uff, greif mir dit Erstbeste, wat ick fassen kann, so een Unjetüm von Vase, wo Sabine im Spätsommer imma die Bumskeulen rinstellt, und schleich uffn Hof.» Galgenberg sprang wieder auf und unterstrich das Gesagte mit vollem Körpereinsatz. «Und tatsächlich, im Schuppen seh ick Licht. Ick, mutig wie ick bin, reiß die Tür uff, dit glasierte Steingutteil von irgend so een Designer einsatzbereit über meenem Kopp – und wat bejegnet mir da?»
Kappe, der Galgenbergs Vortrag amüsiert verfolgte, zuckte ahnungslos mit den Schultern und wollte schon zu raten beginnen.
«Otto, sag nischt! Kommste nie druff. Also, wie ick da so stehe in meinem jestreiften Pyjama, barfuß, da entdeck ick in meenem Schuppen een Fensterputzer im Tarnanzug. Een echter Republikflüchtling. Na, der hat sich vielleicht erschrocken! Hätt nich viel jefehlt, und der wär wieder zurück in Osten jemacht.»
«Ein Fensterputzer?»
«Een Flüchtling mit so eener Fensterputzleiter zum Zusammenschieben! Kräftiger junger Mann, noch janz grün hinter de Ohren, neunzehn Jahre, aber ziemlich clever. Dit Prachtstück von eener Leiter hat sich Gefreiter Jürgens, Kai Jürgens, so heißta nämlich, quasi vom Rückwärtigen Dienst der Nationalen Volksarmee ausjeborgt. Die brauchten so een Vehikel, um die Fenster eener alten MIG zu putzen. Dit is een Hobby von General von Trallala zu Sowieso. Dit Flugzeug steht uffn Granitsockel vor de Kommandantur. Wenn der Lametta-Heini meinte, die Fenster von dem Vogel sehen matt aus, dann wurde jeputzt. Im ersten Diensthalbjahr regelmäßig jeden Sonnabend. Und dafür brauchste so een Teil. Dit is Joldstaub im Osten. Die haben ja nischt. Und wat macht der Sprutz? Klaut dit jute Stück und nutzt den Urlaub bei de NVA dazu, dem Arbeiter- und Bauernparadies Tschüss zu sagen. Mann weg. Leiter ooch. Dit Jesicht von dem Oberoffizier hätte ick ma sehen wollen!»
Kappe kannte Galgenberg eine mittlere Ewigkeit, aber selten hatte er ihn so begeistert gesehen. Wenn es gegen den Osten und dessen Staatsführung ging, lief der Kriminalassistent regelmäßig zu Hochform auf. Und seit West-Berlin ein Eldorado für Bundeswehrverweigerer geworden war, sich zunehmend Hessisch, Schwäbisch, Bayerisch und andere unverständliche Dialekte in die Alltagssprache mischten, schien sein Kollege umso mehr von der Notwendigkeit überzeugt zu sein, die Berliner Mundart retten zu müssen. Kappe schaute seinen Kriminalassistenten amüsiert und erwartungsvoll an. Als dieser nicht weitersprach, tat er ihm den Gefallen und fragte neugierig: «Und was ist dann passiert?»
«Na, ick hab den erst mal einjekleidet. Ordentliche Hose, hellet Hemd und meine Lieblingslederjacke von Woolworth, die mir leider nich mehr passt. Du weeßt schon, die schnieke braune mit die geschwungenen hellen Linien uffn Rücken, wat wie een Adler aussieht. Dit Teil is zwar een bisschen abjelebt, aber immer noch eene echte Oogenweide. Kannst doch keenen inna Einstrich-Keinstrich-Uniform durchn Westsektor latschen lassen. Schnieke sieht der Junge jetz aus. Und dann hab ick die Amis ausm Bett jeklingelt und ihnen den Neubürger übergeben. Na, die haben Oogen jemacht! Montach is Wachwechsel. Da fliegen die Amis den bestimmt ooch mit aus.»
Fast wäre Kappe aufgestanden und hätte seinem Kollegen stolz die Hand geschüttelt, besann sich dann aber der wirklichen Probleme. Und davon gab es einige. «Kriminalrat Keunitz will uns sehen. In fünf Minuten. Keine Ahnung, was der will.»
Galgenberg verdrehte die Augen und seufzte theatralisch. «Wat? Der Chef persönlich? Otto, mich grault’s!»
«Mir grault’s, heißt das», verbesserte Kappe ihn. «Das ist der Akkudativ. Der echte Berliner verwendet immer ‹mir›, selbst wenn es richtig ist. Kollege, du musst noch viel lernen!»
«Es ist das erklärte Ziel unseres neuen Polizeipräsidenten, dass wieder Frieden herrscht in der Stadt. Hübners Linie scheint daher zu heißen: Die Polizei hat zwar nicht mit dem Einsatz von Gewalt begonnen, aber sie soll ihn beenden. Mit anderen Worten: Ab sofort ist Weichspülen angesagt.» Kriminalrat Friedhelm Keunitz konnte seine Abneigung gegen die Politik des neuen Polizeipräsidenten Klaus Hübner kaum verhehlen. «Schlimm genug, dass wir ständig mit diesen Chaoten zu tun haben, mit ihrem ‹Ami-Go-Home›- und ‹Ho-Ho-Ho-Chi-Minh›-Geschrei. Allein wegen der Straßenschlacht vor dem Amerikahaus in der Hardenbergstraße Anfang Mai haben wir immer noch diverse verletzte Polizisten zu beklagen. Verdammt, wir sind doch nicht die, die Krieg in Vietnam führen! Und dann noch die gewaltsame Befreiung von diesem Andreas Baader. Bin gespannt, was da noch auf uns zukommt.» Wütend schlug Keunitz auf ein Blatt namens Agit 883, ein anarchistisch-libertäres Periodikum aus der linken Szene, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Kopfschüttelnd deutete er auf einen Artikel: Die Rote Armee aufbauen!
Otto Kappe wusste zwar nicht genau, um was es ging, las aber ein paar Zeilen: Genossen von 883 – es hat keinen Zweck, den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen. Das haben wir lange genug gemacht. Die Baader-Befreiungs-Aktion haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Allesbesserwissern zu erklären, sondern den potenziell revolutionären Teilen des Volkes.
Kappe kannte derartige Polemik aus anderen anarchistisch gefärbten Artikeln, die zuweilen bar jeder Vernunft schienen. Selbst sein Sohn Peter sympathisierte seit Jahren mit der revolutionären Studentenbewegung. Immer häufiger hatten sie sich wegen ihrer unterschiedlichen politischen Sichtweisen gestritten. Otto Kappes Frau Gertrud litt darunter, und zusehends ging ein Riss durch die Familie. Er war nicht schuldlos daran, aber er vermochte zurzeit nicht auf seinen Sohn zuzugehen. Glücklicherweise hatte der Anfang des letzten Jahres sein Studium der Psychologie beendet und durfte sich jetzt Diplom-Psychologe nennen. Seit Monaten ruhte der Kontakt, und Otto Kappe spürte, dass sie sich immer weiter voneinander entfernten. Er zwang sich, den Gedanken an den Sohn zu verscheuchen, und las verärgert den Aufruf dieser Fanatiker. Die Zeitschrift war keine zwei Wochen alt. Verständnislos überflog Kappe den Artikel und verharrte beim letzten Satz: Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen!
Keunitz, der seinem Blick folgte, sagte, noch immer aufgebracht: «Aber deswegen habe ich Sie nicht hergebeten.» Er nahm das Machwerk mit spitzen Fingern und ließ es in einem Schubfach verschwinden. «Der Grund, warum ich mit Ihnen reden möchte, hat mit dem leidigen Thema Fluchthilfe zu tun. Willy Brandt und Walter Scheel sind intensiv mit Moskau im Gespräch, um den internationalen Frieden aufrechtzuerhalten und den sogenannten Entspannungsprozess zu fördern. Außerdem munkelt man, dass unser Kanzler in Erfurt mit dem Ministerpräsidenten der DDR, Willi Stoph, über künftige Besuchserleichterungen gesprochen hat. Sieht so aus, als stünden wir kurz vor dem Durchbruch. Da geht es um viel mehr als nur um ein befristetes Passierscheinabkommen für uns West-Berliner.»
Erstaunt schauten sich Kappe und Galgenberg an. Fluchthilfe war für die meisten West-Berliner immer noch eine ehrenwerte Handlung. Zwar drehte sich langsam der Wind. Dennoch, niemand in der eingemauerten Stadt empfand es als Verbrechen, jemandem in die Freiheit zu verhelfen. Außerdem war es ein offenes Geheimnis, dass die Bundesregierung die Fluchthilfe bisher, wenn auch verdeckt, unterstützt hatte. Selbst der Verfassungsschutz hatte seine Finger im Spiel und warnte Fluchthelfer, wenn ihm bekannt wurde, dass die Staatssicherheit der DDR ihnen auf die Spur gekommen war. Es fiel nicht in den Aufgabenbereich der Mordkommission, sich um derartige Angelegenheiten zu kümmern.
Als könnte Keunitz Kappes Gedanken lesen, hob er beschwichtigend die Hand. «Sie bearbeiten doch beide den Fall der unbekannten Toten von Nikolskoe?»
Kappe, der immer hellhörig wurde, wenn es um neue Details für nasse Fische ging, wie ungeklärte Fälle intern genannt wurden, schaute erst den Chef aller Mordkommissionen und dann Galgenberg an. «Mein letzter Stand ist, dass wir alle diesbezüglichen Ermittlungen einstellen sollten. Das war Ihre Anweisung! Wenn ich mich nicht täusche, ist das nicht einmal ein halbes Jahr her», bemerkte er gereizt. Nur mit Grausen erinnerte er sich an den ungelösten Mordfall. Sie hatten weder die Identität der Leiche klären noch den Mörder überführen, geschweige denn auch nur ansatzweise ein Mordmotiv ermitteln können. Stattdessen hatte seine intensive Beschäftigung mit dem Fall zu einer bedrohlichen Ehekrise geführt.
«Bis auf Weiteres – das waren meine Worte gewesen. Das gilt immer für derartige Verbrechen. Außerdem, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?», zitierte Keunitz Konrad Adenauer gereizt und ergänzte: «Die Herren vom Verfassungsschutz haben uns freundlicherweise einen Hinweis zukommen lassen. Wir sollen doch mal einem Herrn Wilfried von Thalmann genauer auf die Finger schauen. Fluchthelfer und Lebemann. Dürfte Ihnen kein Unbekannter sein. Eine nicht näher benannte Quelle habe den Hinweis gegeben, dass zwischen der Toten von Nikolskoe und diesem Herrn eine Verbindung bestehen könnte.»
«Der schöne Willi?», fragte Galgenberg verwundert. «Finger dreckig machen ist eigentlich keine Stärke dieses Herrn.»
Kappe, dem die Wut das Gesicht rot färbte, konnte sich nur mit Mühe beherrschen. «Sehe ich das richtig, wir sollen möglichst viel Dreck aufwühlen, damit die Herren Politiker ungestört mit den Kommunisten verhandeln können?»
Keunitz lehnte sich zurück und verschränkte die Hände im Nacken. «Ich würde das nicht so formulieren und öffentlich auch niemals zugeben, aber ja, es trifft wohl den Kern der Sache. Mir ist allerdings mehr daran gelegen, dass das Verbrechen in Nikolskoe aufgeklärt wird. Das ist unsere Aufgabe oder, besser gesagt, Ihre. Also, noch mal das ganze Programm!»
«Ick gloob, mein Schwein pfeift! Sind wa von de Mordkommission jetzt der Stadtreinigung zujeordnet?», empörte sich Galgenberg, der offensichtlich vergessen hatte, dass er vor seinem Chef stand, und seine Bemerkung sofort bereute.
«Kollege Galgenberg, ein bisschen mehr Gelassenheit, wenn ich bitten darf! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Mörder der Toten von Nikolskoe überführt worden ist, ja dass überhaupt irgendeine Erkenntnis in diesem Fall vorliegt. Also reißen Sie sich bitte zusammen! Und kommen Sie mir nicht mit irgendwelchem Stammtischgezeter. Sie sind Polizist, vergessen Sie das nicht!»
Galgenberg hob entschuldigend beide Hände. Kappe stand wie versteinert vor dem Schreibtisch. Dass man sie beauftragte, einen Fall neu aufzurollen, der noch vor Kurzem als hoffnungslos eingestuft worden war, empfand auch er als Kritik an ihrer Arbeit.
Keunitz ahnte offenbar, dass es tief im Innern des Kriminaloberkommissars Kappe rumorte. «Anfang September muss ich turnusmäßig eine Leistungsbeurteilung abgeben, die darüber entscheidet, ob Sie und Ihr Kollege Galgenberg höhergestuft werden. Die Zeiten, in denen nach Alter und Gewicht befördert wurde, gehören glücklicherweise längst der Vergangenheit an. Es gilt das Leistungsprinzip – für alle Mitarbeiter der Mordkommissionen.» Freundlich, wenn auch wenig überzeugend fügte er hinzu: «Politik ist nicht meine Besoldungsstufe und, da stimmen Sie mir sicherlich zu, Ihre erst recht nicht. Außerdem bin ich zu alt für derartige Spiele! Also tun Sie mir den Gefallen, und gehen Sie dem Hinweis unserer Staatsschützer nach. Möglicherweise bringt das was. Ach ja, und reden Sie zuerst mit der Gerichtsmedizin. Es gibt interessante neue Informationen. Im Gerichtsmedizinischen Institut hat es übrigens eine Personalaufstockung gegeben. Ich bin überzeugt, Sie werden begeistert sein.»
Das Telefon klingelte. Keunitz deutete mit einem Nicken an, dass die Unterredung beendet war. Er legte die Hand auf den Hörer, nahm ihn aber noch nicht ab. «Und, Herr Kappe – wie sagten Sie so treffend? –, wühlen Sie möglichst viel Dreck auf!»
Kaum hatten Otto Kappe und Hans-Gert Galgenberg das Büro ihres Chefs verlassen, verkündete Galgenberg mit empörter Stimme: «Otto, ick gloob dit nich! Bei dem müssen ja die Nerven blank liegen. Kann mich nich erinnern, dit der mir mal so anjefaucht hat.»
Kappe entfuhr nur ein zischender Laut. Wieder auf jenen Fall angesetzt zu werden, der ihn monatelang erfolglos beschäftigt hatte, löste in ihm Wut und Verzweiflung aus. Gertruds Beschwerden über die vielen Überstunden und darüber, dass er sogar Arbeit mit nach Hause genommen hatte, klangen ihm noch immer in den Ohren. Einmal hatte sie wütend erklärt, dass sie nicht mehr gewillt sei, sich hinter einer Leiche anzustellen, bis der geliebte Göttergatte bereit war, mit ihr über die täglichen Probleme ihres gemeinsamen Lebens zu reden.
Tatsächlich hatte sich Kappe derart in den Fall der Toten von Nikolskoe verbissen gehabt, dass er auf jede Störung aggressiv reagiert hatte. Selbst das Faustballtrainig hatte er monatelang ausfallen lassen, und auch die Kegelabende bei den Rattenkönigen Charlottenburg in jener Zeit konnte er an fünf Fingern abzählen. Zwischen Otto und Gertrud kriselte es seitdem bedenklich. Noch dazu hatte sein Sohn im Spätsommer des letzten Jahres völlig unerwartet Berlin den Rücken gekehrt. Ausgerechnet Hermann Kappe, der Großonkel und Oberkriminaler der Familie, der seinen Lebensabend am Gümser See im Wendland verbringen wollte, schien Peter sozusagen abgeworben zu haben. Alle in der Familie hatten von der Entscheidung seines Sohnes, Berlin zu verlassen, gewusst, nur Otto nicht. Als Peter schließlich doch mit ihm hatte reden wollen, hatte er nur kurz von seinen Unterlagen aufgeschaut und lapidar bemerkt: «Reisende soll man nicht aufhalten.»
Seitdem arbeitete Peter in der Wendland-Klinik, in einer eher übersichtlichen Abteilung, die psychisch Erkrankte behandelte. Die Familie drohte auseinanderzubrechen, und Otto war daran nicht unschuldig. Erst nachdem er die Akte Nikolskoe auf Keunitz’ Anweisung im Schubfach hatte verschwinden lassen, hatte sich die Situation mit Gertrud wieder zum Besseren gewendet. Das war nun kaum ein Vierteljahr her.
«Wir können unmöglich einfach beim schönen Willi klingeln und behaupten, es gebe da so einen Hinweis von jemandem, der obergeheim ist, quasi de facto nicht existiert. Demnach solle er etwas mit einer Leiche zu tun haben, zu der wir aber leider überhaupt nichts sagen können», unterbrach Galgenberg Kappes Gedankengang.
Wieder einmal stellte Kappe fest, dass der ehrenwerte Kollege immer dann zu berlinern aufhörte, wenn die Situation ernst wurde.
Um die Absurdität ihrer Aufgabe zu verdeutlichen, schlug sich Galgenberg mehrfach kräftig mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Wat solln der schöne Willi darauf antworten? Der lacht sich doch scheckich. Dit können wa voll verjessen!»
Das mit dem Hochdeutsch klappt allerdings nur, wenn Galgenberg nicht wütend ist, stellte Kappe in Gedanken fest. Im Prinzip sah er es genauso wie sein Kollege. Sie hatten nichts in der Hand, um Keunitz den Wunsch zu erfüllen, Dreck aufzuwirbeln. Sie sollten den Hinweis vom Verfassungsschutz mit Vorsicht genießen. Nachgehen aber mussten sie ihm. Es war unmöglich, die Sache zu ignorieren. Doch auch wenn die Informationen äußerst dürftig ausfielen – sie waren ein kleiner Strohhalm. Vielleicht könnten sie den Fall Nikolskoe doch noch aufklären. «Hast du eine Ahnung, wo der schöne Willi sein Domizil hat?», erkundigte sich Kappe.
«Ick gloobe, in Alt-Lübars. Hat so een ufjepeppten Bauernhof jekooft. Über dit Anwesen stand ma wat inne Zeitung.»
«Fahr da am Montag vorbei. Nimm Kynast mit. Schaut euch um. Redet mit ein paar Leuten. Sagt, dass eine unbekannte junge Frau im vergangenen Herbst tot aufgefunden wurde und wir deshalb ermitteln. Alter, Körpergröße und Haarfarbe kennt ihr. Welche Kleidung sie am Tag ihres Todes trug, ist auch wichtig. Ach ja, und dass sie womöglich einen Gehfehler hatte. Dass es um Mord geht, erwähnt ihr allerdings nicht. Über alle anderen Details schweigt bitte auch. Ist jemandem im Mordzeitraum etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Die Frau wurde zwischen November 1968 und Februar 1969 umgebracht. Hat irgendjemand die Frau beobachtet? Lasst euch sehen, und wenn einer von Willis Leuten fragt, zeigt eure Ausweise, sagt was von Routineuntersuchung und verweist darauf, dass wir uns in den kommenden Tagen wieder melden werden. Mehr als auf den Teppich klopfen können wir momentan nicht. Vielleicht staubt es ein bisschen. Wenn wir Glück haben, wird jemand nervös.»
Galgenbergs Stöhnen kam tief aus seinem Innern. «Ick hab schon so wat befürchtet. Alles klar, ick kümmere mir drum!»
Einen Augenblick lang standen beide auf dem Flur, starrten durch ein Fenster auf die Keithstraße und beobachteten die vorbeihastenden Passanten.
«Und was machen wir jetzt, so kurz vorm Wochenende?», erkundigte sich Galgenberg vorsichtig mit deutlicher Betonung des letzten Wortes.
«Ich habe noch etwas in Kreuzberg zu erledigen», erwiderte Kappe. Nach einer kurzen Pause ergänzte er: «Außerdem brauche ich dringend Luft. Ich muss das erst mal verdauen. Geh du zurück ins Büro und stell bitte alles, was wir über diesen Wilfried von Thalmann haben, zusammen. Presseartikel über den bunten Vogel wären auch ganz schön. Ich komme später nach.»
«Dann muss ick in die Stadtbibliothek.»
«Dann mach das!», sagte Kappe schulterzuckend.
Galgenberg zog die Stirn kraus und schaute seinen Chef an, der drehte sich um und lief mit energischen Schritten den Gang entlang.
Im Auslieferungslager des Berliner Fuhrunternehmens Liebscher genossen die Fahrer ihre Mittagspause. Niemand kümmerte sich um Helmut Gebhard, der die Lieferpapiere für die kommende Tour ins Bundesgebiet prüfte. Alles schien vollständig und korrekt zu sein. Der Lkw war mit Kisten voller Mikrofone beladen, die neuesten, die es derzeit auf dem Markt gab, die Hecktür war verplombt. Gebhard lief ruhig um das Fahrzeug herum und überprüfte die Reifen. Niemand störte ihn. Er öffnete die Fahrertür, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn in Startposition, zog dann den Aschenbecher aus seiner Halterung und drückte kräftig auf das darunterliegende Blech, auf einen unauffälligen Schalter, den nur Eingeweihte kannten. Der Stromkreis schloss sich, und ein Anlassermagnet entriegelte verborgene Stifte im Bodenblech. Um sicherzugehen, dass ihn niemand beobachtete, schaute Gebhard prüfend zum Kabuff, in dem die anderen Kollegen ihre Pause verbrachten. Alles war ruhig. Vorsichtig klappte er den Fahrersitz nach vorn. Nun brauchte er nur noch die Bodenplatte wegzuschieben, und ein eigens präparierter Hohlraum wurde sichtbar. Viel Platz bot er nicht. Er reichte gerade für eine Person, die sich in Embryonalhaltung zusammenkrümmte. Das Versteck lag gut getarnt zwischen Motor und Tank. Selbst Spürhunde schlugen wegen des starken Benzin- und Ölgeruchs nie an, wenn er jemanden darin schmuggelte.
Sieben Fluchten hatte Helmut Gebhard bisher mit dem umgebauten Lkw des Fuhrunternehmens ermöglicht. Das Versteck war perfekt. Selbst eine einstündige Inspektion am Grenzübergang Staaken war erfolglos gewesen.
Diesmal würde er die Ladung an einen Partner in Hamburg liefern und anschließend hochwertiges Papier laden, das er am Montag an die Bundesdruckerei in der Kommandantenstraße hinter dem Axel-Springer-Haus übergeben musste. Niemand in der Firma ahnte, dass er in der Nähe von Nauen einen kurzen Zwischenstopp auf einem Waldweg einlegen würde. Nur der Inhaber der Firma Liebscher wusste von dem Umbau des Lkw und seinen regelmäßigen Aktionen. Gebhard kannte das Gerücht, dass der Chef des Unternehmens, Bernd Liebscher, seinen Bruder bei einem Fluchtversuch verloren hatte, als der im Februar ‘64 versucht hatte, den Teltowkanal zu durchschwimmen. Offensichtlich fühlte sich Liebscher schuldig am Tod seines Bruders, weil er ihn nicht von dem irrsinnigen Plan hatte abbringen können. Seitdem tat er alles dafür, anderen bei ihrer Flucht zu helfen. Für ihn war eine derartige Hilfe anscheinend das einzige Mittel, um Abbitte zu leisten.
Den Umbau des Lkw hatte Wilfried von Thalmann an einem Wochenende auf seinem Anwesen vornehmen lassen. Die Idee stammte von einem befreundeten Fluchthelfer, der mit einem Cadillac Flüchtlinge über die deutsch-tschechoslowakische Grenze geschmuggelt hatte. Dem war es drei Jahre lang gelungen, die Grenzposten mit seinem fast sechs Meter langen amerikanischen Schlitten zu narren. Zweihundert Flüchtlingen hatte das Nobelgefährt in die Freiheit verholfen. Das Versteck hatte hinter dem Armaturenbrett gelegen, und wer die Reise gen Westen angetreten hatte, hatte gut getarnt auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen im Kotflügel gelegen.
Gebhard prüfte noch einmal den geheimen Raum im Lkw. Wie immer schüttelte es ihn, wenn er an die Enge dachte. Er selbst könnte eine derartige Tortur nicht durchstehen, neigte er doch schon in geschlossenen Räumen zu Atemnot und Panikattacken. Mitfühlend legte er eine zusammengelegte Decke in das präparierte Versteck. Mehr konnte er nicht tun. Sorgsam zog er die Bodenplatte wieder in ihre Verankerung, stellte den Sitz zurück und steckte den vollen Aschenbecher in seine Halterung. Zufrieden schaute er auf die Uhr. Mindestens sieben Stunden dauerte eine Fahrt über die Fernverkehrsstraße 5 nach Hamburg, vorausgesetzt, die Kontrolle am Grenzübergang Lauenburg würde sich nicht wieder endlos in die Länge ziehen.
Otto Kappe musste nichts in Kreuzberg erledigen. Er hatte dies nur vorgegeben, um ungestört zu sein. Nach dem Gespräch mit Kriminalrat Friedhelm Keunitz war er in den neuen VW Käfer gestiegen, den sich seine Frau Gertrud und er Anfang des Jahres geleistet hatten. Inzwischen war er fünf Stundenkilometer schneller unterwegs, als die Polizei erlaubte. Warum er geradewegs zum Kreuzberg fuhr, wusste er selbst nicht. Er stellte das Auto in der Methfesselstraße ab. Zügig ging er an den vor zwei Jahren angelegten Weinstöcken vorbei. Normalerweise schmunzelte er über derartige Ambitionen. Einige Enthusiasten glaubten ernsthaft, dass Berlin auch als Weinstadt einen Ruf zu verteidigen hatte. Tatsächlich hatten Bauern vom 15. bis zum 18. Jahrhundert auf der ursprünglich Götzescher Weinberg genannten Erhebung Weinbau betrieben. Einen Namen für den Rebensaft, der hier künftig wieder hergestellt werden sollte, gab es auch schon: Kreuz Neroberger.
Kappe ließ sich auf einer Bank unterhalb des gusseisernen Nationaldenkmals für die Siege in den Befreiungskriegen nieder und erinnerte sich an einen Sonntag im September des vergangenen Jahres. Es war ein wunderbarer Tag gewesen, der letzte für eine lange Zeit. Gertrud und er hatten auf der Terrasse des Blockhauses Nikolskoe gesessen, mit Heißhunger riesige Wiener Schnitzel verspeist und die freie Zeit genossen. Von dort bot sich ein wunderschöner Ausblick auf die untere Havel und die Pfaueninsel. Andächtig hatten beide dem Glockenspiel der Kirche St. Peter und Paul gelauscht, die nur einen Steinwurf entfernt lag. Damals hatte er nicht geahnt, dass nur Stunden später kaum einen Kilometer entfernt eine Frauenleiche im Wald gefunden werden würde.
Aus seinen Gedanken auftauchend, starrte Kappe auf das in Form eines gotischen Tabernakels gestaltete Denkmal auf dem Kreuzberg. Die zwölf Genien erinnerten an gewonnene und verlorene Schlachten und waren allesamt preußischen Heerführern und Mitgliedern des Königshauses nachempfunden. Mit der Einweihung des Denkmals war aus dem Götzeschen Weinberg der Kreuzberg geworden, zumindest hatte Kappe das in einem Zeitungsartikel gelesen. Grund für die Umbenennung war wahrscheinlich jenes eiserne Kreuz, das das heroische Denkmal krönte.
Siege und Niederlagen prägten auch Kappes Leben. Erfolge waren für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ungelöste Fälle ließen ihn dagegen nachts nicht schlafen. Die jahrelange Arbeit in der Mordkommission war nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Sicher, er liebte seinen Beruf, doch all die Verbrechen, mit denen er in seinem langen Berufsleben konfrontiert worden war, wirkten wie eine Bleivergiftung. Die Tote von Nikolskoe glich dem berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Ein Förster hatte die Überreste der jungen Frau, die im Unterholz des Düppeler Forstes versteckt worden waren, gefunden. Einen Tag später hatte Kriminalrat Keunitz den Fall Kappe und seinen Kollegen übertragen. Kappe hatte als Erstes mit dem Mann gesprochen, der den Fund gemeldet hatte. Genau genommen war Trotzki, der Dackel des Försters, der Entdecker der Leiche. Der Waldhüter gab zu Protokoll, dass er gerade die Überprüfung eines Spätbrutplatzes der vom Aussterben bedrohten Schleiereule abgeschlossen hatte und auf dem Rückweg gewesen war, als sein Hund sich aufgeregt gebärdet habe. Er habe einen Augenblick zu spät reagiert, aber schon geahnt, dass etwas nicht stimmte. Trotzki sei unruhig um einen Stapel Holz herumgerannt und habe herzzerreißend gejault. Genüsslich habe er dann seinen Oberkörper über etwas Undefinierbarem gewälzt. Für den Förster ein klares Zeichen dafür, dass unter dem Gestrüpp Verwesendes lag. Weiterhin hatte er zu Protokoll gegeben, dass alle Versuche, den Hund zum Einhalten zu bringen, erfolglos gewesen waren. «Trotzki hat sich aufduften wollen, um seinen Eigengeruch zu kaschieren. Die Ausdünstungen von madenzerfressenem Fleisch sind für Hunde so etwas wie Chanel No. 5.» Kappe erinnerte sich noch genau an die Worte des Försters. Erst dann sei dem Mann klar geworden, dass er die Überreste eines Menschen vor sich hatte. Geschockt sei er zurückgewichen, habe aber wahrgenommen, dass der Körper in einem bunten Kleid steckte.
Bei der stark verwesten Leiche handelte es sich um eine junge Frau, Mitte oder Ende zwanzig, mit mittellangen brünetten Haaren, zirka 1,72 Meter groß. Besondere Kennzeichen: keine. Ihr Kleid stammte von C & A und war schon seit einigen Jahren aus der Mode. Dennoch hatte Kappe prüfen lassen, wer dieses Modell produziert hatte, wo es hergestellt und wohin es geliefert worden war. Alle Filialen in West-Berlin und im Bundesgebiet schienen es im Sortiment zu haben. Auch die einschlägigen Versandhäuser. Fast war es Kappe so vorgekommen, als besäße jede modisch bewusste Frau ein Sommerkleid dieser Art.
Das Opfer war erschlagen worden. Das Gerichtsmedizinische Institut im Krankenhaus Moabit hatte eindeutig eine tödliche Verletzung am Schädel nachgewiesen. Der Schlag war mit einem spitzen Gegenstand, einem kleinen Hammer, einem handlichen Eispickel oder etwas Ähnlichem, ausgeübt worden und hatte das Schläfenbein im oberen Bereich zerstört. Wahrscheinlich war der Tod nicht sofort eingetreten. Laut Bericht war entweder ein Blutgefäß, vermutlich die Arteria meningea media, getroffen worden, sodass das Opfer verblutet war, oder es hatte eine durch den Schlag bedingte Gehirnverletzung zum Tod geführt. Der Zeitpunkt der Ermordung lag laut dem verantwortlichen Gerichtsmediziner Dr. Konrad König zwischen Anfang November 1968 und Ende Februar des vergangenen Jahres. Eine genauere Eingrenzung des Zeitpunkts war wegen des Zustands der Leiche und der witterungsbedingten Einflüsse nicht möglich gewesen. Aufgrund des harten Winters 1968 / 69, der als sonnenscheinärmster seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen galt, war der Verwesungsprozess nur langsam vorangeschritten und die Tote sozusagen bis zum Frühjahr auf Eis gelegt gewesen. Daher die Ungenauigkeit. Noch im März hatte man in Dahlem eine Schneehöhe von 52 Zentimetern gemessen, in Potsdam waren es sogar 70 Zentimeter – Werte, wie man sie zu dieser Jahreszeit noch nie registriert hatte. Die warmen Monate von April bis August hatten den Verwesungsprozess dann aber beschleunigt. Die Tatsache, dass die Tote zum Zeitpunkt ihrer Ermordung ein Sommerkleid getragen hatte, passte nicht zum prognostizierten Todeszeitpunkt und hatte daher für einige Spekulationen gesorgt. Inzwischen glaubte Kappe fest daran, dass der Täter dem Opfer die Kleidung angezogen hatte. Nur warum, war ihm ein Rätsel.
Als die Leiche im September 1969 gefunden worden war, war ihre Verwesung so weit fortgeschritten, dass weder Gesicht noch Fingerabdrücke Auskunft über ihre Identität hätten geben können. Dr. König hatte bei der Obduktion eine chirurgische Schraube gefunden, die auf eine komplizierte Hüftoperation hinwies. Zweifelsfrei musste die junge Frau vor ein paar Jahren einen Unfall erlitten haben, höchstwahrscheinlich einen Autounfall. Da das rechte Bein seitdem etwas kürzer war, ging der Gerichtsmediziner davon aus, dass sie gehinkt hatte. Das gefundene medizinische Implantat wurde seit Jahren in westdeutschen und West-Berliner Operationssälen verwendet. Doch trotz der klar umrissenen Diagnose und der Röntgenbilder des längst verheilten Bruchs fand sich kein Krankenhaus, das eine Patientin mit einer derartigen raktur behandelt hatte. Die Befragungen der Mitarbeiter des Wirtshauses Moorlake, des Blockhauses Nikolskoe und des Restaurants Pfaueninsel an dem Fähranleger brachten ebenfalls keine Erkenntnisse. Und der Ordner mit den Vermisstenmeldungen half auch nicht weiter. Selbst die Nachforschungen bei Interpol verliefen ergebnislos. Niemand schien die Frau zu vermissen. Nach sechs erfolglosen Monaten hatte Keunitz schließlich die Anweisung gegeben, die Akte vorerst im Fach für nasse Fische verschwinden zu lassen. Ein weiterer Fall, der auf eine geniale kriminalistische Eingebung oder einen Zufall wartete. Seitdem ruhte die Unbekannte auf dem Friedhof Schöneberg. Der kleine Stein am Kopf des Grabes trug nur eine Nummer.
Dass der Verfassungsschutz die Tote nun mit Wilfried von Thalmann in Zusammenhang brachte, war kein Zufall, das wusste Kappe. Man hatte einem blinden Huhn ein Korn zugeworfen.
Am Nachmittag kehrte Otto Kappe in sein Büro zurück. Auf seinem Schreibtisch fand er eine schmale Akte, einen kurzen Bericht über Wilfried von Thalmann, geborener Böttcher. Galgenberg hatte die Unterlagen wie immer akkurat zusammengetragen. Daneben lag ein Zettel: Bin in der Stadtbibliothek, Zeitschriften schmökern. Und dann ist Wochenende!
Kappe wusste, am Montag würde sein Kollege eine erlesene Sammlung von Zeitungsartikeln vorlegen, denen eines gemeinsam sein würde: Sie würden reißerisch über Wilfried von Thalmann berichten. Neugierig nahm er die Akte in die Hand und begann zu lesen.
Wilfried Böttcher, 1935 in Guben geboren, lebte seit 1955 in West-Berlin. 1962 war er als 26-Jähriger von Nora von Thalmann adoptiert worden. Es folgten Angaben über seinen Wohnort in Alt-Lübars und das Register seiner Straftaten. Otto Kappe überflog die Liste kleinkrimineller Vergehen: Diebstahl, Hehlerei, Betrug, Körperverletzung … Das war nichts Besonderes, auffällig erschien ihm nur, dass keines der eingetragenen Delikte direkt mit Fluchthilfe in Verbindung stand. Lediglich ein Eintrag aus dem letzten Jahr deutete auf ein Passvergehen oder etwas Ähnliches hin. Es hieß, dass gegen Thalmann Ermittlungen wegen Urkundenfälschung eingeleitet worden seien. Allerdings waren die Untersuchungen wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.
Strafrechtlich ließ sich Wilfried von Thalmann nicht beikommen. Es bedurfte weiterer Informationen. Wenn der Verfassungsschutz seine Finger im Spiel hatte, musste er mehr über den schönen Willi wissen. Kappe erinnerte sich, von einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes gehört zu haben, der Kontakt zur Fluchthelferszene hielt. Glaubte man den Gerüchten, leitete dieser nicht nur relevante Informationen, sondern auch Geld, das er von dritter Seite erhielt, an die einzelnen Fluchthelfergruppen weiter. Der Mann agierte unter einem Decknamen. Wenn Kappe seinem Gedächtnis vertrauen durfte, lautete dieser Merlin.
Otto Kappe nahm den Telefonhörer zur Hand und ließ sich zu Kriminalrat Keunitz durchstellen. Sein Vorgesetzter wollte, dass er Dreck aufwirbelte, also musste er ihm auch das nötige Werkzeug zukommen lassen.
VIER
Sonnabend, 20. Juni 1970
MAJOR GERALD SCHWARZ machte es sich so bequem wie möglich auf dem durchgesessenen Sofa in der Dunckerstraße, zweiter Hof, Seitenflügel, in Prenzlauer Berg. Die Wohnung im fünften Stock des heruntergekommenen Hauses lag direkt unter dem Dach, war schlicht eingerichtet und existierte offiziell nicht im Register des Amtes für Wohnungswesen in Ost-Berlin. Zuweilen schliefen hier Personen, die im Auftrag der Staatssicherheit handelten. Dass die Wohnung für konspirative Zwecke genutzt wurde, wussten die Bewohner, dennoch schwiegen sie. Niemand hatte das Bedürfnis, auf sich aufmerksam zu machen oder wegen allzu offensichtlicher Neugier ins Fadenkreuz von Horch und Guck zu geraten. Bekamen Bewohner des Hauses Besuch, wurde dieser ordnungsgemäß im Hausbuch eingetragen.
Major Schwarz blätterte in dem Buch und prüfte all jene Personen, die länger als drei Tage zu Besuch in der DDR waren. Er studierte den Namen, das Geburtsdatum, die Staatsbürgerschaft, die zurzeit ausgeübte Tätigkeit und die Anschrift. Alles schien seine Richtigkeit zu haben. Einzig eine Besucherin aus Berlin-Steglitz fand sein Interesse. Eine ältere Dame, die zur Beerdigung ihrer Schwester eingereist war, hatte bei ihrem Bruder übernachtet. Offensichtlich war es der Steglitzerin gelungen, eine der seltenen Ausnahmegenehmigungen zu erhalten, die man in solchen Fällen erteilte. Passierscheine für den Besuch von Familienmitgliedern gab es schon seit 1966 nicht mehr. Wenn es nach Schwarz ging, konnte das so bleiben. Großzügigkeit führte nur dazu, dass wieder ein paar Unbelehrbare illegal die DDR verließen. Er notierte sich den Namen der Frau und das Datum des Grenzübertritts. Die Meldung von Nicht-DDR-Bürgern bei der Volkspolizei musste innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Er würde das prüfen lassen.
Als Sonderbeauftragter einer Gruppe ausgesuchter Mitarbeiter war Major Schwarz der Abteilung Infiltration des Ministeriums für Staatssicherheit zugeordnet worden und koordinierte geheime Maßnahmen, die die Aktivitäten der Fluchthelferszene unterminierten. Offiziell existierte die Gruppe nicht. Regeln gab es auch keine. Die einzige Vorgabe, die er zu erfüllen hatte, war, Erfolg zu haben. Selbst innerhalb des MfS wusste kaum jemand von dieser Abteilung. Schwarz war allein dem Chef der Staatssicherheit Erich Mielke Rechenschaft schuldig.
Die Arbeit seiner kleinen Gruppe war überaus erfolgreich. Erst im März hatte ihn ein Kontaktmann aus Westdeutschland über die Fluchtabsicht eines renommierten Physikers informiert. Geplant gewesen war, dass der Mann am letzten Tag der Leipziger Messe im Gehäuse einer Werkzeugmaschine außer Landes gebracht werden sollte. Eine herausragende Kapazität, auf die der sozialistische Staat nicht verzichten konnte. Bei der Kontrolle des Lastzugs am Grenzübergang Wartha hatten Grenzschützer den Republikflüchtling scheinbar zufällig entdeckt. Tatsächlich war Major Schwarz bis ins kleinste Detail über den illegalen Grenzübertritt informiert gewesen. Datum, Uhrzeit, Wagentyp, Nummernschild und selbst der Führer des Lastzugs waren bekannt. Ein Wachhund hatte beim Vorbeigehen angeschlagen. Dass der trainierte Hund das immer tat, wenn er einen bekannten Summton hörte, der per Knopfdruck ausgelöst wurde, war eines der strenggehüteten Geheimnisse der Abteilung Infiltration. Bei der anschließenden Kontrolle hatten die Grenzschützer den Physiker aufgespürt. Er war mit erhobenen Händen abgeführt worden. Der Fahrer ebenfalls. Für den jungen Schwaben war es sein erster Auftrag gewesen. Der kaum Dreißigjährige wurde vor Gericht gestellt und bekam wegen verbrecherischen Menschenhandels zwölf Jahre aufgebrummt.
Als die Klingel kurz und energisch meldete, dass sein Gast vor der Tür stand, schlug Major Schwarz das Hausbuch zu, legte es auf die Anrichte und öffnete die Haustür. Sobald er den Besucher erkannte, blickte er unzufrieden auf die Uhr. «IM Gensfleisch, Sie sind spät dran! Gab es Probleme?»
«Den IM können Sie sich sparen!» Der Angesprochene holte tief Luft. «Lief alles wie abgesprochen. Fast.»
Schwarz wusste, dass sich sein Gast über die Begrüßung ärgerte. Zwar hatte dieser ihn mehrmals darum gebeten, niemals mit seinem echten Namen angesprochen zu werden, was der Major durchaus respektierte, aber ab und an erschien es Schwarz sinnvoll, den Spitzel an seine Abhängigkeit zu erinnern. Mit müder Geste bat er ihn herein. «Was meinen Sie mit fast?»
«Es gab eine kleine Schrecksekunde, weil der Grenzer meine Aktentasche durchsuchen wollte. Glücklicherweise hat sein Vorgesetzter mich durchgewunken.»
«Na, dann ist doch alles perfekt. Haben Sie die Ausweise dabei?»
«Warum sollte ich denn sonst hierhergekommen sein? So viel Grau – da bekommt man Depressionen. Und dieses Loch hier ist ja wohl das Letzte!» Angewidert schaute sich Gensfleisch um und schüttelte den Kopf. «Wenn ich auf dieser Seite des Eisernen Vorhangs leben müsste, würde ich auch abhauen.» Dann legte er fünf Personalausweise auf den Tisch. Vier waren ausgestellt auf männliche Personen mittleren Alters, einer war für eine Frau, die im vergangenen Monat ihren 22. Geburtstag gefeiert hatte.
Langsam und gewissenhaft blätterte der Stasi-Offizier jeden einzelnen Pass durch. «Den hier behalte ich ein», entschied Major Schwarz in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. «Die der Männer können Sie verwenden.»
«Dachte ich mir», erwiderte Gensfleisch. «Manchmal glaube ich, in den einschlägigen Etablissements rund um den Kurfürstendamm arbeiten nur noch Kommunistinnen. Beine spreizen für den Sieg der Weltrevolution. Ich habe schon ernsthaft daran gedacht, ob ich einen freundlichen Gruß von Ihnen ausrichte und um Rabatt bitte», sagte er albern. Sein Lachen erstarb aber sofort wieder.
Der Stasi-Offizier wippte ein wenig auf den Zehenspitzen und schaute sein Gegenüber abfällig an. «Lieber Freund, unterlassen Sie diese dummen Bemerkungen! Für wen sind die Pässe gedacht?», erkundigte er sich und wies auf die verbliebenen vier Ausweise. Aus seinem Aktenkoffer nahm er einen kleinen Fotoapparat und begann, jeden einzelnen Pass abzulichten. Den Zettel mit den Namen beachtete er vorerst nicht. «Gensfleisch, ich frage mich, was Sie mit den Ausweisen anfangen wollen. Die Grenze ist dicht. West-Berliner können schon seit Jahren nicht in die Hauptstadt der DDR. Einem Bürger der DDR den Ausweis eines West-Berliners zu geben, der ihm ähnlich sieht, damit er widerrechtlich die Grenze passieren kann, ist schon lange nicht mehr möglich. Private Besuche haben wir aus gutem Grund unterbunden. Abgesehen davon, heute verwenden wir Visa.»
Gensfleisch schien die Bemerkung zu amüsieren. «Wer redet denn vom kleinen Grenzverkehr? Ein bisschen mehr Fantasie, Genosse Major! Die Welt ist groß. Kein West-Berliner verbringt seinen Urlaub freiwillig in Ost-Berlin oder gar in Ihrer geliebten DDR. Glücklicherweise gibt es eine Menge Ostblockstaaten, die sich über devisenstarke Urlauber freuen. Zollbeamte lernen dazu, Fluchthelfer aber auch. Visastempel nachzumachen ist nun wirklich kein Problem. Über den Versuch Ihrer Behörde, das Fälschen von Pässen durch den Wechsel der Stempelfarbe zu erschweren, können Fluchthelfer nur lachen. Es gibt keine Farbe, die nicht gefälscht werden kann. Das Informationssystem ist perfekt. Welche Farbvariante ungarische, bulgarische oder jugoslawische Beamte morgens auch immer festlegen, sie ist spätestens eine Stunde später bekannt.»
Einen Augenblick lang hörte Major Schwarz auf zu fotografieren. Er ließ sich die Informationen durch den Kopf gehen. Dass die Stempel erst kurz vor der Ausreise gefälscht wurden, war ihm neu. «Interessant, Ihnen zuzuhören!», bemerkte er erfreut und lichtete den nächsten Ausweis ab. Als er fertig war, gab er Gensfleisch die Pässe zurück und hielt ihm die ausgestreckte Hand entgegen.
«Hat nicht euer Marx auch von Angebot und Nachfrage gefaselt? Ausweispapiere bringen auf dem Schwarzmarkt inzwischen gut und gern eine vierstellige Summe. Ein Pass weniger schmälert meinen Gewinn erheblich. Ein kleiner Abschlag wäre angemessen, oder?», bemerkte Gensfleisch. Offensichtlich wollte er die gute Laune seines Führungsoffiziers ausnutzen. «Einen Ausweis einzubehalten und trotzdem die gesamte Prämie zu verlangen empfinde ich nicht gerade als fairen Handel.»
«Seien Sie nicht so kleinlich! Wenn die Preise steigen, profitieren Sie schließlich davon. Zur Erinnerung: Wir haben genug Material gegen Sie in der Hand. Oder verlangt es Sie nach einer Einraumwohnung im ‹Gelben Elend› wegen verbrecherischen Menschenhandels, Gensfleisch?», drohte der Major beiläufig.
Der Hinweis auf das berüchtigte Gefängnis in Bautzen ließ den inoffiziellen Mitarbeiter einen Augenblick verstummen. «Mit Ihnen zu verhandeln ist immer wieder eine große Freude», sagte er schließlich betont gelassen und legte den verlangten Umschlag in die Hand von Major Schwarz. Dann schob er den Zettel über den Tisch, auf dem jene Personen aufgelistet waren, für die die Pässe gedacht waren. «Wäre schön, wenn das klappt.»
«Wir prüfen das», bemerkte der Major lakonisch. Sorgfältig steckte er den Umschlag mit dem Geld in den Aktenkoffer, nahm anschließend die Liste mit den Namen und überflog sie kurz. Lächelnd legte er sie ebenfalls in den Koffer, den er dann ordentlich schloss. «Vier Ausweise. Zwanzigtausend D-Mark. Möglicherweise mehr. Klingt nach einem guten Geschäft. Was machen Sie eigentlich mit dem ganzen Geld?»
Gensfleisch zuckte mit den Schultern. Die Frage war rhetorisch gemeint, eine Antwort erwartete Major Schwarz nicht. Er war zufrieden und im Begriff zu gehen. Dann erinnerte er sich daran, dass das Hausbuch noch auf der Anrichte lag. «Ich kann mich doch auf Sie verlassen, wegen des leidigen Problems?», fragte Gensfleisch mit ernster Miene.
Der Offizier der Staatssicherheit drehte sich langsam um und schaute sein Gegenüber mit unverhohlener Abscheu an. Er sprach es nicht aus, aber Verräter betrachtete er als Abschaum, selbst wenn sie der feindlichen Seite angehörten. Jemanden aus den eigenen Reihen ans Messer zu liefern widersprach seinem Kodex. «Die Genossen an der Grenze wissen Bescheid. Wir ziehen den Kerl aus dem Verkehr. Und Gensfleisch, die West-Berliner Kontaktnummer rufen Sie nur an, wenn ein Notfall vorliegt!»
Gensfleisch schien erleichtert zu sein.
«Viel Spaß im Hotel Unter den Linden. Sie nächtigen doch an der Friedrichstraße, oder? Ach, übrigens, die meisten jungen Damen, denen sie da begegnen, spreizen – wie formulierten Sie so treffend? – auch die Beine für den Sieg der Weltrevolution. Also Finger weg! Ihre Aufgabe ist die Schaffung operativer Voraussetzungen zur Kompromittierung der Führungskader der Feindorganisationen. Mit anderen Worten, die Damen akquirieren neues Personal.»
Gertrud Kappe nannte ihren Mann gern einen Süßschnabel, obwohl Otto Kappe selbst keineswegs der Meinung war, dass diese Bezeichnung auf ihn zutraf. Tatsächlich aber konnte er zu Kuchen schlecht Nein sagen. Erst recht nicht zu Schwarzwälder Kirschtorte.
Das Café Kranzler war gut besucht, und nur mit etwas Glück gelang es Otto Kappe, einen Tisch zu ergattern. Das Pärchen in dem bayerischen Trachtenverschnitt schaute pikiert auf den Berliner, der unerwartet flink das Geschirr der Vorgänger zusammenschob. Die bereits länger wartenden Touristen ignorierend, setzte sich Otto an den freien Tisch, stellte die Teller und Tassen gekonnt aufeinander, reichte sie dem Kellner und grinste frech über das ganze Gesicht. «Dit jeht hier nach de Müllermethode: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.»
«Saupreuß!», war der kurze und abfällige Kommentar des verärgerten Schluchtenjodlers – so, erinnerte sich Kappe, pflegte Galgenberg gern die Bayern zu bezeichnen. Otto ignorierte die Bemerkung wie auch Gertruds Kopfschütteln. Seine Frau schien zwar für den Tisch dankbar, schämte sich aber offenbar ein wenig für ihren Mann. Verärgert verließ das Trachtenpärchen die Terrasse, und Otto war sich sicher, dass die beiden an den Berlinern im Allgemeinen wie an ihm im Besonderen kein gutes Haar lassen würden. «Und grüß Jott, wennan seht!», murmelte Otto der Vollständigkeit halber.
«Du berlinerst doch sonst nicht so», stellte Gertrud erstaunt fest und deutete bittend auf die Speisekarte. «Seitdem Galgenberg sich verstärkt um die Bewahrung des Berlinerischen verdient macht, färbt das wohl auch auf dich ab.»
Otto zuckte mit den Schultern, reichte seiner Frau die Karte und überlegte, ob er zur Schwarzwälder Kirschtorte eine Extraportion Schlagsahne nehmen oder doch lieber auf die Vernunft hören sollte. Der Griff an den Bauch ließ die innere Waage zugunsten der Warnung ausschlagen, der Blick zum Nachbartisch die Bedenken ob der kalorienreichen Verführung indes als überzogen abtun.
Von der Terrasse aus konnten sie genüsslich die vorbeischlendernden Passanten beobachten. Herausgeputzte Damen. Keck, nach Art der Hippie-Mode gekleidete junge Mädchen, bauchfrei und mit Sandaletten, die nur aus Lederschnüren zu bestehen schienen. Halbstarke mit hochtoupierten Haaren und bunten Hemden, die den Mädchen hinterherschauten. Touristen aus fernen Ländern. Und Geschäftsleute, denen nicht aufzufallen schien, dass Wochenende war. Auf dem Kudamm feierte West-Berlin seine Unbekümmertheit. Nichtstun, Kaffeetrinken, Kuchenessen und zwischen Bewundern und Wundern hin- und herschwanken. So sah nach Gertruds Meinung ein perfekter Sonnabendnachmittag aus.
«Gibt es etwas Neues im Fall der Toten von Nikolskoe?», erkundigte sie sich.
Otto, der mit seiner Kuchengabel die Reste der Schlagsahne zusammenkratzte, wusste sofort, dass Gertrud mit ihrer Frage soeben den schönen Nachmittag verdorben hatte. Augenblicklich waren wieder all die Probleme und Ungereimtheiten präsent, wegen denen er sich den Kopf zermarterte. Schlimmer noch, Gertrud durchschaute ihn. Als wäre ihm schlagartig der Appetit vergangen, schob er den Teller zur Seite, wischte sich mit der Serviette den Mund ab, legte sie auf den Teller und beschwerte sie anschließend mit der Gabel, damit der Wind sie nicht wegwehte. Wie ein Schüler, der beim Abschreiben erwischt worden war, schaute er über den Tisch. Woher wusste Gertrud, dass er erneut diesem Fall nachging?
Sie schien seine Gedanken lesen zu können. «Unser Sohn Peter hat Hans-Gert gestern vor der Stadtbibliothek getroffen. Dein Kollege wollte dort in alten Zeitungen stöbern. Es gebe neue Entwicklungen im Fall Nikolskoe. Offensichtlich ein Auftrag von dir. Erst habe ich geglaubt, Peterchen hat sich verhört. Ich habe das für ein Missverständnis gehalten. Aber nachdem du heute freiwillig vorgeschlagen hast, mit mir zum Schaufensterbummel auf dem Kudamm zu flanieren, und sogar bereit warst, im Kranzler einzukehren, weiß ich, er hat sich nicht verhört.»
«Peter ist in Berlin?», fragte Otto erstaunt.
«Ja, er hat ein paar Tage frei und erkundigt sich nach Möglichkeiten sich weiterzuqualifizieren.»
«Er will noch mal studieren? Wieder an der FU?»
Gertrud zögerte einen Moment, bevor sie antwortete: «Nein, nicht, was du denkst. Er will sich beruflich weiterentwickeln. Genaues weiß ich auch nicht. Aber du versuchst nur abzulenken. Wir sprachen über den Fall Nikolskoe. Wann gedachtest du denn, mir die Neuigkeit mitzuteilen?» Sie betrachtete kurz sein kummervolles Gesicht und starrte dann in die Ferne. «Otto, erspare mir diesen Dackelblick!»
Sie war ernsthaft verärgert. Zu Recht, wie Otto sich eingestand. Natürlich hätte er sie darüber informiert, dass er wieder an dem Fall Nikolskoe arbeitete, aber erst in der kommenden Woche. Möglicherweise wären die neuen Ermittlungen schon in ein paar Tagen abgeschlossen.
Der Mordfall Nikolskoe hatte ihre Beziehung erschüttert. Während dieser Zeit war er sehr dünnhäutig gewesen, schnell gereizt und genervt von den Anforderungen des Alltags sowie den Erwartungen seiner Frau. Er hatte es sie nicht nur spüren lassen, sondern es ihr auch in einem Augenblick der Wut gesagt.
Sie hatte ihn damals zum Mittagessen gerufen, und nachdem er bei der dritten Aufforderung immer noch nicht reagieren wollte, hatte sie erbost gefragt: «Übertreibst du nicht ein bisschen? Ich nehme meine Arbeit ja auch nicht mit nach Hause.»
Ohne zu überlegen, hatte er ungehalten reagiert. «Du mit deinen kleinen Buchhalterproblemen und Bürobefindlichkeiten hast doch von dem, was ich tue, keine Ahnung! Das Schlimmste, was dir als Prokuristin passieren kann, ist, dass eine Sarotti-Rechnung nicht stimmt. Das lässt sich aber korrigieren, das bringt niemanden um.»
Gertrud hatte nichts erwidert und ihn nur wie einen Fremden angestarrt. Schweigend hatten sie gegessen, schweigend den Rest des Tages verbracht.
Am nächsten Morgen war Gertrud zu einer Freundin gezogen. Abstand war die einzige Nähe, die sie zusammenhielt. Es dauerte eine Woche, bis Gertrud zurückkehrte. Otto hatte sie angefleht zurückzukommen, ihr versprochen sich zu ändern und sich als verbohrt, ungerecht und egoistisch bezeichnet. Sie hatte ihn angeschaut und still und vorsichtig erwidert: «Versuchen wir es.»
Inzwischen waren die Wunden vernarbt. Er bemühte sich. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die er ihr seitdem entgegenbrachte.
Verlegen räusperte Otto sich. «Ich hatte noch keine Gelegenheit, es dir zu sagen. Keunitz selbst hat angeordnet, den Fall wieder aufzurollen. Wir haben neue Informationen erhalten. Wir müssen dem nachgehen. Glaub mir, ich habe mich nicht darum gerissen.» Er legte seine Hand auf ihren Arm.
Sie zog den Arm nicht weg, schaute ihren Mann aber auch nicht an. «Otto, ich respektiere deine Arbeit. Das habe ich immer getan. Ich kann einschätzen, was sie dir bedeutet. Aber niemand weiß besser als ich, was sie mit dir macht. Ich bin diejenige, die dich nachts festhält, wenn Albträume dich plagen. Immer habe ich dir den Rücken freigehalten. Ich liebe dich, weil du bist, wie du bist. Es gibt aber noch ein Leben neben deiner Arbeit. Vergiss das nicht wieder. Ein zweites Mal kehre ich nicht zurück.»
Beide schwiegen. Mehr gab es nicht zu sagen. Eine weitere Entschuldigung wäre unglaubhaft gewesen, und deutlicher hätte sie ihre Warnung nicht formulieren können.
«Wird Peter bei uns übernachten?», fragte Otto und hoffte, gemeinsam mit seinem Sohn das WM-Spiel Deutschland gegen Uruguay um Platz drei sehen zu können.
Gertrud schüttelte bedauernd den Kopf. «Er ist nur kurz in Berlin und schläft bei Freunden.»
Die Bar im Hotel Unter den Linden in Ost-Berlin war so früh am Abend noch nicht gut besucht. Gensfleisch saß auf einem der Hocker und quälte sich mit einem Whisky Made in GDR. Normalerweise bevorzugte er schottischen Whisky, da dieser aber nicht in den Osten exportiert wurde, sah er sich genötigt, es mit Hochprozentigem aus der Zone zu versuchen. Der Falckner besaß zwar eine ansprechende Farbe und hatte 43 Umdrehungen, dennoch beleidigte das Destillat seine verwöhnten Geschmacksknospen. Glaubte Gensfleisch dem Barmixer, erinnerte der Name an die Familie C. W. Falckenthal. Der Whisky stammte aus der gleichnamigen Luckenwalder Brennerei, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken konnte. Dass es überhaupt Whisky im Osten gab, war einem Staatsführungsbeschluss zu verdanken. Die Privatbrauerei produzierte seitdem das Gesöff, vermochte aber mit dieser Spirituose allenfalls das trinkfeste Proletariat zu begeistern.
Gensfleisch, dem die unverhohlene Drohung mit ein paar Jahren Bautzen nicht aus dem Kopf ging, bestellte sich ein weiteres Glas Falckner und hoffte auf einen Gewöhnungseffekt. Tatsächlich hatte die Staatssicherheit genug in der Hand, um ihn ans Messer zu liefern. Kompromittierende Fotos von seinen Besuchen im Café Chérie und einer Nacht im hauseigenen Hotel waren dabei noch das geringste Übel. Seine Arbeit in der Bundesdruckerei wurde zwar gut bezahlt, aber der Handel mit bundesdeutschen Ausweispapieren brachte eindeutig mehr ein. Ärgerlich nur, dass er auf das Wohlwollen von Major Schwarz angewiesen war.
«Sie sehen aus, als könnten Sie Gesellschaft gebrauchen.» Die Stimme gehörte zu einem in die Höhe drapierten roten Schopf mit einem dezent geschminkten Gesicht und einem schlanken, wohlgeformten braungebrannten Körper, der in einem marineblauen Minikleid steckte. Passende Pumps und eine elegante Handtasche, die problemlos ein kleines Aufnahmegerät verbergen konnte, rundeten die beeindruckende Erscheinung ab. Sofort erkannte Gensfleisch, dass die Frau größer war als er, ein paar Zentimeter nur, selbst ohne ihre hochhackigen Schuhe. Freundlich wies er auf den Platz neben sich und fragte mit einem Lächeln: «Darf ich Sie auf einen Drink einladen?»
Er durfte. Gensfleisch hatte auch nichts anderes erwartet. Einen Moment lang dachte er an die mahnenden Worte seines Führungsoffiziers, jedoch beschloss er, diese angesichts dessen, was auf dem Barhocker neben ihm saß, zu ignorieren. Er würde sich einen schönen Abend machen, das Blaue vom Himmel erzählen und die Fremde anschließend vögeln. Ein Hoch auf die Amazonen der Weltrevolution!, prostete er in Gedanken Major Schwarz zu.
Die Frau, die sich Simone nannte, war gut ausgebildet. Angeblich hatte sie ein Bewerbungsgespräch als Stewardess bei der Interflug. Da sie aus Lobbe komme, einem kleinen, verschlafenen Ostseenest auf Rügen, und es am Montagmorgen keine Zugverbindung gebe, die sie pünktlich zum Flughafen gebracht hätte, habe die Interflug notgedrungen ein Zimmer für sie gebucht. Eine Nacht habe sie sich zusätzlich gegönnt, um ein schönes Wochenende zu genießen. Berlin sei schließlich immer eine Reise wert. Normalerweise sei ein derart exklusives Hotel jedoch nicht ihre Preisklasse.
Gensfleisch tat interessiert, lächelte verständnisvoll und ließ ihr Sektglas nachfüllen. Dankbar nahm sie es an und erklärte dann, dass sie aufgrund ihrer Sprachfähigkeiten – immerhin beherrsche sie perfekt Französisch, Englisch und Russisch – in den engeren Kreis jener Bewerber gerückt war, die für ausgewählte internationale Flugrouten eingesetzt werden sollten. Europa, Naher Osten, Afrika. Ein kurzes sehnsüchtiges Seufzen. Eine perfekte Inszenierung.
«Bin ich dann nicht der falsche Umgang für Sie?», bemerkte Gensfleisch mit einem Lächeln und nippte am Falckner. «Meines Wissens wirken sich Westkontakte ausgesprochen negativ auf hiesige Karrieren aus.»
Sie lehnte sich vor, gewährte einen kurzen Einblick in ihr Dekolleté und hauchte: «Sie müssen mich ja nicht verraten.»
«Von mir erfährt niemand etwas. Ich schweige wie ein Grab.» Er machte eine Geste, als würde er seinen Mund abschließen.
Simone reagierte auf seine Flirtversuche mit einem gekonnten Lächeln und sympathischer Neugier. «Kommen Sie aus West-Berlin?», erkundigte sie sich mit gesenkter Stimme.
Er zögerte einen Augenblick, bevor er ebenfalls leise antwortete: «Ich habe eine fantastische Wohnung in der Nähe des Anhalter Bahnhofs.»
Sie hörte ihm zu und lauschte seinen Ausführungen über das Nachtleben in West-Berlin, führte ihn aber immer wieder auf jenes Thema zurück, das ihr besonders wichtig zu sein schien: Politik.
«Natürlich interessiere ich mich für Politik», behauptete er, um ihr dann Dinge zu erzählen, denen allen eines gemeinsam war: Sie waren erstunken und erlogen. «Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass ich zu jenem erlesenen Kreis gehöre, der regelmäßig zu Feierlichkeiten des West-Berliner Senats eingeladen wird. Das hängt mit meiner Aufgabe in der Bundesdruckerei zusammen. Willy Brandt kenne ich sogar persönlich, noch aus seiner Zeit als Regierender Bürgermeister.» Er schaute die junge Frau an, die einen Augenblick irritiert zu sein schien, sich aber sofort wieder unter Kontrolle hatte. «Willy macht immer den Eindruck, als würde er beim Sprechen gleich einschlafen», begann er zu erzählen und ahmte die Stimme des jetzigen Bundeskanzlers nach: «Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen zueinander können nur von besonderer Art sein.»
Er redete weiter über Persönlichkeiten der Politik, über Intrigen der Mächtigen und angebliche Pläne der Führung in West-Berlin. Der Falckner schmeckte zwar immer noch wie billiger Fusel, wirkte aber angenehm berauschend. Das letzte Glas, das der Barkeeper gebracht hatte, führte auf die Ziellinie. «In meiner Funktion habe ich ständig mit politischen Abgründen zu tun. Ein wirklich einsamer Job.» Er schwieg und schaute traurig in sein Glas. Traurig gucken war eine seiner Stärken.
Simone nahm ihn mit auf ihr Zimmer und besorgte es ihm prächtig.
Er faselte etwas von «Du bist eine fantastische Frau» und «Ich wünschte, ich könnte dich wiedersehen».
Ihren vermeintlichen Erfolg genießend, antwortete sie: «Warum nicht? Das liegt ganz an dir.»
Simone war, wie erwartet, größer als er und am ganzen Körper gebräunt. «FKK – Freikörperkultur am Ostseestrand», resümierte er bewundernd und genoss das falsche Spiel.
Nur kurz fragte er sich, wo die Kamera der Staatssicherheit diesmal versteckt war. Da er keine entdeckte, winkte er unauffällig lächelnd in Richtung des Spiegels. Major Schwarz erpresste ihn schon mit diversen Aufnahmen aus dem Café Chérie. Auf ein paar weitere schlüpfrige Bilder aus einem Ost-Berliner Hotel kam es nun auch nicht mehr an.
FÜNF
Montag, 22. Juni 1970
LANGSAM FUHR HELMUT GEBHARD mit dem Lkw in das dichte Wäldchen, das kaum drei Kilometer vor Nauen lag, und hielt an. Es war sieben Minuten vor sechs. Er schaltete den Motor und das Standlicht aus. Dann kurbelte er das Fenster herunter und lauschte. Bis auf das Zwitschern der Vögel war nichts zu hören. Dennoch schaute er sich gewissenhaft um. Als ihm nichts Verdächtiges auffiel, blickte er wieder auf die Uhr. Drei Minuten blieben noch. Langsam steckte er sich eine HB in den Mund, zündete sie an und sog den Rauch tief ein. Er dachte an die Werbung im Fernsehen und den Spruch «Wer wird denn gleich in die Luft gehen?». Tatsächlich erhoffte er sich durch den Glimmstängel etwas Gelassenheit. Die Zigarette beruhigte ihn zwar nicht, aber es tat gut, sich an ihr festzuhalten. Es war die letzte Tour, die er als Fluchthelfer unternahm. Danach gab es keinerlei Verpflichtungen mehr.
Gebhard hatte in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen. Zum einen war der Auftrag für seine letzte Fahrt ungewöhnlich kurzfristig an ihn herangetragen worden. Zum anderen machte er sich darüber Gedanken, dass er ausgerechnet von jenem feinen Pinkel über die Details der Tour informiert worden war, den er zwei Tage vorher im Café Breslau dabei beobachtet hatte, wie er den Pass des verwahrlosten Kerls kaufte. Aber das ging ihn nichts an.
Gebhard war ihm zuvor nur ein einziges Mal begegnet. Er erinnerte sich an den Tag, an dem er in das Büro des Firmeninhabers Bernd Liebscher gebeten worden war. Er hatte mit neuen Arbeitsanweisungen gerechnet, aber nicht mit einem Besuch Wilfried von Thalmanns und dieses Anzugträgers, der sich bedeckt im Hintergrund gehalten hatte. Auch wenn Gebhard sich ahnungslos gegeben hatte, hatte er sofort gewusst, was Thalmanns Anwesenheit bedeutete. In den letzten Monaten war Gebhard das Glück nicht hold gewesen, seine Spielschulden hatten eine bedrohliche Höhe erreicht. Dass Thalmann einen Anteil an den Spielsalons besaß, hatte er gehört. Es bedurfte auch keiner besonderen Intelligenz, um zu ahnen, dass in diesen zwielichtigen Läden Fluchtgelder gewaschen wurden. Gebhards Chef und Berlins prominentester Fluchthelfer kannten einander offensichtlich gut. Thalmanns Schatten, der Kerl in dem teuren Anzug, hatte Gebhard neugierig angestarrt, schweigend, lauernd, taxierend. Eigentlich hatte Gebhard erwartet, dass man ihm kündigen würde. Doch statt ihn zu entlassen, hatte ihm Liebscher das Angebot des schönen Willi unterbreitet, die Spielschulden durch Gefälligkeiten abzuarbeiten. Seit der Bruder seines Chefs bei seinem Fluchtversuch aus der DDR im Teltowkanal ertrunken war, fühlte der sich schuldig. Er hasste das DDR-Regime. Er hasste die Mauer. Dass Liebscher seit dem Mauerbau Geld in Fluchtunternehmungen steckte, war in der Firma ein offenes Geheimnis. Dass er mit einem kommerziellen Fluchthelfer zusammenarbeitete, war jedoch neu für Gebhard gewesen. Doch er hatte dem Vorschlag, ohne zu zögern, zugestimmt. Was war ihm auch anderes übriggeblieben? Daraufhin hatte ihm der Mann mit der Vorliebe für elegante Anzüge die Idee mit dem präparierten Lkw erklärt.
Erneut schaute Gebhard auf die Uhr. Fast schien die Zeit stillzustehen. Noch zwei Minuten musste er ausharren. Dennoch, der Mann aus dem Café wusste Dinge, die er nicht wissen sollte. Jeder, der mit der Tour zu tun hatte, erfuhr nur so viel, wie für die Absolvierung der eigenen Arbeit notwendig war. Keiner der Beteiligten kannte alle Details des Fluchtplans, geschweige denn die Namen der betreffenden Personen. Eine Vorsichtsmaßnahme zum Schutz aller Beteiligten. Aber dieser Kerl hatte nicht nur wie üblich die Uhrzeit und den Treffpunkt, sondern auch den Namen der jungen Frau gekannt, die gleich im Versteck unter dem Fahrersitz liegen würde. Es war äußerst ungewöhnlich, dass der Überbringer des Auftrags von allen Details wusste. Darauf angesprochen, hatte der Mann alle Bedenken mit einem Lächeln abgetan und behauptet, die Frau sei die Nichte seiner Schwester. Thalmann habe der Flucht persönlich zugestimmt. Anfänglich hatte Gebhard diese Geschichte geglaubt. Je länger er aber darüber nachdachte, umso mehr Zweifel kamen ihm. Wahrscheinlich arrangierte der Mann Fluchten auf eigene Rechnung. War dem so, dürfte es mächtig Ärger mit Wilfried von Thalmann geben. Ärger, den er nicht gebrauchen konnte. Schlimmer noch, er müsste noch eine weitere Tour fahren. Vielleicht sah er aber auch nur Gespenster.
Punkt sechs Uhr öffnete er die Wagentür und stieg aus. Wenige Meter neben dem Lkw traten zwei Personen aus dem Gebüsch. Ein Mann und eine Frau. Schnell bewegten sie sich auf Helmut Gebhard zu. Ungehalten zog er die Augenbrauen hoch. Ihm war nur eine Person avisiert worden. Je mehr Menschen eingeweiht waren, umso gefährdeter war das Unternehmen. Sorgfältig trat er die Zigarette aus und betrachtete die beiden.
«Die Nächte sind zu kühl für einen Juni», flüsterte die junge Frau aufgeregt.
Gebhard nickte und antwortete genauso leise: «Besser trocken und kühl als nass und warm.»
Die Erleichterung war der Frau vom Gesicht abzulesen. Sie strahlte den jungen Mann an ihrer Seite an, der lächelte etwas verkrampft zurück.
«Was soll das? Es ist nur Platz für eine Person.»
Der schüchterne Mann nickte. «Ich passe nur auf, dass ihr nichts passiert. Man weiß ja nie.»
Der junge Mann gefiel Gebhard nicht. Ungepflegte, strähnige Haare, schmales Gesicht, misstrauische Augen. Als er der Frau seinen Rucksack reichte, wurde Gebhard ungehalten. Jedes Detail war abgesprochen, Extrawürste gab es nicht. «Kein Gepäck! Nur das, was Sie am Körper tragen können.»
Die Frau nickte, stellte den Rucksack auf den Boden und entnahm ihm einen dünnen Hefter. Gebhard konnte einen flüchtigen Blick auf den Titel erhaschen: Nestflüchter – Gedichte aus einer gebrochenen Stadt. «Wenn ich drüben bin, finde ich einen Verlag und veröffentliche mein Buch. Kunst findet immer einen Weg.» Der Mann nickte, schien aber nicht von ihrem Gedanken überzeugt zu sein. Anschließend legte sie sich eine flache Bauchtasche um die Hüften und zog den Riemen fest. Das dünne Manuskript schob sie unter die Jacke. Gebhard wusste, dass sie in der winzigen Tasche all ihre Wertsachen aufbewahrte. Dann gab sie den Rucksack zurück. «Das ist alles, was ich brauche.»
Gebhard drehte sich zum Lkw, zog den Aschenbecher heraus und öffnete das Versteck unter dem Fahrersitz. Entschuldigend deutete er auf die Decke und sagte: «Bequemer geht’s leider nicht.»
Die Frau lächelte verständnisvoll, umarmte den jungen Mann, küsste ihn innig und wollte ihn wieder loslassen, doch er hielt sie zurück.
«Geh nicht! Wir können auch hier glücklich werden.»
«Wir haben das lange genug diskutiert. Ich kann hier nicht leben. Ich muss weg. Wenn du es dir anders überlegst, hol ich dich später nach.»
Er ließ sie los, schüttelte den Kopf. Traurig ließ er die Schultern hängen. Auch wenn er sich zu beherrschen versuchte, wurde deutlich, wie aufgewühlt er war. Er wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. «Ich kann nicht. Meine Eltern. Ich möchte hier etwas bewegen.»
«Wir müssen los!» Gebhard war ungehalten. Tränenreiche Abschiede waren das Letzte, was entlang ostdeutscher Transitwege beobachtet werden durfte. Jeden Moment konnte jemand kommen. Die Gefahr aufzufliegen war allgegenwärtig.
Die junge Frau kletterte in den Hohlraum, zog die Beine dicht an den Körper und versuchte, eine einigermaßen bequeme Position einzunehmen. Ein letztes Winken.
«Wünschen Sie ihr Glück. Das kann jeder von uns gebrauchen», flüsterte Gebhard dem jungen Mann zu, während er sich eine neue Zigarette ansteckte und ins Fahrerhaus stieg.
Kaum hatte er den Lkw auf der Fernverkehrsstraße beschleunigt, glaubte er im Rückspiegel eine Bewegung im Unterholz des Waldes wahrgenommen zu haben. Erschrocken versuchte er Genaueres zu erkennen. War es nur eine Einbildung? War es ein Wildtier, das die Straße überqueren wollte? Sosehr er sich bemühte, er konnte nichts Auffälliges erkennen. Du fängst an, Gespenster zu sehen!, versuchte er sich zu beruhigen und schaltete in den nächsthöheren Gang.
Otto Kappe hatte die Anregung von Kriminalrat Friedhelm Keunitz, erneut die Gerichtsmedizin zu kontaktieren, durchaus als Anweisung verstanden. Dennoch entschied er sich, den Besuch des Pathologischen Instituts des Städtischen Krankenhauses in Moabit erst für den Montagnachmittag einzuplanen. Zum einen hatte er nicht vor, sich von seinem Chef sagen zu lassen, wie er seine Ermittlungen zu führen habe, und zum anderen wollte er gerne Hans-Gert Galgenberg dabeihaben. Der lief sich aber schon den ganzen Vormittag mit Günter Kynast in Alt-Lübars die Hacken krumm, um rund um Thalmanns Anwesen Nachbarn nach der jungen Frau zu befragen, deren Leichnam im Düppeler Forst gefunden worden war. Galgenberg nannte dieses Vorgehen Teppichklopfen, eine Anspielung auf den Staub, der dabei aufgewirbelt werden sollte. Kappe hatte seine Zweifel, ob ihre Bemühungen erfolgreich sein würden, hoffte aber auf eine unüberlegte Reaktion des schönen Willi. Er selbst nutzte die Stunden, in denen sein Kollege fort war, um die Unterlagen zum Fall Nikolskoe erneut zu studieren. Bis fünfzehn Uhr blieb ihm Zeit, sich alle Details wieder in Erinnerung zu rufen, danach wollte er Galgenberg in der Pathologie treffen.
Keunitz’ vage Andeutung, dass es im Leichenschauhaus eine personelle Änderung gegeben habe, versprach nichts Gutes. Was Kappe aber dann erwarten sollte, war mehr als überraschend. Es begann damit, dass er sich lapidar am Telefon danach erkundigte, welche angeblich neuen Informationen es im Fall Nikolskoe gebe. Er kenne den Bericht der Untersuchung. Die Frau am anderen Ende der Leitung, auf deren Namen er nicht geachtet hatte, fragte ihn daraufhin unverblümt, ob er ihn auch voll und ganz verstanden habe. Einen Augenblick blieb Kappe die Luft weg, bevor er im strengen Ton verlangte: «Ich möchte Ihren Chef sprechen!»
«Doktor König macht gerade Urlaub am Gardasee. Wenn Sie den beim Limoncello-Schlürfen stören wollen, nur zu! Persönlich rate ick Ihnen, mit mir vorliebzunehmen», antwortete sie spitz, bevor sie mit Kleinmädchenstimme fragte: «Ist Ihnen ein Termin noch in dieser Woche genehm?»
Statt zu antworten, knallte Kappe den Hörer wütend auf die Gabel. Punkt fünfzehn Uhr stürmte er in das Pathologische Institut in der Invalidenstraße 59. Eine hochgewachsene, vollschlanke junge Frau, die mit glänzendem rotem Gesicht im Gang des Leichenschauhauses stand, schien ihn erwartet zu haben.
«Haben wir miteinander telefoniert?», fauchte Kappe schon aus einiger Entfernung. Er erhielt aber erst eine Antwort, als er vor ihr stand.
«Erst mal Juten Tach! Möchten Se een Kaffee, oder regt Se dit noch mehr uff? Nich, dass ick Se ooch noch obduzieren muss!»
Bevor Kappe antworten konnte, öffnete die Frau eine Tür. Kappe wusste, dass diese ins Büro von Dr. König führte. Mit großer Geste bat sie ihn einzutreten. Energischen Schrittes ging Kappe hinein. Die Frau setze sich hinter den Schreibtisch und genoss sein verdutztes Gesicht. «Keen Kaffee also. Glas Wasser jefällig?»
Ohne darauf zu reagieren und noch immer wütend, fragte er mit mühsam beherrschter Stimme: «Was meinen Sie damit, ich hätte den Untersuchungsbericht nicht voll und ganz verstanden?»
Die Frau nickte kurz, wies dann auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch und atmete tief durch. «Bleiben Se ma janz ruhig. Wird allet nich so heiß jejessen, wie’s jekocht wird. Aber wie ick sehe, habe ick jetzt Ihre volle Uffmerksamkeit.» Bedächtig setzte sie ihre Lesebrille auf und zog eine Akte aus dem Schubfach.
Kappe verschlug es die Sprache. Er war kurz davor zu explodieren.
In diesem Moment trat Galgenberg durch die offene Tür. «Bin ick zu spät?»
Die Gerichtsmedizinerin schaute nicht einmal auf, sondern fauchte nur ungehalten: «Hat man in de Mordkommission dit Begrüßen abjeschafft? Erst mal Juten Tach!»
«Wer sind Sie denn?», erkundigte sich Galgenberg verblüfft.
«Doktor Doreen Niedergesäß, Gerichtsmedizinerin. Sozusagen Ihre neue Ansprechpartnerin. Ick mach fürn Kollegen Doktor König die Urlaubsvertretung.»
Galgenberg konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. «Wirklich? Niedergesäß?», prustete er los.
Seine Anmerkung scheinbar ignorierend, öffnete die Gerichtsmedizinerin die Akte und blätterte darin. Schließlich fand sie die Passage, die ihr wichtig zu sein schien. Sie stand auf, strich den Rock ihres Kostüms glatt und betrachtete Galgenberg von oben bis unten. «Ja, Niedergesäß. Janz einfach zu merken. Niederjesäß wie Hängearsch. Und Sie sind Jalgenberg, richtig? Ooch nich grad ’n Künstlername.»
Daraufhin war auch Galgenberg sprachlos. Sein Gesichtsausdruck verriet allerdings, dass er sich nicht einen Moment darüber wunderte, dass die beeindruckende junge Frau seinen Chef zum Schweigen gebracht hatte.
«Ick bin die neue rechte Hand von Doktor Konrad König. Solange der weg is, muss ick mich um den janzen Kram kümmern. Passt weder dem gebürtigen Schwaben noch mir, dit können Se mir glooben. Als letzte Amtshandlung hat er mir den Fall der Toten von Nikolskoe überjeben. Anweisung von oben. Ick soll ma kieken, ob mir wat im Untersuchungsbericht ufffällt.»
«Und was in dem Bericht soll ich nun übersehen haben?», erkundigte sich Kappe erneut.
Langsam drehte Doreen Niedergesäß die Akte in Kappes Richtung und deutete mit einem Bleistift auf eine unterstrichene Passage: Die Unbekannte verstarb an einer nicht mit dem Leben zu vereinbarenden scharfen Gewalteinwirkung.
Kappe, dem momentan nicht nach Rätsellösen zumute war, wischte sich genervt mit der linken Hand über die Augen.
«Mal abgesehen von der blumigen Ausdrucksweise meines geschätzten Kollegen – das Loch im Schädel ist mitnichten verursacht durch einen Eispickel oder die spitze Seite eines Hammers oder eines sonstigen üblichen Mordwerkzeugs. Alles deutet darauf hin, dass diese Verletzung mit einem scharfen Werkzeug zugefügt worden ist. Auffällig sind zwei Riefen in der Knochenstruktur. Das Mordwerkzeug muss also eine strukturierte Oberfläche gehabt haben.» Um ihre Schlussfolgerung zu unterstreichen, legte Doreen Niedergesäß eine Aufnahme auf den Tisch. Die zeigte eine Vergrößerung der Fraktur, eine millimetergroße rechtwinklige Bruchstelle, die an eine Nut erinnerte.
Kappe wechselte einen Blick mit Galgenberg, der ebenfalls interessiert zuhörte und sich das Foto genau anschaute.
«Haben Sie jemals in Betracht gezogen, dass die junge Frau aus dem Osten stammen könnte?», erkundigte sich die Gerichtsmedizinerin, diesmal ohne die Spur eines Vorwurfs.
«Nachdem wir bei allen Vermisstenstellen in West-Berlin und im Bundesgebiet nachgefragt haben, sind wir auch auf diesen Gedanken gekommen. Aber die Schraube in ihrer Hüfte stammt eindeutig aus westdeutscher Produktion. Daran gab es keinen Zweifel. Außerdem, mit wem hätten wir denn im Osten reden sollen? Wir haben ja nicht einmal ein Bild von ihr. Die Kollegen in der Zone geben grundsätzlich keine Auskünfte.»
Sie nickte. Langsam blätterte sie nochmals durch den Bericht. Dann lehnte sie sich zurück. «Ich denke, die Frau stammt aus Ost-Berlin. Da Ihre Ermittlungen in bundesdeutschen Kliniken bisher ergebnislos waren, bleibt doch nur dieser eine Schluss. Ich habe mit dem Leiter des Krankenhauses in Britz gesprochen. Anfang der Sechzigerjahre ist einiges an medizinischem Material entwendet worden, unter anderem auch die Sorte Knochenschrauben, die wir im Bein der Toten gefunden haben. Man hat den Arzt, der dafür verantwortlich war, überführen können. Ein ausgesprochen renommierter Chirurg. Er hat das Material nach Ost-Berlin geschmuggelt, um einem befreundeten Kollegen zu helfen. Selbstverständlich hat der Chirurg den Schaden sofort beglichen. Daraufhin hat die Leitung von disziplinarischen Maßnahmen abgesehen. Es ist übrigens kein Einzelfall, dass Ärzte Ihren Kollegen im Osten hilfreich unter die Arme greifen.»
Kappe schaute Galgenberg verblüfft an. Er kam nicht umhin festzustellen, dass das die erste konkrete Spur darstellte, seit sie mit dem Fall zu tun hatten. Er stand auf und wandte sich zum Gehen. «Danke für die Information», nuschelte er und schob Galgenberg in Richtung Tür.
«Nun rennen Sie doch nicht gleich weg! Wenn Sie wollen, gebe ich Ihrer Leiche wieder ein Gesicht. Ich bin Spezialistin auf dem Gebiet der Gesichtsrekonstruktion. Darüber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben. Bis Freitag könnte ich ein Modell angefertigt haben. Vorausgesetzt, einer Exhumierung wird unbürokratisch und schnell zugestimmt. Glücklicherweise kenne ich einen Richter persönlich ausgesprochen gut.» Sie schmunzelte über die verblüfften Gesichter der beiden Kollegen der Mordkommission. «Meine Herren, wär doch jelacht, wenn wa nich rausfinden, wer die Tote is!», sagte sie und strahlte dabei über ihr rot glänzendes Gesicht.
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