Kitabı oku: «Warum zum Teufel Ritalin?»

Yazı tipi:

Stephan Rey

Die Namen und Identitäten aller in diesem Buch erwähnten Personen wurden vom Autor geändert.

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Alle Rechte vorbehalten.

Der Cameo Verlag wird vom Bundesamt für Kultur

für die Jahre 2021-2024 unterstützt

Co-Autoren: Franziska K. Müller, Dr. med. univ. Ilona Maier

Lektorat: Katja Völkel, Dresden

Redaktion: Peter Wäch, Cameo Verlag GmbH, Bern

Umschlaggestaltung: André De Carvalho, Cameo Verlag GmbH, Bern

Layout und Satz: Rafael Schlegel, Cameo Verlag GmbH, Bern

ISBN: 978-3-906287-93-5

eBook: CPI books GmbH, Leck

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Warum ein Buch über ADHS?

Gefundene Freiheit

Ein Kinderleben

Alles wird anders

Das Muriels-Wedding-Syndrom.

Quo vadis?

Wanderjahre

Selbsttherapie

Vaterfreuden

Krisenmanagement

Der Schleier lichtet sich

Neue Ufer

Das gute Leben

Weiter, weiter, immer weiter

Wichtige Fragen rund um ADHS

Mein Dank

Für meine allerliebste Nyima

«Zum ersten Mal in meinem Leben empfinde ich Ruhe. Ich bin gelassen, halte mich aus, bin nicht mehr getrieben. Ich renne dem Leben nicht mehr nach, sondern stehe mittendrin. Meine Gedanken und Gefühle sind geordnet und können losgelassen werden. Ich sehe die Welt in Farben, nicht mehr nur Schwarz oder Weiß. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein im Leben – in meinem Leben.»

– Stephan Rey

Vorwort von Dr. med. Ursula Davatz

Stephan Reys Biografie ist eine typische Geschichte eines Menschen mit ADHS, sehr authentisch und farbig dargestellt. Sein Elternhaus konnte erstaunlich natürlich und gut mit ihm als Junge umgehen, doch in den höheren Schulstufen erkannte sein Umfeld, die Schule wie auch die weitere Verwandtschaft nicht mehr, was sein Problem war und hat so ziemlich alle Fehler gemacht, die man mit einem ADHS-Kind machen kann. Sie reagierten mit Regulierungen und Maßnahmen, sobald er sich «falsch» und unangepasst verhielt. Doch die normale Pädagogik mit Bestrafung greift bei diesen Kindern nicht, ja, sie schadet nur.

Bei Stephan Rey wurde erst im Erwachsenenalter die Diagnose ADHS gestellt, was für ihn wie eine Erleuchtung und Erleichterung war. Das Buch soll allen Menschen mit ADHS Mut machen, dass es nie zu spät ist, sein Leben unter dieser neuen Perspektive nochmals anzupacken und Freude an sich zu bekommen und auch genießen zu können.

Keine Fachperson könnte all diese Aspekte und Prozesse so anschaulich und einleuchtend beschreiben wie ein Betroffener selbst.

Möge das Buch vielen Menschen mit ADHS, jungen und älteren, Kraft geben und vor allem auch Eltern und Lehrer dazu auffordern, sich fachliche Hilfe zu holen, um im Umgang mit diesen speziellen Kindern erfolgreicher zu sein.

Dr. med. univ. Ursula Davatz, 4. Februar 2020

www.ganglion.ch

«Du kannst nicht wählen, wie du stirbst oder wann. Aber du kannst bestimmen, wie du lebst. Jetzt.»

– Joan Baez

Warum ein Buch über ADHS?

Dem Entschluss, ein Buch schreiben zu wollen, ging meine ADHS-Diagnose voraus. Der Befund war für mich eine Erlösung! Vieles lichtete sich wie ein Schleier vor meinen Augen und ich konnte mein bisheriges fünfzigjähriges Leben endlich in eine neue und vor allem gesunde Relation stellen.

Ich bin im Sommer 1968 geboren und in einer Zeit groß geworden, in der die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) noch weitgehend unbekannt war in unserer Gesellschaft. Damals sprach man vom Psychoorganischen Syndrom (POS), das als Verhaltensauffälligkeit charakterisiert wurde und von dem man sogar sagte, es verlaufe progressiv. Meine Eltern begegneten meiner Andersartigkeit mit Toleranz und viel gutem Willen. Viele meiner Mitmenschen ließen mich jedoch wissen oder spüren, dass ich doch ein recht schwieriges Kind sei. Ich sollte mich benehmen, mich ruhig verhalten, weniger reden. Ich bemühte mich sehr, aber es ging einfach nicht. Selbst das Beten half nichts. In der Schule geriet ich ins Hintertreffen, mein Selbstwertgefühl litt entsprechend. Mit diesen Voraussetzungen startete ich in mein Erwachsenenleben, das über viele Jahre äußerst turbulent bleiben sollte.

Die Dunkelziffer an Erwachsenen, bei denen die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS/ADS, (noch) nicht diagnostiziert wurde, wird von Experten hoch eingeschätzt. Natürlich sind jene Generationen, die in einer Zeit aufwuchsen, in der noch niemand von dieser Eigenschaft sprach, überdurchschnittlich betroffen. Dies blieb nicht ohne Folgen, wie ich aus meiner jetzigen beruflichen Position als Pflegefachmann bestätigen kann: Bei vielen Männern und Frauen, die mit Depressionen, Zwangserkrankungen, Angststörungen und Panikattacken, Süchten oder mit einem Burnout leben, kann der Ursprung dieser Leiden durchaus in einer unbehandelten AD(H)S-Problematik liegen. Dass die Ursprungserkrankung in Wirklichkeit die Haupterkrankung ist, wissen weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte. Leider wird die Nebendiagnose nur allzu oft mit Antidepressiva behandelt, während die Grunderkrankung, AD(H)S, ignoriert oder kategorisch ausgeklammert wird.

Je mehr ich mich mit der Thematik rund um AD(H)S befasst habe, desto wichtiger fand ich es, dass ein Betroffener selbst erzählt, was er in Zusammenhang mit AD(H)S erlebt hat. Es ist die Reflexion eines Lebens mit und ohne Diagnose, aber auch mit und ohne Therapien sowie Medikamenten. Es ist aber auch ein Appell an Eltern: Wenn Ihre Kinder einen begründeten Verdacht auf eine AD(H)S-Problematik aufweisen, sollten sie diesen Verdacht auf jeden Fall abklären lassen. Alles andere muss nicht, aber kann sich negativ auf die Zukunft auswirken. Die Sozialisierung und eine adäquate Schulbildung können von der Diagnose und den getroffenen Maßnahmen abhängen. Das gilt ebenso für das Wohlbefinden des betroffenen Kindes auf verschiedenen Ebenen und ebenso zur Prävention für spätere Begleiterkrankungen.

Heute sind Kinder in einer Welt zu Hause, in der die Zeit der Eltern ein zunehmend knappes Gut geworden ist. Der ständig wachsende Leistungsdruck, dem immer mehr Kinder ausgesetzt sind, aber auch der eingeschränkte Bewegungsraum in den Städten tragen dazu bei, dass im Zusammenhang mit AD(H)S von einer Zivilisationskrankheit gesprochen wurde. Heute weiß man, dass das eine falsche Annahme ist.

Und doch glaube ich, dass der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo auch recht hat, wenn er in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten Folgendes sagt: «Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Erwachsenen, die die Umgebung gestalten.» Aufgrund meiner eigenen Biografie weiß ich nur zu gut, wie verschiedenartig sich AD(H)S äußern kann und welchen Beitrag die Umwelt unter Umständen leistet.

Die ersten Jahre meines Lebens hatte ich Glück: Mit toleranten Erwachsenen und wenigen Regeln, die meinen Bewegungsdrang und mein unkonventionelles Verhalten einschränkten. Später erlebte ich leider das pure Gegenteil, und das hatte Konsequenzen für mein Leben. Wenn das Umfeld mit Überforderung reagiert und wenn in gleichem Maße Vorurteile vorhanden sind, die oft auf mangelnder Information beruhen, kann der Alltag für ein Kind mit AD(H)S zur wahren Belastung werden.

Im weiteren Verlauf meines nicht einfachen Lebens wurde ich schließlich mit dem Thema Ritalin konfrontiert. Nach einem fünfjährigen Prozess, der mit unzähligen Versuchen gespickt war, meine innere Unruhe und das Chaos in meinem Kopf zu bewältigen, war ich dazu bereit, dem umstrittenen Medikament eine Chance zu geben, und ich entschied mich für die Einnahme von Ritalin. Das Resultat ist für mich positiv, um nicht zu sagen: Es war überwältigend. Seit einiger Zeit bin ich gut eingestellt mit dem Medikament und mein Buchprojekt konnte dadurch Kapitel um Kapitel erweitert werden. Manche meiner Überlegungen mögen für Leserinnen und Leser ketzerisch erscheinen, andererseits kann ich als Betroffener laut aussprechen, was sich andere vielleicht nicht getrauen: Warum sollte ich verschweigen müssen, dass ein Medikament meine Lebensqualität signifikant steigert, während die Medikation mit anderen Präparaten wie z. B. Temesta, Xanax, Stilnox u. a. weit mehr Risiken birgt und die Mittel noch dazu abhängig machen? Anders gefragt: Warum ist Ritalin im Zusammenhang mit AD(H)S ein Tabuthema und warum sind es Benzodiazepine und Schlafmedikamente oft nicht?

Ritalin fällt in die Kategorie der Betäubungsmittel. Das ist aus meiner Sicht jedoch nicht der eigentliche Grund, warum es immer wieder verteufelt wird. Die Antwort ist simpel: Die wenigsten Menschen wissen, wie Ritalin bei Menschen mit AD(H)S wirkt und welche Nebenwirkungen es dann tatsächlich hat. Die Empörung rund um Ritalin ist laut und schrill. Während Nebenwirkungen in der Schulmedizin mehrheitlich ignoriert werden, muss die Psychiatrie und Neuropsychiatrie immer noch gegen enorme Vorurteile ankämpfen, und das gilt hier natürlich auch für die Medikamente, die eingesetzt werden.

Die Diskussion sollte sachlich und nicht ideologisch geführt werden. Natürlich hat jedes Medikament eine Wirkung und eine Nebenwirkung. Wirksamkeit und Nutzen müssen immer wieder aufs Neue überprüft werden. Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen zudem niemals ohne Facharzt und eine vorhergehende Anamnese verordnet werden. Eine seriöse Behandlung von AD(H)S und möglicher Folgeerkrankungen schließt immer mehrere Therapiebereiche mit ein. Dazu gehören Ernährung, Bewegung, die Komplementärmedizin oder die Agogik. All diese Maßnahmen können eine Linderung bewirken und sie tragen auch dazu bei, dass die Medikation mit Ritalin die beste Wirkung entfalten kann.

In meinem Fall half mir das Medikament dabei, dass ich einerseits mehr am Leben teilnehmen und andererseits den Moment besser genießen kann. Ich bin heute mit mir selbst im Reinen, agiere im Gegensatz zu früher überlegt und bin innerlich ausgeglichen und ruhig. Und das ist ein großer Gewinn für mich, ein Zustand, den ich kaum in Worte fassen kann. Ich erhebe nicht den Anspruch, dass meine Erfahrungen für alle Gültigkeit haben. Und doch möchte ich nicht schweigen müssen.

Zusammenfassend kann ich sagen: Nach all den Jahren, in denen sich meine Hyperaktivität negativ auf meine Lebensqualität ausgewirkt hat, ist mein Leben mit Ritalin heute wie ein Geschenk, das ich etwas verspätet ausgepackt habe. Das klingt jetzt für einige vielleicht so, als hätte ich einen Werbevertrag mit einem bekannten Pharmakonzern. Ich kann aber mit gutem Gewissen behaupten, dass dem nicht der Fall ist und sich für mich auch keine anderen finanziellen Quellen erschlossen haben, um dieses Buch zu schreiben. Ich beschreibe lediglich die Erlebnisse eines Menschen – meine Erlebnisse – mit ADHS, wie ich mit (aber nicht nur) Ritalin einen Weg gefunden habe, mein Leben so zu leben, wie es für viele von Geburt an natürlich und selbstverständlich ist.

Stephan Rey, im Sommer 2020

Dr. med. univ. Ilona Maier erläutert das Kapitel
Fakten zu ADHS:
Sind Menschen mit ADS und ADHS kreativer?

Der Begriff «Kreativität» stammt vom lateinischen Wort «creare» ab, was in die deutsche Sprache übersetzt «schaffen», «gebären» oder «erzeugen» bedeutet.

Dahinter steht auch die entsprechende Motivation, bezogen auf den Bereich, in dem die Kreativität ausgelebt wird. Das kann in der Kunst sein, doch ist es natürlich in unzähligen anderen Bereichen möglich.

Kreativität wird nach Joy Paul Guilford (1897–1987), amerikanischer Psychologe und Intelligenzforscher, durch grundlegende psychische Merkmale erfasst: Problemsensitivität, d. h. im Erkennen, wo ein Problem besteht, die Fähigkeit, in kurzer Zeit viele Ideen hervorzubringen, Flexibilität, das Neuverwenden bekannter Objekte, Anpassen der Ideen an die Realität sowie Originalität.

Gemäß der Kreativitätstheorie des Psychologen Dean Keith Simonton (geboren 1948) von der University of California sind ungewöhnliche und unerwartete Erfahrungen ein wichtiges Merkmal von Menschen, die im Laufe ihres Lebens kreative Meisterleistungen vollbringen.

Was hat das mit ADHS zu tun?

Das Kernsymptom Unaufmerksamkeit führt oft zum Abwandern der Gedanken (mind-wandering, der Autopilot ist eingeschaltet). Die während dieses Abdriftens aufkommenden Gedanken, betrachtet es man nun positiv, können zu neuen Ideen bzw. kreativen Einfällen führen.

Das andere Kernsymptom, die Impulsivität, macht Menschen mit ADHS spontaner, auch mutiger, sie haben eine gewisse Risikobereitschaft, sind begeisterungsfähig. Da sie manchmal die Grenzen nicht so gut spüren können, probieren sie eher Dinge aus, lassen sich auf Neues ein, sind offen und neugierig. Das fördert die Umsetzung von Ideen bzw. Kreativität.

Ein Problem ist häufig die Ausdauer. Wenn ein großes Interesse an einer Sache besteht, funktioniert die Konzentration besser und es gelingt entsprechend einfacher, eine Angelegenheit weiterzuverfolgen, man befindet sich dann im Flow-Zustand.

Es ist davon auszugehen, dass es unter den Künstlern, also Menschen mit großem kreativem Potenzial, nicht wenige gibt, die ADHS haben.

Gefundene Freiheit

Die Landschaft zieht an mir vorüber. Ich sehe Salzkräuter, die der Wind als kugelartige Büsche über die rot gefärbte Wüste treibt. Am Horizont zeichnen sich bizarre Felsformationen ab, die das Death Valley so berühmt gemacht haben. Ich nehme diese Bilder intensiv wahr. Die innere Ruhe, die ich in diesem Moment empfinde, macht alles, was ich auf dieser USA-Reise erlebe, zu einer einzigartigen und nie da gewesenen Erfahrung.

Vieles, was bis vor kurzem ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, klappt jetzt problemlos. Ich reise in einer Gruppe in einem Bus und sitze pro Tag bis zu acht Stunden ruhig und zufrieden auf meinem Platz. Die Mitreisenden gehen mir nicht auf die Nerven. Ich fühle mich nicht gehetzt, und ich muss an einem Tag nicht zehn verschiedene To-do‘s auf einer Liste abhaken, die mit Sehenswürdigkeiten gespickt ist. Es sind Aktivitäten, die ich mir früher auferlegt habe, um der drohenden Langeweile und der daraus resultierenden inneren Anspannung zu entfliehen. Ich habe kaum mehr Angst, meinen Pass, die Schlüssel, das Gepäck oder irgendwelchen Krimskrams zu verlieren. Auch mein nahezu fanatischer Ordnungswille und der Hang, alles akribisch planen zu müssen, plagen mich nicht mehr. Noch vor kurzem hatte ich große Angst, dass etwas schiefgehen könnte, und die daraus resultierende Hektik war ein wahrhaft hässlicher Treiber. Ich genieße jeden Moment und fühle mich mit meiner Umwelt und mit mir selbst im Reinen. Ich spüre einen inneren Frieden und das ist eine einzigartige Erfahrung in meinem nun rund fünfzigjährigen Dasein.

Weltenbummler

Ich bin in meinem Leben weit herumgekommen in der Welt. Meine Reiselust begann, als uns ein Lehrer in der 4. Klasse Dias von seinem Südamerika-Trip vorführte und von seinen intensiven Erlebnissen erzählte. Da wusste ich sogleich, dass auch ich eines Tages den Machu Picchu sehen würde, die von den Inkas erbaute, hoch über dem Tal des Río Urubamba in den peruanischen Anden gelegene Stadt, die es mir unheimlich angetan hatte. Den ersten Trip unternahm ich 1992 allerdings nach Sumatra, während einer achtmonatigen Südostasienreise. Machu Picchu besuchte ich einige Zeit später im Jahr 1955.

Ich verbrachte viele Jahre meines Lebens in fernen Ländern und deren Kontinenten. Der letzte längere Trip dauerte fast zwei Jahre. Zusammen mit meiner damaligen Partnerin, der Mutter meiner 2008 geborenen Tochter, reiste ich auf dem Landweg über China und die Mongolei, weiter nach Vietnam, Thailand, Indien und schließlich nach Ägypten, Jordanien, Israel und wieder zurück.

Im Bus in Amerika sinnierte ich über diese zurückliegenden Reisen, die ich stets mit dem Rucksack unternommen habe. Ich folgte immer meinen eigenen Ideen, hatte große Pläne und wollte Abenteuer erleben. Eine organisierte Gruppenreise bedeutete für mich daher die Kulmination des Spiessertums, etwas komplett Unvorstellbares. Kaum war ich zurück von meinen Expeditionen, begann ich meist sofort wieder mit der Arbeit. Gleichzeitig sparte ich Geld, denn nur die Vorfreude, bald wieder auf Reisen gehen zu können, ließ mich die Eintönigkeit des Alltags in der Schweiz ertragen.

Andere Menschen reisen viel und gerne, weil sie sich für fremde Kulturen und Gebräuche interessieren. Sie besitzen beispielsweise die Toleranz, die Andersartigkeit anderer Völker richtig zu verstehen, oder sie finden in ausgedehnten Auslandsaufenthalten Ruhe und Zentriertheit. Eine Eigenschaft, die ihnen im oft zitierten Hamsterrad des Alltags womöglich abhandengekommen ist. Bei mir kamen weit mehr Gründe hinzu. Einer davon war, dass ich mich ganz einfach für das kleinere Übel entschied. Das klingt vielleicht despektierlich: Das Fremdartige und Unbekannte, mit all seinen zum Teil exotischen Varianten, lenkte mich nämlich von meiner inneren Unruhe ab und stillte gleichzeitig ein nie versiegendes Bedürfnis nach Abwechslung und Freiheit. Und das immer wieder aufs Neue, ohne dabei jemals zu echter Gelassenheit zu gelangen. Ein Attribut, das ich mir so sehnlichst wünschte.

Wie ein Getriebener

Ich war auf meinen Reisen selten relaxt, sondern vielmehr ein Getriebener. Ich war nicht nur hyperaktiv, sondern vielfach auch gestresst und unruhig. Aus diesem Grund war ich nie allein unterwegs. Alleinsein bedeutete eine Konfrontation mit mir selbst, und das löste diffuse Gefühle des Unwohlseins in mir aus. In Gesellschaft fühlte ich mich eindeutig sicherer und irgendwie auch besser. Meine Reisebegleiter und Reisebegleiterinnen mochten meinem rasanten Tempo mitunter folgen. Andere wiederum legten sich gemütlich in die Hängematte und ließen mich mit akribischem Eifer all die fremden Städte und Landschaften rundherum im Alleingang erkunden. Ich wollte weiter, immer weiter. Auch auf Reisen, die mehrere Monate dauerten, verweilte ich selten länger als eine Woche an ein und demselben Ort.

Rückblickend betrachtet war mein Interesse für das Fremdartige meist oberflächlicher Natur. Ich konnte mich selten vertieft auf Menschen, Orte oder andere Kulturen einlassen. Ich befand mich in einem unglaublichen Erlebnisrausch, und ich wollte so viele Eindrücke wie nur möglich in mich aufsaugen. Ich war ganz vernarrt in Indien, weil ich dort in jedem Bundesstaat verschiedene Bedingungen vorfand, seien sie kultureller, religiöser oder klimatischer Natur. So war ständig für die nötige Abwechslung gesorgt. Die zum Teil chaotischen Bedingungen in manchen Schwellenländern stellten dennoch eine immense Belastung für mich dar. Diesbezüglich war Indien, aber auch Südamerika oder der Nahe Osten eine große Herausforderung für mich.

Weltoffen und tolerant

Man sollte denken, dass nur ein weltoffener und toleranter Mensch jahrelang fremde Länder bereist. Ich bin jedoch der beste Beweis dafür, dass es leider auch anders geht. Oder vielmehr ging. Ich war manchmal geradezu fixiert auf Nuancen, die mich triezten, und konnte mich maßlos über solche Nichtigkeiten aufregen. Heute schäme ich mich fast ein wenig dafür. Das verdeutlicht sich an ein paar Erlebnissen, die ich in Indien gemacht habe: Ein dortiger Beamter öffnete seinen Schalter nicht zur angegebenen Zeit, das Taxi fuhr an den falschen Ort oder die Hotelgäste waren zu laut, wenn ich schlafen wollte. Der oder die Schuldigen waren nach meinem Ermessen schnell gefunden: Warum will mir der Beamte etwas Böses? Macht der Taxifahrer etwa einen Extrabogen für mehr Kilometergeld? Hatten es die Hotelnachbarn auf mich persönlich abgesehen? Wurde mein besetzter Schlafplatz im Zug durch Indien etwa doppelt verkauft?

Ich war ein aufbrausender und impulsiver Zeitgenosse zu dieser Zeit, und ich hielt mich auf meinen Wegen nicht mit diskreditierenden Wertungen und unflätigen Urteilen zurück. Die Folgen meines Ungestüms waren dann lauthals ausgetragene Streitigkeiten mit Einheimischen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Je hektischer und chaotischer es an einem fernen Ziel war, desto mehr rieb mich das innerlich auf. Um mich zu beruhigen, hielt ich nicht etwa inne, nein, ich wurde noch aktiver und noch lauter! Und das bis hin zur Erschöpfung. Ich eilte sozusagen im Sauseschritt durch all die wunderbaren Länder und Kontinente, ohne zu wissen, was ich tief im Herzen suchte oder wollte. Manchmal kam ich wegen meines Fast-Forwards mit keinem einzigen Einheimischen in Kontakt und knüpfte folglich auch keine wertvollen Bekanntschaften. Obschon ich mich gut auf Englisch unterhalten kann, war ich bei Konversationen oft seltsam blockiert. Ich verhaspelte mich ständig, machte dumme Fehler oder verstummte von einem Moment zum anderen. Es ist sicher nachvollziehbar, dass ich nach solch einer Reise alles andere als ausgeruht in die Schweiz zurückkehrte. Nichtsdestotrotz plante ich bereits im Kopf die nächste Route.

Träume der Jugend

Vor langer Zeit, also weit vor meiner Bustour durch die Vereinigten Staaten, wollte ich schon nach Kalifornien reisen. Doch die USA waren damals ein rotes Tuch für mich. Das lag zum einen an dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und später an dessen Nachfolger George W. Bush. Es hatte aber auch mit der unkonventionellen Lebensweise der Amerikaner zu tun, die ich gelinde gesagt als fragwürdig empfand.

Meine Sehnsüchte und Träume, die ich mit Kalifornien verband, stammten aus meiner Jugend- und Hippiezeit. Ähnlich wie bei einer unerfüllten Liebe, die sich niemals dem Realitätstest stellen muss, blieben meine Vorstellungen romantisch verklärt. Das Monterey Pop Festival, Joan Baez, Bob Dylan, Golden Gate, Allen Ginsburg, Ashbury Road: Dieser «Summer of Love» fand 1967 statt, ein Jahr, bevor ich geboren wurde. Die Errungenschaften der darauf einsetzenden 68er-Bewegung prägten meine Jugend und die vielen Ansprüche an mein sehr bewegtes Leben. Kurz: Trotz diffuser Ressentiments bleiben die USA für mich eine Art gelobtes Land.

Frei sein

Wir alle haben den Wunsch auf Selbstverwirklichung und ein Leben außerhalb der strengen Konventionen. Glücklich werden, frei sein! «Die Freiheit ist ein wundersames Tier», singt der österreichische Liedermacher Georg Danzer, und weiter: «Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg.» Über Jahrzehnte habe ich diese Freiheit gesucht. Ich pilgerte mit Indien und Südamerika immer an die einschlägigen Strände, wo die Jugend die Freiheit vermutet. Das geschah so viele Jahre, bis ich längst nicht mehr jung war. Und die ersehnte Freiheit hatte ich trotz all meiner Reisen rund um die Welt niemals gefunden. Ich war ein Robinson Crusoe, der auf seiner eigenen kleinen Insel gefangen blieb.

Es wurde mir immer wieder gesagt, ja förmlich eingetrichtert: «Du lebst in einem der freiesten Länder dieser Welt!» Die Schweiz sei ein Land, das gut zu seinen Bürgern schaut und sie sei auch ein reiches wie sicheres Land. «Was treibt dich immer wieder weg?», wurde ich gefragt. Und ich antwortete stets mit demselben Mantra: «Es ist das Gefühl, in einem goldenen Käfig gefangen zu sein.»

Der Wohlstand und das Sicherheitsdenken meiner Landsleute hatte seinen Preis, und der war nach meiner Auffassung die Unfreiheit. Heute weiß ich, dass es nicht die Rahmenbedingungen waren, die meine persönliche Freiheit verhinderten. Die Gründe dafür lagen vielmehr tief in meinem Innersten, und ich werde in diesem Buch konkret darauf eingehen. Heute definiere ich Freiheit insofern, dass ich mir einiges im Leben zutraue. Ein Gefühl, das mir quälende Jahre zuvor gefehlt hatte.

Der Glaube allein

Die Kraft, an sich zu glauben, hat einen enormen Einfluss darauf, wie Menschen ihr Leben gestalten. Wer über genügend Selbstvertrauen verfügt, muss sich nicht die ganze Zeit beweisen. Man weiß ganz einfach, dass man viel erreichen kann im Laufe seiner Erdenjahre. Dieses überaus starke Gefühl ist mit innerem Frieden verbunden, und diese Ruhe gibt mir heute das Gefühl von Freiheit.

Die neu gewonnene Freiheit stelle ich natürlich in Relation zu meinen vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Manche Weichen wären zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht anders gestellt worden, wäre meine Freiheit eine echte Freiheit gewesen. Aber ich bin auch ein rationaler Mensch und weiß zu gut, dass man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann. Ich bin mit dem, was ich heute bin, im Großen und Ganzen zufrieden. Das kann ich allerdings erst mit 50 Lenzen auf dem Buckel so klar formulieren. Es ist schön, auch mit reifen Jahren erfahren zu dürfen, wie es dem eigenen Wohlbefinden dient, wenn man dem Leben nicht mehr nachrennen muss, sondern daran teilnehmen darf. Wenn die ständige Getriebenheit einer achtsamen Gelassenheit weicht, ist das eine Form von Gnade und Glückseligkeit. Die Welt ist plötzlich nicht mehr schwarz-weiß, und ich habe heute die Zentriertheit, die Komplexität des Daseins mit all ihren Schattierungen wahrnehmen zu dürfen. Es ist wie ein Befreiungsschlag: Wer seine Gedanken ordnen kann, der kann auch loslassen!

Kein Guru brachte den Frieden

Zustände von Frieden, Ruhe oder Entspannung waren mir bisher anhin fremd. Ich machte Sport, bewegte mich viel an der frischen Luft, und ich versuchte meine Unrast mit alternativen Heilmitteln zu besänftigen. Ich suchte Erlösung mit Yoga, übte mich in Atemtechniken sowie in autogenem Training. Eine gezielte Therapie bei einem Arzt wies mich zwar in eine hoffnungsvolle Richtung, letztendlich scheiterten aber alle meine Bemühungen, den hyperaktiven Kern in mir zu dimmen.

Ich erhebe freilich keinen Anspruch, dass meine Erfahrungen, die ich hier im Buch schildere, allgemeingültig sind. Letztendlich ist es aber so, wie ich es seit einiger Zeit erlebe, und ich muss es hier auch mit aller Klarheit sagen: Die vielen Vorteile in meinem neuen Leben verdanke ich nicht einem Achtsamkeits-Coaching in Trivandrum oder einem spirituellen Lehrer in Goa. Die Wahrheit ist weit profaner: Mein neues Lebensgefühl verdanke ich einer runden, weißen Pille. Ihr Name ist Ritalin und sie ist in der Gesellschaft nicht unumstritten.

Die Diagnose

2013 erhielt ich die Diagnose ADHS. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – wird vor allem bei Kindern diagnostiziert und gehört aus heutiger Sicht zur Gruppe der Verhaltens- und Emotionsstörungen. Probleme mit der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Selbstregulation sind damit verbunden. Körperliche Unruhe wie innere Getriebenheit gelten als häufigste Begleiterscheinungen. Früher wurde ADHS, manche nennen die Störung auch einen Persönlichkeitsstil, als reines Verhaltensproblem angesehen. Heute gehen zumindest Fachleute von einer komplexen Entwicklungsverzögerung des Selbstmanagement-Systems in gewissen Gehirnregionen aus.

Ein schwieriges Kind

Ich galt als ein schwieriger Junge. Streitereien in der Schule waren gang und gäbe. Da ich regelmäßig den Unterricht störte, musste ich so manche Schulstunde vor der Türe verbringen. Ich war derart auffällig, dass sich nicht wenige Freunde aus dem Umfeld abwandten. Noch heute spricht man vom Zappelphilipp, der 1844 vom Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann ersonnen wurde. Doch ADHS oder ADS mit seinen zahlreichen Mischformen und Begleiterscheinungen ist weit komplexer und kann zahlreiche Komorbiditäten in verschiedenen Lebensbereichen zur Folge haben.

In meiner Kindheit gab es die Diagnose noch nicht. Wie ich bereits eingangs erwähnte, sprach man von POS, dem Psychoorganischen Syndrom, was der Wahrheit in keiner Weise nachkam. Fakt ist, dass selbst heute noch viele Kinder und Jugendliche unbehandelt sind, weil man sie nicht abklärt. Experten gehen davon aus, dass die Anzahl von Erwachsenen relativ hoch ist, die unter einer unbehandelten AD(H)S-Symptomatik leiden.

Ein neues Lebensgefühl

Es sollte also ganze 50 Jahre dauern, bis ich mein Dasein so genießen konnte, wie es für die meisten Menschen eine Normalität darstellt. Und das auch im Hinblick darauf, dass jemand sein Leben möglichst ohne Medikamente leben kann. Das sind oder vielmehr waren alles Gedanken, die mich auf meiner Reise durch Kalifornien begleiteten. Während den drei Wochen in den USA erlebte ich die Verbesserungen meiner Lebensqualität besonders intensiv. Zum ersten Mal in meinem Leben reiste ich ohne Begleitung, und ich empfand diesen Zustand als absolut befreiend. Es ist eine unbeschreibliche Erfahrung, sich auf einer Reise derart entspannt zu fühlen und entsprechend harmonisch zu agieren in seinem Umfeld. Kleinigkeiten nerven mich nicht mehr, denn die positiven Aspekte rücken jetzt eindeutig in den Vordergrund. Das ist einfach nur wunderbar!

Ein Beispiel gefällig? Die bekannte Bigger-is-better-Maxime der Amerikaner, die sich in fast allen Lebensbereichen niederschlägt, lässt mich im Gegensatz zu früher wunderbar unberührt. Die riesigen Pappbecher für Coca Cola & Co, die gigantischen Essensportionen auf den Tellern und der ausgeprägte Hang zu Hedonismus und Konsum hinterlassen auf meiner Stirn keine Zornesfalten mehr. Noch zwölf Monate zuvor hätte mich all das und vor allem auch die laute Politik mit ihren schrillen Protagonisten außerordentlich aufgebracht. Und mit Sicherheit hätte ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Die Mitreisenden aus Australien oder England hätte ich mit Nachdruck wissen lassen, dass die USA kein fairer Player sind im Weltgefüge. Ich hätte der Verkäuferin im Souvenir-Shop, wo ich aus Spaß Donald-Trump-Socken kaufte, erklärt, wie negativ dessen Außenpolitik bei uns Europäern ankommt. Ich kann heute all dem Stress, Ärger und Streit regelrecht «Good bye» sagen. All die guten Aspekte einer mehrwöchigen Reise wären früher zwangsläufig in den Hintergrund getreten. Heute erstrahlen sie in nie da gewesenem Glanz.

Die Neue Welt, wie man die USA auch nennt, fand in einer neuen Welt statt. In meiner neuen Welt! Ich bin heute relaxt, urteile objektiv und das Wichtigste: Ich kann mit unerfüllten Erwartungen und unerwarteten Abweichungen ganz normal umgehen. Es ist für mich eine Art Segen, dass ich mich tatsächlich auf einer Gruppenreise befinde und mich mit diesen Menschen verbunden fühle, die wie ich eine große Liebe zu den Vereinigten Staaten mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten und Naturparks empfinden. Ja, ich verspüre in diesem Moment einen kleinen Triumph über mich selbst. Die Verschiedenheit meiner Mitreisenden stört mich nicht mehr im Geringsten und dieses «Laisser-Vivre» führt jetzt sogar zu richtig netten Bekanntschaften. Nun sind es die kleinen Details einer Reise, die mich mit Glück und Dankbarkeit erfüllen. Für jemand anderen mag das alles banal klingen, für mich ist es geradezu eine spektakuläre Erfahrung!

Woodstock, Chi Coltrane und ABBA

Mein Wunsch, die Vereinigten Staaten zu bereisen, geht weit zurück. In der vierten Klasse veranstaltete ein Lehrer zweimal pro Jahr eine Hitparade mit den Lieblings-Songs seiner «Bande». Jeder Schüler und jede Schülerin durfte die Kracher mitbringen, die am besten gefielen und die sich dann einer Bewertung der Mitschüler stellen mussten. Ich erinnere mich an die Langspielplatten und Singles von Elvis, den Beach Boys, Blondie und Chi Coltrane. Diese Musik begeisterte mich allerdings nur bedingt, schließlich war ich ein fast schon fanatischer Fan der schwedischen Popgruppe ABBA. Mein ABBA-Fimmel war derart ausgeprägt, dass höchstens noch Boney M. auf dem Plattenteller Platz hatten und dort auch nur ihr Evergreen «Rivers of Babylon». Es war mir schlichtweg unmöglich, anderen Bands und ihren Pophymnen Raum zu geben. Sogar die Musikbox wurde nur für ABBA-Hits mit Kleingeld gefüttert und die Wände meines Zimmers waren mit Postern tapeziert. Also, diese vier Schweden haben glaube ich ganz gut gelebt von meinem Geld. Doch dann, eines schönen Tages im Jahr 1978, präsentierte uns ein Lehrer, der einen Einspringer machte, seine Musik. Das Triple-Hammer-Album «Woodstock»! Die Klänge von The Who und Ten Years After waren mir zwar zu wild und rockig, doch die Reminiszenzen der Lehrperson und die Übersetzungen der Liedtexte zum Woodstockfestival berührten mich ungemein. Sie erzählten von Liebe, Frieden und Toleranz. Damals wuchs der Wunsch in mir, diesem Lebensgefühl eines Tages an den Originalschauplätzen auf die Spur zu gehen. In Amerika! In Kalifornien!

Ein Präsent aus der Schweiz

Ich erlaube mir an dieser Stelle eine weitere kleine Rückschau, um zu verdeutlichen, wie sich ein stressgeplagtes Dasein mit der passenden Dosis an Ritalin praktisch in Luft auflösen kann. Der grassierende Antiamerikanismus hielt mich vorerst ab von meinem Vorhaben, in das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» zu reisen. Andere Ausflüge in ferne Länder hatten eindeutig Vorrang. Doch noch während meiner ersten USA-Reise sollte schon bald die Zeit kommen, in der mich nichts mehr bremsen konnte, meinem ganz großen Idol einen Besuch abzustatten. Eine Frau, die auf besagter «Woodstock»-Platte hochschwanger und mit kraftvoller Stimme Anti-Kriegs-Lieder sang: Joan Baez.

Über dreißig Jahre, nachdem ich mir die erste Platte von Joan Baez gekauft hatte, stand ich vor dem Bungalow der berühmten Folk-Sängerin. Ich hatte erfahren, dass sie zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes ihr letztes Konzert auf ihrer Abschiedstournee in Oakland geben würde und am nächsten Tag – so malte ich mir das aus – vermutlich wieder auf ihrem Landsitz im Silicon Valley anzutreffen wäre. Also machte ich mich zuerst mit dem Zug auf nach Redwood City und gelangte danach mit dem Schulbus bis nach Woodside High School. Nachdem ich die letzten drei Kilometer bis zur besagten Adresse zu Fuß lief, erblickte ich das schöne alte Holzhaus schon von Weitem. Da es keinen Briefkasten und auch keine Türglocke gab, legte ich die leckeren Pralinen aus der Schweiz auf die Schwelle des Eingangstors. Dazu schrieb ich eine persönliche Karte an Joan Baez und blieb noch eine Weile dort, um ein Sandwich zu essen und danach die Rückreise nach San Francisco anzutreten. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wusste, ob Joan Baez die Schoggi und meine Zeilen je erreichen würden, fühlte ich mich unendlich gut dabei.

Ein halbes Jahr später, bei einem Konzert in London, wartete ich beim Bühneneingang auf die Musikerin. Prompt suchte die beliebte Folklegende den Kontakt zu ihren Fans und ich schaffte es tatsächlich, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich machte nämlich nicht den Fehler, dort zu warten, wo sich die Fan-Massen aufhielten. Ich beobachte fern der Massen ein Taxi, das diskret in die Nähe des Bühneneingangs fuhr und ich wusste instinktiv, dass der Wagen für Joan Baez bestimmt war. Menschen mit ADHS entwickeln nämlich ein feines Sensorium, wenn sie etwas unbedingt wollen. Wir spüren in diesen Momenten genau, was geht und was nicht geht. Es sind dann die feinen Details, die uns auffallen und die wir richtig einordnen in unserem Plan.

Joan Baez stieg dann prompt in das Taxi, vor dem ich stand, und so konnte ich ihr noch eine Frage stellen. Mit einem Lächeln im Gesicht bestätigte sie mir, mein spezielles Geschenk erhalten zu haben, und ich war endgültig zufrieden, wenn nicht zu sagen, ein klein wenig selig. Diesen Zustand genoss ich während meines London-Aufenthalts noch ein paar Tage lang.

Flower-Power und Kommerz

Als ich in San Francisco den Stadtteil Haight-Ashbury aufsuchte, das ehemalige Epizentrum der Beatnik- und Hippiebewegung, der Lebensmittelpunkt von Janis Joplin, von Grateful Dead und Jefferson Airplane, war ich – obwohl ich es nicht anders erwartet hatte – ernüchtert. Das Geschäft mit dem Tourismus schien das Quartier und seine Geschichte komplett vereinnahmt zu haben. Was damals einer progressiven, lebendigen Lebenshaltung entsprach – Musik, Kleidung, Literatur und Politik –, ist heute nur noch ein fernes Echo einer pulsierenden Ära, das sich nun in verfremdeter Weise in billigen Souvenirs widerspiegelt. Ich hatte es bereits erwähnt: Selbst solche traurigen Erfahrungen bringen mich heute nicht mehr aus dem Konzept. Der Grund ist auch, ich muss es in dieser Klarheit sagen, diese kleine runde Pille Ritalin. Das Schöne an meiner kleinen Reminiszenz ist schnell erklärt:Ich hatte nach all den vielen Jahren endlich das gefunden, was die einstige Flower-Power-Generation einen Sommer lang gesucht hatte: die Gewissheit, dass keine Barrieren mehr existieren, die meinen natürlichen Lebensfluss behindern oder ins Stocken geraten lassen.

Dr. med. univ. Ilona Maier erläutert das Kapitel
Fakten zu ADHS:
Wie schnell fühlen sich Menschen mit ADHS eingeengt?

Menschen mit ADHS fällt es in der Regel schwer, sich zu strukturieren. Sie werden jahrelang, gerade im Kindesalter, immer wieder ermahnt und dazu angehalten, gewisse Regeln einzuhalten. Ihnen wird von außen eine Struktur auferlegt, die nicht immer zur Persönlichkeit des Kindes passt und so zusätzlichen Stress anstatt Erleichterung mit sich bringt. Diese Kinder – natürlich gilt das auch für Jugendliche und Erwachsene – fühlen sich nicht akzeptiert, wie sie sind, sie haben das Gefühl, eingeschränkt und eingeengt zu werden. Ein Flucht- bzw. Vermeidungsverhalten, auch eine Auflehnung, gerade in der Pubertät, ist oft die Folge.

Die Konsequenzen dieses Verhaltens sind dann häufig mehr Regeln und Ermahnungen. Diese (versuchte) Fremdbestimmung löst meistens noch mehr negative Emotionen bei den Betroffenen aus.

Menschen mit ADHS, abhängig von der jeweiligen Ausprägung, fällt es manchmal schwer, Denkweisen anderer zu akzeptieren, wenn diese nicht ihren eigenen entsprechen. Daraus resultiert häufig auch ein Gefühl, missverstanden und ungerecht behandelt zu werden.

Ein Kinderleben

Mein Leben auf diesem verrückten Planeten begann 1968. In der Schweiz war auf dem Land von den gesellschaftspolitischen Aufbrüchen und Veränderungen jener Zeit vorerst wenig zu spüren. Meine Eltern gehörten zwar altersmäßig zu jener Generation, die eine alternative Lebensweise und die freie Liebe proklamierten. Sie bewegten sich aber beide weiterhin innerhalb der damals eng gesteckten Grenzen, die einerseits den Gepflogenheiten eines konservativ bürgerlichen Milieus entsprachen und andererseits mit den Geschichten der jeweiligen Familien zu tun hatten. Die Seetaler Gemeinde, in der wir lebten, gehört zum Kanton Aargau. Das Dorf mit seinen rund dreihundert Einwohnern ist noch heute ländlich geprägt. Damals gab es allerdings nur zwei Beizen, einen Verein und natürlich eine Kirche, die mitten im Dorf stand.

Bereits die Ehe zwischen einem katholischen und einem reformierten Ehepartner galt in gewissen Landstrichen als Skandal. So war es auch bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Als sie im Jahr 1946 im Kloster Mariastein heirateten, mussten zwei Mönche als Trauzeugen aufgeboten werden. Die Hochzeit wurde in der Folge durch die reformierte und die katholische Verwandtschaft boykottiert. Die Großmutter, eine liebenswürdige und gottesfürchtige Katholikin, versuchte die fünf Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. Sie geriet aber wohl mehr als einmal in die Bredouille, da ihr Mann von ihrer religiösen Ausrichtung wenig hielt. Außerdem war mein Großvater, also ihr Mann, reformiert. Nach dem Erlebnis mit der besagten Hochzeit wandte er sich ganz ab von der Religion.

Mein Vater, so erfuhr ich erst viel später, pflegte ebenfalls ein zwiespältiges Verhältnis zur Religion. Im aargauischen Freiamt – dem sogenannten «schwarzen Erdteil» – aufgewachsen, erlebte er in seiner Kindheit und Jugend verbale und körperliche Gewalt durch Geistliche.

Trotz dieser Umstände waren beide Elternteile darauf bedacht, meine drei Jahre ältere Schwester und mich in der Tradition christlicher Werte zu erziehen. Obschon gerade in ländlicher Umgebung die soziale Kontrolle funktioniert und sich manche «Verfehlungen» wie ein Lauffeuer verbreiten, ließen Mutter und Vater die Sonntagsmesse regelmäßig sausen. Dem Pfarrer entging unsere Abwesenheit nicht, und am Montag erkundigte er sich im Religionsunterricht vor der ganzen Klasse, warum die Familie Rey am Sonntag nicht in der Kirche gewesen sei. Er hatte allerdings nicht mit der Gewitztheit meiner Eltern gerechnet. Sie halfen uns Kindern nämlich proaktiv mit der Formulierung von Notlügen, und so antworteten wir beispielsweise: «Wir haben die Großeltern auf dem Gasthof in den Bergen besucht.» Diese Besuche fanden zwar regelmäßig statt, denn meine Mutter war im dortigen Hotel arbeitstätig und trug somit zum Familieneinkommen bei. Wir saßen also in Tat und Wahrheit am Sonntag gemütlich in der guten Stube und unsere Ausflüge dienten als willkommene Ausrede für die geschwänzten Kirchenbesuche.

Schwarzkatholisch

Im Freiamt der 1970er-Jahre wurde Religion mit Drohungen gleichgesetzt, die wie die Jahrhunderte zuvor von einem strafenden Gott kamen. Das kümmerte mich aber kaum. Ich erinnere mich noch gut, dass ich an Ostern immer die gleichen Filme über Jesus und sein Leben vorgesetzt bekam, die mich ängstigten, aber auch seltsam faszinierten. Das Resultat war, dass mich nach dem Ansehen der Filme immer große Ängste plagten. Darum musste ich im Zimmer meiner Schwester schlafen und wurde zusätzlich mit einem Filmverbot für die Zeit während der Ostertage belegt. Klar: Das Spiel sollte sich zu jedem Osterfest genau gleich wiederholen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Was ich mit dieser Geschichte andeuten möchte: In meinem Elternhaus gab es Regeln und moralische Werte, die uns vermittelt wurden, und unser Verhalten hatte dem Konsens der Gemeinde zu entsprechen. Doch es gab praktisch immer einen Spielraum, der kleine Abweichungen erlaubte. So ließ ich liebend gerne die Schülermesse am Dienstagmorgen sausen, auch wenn es danach alle im Dorf erfuhren. Ausschlafen war eindeutig besser angesagt als morgens um sieben aufzustehen und in die Kirche zu trotten.

Ich erinnere mich nicht an große Standpauken oder an körperliche Züchtigungen im Elternhaus. Die Erwartungshaltung meiner Eltern war auch nicht übertrieben. Dafür bin ich meiner Mutter und meinem Vater noch heute dankbar. Im Großen und Ganzen waren beide tolerant und großzügig. Der Kampf ums tägliche Brot ließ es ihnen oft an Zeit und Energie mangeln, um all unsere Schritte ständig zu überwachen. Die Rollenverteilung war klassisch und jener Zeit geschuldet. Meine Mutter wirkte als Hausfrau, mein Vater brachte das Geld nach Hause. Wir waren stets ordentlich gekleidet und gut genährt. Da sich die Eltern nicht jede Minute um uns kümmern konnten, kamen wir schon früh in den Genuss einiger Freiheiten. Auch solche, von denen manche Kinder im Jahr 2020 nur träumen können. So fiel es auch nicht immer auf, dass ich ein besonders lebhaftes und quirliges Kind war.

Gut bürgerlich

Mein Vater war 1972 mit dem Aufbau seiner Schreinerei beschäftigt. Die ersten Jahre erwiesen sich dabei als besonders beschwerlich. Wie bei vielen selbstständigen Handwerkern üblich, lauerte immer die Gefahr von Auftragsflauten, was konkret bedeutete, dass man die guten Zeiten für Rücklagen nutzen musste, um die mageren Jahre überstehen zu können.

Die schweren Zeiten kannte er aus seiner eigenen Kindheit nur zu gut: Mein Großvater väterlicherseits verstarb früh als mein Vater gerade mal 8 war und die Mutter stand mit den vier Kindern, ein fünftes war unterwegs, alleine da. In jenen Jahren gab es keine Witwenrenten oder anderweitige soziale Auffangnetze, und man kann es aus heutiger Sicht als Wunder betrachten, dass die Kinder nicht verdingt werden mussten. Das war, wie ich später erfuhr, zu weiten Teilen der Dorfgemeinschaft zu verdanken, die der Familie in jeder Hinsicht zur Seite stand. Es hatte aber auch mit der Anpassungsfähigkeit meiner Großmutter zu tun, die mit den Kindern in die Hauswartswohnung in der Schule zog und dort nach dem Rechten sah. Das Geld reichte natürlich bei Weitem nicht. So kam es, dass die sechsköpfige Familie am Sonntagmorgen in den Wald pilgerte, Beeren und Brennholz sammelte und danach schwer bepackt nach Hause zurückkehrte, um rechtzeitig in die nachmittägliche Christenlehre zu gelangen, die im Nachbardorf stattfand.

Mein Vater arbeitete wohl auch deshalb so hart, weil er sich an die eigene beschwerliche Kindheit erinnerte. Er wollte, dass es uns Familienmitgliedern an nichts fehlte. Ich erinnere mich ausschließlich an tolle Geburtstagsfeste und festlichen Weihnachtsfeiern. Wir unternahmen viele Ausflüge, besaßen einen Fernseher und es reichte sogar für ein Auto. Die existenziellen Nöte, die sich mit der Ölkrise Mitte der 1970er-Jahre verschärften, gingen an den Eltern nicht spurlos vorbei und führten innerhalb der Familie zu Spannungen. Wie so oft ging es um das liebe Geld. Mein Vater kritisierte das Haushaltsgeld, das seiner Meinung nach zu hoch war, meine Mutter hielt ihm dafür den «teuren» Schießsport vor. Das alles sorgte für enorme Spannungen, die ich als Kind mit ADHS kaum aushalten konnte. Trotz allem waren Mutter und Vater wild entschlossen, sich einen Traum zu verwirklichen: Sie wollten sich und der Familie ein Haus bauen.

Bis es soweit war, blieben wir in unserem Dorf, wo wir bestens integriert lebten. Meine Mutter hatte Freundinnen, mit denen sie sich regelmäßig traf, und auch mein Vater verfügte über ein gut funktionierendes soziales Umfeld. Ich besuchte während dieser Zeit die erste Klasse. Ziemlich schnell entwickelte ich mich zum Klassenclown, redete viel und störte den Unterricht nachhaltig. Mein Tischnachbar war auch ein bevorzugter Gesprächspartner während der Schulstunde. Zur Strafe musste ich mich immer wieder in die Ecke stellen. Ich schämte mich zwar für mein Label «Klassenclown», aber der Rest der Klasse nahm mir meine Ausreißer nicht übel, denn ich war trotz oder gerade deswegen ihr Liebling. Ich konnte mir das allerdings nie recht erklären, dass man jemanden gernhaben konnte, der sich schämen soll. Aber offenbar fanden die anderen Kinder mein Benehmen belustigend und bereichernd. Solche Vorfälle und die Gründe dafür wurden zwar regelmäßig thematisiert, mein positives Selbstbild, das mir Eltern und Lehrer vermittelten, wurde davon allerdings nicht beeinträchtigt.

In unserer Klasse gab es sieben Schüler, vier Knaben und drei Mädchen. Obwohl unsere Lehrerin noch zwei andere Klassen betreuen musste, hatte sie genügend Zeit und Energiereserven zur Verfügung, um sich um jedes einzelne Kind persönlich zu kümmern. Der Unterricht verlief relativ altmodisch. Es waren die 1970er-Jahre. So etwas wie Frühförderung gab es nicht, und ich erinnere mich auch nicht an Nachhilfeunterricht. Neue Lehrmittel oder moderne Ansätze waren de facto inexistent.

Die Schulstunden gingen für meinen Geschmack recht gemütlich und gemächlich vonstatten. Meinen inneren Turbo konnte ich ja durch permanentes Schwatzen beruhigen. All diese Voraussetzungen schienen mir jedenfalls zu entsprechen, denn meine schulischen Leistungen waren gut. Die Freizeitgestaltung hatte auch nur ein einziges Kriterium zu erfüllen: Sie sollte Spaß machen.

Wälder und Wiesen

Wegen meinem unstillbaren Spaß an der Freude durfte ich viele Stunden hauptsächlich im Freien verbringen. Die nahe gelegenen Wälder, die endlosen Felder und Wiesen waren für mich riesige Spielplätze – sowohl im Frühling, Sommer, Herbst wie auch im Winter. Es gab keine Jahreszeit, in der ich nicht einen oder mehrere Tage draußen verbrachte – ohne dabei eine Leistung erbringen zu müssen, ohne Verhaltensregeln und ohne zeitliche Begrenzung. Mein Bewegungsdrang, meine Abenteuerlust und meine Wildheit fanden in der freien Natur ihre Erfüllung.

Erwachsene haben die Tendenz, nonkonformes Verhalten zu qualifizieren und nicht selten auch zu sanktionieren. Wenn Kinder auf sich allein gestellt sind, tragen Kinder ihren Ungestüm untereinander aus, und so war es auch bei uns. Streitigkeiten und Raufereien fanden ohne Einmischung der Erwachsenen statt und endeten stets in Gelächter und innigen Umarmungen. In Vereinen oder in anderen strukturierten Freizeitaktivitäten fand ich mich hingegen nicht zurecht. Die Blockflöte warf ich nach zwei Musikstunden in die Ecke. Ich war auch ein begeisterter, aber schlechter Fußballspieler. Bereits nach einem Probetraining im Club war meine Karriere als Diego Maradona vorbei. Das Training nach Regeln hatte mir die Freude am Spiel gründlich verdorben. Ich empfand unseren Trainer definitiv als zu streng, und meine individuelle Freiheit wurde dadurch beschränkt. Gleichzeitig spürte ich, dass mein außergewöhnliches Verhalten nicht in ein enges Korsett passte. Ein Streit mit dem Trainer war also quasi vorprogrammiert. Heute kann ich sagen, dass ich schwierigen Situationen, die viel Ausdauer abverlangten, unbewusst aus dem Weg ging.

Fliegende Backsteine

Ich hatte großes Glück mit meinen Eltern. Sie ließen mich mehrheitlich machen, was ich wollte, und sie trauten mir auch einiges zu. Keine Frage: Verglichen mit meinen lebhaften Kameraden war ich mit Sicherheit das turbulenteste, unruhigste und aktivste Kind von allen.

Einige meiner «Aktionen» gingen weit über die bekannten Bubenstreiche hinaus: Einmal besuchte ich mit Freunden eine Baustelle in unserer Straße. Dort entstand gerade ein Zweifamilienhaus. Der erste Stock war bereits fertiggestellt und wir gelangten ungehindert in das Gebäude. Ein Berg nigelnagelneuer Backsteine lag vor uns wie auf dem Präsentierteller. Wer die Initialzündung hatte, einen Backstein in die Hand zu nehmen und diesen aus dem oberen Stock zu werfen, weiß ich nicht mehr so genau. Doch nach dem ersten Steinwurf ergab sich eine unheilige Dynamik bei jedem Einzelnen von uns. Nach einer halben Stunde lagen auch die Steine aus den oberen Stockwerken zertrümmert im Garten. Das Resultat dieser Aktion war nicht nur ein Schaden von mehreren tausend Franken. Es folgten Tage, in denen die Arbeiten am Haus stillgelegt werden mussten, weil das nötige Baumaterial fehlte.

Unser abwegiges Abenteuer hätte in anderen Familien eine regelrechte Krise ausgelöst. Ich war voller Schuldgefühle und beichtete meinem Vater die schlimme Tat bereits am Abend. Ich machte mir große Sorgen, dass meine Zerstörungswut den Traum meiner Eltern vom Eigenheim begraben würde. Es war ein intensives Gefühl, das ich selbst heute noch genauso wahrnehme wie damals. Mein Vater hegte jedoch keinen Groll gegen mich. Er schimpfte nicht mal und Sanktionen blieben ebenso aus. Der Schaden wurde glücklicherweise durch die Versicherung der jeweiligen Eltern abgedeckt.

Mir zeigt das damalige Echo meiner Eltern noch heute eines ganz klar auf: Sie spürten, dass ihr Junge anders war als die anderen, und reagierten entsprechend verständnisvoll und mit Bedacht auf mein doch sehr eigenes Wesen. Dieses Verständnis war geprägt von ihrer großen Liebe zum eigenen Sohn, und das änderte sich selbst dann nicht, wenn mal etwas gehörig schieflief mit mir.

Nach dem kostspieligen Unfug kam es nie wieder zu einer ähnlich unbedachten Aktion. Ich war eingebettet in ein soziales Umfeld, das mich so akzeptierte, wie ich war, und das mir zu jeder Zeit das Gefühl von Sicherheit und Freiheit vermittelte. Ich entwickelte mich gut und niemand aus meinem Verwandten- oder Bekanntenkreis wäre jemals auf die Idee gekommen, mich bei einem Psychologen oder Neurologen auf etwelche Sonderbarkeiten abklären zu lassen.

Dr. med. univ. Ilona Maier erläutert das Kapitel
Fakten zu ADHS:
Wie viele Kinder/Erwachsene haben ADHS und was sind die typischen Merkmale für eine Diagnose?

Bei Kindern in Europa geht man davon aus, dass ca. 5 % von ADHS betroffen sind (Polanczyk et al., 2007), in den USA werden etwas höhere Zahlen genannt.

Bei Jungen wird die Diagnose häufiger gestellt. In der Praxis sehe ich jedoch kaum Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.

Es ist davon auszugehen, dass bei ca. 60 % der Erwachsenen, welche in der Kindheit ADHS-Symptome zeigten, diese Merkmale weiterhin bestehen bleiben (Faraone, Biederman, & Mick, 2006). Es kann zu einer anderen Gewichtung der Symptome kommen, gerade weil bis ins Erwachsenenalter oft Strategien im Umgang mit gewissen Situationen erlernt wurden. So zeigt sich z. B. die Hyperaktivität, der «Zappelphilipp», bei Erwachsenen häufig in Form von innerer Unruhe und Getriebenheit.

Oftmals wird bei den Erwachsenen aufgrund der Diagnosestellung ihrer Kinder eine ADHS diagnostiziert. Es ist jedoch nach wie vor davon auszugehen, dass die ADHS bei vielen Erwachsenen unentdeckt bleibt. Viele leiden unter Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen oder einem Suchtverhalten. Auch Lernstörungen sind relativ häufig mit ADHS kombiniert.

Oft stehen die erbrachten Leistungen in Diskrepanz zum vorhandenen Potenzial.

Erscheinungsbilder der ADHS:

Je nach Vorhandensein der (unten beschriebenen) Symptome werden folgende Erscheinungsbilder unterschieden:

• Vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild («Hans-Guck-in-die-Luft»)

• Vorwiegend hyperaktives-impulsives Erschenungsbild («Zappelphilipp»)

• Kombiniertes Erscheinungsbild (= Vollbild der ADHS)

Diagnostische Kriterien für ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung/Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) sind Unaufmerksamkeit sowie Impulsivität und Hyperaktivität.

Beispiele für Unaufmerksamkeit (Auswahl, Liste nicht vollständig):

• Kann die Aufmerksamkeit häufig nicht auf Details richten oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeten, bei der Arbeit oder bei anderen Aktivitäten.

• Hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Aktivitäten aufrechtzuerhalten.

• Scheint oft nicht zuzuhören, wenn andere sie/ihn ansprechen.

• Verliert oft Gegenstände, die sie/er für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt.

• Ist durch äußere Reize leicht ablenkbar.

• Ist oft vergesslich bei Alltagstätigkeiten.

Beispiele für Impulsivität und Hyperaktivität (Auswahl, Liste nicht vollständig):

• Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum.

• Steht oft auf in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird.

• Hat oft Schwierigkeiten, ruhig zu sprechen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen.

• Ist häufig «auf Achse» oder handelt, als wäre er/sie «getrieben».

• Redet oftmals übermäßig viel.

• Platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.

Alles wird anders

Der Traum, ein eigenes Haus zu bauen, erfüllte sich für meine fleißigen Eltern schneller, als sie von Vaters Mutter das Bauland dazu symbolisch geschenkt bekamen. Es wurden Zinsen fällig, allerdings zu einem Freundschaftspreis, der außerhalb der Marktwirtschaft lag. Mir passte das alles jedoch überhaupt nicht in den Kram. Ich hätte jedenfalls gerne weiter in unserem kleinen Dorf gelebt, denn hier ging es mir sehr gut und ich fühlte mich rundum geborgen. Für die Eltern war es aber geradezu eine moralische Verpflichtung, in der Nachbargemeinde zu bauen. Es gab nichts mehr an ihrem Entscheid zu rütteln.

Unser Einfamilienhaus wurde Realität und wir zogen um, als ich 8 war. Die pittoreske und fast nebelfreie Lage auf dem Plateau des Lindenbergs, umgeben von einer einmaligen Erholungszone mit Wiesen und Wäldern, gefiel mir recht gut. Doch obwohl der neue Wohnort nur wenige Kilometer vom alten Zuhause entfernt lag, waren für mich die neuen Umstände derart gravierend, als wären wir ans Ende der Welt gezogen.

Ab sofort stand unsere Familie – und ganz besonders ich selber – unter der Beobachtung der Verwandten meines Vaters, die ebenfalls in der Aargauer Gemeinde lebten. Tief im Innern spürte ich die Erwartungen von außen, dass wir Kinder nicht aufzufallen hatten. Kleinste Abweichungen, davon war ich felsenfest überzeugt, würden in Windeseile die Runde im Dorf machen. Mein Vater und insbesondere meine Mutter nahmen diese neuen Umstände gar nicht oder wenn überhaupt nur am Rande wahr. Ich geriet aber zunehmend unter Druck.

Schulstress

Im Alter von acht Jahren konnte ich nur in Druckschrift schreiben, so hatten wir es an unserer alten Schule gelernt. In der neuen Klasse schrieben die Kinder aber schon die Schreibschrift, eine Herausforderung, die mich von Anfang an vor große Probleme stellte. Auch in den anderen Fächern schienen meine Schulkameradinnen und -kameraden weiter zu sein als ich. Die Ansprüche der Eltern und der Lehrer an mich waren aus meiner Perspektive klar gesetzt: Ich sollte meine Defizite möglichst schnell aufholen und nebenbei noch den neuen Schulstoff bewältigen. Meine Motivation sank fast ebenso schnell wie die Titanic nach dem Crash mit dem Eisberg.

Es war aber eines der ersten Erlebnisse in unserer neuen Schule, das sich tief in meine Erinnerung gebrannt hat, und es erscheint mir heute wie eine Ankündigung auf all das Unschöne, was noch folgen sollte: Unsere Schule gehörte zu jenen Einrichtungen, die es sich auf die Fahnen geschrieben hatten, möglichst modern und fortschrittlich zu sein. Darum fand der Turnunterricht fortan nicht mehr auf einer Wiese im Freien statt, sondern in einer kühlen Halle, die über eine Sprossenwand und Aufhängevorrichtungen für die Ringe verfügte sowie über einen ordentlich aufgeräumten Raum mit Matratzen und Volleybällen. Die Lehrerin erklärte mir als Erstes die Regeln und dass die Körperhygiene ganz groß geschrieben würde. Und das hieß zu meinem großen Schrecken: nach dem Sportunterricht duschten Jungen und Mädchen gemeinsam.

Grenzüberschreitungen

Das Schulpensum war bereits für die damalige Zeit sehr gedrängt, deshalb blieb für die übliche Vorschrift, dass Mädchen und Buben getrennt duschten, meist keine Zeit. Zu meinem äußersten Befremden mussten wir aber splitternackt und in gemischten Gruppen unter die Brause. Die Buben auf der linken und die Mädchen auf der rechten Seite des Raums, ganz ohne eine Trennwand. Ich fühlte mich dabei ausgesprochen unwohl und entwickelte ein großes Schamgefühl. Für die molligeren Kinder war es ein traumatisches Erlebnis. Herzzerreißendes Weinen nützte rein gar nichts. Die Körperhygiene ging vor! Als der «Neue» musste ich Wege finden, mich möglichst schnell zu integrieren. Doch die lieben Kameraden stachelten mich zu einer typischen Buben-Mutprobe an: Ich sollte in den Duschraum pinkeln. Wie befohlen, so getan! Die Jungen verließen danach den Tatort mit schallendem Gelächter, die Mädchen fanden mein Verhalten einfach nur ekelhaft und meldeten es umgehend der Lehrerin. Das Verdikt: Ich musste vor der Lehrerin und der ganzen Klasse die gekachelten Wände und Böden mit einem Eimer und einem Lappen blank putzen. Ich wusste natürlich, dass ich etwas Blödes getan hatte und fühlte mich dabei schrecklich – und gedemütigt. Mein Vorhaben, ins Klassenteam zu gehören, rückte mit dieser Episode in weite Ferne.

Eine eiserne Disziplin und der unbedingte Wille, jeden Tag vollen Einsatz zu zeigen, war an der neuen Schule ein ungeschriebenes Gesetz. Ich erlebte die Umstände als puren Zwang, und das wiederum trug nicht unbedingt dazu bei, dass sich meine schulischen Leistungen verbesserten. Die Lehrerinnen und Lehrer versuchten zwar stets ihr Bestes und unterstützten mich auch, wo sie nur konnten. Letztendlich mussten sie jedoch einem ambitionierten Lehrplan folgen, der so gar nicht gemächlich vonstattenging.

Die Zeit des Herumtollens im Freien war nun also begrenzt und ich musste stattdessen zuhause in meinem Zimmer sitzen und Schulstoff pauken. Ich hasste mein neues Leben! Ständiges Stillsitzen sowie das Verharren an Ort und Stelle fiel mir extrem schwer. Es war eine Qual!

Meine Mutter hatte jeweils Erbarmen und ließ mich dann und wann ins Grüne springen. Doch die Noten wurden nicht besser. Wenn meine Mutter keine Zeit hatte für die üblichen Kontrollgänge, ließ ich die verhassten Hausaufgaben ganz einfach links liegen. Im Schulunterricht fiel ich immer öfter auf und man attestierte mir mangelnde Konzentration. Gleichzeitig wurde ich noch mehr zu dem, der ich bereits in der ersten Klasse gewesen bin: der Klassenclown. Im neuen Gefüge erhielt der Titel jedoch eine negative Konnotation.

Erster Widerstand

Es sollte noch viel schlimmer kommen: Ich trieb unaufhörlich meine Späße, redete freilich auch während des Unterrichts und ich war ständig unruhig sowie unkonzentriert. Wo mir früher viel Toleranz und Wohlwollen entgegengebracht wurde und wo die Strafen verhältnismäßig milde ausfielen, stieß meine Unrast nun auf ersten Widerstand. Ich musste regelmäßig vor die Türe oder wurde gleich ganz vom Schulunterricht ausgeschlossen. Das Appellieren der Lehrer und selbst ihre Ermahnungen fielen nicht auf fruchtbaren Boden. Ich verstand auch nicht immer genau, was meine Pädagogen von mir wollten, und wenn ich es dann einmal verstand, war es mir schlicht unmöglich, all diese Forderungen umzusetzen. Der Wille zur Veränderung war da: Ich versuchte still zu sitzen, schweigsamer zu sein und mich voll auf den Schulstoff zu konzentrieren. Das gelang mir auch immer wieder, allerdings nur für die Dauer von fünf Minuten. In der nächsten Sekunde war alles wieder beim Alten. Ich erinnere mich noch gut, dass ich mich in diesen Momenten absolut machtlos fühlte, um gegen den inneren Drängler und Unruhestifter auch nur ansatzweise anzukämpfen. Meiner Unrast und Geschwätzigkeit fühlte ich mich während der Lektionen wehrlos ausgeliefert. Ja, ich betete sogar zum lieben Gott: «Bitte, mach mich normal!»

Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als ein ganz normales Kind sein zu dürfen, das nicht auffällt und niemandem einen Anlass gibt für spitze Kommentare. Doch der Wunsch blieb mir verwehrt. Durch meinen Status als Klassenclown erhoffte ich mir außerdem Nachsicht von meinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Aber was früher einwandfrei funktionierte, richtete sich nun gegen mich. Man lachte nicht meinetwegen. Man lachte mich vielmehr aus!

Der Deutschunterricht erwies sich als eine maximale Herausforderung im Ausmaß einer Mount-Everest-Besteigung. Kaum hatte ich die Schreibschrift intus, trieb mich die deutsche Rechtschreibung in die nächste Verzweiflung. Die meisten Menschen erkennen ja ihre eigenen Fehler bei der genauen Visualisierung der Wörter. Wenn ich aber meinte, einen Rechtschreibfehler entdeckt zu haben, handelte es sich meist um eine Fehleinschätzung. Ein Teufelskreis begann. Auf die vermeintlich enttarnten Fehler in Wörtern, die ich richtig geschrieben hatte, folgten unzählige Begriffe, die ich dann tatsächlich falsch buchstabierte und auch so niederschrieb. Ein Beispiel: Ich war mir über lange Zeit absolut sicher, dass der Dienstag ohne «e» geschrieben würde. Für meine bildhafte Vorstellung musste das Wort mit einem «e» einfach falsch sein.

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