Kitabı oku: «Lords of the Left-Hand Path»

Impressum
Pro Omnis Dominis Viae Sinistrae
contra stupidos
Original title: Lords of the Left-Hand Path
Copyright © 2012 by Stephen E. Flowers Ph. D.
Published under arrangement with
INNER TRADITIONS INTERNATIONAL LTD., Rochester, VT, USA
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
1. Auflage März 2013
Copyright © 2012 by Edition Roter Drache für die deutsche Ausgabe.
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47, D-07391 Rudolstadt.
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Buch- und Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache.
Titelbild: Asenath Mason.
Übersetzung aus dem Englischen: Christine Mey, Dr. phil. Baal Müller, Wolf Kaminski, W.H. Müller.
Korrektorat: Dr. phil. Baal Müller.
Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia.
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 9783944180205
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Danksagung
Abkürzungen
VORWORT - UNTER DER LUPE DER VERNUNFT
EINLEITUNG - EINE UNZEITGEMÄSSE BETRACHTUNG
KAPITEL 1 - DER LINKSHÄNDIGE PFAD
Der rechtshändige und der linkshändige Pfad
Weiße und Schwarze Magie
Herren des linkshändigen Pfades
KAPITEL 2 - DIE ÖSTLICHEN TRADITIONEN
Der linkshändige Pfad im Osten
Rechtshändiger Pfad/Linkshändiger Pfad
Der linkshändige Pfad im Hinduismus
Der linkshändige Pfad im Rahmen des Tantrismus
Methoden des linkshändigen Pfades im Hinduismus
Der linkshändige Pfad im Buddhismus
Methoden des linkshändigen Pfades im Buddhismus
Der Zoroastrismus und der linkshändige Pfad
KAPITEL 3 - DIE WURZELN DER WESTLICHEN TRADITION
Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades
Die heidnischen Wurzeln in Europa
Der linkshändige Pfad der Hellenen
Prometheus und Pandora
Prometheus und der linkshändige Pfad
Der linkshändige Pfad und die griechischen Mysterien
Pythagoras und der linkshändige Pfad
Platon und der linkshändige Pfad
Die epikureische und die stoische Schule
Der linkshändige Pfad im Norden
Der linkshändige Pfad bei den Slawen
Der linkshändige Pfad bei den Semiten
Die hebräisch-orthodoxe Synthese des rechtshändigen Pfades
Der linkshändige Pfad bei den Hamiten
KAPITEL 4 - DAS ERSTE JAHRTAUSEND
Gnostizismus und der linkshändige Pfad
War Jesus ein Meister des linkshändigen Pfades?
Der Islam und der linkshändige Pfad
Die Assassinen und der Alte Mann vom Berge
Die jesidischen Teufelsanbeter
KAPITEL 5 - DER WEG DES SATANS
Der linkshändige Pfad im mittelalterlichen Westen
Die christlichen Häretiker
Pantheistische Freigeister
Der Hexenwahn
Der Faustische Weg
KAPITEL 6 - DER ENTFESSELTE LUZIFER
Neuzeit und neues Denken
„Old Nick“
Luzifer und die Aufklärung
Geleit in die Hölle
Der Hellfire Club
Der Göttliche Marquis
Die Morgenröte der Faustischen Epoche
Goethe und Faust
Der klassische Teufel
Satan im neunzehnten Jahrhundert
LE DIABLE AU XIXE SIÉCLE: Leo Taxil und die anarchistische Kunst des Schwindels
Der rote Teufel
Der Teufel und Karl Marx
Der anarchistische Teufel
Die Bolschewiken und das „Reich des Bösen“
Die Riten und Rituale des Bolschewismus
Der Wille zur Macht
KAPITEL 7 - EIN ZWISCHENSPIEL IM ABSOLUTEN ANDERSWO
Adolf Hitler und die moderne Mythisierung des Bösen
Die Fakten hinter dem Mythos
Nationalsozialistischer Irrationalismus und Heidentum
Die Nationalsozialisten, das Mittelalter und die Wissenschaft
Das Leben Adolf Hitlers
Das Leben Heinrich Himmlers
Quellen für die Untersuchung der Magie im Nationalsozialismus
Die Kosmologie der Nationalsozialisten
Die Methodik der Nationalsozialisten
Die Rituale des Nationalsozialismus
Die Nazis und der linkshändige Pfad
KAPITEL 8 - DIE WIEDERBELEBUNG DES OKKULTEN
Helena Petrovna Blavatsky und die Theosophische Gesellschaft
Die Theosophie und der linkshändige Pfad
Helena P. Blavatsky und der „Lichtbringer“
Das Große Tier – Aleister Crowley
Quellen für das Studium des Thelemismus
Crowleys magische Orden
Crowleys Kosmologie
Philosophie des Menschen
Crowleys Theologie
Die Technik der Magick
Die Brüder des linkshändigen Pfades
Crowleys Vision
Die Saturnier und Gregor A. Gregorius
Die Geschichte der Fraternitas Saturni
Saturnische Kosmologie
Die Menschheit im dunklen Licht des Saturn
Saturnische „Theologie“
Der initiatorische Pfad des Saturn
Die saturnische Vision
Gregor A. Gregorius und der linkshändige Pfad
Austin Osman Spare
Der Vierte Weg und der linkshändige Pfad
Bemerkenswerte Männer
Quellen für die Forschung
Der Aufbau des Werkes
Das Werk
Die sieben Menschen
Kosmologie
Das Enneagramm
Eine Theologie des Vierten Weges?
Die Methodologie
Das „Böse“ und der Vierte Weg
Ist der Vierte Weg ein linkshändiger Pfad?
Das moderne Hexentum und der linkshändige Pfad
KAPITEL 9 - ANTON SZANDOR LAVEY UND DIE CHURCH OF SATAN
Das Leben von Anton LaVey
Der Mythos von Dr. LaVey
Die frühe Church of Satan
Die Church of Satan und ihr weiteres Umfeld
Der Rückzug von Dr. LaVey
Die Rückkehr des Dr. LaVey
Quellen für die Beschäftigung mit Anton LaVey
Die Organisation der Church of Satan
Das Grad-System der Kirche vor 1975
Das Grad-System der Kirche nach 1975
Die Hauptlehren der Church of Satan
Die neun satanischen Grundsätze
Die neun satanischen Sünden
Die elf Regeln der Erde
Die satanische Kosmologie
Zyklen aus Feuer und Eis
LaVeyischer Dualismus
Die Macht der begrenzten Ressourcen
Das satanische Menschenbild
Mensch = Tier = „Gott“
Der Mensch als fleischliches Ego
Die satanische Gesellschaft und der unsichtbare Krieg
„Satanischer Sex“
Geschlechterpolitik und Geschlechterbilder
„Der Marquis de LaVey“
Satanische Ethik
Satanische Unsterblichkeit
Satanische Theologie
Satanische Magie in Theorie und Praxis
Satanische Technik
Psychodramatische Satansmagie
ECI: Erotic Crystallization Inertia
Trapezoid-Magie
Die LaVeysche Zukunftsvision
Anton LaVey und der linkshändige Pfad
Die philosophischen Destillationen des Hohepriesters Peter H. Gilmore
KAPITEL 10 - MICHAEL A. AQUINO
Der Temple of Set
Die Saga von Ra-en-Seth
Das Leben des Zweiten Tieres
Die Geschichte des Temple of Set unter verschiedenen Hohepriestern
Quellen zum Temple of Set
Das Organisationsprinzip des Temple of Set
Das Grad-System des Temple of Set
Orden innerhalb des Temple of Set
Das Schwarzmagische Universum – Sethianische Kosmologie
Schaut die Majestät Sets – Sethianische Theologie
Die Kinder Seths – Sethianische Anthropologie
Die Schwarze Flamme
Die Auserwählten des Temple of Set
Der Gral des Lebens nach dem Tod
Die Magische Technik der Sethianer
Sethianische Weiße Magie
Die Praxis der Niederen Schwarzen Magie
Die Praxis der Höheren Schwarzen Magie
Xeper – Initiatorische Schwarze Magie
Ultima Futura – Die Vision des Temple of Set
Michael Aquino und der Pfad der Linken Hand
NACHWORT - TERMINUS VIAE
ANHANG I - DIE MODERNE LEGENDE VOM SATANISMUS
ANHANG II - GLOSSARIUM
ANHANG III - BIBLIOGRAFIE
ANHANG IV - ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ANHANG V - INDEX
Danksagung
Gerne möchte ich allen, die mir bei der Aus- und Umarbeitung dieses Werkes behilflich waren, meinen Dank aussprechen: Michael A. Aquino, Don Webb, Lilith Aquino, R. L. Barrett, Nikolas Schreck, Zeena, J. Chisholm, Seth Tyrsen, Dianne Ross, Sir Ormsond, Michael Moynihan, Diana De Magis, Robert Lang, Lothar Tuppan und meiner geliebten Frau Crystal Dawn.
Mein Dank gilt schließlich auch Jon Graham und dem Verlag Inner Traditions für den Mut, die vorliegende Ausgabe zu veröffentlichen.
Abkürzungen
AL
Liber Al vel Legis (Das Buch des Gesetzes) von Aleister Crowley Arabisch Deutsch
Ar.
Arabisch
Dt.
Deutsch
DMP
Demotische Magische Papyri
Gen.
Genesis
Gr.
Griechisch
Hb.
Hebräisc
Lat.
Latein
PGM
Papyrae Graecae Magicae (= Preisendanz’ Ausgabe der Griechischen Magischen Papyri)
pl.
Plural
Russ.
Russisch
sgl.
Singular
Skt.
Sanskrit
V.
Vers(e) eines dichterischen Werkes
v.u. Z./u. Z.
vor/unserer Zeit

VORWORT
Unter der Lupe der Vernunft
Der Linkshändige Pfad und diejenigen, die ihn beschreiten, erscheinen sensationslüsternen Blicken wie von einer dunklen Romantik umwoben. Von außen betrachtet, ist dieser Weg durch Obskurantismus und Fehlinformationen verstellt. Der Sinn des Buches besteht darin, diese Dunkelheit zu erhellen, und den Leser aus der Innenperspektive dieses Pfades selbst zu informieren.
Der vorliegende Band ist vor dem Hintergrund einer spezifischen Epoche der westlichen Kulturgeschichte entstanden – während einer Zeitspanne, in der der östliche Machtblock wegbrach und der „andere“, sein Feind, unzureichend bestimmt war. In dieser Zeit der Angst musste unsere Kultur, wiewohl nur für den Augenblick einer kurzlebigen Mode, einmal mehr ihren inneren Dämonen ins Auge sehen. Dabei trat ihre uralte Furcht vor der Dunkelheit erneut hervor. Eine atavistische Mittelalterwelle schäumte durch die Boulevardpresse und das Boulevardfernsehen. Das eigentliche Übel aber ist, dass dieses entfernte Nachbeben von Inquisition und Hexenjagden zahlreiche Menschenleben ruinierte. Die Herren des linkshändigen Pfades gehören, obgleich sie, im Rückblick betrachtet, aus demselben Schoß der Geschichte hervorgegangen sind, durchaus nicht zu ihm.
Dieses Buch behandelt das Denken derjenigen, die den linkshändigen Pfad praktizierten – oder auch derjenigen, von denen man dies annahm – unter der Lupe der Vernunft. Wenn wir uns auf das Denken der großen Meister der Philosophie des linkshändigen Pfades einlassen, werden sich die Finsternisse aufklären und tiefere Wahrheiten enthüllen. Niemand, der dieses Buch mit Verständnis liest, wird noch dem Aberglaubens ausgeliefert sein, unter dessen Tyrannei die von den Massenmedien beherrschte Mentalität auf die gegenwärtigen Anhänger des linkshändigen Pfades starren, gleichgültig ob man sie nun Satanisten, Jünger des Seth oder schlicht Teufelsanbeter nennt.
Der allen Praktizierenden des linkshändigen Pfades gemeinsame Grundzug besteht darin, dass sie sich auf ihr eigenes Selbst als ursprünglicher Kraftquelle richten und diese besondere und einzigartige Quelle als sichersten Weg zum Glück zu pflegen, zu entwickeln und auszubilden versuchen. Diese Wendung nach innen, um dort, in den dunklen Tiefen des eigenen Selbst, das Licht zu finden, ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist ein Weg, auf dem viele Gefahren lauern. Dieses Buch ist eine Chronik derjenigen, die gewagt haben, ihn zu meistern.
Stephen E. Flowers, Woodharrow

EINLEITUNG
Eine unzeitgemäße Betrachtung
Gibt es eine boshafte Verschwörung satanischer Kräfte, die überall auf der Welt Gewalttaten, Entführungen, Missbrauch, ja sogar Kindesopfer im Namen Ihrer Majestät des Satan und ähnliche Greuel hervorbringen? Die Medien haben in der jüngsten Vergangenheit solche und ähnlich sensationslüsterne Fragen gestellt und sie auf möglichst unterhaltsame und dramatische Weise beantwortet, um ein gelangweiltes, abgestumpftes Publikum zu bedienen.
Wenn die Frage im Raum steht, ob es eine kohärente satanische oder linkshändige Philosophie oder Theologie gibt, dann kann die Frage nur lauten: Ja, diese gibt es, und es gibt sie seit Jahrhunderten. Dennoch hat man von diesen Denkern des „bösen“ Weges bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wenig unmittelbar vernommen. Erst unsere heutige Zeit verschafft uns die einzigartige Möglichkeit, direkt und in einer Unmittelbarkeit von den Herren und Herrinnen des linkshändigen Pfades Kenntnis zu nehmen, die seit den Tagen der antiken Philosophen unbekannt war.
Wir leben einerseits in einer Zeit, die uns erlaubt, ein weiteres Spektrum von Standpunkten einzunehmen und mehr Annäherungen an die spirituellen Probleme der Menschen kennenzulernen; andererseits bringt diese Zeit aber auch immer wieder nur dieselben langweiligen Antworten auf fundamentale Fragen hervor, die einer Massengesellschaft als akzeptabel erscheinen. Die Philosophen des linkshändigen Pfades haben stets die überall verbreiteten Wege, die Dinge zu tun, zurückgewiesen – um welche Wege es sich auch gehandelt hat –, und sie waren daher auch immer Vorkämpfer von Wandlungen. Der linkshändige Pfad, wie er sich heute darstellt, steht als Herausforderung jenen Individuen offen, die bereit sind, ihn zu gehen. Er ist ebenso auch deshalb geöffnet worden, damit diejenigen, die sich entscheiden, ihn nicht weiter zu verfolgen, ebenfalls über ein Wissen von ihm verfügen und durch die Kenntnis seiner wahren Bedeutung einen Teil ihrer uralten Furcht überwinden.
Dies ist ein verbotenes Buch. Die hier favorisierte Perspektive ist explizit der des linkshändigen Pfades selbst. Ich habe jahrelange Studien absolviert und die dabei erworbenen Kenntnisse sowie weitere Fähigkeiten dazu angewandt, eine wohlwollende, aber durchaus objektive Untersuchung der wichtigsten historischen und zeitgenössischen Erscheinungsformen dieses faszinierenden letzten Auftretens des menschlichen Geistes im Kosmos vorzunehmen. Die Lektüre wird ein verjüngendes Abenteuer sein. Es gibt Dutzende zeitgenössischer und Hunderte Bücher aus der gesamten Geschichte, in denen das Ziel verfolgt wurde, den Leibhaftigen und seine Werke von einem dezidiert entgegengesetzten Standpunkt aus zu betrachten. Es gab auch einige wenige für die Öffentlichkeit vorgesehene Studien, die von modernen satanistischen Theoretikern aus einem sehr polemischen Blickwinkel verfaßt wurden. Der Verfasser der Herren des linkshändigen Pfades ist kein Satanist, aber er kann als jemand angesehen werden, der den linkshändigen Pfad auf der Grundlage indigener indoeuropäischer Modelle praktiziert. Ich vertraue darauf, dass sich der objektiv eingestellte Leser von meinem Standpunkt nicht stärker abgeschreckt fühlt als es bei der Lektüre einer Geschichte der christlichen Theologie aus der Feder eines katholischen Priesters der Fall wäre.
Da es bislang keine Arbeit dieser Art gegeben hat, besteht ein eindeutiger, dringender Bedarf nach der vorliegenden Untersuchung – das bisherige Vakuum stellt bereits eine Gefahr für das philosophische Denken in der postmodernen Welt dar. Wieder waren die Rufe „Verbrenne die Hexe!“, „Töte den Ketzer!“, „Tod dem Satanisten!“ zu vernehmen. Derzeit kommen sie weniger aus dem Munde der Priester und Prediger – diese sind heutzutage stark diskreditiert –, sondern sie werden von Therapeuten und staatlichen Gesetzeshütern, unterstützt von den mittelalterlichen Weltbildern fundamentalistischer Theologen, erhoben. In der Vergangenheit war es den Herren des linkshändigen Pfades unmöglich, offen zu sprechen; jetzt ist die Zeit gekommen, in der sie es tun müssen. Indirekt gibt dieses Buch all jenen eine Stimme, die in der Geschichte den linksgerichteten spirituellen Pfad beschritten haben, sowie jenen, die dies in der Gegenwart fortsetzen. Wenn es auch nur einen Strahl der Aufklärung auf diese Dinge wirft, wird es seinen Zweck erfüllt haben.
Ich habe zu Anfang des Jahres 1989 mit der Niederschrift der Lords of the Left-Hand Path begonnen, und im Hinblick auf seine praktischen Zwecke war das Buch Ende 1992 fertiggestellt. Es wurde während einer Zeit großer persönlicher Umwälzungen in meinem eigenen Leben geschrieben, und obgleich seine Themen einem äußerlichen Betrachter seriös und womöglich sogar allzu ruhig behandelt erscheinen mögen, ist diese Dynamik unter der Oberfläche spürbar. In einer weiten Hinsicht ist dieses Buch als eine Antwort auf die irrationalen Ängste vor dem „Satanismus“ der späten 1980er und frühen 1990er Jahre konzipiert worden. Es wurde mit der Intension geschrieben, einen breiten Kreis nachdenklicher Leser zu erreichen, die imstande sind, den geschichtlichen und kulturellen Umfang der Ideen zu begreifen, der den Bildern des linkshändigen Pfades zugrunde liegt.
Das Manuskript war damals gewiß unzeitgemäß. Ich habe versucht, Literaturagenten und Verlage aller Art für dieses Manuskript zu interessieren – es wurde überall zurückgewiesen. Große Verlage waren offenkundig nur an Büchern interessiert, die eine der beiden folgenden Botschaften vermitteln: „Teufelsanbeter sind gefährlich und lauern in den Schulen und Erziehungsanstalten Deiner Kinder, und Du musst verdammt aufpassen“ oder „Satanisten gibt es nicht, und Leute, die so etwas von sich behaupten, sind Spinner.“ Selbstverständlich enthält dieses Buch keiner dieser beiden akzeptierten kulturellen Botschaften. Lords of the Left-Hand Path liefert eine nüchterne, gelehrte und wohlwollend-objektive Sicht auf Persönlichkeiten und Denkschulen, die man dem linkshändigen Pfad zugeschrieben hat. Diese ernsthafte Annäherung wurde – wie mir ein Literaturagent mitgeteilt hat – als zu „verstörend“ empfunden, um einem breiten Leserkreis vorgelegt zu werden.
Kleinere Verlage fanden ebenfalls Gründe, das Manuskript abzulehnen. Zumeist lag dies daran, dass sie die Interpretationen ihrer eigenen „Heiligen Kühe“ als zu entgegengerichtet ansahen, oder dass bestimmte Individuen oder Geistesrichtungen grundsätzlich niemals in einem bei ihnen erschienen Buch erwähnt werden dürfen. Solche Haltungen beherrschen heutzutage die Medienlandschaft.
Die Gegenstände des vorliegenden Buches sind durch meine persönliche Brille gesehen, und ich trage die Verantwortung für seine Mängel wie ich mich auch als Adressaten des ihm entgegengebrachten Lobes ansehe. Freilich muss auch betont werden, dass jede hier behandelte Gestalt und jede Denkschule ihre Gestalt, aufgrund meines individuellen interpretatorischen Standpunktes, nur unter der Linse dieser Brille erhält. Daneben gibt es andere formende Kräfte, darunter vor allem meine Erfahrungen an der Universität. Die intellektuellen Verfahrensweisen, die ich in jener Umgebung erlernte, prägen Form und Inhalt dieses Textes.
Dies ist das erste und letzte Buch, das ich über das Thema des linkshändigen Pfades vorgelegt haben werde. Alles, was ich über die wesentlichen hier behandelten Schulen zu sagen habe, ist in diesem Buch vorzufinden. Ich bin nun in meinen eigenen Garten zurückgekehrt, um dort die zarten, vor langer Zeit gesäten Schößlinge zu pflegen.

KAPITEL 1
Der linkshändige Pfad
Beginnen wir mit einigen Definitionen. Die philosophische Forschung strebt nach Klarheit, und wir benötigen Klarheit gerade auf solchen allgemein wenig bekannten Gebieten. Ohne genaue Definitionen wird jeder, der diesen Pfad beschreitet, gleichgültig auf welcher Stufe er sich befindet, in einen Strudel von Missverständnis und Verworrenheit hinabgezogen (wie unten im Kapitel über die historischen Erscheinungsformen des linkshändigen Pfades und die „Schwarze Magie“ besonders deutlich wird). Ein genaues Verständnis des Wesens des linkshändigen Pfades ist mit einer präzisen Theorie des Universums verbunden, in dem er sich zeigt. Diese Theorie sowie das Modell, das sie repräsentiert, werden in der Analyse der historischen Traditionen des linkshändigen Pfades deutlich hervortreten.1
Das Universum ist die Gesamtheit alles Existierenden, des Bekannten wie des Unbekannten. Es handelt sich um ein sehr komplexes Modell, das sich wenigstens in zwei Bereiche unterteilen läßt: in das objektive und das subjektive Universum. Das objektive Universum ist der natürliche Kosmos bzw. die Ordnung der Welt. Diese ist beispielsweise von physikalischer oder von organischer Art und wird von gewissen vorhersagbaren Gesetzen beherrscht, die sich in einem Raum-Zeit-Kontinuum manifestieren. Das objektive Universum, einschließlich der Gesetze, die es durchwalten, kann mit der „Natur“ ebenso wie mit „Gott“, in jüdisch-christlicher Tradition, gleichgesetzt werden. Jede Naturwissenschaft beruht wie die orthodoxe Theologie auf der Voraussetzung, dass diese Gesetze des objektiven Universums entdeckt und berechnet bzw. auf rein rationale Weise oder auch aufgrund einer göttlichen Offenbarung beschrieben werden können. Bei näherer Betrachtung erscheint es evident, dass dasjenige, was man in orthodoxer religiöser Tradition gewöhnlich als „Gott“ bezeichnet, eigentlich mit dem identisch ist, was man gemeinhin als dessen Schöpfung bezeichnet: die natürliche, mechanische oder organische Weltordnung bzw. der Kosmos. Ebenso sollte hier auf die allgemein übliche, aber manchmal zu Missverständnissen führende Unterscheidung zwischen den Begriffen des „Mechanischen“ und des „Organischen“ hingewiesen werden. Auf einer Ebene bezeichnen sie in dem Sinne das gleiche, dass in ihnen vorhersagbare Gesetzmäßigkeiten vorwalten. Ein Uhrwerk und der menschliche Leib sind beide von gewissen mechanischen Prinzipien beherrscht, die es ihnen ermöglichen, in ihrer jeweiligen Umgebung zu funktionieren. Auf einer anderen Ebene gibt es zwischen dem mechanischen und dem organischen Körper dahingehend einen Unterschied, dass letzterer die Fähigkeit besitzt, seine mechanischen Strukturen zu verändern und fortzupflanzen, um sein Überleben sicherzustellen. Dies ist deshalb möglich, weil in dem Organismus Vorrichtungen genau zu diesem Zweck codiert sind (DNA) und weil die veränderlichen molekularen Strukturen deshalb Mutationen erlauben.
Das subjektive Universum ist die Welt jedes fühlenden Wesens im Universum. Es gibt so viele subjektive Universen wie es fühlende Wesen gibt. Das subjektive Universum ist die partikulare Erscheinung von Bewusstsein innerhalb des Universums. Gewöhnlich gibt es eine Erfahrung des objektiven Universums lediglich als Information, die durch das subjektive Universum vermittelt wird. Erstaunlicherweise scheint das subjektive Universum nicht von denselben natürlichen/mechanischen/organischen Gesetzen wie das objektive Universum geleitet zu sein. Tatsächlich besteht darin der wesentliche Unterschied zwischen beiden. Das subjektive Universum hat die Möglichkeit, auf eine außernatürliche Weise – frei von den engen Grenzen der fünf Sinne und der drei Dimensionen – tätig zu sein.
An dieser Stelle sollte übrigens hervorgehoben werden, dass die Begriffe „objektiv“ und „subjektiv“ nichts mit der Unterscheidung von „richtig“ und „falsch“ oder „genau“ und „ungenau“ zu tun haben, wie es der umgangssprachliche Gebrauch dieser Worte nahelegen könnte. Das subjektive Universum ist einer weitaus größeren Genauigkeit und Mannigfaltigkeit seiner Handlungen als das objektive fähig. Ein gutes Beispiel sind etwa Ihre Lektüre und Ihr Verständnis des vorliegenden Textes, die darauf beruhen, dass Sie eine Fähigkeit Ihres subjektiven Universums anwenden. In einfachen grammatischen Begriffen gesprochen, ist das Subjekt der Leser (d. h. „dasjenige, was liest“), und das Objekt ist das Gelesene. Das subjektive Universum verfügt über ein gewaltiges Spektrum an Möglichkeiten, das von theoretisch absoluter Präzision bis zu völligem Wahnsinn reicht, weil es nicht an natürliche Gesetze gebunden ist. Der Fokus oder das „Epizentrum“ dieses außernatürlichen subjektiven Universums wird mit dem menschlichen Bewusstsein, der Seele oder dem Selbst identifiziert.
Der außernatürliche Aspekt dieser Seele zeigt sich eindeutig und gründlich in dem Drang der Menschheit, Strukturen, die künstlich im subjektiven Universum entstanden sind, auf das objektive zu übertragen. Alle auf künstliche Weise (also durch Kunstfertigkeit oder Handwerk) hervorgebrachten Strukturen sind per Definitionem vom natürlichen Kosmos getrennt und stehen außer ihm, seien sie Pyramiden, Gedichte oder politische Institutionen. Die Tiere hingegen, von denen viele über hochkomplexe Sozialverhältnisse verfügen, sind durch die Natur und ihr biologisches Programm determiniert. Das Wolfsrudel hat immer dieselben gesellschaftlichen Prinzipien, egal in welchem Teil der Welt, ob heute oder vor Millionen Jahren. Sie aber werden schwerlich auch nur zwei soziale Institutionen finden, die absolut identisch sind. Alles, was aus dem subjektiven Universum hervorgegangen ist, trägt den Stempel der Vielfalt.
Jeder einzelne Bestandteil der Seele – der Erscheinung des subjektiven Universums – verweist auf die Urform oder das Grundprinzip, von dem sich alle seine partikularen Manifestationen herleiten. In den philosophisch am subtilsten ausgebildeten Schulen des linkshändigen Pfades wird dieses Prinzip einer isolierten Intelligenz als „Fürst (prince) der Finsternis“ oder als höchste Gottheit des linkshändigen Pfades aufgefaßt. (Man beachte, dass Begriffe wie prince, „Fürst“, „Prinz“, und Prinzip von dem lateinischen Wort princeps, „Herrscher“, „Führer“, abgeleitet sind, das dem Wortsinne nach denjenigen bezeichnet, der den ersten Platz einnimmt.) Es handelt sich um den Archetypus des Selbst, von dem alle anderen Selbste abstammen. Ebenso ist es ein Element des außernatürlichen Universums, das objektiv zum Universum selbst hinzugehört. In diesem Sinne kann der Fürst der Finsternis als unabhängiges fühlendes Wesen im objektiven Universum verstanden werden, da hierin das eigentliche Prinzip dieser Qualität des Universums liegt. Die Menschheit ist die einzige bekannte Spezies, die diese Qualität ebenfalls besitzt.
Der rechtshändige und der linkshändige Pfad
Nun stellt sich die entscheidende Frage: Auf welche Weise bezieht sich die freie, bewusste Seele auf das objektive Universum oder die Welt insgesamt, oder wie interagiert sie mit dieser? Der rechtshändige Pfad beantwortet diese Frage mit der Annahme, dass das subjektive Universum sich mit den Gesetzen des objektiven Universums in Einklang bringen müsse – ob man sich dieses nun als Gott oder als Natur vorstelle. Das eigentlich Menschliche besteht darin, nach Wissen von diesen Gesetzmäßigkeiten zu streben und sich ihnen sodann zu unterwerfen, um letztendlich die Einheit mit dem objektiven Universum, Gott oder der Natur, zu erlangen. Der rechtshändige Pfad ist der Weg der Vereinigung mit der universalen Realität (Gott oder Natur). Wenn dieses Ziel erreicht ist, wird das individuelle Selbst ausgelöscht werden; das Individuum wird eins mit der göttlichen oder natürlichen Ordnung des Kosmos. Auf dieser letzten Stufe wird das Ego in dem Augenblick, in dem es in den „Himmel“ eintritt oder (Nicht-)Existenz des Nirwana „erreicht“, vernichtet. Darin liegt erklärtermaßen das Ziel aller orthodoxen jüdischen, christlichen, muslimischen und buddhistischen Schulen.
Der linkshändige Pfad betrachtet die Stellung des Menschen wie sie ist; er erkennt den manifesten und tiefverwurzelten Wunsch jedes menschlichen Wesens an, ein freier, machtvoller und unabhängiger Akteur innerhalb seiner oder ihrer Welt zu sein. Freuden und Leiden, die aus einer selbstbestimmten Existenz resultieren, werden begrüßt und als die deutlichsten Zeichen des höchsten, edelsten Schicksals angesehen, das zu erlangen dem Menschen möglich ist – eine Art von unabhängiger Existenz auf einer Stufe, die gemeinhin als göttlich bezeichnet wird.
Ebenso wie die meisten Menschen, während sie durch ihr natürliches, alltägliches Leben gehen, nach allem streben, was ihnen möglichst viel Wissen, Macht, Freiheit, Unabhängigkeit und Ansehen in ihrer Welt verschafft, so erweitern diejenigen, die den linkshändigen Pfad beschreiten, dies logischerweise auf die außernatürlichen Gefilde. Sie weisen die Mahnungen des rechtshändigen Pfades zurück, solche spirituellen Bestrebungen seien „böse“, und sie sollten die allgemeine Ordnung (Gottes, der Natur usw.) bejahen und brave Mitglieder der Gemeinschaft werden. Die Gewißheit der Unabhängigkeit des Selbst wird von vielen als die grundlegende Wirklichkeit der menschlichen Natur verstanden: Man kann sie akzeptieren und leben oder zurückweisen und sterben. Wenn man diese innere, wohlbekannte Realität des menschlichen Bewusstseins annimmt, bejaht man eine ewig dynamische – ewig sich wandelnde und verändernde – Wirklichkeit; wenn man sie hingegen zurückweist und die äußere, unbekannte Realität Gottes oder der Natur vorzieht, wird man mit einem ewig beharrenden – ruhenden und unbeweglichen – Dasein vorliebnehmen. Aus einer gewissen aufgeklärten Perspektive sind beide Wege gleichermaßen gut und ausgezeichnet, und es hängt lediglich von der eigenen, bewussten Willensentscheidung ab, diesen oder jenen strikt und ohne Selbstbetrug zu befolgen.
Seinem Wesen nach ist der linkshändige Pfad derjenige der Nichtverschmelzung mit dem objektiven Universum. Er ist der Weg, das Bewusstsein innerhalb des subjektiven Universums zu isolieren und die Seele oder Psyche in der Weise einer selbst auferlegten Einsamkeit zu immer höheren Graden zu erheben. Das objektive Universum ist letztlich dazu geschaffen, mit dem Willen einer individuellen Psyche in Übereinstimmung zu gelangen, anstatt diesem seine Freiheit zu belassen. Während der rechtshändige Pfad theozentrisch ist (oder „alleozentrisch“, indem er den anderen in den Mittelpunkt rückt), ist der linkshändige psychozentrisch bzw. seelen- oder selbstzentriert. Wer auf dem linkshändigen Pfad wandelt, wird über das Wesen von Selbst, Ich oder Seele diskutieren, aber die Tatsache, dass das Individuum im Epizentrum dieses Pfades selbst steht, scheint eindeutig. Nach Auffassung des linkshändigen Pfades besteht eine ewige Trennung zwischen individuellem Geist und objektivem Universum. Daraus ergibt sich die Unsterblichkeit des unabhängigen Selbstbewusstseins, wenn es sich innerhalb des objektiven Universums bewegt und mit ihm nach seinem Willen verfährt.
Weiße und Schwarze Magie
Die Begriffe „Weiße Magie“ und „Schwarze Magie“ wurden durch den allgemeinen Sprachgebrauch so sehr verfälscht, dass sie, wie man wohl sagen muss, den größten Teil ihrer Bedeutung verloren haben. Ich möchte sie daher, um meine Terminologie zu verdeutlichen, vor dem Hintergrund eines sinnvollen philosophischen Kontextes neu interpretieren. Magie kann als eine Methode definiert werden, durch welche der Aufbau des subjektiven oder objektiven Universums aufgrund eines Willensaktes, der in der Psyche bzw. dem Herzen des individuellen subjektiven Universums seinen Ursprung hat, verändert wird. Die vielleicht bekannteste Definition hat der englische Magier Aleister Crowley vorgetragen, als er sagte: „Magie (Magick) ist die Wissenschaft und Kunst, eine Veränderung im Einklang mit dem Willen herbeizuführen.“2
Es gibt derzeit nicht eine einzige, von Wissenschaftlern und praktizierenden Magiern gleichermaßen allgemein akzeptierte Definition von Magie, noch herrscht eine Übereinstimmung hinsichtlich der Unterschiede zwischen Religion und Magie. Wenn man aber die meisten zeitgenössischen Theorien heranzieht, kann man als zusammenfassende Interpretation vorschlagen: Magie ist die willentliche Anwendung symbolischer Methoden, um Veränderungen im Universum aufgrund symbolischer Kommunikationsakte mit paranormalen Faktoren zu bewirken oder zu verhindern. Diese Faktoren können innerhalb oder außerhalb des subjektiven Universums des Handelnden liegen. Magie ist ein Weg, Dinge geschehen zu lassen, die ansonsten nicht geschehen würden. Religion kann von Magie allein durch die Einbeziehung des Wesens des menschlichen Willens unterschieden werden. In der Magie sieht man den Willen als primär an und spricht ihm eine reale und von der Außenwelt unabhängige Existenz zu. Der Magier veranlaßt das Universum, seinen Beschwörungen derart zu willfahren, dass es sich selbst mit seinem Willen in Übereinstimmung bringt, während in der Religion die menschliche Gemeinschaft danach strebt, ihr Verhalten nach einem universalen Muster auszurichten, von dem man annimmt, dass es auf Gott oder die Natur zurückgehe.
Genau genommen, besteht der Unterschied zwischen Weißer und Schwarzer Magie einfach darin, dass es sich bei Weißer Magie um eine psychologische Methodenlehre mit dem Zweck handelt, eine Vereinigung mit dem Universum herbeizuführen und Ziele in Harmonie mit denen des Universums zu formulieren, während Schwarze Magie als Methodologie der Erlangung von Unabhängigkeit vom Universum und der Aufstellung am eigenen Selbst orientierter Ziele dient. Strukturell hat Weiße Magie viel mit Religion, wie wir sie oben definiert haben, gemeinsam; demgegenüber ist Schwarze Magie an und für sich in stärkerem Maße als eigentliche Magie zu betrachten. Daraus folgt, dass Magie als Summe von Verhaltensweisen von orthodoxen religiösen Systemen oft verurteilt wurde.
Die historischen Formulierungen von Weißer und Schwarzer Magie werden weiter unten diskutiert, aber zum Zweck eines präzisen Verständnisses werde ich „Weiße Magie“ zur Bezeichnung der spirituellen Methodologie oder Technik des rechtshändigen Pfades verwenden und „Schwarze Magie“ für die des linkshändigen Pfades reservieren.
Herren des linkshändigen Pfades
In diesem Buch stelle ich die Gedanken und Biografien vieler Magier und Philosophen in Vergangenheit und Gegenwart vor. Einige werden gemeinhin als „böse“ und „satanistisch“ angesehen, während andere durch die Geschichte gingen, ohne mit einem solchen Vorurteil behaftet zu sein. Aber Vorstellungen stimmen selten mit der Realität überein, auch wenn die Madison Avenue oder Washington DC Sie dies glauben machen wollen. Letztlich wird man einige dieser Gestalten, nach eingehender Analyse, nicht als Praktizierende des linkshändigen Pfades ansehen können. Die Kriterien, die ich zur Abgrenzung des eigentlichen Wesens des linkshändigen Pfades von scheinbar Zugehörigem anwende, müssen an dieser Stelle klar benannt werden. Einige der in diesem Buch behandelten Figuren erfüllen eine Reihe dieser Kriterien, aber doch nicht genug, um als „Herren“ oder „Meister“ des Pfades bezeichnet werden zu können.
Es gibt zwei Hauptkriterien, um jemanden als wahren Herrn (oder wahre Herrin) des linkshändigen Pfades zu identifizieren: Selbstvergöttlichung und Antinomismus. Das erstgenannte ist recht komplex: Das Gedankensystem, das ein Magier oder Philosoph vertritt, muss eines sein, welches die individuelle Selbstvergöttlichung, vorzugsweise beruhend auf einem magischen Initiationsschema, befördert. Wir werden sehen, dass zu diesem ersten Kriterium fünf verschiedene Aspekte gehören:
1. Selbstvergöttlichung: Das Erlangen eines erleuchteten (oder erwachten), unabhängig existierenden Intellekts und dessen relative Unsterblichkeit.
2. Individualismus: Der erleuchtete Geist ist derjenige eines Individuums, nicht eines Kollektivwesens.
3. Initiation: Die Erleuchtung und unerschütterliche Haltung, die zum Erreichen der angestrebten Entwicklungsstufe des Selbst notwendig sind, werden vom Magier durch dessen Willen Schritt für Schritt erlangt, und nicht, weil er oder sie von Anfang an schon „göttlich“ waren.
4. Magie: Die Praktizierenden des linkshändigen Pfades wenden, nach ihrer Anschauung, ihren Willen im Rahmen eines zweckmäßig eingerichteten Systems oder einer spirituellen Technik an, die dazu entwickelt wurde, das sie umgebende Universum mit ihrem selbständig geschaffenen Modell in Übereinstimmung zu bringen.
Das zweite Kriterium, der Antinomismus, besteht darin, dass sich die Praktizierenden für Opponenten gegen die grundlegenden Übereinstimmungen, den „Kern“, ihrer kulturell konditionierten und konventionalisierten Normen von „gut“ und „böse“ halten. Wahre Herren und Herrinnen des linkshändigen Pfades haben den spirituellen Mut, ihre Ziele mit den kulturellen Normen des „Bösen“ zu identifizieren. Sie werden die Symbole des konventionell „Bösen“, der „Unreinheit“ oder der „Rationalität“ oder sonstiger Qualitäten, die in ihrer Kultur üblicherweise gefürchtet und abgelehnt wird, bejahen. Die Herren und Herrinnen des linkshändigen Pfades werden sich selbst von ihren Mitmenschen abkehren; sie werden tatsächlich oder im übertragenen Sinne als Außenseiter leben, um diejenige Art von innerer Unabhängigkeit zu erreichen, die für die initiatorische Arbeit im Sinne des ersten Kriteriums nötig ist. Die Praxis, die diesem zweiten Kriterium entspricht, manifestiert sich oft in „Antinomismus“, d. h. in der absichtlichen Zurückweisung konventioneller normativer Kategorien: „böse“ wird zu „gut“, „unrein“ zu „rein“, „Dunkelheit“ zu „Licht“.
Anders gesagt, der Antinomismus impliziert etwas „Ungesetzliches“. Aber der Praktiker des linkshändigen Pfades ist kein Krimineller im gewöhnlichen Sinne. Er oder sie ist gewillt, die kosmischen Gesetze der Natur ebenso wie die konventionellen gesellschaftlichen Gesetze, die aus Unwissenheit und Unwissenheit resultieren, zu brechen. Während er so verfährt, strebt der Praktiker des linkshändigen Pfades allerdings nach einem „höheren Gesetz“ der Wirklichkeit, das sich auf Wissen und Macht gründet. Obwohl er jenseits von Gut und Böse verläuft, verlangt dieser Weg strenge ethische Standards. Diese Standards beruhen auf Verständnis und nicht auf blindem Gehorsam gegenüber äußeren Autoritäten.
Dieses letztgenannte Merkmal des wahrhaftigen linkshändigen Pfades ist die Hauptursache für zahlreiche Missverständnisse, nicht nur durch Außenstehende, sondern auch durch Personen, die dem Pfad folgen möchten. Es bedarf eines großen spirituellen Mutes, an der Abkehr nicht nur von der Umwelt, sondern auch von Aspekten des eigenen subjektiven Universums festzuhalten. Viele brechen unter dieser Last zusammen, scheitern an dieser Herausforderung und sinken zurück in den Sumpf ihrer kulturellen Normen.
Damit jemand wirklich als Herr oder Herrin des linkshändigen Pfades angesehen werden kann, muss er also die konventionellen Vorstellungen vom „Guten“ ablehnen und diejenigen vom „Bösen“ befürworten bzw. einen Antinomismus vertreten, um eine dauerhafte, unabhängige, erleuchtete und ermächtigte Stufe des Seins zu erreichen. Diese Selbstvergöttlichung kann nicht ohne die „satanische“ Komponente statthaben, die als eine Art Kompass durch den Morast der gewöhnlichen Empfindungen und Glaubensvorstellungen führt.
Während ich mich mit den Vorarbeiten zu diesem Buch befasste, bemerkte ich, dass es eigentlich zwei voneinander unterschiedene Zweige des linkshändigen Pfades gibt. Beide erfüllen die oben genannten Kriterien, aber sie nähern sich ihrem Ziel aus unterschiedlichen Richtungen. Der eine von beiden, den ich den „immanenten Zweig des linkshändigen Pfades“ nenne, geht von einem „objektivistischen“ und sogar materialistischen Standpunkt aus. Seine magischen Methoden sind oft von Metaphorik durchdrungen, und er orientiert sich zumeist nur am objektiven oder „kosmischen“ Universum. Bei diesem Zweig ist die antinomistische Stoßrichtung besonders stark akzentuiert. Unter den zeitgenössischen Schulen wird er von LaVeys Satanismus vertreten.
Der zweite Pfad, den ich als „transzendentalen Zweig des linkshändigen Pfades“ bezeichne, beruht auf einem psychozentrischen (seelen- oder intellektzentrierten) Modell. Er ist hochgradig idealistisch ausgerichtet, und seine magischen Methoden basieren gewöhnlich auf ewigen Formen oder Archetypen. Deutlich erkennt und feiert er die letztendliche Trennung des menschlichen Geistes von der ihn umgebenden kosmischen Ordnung. In seinen höchsten Formen ist der transzendentale Zweig auf das subjektive Universum gerichtet – auf die Loslösung des Selbst aus der Weltordnung und die Evolution jenes Selbst zu einer dauerhaften und machtvollen Stufe. Bei diesem Zweig wird der Aspekt der Selbstvergöttlichung besonders betont. Im Kontext moderner Schulrichtungen vertritt ihn insbesondere die sethianische magische Philosophie von Michael Aquino (siehe Kap. 10).
Ich werde meine Untersuchung des linkshändigen Pfades damit beginnen, wie er in „östlichen“ religiösen Systemen verstanden wurde, d. h. in Systemen, die ihre Wurzeln im indo-iranischen Kulturkreis haben. Zunächst diskutiere ich die Konzepte des rechtshändigen Pfades im Gegensatz zum linkshändigen vor dem Hintergrund von Hinduismus und Buddhismus (in dem diese Begriffe zuallererst aufkamen). Dieser Abschnitt wird die gesamte Betrachtung in einen nicht jüdisch-christlich geprägten Kontext einbetten, in welchem beide Pfade koexistierten und dieselbe Kosmologie vertraten. Dabei werfe ich auch einen Blick auf die dualistischen Lehren des Zoroastrismus und gehe der Frage nach, wie diese die Entwicklung des linkshändigen Pfades im Westen beeinflussten.
Die philosophischen Systeme einiger großer Weltkulturen wie die des Fernen Ostens (China und Japan) oder der mittelamerikanischen Welt wird der Leser möglicherweise vermissen. Zum Teil beruht dies auf meinen Wissensgrenzen, zum Teil scheint es aber auch, dass etwa die Systeme des Taoismus oder des Shinto nicht dieselben strengen Dichotomien aufweisen, auf denen ein Verständnis der Rolle des Einzelnen im Universum in der Terminologie der „beiden Pfade“ beruht. Das Maß, in dem sie doch in die verschiedenen Systeme eingegangen sind, dürfte mit dem Grad ihrer Berührung mit indo-arischem Denken in der Gestalt des Buddhismus zu tun haben.
Im zweiten Teil des Buches werde ich die westlichen Zweige des linkshändigen Pfades behandeln. Zunächst aber müssen wir die eigentliche Natur der „westlichen“ Traditionen deutlich verstehen. Es ist wichtig, einerseits zu erkennen, in welcher Hinsicht indigene europäische Systeme Aspekte mit „östlichen“ Traditionen teilen, als auch andererseits zu sehen, bis zu welchem Grade der „Westen“ tatsächlich ein Produkt südlichen Einflusses – vor allem aus Ägypten und dem Mittleren Osten – ist. Was wir oft „östlich“ nennen, ist in Wirklichkeit östlicher (oder nördlicher), was wir als „westlich“ bezeichnen, ist tatsächlich „mittelöstlicher“ oder südlicher Herkunft.
In unserer Betrachtung der ursprünglich-europäischen Traditionen werden wir zuerst die griechisch-römische Welt in den Blick nehmen. Der Mythos von Prometheus kann als Paradigma der Beziehung von „Schöpfergott“ zum „Spender der Gabe des göttlichen Funkens“ gesehen werden. In der nordischen Tradition werden wir den Mythos Odins als ursprüngliches Paradigma des Fürsten der Finsternis, der auf die „faustische“ Thematik vorausweist, erkennen.
Der Westen wurde selbstverständlich in hohem Maße aufgrund seiner Übernahme des Christentums (einer jüdischen Lehre aus dem Osten) sowie durch das Judentum selbst und später durch den Islam von Traditionen des Mittleren Ostens geprägt. Ein Verständnis dieser Tradition ist eine Grundvoraussetzung für die Sicht des linkshändigen Pfades im heutigen Westen. Von Bedeutung sind hier sowohl sumerische als auch semitische Auffassungen von der Rolle „böser Gottheiten“ in nichtjüdischen semitischen Religionen.
Die ägyptische Tradition, namentlich die Art, wie der Kult des Gottes Seth praktiziert wurde, ist nicht nur für das Verständnis der antiken Traditionen des linkshändigen Pfades, sondern auch im Hinblick auf ihre mögliche Relevanz für die zeitgenössische Verehrung Seths wesentlich.
Um die tiefe Bedeutung des linkshändigen Pfades im Westen von der Christianisierung bis zum Heraufdämmern unseres eigenen postmodernen Zeitalters zu erfassen, müssen wir die jüdischen Wurzeln des Christentums in den Ideen des „Bösen“ und im Wesen Satans erkennen. In dieser Hinsicht dürfen wir die gnostischen (vor allem ophitischen und naassenischen „Schlangen“-)Interpretationen der Funktion der Schlange/Luzifers und seiner prometheischen Beziehung zur Menschheit nicht verkennen.
Die orthodoxe christliche Doktrin hinsichtlich desselben Mythos Eden steht hierzu, wie wir sehen, in einem fundamentalen Gegensatz. Eine rationale, objektive und wirklich vom Text geleitete Interpretation des „Mythos von Eden“ läßt die Schlange nämlich als „Beschützerin“ der Menschheit und spirituelle Schöpfergestalt erscheinen.
Weiterhin werden wir die bemerkenswerte Geschichte des linkshändigen Pfades in der islamischen Tradition kennenlernen, in der wir einigen besonders selbstbewussten Anhängern dieses Pfades vor dem zwanzigsten Jahrhundert begegnen. Viele Menschen, darunter auch heutige praktizierende Satanisten, glauben in irgendeiner Weise, dass das Mittelalter eine Hochzeit satanistischer Betätigung war. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt! Die Zeit des Mittelalters kannte kaum eine wirkliche Tätigkeit auf dem linkshändigen Pfad, obwohl die Kirche gerne glauben wollte (und andere glauben machte), dass es an jeder Ecke satanische Kulte gab. Dies endete, als vorhersagbare Radikalisierung rechtshändiger Ignoranz und Amok laufender Panik, im „Hexenwahn“ des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts.
Ein interessanter Niederschlag der mittelalterlichen Geistestradition in Deutschland war die faustische Mythe, die uns in die Neuzeit und darüber hinaus führt. Sie ist in starkem Maße von der Entwicklung geprägt, die von der geistigen Welt der faustischen Magier des Spätmittelalters zu derjenigen verläuft, die aus Goethes Faust spricht – dem Übergang von einem mittelalterlichen Denkmuster (nach Wissen und Macht zu streben, ist wesentlich „böse“) zu einem modernen (das Streben nach Wissen und Macht ist gut). Hier finden wir tatsächlich eine Rückwendung zu antiken Vorbildern. Die Bilder, die man sich in der klassischen und romantischen Epoche vom Teufel machte, sind zweifellos für diesen Übergang in der westlichen Kultur von Bedeutung.
Im Verlaufe der Untersuchung werden wir auch einige Blicke auf Erscheinungsformen des linkshändigen Pfades in Renaissance und Aufklärung werfen, auf Miltons Satan, den Marquis de Sade und den unumgänglichen Hellfire Club. Auch die französischen „Satanisten“ des neunzehnten Jahrhunderts können nicht ignoriert werden, auch wenn sie aus der Perspektive des linkshändigen Pfades ein enttäuschendes Bild abgeben. Die meisten von ihnen verfügen über wenig bis gar kein Verständnis der tatsächlichen Lehren des linkshändigen Pfades, sondern laben sich genußvoll an der Dunkelheit als Einübung einer obskuren Ästhetik. Schließlich werden wir auch danach zu fragen haben, welche Aspekte des linkshändigen Pfades in Marxismus und Nationalsozialismus, zwei entgegengesetzten politischen (aber in vielem verwandten) Ideologien des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts zum Ausdruck gelangt sind.
Keine historische Periode ist für den Aufstieg des philosophischen Satanismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so bedeutsam wie die Wiedergeburt des Okkultismus im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert. Die ursprünglich auf luziferische und gnostisch-ophitische Lehren zurückgehende Theosophie H.P. Blavatskys (wie sie insbesondere in ihrer Geheimlehre formuliert ist) bildet einen Zweig dieser Tradition, während der Thelemismus von Aleister Crowley einen anderen bildet. Crowley muss hier von einem rein philosophischen Standpunkt aus betrachtet werden. Obwohl er zweifellos zu den bedeutendsten Theoretikern des linkshändigen Pfades in der modernen westlichen Welt zählt, hat er zu diesem ein ausgesprochen ambivalentes Verhältnis. Im Zusammenhang mit dem Thelemismus haben wir auch auf die deutsche Fraternitas Saturni einzugehen, die von Gregor A. Gregorius (Eugen Grosche) gegründet und geleitet wurde. Ebenso müssen wir die Lehren des „Vierten Weges“ von G.I. Gurdjieff behandeln. Der letzte Teil des Buches befaßt sich detailliert mit den beiden bedeutendsten zeitgenössischen philosophischen Richtungen des linkshändigen Pfades: mit Anton LaVeys Church of Satan und Michael Aquinos Temple of Set.
Während des gesamten Buches werde ich immer wieder, gestützt auf die in diesem Kapitel eindeutig herausgestellten Prinzipien, versuchen, eine Bresche in den Dschungel von Konfusion, Missverständnis und Fehlinformation über den linkshändigen Pfad und die Praxis heutiger Schwarzer Magie zu schlagen. Mir ist nur allzu bewusst, dass viele dieser Begriffe in der Geschichte bis auf den heutigen Tag von Vertretern des rechtshändigen Pfades oder von Personen, die viele Jahre lang von solchen Quellen in die Irre geführt wurden, in einer Weise verwendet worden sind, die sehr von meinem Gebrauch abweicht. Der Unterschied besteht ganz einfach darin, dass ich über den linkshändigen Pfad aus einer internen Perspektive schreibe, während die meisten anderen Texte von einem externen Standpunkt aus verfaßt wurden. Dasjenige zu lesen, was ein Anhänger des rechtshändigen Pfades über den linkshändigen zu sagen hat, gleicht beinahe der Lektüre eines Buches über die Wall Street, das von einem Wirtschaftsprofessor, der während der Sowjetzeit an der Universität Moskau studiert hat, geschrieben wurde. Er mag interessante Einsichten haben, aber ohne die Perspektive eines Börsenmakler an der Wall Street wird er zu keinem rechten Verständnis gelangen, wie der Aktienmarkt funktioniert.
Historisch wurde der linkshändige Pfad des öfteren mit den Methoden identifiziert, von denen man glaubte, dass er sie anwendet, darunter Nekromantie (die Befragung der Toten für wahrsagerische Zwecke) und Sexualmagie (es scheint, dass der rechtshändige Pfad immer ein Problem mit Sexualität gehabt hat). Tatsächlich gibt es in den verschiedenen linkshändigen Traditionen des Ostens wie des Westens keine kategorischen methodischen Vorschriften. Methoden werden gewöhnlich aus rein pragmatischen Gründen gewählt. Wenn etwas funktioniert, wird es weiterhin angewandt. Es gibt oft eine starke antinomistische Tendenz in der magischen Methodologie des linkshändigen Pfades. Gegen den Kernbestand gesellschaftlicher Konventionen oder natürlicher Grenzen vorzugehen, wird oft als bewusste Prüfung der Göttlichkeit, welche der menschlichen Natur innewohnt, gesehen. Dieser Aspekt muss in einem sehr weiten Sinne verstanden werden, zumal einige Verhaltensweisen, die – wie die übermäßige Einnahme von Drogen – als antinomistisch bzw. gegen gesellschaftliche Übereinkünfte oder Anstandsregeln gerichtet erscheinen, von den meisten gebildeten Praktizierenden des linkshändigen Pfades im Westen abgelehnt werden. Die theoretische Grundlage dieser Ablehnung liegt darin, dass solche Gifte die Ausübung des freien Willens und die Ausbildung des eigenen Selbst beeinträchtigen, die beide zusammen aus der Sicht des linkshändigen Pfades die größten Potentiale darstellen. Von diesem Standpunkt aus wären Drogen eher geeignet, das Ziel der Selbst-Auslöschung im Sinne des rechtshändigen Pfades herbeizuführen.
Eine andere Weise, in der Schwarze Magie historisch manchmal von Weißer unterschieden wurde, ist die Klassifikation der Wesenheiten, von denen gesagt wurde, dass der Magier mit ihnen Umgang habe. Weiße Magier würden demgemäß nur „engelhafte“ Wesen anrufen, Schwarze hingegen „dämonische“. Selbstverständlich beruht diese Vorstellung auf den mittelalterlichen christlichen Angelologien und Dämonologien, und häufig findet man in den alten Grimoires beschrieben, wie dämonische Kräfte durch die Macht des Namens Gottes gezwungen wurden, alles zu tun, wozu der Magier sie aufforderte, was beinahe alles sein konnte. Engel können dazu gebracht werden, Dämonen zu verführen oder zu töten, um Weisheit zu erlangen oder um eine verborgene Wahrheit zu enthüllen. Aus der Sicht des linkshändigen Pfades selbst wird man eine solche Unterscheidung als Heuchelei betrachten. Das Augenmerk wird auch hier weniger auf das „Wie“ als vielmehr auf das „Warum“ gerichtet.
In dieser Hinsicht wurde die Schwarz-Weiß-Unterscheidung in der Geschichte manchmal auf Gutes bewirkende Magie bzw. auf Schadenszauber bezogen: Magie, die jemanden schädigt, ist schwarz; Magie, die dazu dient, zu heilen oder sonstiges Gutes zu tun, ist weiß. Diese Unterscheidung ist immerhin in einigen Aspekten gültig. Die einzigen Probleme aus Sicht des linkshändigen Pfades sind erstens, dass sie keine wesentlichen kosmologischen oder theologischen Fragen bezüglich der beiden Pfade anspricht, und zweitens, dass sie generell unrealistisch ist. „Weiße Magier“, haben, auf die Probe gestellt, gewöhnlich kein Problem damit, Gott oder die Engel zu bitten (oder zu zwingen), ihnen den Sieg über ihre Feinde zu verleihen und die „teuflischen Widersacher“ (d. h. jeden, der ihnen im Weg steht) zu vernichten. Der linkshändige Pfad sieht Magie als eine Technik oder Methodologie menschlichen Handelns an; an und für sich ist Magie neutral gegenüber moralischen Werten. Mit anderen Worten: Nicht Magie tötet Menschen, sondern der Magier tötet Menschen. Der Gebrauch Schwarzer Magie kann als geleitet von denselben ethischen Standards wie alle anderen Arten menschlichen Handelns betrachtet werden. Der Schwarze Magier lehnt es allerdings ab, sich in seiner Anwendung magischer Mittel einschränken zu lassen, einzig weil diese Tätigkeit zu einer Klasse von Verhaltensweisen gehört, die von orthodoxen Religionen gewöhnlich verdammt werden. Wenn ein Ziel mit irgendwelchen Mitteln schwer erreicht werden kann, dann ist völlig gerechtfertigt, Magie anzuwenden, wenn es denn nötig ist, dass Ziel zu erreichen. Wenn ein Krieg schwerlich zu gewinnen ist oder jemand triftige Gründe hat, sich gegen einen Angriff zu verteidigen, dann wird der Schwarze Magier kein Problem darin sehen, seinen Feind zu beseitigen. Er sieht also nichts als Heuchelei auf Seiten Weißer Magier, die aus denselben Gründen beten oder physische Mittel anwenden, während sie den Schwarzen Magier als böse verfluchen. Der Gebrauch Schwarzer Magie ist einfach nur eine logische Übertragung menschlicher Motive in den Bereich der Magie.
Schließlich gibt es die fundamentale Unterscheidung zwischen den beiden Pfaden, diejenige von Vereinigung versus Nicht-Vereinigung, die wir bereits behandelt haben. Auf dieser Grundlage können auch die anderen, fehlgeleiteten Unterscheidungen am besten verstanden werden. Vom Standpunkte magischer Unabhängigkeit aus ist der Schwarze Magier in der Lage, jede magische Technik ganz pragmatisch anzuwenden, wie es ihm beliebt, mit jeder Art von Wesenheit umzugehen (bzw. meistens eher, sich vom Umgang mit äußeren Entitäten zurückzuziehen), und jedes gewünschte Ziel zu verfolgen – in jeder Hinsicht von einem innerlichen Verständnis seiner Zwecke und seiner Verantwortung geleitet. Äußerste spirituelle Unabhängigkeit ist das wesentliche Merkmal des linkshändigen Pfades. Aus der Freiheit, die damit einhergeht, folgt die Möglichkeit unethischen Verhaltens. Das ist freilich der Preis der Freiheit.
Zwar ist im Einzelfall nicht leicht nachzuweisen, ob der linkshändige Pfad verfolgt wird, aber wenn seine Prinzipien erst einmal bekannt sind, dürfte allmählich deutlich werden, wie breitgefächert seine Philosophie ist. Im vorliegenden Buch konzentriere ich mich auf solche Schulen und Persönlichkeiten, die sich entweder selbst als Anhänger des linkshändigen Pfades (wie im Tantrismus, in der Church of Satan oder im Temple of Set) bekannt haben oder die von ihm wissen und ihn, aus der Perspektive des linkshändigen Pfades selbst betrachtet, praktiziert zu haben scheinen, auch wenn sie sich (zumindest öffentlich) von ihm distanziert haben (z. B. H.P. Blavatsky oder Aleister Crowley). Die grundlegenden Auffassungen des linkshändigen Pfades haben jedenfalls weit über den Bereich magischen und okkulten Handelns hinaus die Jahrhunderte durchdrungen. Viele antike Philosophien beruhten auf Prinzipien, die sie mit dem linkshändigen Pfad teilten, und es geschah erst mit dem Aufkommen des Christentums, dass diese Philosophien entweder unterdrückt oder soweit christlich umgedeutet wurden, bis sie genehm waren (vgl. den Kult Odins oder insbesondere die pythagoräische/platonische Philosophie). In neuerer Zeit haben moderne philosophische Systeme und politische Ideologien wesentliche und fundamentale Prinzipien des linkshändigen Pfades vollständig übernommen, die fast alle zu allgemein akzeptierten Normen der westlichen Welt wurden. Es ist leicht verständlich, dass die Mächte des orthodoxen Christentums jeden Fortschritt in der Wissenschaft, der Politik oder der Religionsphilosophie bekämpften, da jeder Schritt zu mehr spiritueller Freiheit und jede Stärkung pluralistischer Interessen gegenüber den Kräften der Einheit in der Tat ein Sieg des Fürsten der Finsternis – des Prinzips der isolierten Intelligenz – über die monolithische, einzige Gewalt des göttlichen Gebotes ist.

KAPITEL 2
Die östlichen Traditionen
Ich beschaue in meinem Herzen die furchtlose Göttlichkeit leuchtender Dunkelheit.
– Shivatoshini 1. 1. 14 –
Der linkshändige Pfad im Osten
Dem westlichen Leser wird eine Betrachtung des linkshändigen Pfades vor dem Hintergrund rechtshändiger religiöser Vorstellungen des Ostens sehr schnell und auf eine einzigartig objektive Weise zeigen, worin die eigentlichen strukturellen Merkmale dieses Pfades liegen. Sie hat den zusätzlichen Vorteil, sich dabei innerhalb eines Kulturkreises zu bewegen, der den Zielen und Motiven des linkshändigen Pfades gegenüber verhältnismäßig tolerant eingestellt war. Wenn wir uns dem linkshändigen Pfad zunächst aus der Perspektive östlicher Traditionen zuwenden, können wir außerdem schon einige Probleme lösen, die uns später noch beschäftigen werden. Eine Annäherung über den Osten wird einige der konfusen Argumentationsstränge entflechten, die dem zuweilen hoffnungslos verwirrten Gemenge der historischen Quellen des linkshändigen Pfades im Westen entstammen. Womöglich wird auch deutlich, dass die strikte Trennung „östlicher“ und „westlicher“ Traditionslinien einfach deshalb vorgenommen wurde, um bestimmte Ideen in einer klaren und geordneten Form präsentieren zu können. Der linkshändige Pfad ist eine immer wiederkehrende Antwort auf menschliche Fragen jenseits der Beschränkungen von Raum und Zeit.
Ich möchte hier diejenigen Traditionen als „östlich“ bezeichnen, die ihre Ursprünge im indo-iranischen Kulturkreis Süd- und Zentralasiens haben, d. h. Hinduismus, Buddhismus und Zoroastrismus.
Die Ost-West-Unterscheidung löst sich auf, wenn man die ursprünglich gemeinsamen Wurzeln beider Zweige erkennt, die im Substrat der indoeuropäischen Weltanschauungen liegen. Dadurch wird dann auch das kulturübergreifende Wesen des linkshändigen Pfades offensichtlich. Die Prinzipien, die die Trennung zwischen links- und rechtshändigem Pfad unterlaufen, finden sich über ein weites kulturelles Spektrum verteilt in der gesamten Weltgeschichte. Die wahren Herren des linkshändigen Pfades erwuchsen zu allen Zeiten an jedem Ort der Welt und können keiner bestimmten Epoche oder Region allein zugewiesen werden.
Die ältesten kulturellen Wurzeln der indo-iranischen (arischen) Religion und Philosophie sind nicht auf dem indischen Subkontinent selbst, sondern im Kaukasusraum sowie in den Steppen des heutigen südlichen Rußland zu finden. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach diese Region, von der während des vierten Jahrtausends v.u. Z. die Migration dort heimischer Völker in mehreren Phasen ihren Ausgang nahm.1 Diese Bevölkerung ist unter dem umständlichen und wenig romantischen Namen „Indoeuropäer“ bekannt, was daraus folgt, dass sich die endgültigen Ziele der Wanderungsbewegungen dieser ursprünglich eine Einheit bildenden Stammesverbände von Westeuropa bis nach Indien und an die chinesischen Grenzen erstrecken.
Die ältesten Indoeuropäer waren ein halbnomadisches Volk, das in den weiten Steppen das Pferd zähmte, das Rad erfand (das für ihre Streitwagen und Anhänger so wichtig wurde) und lernte, so harte Metalle wie Kupfer zu schmelzen. Die Kombination von Pferd, Rad und Kupfer machte sie in der Schlacht fast unbesiegbar, so dass sie sich über weite Gebiete ausbreiten konnten. Allmählich eroberten und unterwarfen sie die lokalen Populationen und verschafften ihrer Sprache, Kultur und ihren religiösen Systemen in den besetzten Gegenden durch eine Verbindung von kriegerischer Härte und kulturellen Errungenschaften die Vorherrschaft. Daher gab es etwa zur selben Zeit, als die Städte Mesopotamiens zu gedeihen begannen und in Ägypten die Pyramiden gebaut wurden, tatsächlich eine weitere „Hochkultur“, die aus dem Norden kam und sich in den größten Teilen der bekannten Welt verbreitete. Während die Mesopotamier und Ägypter mit Stein bauten, errichteten die Indoeuropäer intellektuelle Monumente. Am meisten ragt wohl der Rig-Veda heraus, der seit der Zeit seiner Kodifizierung gegen Ende des zweiten Jahrtausends v.u. Z. bis zum heutigen Tage mündlich überliefert wurde. Dieses gewaltige geistige Bauwerk hat sich oft genug als dauerhafter als alle Steine anderer Kulturen erwiesen, so dass es diese gesamte Zeit hindurch lebendig, dynamisch und voller Sinn geblieben ist.
Das philosophische und religiöse Denken der antiken Indoeuropäer beruhte nicht auf einem einheitlichen Kultus, sondern auf einer in mehrere Ebenen geschichteten Struktur. Diese Ebenen – oder Funktionen – sind am gründlichsten von dem französischen Indogermanisten Georges Dumézil und seinen Schülern dargestellt worden.2 Die erste Schicht gehört dem Reich des – sowohl als Verstand als auch als Intuition begriffenen – Intellektes an. Im urtümlichsten indischen Religionssystem werden diese Aspekte des Intellekts von den Göttern Mitra und Varuna beherrscht; in der germanischen Welt werden dieselben Aufgaben von Tyr und Odin erfüllt. Die zweite Ebene entspricht dem Reich der physischen Kraft; über dieses waltet in den Veden der Gott Indra und in den nordischen Eddas Thor. Die dritte Schicht ist die der natürlichen Schöpfung oder Vitalität, die in Indien Ashvinau und in Germanien die wanischen Gottheiten Freyr und Freyja – als Herr und Herrin – repräsentieren. Diese mythische Ordnung spiegelt sich auch in der menschlichen Gesellschaft, die sich in eine geistige Klasse der Könige, Philosophen, Richter und Magier, in eine der Krieger und in diejenige der Bauern, Handwerker, Künstler usw. gliedert. Noch in Platons idealer Gesellschaft, die er in seiner Politeia („Der Staat“, ca. 350 v.u. Z.) diskutiert, findet sich eine Widerspiegelung dieser uralten Schichtung; dort expliziert er einen Staat der Händler oder Handwerker, der Krieger oder exekutiven Macht sowie der „Wächter“ oder Philosophen mit ihren jeweiligen Aufgaben in einer solchen durchorganisierten Gesellschaft.3
Besonders wichtig ist hier zu erkennen, dass die religiösen oder philosophischen Merkmale der ersten Hierarchie-Ebene grundlegend von denen der zweiten oder dritten unterschieden sind. Auf der ersten Ebene wird seit Urbeginn die Aufmerksamkeit auf den Intellekt, die Seele oder die Psyche des Menschen gerichtet. Selbst in den ältesten Texten des Rig-Veda findet sich die Aussage der Priester, dass sie „die Götter geschaffen“ hätten, was bedeuten soll, dass die Göttinnen und Götter in Wahrheit Ausdrucksformen der göttlichen Urbilder seien, wie sie in der intellektuellen oder psychischen Beschaffenheit menschlicher Wesen angelegt sind. Die zweite Funktionsebene betrifft die physischen Kräfte und deren Gebrauch, namentlich die Fähigkeiten des Kriegers. Die dritte beruht schließlich auf der Natur und den Zyklen des natürlichen und organischen Lebens: den Kräften des Hervorbringens und Fortpflanzens. Auf dieser externen Realität liegt der Fokus ihrer religiösen und philosophischen Begrifflichkeit. Wir sehen also, dass es schon auf dieser urtümlichsten Stufe eine gewisse Differenz zwischen denen gab, die das Selbst oder den Intellekt, und denen, die die „Natur“ verehrten. Gleichwohl gab es seit den Ursprüngen der indoeuropäischen Denkmuster genug Platz für beide religiösen Pole innerhalb eines schöpferischen Systems. In diesem Zusammenhang ging es nicht so sehr um eine horizontale Unterscheidung zwischen links- und rechtshändigem Pfad, sondern um eine vertikale, die sich in der „gesellschaftlichen Struktur“ von Göttern und Menschen spiegelt.
Wie oben bereits erwähnt, gab es weiterhin auch innerhalb der ersten Ebene eine ursprüngliche Unterteilung: Sie gelangt in der Unterscheidung von Mitra und Varuna bzw. Tyr und Odin zum Ausdruck. Mitra oder Tyr repräsentieren den rationalen, gliedernden Verstand, die Ordnung des Kosmos; Varuna und Odin entsprechen hingegen dem beweglichen, wahrsagenden Geist, der dynamischen Freiheit des chaotischen Fließens. Dieselbe Zuordnung wird später der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche vornehmen, wenn er die apollinischen und die dionysischen Tendenzen in der menschlichen Kultur unterscheidet.4 Beide sollen zwar, ähnlich unserer linken und rechten Gehirnhälfte, in einem ganzheitlichen Sinne zusammenwirken, aber dennoch lassen sich hier die psychischen Strukturen zum ersten Mal ausmachen, die in späteren Zeiten in die Begriffe des rechts- und linkshändigen Pfades gefasst werden.
Da die antiken Indoeuropäer bei ihren Wanderungs- und Eroberungszügen, bei ihrer Unterwerfung der indigenen Völker, vor allem Kräfte anwandten, die auf der ersten und zweiten Ebene verwurzelt waren, konnte sich die dritte in stärkerem Maße dem Einfluss religiöser und philosophischer Konzepte und Praktiken der Ureinwohner öffnen. Dennoch wäre es ein großer Fehler anzunehmen, dass das System ursprünglich keine Strukturen umfasst habe, die geeignet gewesen wären, die Einflüsse der nativen Religionen zu integrieren. Obwohl Historiker des indischen Tantrismus immer wieder die Herkunft vieler tantrischer Praktiken aus den unteren Bevölkerungsklassen und ihre antibrahmanische Ausrichtung betonen, muss doch darauf hingewiesen werden, dass der Tantrismus bereits im Rig-Veda selbst angelegt ist.5 Das nichtarische Element brachte dieses System nicht hervor, aber es beeinflusste in starkem Maße die Art und Weise, wie es später von Hindus praktiziert wurde.
Man hat daher hervorgehoben, dass der spätere „Vedische Weg“ des Hinduismus durchaus nicht unbedingt die Grundhaltungen der Veden selbst zum Ausdruck bringt, sondern dass das tantrische System paradoxerweise viel stärker und lebendiger als der heutige „Vedische Weg“ der spirituellen Haltung der Veden entspricht.6

Abb. 2.1. Indo-Europäische Funktionen
Rechtshändiger Pfad/Linkshändiger Pfad
Der eigentliche Ursprung der Terminologie des rechtshändigen Pfades im Gegensatz zum linkshändigen liegt im Sprachgebrauch tantrischer Sekten Indiens. Deren zentrale Unterscheidung ist diejenige zwischen Dakshinachara, dem „rechten Weg“, und Vamachara, dem „linken Weg“. Die Unterschiede innerhalb dieser Sekten werden oben im Kapitel über den Hinduismus behandelt. Die mutmaßliche Entwicklung der Differenz zwischen rechtshändigem und linkshändigem Pfad ist ziemlich vielschichtig, aber sie entstammt den breitgefächerten Lehren vom natürlichen Fließen einer universalen Kraft durch den menschlichen Körper, die auf der linken Seite in diesen eintritt, ihn entlang einer Links-Rechts-Bahn durchströmt und rechts wieder aus ihm austritt. Auf kosmischer Ebene entspricht diesem Fluss ein Kraftstrom von Nord nach Süd. Man sagt, der kosmische Fluss verläuft in Harmonie zu dem Energiestrom im Körper eines Menschen, wenn dieser sich Richtung Osten orientiert, so dass seine linke Hand gen Norden, die rechte nach Süden zeigt.7 Hier findet sich der Schlüssel zu dem – innerhalb des Tantrismus des linkshändigen Pfades so verbreiteten – Antinomismus bzw. zu der Zurückweisung der üblichen Normen. Um das Schema des Verlaufs von links nach rechts, im Widerspruch zur Natur und zum kosmischen Gesetz, umzukehren, muss man die Stärke seines Willens schulen. Es handelt sich dabei um einen Aufstand gegen die Natur und die als göttlich angesehene Ordnung des Kosmos. In einer geradezu technischen Terminologie ausgedrückt, bewegt sich der Dakshinachara mit dem natürlichen Fluss und der Vamachara dagegen. Individuen, die „gegen den Strom schwimmen“, entwickeln und individuieren sich stärker in ihrem natürlichen Umfeld. Sie erreichen und behaupten Unabhängigkeit und Freiheit, und zuweilen streben sie sogar nach persönlicher Unsterblichkeit.
Man hat behauptet, dass das eigentliche Wesen des Tantrismus im Streben des so genannten Vamachara besteht und dass Begriff und Praxis des Dakshinachara erst später, nach einer Reform innerhalb des Tantrismus, eingeführt worden sind.8 Julius Evola bemerkt zu dieser Unterscheidung zwischen beiden Pfaden:
Der schöpferische und produktive Aspekt des kosmischen Prozesses wird durch die rechte Hand, die Farbe weiß und die beiden Göttinnen Uma und Gauri symbolisiert (in der Shakti als Prakashatmika, ‚die Helle und Offenbare’, erscheint). Der zweite Aspekt, derjenige von Abkehr und Umkehr (exitus, reditus), wird durch die linke Hand, die Farbe schwarz sowie durch die dunklen, destruktiven Göttinnen Durga und Kali ausgedrückt. Daher erfahren wir, gemäß dem Mahakala-Tantra, das Samsara, wenn sich linke und rechte Hand im Gleichgewicht befinden, aber wenn die rechte Hand obsiegt, finden wir die Befreiung.9
Eine weitere faszinierende Beschreibung der beiden Wege spiritueller Entwicklung im hinduistischen Kontext findet sich in der Unterscheidung zweier Richtungen, die die Seele auf ihrer Reise nach dem Tod einschlägt: Devayana ist der Weg der Devas (Götter), und Pitriyana ist der Weg der Pitris (Ahnen). Das Devayana ist der polare, vom Sommerhalbjahr bestimmte Weg, auf dem sich die Sonne Richtung Nordpol bewegt. Diejenigen, die sich nach dem Tod auf den Weg des Devayana begeben, sind erleuchtet, werden wie Götter und ihrem Willen entsprechend wiedergeboren. Wer hingegen das Pitriyana beschreitet – den äquatorialen Weg, den der Umlauf der Sonne im Winterhalbjahr beschreibt –, wird gemäß rein natürlicher Gesetzmäßigkeit, d. h. auf ewig nur in seinen reinkarnierten Ahnen, wiedergeboren.10
Alain Daniélou hebt hervor, dass der linkshändige Pfad mit einer „Tendenz zur Desintegration“ (tamas) einhergeht, die
die Kraft der Natur die Leidenschaften und Instinkte des Menschen verwendet, um mit deren Hilfe, die Welt der Sinne zu erobern […].
Dieser Weg führt unmittelbar aus dem Reich der Physik in das der Abstraktion, weil […] die absteigende Tendenz sich an beiden Grenzen der Erscheinungswelt zeigt. [Der linkshändige Pfad kann daher] Erotik und Trunkenheit als Mittel spirituellen Fortschreitens verwenden.11
Der linkshändige Pfad ist im Hinduismus eindeutig mit der Vorstellung einer Des-Integration (Trennung) sowie mit der Praxis des Antinomismus – gegen den Grundbestand der gesellschaftlichen Konventionen zu opponieren mit dem Ziel, spirituelle Macht zu erlangen – verbunden.
Mit den Sanskrit-Begriffen der indischen Schulsysteme gesprochen, sucht der rechtshändige Pfad eine Vereinigung oder Verbindung des Jivatman, des individuellen Selbst oder der Seele, mit dem Paramatman, der höchsten, allgemeinen Seele des Universums zu erlangen. Der linkshändige Pfad strebt lediglich danach, den Jivatman auszudifferenzieren: ihn zu entwickeln, in seiner Eigenart auszubilden und schließlich unsterblich zu machen, ohne je bewusst zu versuchen, ihn auf Dauer mit irgendetwas anderem zu vereinen.12
Von jemandem, der die Einheit mit seinem Jivatman erreicht erreicht habe, wird gesagt, er sei in den Zustand des Jivanmukti eingetreten, in einen Zustand individueller Befreiung. Die klassische Formulierung des Konzepts des Jivanmukti findet sich in einem Text aus dem vierzehnten Jahrhundert von Vidyaranya (gest. 1386), dem Jivanmuktiviveka.13 Womöglich wurde die Idee der „Befreiung schon während des Lebens“ der Sache nach bereits von Samkara (788 - 820) vertreten, und sie blieb ein wesentlicher Bestandteil in der Schule des Advaita Vedanta, der auf Samkaras Interpretationen der Upanishaden beruht. Der Trpti-dipika von Vidyaranya enthält auch Betrachtungen zum Leben von Jivanmuktas.
Der linkshändige Pfad im Hinduismus
Die bedeutendsten und erhellendsten Studien zur Spiritualität des linkshändigen Pfades im hinduistischen Kontext aus neuerer Zeit sind zweifellos die brillanten Darstellungen der Lehren des geheimnisvollen, mysteriösen indischen Weisen Vimalananda aus der Feder des amerikanischen Ayurveda-Meisters Robert Svoboda: Aghora: At the Left Hand of God (1986) und Aghora II: Kundalini (1993).
Allgemein formuliert, ist „Hinduismus“ die Bezeichnung für eine Vielfalt religiöser Schulen, die alle auf die antike arische Tradition zurückgehen, wie sie letztlich in den Veden verwurzelt ist. Es gibt Hunderte von Schulen innerhalb des Hinduismus. Oftmals formulieren sie völlig entgegengesetzte Antworten auf das, was sie für die wesentlichen Fragen halten. Es gibt aber einige Punkte, in denen die meisten dieser Schulen im Großen und Ganzen übereinstimmen:
1. Die Veden enthalten unfehlbare Weisheit.
2. Die Seele (Atman) ist real existent und unsterblich.
3. Die Seele unterliegt dem Prozeß kontinuierlicher Wiedergeburt (Samsara).
4. Dieses Wiedergeborenwerden ist gleichbedeutend mit Leiden.
5. Die Ursache der Wiedergeburt sowie des Leidens ist das Handeln (Karman).
Das Ziel des orthodoxen Hinduismus besteht im Beenden der Wiedergeburten und/oder in der Vereinigung mit dem universalen Absoluten.14 Diese Vereinigung mit dem Absoluten wird als Befreiung bezeichnet (Moksha oder Mukti). Abgesehen von der Übereinstimmung in diesen allgemeinen Prinzipien, sind die Methoden, die verwendet werden, um dieses Ziel zu erreichen, in den verschiedenen hinduistischen Schulen sehr unterschiedlich.
Die größten Sekten innerhalb des Hinduismus sind die Vishnuiten sowie die Shivaiten (die sich von ihrer Verehrung Vishnus bzw. Shivas herleiten). Diese Hauptsekten unterteilen sich in Hunderte von Untergruppen. Auf einer äußersten Seite des hinduistischen Spektrums stehen die philosophischen Schulen, die sich vor allem in der Kaste der Brahmanen finden. Das andere Extrem bilden die tantrischen Kulte. Diese sind selten strikt vedisch und oft antibrahmanisch ausgerichtet. Es wäre allerdings ein großes Missverständnis anzunehmen, dass alle tantrischen Sekten den linkshändigen Pfad beschreiten.
Man kann sagen, dass es seit dem Aufstieg des Buddhismus (an der Wende vom sechsten zum fünften Jahrhundert v.u. Z.) offen häretische Schulen im Hinduismus gibt. Häresie als solche kann erst in einer Religion mit einer starken fixierten Dogmatik zu einem „Problem“ werden. Der Hinduismus ist seit seiner prähistorischen Entstehung aus der vedischen Religion bemerkenswert frei von solchen Dogmen. Es ist daher möglich, dass die Schulen und Philosophien ein derart breites Spektrum von Weltanschauungen innerhalb des Hinduismus bilden können, wie wir es dort finden, und dass auch das, was wir den linkshändigen Pfad nennen, auf dem Boden des Hinduismus geduldet werden kann, ohne dass es „orthodox“ sein müsste.
Diese Toleranz des linkshändigen Pfades entstammt keiner bewusst vertretenen oder legitimierten moralischen „Fairness“, sondern ergibt sich daraus, dass die ursprüngliche Vielheit der spirituellen Wege, die dem archaischen indoeuropäischen Denksystem innewohnte, in beiden indischen Traditionen, in Hinduismus und Buddhismus, erhalten geblieben ist. Wenn das Ideal ein vielfarbiges Spektrum an möglichen Variationen von links nach rechts und von oben nach unten ist, dann fehlt es am Eifer, ein stark dualistisches Denken in Gegensätzen von schwarz und weiß auszubilden. Man denkt dann üblicherweise nicht in Begriffen von „dies oder jenes“, sondern eher „dies und jenes“. In einem solchen System hat ein energischer Sinn für die Schichten der Wirklichkeit und der Bedeutungen überlebt. Dieser unterschwellige Sinn fördert eine systemische Toleranz nachhaltiger als jede andere, die dogmatisch oder juristisch vertreten wird. Freilich heißt das nicht, dass orthodoxe Anhänger des rechtshändigen Pfades typischerweise meinen würden, der linkshändige Pfad sei genauso gut wie ihr eigener. Auch hier wohnt dem rechtshändigen Pfad eine Tendenz inne, in Begriffen von „entweder/oder“ zu denken, weshalb der Orthodoxe von den Praktikern des linkshändigen Pfades (oder von jedem anderen Weg, der von dem seinen abweicht) gewöhnlich denkt, dass sie „falsch“ liegen oder wenigstens teilweise irren: Explizit wird etwa im Vaikhanasasmarta Sutra (aus dem vierten Jahrhundert u. Z.) von den Visaragas behauptet, dass sie „den falschen Weg gehen.“15
Innerhalb des Hinduismus (wie überall) kann der linkshändige Pfad zum einen im Hinblick auf seine Zielsetzung, zum anderen bezüglich seiner Techniken und Methoden untersucht werden. Gemäß einigen erklärten Praktizierenden des Vamamarga (linker Weg) ist das endgültige Ziel des linkshändigen Pfades dasselbe wie im rechtshändigen. Man sagt, dass es zwei Wege seien, die zum selben Ziel führen. Aber es hängt doch immer mit der Perspektive des jeweiligen Sprechers zusammen, von welcher Art dieses Ende sein soll.
Streng genommen, besteht im Hinduismus das Ziel des Praktizierenden des linkshändigen Pfades (Vamamarga) in der Einheit des einzelnen mit seiner individuellen Seele (Jivatman) sowie in der fortdauernden Unabhängigkeit dieses verwirklichten Jivatman von der universalen oder höchsten Seele (Paramatman).16 Man kann es auch so formulieren, dass der Anhänger des Vamamarga versucht, sein individuelles Selbst (Atman) – die persönliche Gottheit – zu aktualisieren und sodann die Unabhängigkeit und Freiheit dieses individuierten Selbst auch in Zukunft zu behaupten.
Insgesamt ist dies, historisch betrachtet, nicht weit von den archaischen indoeuropäischen Glaubensvorstellungen entfernt, nach denen Menschen zu Gottheiten werden konnten, wenn sie ein heroisches oder magisch inspiriertes Leben geführt haben. Die Metaphysik blieb dieselbe, die sie immer war; lediglich eine Um- oder Neubewertung wurde vorgenommen, die auf einer veränderten Auffassung des Lebens als Kampf, als Sieg oder Niederlage, beruht. Während die Urväter in ihm eine ruhmvolle Daseinsfülle erkannten, die sie bis in alle Ewigkeit fortsetzen wollten, sahen die „Reformer“ des Hinduismus wie des Buddhismus das Leben, den „Kreislauf des Werdens“ (Samsara), als „leidhaft“ an.
Neben anderen hat namentlich Julius Evola bemerkt, dass die Tantras durchaus an die ältesten Traditionen der Veden, wie sie im vedischen Zeitalter selbst verstanden wurden, anknüpfen:
Es folgt aus dieser [tätigen] Weltsicht, dass ein Teil des Geistes der frühen vedischen Zeit, trotz aller Veränderungen, in den Tantras lebendig blieb. In der damaligen Zeit lebten die Menschen nicht als Asketen; sie rangen mit der Welt und mit Samsara, fühlten sich jedoch eher von freien, unbeschränkten Kräften durchdrungen, kämpften gemeinsam mit den verschiedenen Göttern und übernatürlichen Mächten und waren von einer kosmischen, triumphierenden Freude erfüllt.17
Der linkshändige Pfad im Rahmen des Tantrismus
Da die Unterscheidung von Dakshinachara und Vamachara verhältnismäßig spät in der Geschichte des Hinduismus vorgenommen wurde – sie geht womöglich nicht weiter als tausend oder fünfzehnhundert Jahre zurück –, reichen die hinduistischen Schulen, von denen zu Recht gesagt werden kann, dass sie dem Vamamarga angehören, streng genommen nicht bis in die ältesten Schichten der historischen Religion des Veda zurück. Wie wir gesehen haben, entstammt der terminus technicus „linkshändiger Pfad“ eigentlich dem hinduistischen Tantrismus. In der globalen Sichtweise, die ich hier einnehme, muss der linkshändige Pfad allerdings nicht allein auf die tantrischen Sekten beschränkt werden. Gleichwohl finden Untersuchungen des linkshändigen Pfades fast wie von selbst innerhalb des Rahmens des Tantrismus statt.18
Einige tantrische Texte unterscheiden sieben „Pfade“ oder „Wege“ (Skt. Acharas). Sie unterteilen sich in den „rechten Pfad“ (Dakshinachara), in den „linken Pfad“ (Vamachara) sowie in manche weiteren Wege, die zwischen diesen beiden verlaufen.19

Abb. 2.2. Sieben tantrische Pfade
Man sagt, dass jemand in einen der Dakshinacharas hineingeboren werde, demgegenüber aber in jeden der Vamacharas initiiert werden müsse.20 Dies steht zweifellos mit den charakteristischen außernatürlichen Tendenzen im Zusammenhang, die überall auf dem linkshändigen Pfad angetroffen werden. Im Wesentlichen dem Weg zu folgen, der durch die Natur, mit der Geburt, vorgezeichnet ist, heißt, mit äußeren Umständen übereinzustimmen. Gegen sein Schicksal aufzubegehren – bewusst und selbständig zu bestimmen, welches der eigene Weg sein soll –, stellt hingegen eine Ausbildung der Fähigkeit dar, mit der sich der Initiierte aus seiner Umwelt löst.
Die drei Stufen der Initiation bei der Ausübung des Vamachara sind:
1. Pashu
2. Vira
3. Divya
Der Pashu ist der „Gefesselte“. Es handelt sich bei ihm um die nichtinitiierte individuelle Seele. Der Pashu verwandelt sich selbst, durch die Kraft seines eigenen Willens, in einen Vira, einen „Helden“ oder „Krieger“. Zu erkennen ist ein Vira an seinem Mut, seiner Freundlichkeit, Klugheit und Regsamkeit. Wenn jemand die Stufe des Vira erreicht hat, ist er fähig, entweder zu einem Dakshinachara oder zu einem Vamachara initiiert zu werden. Wenn er den rechtshändigen Pfad einschlägt, wird er bhakti (Hingabe) pflegen und/oder jnana (Wissen) erwerben, aber auf dem Vamachara-Weg wird er außerdem noch shakti-mantra (besondere geistige Kräfte) entwickeln und das panchatattva (die fünf Elemente) studieren. Die beiden letzteren sind Verbindungen aus Theorie und Praxis, die auch sexuelle Rituale einschließen. Der Geweihte erreicht einen göttlichen (divya) Zustand, wenn alle diese Fähigkeiten „so sehr Bestandteil seines Wesens geworden sind, dass sie von diesem nicht mehr getrennt werden können.“21
Eine andere Weise, die verschiedenen „Pfade“ einzuordnen, besteht in der Ansicht, dass der Weg der Veden, Vaishnava, und Shaiva dem Pashu bestimmt sind, dass Dakshinachara und Vamachara für Viras gelten und schließlich Siddhanta und Kaula den Divyas des linkshändigen Pfades offenstehen, obwohl der Kaulachara symbolisch auch von Eingeweihten des rechtshändigen Pfades praktiziert werden kann (siehe Abb. 2.3).22

Abb. 2.3. Die Pfade der hinduistischen Schulen
Das Kulavana-Tantra unterteilt die Viras des Vamachara in verschiedene Kategorien bzw. Stufen:23
1. Kshatriyas (charakterisiert durch Mut und Furchtlosigkeit)
2. Siddhas (die einen Zustand der Vollendung erreicht haben und als „geweiht“ bezeichnet werden können)
3. Kaulas (deren „Recht“ alle anderen Gesetze übersteigt)
Vimalananda bezeichnet mit dem Wort „Siddha“ jemanden, „der als Ergebnis seiner sadhana [spirituelle Praxis] Unsterblichkeit und übernatürliche Kräfte erreicht hat.“24
Hinsichtlich der Kaulas bemerkt Evola:
Nichts ist dem Kaula sowie denjenigen, die den Zustand eines wahrhaften Siddha-Vira erreicht haben, verboten, da sie einfach sind und wissen. Sie sind Herren ihrer Leidenschaften und gänzlich von Shakti [Macht] durchdrungen. Wie der höchste Shakti oder Parashakti über und jenseits von allen Gegensätzen steht, so lebt der Kaula jenseits von Gut und Böse, Ehre und Schande, Verdienst und Sünde und allen anderen Werten, die von gewöhnlichen Menschen, sogenannten Pashus, hochgeschätzt werden.25
Shakti (Macht) wird oft damit gleichgesetzt, „absolut frei“ zu sein, und in demselben Zusammenhang wird der Kaula svecchakari („jemand, der/die tun kann, was ihm/ihr beliebt“) genannt. Pashus oder andere Alltagsmenschen werden die Kaulas wegen ihres Verhaltens oder allein schon wegen ihrer Anwesenheit oftmals fürchten, meiden oder verfluchen.26
Einer der bezeichnendsten Unterschiede zwischen den beiden tantrischen Pfaden – obwohl sie beide unter der Herrschaft Shivas stehen –, liegt darin, dass der Adept auf dem rechtshändigen Pfad immer, selbst auf der höchsten Stufe seiner Verwirklichung, „etwas über ihm Stehendes“ anerkennt. Im Gegensatz dazu wird der Eingeweihte auf dem linkshändigen Pfad selbst die „höchste Autorität“ [Chakravartin, der „Weltherrscher“].27
In einem eher allgemeinen Sinn, der strukturell auf die menschlichen Existenzstufen verweist, die der italienische neuplatonische Philosoph Pico della Mirandola beschreibt (siehe Kap. 6 dieses Buches), legt Vimalananda die drei Seinszustände dar, in denen die verschiedenen Menschentypen existieren können: als Khara („Esel“), Nara („Mensch“) oder als Narayana („Gott selbst“). Vom Khara wird gesagt, dass er „nur an die drei untersten Chakras glaube“ (= an Essen, Fortpflanzen und Ausscheiden); sein Reich ist Abhibhautika (das Weltliche). Dem Nara oder „wahren Menschen“ wird immerhin zugesprochen, dass er im Bereich der drei oberen Chakras lebe. Weiterhin wird angenommen, dass zu jeder Zeit nur sehr wenige Naras in der Welt leben. Ihr Reich ist dasjenige des Adhyatmika (das Spirituelle). Nur ein Nara kann zu einem Narayana werden, was, von der spirituellen Technik her, dadurch geschehen soll, dass er Zugang zu den geheimen Chakras in seinem Kopfe findet. (Unten wird dies näher behandelt.) Das Reich, in dem der Narayana lebt, wird Adhidaivika (das „Astrale“) genannt.28
Vamacharins bzw. Praktizierende des linkshändigen Pfades sind gewöhnlich unter den Sekten zu finden, die dem Dienst der Götter Ganesha, Rudra, Vishnu, Shiva, Svayambhu, Veda, Bhairava, Ksetrapala, China, Kapalika, Pashupata, Bauddha, Kerala, Vira-Vaishnava, Sambhava, Chandra und Aghora verpflichtet sind oder den Göttinnen Kali, Tara, Sundari, Bharavi, Chinnamasta, Matangi und Vagala dienen. Es ist immer wichtig, im Auge zu behalten, dass der linkshändige wie der rechtshändige Pfad hier eher Methoden oder Zugangsweisen als Schulen sind, die an und für sich bestehen.
Methoden des linkshändigen Pfades im Hinduismus
Obwohl Vamacharins in all den verschiedenen, soeben erwähnten Kultgemeinschaften angetroffen werden können, ist es grundsätzlich die Verehrung der Göttin, in der Gestalt einer menschlichen Frau oder in Form weiblicher Symbole, durch die der männliche Vamacharin den linkshändigen Pfad praktiziert. Abgesehen von der Bedeutung „links“ steht das Sanskritwort vama auch für „Frau“ oder „Göttin“.29 Dahinter verbirgt sich die eigentliche Bedeutung, dass sowohl die Göttin als auch die Frau als Verkörperungen von Shakti (Macht) angesehen werden.30 Es ist, zumal aus einer männlichen Perspektive, einleuchtend, dass das Wesen eines Vamachara in der vollständigen Verwandlung des initiierten Menschen in etwas Übermenschliches und einem Gott (oder einer Göttin) Gleiches besteht. Dies gehört zu den Ursachen für die große Bedeutung des Antinomismus (der Zurückweisung aller Arten von Vorschriften) für die Verfahrensweisen aller östlichen Ausprägungen des linkshändigen Pfades.
Ein häufig übersehener Aspekt sowohl des Individualismus als auch des Antinomismus der indischen Systeme des linkshändigen Pfades verbirgt sich in den Lehren des Hatha Yoga. Das Sanskritwort hatha bedeutet „Kraft“ oder „mühsame Anstrengung“, weshalb es dazu verwendet wurde, solche yogischen Methoden zu bezeichnen, die sich vor allem des menschlichen Körpers als physisches Vehikel bedienen.31 Von der Übung des reinen Hatha Yoga wird gesagt, dass sie Jivanmukti hervorbringen und dem individuellen Dasein Unsterblichkeit verschaffen könne, indem „alle psychophysischen Energien“ aktiviert würden.32 In den Upanischaden heißt es, „jeder Gott ist hier, im Körper, eingeschlossen“, und auch die Tantras schätzen Körperlichkeit und individuelle Existenz hoch: „Shiva ist Sadashiva [= Shiva als reines „Sein“ betrachtet]33.“ Die Tantras zeigen, wie das Vedische Zeitalter, keine Verachtung des Körpers – im Gegenteil wird sowohl sein Genuß als auch seine Ergründung zwecks Enthüllung der in ihm verborgenen Geheimnisse hervorgehoben.34
Von außen gesehen besteht einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den Methoden des Dakshinamarga und des Vamamarga darin, dass der Dakshinacharin seine „Verehrung mit Hilfe eines Ersatzes“ ausübt, während der Vamacharin das anderenfalls nur Symbolische real praktiziert. Es kann vorkommen, dass er an Grausamkeiten und anderen Abirrungen von den sozialen und religiösen Normen als einem Weg teilhat, sich selbst völlig außerhalb der profanen Gesellschaft zu platzieren. Dadurch wird er von den Fesseln und Tabus der Gesellschaft befreit und befreit sich damit zugleich auch von den spirituellen Fesseln.35 (Man bedenke die virtuelle Identität von spiritueller und sozialer Ordnung, wie sie im indischen Kastensystem zum Ausdruck kommt!) Die Verfahrensweisen des linkshändigen Pfades scheinen die bei weitem archaischeren zu sein.36
Eines der Hauptprinzipien der Praxis des linkshändigen Pfades liegt darin, Befreiung (hier „Yoga“ genannt) anzustreben und dennoch die Fähigkeit, Freude (Bhoga) zu empfinden, zu behalten. Die Methode, die dies ermöglicht, impliziert die Identifikation (Smadhi) des individuellen Selbst mit einem höheren Selbst während eines Glückszustandes (Bhoga).37 Im Kularnava Samhita (5.219) heißt es dazu: „Durch Freude erwirkt jemand Befreiung; Freude ist das Mittel, den höchsten Wohnsitz zu erlangen. Der Weise, der [den Geist] zu erobern verlangt, sollte daher alle Freuden erfahren.“38
Vimalananda deutet auf einen Grund hin, weshalb sich der Anhänger des linkshändigen Pfades nicht mit einer Gottheit außerhalb seiner selbst identifiziert: Es liegt einfach daran, dass er das Göttliche und die Anwesenheit in seiner Nähe so sehr liebt, dass er seine Gedanken und Gefühle kontrolliert, um die Wirklichkeit dieser „Gemeinschaft mit dem Geliebten“ besser genießen zu können.39
Wer dem Vamamarga folgt, wird möglicherweise völlig die Methoden und Rituale des Dakshinamarga als unnütz oder ohne jede Hilfe für die geistige Entwicklung zurückweisen. Vielleicht wird er die Verehrung seiner Gottheit tagsüber auf traditionelle Weise fortsetzen und in der Nacht die Riten des Vamachara praktizieren. Nächtliche Kultpraktiken sind oft Kennzeichen antinomistischer Schulen.
Vimalananda unterscheidet zwischen zwei „Wegen“: dem Weg des Jnana (Wissen) und dem des Bhakti (Andacht). Wenn ein Schüler dem Weg des Jnana folgt, trennt er sich, wie man sagt, von seinem gewöhnlichen Körper und vereinigt sich selbst mit seinem „kausalen Körper“; von diesem Zeitpunkt an befolgt man die Weisungen (Adesha) eines inneren Guru. Wenn man andererseits den Bhakti-Weg geht, behält man die kontinuierliche Hingabe an ein Wesen bei, das außerhalb seiner selbst wahrgenommen wird. Hinsichtlich der Frage nach der Einheit mit einer Gottheit (in diesem Fall Krishna) sagt Vimalananda: „Aber die meisten Verehrer Krishnas wollen sich niemals mit ihm vereinigen; sie wünschen allesamt ihre eigenen Identitäten zu behalten, um seine Süßigkeit immer und immer wieder, für immer und ewig, zu schmecken.“40
Mit Bezug auf die Perspektive des linkshändigen Pfades fügt Svoboda hinzu, dass „man auf dem Weg des Jnana selbst Shiva wird, während man ihn auf dem Weg des Bhakti nur verehrt, aber von ihm unterschieden bleibt.“41 Diese Differenzierung ist von großer Bedeutung und sollte genau verstanden werden. Sie scheint für den linkshändigen Pfad von universeller Geltung zu sein. Auf dem Weg des Jnana verwandelt sich der Praktizierende selbst in ein Wesen von göttlicher Art, ohne seine eigene individuelle Existenz zu heiligen, während der Anhänger des linkshändigen Bhakti-Pfades danach strebt, seinem göttlichen Gegenüber nahe zu kommen und in der Gegenwart dieser Gottheit zu leben, ohne sich mit ihr zu vereinigen.42
Antinomismus findet sich in vielen Schulrichtungen des linkshändigen Pfades überall auf der Welt. In jeder Schule haben Philosophie und Praxis ihren eigenen Seinsgrund, aber allen liegt das Gebot des linkshändigen Pfades zugrunde, sowohl das eigene Selbst als auch die eigene Welt zu verwandeln. Um etwas zu verwandeln, muss man seine alte Form erst auflösen, bevor man ihm seine neue, gewünschte Gestalt geben kann. Um etwas zu re-konstruieren, muss es zunächst de-konstruiert werden. Diese postmoderne Auffassung ist in Wahrheit ziemlich alt.
Im Hinblick auf Antinomismus und den Tantrismus des linkshändigen Pfades stellt der französische Indologe Louis Renou fest: „Wir beobachten eine Umkehr normaler Andacht und normaler ethischer Grundsätze. Die Tatsache, dass dergleichen nun Gegenstand religiöser „Verehrung“ ist, zeigt eindeutig, dass eine Schwelle überschritten wurde, bis zu welcher jene Dinge als sündhaft wahrgenommen wurden.“43 Daher finden Gegenstände oder Praktiken, die bei einem orthodoxen Hindu (Dakshinachara) gewöhnlich Scham, Hass oder Furcht hervorrufen würden, bereitwillige Huldigung und werden mit einer sublimierten Aura der Heiligkeit versehen, um die sogenannten drei Knoten Scham, Hass und Furcht zu lösen. „Das grundlegende Prinzip des linkshändigen Pfades besteht darin, dass ein spiritueller Fortschritt nicht durch die falsche Verdrängung unserer Begierden und Leidenschaften zu erzielen ist, sondern durch eine Läuterung dieser starken Triebe, die uns überwältigen können, zu Mitteln der Befreiung.“44
Nach Daniélou unterrichtet uns das Kularnava-Tantra darüber, dass „der Herr der Tränen (Rudra) in den Lehren des linkshändigen Pfades dargelegt hat, inwiefern spirituelle Entwicklung am besten durch solche Mittel erreicht werden kann, die den Untergang des Menschlichen bewirken.“45
In seiner Erörterung des Kulavana Tantra weist Evola darauf hin, dass die Arbeit eines Vira auf seinem Weg, ein Divya zu werden, in der Reinigung seines Willens besteht (Icchashuddhi). Diese Reinheit wird als nackt, transzendent, fähig zur Selbstbestimmung, jenseits aller einander entgegengerichteten Werte und Gegensatzpaare charakterisiert. Während der Ausübung von Icchashuddhi sollen die folgenden acht Fesseln systematisch zerrissen werden: daya (Sympathie), moha (Täuschung), lajja (Scham oder der Begriff von Sünde), bhaya (Furcht), ghrina (Abscheu), kula (Familie, Verwandtschaft, Clan), varna (Kaste) und sila (gewohnte Sitten und Anschauungen).46 In dem Maße, in dem diese Fesseln abgeworfen werden, wächst die Freiheit des Vira.
Wie wir später in Kapitel 9 sehen werden, weist diese Technik des Icchashuddhi in vielerlei Hinsicht auf Anton LaVeys Weisung an seine Anhänger voraus, den „sieben Todsünden“ des Christentums zu frönen: Habgier, Stolz, Neid, Zorn, Völlerei, Begierde und Faulheit – um sich dadurch selbst ganz ähnlich von den Prägungen der modernen westlichen Zivilisation zu befreien.47
Der Grund, warum solche Techniken als effektiv für die Praxis des Hinduismus angesehen werden, liegt zum Teil darin, dass wir heute in dem als Kali Yuga bezeichneten Zeitalter leben: in einer Epoche der Weltgeschichte, die durch Materialismus und fehlendes Interesse an spirituellen Angelegenheiten gekennzeichnet ist. In einem solchen Zeitalter „kann allein die Leidenschaft, wenn sie zielführend eingesetzt wird, Egoismus, Hochmut und schnöde Berechnung überwinden. Sie allein hat die Kraft, den Menschen aus den Fängen, die ihn an seine Neigungen und Überzeugungen fesseln, zu befreien.“48
Die eigentliche Bedeutung des Antinomismus liegt darin, inwiefern er sich auf die individuelle Seele (Jivatman) und deren Transformation in ein göttliches Wesen bezieht. Sie hängt mit der Einheit der Persönlichkeit mit ihrer personalen Göttlichkeit, dem Jivatman selbst, zusammen. Die Begrenzungen oder Fesseln schränken das Selbst (Jivat) sowohl innerlich als auch äußerlich ein. Eine Verbindung des Selbst mit dem Jivatman ist so lange unmöglich wie die acht Fesseln den Willen des Vira einengen.
Obwohl nichts davon im tantrischen Kontext mit schlichtem „Egoismus“ gleichzusetzen ist, kann ein Element eines „göttlichen Egoismus“ in der Lehre wahrgenommen werden, dass das westliche – rote und Vamadeva („linkshändige Gottheit“) genannte – Gesicht Shivas gleichgesetzt wird mit „Ichheit“, dem Ahamkara, das mit Feuer, Sicht und Tätigkeit assoziiert wird.49
Ein solcher radikaler Individualismus ist für den linkshändigen Pfad charakteristisch. Svoboda bemerkt, dass die Suchenden „versuchen sollen, ihren Drang nach Individuation von Maya [Bewusstlosigkeit/Objektivität] Richtung Chit [Bewusstsein/Subjektivität] zu leiten, “ und sich nicht erlauben dürfen, weiterhin mit dem Strom ihres Lebens oder dem des Lebens ihrer Nachbarn zu schwimmen.“50 Weiterhin stellt er fest: „Aghoris [Anhänger der linkshändigen Aghora-Tradition] gestatten sich niemals, eine passive Begrenzung ihrer äußeren Umgebung zu dulden; sie nehmen selbst die Begrenzungen vor und definieren dabei ihre Umgebung.“51 In gewisser Weise an das kosmo-psychologische System von G.I. Gurdjeff (das wir in Kapitel 8 behandeln) anknüpfend, behauptet Svoboda außerdem:
Wir alle sind Teile des Universums, wie es sich manifestiert, und sind seinen Gesetzen solange unterworfen, bis wir die Kraft entwickelt haben, uns selbst in anderen Begriffen neu zu definieren. Ein Tantriker strebt danach, sva-tantra (‚aus sich heraus gestaltend’), frei von allen Begrenzungen, einschließlich denen der eigenen Persönlichkeit, zu werden.52
Bemerkenswert ist der kreative Aspekt der Praktiken des linkshändigen Pfades in vielen Schulen auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit. Den linkshändigen Pfad zu gehen, heißt nicht einfach, ein „Programm“ festzulegen und diesem gemäß zu arbeiten. Auf dem Weg nach links verehrt man nicht einen Gott, sondern schafft Göttlichkeit aus einer subjektiven Perspektive. Hinsichtlich der Entwicklung der Lehren innerhalb der Aghora-Schule sagt Svoboda: „Vorschriften [sind] nicht in Steintafeln graviert, sondern in das Herz des jeweiligen Praktizierenden, der sie anwenden muss, um ein individuelles System hervorzubringen, indem er sich seine eigene spirituelle Nische meißelt.“53
Insbesondere für Männer schließt der Antinomismus den Drang nach der „Verehrung“ einer Göttin ein. Der Vamacharin huldigt der Göttin aber nicht einfach in der Gestalt einer Frau, sondern versucht selbst, eine Frau zu werden. Dies kann seine Wurzeln in einer historischen Entwicklungsstufe haben, auf der Männer die priesterliche Funktion von Frauen übernahmen und daher „Frauen werden“ mussten, um diese Aufgabe mit einer zeitlosen Autorität auszufüllen. Belege für diese Vermutung können in solchen Kultpraktiken gesehen werden, bei denen Priester anläßlich bestimmter Riten Frauenkleider tragen, oder in den Mythen und Legenden, die von Männern handeln, welche sich in Frauen verwandeln.54 Auf einer bestimmten geschichtlichen Stufe mag dies zutreffen; gleichwohl zeigt sich hier ein grundlegendes und ewiges, überzeitliches Prinzip, das sich in jenen Praktiken und Glaubensvorstellungen spiegeln mag. Gemäß der indischen (und möglicherweise auch der indoeuropäischen) Weisheit wird die „Struktur“ oder das Wesen eines subtilen oder spirituellen Körpers, der mit dem physischen Körper verbunden und in ihm enthalten ist, als weiblich angesehen (zumindest bei Männern). Mit anderen Worten: In jeder Person befindet sich eine spirituelle Wesenheit des entgegengesetzten Geschlechtes. (In der persischen Tradition kommt dieses Prinzip in Gestalt der Fravashis zum Ausdruck und in Skandinavien in den Fylgjur, Hamingjur usw. – nicht zu reden vom Begriff der Anima in der sehr einfühlsamen modernen Psychologie von C.G. Jung.) Wir können im indischen Denksystem auch zahlreiche technische Details kennenlernen, wie und warum dies so ist. Von den sieben größeren Padmas (Lotusblüten) oder Chakras (Rädern) wird gesagt, dass sie die sieben Wohnsitze des Weiblichen in jedem menschlichen Wesen seien: jeder von ihnen ist der Sitz einer Shakti (Kraft) von zweifellos weiblicher Natur.55 Indem er diese Shaktis erweckt und die Padmas oder Chakras (durch die Kraft des – ebenfalls weiblichen – Kundalini [Schlangenkraft]) aktiviert, verwandelt sich der Vamacharin allmählich (oder auch schnell) selbst in seine innere Göttin und „wird eine Frau“. Er unterzieht sich einer Transformation in sein „Gegenteil“.
Vor dem Hintergrund des linkshändigen Pfades benennt der Avhori-Weise Vimalananda das Ziel des Kundalini-Yoga als Wiedervereinigung von Shiva und Shakti, um Shiva in seiner ewigen Gestalt (als Sadashiva) wieder zu erschaffen: „Sadashivas linke Seite ist weiblich, und seine rechte Seite ist männlich; die beiden Prinzipien haben sich vereinigt, aber sie sind nicht ineinander übergegangen. Hätten sie sich vermischt, wäre dies das Ende des Spiels [Lila], und dies wäre durchaus keine Freude mehr.“56 Es ist hier mit Bedacht festzustellen, dass Vimalananda sehr genau zwischen Vereinigung [union] und Vermischung [merger] differenziert. Der Grund für seinen Wunsch, eine Vermischung beider Prinzipien letztlich zu vermeiden, liegt in der Freude, die er verlieren würde, wenn dies einträte.
Die wesentliche Grundlage dafür, dass die Kundalini-Shakti (Schlangenkraft) im Körper wachsen kann, liegt in der Fähigkeit, die gewöhnlichen oder üblichen (d. h. natürlichen) Strömungsmuster der körperlichen Kräfte umzukehren. Die Prana-Energie, die gewöhnlich aufwärts und in den Körper hinein fließt, wird veranlasst, abwärts und hinaus zu fließen, und die Apana-Energie, die normalerweise abwärts und/oder hinaus fließt, wird gezwungen, aufwärts oder hinaus zu strömen. Wenn beide sich, dem Paradigma ihres üblichen Fließens entgegenlaufend, treffen, beginnt Kundalini-Shakti zu entstehen, und man sagt, dass sie sich „küssen“. Es ist hier offenkundig, dass sich der „Antinomismus“ des tantrischen Systems auch in den Bereich einer esoterischen Psychologie erstreckt.
In der gewöhnlichen (rechtshändigen) Praxis des Kundalini-Yoga besteht das Ziel darin, das Sahasrara-Chakra über dem Kopf zu aktivieren. Aus der Perspektive des linkshändigen Pfades scheint der eigentliche Punkt aber lediglich darin zu liegen, die Schlangenkraft zum sechsten oder Ajna-Chakra („Kommandozentrum“) und von dort in die drei verborgenen Chakren zu leiten. Diese drei verborgenen Chakren Golata, Lalata und Lalana liegen tief in der Kehle am Zäpfchen bzw. am weichen Gaumen. Der Aghori oder Tantriker des linkshändigen Pfades will keinesfalls mit dem Sahasrara eins werden, in dem jede Unterscheidung zwischen diesem und jenem, „Ich“ und „Nicht-Ich“ oder „Ich“ und „Du“ aufhören würde, da es dann, wie Vimalananda sagen würde, keine Freude mehr gäbe.
Vamacharins sind auch noch gegenwärtig dafür bekannt, dass Praktiken pflegen, die von eher orthodoxen Dakshinacharins als schändlich angesehen werden. Von den Aghora-Sekten beispielsweise sind Akte der Nekrophilie und des Kannibalismus bekannt. Diese und andere Praktiken werden nicht um eines perversen Vergnügens willen begangen, sondern sie hängen eher mit tiefverwurzelten kulturellen und religiösen Tabus zusammen. Indem diese gebrochen und die Grenzen von Gut und Böse überschritten werden, erklimmt der Aghori neue Stufen der Kraft und der „Befreiung“ (von seinen menschlichen Beschränkungen).
Der Begriff „Aghora“ bezeichnet im literarischen Sinne den „Furchtlosen“, und diese Eigenschaft wird mit dem südlichen Antlitz des fünfgesichtigen Shiva gleichgesetzt. Dieses Gesicht ist von schwarzblauer Farbe und verkörpert das Prinzip des Intellekts (Buddhi Tattva) oder des ewigen Gesetzes (Dharma).57
Weiter verbreitet als diese extremen Ausprägungen sind freilich die gemäßigteren Praktiken der sexuellen Mystik. Viele von diesen sind dazu gedacht, sexuelle und andere gesellschaftliche Tabus oder auch solche der Ernährungsgewohnheiten zu überwinden. Das Wort „Tantra“ wird im Westen seit den ersten populären Behandlungen dieser Thematik in den sechziger und siebziger Jahren synonym mit „Sexualmagie“ verwendet. Zur tantrischen Tradition gehört weitaus mehr als Sexualmystik, aber vor allem die linkshändigen Tantriker üben tatsächlich sexuelle Rituale als Bestandteil ihrer Praktiken aus.58
Die wichtigste Form der Sexualmystik ist in einem Ritus enthalten, den man Panchamakara (fünf Ms) nennt. Er wird im Kalivilasa-Tantra (X-XI) beschrieben, aber dort wird die Warnung ausgesprochen, dass er nur mit initiierten Frauen praktiziert werden darf. Die „fünf Ms“ beziehen sich auf die fünf Elemente, aus denen dieses Ritual besteht und deren Sanskritnamen alle mit dem Buchstaben „M“ beginnen: Matsya (Fisch), Mamsa (Fleisch), Madya (berauschender Trank), Mudra (Getreide) und Maithuna (Geschlechtsverkehr).
Auf dem rechtshändigen Weg wird gewöhnlich auf einen Ersatz zurückgegriffen: auf Räucherwerk, Essen, Sandelholz, eine Lampe und Blumen. In jedem Fall aber besteht eine reguläre Korrespondenz zu den fünf klassischen hinduistischen Elementen oder Tattvas: Äther, Wasser, Erde, Feuer und Luft.
Bei einer typischen Übung des Panchamakara des linkshändigen Pfades werden die beiden Feiernden der vier essbaren Aspekte teilhaftig, bevor sie zu einer sexuellen Yoga-Praxis übergehen. Diese Elemente wurden als Aphrodisiaka beschrieben, und sie werden gewöhnlich als tabuisierte Substanzen angesehen (die aus orthodox-hinduistischer Perspektive generell als profan gelten), jedoch sakralisiert durch geistige Disziplin und tantrische Praktiken. Mit anderen Worten: Die in das Panchamakara einbezogenen Substanzen und Handlungen hält man gemeinhin für Mittel zur Fesselung und deshalb für alles andere als zur Befreiung geeignet, aber wer den linkshändigen Pfad beschreitet, verwendet diese Stoffe und Erfahrungen, um die Kundalini-Energie zu wecken, und wird nicht selbst von ihnen beherrscht.
Eine weitere bedeutsame Spielart der Sexualmagie ist ein als Chakra Puja („Feier im Kreis“) bekannter Ritus. Eine ganze Gruppe von Tantrikern nimmt dabei an einem sexuellen Ritual teil, bei dem sich Männer und Frauen durch Zufall paaren. Eine Weise, wie dies vonstatten geht, besteht darin, dass die Frauen ihre Gewänder in einen Korb (Choli) werfen, aus dem dann jeder der Männer ein Kleidungsstück herausnimmt. Die Frau, der das Kleid gehört, wird in der nächsten Nacht die rituelle Partnerin des jeweiligen Mannes werden – sei sie seine Ehefrau, Schwester, Mutter oder was immer. Die Teilnehmer sitzen alle im Kreis, wobei Männer und Frauen einander immer abwechseln und der Mann seine Partnerin stets zu seiner Linken hat. Möglicherweise liegt hierin der Ursprung des Begriffs „linkshändiger Pfad“; auf jeden Fall zeigt sich hier der Zusammenhang zwischen Frau und linker Seite. In der Mitte des Kreises befindet sich ein – meist sehr junges – Mädchen, das von dem Priester, der die Zeremonie leitet, Huldigungen erfährt. Das Ritual dauert mehrere Stunden und endet in einer gemeinsamen Panchamakara.59
Dieses und andere ähnliche tantrische Rituale dürfen nicht so einfach und oberflächlich interpretiert werden, wie es zunächst naheliegen könnte. Offenkundig liegt ein wichtiges Element ihres Funktionierens in der Idee des Antinomismus: in der Heiligung des Profanen. Aber der Aspekt erotischen Vergnügens, der deutlich aus fortgeschrittenen Praktiken spricht, scheint darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um ein durchgängiges Merkmal handelt. Das ursprüngliche Motiv einer magischen oder psychologischen Verwandlung mag in der Überwindung von Hemmungen und dem Bruch konventioneller Tabus gelegen haben, aber wenn dieses Stadium einmal überwunden ist, werden die Handlungen in einem neuen und resakralisierten Sinne fortgesetzt. Der Bruch verhältnismäßig leicht überwindbarer sexueller Tabus und Essverbote könnte auf die Praktiken weitaus extremerer Sekten verweisen, die erheblich stärkere Tabus zu brechen suchen. Einige dieser Sekten interpretieren die fünf M’s so, dass eigentlich Meha (Urin), Mamsa (Menschenfleisch), Mala (Ausscheidungen), Medha (Saft, d. h. Blut) und Mehana (Penis, d. h. hier Samen) gemeint seien. Es gibt andere, die – gleichsam als entgegengesetztes Extrem, der beiden Pole oder Schulen innerhalb des linkshändigen Pfades entsprechend – die „fünf Grundlagen“ (Panchatattvas) nicht als fleischliche Realitäten, sondern als spirituelle Symbole auffassen. Stets aber scheint das verbindende Moment die Idee einer nietzscheanischen „Umwertung aller Werte“ zu sein. Grenzen werden überschritten, soziales und psychologisches Chaos wird erzeugt, aus dem eine neue und erneuerte, verwandelte und wiederbelebte Ordnung, dem Willen des Tantrikers gemäß, erwachsen soll.
Allgemein heißt es, der Tantriker des linkshändigen Pfades sei in der Lage, Gifte – vielleicht symbolisch für Substanzen gesehen, die sich hemmend auf die Befreiung auswirken – zu sich zu nehmen und damit durchweg heilsame Ergebnisse zu erzielen. Dieses wurde dadurch möglich, dass der Tantriker zu [einem] Shiva geworden ist, das heißt, dass er sein wirkliches Selbst oder seine Seele verwirklicht hat und nun Shivas Kraft besitzt, alles, was er zu sich nimmt, in amrita umzuwandeln (den heiligen Nektar der Unsterblichkeit oder des Nicht-Todes).60 Das magische Prinzip, jedwede Substanz oder Erfahrung so zu transformieren oder zu „reinigen“, dass sie den Zwecken und dem reinen Willen des Magiers dient, ist typisch für alle Ebenen des linkshändigen Pfades.
Eine andere wichtige Vamachara-Technik, welche die Umkehrung von Normen oder natürlichen Neigungen beinhaltet, ist die Kontrolle des Samenflusses. Oberflächlich betrachtet, scheint diese nur eine von vielen magisch-technischen Übungen und damit für diese Untersuchung von untergeordneter Bedeutung zu sein. Doch das dahinter liegende Grundprinzip – wenn nicht gar die philosophische Perfektion oder wahrhaft gegenständliche Wirksamkeit – ist eine wichtige Aussage des linkshändigen Pfades.
Unter Tantrikern wird angenommen, dass sich im Sperma das Wesen von Shiva befindet,61 und dass sie unsterblich sind, so lange sie es einbehalten oder reabsorbieren können. In der esoterisch-tantrischen Philosophie ist es so konzipiert, dass die Samenflüssigkeit oder deren spirituelle Komponente (Skt. Bindu) ihren Ursprung im Kronenchakra Sahasrara hat und normaler- und natürlicherweise durch eine feine Arterie (Nadi) hinuntergeleitet und ausgestoßen wird, und schließlich verloren geht. Dieses wird als ein Verlust von Kraft, Selbstheit und Leben betrachtet.62
Daher wird es dem tantrischen Adepten zur Aufgabe, den natürlichen Prozess gewissermaßen umzukehren mit dem Ziel, diese spirituelle Substanz zu erhalten und zu reabsorbieren. So wird der Tantriker die Ejakulation aufhalten, um das Bindu in die entgegengesetzte Richtung nach oben zur Krone des Kopfes zu leiten, wo es die Selbstheit nährt und zur Unsterblichkeit befähigt. Alternativ kann der gleiche Effekt erzielt werden, wenn die Samenflüssigkeit in die Yoni (Vulva) ejakuliert und dann wieder durch den Penis in die feine Nadi hochgezogen wird bis zum Kronenchakra. Ebenso ist es möglich, das „gefallene“ Bindu oral aufzunehmen.63 Ähnliche Vorstellungen hatten möglicherweise bestimmte gnostische Sekten (siehe Kap. 4), bei denen oft die Rede war von „der Kraft, den Fluss des Jordan umzukehren“.64
Die Bedeutung wirklicher Verehrung der Shakti in Gestalt des weiblichen Geschlechts und der physischen Vulva im hinduistischen Tantrismus könnte erklären, warum Praktiken, die den Ausstoß von Samenflüssigkeit und deren Mischung mit weiblichen Ausströmungen beinhalten, bevor es zu Resorption kommt, hier gängiger sind als im buddhistischen Tantrismus.65
Was an dieser Stelle wichtig ist, ist die Methode des linkshändigen Pfades oder das philosophische Modell der Umkehr natürlicher Prozesse durch die Kraft des Willens und des Bewusstseins. Durch die Fähigkeit, natürliche Fließrichtungen – seien diese subjektiv (im Körper) oder objektiv (in der Welt) – umzukehren, demonstrieren oder trainieren Praktizierende des linkshändigen Pfades ihre Unabhängigkeit vom natürlichen Universum. Damit begründen sie, was in ihrer Individualität göttlich ist (Jivatman). Dies scheint die philosophische und magische Kernaussage zu sein, die dem tantrischen Samenkult zugrunde liegt.
Das Konzept von der souveränen Macht eines „Herrn“ stimmt in hohem Maße mit der Hindu-Terminologie bezüglich jener überein, die Mahapurushas oder „große Seelen“ genannt werden. Von diesen existieren vier aufsteigende Grade oder Ebenen der Kraft: Siddha („ein Unsterblicher mit besonderen Fähigkeiten“), Nath (Meister), Muni oder Mauni (Schweigsamer) und Rishi (Seher).66
Der Weg des Vamamarga scheint ein Weg zu sein, der mit den archaischsten Wurzeln des Hinduismus übereinstimmt und der folgerichtig aus bestimmten Aspekten des indoeuropäischen Denkens erwachsen ist. Die Entwicklung des individuellen Selbst (Jivatman) bis zu einer göttlichen Ebene – und die Behauptung dieser Seinsstufe für alle Ewigkeit, ohne je nach einer endgültigen Befreiung vom individuellen Selbst oder einem vollständigen Aufgehen im universellen Selbst (Paramatman oder Brahman) zu streben –, ist das klare Ziel indoeuropäischen Denkens in seiner ursprünglichen Lebendigkeit.
Der linkshändige Pfad im Buddhismus
Die Position des linkshändigen Pfades im Buddhismus ist eher philosophischparadox, aber in Tat und Praxis ähnlich verbreitet wie im Hinduismus. Das Paradoxe an der buddhistischen Variante des linkshändigen Pfades besteht darin, dass dieser auf der Voraussetzung gründet, dass es kein individuelles Selbst gibt und die Idee eines Selbst eine vom Geist erschaffene Illusion ist. Der Hindu glaubt hingegen, dass ein Selbst existiert, wie auch die Götter und Göttinnen existieren. Die Buddhisten weisen diese Behauptungen zurück, ebenso wie sie die ultimative Gültigkeit der Veden bestreiten; dies sind wohl auch die Hauptgründe dafür, dass die Buddhisten in Indien als Häretiker verfemt sind. Ursprünglich war der Buddhismus nicht so sehr eine Religion, sondern eher eine Methode oder Technik der „Erleuchtung“, um den Zustand des Nirwana zu erreichen. Im Laufe der Geschichte sind viele Elemente in die buddhistische Methodik eingegangen, als sie sich verschiedenen regionalen Kulten und gesellschaftlichen Bedingungen in ganz Asien anglich.
Der historische Siddharta Gautama, der „Buddha“ („Der Erwachte“) genannt wurde, verstarb 544 v.u. Z. Er war ein indischer (arischer) Prinz eines Stammes der Kshatriya (Kriegerkaste), der paradoxerweise einen brahmanischen Namen trug: Gautama, „Abkömmling des Weisen Gotama“. Siddharta begründete eine tief greifende Lehre, um zur Erleuchtung zu gelangen. Diese Lehre basiert auf den so genannten Vier Edlen Wahrheiten:
1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll (Pali Dukka).
2. Ursache des Leidens ist die Begierde (Pali Tanha).
3. Das Leiden kann durch „Auslöschung der Begierde“ beendet werden (Pali Nibbana, Skt. Nirvana).
4. Zur „Auslöschung der Begierde“ führt der Edle Achtfache Pfad (Pali ariya).
Der Edle Achtfache Pfad umfasst folgende Grundprinzipien: rechtes Verstehen, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebensunterhalt, rechtes Streben, rechte Achtsamkeit (Kontemplation), rechte Sammlung (Einsgerichtetheit des Geistes). Durch das Beschreiten des Achtfachen Pfades erlangt der Praktizierende den erwachten Zustand der Buddhaschaft.
Der Buddhismus ist auf dieser Ebene eine hoch entwickelte und komplexe Lehre, die den rechtshändigen Pfad versinnbildlicht. Ihr Ursprung ist leicht zu verstehen, wenn man die erste der Vier Edlen Wahrheiten analysiert. In einer Kausalkette ist das Leid der Ignoranz gleichgesetzt; diese verursacht Einbildung; Einbildung bewirkt Selbst-Bewusstsein, welches wiederum die Verkörperung der Existenz verursacht, durch welche die Sinne entstehen, die Wahrnehmungen hervorrufen. Wahrnehmungen bewirken Emotionen; Emotionen rufen Begierden (Tanha) hervor; diese erzeugen Anhaftung (an die begehrten Dinge); Anhaftung führt zum Werden, und Werden führt zur Wiedergeburt – dem Urphänomen, das sowohl in der hinduistischen als auch in der buddhistischen Tradition mit Leiden gleichgesetzt wird. Die Ignoranz, welche die ganze Kette in Bewegung setzte, wird mit einer Ignoranz gegenüber der Natur des Universums gleichgesetzt, die voller Leid (Dukka), Instabilität oder Werden (Anicca) sowie „Nichtvorhandensein von Selbst“ (Anatta) ist. Wären die Buddhisten diesen fundamentalen philosophischen Standpunkten treu geblieben, könnte von einem buddhistischen linkshändigen Pfad keine Rede sein.
Die am meisten „orthodoxe“ – oder einfachste – buddhistische Schule wird als Theravada („Schule der Ältesten“) bezeichnet und ist am stärksten im südlichen Buddhismus in Sri Lanka und in Südostasien vertreten. Doch um das erste und zweite Jahrhundert begannen gelehrte Mönche, eine stärker esoterische Tradition zu entwickeln, die als Mahayana („Großes Fahrzeug“) bekannt wurde. In diesem Kontext wird Theravada oft als Hinayana („Kleines Fahrzeug“) bezeichnet. Mahayana-Buddhismus herrscht vor allem im Norden vor: in Tibet, China und Japan. Der orthodoxe Standpunkt ist, dass jeder Einzelne für seine eigene Erleuchtung voll verantwortlich und dass Nirwana, das Reich der Seligkeit, vom Reich der Illusion oder Maya (der Welt der Erscheinungen) vollkommen geschieden ist.
Im Mahayana gab es eine Tendenz, die absolute Trennung zwischen Nirwana und Maya zu überbrücken. Ein Weg dorthin wurde in der Lehre vom Bodhisattva („Erleuchtungswesen“) gefunden. Ein Bodhisattva ist ein nahezu vollendetes Wesen, das durch eine Art magischer Intervention aus seinem aufgestiegenen Zustand heraus die Erleuchtung oder Weiterentwicklung weniger erleuchteter Menschen bewirken kann. (Diese Lehre, wie sie im tibetanischen Buddhismus zu finden ist, ist augenscheinlich die Hauptquelle späterer Vorstellungen von „unbekannten Oberen“, „geheimen Führern“ und Mahatmas, wie sie in einigen freimaurerischen, freimaurerähnlichen und theosophischen Schulen des Westens zu finden sind.)
Eine bestimmte, Madhyamika genannte philosophische Schule innerhalb der Mahayana-Tradition behauptete, dass es zwischen Maya und Nirwana keinen Unterschied gäbe: Beide seien gleichermaßen leer (Shunyata), oder – alternativ – die Welt der Erscheinungen (Maya) bestünde nur im Denken des Wahrnehmenden.
Diese Vorstellungen mögen den Leser an die „Sens-data“-Theorien der britischen Philosophen George Berkeley (1685 - 1753) und David Hume (1711 - 1776) erinnern, deren Anwendung des Empirismus sie zu dem Schluss geführt hat, dass wir die subjektiven Inhalte unseres Geistes (mind) nur durch Sinneseindrücke erfassen können. Die „Realität“ der Welt außerhalb unseres Geistes ist ungewiss. Bereits in der Antike durchliefen die Erkenntnistheorien des Buddhismus und des Hinduismus einschneidende Stationen subjektivierender Betrachtung, wie sie im Westen erst nach dem Niedergang der intellektuellen Hegemonie des Christentums möglich werden konnte (siehe Kap. 6).
Die markanteste Entwicklung innerhalb des Mahayana-Buddhismus ist das Aufkommen des Vajrayana („Donnerkeil oder Diamantfahrzeug“), der sich besonders in Tibet verbreitete. Philosophisch gesehen, ist Vajrayana praktisch gleichbedeutend mit tibetisch-buddhistischem Tantrismus. Wenn also Maya gleich Nirwana ist, dann kann der Genuss in der Welt der Erscheinungen durchaus in die Welt der Seligkeit führen. Maya wird benutzt, um Nirwana zu erreichen. Unter praktischen Gesichtspunkten öffnet dies den Weg zum Antinomismus. „Profane“ Dinge werden in einer gedanklichen Übung zu „reinen“ gemacht. Vajrayana ist auf philosophischer wie auf praktischer Ebene stark vom indischen (hinduistischen) Tantrismus, der indigenen tibetischen Religion (Bön) und dem zentralasiatischen Schamanismus beeinflusst. Wieder nimmt die „Hochkultur“, im antinomistischen Geiste, Techniken aus der „unteren Kultur“ in sich auf.
Im Buddhismus wie im Hinduismus endet der linkshändige Pfad nicht in der Absorption oder Annihilation der Individualität im Moksha oder Nirwana, sondern in einer Verewigung dieser Individualität auf einer beständigeren Existenzebene. In der buddhistischen Terminologie strebt der Praktizierende des linkshändigen Pfades nur danach, den Zustand des Bodhisattva zu erreichen – und darin als Gottheit zu verweilen – „engelhaft“ oder „dämonisch“. Der endgültigen Entwerdung widersetzt er sich.
Natürlich bilden solche Ziele, wenn wir die ursprünglichen buddhistischen Lehren betrachten, eine theoretische Antithese zum Fundament des Buddhismus. Doch in der Geschichte religiöser Vorstellungen sind solche Widersprüche keine Seltenheit. Wer würde zum Beispiel daran denken, dass die Lehren des Nazareners, wie sie in den Evangelien wiedergegeben werden, benutzt werden könnten, um Institutionen wie die Inquisition zu unterstützen oder um zu Kreuzzügen aufzurufen? So überrascht es auch nicht, wenn der Buddhismus aus sich selbst heraus Muster entwickeln könnte, die mit den ursprünglichen Absichten seines Begründers nicht übereinstimmen. Durch die fünfzehn Jahrhunderte nach Gautamas Tod hindurch verbreitete sich der Buddhismus von Indien aus auf überwiegend friedliche Weise bis nach Südostasien, China, Tibet, die Mongolei und Japan. Auf dem Nährboden dieser kulturellen Vielfalt ist es sicherlich kein Wunder, dass auch Lehren ihre Wurzeln im Buddhismus schlagen konnten, die zu denen des Begründers im Widerspruch stehen.
Der Tantrismus des linkshändigen Pfades scheint in der buddhistischen Welt mehrere Entwicklungszentren zu haben. Die bedeutendsten davon sind Tibet und Bengalen (das heutige Bangladesh). Aus letzterer Region wurde der Buddhismus schließlich durch die muslimischen Eroberer seit etwa 1200 u. Z. vertrieben und verbreitete sich weiter nach Java und bis nach Nepal.
Methoden des linkshändigen Pfades im Buddhismus
Einer der Hauptaspekte des linkshändigen Pfades im Buddhismus ist die positive Einstellung gegenüber der Sexualität. Der Buddhist des linkshändigen Pfades erkennt bestimmte Shakta-Vorstellungen an, nach welchen die schöpferische Energie oder „Wirkmächtigkeit“ einer Gottheit, eines Engels, Dämons oder Bodhisattvas in seinem Ehepartner oder Gefährten personifiziert ist. Im buddhistischen Tantra des linkshändigen Pfades werden die Shaktis – weibliche Aspekte überweltlicher Wesenheiten – als Geliebte verehrt. Der praktizierende buddhistische Tantriker sucht die sexuelle Vereinigung mit diesen Shaktis mit dem Ziel, sich ihrer Kraft zu bedienen und die Kraft, die er aus diesen Vereinigungen zieht, für seine weitere spirituelle Entwicklung zu nutzen. Eine weitere Haupteigenschaft des tantrischen Buddhismus des linkshändigen Pfades ist die Nutzbarmachung nicht nur von „Gottheiten“ oder „Engeln“ (d. h. Wesenheiten, die grundsätzlich als Segen bringend gelten), sondern auch von „Dämonen“ und deren Gefährten. So wird etwa der Gott Bhairava („der Schreckliche“) verehrt, und an Begräbnisstätten werden aufwändige Riten abgehalten. Auch Geschlechtsverkehr und andere Tätigkeiten, die bei der allgemeinen Bevölkerung als unmoralisch gelten, werden für die spirituelle Weiterentwicklung genutzt oder um Seligkeit zu erlangen.67
Der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades geht davon aus, dass die Leidenschaften und Sehnsüchte, die der rechtshändige Pfad entweder auszulöschen oder zu sublimieren sucht, in ihrer direkten, unsublimierten Form als Mittel zur „Erweckung“ genutzt werden können.
Walter Evans-Wentz zitiert die folgenden technischen Instruktionen aus einem tibetischen buddhistischen Text, der „Inbegriff des Großen Symbols“ genannt wird (87 - 88):
87. Welche Gedanken, Konzepte oder verdunkelnde [oder störende] Leidenschaften auch immer aufkommen, sie sind weder aufzugeben, noch sollte ihnen die Kontrolle über einen erlaubt werden; es sollte ihnen erlaubt werden aufzukommen, ohne dass man versucht, sie zu lenken [oder zu formen]. Wenn man nicht mehr tut, als sie zu erkennen, sobald sie aufsteigen, und in diesem Tun anhält, werden sie in ihrer wahren [oder leeren], unbändigen Form bemerkt [oder heraufdämmern].
88. Mit dieser Methode können alle Dinge, die das spirituelle Wachstum scheinbar hemmen, als Hilfen auf dem Pfad genutzt werden. Und darum wird diese Methode „die Nutzung von Hindernissen als Hilfen auf dem Pfad“ genannt.68
Wie so viele andere Ausdrucksformen des linkshändigen Pfades in der Welt scheut der Buddhismus des linkshändigen Pfades feste Institutionen und gesellschaftlich tragfähige Normen. Er tendiert eher in die Richtung individuellen Ausdrucks und gesellschaftlich inakzeptabler Verhaltensweisen.
In der eigentlichen sexuellen Praxis wird der männliche buddhistische Tantriker des linkshändigen Pfades wahrscheinlich seine Samenflüssigkeit bei sich behalten oder sie, falls er ejakuliert hat, vollständig oral wieder zu sich nehmen. Das Behalten des Samens (Skt. Bija) ist gleichbedeutend mit dem Erhalt von Kraft und Vitalität, sowohl körperlich als auch geistig. Außerdem scheint es – obwohl der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades eine grundsätzlich positive spirituelle Haltung gegenüber Sexualität und dem weiblichen Geschlecht einnehmen mag – immer noch die Angst zu geben, dass Frauen, und insbesondere dämonische weibliche Wesenheiten, Männer ihrer spirituellen Lebenskräfte berauben könnten.69
In philosophischer Hinsicht konzentriert sich der Buddhist des linkshändigen Pfades mehr auf einen subjektiven – innerpsychischen – Prozess. Die (orthodox-)buddhistische Sicht wäre, dass Polaritäten wie die Zweiteilung in männlich und weiblich (oder auch den Pfad zur rechten und zur linken Hand) illusorische Gedankenkonstrukte des Individuums seien. Es gibt Praktiken, die zum Ziel haben, diesen illusorischen Aspekt zu demonstrieren. Der Buddhist des linkshändigen Pfades wird dazu neigen, sein eigenes subjektives, in sich ganzes und abgeschlossenes System zu kreieren, während der den linkshändigen Pfad praktizierende Hindu dazu tendieren wird, die objektive Existenz der Göttin (Shakti) als wahr anzuerkennen.
Praktizierende, die meinen, dass das Reich der fünf Sinne ein reines Gedankenkonstrukt und in Wahrheit das Produkt einer Illusion (Maya) sei, stützen sich oft auf das, was Nichteingeweihten wie Täuschung und Taschenspielertricks erscheint. Wenn die Welt, wie wir sie vor uns sehen, eine Illusion ist, dann weist der Magier uns nicht mit den Methoden der Philosophie darauf hin, sondern mit dem Mittel des direkten Angriffs auf die Sinne und die Weise, wie diese den Verstand (des-)informieren. So ist das, was beim ersten flüchtigen Hinsehen wie ein Täuschungsversuch oder eine Trickserei anmutet, in Wahrheit als die direkteste Methode konzipiert, die (aus buddhistischer Sicht) zentrale Wahrheit zu lehren, dass die Welt eine Schöpfung des Verstandes sei. Dies ist eine weit unterhaltsamere Annäherung an die Problematik, die in Platons „Höhlengleichnis“ beschrieben wird.70
Aufgrund der große Zeiträume umfassenden, kontinuierlichen Verbreitung von Lehren und Abspaltungen sowohl im buddhistischen als auch im hinduistischen Tantra/Shakta lässt sich weder einheitlich oder definitiv aufzählen, was nun geglaubt oder praktiziert wird, noch kann mit Bestimmtheit gesagt werden, was diese Glaubensrichtungen unterscheidet. Einzig gewiss erscheint nur die allgemeine Sehnsucht nach fortwährender – oder fortwährend transformierter – Individualität und Nicht-Entwerdung (auch wenn dieses in gegenwärtigen tantrischen Texten des linkshändigen Pfades oft verschleiert wird).
Der Einfluss des linkshändigen Pfades, wie er auf der Basis aus Indien stammender Systeme (sowohl des Buddhismus als auch des Hinduismus) praktiziert wurde, auf die modernen westlichen Formen des linkshändigen Pfades ist enorm gewesen. Historisch gesehen scheint es, dass dieser Einfluss in mindestens zwei großen Schüben stattgehabt hat. Der erste Schub erfolgte wahrscheinlich mit der Öffnung der kulturellen Kanäle zwischen „Ost“ und „West“ durch die Eroberungen Alexanders (gest. 323 v.u. Z.). Seit dieser Zeit entwickelte sich eine Fülle von Vorstellungen über den „Osten“ (Indien und Iran), aus denen heraus sich im Mittelmeerraum Sekten gründeten und reformierten. Diese Sekten wiederum übten vom ersten Jahrhundert u. Z. mit der christlichen Mission (die oft gnostischen Charakter hatte) einen sekundären Einfluss in Indien aus.71 Der zweite Einflussschub des östlichen linkshändigen Pfades ist besser dokumentiert. Im Wesentlichen war er eigentlich die Folge einer anderen „Eroberung“ aus dem Westen: der Ausdehnung des britischen Empires nach Indien (die im achtzehnten Jahrhundert begann). Als der Westen wieder einmal in wachsendem Maße für Vorstellungen offen war, die ihren Ursprung in Indien und Tibet hatten, drangen diese allmählich bis zu einer populäreren kulturellen Ebene durch, auf der die Theosophische Gesellschaft (gegründet 1875) und der Ordo Templi Orientis (gegründet 1896 oder 1904) entstanden. Wie wir in Kapitel 7 sehen werden, spielten die linkshändigen Lehren des Buddhismus und des Hinduismus in beiden Fällen eine wichtige Rolle. Die Formen der Sexualmagie, wie sie Aleister Crowley und seine Anhänger lehrte, und auch das antinomistische Täuschungsmanöver, das Anton LaVey praktizierte (siehe Kap. 9), haben ihre Entsprechungen in den indischen Praktiken des linkshändigen Pfades.
Der Zoroastrismus und der linkshändige Pfad
Kein Denksystem hat die klassische westliche Mythologie des linkshändigen Pfades mehr geprägt als der Zoroastrismus. Die religiöse Grundvorstellung des Iran, dass eine ganze Hierarchie der Mächte des Guten im Kampf gegen eine Hierarchie der bösen Mächte steht, gelangte (in der einen oder anderen Form) in einigen Fällen über das Judentum und den Gnostizismus in den Westen oder, in anderen Fällen, direkt in den heidnischen Norden (Siehe Kap. 3). Ursprünglich unterschied sich das iranische Glaubenssystem nur wenig vom vedischen System Indiens. Dies kommt daher, weil die Arier und die Iraner zwei Zweige desselben Astes am Baum der indoeuropäischen Kulturen und Religionen bilden.
Die iranischen Systeme haben Wesentliches zur westlichen Mythologie des linkshändigen Pfades beigetragen; häufig sind sie sehr dualistisch ausgerichtet und vom Thema des Kampfes von Gut gegen Böse beherrscht. Wenn man diese Systeme analysiert, stellt man umso überraschender fest, dass sie nur wenig von den Spannungen aufweisen, welche den grundsätzlichen philosophischen Fragen zugrunde liegen, die im Osten wie im Westen den linkshändigen vom rechtshändigen Pfad unterscheiden. Die iranischen Systeme scheinen über Merkmale zu verfügen, die auf die eine oder andere Weise zum linkshändigen Pfad gehören!
Das Studium der iranischen Religion ist komplex und wird durch die Tatsache erschwert, dass ihre kulturelle Basis und ihr Mittelpunkt durch die islamische Eroberung des Iran vor über tausend Jahren zerstört wurden. Viele Zoroastrier (heute als Parsen bekannt) entkamen nach Indien, wo sie ihre Religion weiterführten, und einige nichtislamische Praktizierende verschiedener Formen der iranischen Religion (Zoroastrismus inbegriffen) haben bis heute im Iran überlebt. Ihre hochentwickelten Denkschulen jedoch sind seit langem zerschlagen.
Zarathustra, der vermutlich im elften oder zehnten Jahrhundert v.u. Z. gelebt hat, war im Grunde ein Reformer der iranischen Religion, wie sie von verschiedenen Stammesgruppen praktiziert wurde. Er selbst war zum Priester oder Zaotar dieser Opferreligion ausgebildet. Schon vor Zoroasters Zeit hatte das iranische System starke dualistische Tendenzen entwickelt,72 die in der Folge ihren Ausdruck in den iranischen Religionen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Zoroastrismus finden sollten. Zoroasters Reformen schienen darauf gerichtet, einen moralistischen Dualismus innerhalb eines theoretisch „monotheistischen“ Systems zu schaffen. Die Hauptgegner von Zoroasters Bestrebungen waren die ultrakonservativen Repräsentanten der alten indo-iranischen Ordnung: die Mairyas, die in Haenas oder „Männerbünden“ organisiert waren. Diese Opposition erscheint logisch, da der Monotheismus dazu neigt, die herrschende Klasse ihrer Macht zu entkleiden und diese Macht einem einzigen Führer oder Schah zufließen zu lassen.
Die Haenas waren die Bewahrer der archaischen religiösen Kultur und Praxis. Sie brachten Tieropfer dar (vor allem Pferde und Rinder) und tranken eine heilige berauschende Flüssigkeit (Haoma, das sprachlich dem Soma im Sanskrit entspricht). Sie bildeten Gemeinschaften berittener Krieger, die auf ihren Reisen von Frauenscharen, genannt Jahikas oder Jahis, begleitet wurden. Manchmal kämpften diese Frauen auch an der Seite der Krieger, gewiss waren sie aber ihre Konkubinen. Auf spiritueller Ebene werden diese Jahis von den Fravashis gespiegelt (von übernatürlichen weiblichen Wesenheiten, die zugleich die beschützenden und sie ermutigenden Seelen der Krieger sind; siehe Seite 42). Das Wort „Jahi“ wurde später der obersten Dämonin im Zorostrismus zugeordnet: Jahi oder Jeh („die Hure“).
Die Religion der Mairyas basierte gewiss auf dem Leben, der Erhaltung und der Verstetigung des Lebens, wie auf der Herrlichkeit der individuellen Seele. Als der Prophet Zoroaster sie sah, müssen ihm diese Gruppen als Verkörperungen der bösen Günstlinge Ahrimans erschienen sein. Sie trugen schwarzes Leder (wobei sie im Kampf von der Hüfte aufwärts nackt waren), trugen schwarze Waffen und schwenkten eine schwarze Fahne, die mit silbernen Drachen geschmückt war. Ihr langes Haar trugen sie zu Zöpfen geflochten. Von ihren Initiationsriten ist bekannt, dass sie – wie die Mitglieder anderer indoeuropäischer Kriegergruppen – das Fell von Wölfen anlegten, wodurch sie sich selbst in wolfsähnliche Wesen verwandelten. Zusätzlich versetzten sie sich in eine magische Wut, Aeshma genannt.73
Dieses Aeshma ist aus folgenden Gründen für uns doppelt interessant: einerseits ist es eine deutlich erkennbare Parallele zur magischen Raserei oder Inspiration der germanischen Krieger/Magier unter der Führung ihres Gottes Wotan/Odin/Woden (siehe Seite 80). Doch findet sich das Wort „Aeshma“ auch in der jüdisch-christlichen Dämonenlehre in Gestalt von Aeshma-daeva (der Gott/Dämon der Wut) – aus dem iranischen Begriff Aeshmadaeva wurde schließlich Asmodeus, der, je nach Quelle, als ein Dämon der Lust, König der Dämonen oder Höllenfürst bezeichnet wird.
Zoroaster schmähte die religiöse Kultur der Kriegergesellschaften, und viele seiner Reformen zielten anscheinend darauf ab, das zu korrigieren, was er an ihren Praktiken und ihrer gewaltsamen Natur als ausschweifend betrachtete. Im Wesentlichen bestanden seine Reformen darin, die meisten (wenn nicht alle) Götter (Daevas) des überlieferten iranischen Pantheon durch Hierarchien von Verkörperungen eher abstrakter Wesenheiten oder Prinzipien (Yazatas) zu ersetzen.
Nach Zoroasters Theorie gibt es einen Gott, der absolut rein, gut und weise, aber nicht allmächtig ist. Er wird Ahura Mazda (Weiser Herr) genannt. Durch Gedanken erschafft er eine Hierarchie allsehender Geister. Darüber hinaus hat er ein ganzes Universum erschaffen, das Menok genannt wird. Es heißt, dass Ahura Mazda aus seinem eigenen freien Willen das Gute gewählt hat.74
Daraus ist ersichtlich, dass es ein moralisches System unabhängig von den Göttern geben muss, dem sie unterworfen sind. Unter den Schöpfungen Ahura Mazdas sind die Zwillinge Spenta Mainyu (segensreicher Geist) und Angra Mainyu (zerstörender Geist). Angra Mainyu übt seinen freien Willen anfangs darin, das Böse anstatt des Guten zu wählen. Die bloße Existenz Angra Mainyus schränkt letztlich die Güte Ahura Mazdas ein. Dann beginnt Angra Mainyu, einen Angriff auf die gute Schöpfung Ahura Mazdas zu planen (der in einigen Darstellungen mit Spenta Mainyu gewissermaßen gleichgesetzt wird). Doch Ahura Mazda erkennt in seiner allsehenden Weisheit Angra Mainyus Plan, und um sein bereits existierendes spirituelles Universum (Menok) zu verteidigen, erschafft er nach dessen Muster ein materielles Universum (Getik). Dieses materielle Universum wurde von Ahura Mazda also als Waffe oder Schild gegen Angra Mainyu verwendet. (Die späteren Systeme der Gnosis, die das materielle Universum als Schöpfung des „üblen Gottes“ erdachten, wären hochgradig ketzerisch gegen Zoroaster selbst.)
Einige Darstellungen berichten, dass Angra Mainyu eine „Gegenschöpfung“ ins Leben rief, in welcher er Ungeheuer (wie Wölfe und Spinnen) für jedes schöne Geschöpf Ahura Mazdas (wie etwa Hunde und Adler) erschuf. Andere Interpretationen behaupten, dass Angra Mainyu von den guten Geschöpfen Besitz ergriffen hatte oder ihnen innewohnte, um sie so zu verderben.
Doch was hat Angra Mainyu – der aus späteren Quellen als Ahriman bekannt ist – anderes getan, als Ahura Mazda die Rechtfertigung zu liefern, die er braucht, um seine Macht ins Grenzenlose auszudehnen, indem er, moralisch richtig, zur Verteidigung seiner guten Schöpfung handelt? Hier wird es offensichtlich, dass Angra Mainyu letztendlich – wenn auch unbewusst und unwillentlich – an Ahura Mazdas Plänen der Perfektion mitwirkt. So kann Angra Mainyu als ein Beispiel für „das Böse“ betrachtet werden, das die Ursache für das Gute hervorbringt. Eine Parallele kann hier zu J. W. von Goethes Teufel Mephistopheles gezogen werden, der von sich selbst sagt:
[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
(Faust I, Vers 1136 - 1137)
Im orthodoxen zoroastrischen System wird die Menschheit ermahnt – nach dem Vorbild Ahura Mazdas –, aus freiem Willen heraus stets das Gute zu wählen. Tut sie dies, werden dadurch die Machenschaften Ahrimans vereitelt. Die Menschheit wird als das hauptsächliche Schlachtfeld zwischen Gut und Böse sowie als der Dreh-und Angelpunkt, auf dem das Schicksal der Welt ausbalanciert wird, betrachtet. Die Zoroastrier waren mit ihren Bestrebungen, die iranische Religion zu reformieren, beileibe nicht auf Anhieb erfolgreich, und nichts wies darauf hin, dass ihr System einmal zur offiziellen Religion am Hofe des Schah Darius werden würde – bis etwa 522 v.u. Z.75
Obwohl Zoroaster im östlichen Iran (auf der Ostseite des Zagros-Gebirges) lebte und sich sein System dort am stärksten entwickelte, verbreiteten sich die verschiedenen iranischen Reiche (von etwa 800 v.u. Z. an) und der Einfluss der iranischen Kultur durch Mesopotamien bis nach Kleinasien (die heutige Türkei). Im Westen des persischen Reiches hielt sich der Kult der Magus (sgl. Magu, „Priester“) stark und trotzte dem zoroastrischen Einfluss. Magu ist die ursprüngliche Wurzel des Begriffs „Magier“, der auch zum Singular Magus (pl. Magi) latinisiert wurde und hoch eingeweihte (und offenbar weise) Praktizierende der Hexenkunst bezeichnete. Mit der Zeit wurde jedoch der Kult der Magus fortschreitend von zoroastrischem Gedankengut durchdrungen, bis sie schließlich (von Außenstehenden) als zoroastrische Priester identifiziert wurden.
Genau genommen blühten die vorzoroastrischen Systeme während dieser Zeit weiterhin sowohl innerhalb als auch außerhalb des persischen Reiches, und manche Stimmen sagen, dass sie sich bis zum heutigen Tag gehalten haben. Auf jeden Fall ist bekannt, dass die ursprünglichen iranischen Glaubensvorstellungen (d. h. die Formen der Daeva-Verehrung) in der Gebirgsregion von Sogdia noch zur Zeit der islamischen Eroberung von 636 bis 800 bestanden haben.
Die wichtigsten vorzoroastrischen Systeme, die im Laufe der Zeit gleichwohl begonnen haben, Elemente des Zoroastrismus zu übernehmen (wie sich auch der Zoroastrismus vorzoroastrische Elemente zueigen machte), waren der Zurvanismus und der Mithraismus.
Zurvan ist eine iranische Gottheit, die sowohl die unendliche Zeit als auch das Schicksal verkörpert. Nach den Zurvanisten ist Zurvan der „Vater“ sowohl Ahura Mazdas (Ohrmazd) als auch Angra Mainyus (Ahriman). Dieses Konzept ist offensichtlich sehr alt und bestand möglicherweise bereits vor dem System Zoroasters.76 Wahrscheinlich findet die Vorstellung eines moralischen Dualismus, wie er in der zoroastrischen Theologie gelehrt wird, einen Ausdruck im Dualismus zwischen Geist (als Manifestation des Guten) und Materie (als Manifestation des Bösen) im System des Zurvanismus. Es kann nicht genug betont werden, dass die Ideologie, in welcher Geist = gut und Materie = böse ist, nicht zoroastrisch ist. Im orthodoxen Zoroastrismus gilt es als schwere Ketzerei, solches zu glauben, auch wenn es eine iranische Vorstellung zu sein scheint. Im Zurvanismus wird Ahura Mazda (Ohrmazd) auf eine Schöpfung Zurvans reduziert. Dies ist für orthodoxe Zoroastrier ebenfalls eine ketzerische Auffassung.

Abb. 2.4. Das zurvanistische System
Im Zurvanismus wird der Gott Mithra (vedisch Mitra) als Vermittler zwischen Ohrmazd und Ahriman gesehen. In Mithra haben wir eine weitere überdauernde Erscheinungsform der vorzoroastrischen Religion; solche Manifestationen gibt es sowohl durch die iranische Religionsgeschichte hindurch als auch in religiösen Systemen, die vom iranischen abgeleitet werden. Der Mithrakult hielt sich lange und besonders stark unter den Magus des westlichen persischen Reiches, vor allem in den Regionen um das Schwarze Meer. Es ist offensichtlich ein nicht-zoroastrischer, kriegerorientierter Mysterienkult.77 Eine gründliche Untersuchung des Mithraismus zeigt, dass es sich dabei um ein hoch entwickeltes System handelt, das sich aus der Religion der Kriegerbünde (Haenas) der iranischen Frühkultur entwickelt hat. Dies wird oft mit Elementen von Religionen und Mysterienkulten vermengt, mit denen die Mithraisten in Berührung kamen. Als die Römer von diesem Kult in Kenntnis erhielten (in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts u. Z.), verbreitete er sich bei den Soldaten im ganzen Römischen Reich. Im Gegensatz zu anderen bekannten Formen iranischer Religion kommt der Mithraismus ohne dualistisches Denken aus. Mithras (römisch: Mithras; Zurvanismus: Mithra), der in einiger Hinsicht einem anderen „Kulturhelden“ ähnelt, der ebenfalls am 25. Dezember geboren wurde, gelangt zur Erlösung durch die Opferung eines Stieres. Letztendlich musste dieser Stieropferkult dem Menschenopferkult des Christentums weichen.
Vom Standpunkt des orthodoxen Zoroastrismus gesehen, repräsentieren sowohl der Zurvanismus wie auch der Mithraismus ketzerische, „böse“ Pfade der Dunkelheit: der Zurvanismus, weil er Ohrmazd als Zurvan untergeordnet betrachtet und weil er das materielle Universum zu einer Schöpfung des bösen Gottes reduziert; der Mithraismus, weil er die Verehrung eines der alten Götter (Daevas), Mithra, in den Mittelpunkt stellt. Darüber hinaus wird der bei Nacht verehrt (was an sich schon unter orthodoxen Zoroastriern einen bösen Akt der „Teufelsverehrung“ darstellt), und er ist ein Kriegergott, der einen kosmischen Stier opfert, um die Welt zu erschaffen, was an den Opferkult der alten iranischen Kriegerbünde (Haenas) erinnert. Die Anhänger des Mithra haben an diesem Opfer teil und werden damit selbst zu Schöpfern.

Abb. 2.5. Mithras opfert einen Stier, Seite A von einem Relief aus dem 2./3. Jahrhundert (Louvre)
Der Zoroastrismus und die iranischen Religionssysteme im Allgemeinen haben einen enormen und teilweise nachhaltig prägenden Einfluss auf die sie umgebenden religiösen und magischen Traditionen ausgeübt. Aus diesen Systemen sind religionsgeschichtlich so wichtige Vorstellungen erwachsen wie die strenge Dualität zwischen den Mächten des Guten und denen des Bösen, der Glaube an die Ankunft eines Welterlösers (Saoshyant) am Ende des linearen Zeitstrahls, die Vorstellung, dass alle Seelen gerichtet werden (wobei die Guten ins Paradies78 gelangen und die Bösen in ein Reich der Strafe), und die Idee von der Wiederauferstehung (oder Wiederherstellung und Neubelebung) der physischen Körper der Toten in einer erneuerten Welt. Eigentlich sind viele der wesentlichen jüdisch-christlichen Mythen iranischen Ursprungs: gewisse Aspekte von Eden (Genesis 1 - 2), die Geburt Jesu (Matthäus 2 : 1 - 12) und verschiedene Einzelheiten der Apokalypse.
Die Symbolik des ersten Mannes und der ersten Frau (zusammen mit einer böswilligen weiblichen Figur) im Judentum (und daher auch im Christentum) sowie der mit einer Schlange verbundene Baum im Paradies scheinen definitiv aus iranischen Quellen zu stammen.79 Da diese Symbole im Nahen Osten jahrtausendelang präsent waren, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie nach der jüdischen Befreiung von Babylon 539 v.u. Z. in die hebräische Mythologie eingeflossen sind. Seit dieser Zeit war Israel bis zur Eroberung durch Alexander 332 v.u. Z. Teil des Persischen Reiches.
Noch offenkundiger iranischen (insbesondere „magianischen“ oder mithraischen) Ursprungs ist der Mythos von der Geburt Jesu Christi. In der iranischen (mithraischen) Überlieferung glaubte man, dass der zukünftige Erlöser-König der Welt in einer Höhle geboren werde und dass dies von einem „Stern oder einer Lichtsäule“ über der Höhle angekündigt werde. Dies erklärt auch, warum es in den Darstellungen des Matthäusevangeliums heißt, drei Magoi (Magus) hätten das Christkind besucht.80
Manche Gelehrte haben ebensoeine frappierende Ähnlichkeit zwischen Einzelheiten der biblischen Darstellung der Apokalypse und anderen eschatologischen Szenarien aus der indoiranischen Welt (und schließlich der ganzen indoeuropäischen Tradition) festgestellt. Dazu gehört offenbar eine Reihe von Parallelen mit monströsen Geschöpfen, einer gewaltigen letzten Schlacht und einer letztendlichen Erneuerung.81
Von den Jesiden, einer im Irak, in der Türkei und in Syrien lebenden Volksgruppe, wird oft behauptet, sie hätten eine Verbindung zum linkshändigen Pfad. Es ist wohl wahrscheinlich, dass der ursprüngliche Impetus und das Wesen dieser Sekte iranisch sind (die Jesiden sind Kurden, ein iranisches Volk). Auch die augenscheinliche Tatsache, dass sie dem Gott, der üblicherweise mit dem Bösen assoziiert wird, eine gewisse Ehre erweisen und dass ihm – bereits in der Vergangenheit oder künftig – von Gott vergeben wird, stimmt mit heterodoxen iranischen Glaubensvorstellungen überein.82 In Kapitel 4 werde ich noch näher auf die Jesiden eingehen.
In einer abschließenden Analyse erscheint es nahezu unmöglich, nach den Kriterien dieser Untersuchung irgendeines der iranischen Denksysteme als dem rechtshändigen oder dem linkshändigen Pfad zugehörig zu klassifizieren. Obwohl in diesen Systemen gewöhnlich eine starke Polarität zwischen Gut und Böse vorherrscht, ist das Gute keine Frage der Befolgung von „Gottes Gesetz“ oder dem Streben nach Selbstauflösung – sei es im wörtlichen Sinn oder als Nebenprodukt der „Erfüllung von Gottes Willen“ –; eher geht es darum, das Gute zu tun oder zu wählen, das der Gott ebenso zu wählen erstreben muss. Der Gott scheint ein objektives Konstrukt zu sein, vergleichbar mit Platons Agathôn. Die Individualität der Guten wird nicht aufgelöst, sondern stattdessen bewahrt, ja sie ersteht sogar physisch wieder auf. In einer Prämisse des Zoroastrismus wird festgelegt, dass allen Menschen die Erlösung bestimmt ist, denn ihre Anwesenheit in der Welt ist ein Zeichen, dass ihre Fravashis – oder Seelen – sich im Himmel dafür entschieden haben, auf die Erde zu gehen und für das Gute zu kämpfen.
Weil der „Osten“ historisch in der Lage war, die ganze Bandbreite religiöser Pfade, die Menschen erschaut und praktiziert hatten, mehr oder weniger intakt zu erhalten und weil Weise und Magier diese Methoden in einer Atmosphäre relativer philosophischer Toleranz bewusst ausarbeiten konnten, erscheinen Methoden und Vokabular beider Pfade dort klarer umrissen. Vieles von dem Zwiespalt zwischen den Methoden und Zielen, die wir in dieser Untersuchung dem rechtshändigen oder dem linkshändigen Pfad zugeordnet haben, entwickelte sich ursprünglich in einem östlichen (indoiranischen) Kontext. Im dritten Kapitel werden wir, wenn wir die ältesten Grundlagen der europäischen Kultur im Westen betrachten, einen auffallenden Gegensatz zu den Pfaden feststellen, die verhältnismäßig frei von der Zweiteilung sind, die zu der Etikettierung „linkshändiger versus rechtshändiger Pfad“ geführt hat.

KAPITEL 3 Die Wurzeln der westlichen Tradition
Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades
Mit unterschiedlicher Angemessenheit wurde der Begriff „linkshändiger Pfad“ in der europäischen Kultur zunehmend für Satanismus verwendet. Dies ist sowohl richtig als auch falsch. Es ist insofern richtig, als in der Auffassung des jüdischchristlichen Religionssystems – das den Namen „Satan“ geprägt hat (vom Hebräischen śãtãn, „Gegner, Widersacher“) – vom Bösen viele Eigenschaften und Merkmale der Philosophie und Religion des linkshändigen Pfades zu finden sind. Das hat zur Folge, dass Praktizierenden des linkshändigen Pfades, wenn sie die orthodoxen jüdischen und christlichen Systeme betrachten, der Teufel in hohem Maße sympathisch erscheinen mag. So schien es auch vielen gnostischen Sekten ergangen zu sein.
Die Gleichsetzung des westlichen linkshändigen Pfades mit Satanismus ist allerdings insofern falsch, als die Praxis des linkshändigen Pfades der aufgezwungenen jüdisch-christlichen Ideologie in Europa zeitlich vorausgeht. Es gab – und gibt heute noch – die philosophische Praxis des linkshändigen Pfades in einem rein heidnischen (d. h. vorchristlichen) Kontext, der überhaupt nicht nötig hat, sich auf Satan oder Luzifer zu beziehen, um verständlich zu sein. Der linkshändige Pfad hätte in Europa auch ohne das Aufkommen des Christentums existiert (wie es in Indien der Fall war und heute noch der Fall ist). Doch als das Christentum kam, stempelte es nicht nur die einheimischen heidnischen Praktiken des linkshändigen Pfades als teuflisch ab, sondern die des rechtshändigen Pfades ebenso. Doch waren es die Anhänger des linkshändigen Pfades, die so klug (und vielleicht mutig genug) waren, ihre Wege gewissermaßen als Gegenpart zu denen der Christen des rechtshändigen Pfades zu identifizieren.
Die heidnischen Wurzeln in Europa
Die großen kulturellen und sprachlichen Wanderungsbewegungen der Indogermanen, die um 4000 v.u. Z. begannen, enthüllen anschaulich die wahre Wurzel der „westlichen“ Kultur. Die kulturellen Wurzeln der Völker, die später keltische, italische, germanische, slawische oder hellenische (griechische) Sprachen sprechen, liegen wahrscheinlich irgendwo nordöstlich des Schwarzen Meeres.1 Die nationalen Mythologien und religiös-philosophischen Systeme dieser Volksgruppen sind mit ihrem gemeinsamen Ursprung eng verknüpft. Ebenso belegen diese Wanderungsrouten den gemeinsamen Ursprung des westlichen Zweiges dieser Völkerfamilie mit einer östlichen Linie, der indoiranischen Tradition, die wir im zweiten Kapitel behandelt haben.
So wie sich die Philosophie des linkshändigen Pfades im Osten entwickelte, können wir gleichermaßen auch eine Entwicklung im Westen erwarten. In der Tat haben die philosophischen Grundlagen des linkshändigen Pfades im Westen scheinbar die gleiche Basis wie jene des rechtshändigen Pfades. In den nördlichen Teilen Europas waren diese anscheinend sogar vorherrschend.
Bei der indoeuropäischen Kosmologie ist wichtig zu bedenken, dass diese eine göttliche Ordnung voraussetzt, welche Teil einer höheren oder beständigeren Ebene der Realität ist, und dass die menschliche Ordnung eine Spiegelung der göttlichen darstellt. Die menschliche Seele, psyche, ist ein Geschenk der Götter, und die menschliche Gesellschaftsordnung spiegelt die Anordnung der verschiedenen Pantheons der Götter. Dieses ursprüngliche Verständnis wurde von Plato im „Westen“ zu einer sehr komplexen Philosophie weiterentwickelt – wie es auch in den Schulen der indischen Weisen geschehen ist, die im „Osten“ die Brahmanas und die Upanishaden hervorgebracht haben.
Die Geschichte ist voll von echten und scheinbaren Tragödien. Eine dieser Tragödien war die schleichende Aushöhlung und letztendliche Zerstörung der etablierten Formen der Religionssysteme in Europa durch den Einbruch einer „exotischen östlichen Religion“, die wir heute Christentum nennen. Über einen Zeitraum von dreizehn Jahrhunderten hinweg schafften die geistlichen Institutionen oder Kirchen, die angeblich auf den Lehren eines hingerichteten heiligen Mannes namens Jesus beruhen, die einheimischen religiösen und philosophischen Traditionen der europäischen Völker langsam ab und ersetzten sie durch eine internationale Institution. Diese Institution war geradezu besessen von einem dogmatischen Einheitsbegriff, wenn es um Fragen der „geistlichen“ Lehre ging.
Auf einer Landkarte der ideologischen Feldzüge der Kirche würde die Verbreitung des Christentums aus Städten in der Mittelmeerregion nordwärts und hinaus in die ländlichen Gebiete zeigen. Natürlich konnte die Kirche sich nicht überall absolut durchsetzen. Um erfolgreich zu sein, musste sie bei jedem Schritt auf ihrem Wege Kompromisse eingehen. Dazu war sie bereit, um im Gegenzug ihren ultimativen Preis durchzusetzen: die weltweite Etablierung.
Überall, wohin die Kirche vordrang, war eine ihrer Standardmethoden, die heimischen Götter zu Teufeln zu erklären, die alten Tempel und heiligen Haine zu zerstören und Kirchen an deren Stelle zu setzen. In Kapitel 4 werden wir auf den Christianisierungsprozess zurückkommen, doch zunächst wollen wir festhalten:
1. Die ältesten Wurzeln der europäischen und indoiranischen Kulturen sind identisch (indoeuropäisch).
2. Die gegenwärtig etablierte religiöse Kultur hat ihre Wurzeln auf fremdem Boden (im Mittleren Osten).
3. Der exotische Baum des Christentums konnte den heimischen Baum nur teilweise und nur oberflächlich verdrängen.
Was wir als „westliche Tradition“ bezeichnen, ist darum also überwiegend südlichen und nicht indoeuropäischen Ursprungs, während das, wovon man als „östlicher Tradition“ spricht, in Wahrheit gemeinsame Wurzeln mit der eigentlichen europäischen Kultur hat.
Wie dem auch immer sei – die „westliche Tradition“, so wie sie sich heute zeigt, ist eine Synthese (wenn auch eine heikle und unbequeme) aus tatsächlich europäischen und südlichen Traditionen, die sich aus den magischen nilomesopotamischen (ägyptischen und mesopotamischen) Kulturen ableiten. Darum müssen wir die Präsenz des linkshändigen Pfades auch in diesen Regionen untersuchen und als eine mögliche Wurzel der modernen Praxis in Erwägung ziehen.
Der linkshändige Pfad der Hellenen
Wohl keine andere Kultur der Weltgeschichte hat über einen längeren Zeitraum und über weitere Regionen einen größeren Einfluss ausgeübt als die hellenische. Von Norden kommend, drangen die hellenischen – oder griechischen – Stämme in der Zeit von ca. 1600 bis 1100 v.u. Z. bis zum südlichen Balkan, den italischen Halbinseln und den Inseln im östlichen Mittelmeer vor und ließen sich dort nieder. Die dort heimische (nichtindoeuropäische) Kultur, die sie bezwangen, war außergewöhnlich lebendig und kraftvoll. Ihr Mittelpunkt wird in der Insel Kreta gesehen. Die griechische Kultur des Homerischen Zeitalters (850 - 750 v.u. Z.) ist im Großen und Ganzen eine echte Synthese der hellenischen (indoeuropäischen) und der minoischen (alteuropäischen) Kulturen. Die überwiegend hellenischen kulturellen Eigenschaften sind synthetischer Art, verbunden mit einem Gefühl für Harmonie und Mäßigung.
Weil die Hellenen in hohem Maße eine Seefahrer- und Handelskultur waren, knüpften sie enge Kontakte mit Ägypten und anderen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes, zum Beispiel den Phöniziern. Doch welche kulturellen Elemente die Griechen auch von anderen Kulturen übernommen oder geborgt haben mögen – wie die Schrift (von den Phöniziern) und die Steinbaukunst (von den Minoern) –, eine Eigenschaft blieb durch und durch griechisch und indoeuropäisch, und das war ihr Idealismus. Ob in Indien oder Irland, in Rom oder Griechenland: die indoeuropäische Kosmologie – das Verständnis der Weltordnung – ist an die Lehre gekoppelt, dass diese Welt die materielle Reflexion einer anderen, wirklicheren Welt ist (zum Beispiel des Reiches der Götter und Göttinnen), über der eine wiederum noch realere Welt abstrakter Prinzipien aufscheint. In altgriechischen Begriffen drückt sich dies in der Dichotomie zwischen physis (Natur) und psychê (Seele) aus.
Dieser Idealismus (den letztendlich der Philosoph Platon kodifiziert hat), verbunden mit der griechischen Sprache und Schrift (die so bequem und leicht erlernbar war, dass auch einfache Seefahrer und Kaufleute damit umgehen konnten), erlaubte der hellenischen Kultur, nahezu alle Kulturen zu verändern, mit denen sie über längere Zeiträume in Berührung kam. Zur selben Zeit wurde dieser Idealismus von einer anderen Schule der griechischen Philosophie, den Epikureern, erstmals kritisiert.
Prometheus und Pandora
Die Ursprünge des Bösen und seine transformierende Wirkung auf die Menschheit
Die genaue Entstehungszeit des Mythos von Prometheus (dessen Name „der Vorausdenker“ bedeutet) ist unbekannt. Doch die Vorstellung von einer überpersönlichen – oder halbgöttlichen – Gestalt, die der Menschheit die geistige Fähigkeit gebracht habe, Dinge erkennen können, scheint eine allgemein indoeuropäische zu sein. Solch eine Gestalt würde normalerweise als Wohltäter der Menschheit gelten oder als ihr tatsächlicher Schöpfer (im geistigen Sinne). Eine Quelle aus dem vierten Jahrhundert (Pausanias 10.4.4) sagt sogar, Prometheus habe Menschen aus Ton geformt.2 Dies scheint ein dem Mittleren Osten entlehnter Mythos zu sein, der Prometheus mit Jehova identifiziert. Womöglich war es auch der Einfluss mittelöstlicher Vorstellungen vom „Übel“ der Erkenntnis, der die Griechen irgendwann dazu veranlasste, Prometheus zu einem Beispiel für den Ursprung des menschlichen Elends zu erklären.
Hesiods Theogonie (ca. 700 v.u. Z.) ist der älteste schriftliche Hinweis auf den Mythos von Prometheus. Hesiod porträtiert Prometheus als eine titanische (vorolympische) Wesenheit, die eine Spaltung zwischen Göttern und Menschen bewirkte, die bis dahin in friedlicher Eintracht miteinander gelebt hatten. Da Götter und Menschen im Guten auseinandergehen wollten, stiftete Prometheus ein Stieropfer, um ihren Pakt der Trennung und Unabhängigkeit von einander zu besiegeln. Es heißt, dieses Ritual wurde an einem Ort namens Mekone abgehalten. Nachdem er den Stier geschlachtet hatte, teilte Prometheus ihn in zwei Portionen: die eine bestand aus den Knochen, die andere aus dem Fleisch und den Innereien. Die Knochen bedeckte er mit Fett, so dass der Rauch, der von ihnen aufstieg, die Aufmerksamkeit Zeus’ erregte, des höchsten Gottes im Olymp. Ebenso wurde das Fleisch unter dem Fett des Stieres verborgen. Dem Olympier wurde angeboten, eine Wahl zu treffen, und er wählte die mit Fett bedeckten Knochen. Als Zeus die Wahrheit entdeckte, wurde er zornig auf Prometheus und die Menschen und entzog ihnen das heilige Feuer, das vermutlich zu dem gehörte, was Götter und Menschen zuvor miteinander geteilt hatten.
Diese Teilung des Stieres in genießbare Teile, die von den Menschen verzehrt wurden, und grundsätzlich ungenießbare, die mutmaßlich der Anteil der Götter waren, ist gängige indoeuropäische Praxis, und der Mythos versucht auf einer späteren Stufe, dies zu „erklären“.
Nach Hesiod antwortet Prometheus darauf, indem er das heilige Feuer vom Olymp stiehlt. In einem hohlen Fenchelstiel trägt er es zu den Menschen zurück. Und wieder will Zeus Prometheus und die Menschen bestrafen. Dieses Mal wird Prometheus an einen großen Felsen geschmiedet, zu dem täglich ein Adler kommt, um von seiner Leber zu essen. Um die Menschen zu bestrafen, sendet Zeus ihnen eine Frau – Pandora („die Allbeschenkte“) – aus deren Büchse alle Plagen der Menschheit ausströmen.
Hesiods Beschreibung von Prometheus ist zugegebenermaßen negativ, auch wenn die primitiven, vor Hesiods Zeit zurückliegenden Wurzeln des Mythos nicht so gewesen sein mögen. Alles in allem handelt der Mythos vom selbstbestimmten und unabhängigen Handeln unserer Spezies, von ihrem „Erwachsenwerden“. Solche Transformationsmythen beinhalten anscheinend immer die Rebellion gegen die Autorität. Zeus selbst war seinem Vater (Kronos) gegenüber nicht nur ungehorsam – er tötete ihn und errichtete durch seine Rebellion eine neue göttliche Ordnung. Hesiod weist sich durch die negative Haltung Prometheus’ Taten gegenüber als jemand aus, der sich nach „den guten alten Zeiten“ sehnt, bevor die Menschheit sich von ihrer göttlichen Herkunft abgetrennt oder unterschieden hatte. Der Glaube an eine göttliche Herkunft ist ebenfalls eine gemeinsame indoeuropäische Tradition.
Dennoch war bestand keine vollkommen negative Haltung gegenüber Prometheus. Dies geht aus einer späteren Version des Mythos hervor, die der attische Tragödiendichter Aischylos (525 - 456 v.u. Z.) präsentierte. Aischylos porträtiert Prometheus als einen tragischen Helden und Retter der Menschheit.
Aischylos schrieb ursprünglich anscheinend eine Prometheus-Trilogie, die aus drei Tragödien bestand, doch nur die erste davon, Der gefesselte Prometheus, ist erhalten. In dieser Version des Mythos verweigert Zeus den Menschen das heilige Feuer einfach, während er gleichzeitig darüber klagt, dass die Menschheit minderwertig und fehlerhaft sei. Zeus plant, die Menschheit zu vernichten und ein neues Geschlecht zu erschaffen. Prometheus widerspricht der Auslöschung der Menschheit und erklärt Zeus, dass die Menschen, um ihr Potential zu erfüllen, das göttliche Feuer benötigen. Zeus weigert sich, ihnen das Feuer zu überlassen, worauf Prometheus es vom Olymp stiehlt und dafür in derselben Weise, wie bei Hesiod beschrieben, bestraft wird. Während Hesiod den Abstieg der Menschheit nach einem „Goldenen Zeitalter“ betont, in dem sie von der Familie der Götter nicht geschieden war, betont Aischylos einen „Fortschrittsmythos“, in dem die menschliche Art beginnt, Bewusstsein zu entwickeln, nachdem sie mit dem Geschenk des göttlichen Feuers in Berührung gekommen ist.
Obwohl der Text von Aischylos’ letzter Tragödie verloren gegangen ist, wissen wir von Darstellungen, in denen Zeus Prometheus freilässt und ihm vergibt. Er tut dies im Grunde, weil sich die Vorhersage des „Vorausdenkers“, was das Potential der Menschheit im Zusammenhang mit dem Besitz der göttlichen Flamme betrifft, als richtig erwies – wobei der Umstand, dass Prometheus’ Mutter Themis ihm das Geheimnis von Zeus’ späterem Niedergang verraten hat, ebenfalls eine Rolle spielt.

Abb. 3.1. Prometheus gefesselt von Thomas Cole
Historisch betrachtet mag diese Versöhnung von Zeus und Prometheus dadurch Auftrieb erhalten haben, dass zu Aischylos’ Zeit – am Ende des Hellenischen Zeitalters – in Athen ein jährliches Fest zu Ehren Prometheus’ abgehalten wurde. Dieses Fest wurde anfangs zwar hauptsächlich von Handwerkern gefeiert, gewann zu Aischylos’ Zeit aber auch unter den Gebildeten an Popularität. Der Kult um diesen „Gott des Bösen“ wurde zu einem weit verbreiteten Phänomen.3 Es kann gut sein, dass die Geschichte von Zeus’ Vergebung eher ersonnen wurde, um für Zeus als einen Gott der Vergebung und Weisheit zu werben, als den Ruf des Prometheus zu rehabilitieren. Es heißt sogar, Zeus habe seinem Vater Kronos vergeben und ihn zum König des Elysiums gemacht.
Prometheus und der linkshändige Pfad
Für die Geschichte der Denkweise, die wir im Westen als linkshändigen Pfad bezeichnen, kann die Bedeutung des Mythos von Prometheus nicht hoch genug eingeschätzt werden. In diesem Mythos haben wir die vielleicht älteste westliche Darstellung in der Geschichte der Menschheit, in der der Überbringer des Geschenks des göttlichen Licht oder Feuers als Schurke dargestellt wird. Der Umstand, dass er letztendlich wieder zu einem Helden aufgewertet wird, ist ebenso ein signifikantes westliches Phänomen, dem wir noch wiederholt begegnen werden. In Anbetracht dessen ist die Feststellung kurios, dass der amerikanische Pionier des modernen Satanismus, Anton LaVey, ein großer Bewunderer der Werke des Soziologen Orrin Klapp und seines Buches Heroes, Villains and Fools [Helden, Schurken und Narren] ist, in dem analysiert wird, wie sich moderne Figuren innerhalb dieser Kategorien in der öffentlichen Wahrnehmung verändert haben.
In der indoeuropäischen Metasprache der Mythen sind die ideologischen Muster des rechtshändigen und des linkshändigen Pfades – obwohl sie offen miteinander konkurrieren und um Bestätigung wetteifern – auf eine gewisse Art miteinander versöhnt und imstande, nebeneinander zu existieren. Dies steht in deutlichem Kontrast zur fanatischen Herangehensweise der Systeme des rechtshändigen Pfades mittelöstlichen (oder südlichen) Ursprungs, in welchen den „Teufeln“ niemals eine Vergebung oder positive Neubewertung zuteil wird.
Der Mythos von Prometheus veranschaulicht die geistige oder intellektuelle Anleitung durch eine Gestalt, die die Menschheit zu ihrem göttlichen Aspekt – dem Intellekt – geführt hat und deshalb der wahre Vater ihres Geistes ist. Prometheus fördert die Absonderung der Menschheit von den Göttern und schickt sie als Geschlecht auf eine heroische Suche, um ihre eigene göttliche Kraft zu entwickeln. So lange die Menschen mit den Göttern eng verbunden waren, konnten sie sich nicht im Einklang mit ihrem eigenen mystischen Weg weiterentwickeln. Prometheus zwang die Menschheit aus ihrem Nest im Olymp heraus und sorgte dafür, dass sie entweder fliegen lernen oder sich selbst zerstören würde. Doch kümmerte er sich auch darum, dass die Spezies mit der einen Sache ausgerüstet war, die für das Fliegen absolut notwendig war: mit dem heiligen Feuer der Götter. Der Mythos platziert den entfesselten Gebrauch des Intellekts – die göttliche Fähigkeit des Bewusstseins – deutlich in die kulturelle Hauptströmung einer Aristokratie des geistigen Verdienstes.
Die prometheische Mythologie hatte einen gewaltigen Einfluss auf den Verlauf der europäischen Kulturgeschichte. Seit Aischylos’ Zeit wurde die Gestalt des Lichtbringers, zumindest in gewissem Ausmaß, als tragischer Held betrachtet. Wahrscheinlich hat der Mythos das Leben gemarterter Philosophen, wie zum Beispiel Sokrates‘ und vielleicht auch des Jesus von Nazareth, stark mitgeprägt oder zumindest die literarischen Darstellungen über diese beeinflusst. Darüber hinaus ist interessant, dass Mary Shelley ihrem Schauerroman Frankenstein den Untertitel „Der moderne Prometheus“ gab, der eine komplexe Metapher (und sogar die Entstehung einer neuen Art von Mythologie) beinhaltet, die eine eigene Untersuchung wert ist.
Der linkshändige Pfad und die griechischen Mysterien
Die ganze Thematik der unterschiedlichen Mysteriensysteme – ihre Ursprünge, ihre Wechselbeziehungen, und besonders, was sie lehrten und wie sie es lehrten – bleibt, wie zu erwarten, mysteriös.4 Die initiatorische Funktion des Mysteriums (griech. Mysterion) ist in vielen religiösen oder magischen Systemen und Einweihungen kraftvoll und tiefgreifend, doch ihre volle Bedeutung ist bisher nicht aufgedeckt.5 Ebenso bleibt im Dunkeln, welche Aspekte der Mysterien dem rechtshändigen und welche dem linkshändigen Pfad zugerechnet wurden, doch hoffe ich, diese Frage etwas erhellen zu können.
Wie Nietzsche Jahrhunderte später ausführte, gab es in der hellenischen (und daraus folgernd in der indoeuropäischen) Kultur im Wesentlichen zwei geistige Vorgehensweisen: die dionysische und die apollinische. Natürlich besteht ein menschlicher, allzumenschlicher Drang, die eine mit dem Guten und die andere mit dem Bösen gleichzusetzen, doch ist dies stets kontraproduktiv. Tatsächlich kann jede philosophische Annäherung, die zur Erkenntnis führt, sowohl für die geistigen Ziele des rechtshändigen als auch für die des linkshändigen Pfades eingesetzt werden – und das Ideal ist vielleicht eine Synthese aus beiden.
Die dionysische Annäherung ist die der Orgia (Orgie), bei der sich das menschliche Bewusstsein mit dem göttlichen vereinigt, indem das alltägliche Bewusstsein soweit reduziert wird, dass das göttliche – oder „das andere“ – es subsumiert. Die dionysische spirituelle Technik nutzt Rhythmen (Trommeln, Tanz etc.), Drogen (z. B. Wein) und vielleicht auch Sex, um die normale Bewusstseinsschwelle mittels Überreizung der physischen Sinne zu senken und dadurch eine Vereinigung mit dem Göttlichen geschehen zu lassen.
Die apollinische Annäherung ist die der Katharsis (Reinigung), durch die das Bewusstsein geläutert wird und sich (mittels geistiger Disziplin und körperlicher Beschränkung) in solchem Maße von Unreinheiten entfernt, dass das Bewusstsein letztlich auf die göttliche Ebene erhoben wird. Die apollinische spirituelle Technik nutzt Verstand und körperliche Mäßigung (wie eine eingeschränkte Ernährung, Vegetarismus usw.), um mittels Unterdrückung der physischen Sinne die Bewusstseinsschwelle anzuheben und so der Seele die Vereinigung mit dem Göttlichen zu erlauben.
Orphismus oder die Orphischen Mysterien (nach dem Mythos von Orpheus benannt) verwenden beide Techniken, wobei anscheinend die apollinische überwiegt. Sowohl die orphische als auch die pythagoreische Mysterienschule – welche möglicherweise einen gemeinsamen Ursprung haben – praktizierten Vegetarismus. Was immer die historischen Ursprünge dieser Praxis waren, mythisch lässt sich ihre Spur zu jenem ersten Tieropfer zurückverfolgen, das Prometheus in Mekone darbrachte. Die gemeinschaftliche Beteiligung an solchen Opfern war geradezu eine Pflicht. In der indoeuropäischen Praxis wurde bei solchen Opferritualen ein Tier geschlachtet und dann mit den Göttern geteilt – die harten oder ungenießbaren Teile gingen an den Gott (oder die Götter), und die essbaren Teile wurden in einem Akt der Kommunion mit den Göttern von den Gläubigen verzehrt. Tiere wurden feierlich geschlachtet, wobei man darauf achtete, dem Tier so wenig Schmerz und Angst wie möglich zuzufügen, denn man glaubte, dass dem Tier ein göttliches Wesen innewohnt. Die Orphiker und Pythagoreer sahen im Verzehr von Fleisch als Zeichen der Präsenz des „titanischen“ (d. h. niederen oder unter-göttlichen) Elements im Menschentum und in der Praxis des Fleischessens eine Verstetigung dieses titanischen Elements. Ihre Ablehnung des Fleischverzehrs brachte auch die Absonderung von der Hauptströmung der hellenischen Gesellschaft mit sich. Sie wiesen die etablierten religiösen und gesellschaftlichen Praktiken ihrer Zeit zurück.6
Der Gesamtprozess der Initiation in diese Mysterien – die voraussetzten, dass der Mensch eine Mischung aus titanischer und göttlicher Natur ist, beinhaltete Läuterungen (katharmoi), gefolgt von Initiationsriten (teletai) und dem konstanten Führen eines „orphischen Lebens“. Mit diesen Methoden konnte man das titanische Element eliminieren und zu Bakkhos werden: „abgetrennt“ und in einer „göttlichen, dionysischen Verfassung“.7
Dieses Thema der „Abtrennung“ von der konventionellen gesellschaftlichen und der natürlichen kosmischen Ordnung ist eine Gemeinsamkeit mit dem linkshändigen Pfad. Eliade schlussfolgert, dass der Orphiker „in der Lage ist, sich selbst vom ‚dämonischen Element‘ freizumachen, das in jeglicher profanen Existenz sichtbar wird (Ignoranz, Fleisch, Ernährung etc.)“, und dass das letztendliche Ziel „die Absonderung des ‚Orphikers‘ von seinen Mitmenschen und schließlich die endgültige Trennung der Seele vom Kosmos“ ist.8 Dasselbe Thema wird auch in der Sethianischen Philosophie von Michael Aquino im Temple of Set hervorgehoben (siehe Kap. 10).
In den orphischen- oder Mysterientraditionen der Griechen gibt es auch einige ursprüngliche Beiträge zur Mythologie des rechtshändigen gegen den linkshändigen Pfad. Offenbar bezieht sich Platon auf mystische Traditionen, als er in seiner Politeia ausführt, dass die Toten auf zweierlei Wegen zum Gericht gelangen: die Gerechten „aufwärts zur Rechten durch den Himmel […], die Ungerechten waren dazu verdammt, den Weg abwärts zur Linken zu nehmen.“9 Dies ist keine literarische oder heuristische Erfindung des Philosophen, denn es gibt archäologische Belege in Gestalt von Grabkomplexen in Süditalien und auf Kreta, wo Gedenktafeln mit Inschriften gefunden wurden, die auf jene hinweisen, die „den Weg zur Rechten“ gehen, „zu den heiligen Feldern und dem Hain der Persephone.“10
In dieser orphischen Eschatologie scheint es so, dass die Guten und Gerechten den Pfad zur Rechten gehen und nicht wiedergeboren werden. Sie trinken vom Quellwasser der Mnemosyne (Erinnerung) und „herrschen mit den anderen Helden“. Doch die Verruchten müssen vom Quell trinken, der Lethe (Vergessen) genannt wird, so dass sie all ihre Erinnerungen an die Anderswelt verlieren, bevor sie sich in dieser Welt „zur Strafe“ reinkarnieren.11
Mit anderen Worten, es ging bei der orphischen Initiation für den Initianden darum, zu einem Gott – oder gottgleich – zu werden. In der Unterwelt wird dem orphischen Initianden gesagt: „O Glücklicher, o Glückseliger! Du bist ein Gott geworden, Mensch bist du gewesen.“12
Die Ansichten darüber, wie eine erstrebenswerte Existenz nach dem Tode aussehen sollte, veränderten sich über die Zeit hinweg. In der frühgeschichtlichen Phase sind die Guten und Tugendhaften anscheinend mit Wiedergeburt um Wiedergeburt auf der Welt belohnt worden, die als ein höchst erstrebenswerter Ort des Daseins galt. Dies lief auf eine irdische Unsterblichkeit in immer wieder verjüngten Körpern hinaus. Schließlich sollten diese tugendhaften Menschen zum Dienst bei den unsterblichen Göttern gerufen werden. Die Sündigen hingegen wurden in jenem frühen Stadium dieser Glaubensvorstellungen mit ewig währendem Tod oder Nichtexistenz „bestraft“. Später scheint es in einigen Kulturen (zum Beispiel bei den Griechen und Indern) eine Verschiebung der Vorstellungen vom Leben auf dieser Welt gegeben zu haben. In dieser späteren Phase besagte der Glaube, dass die Sündigen mit ständigen Wiedergeburtszyklen auf der Welt bestraft, die Tugendhaften hingegen mit einer ewigen Existenz unter den Göttern und Helden belohnt würden.
Pythagoras und der linkshändige Pfad
Es heißt, dass die Lehren des griechischen Philosophen Pythagoras (ca. 582 - 507 v.u. Z.) aus einem breiten Spektrum von Quellen schöpfen – sowohl Ägypten, Chaldäa (Babylon) als auch Hyperborea (der äußerste Norden).13 Dennoch kann nahezu alles, was Pythagoras als Hauptlehre zugeschrieben wird, aus der hellenischen Geisteswelt oder deren indoeuropäischen Entsprechungen abgeleitet werden. Auch wenn Pythagoras tatsächlich weit gereist sein und in den entlegensten Zentren esoterischen Wissens gelernt haben mag, erscheint es sehr wahrscheinlich, dass er das, was er dort erfahren hat, nach einer spezifisch hellenischen Methodik zusammengefasst hat. Die meisten der pythagoreischen Grundannahmen über Ursprung und Bestimmung der menschlichen Seele sind von den orphischen Mysterien abgeleitet. Pythagoras und seine Schüler transformierten die Verfahrensweise des Initiationsprozesses von einer äußerlichen, erfahrungsbezogenen zu einer inneren, philosophischen Methodologie. Platon sollte diese hellenische philosophische Tradition noch verfeinern.
Pythagoras machte aus der Philosophie eine „ganzheitliche Wissenschaft“ mit einem allgemeinen Existenzverständnis. Er verkündete, dass die Zahl die „Wurzel“ oder das Prinzip (gr. archê) aller Dinge sei. Doch standen Zahlen in seiner Philosophie eher für Qualitäten statt für Quantitäten,14 weshalb seine scheinbar quantitative Forschung als eine qualitative verstanden wurde. Die Mathematik enthüllte eine verborgene Wirklichkeit, die hinter dem Schleier der Erscheinungen lag. Für Pythagoras bedeutete das Verstehen der Verbindungen und Harmonien zwischen Zahlen das Verständnis der Harmonien unter den Dingen an sich.
Die Merkmale des linkshändigen Pfades sind im Pythagoreismus eher implizit als explizit. Pythagoras war primär an der Erkenntnis der Grundlagen universaler Harmonie interessiert: daran, wie alle Dinge sich so herrlich zusammenfügen, sowie an der Entdeckung der „Sphärenmusik“.
Platon und der linkshändige Pfad
Obwohl Platon selbst nie für sich in Anspruch genommen hätte, ein eigenes philosophisches System erdacht zu haben, da er alles wahre Wissen auf eine „Rückerinnerung“ (gr. anamnesis) an Inhalte, die in der Seele angelegt sind zurückführte, kann man von ihm sagen, dass er die größte und wirkmächtigste Ausgestaltung und Systematisierung der idealistischen Philosophie vorgelegt hat. Platon bediente sich souverän einer breiten Vielfalt von Quellen, insbesondere der hellenischen Mysterien und des Pythagoreismus, doch er tat dies mit einer nie zuvor da gewesenen Klarheit und Sachlichkeit.
Es wäre nicht richtig, Platons Idealismus als den Ursprung der Philosophie zu betrachten. Er ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Prozesses überlieferter Spekulationen und intellektueller Forschungen, der mit dem Morgendämmern der indoeuropäischen Kultur ihren Anfang nahmen. Unter allen Sprachen der Welt kennen nur die indoeuropäische und die von ihr abgeleiteten Sprachen die wahre Bedeutung des Verbs „sein“ im Sinne von „existieren“. Ursprünglich gab es mindestens zwei indoeuropäische Verben, um das „Sein“ zu beschreiben: Eines davon bedeutete „sein“ im Sinne einer Prädikation, zum Beispiel in einer beschreibenden Aussage wie „der Stuhl ist rot“. Mit dem anderen Verb war „sein“ im Sinne von Existenz gemeint, wie in dem berühmten Ausspruch: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ In der indoeuropäischen Ursprache waren das die Verben *bheu- (für die Prädikation) und *wes- (existieren).15 Im Altenglischen drückte sich diese Unterscheidung entsprechend in den Verben beon und wesan aus. Mit dem – durch das Einströmen mittelöstlichen, von den Kirchen propagierten Gedankengutes herbeigeführten – Untergang der eingeborenen indoeuropäischen Denkweise fielen die beiden Verben zu einem zusammen. Dieser sprachliche Prozess wird „Suppletion“ genannt, und darum ist die Bedeutung des Verbs „to be“ im Englischen so uneinheitlich: weil es von einem Gemisch unterschiedlicher Wortstämme abgeleitet ist.
Was hat dies alles mit Platon oder dem linkshändigen Pfad zu tun? Das ist nicht schwer zu erkennen: Platons Philosophie ist ein Versuch, Sein (im Sinne der Existenz) zu definieren und ein Lehrsystem zu entwickeln, damit andere wissen, was existiert – was in ihnen selbst und im Kosmos wirklich ist.
Obwohl alle Werke Platons im Wesentlichen auf die seelische Entwicklung ausgerichtet sind, geben viele auch praktische Anleitungen. Aus einem modernen Blickwinkel betrachtet, wäre das vorrangigste Verdienst von Platons praktischer Philosophie politischer, nicht religiöser Natur, weil die Philosophenkönige, die sein System gleichsam repräsentieren, ihre Kenntnisse charakteristischerweise erst auf eine praktische, gesellschaftspolitische Weise anwenden. Was diesen Punkt seiner Philosophie betrifft, greift Platon auf einige sehr elementare indoeuropäische Denkansätze und Strukturen zurück. Wie auf dem altertümlichen Fundament seiner Kultur wurde die irdische gesellschaftspolitische Ordnung als ein Spiegelbild der entsprechenden Strukturen in der Götterwelt betrachtet. In Politeia legt Platon seinen Wunsch dar, eine politische Struktur (wieder)einzusetzen, die auf indoeuropäischen Prinzipien basiert:

Abb. 3.2. Platonisches System der gesellschaftlichen Funktionen
Doch Platon ging es nicht darum, zu archaischen Gesellschaftsmodellen um ihrer selbst willen zurückzukehren, sondern vielmehr darum, die philosophische Grundlage, die Form und die Prinzipien, auf denen diese Strukturen beruhten, zu begreifen und neu zu verstehen. Wie T.S. Eliot es in Teil V seines Gedichtes „Little Gidding“ ausdrückte:
We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.16
[Wir sollten nicht von der Forschung lassen,
Und das Ziel all unser Forschungen
Wird kommen, wo wir begonnen haben,
Und wir werden erstmals den Ort verstehen.]
Platons neue Schule nahe Athen, die Akademie, sollte ein Ort sein, an dem ausgewählte Schüler so weit wie möglich der rechte Glauben, das rationale Denken und letztendlich die Fähigkeit vermittelt werden sollte, die ursprünglichen Formen (gr. eidos) und Prinzipien rational zu erkennen und damit zu verstehen, welche die Quellen aller Dinge oder Phänomene auf der Welt sind. Um dies zu erreichen, erdachte Platon ein Ausbildungssystem, das von einem besonderen Verständnis der Seele (Psychologie) ausging, sowie Theorien darüber enthielt, wie diese Seele (oder die Seelen) zu ihrem Wissen gelangen. In vielerlei Hinsicht ist Platons Philosophie eine Ausarbeitung (und in einigen Fällen eine Simplifizierung) der traditionellen Psychologie der indoeuropäischen Völker.17 Abbildung 3.3 zeigt die platonische Skala der Erkenntnis.

Abb. 3.3. Platonische Skala der Erkenntnis
In diesem Schema kann sich der Schüler oder Initiand aus dem Reich völlig subjektiver Vermutungen – der Objekte, die nur Schatten sind und nicht real – in das Reich des rechten Glaubens bewegen, das auf etablierten Traditionen und „gesundem Menschenverstand“ gründet. Dieses ist für die meisten Menschen die höchste Erkenntnisebene, und sie zu erreichen, ist eine beachtliche Leistung. Darüber hinaus gibt es jedoch noch eine rationale Denkweise (dianoia) oder logisches, auf Mathematik aufbauendes Denken. Hier wird der Einfluss der pythagoreischen Schule auf die platonische Synthese besonders deutlich. Sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Aspekte können hier untersucht werden. Doch dieses „dianetische“ Denken ist nicht der Gipfel der Erkenntnis. Vielleicht halten die modernen, etablierten „Akademiker“ (eine unglückliche etymologische Entwicklung, die Platon so mit Sicherheit nicht begrüßt hätte!) es für besonders wünschenswert, das Wissen zu quantifizieren – etwas zu „wissen“ wird damit gleichgesetzt, es mit Zahlen zu versehen. Dies ist ein Aspekt der Dianoia, doch ist es lediglich ein Mittel, das einem höheren Ziel dient. Dieses höhere Ziel ist in den heutigen „Akademien“ nahezu in Vergessenheit geraten. Logische Schulung ist in Wirklichkeit eine Vorbereitung der Noesis (Wahrnehmung, Erkenntnis), durch die der Eingeweihte in der Lage ist, die wirklichen Prinzipien im Bereich der Ideen zu verstehen. An diesem Punkt wird der Eingeweihte einem Philosophenkönig (oder einer -königin!) gleich.
Platons System, wie es die Neuplatoniker kodifiziert hatten, liegt den meisten gängigen westlichen Einweihungs- und Okkultsystemen zugrunde, doch da die Quelle oft absichtlich verschleiert wurde, sind die eigentlichen Wurzeln manchmal schwer aufzudecken. Man mag noch fragen, welcher Natur die Verbindung zwischen dem Platonismus und dem philosophisch verstandenen linkshändigen Pfad ist. Die ursprünglichen Wurzeln dieser Lehre liegen in den Mysterien. Die einfache Antwort: Platon lehrte ein auf der Vernunft basierendes System, mit dem der Status einer lebenden „Gottheit“ erlangt werden sollte: des Philosophenkönigs. Dieser ist im Grunde das Äquivalent zum Jivanmukti in der indischen Philosophie.
Platon kam zu einer rationalen und noetischen Methode, den gottgleichen Zustand zu erlangen, der zuvor in den Mysterien nur durch dramatische Initiationserlebnisse, Reinigungsrituale und physische Askese erreicht wurde. Der Idealismus und die noetischen Methoden des Platonismus sollten in der Geschichte der westlichen Initiationssysteme die Grundstruktur bilden, die durch alle Arten initiatorischer, philosophischer und magischer Techniken der Antike erweitert und ergänzt wird. Diese Synthese wird (vom zweiten Jahrhundert u. Z. an) den Neuplatonismus hervorbringen und sich in vielen verschiedenen Einweihungsschulen, wie beispielsweise dem der Kabbala,18 dem Sufismus19 und ebenso dem christlichen Mystizismus niederschlagen.20
Die meisten dieser Schulen – wenn nicht alle – entwickelten den platonischen Idealismus in Richtung eines Mystizismus des rechtshändigen Pfades. Ihr Ziel ist nicht, den Intellekt des Individuums auf eine gottgleiche Ebene oder auf die des Guten (Agathôn) zu erheben, sondern die völlige Auflösung des Individuums im Wesen des Einen.
Die eigentlichen Ziele Platons wurden von Michael Aquino vom Temple of Set vielleicht am tiefsinnigsten wiederbelebt (siehe Kap. 10), der sie in einen magischen Kontext versetzt und seine Anlehnung an Platon offen bekennt.
Die epikureische und die stoische Schule
Der Epikureismus und die Stoa sind zwei philosophische Denkrichtungen, die ihre Ursprünge zwar im Griechenland des vierten Jahrhunderts v.u. Z. haben, deren Einflüsse aber bis in unsere Gegenwart reichen, da in ihnen allgemeingültige Kategorien zum Ausdruck kommen.
Epikur (341 - 270 v.u. Z.) gründete eine Denkschule, die überwiegend auf den Atomtheorien basiert, die Demokrit ein Jahrhundert zuvor postulierte. Nach dem griechischen Atomismus besteht alles – das, was wir als Seele oder Geist bezeichnen, eingeschlossen – aus Atomen: Partikeln, die so klein sind, dass sie sich nicht teilen lassen. Für den Epikureer löst sich die menschliche Seele, wie auch der Körper, nach dem Tode in eine undifferenzierte Natur auf. Alles ist materiell. Doch kann die verfeinerte Substanz der Seele oder des Intellekts einem Menschen bei der Erlangung des glückseligen Zustandes, der Ataraxia genannt wird, behilflich sein: „Unbeirrbarkeit“ oder „Gelassenheit“. Da Freude oder Schmerz einzig über die Sinne Zugang zu Geist oder Seele finden können, muss der Epikureer die Qualität seiner sinnlichen Erfahrungen kontrollieren können, um Ataraxia zu erreichen. Er oder sie vermeidet Schmerz und maximiert die Freuden. Das äußere Leben muss mit der idealen Qualität der Erfahrungen in Einklang gebracht werden.21
Der Stoiker strebt ebenfalls Ataraxia an, doch er beschreitet dazu andere Wege. „Stoa“ wird eine Schule von Philosophen genannt, die sich im vierten Jahrhundert v.u. Z. regelmäßig in der Stoa (Säulenhalle) auf dem Marktplatz in Athen getroffen haben. Der Stoiker behauptet, dass die Seele getrennt vom Körper existiere. Die Seele oder Psyche kontrolliert die Sinnesreize, daher wird Ataraxia nicht durch Kontrolle der äußeren Reize erreicht, sondern durch den Geist und die Art und Weise, wie er auf diese Reize reagiert. Der Stoiker richtet sein oder ihr inneres Leben nach einem idealen Seinszustand aus. Äußere Ereignisse werden irrelevant – oder sie werden dazu gemacht. Die Stoiker gehen davon aus, dass die Seele bereits vor der Entstehung des Körpers existiert hat und auch nach dessen Vergehen weiter existieren und „Belohnungen und Strafen“ erfahren wird. In dieser Hinsicht stimmen die Stoiker weitgehend mit anderen Mysterienschulen wie auch mit der platonischen Philosophie überein. Der Stoiker benötigt ein überpersönliches Ideal oder Prinzip, dem er seinen Dienst und seine Loyalität unterstellen kann, damit seine Philosophie sich entfaltet.
Beide philosophische Richtungen waren sowohl im hellenistischen Griechenland als auch im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom populär. In den Tagen des Imperiums wurde die Stoa geradezu zur „Staatsphilosophie“. Zwei ihrer bekanntesten Exponenten waren der republikanische Staatsmann Cicero (106 - 43 v.u. Z.) und der Kaiser Marc Aurel (121 - 180 u. Z.).22
Aus unserer Perspektive betrachtet, liefern diese beiden antiken Denkschulen entscheidende Ansätze zum Verständnis des linkshändigen Pfades. Die Epikureer vertreten die Auffassung einer materialistischen, fleischlichen Kosmologie, wie sie auch für die Denkweise des „immanenten Zweiges“ des linkshändigen Pfades von wesentlicher Bedeutung ist, während die Stoiker den platonischen und neuplatonischen Idealismus bis hin zur Vergöttlichung der Toten weiterentwickelt haben.
Der linkshändige Pfad im Norden
Der germanische linkshändige Pfad
Während wichtige Wurzeln des westlichen linkshändigen Pfades sich im Mittelmeerraum aus einer philosophischen, nonkonformen Haltung heraus entwickelten, finden wir die Wurzeln des linkshändigen Pfades in den nördlichen Gefilden im Grunde der etablierten Kultur. Während Zeus/Jupiter, der indoeuropäische Gott von Gesetzes und Ordnung, im Süden herrschte, hatte Odin/Wodan, der Gott der Magie und des Todes, im Norden seine Macht inne. Die Gottheit desselben indoeuropäischen Ursprungs wird bei den Iren „Lugh“ (gesprochen „luh“) und bei den Walisern „Lleu“ (gesprochen „lai“) genannt. „Lugh/Lleu“ bedeutet wörtlich übersetzt „Licht“ – und der gebräuchliche walisische Name Llewellyn bedeutet „Lichtbringer“ (vgl. lat. „Lucifer“).
Wenn wir uns auf die Suche nach der dunklen Seite der nordischen Mythen machen, kommen wir an Odin nicht vorbei. Der Name „Odin“ bedeutet „Herr der Inspiration“.23 Die altnordische Form ist „Óðinn“. Der Schlüssel zu diesem Namen liegt in dem altnordischen Wort óðr, das „dichterische Inspiration“ bedeutet und von der urgermanischen Wurzel wōð- abgeleitet ist, was „Wut“ und „Inspiration“ gleichermaßen bedeutet. Der altnordische Name „Óðinn“ ist identisch mit dem altenglischen „Woden“ (es ist eine sprachliche Regel im Altnordischen, vor bestimmten Vokalen den Anfangsbuchstaben „W“ wegzulassen). Dies ist ein ausgesprochen „psychischer“ Gott, da sein Name und seine Funktion sich auf essentiell seelenbezogene oder psychologische Kräfte und Fähigkeiten beziehen. Häufig wird er als ein düsterer Gott der Intrigen und mysteriösen Ränke beschrieben.
Odins maßgebliche Rolle bei der Gestaltung der Welt und der Entstehung der Menschheit ist in der nordischen Mythologie klar umrissen. Mit seinen beiden Brüdern Vili (Wille) und Vé (Heiligtum) zusammen (die eigentlich Seinsstufen seiner selbst sind) vollbringt Odin das erste Opfer mit der Tötung des Riesen Ymir, aus dessen Körperteilen sie den materiellen Kosmos formen. Um universelles Wissen zu erlangen, gibt (opfert) sich Odin „sich selbst“ und empfängt die Runen, Symbole gegliederten universellen Wissens.24 Diese Runen teilt er mit bestimmten Menschen. Ferner opfert Odin eines seiner Augen – das darauf in Mimirs Brunnen (dem Brunnen der Erinnerung) versinkt –, um die seherische Gabe zu erlangen, die der Brunnen jenen zuteil werden lässt, die aus ihm trinken.25 Er (und mit ihm jeder seiner beiden anderen Aspekte) beschenkt die Menschen mit dreifachen spirituellen Qualitäten, die sie von da an mit den Göttern teilen.26 Was das Teilen des göttlichen Bewusstseins und der Runen mit den Menschen betrifft, ähnelt Odin sehr dem Prometheus der hellenischen Mythologie. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass Odin mit seinem Handeln nicht gegen ein herrschendes Gesetz verstößt.
In Gestalt von Rig („König“) zeugt er mit drei verschiedenen Menschenfrauen die drei gesellschaftlichen Klassen: Bauern, Krieger und Könige.27 So ist er nicht nur für die seelischen Strukturen der Menschen verantwortlich, sondern ebenso für die gesellschaftlichen Strukturen – beide spiegeln die göttliche Ordnung wider. Aus diesem Grunde wird Odin auch Alfaðir oder Alföðr (Allvater) genannt. In der Gestalt des Bölverkr (Übeltäter) beschafft er den Göttern und den Menschen durch eine List den Skaldenmet der Inspiration.
Selbst in vorchristlicher Zeit hatte Odin bereits etwas „Düsteres“ an sich oder einen gefährlichen Ruf. Dies hat vielerlei Gründe, doch der Hauptgrund für seinen Ruf scheint, dass er in Dinge vertieft ist, die für Menschen nur schwer begreiflich sind und die sie deshalb fürchten und vor denen sie zurückschrecken. Dennoch gilt Odin als höchster Gott der germanischen Welt vom angelsächsischen England bis nach Deutschland und von Island bis Schweden. Zu seinem düsteren Ruf trägt auch bei, dass er in seinem Streben nach Wissen und Macht die zwei – ethisch betrachtet – größten Verbrechen beging: Um die Weltordnung zu errrichten, tötete er einen Verwandten (dieses Verbrechen hat er mit dem griechisch-römischen Zeus-Jupiter gemeinsam), und um den Skaldenmet zurückzuerlangen, bricht er einen Eid. Diese und andere Taten lassen Odin den meisten Menschen unzuverlässig erscheinen.
In der alten germanischen Überlieferung ist Odin beides: der Herr des Lichtes und der Fürst der Dunkelheit. Er ist der Gott der Elite und des Adels, daher der Gott des Königtums und der Herrschaft. Er ist der Vater der Magie und der Kraft, zu erschaffen und zu zerstören. Er ist der Gott der Dichtkunst: der Gott der Formulierungskunst und der Kodifizierung des Wissens. Sowohl seine magische Kraft als auch seine „gnostischen“ Formeln verkörpern sich in den Runen („Mysterien“). Schließlich ist er noch der Gott der Toten, der über den Tod gebietet, wie seine Herrschaft über alle Transformationsprozesse zeigt. Es sollte noch angemerkt werden, dass der keltische Lugh/Lleu nahezu all diese essentiellen Eigenschaften mit seinem germanischen Pendant teilt.28
Die Geschichte der Bekehrung der germanischen Stämme zum Christentum ist für das bessere Verständnis der späteren Entwicklungen in der germanischen Welt und unter den Nachkommen dieser Stämme in Richtung des linkshändigen Pfades bedeutsam.
Unter den germanischen Völkern, die als erste zum Christentum konvertierten, waren einige gotische Stämme, die der theologischen Schule des Arianismus anhingen. Der Arianismus ist nach Arius von Alexandria, einem Priester aus dem vierten Jahrhundert, benannt. Arius war der Meinung, dass der Sohn vom Vater erschaffen wurde und daher nicht mit ihm identisch sei. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Goten ihr eigenes, spezifisch germanisches Christentum entwickelt hatten, denn alle germanischen Stämme, die zum neuen Glauben übertraten, konvertierten gleichermaßen zu dieser „gotischen Kirche“. Die Goten trennten ihre Religion und ihr Volk von der römischen Kirche und den römischen Bürgern ab. Diese Art nationaler Selbstbestimmung ist jedoch dem universalistischen, imperialistischen römischen (katholischen) Geist ein Gräuel. Die gotische Form des Christentums ist durch den Willen gekennzeichnet, biblische Texte in der allgemein gebräuchlichen Sprache zugänglich zu machen (der gotische Bischof Wulfila übersetzte die Bibel um 350 u. Z.), weiterhin durch die Einbeziehung des Volkes in die Liturgie (die römischen Christen verachteten die gotische Praxis, traditionelle Volkslieder mit religiösen Texten umzuschreiben), durch den Glauben daran, dass der Mensch grundsätzlich frei von der Erbsünde geboren wird und Erlösung durch eigene gute Taten erlangt, und dadurch, dass Jesus ein Mensch war, der einen gottgleichen Status erreicht hat und anderen als Beispiel voranging, auf dass sie ihm folgen mögen. Wenn man diese Lehren mit dem römisch-orthodoxen System vergleicht, das weiter unten behandelt wird, sind die Unterschiede offensichtlich. In einer freien Welt – wie sie die germanischen Völker gewohnt waren – wären solche Unterschiede als Normalzustand betrachtet worden, doch der göttliche Plan der römisch-katholischen (= universalen) Kirche fordert: „Ein Gott, eine Kirche, ein Papst!“
Der historische Durchbruch des Universalismus erfolgte im Jahre 496 mit der Konversion des fränkischen („französischen“) Königs Chlodwig (Ludwig/Louis/Clovis) zum römischen Christentum. Chlodwig konvertierte, um von Rom militärische Unterstützung für seine Eroberungspläne in Südfrankreich zu bekommen, das bis dahin von den arianischen Westgoten dominiert wurde. Von da an war der Frankenkönig wichtigster militärischer Erfüllungsgehilfe des Papstes. Die Goten, und mit ihnen anscheinend auch ihr Glaube, wurden schließlich beseitigt, wobei es ein paar geheime Gruppierungen gibt, die behaupten, die gotische Tradition bis heute weiterzuführen. Die esoterischen Aspekte der gotischen Tradition habe ich in meinem Buch The Mysteries of the Goths (2007) aufgezeichnet.
Die Geschichte von der Bekehrung der Deutschen ist gemeinhin blutig. Nach der militärischen Eroberung durch fränkische Könige, die im Auftrag des römischen Papstes handelten, wurden die meisten Bekehrungen unter Todesandrohungen durchgeführt.
Um 597 u. Z. wurde eine römische Mission nach England gesandt, das zu der Zeit ein Bündnis von sieben unabhängigen Königreichen war. Æthelbert, der König von Kent, konvertierte unter dem Einfluss seiner Frau zum römischen Christentum und begann, wenn auch oft nur halbherzig, sowohl militärisch als auch ideologisch gegen die anderen Königreiche Krieg zu führen. Um die Mitte des achten Jahrhunderts war England dann schließlich – zumindest dem Namen nach – christianisiert.
In Skandinavien finden wir verschiedene Szenarien der Bekehrung zum Christentum. Dänemark wurde auf Betreiben der monarchischen Kräfte hin bekehrt, die dadurch ihre Kontrolle über das Land verstärken konnten. Norwegen, damals ein loses Bündnis freier Grundbesitzer, rückte ins Visier von Eroberern wie Olaf Tryggvason, der das ganze Land unter monarchische Kontrolle brachte. Während dieser Vorstöße verließen viele Freie die Region und siedelten auf der zuvor unbewohnten Insel Island. Im Jahre 1000 konvertierte Island friedlich durch ein Parlamentsvotum zum Christentum. Als letzte Region wurde das schwedische Uppland von christlichen Königen erobert, wo 1100 der letzte große Heidentempel von Uppsala niedergebrannt wurde. Doch auch, nachdem die Bekehrung offiziell vollzogen war, hielten sich die vorchristlichen Traditionen noch lange. Hunderte von Jahren existierte in Europa ein ähnlicher religiöser Synkretismus, wie er heute in der Karibik zu finden ist.
Aus der Perspektive des linkshändigen Pfades gesehen, erfuhr die außerordentlich wichtige Gestalt Wotans eine radikale, jedoch voraussehbare, Spaltung seines Persönlichkeitsbildes. Wie all die anderen Götter wurde er nun als Inbegriff des Bösen dargestellt. In manchen Teilen Deutschlands war es verboten, seinen Namen auszusprechen. Aus diesem Grunde wurde der einst nach ihm benannte Wochentag in „Mittwoch“ umbenannt, während Thor (der in Deutschland Donar hieß) den nach ihm benannten Donnerstag behielt. Der ursprüngliche Name des Mittwochs hat in einigen deutschen Dialekten als Wodenestag oder Godensdach überlebt.29 Doch auch nach der Bekehrung behielt Wotan seine Schutzherrschaft über die herrschende Elite. Alle angelsächsischen Könige beriefen sich weiterhin auf ihre Abstammung von Woden,30 und in der englischen Sprache behält er auch seinen Wochentag, Wednesday (Wodenstag).
In der spirituellen Praxis oder der Magie der altertümlichen germanischen Völker verwandelt sich der wotanistische Magier mittels Runenformeln in ein gottgleiches Wesen, entsprechend den charakteristischen Merkmalen des Gottes Wotan. In diesem transformierten Zustand setzt er – wieder, indem er die heiligen Runen anwendet, die sein Schutzgott Wotan erstmals empfing – seinen Willen über das Weltgefüge. In der ältesten Periode nannten sich diese Magier Heruler. Diese Stammesbezeichnung scheint zum Synonym für jene Runenmeister geworden zu sein, die durch ihre Fähigkeiten zu einem den Göttern ähnlichen Status „aufgestiegen“ sind.31
Wotans Vorbild eines beharrlich brütenden, unermüdlichen Suchers nach Wissen und Macht weist archetypisch bereits auf den frühmoderne Mythos von Doktor Faustus voraus, der auf seiner Suche nach diesen Qualitäten alle Hürden überwindet.
Was bezüglich des linkshändigen Pfades im altertümlichen Wotanismus festzuhalten bleibt, ist, dass er eine traditionelle, etablierte Methode der Selbsttransformation nach göttlichem Vorbild anwendete, ohne die Absicht, mit dem Gott zu verschmelzen. Der archaische Wotanismus, der sich letztlich von derselben religiösen Denkströmung ableitet, die wir in ostindoeuropäischen Formen des linkshändigen Pfades vorfinden, war ein Weg, das Selbst göttergleich im Sinne der mythisch-heroischen Vorbilder zu machen, die in den germanischen Überlieferungen gerühmt werden. In diesen religiösen Nährboden wurden die christlichen Vorstellungen eingesetzt – deshalb war das Aufkommen von Ideen des linkshändigen Pfades im kulturellen Kontext zu erwarten. Man bedenke außerdem, dass es der Form des Christentums, wie sie anfangs von den Goten angenommen wurde, selbst nicht an Qualitäten des linkshändigen Pfades mangelte!
Der linkshändige Pfad bei den Slawen
Schon immer war der slawische Geist „vertrauter“ mit dem Teufel als vielleicht jede andere Kultur Europas. Dies mag von der Tatsache herrühren, dass die Slawen bis in unsere Zeit einen Kult um Hausgeister bewahrt haben, deren Natur im Sinne von „Gut“ und „Böse“ recht zweideutig zu betrachten ist.
In seiner Einleitung zu Ouspenskys Talks with a Devil bemerkt J. G. Bennett:
Die Teufel sind den Menschen gegenüber nicht feindlich gesinnt, außer, wenn der Mensch ein Freund Gottes ist. Sie sind es, die für den technischen Fortschritt aller Art verantwortlich sind: von ihnen lernte die Menschheit die Künste des Schmiedens, des Brauens und des Destillierens; der Teufel selbst entdeckte das Feuer, errichtete die erste Mühle und baute den ersten Wagen. Die Kunst des Lesens und Schreibens war eines seiner Geschenke an die Menschheit. All dieses ward gegeben, um den Menschen von Gott unabhängig zu machen und die Verbindung zu kappen, durch die der Mensch in der Lage war, Gott beim Regieren der Welt zu helfen.32
Aus der slawischen Überlieferung sind zwei Arten von Teufeln bekannt: der eine wird Lukhavi genannt, was etwa „der Schlaue“ bedeutet, und der andere ist Chort, was einfach „der Schwarze“ bedeutet.33 Der „schlaue“ Teufel ist anscheinend urtümlicher und slawischer als der „schwarze“. Andererseits scheint die Bezeichnung „Chort“ offenbar durch die dualistischen Kulte geprägt zu sein, die im Mittelalter und auch noch danach in einigen slawischen Regionen sehr populär waren.
In der russischen Überlieferung wird der Teufel oft als Personifizierung der materiellen Welt betrachtet. In dieser Sichtweise sind beide Vorstellungen der alten Slawen enthalten, sowohl Lukhavi (der Wissen und das Geschick vermittelt, mit der Materie umzugehen) als auch Chort (der die materielle Welt als Gegensatz zur geistigen Welt verkörpert).
Diesen späteren dualistischen Aspekt verdeutlicht M. Dragomanov, der zeigt, wie Satanail – eine mittelalterliche slawische Form von Satan – bei der Erschaffung der Welt und des Menschen eine zentrale Rolle spielt. Gott weist Satanail an, in das Urmeer zu tauchen, um die Erde und den Feuerstein zu holen. Satanail gibt Gott das Material; Gott hält es in seiner Rechten und erschafft daraus trockenes Land über dem Meer. Mit der Linken reicht Gott Satanail ein Stück Feuerstein, und dieser schlägt daraus seine Engel, eine „große, wütende Schar fleischlicher Götter“.34
Nach manchen Überlieferungen erschuf Satanail die sichtbare Welt und Gott die unsichtbare, während andere meinen, dass Satanail den Körper des Menschen schuf und Gott ihm die Seele gab. Diese Vorstellungen sind deutlich von den Lehren der Bogomilen beeinflusst (siehe Seiten 134 - 136), oder sie stehen mit diesen in Verbindung.
Tatsächlich geht eine bulgarische Überlieferung davon aus, dass der Teufel – Zerzevul genannt – ein Gegenparadies erschaffen hat, das er dem von Gott geschaffenen gegenüberstellt. Triumphierend sagt Zerzevul zu seiner Schar von Teufeln:
Ho, meine Schar, habt ihr gesehen, dass wir auch ein Paradies erschaffen können, wie Gott es macht? Kommt, geht hinein, esst, trinkt von allem, was darin ist; ich verbiete euch nichts, wie der Herr dem Manne, den er mit seiner Frau hineinsetzte, etwas verbot; ich gebe euch die Freiheit, zu tun, was immer ihr wollt. Sagt dieses den Leuten: ‚Was immer einer tun möchte, lasst ihn gewähren. In meinem Paradies gibt es zu essen, zu trinken und Vergnügen, soviel sie von mir verlangen.‘35
Es sollte noch angemerkt werden, dass unter den russischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts Ouspensky den Teufel im Besessensein von der materiellen Welt ausmachte, während Gurdjieff ihn als ein außerirdisches Wesen sah. Der Teufel der Slawen ist ein wichtiges, wenn auch gewöhnlicherweise finsteres Vorbild für das Bild der materialistischen Freizügigkeit im Satanismus des späten neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts, wie er beispielsweise bei Anton LaVey seinen Ausdruck findet (siehe Kap. 9).
Auch wenn es zwischen den vorchristlichen indoeuropäischen Wurzeln des Westens und denen des Ostens signifikante Unterschiede gibt, so sind doch ebenso grundlegende Gemeinsamkeiten vorhanden. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Vorstellungen des Ostens durch die nordiranischen Nomadenstämme, wie etwa die Skythen und die Sarmaten, die Welt der Hellenen, der Slawen und der Germanen mitbeeinflusst haben. Diese Verbindungen bestanden seit der Zeit um 700 v.u. Z. bis in das sechste Jahrhundert unserer Zeit. Indoiranische Einflüsse strömten nach Europa und, während der hellenistischen Periode von etwa 300 v.u. Z. bis 200 u. Z., auch in Regionen des Nahen Ostens ein.
Die Gemeinsamkeiten zwischen den westlichen und den östlichen Wurzeln der indoeuropäischen Welt machen deutlich, dass wir, hätte die westliche Wurzel ihre Entwicklung entlang ihrer eigenen Linie fortgesetzt, heute eine etablierte Tradition des linkshändigen Pfades im Westen hätten – oder dass der linkshändige Pfad, falls er nicht selbst Teil der etablierten Kultur wäre, von dieser zumindest toleriert, wenn nicht gar unterstützt würde.
Doch die historische Entwicklung der westlichen Welt spiegelt ein gespaltenes Erbe. Die Ideologien des Nahen Ostens – oder die wahre südliche Tradition – drangen in Form des Christentums in den Norden vor und bildeten schließlich eine problembeladene Symbiose mit der ursprünglichen Kultur Europas. Nahezu jede Erscheinungsform „ketzerischen“, „abartigen“ oder „diabolischen“ religiösen Verhaltens in Europa, von den Anfängen des Christentums bis in unsere Zeit hinein, kann auf ursprüngliche Impulse zurückgeführt werden, die aus der vielfältigen vorchristlichen Kultur Europas stammen.
Es versteht sich fast von selbst, dass man, um die Entwicklung des linkshändigen Pfades im Westen verstehen zu können, auch das Wesen der nahöstlichen oder südlichen Tradition in ihren Ausprägungen sowohl des rechtshändigen als auch des linkshändigen Pfades erfassen muss. In diesen Kulturen entwickelten und verbreiteten sich die moderne Geisteshaltung und die Symbolik, die oft mit dem Wort „Satanismus“ umschrieben werden.
Der linkshändige Pfad bei den Semiten
Zum vollen Verständnis dessen, was in Westeuropa als „Satanismus“ bezeichnet wird, ist keine Kultur des Altertums – eventuell mit Ausnahme der iranischen/zoroastrischen – wichtiger als die der Semiten im Allgemeinen und die der Hebräer im Besonderen. Eine vollständige Betrachtung dieses Gebietes ist in diesem Rahmen nicht möglich,36 des Weiteren würde solch eine Untersuchung nur zeigen, dass die hebräische Tradition aus philosophischer Sicht wenig an Ursprünglichem zu bieten hat. Ihre hauptsächliche Bedeutung ist historischer Natur. Die Hebräer schmiedeten eine Synthese aus verschiedenen theologischen und mythischen Strömungen – aus Mesopotamien, Ägypten, Kanaan und dem Iran – und ihrer eigenen, primitiven semitischen Religion.37 Doch da die hebräische Religion, soweit wir Aufzeichnungen darüber haben, relativ monolithisch ist, liefert sie wenige Beweise für die Entwicklung oder Existenz von etwas Autochthonem, das mit dem linkshändigen Pfad verwandt ist. Dennoch hinterlässt die hebräische und später (seit 586 v.u. Z.) jüdische Religion der an sie anknüpfenden christlichen sowie der islamischen Welt und den Gnostikern, bei denen die jüdische Mythologie oft zur Darstellung ihrer (oft dem linkshändigen Pfad zuzuordnenden) Vorstellungen diente, eine genaue Formen- und Begriffslehre für eine gesamte „Symbollehre des Bösen“.
Es wird sich zeigen, dass in der semitischen Weltsicht, obwohl sie ursprünglich keine streng dualistische war, Vorstellungen von Sünde und Errettung oder Befleckung und Reinigung eine überaus große Rolle spielten. Dies führte zu einer Art von De-facto-Dualismus, der sich sogar als beständiger erwies als der zoroastrische, obwohl die semitische Religion sicher nur sekundär von den Mythen und der Theologie des iranischen Mazdaismus beeinflusst worden war.
Um die semitische Mentalität voll verstehen zu können, müssen wir geschichtlich bei einem nichtsemitischen Volk anfangen: bei den Sumerern. Die Ursprünge der bereits heterogenen Sumerer lagen entweder im Norden oder im Osten Mesopotamiens (des heutigen Irak),38 und um 4500 v.u. Z. ließen sie sich in den Regionen um die Flussmündungen von Euphrat und Tigris nieder. Ihre großartige Zivilisation sollte in ihrer authentischen sumerischen Form bis um 1750 v.u. Z. andauern und dann bis nach der Eroberung Babylons 539 v.u. Z. durch Kyros II. von Persien in einer „semitisierten“ Form fortsetzen. Der Frühling der sumerischen Zivilisation war zwischen 3200 und 2360 v.u. Z. Die Sumerer mit ihrem Nachfolger, dem semitischen System, in einen Topf werfen zu wollen, wäre eine grobe Vereinfachung.39 Die Sumerer scheinen in ständiger Furcht vor Naturkatastrophen und gesellschaftlichen Umbrüchen gewesen zu sein. Diese Haltung stand im Gegensatz zu den ägyptischen Vorstellungen von geordneten Abläufen in einer sicheren Umgebung und war zurückzuführen auf die ackerbaulichen Bedingungen in den jeweiligen Flusssystemen: der Nilregion einerseits, die von regelmäßigem Hochwasser geprägt ist, welches das Tal flutet, und Mesopotamien andererseits, das von Sturm und Regen abhängig ist, die Wasser in die Täler von Euphrat und Tigris bringen. Wie dem auch sei: die Sumerer schienen ursprünglich keine echte Vorstellung von einer dem gesamten Kosmos innewohnenden Gottheit gehabt zu haben. Stattdessen glaubten sie, dass alles durch die ME bestimmt sei (eine festgeschriebene göttliche Ordnung).
Das „Böse“ als solches wurde als Störung dieser göttlichen Ordnung verstanden, etwa in Form von Tod und Krankheiten. Die Einführung des Todes geht nicht auf das Konto eines Übeltäters, sondern auf das des Erdgottes En-Ki persönlich, der gewisse Kräuter aß, anstatt ihre Bestimmung festzulegen. Damit hatte En-Ki ein „kosmisches Verbrechen“ begangen, weil er „nicht im Einklang mit dem Prinzip, in das er inkarniert war, gehandelt hatte.“40
In der sumerischen Religion wurden die Götter als Formen oder Prinzipien betrachtet, die innerhalb der göttlichen Ordnung zusammenwirken. Die Aufgabe des Menschen war, „den Göttern zu dienen“, oder in anderen Worten: der göttlichen Ordnung zu dienen. Dennoch war die Vorstellung selbstverständlich, dass die Götter selbst – und nicht der Mensch – ursprünglich für die Störungen der göttlichen Ordnung verantwortlich waren. So wird Gilgamesch (der vermutlich älteste Held in der Literaturgeschichte), als er in seinem Bestreben, Unsterblichkeit zu erlangen, gegen den Tod kämpft, von den Sumerern nicht als jemand gesehen, der gegen die Götter aufbegehrt und daher „böse“ ist, sondern eher als jemand, der versucht, die ursprüngliche göttliche Ordnung wiederherzustellen. Gilgamesch wird im Wesentlichen als ein göttlicher Held und nicht als ein böser Übeltäter betrachtet. Wer sich mit dem ursprünglichen Material der Sumerer und der Religion Mesopotamiens beschäftigt, wird dabei auf eine Ambivalenz stoßen, die an die hinduistische Tradition erinnert.41
Die Kultur der Sumerer machte einen seltsamen Wandel durch. Von etwa 2800 v.u. Z. an sickerten semitische Völker (die später als Akkader identifiziert wurden) von Norden und Westen nach Sumer ein und begannen, Kultur, Sprache und Religion von den unteren gesellschaftlichen Schichten ausgehend zu „semitisieren“.42 Von 2350 bis 2150 v.u. Z. regierten akkadische Könige in Mesopotamien, bis ihre Herrschaft durch das Vordringen der Gutäer aus dem Iran beendet wurde. Die Gutäer beherrschten die Akkader bis 2050 v.u. Z., als die Sumerer eine Renaissance erlebten und die Macht wiedererlangten. Doch um 1950 v.u. Z. erlangte eine andere semitische Volksgruppe, die Assyrer, die Kontrolle über die Region. Die semitische Kultur und Sprache herrschten in Mesopotamien bis zur Eroberung durch die Perser im Jahre 539 v.u. Z. vor.
In hohem Maße wurden die Semiten Mesopotamiens – die Akkader, Assyrer und Babylonier – in ihrer Religions- und Kulturform „sumerisiert“. Sie übernahmen die sumerische Schrift (Keilschrift), äußere kultische Formen und die Mythologie. Die alten sumerischen Mythen wurden gewissermaßen semitisiert. Doch die Semiten waren ein wesentlich anders geartetes Volk, das die sumerischen Formen mit seinen eigenen Begriffsinhalten ausfüllte.
Die optimistische Anthropogenese der Sumerer – nach welcher der Mensch von den Göttern erschaffen wird – wird dahingehend uminterpretiert, dass die Menschheit aus dem Blut einer bösen Wesenheit geschaffen wird: Kingu. So ist der Mensch in der semitischen Version „durch seinen eigenen Ursprung verflucht.“43 Hier haben wir eine Grundidee, die der „Erbsünde“ sehr nahe kommt. Diese eher pessimistische Anthropogenese erfordert eine neue Form des Kultes mit persönlichen Gebeten und Bußpsalmen. Hier hören wir die Büßer um Vergebung der Sünden und Befreiung von Verfehlungen beten.44 Doch wäre es falsch, die Semiten Mesopotamiens nur als Vorläufer der hebräischen Religionsvorstellungen zu sehen. Der babylonische Blickwinkel auf die menschliche Existenz war weit optimistischer als der der Hebräer.
Ein weiteres wichtiges semitisches Volk im Nahen Osten waren die so genannten Kanaaniter. Sie bewohnten die Küstenregion des östlichen Mittelmeeres seit etwa 3000 v.u. Z. Offensichtlich hatte es eine Anzahl mutmaßlich semitischer Stadtansiedlungen in dieser Region gegeben, die der Reihe nach von halbnomadischen „Barbaren“ erobert wurden. Die Hebräer oder Israeliten, die um 1250 v.u. Z. in dieses Territorium eindrangen, waren eine von vielen ethnischen Gruppen unter diesen Siedlern. Das meiste, was wir über die Zivilisation wissen, die im Alten Testament Kanaan genannt wird, stammt aus Texten, die in Ras Shamra (Ugarit) an der syrischen Küste gefunden wurden. Nach dieser Quelle scheinen die Kanaaniter gespaltener Meinung darüber gewesen zu sein, was als „böse“ zu gelten habe. Letztendlich sahen sie die Welt in einem ewigen Kampf zwischen den Mächten des Lebens (repräsentiert durch Ba’al und seine Schwester Anath) und denen des Todes (repräsentiert durch Mot). Dieses schien eine allgemein anerkannte und akzeptierte Tatsache gewesen zu sein.45
Dieser kurze Überblick über einige nichthebräische Religionsvorstellungen verdeutlicht, dass die polytheistischen semitischen Religionssysteme nicht ausdrücklich von einer bösen Natur der Welt oder der Menschheit ausgingen. Dennoch weisen die Belege aus Mesopotamien darauf hin, dass die damals dort ansässigen Semiten zu der Vorstellung neigten, dass es eine „Erbsünde“ gebe. Gleichzeitig ist es schwierig, auf die frühen sumerischen oder semitischen Kulturen die Zweiteilung in „linkshändigen“ und „rechtshändigen“ Pfad anzuwenden. Dies rührt wahrscheinlich daher, dass wir vom philosophischen Verständnis dieser Völker zu maßgeblichen Themen zu wenig wissen. Gilgamesch ragt als einzigartige, heroische Wesenheit heraus, die, besessen von Selbst-Bewusstsein, Unsterblichkeit herbeisehnt. Dies würde ihn zumindest in Teilen als eine Leitfigur des linkshändigen Pfades auszeichnen. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die vielfältigen und ambivalenten Überlieferungen der Religionen des frühen Mesopotamiens und des Nahen Ostens, wie die alten indoeuropäischen oder die ägyptischen Traditionen die Saat für das in sich trugen, was sich später zur Dichotomie des rechtshändigen/linkshändigen Pfades entwickeln sollte. Aus der Sicht orthodoxer Lehren wie des Judentums, des Christentums und des Islam sind die Religionssysteme der Kanaaniter und Babylonier (ebenso wie das der Ägypter) grundsätzlich „sündig“ (sie mögen zwar im wesentlichem nicht dem linkshändigen Pfad zuzurechnen sein, doch waren sie, mit anderen, zumindest offen für die Werte des linkshändigen Pfades). Dieses Zulassen einer Vielzahl religiöser Facetten war an sich schon aus orthodoxer, monotheistischer Sicht Grund genug für eine Verdammung. Doch machte erst die hebräische Synthese eine solche Dichotomie möglich.
Die hebräisch-orthodoxe Synthese des rechtshändigen Pfades
Die hebräische oder israelitische Synthese der primitiven Glaubensvorstellungen semitischer Nomaden mit Elementen aus den Traditionen der Ägypter und Kanaaniter sowie der Babylonier und Iraner fand über einen längeren Zeitraum von etwa 1750 bis 500 v.u. Z. statt. Hebräische Nomaden waren in der Region um Hebron weitgehend sesshaft geworden, während die Israeliten (oder, genauer gesagt, die Aramäer) sich etwas später in der Region von Sichem ansiedelten. Diese Stämme lebten in den Randbezirken der städtisch geprägten und offenbar indigenen kanaanitischen Gesellschaft. Die Aramäer begannen vermutlich zwischen 1750 und 1250 v.u. Z., gewisse Eigentümlichkeiten der kanaanitischen Religion zu übernehmen. Um 1250 v.u. Z. kam eine dritte Welle hebräischer Siedler in diese Region. Diese setzten sich wahrscheinlich aus hebräischen Stämmen, die für einige Jahrhunderte in Ägypten ansässig gewesen waren, und womöglich auch aus Ägyptern und Angehörigen anderer nichthebräischer Völker zusammen, die äußerlich während des Exodus unter Führung eines (ehemaligen) ägyptischen Priesters, der als Moses in die Überlieferung eingegangen ist, hebraisiert wurden. Eine bedeutsame Synthese altertümlicher hebräischer, kanaanitischer und ägyptischer Weltanschauungen fand in diesem kulturellen Zusammenhang zwischen 1200 und 600 v.u. Z. statt. Das Königreich Israel wurde 587 v.u. Z. von den Babyloniern zur Gänze erobert. Von da an bis 538 v.u. Z. lebten die Israeliten innerhalb Babyloniens im Exil, in der so genannten Babylonischen Gefangenschaft. Zu dieser Zeit übernahmen sie babylonische – besonders aber auch iranische – Glaubensvorstellungen, die zum wichtigsten katalytischen Element in der Entwicklung der hebräischen oder jüdischen „Philosophie des Bösen“ wurden.
Wenn wir das hebräisch-jüdische Material (d. h. die kanonischen und die apokryphen Bibeltexte dieser Tradition) betrachten, müssen wir berücksichtigen, dass es sich bei diesen Mythen nicht um fortlaufende und zusammenhängende Erzählungen handelt, sondern um Fragmente von Mythen und Legenden, die ohne oder mit bestenfalls geringer Bemühung um textliche Folgerichtigkeit zusammengestückelt wurden. Das erste Beispiel davon finden wir in der Genesis, wo in 1 : 2 - 4 eine vollständige und schlüssige Version des Schöpfungsmythos erzählt wird und dann an späterer Stelle (Genesis 2 : 4 - 25) eine davon ziemlich abweichende, aber ebenso schlüssige und vollständige Version auftaucht. Die erstgenannte ist sicherlich die ältere Version, die andere wurde später (wahrscheinlich nach der Babylonischen Gefangenschaft) hinzugefügt. Dies ist eine typische Eigenart der hebräischen Mythologie, die jedoch angesichts populärer Mutmaßungen, es würde sich um einen in sich stimmigen und einheitlichen „offenbarten“ Text und nicht um das über Jahrhunderte hinweg unter verschiedenen geschichtlichen und kulturellen Einflüssen entstandene Werk mehrerer Autoren handeln, meist aus dem Blickfeld gerät.46
Die einzigen ursprünglichen Vorstellungen, die die antiken Hebräer, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, vom „Bösen“ gehabt haben mögen, liegen verschüttet unter den Schichten dessen, was sie aus anderen Kulturen übernommen haben. Es ist wahrscheinlich, dass die hebräischen Einwanderer aus Ägypten eine theologische und rituelle Struktur mit sich gebracht haben, die in hohem Maße vom ägyptischen Denken beeinflusst war. Man hat darüber spekuliert, dass Moses vom Gedankengut der monotheistischen Reformen des Pharaos Echnaton geprägt gewesen sei, und es ist weiteres möglich, dass die Vorstellungen der Hebräer davon, wer oder was gegen den göttlichen Plan opponiert, vom etablierten Seth-Kult während der neunzehnten Dynastie (1300 - 1200 v.u. Z.) beeinflusst gewesen sind. Der „Exodus“ der semitischen Stämme aus Ägypten ereignete sich höchstwahrscheinlich gegen Ende dieser Dynastie. Die monotheistische Reform der hebräischen Religion durch Moses führte natürlicherweise zu einem Glaubensmodell, nach dem der „Eine Gott“, den Moses „Jahwe“ nannte, von einer anderen kosmischen Kraft herausgefordert werden konnte. Vor diesen Reformen stellte der hebräische Polytheismus das „Böse“ (d. h. Krankheit und Tod) als ein Produkt der „Flickschusterei“ der kosmischen Realität dar, wie es auch die Kanaaniter taten. Im mosaischen Monotheismus (womöglich gepaart mit dem Wissen um das Prinzip, das durch Seth repräsentiert wird) wurde so der potentielle Grundstein für diesen kosmischen Gegenpol gelegt. Tatsächlich hat es jedoch Jahrhunderte gebraucht, um ein Bewusstsein für all die Konsequenzen zu entwickeln, die diesem Potential innewohnen.
Archäologisches Belegmaterial deutet darauf hin, dass die Hebräer, die mit der dritten Einwanderungswelle in die Levante gekommen sind, weit davon entfernt waren, alles und jeden im „Verheißenen Land“ zu zerstören, um es für „Gottes auserwähltes Volk“ zu säubern (Josua 1 - 18). Vielmehr ließen sich die Hebräer von dem kanaanitischen „Land, wo Milch und Honig fließen“ und dem moabitischen Gott Ba’al Peor verführen (Numeri 25). Von der Zeit des Exodus bis zur Babylonischen Gefangenschaft weist die hebräische Religion eine kontinuierliche Assimilation kanaanitischer Mythen und Kultformen auf; zugleich hat es vonseiten der so genannten Propheten wiederholt Widerstände gegen diese fortwährende Tendenz gegeben.
Der Einfluss der Kanaaniter auf die Auffassung der Hebräer vom „Bösen“ zeigt sich in der Annahme eines kosmischen Konfliktes zwischen den Kräften des Lebens (Ba’al) und denen des Todes (Mot). Das hebräische Wort für den Tod ist mot. Die Vorstellung von einer kosmischen Rebellion jüngerer Götter gegen ältere ist ebenfalls in der kanaanitischen Mythologie angelegt,47 in der Ba’al sich nicht nur in ständigem Kampf gegen den Tod (Mot) befindet, sondern auch versucht, den älteren Gott El zu stürzen. El (pl. Elohim) ist ein „Name Gottes“, der auch ins Hebräische übernommen wurde (siehe El Schaddai). Die Pluralform kann im Hebräischen verwendet werden, um die Größe von etwas anzuzeigen, ohne damit zwangsläufig einen Plural zu implizieren.
Soweit babylonische Einflüsse beteiligt sind, kamen diese mutmaßlich eher indirekt, über die kanaanitische Theologie vermittelt, als direkt von den Babyloniern zu den Hebräern. Dies verhielt sich so bis zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft, seit der die hebräische – nun jüdische – Theologie sich zwei großen direkten Einflüssen öffnete: dem babylonischen Wissen und der iranischen Kosmologie und sonstigen Lehre.
Während der Babylonischen Gefangenschaft entwickelte sich eine gelehrte Priestertradition innerhalb des Judentums. Die Einstellung dieser priesterlichen Tradition gegenüber „dem Bösen“ war zwiespältig: zum einen galt dieses als Folge der Lüsternheit der „Söhne Gottes“ (heb. Bene Elohim) nach den Töchtern der Menschen (Genesis 5 : 1 - 7). Die daraus resultierende Vermischung göttlicher und menschlicher Naturen habe dazu geführt, dass die „Söhne Gottes“ den Menschen verbotenes göttliches Wissen offenbart hätten. In der „henochischen“ Literatur gibt es Listen von (dämonischen) Engeln und Kategorien „verbotenen Wissens“, das diese der Menschheit offenbart haben sollen (I Henoch 8). Wie Neil Forsyth beobachtet, verbindet so „der Mythos die Ursprünge der Kultur mit den Ursprüngen des Bösen in der Welt. […] Wollust ist die Ursache für die Grenzüberschreitung zwischen Göttern und Menschen, mit dem Ergebnis, dass Menschen verbotene Mysterien erlernen, und dieses führt in der Folge die Erde ins Verderben.“48 Dieser Mythos vom Ursprung verbotenen Wissens, das zum Einströmen des „Bösen“ führt, weist Parallelen zum besser bekannten Mythos von Eden auf.
Darum wird das Böse mit beidem in Verbindung gebracht: mit Wissen und mit der fleischlichen Existenz. Das eine ist ein Übel des Geistes, das andere ein Übel des Fleisches. Diese beiden Pole werden sich als ständige Merkmale der Schulen des linkshändigen Pfades in der westlichen Welt erweisen.
Auch wenn der hebräische Mythos vom Garten Eden und die ganze Kosmologie in Genesis 1 - 2 letztlich semitisch-sumerischen Ursprungs sind, sollten auch die Übereinstimmungen mit der iranischen Mythologie nicht unerwähnt bleiben.49 Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Grundstrukturen des Edenmythos von einem Fundament kanaanitisch-babylonischer Traditionen in die jüdische Überlieferung übernommen wurden und dass später einige Interpretationen der Mythen durch abstrakteres iranisches Gedankengut „erhellt“ worden sind, die – zusammen mit hellenistischen Vorstellungen – die Basis der geheimen jüdischen Traditionen (Kabbala etc.) geformt haben. Diesen Aspekten werden wir uns in Kapitel 4 im Zusammenhang mit der Gnosis noch detaillierter zuwenden. Auf jeden Fall sehen wir wieder einmal einen anderen Weg, auf dem „das Böse“, in Form göttlichen Wissens, der Menschheit präsentiert wird. Von diesen Mythen kann gesagt werden, dass sie nur in den Überlieferungen der nichtzoroastrischen iranischen Religionssysteme (wie dem Mithraismus) oder von einigen der unzähligen gnostischen Sekten (z. B. den Ophiten) als Teile des linkshändigen Pfades betrachtet werden können.
Der linkshändige Pfad bei den Hamiten
Der Seth-Kult
Seth ist eine ägyptische Gottheit, die gegen Ende der ägyptischen Kultur zu einem Inbegriff des Bösen geworden ist. Doch dies war nicht immer der Fall. Obwohl Seth nicht immer als „böse“ angesehen wurde, sind die Eigenschaften, die er verkörperte, über längere Zeiträume hinweg mehr oder weniger dieselben geblieben. Die Kultur und ihre Werte sind es, die sich verändert haben. Wir sind natürlich in erster Linie daran interessiert, so viel wie möglich über den Einfluss des Tempels des Seth und den Stellenwert dieser altertümlichen Gottheit für den linkshändigen Pfad in der heutigen Zeit zu erfahren.
Die Kultur am Nil hatte sich vor ihren ersten nennenswerten Berührungen mit der sumerischen Zivilisation um 3000 v.u. Z. eigenständig und unabhängig entwickelt.50 Anscheinend hatte der Einfluss der Sumerer einer damals schon sehr alten Kultur lediglich neuen Auftrieb gegeben. Die ägyptische Kultur hatte um 5000 v.u. Z. Begonnen, sich zu formen und in der vorgeschichtlichen Periode zwischen 3800 und 3200 v.u. Z. eine eigenständige Zivilisation auszuprägen. Auf diesen Grundlagen bestand die ägyptische Zivilisation in ihrer einzigartigen und kulturell unabhängigen Form, bis sie 42 v.u. Z. mit dem Tode Kleopatras ihre Unabhängigkeit an Rom verlor. Doch die Tatsache, dass das Hieroglyphenwissen von ägyptischen Priestern und Schriftgelehrten bis in das fünfte Jahrhundert u. Z. bewahrt wurde,51 zeigt, dass wir es mit einer intellektuell hoch stehenden Kultur zu tun haben, die auf ein mindestens vier Jahrtausende altes Erbe zurückblicken konnte. Die ägyptische Zivilisation ist damit die älteste kontinuierlich bestehende Kultur, die wir kennen. Die einzige Konkurrenz um diesen Anspruch wäre die chinesische Zivilisation, deren Wurzeln weitaus jünger sind (bis um 1500 v.u. Z.), die aber bis zum heutigen Tage besteht.
Es wird angenommen, dass die ägyptische Religion zu Beginn der dynastischen Periode um 3100 bis 2750 v.u. Z. in den meisten ihrer grundlegenden Aspekte eine verfeinerte und hoch komplexe Entwicklungsstufe erreicht hatte.52 Obwohl die Kultur zu dieser Zeit entlang dem Nil zwischen dem Mittelmeer und dem heutigen Assuan recht einheitlich erscheint, war das Land politisch – und vermutlich auch religiös, da die „Politik“ dieser Region stark von kultischen Institutionen beeinflusst wurde – gespalten in die nördliche Deltaregion (Unterägypten) und das übrige Niltal im Süden (Oberägypten). Es scheint, dass in frühester Zeit im Norden ein Falkengott (Heru/Horus) dominiert hat, während im Süden ein Gott regierte, der durch ein undefinierbares Tier (Suta/Seth)
symbolisiert wurde.
Nach der traditionellen ägyptischen Geschichtsüberlieferung eroberte der Norden erfolgreich den Süden und vereinte das Land 3100 v.u. Z. unter Menes, dem ersten Pharao, der im Nildelta die Haupstadt Memphis gründete. Obwohl das vereinigte Land und einheitliche kosmische Prinzipien, die von den in den jeweiligen Regionen dominierenden Göttern repräsentiert werden, ein Bild zeichnen, in dem Horus und Seth zwar als polare Entsprechungen, aber trotzdem als ein Wesen dargestellt werden (siehe Abb. 3.4), gab es auch Tendenzen, Seth als den negativen, von Beginn an feindseligen Aspekt zu betrachten. Dennoch kann nicht oft genug gesagt werden, dass die Kraft und das Wesen Seths bis zum Ende der zwanzigsten Dynastie (um 1170 v.u. Z.) von den Ägyptern hoch geachtet und verehrt worden waren.
Der Fortbestand der Seth-Verehrung in Ritual und magischer Symbolik zeigt sich deutlich an der Doppelkrone des Pharaos, die aus der roten Krone Nordägyptens und der weißen Krone des Südens gefertigt ist, und an den Zeptern von was
und tcham
, die eindeutig symbolische Repräsentationen des Seth-Tieres sind. Diese Zepter waren Zeichen der göttlichen Macht, die von den Göttern und ihren inkarnierten Vertretern, den Pharaonen, eingesetzt werden konnte.
In der „orthodoxen“ Religion Ägyptens scheinen zwei Konzepte oder Prinzipien vorherschend gewesen zu sein: die Regelung des kosmischen/ackerbaulichen Zyklus, erfahrbar im jährlichen Ansteigen des Nils, der dadurch den materiellen Wohlstand sicherte; und die Fortsetzung des Lebens des Einzelnen in einem transzendenten Jenseits. Für die Behauptungen Herodots (II, S. 123), dass die Ägypter an irgendeine Form der Reinkarnation oder Metempsychose geglaubt hätten, scheint es nicht den geringsten Beweis zu geben.53

Abb. 3.4. Vereinigung von Seth und Horus
Beim Versuch, die historische Entwicklung der ägyptischen Religion zu begreifen, kann es leicht zu Missverständnissen kommen, wenn die Unterteilung in rechtshändigen und linkshändigen Pfad zu früh oder zu strikt vorgenommen wird. In vielerlei Hinsicht war die frühe Religion Ägyptens der sumerischen oder der alten indoeuropäischen Religion ähnlich, in denen die strenge moralische Spaltung von „Gut“ gegen „Böse“ fehlte. Doch bereiteten die Ägypter, ähnlich den Zoroastriern in Persien, dieser Trennung im Laufe der Zeit den Weg.
Die Wurzeln einer Urform des rechtshändigen Pfades im Westen finden wir im kosmischen und agrarischen Kultus, den die Ägypter um den regelmäßigen Anstieg des Nil errichtet haben und der möglicherweise auch mit der extremen Isolation und Xenophobie Ägyptens und seiner Kultur zusammenhängt. Diese religiöse und mythische Tradition fand schließlich im Osiriskult ihren Ausdruck. Dieser Kult verkündete und entwickelte die Vorstellung von regelmäßigen und in sich geordneten Zyklen der Existenz und von einer Auferstehung des Leibes in einem transzendenten Reich, wobei vermutlich eine Parallele zu den natürlichen Zyklen des Nil gezogen wurde. Zur Zeit des Neuen Reiches (und der Ptolemäischen Periode), als der Osiriskult seinen höchsten Entwicklungsstand erreicht hatte, bildete sich ein exklusiver Kult des rechtshändigen Pfades heraus, der auf der Idee basierte, das menschliche Handeln mit den Kreisläufen der Natur in Einklang zu bringen. Diese Kreisläufe wurden reihum von der Gemeinschaft der ägyptischen Göttinnen und Götter symbolisiert.
Das ägyptische Wort für „ein Gott“ war Neter (pl. Neteru). Erik Hornung widmete diesem und anderen Begriffen für „Gott“ im Ägyptischen eine ganze Untersuchung. Die Herkunft des Wortes ist unklar.54 Doch aus seiner Bedeutung folgerte Hornung:
In der ständigen Wandlung ihres Wesens und ihrer Erscheinung gleichen die ägyptischen Götter den Tempeln des Landes, die in ähnlicher Weise niemals abgeschlossen und fertig sind, sondern stets ‚im Bau‘. […]
[Die ägyptischen Götter] … sind eher Formeln als Gestalten, in ihrer Welt fühlt man sich manchmal in die Welt der Elementarteilchen versetzt. […] Ein Gott verbindet sich mit einem anderen und ist ein neues Wesen mit neuen Eigenschaften, um im nächsten Augenblick in einer Vielzahl von Wesenheiten aufzutreten. Was er eigentlich ist, bleibt verborgen, aber seine leuchtende Spur ist sichtbar, seine Reaktion mit anderen deutlich, seine Wirkung spürbar. Er ist materiell und geistig, eine Kraft und eine Gestalt, er erscheint in wechselnden Formen, die eigentlich einander ausschließen, aber wir wissen, dass da etwas ist und seine Wirkung entfaltet.55
Doch einen gab es, der aufgrund seines Wesens gegen die anderen Neteru stand, und das war Seth. Wie wir bereits sehen konnten, reicht der Seth-Kult bis zu den Anfängen der ägyptischen Kultur zurück, vor allem in Oberägypten. Von Anbeginn und die ganze Geschichte hindurch stand Seth offenbar für:
1. den Gegensatz zu bestimmten natürlichen Abläufen,
2. das Draußen (Wüsten, fremde Länder etc.),
3. Kraft oder Macht (physisch oder magisch),
4. die Störung der natürlichen Ordnung durch eine Aktivierung dieser Faktoren.
Diese Eigenschaften wurden anfangs als notwendig für das Gleichgewicht im gesamten Kosmos betrachtet, doch mit der Zeit wurden diese Faktoren zu programmatischen Musterbeispielen für das Böse aus ägyptisch-osirianischer Sicht. Jedoch galt Seth nicht so sehr als böse wie ihm überwältigende Macht zugeschrieben wurde. Über die ägyptischen Götter und das Böse schreibt Hornung:
Die Götter Ägyptens können schrecklich, gefährlich und unberechenbar sein, aber nicht böse. Das gilt, wenigstens ursprünglich, selbst für Seth, den Mörder des Osiris. Kampf, ständige Auseinandersetzung, auch Verwirrung und In-Frage-Stellen der gesetzten Ordnung, wie Seth sie als eine Art trickster betreibt, gehören zu den notwendigen Bedingungen des Seins, zu der begrenzten Unordnung, die für lebendige Ordnung unerlässlich ist.56
In vielen Diskussionen darüber, wie und warum Seth zum Inbegriff des Bösen in Ägypten wurde, ist womöglich überbetont worden, dass der Konflikt zwischen der Priesterschaft des Osiris und der jenigen von Amun und Seth stark von dem überlagert gewesen ist, was wir heute als „politische Faktoren“ bezeichnen würden. Zum Beispiel ist es richtig, dass Seth der Hauptgott des zuvor bezwungenen Oberägyptens war und dass er als Gott der fremden Kräfte des semitischen Volkes der Hyksos galt, die von etwa 1700 bis 1550 v.u. Z. in Ägypten eingedrungen waren und das Land beherrschten.
Doch ebenso richtig und für unsere Untersuchung von größerer Bedeutung ist das folgende: Was Seth in seinem Wesen repräsentiert, wurde nahezu immer mit Misstrauen betrachtet – die menschliche Seele als Widerpart des natürlichen Vehikels, des Körpers, dargestellt als eine Kraft von außen, die der Menschheit eine Macht gibt, die sie umgebende natürliche Ordnung zu stören. Seth war der Gott des Außenseiters, des Fremden, und diese Qualität repräsentiert er im Pantheon und in der Gesellschaft Ägyptens. Von allen Göttern war Seth möglicherweise der einzige, der wirklich unsterblich war.57 Seth hat die Kraft und den Willen, „gegen Gesetz und Ordnung“ des Universums zu handeln.58 Hierin liegt der Kern, warum der Seth-Kult als Vorläufer des linkshändigen Pfades im Westen betrachtet wird.
Trotz der großen Zahl zugänglicher Dokumente bleibt die ägyptische Tradition heute eine der auf philosophischer Basis am schwierigsten verständlichen. Dies liegt zum einen Teil an der konkreten Ausdrucksweise der (vorhellenischen) ägyptischen Philosophie, und zum anderen an den späteren Bestrebungen, die Wirkungsweise von Seth zu verdunkeln und zu verunglimpfen. Doch zu einem Großteil liegt es an bestimmten Eigenarten der rituellen Götterverehrung in Ägypten. Im Gegensatz zu den Neigungen der Sumerer und der Indoeuropäer, bestimmte Prinzipien oder Funktionen mit spezifischen Götterformen zu identifizieren, tendieren die Ägypter dazu, nahezu alle Funktionen mit praktisch jeder Götterform oder jedem Götternamen zu identifizieren. Dadurch hatten sie es einfach, alle wichtigen Symbole und Funktionen Seths zu bewahren und später auf andere Götter wie Amun-Ra, Thoth und Anubis zu übertragen. In dieser späteren Zeit schien das allerwichtigste zu sein, den Gebrauch des eigentlichen Namens Seths oder des Bildnisses des „Seth-Tieres“ zu vermeiden.
Schon zur Zeit der vierzehnten Dynastie wurde der Beiname „Anhänger des Seth“ abwertend gebraucht. Ein Schriftgelehrter namens Kenhirkhopeshef (der um 1191 v.u. Z. starb), beschrieb auf einem Papyrus die „Zeichen der Anhänger des Seth“. Der Papyrus ist in schlechtem Zustand – daher die Lücken im Text – doch die Beschreibung ist deutlich genug:
Der Gott in ihm ist Seth … er ist ein Mann des Volkes. Er stirbt den Tod der Fallenden … Kraft … er ist zügellosen Herzens am Tag des Gerichts … unzufrieden in seinem Herzen. Wenn er Bier trinkt, dann tut er dies, um Streit und Aufruhr zu erzeugen. Die Röte im Weißen seines Auges ist dieser Gott. Er ist einer, der trinkt, was er verabscheut. Seine Größe wird von den Frauen geliebt – seine Größe, sie zu lieben. Obwohl er von königlichem Geblüt ist, ist er dem Wesen nach ein Mann des Volkes … Er wird nicht in den Westen absteigen, sondern wird in die Wüste gesetzt, zur Beute räuberischer Vögel … Er trinkt Bier, um Aufruhr und Streit zu erzeugen … Er wird die Waffen des Krieges ergreifen – Er wird nicht unterscheiden zwischen einer verheirateten Frau und … Wie er jeden Mann, der sich ihm widersetzt, bedrängt … Raserei steigt auf in ihm, und er wird in die Unterwelt gesetzt.59
Dieser Beschreibung können wir verschiedene Hinweise, beispielsweise auf die antinomistische Natur einiger der alten Seth-Praktiken, entnehmen. Wenn die antike Literatur sich auf Menschen als „Anhänger des Seth“ bezieht, dann geschieht das meistens, um deren die allgemeine Ordnung störendes Verhalten als Hauptmerkmal hervorzuheben.60
Während der Abenddämmerung der ägyptischen Kultur, von der zweiundzwanzigsten Dynastie bis in die ptolemäische und die römische Epoche hinein, vollzog der Osiriskult nahezu eine „Inquisition“ gegen den Sethkult. Bildnisse und Tempel des Gottes wurden zerstört und Feste zelebriert, bei denen Krokodile gefoltert wurden, die man für eine Verkörperung Seths hielt. Die einzige philosophische Zufluchts für die Prinzipien des Seth-Kultes waren die hellenisierten gnostischen Sekten in Ägypten.
In diesem magischen Kontext der hellenisierten Kultur Ägyptens erreichte Seth seinen womöglich höchsten philosophischen Entwicklungsstand. In dem in Paris befindlichen Papyrus PGM IV wird Seth als „Herrscher über die Götter“ und sogar als „Schöpfer der Götter“ bezeichnet. Zu einem gewissen Grad lässt sich dies mit der altägyptischen magischen Tradition erklären, Götter mit bestimmten Eigenschaften zu identifizieren, doch scheint hier mehr dahinter zu stehen. Es scheint, dass eine gnostische Sekte, die sich die Sethianer nannten, während der ersten etwa vier Jahrhunderte unserer Zeitrechnung eine große Synthese aus griechischer Philosophie, ägyptischer Religion und Magie, jüdischer Mythologie und Theologie sowie anderen Elementen des iranischen und anderer magisch-religiöser Systeme der östlichen Mittelmeerregion vollzog.61 Der altägyptische Gott Set (gr. Σηθ = Seth) wurde, vor allem in gnostischen Sekten, mit Seth (hebr. Šet) identifiziert – oder ging in die hebräische Mythologie über. Doch müssen wir an dieser Stelle nicht in die hebräische Überlieferung eintauchen. Es wird deutlich, dass die Gnostiker den „klassischen“ Mythos vom Konflikt zwischen Osiris und Seth als eine Analogie der Spaltung zwischen dem bösen Demiurgen Ildabaoth (Jahwe Elohim in der Genesis) = Osiris und dem guten (schlangenartigen) Gott des Lichtes = Seth-Typhon interpretierten. Daher könnte man die gnostische Sekte der Sethianer in der Tat als eine hellenisierte philosophische Wiederbelebung des altägyptischen Sethkultes betrachten. Tatsächlich werden die Gnostiker insgesamt in den überlieferten Texten der „orthodoxen“ ägyptischen Religion als „Söhne des Typhon (= Seth)“ bezeichnet. An diesem gnostischen Nachspiel zur Geschichte des Sethkultes sehen wir deutlich, dass die ursprüngliche philosophische Bedeutung von Seth als Widersacher der natürlichen, unveränderlichen Zyklen der Existenz, der von außen in die Natur eintritt, um seine Kraft zu erproben und die natürliche Ordnung zu stören, von den hellenistischen ägyptischen Gnostikern der ersten Jahrhunderte dieser Zeitrechnung entweder weitergeführt oder wiederbelebt wurde.
Es gibt Theorien, dass der Kult und die Gestalt des Seth Wesen und Benennung des hebräischen und später christlichen Satan beeinflusst haben. Dies ist aufgrund der Einflüsse denkbar, die in der Zeit, als die Hebräer in Ägypten ansässig waren, in die hebräische Überlieferung eingesickert sein könnten, sowie dadurch, dass sie, vermutlich um 1250 v.u. Z., von einem ägyptischen Priester namens Mesy – Moses – aus Ägypten geführt wurden. Das ägyptische Wort Msy, das „Sohn“ bedeutet, ist beispielsweise auch in Re-Msy oder Ramses, „Sohn des Re“, zu finden.62
Während der Name Seth wahrscheinlich keine etymologische Verbindung zum semitischen śtn (hebr. śātān, arab. šaytān) aufweist, wurden die Namen in früher Zeit von den Hebräern jedoch zweifellos miteinander assoziiert. In der synkretistischen Welt des Hellenismus, wie sie in den Griechisch-Ägyptischen Magischen Papyri widergespiegelt wird, scheint Seth-Typhon nicht nur mit Eigenschaften Satans verbunden worden zu sein, sondern ebenso mit Aspekten des „Einen Gottes“ der Hebräer, Jahwe. Dies rührt daher, dass die Verfasser der Papyri sich für Jahwe (in römischen Buchstaben zu YHVH transkribiert; gr. Iao) als Ausdruck roher kosmischer Gewalt auf physischer Ebene interessierten und nicht so sehr für die theologische Rolle, die er in der orthodoxen hebräischen Überlieferung spielt. Iao war „Schöpfer dieser Welt“ – und damit kann sein Name weitere magische Transformationen in dieser bewirken. Die Neigung von menschlichen Gemeinschaften, die Götter ihrer Nachbarn zu „diabolisieren“, scheint sich als Grundhaltung durch die ganze Geschichte zu ziehen und die Ursache für fortwährende Schwierigkeiten bei religionsgeschichtlichen Untersuchungen zu sein.
Natürlich lassen sich nur schwer umfängliche Aussagen darüber treffen, inwiefern die antiken Sethianer sich den wesentlichen Fragen des linkshändigen Pfades angenähert haben. Die Forschung dazu ist in den letzten Jahren weit vorangekommen, nicht zuletzt auch durch die Arbeit moderner Sethianer wie Don Webb und seiner Schüler. Angesichts der allgemeinen Merkmale des Gottes selbst erscheint es wahrscheinlich, dass das, was die alten Sethianer praktiziert haben, dem, was wir heute als den linkshändigen Pfad bezeichnen, eng verwandt ist. Einer der Gründe, warum die Sekte so verfolgt wurde, war vermutlich, dass sie einen Weg aufzeigte, mit dem nicht allein die Pharaonen einen gottgleichen Status erreichen konnten.

Abb. 3.5. Seth als Initiator auf den linkshändigen Pfad befreit den Initianten von den Fesseln der Sklaverei

KAPITEL 4
Das erste Jahrtausend
Zu Beginn jener Epoche, die wir als das christliche Zeitalter ansehen, waren die religiösen und philosophischen Kulturen des Mittelmeerraumes sowie des Nahen Ostens in großer Dynamik und Veränderung begriffen. Politisch und militärisch waren die Römer zur bestimmenden Macht jenes Teils der Welt geworden, aber im Reich der Philosophie behielt das griechische Denken weiterhin die höchste Geltung. Gleichwohl hatten religiöse Systeme aller Art – sowohl dualistische als auch nichtdualistische – aus dem Osten – insbesondere aus dem persischen Kulturraum – einen kontinuierlichen Einfluss auf die Entwicklung und Ausbildung westlicher Sekten.
Unter den philosophischen Schulen war der Neuplatonismus die bedeutendste, die man etwa von 244 u. Z. an datieren kann, als ihr Hauptexponent Plotin in Rom zu Einfluss gelangte. Diese Philosophie, die wesentlich auf dem System des platonischen Idealismus beruhte, sollte einen entscheidenden Einfluss auf alle Schulen der „Mystik“ – auf die jüdische Kabbala und den islamischen Sufismus ebenso wie auf verschiedene christliche Traditionen – ausüben. Das hellenische Denken bildete auch die Grundlage der Rezeption persischer Denksysteme; und aus dieser Synthese von Ost und West entstanden mannigfache Sekten, darunter der Mithrakult, die „hermetische“ Philosophie und verschiedene gnostische Schulen.
Einige dieser Sekten und Kulte, etwa der Mithraismus oder verschiedene ägyptische Kulte, stießen damals unter intellektuell geschulten und philosophisch gebildeten römischen Politikern auf große Zustimmung, während andere (vor allem solche, die mit dem Judentum verbunden waren) als „paradox und heruntergekommen“ verabscheut wurden.1 Dies soll hier nur erwähnt werden, um, in bescheidenem Maße, einen Ausgleich zu dem, insbesondere in Hollywood propagierten, populären Klischee zu liefern, nach dem hochgebildete und moralisch überlegene Juden und Christen von barbarischen und grausamen Römern umgeben waren.
Es war dieses kulturelle Milieu, in dem das Christentum – das in seiner frühesten Phase nichts anderes als eine jüdische Häresie war – seinen Ursprung hatte. Die frühe christliche Lehre kann als ein System angesehen werden, das sich während des dritten und vierten Jahrhunderts aus einer komplexen Synthese jüdischen, griechischen (neuplatonischen) und persischen Denkens entwickelte. Seit diesen ersten Anfängen übernahm und adaptierte das Christentum Elemente aus verschiedensten – theologischen und gesellschaftspolitischen – Systemen, die es zu ersetzen strebte.
Da hier wahrlich nicht der Ort ist, um alle Details dieses Prozesses zu behandeln, beschränke ich mich auf einen der wesentlichsten Aspekte dieser Entwicklung: auf die Stellung und die Natur des „Bösen“. Viele Ansätze hat es gegeben, um eine „christliche Philosophie“ hervorzubringen. Dies ist womöglich ein begrifflicher Widerspruch, insofern Philosophie ein System unabgeschlossener Forschung impliziert, während für das christliche Denken die letztendlichen Schlüsse immer schon vorgegeben sind und ein philosophischer Jargon lediglich verwendet wird, um auf diejenigen überzeugender zu wirken, die sich von einer solchen Rhetorik beeindrucken lassen. Diese Ansätze wurden offensichtlich durch ein beständiges Streben völlig vereitelt, zwei vollkommen entgegengesetzte philosophische Kosmologien und Konzepte des „Bösen“ in die christliche bzw. wesentlich jüdische Weltsicht hineinzumengen.
Die erste dieser beiden philosophischen Positionen ist die des Neuplatonismus, die wir im folgenden Modell finden:
Im christlichen Sprachgebrauch wurde die Dreiheit der schöpferischen Prinzipien als Trinität von „Vater, Sohn (Logos) und Heiligem Geist“ neu benannt. Wir erkennen hier ein hierarchisches Stufenmodell, d. h. insbesondere eines, das vom graduellen Abstieg oder der Ableitung des höchsten Seins (= des Guten oder des Einen) ausgeht, bis es schließlich ins „Dasein“ tritt. Der Ursprung des Bösen liegt nun dort, wo ein Mangel an Sein eintritt. Das Gute ist Einheit und reines Sein; das Böse besteht hingegen in einem negativen Zustand, einem Seinsmangel. Jeder Schritt nach unten auf der Stufenleiter des Seins ist ein Abstieg in das „verhältnismäßig Böse“. Eine Möglichkeit, sich dieses vorzustellen, könnte darin bestehen, sich eine in den nächtlichen Himmel leuchtende Taschenlampe vorzustellen, deren Strahl in dem Maße schwächer und diffuser wird, in dem die Dunkelheit, die als das „Böse“ wahrgenommen wird, wächst, bis kein Licht mehr erkennbar ist. Nach diesem Modell existiert das Böse nicht auf reale Weise – es ist, per definitionem, ein Fehlen von Realität.
Diese negative Konzeption des Bösen als eines Mangels an Sein war womöglich diejenige, die vom orthodoxen Christentum übernommen und weitergeführt wurde, allerdings gab es daneben immer auch ein anderes Konzept (sowohl innerhalb des orthodoxen Denkens als auch in vielen christlichen Häresien). Dieses bestand in der Idee eines positiven Bösen; es nimmt die reale Existenz einer Macht der Dunkelheit an, die mit dem „Bösen“ identifiziert wird. Historisch wurde dieses Modell in den iranischen Systemen entworfen und fortgebildet, die auf dem Denksystem des Propheten Zoroaster beruhen.

Abb. 4.1. Das neuplatonische System
Die einfachste Darstellung dieses Systems würde so aussehen: Licht und Finsternis sind gleichermaßen real und führen einen beständigen Kampf um die Vorherrschaft über die Erde und den Menschen, die als Mischungen aus Licht und Finsternis angesehen werden. Dieses Denksystem fand einen radikalen Vorkämpfer in dem Propheten Mani (ca. 216 - 276 u. Z.), der christliche, buddhistische und persische Ideen miteinander verband. Ein solcher Dualismus sollte zum Eckstein vieler Häresien werden, die das orthodoxe Christentum jahrhundertelang bekämpfte. Die Wurzel des Problems oder zumindest ein Teil desselben liegt in dem Grad, in dem das so genannte orthodoxe Christentum und seine Schriftsteller vom iranischen Dualismus beeinflusst sind. Man muss sich nur vor Augen führen, dass Augustinus von Hippo zeitweise Manichäer gewesen oder dass der hebräische Paradiesmythos womöglich stark von persischem (iranischem) Denken beeinflusst ist, um zu bemerken, warum es so natürlich erscheint, dem Bösen Realität zuzuschreiben. Obwohl der Theologe aus einer „philosophischen“ Perspektive das Böse wohl für einen Mangel an Sein halten würde, wurde der Glauben an ein Böses mit positiven Kräften auf den meisten anderen Ebenen doch zu attraktiv, um ihm dauerhaft zu widerstehen.

Abb. 4.2. Das dualistische System
Gnostizismus und der linkshändige Pfad
Obgleich die Weltanschauung, die man gewöhnlich als „Gnostizismus“ bezeichnet, ihre ursprünglichsten Wurzeln im iranischen Dualismus hat, wurde ihre Gestalt letztlich durch ein Zusammenwirken philosophischer, theologischer und mythologischer Strömungen aus dem Zoroastrismus, dem Judentum, dem Platonismus, den griechisch-römischen Mysterienreligionen, der ägyptischen Magie und Philosophie sowie der ursprünglichen Form des Christentums gebildet. Tatsächlich vollzog sich die Entwicklung des Gnostizismus parallel zu der des „orthodoxen augustinischen Christentums“. Gnostizismus ist der in die philosophischen und kosmologischen Strukturen des iranischen Dualismus gepresste jüdisch-christliche Mythos, wie das orthodoxe Christentum umgekehrt derselbe Mythos, angepasst an das platonische und neuplatonische Schema, ist.
Der Punkt, an dem der Gnostizismus vom iranischen Modell abweicht, liegt in dem Glauben, dass die Welt und das physikalische Universum in ihrer gegenwärtigen Gestalt die Schöpfung eines bösen, finsteren geistigen Prinzips sind und nicht den Bereich zwischen den Kräften von Licht und Finsternis bilden. Für den Gnostiker ist die materielle Schöpfung a priori böse und muss daher das Ergebnis eines schöpferischen Aktes von Seiten eines „bösen Gottes“ sein.
Vom ersten bis zum zweiten Jahrhundert, während der Entstehungsphase der Gnosis, gab es Dutzende größerer Schulen des Gnostizismus (etwa diejenigen des Simon Magus, Basilides, Marcion, Valentinus und anderer) und gnostischer Sekten (wie die Kainiten, Barbeliten, Sethianer, Ophiten und Borborianer).2 Einer der Hauptgründe für diese erstaunliche Vielfalt an Systemen liegt darin, dass die Gnostiker nicht versuchten, ihre Lehren zu einem „orthodoxen“ System zu vereinheitlichen, sondern eher die Entstehung unterschiedlicher Denkschulen förderten. Dies führte zu deutlichen politischen und gesellschaftlichen Nachteilen gegenüber den „orthodoxen“ Christen, die danach streben, einen monolithischen Block katholischer (d. h. universaler) Lehren zu schaffen, wodurch „Häretiker“ (wie die Gnostiker) und Heiden eindeutig identifiziert und später ausgerottet werden konnten.
Dieser – letztlich erfolglose – Prozess, ketzerische und heidnische Denkschulen, wenn irgend möglich, auszuschalten, dauerte über Jahrhunderte bis in die Neuzeit an. Einige Überreste davon können heute noch in kleinen, radikalen und hasserfüllten Gruppen am Rande der Gesellschaft erkannt werden, die sich christlicher Dogmen bedienen, um religiöse Freiheit zu unterdrücken. Es gibt viele heilige Kyrills, die darauf warten, heutigen Hypatias den Märtyrertod zu bringen und ein neues Dunkles Zeitalter heraufziehen zu lassen. „Sie bekamen die Bibliothek von Alexandria – meine bekommen sie nicht“, lautet das Gebot der Stunde.
Einer der wichtigsten frühen Gnostiker – und vielleicht ein wahrer Herr des linkshändigen Pfades in der Antike – ist Simon Magus. Wir kennen seine Philosophie hauptsächlich aus den Traktaten, die von frühen „Kirchenvätern“ gegen sie geschrieben wurden. Deren Wiedergabe seiner Philosophie scheint ziemlich korrekt zu sein, insofern sie von anderen überlieferten gnostischen Texten bestätigt wird, aber die apokryphen Märchen über seine magischen Duelle mit den Aposteln und dergleichen klingen nach typisch sektiererischer Propaganda.3 Die Gestalt des Simon Magus ist vielleicht am besten aufgrund der Erzählung über ihn in der Apostelgeschichte, Kap. 8 bekannt, obwohl der dort dargestellte Simon tatsächlich ein anderer und nicht der gnostische „Magus“ gewesen sein könnte, den die Kirchenväter diffamiert haben.
Simon wurde etwa im Jahre 15 u. Z. in Samaria geboren, in einer Gegend, die – aus jüdischer Sicht – für ihre nicht gesetzeskonforme Kultur bekannt war. Er war der Sohn eines angeblichen jüdischen Zauberers und wurde in Alexandria in Ägypten erzogen. Simon wurde der Schüler eines „Arabers“ mit Namen Dositheos, der ein Anhänger Johannes‘ des Täufers gewesen sein könnte. Dieser Dositheos könnte eventuell der Autor eines in der Bibliothek von Nag Hammadi gefundenen Textes gewesen sein, den man Die drei Säulen des Seth (oder Die Offenbarung des Dositheos) nennt.4 Von Simon wird gesagt, dass er weit gereist sei, sowohl nach Arabien und Persien als auch nach Ägypten und in andere Länder, überall auf der Suche nach magischen Lehren. Wie dem auch sei, als Dositheos (um 29 u. Z.) starb, übernahm Simon dessen Schule. Diejenigen, die bislang die Dositheaner waren, wurden nun zu Simonianern. Dositheos hatte eine weibliche Anhängerin namens Helena gehabt, und Simon reiste später mit seiner Hauptschülerin, einer früheren Sklavin und Prostituierten aus Tyrus, die ebenfalls unter dem Namen Helena bekannt ist, umher. Allerdings waren Simons Helena und diejenige, die Dositheos anhing, möglicherweise nicht dieselbe Person. Sicher ist allerdings, dass Simon eine Begleiterin hatte, mit der er Sexualmagie praktizierte, und dass bei einigen dieser Übungen Sperma und Menstruationsblut verwendet wurde. Solche Techniken gibt es auch im Tantrismus und in der später von Aleister Crowley praktizierten Sexualmagie.) Angesichts dieser und anderer Aspekte von Simons magischer Praxis, die mit gewissen östlichen Ideen in Verbindung stehen, ist anzunehmen, dass es sich bei den Berichten über ihn nicht nur um Propaganda seiner Feinde gehandelt hat. Man behauptete sogar, dass Simon während eines magischen Wettstreits mit den Aposteln Petrus und Paulus in Rom verstorben ist. Nach einer Darstellung soll er bei dem Versuch, in den Himmel zu fliegen, verunglückt sein (während Petrus um seinen Absturz betete).5 Nach einer anderen Überlieferung wurde er lebendig begraben und scheiterte daran, wieder von den Toten aufzuerstehen.6
Es ist gut möglich, dass Simon in den okzidentalen Zweig der „Iranischen Mysterien“ eingeweiht war; daraus würde sich die Angemessenheit seines Beinamens „Magus“ ergeben. Diese Priesterschaft hatte zu damaliger Zeit einen starken Einfluss in Mesopotamien und Kleinasien. Aber Simons eigentliche Bedeutung bestand in seiner Rolle als Bindeglied für bestimmte ältere Ideen, als eventueller Begründer neuer Richtungen und als Lehrer zukünftiger gnostischer Vordenker. So war er der Lehrer des Menander, der ein „Unsterblickeitsbad“ praktizierte, bei dem ein sichtbares Feuer in das Wasser hinunterstieg, um den Initiand mit wundersamen Kräften zu begaben. Menander wiederum war der Lehrer von Saturninus und Basilides, zwei weiteren bedeutenden Lehrmeistern.7
Simon lehrte eine Kosmologie, die eine geistvolle Synthese aus iranischem Dualismus und platonischem Idealismus darstellte. Er behauptete, dass das Eine, der ungeteilte und ewige göttliche Geist (gr. Nous), über sich und in sich selbst reflektierte, dabei den Ersten Gedanken (gr. Epinoia) und mit diesem zugleich den ersten Äon (gr. Aion) hervorbrachte, der auch Ennoia (Geisteskraft) oder Sophia (Weisheit) genannt wird. Die Einheit zerbrach, der Dualismus begann, und der Absturz in die Manifestationen nahm seinen Lauf. Hans Jonas fasst zusammen, dass „die unbestimmte und nur ex negativo beschreibbare Macht des Einen sich durch den Akt der Reflexion in ein positives Prinzip wandelt, das mit dem Gegenstand seines Denkens verbunden, ja dieses sogar selbst ist.“8 Dieser Reflexionsprozess setzt sich in einer Folge von Emanationen fort, in denen die ursprüngliche Einheit des göttlichen Geistes immer weiter schwindet.
Simon lehrte, dass der Eine Geist, der Wahre Gott des Lichtes, nichts mit der Erschaffung des materiellen Universums zu tun hat; tatsächlich sei sich der Eine Geist nicht einmal dessen Existenz bewusst gewesen. Diese Welt, so glaubte er, war die Schöpfung eines bösen Demiurgen, den Simon mit dem Schöpfer der jüdischen Tradition identifizierte. Da Simon den Elohim Jahwe als böse ansah, schloss er daraus, dass dessen Gebote ebenso böse seien und den Menschen zum Bösen, nicht zum Guten, führen. Darin liegt also die Wurzel von Simons Libertinismus und Antinomismus: der Praxis, willentlich normative Gesetze zu brechen, um höhere spirituelle Wahrheiten zu erkennen.
In Simons System stürzte der Erste Gedanke, der Äon Epinoia, durch alle aufeinander folgenden Äone und wurde möglicherweise als menschliche Frau inkarniert. Sie ist die gesamte Geschichte hindurch von einem weiblichen Körper in den nächsten gewandert, während die herrschenden Mächte (gr. Archonten) darum kämpften, sie zu besitzen. So war sie beispielsweise die trojanische Helena. Simon glaubte, er habe die gegenwärtige Inkarnation der Epinoia in der Person seiner Gemahlin, der Hure aus Tyrus, gefunden. Weiterhin hielt er sich selbst für die Inkarnation des Göttlichen Geistes. Im irdischen Akt der Rettung und Erlösung Helenas sah er also eine Widerspiegelung der Erlösung des Ersten Objektes, Epinoia, durch den Nous.
Viele der von Simon gelehrten Gedanken, ob sie nun auf ihn zurückgehen oder nicht, wurden durch die Jahrhunderte zu Grundbegriffen des gnostischen Denkens. Hans Jonas charakterisiert seine neue Lehre als „Revolte gegen die Welt und ihren Gott im Namen absoluter spiritueller Freiheit.“9 Mit seiner mutigen Lehre erweist sich Simon Magus als wahrer Thronhalter und Prophet des linkshändigen Pfades.
Gnostische Sekten sind besonders schwer zu erforschen, da die Erschaffung unterschiedlicher Denksysteme Teil der Initiation auf den höheren Stufen gewesen ist. Ihre führenden Köpfe wurden ausdrücklich ermutigt, neue Schulen zu erfinden und hervorzubringen. Gleichwohl gibt es unter ihnen gewisse gemeinsame Charakteristika, die sie als Gnosis ausweisen. Die gnostischen Hauptlehren, denen die meisten von ihnen anhingen, lassen sich folgendermaßen beschreiben:
1. Dualismus, insbesondere eine strikte Dichotomie zwischen Geist (der gut und von Gott erschaffen ist) und Materie (die schlecht ist und von den Archonten sowohl erschaffen wurde als auch beherrscht wird).
2. Absolute Transzendenz Gottes, mit anderen Worten: Gott ist als „Vater des Geistes“ in keiner Weise mit der Materie dieser Welt verbunden.
3. Gnosis: Die „Erlösung“ des Menschen wird durch „Gnosis“ (Wissen) erlangt, die in einer Überschreitung des gewöhnlichen Verstandes erfahren wird. Es handelt sich bei ihr also nicht, wie wir gewöhnlich glauben, um ein intellektuelles Wissen, sondern um eine unmittelbare Anschauung des transzendenten Absoluten bzw. Gottes.
4. Erwähltheit: Der individuelle Gnostiker wird von der transzendenten Lichtquelle jenseits des Kosmos „erwählt“ oder „berufen“ (natürliche Ordnung).
5. Äone oder Zyklen der Existenz wirken als graduelle Schranken zwischen dieser Welt und dem Reich des transzendenten Lichtes.
Einige dieser Lehren werden in unterschiedlicher Weise auch von anderen Denkschulen wie dem Neuplatonismus oder dem Hermetismus geteilt, aber es ist diese Kombination von Prinzipien, die die gnostischen Sekten von allen anderen Schulen unterscheidet.
Gnostische Sekten stimmen darin überein, dass die materielle Welt von einer bösen Kraft beherrscht wird, und nach Auffassung der meisten ist die gegenwärtige materielle Welt die Schöpfung des bösen Demiurgen. Wenn man das gnostische Denken auf den jüdisch-christlichen Mythos der Genesis anwendet, zeigt sich überraschenderweise ein Bild, das die absolute Umkehrung des üblichen Verständnisses darstellt. Im Geiste der Gnosis wird der Elohim der Genesis (Jahwe) mit dem Demiurgen identifiziert, dem Schöpfergott dieser Welt, der also der Böse schlechthin ist.
Jahwe, der von vielen gnostischen Sekten Jldabaoth genannt wird, erschuf die Welt und die natürlichen Bestandteile des Menschen, trachtete aber danach, die Menschheit in Sklaverei und Dunkelheit zu halten, abgeschieden vom göttlichen Licht. Die Retterin der Menschheit ist die Schlange (hebr. Nachash) als Bringerin des Lichtes von jenseits des Kosmos. Insbesondere diejenigen Schulen, die die Kräfte der Schlange hervorhoben, wie die Ophiten (von griech. ophis, „Schlange“) und die Naassener (von einer griechischen Umschreibung für Nachash abgeleitet), können leicht auf einer oberflächlichen Ebene als Praktizierende des linkshändigen Pfades betrachtet werden. Ihr spirituelles Ziel besteht darin, zu Lebzeiten Gottmenschen zu werden, und ihre Identität – als spirituelle Wesenheiten – während ihrer Wanderung durch die Äonen bis hin zur letzten Quelle des Lichtes zu bewahren. Einige halten dies für eine wahrhafte imitatio Christi.
Für die gnostischen Ophiten ist die Gestalt Christi, als Sohn des Guten Gottes, mit der Schlange zu identifizieren. Die Identifikation der Schlange mit dem Messias kann ebenso auf der Basis der okkulten griechischen und kabbalistischen Wissenschaft der Gematrie vorgenommen werden. In der kabbalistischen Gematrie, in der jedem hebräischen Buchstaben ein Zahlenwert zukommt, sind die Werte für die Schlange des Paradieses, Nachash (= N.Ch. Sh. = 50 + 8 + 300 = 358) und Messias, „der Gesalbte“ oder „der König“ (= M.Sh. Y.Ch. = 40 + 300 + 10 + 8 = 358), dieselben. Zwei Begriffe mit demselben numerischen Wert werden in der Gematrie auf einer höheren Seinsebene als dem Wesen nach identisch angesehen. Die Schlange brachte der Menschheit das Wissen (Gnosis) von Gut und Böse (Genesis 3 : 1 - 7) und kann auch in Zukunft dem Menschen helfen, die Frucht des ewigen Lebens zu erlangen, ihn also wie Gott oder Christus werden lassen.
Bis auf den radikalen Dualismus werden alle fünf oben erwähnten Hauptprinzipien des gnostischen Denkens auch von der zur selben Zeit entstandenen Philosophie des intellektuellen linkshändigen Pfades des Tempels des Seth geteilt. Die Zurückweisung des Dualismus stellt also den wesentlichen Unterschied zwischen dem dar, was man gewöhnlich „Gnostizismus“ nennt, und dem, was im allgemeinen als „Hermetismus“ bezeichnet wird. Die Gnostiker haben den fundamental positiven Dualismus des Zoroastrismus übernommen, während die exakter denkenden Hermetiker das Modell des Platonismus (oder später des Neuplatonismus) bevorzugten. In mancherlei Hinsicht wurde dieses Modell von einigen ägyptischen Priesterschaften geteilt, und es ist bemerkenswert, dass die Wiege der griechisch-ägyptischen Philosophie am Nil gefunden werden kann.
Zweifellos ist es diese heterodoxe Mischung aus hellenischen, semitischen, ägyptischen und iranischen Ideen, die die orientalische Matrix der so genannten westlichen magischen Tradition ausmacht. Im späten Mittelalter und in der Renaissance wurden diese Ideen im Westen neu synthetisiert und schließlich, während des Wiederauflebens des Okkultismus im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, wiederum erneuert. Bevor wir aber diese Heterodoxie richtig überblicken können, müssen wir erst begreifen, was mit „Orthodoxie“ gemeint ist.
Begründet wurde die christliche Orthodoxie mit der Synthese neuplatonischer Philosophie und jüdisch-christlicher Mythologie des Augustinus von Hippo.10 Obwohl er unablässig gegen die zahlreichen „Häresien“ seiner Zeit anschrieb, ist er doch zeitweise selbst ein Anhänger des Manichäismus gewesen.
Die vier Säulen der Lehre, auf denen Augustinus‘ System beruht, sind:
1. Gott ist eine Trinität bzw. Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) – drei und einer gleichermaßen.
2. Gott hat einen absolut freien Willen; und auch der Mensch wird diesen eines Tages besitzen.
3. Der Mensch missachtet stets Gottes Gebote und begeht damit Sünde, durch die er sich von Gott entfernt. Alle Menschen werden in Erbsünde geboren.
4. Nur die Gnade Gottes (als dessen freiwillige Gabe) kann den Menschen erretten. Besonders charakteristisch für die orthodoxe Lehre des Christentums ist daran die Vorstellung, dass Jesus (der Sohn) die einzigartige Erscheinung der göttlichen Gnade war und dass alle Menschen durch ihn erlöst werden können.
Offensichtlich gibt es ein gewisses Grundprinzip in Augustinus‘ System, das auf irrationalen theologischen Prämissen (der Trinität) beruht und aus der neuplatonischen Lehre von den Emanationen abgeleitet ist: Der Logos emaniert aus dem Einen und bringt die Weltseele hervor. Der Mensch findet sich in einer Stellung wieder, in der er Gottes Gebote aus eigener Schuld übertreten hat; diese Schuld kann nicht Gott selbst angelastet werden, da er den Menschen insgesamt mit freiem Willen ausgestattet hat. Der Mensch begehrt also (womöglich gemeinsam mit Satan) aus freien Stücken gegen Gott auf und ist daher auf Ewigkeit von ihm getrennt. Allein durch die Gnade Gottes – als „Geschenk“ – kann der Mensch „erlöst“ werden. Wenn sich ein Mensch also Gott zuwendet, ist dies, nach orthodoxer Sicht, keine Folge selbständigen Willens und eigener Anstrengungen, sondern ein Zeichen dafür, dass die göttliche Gnade an ihm wirkt. In diesem Lehrgebäude wird der menschliche Wille mithin vollkommen entwertet, geradezu unwirklich gemacht. Wirklicher freier Wille wurde nur ein einziges Mal von Adam ausgeübt, und die Strafe für diese Übertretung kann nun bei jedem Sprössling der menschlichen Rasse wahrgenommen werden. Zweifellos handelt es sich hier um die bei weitem komplizierteste und gewundenste Ausformulierung einer Lehre des rechtshändigen Pfades, die es gibt. Eine der Hauptursachen für ihre Verschlungenheit liegt in dem historischen Faktum, dass hier versucht wurde, eine dogmatische, unveränderliche und pseudo-rationale Mischung zwischen jüdischer (semitischer) Theologie und hellenischer (indoeuropäischer) Weltanschauung zustande zu bringen. Diese Mischung kann scheinbar mit gnostischer Flexibilität gehandhabt werden; wenn sie allerdings auf Konzilien von Kirchenvätern, die Dogmen verabschieden oder zurückweisen, zur Verhandlung kommt, treten die Bruchstellen in der Systematik allzu deutlich hervor. Um die historische Entwicklung des linkshändigen Pfades im Westen zu verstehen, ist eine fundierte Kenntnis des Wesens des rechtshändigen Pfades außerordentlich hilfreich.
Oft ist es bei der Erläuterung der Philosophie des linkshändigen Pfades im Westen verführerisch, sich in Diskussionen über das jüdisch-christliche Modell des Bösen hineinziehen zu lassen. Allerdings sollte immer im Auge behalten werden, dass es sich beim linkshändigen wie beim rechtshändigen Pfad im „Westen“ wie im „Osten“ um Modelle spiritueller Arbeit oder Tätigkeit, nicht um Schematisierungen eines Gegensatzes von „Gut versus Böse“ handelt. Das Problem besteht darin, dass dieses Verhältnis aus einer rechtshändigen Perspektive als genau dieses verstanden wird: als ein Kampf zwischen Gut (= rechtshändigem Pfad) und Böse (= linkshändigem Pfad). Besonders gut kann dies anhand der psychologischen Begrifflichkeit von Anhängern des rechtshändigen Pfades erläutert werden: Das Wesen des „Wissens“ tendiert dazu, von diesen, zumal im Westen, als Glauben (gr. pistis) aufgefasst zu werden. Diejenigen, die pistis als Objekt ihres Wissens ansehen – die „wahrhaft Gläubigen“ –, werden immer dazu neigen, ad nauseam in „binären“ Begriffen von Ja/Nein, Richtig/Falsch, Gut/Böse zu denken.11 Tatsächlich aber ist nichts am linkshändigen Pfad böse. In Wirklichkeit ist vieles von dem, was Menschen im Westen gerne als angebliche Beispiele des Bösen herausstellen, das Ergebnis blinden Glaubens: Inquisition, Konzentrationslager, Gulags und anderes mehr.
War Jesus ein Meister des linkshändigen Pfades?
Die Frage scheint absurd zu sein, aber die Kunst des linkshändigem Pfades besteht darin, die richtigen Fragen zu stellen. Könnte es sein, dass der spirituelle Lehrer, den man Jesus nennt, zu seiner Zeit eigentlich ein „virtueller Satanist“ gewesen ist – jemand, dessen Lehren von bedenkenlosen Anhängern derart verzerrt worden sind, dass seine eigentlichen Lehren mit all ihren Zielen und Zwecken unter einem tiefen Schlamm widersprüchlicher Lehren und Dogmen verborgen sind? Ich kann diese Frage hier kaum vollständig beantworten, aber ich glaube doch, einige so provokante wie stichhaltige Argumente vorbringen zu können, die dafür sprechen, dass Jesus nicht derjenige war, zu dem die in seinem Namen gegründete Institution ihn später gemacht hat. Um eine Antwort auf diese Frage anzudeuten, werde ich Belege sowohl aus christlicher als auch aus nichtchristlicher Literatur anführen.
Das Kriterium dafür, ob jemand ein Herr des linkshändigen Pfades genannt werden kann, besteht, wie wir uns erinnern, darin, dass eine Person ein magisches (willentliches) System evolutionärer Selbstvergöttlichung – für sich selbst oder andere – lehrte, das die antinomistische Bejahung von etwas einschließt, das innerhalb der jeweiligen Kultur des Individuums als verboten oder tabuisiert (etwa „satanisch“) angesehen wird. Es mag schockierend sein, aber bei objektiver Betrachtung erfüllt Jesus die meisten dieser Kriterien.
Die Untersuchung von Morton Smith ist die wohl größte Einzelfundgrube an Informationen hinsichtlich der mutmaßlichen wahren Natur des „Nazareners“. Smith berichtet, was nichtchristliche Zeitgenossen über Jesus mitgeteilt haben.12 Die für uns entscheidenden Aspekte dieser Überlieferungen bestehen darin, dass von ihm gesagt wurde, er sei der illegitime Sohn eines römischen Soldaten (namens Panthera) und einer Prostituierten gewesen, dass er als Experte für Magie gegolten habe und durch seine Praktiken zu einem „Sohn Gottes“ geworden sei, und dass er seine Anhänger gelehrt habe, die jüdischen Gesetze zu verachten und sexuelle Freizügigkeit zu pflegen. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass weltanschauliche Gegner aus Propagandagründen oft die wildesten, unbegründeten Geschichten verbreiten. Allerdings gibt es hier – überraschenderweise – ziemlich eindeutige Belege in den Berichten der Evangelien selbst.
Ein interessanter Hinweis auf die Idee, dass von Jesus (zumindest von Außenstehenden) geglaubt wurde, er sei ein „böser“ Gott oder „Gottessohn“, findet sich in Form eines bekannten Graffitos (aus der Zeit um 200 u. Z.) auf dem Palatin in Rom in graphischer Form dargestellt.
Die in den Wandputz eines Schulraumes geritzte Zeichnung zeigt eine gekreuzigte Figur mit Eselskopf und einen Mann, der die Arme vor ihr erhebt. Darunter gibt eine Inschrift (in schlechtem Griechisch) an: „Alexamenos betet zu Gott.“ Die eselsköpfige Gestalt ist, in diesem kulturellen Kontext, mit Seth-Typhon zu identifizieren, der zu dieser Zeit in der griechisch-ägyptischen Mythologie ein Gott des Bösen war. Zumindest von einigen könnte Jesus mit Seth-Typhon gleichgesetzt worden sein. Vielleicht wurde er als „Sohn“ dieses Gottes angesehen? Auch dies ist gut möglich, zumal der jüdische Gott Jahwe, der in griechischen Manuskripten in unklarer Form als „Iao“ erscheint, von den Äyptern selbst mit Seth-Typhon identifiziert wurde. Dies erscheint auch deshalb passend, da Seth für die hochgradig xenophoben Ägypter als „Gott der Ausländer“ galt und die Juden im damaligen Ägypten die größte fremde Bevölkerungsgruppe stellten. Darüber hinaus war das ägyptische (koptische) Wort für Esel gerade „io“ oder „eio“, was sehr ähnlich klang wie die griechische Wiedergabe von „Yah“!13 Und ein Beleg, der innerhalb des Evangeliums selbst auf diesen symbolischen Zusammenhang verweist, ist der Einzug Jesu auf einem Esel in Jerusalem, den er seinen Jüngern dort zu stehlen befohlen hatte (Matthäus 21 : 1 - 7).

Abb. 4.3. Graffito auf dem Palatin Hügel in Rom (ca. um 200 u. Z.)
Andere Stellen in den Evangelien bringen die antinomistische Natur von Jesu Lehren und Taten, zumindest aus der Sicht des religiösen und kulturellen Establishments des damaligen Judentums, zum Ausdruck. Jesus wies die Befolgung des Gesetzes zurück. In den ihm zugeschriebenen Worten sagt er: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden über die Erde zu bringen: Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert. Deshalb bin ich gekommen, auf dass sich einer gegen seinen Vater erhebe“ (Matthäus 10 : 34 - 35). Jesus war ein Sozialrevolutionär, der alles Familiäre und Stammesgebundene, wie es die Juden bislang kannten, missachtete. Im Gegensatz zum orthodox-jüdischen Glauben an die zukünftige Rettung des gesamten Volkes lehrte Jesus die Erlösung des Einzelnen hier und jetzt: „Das Königreich Gottes ist in Dir selbst“ (Lukas 17 : 21). Er vollbrachte nicht nur selbst Wunder und magische Taten, sondern ermahnte seine Jünger auch, ihm nachzueifern: „Wahrlich, ich sage Euch, wer an mich glaubt, wird dieselben Werke tun wie ich; und er wird noch größere Werke tun“ (Johannes 14 : 12).
Als Jesus von den Pharisäern angeklagt wurde, Dämonen durch die Macht Belzebubs – des Herrn der Dämonen – ausgetrieben zu haben, versucht er lediglich, sie durch scheinbar logische Formeln zu verwirren (Matthäus 12 : 24 - 27).
Der vielleicht interessanteste und zwingendste Beleg ist allerdings von komparativer Natur. Angenommen, Jesus war in irgendeiner Weise eine historische Person, die ungefähr solche Dinge vollbrachte, wie sie in manchen Erzählungen der Evangelien widergespiegelt werden – was für eine Art von Mensch wäre er dann gewesen? Er entspricht hervorragend dem Typus eines Magiers seiner Zeit und seiner Umgebung. Angenommen, dass Jesus wirklich ein Magier war, gibt es irgendwelche Berichte über sein magisches Wirken in seiner Zeit und Umwelt? In der Tat ist einiges in den griechisch-ägyptischen magischen Papyri überliefert!14 Smith behandelt diese Belege sehr detailliert. Was sich in diesen zeigt, ist das klare Bild eines jüdischen Magiers in hellenistischem Umfeld; eines Magiers, der, neben anderem, behauptete, der Sohn eines Gottes zu sein, der Zauberformeln sprach, um Wunder zu wirken, und der zwar keine Geister oder Dämonen aussandte, die magische Werke verrichten sollten, aber einen göttlichen Geist in sich trug oder in sich aufnahm und mit diesem etwas bewirken konnte.
Einige Papyri beschreiben magischen Vorgehensweisen, um einen Geist zu erlangen, der einen zu einem Gottessohn werden lassen soll. Einer dieser Papyri fordert den Magier auf, sich zu reinigen, ein hohes Dach zu besteigen und sich die Augen mit einer „schwarzen Isisbinde“ zu verschleiern. In einem bestimmten Augenblick des Rituals wird die Binde entfernt, und ein Falke wird abwärts fliegen, der einen Stein als erstes Zeichen, dass sich der Geist in dem Magier manifestiert hat, fallen lässt. Dieser Geist oder daimon wird, von einem äußerlichen Standpunkt aus, mit dem Magier identifiziert, so dass dieser in den Worten des Papyrus „als Gott verehrt wird, seitdem er einen Gott als Freund hat.“15 Ein anderer Papyus (PMG IV: 154 - 221) teilt dazu mit:
Es wird dieses Zeichen göttlicher Begegnung geschehen – Du aber, geschützt durch Deine göttliche Seele, wirst Dich nicht fürchten müssen. Wenn ein Falke zu Dir nieder fliegt und Dich mit seinen Flügeln streift, bedeutet dies, dass Du Dich erheben sollst. Stehe nun auf, kleide Dich in weiße Gewänder, verbrenne ungemahlene Weihrauchkörner in einem irdenen Räuchergefäß und sage dabei:
Ich bin Deiner heiligen Gestalt beigesellt worden,
Ich habe Kraft durch Deinen heiligen Namen erlangt.
Ich habe Deine göttliche Erscheinung empfangen,
Herr, Gott der Götter, Meister, Dämon.
Wenn Du dies getan hast, kehre als Herr einer gottähnlichen Natur zurück, die Du durch diese göttliche Begegnung erhalten hast.16
Die Parallelen zwischen diesen magischen Ritualen und der Geschichte von der Taufe Jesu (Markus 1 : 9 - 11), bei der er einen „heiligen Geist“ in Form einer vom Himmel fliegenden Taube empfängt, ist bemerkenswert. Nach diesem Ereignis war er fähig, magische Werke allein durch das „gesprochene Wort“ auszuführen, d. h. insbesondere durch das Aufsagen eines Zauberspruches oder „Mantras“.
Ein Magier, der einen Geist oder Dämon „besaß“, wurde im Griechischen jener Zeit gewöhnlich als magos (pl. magoi) bezeichnet und oftmals als „göttlicher Mensch“ angesehen. Ein solcher Magier war mehr als ein gewöhnlicher goês (Zauberer), der lediglich über Geister außerhalb seiner selbst gebieten konnte. Zur Zeit Jesu glaubten manche offenbar, dass er den Geist des hingerichteten Johannes‘ des Täufers in sich aufgenommen habe und mit ihm magische Taten vollbringe. Es ist jedoch der „Heilige Geist“ – der Geist eines Gottes, den der Mensch Jesus angerufen und verinnerlicht hat bzw. zu dem er sogar „geworden“ ist –, der eigentlich seine Wunder wirkt.
Aufgrund seiner „göttlichen Natur“ kann ein Magier allein durch sein „Wort“ (oder durch seinen zielgerichteten, bewussten Willen) Veränderungen in der Wirklichkeit herbeiführen. Die Papyri sind voll von Zaubersprüchen wie etwa Ablanathanalba, durch die der Magier seinen Willen verrichtet. Sogar im Markus-Evangelium (5 : 41) ist ein solches Wort überliefert, als Jesus ein kleines Mädchen allein durch den (wahrscheinlich aramäischen) Spruch talitha koumi heilt.
Zu jedem Wunder Jesu kann eine Parallele in der magischen Literatur seiner Zeit gefunden werden. Sogar die magische Gewalt seines Namens wurde über seinen Tod hinaus betont, zumal man magischen Praktiken mit dem Geist (oder „Namen“) eines hingerichteten Verbrechers besondere Kräfte zuschrieb. Dies wird zweifellos dadurch erhärtet, dass Jesus seine Jünger ausdrücklich dazu aufforderte, indem er ihnen sagte, dass er dadurch immer unter ihnen sei (Johannes 14 : 23 und 15 : 4 - 9; Matthäus 18 : 20 und 28 : 20).
Jesus war ein vergöttlichter Mensch – so wie jeder Magier. Für viele Magier jener Zeit war Selbstvergöttlichung (und, damit einhergehend, Unsterblichkeit) das höchste Ziel magischer Kunst und Praxis. Jesu eigene Bekundungen seiner Göttlichkeit korrespondieren mit den Worten der magischen Papyri, in denen der Magier seine göttlichen Eigenschaften benennt:
JESUS: „Ich bin der Sohn Gottes.“ (Johannes 10 : 36)
MAGISCHER PAPYRUS: „Ich bin der Sohn … “ (PGM IV:535)
MAGISCHER PAPYRUS: „Ich bin der Sohn des lebendigen Gottes.“ (DMP XX:33)
JESUS: „Ich bin … der vom Himmel Gekommene.“ (Johannes 6 : 51)
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