Kitabı oku: «Unbrauchbar?»

Yazı tipi:

Steven Furtick

Unbrauchbar?

Warum Gott Verlierer braucht,

um große Dinge zu tun

Aus dem Amerikanischen von Antje Balters


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-050-8

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by

Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title „(UN)QUALIFIED:

How God Uses Broken People to Do Big Things“.

This Translation published by arrangement with Multnomah Books, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC

© 2016 by Steven Furtick

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Balters

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia Hortigüela

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.brendow-verlag.de

Dieses Buch widme ich Max.

Du bist der bessere Mann.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1 Unqualifiziert

Das dritte Wort

2 Das Name-Game

3 Es ist kompliziert

4 Sich selbst treu bleiben

5 Eine neue Art, Gottes Namen zu benutzen

Akzeptieren, um zu verändern

6 Das Gegenteil von Gott

7 Die Geheimwaffe des Himmels

8 Sich verändernde Veränderung

Der Gott Jakobs

9 Die Kraft von Crisco

10 Du kannst jetzt Jakob zu mir sagen

11 Das Problem mit Pinterest

12 Das Ziel erreichen

There is a crack in everything.

That’s how the light gets in.

Leonard Cohen

(Alles hat einen Riss,

So kommt das Licht herein.)

EINS
Unqualifiziert

„Was fällt Ihnen ein, wenn Sie den Namen Steven Furtick hören?“, fragte der Interviewer den bekannten Theologen.

Hey, die reden über mich!

Mit einem Satz war ich wieder in dem Raum, wo das Video lief, und freute mich insgeheim, im Mittelpunkt zu stehen. Ich hatte im Studium das Buch dieses Mannes über den geistlichen Dienst gelesen, und es schmeichelte mir, dass er meinen Namen kannte, obwohl wir uns noch nie persönlich begegnet waren.

Ich war auf dieses Interview genauso gestoßen, wie man auf die meisten YouTube-Videos stößt – indem ich mich im freien Fall in den Abgrund der „Empfehlungen“ gestürzt hatte, die am Bildschirmrand zu sehen sind. Nachdem ich das Video angeklickt hatte, war ich weggegangen, um mich für den Gottesdienst umzuziehen, und es war im Hintergrund weitergelaufen, ohne dass ich richtig zugehört hatte.

Bis ich wie aus dem Nichts das Allerschönste hörte: meinen eigenen Namen. Es ist ja immer toll, Anerkennung zu bekommen.

Außer wenn es gar nicht so ist.

„Was fällt Ihnen ein, wenn Sie den Namen Steven Furtick hören?“, fragte der Interviewer, woraufhin der Theologe den Kopf sinken ließ, um zu signalisieren, dass schon allein die Erwähnung meines Namens ermüdend war. Das brachte das Publikum zum Schmunzeln, und manche lachten sogar leise. Offenbar war allgemein bekannt, dass der Mann nicht gerade ein Fan von mir war.

Es folgte eine lange, gequälte Pause, eine entsprechende Grimasse, ein Blick, der durch Mark und Bein ging … und dann folgte die Urteilsverkündung:

„Unqualifiziert.“

Er brachte diese fünf Silben mit einem Abscheu hervor, der die Schwere und Endgültigkeit seines Urteils noch unterstrich. Nur der Hammerschlag nach der Urteilsverkündung fehlte.

Keine weiteren Ausführungen, keine genauere Begründung – mein ganzes Leben und meine Arbeit als Geistlicher in einem Wort zusammengefasst.

Nach dieser Antwort setzte der Moderator das Interview übergangslos fort.

Unqualifiziert.

Dieses Wort setzte alle Rädchen in meinem Kopf in Gang. Es fühlte sich seltsam an, weil ein Teil von mir sich verteidigen wollte (gegen YouTube?), während ein anderer Teil in Richtung meines Kritikers dachte: Du hast doch keine Ahnung, Junge.

Ja, ich habe zu kämpfen – mit meinem Jähzorn, mit meinem Fokus, mit meinen Motiven, mit meinen Essgewohnheiten, mit meinem Gebetsleben und mit meinem Geisteszustand – und diese Liste kratzt gerade mal an der Oberfläche.

Ich kenne meine eigenen Fehler und Schwächen besser als jeder andere. Ich brauche mir kein Online-Interview anzuhören, um mich unqualifiziert zu fühlen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht das Gefühl packt, dass ich eigentlich kein Recht darauf habe, das zu tun, was ich tue, dass ich bis zum Hals in Schwierigkeiten stecke und dass ich all die Chancen und Segnungen, die mir zuteilwerden, gar nicht verdient habe.

Bin ich unqualifiziert?

Dieses Buch soll eine Antwort auf diese Frage sein. Ich schreibe es nicht als Reaktion auf dieses beliebige Interview auf YouTube, sondern ich stelle mir diese Frage selbst schon mein Leben lang, und vielleicht geht es Ihnen ja auch so.

Als ich mich auf den Weg begab, der zu diesem Buch führte, wollte ich endlich herausfinden, wie ich ganz tief in meinem Inneren selbst diese Frage beantworte. Ich wollte wissen, ob der besagte Theologe recht hatte. Ich wollte Klarheit darüber, ob diese leisen Zweifel, die immer wieder regelmäßig an mir nagen, innere Dämonen sind, die einfach ignoriert werden müssen, oder aber Warnsignale, die ich lieber beachten sollte. Ich wollte klären, ob ich meine Verantwortung mit Vertrauen in meine Berufung annehmen oder Panik bekommen und mich lieber verkriechen sollte, bevor ich alles in den Sand setze.

Sie haben sich wahrscheinlich auch schon das eine oder andere Mal unqualifiziert gefühlt. Vielleicht hatten Sie nicht das zweifelhafte Vergnügen, darüber via YouTube informiert zu werden, wussten aber auch so Bescheid.

Ich glaube, dass wir alle hin und wieder insgeheim mit Inkompetenzgefühlen zu kämpfen haben. Wir fragen uns, ob wir die Erwartungen erfüllen können, die an uns gestellt werden, und haben Angst, nicht zu genügen – was auch immer das für unsere konkrete Situation bedeuten mag.

Es kann ein Wesens- oder Charakterzug sein, irgendein Makel oder eine Schwäche, die Sie unbedingt verbergen möchten, wie beispielsweise ungezügelte Lust oder Jähzorn oder auch eine Sucht. Selbst wenn es etwas ist, das schon lange zurückliegt, leben Sie vielleicht ständig in geheimer Angst, dass es eines Tages mit Macht ans Licht kommen und alles zerstören könnte, was Sie sich aufgebaut haben.

Vielleicht hat es auch mit Ihrer unserer Rolle als Vater oder Mutter zu tun. Im Job haben Sie alles im Griff, nehmen es dort mit den Besten auf, aber privat sieht es ganz anders aus. Sie haben keine Ahnung, wie Sie mit Ihrem Teenager umgehen und ihn erziehen sollen und fühlen sich der Aufgabe absolut nicht gewachsen. Dabei ist Ihnen völlig klar, wie gefährlich dieser Zustand ist. Oder ganz tief in Ihrem Inneren wissen Sie, dass Sie in den geistlichen Dienst gehen sollen. Vielleicht gar nicht in den vollzeitlichen Dienst, aber auf jeden Fall in einen wichtigen geistlichen Dienst, sollen vielleicht ein Leiter/eine Leiterin, sein, jemand, der/die Entscheidungen trifft und Risiken eingeht. Doch Ihre Erfolgsbilanz ist bisher alles andere als beeindruckend, so dass Sie der Gedanke, sich da hinaus zu begeben, in panische Angst versetzt. Was, wenn Sie versagen? Und was ist, wenn durch Ihr Versagen andere mit in den Abgrund gerissen werden?

Viele Menschen kämpfen ihr Leben lang mit solchen inneren Zwiespälten. Ständig diskutieren und verhandeln sie mit den Stimmen in ihrem Kopf, die ihnen sagen, dass sie nicht genügen, dass sie absolut und gigantisch unqualifiziert sind.

In einem anderen meiner Bücher, Crash the Chatterbox (zu deutsch etwa: Zerschlag den negativen Gedankenkreis), geht es darum, wie wir eigene negative Gedanken sortieren. Im vorliegenden Buch soll es nun nicht darum gehen, einfach das zu ändern, was uns im Kopf herumschwirrt oder was wir sagen, sondern zu verstehen, wer wir zurzeit sind, damit wir werden können, wer wir sein sollten und wie wir gedacht sind. Es geht in dem Buch darum, die Vorurteile und Annahmen, die wir über uns selbst haben, schonungslos aufzudecken und zu überprüfen. Es geht darum zu erkennen, dass Gott die Quelle und der Ursprung unserer Zulänglichkeit ist.

Und ich habe in diesem Zusammenhang eine gute Nachricht für Sie. Wenn Sie sich einmal die großen Männer und Frauen der Bibel anschauen, dann finden Sie bei ihnen allen eine Gemeinsamkeit: Sie sind alle unqualifiziert. Gott hat nämlich die Angewohnheit, genau solche Leute auszusuchen, die leicht übersehen werden.

Bestehen oder Durchfallen

Haben Sie schon jemals überlegt, wer – oder was – eigentlich wirklich qualifiziert und befugt ist, Sie zu beurteilen? Wer hat letztlich das Recht, zu bestimmen, ob Sie ein Erfolg sind oder ein Flop?

Diese Frage zu beantworten ist gar nicht so einfach, wie es scheint.

Denken Sie beispielsweise einmal an das Bewertungssystem, mit dem die meisten Menschen als erstes Erfahrungen machen: die Schulnoten. Schulen investieren jede Menge Geld und Arbeit in die Entwicklung von Tests und Leistungsstandards. Sie versuchen, die Bildungsfortschritte der Schüler mit einem allgemeingültigen System von Zahlen und/oder Buchstaben zusammenzufassen. Vielleicht liegt Ihre Schulzeit schon etwas länger zurück, aber erinnern Sie sich noch, wie sich damals Ihr gesamtes Universum um Noten drehte? Vielleicht war es auch nicht so, aber Ihre Eltern fanden, es müsste eigentlich so sein – in dem Fall war Ihr Zeugnis vermutlich unterirdisch. Im Grunde war es wahrscheinlich eine Art Vorgeschmack auf das Jüngste Gericht, nur ohne Cherubime und den weißen Thron.

Wie haben Sie sich gefühlt, wenn Sie eine Note hatten, mit der Sie aus dem Schneider waren? Wahrscheinlich waren Sie erleichtert, ihre Eltern waren glücklich, und das Leben war schön.

Aber bedeutete diese Note wirklich, dass Sie den Stoff kapiert und nachhaltig gespeichert hatten? Oder hieß es lediglich, dass Sie gut waren im Klausuren-Schreiben – oder vielleicht auch nur im Schummeln? Und was noch wichtiger ist, sagte Ihre Note auch etwas darüber aus, ob Sie das Gelernte auch anwenden konnten?

Vielleicht waren Ihre Noten ja so schlecht, dass Sie nicht versetzt wurden. Bedeutete das nun automatisch, dass Sie auch im Leben scheitern würden? Bedeutet die Tatsache, dass Sie die Amerikanische Revolution vor Kolumbus datiert hatten oder die Formel für die Quadratische Gleichung nicht wussten oder das Periodensystem mit dem weiblichen Zyklus in Zusammenhang gebracht und dem Bereich der Biologie zugeordnet hatten, dass Sie ein für alle Mal zum Scheitern verurteilt waren, zumindest aber zu einem geringwertigeren Leben?

Die meisten Loser sind wahrscheinlich alt genug, um zu wissen, dass eine Zahl mit einem Komma zwar bedeutsam sein kann, aber in der Regel nicht schicksalsentscheidend ist. Es gab und gibt seit jeher zahllose Menschen, die in den herkömmlichen Bildungseinrichtungen nicht zurechtkamen und diese entweder freiwillig verließen oder daraus entfernt wurden – von Abraham Lincoln über Walt Disney bis hin zu Bill Gates.

Dieses ganze Beurteilen und Bewerten und Für-qualifiziert-Erklären (oder eben nicht) hört ja mit der Schule bzw. dem Studium nicht auf, weil es so tief verwurzelt ist in unserer Kultur und unserer Psyche. Schauen Sie sich doch nur die Klischees an.

Die Klausur bestehen.

Den Schnitt schaffen.

Es nicht schaffen.

Die Note erreichen.

Den Anforderungen gewachsen sein.

Sich seine Sporen verdienen.

Seinen Beitrag leisten.

Wir analysieren und beurteilen einander permanent. Wir beurteilen Menschen nach unserem Maßstab – direkt oder unausgesprochen –, um sie einzuschätzen und festzustellen, ob sie unseren Ansprüchen genügen können. Dann akzeptieren wir sie entweder oder weisen sie zurück; wir loben oder kritisieren sie; wir huldigen ihnen oder machen sie lächerlich. In der Schule unserer eigenen Ansichten und Meinungen führen wir doch alle insgeheim Prüfungen durch.

Aber genau wie bei den Schulnoten ist es auch hier so, dass diese Noten nie die ganze Geschichte erzählen. Es sind konstruierte, künstliche Instrumente, um etwas zu messen, das sich eigentlich nicht auf eine Zahl, einen Buchstaben oder ein Wort reduzieren lässt.

Trotzdem versuchen wir es weiter, weil wir Menschen sind und weil Menschen das nun mal tun.

Normalerweise beurteilen wir Menschen nach Charakter und Kompetenz.

Beim Charakter geht es darum, wer wir sind. Dazu gehören nicht nur unser Name und unsere Nationalität, sondern unsere Persönlichkeit, unsere moralischen Maßstäbe, unsere Werte, wie wir emotional aufgestellt sind, unsere Vorlieben und Abneigungen, unser Geschmack, unser Benehmen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Bei Kompetenz geht es um das, was wir tun. Es ist die komplexe Gesamtheit dessen, was wir gelernt haben, unserer Leistungen, Begabungen, Aktivitäten und unseres Potenzials. Kompetenz beschreibt unsere Leistung in dem, was wir tun.

Unsere Kompetenz steht meist viel stärker im Vordergrund als unser Charakter. Das, was wir tun, sorgt für Schlagzeilen, füllt die Seiten unseres Lebenslaufes und ist so stark mit unserer Identität verknüpft, dass wir oft meinen, es sei unsere Identität.

Aber früher oder später hat doch der Charakter das letzte Wort. Wir bekommen vielleicht einen Job aufgrund unserer Kompetenz, weil wir schon bewiesen haben, wie tüchtig wir sind, aber gemocht und akzeptiert werden wir dafür, wer und wie wir sind. Und letztlich wird ja auch unser Handeln dadurch bestimmt, wer wir sind. Man kann sich nicht ewig verstellen, weil das irgendwann zu anstrengend wird, und dann kommt immer unser wahres Gesicht zum Vorschein. Dann zeigt sich, wer man wirklich ist.

Schon in dem Moment, in dem wir einen Menschen kennenlernen, machen wir uns ein Bild, wie er wohl ist. Das geschieht meist gar nicht bewusst und in der Regel auch nicht in böser Absicht. Wir sammeln automatisch Anhaltspunkte für den Charakter und die Kompetenz des anderen und ordnen ihn entsprechend ein – mit uns selbst als Bezugsgröße.

Werden wir Freunde? Möchte ich diesen Menschen näher kennenlernen oder bleibt es besser bei einer lockeren Bekanntschaft? Kann diese Person mir beruflich weiterhelfen? Braucht sie Hilfe? Ist sie eine Bedrohung für mich? Hat sie mir etwas zu bieten oder ich ihr?

Es wäre jetzt einfach, darüber zu jammern und zu klagen, wie egoistisch das alles klingt, und dann festzustellen, dass der Maßstab, den wir bei anderen anlegen, lächerlich subjektiv und heuchlerisch ist, aber ich glaube nicht, dass wir den Menschen damit gerecht würden. Natürlich haben unsere Beziehungen zu anderen Menschen auch etwas Subjektives und Egoistisches. So ist es nun mal einfach in einer gefallenen Welt, und uns so zu verhalten ist ein Teil unseres Selbsterhaltungstriebs.

Es ist einfach unrealistisch zu erwarten, dass wir einander unbesehen und ohne weitere Prüfung einfach so annehmen. Und es ist auch nicht gesund, davon auszugehen, dass jeder unser bester Freund ist und nur unser Bestes im Sinn hat. Deshalb hat Jesus gesagt, dass wir klug wie die Schlangen und ohne Hinterlist wie die Tauben sein sollen.

Bei alldem sollten wir allerdings eines bedenken: Wir sind nicht besonders gut darin, andere zu beurteilen. Haben Sie das auch schon einmal festgestellt? Und mit unserer Fähigkeit, uns selbst zu beurteilen, sieht es ehrlich gesagt auch nicht besser aus.

Das Problem dabei ist gar nicht in erster Linie unser Hang, überhaupt andere zu beurteilen und einzuordnen, sondern die Ungenauigkeit unserer Beurteilung.

Und ich glaube, genau das war es auch, was ich an der Bemerkung meines Kritikers auf YouTube so unverschämt fand. Woher hatte denn der Typ überhaupt seine Informationen? Nach welchem Maßstab beurteilte er mich, und wer oder was berechtigte ihn zu einem solchen Urteil?

Ich will hier jetzt gar nicht über sein Urteilen urteilen, denn das wäre wirklich pure Ironie, aber ich muss entscheiden, wie ich darauf reagieren will. Damit meine ich keine öffentliche Reaktion, sondern etwas viel Wesentlicheres, nämlich eine Antwort auf die Frage, wie ich mich eigentlich selbst sehe und einschätze und wie ich auf die Kritik, die Beurteilungen und Einordnungen einer Welt reagiere, die geradezu besessen ist von Urteilen und Bewertungen? Wie gehe ich mit meinen eigenen Zweifeln, meiner Unsicherheit und meinen Versagensängsten um?

Die Antwort darauf ist eine andere, als man vermuten würde, jedenfalls war es bei mir so, als ich mich intensiver damit beschäftigte.

Was qualifiziert mich eigentlich?

Früher habe ich immer gedacht, dass die Reaktion auf mein Versagen darin bestehen müsse, es zu beheben. Ich war der Meinung, dass der Umgang mit meinen Schwächen zum Ziel haben müsste, sie durch Stärken zu ersetzen. Ich glaubte, das Geheimnis des Erfolges bestehe darin, möglichst perfekt, fehlerlos und so übermenschlich wie möglich zu wirken, und ich kam zu dem Schluss, dass es mein Charakter und meine Kompetenz sind, die mich qualifizieren oder eben disqualifizieren.

Doch der Maßstab, nach dem Gott uns beurteilt, ist ein ganz anderer als unser eigener. Das gilt auch für seinen Umgang mit unseren Schwächen. Wir müssen deshalb andere Kriterien finden, statt unsere Schwächen hervorzuheben und uns geradezu zwanghaft mit unseren Mängeln zu beschäftigen, sodass sie uns immer monströser vorkommen.

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit der Frage beschäftigen, was es bedeutet, nach Gottes Maßstab qualifiziert zu sein, und ich glaube, dass es die Art, wie wir uns selbst und andere sehen, auf den Kopf stellen wird. Bei mir war es jedenfalls so.

Wenn Ihnen klar wird, wie Gott Sie sieht, werden Sie zu der Freiheit und dem Selbstvertrauen gelangen, das er sich für Ihr Leben wünscht.

Und – nebenbei bemerkt – werden Sie beides niemals durch menschliche Fähigkeiten erreichen. Das ist eine Sackgasse. Sie können niemals so perfekt oder fehlerfrei sein, dass Sie allein auf dieser Basis Frieden mit sich haben können.

Frieden und Selbstvertrauen entstehen nur durch eines: durch Annahme.

In einer Kultur, die völlig fixiert ist auf Selbsthilfe und Selbstoptimierung, mag Ihnen dieser Gedanke vielleicht spontan widerstreben, aber es stimmt trotzdem.

Als Erstes geht es dabei um Gottes bedingungslose Annahme Ihrer Person. Gott kennt Ihre wahre Identität, und er liebt Sie genau so, wie Sie sind.

Als Zweites geht es aber auch um Ihre Selbstannahme, einschließlich Ihrer Schwächen. Das bedeutet zum einen, sich auch den Aspekten der eigenen Persönlichkeit zu stellen, die man vielleicht lieber einfach übergehen würde, und zum anderen bedeutet es, genau zu wissen, wer man in und durch Jesus ist (und wer nicht).

Und drittens geht es dabei darum, den Prozess zu akzeptieren, in dem Gott uns verändert. Gottes Wirken in unserem Leben hat nicht zum Ziel, unser wahres Selbst zu unterdrücken oder gar auszulöschen, sondern es soll die beste Version unser selbst zum Vorschein bringen.

Diese drei Begriffe – Identität, Schwäche und Veränderung – werden im Laufe des Buches immer wieder vorkommen, weil sie unmittelbar damit zu tun haben, fähig und qualifiziert zu sein.

Die drei haben eine Art zyklische Beziehung zueinander, die so funktioniert: Ich kenne mein „wahres Ich“ – meine Identität – nur zu gut. Ich weiß, dass ich viele Schwächen habe, was bei mir das Gefühl hervorruft, nicht qualifiziert zu sein. Ich versuche also, mich zu ändern und meine Schwächen zu beheben, aber schon bald macht sich die Realität bemerkbar. Ich merke, dass ich mich nicht selbst in Ordnung bringen kann, mit der Folge, dass meine Identität noch mehr leidet und ich mich noch weniger qualifiziert bzw. noch unfähiger fühle. Solange ich auf meine mangelnde Qualifikation nur mit noch mehr Anstrengung reagiere, sitze ich in einem Teufelskreis fest.

Macht bei Ihnen Ihr Versagen manchmal einen dermaßen heftigen Lärm, dass Sie Ihre Möglichkeiten und Chancen gar nicht mehr wahrnehmen? Sabotieren Ihre Selbstzweifel manchmal einen möglichen Erfolg schon, bevor Sie überhaupt zur Tür hinaus sind?

Die Kluft zwischen dem Menschen, der wir sind, und der Aufgabe, die wir gern bewältigen möchten, kann sich unendlich groß anfühlen, und am Ende stellt sich die Frage: Bin ich dafür eigentlich qualifiziert?

Um es gleich vorwegzunehmen – die Frage an sich ist nicht das Problem. Natürlich sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie für eine Aufgabe qualifiziert sind. Besonders dann, wenn Sie ein Flugzeug lenken oder Menschen am offenen Herzen operieren. In dem Fall überprüfen Sie bitte auf jeden Fall ganz genau Ihre Ausbildung, Ihr Wissen und Ihre Erfahrung. Man wird es Ihnen danken. Und es gibt ganz sicher auch ethische und moralische Standards, die nicht nur im geistlichen Dienst, sondern auf allen Gebieten gelten und aufrechterhalten werden sollten.

Wenn es aber um eher subjektive Fragen geht, dann vergessen Sie nicht, dass Ihre eigene Einschätzung nicht unfehlbar ist.

Und vielleicht – nur vielleicht – überschätzen Sie ja auch Ihre Unzulänglichkeiten und unterschätzen Ihre Gaben. Vielleicht ist ja die Tatsache, dass Sie die Erwartungen anderer oder ihre eigenen nicht erfüllen, gar kein K.o.-Kriterium. Vielleicht möchte Gott ja gerade etwas tun, das außerhalb Ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten liegt, und lässt sich durch Ihre Grenzen und Ihr Versagen viel weniger einschüchtern als Sie selbst.

Je mehr ich mich damit beschäftige, was die Bibel zu diesem Thema sagt, desto überzeugter bin ich, dass wir ein umfassenderes Verständnis von uns selbst und von Gott brauchen und dass wir unserer eigenen Meinung über unsere Schwächen und Probleme nicht zu viel Gewicht beimessen sollen.

Das Gefühl, nicht qualifiziert zu sein, führt nämlich oft zu einem sonderbaren Verhalten. Wir tun so, als bekämen wir alles bestens geregelt, obwohl gerade alles zusammenbricht. Oder wir glauben, dass alles zusammenbricht, obwohl gerade alles wieder zurechtkommt. Ständig vergleichen wir, und wir manipulieren und intrigieren, weil wir glauben, dass Tricksen die einzige Möglichkeit ist, das zu bekommen, was wir haben wollen.

Unsicherheit, Vergleichen, Manipulieren, Vortäuschen – das alles sind Folgen eines falschen Verständnisses davon, was es bedeutet, von Gott bejaht und qualifiziert zu sein.

Doch Gottes Lösung für unsere Defizite besteht gar nicht unbedingt darin, sie zu beheben. Wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden, hat er eine viel bessere Idee.

Paradoxer Glaubensvater

Einer der dramatisch unqualifiziertesten biblischen Helden, den ich mir vorstellen kann, ist Jakob. Ich habe mich vor einer Weile bei der Vorbereitung einer Predigtreihe sehr intensiv mit seinem Leben beschäftigt, und dann kam mir wie aus dem Nichts ein ebenso erschütternder wie ernüchternder Gedanke:

Gott kann die Person nicht segnen, die man nur vorgibt zu sein.

Bevor mir dieser Gedanke kam, hatte ich mich gefragt, wieso um Himmels willen ich beschlossen hatte, fünf Wochen lang ausgerechnet über diesen paradoxen Glaubensvater zu predigen. Es stellte sich nämlich heraus, dass er der komplizierteste biblische Antiheld war, mit dem ich mich je befasst hatte. Die meisten Geschichten, in denen Jakob eine Rolle spielt, sind wie eine Folge aus der Serie Die Sopranos – man weiß nicht, zu wem man halten soll, weil einer so verkorkst ist wie der andere. Wie in der Situation, als Jakobs Onkel ihn betrunken macht und Jakob daraufhin in seiner Hochzeitsnacht aus Versehen mit der falschen Frau schläft.

Jakob war ein Lügner, ein Betrüger, ein Trickser, ein Gauner und ein Hochstapler. Einen Großteil seines Lebens wurde er von den Konsequenzen eigener schlechter Entscheidungen verfolgt und musste in dem Chaos leben, das er dadurch selbst verursacht hatte. Wenn also jemand die Bezeichnung „ungeeignet“ bzw. „unqualifiziert“ verdient hätte, dann Jakob. Er war nicht unbedingt der Typ, aus dem ordentliche Predigtgliederungen und Sonntagsschullektionen gemacht sind.

Und trotzdem wurde er von Gott erwählt, berufen und reich gesegnet. Und am Ende spielte Jakob sogar eine wichtige Rolle in Gottes Heilsplan für diese Welt. Er taucht in der Bibel als eine der wichtigsten und zugleich als eine der verkorkstesten Gestalten auf.

Als ich an jenem Donnerstagnachmittag über meiner Bibel und meinen Notizen saß, traf mich wie aus heiterem Himmel die Erkenntnis, dass ich in vielerlei Hinsicht ganz genauso bin wie Jakob. Wenn auch natürlich nicht annähernd so wichtig für den Lauf der Menschheitsgeschichte. Aus rein menschlicher Sicht bin ich ganz genau so unqualifiziert wie er, aber in Gottes Augen auch ganz genau so wertvoll und geliebt.

Ich merke oft selbst, dass ich mich – genau wie Jakob – verstelle und tue, als wäre ich jemand anders, weil mir so peinlich ist, wie ich wirklich bin. Das liegt daran, dass ich dann meine Schwächen für das Problem halte und glaube, die Lösung könnte darin bestehen, dass ich einfach so lange so tue, als wäre ich schon so, wie ich gern sein möchte, bis ich es schaffe, wirklich so zu sein.

Aber Gott kann ja niemanden segnen, der ich gar nicht bin. Er möchte mich so gern segnen, aber nur mein wahres Ich, mit all seinen Stärken und Schwächen und Widersprüchen.

Je intensiver ich mich mit der Geschichte von Jakob auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, dass es Gott selbst ist, der dafür sorgt, dass wir qualifiziert sind für das, wozu er uns beruft. Jakob ist ein Paradebeispiel dafür, was für ein Durcheinander und heftige Verwicklungen durch persönliche Schwächen entstehen können, aber er ist auch ein spektakuläres Beispiel dafür, wie jemand es schafft – wenn auch erst gegen Ende seines Lebens –, seine Unzulänglichkeiten zu akzeptieren, über sie hinauszublicken und Gott zu vertrauen.

Erst als er das endlich tat, übernahm Gott. Er setzte Jakobs Grenzen außer Kraft und übertrumpfte selbst dessen Unfähigkeit.

Jakob war absolut und auf schmerzliche und spektakuläre Weise menschlich. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sein Leben mich so klar und deutlich anspricht. Ich kann mich besser in sein Versagen und in seine Fehlschläge hineinversetzen als in seine Heldentaten, und ich nehme an, dass es Ihnen nicht anders geht.

Was ich durch die intensive Beschäftigung mit Jakob gelernt habe, hat mein Denken radikal verändert, und deshalb werde ich in den letzten paar Kapiteln dieses Buches auch noch ausführlicher und detaillierter auf Jakobs Leben eingehen. Seine Geschichte ist nämlich ein faszinierendes Beispiel dafür, wie die Kraft Gottes in unserer Schwäche wirkt.

Letztlich hat Gott Jakob nicht trotz seiner Schwächen, sondern durch seine Schwächen befreit, gerettet, weiterentwickelt und neu ausgerichtet, und das Gleiche kann er auch bei Ihnen und mir tun.


An dem Tag, an dem mich der Theologe auf YouTube darüber informierte, dass ich unqualifiziert sei, erinnerte mich Gott an einen Bibelvers, in dem es um unsere Befähigung geht.

Wir halten uns selbst nicht dazu fähig, irgendetwas zu bewirken, was bleibenden Wert hätte. Unsere Kraft dazu kommt von Gott. Er hat uns befähigt dazu, Diener seines neuen Bundes zu sein, eines Bundes, der nicht auf schriftlichen Gesetzen beruht, sondern auf dem Geist Gottes. Der alte Weg führt in den Tod, aber auf dem neuen Weg schenkt der Heilige Geist Leben. (2. Korinther 3,5-6, Neues-Leben-Übersetzung).

Und plötzlich fühlte ich mich befreit.

Ja, unqualifiziert passt sehr gut. Das hat was. Und ich befinde mich dabei in allerbester Gesellschaft – angefangen bei Jakob.

Also nur zu, schreiben Sie es auf meine Visitenkarten und auch auf meine Twitter-Vita.

Gott hat mich berufen. Gott hat mich ausgerüstet. Gott hat mir Türen geöffnet. Meine Qualifikation oder das Fehlen selbiger hat demnach offenbar keine besonders große Rolle gespielt.

Ich hatte also doch ein wenig festen Boden unter den Füßen bei der Verteidigung meines Stammbaums im geistlichen Dienst. Aber warum? Tatsache ist: Gott segnet meine Bemühungen trotzdem, und zwar mehr, als ich es je verdient hätte. Und das ist erstaunlich! Wieso sollte ich mir da wünschen, meinen Einfluss und meinen Erfolg lediglich auf das zu beschränken, wozu ich qualifiziert bin?

„Unqualifiziert“ war also gar keine Kritik, sondern ein Kompliment. Zugegeben, ein unbeabsichtigtes und zweifelhaftes Kompliment, aber nichtsdestotrotz ein Kompliment. Ich wurde in aller Öffentlichkeit daran erinnert, dass Gott an mir und durch mich viel mehr für mich getan hat, als ich verdient habe.

Ich hoffe, das klingt jetzt nicht stolz, weil es das nämlich wirklich nicht ist. Ich glaube sogar, dass es das Gegenteil von stolz ist, nämlich demütig. Echte Demut bedeutet nicht, sich selbst schlechtzumachen, sondern anzuerkennen, dass man alles Gott zu verdanken hat. Es bedeutet, die eigene Bestimmung anzunehmen, und zwar nicht auf der Grundlage dessen, wer man ist oder was man kann, sondern aufgrund dessen, wer Gott ist und was er durch einen tun will.

Ich bin überzeugt davon, dass der zitierte Theologe Gott und die Gemeinde liebt. Wenn wir irgendwann beide im Himmel sind, lade ich ihn vielleicht mal zu mir nach Hause ein auf ein paar Erdnüsse, und vielleicht lachen wir dann zusammen über die ganze Geschichte.

Aber im Moment ist das, was einer anderen Person einfällt, wenn sie meinen Namen hört, nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, was Gott und was mir selbst bei meinem Namen einfällt.

Am Ende habe ich mir diesen kleinen Teil des Interviews noch mindestens fünfmal mehr angeschaut und beim letzten Mal dann laut gelacht. Ich habe den Link an ein paar Freunde geschickt und sogar ganz kurz überlegt, wie lustig es wäre, ihn über Instagram zu verbreiten.

Dann machte ich mich für den Gottesdienst fertig. Vor dem Gottesdienst betete ich noch mit dem Team, wie ich es fast immer tue, fügte aber am Ende noch einen Satz hinzu, den ich sonst nicht betete. Mein Team fragte sich wahrscheinlich, was um Himmels willen ich meinte, aber ich selbst musste lächeln und war von einer seltsamen Zuversicht und Dankbarkeit erfüllt, als ich betete: „Und danke, Herr … dass wir unqualifiziert sind.“

Das dritte Wort

„Ich bin Steven.“

Das habe ich schon Tausende Male gesagt und es auch beinah genauso oft buchstabiert, denn wenn ich nicht extra darauf hinweise, schreiben die Leute meinen Vornamen immer mit ph statt mit v.

Ganz zu schweigen von meinem Nachnamen Furtick.

Was ist der Kernbegriff der Aussage: Ich bin Steven? Es ist der Name Steven, richtig? Der Name benennt mich, identifiziert mich. Die ersten beiden Worte – ich bin – sind nur dazu da, die Aussage zu bilden. Sie haben für sich allein keinen Sinn, sind einsilbiges Beiwerk.

Aber stimmt das wirklich?

Behalten Sie diesen Gedanken einmal kurz im Kopf.

ZWEI
Das Name-Game

Ich habe eine – zugegebenermaßen ziemlich seltsame – Phobie.

Ich habe Angst, Leute, die ein Baby erwarten, zu fragen, wie ihr Nachwuchs heißen soll. Woran das liegt? Ich glaube daran, dass – wie sage ich das jetzt am besten? – die Menschen immer „kreativer“ werden bei der Namensgebung.

Natürlich ist es das gute Recht von Eltern, ihren Kindern genau den Namen zu geben, den sie für richtig halten, das ist mir schon klar. Der Grund, weshalb ich nicht fragen mag, ist der Umstand, dass ich einfach nicht in der Lage bin, mich bei der Reaktion auf ihre Antwort zu verstellen.

Wenn ich frage: „Und, wie soll es denn heißen?“, und sie nennen einen Namen, für den ihr Kind spätestens in der Mittelstufe gemobbt werden wird, dann reagiere ich mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem erstaunten: „Aha …“, und das ist in aller Regel nicht die Reaktion, die sich werdende Eltern wünschen. Deshalb stelle ich die Frage einfach nicht mehr. Es hängt einfach zu viel Verantwortung daran. Ich erfahre den Namen lieber schriftlich, wenn niemand dabei ist und ich reagieren kann, ohne die Gefühle von jemandem zu verletzen.

Nur fürs Protokoll: Mein erster Vorname ist gar nicht Steven, sondern Larry. Mein korrekter, offizieller Name ist also Larry Stevens Furtick Jr. Dass ich mit zweitem Vornamen Steven heiße, liegt daran, dass der zweite Vorname meines Vaters auf seiner Geburtsurkunde falsch geschrieben war. Statt das zu ändern, hat der Gute den Fehler bei der Beurkundung meiner Geburt einfach übernommen. Vielen Dank auch, Dad.

Es hätte aber auch noch schlimmer kommen können, denn ursprünglich wollte mein Vater mich Clem nennen, und schon allein der Gedanke daran lässt mich schaudern. Meine Großmutter hat nämlich an der Clemson University in South Carolina ihren Abschluss gemacht, und mein Vater fand es unglaublich geistreich, mich später einmal „Clem! Son! Komm mal her, Clem, Son!“ rufen zu können.

Zum Glück konnte meine Mutter diesen Wahnsinn gerade noch rechtzeitig verhindern.

Aber es gibt noch schlimmere Namen. Vor kurzem hat mir ein Mitarbeiter aus der Gemeinde von jemandem erzählt, der sein Kind La-a genannt hat. (Das wird genau so ausgesprochen, wie man es schreibt.)

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für Gedanken mir durch den Kopf gingen, als ich das hörte. Du tust mir so leid, La-a, wo auch immer du gerade bist. Wir beten für dich. Ganz besonders beten wir dafür, dass die Engel deinen Namen richtig buchstabieren, wenn sie ihn ins Buch des Lebens schreiben.

Zum Glück für die Clems und La-as dieser Welt werden wir zwar mit unserem Namen gerufen, aber unser Name bestimmt nicht, wer wir sind. Er beschreibt nicht unsere Persönlichkeit. Unser Name sagt nichts darüber aus, wer wir wirklich sind, nichts über unsere Träume, unsere Gefühle, unser Potenzial und das, wofür wir uns begeistern.

Ich glaube, die meisten Menschen wissen, dass sie mehr sind als ihr Name, aber wie viel Mühe setzen wir ein, um herauszufinden und zu verstehen, was uns antreibt und wovon wir uns bestimmen lassen?

Wenn wir eine verzerrte Wahrnehmung davon haben, wer wir wirklich sind, dann leidet unser seelisches Gleichgewicht darunter, und deshalb tut es auch so weh, wenn wir scheitern oder hinter den Erwartungen zurückbleiben. Unsere Defizite scheinen der Beweis dafür zu sein, dass wir von Grund auf fehlerhaft sind, und das lässt uns an unserem Wert und unserer Identität zweifeln.

Aber wie ich ja bereits im vergangenen Kapitel festgestellt habe, sieht Gott uns nicht so, wie wir selbst uns sehen. Sein Maßstab und seine Beurteilungskriterien sind anders als unsere, doch solange wir nicht wissen, wie er denkt und uns sieht, werden wir unsere Erfolge und Niederlagen als einzige Indikatoren für unseren Wert betrachten. Das wiederum führt unweigerlich zu übertriebenen, immer wieder anderen Schlussfolgerungen darüber, ob wir fähig und qualifiziert sind oder nicht. Und eine Identität, die auf Gefühlen der Unzulänglichkeit beruht, ist etwas ziemlich Gefährliches.

Ich möchte, dass wir uns im Folgenden einmal selbst anschauen in Bezug auf unsere Identität, und, was vielleicht noch wichtiger ist, ich möchte, dass wir uns mit unserer eigenen Interpretation unserer Identität beschäftigen. Wissen wir eigentlich, wer wir wirklich sind? Und stimmt unser Bild von uns selbst mit dem überein, was Gott darüber sagt, wer wir sind? Und was tun wir, wenn die beiden Vorstellungen nicht übereinstimmen? Wie gehen wir mit der Diskrepanz um?

Das ist kompliziert, weil wir kompliziert sind, aber zum Glück sieht die Bibel diese Komplikationen voraus.

Was kommt in die Lücke?

Vor fast viertausend Jahren berief Gott aus einem brennenden Dornbusch heraus einen Mann namens Mose. Die Geschichte ist im 2. Mose Kapitel 3 nachzulesen, und wenn Sie schon länger mit Glauben und Kirche zu tun haben, dann haben Sie sie bestimmt schon einmal gehört. Hier noch einmal kurz die Geschichte, gewürzt mit ein paar Details, die meiner Phantasie entsprungen sind.

Gott trifft Mose mitten in der Wüste und präsentiert ihm einen umwerfenden Plan. Er will, dass Mose nach Ägypten – die damals mächtigste Nation der Welt – geht und den Pharao dort auffordert, die Millionen israelitischen Sklaven freizulassen, die für ihn arbeiten. Das verschlägt Mose wirklich die Sprache, allerdings nicht im positiven Sinn. Schon allein bei der Vorstellung fängt er an zu schwitzen und zu stottern und zu hyperventilieren.

Also fragt Mose Gott erst einmal, wie er denn überhaupt heißt, in dem verzweifelten Versuch, irgendetwas zu finden, das ihm dabei helfen könnte, den Israeliten diesen unglaublichen Plan plausibel zu machen.

Instinktiv ist Mose klar, dass das Allerwichtigste in diesem Moment die Frage ist, mit wem er es hier überhaupt zu tun hat. Wer da aus dem brennenden Busch heraus zu ihm spricht, ist viel wichtiger als seine eigenen Fähigkeiten, sein Bildungsstand und sein Lebenslauf und auch wichtiger als die Macht des Pharaos oder die Politik, die Ägypten verfolgt, oder wie er es anstellen soll, von jetzt auf gleich ein Gegner der Sklaverei zu werden.

Und Gott ist bereit, Mose zu sagen, wer er ist, und ihm seinen Namen zu nennen.

„Mose, mein Name ist … Der Ich bin.“

Es folgt eine lange, unbehagliche Pause, in der sich Mose vorbeugt und lauscht, ob der Busch sein Geheimnis preisgibt: Sprich weiter, ich höre zu. Du bist … was? Ja, wer denn nun? … Moment … ist das etwa alles? Einfach nur „Der ich bin“? Da fehlt doch was.

Aber mehr sagt Gott nicht. Dafür, dass er ein vollkommener Gott ist, hat er offenbar eklatante Probleme mit der Grammatik. Weiß er denn nicht, dass da noch ein Nomen kommen muss, weil sonst die Aussage unvollständig ist?

Vielleicht ist in dieser Aussage eine Botschaft für Mose – und für uns alle – enthalten: nicht das Ich bin einfach überspringen. Füllen Sie nicht leichtfertig in die Lücke ein, wer Sie sind.

Denken Sie einmal über diese beiden Worte nach: Ich bin. Nur zwei kleine Silben, aber die stärkste, ja, umwälzendste Aussage, die man machen kann. Darin steckt eine Kraft, die von der Vergangenheit befreien, durch die Gegenwart lotsen und den Rahmen für die Zukunft stecken kann.

Ich bin hier nicht irgendwie mystisch, sondern es handelt sich um etwas sehr Konkretes und Praktisches. Gott hat genau diesen Ausdruck gewählt, um sich selbst präzise zu beschreiben, weil Identität und Selbstbild grundlegende Lebensprinzipien sind. Das ist ein ganz wesentlicher und großer Aspekt der „Ich bin“-Offenbarung Mose gegenüber.

Dennoch braucht der Name Gottes kein weiteres Wort, weil Gott alles und jeder ist, was er im Moment gerade sein muss. Er ist die Fülle, er ist die Vollendung, er ist die Erfüllung jedes Bedürfnisses und jedes nur denkbaren Verlangens. Man könnte beliebig Superlative aneinanderreihen und würde damit Gott nicht einmal annähernd gerecht, aber Sie und ich, wir Menschen, wir brauchen noch ein weiteres, ein drittes Wort. Wir müssen unsere Identität an konkreten, greifbaren und beschreibenden Begriffen festmachen. Wir müssen die Aussage vervollständigen, und das tun wir auch ständig, ob es uns bewusst ist oder nicht.

Auf der allgemeinsten, der Makroebene, ist dieser fehlende Begriff unser Name.

Aber das ist nur der Anfang.

Dieser Begriff ist nicht nur der Name, den uns unsere Eltern gegeben haben, oder der Spitzname, der uns damals auf der Klassenfahrt verpasst worden ist, und es geht bei diesem Begriff auch nicht um den Namen, den Sie bei der Tupperparty auf Ihr Namensschildchen schreiben, oder darum, wie Sie von Ihren Freunden genannt werden.

Wie würden Sie denn selbst den Satz „Ich bin …“ zu Ende bringen? Was würden Sie einsetzen? Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Es ist jedenfalls nicht so einfach, wie es sich anhört.

Wenn Sie zu einer Gemeinde gehören, dann bekommen Sie in der Regel jede Menge Hilfestellung bei der Beantwortung der Frage, wer Gott ist. Sie erfahren von seiner Liebe, seiner Heiligkeit, seiner Gerechtigkeit und seiner Güte. Es wird mit theologischen Begriffen wie Allgegenwart, Allwissenheit und Allmacht hantiert, und wir lernen, Gott in jeder herrlichen Einzelheit zu beschreiben, einschließlich der dazugehörenden Bibelstellen. Das ist natürlich gut und richtig und auch wichtig, aber wer wir sind, das wissen wir oft nicht. Und das ist eine verhängnisvolle Abkoppelung.

Es ist ja das Eine, zu wissen, wer Gott für Sie ist, aber wer sind Sie selbst für sich? Wie sehen Sie sich selbst? Vielleicht können Sie Gott beschreiben und definieren, aber passt das mit dem zusammen, wie Sie sich selbst beschreiben und definieren?

Denn es ist ja nicht so, dass wir uns nicht selbst definieren würden. Das tun wir sogar ständig. Wir füllen die Lücke, wer wir sind, aus, allerdings meist ganz unbewusst. Wir halten gar nicht lange genug inne, um zu merken, welches zusätzliche dritte Wort wir einsetzen, um zu beschreiben oder gar zu definieren, wer wir sind. Das geschieht wie automatisch – und ist unglaublich aufschlussreich. Ich bin ein ziemlich guter Vater. Ich bin ein grottenschlechter Handwerker. Ich bin ein aggressiver Autofahrer. Ich bin ein mittelmäßiger Musiker. Ich bin erfolgreich. Ich bin ein Versager. Ich bin …

Ich spreche von einem zusätzlichen Wort zu dem „Ich bin“, aber in Wirklichkeit sind es oft viel mehr Wörter. Das „dritte Wort“ kann auch eine Redewendung, ein ganzer Satz oder sogar eine Aufzählung sein. Es kann eine Befürchtung oder ein Gefühl sein, eine Erinnerung oder ein Trauma, aber es kann auch ein Vorwurf oder eine Anklage sein, die tief in unserer Psyche gespeichert ist.

Wir füllen diese Lücke nach dem „Ich bin …“ schon unser Leben lang aus, aber nur selten halten wir inne, um zu hinterfragen, ob das dritte Wort tatsächlich stimmt.

Ich muss dabei an die Lückentests in der Schule denken, bei denen ein Begriff oder manchmal auch zwei fehlten und die Aufgabe darin bestand, den richtigen Begriff in die entsprechende Lücke einzusetzen.

Auf den ersten Blick schien das ziemlich einfach, aber das war es oft gar nicht, denn für jede Lücke gab es eine – und nur eine – richtige Antwort. Entweder das eingesetzte Wort war richtig, oder es war falsch. Das war meistens richtig schwer.

Bei Multiple-Choice-Tests hatte man wenigstens eine Chance von 1:4, die richtige Antwort anzukreuzen, und bei offenen Fragen, zu denen man selbst eine Antwort formulieren musste, konnte man auch noch Punkte für Kreativität, Fleiß und allgemeines Gelaber einheimsen. Und in allgemeinem Gelaber war ich immer ziemlich gut.

Doch bei diesen gnadenlosen Lücken war das ganz anders. Da war kein Platz für Überflüssiges oder Fehler. Beim Lückentest ging es nur um die eine korrekte Antwort.

Und es gab nur eine Person – den Lehrer bzw. die Lehrerin –, die das Recht hatte zu entscheiden, was in die Lücke gehörte. Er oder sie traf die Entscheidung, wofür die Lücke stand.

Wer hat in Bezug auf Ihr Leben das Recht, diese Lücke auszufüllen und den richtigen Begriff einzusetzen? Sie selbst? Oder sind es Ihre Eltern, Ihre Freunde oder Ihre Lebensumstände?

Ich habe mir vor kurzem ein altes 60 Minutes-Interview mit Bob Dylan angeschaut, in dem der Interviewer fragte, warum er sich Bob Dylan und nicht mehr Robert Zimmerman nenne?

„Man kann sich doch nennen, wie man will“, antwortete Dylan auf die für ihn so typische nonchalante Art: „Das hier ist schließlich ,the land oft the brave and the free‘.“1

Seinen offiziellen Namen kann man ja tatsächlich relativ problemlos ändern. Aus einem Zimmerman kann durch das Ausfüllen einiger Formulare und eine Unterschrift ganz einfach ein Dylan werden. Aber was ist mit den inneren Bezeichnungen und Namen, die Sie definieren? Wer entscheidet über die? Und was ist, wenn Ihnen das, was bei Ihnen bisher in die Lücke eingefüllt wurde, nicht gefällt? Lässt es sich noch ändern? Und wenn ja, in welchem Ausmaß ist das möglich, und in welchem Ausmaß sollte es dann auch geschehen?

Und gibt es denn auch hier nur eine richtige Antwort? Lassen sich all die Nuancen, die Komplexität und die Widersprüche Ihres Lebens so kurz und knapp zusammenfassen?

Das alles sind ganz praktische Fragen, die den Kern Ihres Selbstbildes und Ihres Identitätsgefühls betreffen.

Wahrscheinlich brauchen Sie sich ja inzwischen nicht mehr mit Lückentests herumzuschlagen, aber die „Ich-bin“-Fragen des Lebens sind eine noch viel größere Herausforderung, weil Sie sie tagtäglich beantworten. Und Ihre Antworten lenken wohl oder übel den Verlauf Ihres Lebens bzw. lenken ihn um.

Im Folgenden ein paar dritte Wörter, die ich ständig sowohl in meinem Kopf als auch laut aus meinem Mund höre: Unfähig. Dumm. Stark. Getrieben. Verkorkst. Loyal. Verletzt. Überfordert. Gesegnet. Fähig. Enttäuscht. Kaputt. Hoffnungsvoll. Abgestumpft. Zufrieden.

Kreisen Sie doch einmal im Geiste die Wörter ein, mit denen Sie sich identifizieren können, und ergänzen Sie welche, die Sie noch hinzufügen würden. Wie oft sagen oder denken Sie die betreffenden Wörter über sich selbst? Was glauben Sie, welche dieser Begriffe Sie in einem Jahr bzw. in zehn Jahren einkreisen werden? Und welche werden Sie an Ihre Kinder weitergeben, sodass die sie später einmal für sich selbst einkreisen?

Und jetzt – nur so zum Spaß – verändern Sie doch einmal dieses Wort – das dritte Wort.

Das verändert alles.

Und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter. Wie sieht Ihr Selbstbild aus im Vergleich zu dem Bild, das Sie anderen gern von sich vermitteln möchten? Inwieweit unterscheidet es sich von der Vorstellung, wie Sie gerne wären? Oder anders gefragt: Täuschen Sie anderen etwas vor? Halten Sie eine falsche Fassade aufrecht, um die Defizite und Schwächen zu tarnen, die Sie bei sich selbst feststellen?

Und eine noch schwerwiegendere Frage wäre ja, wie all das, was Sie über sich selbst denken, im Vergleich zu dem aussieht, was Gott über Sie denkt. Passen Ihr Selbstbild und Ihre Selbsteinschätzung mit der Persönlichkeit zusammen, als die Sie geschaffen sind und die Sie sein sollen?

Das sind große, verwirrende, aber auch mutige Fragen, und sie richtig zu beantworten, dauert ein Leben lang.

Wenn Sie sich diesen Fragen allerdings nie stellen, dann werden Sie einen großen Teil Ihres Lebens damit verbringen, sich zu verstellen, Leistung zu bringen, perfekt zu wirken, zu versuchen, anderen zu gefallen und sich zu beweisen. Doch Ihr wahres Selbst werden Sie nicht finden.

Gefärbt wie Beckham

Das eigene „wahre Selbst“ kennenzulernen kann kompliziert sein.

Vor Jahren versprach mir ein Friseur, dass er mir einen „Beckham-Look“ verpassen könne, und schon allein dieser Vorschlag – so unrealistisch es auch sein mochte, dass ich dem großen Fußballgott auch nur entfernt ähneln würde – schmeichelte mir genug, um den Friseursalon tatsächlich zu betreten.

Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich mich frisurtechnisch in die Hände eines Profis begab, denn bis dahin hatte eine alte Haarschneidemaschine aus dem Nachlass des Friseur-Salons meines Vaters mir immer gute Dienste geleistet. Und eigentlich war ich bis jetzt auch immer gut allein zurechtgekommen, wenn ich mir in der Garage einen Igelschnitt verpasste.

Aber ein Beckham-Look? Bei mir? Ich war bereit, es mich einiges kosten zu lassen.

Als ich schließlich im Stuhl saß, hätte der qualvolle Prozess, mein pechschwarzes Haar platinblond zu bleichen, beinah dazu geführt, dass ich meine Entscheidung bereute. Offenbar habe ich nur eine sehr begrenzte Schmerztoleranz, denn ich fragte mich zwischendurch schon ein paar Mal, ob es wohl auch Salons gibt, in denen die Bleichprozedur mit Narkose angeboten wird.

Als die Typveränderung vollendet war, sah ich dann allerdings kein bisschen aus wie David Beckham, und mein Haar war auch nicht wirklich blond, sondern eher orangefarben.

Doch die Veränderung war wirklich radikal, und ich gewöhnte mich daran.

Ein paar Jahre lang habe ich die neue Farbe so getragen, aber eines Tages bin ich dann wieder zu Schwarz zurückgekehrt. Eine der ersten Personen, die mich nach der Verwandlung sah, sagte ungefragt etwas, worüber ich laut lachen musste: „Ich finde, du solltest lieber wieder zum Blond zurückgehen. Bei dir sieht Schwarz nicht besonders … natürlich aus.“

Manchmal frage ich mich, ob unser Image und unsere Identität so oft bearbeitet und verändert werden, so oft gebleicht und gefärbt, dass die ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen ist und nicht einmal wir selbst mehr wissen, wie sie einmal war.

Zur Enttäuschung kommt noch Desillusionierung hinzu, die sich in Schichten auf unser Scheitern und Versagen legt, und am Ende ist unser wahres Selbst so tief vergraben, dass wir gar nicht mehr wissen, wer wir sind.

Das dritte Wort für uns selbst nach dem „Ich bin …“ einzusetzen wird kompliziert, weil wir durch die Brüche in unserer Vergangenheit wandelnde Widersprüche geworden sind. Sind wir die Person, die wir uns immer erträumt haben oder die Person, die wir gerade spielen?

Einerseits denken wir immer noch groß, denn wir wissen, dass Gott uns für größere und kühnere Dinge bestimmt hat, und ganz tief in unserem Inneren flackert diese Berufung auch immer noch hin und wieder ein ganz klein wenig auf.

Es gibt Tage, da geht unsere Phantasie mit uns durch, wenn es um unsere Möglichkeiten für die Zukunft geht und um den Beitrag, den wir auf dieser Welt leisten können. Wir nehmen uns alles Mögliche vor, z. B. mehr schöne Erinnerungen mit den Kindern zu schaffen oder endlich den Garten zu Ende zu gestalten; mehr ehrenamtlich in der Gemeinde mitzuarbeiten, das Klo zu putzen, uns für einen bestimmten Kurs anzumelden, unsere Bauchmuskeln zu trainieren, ein Waisenkind zu unterstützen, ein Buch zu schreiben, eine Fußballmannschaft zu trainieren, die Welt zu verändern …

Aber andererseits werden wir auch realistischer – und zynischer. Manchmal ist das schwer zu unterscheiden.

Unsere Ziele zu erreichen ist schwieriger, als wir gedacht haben. Wir haben es versucht und sind gescheitert, haben es noch einmal versucht … und sind wieder gescheitert. Jetzt sind wir nicht einmal mehr sicher, ob wir überhaupt in der Lage sind, Kinder großzuziehen oder verantwortungsvoll mit unserer Kreditkarte umzugehen, geschweige denn, mit den Veränderungen dieser Welt fertig zu werden.

Vielleicht war es ja nie so gedacht, dass unsere Träume in Erfüllung gehen, oder wir sind einfach nicht stark genug oder nicht mutig genug oder irgendein anderes nicht genug, um sie wahr werden zu lassen.

Vielleicht sind wir ja wirklich unqualifiziert.

Doppelter Zwiespalt

Ich rede ständig mit Leuten, die mit der Diskrepanz zwischen ihren Schwächen und ihren Träumen, zwischen der Realität dessen, wer sie sind, und dem, was Gott sagt, wozu er sie geschaffen hat, zu kämpfen haben. Ihre persönlichen dritten Wörter nach dem „Ich bin …“ enthalten so gut wie immer einen Hinweis darauf, dass sie sich für nicht qualifiziert halten.

Leute wie beispielsweise Jamar, der mir erzählt, dass er die Berufung in sich spürt, etwas im Leben junger Männer zu verändern. Jamar ist ohne Vater aufgewachsen und musste vieles auf die ganz harte Tour lernen. Er träumt davon, anderen jungen Männern die Lebensperspektive und Orientierung zu vermitteln, die er selbst nie bekommen hat. Wenn er nur nicht … so heftig mit seiner Sexsucht zu kämpfen hätte.

Jamar ist Single, sieht gut aus, hat ein umwerfendes Lächeln und ist beruflich ausgesprochen erfolgreich. Er kommt an bei den Frauen, und das weiß er auch.

Es gibt immer wieder lange Phasen, in denen er es schafft, nach Gottes Maßstab zu leben, aber dann erliegt er wieder der Versuchung und entgleist durch sexuelle Verfehlungen. Wie soll er denn anderen ein Vorbild sein, wenn er selbst so viel Hilfe braucht?

Jamar ist frustriert, weil er immer wieder einmal einen Blick auf sein Ideal-Selbst erhascht, aber eine Störung vergiftet und hindert immer wieder seine Entwicklung. Und so kommt er zu dem Schluss: Ich bin … stecken geblieben.

Oder da ist Heather. Heather ist eine großartige Mutter. Das findet jeder außer ihr selbst. Ihre Kinder entwickeln sich prächtig. Sie nehmen nach der Schule an allen möglichen künstlerischen und sportlichen Kursen und Aktivitäten teil, und keines von ihnen ist Crystal-Meth-süchtig. Das ist doch schon mal was. Mehrmals in der Woche kocht Heather abends für die ganze Familie, und normalerweise liest sie jedem der Kinder vor dem Schlafengehen ein Kapitel aus einem Buch vor.

Aber irgendwie ist es nie genug. Wenn die Kinder im Bett sind, sieht Heather nur all das Durcheinander und die Unordnung, die sie nicht zu beseitigen geschafft hat, und alles, woran sie sich erinnert, ist, dass sie wieder mal die Geduld verloren hat und ausgeflippt ist, als sie den Kindern bei den Hausaufgaben geholfen hat. Wie soll sie denn ihren Erfolg als Mutter feiern und genießen bei so viel Chaos und Versäumnissen?

Ihr Pinterest Board ist so vollgestopft mit guten Vorsätzen und Ideen, dass es für mehrere Leben reichen würde, und sie will nach vier verschiedenen Bibelleseplänen auf ihrer Bibel-App die Bibel in einem Jahr durchlesen. Aber wenn sie das in diesem Tempo weitermacht, dann hat sie es vielleicht in zehn Jahren geschafft. Sie ist Sklavin einer endlosen Prioritätenliste, und dabei flüstert ihr eine Stimme in ihrem Kopf ständig zu, dass sie alles viel zu oberflächlich macht, dass sie mittelmäßig ist, dass sie im Leben etwas verpasst. Und all das zusammen führt dann dazu, dass sie überzeugt ist: Ich bin … eine Versagerin.

Oder da ist beispielsweise mein Bruder Max. Ich liebe Max. Aber ich habe sehr lange meinen Teil dazu beigetragen, ihn von Gott fortzutreiben.

Max und ich sind in einer guten Südstaatenfamilie aufgewachsen. Das heißt, dass wir Hühnchen mit Klößen gegessen haben und mindestens einmal in der Woche in die Kirche gingen. Max ist drei Jahre jünger und zwanzig Zentimeter größer als ich, und eigentlich heißt er Matthew. Menschen Spitznamen zu verpassen ist eine schlechte Angewohnheit von mir, und ich habe angefangen, ihn Max zu nennen, als ich sechzehn wurde.

Zufällig war das auch ungefähr die Zeit, als es mir ernst wurde mit dem Glauben an Jesus, und weil ich mich für den schmalen, aber geraden Weg entschieden hatte, wollte ich, dass jeder in meinem Umfeld ihn auch ging, ob er wollte oder nicht – auch Max.

Er war der erste meiner Zwangsbekehrten und Hauptleidtragender meines neugefundenen religiösen Eifers.

Wenn ich ihn zur Schule fuhr, wollte er im Radio immer einen Rocksender hören: 96 WAVE. Aber das kam für mich gar nicht in Frage. Doch nicht in meinem Wagen! Da gab es nur christliche Rockmusik.

Wenn ich ihn bei seiner Schule absetzte, ertappte ich ihn manchmal dabei, wie er einem Mädchen nachschaute. Erwischt bei lüsternen Blicken, dachte ich dann und schimpfte mit ihm, als käme er aus Sodom und Gomorrha.

Wenn ich abends ins Wohnzimmer kam und er sich seine Lieblingsserie Beavis and Butt-Head anschaute, dann schaltete ich rasch um auf den ersten Prediger im Programm, den ich finden konnte.

Ich wollte gar kein gesetzlicher und verurteilender Spinner sein, denn ich liebte meinen Bruder ja. Und weil ich ihn liebte, glaubte ich, dass ich dafür verantwortlich sei, ihn auf den richtigen Weg zu Jesus zu bringen, wenn ich ihn dort hinzerren musste.

Aber anscheinend wollte er nicht, und ich konnte überhaupt nicht verstehen, wieso.

Erst an dem Abend, als mein Vater gestorben war – das war sechzehn Jahre später –, begriff ich, dass ich ihn dadurch genau in die entgegengesetzte Richtung getrieben hatte.

Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen Abend. Als die Freunde gegangen waren, die unserer Familie in der schweren Situation beistanden, war es ein Uhr nachts. Es war die längste Woche unseres Lebens gewesen, und wir wollten jetzt nichts als Ruhe, also ließ sich Max im Fernsehsessel meiner Mutter nieder, und ich streckte mich auf dem Sofa aus.

Plötzlich begann Max von den inneren Kämpfen zu erzählen, die er damals durchgemacht hatte. Wie er so gern eine Beziehung zu Gott gehabt hätte, es ihm aber einfach zu schwer erschien.

„Dabei soll es eigentlich gar nicht schwer sein“, erklärte ich ihm.

„So hat es aber für mich immer ausgesehen“, entgegnete er. „Als wir auf der High School waren, habe ich dich beobachtet, und du hattest all diese Regeln, all die Sachen, die du nicht sagen oder anschauen oder nicht anhören durftest. Ich wollte kein geheuchelter, falscher Christ sein, aber wenn richtiges Christsein bedeutete, so zu leben wie du, dann wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde. Das war einfach zu schwer für mich.“

Wir redeten eine ganze Weile, und ich entschuldigte mich bei Max. Ich sagte, es täte mir wirklich leid, dass ich den Anschein erweckt hätte, man müsse sich zu Beginn einer Beziehung zu Gott auf jede Menge Einschränkungen und Regeln einlassen. Ich hätte aber im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass es beim Evangelium weniger darum gehe, was Gott von uns will, als vielmehr darum, was er für uns will.

Dieses Gespräch hat dann tatsächlich etwas in Gang gebracht, und zwar nicht nur bei Max, sondern auch bei mir. Ich musste immer wieder daran denken, was er gesagt hatte. Es sei ihm einfach zu schwer vorgekommen. Dieser Gedanke verfolgte mich regelrecht.

Hatte es so gewirkt, wenn ich darüber gesprochen hatte? Zu schwer? Soll es so aussehen? Soll es so sein?

Wie viele Menschen wohl den Gedanken wieder aufgeben, eine Beziehung zu Gott einzugehen, weil sie glauben oder man ihnen gesagt hat, dass sie erst alle möglichen Bedingungen erfüllen müssen, bevor man ihn kennenlernen und mit ihm leben kann?

In mancher Hinsicht ist Glaube ja tatsächlich schwer. Um einen alten Prediger vom Land zu zitieren: „Jesus hat gesagt, wir sollen unser Kreuz auf uns nehmen und nicht unsere Federkernmatratze.“ Das habe ich kapiert. Es kann schon manchmal ein schwieriges Unterfangen sein, auf dieser Welt und in dieser Zeit seinen Alltag mit Gott zu leben. Aber den Menschen den Eindruck zu vermitteln, dass erst etliche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um überhaupt mit Gott in Kontakt treten zu können, kann unmöglich das sein, was er sich gedacht hat, als er seine Botschaft an uns als „Gute Nachricht“ bezeichnete.

Er hat seine Einladung gegen Ende der Bibel platziert: „Der Geist und die Braut sagen: ,Komm!‘ Und wer das hört, soll auch rufen: ,Komm!‘ Wer durstig ist, der soll kommen. Jedem, der es haben möchte, wird Gott das Wasser des Lebens schenken.“ (Offenbarung 22,17, Hoffnung für alle.)

Also sagt Gott ja offenbar: „Komm, wie du bist“, aber die Botschaft, die wir daraus machen, lautet viel zu oft: „Verändere dich erst mal, dann kannst du kommen.“

Statt meinem Bruder dabei zu helfen, Gott zu finden, hatte ich anscheinend für ein Spannungsfeld gesorgt, das ihn von Gott fernhielt. Ich hatte unabsichtlich die Saat für ein drittes Wort in seine Seele gelegt, ein Wort, das vielleicht das gefährlichste von allen ist: „Ich bin … nicht würdig.“

Welche dritten Wörter füllen Sie bei sich selbst in die Lücke? Sind es eher positive oder negative Wörter? Oder sind sie so durcheinander, dass Sie sie gar nicht einordnen können?

Wenn es Ihnen so geht wie Jamar, Heather, Max und mir, dann drehen sich Ihre dritten Wörter um Ihre Schwächen. Es sind Wörter, die wahrscheinlich in erster Linie damit zu tun haben, was Sie alles nicht sind, was Sie alles nicht können oder was Sie eben nicht tun, aber tun sollten. Und weil Ihr Charakter Risse hat und Ihre Kompetenz zweifelhaft ist, neigen Sie dazu, sich unfähig und unzulänglich zu fühlen.

So denken wir nun mal.

Es ist zwar eine Binsenweisheit, aber ich sage es hier trotzdem noch einmal: Jeder Mensch hat Schwächen. Wir geben ihnen alle möglichen Namen – Macken, Fehltritte, Fehler, Probleme, Sünden, Irrtümer, innere Dämonen, Süchte – aber jeder hat sie.

Die zentrale Frage ist doch, was wir mit unseren Schwächen anfangen sollen.

Dieses Buch ist das Ergebnis meines Ringens mit diesen und ähnlichen Fragen, die mich seit Jahren umtreiben, Fragen zur Selbstannahme, Fragen zur Selbstoptimierung, Fragen zur Diskrepanz zwischen dem, wer ich bin, und dem, als der ich gedacht bin, und wie man die beiden miteinander versöhnen kann.

Ich gestehe, dass es nicht einfach war, dieses Buch zu schreiben, und dabei geht es ja nicht einmal um ein besonders kontroverses Thema. Es war schwer zu schreiben, weil das Thema chaotisch, unschön und schwierig ist.

So wie das Leben eben, wie die Menschheit und wie Sie und ich.

Wenn Sie jemals frustriert waren wegen Ihres Scheiterns und Versagens oder genervt über Ihre Schwächen, dann ist dies ein Buch für Sie. Aber ich warne Sie, ich werde Ihnen nicht fünfzehn Wege aufzeigen, wie Sie sich in nur fünfzehn Minuten täglich optimieren und in Ordnung bringen können. Ich werde Ihnen nicht zehn Regeln zur Perfektion oder sieben Geheimnisse des Erfolgs präsentieren.

Ich möchte etwas tun, das, so hoffe ich zumindest, sehr viel wertvoller ist.

Ich möchte echt und offen sein.

Ich möchte offen und aufrichtig sein in Bezug auf unsere Kämpfe und auch in Bezug auf Sünde. Ich möchte offen und aufrichtig sein in Bezug darauf, wer Gott ist, wer wir sind und wer wir nicht sind, und ebenso in Bezug auf Selbstwertgefühl und Selbsthilfe. Ich möchte offen und ehrlich sein in Bezug darauf, dass wir es anscheinend nicht schaffen, etwas zu beheben und in Ordnung zu bringen … und es ja vielleicht auch gar nicht sollen.

In diesem Buch geht es darum, herauszufinden und sich darauf einzulassen, wer Sie sind angesichts dessen, wer Gott ist. Es ist ein Buch darüber, ins Reine zu kommen mit dem Guten und dem Schlechten und dem Unaussprechlichen in unserem Leben, und darüber, wie wir es lernen können, zuzulassen, dass Gott unser Chaos zu unserem Wohl und zu unserem Besten nutzt.

Dabei soll gar nicht außer Acht gelassen werden, wie komplex unser Leben ist und wie groß die Herausforderungen, vor die es uns stellt. Ganz und gar nicht. Aber es soll darin auch nicht in Selbstmitleid und Niederlage geschwelgt werden.

Es soll in diesem Buch darum gehen, sich in diese Kluft zwischen der Person, die Sie sind, und der, von der Sie spüren, dass Gott Sie so gedacht hat, zu werfen und dort mit Gott in Kontakt zu treten. Es soll darum gehen, den Träumen und Sehnsüchten nachzugehen, die Gott in Sie hineingelegt hat, auch wenn es sich anfühlt, als wären tausend Dämonen losgeschickt worden, um diese Träume und Sehnsüchte wieder zu verscheuchen.

Während ich mich mit meinen eigenen Fragen zu diesen Themen auseinandergesetzt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich mich verändere. Ich habe ein paar Dinge über Schwäche erfahren, die ich zuvor nie begriffen hatte, und ich sehe sowohl Gott als auch mich selbst jetzt anders. Dadurch verändert sich wiederum, wie ich mit meinen Kindern umgehe, wie ich Pastor bin und wie ich Gott und das Leben betrachte, und diese Veränderungen gefallen mir sehr.

Hier also meine Frage … eigentlich sind es mehrere Fragen.

Erstens: Wie lauten Ihre dritten Wörter nach dem „Ich bin …“?

Zweitens (und noch wichtiger): Wie lauten Gottes dritte Wörter für Ihr Leben?

Und drittens (und am wichtigsten): Wie um Himmels willen lebt man in dem Zwiespalt dieser doppelten Realität?

Sie werden es gleich erfahren.

DREI
Es ist kompliziert

Immer wenn Sie sich mit den tiefsten Fragen Ihrer Seele beschäftigen, gibt es nur eine Quelle, bei der es mit Sicherheit Antworten gibt: der Film Shrek.

Die Titelfigur Shrek ist ein Oger. Aber er ist kein durchschnittlicher, abstoßender Unhold, sondern er ist kompliziert, innerlich zerrissen und emotional, und deshalb mögen ihn alle. Mir gefällt, wie Shrek sich selbst seinem Kumpel Esel gegenüber beschreibt, indem er sich mit einer Zwiebel vergleicht.

Shrek: Zwiebeln haben Schichten. Riesen haben Schichten … hast du das kapiert?

Beide haben Schichten.

Daraufhin schweift Esel ab und spricht über Schichten, über Schichttorten und Baumkuchen. Ein paar Szenen später treffen wir Shrek in einer Scheune an. Esel steht draußen und schreit ihn an:

Du bist ja so eingepackt in Schichten, Zwiebelboy, du hast Angst vor deinen eigenen Gefühlen!2

Und genau so geht es doch auch vielen von uns. Wir sind eingepackt in Schichten, haben Angst vor unseren Gefühlen und schließen uns im Klo ein.

Okay, das Letzte vielleicht nicht.

Tatsache ist, dass wir vielschichtige Geschöpfe sind. Unsere Persönlichkeit ist eine komplizierte Mischung aus Gefühlen, Erinnerungen, Gedanken, Zielen, Gewohnheiten, Vorurteilen und Philosophien. Wir haben etwas gegen einfache Beschreibungen oder Definitionen.

Ja, wir haben auf jeden Fall Schichten. Mehr Schichten als alle Oger, Zwiebeln, Schichttorten und Baumkuchen zusammen. Das gehört zum Schönen am Menschsein. Und dazu kommt dann ja noch, dass wir keine statischen Wesen sind. Wir sind kein gefertigtes Produkt, kein abstraktes Gemälde von Jackson Pollock, das analysiert, interpretiert und dann geschätzt wird. Wir verändern uns permanent und erfinden uns immer wieder neu.

Und wenn Sie darauf noch nicht selbst gekommen sind, dann sage ich es Ihnen jetzt: Das ist völlig in Ordnung so.

Freskenfiasko

Es gibt viele Bücher, in denen der Versuch unternommen wird, die Menschheit irgendwie zu klassifizieren und zu kategorisieren. Darin werden unsere Neigungen seziert und unsere Persönlichkeit analysiert, und es wird untersucht, wie wir denken, wie wir leiten und wie wir lieben. Darüber hinaus wird der Versuch unternommen, den unergründlichen Einfluss von ethnischer Herkunft, Kultur, Hintergrund, Erfahrungen, Bildung, Hirnstoffwechsel, Trauma, Alter, Sexualität und vielem mehr zu quantifizieren.

Ich bin dankbar für solche Versuche, denn zumindest auf einer Makroebene geben sie Aufschluss über uns selbst und die Menschen in unserem Umfeld und können eine Hilfe dabei sein, uns in unsere Ehepartner, Kinder, Kollegen und Freunde hineinzuversetzen und sie besser zu verstehen.

Doch von einem bestimmten Punkt an funktionieren diese Versuche alle nicht mehr, weil Menschen einfach zu kompliziert sind, um in irgendein Ordnungsschema zu passen.

Mir persönlich ist das aber auch lieber so. Ich möchte nicht mit einem Etikett versehen und mit Millionen von Menschen in einen Topf geworfen werden – nicht einmal mit einem Dutzend von Menschen, die so sind wie ich. Ich habe Freunde, die mühelos die Ergebnisse ihrer Persönlichkeitstests herunterbeten können, und sie schwören auf diese Tests als Raster, das 90 Prozent allen menschlichen Verhaltens vorhersagen kann. Ich habe so einen Test ebenfalls gemacht, sogar einige davon, aber nicht einmal mit einer geladenen Waffe am Kopf könnte ich Ihnen die Ergebnisse sagen. Irgendwie bleibt so Zeugs bei mir nicht hängen. Und wenn jemand versucht, es mir zu erklären, dann höre ich nur Charlie Browns Lehrerin (bla,bla,bla).

Aber irgendetwas in uns sagt uns ja, dass wir einzigartig sind, etwas Besonderes, Originale. Ich möchte ich sein, genauso, wie Sie Sie sein wollen.

Und dieses nebulöse gewisse Etwas, das uns von allen anderen unterscheidet, kommt von Gott. Es ist seine Art, uns in unsere Bestimmung zu bringen. Er hat uns geschaffen und gestaltet, jeden einzeln. Das beschreibt David in seinem berühmten Psalm 139, in dem es um unsere unterschiedliche Persönlichkeit und unsere Bestimmung geht. Mit diesem Psalm werden wir uns im Laufe des Kapitels noch näher beschäftigen.

Du hast mich mit meinem Innersten geschaffen, im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet.

Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich!

(Verse 13-14, Hoffnung für alle)

Das heißt, Gott hat Sie bewusst und absichtlich so komplex geschaffen. Sie sind absichtlich unendlich vielschichtiger und komplizierter als die fünfte Symphonie von Beethoven.

Auf den folgenden Seiten werden wir uns intensiv mit der Frage beschäftigen, wer wir sind. Wir werden uns anschauen, wie unsere Stärken und Schwächen uns beeinflussen und was sie damit zu tun haben, ob wir uns qualifiziert oder unqualifiziert fühlen, fähig oder unfähig.

Dabei gibt es jedoch eine Gefahr. Wenn wir nicht erkennen, wie viel diese angeborene Vielschichtigkeit wert ist, dann können unsere Versuche, das zu beheben, was wir für eine Schädigung halten, am Ende nach hinten losgehen.

Vor ein paar Jahren machte eine Hobbyrestauratorin in Spanien mit genau so etwas Schlagzeilen. Das wollte sie natürlich eigentlich gar nicht, sondern sie wollte nur helfen.

Sie hieß Cecilia Gimènez,3 war achtzig Jahre alt und Mitglied der Heiligen der Gnaden-Gemeinde in Borja, Spanien.

Anfang des 19. Jahrhunderts hatte ein Künstler aus dem Ort an eine der Kirchenwände ein Fresko gemalt, das Jesus darstellte und unter dem Namen Ecce Homo („sieh da, dieser Mensch“) bekannt war. Das Gemälde war für die Gemeinde und die ganze Stadt von großem ideellem Wert, sah aber mittlerweile ziemlich mitgenommen aus. Die Farbe war ausgeblichen und blätterte ab, und an manchen Stellen war das Fresko gar nicht mehr zu erkennen.

Und da kommt Cecilia ins Spiel. Zitat: „Wir haben gesehen, dass alles kaputtging, und da haben wir es wieder in Ordnung gebracht.“

Allerdings war das nicht wirklich der Fall. Was ihr an Talent und Können fehlte, machte sie wett durch die reine Masse an Farbe, die zum Einsatz kam. Das Ergebnis lässt sich am besten als monströs beschreiben. Das „restaurierte“ Fresko sieht aus wie eine Kreuzung aus Bigfoot und Attila, dem Hunnenkönig. Es ist so schlecht, dass es ein Internet-Hit wurde. Statt Ecce Homo wird es jetzt Ecce Mono („siehe da, dieser Affe“) genannt.

So viel also zum Thema Reparatur bzw. Wiederherstellung.

Aber wir machen es manchmal genauso. Wir wollen in bester Absicht etwas in Ordnung bringen, sorgen dadurch aber manchmal nur dafür, dass es noch schlimmer wird.

Eigentlich wollen wir das gar nicht, genauso wenig, wie die übereifrige, irregeleitete Greisin absichtlich aus dem Fresko ein Fiasko gemacht hat.

Wir schauen uns selbst an und geben eine stark vereinfachte Beurteilung darüber ab, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist, was weg muss und was bleiben darf.

Wir werfen einen flüchtigen Blick in den Spiegel, vergleichen uns mit einer vagen Vorstellung, die wir davon haben, wie wir eigentlich aussehen sollten, und fangen dann an, mit Farbe herumzuklecksen.

Wenn wir allerdings dabei keinen Bezugsrahmen haben, führen unsere Verbesserungsbemühungen zu nichts.

Vergessen Sie nicht, dass Gott unsere Identität nicht bleichen oder mit Sandstrahl reinigen will, sondern Gott ist ein Wiederhersteller, ein Erneuerer, ein Schöpfer und Neu-Schöpfer. Er bringt feine Farbschimmer und intensive Farbtöne zum Vorschein, die unter Schichten von Schmutz und Patina verborgen sind.

Doch das erfordert Zeit, Mühe und Können.

Wir sind ebenso unvergleichlich wie vielschichtig. Wir sind ebenso kostbar wie einzigartig. Es wäre einfach unrealistisch und auch tragisch, unsere Identität stark zu vereinfachen. Bevor wir uns in ein Selbstoptimierungsprogramm stürzen, müssen wir einen etwas genaueren Blick darauf werfen, als wen Gott uns geschaffen hat.

Aber das erfordert Ehrlichkeit, Demut und Sorgfalt. Es bedeutet, ganz genau dem Einen zuzuhören, der uns geschaffen hat.

Nur Gott kennt uns

Nur Gott allein ist in der Lage, das menschliche Herz ganz und gar zu ergründen. Jeremia schreibt:

Nichts ist so undurchschaubar wie das menschliche Herz, es ist unheilbar krank. Wer kann es ergründen? Ich, der Herr, durchschaue es; ich prüfe jeden Menschen ganz genau und gebe ihm, was er für seine Taten verdient. (Jeremia 17,9-10, Hoffnung für alle).

Und Folgendes sagt David darüber, wie gut Gott uns kennt:

Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch.

Ob ich sitze oder stehe – du weißt es, aus der Ferne erkennst du, was ich denke.

Ob ich gehe oder liege – du siehst mich, mein ganzes Leben ist dir vertraut.

Schon bevor ich anfange zu reden, weißt du, was ich sagen will. (Psalm 139,1-2, Hoffnung für alle.)

Gott kennt Sie besser als Sie sich selbst. Er schaut bis in die tiefsten Abgründe Ihrer Seele. Er sieht alle Ihre Geheimnisse, alles, was Sie vor anderen und vielleicht auch vor sich selbst verbergen.

Und jetzt kommt das Beste. Gott weiß alles über Sie – er kennt auch die hässlichen, die kaputten und die gestörten Stellen – und glaubt trotzdem an Sie, hat trotzdem eine Zukunft und Hoffnung für Sie.

Etwas, das meine Frau Holly einmal zu mir gesagt hat, fasst meiner Meinung nach ziemlich gut zusammen, was Gott zu jedem Menschen sagt: „Ich liebe alles an dir, was es über dich zu wissen gibt.“

Ich bin nicht hier, um Sie zu analysieren oder zu kritisieren. Ich habe nicht vor, darüber zu urteilen, wer Sie zurzeit sind oder wer Sie werden sollten.

Das ist Ihre Sache und Ihr Weg.

Meine Hoffnung ist, dass ich Ihnen helfen kann, aus diesem Weg so viel wie möglich herauszuholen. Ich möchte Vorschläge machen, wie Sie ein drittes Wort, das Ihnen anhaftet und Sie ins Schleudern bringt, wieder loswerden können. Ich möchte Ihnen gerne Mut machen, viele der Macken und Schwächen, die Sie verrückt machen, anzunehmen, ja vielleicht sogar dankbar dafür zu sein. Und ich möchte Sie gerne dabei anfeuern, wenn Sie zulassen, dass Gott immer mehr Ihr wahres Ich zum Vorschein bringt.

Wie auch immer es aussehen mag.

Das dritte Wort nach dem „Ich bin …“ hat Einfluss auf jeden Aspekt unseres Lebens, aber die meisten Menschen nehmen sich nie die Zeit, sich von Gott zeigen zu lassen, wer sie sind, ob alles gut so ist oder etwas fehlt.

Wir glauben oft, dass wir wissen, wer wir sein sollen. Wir haben ein Bild der perfekten Version von uns selbst im Kopf, und wir investieren viel Zeit, Mühe und verzweifelte Gebete, um dieses Bild auch nach außen herzustellen und es zu zeigen.

Aber je länger ich auf dem Weg mit Gott unterwegs bin und erlebe, auf wie überraschende Weise er Menschen einsetzt, von denen ich das nie gedacht hätte, desto überzeugter bin ich, dass wir oft ein unvollständiges Bild davon haben, wer wir sein sollen und wie wir gemeint sind.

Bevor wir jetzt irgendeinen gutgemeinten, aber stümperhaften Erneuerungsversuch starten, ist es wichtig, uns von Gott zeigen zu lassen, wer wir sind und wer wir werden können. Vielleicht ist ja manches von dem, was wir für Dreck halten, in Wirklichkeit ein ganz wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit. Vielleicht sind ja manche Bereiche, die wir als Schwäche bezeichnen, verkappte Stärken. Im Moment stören sie uns, aber Gott hat vor, sie zu unserem Besten zu nutzen. Vielleicht sind diese Schwächen ein ganz wesentlicher Teil der Person, als die Gott uns gedacht hat, und sie loszuwerden wäre eine schlimme Entstellung.

Andererseits kann es auch sein, dass Bereiche, die wir gern verbessern würden, gar nicht zu unserer wahren Identität gehören, und wir möchten sie nur verbessern, weil wir auf die fehlgeleiteten Erwartungen anderer hören oder auf unsere eigenen unguten Vergleiche mit anderen. Wir sind frustriert, weil wir keine Fortschritte machen. Aber es ist nun mal nicht möglich, etwas zu vermehren, was Gott uns gar nicht geschenkt hat. Diese Ziele müssen wir aufgeben und uns auf das konzentrieren, was Gott uns mitgegeben und anvertraut hat.

Mit einem Wort

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen dazu neigen, ein, zwei dritte Wörter zu stark hervorzuheben – normalerweise sind es negative. Wir werden durch unsere negativen und pessimistischen „Ich bin …“, unsere düstere Selbstwahrnehmung und unsere zynische Selbstbeschreibung mutlos und verwirrt, und wir kommen vom richtigen Weg ab. An dem, was wir denken, mag ja etwas Wahres dran sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir verallgemeinern und stark vereinfachen, ist groß, und das schadet unserem Gefühl für Sinn. David schreibt in Psalm 139:

Du hast mich gesehen, bevor ich geboren war. Jeder Tag meines Lebens war in deinem Buch geschrieben. Jeder Augenblick stand fest, noch bevor der erste Tag begann.

Wie kostbar sind deine Gedanken über mich, Gott! Es sind unendlich viele.

Wollte ich sie zählen, so sind sie zahlreicher als der Sand! (Verse 16-18, Neues Leben. Die Bibel)

David schreibt, dass die Gedanken, die Gott über uns hat, kostbar sind. Wie tröstlich. Ich bin froh, dass es keine so frustrierenden und ärgerlichen Gedanken sind, wie ich sie manchmal über mich selbst habe. Kostbar ist ein gutes Wort. Aber damit hört David noch nicht auf.

Die Gedanken Gottes sind außerdem unendlich viele. Halten Sie einmal kurz inne, um sich das zu vergegenwärtigen. Der Psalmist sagt es in zwei kleinen Versen auf dreierlei unterschiedliche Weise: Es sind unendlich viele, wollte ich sie zählen (das ist unmöglich), sie sind zahlreicher als der Sand.

Was soll uns das sagen? Es bedeutet, dass Gottes Gedanken genauso vielschichtig sind wie unsere, dass er uns nicht stark vereinfacht, in Kategorien zusammenfasst, uns mit wissenschaftlich klingenden Etiketten versieht und uns dann alphabetisch sortiert archiviert.

Gott kennt uns ganz genau und sehr persönlich. Er sieht unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft, und er hat jeden Moment jeden Tages unseres Lebens vor Augen. Er ist sich unserer Komplexität stärker bewusst als jeder Mensch, einschließlich uns selbst. Er hat uns gestaltet, er freut sich über uns, und er versteht uns.

Wenn also Gott uns nicht in einem einzigen Wort zusammenfasst, wieso meinen wir dann, dass wir das tun sollten?

Trotzdem tun wir es ständig. Wir schauen uns im übertragenen Sinne selbst im Spiegel an, stoßen einen angewiderten Seufzer aus und sagen Dinge wie:

Ich bin ein Versager.

Ich bin Alkoholiker.

Ich bin dumm.

Ich bin ein hoffnungsloser Fall.

Wirklich? Wir fassen mit einem Satz, mit einem Wort unsere gesamte Identität, Existenz und unser Potenzial zusammen? Mit so einer Oberflächlichkeit negieren wir unsere Berufung und verpassen uns selbst den Stempel unqualifiziert?

Das ist doch absurd. Niemand ist so einfach gestrickt. Wir sind doch lebendige, dynamische Wesen, die sich ständig verändern und entwickeln. Unsere Existenz hat mehr Dimensionen, als die meisten komplizierten Theorien über Wurmlöcher und Paralleluniversen jemals aufstellen könnten. Gott selbst lehnt es ab, uns auf ein eindimensionales, flaches Bild zu reduzieren. Er fasst uns nicht mit einem Begriff zusammen, also warum tun wir es dann?

Ich will damit gar nicht sagen, dass wir aufhören sollen, dritte Wörter zu benutzen, denn sie gehören zum Leben dazu, und sie können auch ungeheuer befreiend sein – wenn wir sie richtig verstehen.

Damit will ich sagen, dass wir es vermeiden müssen, uns selbst mit Etiketten zu versehen, die zu allgemein sind, zu stark vereinfachend und zu kurzsichtig.

Wir müssen uns unsere Vielschichtigkeit zugestehen und die Tatsache akzeptieren, dass unsere Persönlichkeit etwas Schönes, Zartes und Kompliziertes ist. Sie ist ein Kunstwerk, in das Gott viel investiert hat. Ob sie etwas mitgenommen aussieht? Wahrscheinlich. Ob sie Erneuerung braucht? Ja, klar. Aber der Wiederhersteller und Erneuerer ist Gott selbst, und er wird sich die Zeit nehmen, seinen Job richtig zu machen.

Schicht für Schicht

Stellen Sie sich also die Frage: „Wer bin ich?“

Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit, um darüber nachzudenken, holen Sie sich einen Zettel, und sammeln Sie alle Beschreibungen, die Ihnen einfallen.

Es könnte sein, dass Sie überrascht sind über die Vielschichtigkeit Ihrer Antworten.

Im Folgenden einige Rubriken als Impuls, mit jeweils ein paar Beispielen. Ich führe hier ziemlich viele negative dritte Wörter als Beispiele an, aber nicht etwa, weil ich das Sprachrohr Edgar Allan Poes oder I-Aahs bin, des Esels aus Winnie-Puh, sondern weil das die Beispiele sind, die am lautesten zu uns reden und uns am meisten beeinflussen. Außerdem ist der Gedanke hier nicht, aufzuzählen, wie Sie gerne wären und wozu Sie vielleicht sogar das Potenzial hätten, sondern so genau wie möglich zu beschreiben, was Sie sehen, wenn Sie sich in diesem Moment anschauen.

Sie haben für jede der aufgeführten Rubriken dritte Wörter für sich selbst, ob Sie sie schon laut ausgesprochen haben oder nicht, denn Ihre Identität ist vielschichtig.

Mein Vorschlag wäre jetzt, sich die Rubriken einmal anzuschauen und unter jeder mindestens einen Begriff zu notieren. Bei manchen Rubriken sind es sicher auch mehr als einer. Schreiben Sie die Begriffe auf, die Sie genauer beschreiben oder die regelmäßig in Ihrem Inneren anklingen. Das muss keine erschöpfende Liste sein, aber ich möchte, dass Sie erkennen, wie allgegenwärtig und wie wichtig Ihre „Ich bin …“-Aussagen sind.

Persönlichkeit

Ich bin schüchtern. Ich bin laut. Ich bin jemand, der allen gefallen möchte. Ich bin getrieben …

Charakter

Ich bin ehrlich. Ich bin faul. Ich bin gemein. Ich bin aufrichtig. Ich bin egoistisch …

Zustand/Umstände

Ich bin erschöpft. Ich bin geheilt. Ich bin gesegnet. Ich bin pleite …

Fähigkeiten

Ich bin dumm. Ich bin musikalisch. Ich bin sportlich. Ich bin schwach …

Gefühle

Ich habe Angst. Ich bin hin- und hergerissen. Ich bin überfordert. Ich bin verletzt …

Körperliche Merkmale

Ich bin langsam. Ich bin männlich. Ich bin groß. Ich bin nicht in Form …

Bildung

Ich bin Schulabbrecher. Ich bin Einserschüler. Ich bin Akademiker …

Familienstand

Ich bin Single. Ich habe ein Kind/Kinder. Ich bin geschieden. Ich bin verwitwet …

Ethnische Zugehörigkeit

Ich bin Amerikanerin. Ich bin weiß. Ich bin Hispanic. Ich bin vom Lande. Ich bin ein Stadtmensch …

Sexualität

Ich bin heterosexuell. Ich bin schwul. Ich bin lesbisch. Ich bin bisexuell. Ich bin unsicher …

Tätigkeit

Ich bin Ingenieurin. Ich bin Hausfrau/Hausmann. Ich bin arbeitslos. Ich bin Unternehmer …

Geistliches Leben/Spiritualität

Ich bin katholisch. Ich bin Atheist. Ich bin Agnostiker. Ich bin Christ …

Verstehen Sie, was ich meine? Sie sind ein „Zwiebelmensch“ mit vielen Schichten, und das ist etwas Gutes, das man feiern kann. Aber es ist auch etwas, das man verstehen muss, weil dritte Wörter in aller Regel Gepäck mitbringen. Sie haben emotionale und psychische Implikationen, die in unserem gesamten Leben mitschwingen.

Dafür ein paar Beispiele: Schauen Sie sich nur einmal zwei der eher auf Äußerliches ausgerichteten Rubriken an, und zwar „ethnische Zugehörigkeit“ und „Tätigkeit“. Beide sind leicht zu erkennen und zu benennen, selbst wenn man ein Leben nur von außen betrachtet, und außerdem sind beide neutral, d.h., keine ist an sich schon positiv oder negativ besetzt.

Und jetzt fragen Sie sich doch einmal, was wäre, wenn die Wörter, die Sie hier für sich eingesetzt haben, andere wären? Wie würde sich das auf Ihr Denken, Handeln und auf Ihr Selbstbild auswirken?

Ich bin beispielsweise Amerikaner. Wie sähe wohl mein Leben aus, wenn ich in einem anderen Land geboren worden wäre? Ich möchte hier noch einmal betonen, dass es ja gar nicht unbedingt besser oder schlechter sein müsste, aber es wäre eben völlig anders, sodass ich es mir nicht einmal vorstellen kann. Es hätte grundlegende Auswirkungen in Bezug auf Sprache, Gewohnheiten, Sitten, geografische Gegebenheiten und meine Verachtung für Fußball. Meine Identität ist tief in meiner ethnischen Zugehörigkeit verwurzelt.

Das Gleiche gilt für meine Tätigkeit. Ich bin Pastor und Autor. Das macht mein Leben bunt und kompliziert auf eine Weise, über die ich eigentlich gar nicht bewusst nachdenke. Wie würde mein Leben wohl aussehen, wenn ich Klempner wäre? Das wäre zwar höchst unwahrscheinlich, weil ich kein geborener Heimwerker bin (um es einmal freundlich auszudrücken) und auch nach 13 Ehejahren immer noch keinen Werkzeugkasten besitze, doch nur um der Veranschaulichung willen: Wenn ich durch eine kleine Panne im Universum Klempner statt Pastor geworden wäre, dann wäre alles anders. Angefangen bei den Menschen, mit denen ich meine Zeit verbringe, über die Art, wie ich mich kleide, bis hin zu der Frage, wie oft ich mich in Baumärkten aufhalte.

Und dabei ist zu bedenken, dass die dritten Wörter im Zusammenhang mit ethnischer Zugehörigkeit und Tätigkeit relativ simple dritte Wörter sind.

Wie sieht es da bei den übrigen Rubriken aus? Was ist mit den Aspekten, die sich eher auf unser Inneres beziehen? Was ist mit Ihrer emotionalen oder geistlichen Identität? Was ist mit Wesenszügen und Persönlichkeitsmerkmalen?

Welche Auswirkungen hätte es, introvertiert bzw. extrovertiert zu sein? Was wäre, wenn ich bitter, unsicher oder verletzt wäre? Was, wenn ich frei oder selbstsicher oder vollmächtig wäre?

Und was ist zuerst da – das Etikett oder der Lebensstil? Die Henne oder das Ei? Folgt das Verhalten nicht den Gegebenheiten?

Noch einmal: Das Ziel ist hier nicht, uns selbst zu psychoanalysieren oder jede einzelne Schicht unserer Identität zu sezieren, sondern ich möchte, dass Sie erkennen, wie tiefgreifend und bedeutsam Ihre „Ich bin …“-Aussagen – Ihr drittes Wort – in Ihrem Leben sind und wie sehr sie dazugehören.

Manche Ihrer dritten Wörter sind natürlich zutreffend, andere aber auch nicht. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist, sich mit diesen dritten Wörtern zu befassen und mit unseren Stärken und Schwächen richtig umzugehen. Ihre dritten Wörter dirigieren nämlich wohl oder übel Ihr Leben. Sie können zwar weitgehend die Kontrolle über diese Wörter haben, aber dazu müssen Sie sie erst einmal identifizieren.

Das ist gar nicht so einfach, aber auch nicht unmöglich. Ihr wahres Selbst ist kein unentschlüsselbares Mysterium. Wir haben ja bereits festgestellt, dass Gott uns durch und durch kennt, und ich glaube, er möchte uns auch helfen, uns selbst genauso gut zu kennen.

Mit genau dieser Aussage endet Psalm 139:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz,

prüfe mich und erkenne meine Gedanken.

Zeige mir, wenn ich auf falschen Wegen gehe,

und führe mich den Weg zum ewigen Leben.

(Verse 23-24, Neues Leben Bibel)

David bittet Gott, ihn zu erkennen, ihn zu erforschen und ihn zu führen.

Und genau diese Haltung sollen auch wir einnehmen.

Geben Sie zu, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben. Begreifen Sie und erkennen Sie an, dass Gott alle Antworten hat, und lassen Sie sich auf diesen Prozess ein.

Ja, wir sind kompliziert, und wir werden wohl nie jeden Faden, Knoten und jedes Gewirr unserer Existenz im Gewebe unserer Identität verstehen. Aber je mehr wir Gott kennenlernen, desto besser lernen wir uns auch selbst kennen und – so glaube ich wenigstens – desto mehr Freude haben wir auch an uns selbst.

Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass dieser Weg, auf dem Sie sich selbst entdecken, leicht wird. Vielleicht kommen dabei ein paar Schmuddelecken oder sogar Leichen im Keller zum Vorschein. Aber wenn Sie lernen, Ihr wahres Ich und seinen Wert zu erkennen, dann werden Sie Frieden und Freiheit erleben wie nie zuvor.

Wer sind Sie also wirklich?

VIER
Sich selbst treu bleiben

Ich liebe Musik. Das war schon immer so. Und ich glaube, ich habe auch schon immer gern vor vielen Menschen auf einer Bühne gestanden. Ein guter Persönlichkeitstest könnte wahrscheinlich aufdecken, welche Gründe das hat.

Es war deshalb also irgendwie eine ganz natürliche Entwicklung, dass ich als Teenager eine Band gründete, natürlich mit einer herrlichen Vision von Ruhm und Größe. Wir würden Hits schreiben, Grammys verliehen bekommen, uns mehr aufblasen als Pearl Jam und die Welt beherrschen.

Wir haben zwar nie die Weltherrschaft erlangt, aber immerhin den zweiten Platz beim Moncks Corner Fourth of July Festival Battle of Bands erreicht. Nimm das, Eddie Vetter!

Einmal nach einem besonders begeisterten Auftritt bei uns zu Hause im Garten, fragte ich meine Mutter, wie es ihr gefallen hätte. Sie sagte, es sei gut gewesen, klang dabei aber zu sehr wie eine Mutter und nicht genügend wie ein Fan. Ich wusste deshalb, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Also hakte ich nach und fand heraus, was ihr nicht gefallen hatte, als sie mir eine einfache Frage stellte: „Wann hören wir denn dich mal singen?“

Ich war der Lead-Sänger, also konnte sie damit nicht meinen, dass ihr Sohn stärker im Rampenlicht stehen sollte, sondern ihre Bemerkung zielte darauf ab, dass ich als Sänger einer Cover-Band jeden Star von Darius Racker über Billie Armstrong und Van Morrison bis hin zu Jimi Hendrix coverte. Das allerdings gar nicht so schlecht, wie ich anmerken möchte.

Sie wollte jetzt aber wissen, wann sie denn einmal mich, ihren Sohn Steven, zu hören bekäme.

Ein bisschen so kann auch unser Leben sein. Wir können so viel Zeit und Kraft darauf verwenden, so zu sein wie andere Leute, dass die Welt unser wahres Ich gar nicht zu sehen bekommt. Und was noch viel schlimmer ist, dass nicht einmal wir selbst es zu sehen bekommen.

Was würde wohl passieren, wenn wir nur halb so intensiv daran arbeiten würden, zu entdecken, wer wir eigentlich selbst sind, wie an dem Versuch, jemand anders zu sein? Wie viele Menschen leben mit verborgenen Talenten und ungenutzten Chancen, weil sie unbedingt jemand sein möchten, der/die sie nicht sind, und so nie entdecken, wer sie wirklich sind.

Vielleicht kennen Sie ja das Gleichnis von den verborgenen Talenten, das Jesus erzählt (Matthäus 25). Ein Talent war übrigens in der jüdischen Welt eine Gewichtseinheit, die einem Gewicht von knapp 35 Kilogramm entspricht. In dem Gleichnis symbolisiert das Talent all die Ressourcen, die wir von Gott geschenkt bekommen – Zeit, Geld, Kraft, Fähigkeiten und, ja, auch Talente.

In dem Gleichnis geht ein reicher Geschäftsmann auf eine lange Reise und vertraut während seiner Abwesenheit sein Anwesen mehreren Angestellten an. Er gibt einem von ihnen fünf Talente Gold und Silber – stellen Sie sich einmal fünf Jutesäcke voller Goldbarren oder Münzen vor – , einem zweiten zwei Talente und einem dritten ein Talent.

Die Angestellten, die die fünf Talente bzw. zwei Talente bekommen haben, arbeiten schwer, investieren das, was sie bekommen, und verdoppeln dadurch den ursprünglichen Betrag. Der dritte Angestellte entscheidet sich für die „Sicherheitsvariante“, indem er ein Loch gräbt und sein Talent verbuddelt.

Als der Chef wieder zurückkommt, ist er ebenso beeindruckt von dem, was die ersten beiden Angestellten erwirtschaftet haben, wie bestürzt über das Verhalten des dritten.

Als er den dritten Angestellten fragt, warum er denn das Geld vergraben hat, ist die Antwort des Mannes ziemlich simpel: „Ich hatte Angst“ (Vers 25).

Manchmal machen wir es auch so. Aus Angst verbergen wir die Person, die wir wirklich sind, und das, was sie an Eigenschaften und Gaben mitbekommen hat. Wir verbergen unsere wahre Identität, weil wir Angst haben, die Erwartungen, die an uns gestellt werden, nicht zu erfüllen. Wir haben Angst, nicht gut genug zu sein, wenn wir unser wahres Ich zeigen. Wir bringen doch nur alles durcheinander. Wir werden nicht genügen.

Aber letztlich ist das die Weigerung, die Gaben, die uns Gott geschenkt hat, einzusetzen. Wir weigern uns, die Menschen zu sein, als die uns Gott gedacht hat. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gratulieren wir uns dann auch noch selbst dafür, dass wir so verantwortungsvoll, bescheiden und weise sind.

Doch ganz tief in unserem Innern ist einfach nur Angst.

Das hat übrigens nichts mit Persönlichkeit zu tun. Ich sage nicht, dass Sie extrovertierter sein oder sich eine Harley kaufen sollen, sondern ich will damit sagen, dass Sie sich selbst wertschätzen, sich selbst etwas wert sein und sich in die Welt um Sie her investieren sollen.

Wir warten alle darauf, Sie singen zu hören. Klar werden Sie hin und wieder Chaos produzieren, aber genau wie beim Karaoke gehören ein falscher Ton oder ein verpfuschter Text hin und wieder mit zum Besten daran.

Ich frage Sie also noch einmal: Wer sind Sie? Und wann werden wir Ihr wahres Ich zu sehen und zu hören bekommen?

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22 aralık 2023
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