Kitabı oku: «Arthritis heilen»
Dr. Susan Blum mit Michele Bender
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Healing Arthritis: Your 3-Step Guide to Conquering Arthritis Naturally
Copyright © 2017 by Susan Blum
ISBN 978-1-5011-5646-5
First published in the United States by Scribner,
A Division of Simon & Schuster, Inc, New York
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt; alle Angaben beziehen sich selbstverständlich auf Angehörige beider Geschlechter.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
VAK Verlags GmbH
Eschbachstraße 5
79199 Kirchzarten
Deutschland
www.vakverlag.de
© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2018
Übersetzung: Imke Brodersen
Lektorat: Nadine Britsch
Layout: Karl-Heinz Mundinger
Umschlag: X-Design, München
Satz & Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
Printed in Germany
E-Book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN: 978-3-86731-205-9 (Printausgabe)
ISBN: 978-3-95484-375-6 (ePub)
ISBN: 978-3-95484-376-3 (kindle)
ISBN: 978-3-95484-377-0 (PDF)
Für all meine wunderbaren Patientinnen und Patienten,
die mir geholfen haben,
dieses Konzept zu erarbeiten.
Und für alle Leserinnen und Leser,
die nun davon profitieren können.
Hinweise des Verlags
Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge. Wer sie anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autorin und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Ziel des Buches ist es, ernährungsphysiologisch bedeutsame Informationen zu beleuchten sowie Vorschläge zur ernährungsbedingten Unterstützung sowie zur Erhaltung der Gesundheit anzubieten. Die vorgestellten Vorgehensweisen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Teil 1: Welche Arthritis haben Sie?
Kapitel 1: Rheumatoide Arthritis
Kapitel 2: Spondyloarthritis
Kapitel 3: Arthrose
Kapitel 4: Weitere arthritische Krankheitsbilder
Teil 2: Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke
Kapitel 5: Die Verbindung zwischen Darm und Gelenken
Kapitel 6: Den Darm heilen
Teil 3: Den Boden bestellen
Kapitel 7: Ernährung und Entzündungsbereitschaft
Kapitel 8: Stress und Trauma als Entzündungsfaktoren
Teil 4: Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung
Kapitel 9: Meine Geschichte: Wie alle Elemente zusammenfanden
Kapitel 10: Das Drei-Stufen-Konzept gegen Arthritis
Kapitel 11: Rezepte
Schlusswort
Danksagung
Anhang
Anmerkungen und Quellen
Stichwortverzeichnis
Über die Autorin
VORWORT
Warum ist die Darmgesundheit so entscheidend?
In Bezug auf gesundheitliche Fragen steht der Darm im 21. Jahrhundert im Mittelpunkt des Interesses. Ein Übermaß an unerwünschten Bakterien und sonstigen Mikroorganismen im Darm wird inzwischen mit zahlreichen medizinischen Diagnosen in Verbindung gebracht, darunter Autismus, Adipositas, Diabetes, Allergien, Arthritis, Autoimmunerkrankungen, Depressionen sowie bestimmte Krebsformen, Herzprobleme, Fibromyalgie, Ekzeme und Asthma. Fast täglich werden neue Zusammenhänge zwischen chronischen Erkrankungen und einem entgleisten Mikrobiom (auch als Darmflora bezeichnet) bekannt, und die diversen Formen der entzündlich bedingten Gelenkveränderungen sind hier keine Ausnahme.
Die westliche Medizin hat bei der Behandlung akuter Erkrankungen große Fortschritte erzielt, besonders wenn diese durch Verabreichung eines passenden Medikaments heilbar sind. Doch bei chronischen Erkrankungen, die auf Faktoren der Lebensweise beruhen, zum Beispiel Ernährung oder Stress, versagen wir kläglich. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der französische Mikrobiologe und Chemiker Louis Pasteur (bekannt durch den nach ihm benannten Pasteurisierungsprozess) die Mikroorganismen, die Infektionen hervorrufen. Rund 75 Jahre später entwickelte der schottische Biologe Alexander Fleming Antibiotika dagegen. Dieser schlichte Ursache-Wirkung-Ansatz – ein Erreger, eine Krankheit, ein Gegenmittel – mag für Infektionen zutreffen, hilft bei chronischen Erkrankungen jedoch nicht weiter.
Wir suchen nach wie vor vergeblich nach Heilmitteln gegen chronische Erkrankungen einschließlich kardiovaskulärer Krankheiten, Immunkrankheiten und Demenz. Die Medizingeschichte wurde zur Suche nach dem Heiligen Gral: gegen jede Krankheit eine Pille. Dieser gescheiterte Ansatz wird weiterhin scheitern, weil chronische Erkrankungen aus dem komplexen Zusammenspiel von Erbanlage, Lebensweise und Umwelt erwachsen. Ein Wundermittel gibt es nicht. Erforderlich ist eine ausgewogene und dauerhafte Lebensstiländerung.
Viele Wissenschaftler bezeichnen den Darm mittlerweile als unser „zweites Gehirn“. Hierzu gibt es ganz hervorragende Veröffentlichungen wie Der gute Darm von Justin und Erica Sonnenburg, Scheißschlau von David Perlmutter, Das Mikrobiom – Heilung für den Darm von Robynne Chutkan und The Gut Balance Revolution von Gerard E. Mullin. Der Darm spielt für die Gesundheit insgesamt eine entscheidende Rolle und steht mit allem in Verbindung, was im Körper geschieht. Deshalb beginne ich wie Dr. Blum und ganz ähnlich wie in ihrem Behandlungsansatz, den sie in diesem Buch darstellt, bei Patienten mit chronischen Gesundheitsproblemen praktisch immer mit einer Darmbehandlung.
Wie wichtig ein gesunder Darm ist, versteht man eigentlich erst, wenn man sich klar macht, dass der Darm viele Billionen Bakterien enthält – mehr als ein Kilo und rund 1 000 verschiedene Arten. Unser Körper besitzt etwa 22 000 menschliche Gene und dazu zwei Millionen (oder mehr) Bakteriengene.
Alles in allem ist der Darm eine gewaltige Chemiefabrik, die an der Verdauung unserer Nahrung beteiligt ist, aber auch Vitamine erzeugt, Hormone reguliert, Giftstoffe ausscheidet, heilsame Substanzen produziert und vieles mehr. Ein gesunder Darm müsste definitionsgemäß für optimale Verdauung, Nährstoffaufnahme und Verwertung der Nahrung sorgen. Diese umfassende Aufgabe wird jedoch von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Die Mikroorganismen im Darm bilden ein artenreiches Ökosystem mit wechselseitigen Abhängigkeiten wie in einem Regenwald. Damit wir gesund bleiben, muss das passende Gleichgewicht herrschen. Zu viel von der falschen Art (ob Parasiten, Hefepilze oder unerwünschte Bakterien) oder zu wenig von den erwünschten Arten (Lactobacillus oder Bifidobacteria) können der Gesundheit großen Schaden zufügen.
Dr. Susan Blums bahnbrechendes Werk ist eine hervorragende Anleitung zur Selbstheilung, mit deren Hilfe man Krankheitsursachen angehen und Entzündungen eindämmen kann, damit die Gelenkschmerzen heilen. Sie präsentiert Millionen Menschen, die unnötigerweise unter Arthritis leiden, einen klaren Fahrplan zur Gesundung und stellt Lösungen zur Sanierung des Darms sowie eine Ernährungsumstellung, Ergänzungsmittel und Lebensstiländerungen vor, um diese Probleme zu bewältigen oder gar rückgängig zu machen. Dr. Blums Antrieb, diese Ansätze zu entwickeln, stammt aus ihrem persönlichen Kampf gegen ihre Arthritis, die sie mithilfe des hier dargestellten Programms erfolgreich behandeln und heilen konnte.
Das optimale Gleichgewicht im Darm beruht auf einer ballaststoffreichen Ernährung mit gesunden Proteinen und Fetten. Gute Fette und Öle wie Omega-3-Fettsäuren und einfach ungesättigte Fettsäuren zum Beispiel aus kalt gepresstem Olivenöl (extra vergine) oder Mandeln stärken eine gesunde Darmflora, wohingegen entzündungsfördernde Fette wie Omega-6-Fettsäuren aus pflanzlichen Ölen eine ungünstige Keimbesiedelung fördern, die dick und krank macht. Auch Schlafmangel fördert ein unausgewogenes Mikrobiom. Sieben bis acht Stunden ungestörter Schlaf gelten als erstrebenswert. Da unsere Mitbewohner im Darm tatsächlich auf unsere geistige und psychische Verfassung reagieren, ist es zudem wichtig, jeden Tag bewusst für Entspannung und Stressabbau zu sorgen. In diesem Buch finden Sie ein leicht umsetzbares Ernährungskonzept und Anregungen für Entspannungsmethoden. Falls Sie unter Arthritis oder einer hohen Entzündungsbereitschaft leiden und einen Behandlungsansatz suchen, der das Problem bei der Wurzel packt, anstatt es nur medikamentös anzugehen, werden Sie hier fündig.
Mark Hyman, M.D.,
Medical Director am Cleveland Clinic’s Center
for Functional Medicine,
Gründer des UltraWellness Centers und
New York Times-Bestsellerautor
Einleitung
Die Statistik ist ernüchternd: In den Vereinigten Staaten ist etwa jeder Vierte von Arthritis oder Arthrose betroffen. Schätzungen gehen von mehr als 54 Millionen Erwachsenen aus, also über 22 Prozent der US-Bürger. Das ist jedoch nur ein Teil der Betroffenen. Hochrechnungen zufolge müssen wir bis zum Jahr 2030 weltweit mit 580 Millionen Betroffenen ab 18 Jahren rechnen. (Ich weiß, das ist schwer zu glauben, weil „Arthritis“ nach wie vor oft als Alterskrankheit gilt.) Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Bei Arthritis kommt es für gewöhnlich zu so starken Gelenkschmerzen und Entzündungen, dass fast die Hälfte der diagnostizierten Patienten deshalb körperliche Einschränkungen angibt. Bedauerlicherweise betrifft dies auch die körperliche Leistungsfähigkeit, wodurch das Risiko für weitere Gesundheitsrisiken wie Diabetes, Adipositas und Herzkrankheit ansteigt.
Solche Zahlen sind natürlich erschreckend, doch wenn Sie selbst mit Arthritis leben, wird die Statistik nebensächlich. Dann tritt die persönliche Lebensqualität in den Vordergrund. Als Ärztin arbeite ich seit fast 20 Jahren auf der Basis der funktionellen Medizin, wo ich inzwischen als Expertin gelte. Ich habe viele Hundert Menschen mit schwerer Arthritis gesehen, bei denen chronische Schmerzen mit Schwellungen an einem oder mehreren Gelenken gepaart waren. Schon in meiner eigenen Praxis kam dies häufig vor, und seit ich das Blum Center for Health in Rye Brook, New York, gegründet habe, sehe ich noch mehr solcher Patienten.
Aufgrund meiner Erfahrung aus der tausendfachen Behandlung von Patienten mit entzündlich bedingten Erkrankungen – einschließlich Arthritis in diversen Erscheinungsformen – bin ich davon überzeugt, dass die funktionelle Medizin diese potenziell verkrüppelnden Gelenkprobleme besser heilen kann als die Schulmedizin. Funktionelle Medizin ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz, der nicht nur die Symptome betrachtet, sondern den ganzen Menschen einbezieht. Ich betrachte die funktionelle Medizin als Spezialgebiet in der Fachrichtung der integrativen Medizin, die komplementäre und alternative Heilverfahren in das individuelle Behandlungsschema einbezieht. Hierzu zählen beispielsweise auch Akupunktur, Homöopathie, Psychosomatik oder Craniosacral-Therapie. In meinen Augen gleicht ein guter funktioneller Arzt einem medizinischen Detektiv, der alle Hinweise aus der Vergangenheit (wo jemand aufgewachsen ist, Familiensituation, traumatische Ereignisse, Vorerkrankungen und so weiter) und der Gegenwart (Umwelt, soziale Faktoren, Stress, Beziehungen, Ernährung – nicht nur, was Sie essen, sondern auch die Qualität –, körperliche Aktivität, Schlaf, die Symptome und andere wichtige Faktoren) ermittelt. Anhand dieser Informationen wird dann überlegt, inwiefern und aus welchem Grund der Körper nicht gut funktioniert (daher der Begriff „funktionelle“ Medizin). Krankheit wird somit anders betrachtet und auch anders angegangen als in der klinischen Medizin.
Umgekehrt konzentriert sich die konventionelle Medizin üblicherweise auf die Symptome einer Arthritis und setzt auf starke Schmerzmittel und Immunsuppressiva, um diese Symptome zu bekämpfen. Solche Medikamente können die persönlichen Beschwerden tatsächlich vorübergehend eindämmen. Bei starken Schmerzepisoden sind sie ebenso hilfreich wie notwendig. Die Grunderkrankung wird damit jedoch nicht angegangen. Am liebsten erkläre ich diese Zusammenhänge über eine Analogie von Sidney Baker, einem bekannten Präventionsmediziner, der gern als Vater der funktionellen Medizin bezeichnet wird. Er sagte: „Wenn Sie auf einem Reißnagel sitzen, brauchen Sie kein Schmerzmittel. Sie brauchen jemanden, der den Reißnagel findet und entfernt.“
In Bezug auf Arthritis müssen wir also den jeweiligen „Reißnagel“ finden, der für die schmerzhaften, einschränkenden Symptome verantwortlich ist, und ihn entfernen. In diesem Buch lernen Sie, welche Ursachen in Frage kommen und wie man sie angeht.
Ein weiterer Nachteil an Medikamenten ist, dass sie den Magen-Darm-Trakt schädigen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein langer innerer Schlauch, der vom Mund zum Magen verläuft und anschließend in Dünn- und Dickdarm mündet. Seine Oberfläche ist so groß wie ein Tennisplatz. Da in diesem Bereich 70 Prozent unseres Immunsystems angesiedelt sind, kann jede Schädigung die Gesundheit erheblich beeinträchtigen und so zum Beispiel eine Arthritis verschlimmern, die Entzündungsbereitschaft erhöhen und Autoimmunerkrankungen auslösen. Der Magen-Darm-Trakt ist ein gutes Beispiel für solch einen „Reißnagel“, der behandelt werden muss, damit eine Arthritis besser wird.
2013 erschien mein erstes Buch, Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln (2014 auf Deutsch bei VAK erschienen). Danach bin ich wiederholt in der Dr. Oz Show und anderen Sendungen im US-Fernsehen aufgetreten, um zu erläutern, wie ich entzündliche Erkrankungen behandele. Daraufhin suchten immer mehr Patienten mit derartigen Erkrankungen meinen ärztlichen Rat. Erstaunlicherweise hatte die breite Mehrheit darunter Arthritis! Viele hatten rheumatoide Arthritis (RA), etliche Psoriasisarthritis (PsA), andere kämpften mit verschiedenen Autoimmunkrankheiten wie Lupus erythematodes (Kurzform: Lupus) oder dem Sjögren-Syndrom, das mit entzündlichen Gelenkveränderungen einhergeht. Hinzu kamen Patienten mit Gelenkschmerzen und -schwellungen, bei denen keine dieser Erkrankungen eindeutig diagnostiziert werden konnte, sowie viele mit Arthrose (OA, von englisch: Osteoarthritis), deren Schmerzen auf Entzündungsprozesse zurückzuführen waren.
Als ich mit diesen Patienten intensiv an ihrer Gesundung und einer verbesserten Lebensqualität arbeitete, schälte sich für die Arthritispatienten ein eigenständiger Behandlungsansatz heraus, bei dem es in erster Linie um die Gelenke und – aufgrund neuester Forschungsergebnisse – die Darmsanierung ging. Zudem erkannte ich, dass Menschen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen ein Konzept benötigen, dass dauerhafte Heilung und Gesundheit verspricht und sie dabei unterstützt, das Begonnene zu Ende zu führen. Seit meinem ersten Buch haben neue Untersuchungen bestätigt, was die funktionelle Medizin ihren Patienten seit Jahren anbietet: Arthritis und Entzündungsprozesse gehen vom Darm aus und müssen dort behandelt werden. Parallel dazu erwarb ich in diesem Zeitraum kostbares Wissen, wie man Rückfälle verhindern kann. Auch wenn ich Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln nach wie vor als Goldstandard für die Behandlung von Autoimmun- und entzündlich bedingten Erkrankungen betrachte, habe ich ein spezielles, innovatives Behandlungskonzept für Arthritis entwickelt, das ich in diesem Buch vorstelle. Ich weiß, dass dieses Programm hilft, denn ich habe es bei allen betroffenen Patienten in meiner Praxis eingesetzt. Ich weiß es aber auch, weil ich damit meine eigene Arthritis geheilt habe.
In meinem letzten Buch habe ich berichtet, wie ich meine Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunstörung der Schilddrüse, erfolgreich behandeln konnte. Dadurch verschwanden dank des funktionellen Ansatzes auch meine Probleme mit einer hohen Quecksilberbelastung sowie die Blähungen und die Verstopfung, die mir seit meiner Kindheit zu schaffen machten. Dieser Weg zur Heilung hatte entscheidenden Anteil an der Entstehung des Behandlungsansatzes, den ich in Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln näher erläutert habe. Dank passender Ernährung, Sport und Stressbewältigungsmethoden bin ich seit fünf Jahren gesundheitlich stabil. Mein Leben ist ausgewogen. Ich fühle mich im Gleichgewicht. Doch wie John Lennon schon in Beautiful Boy sang: „Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest.“ Und somit präsentierte mir das Leben nicht nur einen, sondern gleich zwei erschütternde Ereignisse.
Zuerst hatte mein 19-jähriger Sohn einen schlimmen Skateboard-Unfall, bei dem er ein massives Schädel-Hirn-Trauma erlitt. In der Klinik lange Nächte voller Panik an seinem Bett zu wachen, zählt zu meinen schlimmsten Lebenserfahrungen. Es folgten angsterfüllte Wochen, Monate und Jahre, in denen er um einen voll funktionierenden Körper rang. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade mein Blum Center for Health eröffnet, wo meine Patienten unter demselben Dach nicht nur nach aktuellsten Erkenntnissen der funktionellen Medizin behandelt werden konnten, sondern auch die erforderlichen Lebensstilveränderungen für ihre Genesung lernen sollten. Wir hatten ein Komplettangebot von der Kochschule bis hin zu Angeboten für Körper, Geist und Seele entwickelt. Obendrein schrieb ich gleichzeitig an meinem ersten Buch. Die Eröffnung des Gesundheitszentrums und die Arbeit als Autorin beflügelten mich, doch beides waren umfangreiche Projekte, und am Ende ist auch positiver Stress eben doch nur Stress.
Ich war derart ausgelastet, dass ich nicht mehr regelmäßig meditierte, obwohl mir das seit Jahren gutgetan hatte. Bald achtete ich auch weniger konsequent auf meine Ernährung, aß kleine Mengen Milcherzeugnisse und glutenhaltige Speisen und trank mehr Alkohol und mehr Kaffee. Hinzu kam, dass ich immer seltener Gelegenheit zu Sport, Yoga und langen Spaziergängen in der Natur fand, mit denen ich zuvor regelmäßig für Ausgleich gesorgt hatte. Kurzum: Ich kümmerte mich nicht mehr um mein eigenes Wohl.
Wenn nun der Unfall meines Sohnes das einzige schlimme Ereignis geblieben wäre, wäre ich sicher wieder zur Vernunft gekommen und hätte zu der ausgezeichneten Selbstfürsorge zurückgefunden, die ich so lange schon praktizierte. Dann jedoch erlag mein Vater unerwartet einem schweren Schlaganfall. Der Schock, ihn so plötzlich im Alter von 77 Jahren zu verlieren, sowie der nachfolgende Konflikt zwischen meiner Mutter und einigen Geschwistern waren äußerst schmerzlich. Es folgte ein sehr anstrengendes Jahr. Wie viele andere Frauen wusste auch ich, dass meine Familie mich brauchte. Also riss ich mich zusammen, um allen anderen beizustehen. Ich arbeitete weiter, behandelte Patienten und führte das Blum Center for Health. Ich beherrschte meine Gefühle, tröstete meine Kinder, die ihren geliebten Großvater verloren hatten, und bemühte mich, mit dem Rest der Familie all die Dinge zu klären, die nach dem Tod eines Angehörigen aufkommen.
Nachdem jedoch die akuten Ereignisse bewältigt waren und sich alles wieder beruhigte, zeigten sich die Nachwehen dieser Belastung. Die Symptome enthüllten, dass ich auch körperlich gelitten hatte. Meine Verstopfung und die Blähungen kehrten zurück, und mir fiel auf, dass drei meiner Finger zeitweise schmerzten, wenn ich sie krümmte oder zusammendrückte. Manchmal wirkten sie auch geschwollen. Ich achtete nicht weiter darauf. Eines Morgens jedoch war mein linkes Auge beim Erwachen knallrot und schmerzte. Das erschreckte mich sehr. Der Augenarzt stellte eine Episkleritis fest, eine Entzündung einer dünnen Bindegewebsschicht (Episklera), die zum weißen Teil des Auges gehört. Als ich mich näher damit befasste, zeigte sich, dass diese Erkrankung mit Gelenkentzündungen in Verbindung stehen kann, insbesondere mit rheumatoider Arthritis.
Ich gehe davon aus, dass meine Episkleritis durch den traumatischen Stress ausgelöst wurde, dem ich damals ausgesetzt war. Seelische Verletzungen und Stress gehören zum Leben. Wir verlieren Eltern und Geschwister. Manche Menschen verlieren Kinder, viele machen eine Scheidung durch oder werden arbeitslos. Dass traumatische Ereignisse und Krankheit zusammenhängen, ist keine große Überraschung.
Wie ich letztlich meine Gelenkentzündungen in den Griff bekam, erfahren Sie in Kapitel 8, „Stress und Trauma als Entzündungsfaktoren“, und in Kapitel 9, „Meine Geschichte: Wie alle Elemente zusammenfanden.“ Die Kurzfassung lautet, dass ich meinen Darm sanieren und das psychische Trauma angehen musste. Ich musste an meinem emotionalen Wohlbefinden arbeiten, nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig, denn es sollte mir auf Dauer gut gehen. Anfangs konzentrierte ich mich auf meine Ernährung und nahm bestimmte Nahrungsergänzungsmittel zu mir. Außerdem achtete ich auf meine Psyche und meinen Umgang mit Stress.
Dass ich Ärztin bin, bedeutet nicht, dass ich im Handumdrehen wieder gesund wurde. Ganz und gar nicht. Doch diese Erfahrung und alles, was ich von meinen Patienten gelernt hatte, halfen mir, ein Behandlungskonzept für Arthritis zu entwickeln. Das Konzept ist so wirkungsvoll, dass sich meine Symptome schon in den ersten zwei Wochen deutlich besserten. Ich fühlte mich wieder deutlich gesünder, womöglich fitter denn je, und dies wiederum trug dazu bei, dass ich dieses Wohlbefinden langfristig erhalten wollte. Heute flackern meine Symptome nicht mehr auf, und ich kann mein Leben genießen (auch das gelegentliche Glas Wein) und Rückfällen vorbeugen. Das wünsche ich Ihnen ebenfalls.
Ehe ich die Arthritisbehandlung genauer erläutere, sollten wir klären, was Arthritis überhaupt ist. Über diese Erkrankung herrscht selbst unter den Betroffenen großes Unwissen. Die größte Fehleinschätzung ist, dass nur alte Menschen an Arthritis erkranken. Das stimmt leider nicht. 2010 bis 2012 gaben bei einer Umfrage in den USA 7,3 Prozent der 18- bis 44-Jährigen an, ein Arzt hätte bei ihnen Arthrose oder Arthritis diagnostiziert. In der Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren erhöhte sich diese Zahl laut Angaben der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control und Prevention) auf 30,3 Prozent. Das sind knapp ein Drittel aller Erwachsenen mittleren Alters. Die zahlreichen Arthritisformen lassen sich grob den folgenden Hauptkategorien zuordnen.
1. Rheumatische Gelenkerkrankungen: Diese Kategorie umfasst diverse Autoimmunkrankheiten, von denen die rheumatoide Arthritis („Rheuma“) mit weltweit etwa 68 Millionen Betroffenen am bekanntesten ist. Rheumatoide Arthritis ist die häufigste Autoimmunerkrankung, von der im Laufe ihres Lebens etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Innerhalb von zehn Jahren nach der Erstdiagnose einer rheumatoiden Arthritis können laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens die Hälfte der Erkrankten keiner Vollzeittätigkeit mehr nachgehen. In diese Kategorie fallen auch andere autoimmunbedingte Gelenkentzündungen wie Psoriasisarthritis und ankylosierende Spondyloarthritis sowie Autoimmunerkrankungen wie Lupus, das Sjögren-Syndrom, Sklerodermie und Fibromyalgie, bei denen Arthritis häufig zum Symptomenkomplex gehört.
Hinzu kommen zunehmend undifferenzierte (oder nicht diagnostizierte) Gelenkentzündungen, bei denen die Testergebnisse keine klare Diagnose erlauben und die Ärzte nicht wissen, welche Form von Arthritis vorliegt. Die undifferenzierte Arthritis gilt somit als entzündlich bedingte Arthritis in einem sehr frühen Stadium. 30 Prozent der Betroffenen aus dieser Kategorie entwickeln langfristig eine rheumatoide Arthritis. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, diese Beschwerden rechtzeitig mit einem Konzept wie meinem zu behandeln – ehe sie weiter fortschreiten. (Viele Patienten, die mich mit nicht diagnostizierter Arthritis aufsuchen, sagen, ihre Rheumatologen würden bei ihnen auf rheumatoide Arthritis im Frühstadium tippen und hätten ihnen daher starke Antirheumatika verordnet, obwohl noch keine eindeutige Diagnose vorläge.)
2. Arthrose (Osteoarthritis): Diese sehr häufige Arthritisform wird auch als degenerative Gelenkerkrankung bezeichnet und vielfach von Gelenkschäden infolge einer Verletzung oder wiederholten Belastungen (Verschleiß) ausgelöst. Solche Belastungen können auf Sport zurückgehen (zum Beispiel jahrelanges Laufen oder Tennisspielen), auf berufliche Überbeanspruchung (Tastaturschreiben, Knien als Fliesenleger) oder auf einen Unfall (ein gebrochenes Handgelenk bei einem Sturz). Doch nicht nur Verletzungen und Überlastung sind Risikofaktoren für Arthrose. Neuesten Untersuchungen zufolge haben starkes Übergewicht, Diabetes und eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Zucker und entzündungsfördernden Fetten (gesättigte tierische Fette und stark verarbeitete, gehärtete Öle) einen noch größeren Einfluss auf die Entstehung dieser Erkrankung sowie auf die Schmerzintensität. Bei Arthrose sind normalerweise bestimmte Gelenkveränderungen auf dem Röntgenbild erkennbar.
3. Infektionsbedingte Arthritis: Solche Gelenkentzündungen gehen auf eine Entzündung durch Bakterien (z. B. Borreliose), Viren oder die Reaktion auf einen sonstigen Infektionsherd im Körper zurück (reaktive Arthritis). Behandelt wird die Grunderkrankung. Diese Form der Arthritis spreche ich in diesem Buch nicht an, möchte sie jedoch kurz erwähnen, wenn es um die Frage der richtigen Diagnose geht.
Mein Behandlungskonzept für Arthritis bezieht sich auf entzündlich bedingte Arthritis und Arthrose und erklärt, woran man erkennt, dass keine infektionsbedingte Arthritis vorliegt. Meiner Erfahrung nach kommen mitunter unterschiedliche Arthritisformen an einem Gelenk zusammen. So kann eine Arthrose zu rheumatoider Arthritis fortschreiten, wenn im Körper weitere Entzündungsprozesse in Gang kommen. Das Fazit lautet: Entzündungen im Körper verschlimmern Gelenksymptome. Daher erhöht mein Programm bei jeglicher Form von Arthritis das Allgemeinbefinden und senkt den Arzneimittelbedarf.
Wie lässt sich Arthritis heilen?
Aus jahrelanger Erfahrung in der Behandlung und Nachbetreuung meiner Patienten, aber auch im Umgang mit meiner eigenen Autoimmunerkrankung weiß ich, dass die akuten Maßnahmen normalerweise kurzfristig umsetzbar sind. Wenn es den Betroffenen nach dem anfänglichen Ruck etwas besser geht, brauchen sie jedoch ein Konzept, das ihre Widerstandsfähigkeit stärkt, damit sie nicht erneut erkranken, wenn weitere Belastungen hinzukommen. Arthritis heilen erklärt, wie man den Teufelskreis der Entzündungsbereitschaft durchbricht und aus der Endlosschleife „Stress-Darm-Arthritis“ aussteigt. Das geht nur, indem man sich aktiv auf Selbsterkenntnis, Selbstfürsorge und einen heilsamen Umgang mit sich selbst einlässt. In diesem Buch werden wahre Geschichten erzählt – auch meine eigene –, anhand derer ich die verschiedenen Arten der Arthritis und meine Behandlungsansätze erläutere. Die jeweilige Krankengeschichte, die Schwierigkeiten und Erfolge sowie die individuellen Verordnungen werden detailliert dargestellt. Es geht mir darum, dass meine Leserinnen und Leser sich in diesen Patientengeschichten wiedererkennen und daraus die Hoffnung schöpfen, dass es auch ihnen besser gehen kann.
Teil 1 – „Welche Arthritis haben Sie?“ – befasst sich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen einer Arthritis: Worum handelt es sich, von welchen Ursachen geht die Wissenschaft aus, was wissen wir über die Therapiemöglichkeiten? Es werden alle Formen der Arthritis dargestellt, weil ich es für maßgeblich halte, dass Sie wissen, warum Sie Arthritis haben. Selbst wenn Ihr Arzt die aktuellsten Forschungsarbeiten nicht kennen mag, wissen wir doch eine Menge über die Ursachen von Entzündungen und Gelenkschmerzen. Dieses Buch präsentiert ein Behandlungskonzept, das die wahren Ursachen Ihrer Arthritis beseitigt. Nur so lässt sie sich dauerhaft heilen. Daher ist es wichtig, dass Sie sich mit den wissenschaftlichen Hintergründen dieses Konzepts auseinandersetzen oder sich zumindest bewusst machen, dass es wissenschaftlich fundiert ist. Die verschiedenen Arthritisformen stelle ich unter anderem vor, weil Sie wissen müssen, was Sie selbst haben. Zum Beispiel gehen rheumatische Gelenkerkrankungen und Arthrose zwar in vielerlei Hinsicht auf ähnliche Ursachen zurück und werden ähnlich behandelt, aber es gibt auch entscheidende Unterschiede.
Mein Vorschlag zur Nutzung von Teil 1 lautet: Wenn Sie Ihre Diagnose kennen, dürfen Sie direkt zu diesem Kapitel weiterblättern und den Rest überspringen. In Ihrem Kapitel finden Sie die nötigen Informationen zur Ursache Ihrer Arthritisform und zu den Tests und Symptomen, an denen Sie Ihre Fortschritte erkennen können. Schließlich geht es in erster Linie darum, dass Sie symptomfrei leben können. Besonders bei Menschen mit rheumatoider Arthritis geht es jedoch beispielsweise auch um eine Normalisierung der Blutwerte. Wenn Sie wissen, von welcher Arthritisform Sie betroffen sind, wissen Sie, wo Sie diese Informationen finden und können auch die Fallgeschichten der Betroffenen nachlesen.
In meine Praxis kommen jedoch auch viele Menschen, bei denen die Ursache unklar ist. Hier herrscht große Verwirrung über die unterschiedlichen Formen. Wenn Sie Ihre Diagnose nicht kennen, lässt sich auch nichts zur Prognose sagen, also zu der Frage, welche Aussichten Sie haben, wieder ein gesundes, aktives Leben zu führen. Wer Arthritis ohne genauere Diagnose hat, sollte alle Kapitel in Teil 1 lesen, um mit meiner Hilfe Näheres herauszufinden und klarer zu sehen. Unabhängig von der individuellen Diagnose wird das von mir präsentierte Rezept dazu beitragen, dass es Ihnen besser geht.
Teil 2 – „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“ – untersucht die Verbindung zwischen der Darmgesundheit und allen Arthritisformen. Ich erkläre, warum die eigentliche Ursache Ihrer Arthritis mit hoher Wahrscheinlichkeit in Ihrem Verdauungssystem zu suchen ist, und dass die Darmsanierung daher der erste Schritt zur Heilung Ihrer Gelenke ist. Hier werden auch existierende Darmbehandlungen vorgestellt, die Patienten tatsächlich verordnet werden. Anhand von sechs Fallbeispielen und mir selbst erläutere ich detailliert die zweimonatige Intensivkur für den Darm einschließlich Ergänzungsmitteln und Zeitintervallen, damit Sie dieses Programm (nach Rücksprache mit Ihrem Arzt!) problemlos umsetzen können. Die Geschichten machen wirklich Mut!
Teil 3 – „Den Boden bestellen“ – widmet sich den Einflüssen von Ernährung, Stressfaktoren und Traumen auf die Gesundheit des Mikrobioms. Der Begriff „Mikrobiom“ bezieht sich dabei auf alle erwünschten Organismen im Körper, die auch als „gesunde Darmflora“ bezeichnet werden. Wenn ich im Verlauf des Buches von „Darmbakterien“ spreche, meine ich damit dieses Mikrobiom. Diese drei Faktoren – Ernährung, Stress und Traumata – beeinflussen auch das Ausmaß der Entzündungen in Körper und Gelenken. Ich liefere Ihnen eine einfache, aber gründliche Darstellung des Stands der Forschung zu unterschiedlichen Ernährungskonzepten und präsentiere dann zusammenfassend den optimalen Ansatz, um sich lebenslang gelenkfreundlich und entzündungshemmend zu ernähren. Unsere Nahrung beeinflusst den „Boden“, unter dem ich sozusagen den Mutterboden des Körpers verstehe, in dem all Ihre Zellen entweder gedeihen oder darben. Dieser Boden ist auch stressabhängig. Neben solchen Zusammenhängen erfahren Sie hier auch, inwiefern Stress und Trauma die Genesung meiner Patienten beeinflusst haben. Außerdem stelle ich die Stressabbaumethoden meiner Patienten vor und erkläre, wie man so isst und lebt, dass es allen Zellen gut geht.
Am Schluss setzen wir alles in Teil 4 – „Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung“ – noch einmal zusammen. Dort wird das Behandlungskonzept in allen Einzelheiten dargestellt. Schritt 1 umfasst den zweiwöchigen Einstieg in eine darmfreundliche Ernährung bei Arthritis. Darin geht es ausschließlich um die Ernährungsumstellung und die Grundversorgung mit bestimmten entzündungshemmenden Nahrungsergänzungsmitteln. Da eine Ernährungsumstellung für viele Menschen eine große Herausforderung darstellt, ist dieser Teil einfach gehalten, und die neuen Aufgaben werden Schritt für Schritt eingeführt. So übersteht man die zwei Wochen mit Leichtigkeit.
In Schritt 2 setzen Sie während der zweimonatigen Intensivkur zur Darmregeneration das Ernährungskonzept gegen Arthritis fort und nehmen zusätzlich Ergänzungsmittel für den Darm ein. In diesen zwei Monaten sollten sich Ihre Symptome spürbar verbessern. Viele Studien belegen, dass Arthritissymptome bei einer Einnahme von Probiotika zurückgehen, doch mein Behandlungsansatz der Darmreparatur ist umfassender und beruht nicht nur auf solchen Ergänzungsmitteln mit lebenden Mikroorganismen zur Anreicherung oder Erhaltung der erwünschten Bakterien im Verdauungstrakt. Seit 2013 biete ich die Schritte 1 und 2 auf meiner Website www.blumhealthmd.com (in englischer Sprache) als Begleitmaterial zu meinem ersten Buch an. (Ein ähnliches Protokoll zur Arthritisbehandlung findet sich auf: www.blumhealthmd.com/arthritis) Dort konnten meine Mitarbeiter und ich online mit mehr als 2 500 Patienten mit unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen zusammenarbeiten. Die meisten E-Mail-Anfragen, die bei uns eingehen, stammen von Menschen, bei denen Entzündungen, insbesondere Arthritis, auftreten und die diese ersten beiden Schritte bereits bewältigt haben. Es geht ihnen besser, aber sie sind noch nicht vollständig geheilt. Die zentrale Frage lautet daher: „Wie geht es jetzt weiter?“ Die Antwort darauf liefert Schritt 3, mit dem sechsmonatigen Stabilisierungsprogramm.
Da der Darm auf die Ängste und Sorgen des Alltags und auf emotionale Traumata äußerst empfindlich reagiert, sind Arthritispatienten besonders anfällig für Rückfälle aufgrund von gegenwärtigen oder länger zurückliegenden, stressbeladenen Ereignissen. Das habe ich bei vielen Patienten, die ich über Jahre begleitet habe, immer wieder beobachtet. Kaum jemandem ist bewusst, dass Stressphasen dem Körper nicht nur psychisch, sondern auch physisch viel abverlangen, was sich insbesondere im Darm niederschlägt, wo die gesunde Darmflora aus dem Gleichgewicht gerät. Entscheidend während der sechsmonatigen Stabilisierungsphase ist daher, dass Sie lernen, solche Belastungen ganzheitlich anzugehen. Für die dauerhafte Heilung von Darm und Gelenken ist das unverzichtbar, und es beugt zugleich Rückfällen vor, damit Sie auf Dauer symptomfrei leben können.
Auch wenn mehr Verständnis für den Einfluss von Stress und Trauma auf die eigene Erkrankung und ein besserer Umgang damit für die Behandlung von grundlegender Bedeutung sind, wird der psychosomatische Anteil erst in Schritt 3 einbezogen, damit Sie sich ganz darauf konzentrieren und Ihre Lebensweise dauerhaft umstellen können – weil es wirklich so wichtig ist. Die sechsmonatige Stabilisierungsphase ist auch der richtige Zeitpunkt, um in Abstimmung mit Ihrem Arzt eventuell einzelne Medikamente zu reduzieren oder abzusetzen. Hierauf kommen wir später noch zu sprechen.
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Wie ich bereits erwähnte, sind seit der Veröffentlichung von Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln zahlreiche neue Untersuchungen zu den Zusammenhängen zwischen Darm und Gelenken erschienen. Und das ist erst der Anfang. Es gibt auch neue, aussagekräftige Studien über die gesunden Bakterien, die in und auf unserem Körper leben. Auf der Haut, in der Lunge und im Verdauungstrakt schützen uns diese Bakterien vor Umwelteinflüssen und beeinflussen ihrerseits jeden Aspekt unserer Gesundheit. Hierzu erscheinen immer mehr Studienergebnisse. Die Darmbakterien, deren Anzahl die Menge unserer eigenen Körperzellen Schätzungen zufolge um hundert Billionen übersteigt, leben im Verdauungstrakt und haben bei der Stärkung des Immunsystems eine Schlüsselrolle inne. Fast täglich bestätigen neue Studien oder Fallgeschichten, was wir Funktionsmediziner bereits über die Darmbakterien wissen: Ein Ungleichgewicht bei diesen Bakterien ist ein direkter Antrieb für Arthritis, und man kann umgekehrt Arthritis heilen, indem man die Darmflora repariert. Ein Ungleichgewicht kann auf einem übermäßigen Wachstum unerwünschter Bakterien oder aber auf zu wenig hilfreichen Bakterien beruhen. Uns muss bewusst sein, dass eine Entzündung im Darm beginnen, aber sich an völlig anderen Orten wie den Gelenken, Muskeln, dem Gehirn oder den Fettzellen bemerkbar machen kann.
Angesichts zunehmender Verdauungsprobleme ist es kein Wunder, dass auch entzündlich bedingte Arthritisformen im Anstieg begriffen sind, denn beides geht Hand in Hand. Diesen Zusammenhang zwischen Darm und Arthritis müssen wir genau beobachten und zur wirkungsvollen Arthritisbehandlung zunächst den Darm reparieren. Praktisch jeder neue Patient, der mich aufsucht, leidet unter Verstopfung, Aufstoßen, gastroösophagealem Reflux (GERD) – dabei steigt Magensaft in der Speiseröhre auf und erzeugt ein brennendes Gefühl, das sogenannte Sodbrennen – oder Reizdarmsymptome. In den letzten Jahren wurden auch neue Krankheitsbilder identifiziert, darunter eine Sonderform des Reizdarmsyndroms, bei der Bakterien sich im Dünndarm ausbreiten, wo sie gar nicht hingehören. Diese chronische Darmerkrankung wird als SIBO bezeichnet (englisch: small intestinal bacterial overgrowth). Viele Experten glauben, dass die zunehmende Verbreitung von SIBO auf den massiven Einsatz von Säurehemmern (Antazida) und Protonenpumpenhemmern (PPI) zurückgehen. Diese Arzneimittel sollen die Magensäure eindämmen, um Sodbrennen und Reflux zu lindern, haben aber unerwünschte Nebenwirkungen. Viele Erkenntnisse aus diesen neuen Forschungen wurden von der Standardmedizin und den Medien aufgegriffen. Bis zum Nachweis, dass der Darm letztlich mit jedem Teil des Körpers in Verbindung steht, dauert es sicher nicht mehr lange. Gegenwärtig bin ich bereits damit zufrieden, dass die Verbindung zwischen Darm und entzündlich bedingter Arthritis sehr stark und auch schon relativ bekannt ist.
Im Behandlungsprotokoll für Arthritis hebe ich solche neuen Erkenntnisse hervor und erkläre ihre Relevanz mit verständlichen Worten. Diese Fortschritte in den wenigen Jahren seit der Veröffentlichung meines ersten Buches eröffnen neue Wege für verbesserte funktionelle Behandlungen und natürlich für bessere Behandlungsergebnisse. Im Behandlungskonzept für Arthritis kombiniere ich meine Analyse aktueller Forschungsarbeiten und Behandlungsansätze mit meiner ausgiebigen Erfahrung in der Darmsanierung. Die ausgezeichneten gesundheitlichen Fortschritte meiner Patienten belegen erkennbar, dass diese Behandlung hilft, und zwar gut.
Bei meinen Arthritispatienten beginnt die Behandlung immer mit einem Plan wie diesem. Nach den ersten drei Monaten jedoch wird das weitere Vorgehen individuell festgelegt. An diesem Punkt brauchen die Patienten Hilfe, um festzustellen, wie die Darmbehandlung weitergehen sollte und wie sie trotz aller Unwägbarkeiten des Lebens nicht wieder aus dem Gleichgewicht geraten und erneut erkranken. Schließlich leben wir nicht im luftleeren Raum. Unser Leben ist temporeich, wir schlafen nicht immer genug, vieles ist stressig, und natürlich möchten wir auch Urlaub machen und Geburtstag feiern. Der Behandlungsplan ist ein guter Wegbegleiter, wenn Sie solche Klippen umschiffen müssen. Einen Anhaltspunkt liefern die Geschichten von elf meiner Patienten mit Arthritis. Da das Leben den Darm so stark beeinflusst und der Darm wiederum so starken Einfluss auf unsere Entzündungsbereitschaft hat, müssen wir dieses Gleichgewicht durchschauen, um widerstandsfähiger zu werden. Am besten erkennt man dies aus der Sicht anderer Arthritispatienten, bei denen jeweils individuelle, aber überlappende Begleitumstände und Auslöser für den Teufelskreis Stress-Darm-Arthritis vorliegen. Jede und jeder von ihnen setzt auf dem Weg zur Gesundung etwas andere Schwerpunkte. In diesen Geschichten finden Sie hoffentlich Elemente, die in Ihnen etwas zum Klingen bringen und Ihnen bei Ihrer persönlichen Suche weiterhelfen. Zusätzlich setze ich darauf, dass es Sie beflügelt, wenn Sie hören, wie reale Menschen mithilfe dieses Behandlungskonzepts stärker und gesünder wurden. Und das Fazit? Sie können Ihre Arthritis dauerhaft verbessern, und Sie dürfen sich eine erhöhte Lebensqualität erhoffen. Fangen wir also an!
Teil 1
Welche Arthritis haben Sie?
Es gibt mehr als ein Dutzend verschiedene Arthritisformen. Um die individuell beste Vorgehensweise zu ermitteln, kommt es auf die richtige Diagnose an. In der Praxis sehe ich zumeist drei Hauptkategorien, die unterschiedlich zu behandeln sind. Die rheumatischen Gelenkerkrankungen umfassen insbesondere rheumatoide Arthritis („Gelenkrheuma“) und Spondyloarthritis (Psoriasisarthritis und ankylosierende Spondyloarthritis) sowie Arthritis im Zusammenhang mit anderen Autoimmunkrankheiten, zum Beispiel dem Sjögren-Syndrom oder Lupus. Bei einer Autoimmunerkrankung greifen die Immunzellen körpereigenes Gewebe an, schädigen es und rufen Entzündungsprozesse hervor. Es gibt mehr als 100 verschiedene Autoimmunerkrankungen, auf die ich in meinem ersten Buch näher eingegangen bin.
Die zweite Gruppe ist die Arthrose oder Osteoarthritis. Sie ist besonders verbreitet und zählt zu den führenden Ursachen für körperliche Behinderung. Eine dritte, sehr große Kategorie beinhaltet Infektionen aller Art, die eine Gelenkentzündung auslösen können, darunter Borreliose oder Viruserkrankungen wie Parvovirose und Hepatitis B. In diesem Buch gehe ich zwar nicht näher auf die Behandlung der Grundinfektion ein, doch da solche Infektionen dem Arzt eine klare Diagnose erschweren können, sollte man zumindest davon gehört haben, um korrekte Hinweise geben zu können.
In der Standardmedizin wird bei einer entzündlich bedingten Arthritis zuerst untersucht, ob eine rheumatoide Arthritis vorliegt, welche das aggressivste und potenziell schädlichste Erscheinungsbild darstellt. Es geht darum, die Diagnose so früh wie möglich zu stellen, um eine rheumatoide Arthritis sehr rechtzeitig zu behandeln. Bei Entzündungen in den Händen, Handgelenken, Füßen oder Zehen sollte jeder Patient auf diese Krankheit hin untersucht werden. Ich beginne daher mit der rheumatoiden Arthritis. Danach befassen wir uns mit weiteren möglichen Diagnosen.
KAPITEL 1
Rheumatoide Arthritis
Als ich June kennenlernte, war sie 68 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte man bei ihr rheumatoide Arthritis diagnostiziert. Sie war am Ende ihrer Leidensfähigkeit. Obwohl ihr Arzt drei starke, häufig verordnete Antirheumatika verschrieben hatte – Prednison, Methotrexat und kurz zuvor auch Hydroxychloroquin – und sie ergänzend täglich frei verkäufliches Naproxen einnahm, waren die Schmerzen in ihren Händen so heftig, dass die verheiratete, berufstätige vierfache Mutter weder eine Wasserflasche öffnen noch ein Buch tragen oder sich die Haare bürsten konnte. Schon das morgendliche Schließen des Büstenhalters war so schmerzhaft, dass sie dabei auf die Hilfe ihres Mannes zurückgreifen musste. Für eine unabhängige, viel beschäftigte Frau war das niederschmetternd. Auch ihre sonstigen Symptome, wie starke Abgeschlagenheit und Knieschmerzen, waren mit der konventionellen Therapie nicht zurückgegangen.
Junes Geschichte ist leider keine Ausnahme, und deshalb suchen enttäuschte Patienten mit rheumatoider Arthritis Experten wie mich auf – als letzten Hoffnungsschimmer. Mithilfe der Ansätze der funktionellen Medizin konnte ich Tausenden helfen, ihre Schmerzen durch entzündlich bedingte Krankheiten einzudämmen, bis sie wieder uneingeschränkt am Leben teilnehmen konnten. Das gelang auch bei June.
Innerhalb von drei Monaten nach unserem ersten Termin konnte sie Wasserflaschen leichter öffnen, ihr Haar bürsten und sich mit erträglichen Schmerzen selbstständig anziehen. Ihre Knieprobleme besserten sich, und sie hatte mehr Energie als seit Monaten oder gar Jahren. Die Prednisondosis konnte sie halbieren, und sie nahm nicht mehr jeden Tag Naproxen ein, sondern nur noch an drei bis vier Tagen pro Woche. Doch das war nur der Anfang. Als sie den Behandlungsplan für Arthritis befolgte, den ich später erläutern werde, besserte sich Junes Gesundheit noch weiter. Ich erzähle ihre Geschichte, weil sie demonstriert, dass mit der nötigen Geduld und Ausdauer alle Betroffenen hoffen dürfen. Sie dürfen auf Symptomfreiheit hoffen. Und auf ein erfülltes, aktives Leben, bei dem Sie nicht nur Zuschauer sind.
Ich betrachte die rheumatoide Arthritis als „Königin der Arthritis“. Wie die Dame im Schach ist die rheumatoide Arthritis in der Lage, den größten Schaden anzurichten. Und wie die Dame im Schach, die sich als einzige Spielfigur in alle Richtungen bewegen kann, ist die rheumatoide Arthritis unberechenbar und kann diverse Symptome hervorrufen. Diese Erkrankung zeichnet sich durch chronische Gelenkentzündungen mit starken Schmerzen und Schwellungen, Gelenkschäden und Behinderung aus. Sie kann auch mit Muskelschmerzen und allgemeinen Schmerzen einhergehen. Daran ist gut erkennbar, dass es sich um eine körperweite Krankheit handelt, die im ganzen Körper Entzündungsreaktionen auslöst. Typisch für die rheumatoide Arthritis ist, dass sie diverse Gelenke in den Händen, Füßen und Handgelenken befällt, was auch als Polyarthritis bezeichnet wird. Unbehandelt kommt es zum Abbau von Knorpel- und Knochengewebe bis hin zur Gelenkzerstörung. Außerdem können die Sehnen und Bänder sich dehnen, was zu ihrer Deformierung führt. Schlimmstenfalls kann die Gelenkfunktion völlig verloren gehen. Dieses rasche Fortschreiten und die Schwere der Symptome macht Ärzten und Patienten gleichermaßen Angst, sodass häufig schon frühzeitig starke Medikamente verordnet werden.
Ein weiteres großes Problem für viele Betroffene ist eine starke Abgeschlagenheit (Fatigue). Nicht selten wachen sie zerschlagen auf, obwohl sie eigentlich gut geschlafen haben, und haben dann Schwierigkeiten, ihren Tag zu bewältigen. Das äußert sich beispielsweise in Konzentrationsproblemen bei der Arbeit, sie gehen nicht mehr zum Yoga, obwohl es ihnen guttut, oder sie spielen vor lauter Erschöpfung nicht mehr mit den Kindern. Wenn solche schlichten, aber wichtigen Freuden des Lebens wegfallen, leidet auch die Psyche. Und mit der Zeit vergisst man ganz, wie es sich anfühlt, wenn man nicht so müde ist. So teilte June mir sechs Monate nach Behandlungsbeginn mit, dass sie deutlich mehr Energie hätte – und dass sie bis dahin gar nicht bemerkt hätte, wie müde sie seit Jahren gewesen war. Nach einer Metaanalyse vieler Studien zu rheumatoider Arthritis und Fatigue kam ein Forscherteam von der niederländischen Universität Twente zu dem Schluss, dass Schmerzen das Symptom sind, das am häufigsten mit starker Fatigue verknüpft ist. Es überrascht wenig, dass der Verlust körperlicher Funktionen sowie jegliche Form der Behinderung, aber auch Depressionen, ebenfalls mit Fatigue in Verbindung stehen. In Bezug auf Schlaf waren die Ergebnisse gemischt: Manche Studien belegen einen Zusammenhang, andere nicht. Das wundert mich, weil ich häufig feststelle, dass Menschen mit Arthritisschmerzen schlecht schlafen und deswegen erschöpft sind. Interessanterweise meldeten Patienten mit rheumatoider Arthritis, die ihrer Ansicht nach unzureichende Unterstützung durch Freunde und Familie erfuhren oder mehr Stress hatten, auch eine stärkere Fatigue.1 (Wie Entzündungen am besten zu behandeln sind, darüber lässt sich streiten, aber die Unterstützung von Angehörigen, denen es nicht gut geht, ist etwas, das wir alle füreinander tun können.) Mitunter sind Schmerzen, Fatigue und andere Symptome so schlimm, dass man – wie bei June – nicht mehr alleine zurechtkommt, manchmal sind sie leichter, und man kann besser damit leben. Meistens liegt man irgendwo dazwischen.
Was verursacht rheumatoide Arthritis?
Die Ursache dieser Erkrankung ist erstaunlicherweise unbekannt. Allgemein anerkannt ist lediglich, dass bestimmte Infektionserreger bei entsprechender Anfälligkeit eine solche Autoimmunkrankheit auslösen können. Einer dieser Erreger ist das Bakterium Proteus mirabilis – wenn diese Bakterien den Magen-Darm-Trakt oder die Harnwege besiedeln, kann in der Folge offenbar eine rheumatoide Arthritis entstehen. Australische Forscher von der Griffith University in Queensland kamen zu dem Ergebnis, dass wir rheumatoider Arthritis am besten vorbeugen, indem wir den Anteil dieser Bakterienart im Verdauungstrakt gering halten und entsprechende Harnwegsinfektionen behandeln. Wenn P. mirabilis sich im Darm einnisten und dort mit dem Immunsystem interagieren, setzen sie die Produktion von Antikörpern in Gang und können so eine Immunkaskade auslösen, die mit rheumatoider Arthritis in Verbindung steht. Ich vergleiche Antikörper gern mit Lenkraketen, die unsere Immunzellen freisetzen, um einen Gegner anzugreifen, der im Körper eine Alarmreaktion verursacht hat. Untersuchungen ergaben, dass beim Einsatz von Heilkräuterzubereitungen gegen diese Darmbakterien deutlich weniger Antikörper gegen Proteus-Bakterien erzeugt werden.2 Gleichzeitig besserten sich auch die arthritischen Symptome der Probanden. Diese Studie belegt, dass die Behandlung der Darmflora eine valide Strategie zur Eindämmung entzündlich bedingter Arthritis ist und sie zählt zu den wissenschaftlichen Grundlagen für die Darmsanierung im Rahmen meines Behandlungskonzepts bei Arthritis.
Als potenzielle Erreger rheumatoider Arthritis wurden verschiedene Bakterien, Pilze und Viren näher untersucht. Neben Proteus kommen auch bakterielle Pathogene wie Coxiella burnetii, anaerobe Bakterien im Mundraum sowie die Spezies Staphylococcus, Streptococcus, Neisseria, Haemophilus und Mycoplasma als Erreger einer rheumatoiden Arthritis in Betracht, wobei die Ergebnisse hier bisher nicht eindeutig sind.
Ein iranisches Team der Baqiyatallah Universität für Medizin in Teheran untersuchte die Gelenkflüssigkeit von Patienten mit rheumatoider Arthritis auf bestimmte Mycoplasma-Arten. Bei 23 Prozent fand man eine bestimmte Spezies, bei 17,5 Prozent eine andere und bei zehn Prozent wieder eine andere. Somit finden sich diese Erreger nicht bei allen Patienten, könnten aber bei einigen als Ursache in Betracht kommen. Dies wiederum stützt die These, dass Infektionen an sich zu den Auslösern einer rheumatoiden Arthritis zählen könnten. Dann wäre die Behandlung der Infektionen oder eine Unterstützung der körpereigenen Infektabwehr durch die Reparatur und Stärkung der Darmbakterien eine sinnvolle Strategie im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes zur Behandlung und Prävention dieser Erkrankung.3
Die Gene erklären individuell nur zu etwa 20 Prozent, warum jemand eine rheumatoide Arthritis entwickelt. Die übrigen 80 Prozent gehen auf externe Auslöser zurück. Abgesehen von Infektionen zählen hierzu: Rauchen, eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Lebensmitteln, die Entzündungen Vorschub leisten (zum Beispiel Zucker, Frittiertes, rotes Fleisch, Milchprodukte und Alkohol), hoher und anhaltender chronischer Stress, ein unerwartetes traumatisches Ereignis (ein enormer Stressfaktor, der den Körper urplötzlich überfällt), eine körperliche Verletzung sowie Umweltbelastungen wie Quecksilber als Fisch oder sonstige Gifte (Pestizide) und Kunststoffe.4 Wie bei den meisten chronisch entzündlichen Erkrankungen dürfte auch hier ein Zusammenhang zwischen solchen potenziellen Auslösern und einer genetischen Veranlagung bestehen.
Ein Team an der Universität Rom arbeitet an der Ermittlung bestimmter genetischer Voraussetzungen für eine rheumatoide Arthritis. So könnte man herausfinden, wer individuell eine höhere Anfälligkeit aufweist.5 Je weiter die Medizin fortschreitet, desto eher kann man nach der Identifizierung solcher Gene Behandlungen entwickeln, die genau diese Gene ansprechen. Bis dahin jedoch müssen wir die externen Auslöser bekämpfen. Dabei sollten Sie bedenken, dass wir zwar noch nicht alle beteiligten Gene kennen, dass diese aber dennoch Ihre persönliche Erkrankung beeinflussen. Der eine kann eine hässliche Scheidung durchstehen, ohne dabei krank zu werden, wohingegen dasselbe schwere Ereignis bei der besten Freundin eine rheumatoide Arthritis in Gang setzen kann, weil sie entsprechend veranlagt ist. Oder eine Scheidung kann bei Ihnen leichte Arthritissymptome auslösen, bei Ihrer Freundin hingegen schwerere. Deshalb müssen die potenziellen Auslöser individuell ermittelt werden. Sobald das gelingt, lässt sich das eigentliche Problem beheben und Symptomfreiheit erreichen. An diesem Ziel arbeiten wir in meinem Behandlungskonzept.
Autoimmunprozesse und oxidativer Stress
Rheumatoide Arthritis ist eine Autoimmunkrankheit, bei der die Immunzellen körpereigenes Gewebe in den Gelenken angreifen und so Entzündungsprozesse erzeugen. Ein niederländisches Team am medizinischen Zentrum der Universität Utrecht wollte herausfinden, was in den Gelenken abläuft, wenn diese Entzündungen entstehen. Beim gesunden Menschen bildet das weiche Gewebe zwischen Gelenkkapsel und Gelenkhöhle, die sogenannte Synovialmembran, eine Flüssigkeit, die das Gelenk schmiert. Bei rheumatoider Arthritis entzündet sich diese Membran, was dazu führen kann, dass die Zellen in diesem Bereich übermäßig wachsen und dicker werden. Das bezeichnet man als Hyperplasie. Auf die Dauer kann diese Reaktion Knorpel und Knochen zerstören. Man geht davon aus, dass dieser Prozess beginnt, wenn bestimmte Immunzellen in die Gelenke wandern und sich dort ansammeln. Manche dieser Zellen erzeugen Antikörper, welche im Rahmen des Autoimmunprozesses die Gelenke angreifen und anhaltende Entzündungen hervorrufen. Außerdem werden sowohl in den Gelenken als auch im ganzen Körper entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine) freigesetzt. In einem gesunden, ausgewogenen Immunsystem sorgen die regulatorischen T-Zellen (TReg) dafür, dass diese Reaktion irgendwann abebbt. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis scheinen diese T-Zellen jedoch nur eingeschränkt zu funktionieren, was Schmerzen, Entzündungen und andere Symptome verstärkt.6
Diese Immunattacke verursacht auch oxidativen Stress, der eigentlich ein ganz normaler Vorgang im Rahmen der Zellfunktion ist. Während ihrer regulären Tätigkeit erzeugen die Zellen freie Radikale. Das sind bestimmte Moleküle, die mit „Funken“ oder „Brandherden“ vergleichbar sind. Deshalb werden diese freien Radikale über antioxidierende Abwehrsysteme umgehend „gelöscht“. Für die Routineaufgaben des Körpers ist es besser, wenn der oxidative Stress sich in Grenzen hält. Da der Körper unablässig freie Radikale unschädlich macht, versorgt uns die Natur über unsere Nahrung mit Antioxidanzien. Diese Substanzen stecken vor allem in Obst und Gemüse, wo kräftige Farben auf einen hohen Gehalt an Antioxidanzien hindeuten. Zu den Antioxidanzien zählen die Vitamine A, C und E, aber auch farbintensive pflanzliche Nährstoffe (Phytonährstoffe) – vielleicht haben Sie schon einmal von dem Nährstoff Resveratrol aus blauen Trauben gehört. Deshalb sollte man täglich Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Antioxidanzien verzehren, um dem Körper die nötigen Wirkstoffe zum Feuerlöschen zu verschaffen. Nimmt man nicht ausreichend Antioxidanzien auf, um alle Funken zu ersticken, so können die freien Radikale siegen und einen Brand in Gang setzen, der Entzündungen vorantreibt, Gewebe schädigt und letztlich krank macht. Oxidativer Stress kann vor allem den Immunzellen zusetzen, die besonders aktiv sind und im Rahmen ihrer täglichen Arbeit zu unserem Schutz freie Radikale produzieren. Das ist vermutlich der Grund, warum rheumatoide Arthritis und andere entzündliche Gelenkerkrankungen sich festsetzen und fortschreiten.
Zahllose Studien belegen, dass Menschen mit rheumatoider Arthritis erhöhte Werte an reaktiven Sauerstoffradikalen (auch ROS für engl. reactive oxygen species) aufweisen. Diese Form der freien Radikale kann im Gelenkgewebe Lipidverbindungen angreifen (Lipide sind Fette, die in jeder Zelle vorkommen, auch im Cholesterin, mit dem der Körper Fett von einer Zelle zur anderen transportiert), aber auch Proteine (unverzichtbare Bausteine aller Gewebearten, auch der Gelenke) und die Erbinformation DNA (den genetischen Code in jeder Zelle). Unter normalen Bedingungen werden die ROS durch eine Vielzahl antioxidativer Mechanismen im Körper in Schach gehalten. Bei Menschen mit rheumatoider Arthritis können die Antioxidanzien jedoch nicht mehr mithalten. Die freien Radikale laufen Amok, und das Gewebe nimmt Schaden. In Kombination mit der Dauerattacke des Immunsystems auf die Gelenke hält dieser hohe Pegel an oxidativem Stress das Entzündungsgeschehen in Gang, was letztlich die Zerstörung von Knochen, Gelenken und Gelenkknorpel nach sich ziehen kann.
Forscher von der Aligarh Muslim University in Indien verglichen den oxidativen Stress bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und bei gesunden Menschen. Dabei stellten sie bei Menschen mit rheumatoider Arthritis ein hohes Ausmaß an oxidativem Stress fest, darunter eine erhöhte Produktion freier Radikale und entsprechende Schäden an Fetten (Lipidperoxidation), Proteinen (Proteinoxidation) und DNA im Gewebe. Zusätzlich waren bei Menschen mit rheumatoider Arthritis ein geschädigtes antioxidatives Abwehrsystem und niedrige Spiegel von zwei spezifischen Antioxidanzien, nämlich Glutathion und Vitamin C, nachweisbar. Glutathion ist eine stark antioxidative Substanz, die der Körper selbst produziert. Da es in allen Zellen vor ROS-Schäden schützt, ist es womöglich unser wichtigstes Antioxidans. Interessanterweise waren bei den Menschen, die am längsten an rheumatoider Arthritis erkrankt waren, der stärkste oxidative Stress und niedrigere Antioxidanzienspiegel nachweisbar. Und je höher der oxidative Stress lag, desto schlimmer waren ihre Schmerzen und ihr Grad der Behinderung.7
Auch weitere Studien stützen die These, dass rheumatoide Arthritis durch oxidativen Stress gekennzeichnet wird. Laut Experten der Autonomen Universität Chihuahua in Mexiko schädigen freie Radikale offenbar unmittelbar den Gelenkknorpel, was beweist, dass auch in der Synovia des Gelenks selbst oxidativer Stress vorliegt.8 Sie stellten auch fest, dass freie Radikale daran Anteil haben, dass die Entzündungs- und Immunreaktionen im Körper anlaufen, und dass Menschen, bei denen dies geschieht, wenig Antioxidanzien wie Glutathion, Vitamin E, Betakarotin und Vitamin A im Blut hatten. Unklar ist, ob der geringe Spiegel der Antioxidanzien auf die Arthritis zurückzuführen ist oder schon vorher vorlag und so vielleicht wie bei einem Zug, der sich selbstständig macht, eine Verschlimmerung der oxidativen Belastung zugelassen hat. In beiden Fällen ist eine Ernährung mit ausreichend Antioxidanzien, die anfänglich vielleicht noch ergänzt werden, letztlich der Schlüssel zur Eindämmung der Entzündungen und Schmerzen bei dieser Erkrankung.
Ihr antioxidatives System kann auf viele verschiedene Enzyme (Proteine, die als Katalysator für chemische Reaktionen im Körper dienen), Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren (die Bausteine der Proteine in unserer Nahrung) zurückgreifen, um oxidativen Stress zu bewältigen. Deshalb ist die Ernährung so wichtig, und deshalb kann ein Nährstoffmangel zum Beginn einer Arthritis beitragen. (Wie man das antioxidative System des Körpers durch die passende Ernährung stärkt, wird später in Kapitel 7, „Ernährung und Entzündungsbereitschaft“, erläutert.) Umweltbelastungen und andere Einflüsse können den oxidativen Stress erhöhen. Manche Menschen reagieren darauf empfindlicher als andere und entwickeln größere Brandherde, die noch mehr Antioxidanzien benötigen. Wenn daraus ein Flächenbrand wird, läuft die Entzündungsreaktion Amok und schädigt das Gewebe.
Umweltbedingter oxidativer Stress geht auf dieselben Ursachen zurück, die das Immunsystem beeinträchtigen: Fehlernährung (oder nicht ausreichend geeignete Nahrung), emotionaler Stress und Traumata, geschädigter Darm sowie Umweltgifte und Infektionen. All dies vermehrt die freien Radikale, wie ich in meinem ersten Buch Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln ausführlich dargestellt habe. Dort gehe ich darauf ein, wie man solche Auslöser angeht und beseitigt, damit das Immunsystem wieder ungehindert funktionieren kann. Dabei reduzieren wir automatisch auch den oxidativen Stress. Der Behandlungsplan für Arthritis konzentriert sich zunächst auf die Darmheilung, stellt die Ernährung um und erhöht das Verständnis für den Einfluss von Stress und Trauma. So können Sie oxidativen Stress und Entzündungen in den Griff bekommen und dauerhaft gesünder leben.
Umweltgifte erzeugen ebenfalls hohe Mengen freier Radikale und somit oxidativen Stress im Körper. Im Hinblick auf Autoimmunreaktionen wurden Schwermetalle, Pestizide und Rauchen bisher am intensivsten erforscht. Ob jemand aufgrund dieser Gifte Symptome oder eine Krankheit entwickelt, beruht auf dem Gleichgewicht zwischen genetischer Anfälligkeit, dem Ausmaß der Vergiftung und der Frage, wie gut man seinen hohen Bedarf an Antioxidanzien über Ernährung und Lebensweise decken kann.9 Wenn Sie also von rheumatoider Arthritis oder anderen entzündlich bedingten Arthritisformen betroffen sind, haben Sie zu viel oxidativen Stress und müssen im Rahmen der Behandlung somit auch auf die Toxinbelastung achten. Das in Kapitel 10 vorgestellte darmfreundliche Ernährungskonzept bei Arthritis trägt dazu bei, nicht nur Entzündungen und Schmerzen zu lindern, sondern auch die Belastung durch Umweltgifte zu senken. Da Toxine bei Autoimmunerkrankungen generell ein wichtiger Auslöser sind, stelle ich in Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln ein ausführliches Entgiftungsprogramm vor. In diesem Buch konzentrieren wir uns stattdessen auf die Verbindung zwischen Darm und Arthritis, weil jüngste Forschungsarbeiten belegen, dass hier der wichtigste Auslösefaktor für diese Erkrankung liegt. Auf die genauen Zusammenhänge gehen wir in Kapitel 5, „Die Verbindung zwischen Darm und Gelenken“, und Kapitel 6, „Den Darm heilen“, näher ein.
An dieser Stelle möchte ich eines betonen: Wenn Sie rheumatoide Arthritis haben und rauchen, müssen Sie das Rauchen aufgeben, damit es Ihnen besser geht. Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Tabakgenuss und rheumatoider Arthritis, der sich so deutlich bei keiner anderen Arthritisform und keinem anderen Toxin nachweisen lässt. Rauchen gilt als Hauptrisikofaktor für rheumatoide Arthritis, weil es viele Schadstoffe (wie das Schwermetall Kadmium) in den Körper schleust und den oxidativen Stress vermehrt. Zudem haben Studien gezeigt, dass das Rauchen von Zigaretten die Produktion eines der Antikörper anstößt, die mit rheumatoider Arthritis in Zusammenhang stehen.10 Rauchen erhöht aber nicht nur das persönliche Erkrankungsrisiko, sondern auch die Aussicht auf einen schwerwiegenderen Erkrankungsverlauf, der schlechter auf eine Behandlung anspricht.11
In der funktionellen Medizin setzt sich der behandelnde Arzt gründlich mit Ihrer Vergangenheit und Gegenwart auseinander, um die wahrscheinlichen Auslöser Ihrer Arthritis zu finden und dann einen maßgeschneiderten Therapieplan zu erstellen. Als ich dies bei June tat, erkannte ich, dass bei ihr offenbar ein geschädigter Darm, Umweltbelastungen und Stress zusammenkamen, der wiederum die Darmbakterien und die Darmschleimhaut beeinträchtigen kann. In ihrer Kindheit hatte sie zwar keine besonderen Belastungen durchgemacht, als Erwachsene jedoch durchaus. Ihr ältestes Kind hatte besondere Bedürfnisse, und ihr mittleres Kind hatte vor Jahren einen größeren operativen Eingriff benötigt. Zudem war sie als Lehrerin Stress ausgesetzt, der ihre Arthritis spürbar beeinflusste, denn die Symptome schwankten mit dem Verlauf des Schuljahrs. Als wir mit der Behandlung begannen, war das Schuljahr fast zu Ende. Im Laufe des Sommers trat eine rasche Besserung ein. Dann kam der September, und innerhalb weniger Monate flackerte die Erkrankung wieder auf. Die gute Nachricht war, dass die Krankheit nach weiteren zehn Monaten im darauffolgenden Herbst bei Schuljahresbeginn nicht wiederkehrte.
„Zwei Jahre zuvor war ich ins Klassenzimmer gehumpelt und konnte nicht einmal mehr einen Stift halten“, sagte June. „Heute kann ich laufen, meine Bücher und Vorbereitungen tragen und schmerzfrei Dinge im Klassenraum umherschieben. Das kommt mir so ungewohnt vor, dass ich immer noch auf das böse Ende warte.“ Doch das blieb aus.
Die individuellen Umstände, die zu Arthritis führen, sind immer unterschiedlich. Dennoch wissen wir, dass das wichtigste Grundproblem bei Arthritis im Darm zu suchen ist. Ein Ungleichgewicht der Darmbakterien kann zum sogenannten „Leaky-Gut-Syndrom“ führen, bei dem die Darmwand übermäßig durchlässig wird. Dies wiederum kann Autoimmunreaktionen, Entzündungsreaktionen im ganzen Körper und oxidativen Stress hervorrufen und ist für die meisten meiner Patienten ein zentrales Problem. Teil 2, „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“, befasst sich mit unserem Wissen über die Zusammenhänge zwischen Darmproblemen und Gelenkproblemen. Dort geht die Auseinandersetzung mit den Ursachen der rheumatoiden Arthritis weiter.
Rheumatoide Arthritis diagnostizieren
Bis 2010 richteten sich Rheumatologen nach Kriterien aus dem Jahr 1987 und stellten die Diagnose „Rheumatoide Arthritis“ vor allem aufgrund von Spätsymptomen wie Rheumaknoten (tastbare Knoten unter der Haut in der Nähe eines entzündeten Gelenks), Gelenkschäden und Röntgenbildern. 2010 jedoch veröffentlichten das ACR (American College of Rheumatology) sowie die EULAR (European League against Rheumatism) eine Neudefinition mit neuen Diagnosekriterien. Inzwischen beruht die Diagnose auf Laborwerten für neue Antikörper und Entzündungsmarker sowie auf Entzündungssymptomen wie Gelenkschmerzen und Schwellungen. Im Gegensatz zu 1987 müssen die Gelenke nicht bereits geschädigt sein. Dieser neue Blickwinkel erleichtert dem Arzt die Diagnosestellung. Laut einer Untersuchung der Universität Manchester gilt dies insbesondere im Frühstadium und ermöglicht so die Identifizierung der Betroffenen bis zu fünf Jahre eher als bisher.12 Die Zahl der Erkrankten scheint sich inzwischen erhöht zu haben, doch dabei lässt sich schwer feststellen, ob es tatsächlich mehr Fälle sind oder ob die Diagnose lediglich früher gestellt wird.13 Zweifellos sind die neuen Richtlinien jedoch positiv zu werten, weil sie eine Behandlung und Heilung der Arthritis gestatten, noch ehe schwere Schäden eintreten. Dies gilt für die konventionelle Behandlung ebenso wie für den in diesem Buch dargestellten Ansatz der funktionellen Medizin. Im nachfolgenden Kasten sind die Klassifizierungskriterien der ACR von 2010 aufgeführt. Falls bei Ihnen eine rheumatoide Arthritis festgestellt wurde, sollten Sie jetzt Ihren Schweregrad ermitteln. Anhand der Fragen können Sie im Verlauf des Programms objektive Fortschritte feststellen. Unser Ziel ist eine Punktzahl unter 6. Das wäre ein Zeichen, dass Ihre Arthritis in Remission ist.
Klassifizierungskriterien des American College of Rheumatology (ACR)
Sie haben rheumatoide Arthritis, wenn erstens mindestens eines Ihrer Gelenke entzündet ist, ohne dass eine andere Erkrankung dies erklären kann, und zweitens Sie nach den folgenden Diagnosekriterien 6 oder mehr Punkte erreichen.
| Punktzahl | Ihre Punkte | |
| Gelenke: Wählen Sie eine Antwort | ||
| 1 großes Gelenk (Schulter, Ellbogen, Hüfte, Knie, Knöchel) | 0 | |
| 2–10 große Gelenke | 1 | |
| 1–3 kleine Gelenke (Handgelenk, Finger, Daumen, Zehen). In den Händen zählen hierzu die Fingergrundgelenke, das Fingergelenk, das Ihrer Hand am nächsten ist (proximal), und das Handgelenk. In den Füßen zählen hierzu die Zehengrundgelenke mit Ausnahme der Großzehe. | 2 | |
| 4–10 kleine Gelenke | 3 | |
| Mehr als 10 kleine und große Gelenke | 5 | |
| Antikörper im Serum: Wählen Sie eine Antwort | ||
| Negative Ergebnisse für (1.) Rheumafaktor (RF) und für (2.) Anti-citrullinierte-Proteine-Autoantikörper (ACPA bzw. CCP-Antikörper) | 0 | |
| Leicht positive Ergebnisse für RF oder ACPA | 2 | |
| Stark positive Ergebnisse für RF oder ACPA* | 3 | |
| Entzündungsfaktoren im Blut: Wählen Sie eine Antwort | ||
| Normale Ergebnisse für C-reaktives Protein (CRP) und Erythrozytensedimentationsrate (ESR) | 0 | |
| Auffällige CRP- oder ESR-Werte | 1 | |
| Dauer der Symptome (Gelenkschmerzen, Schwellung, Druckschmerzempfindlichkeit): Wählen Sie eine Antwort | ||
| Weniger als 6 Wochen | 0 | |
| 6 Wochen oder länger | 1 | |
| Ihr Gesamtergebnis | ||
| * Als stark positives Ergebnis für Rheumafaktor oder ACPA gilt ein Wert, der den oberen Normalwert um mehr als das Dreifache übersteigt. | ||
Auswertung
– Bei einem Gesamtergebnis von 6 oder mehr Punkten haben Sie wahrscheinlich rheumatoide Arthritis.
– Bei einem Gesamtergebnis unter 6 Punkten haben Sie keine rheumatoide Arthritis, oder die Krankheit ist in Remission.
– Auch bei einem Gesamtergebnis unter 6 Punkten kann anhand der Ergebnisse Ihrer Röntgen-, Ultraschall-, MRT- oder CT-Aufnahmen eine rheumatoide Arthritis diagnostiziert werden.
Blutuntersuchungen auf typische RA-Antikörper wie den rheumatoiden Faktor (RF) und die Antikörper gegen cyclische citrullinierte Peptide (Anti-CCP; ACPA) können Marker nachweisen, die häufig schon vorhanden sind, bevor es zu Symptomen wie Gelenkschmerzen und Schwellungen kommt. Damit kann man herausfinden, wer von einer funktionsmedizinischen Behandlung profitieren würde, ehe überhaupt derartige Symptome auftreten. Das Gegenteil ist ebenfalls zutreffend. Bei manchen Menschen fallen die Tests negativ aus, aber die Diagnose lautet dennoch rheumatoide Arthritis, weil ihre Symptome und andere Ergebnisse der Definition von 2010 entsprechen.14 Hier spricht man von einer seronegativen RA, und obwohl Rheumatologen von einem Frühstadium der Erkrankung ausgehen, verschreiben sie häufig Methotrexat (MTX). Methotrexat gehört zur Arzneimittelgruppe der krankheitsmodifizierenden oder progressionsverlangsamenden Antirheumatika (DMARD, für engl. disease-modifying anti-rheumatic drugs), die in der Basistherapie einer rheumatoiden Arthritis häufig zur Anwendung kommen. Für die Patienten ist das verwirrend, weil sie das Gefühl haben, hier würde mit Kanonen auf Spatzen geschossen.
Meine Patientin Sherry war 40 Jahre alt, als sie mich aufsuchte. Sie hatte vor kurzem von einem Rheumatologen die Diagnose „Rheumatoide Arthritis“ erhalten, weil ihr Rheumafaktor positiv war und Schmerzen und Schwellungen in vier Fußgelenken auftraten. Bei mir suchte sie eine ursächliche Behandlung ihres Problems, anstatt lediglich die Symptome mit Methotrexat zu behandeln, wie ihr Arzt es ihr geraten hatte. Ich freue mich immer sehr, wenn ich Gelegenheit bekomme, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der noch keine Medikamente einnimmt. Schließlich weiß ich, dass die Behandlung der eigentlichen Arthritisauslöser über Konzepte der Funktionsmedizin die Krankheit tatsächlich heilen und nicht nur vorübergehend Symptome lindern kann. So werden Medikamente unter Umständen von vorneherein überflüssig. In meiner Praxis wie auch bei den anderen Ärzten am Blum Center for Health geschieht dies tagtäglich. Das Gute daran: Unabhängig davon, wo jemand im Spektrum der rheumatischen Arthritis angesiedelt ist – ob die Krankheit rasant fortschreitet wie bei June oder bisher ohne bleibende Schäden und ohne medikamentöse Behandlung ist wie bei Sherry –, kann der hier geschilderte Behandlungsansatz dazu beitragen, die eigenen Ziele zu erreichen, wie Schmerzfreiheit oder die Reduzierung der Medikamentendosis. Bisher brauchte Sherry keine Medikamente.
Sie sollten unbedingt wissen, auf welcher Grundlage Ihre RA-Diagnose gestellt wird, denn anhand dieser Kriterien wird der behandelnde Arzt auch beurteilen, ob Ihre Behandlung anschlägt und ob Sie in Remission sind. Für meine Patienten lege ich die ACR-Leitlinien von 2010 zugrunde, und ich empfehle ihnen deren Lektüre.* Parallel dazu verordne ich meine Arthritiskur sowie das Vorgehen, das in diesem Buch geschildert ist. Die Hintergrundinformationen helfen bei der Einschätzung, ob Ihre rheumatoide Arthritis sich bessert und zu welchem Zeitpunkt Sie mit Ihrem Arzt eine Anpassung oder ein Absetzen der Medikation erwägen können. Dies ist jedoch kein Muss. Sie können auch einfach Ihr Allgemeinbefinden als Richtschnur nehmen.
Viele Menschen fragen sich, warum ihre Ärzte sie zum Röntgen oder zu anderen Bildgebungsverfahren für die Hände schicken, um herauszufinden, welche Form der Arthritis bei ihnen vorliegt sowie ob und wie die Therapie hilft. Röntgen, Computertomografie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) und Ultraschall sind sehr nützliche Methoden zur Beurteilung von Gelenkentzündungen und Gelenkschäden. So kann eine Diagnose auch unabhängig vom Vorliegen anderer ACR-2010-Kriterien gestellt werden. Ein erfahrener Radiologe kann die verschiedenen Arthritisformen allein anhand dieser Bilder erkennen, was sehr hilfreich sein kann, wenn die Blutuntersuchungen unauffällig sind.15 Die Gelenke von Menschen mit rheumatoider Arthritis unterscheiden sich auf charakteristische Weise von jenen von Personen mit anderen Arthritisformen, denn es kann in den Knochen beiderseits des Gelenks zu geringerer Knochendichte (Osteopenie), einer Verschmälerung des Gelenkspalts, Knochenerosionen sowie einem Anschwellen der Gelenkschleimhäute kommen. Bei chronischem Verlauf kann hieraus eine Fehlstellung des Gelenks erwachsen. An den Füßen erfasst die rheumatoide Arthritis in der Regel beide Zehengelenke sowie die Gelenke im Fußballen. Wenn Hände und Füße betroffen sind, tritt die Arthritis normalerweise symmetrisch auf, also auf der rechten und der linken Seite.
Bildgebungsverfahren können auch eine Synovitis entdecken, eine Entzündung in der Schleimhaut der Gelenkkapsel, die offenbar noch vor den ersten Symptomen einer Arthritis auftritt. Als ein Team der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Gelenke von Patienten mit rheumatoider Arthritis über CT und MRT abbildete, stellte sich heraus, dass eine Synovitis sehr häufig vorlag, wenn zwar Antikörper nachweisbar waren, aber keine Arthritissymptomatik. Außerdem zeigte sich dabei, dass kleine geschädigte Areale mit dem späteren Auftreten von rheumatoider Arthritis in Zusammenhang standen. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass sich die Entzündung allmählich entwickelt und schließlich zu Arthritis führt. Am Ende folgt der Schmerz, und auch der wird erst spürbar, wenn eine gewisse Entzündungsschwelle überschritten wird.16
Diese und andere Arbeiten legen nahe, dass die rheumatoide Arthritis die Spitze des Eisbergs ist. Erkennbar ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt, der nicht widerspiegelt, was insbesondere vor dem Auftreten der Symptome und einer entsprechenden Diagnose längst unter der Oberfläche abläuft. Das unterstreicht nachdrücklich, weshalb ein Arzt solch umfassende Diagnoseverfahren einsetzen muss, wenn jemand mit Arthritis, anhaltender Abgeschlagenheit oder Entzündungsmarkern im Blut sich bei ihm vorstellt. Bei entsprechenden Blutwerten muss selbst ein schmerzfreier Patient behandelt werden, als wäre die rheumatoide Arthritis bereits eingetreten, denn man kann die Entzündung gezielt beeinflussen, bevor Symptome und dauerhafte Schäden entstehen. Das ist der optimale Zeitpunkt, um einer drohenden Arthritis über einen funktionsmedizinischen Ansatz vorzubeugen.
Frühe (seronegative) rheumatoide Arthritis
Gelenkschmerzen, Steifheit oder Schwellungen, die nicht den Diagnosekriterien einer rheumatoiden Arthritis entsprechen, sind sehr verbreitet. Viele Rheumatologen sprechen in diesem Fall von einer rheumatoiden Arthritis (RA) im Frühstadium, die sich ohne rechtzeitiges Gegensteuern wahrscheinlich verschlimmert. Seronegativ bedeutet dabei, dass im Blut keine typischen RA-Antikörper nachweisbar sind. Tatsächlich sind die Entzündungsmarker ESR und CRP bei 60 Prozent der Menschen mit früher rheumatoider Arthritis unauffällig, bei 70 Prozent sind die Rheumafaktoren normal, und 70 Prozent haben auch normale Röntgenbilder.17 Man spricht dann von einer Ausschlussdiagnose, bei der durch akribische Detektivarbeit andere mögliche Ursachen wie Viruserkrankungen, Borreliose, Gicht oder eine andere Autoimmunkrankheit ausgeschlossen werden. (Siehe Einschub auf den Seiten 45 bis 48.) Wenn nichts zu finden ist, die Symptome (in der Regel an den Fingern oder Zehen) aber dem typischen Erscheinungsbild einer rheumatoiden Arthritis entsprechen, erhält der Patient gegebenenfalls die Diagnose einer frühen oder seronegativen rheumatoiden Arthritis.
Frühe RA ist ein Grund zur Besorgnis, denn das bedeutet, dass man auf das Vollbild der Erkrankung zusteuert, wenn man nichts unternimmt. Genau das habe ich selbst erlebt. Als mir bewusst wurde, dass ich Arthritis in den Fingern hatte, obwohl alle Testwerte unauffällig waren, hielt ich die Arthritiskur vor lauter Angst, am Ende eine rheumatoide Arthritis zu entwickeln, 1 000-prozentig ein. Ich konnte meine Gelenkentzündungen heilen, indem ich meinen Darm in Ordnung brachte, Entspannungsverfahren praktizierte und mich an die darmfreundliche Arthritisdiät hielt, damit mein Schicksal niemals rheumatoide Arthritis lauten würde. Was ich im Einzelnen unternommen habe, schildere ich in Kapitel 9, „Meine Geschichte: Wie alle Elemente zusammenfanden“.
Im Frühstadium kann eine entzündlich bedingte Arthritis auf unerfindliche Weise kommen und gehen, Stunden bis Tage anhalten und von Tagen bis Monaten ohne Symptome gefolgt sein. Erkennbare Auslöser muss es dafür nicht geben. Diese Krankheitsform wird als „Palindromer Rheumatismus“ bezeichnet und gilt als Frühform der rheumatoiden Arthritis, auch wenn alle Tests unauffällig sind. Eine andere Form der seronegativen entzündlich bedingten Gelenkveränderung, die Polymyalgia rheumatica, ist der rheumatoiden Arthritis sehr ähnlich, weil hier eine Synovitis in den kleineren Gelenken der Hände und Füße vorliegt. Die Gelenkschmerzen sind jedoch deutlich erträglicher und treten in der Regel einseitig (asymmetrisch) auf. Bei diesen Patienten kommen auch erhebliche Muskelschmerzen hinzu. Menschen mit derartiger Symptomatik sollten die Arthritiskur ebenfalls befolgen.
Überblick: Arthritisdiagnose kurz und knapp
Rheumatische Gelenkerkrankungen
Rheumatoide Arthritis (RA)
● Befällt beidseits die kleinen Gelenke, meist Hände und Füße
● Erforderliche Diagnostik: Blutuntersuchungen auf Rheumafaktor (RF), Antikörper gegen cyclisch citrullinierte Peptide (CCP-Antikörper), Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und C-reaktives Protein (CRP). Besonders spezifisch für RA sind die CCP-Antikörper (auch ACPA genannt).
Spondyloarthritis (SA)
● Umfasst Psoriasisarthritis und ankylosierende Spondylitis
● Übliche weitere Symptome: Psoriasis (Schuppenflechte), chronisch-entzündliche Darmerkrankung, Rückenschmerzen oder Spondyloarthritis in der Familie
● Erforderliche Diagnostik: Hautuntersuchung auf Psoriasis und Blutuntersuchung auf humane Leukozytenantigene (HLA-B27, ein Gentest)
Autoimmunerkrankung
● Umfasst Systemischen Lupus erythematodes (SLE), Sjögren-Syndrom (SS), Dermatomyositis, Polymyositis und Sklerodermie
● Erforderliche Diagnostik: Blutuntersuchungen auf antinukleäre Antikörper (ANA) bzw. dsDNA-Antikörper (Anti-dsDNA); beim Sjögren-Syndrom sucht man nach Anti-SSA- und Anti-SSB-Antikörpern.
(Eine Liste aller Antikörpersuchtests finden Sie auf Seite 89–90.)
Arthritis bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED)
● Bei Bauchschmerzen, Durchfällen oder Blut im Stuhl kann ein Gastroenterologe gegebenenfalls eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung feststellen.
Seronegative entzündlich bedingte Arthritis
● Auch als undifferenzierte Arthritis oder frühe RA bezeichnet
● Diese Diagnose wird gestellt, wenn die Tests auf RA und andere Arthritisformen unauffällig sind.
● Gelenkschmerzen und -entzündungen können zwar in jedem Gelenk auftreten. Eine frühe RA sieht jedoch in der Regel eine Finger- oder Zehenbeteiligung vor.
Arthrose
● Erforderliche Diagnostik: bevorzugt mithilfe von Röntgenaufnahmen
Infektionen
Viral oder bakteriell
● Dauert üblicherweise nur sechs bis acht Wochen.
● Erforderliche Diagnostik: Blutuntersuchungen auf Viren (Parvovirus, Hepatitis, Röteln, Mumps) und Bakterien (Mykoplasmen)
● Bitte weisen Sie Ihren Arzt auf kürzlich unternommene Fernreisen hin. Bestimmte Viren wie das Chikungunya-Virus werden von Moskitos übertragen und können mit Gelenkentzündungen einhergehen.
Reaktive Arthritis
● Nach einem Harnwegsinfekt oder anderen Infektionen kann es zu einer reaktiven Gelenkentzündung kommen, die üblicherweise auch Schmerzen und Schwellungen im weichen Gewebe rund um die Gelenke erzeugt.
● Erforderliche Diagnostik: Kulturen aus Urin, Blut oder Samenflüssigkeit
Lyme-Borreliose
● Borreliose ist eine Infektionskrankheit, die durch Zeckenbisse übertragen wird. Dieser Zeckenbiss verläuft allerdings häufig unbemerkt.
● Betroffen sind die Großgelenke; eine Arthritis der Finger und Zehen ist ungewöhnlich.
● Erforderliche Diagnostik: Bei neu auftretenden, arthritisähnlichen Symptomen sollten Sie Ihren Arzt auf eine mögliche Borreliose hinweisen.
Septische Arthritis
● Infiziertes Gelenk
● Erforderliche Diagnostik: Der Arzt kann das Gelenk punktieren, Gelenkflüssigkeit entnehmen, eine Kultur anlegen und den Erreger bestimmen.
Weitere Ursachen
Gicht
● Harnsäurekristalle in den Gelenken
● Erforderliche Diagnostik: Harnsäurewert im Blut bestimmen, Röntgenaufnahmen, Nachweis von Harnsäurekristallen in der Gelenkflüssigkeit
Fibromyalgie
● Keine Gelenkentzündung oder Synovitis
● Die Schmerzen sind außerhalb der Gelenke und in den Muskeln und Sehnen angesiedelt.
● Erforderliche Diagnostik: Keine spezifischen Bluttests; die Diagnose beruht auf einer körperlichen Untersuchung durch den Arzt.
Arthritis bei Sarkoidose
● Erforderliche Diagnostik: Nachweis von Angiotensin-konvertierendem Enzym (ACE oder Kininase II) im Blut und Röntgenaufnahme der Brust zum Nachweis von Sarkoidose, einer entzündlichen Erkrankung, die viele Organe befällt, vor allem die Lunge.18
Behandlung der RA
Wer dieses Buch liest, denkt nun sicher an Medikamente. Vielleicht brauchen Sie gegenwärtig Medikamente oder Sie haben eine Zeit lang welche genommen. Vielleicht denken Sie auch erst darüber nach. An dieser Stelle gebe ich einen kurzen Überblick über die am häufigsten verordneten Medikamente gegen RA. Arzneimittel stehen zwar eindeutig nicht im Zentrum meines Behandlungskonzepts, aber als Patientin oder Patient müssen Sie die verschiedenen Optionen kennen und verstehen. Wichtig ist auch, dass ich Medikamente keineswegs ablehne, denn sie haben durchaus ihre Berechtigung. Wenn Ihre Arthritis beispielsweise mit unerträglichen Schmerzen und Entzündungen einhergeht, die Schmerzen so stark aufflammen oder so chronisch anhalten, dass Ihr Alltag darunter leidet, können Medikamente dazu beitragen, diesen Zustand kurzfristig zu beseitigen. In solchen Momenten sind Medikamente richtig, und Ihr Rheumatologe wird Ihnen die passenden Behandlungsmöglichkeiten erläutern. Dennoch möchte ich parallel dazu die schwelenden tieferen Entzündungsherde ersticken, damit Sie Ihre Medikation nur so kurz wie möglich benötigen. Arzneimittel gleichen eher einem Pflaster. Sie können in der Tat die Entzündung lindern, sodass es einem besser geht. Die eigentliche Ursache wird jedoch nicht angegangen. Sobald sich die Lage beruhigt hat, kann der Ansatz der funktionellen Medizin in den Vordergrund treten.
Arzneimittel
Rheumatologen empfehlen zunächst progressionsverlangsamende Antirheumatika (DMARD), die auch als Basismedikation bezeichnet werden. Sie wirken auf das Immunsystem und sollen das Fortschreiten der Arthritis hinauszögern. Vorübergehend werden bei der Erstdiagnose oft auch Kortikosteroide (wie zum Beispiel Prednison) eingesetzt, um die Krankheit und ihre Symptome rasch unter Kontrolle zu bringen. Diese Substanzen werden jedoch möglichst schnell wieder abgesetzt und die Therapie mit einem Mittel aus der Gruppe der DMARD fortgesetzt. Im späteren Verlauf werden Kortikosteroide mitunter verordnet, um ein akutes Aufflackern einzudämmen. Langfristig können sie jedoch sehr schädlich sein. Kortikosteroide können ernste unerwünschte Wirkungen wie Osteoporose, Sarkopenie (Muskelschwund), nachlassende Nebennierenaktivität (in den Nebennieren bilden wir eigene Steroide, z. B. das Hormon Kortisol), Haarausfall, Gewichtszunahme und Immunsuppression nach sich ziehen. Deshalb ist eine zu lange Einnahme nicht wünschenswert.
Anfangs wirken diese starken Entzündungshemmer wie Wundermittel gegen den Schmerz. Der Körper kann jedoch eine Abhängigkeit entwickeln. Ich habe Patienten, die schnell ihre Steroide absetzen konnten, und ich habe solche wie June, die es zweimal erfolglos versuchten. Als sie dieses wichtige Ziel nicht erreichen konnte, ohne dass ihre Symptome wiederkehrten, waren wir uns einig, dass es angesichts ihrer beruflichen körperlichen und emotionalen Belastungen falsch wäre, zu diesem Zeitpunkt die Medikation umzustellen. Ich wusste bereits, dass sie ein Jahr später in Rente gehen wollte. Darum beschlossen wir zu warten. Nach ihrem Ruhestand gingen wir die Entwöhnung ernsthaft an. Der Eckpfeiler der RA-Behandlung ist Methotrexat (MTX), das häufigste Basismedikament, das oft bereits allein ausreicht. Zwar sind die Nebenwirkungen relativ gering, doch die Wirksamkeit des Mittels lässt meist mit der Zeit nach. Dann wird ergänzend gern ein zweites, in diesem Fall biologisches Medikament aus der Gruppe der DMARD verordnet. Methotrexat stört die Fähigkeit des Körpers, Folat zu verwerten. Dieses wichtige Vitamin der B-Gruppe stabilisiert die Psyche und ist an der Decodierung von Genen beteiligt, an Abbau und Ausscheidung von Toxinen, an der Energieerzeugung und an der Bildung roter Blutkörperchen sowie an vielen weiteren biochemischen Prozessen im Bereich der Methylierung. Daher behindert Methotrexat die Zellneubildung und trägt zum Zelltod bei. Es zielt zwar auf die Immunzellen ab, beeinträchtigt aber auch jede andere Körperzelle. Aus diesem Grund wird Patienten, die Methotrexat erhalten, immer auch Folsäure verordnet. Verbreitete Nebenwirkungen sind Läsionen im Mund, eine entzündete, brennende Zunge, Zahnfleischentzündung (Gingivitis), Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Appetitverlust, Halsschmerzen und Abgeschlagenheit.
Andere Wirkstoffe aus der Gruppe der DMARD sind Hydroxychloroquin, Sulfasalazin und Leflunomid. Hydroxychloroquin war ursprünglich ein Malariamittel und wird für gewöhnlich ergänzend zu Methotrexat genommen. Allein ist es wenig wirksam. Warum es die Symptome von Arthritis lindert, ist unklar. Vermutlich hemmt es Antikörperreaktionen und unterdrückt die Aktivität bestimmter Immunzellen. Es könnte auch einen positiven Einfluss auf die Darmflora haben. Normalerweise ist Hydroxychloroquin gut verträglich. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel, Reizbarkeit, Muskelschwäche und potenzielle Netzhautschäden, die das Sehvermögen beeinträchtigen können, weshalb regelmäßige Augenarztbesuche erforderlich sind.
Zur zweiten Arzneimittelgeneration zählen die biologischen DMARD (Biologika oder Biosimilars). Dabei handelt es sich um gentechnisch erzeugte Stoffe, welche natürlichen Körpersubstanzen sehr ähnlich sind. Sie zielen auf Teile des Immunsystems ab, die Entzündungen fördern, darunter den Tumornekrose-Faktor (TNF)-alpha und Interleukin-2. Beispiele aus dieser Gruppe sind Rituximab und Abatacept. Biologika haben deutlich stärkere unerwünschte Wirkungen als konventionelle DMARD, weil sie aktiver in das Immunsystem eingreifen. Dadurch besteht ein erhöhtes Infektrisiko, und schlummernde Viren können reaktiviert werden, zum Beispiel das Windpockenvirus, das später eine Gürtelrose auslösen kann. Vor der Behandlung mit Biologika müssen verschiedene mögliche Infektionserkrankungen wie Tuberkulose oder eine Hepatitis B oder C ausgeschlossen werden, die dadurch wieder aktiv werden könnten. Die Therapie wird oft um Biologika ergänzt, sobald die Wirksamkeit von Methotrexat nachlässt. Untersuchungen zufolge reduziert eine derartige Kombinationstherapie bei etwa 50 Prozent der RA-Patienten die Symptome und beugt einer Verschlechterung des Gelenkzustands vor.
Bei den übrigen 50 Prozent ist sie jedoch nicht erfolgreich.19 Deshalb wird intensiv an weiteren Therapiemöglichkeiten geforscht. Die neueste Gruppe sind die Proteasom-Inhibitoren, eine Wirkstoffklasse, die auf die entzündungsfördernde Substanz NF-kappaB (engl. nuclear factor kappa B) abzielt und B-Lymphozyten im Plasma zerstört, die Immunzellen, die Antikörper erzeugen. Sie haben jedoch erhebliche Nebenwirkungen wie Taubheit und Kribbeln in Händen und Füßen, ein zahlenmäßiges Absinken der weißen Blutkörperchen, Durchfall und ein erhöhtes Risiko für schwere Infektionen. Da andere Therapien sicherer und wirksamer sind, werden sie für RA oder andere Arthritisformen derzeit noch nicht empfohlen.20
Es besteht eindeutig Bedarf für eine bessere Behandlung. Auch wenn konventionelle und biologische DMARD die Krankheit scheinbar zur Remission bringen, schwelen die Entzündungen weiterhin (wie der unsichtbare Teil des Eisbergs) in den Gelenken. Das erhöht das Rückfallrisiko. Zudem sprechen manche Patienten auf keines der genannten Mittel an. Auch sie brauchen andere Optionen. Hier setzt die funktionelle Medizin an. Inzwischen ist diese Erkenntnis auch in der Forschung angekommen, wo man sich auf die Behandlung der Darmbakterien konzentriert und Probiotika als alternative RA-Therapie einsetzt. Mehr dazu erläutere ich in Kapitel 5, „Die Verbindung zwischen Darm und Gelenken“.
Das medikamentöse Behandlungsziel: Remission
Unabhängig vom Behandlungsansatz sollte man als RA-Patient das Behandlungsziel und die Kriterien kennen, anhand derer festgestellt wird, ob jemand sich in Remission befindet. Denn daran erkennen wir, ob die Medikation reduziert oder gar abgesetzt werden kann. Laut Definition der konventionellen Medizin bedeutet „Remission“, dass die Arthritissymptome beziehungsweise die Laborwerte sich so verbessert haben, dass die Kriterien einer rheumatoiden Arthritis nicht mehr gegeben sind. Einerseits ist das großartig. Andererseits umfasst diese Definition nicht, dass die Entzündung oder die Arthritis wirklich verschwunden sind. Sie besagt lediglich, dass anhand der Kombination aus Symptomen und Blutwerten nichts mehr nachweisbar ist.
Die übliche Grundlage für die Beurteilung der Symptome, die Überwachung der Therapie und die Entscheidung, ob jemand in Remission ist, ist der DAS28. Der DAS28 (engl. Disease Activity Score) bestimmt anhand eines Punktwerts (score) die Krankheitsaktivität (disease activity) und stützt sich dazu auf drei Kriterien:
1. Die ärztliche Beurteilung der Anzahl der geschwollenen und druckschmerzhaften Gelenken in Händen, Handgelenken, Ellbogen, Schultern und Knien,
2. die allgemeine Einschätzung der Symptome durch den Patienten und
3. einen Laborwert zur Entzündungsaktivität (Erythrozytensedimentationsrate oder CRP-Wert).
Der Punktwert wird anhand einer komplexen Formel berechnet, für die glücklicherweise Onlinetools bereitstehen. Der DAS28 wird gern beim Erstgespräch als Basiswert ermittelt und dient dann bei Folgeterminen als Vergleichsgrundlage. Der einzige Nachteil daran ist, dass hierfür die Blutwerte vom Tag der körperlichen Untersuchung herangezogen werden, was mitunter schlecht zu koordinieren ist.
Je geringer die Punktzahl ist, desto besser.21 Bei Verwendung des DAS28 wird ein Wert unter 2,6 (geringe Schmerzen und normale Entzündungsmarker) als Remission definiert. Bis dieses Ziel erreicht ist, sollten Sie aus ärztlicher Sicht weiterhin Ihre jeweilige Medikation erhalten. Aber bedeutet dieser Wert tatsächlich eine Abwesenheit von Krankheit und einen gesundheitlichen Freischein? Die Antwort lautet: Nein.
Die DAS28-Ergebnisse werden (im deutschsprachigen Raum) wie folgt unterteilt:
< 2,6: klinische Remission
≥ 2,6 bis < 3,2: niedrige Krankheitsaktivität
≥ 3,2 und < 5,1: moderate Krankheitsaktivität
≥ 5,1: hohe Krankheitsaktivität
Die Universitätsklinik Erlangen-Nürnberg führte an Patienten in Remission eine randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudie anhand der DAS28-Kriterien durch. In einer solchen Studie werden Patienten nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugewiesen. Die eine Gruppe wird behandelt, die andere erhält ein Placebo, und beide werden ärztlich überwacht. Solche Studien gelten als besonders zuverlässig, weil auch die betreuenden Ärzte „blind“ sind, also nicht wissen, welcher Patient zu welcher Gruppe gehört. Diese Studie sollte ermitteln, woran man erkennen könnte, bei wem bei einer Reduzierung oder einem Absetzen der Medikation ein Rückfall zu erwarten wäre. Zwar erfüllten alle Studienteilnehmer die DAS28-Kriterien für eine Remission, doch gemäß der strengeren ACR-2010-Definition hatten 33 Prozent nach wie vor rheumatoide Arthritis. Keine Studienteilnehmer hatten zu Beginn druckschmerzempfindliche oder geschwollene Gelenke, 82,2 Prozent erhielten Methotrexat, 40,6 Prozent nahmen Methotrexat und ein biologisches Mittel aus der Gruppe der DMARD ein. Einige Patienten erhielten nun weiterhin ihre bisherige Medikation; bei anderen wurde die Dosis langsam herabgesetzt oder ganz abgesetzt. Ermittelt wurde dann in beiden Gruppen die Rückfallquote: Innerhalb von zwölf Monaten kam es bei 15 Prozent der Teilnehmer, die weiterhin ihre volle Medikation erhielten, zu einem Rückfall. Im selben Zeitraum hatten 44 Prozent derjenigen mit reduzierter oder abgesetzter Medikation einen Rückfall. Offenbar war knapp die Hälfte derjenigen, die weniger Medikamente erhielten, noch nicht wirklich weit genug geheilt. Das deutet darauf hin, dass die übliche Definition von Remission nicht mit fehlender Krankheitsaktivität gleichzusetzen ist. Bei diesen Teilnehmern schwelte die Arthritis lediglich knapp unter der Oberfläche und tauchte nach dem Absetzen der Medikamente wieder auf.
Umgekehrt jedoch blieben 56 Prozent der Studienteilnehmer auch ohne Medikamente in Remission. Das erinnert uns daran, dass es durchaus ein realistisches Ziel ist, irgendwann keine Medikamente mehr zu nehmen. Die Autoren fanden heraus, dass der ACPA-Spiegel (CCP-Antikörper) der Hauptfaktor für die Ermittlung des Rückfallrisikos ist. Das klingt nachvollziehbar, denn andere Studien zeigen, dass ein hoher Spiegel dieser Antikörper mit einem schwereren Krankheitsverlauf und Veränderungen in den Gelenken noch vor der Erstdiagnose einer RA einhergeht. Das Fazit der Autoren lautete: Das Vorliegen dieser Antikörper bei Menschen, deren RA in Remission ist, kann auf einen zugrunde liegenden, weiterhin aktiven Autoimmunprozess hindeuten, der das Bemühen, die Medikamente abzusetzen, unterminiert.22 Das heißt im Klartext, dass das Feuer bei nach wie vor hohen CCP-Antikörpern nicht gelöscht ist und man die Medikamente nicht absetzen sollte. An dieser Stelle greift das Drei-Stufen-Konzept gegen Arthritis.
In einer anderen Studie untersuchten Wissenschaftler der Autonomen Universität Barcelona MRT-Aufnahmen der Hände von Patienten mit rheumatoider Arthritis, die nach den Kriterien des DAS28 in Remission waren. Bei knapp 96 Prozent – also bei fast allen – lagen weiterhin Gelenkentzündungen vor. Aus meiner Sicht bestätigt auch dies, dass der DAS28 nicht zwangsläufig feststellt, dass keine Entzündungen mehr vorliegen, und daher nicht als Kriterium für eine Remission verwendet werden sollte. Als echte Remission sollte das völlige Fehlen von Gelenkentzündungen aufgrund von rheumatoider Arthritis betrachtet werden, also ein Nullrisiko für eine weitere Gelenkschädigung. Dieses Kriterium ist nur bei weniger als fünf Prozent der Patienten in Remission erfüllt.23 Für mich bedeutet dies, dass bei den meisten RA-Patienten, die glauben, sie wären wirklich in Remission, wenn sie mit den üblichen Medikamenten behandelt werden und übliche Remissionskriterien angelegt werden, in Wahrheit weiterhin oxidativer Stress und Gelenkentzündungen vorliegen. Ohne weitere Behandlungsmaßnahmen werden wahrscheinlich weitere Gelenkschäden eintreten. Das unterstreicht, dass wir andere Leitlinien für die Remission brauchen. Außerdem brauchen wir ein Behandlungskonzept, das nicht nur das Geschehen an der Oberfläche anspricht. Die Therapie muss das Entzündungsgeschehen an der Wurzel packen und das Feuer vollständig löschen. Letztlich müssen die Behandlungsziele und die Krankheit selbst neu definiert werden. Ärzte sollten sich auf die Behandlung von oxidativem Stress und die Ursachen der Entzündungen konzentrieren, nicht nur auf die Unterdrückung der Symptome, was die konventionelle Medikation offenbar leistet. Wir können mehr tun, als Menschen „ausreichend“ zu behandeln.
Das wohl wichtigste Kriterium ist die Selbsteinschätzung des Patienten. Der Körper weiß sehr genau, wie es ihm geht, und wenn man auf ihn hört, weiß man, ob etwas gut ist oder nicht. (Regelmäßige Meditations- oder Achtsamkeitsübungen können dazu beitragen, ein sicheres Gespür für den eigenen Körper zu entwickeln. Achtsamkeit bedeutet lediglich, ganz auf den gegenwärtigen Moment zu achten, ohne sich in Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft zu verlieren. Regelmäßiges Üben wirkt beruhigend, weil man so besser wahrnimmt, was jetzt gerade im eigenen Körper vorgeht.) In der Medizin bezeichnet man die Sichtweise des Patienten und die von ihm berichteten Symptome als „Selbsteinschätzung des Patienten“. In der Forschung ist unklar, was dies über Entzündungen und Schädigungen aussagt. Es klingt jedoch nachvollziehbar, dass die Selbsteinschätzung des Patienten Aussagen über die Grundaktivität der Erkrankung und das Fortschreiten der Genesung zulässt, besonders wenn keine Laborwerte verfügbar sind. In Bezug auf die rheumatoide Arthritis kommt es insbesondere auf Patientenaussagen zu Schmerzen, psychischer Belastung, Schlafproblemen und Abgeschlagenheit sowie zu allgemeinen Einschränkungen bei der Bewältigung des häuslichen und beruflichen Alltags an.24
Weil Veränderungen des Befindens sehr aussagekräftig sind, kurzfristig eintreten und Rückschlüsse in Echtzeit gestatten, lege ich bei der Arthritisbehandlung großen Wert auf engmaschige Rückmeldungen. So kann ich feststellen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. June ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn Schmerzen in ihren Händen während unserer Zusammenarbeit zunahmen, stiegen auch ihre Entzündungsmarker an. Aufgrund ihrer Berichte zu ihrem Befinden wusste ich jedoch stets, wie es um sie stand. So konnte ich feststellen, wie ihre Therapie anschlug und wann wir das Prednison zurückfahren konnten. Wir kamen überein, das Kortikosteroid versuchsweise auszuschleichen, obwohl ihr CRP-Spiegel – der seit ihrem ersten Termin bei mir massiv zurückgegangen war – nach wie vor leicht erhöht war.
* Als stark positives Ergebnis für Rheumafaktor oder ACPA gilt ein Wert, der den oberen Normalwert um mehr als das Dreifache übersteigt.
Anmerkung der Übersetzerin: In Europa gilt die vergleichbare EULAR-Leitlinie, auf deren Grundlage die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie, DGRh, die S1-Leitlinie „Rheumatoide Arthritis“ erarbeitet hat.
KAPITEL 2
Spondyloarthritis
Unter Spondyloarthritis versteht man einen Beschwerdekomplex, bei dem Entzündungen und arthritische Veränderungen der Wirbelsäule im Mittelpunkt stehen. Am bekanntesten ist die Psoriasisarthritis (PsA), die jedoch keineswegs die einzige entzündliche Erkrankung in der Gruppe der Spondyloarthritiden ist. Der Oberbegriff umfasst auch die ankylosierende Spondyloarthritis (AS), juvenile Spondyloarthritis, reaktive Arthritis und akute anteriore Uveitis. Im Unterschied zu anderen Arthritisformen befallen die Krankheiten unter diesem Oberbegriff nicht nur die Gelenke, sondern auch die Enthesen, also die Teile einer Sehne oder eines Bandes, die am Knochen ansetzen. Hinzu kommt, dass jede dieser Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko für eine chronisch entzündliche Darmerkrankung (Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn) verbunden ist – und umgekehrt. An dieser Stelle konzentrieren wir uns auf die zwei häufigsten Formen der Spondyloarthritis, die Psoriasisarthritis und die ankylosierende Spondyloarthritis.
Psoriasisarthritis (PsA)
Von Psoriasisarthritis sind zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen. Im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis erkranken üblicherweise die großen Gelenke, insbesondere die der Wirbelsäule. Die PsA kann auch in verschiedenen Teilen des Körpers einschließlich der Finger und Zehen in Erscheinung treten. Menschen mit Augenentzündungen wie Uveitis und Iritis sind häufiger von Psoriasisarthritis betroffen und umgekehrt. Die Krankheit tritt bei Männern und Frauen mit gleicher Häufigkeit auf. Da es für eine Psoriasisarthritis weder spezifische Bluttests noch andere Diagnoseverfahren gibt, stützt sich die Diagnose auf das Punktesystem CASPAR (siehe Kasten), das Symptome erfasst, die der Arzt feststellen kann, sowie Symptome, von denen der Patient berichtet.1
Klassifikationskriterien für Psoriasisarthritis (CASPAR)
Neben einer entzündlichen Arthritis, Enthesitis (Entzündung der Enthese einer Sehne oder eines Bands) oder Schmerzen im unteren Rücken liegen mindestens drei der folgenden Kriterien vor:
● Sie haben gegenwärtig Psoriasis (Schuppenflechte): 2 Punkte
● Sie hatten in der Vergangenheit Psoriasis: 1 Punkt
● Sie haben keine Psoriasis, aber ein Familienmitglied ersten Grades hat diese Erkrankung: 1 Punkt
● Ihr Fingernagel hat sich vom Nagelbett gelöst: 1 Punkt
● Entzündung von einem oder mehreren Fingern oder Zehen (aktuell oder früher einmal von einem Rheumatologen festgestellt): 1 Punkt
● Der Rheumafaktor ist im Blut nicht nachweisbar: 1 Punkt
● Ein Röntgenbild zeigt eine Knochenproliferation (keinen Knochensporn) in Form eines verwaschenen Bereichs um das Gelenk: 1 Punkt
Zur Beurteilung der Gelenke und zur Diagnosestellung können Bildgebungsverfahren herangezogen werden. Der erste Schritt ist üblicherweise ein Röntgenbild. Die beste Wahl ist jedoch häufig die Magnetresonanztomographie (MRT), mit der Schäden und Schwellungen der Sehnen besser darstellbar sind. Eine weitere Option ist Ultraschall, wobei das neuere Dopplerultraschallverfahren tiefere Einblicke in das Gelenk gestattet. Das macht es zu einem gut verfügbaren und sehr nützlichen Hilfsmittel zur PsA-Diagnose, aber auch zur Feststellung, ob eine echte Remission ohne Entzündungen eingetreten ist.2
Schuppenflechte (Psoriasis) ist eine Hauterkrankung, bei der gerötete Hautareale mit silbrigen Schuppen an jedwedem Körperteil auftreten können. Bei schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Betroffenen liegt auch eine Psoriasisarthritis vor. Falls Sie Arthritis haben und auch nur kleinste Schuppenflechtenareale aufweisen, haben Sie wahrscheinlich eine Psoriasisarthritis. Deshalb muss Ihre gesamte Haut ärztlich begutachtet werden, auch die Kopfhaut und die Haut hinter den Ohren. Schuppenflechte wird üblicherweise als reine Hauterkrankung betrachtet. Vielen Menschen ist daher nicht bewusst, dass eine Psoriasisarthritis einen sehr schweren Verlauf nehmen kann und mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, starkem Übergewicht und metabolischem Syndrom einhergeht. Das metabolische Syndrom zeichnet sich dabei durch zu viel Bauchfett aus, das eine hohe Entzündungsaktivität im Körper erzeugt. Diese Begleiterkrankungen schränken die Lebensqualität ein und erhöhen das Sterberisiko insgesamt.3 Zu den Symptomen des metabolischen Syndroms zählen ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis, Bluthochdruck, ein hoher Cholesterinspiegel und entweder Prädiabetes (erhöhter Insulin- oder Blutzuckerspiegel) oder klinisch diagnostizierter Diabetes, bei dem der Blutzucker medikamentös reguliert werden muss.
Bei mehr als 80 Prozent der Betroffenen treten die ersten Hautveränderungen zehn Jahre oder länger vor den ersten Arthritisbeschwerden auf. Allerdings kann auch schon Jahre vor der ersten Schuppenflechte eine Arthritis vorliegen, womit die Hautsymptomatik für die Diagnose nicht erforderlich ist. Wegen dieser Uneindeutigkeit kann die Diagnose ohne erkennbare Schuppenflechte nur durch einen Rheumatologen gestellt werden.
Es gibt fünf Subtypen der Psoriasisarthritis, die gemäß dem Klassifizierungssystem nach Moll und Wright eingeteilt werden. Diese Kategorien sind nur scheinbar klar voneinander abgegrenzt. In der Praxis passen viele Menschen nicht exakt in das eine oder andere Schema, sodass die Diagnose nicht immer auf der Hand liegt. In der Schulmedizin erleichtert die Festlegung auf eine Kategorie die Ermittlung der passenden Behandlung. In der funktionellen Medizin spielt der Subtyp letztlich keine Rolle, weil allen Erscheinungsformen ein Entzündungsgeschehen und wahrscheinlich wie bei der rheumatoiden Arthritis auch ein Ungleichgewicht im Darm zugrunde liegt. Die Behandlung ist somit dieselbe. Ich führe die fünf Kategorien dennoch auf der folgenden Seite auf, um zu zeigen, dass man auch ohne Schuppenflechte eine Psoriasisarthritis haben kann.
Meine Patientin Robin, eine 56 Jahre alte Frau, glücklich verheiratet und Mutter von zwei Kindern, ist ein gutes Beispiel für jemanden, der nur schwer in diese Kategorien einzuordnen ist. Als sie mich aufsuchte, berichtete sie, dass sie seit zehn Jahren sehr müde sei. Die chronischen Schmerzen in Händen, Handgelenken, Knien, Ellbogen, Nacken und
● Asymmetrische Arthritis an einigen Gelenken: Betroffen sind hier bis zu fünf mittelgroße Gelenke wie Handgelenke oder Knie, für gewöhnlich nur einseitig. Das ist der Unterschied zur rheumatoiden Arthritis, bei der typischerweise beide Handgelenke (bilateral oder symmetrisch) sowie die kleinen Gelenke der Hände und Füße befallen sind, bevor die größeren Gelenke erkranken.
● Symmetrische Polyarthritis: Diese Kategorie ähnelt in vielerlei Hinsicht der rheumatoiden Arthritis: Die Krankheit erfasst zahlreiche kleine Gelenke auf beiden Seiten des Körpers, und bei bis zu 50 Prozent der Betroffenen mit PsA ist im Röntgenbild eine Schädigung der Knochen innerhalb der Gelenke erkennbar. Bei diesem Krankheitsbild muss der Arzt das Blut auch auf rheumatoide Arthritis hin untersuchen.
● Distale interphalangeal dominante Arthritis (DIP-Synovitis): Hier betrifft die Arthritis die Endgelenke der Zehen und Finger. Normalerweise ist auch der Nagel eingedellt, und der Nagel löst sich schmerzlos vom Nagelbett. Wenn keine Schuppenflechte vorliegt, kann diese Form der PsA einer Arthrose ähneln. Das Röntgenbild sollte dem Arzt die Unterscheidung ermöglichen.
● Spondyloarthritis: Diese Arthritis befällt die Wirbelsäule oder die Sakroiliakalgelenke (eines oder beide), die das Ende der Wirbelsäule mit dem Becken verbinden. Die Schmerzen im unteren Rücken bei einer Spondyloarthritis gleichen denen der ankylosierenden Spondyloarthritis, was dem Arzt die Diagnose erschweren kann. Eine ankylosierende Spondyloarthritis lässt sich jedoch über einen Gentest auf HLA-B27 im Blut nachweisen. Fällt dieser Test negativ aus, liegt eher eine PsA vor.
● Arthritis mutilans: Diese schwere Erkrankung, die 20 bis 40 Prozent der Menschen mit Psoriasisarthritis entwickeln, kann extreme Gelenkveränderungen hervorrufen, die Knochen zerstören und irreversible Funktionsverluste nach sich ziehen. Schon aus diesem Grund ist die frühe Diagnose und Behandlung bei Psoriasisarthritis genauso wichtig wie bei rheumatoider Arthritis.4
Rücken hätten während der Stillzeit ihres ersten Kindes begonnen, also vor 15 Jahren. Beim Erstkontakt bitte ich meine Patienten stets, ihre Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 einzuordnen. Robin wählte die 5. Zusätzlich war etwa zwei Monate, bevor Robin zu mir kam, an ihrem linken Mittelfinger eine schmerzhafte stenosierende Tenosynovitis aufgetreten. Dabei bleibt der Finger in gekrümmter Haltung blockiert. Dieses Muster der Arthritis und der Gelenkschmerzen passte zu keiner der oben genannten Kategorien. Weil Robin jedoch im Alter zwischen 20 und 30 an Schuppenflechte erkrankt war, ging ich von einer PsA aus. Die Bluttests bestätigten diese Vermutung. Robins Werte für Rheumafaktor, CCP-Antikörper, CRP, ESR und ANA waren normal, und sie hatte auch keine Antikörper gegen Borreliose und andere Infektionen, sodass andere mögliche Ursachen entfielen.
Robins Schuppenflechte hatte an beiden Knien und Ellbogen begonnen und jeweils etwa drei Wochen angehalten. Als sie zum ersten Mal zu mir kam, hatte sie üblicherweise drei bis vier Schübe pro Jahr auf Kopfhaut und Nacken sowie zwischen den Brüsten. Diese Schübe hielt sie mit oberflächlich aufgetragener Steroidcreme unter Kontrolle. Gegen ihre Arthritis nahm sie bislang frei verkäufliche Schmerzmittel ein. Stärkere Arzneien hatte sie bisher nie benötigt und auch keinen Rheumatologen für eine definitive Diagnose aufgesucht.
Zu meiner Detektivarbeit gehört bei allen neuen Patienten auch die Frage nach Verdauungssymptomen. Robin berichtete, dass sie nach dem Essen häufig starke Blähungen hätte und zweimal an starken Bauchschmerzen gelitten hätte. Die Ärzte hatten jedoch nie die Ursache gefunden. Angesichts ihrer Verdauungsproblematik verordnete ich ihr nicht nur die Einstiegsdiät für den Darm, sondern bat sie auch um eine Stuhlprobe, um den Zustand ihres Mikrobioms beurteilen zu können. Der Test ergab eine auffällige bakterielle Dysbiose. Nachdem wir ihren Darm mit Kräutern und Probiotika behandelt hatten, wurde die Arthritis rasch besser. Auf die Dysbiose und ihre Behandlung gehe ich in Teil 2, „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“, näher ein. Dort werden auch die wissenschaftlichen Studien zu Verbindungen zwischen einem gesunden Darm und gesunden Gelenken angesprochen.
Ankylosierende Spondyloarthritis (AS)
Die ankylosierende Spondyloarthritis ist eine chronisch entzündliche Erkrankung, die leicht verlaufen oder aber zu starken Einschränkungen führen kann. Die Hauptsymptome sind starke, chronische Rückenschmerzen und Steifheit – was logisch ist, denn ankylosis bezeichnet das Steifwerden eines Gelenks und spondylos bezieht sich auf einen Wirbel. Bei dieser Erkrankung bildet sich zwischen den Wirbelgelenken neue Knochenmasse. Es entstehen knöcherne Verbindungen, wodurch die Wirbelsäule immer steifer wird. Ohne rechtzeitige Behandlung können die Wirbel bei manchen Menschen dauerhaft miteinander verwachsen. Die ankylosierende Spondyloarthritis betrifft Männer etwa doppelt bis dreimal so häufig wie Frauen.
Die Diagnose einer ankylosierenden Spondyloarthritis wird gestellt, wenn jemand jünger als 45 Jahre alt ist und die folgenden drei Merkmale aufweist:
1. Chronische Rückenschmerzen, die über drei Monate anhalten,
2. auf dem Röntgenbild oder der MRT-Aufnahme erkennbare Entzündung der Sacroiliacalgelenke und
3. positiver Gentest auf das Protein HLA-B27. Dieser Gentest ist bei etwa 90 Prozent der AS-Patienten positiv.
Ohne diese drei Merkmale ist es unwahrscheinlich, dass die Erkrankung bei Ihnen vorliegt. In diesem Fall müssen Sie mit Ihrem Arzt weiter nachforschen. Wenn ich bei einem Patienten eine ankylosierende Spondyloarthritis vermute, ordne ich einen HLA-B27-Test an. Ist dieser positiv, so schicke ich ihn zur Bestätigung zum Röntgen oder zu seinem Rheumatologen. Ohne HLA-B27-Nachweis ist eine AS-Diagnose zwar möglich, aber sehr ungewöhnlich. Bei negativem Testergebnis sind Sie wahrscheinlich von etwas anderem betroffen.
Etwa 4,6 bis fünf Prozent aller Menschen mit Schmerzen im unteren Rücken haben AS. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung wird in den USA auf 0,2 bis 0,5 Prozent geschätzt. Dabei gibt es auch ethnische Unterschiede. Europäer beispielsweise sind zu 7,5 Prozent HLA-B27-positiv. Das ist der höchste Anteil aller ethnischen Gruppen. (Zum Vergleich: Afroamerikaner stellen mit 1,1 Prozent den niedrigsten Anteil.) Allerdings erkranken nur fünf bis sechs Prozent der Menschen mit einem positiven Test auf HLA-B27 an einer ankylosierenden Spondyloarthritis. Diese Zahlen klingen vielleicht nicht besonders hoch, doch wenn man die Gesamtzahl der Menschen bedenkt, sind sie doch besorgniserregend. Eine genetische Vorbelastung heißt jedoch keineswegs, dass Sie nichts tun könnten. Wie bei der rheumatoiden Arthritis müssen wir die jeweiligen Auslöser der Entzündung finden und behandeln, damit sich die Symptome bessern. Auch bei AS spielt die Darmgesundheit eine Rolle. Darauf gehen wir in Teil 2, „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“, näher ein.
Abschließend möchte ich Ihnen noch von zwei meiner Patientinnen erzählen. Die eine ist Sharon, die Jahre nach einer schweren Episode von Morbus Crohn – einer entzündlichen Erkrankung des Dünndarms – Arthritis entwickelte. Sharon war eine kerngesunde Frau, die täglich ihre sechs Kilometer lief und Fußball spielte. Nach dem Verzehr von Himbeeren, die mit einem bestimmten Parasiten infiziert waren, erkrankte sie an schlimmem Durchfall. Viele andere Infizierte starben offenbar an diesem Befall. Sharon lag eine Woche im Krankenhaus und benötigte viele Antibiotika und Mittel gegen den Parasiten.
Ihr Darm erholte sich ihrer Aussage nach nie wieder davon, und sie hatte regelmäßig mit Blähungen, Aufstoßen und immer wieder auch mit Durchfall zu kämpfen. Solche Geschichten höre ich häufig: Eine schwere Erkrankung verändert dauerhaft das Wohlbefinden, obwohl sie angeblich längst ausgeheilt ist. Einige Jahre nach dieser Infektion bekam Sharon Fieber, Schmerzen und wieder Durchfall. Diesmal lautete die Diagnose Morbus Crohn. Der Nachweis wurde endoskopisch erbracht. Das Endoskop mit Kamera wurde über den Rachen in den Magen und Dünndarm eingeführt. Sharon erhielt den immunmodulierenden Wirkstoff 6-MP, von dem sie allerdings so müde wurde, dass sie ihren Job kündigen musste und nur noch schlief. Immerhin gesundete sie damit so weit, dass sie schwanger wurde. Als sie mich aufsuchte, lag die Geburt ihres ersten Kindes acht Jahre zurück. Sharon ging es nicht gut, aber sie kam zurecht. Nach der Geburt ihres Kindes hatte sie drei- bis viermal täglich lockeren Stuhlgang, ihr war oft übel, und sie hatte Schmerzen im rechten Unterbauch.
Es ging ihr jedoch gut genug, um das 6-MP abzusetzen, doch dann setzten Rückenschmerzen ein. Sie waren so schlimm, dass Sharon nicht mehr laufen konnte. „Die Rückenschmerzen überlagerten meine Verdauungsprobleme“, sagt Sharon. Nach einem Termin beim Rheumatologen erfuhr Sharon, dass sie HLA-B27-positiv war. Das Röntgenbild zeigte eine Entzündung ihrer Sakroiliakalgelenke, und fast ihre gesamte Wirbelsäule war von Arthritis befallen. Aufgrund dieses Symptomkomplexes und der Testergebnisse wurde bei ihr eine ankylosierende Spondyloarthritis diagnostiziert. Hinzu kamen steife Hände mit entzündeten Sehnen, doch am schlimmsten waren die Rückenschmerzen.
Drei Jahre lang probierte Sharon es mit unterschiedlichen Arzneimitteln, darunter Steroide und zwei Biologika, welche das Immunsystem unterdrückten: Adalimumab gegen die Rückenschmerzen und Infliximab gegen Morbus Crohn. Da sie daraufhin Hefepilzinfektionen entwickelte – was bei einer Ausbremsung des Immunsystems gut möglich ist –, brach sie diese Therapie ab. Irgendwann nahm sie gar keine Medikamente mehr, doch da kehrte der Morbus Crohn so vehement zurück, dass sie ins Krankenhaus musste und wieder mit Antibiotika behandelt wurde.
Kurz nach ihrem Klinikaufenthalt stellte Sharon fest, dass sie erneut schwanger war. Sie freute sich sehr auf das zweite Kind, doch für ihren Körper war diese ungeplante Schwangerschaft eine große Belastung. Schließlich war sie so matt und müde, dass sie Infusionen benötigte, um die neun Monate zu überstehen. Ihre Medikamente nahm sie nicht mehr, hatte jedoch schlimme Rückenschmerzen und große Angst. Der Morbus Crohn gelangte nie mehr in Remission, sondern köchelte vor sich hin und bescherte ihr Monat für Monat anfallsweise wässrige Durchfälle. Nachdem Sharons Kind geboren war, erhielt sie gegen den Morbus Crohn den entzündungshemmenden Wirkstoff Mesalazin. Daraufhin beruhigte sich ihr Darm, und seitdem ist sie bei dieser Medikation geblieben.
Zwei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes machten die Rückenschmerzen ihr das Leben so schwer, dass es ihr schließlich reichte. Sie probierte ein neues Immunbiologikum, Certolizumab, das alle zwei Wochen gespritzt werden musste. Dieser Therapie unterzog sie sich schon zwei Jahre, als sie mich aufsuchte. Das Certolizumab linderte ihre Beschwerden etwa zehn Tage lang. Danach ließ die Wirkung nach, und Sharon litt die vier verbleibenden Tage bis zur nächsten Spritze unter furchtbaren Schmerzen. Trotz all ihrer Medikamente hatte sie weiterhin mit lähmenden Rückenschmerzen zu kämpfen, und auch die Achillessehnen machten Beschwerden. Zu diesen erheblichen Einschränkungen gesellten sich Angst und Stress, sodass sie kaum den Tag überstand und sich abends nicht mehr um ihre Kinder kümmern konnte, die damals erst vier und sechs Jahre alt waren. Um nachts schlafen zu können, nahm sie das angstlösende Mittel Lorazepam sowie Hydrocodon, ein Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide. Zusätzlich erhielt sie Duloxetin, ein Antidepressivum, das auch gegen Schmerzen hilft, und Pregabalin gegen die Nervenschmerzen im Bein, die von einem Bandscheibenvorfall herrührten.
Die Aussage, dass es Sharon bei unserem ersten Gespräch nicht gut ging, ist weit untertrieben. Ich erzähle hier von Sharon, um zu betonen, dass ankylosierende Spondyloarthritis Patienten massiv beeinträchtigen kann. Bei manchen Menschen ist mein erstes Ziel in der funktionellen Medizin die Schmerzlinderung, damit sie ihr Leben wieder leichter bewältigen können. Zudem ist Sharon ein Beispiel für den klassischen Zusammenhang zwischen chronisch entzündlicher Darmerkrankung und Spondyloarthritis. Dass zwischen diesen beiden Gesundheitsproblemen eine Verbindung besteht, ist seit Langem bekannt und unterstreicht alles, was ich in diesem Buch weitergebe: Es gibt Zusammenhänge zwischen dem Darm und körperweiten Entzündungen.
Auf Sharon und ihre Behandlung gehe ich in Kapitel 6, „Den Darm heilen“, näher ein. Wie alle meine Patienten mit entzündlich bedingter Arthritis befolgte sie meine Arthritiskur. Zum Zeitpunkt, während ich dies schreibe, arbeite ich seit einem Jahr mit Sharon zusammen. Obwohl wir noch einen langen Weg vor uns haben, hat sich ihre Lebensqualität erheblich verbessert. Inzwischen kann sie mit ihren Kindern umhertollen, was vorher nicht möglich war. Ihr Stuhlgang hat sich normalisiert, und wenn sie ihr Certolizumab nimmt, reicht die Dosis für die vollen 14 Tage aus. Das sind Trippelschritte, aber es geht sichtlich aufwärts.
Eine ankylosierende Spondyloarthritis beeinträchtigt nicht jeden so massiv wie Sharon. Ein perfektes Beispiel für eine Patientin mit einer nur leicht ausgeprägten Erkrankung ist die 52-jährige Pilates-Lehrerin Tina. Seit zehn Jahren leidet sie unter ankylosierender Spondyloarthritis, hatte die eher leichten Rückenschmerzen jedoch mit Meloxicam im Griff, einem Wirkstoff aus der Gruppe der nicht-steroidalen Entzündungshemmer (NSAID). Wenn sie zum Skifahren ging, erhöhte sie die Dosis leicht, um mit den Schmerzen klarzukommen. Von mir wollte Tina in erster Linie wissen, wie sie ihre Gesundheit über die Ernährung unterstützen könnte. Und sie wollte gern ihr Schmerzmittel absetzen. Inzwischen hat sie die Arthritiskur durchgeführt und schraubt die Medikation allmählich herunter. Ihre Rückenschmerzen sind verschwunden, und sie hat mehr Energie denn je. Ihr ist bewusst, dass ankylosierende Spondyloarthritis letztlich eine chronische Erkrankung sein kann, mit der sie gegebenenfalls leben muss. Aber sie ist fest entschlossen, einer möglichen Verschlimmerung konsequent vorzubeugen. So weit, so gut.
Konventionelle Medikation
Die Therapie sowie die Kriterien für die Beurteilung, ob eine Psoriasisarthritis in Remission ist, ähneln in vielerlei Hinsicht dem Vorgehen bei rheumatoider Arthritis. Da die Laborwerte bei Psoriasisarthritis in der Regel unauffällig sind, gilt das Fehlen von Symptomen als klinische Remission. Dieses Ziel wird auch für Menschen mit ankylosierender Spondyloarthritis zugrunde gelegt. Im Gegensatz zur rheumatoiden Arthritis zielt die Behandlung somit auf minimale Krankheitsaktivität ab.
Sowohl bei PsA als auch bei AS kommen regelmäßig nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAID) und Corticosteroide zum Einsatz. NSAID lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: nichtselektive und selektive Wirkstoffe. Zu den nichtselektiven NSAID, die frei verkäuflich sind, zählen Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Naproxen. Eine unerwünschte Nebenwirkung ist hier die Schädigung der Magenschleimhaut. Mögliche Folgen sind eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis), die sich wie Sodbrennen anfühlen kann, oder ein Magengeschwür (Ulkus). Zudem werden aus Sicht der funktionellen Medizin die empfindliche Magen-Darm-Schleimhaut gereizt und eine übermäßige Darmdurchlässigkeit verschlimmert. Die selektiven NSAID, die sogenannten COX-2-Inhibitoren, sind hervorragende Schmerzmittel, die Magen und Darm weniger belasten. Beispiele aus dieser Gruppe sind die Wirkstoffe Diclofenac, Celecoxib und Indometacin. Sie erhöhen jedoch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Daher eignen sie sich nur für die vorübergehende Behandlung und nicht für herzkranke Patienten. In der PsA-Behandlung werden gern NSAID-Präparate mit Methotrexat kombiniert. Wie bei der rheumatoiden Arthritis ist Methotrexat auch bei Psoriasisarthritis und ankylosierender Spondyloarthritis ein Grundbaustein der Therapie, obwohl seine Wirksamkeit erst durch wenige Studien untersucht wurde. Die verfügbaren Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Methotrexat in Dosen unter 15 Milligramm pro Woche nicht sehr wirkungsvoll ist. Am besten ist die Wirkung in Kombination mit einem biologischen DMARD wie Infliximab. Immunbiologika eröffnen ganz neue Ansätze zur erfolgreichen PsA-Behandlung. In den USA sind zur PsA-Therapie gegenwärtig die folgenden TNF-Inhibitoren zugelassen: Infliximab, Adalimumab, Certolizumab, Etanercept (ein TNF-Blocker) und Golimumab (ein TNF-Blocker, der nur einmal im Monat verabreicht wird). Insgesamt erscheinen die verschiedenen Wirkstoffe vergleichbar. Das heißt, wenn Sie auf den einen nicht gut ansprechen, könnte ein anderer besser helfen. Das habe ich häufig erlebt. Eine Dauertherapie mit diesen Arzneimitteln kann jedoch signifikante unerwünschte Wirkungen mit sich bringen. Deshalb nehme ich mir so viel Zeit für Gespräche, warum man diese Mittel so früh wie möglich wieder ausschleichen und absetzen sollte.
Ganz aktuell für die PsA- und AS-Therapie sind Arzneimittel, welche gezielt verschiedene Zellen des Immunsystems ansprechen. Wie Lenkraketen zielen sie unmittelbar auf die Immunreaktion in der Haut und den Gelenken ab. Viele dieser Substanzen werden auch für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis erforscht. Hierzu zählen Januskinase-Inhibitoren (JAK-Inhibitoren), welche die Aktivität einer ganzen Enzymfamilie hemmen, und der genetisch modifizierte monoklonale Antikörper Rituximab. Der Einsatz dieser Mittel wird mittlerweile an größeren Populationen mit PsA-Betroffenen untersucht. Da erste Studienergebnisse sehr vielversprechend ausfielen, sind viele Substanzen aus dieser Gruppe bereits in Gebrauch und verfügbar. Jedes Medikament hat eigene Nebenwirkungen, doch wie bei anderen Biologika greift jedes für sich stark in das Immunsystem ein und wirft damit Fragen zu möglichen Infektionen oder einer Reaktivierung schlummernder Viren wie Herpes zoster (Windpocken, Gürtelrose) oder das Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber bzw. infektiöse Mononukleose).
Bei der Spondyloarthritis (SpA) kommen auch ältere Mittel zum Einsatz, die in der rheumatoiden Arthritis nicht verwendet werden. Hierzu zählt insbesondere Sulfasalazin, ein Mittel gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED). Wegen der Zusammenhänge zwischen CED und SpA liegt es nahe, dieses Mittel auch bei Menschen einzusetzen, die von dieser Arthritisform betroffen sind. Die Wirksamkeit von Sulfasalazin wurde in einer begrenzten Anzahl von Studien geprüft. Offenbar bessert sich bei manchen Menschen die Arthritis, doch das Fortschreiten der Gelenkschäden ließ sich nicht verhindern. Ein weiteres Mittel aus der Gruppe der DMARD, Leflunomid, erwies sich als erfolgreicher: In der behandelten Gruppe kam es bei 58,9 Prozent der Teilnehmer zu einer Besserung; in der unbehandelten Kontrollgruppe nur bei 29,7 Prozent. Allerdings schädigt Leflunomid die Leber (insbesondere in Kombination mit Methotrexat), sodass die Therapie sorgfältig überwacht werden muss.
Darüber hinaus gibt es noch die Gruppe der Immunsuppressiva. Am gebräuchlichsten ist hier Ciclosporin, das unter diversen Markennamen vertrieben wird. Genau wie Tacrolimus wirkt Ciclosporin stark hemmend auf bestimmte Immunzellen, die T-Lymphozyten. Zahlreiche Studien belegen, dass eine Behandlung mit Immunsuppressiva die Symptome von Psoriasis und Arthritis bessern kann, und dass die Kombination mit Methotrexat oder einem Biologikum (TNF-Inhibitor) noch besser anschlägt. Leider können Ciclosporin und Tacrolimus die Nieren schädigen, weshalb ihr Einsatz sorgfältig zu überwachen ist.5
Unabhängig davon, ob Sie an rheumatoider Arthritis, Spondyloarthritis oder einer anderen entzündlich bedingten Arthritisform erkrankt sind, muss das Ziel immer lauten, die Krankheit zu stoppen, um bleibende Gelenkschäden zu verhindern. Daher habe ich hier zwar die Medikation erläutert, doch Ihnen muss klar sein, dass diese Mittel die Grundproblematik nicht lösen. Und dass sie nicht der einzige Weg sind, die Krankheit zu stoppen und eine Remission einzuleiten. Bei starkem Stress können Medikamente erforderlich sein, um Sie vom Rande des Abgrunds zurückzuholen, aber dieses Buch erläutert, wie man die Entzündung tatsächlich in den Tiefen der Gelenke heilt. Löschen Sie die Glut, damit eine echte Remission eintritt, die über die bloße Besserung oder eine nur leichte Symptomatik hinausgeht. Mit diesem Therapieansatz können Sie Ihre Medikation rascher und leichter zurückfahren und das Rückfallrisiko senken.
KAPITEL 3
Arthrose
Wie viele Menschen hielt auch ich früher Arthrose für einen unausweichlichen, altersbedingten Gelenkverschleiß, an dem man nicht viel ändern kann. Ich ging davon aus, dass Arthrose etwas anderes wäre als die entzündlich bedingte Arthritis, deren verschiedene Erscheinungsbilder vom Darm ausgehen. Nach jahrelanger Tätigkeit mit Patienten wurde mir bewusst, dass auch Arthrose durch anderweitige Entzündungen im Körper (einschließlich des Darms) verschlimmert wird und durch die Lebensweise – zum Beispiel Ernährung und Bewegung – beeinflusst wird. Selbst Stress und Traumata wirken sich auf Arthrose aus. Als ich an diesem Buch arbeitete, stieß ich auf einen interessanten Arthrosefall bei der Patientin Barbara – meiner Mutter. Ihre Behandlung überzeugte mich noch mehr, dass Veränderungen der Lebensweise, die Entzündungen entgegenwirken, die Arthrosebehandlung unterstützen können. Folgendes geschah:
Meine Mutter kehrte von einer langersehnten Chinareise zurück, die ihr sehr gefallen hatte. Am letzten Tag der Reise konnte sie vor Knieschmerzen jedoch kaum noch laufen. Da sie für ihre 76 Jahre ausgesprochen aktiv und neugierig ist, war sie in diesen drei Wochen jeden Tag viele Kilometer gelaufen und hatte jedes Ausflugsangebot wahrgenommen. Selbst die Große Mauer hatte sie erklommen. Nach der Heimkehr stellte ein Orthopäde bei ihr Arthrose fest. Mein Großvater hatte mit Mitte 70 beidseitig Knieprothesen erhalten. Mein Onkel und meine Tante haben Arthrose in den Händen und Knien. Also hielt meine Mutter ihre Schmerzen für unausweichlich. Sie glaubte, sie müsse damit leben und sich darauf einstellen. Zum Beispiel dachte sie, sie könnte dann eben nicht mehr Golf spielen – genau wie ihr Vater – und nur noch Busreisen machen, aber keine Wandertouren mehr. Mütter haben zwar fast immer recht, aber diesmal bewies ich ihr das Gegenteil. Nach einigen wichtigen Veränderungen ihrer Lebensweise und nachdem sie das von mir entwickelte Programm befolgte, das eine entzündungshemmende Ernährung und Ergänzungsmittel (die Arthritiskur, die Sie noch kennenlernen werden) sowie ein Bewegungsprogramm beinhaltet, konnte meiner Mutter wieder zum Golfschläger greifen und schmerzfrei aktiv bleiben. Ihre Geschichte bewegte mich dazu, die aktuellsten Studien zu Arthrose zu lesen – weltweit die führende Ursache von Bewegungseinschränkungen –, und bestätigte mir, dass Arthrose mit der Arthritiskur gut behandelbar ist.
Laut Schätzungen der italienischen Universität Catania war 2015 weltweit etwa die Hälfte der über 65-Jährigen von Arthrose betroffen, Frauen mehr als Männer. Auch beim Laufen und Treppensteigen verursacht Arthrose mehr Probleme als jede andere Krankheit. Lange galt Arthrose als reine „Verschleißkrankheit“, die auf eine übermäßige Beanspruchung der Knochen zurückginge und schließlich das Gewebe zerstöre, erst den Knorpel und dann den Knochen. Inzwischen gibt es eine Neudefinition. Arthrose wird heute als multifaktorielles Geschehen betrachtet, das auch durch den Lebensstil (Ernährung, Bewegung) und andere Erkrankungen wie Adipositas und Diabetes beeinflusst wird.1 Sie ist die häufigste Arthritisform und der dritthäufigste Grund für eine jahrelange Behinderung.2 Synonyme sind Osteoarthritis (OA), degenerative Gelenkerkrankung oder degenerative Arthritis. Bei Arthrose wird der schützende Gelenkknorpel abgebaut, bis auch der darunterliegende Knochen angegriffen wird. Wenn die Schmerzen die Restbeweglichkeit einschränken, kann eine Atrophie der umliegenden Muskeln einsetzen, und die Bänder erschlaffen. Die klassische Behandlung kombiniert Schmerzmittel, Bewegung und Lebensstilveränderungen, doch trotz dieser Maßnahmen entscheiden sich viele Menschen für einen Gelenkersatz, weil die Schmerzen irgendwann zu schlimm werden und ihre Lebensqualität zu sehr belasten.3
Die Einteilung erfolgt nach Auswertung der Röntgenbilder auf einer Skala von 0 bis 4. Auf dem Röntgenbild wird nach einem oder mehreren spezifischen Erscheinungsformen gesucht, darunter Knochenneubildungen (Osteophyt oder Knochensporn) in Verbindung mit Knorpelabbau, einer Verengung des Gelenkspalts, einer anomalen Verhärtung des Gelenkgewebes (Sklerose), Zysten und Verformungen (Deformität). Ein Osteophyt zählt 2 Punkte, womit das Mindestkriterium für Arthrose erreicht ist. Zusätzliche Merkmale wie ein verengter Gelenkspalt, Sklerose, Zysten oder Deformierungen erhärten die Diagnose. Neben dem Punktwert kann der Arzt durch Vermessung und Beobachtung des Gelenkspalts feststellen, ob die Arthrose sich verschlimmert. Am häufigsten betroffen sind Knie, Hüften und Hände. Es besteht ein Unterschied zwischen Arthrose, die auf dem Röntgenbild erkennbar ist (radiografische Osteoarthritis), und Arthrose, die durch Symptome wie Schmerzen, Ziehen oder steife Gelenke auffällt. Nicht jeder Patient mit radiografischer Osteoarthritis hat Gelenkschmerzen und umgekehrt. Das ist wichtig: Nur weil ein Röntgenbild zeigt, dass Sie Arthritis oder Arthrose haben, müssen Sie nicht automatisch Schmerzen haben. Die Schmerzen werden durch andere Faktoren ausgelöst, insbesondere durch Entzündungen im Körper. Und daran können wir arbeiten.
Wir können das Risiko für Arthrosesymptome auch statistisch beleuchten. Das Risiko für Symptome in den Knien liegt für Männer bei 40 Prozent, für Frauen bei 47 Prozent. Bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr steigt das Risiko auf 60 Prozent. (Der BMI ist ein Hinweis auf die Körperfettmenge und beruht auf Gewicht und Größe.)4 Laut einer spanischen Studie an mehr als drei Millionen Menschen wird Arthrose in den Händen am häufigsten zwischen 60 und 64 Jahren diagnostiziert. Hüfte und Knie sind in höherem Alter stärker betroffen. Die jährliche amerikanische Gesundheitsumfrage der Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control) kam zu dem Ergebnis, dass Symptome einer Kniearthrose vor allem zwischen 55 und 64 Jahren erstmals einsetzen. Bei jungen Erwachsenen geht eine Arthrose in der Regel auf vorherige Gelenkverletzungen zurück und wird dann als posttraumatische oder sekundäre Arthrose bezeichnet.5
Risikofaktoren für Arthrose
Rechnet man alle Risikofaktoren zusammen, so haben stark übergewichtige Frauen über 45 mit vorherigen Gelenkverletzungen das höchste Arthroserisiko. Die Hauptrisikofaktoren sind also Alter, starkes Übergewicht (insbesondere viel Bauchfett) und Verletzungen. Hierin besteht ein Unterschied zu entzündlich bedingten Arthritiden wie der rheumatoiden Arthritis, die auf Autoimmunprozessen, einer Fehlsteuerung des Immunsystems und der Darmgesundheit beruhen. Doch wie die entzündlich bedingte Arthritis wird auch Arthrose offenbar durch Umwelteinflüsse ausgelöst, unter die auch die Lebensweise fällt. Je nach genetischer Anfälligkeit steht hier die Ernährung im Vordergrund. Aus Zwillingsstudien entnehmen wir, dass die Ursache zu 50 bis 65 Prozent genetisch bedingt ist. Dies gilt vermehrt für Arthrose in den Händen und Hüftgelenken, weniger für die Kniearthrose. Am einfachsten können Sie Ihr Risiko einschätzen, indem Sie die Faktoren betrachten, auf die Sie keinen Einfluss haben, und die, die Sie beeinflussen können.
Zu den unabwendbaren Risikofaktoren gehören: Alter (mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, und zwar für alle Gelenke), weibliches Geschlecht (bei Frauen verläuft die Arthrose schwerer), genetische Veranlagung, ethnische Herkunft und frühere Gelenkverletzungen. Es bestehen zwar zeitliche Parallelen zur weiblichen Menopause, doch Studien haben keine konkreten Verbindungen zu den Hormonen Östrogen oder Progesteron ergeben. Der Einfluss der Ethnie ist unklar, weil die Studien hier widersprüchliche Ergebnisse nennen.
Eine Gelenkverletzung gehört zu den größten Risikofaktoren für eine Kniearthrose und eine Schädigung oder einen Riss des Meniskus. Der Meniskus ist eine halbmondförmige Knorpelplatte, die das obere Ende des Schienbeinknochens (Tibia) bedeckt und schützt. Die regelmäßige Beanspruchung eines Gelenks erhöht das Risiko zwar nicht so sehr wie eine Verletzung, spielt jedoch ebenfalls eine Rolle. Zum Beispiel entwickeln Landwirte häufig Arthritis in den Hüften, wohingegen Männer mittleren Alters, die beruflich viel tragen, knien oder hocken müssen, ein doppelt so hohes Risiko für eine Kniearthrose haben wie der Durchschnittsmensch. Übergewicht lässt das Risiko weiter ansteigen. Untersuchungen an Sportlern sind widersprüchlich. Das höchste Risiko geht jedoch offenbar von einer Verletzung aus, weniger vom repetitiven Einsatz des Gelenks zum Beispiel beim Laufen oder Fußballspielen. Abschließend lassen einige Studien darauf schließen, dass Fehlstellungen der Knie sowie unterschiedliche Beinlängen mit einem erhöhten Arthroserisiko einhergehen können.
Die gute Nachricht ist, dass man auf viele andere Faktoren Einfluss hat. So können Sie den Knorpel und anderes Gelenkgewebe entlasten, indem Sie die umliegenden Muskeln trainieren. Eine Rolle spielen auch die allgemeine körperliche Aktivität, der Beruf, die Wahrscheinlichkeit, sich eine Gelenkverletzung zuzuziehen, und primäre Risikofaktoren wie starkes Übergewicht, Diabetes und eine Ernährung ohne ausreichende Zufuhr entzündungshemmender, antioxidativer Lebensmittel.6 Umgekehrt lässt Gewichtsabbau das Risiko für eine Kniearthrose zurückgehen. Einige Studien an übergewichtigen, älteren Arthrosepatienten ergaben, dass eine Gewichtsabnahme in Kombination mit Körpertraining die Schmerzen zurückgehen lässt und die Gelenkfunktion verbessert. Anderen Studien zufolge ging ein hoher BMI im Alter von 18 Jahren langfristig mit einem höheren Risiko für einen vollständigen Hüftgelenksersatz (Hüft-TEP) einher.
Das Risiko für eine symptomatische Arthrose unterscheidet sich ein wenig von den Befunden auf dem Röntgenbild. Frauen entwickeln eher Symptome als Männer, Afroamerikaner eher als Menschen europäischer Herkunft. Zu den kontrollierbaren Risiken zählen: harte körperliche Arbeit, insbesondere in Verbindung mit Knien, gebeugten Knien und langem Stehen sowie Knieverletzungen und Traumata. Anhand des Röntgenbilds lässt sich auch abschätzen, ob jemand Symptome hat oder nicht. Je höher die Zahl auf der Skala von 0 bis 4 und je enger der Gelenkspalt, desto eher kommt es zu Symptomen und desto schwerer fallen diese voraussichtlich aus. Trotz chronischer Schmerzen sind diese bei 49 Prozent der Betroffenen nicht konstant, sondern kommen und gehen.7
Lebensweise
Fortgeschrittenes Alter und eine intensive Beanspruchung oder eine Verletzung des Gelenks können bei entsprechender Veranlagung eine Arthrose begünstigen. Irgendwann aber kommt der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und eine bisher nur röntgenologische nachweisbare Arthrose symptomatisch werden lässt. Meine Mutter hatte ihr Knie vor ihrer Chinareise nie röntgen lassen. Dennoch habe ich keinen Zweifel daran, dass die Gelenkveränderungen schon lange vor den ersten Schmerzen sichtbar gewesen wären. Wie also kam es zu den Symptomen? Zwei Jahre vor dem Einsetzen ihrer Schmerzen war mein Vater, mit dem sie 56 Jahre verheiratet gewesen war, unerwartet einem schweren Schlaganfall erlegen. Dieses massive Trauma traf meine Mutter bis ins Mark.
Die Trauer und der emotionale Aufruhr gingen nicht spurlos an ihr vorbei. Hier paarten sich Stress und Schlafstörungen mit einer erheblichen Umstellung ihrer Lebensweise in den folgenden zwei Jahren. Anfangs saß sie viel herum und war leicht depressiv. Sie konnte sich nicht mehr zu ihren geliebten, langen Spaziergängen mit dem Hund aufraffen, und sie spielte nicht mehr Golf. Mein Vater hatte nie getrunken und sich gern zu Hause bekochen lassen. Nach seinem Tod hatte meine Mutter keine Lust, nur für sich selbst zu kochen. Statt wie früher Salate, Obst und magere Proteine zuzubereiten, griff sie häufiger zu Fertiggerichten, die rasch zubereitet waren. So musste sie auch seltener zum Einkaufen. Sie aß kein Gemüse mehr, weil ihr die Zubereitung zu lästig war, und ernährte sich in erster Linie von glutenfreiem Toast und Mandelmus. An beidem ist im Grunde nichts auszusetzen, aber es ist nicht gesund, nur davon zu leben. Süßspeisen hatte es früher nur gelegentlich gegeben, doch nun gehörten sie jeden Abend dazu, wenn meine Mutter im Golfklub speiste.
Im zweiten Jahr schloss sich meine Mutter einer Gruppe umtriebiger, freundlicher Witwen an ihrem Seniorenwohnsitz an. Fast jeden Abend gingen sie gemeinsam essen, was meist mit Alkohol verbunden war (zu viele Cocktails), aber auch mit Brot, Dessert und sehr wenig gesundem Gemüse. Meine Mutter spielte zwar wieder Golf, machte aber sonst keinen Sport. Das fällt für mich unter das „Rentnersyndrom“, das ich bei vielen Patienten sehe. Sobald sie nicht mehr berufstätig sind, entfällt die übliche Struktur für ihr Ess-, Trink- und Bewegungsverhalten. Plötzlich gehört abends regelmäßig ein Glas Wein oder ein Cocktail dazu, sie futtern ungesunde Kohlenhydrate wie Brot und Salzgebäck (Kohlenhydrate sind nur einer von drei Makronährstoffen, die anderen beiden sind Proteine und Fette), dazu gibt es grundsätzlich zuckerreiche Süßspeisen, und sie bewegen sich immer weniger. Der Alkohol und die Geselligkeit halfen meiner Mutter zwar offenbar über ihren Verlust hinweg, doch für ihren Körper war die neue Lebensweise weniger gut.
Nachdem sie eineinhalb Jahre so gelebt hatte, ging sie auf jene 19-tägige Wandertour in China. Obwohl sie in den sieben Jahren zuvor viel gewandert war, war diese Reise eine Überforderung. An einem Tag war sie 16 000 Schritte gelaufen (sie benutzte einen Schrittzähler), bis die Schmerzen im linken Knie sie ihrer Aussage zufolge „zusammenbrechen“ ließen. Im Zusammenspiel mit den Entzündungen, die bereits in ihrem Körper schwelten, war die Überlastung des Knies der Tropfen, der nun das Fass zum Überlaufen brachte. Das Knie meiner Mutter schrie sozusagen so laut, dass sie am Flughafen Hongkong einen Rollstuhl benötigte. „Es war mir so peinlich“, gestand sie. „Es war furchtbar.“
Als sie mich auf der Rückreise aus China besuchte, humpelte sie ins Zimmer. Ich sah auf den ersten Blick, dass das Weiße in beiden Augen knallrot glänzte. Gesicht und Augen wirkten verquollen und aufgedunsen. Neben der Schwellung im Knie waren das klare Hinweise auf die Entzündungen in ihrem Körper. Ich setzte meine Mutter auf die zweiwöchige Einstiegsdiät für den Darm, die Ihnen hier vorstellen werde, und arrangierte einen Termin mit unserer Ernährungsberaterin im Blum Center for Health. So konnte sie lernen, wie sie ihre Ernährung nach der Rückkehr nach Florida fortführen musste. Ich riet ihr, mindestens sechs Wochen ganz auf Alkohol zu verzichten, und gab ihr die Ergänzungsmittel gegen Arthritis mit wie Fischöl und Kurkumin, die Sie in Kapitel 10, „Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung nach Blum“, kennenlernen werden. Als meine Mutter in der folgenden Woche nach Hause fuhr, konnte sie bereits besser laufen und hatte kaum noch Schmerzen.
Da sie keine Verdauungssymptome aufwies, empfahl ich ihr nicht den Übergang zu Schritt 2, der zweimonatigen Intensivkur für den Darm, sondern wollte lieber beobachten, wie es ihr mit der Arthritisdiät und den Ergänzungsmitteln erging. Ihre Symptome besserten sich immer weiter, bis die Schmerzen nach etwa zwei Monaten verschwunden waren. Daraufhin begann sie mit Schritt drei, der sechsmonatigen Stabilisierungsphase einschließlich dem Ernährungsplan. Zusätzlich befolgte sie ein Bewegungsprogramm ihres Sportmediziners. Wenn es nach einem Monat nicht besser geworden wäre, hätte ich auch ihren Darm behandelt. Diese Geschichte unterstreicht, dass Arthrose erheblich von der Lebensweise beeinflusst wird, ob Fehlernährung, Stress oder Bewegungsmangel. An diesen Punkten setzt Ihr Behandlungsplan ein. Wenn Sie jedoch Verdauungsprobleme haben oder die Gelenkschmerzen mit der Einstiegsdiät und den Ergänzungsmitteln nicht spürbar besser werden, müssen Sie auch den Darm behandeln. Inzwischen hat meine Mutter gelegentliche Rückfälle, die jedoch immer ernährungs- oder stressbedingt sind. Zugleich hat sie ein stabiles Fundament entwickelt, zu dem sie zurückkehren kann, um wieder schmerzfrei zu leben. Die Geschichte meiner Mutter zeigt deutlich, dass ihre entzündungsfördernde Ernährung im Zusammenspiel mit Bewegungsmangel zu den Arthroseschmerzen im Knie beitrug.
Inwiefern Bewegung, Ernährung und Übergewicht in Bezug auf das Arthroserisiko und den Ort der Arthrose zusammenwirken, wurde inzwischen näher erforscht. Italienische Forscher der Universität Catania haben fünf Risikokategorien für Arthrose geschaffen. Das geringste Risiko haben Menschen, die sich nährstoff- und vitaminreich ernähren, wenig tierische Fette und wenig stark verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen sowie körperlich mäßig aktiv sind. Bewegung führt zu einer besseren Bildung der Gelenkschmiere, welche den Knorpelabrieb mindert und die Gelenke gesund erhält. Allerdings tragen Sportler, bei denen oft Schultern, Arme, Hüftgelenke und Knie von Arthrose betroffen sind, ein höheres Risiko, weil die intensivere Beanspruchung, deren Bewegungen mitunter den Spielraum des Körpers überschreiten, die Gelenke belastet und direkte Stöße erhöht. Eine sitzende Lebensweise hingegen erhöht wegen schwächerer Muskeln und schlechter Haltung das Arthroserisiko der Wirbelsäule und der Schultern. In diesen Bereich fallen auch Menschen, die ständig mit Computer und Smartphone zu tun haben. Bei ihnen steigt das Arthroserisiko der Hände und Handgelenke. Bei Menschen, deren Ernährung zu wenige lebenswichtige Nährstoffe enthält, besteht für alle Gelenke ein erhöhtes Arthroserisiko. Das höchste Risiko haben adipöse Menschen, bei denen aufgrund von Übergewicht und Körperfettmenge besonders die Wirbelsäule, die Hüften, die Knie und die Fußgelenke betroffen sind. Arthrose gilt zunehmend als systemische Erkrankung, weil sie durch Stoffwechselprobleme wie Adipositas, entzündetes Fettgewebe und systemische Entzündungen beeinflusst wird. Machen Sie sich in diesem Zusammenhang bewusst, dass bei Arthrose nur 5,1 Prozent der Fälle verletzungsbedingt sind. Bei 24,6 Prozent hingegen liegen Übergewicht oder Adipositas vor.8
Altern
Um besser zu begreifen, was genau bei Arthrose in den Gelenken abläuft, werden an der University of North Carolina in Chapel Hill die Zusammenhänge zwischen dem Altern und Arthrose untersucht. Hierfür hat das Team den Begriff „Inflammaging“ geprägt, der ausdrücken soll, dass Entzündungsreaktionen Alterungsprozesse begünstigen. Mit zunehmendem Alter kommt es körperweit und lokal zu unterschwelligen Entzündungsprozessen. Teilweise werden diese durch die alterstypische Zunahme des Bauchfetts (Eingeweidefett) und einen Rückgang der Muskelmasse ausgelöst. Dafür muss man nicht einmal stark übergewichtig sein. Beim Älterwerden geht die Muskelmasse von Natur aus zurück, und der Fettanteil steigt. Doch Muskelabbau ist ein weiterer Baustein in der Verbindung zu Adipositas. Bauchfett fördert die Entzündungsbereitschaft stärker als das Fett in unseren Armen und Beinen und spielt bei der Entstehung chronischer Erkrankungen eine besondere Rolle. Solche metabolisch bedingten Entzündungen heißen Metaentzündung und gehen mit einem Anstieg freier Fettsäuren (Lipide), Hyperglykämie (hoher Blutzuckerspiegel) und oxidativem Stress einher. Alle zusammen fördern die Zerstörung des Gelenkgewebes und seiner Umgebung.
Oxidativer Stress nimmt mit dem Alter von Natur aus zu und kann die Gelenke negativ beeinflussen, indem er die Mitochondrien schädigt, die kleinen „Kraftwerke“ in jeder Zelle, welche die nötige Energie erzeugen, um die Zelle am Leben zu erhalten. Alternde Mitochondrien können weniger gut mit freien Radikalen fertig werden. Wenn die antioxidierende Kapazität der Zelle überstiegen ist, können die Knorpelzellen (Chondrozyten) Schaden nehmen, und dies wiederum kann zu Arthrose beitragen.
Worin unterscheidet sich die normale Gelenkalterung von Arthrose? Beim normalen Alterungsprozess bleibt der Gelenkknorpel intakt. Er wird nur dünner, und die Dichte der gesunden Knorpelzellen nimmt im ganzen Gelenk gleichmäßig ab. Es gibt keine Hinweise auf Entzündungsprozesse, keine Verdickung der Schleimhäute im Gelenk und keine Knochenverdickungen um die Gelenke herum. Bei Arthrose hingegen gibt es herdförmige Unregelmäßigkeiten in der Knorpeloberfläche. Die Knorpelzellen ballen sich in der Nähe der Gewebeschäden, worauf die Gelenkinnenhaut (Synovialis) sich verdickt.9
Starkes Übergewicht
Man geht davon aus, dass bei stark übergewichtigen Menschen oder zu viel Eingeweidefett der oxidative Stress im ganzen Körper ansteigt, meist ein hoher Blutzucker vorliegt und der Fettstoffwechsel gestört ist. All dies erzeugt anomale Werte bei bestimmten entzündungsfördernden Substanzen, den Adipokinen, die von den Fettzellen freigesetzt werden. Adipositas ist somit nicht nur ein Risikofaktor für rheumatoide Arthritis, sondern vermutlich auch ein wichtiger Arthrosefaktor. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, sollten wir uns mit oxidativem Stress beschäftigen. Wenn die Chondrozyten fortwährend freien Radikalen ausgesetzt sind, erzeugen sie sogenannte reaktive Sauerstoffspezies (ROS, von engl. reactive oxygen species). Diese Substanzen schädigen unmittelbar das Kollagen – die strukturell wichtigste Proteinkomponente im Gelenkknorpel – und verändern die Gelenkflüssigkeit, die dadurch „verwässert“ wird und weniger schützt. Studien zufolge gingen niedrige Vitamin-C-Spiegel mit einem höheren Risiko für Kniearthrose einher, während umgekehrt eine Erhöhung der Vitamin-C-Zufuhr die röntgenologisch sichtbare Schädigung bei Kniearthrose und die Schmerzen stagnieren lassen kann. Vitamin K ist ein Nährstoff, der die Mineralisierung von Knochen und Knorpel reguliert. Ein niedriger Vitamin-K-Spiegel war mit verstärktem Auftreten von Knochenproliferationen durch Knorpelabbau in Knien und Händen sowie mit einer Verengung des Gelenkspalts in der Hand verbunden.
Menschen mit starkem Übergewicht und Diabetes haben vielfach einen zu hohen Blutzucker (Hyperglykämie), der wiederum mit einem Risiko für ständig fortschreitende Arthrose verbunden ist. Glukose kann sich im Gewebe ablagern und dieses unmittelbar schädigen sowie eine Entzündungsreaktion provozieren. Wenn das Kollagen im Knorpel „verzuckert“, weil Glukose sich darauf ablagert, funktionieren die Knorpelzellen weniger gut. Die Alterung schreitet schneller voran, und die Zellen gehen in einen Ruhezustand über, man spricht hier von Seneszenz, in dem sie viele Funktionen einstellen. Das ist ungut, wenn man sich gesundes Gewebe wünscht, das sich selbst reparieren kann. Dieser Prozess lässt das Gelenk steifer werden, nimmt ihm seine Kraft und führt langfristig zu Arthrose.
Lassen Sie mich zuletzt auf die Adipokine eingehen, die das metabolische Bindeglied zwischen Adipositas und Arthrose darstellen könnten. Ein solches Adipokin ist beispielsweise Leptin, ein Botenstoff aus den Fettzellen, der in jüngerer Zeit wegen seines Einflusses auf die Appetitregulierung und die Fähigkeit zum Fettabbau bekannter wurde. Leptin ist zugleich ein Schlüsselhormon für Gelenkschäden und die Entwicklung von Arthrose, und es löst die Bildung von Entzündungssubstanzen (Zytokinen) aus, welche die Funktion der Knorpelzellen beeinträchtigen. Menschen mit zu viel Körperfett haben meist auch einen erhöhten Leptinspiegel.10
Untersuchungen zufolge ist Adipositas eine Stoffwechselerkrankung, die jede Körperzelle betrifft. Die Verbindung zu Arthrose ist daher keine große Überraschung. In den letzten Jahren schälten sich mit zunehmender Erforschung der Darmbakterien jede Menge Zusammenhänge zwischen Adipositas und der Darmflora heraus. Daher erscheint es nur logisch, dass der Gesundheitszustand des Darms auch die Entwicklung und das Fortschreiten von Arthrose beeinflusst.
Es gibt zwar keine definitive Ursache-Wirkung-Kausalkette wie bei rheumatischen Gelenkerkrankungen, doch Studien deuten darauf hin, dass der Darm an den stoffwechselbedingten Entzündungsprozessen bei manchen Arthrosefällen beteiligt ist.11 Dieses Thema wird in Teil 2, „Heilung für den Darm, Heilung für die Gelenke“, näher beleuchtet. Dass starkes Übergewicht und Diabetes das Risiko für Arthrose in den Händen und Knien erhöht, zeigt deutlich, dass diese Erkrankung nicht nur durch das zusätzliche Gewicht auf den Gelenken entsteht. Programme zur Gewichtsreduktion sollten bei Arthrosepatienten daher nicht nur auf das Gesamtgewicht, sondern speziell auf das Körperfett abzielen, das wahrscheinlich das größere Problem darstellt. Um das Arthroserisiko gering zu halten, die Gelenkfunktion zu verbessern und Schmerzen zu lindern, brauchen wir Nährstoffe und Vitamine zur Reduzierung von oxidativem Stress und einen Lebensstil, der Blutzucker und Körperfett in Grenzen hält. Zwei Studien kamen sogar zu dem Ergebnis, dass Knieschmerzen durch Arthrose sich besserten, wenn die Betroffenen durch passende Ernährung und Bewegung Gewicht abbauten.12 Die Arthritiskur kann Ihnen dazu verhelfen, weil sie all diese Punkte anspricht. Mehr dazu erfahren Sie gleich im Abschnitt zur Behandlung.
Konventionelle Behandlung
Arthrosepatienten werden normalerweise vom Orthopäden behandelt, wohingegen Patienten mit entzündlich bedingter Arthritis zum Rheumatologen gehen. Orthopäden sind allerdings auch chirurgisch ausgebildet und greifen bei Schmerzen gerne zur Corticosteroidspritze, verordnen Physiotherapie und Schmerzmittel oder empfehlen als Ultima Ratio eine Operation. Meiner Erfahrung nach sind Corticosteroidinjektionen zwar möglicherweise eine gute kurzfristige Lösung, doch langfristig schädigen sie das Gelenk und taugen nicht als Dauerlösung oder zur häufigen Wiederholung, wenn der Schmerz zurückkehrt – was meistens geschieht.
Arthrose wird zumeist über frei verkäufliche Arzneimittel behandelt, die das Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten und deren Nebenwirkungen eine Dauerbehandlung erschweren. (Darauf bin ich schon in Kapitel 2 bei der Spondyloarthritis näher eingegangen.) Paracetamol und andere beliebte Analgetika (worunter nicht-steroidale Entzündungshemmer und Opioide fallen) erhöhen das Risiko für Herzinfarkt und innere Blutungen. Außerdem können sie die Leber schädigen. Die Behandlung von Arthrosesymptomen mit nicht-steroidalen Entzündungshemmern wie Celecoxib, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen und Acetylsalicylsäure kann langfristig mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein, darunter Magen-Darm-Blutungen, Nierenschäden und das erstmalige Auftreten oder die Verschlimmerung von Bronchialasthma und kardiovaskulären Komplikationen. Nach der Diagnose und den Behandlungsoptionen seitens des Orthopäden werden daher zunächst weitere Therapiemöglichkeiten geklärt.
Arthrose ist auch eine Domäne der Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Maßgeschneiderte Bewegungstherapie und Veränderungen der Lebensweise können nämlich viel bewirken. Solche Ärzte kennen sich auch mit aktuellen Behandlungsverfahren wie der Stammzell- oder Plasmatherapie aus, bei denen Stammzellen (aus denen sich diverse andere Zellen entwickeln können) oder mit Blutplättchen angereichertes Plasma (PRP) zum Einsatz kommen. (Das Plasma ist der farblose, flüssige Blutanteil, und die Blutplättchen sind an der Blutgerinnung beteiligt.) Stammzellen oder PRP werden aus dem eigenen Blut oder Gewebe gewonnen und dann in die Gelenke gespritzt. Diese Behandlungen regen Selbstreparaturprozesse an, damit der geschädigte Knochen oder Knorpel abheilen kann. Wenn sie anschlagen, geht es den Betroffenen wirklich besser. Leider helfen diese Therapien nicht immer und können sehr kostspielig sein. Als Hauptbehandlungsansatz sind sie für die Mehrheit der Arthrosepatienten somit keine realistische Option.
Welche konventionellen Therapien stehen der Allgemeinheit also zur Verfügung? Eine medizinische Studie der Universität Leiden in den Niederlanden untersuchte, welche nichtchirurgischen Verfahren man Patienten vor einem Hüft- oder Kniegelenkersatz empfahl. Für die Berechnung des Body-Mass-Index (BMI) wird das Gewicht eines Menschen in Kilogramm durch die Körpergröße im Quadrat geteilt (kg/m2). Nur elf Prozent der übergewichtigen Studienteilnehmer (BMI von 25 bis unter 30) und 30 Prozent der adipösen Patienten (BMI ab 30 aufwärts) sagten, sie hätten eine Ernährungsberatung bekommen. Lediglich 28 Prozent aller orthopädischen Fachärzte sagten, sie würden ihren übergewichtigen Patienten Ernährungsprogramme verschreiben. Die häufigsten angebotenen nichtchirurgischen Verfahren waren eine Aufklärung über Arthrose (80 Prozent), nicht-steroidale Entzündungshemmer (80 Prozent), Physiotherapie (73 Prozent) und Paracetamol (72 Prozent). Die Autoren dieser Studie kamen zu dem Ergebnis, dass diese Therapien, insbesondere die Ernährungsberatung, häufiger genutzt werden sollten und den Operationsbedarf reduzieren oder hinauszögern könnten.13
Physiotherapie ist ein klassisches Element der Arthrosebehandlung. Sie wird vornehmlich von Orthopäden und Hausärzten verordnet, um den Muskelaufbau zu unterstützen und so die Gelenke zu stabilisieren. Auf diese Weise sollen die Schmerzen zurückgehen und die Funktion verbessert werden. Neben regelmäßigen Anwendungen beim Therapeuten erlernt man hierbei auch Übungen, die täglich in Eigenverantwortung durchgeführt werden sollen. Doch wie meine Mutter Barbara machen die meisten Betroffenen ihre Übungen nicht regelmäßig (oder gar nicht). Über die Jahre konnten viele Studien belegen, dass Bewegungs- und Aufklärungsprogramme tatsächlich Schmerzen, Gelenkfunktion, Eigenständigkeit und das häusliche Üben verbessern konnten. In Südafrika müssen Geringverdiener häufig lange auf einen Termin für den Einbau einer Hüftgelenks- oder Knieprothese warten. Forscher der Universität Kapstadt suchten nach einer Strategie, um diesen schmerzgeplagten Patienten zu helfen, wenn schlechte Aussichten auf chirurgische Hilfe bestanden. Die Teilnehmer der Studie erhielten ein sechswöchiges Bewegungs- und Aufklärungsprogramm. Letzteres umfasste Informationen über neurowissenschaftliche Erkenntnisse zum Schmerz, eigene Bewältigungsstrategien, Umgang mit Stress, Hinweise zu Ernährung und der Bedeutung des Körpergewichts sowie einen aktiven Bewegungsbaustein. 53 Prozent der Teilnehmer berichteten, dass die Intervention ihre Schmerzen verbessert hätte – und zwar auf Dauer. Im Vergleich zu den Ergebnissen früherer Studien, die nur den Faktor Bewegung untersucht hatten, fanden die Forscher in ihrer Gruppe eine höhere Besserungsquote. Entscheidend hierfür war der Baustein der Aufklärung.14 Dennoch konnten Bewegung oder Aufklärung allein 47 Prozent der Studienteilnehmer leider nicht helfen. Ich gehe davon aus, dass ein Intensivprogramm mit entzündungshemmender Ernährung und Ergänzungsmitteln – wie ich es in diesem Buch anbiete –, diese Zahlen verbessert hätte. In meinen Augen ist es an der Zeit, jede Arthrosetherapie um eine Ernährungskomponente zu ergänzen.
Ehe wir in Kapitel 7 auf die Ernährung zu sprechen kommen, möchte ich die beliebten Ergänzungsmittel Glukosamin und Chondroitin erwähnen, die seit Jahren zur Linderung von Gelenkschmerzen bei Arthrose eingesetzt werden. Angeblich unterstützen sie Reparaturprozesse im Gelenk. Auch ich verordne meinen Patienten diese Nahrungsergänzungsmittel, musste jedoch feststellen, dass sie nur manchen Menschen helfen. Dass diese Substanzen Schmerzen lindern oder das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten, ist nicht belegt. Eine neuere Studie der rheumatologischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Fundación Jiménez Díaz in Madrid kam zu dem Ergebnis, dass sich die Schmerzen von Patienten mit Kniearthrose bei sechsmonatiger Einnahme einer Kombination dieser beiden Wirkstoffe nicht besserten. Insofern sage ich: Wenn Sie mit einem Glukosamin-Chondroitin-Präparat gute Erfahrungen gemacht haben, nehmen Sie es ruhig weiter. Es schadet nicht. Statistisch gesehen hilft es den meisten Patienten jedoch nicht.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch das nichtdenaturierte Typ- II-Kollagen (UC-II). Gelenkgewebe wie Knorpel und Knochen bestehen aus dem Protein Kollagen. Die Zerstörung dieses Kollagens geht bei Arthrose und rheumatoider Arthritis mit einem Fortschreiten der Schädigung einher. „Nichtdenaturiert“ bedeutet hier, dass das Protein noch intakt ist und nicht durch Hitzeeinwirkung zerstört wurde. Einige Studien konnten zeigen, dass die tägliche Einnahme eines Präparats mit zehn Milligramm UC-II-Kollagen (aus dem Knorpel von Hühnern oder anderen Tieren) Entzündungen und Schmerzen bei Arthrose und womöglich sogar die Autoimmunreaktion des Körpers auf seinen eigenen Knorpel reduzieren kann. Ich setze diese Substanz neuerdings in meiner Praxis ein und möchte, dass Sie davon erfahren, auch wenn ich noch nicht sicher bin, wie wirksam sie ist.15 Dennoch denke ich, dass wir uns in erster Linie auf die treibenden Kräfte für Gelenkschäden, nämlich Entzündungen und oxidativen Stress, konzentrieren sollten. Auf Antioxidanzien und Omega-3-Fettsäuren, die nicht zur konventionellen Therapie gehören, wird in Teil 4, „Das Drei-Stufen-Konzept zur Arthritisbehandlung nach Blum“, näher eingegangen.
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