Kitabı oku: «Mord am Campus»

Yazı tipi:

Susan Carner

Mord am Campus

Gerichtsthriller

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Montag, 29. August 2016

Dienstag, 30. August 2016

Mittwoch, 31. August 2016

Donnerstag, 1. September 2016

Freitag, 2. September 2016

Dienstag, 6. September 2016

Mittwoch, 7. September 2016

Donnerstag, 8. September 2016

Montag, 12. September 2016

Dienstag, 13. September 2016

Mittwoch, 14. September 2016

Donnerstag, 15. September 2016

Freitag, 16. September 2016

Sonntag, 9. Oktober 2016

Montag, 10. Oktober 2016

Sonntag, 23. Oktober 2016

Montag, 24. Oktober 2016

Dienstag, 25. Oktober 2016

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Freitag, 28. Oktober 2016

Montag, 31. Oktober 2016

Epilog – Dienstag, 8. November 2016

Dankeschön

Impressum neobooks

Prolog

Die Politik ist das Paradies zungenfertiger Schwätzer!

George Bernard Shaw

»Lass meine Tochter in Ruhe«, fauchte sie ihn wütend an.

Er lächelte. Sie war nach wie vor eine begehrenswerte Frau. Ihre grünen Augen blitzten zornig. Er erinnerte sich noch gut, wie sie ihn mit diesen Augen angesehen hatte, wenn sie in seiner Vorlesung gesessen war. Er aus dem Tritt gekommen war, weil er nur an das Schimmern dieser grünen Augen denken konnte, wenn er sie ...

»Was meinst du, meine Liebe?«, fragte er und zog seine linke Augenbraue in die Höhe. Eine Angewohnheit, die er seit Jahren pflegte, wenn ihm etwas missfiel.

»Du weißt genau, was ich meine«, schleuderte sie ihm entgegen. Immer noch stand sie im Türrahmen, den Türknauf umklammert, ihre Knöchel an der Hand traten weiß hervor.

»Wie bist du überhaupt hereingekommen?«, wollte er indigniert wissen.

»Das, mein Lieber, hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht geändert. Der Schleichweg, um ungesehen in dein Büro kommen zu können, funktioniert nach wie vor«, lächelte sie süffisant.

Diese Lippen. Wie hatten sie ihn fasziniert. Er spürte das Gefühl in sich aufsteigen, das diese Lippen bei ihm stets ausgelöst hatten ...

Er trat hinter seinem Schreibtisch hervor, griff an seine randlose Brille und legte diese achtlos auf den Schreibtisch.

»Komm her, lass dich ansehen. Hab dich schon lange nicht mehr gesehen«, und er streckte die Hand nach ihr aus. Sie trat zögernd näher. Ein eng anliegendes Kleid umspielte ihre hinreißende Figur. Sie hatte nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Im Gegenteil. Warum hatte er das Verhältnis eigentlich beendet?

»Du bist nach wie vor sehr begehrenswert, weißt du das?« Unbewusst leckte er über seine Lippen, doch sie registrierte es.

Scharf entgegnete sie: »Du willst wohl Mutter und Tochter zur selben Zeit!«

»Warum nicht?«, lächelte er mit gekräuselten Lippen. »Deine Tochter hat zwar nicht dein Temperament, aber hübsch ist sie allemal. Und unglaublich klug. Aus ihr könnte wirklich etwas werden. Wenn sie nur ein bisschen entgegenkommender wäre ...«

Wie eine Katze fuhr sie mit ihren Krallen in sein Gesicht, hinterließ links und rechts auf den Wangen blutige Spuren. Er fasste nach ihren Händen, bog diese nach unten, dann hinter ihren Rücken. Damit stand sie nun dicht vor ihm. Ihr Parfum stieg in seine Nase. Immer noch dasselbe, registrierte er belustigt. Und erinnerte sich, wie sie eines Nachts angerufen hatte, sie trage wie Marilyn Monroe nur Chanel Nº 5. Ob er nicht vorbei kommen wolle?

Und er war vorbeigekommen. Hatte sich wie ein Dieb aus seinem Haus geschlichen, um seine Frau und seine Söhne nicht zu wecken. Erst im Morgengrauen war er zurückgekehrt, nach einer leidenschaftlichen Nacht.

»Immer noch so stürmisch, meine Liebe?«, sagte er spöttisch. »Du warst schon immer ein kleiner Wildfang«, und mit diesen Worten schob er sie Richtung Schreibtisch und warf sie mit dem Rücken auf den Tisch. Das Brillenglas zerbrach unter ihr, verletzte sie an ihrem rechten Schulterblatt.

»Was soll das?« Sie versuchte, sich ihm zu entwinden.

»Was denkst du wohl, mein Wildkätzchen?«

»Hast du es mit meiner Tochter auch so gemacht?«, zischte sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor, denn sie versuchte verzweifelt, ihre Hände unter ihrem Rücken hervorzuziehen. Er hielt sie eisern fest.

»Nein, noch nicht. Ich warte darauf, dass sie wie du brav von selbst angekrochen kommt und mir ihre Gunst gewährt. Ich habe nur ein bisschen vorgefühlt«, grinste er genüsslich. Dabei dachte er an den festen kleinen Busen, den er unter seinen Händen gespürt hatte, als er sie auf diesen Tisch gezwungen hatte. Und wie seine Lust erwacht war ... aber er wollte der Kleinen Zeit geben. Er hatte versucht, sie zu küssen, hatte jedoch ihren Widerstand gespürt, so wie sie ihren Kopf zur Seite gebogen hatte. Es war nicht seine Absicht, sie zu verunsichern. Das war kein Mädchen, das man einfach nahm, wie er das mit vielen seiner Studentinnen trieb. Er hatte Geduld.

»Was bist du nur für ein Mensch«, fauchte sie böse, sich immer noch windend.

»Ein schlichter Mann, dem das schöne Geschlecht am Herzen liegt. Vor allem bei den hübschen und meist sehr freizügigen Studentinnen, die hier herumlaufen. Da kann MANN nicht widerstehen. Das verstehst du doch, oder?«, fragte er und lächelte verächtlich auf sie herab.

Er stellte sich vor, ihre junge, hübsche Tochter läge hier vor ihm. Gleich morgen würde er sie einbestellen, keinen Tag länger wollte er warten. Schon zu lange sehnte er sich nach ihr. Er war ihr Tutor, da hatte sie keine Wahl, musste seiner Einladung folgen. Heute die Mutter, morgen die Tochter. Abermals glitt ein Lächeln über sein Gesicht.

»Komm, halt still«, meinte er genervt an die sich windende Frau. »Hattest doch früher auch nichts dagegen. Wir machen einfach dort weiter, wo wir vor ein paar Jahren aufgehört haben. Wir hatten schließlich Spaß miteinander, oder etwa nicht?« Dabei lockerte er seinen Griff, nahm eine Hand weg und fuhr damit an seinen Hosenbund.

Während er seinen Gürtel öffnete, fragte sie lauernd: »Und du lässt meine Tochter dann in Ruhe?«

Als er ihr Kleid hochschob, lächelte er erneut. »Nach wie vor ohne Slip«, bemerkte er und leckte sich diesmal mit seiner Zunge sehr bewusst über seine Lippen.

Sie wurde flammend rot. Eigentlich war sie unterwegs, um den neuen Mann in ihrem Leben zu treffen. Wollte nur schnell vorher diesen Mistkerl zu Rede stellen. Und jetzt ...

Jetzt lachte er. »Du wirst dich doch dafür nicht genieren? Bist früher ständig ohne Unterwäsche herumgelaufen, weil du damit die Jungs um den Verstand bringen konntest. Vor allem den Idioten von einem Mann, der später dein Ehemann wurde.«

Sein Lachen kotzte sie an. Aber sie konnte sich nicht wehren, eine seiner Hände drückte mit voller Kraft auf ihren Brustkorb, sodass sie sich nicht befreien konnte. Außerdem stand er ausgesprochen knapp vor ihr, presste mit seinem Unterleib ihre Beine gegen den Tisch.

Plötzlich spürte sie seine erigierte Männlichkeit an ihren Oberschenkeln. Nach wie vor der gleiche gierige Mistkerl, der er schon in ihrer Studentenzeit war. Wie viele Mädchen haben auf diesem Tisch wohl ihre Unschuld verloren?, überlegte sie grimmig.

»Zier dich nicht so. Warst doch immer offen für hübsche Spielchen«, rief er ungeduldig.

»Und meine Tochter? Du behelligst sie dann nicht mehr?«, fragte sie hoffnungsfroh. Er nickte, also gab sie ihren Widerstand auf. Dabei lockerte er seinen Griff und sie schaffte es, eine Hand unter ihrem Rücken hervorzuziehen. Da keuchte er selig lächelnd: »Muss ich mir noch überlegen. Hängt von deinen Gefälligkeiten ab.«

Als sie ging, lächelte er nicht mehr.

Montag, 29. August 2016

Gestern hat ihn seine Frau verlassen.

 Ben Warden lächelte leicht bei dem Gedanken. Andere würden wahrscheinlich wütend oder traurig sein, er empfand nur Erleichterung.

 Sein Leben lag damit zwar in Trümmern, aber er fühlte sich seit Jahren endlich wieder frei. Musste nicht befürchten, dass sie jeden Moment ins Zimmer stürmen würde, um ihm aus heiterem Himmel eine Szene zu machen.

 Gemütlich saß er in seinem Lieblingssessel in der Bibliothek und nippte an seinem schottischen Whisky aus Dufftown in der Region Speyside, nicht nur einer der ältesten christlichen Orte Schottlands, sondern auch ein Ort mit Tradition im Brennen von Whisky.

 Sein Großvater hatte stets behauptet ›Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut, Dufftown steht auf sieben Brennblasen‹. Angeblich hatten schon seine Vorfahren bei der Überfahrt mit der Mayflower diesen Scotch getrunken. Zumindest hatte ihm sein Großvater diese Geschichte erzählt, als er ihn zu seinem sechzehnten Geburtstag zu seinem ersten Scotch einlud, ebenfalls in dieser Bibliothek. Sein Vater hatte getobt, dass er den Jungen zu einem Alkoholiker erziehen würde. Doch Großvater hatte nur verächtlich geantwortet, Scotch aus der alten Heimat hätte noch keinem aus der Familie geschadet. Ganz im Gegenteil. Und war danach mit der Anekdote der Mayflower gekommen und hatte ihn auf die Familie und die Familientradition eingeschworen. Kurz darauf war Großvater gestorben.

 Was der alte Herr wohl zu seiner Noch-Ehefrau gesagt hätte? ›Nicht standesgemäß mein Junge, aber ein Prachtweib‹, und hätte sich genüsslich seine Lippen geleckt. Das hatte er selbst ebenfalls getan, als er sie kennenlernte. Dabei leider seinen Verstand verloren. Er seufzte. Was wäre ihm erspart geblieben, hätte er damals sein Gehirn benutzt und nicht nur ...

 Im Grunde war er froh, dass sie die Konsequenzen gezogen hatte, aus dieser misslichen Ehe auszubrechen. Doch seinen Traum, Senator von Massachusetts zu werden, konnte er begraben. Die Amerikaner wollten keine geschiedenen Politiker in einer höheren Position, schon gar nicht in den Neu-England Staaten. Da musste eine intakte Familie hinter einem Kandidaten stehen. Der Puritanismus aus der Gründerzeit lebte in Boston weiter und weiter ...

 Trotzdem hatte ihn ihre Aktion in Erstaunen versetzt und er musste schmunzeln, als er an die Situation von gestern Abend dachte.

 Überrascht hatte er auf die vielen Koffer geblickt, die er bei seiner unerwartet frühen Heimkehr in der Vorhalle stehend angetroffen hatte, seine Frau gerade dabei, sich ihre Pelze aus dem Schrank zu nehmen.

 »Was wird das?«, hatte er von ihr wissen wollen.

 »Wonach sieht es denn aus?«, hatte sie herablassend gefragt. Auf seinen verständnislosen Blick hatte sie ihn verächtlich wissen lassen, dass sie zu ihrer neuen Liebe ziehen würde, mit der sie endlich so leben könnte, wie sie sich das immer schon vorgestellt hätte. Ein Mann, der sich um sie und ihre Belange kümmern würde und nicht nur um seinen Beruf und die ständigen Wohltätigkeitsveranstaltungen.

 Sie bräuchte keinen Mann, der von ihr erwartete, sich auf seinen Wahlpartys blicken zu lassen und die glückliche Ehefrau vorzuspielen. Nein danke, dazu hätte sie keine Lust mehr, hatte sie ihn herablassend angelächelt.

 »Bisher haben dir der Lebensstil und das Geld aber ganz gut gefallen. Was hat sich geändert?«, hatte er spöttisch gefragt. Obwohl er verwundert gewesen war, hatte es ihm nicht eine Sekunde leidgetan, dass sie ihn verlassen wollte. Er hätte es vor Jahren tun sollen.

 »Jimmy liebt mich. Um meinetwillen. Nicht wegen eines Kindes. Mein Geld ist ihm auch egal und ...«

 »Dein Geld?«, hatte er sie gereizt unterbrochen.

 »Natürlich ist das genauso mein Geld. Schließlich war ich über zwanzig Jahre deine dich treuumsorgende und liebende Gattin, also steht mir die Hälfte deines Vermögens zu«, hatte sie schnippisch geantwortet.

 Er hatte höhnisch gelacht. »Schon vergessen? Du hast bei der Heirat einen Ehevertrag unterschrieben. Dir steht nichts zu, wenn du mich verlässt oder ich dir eine Affäre nachweisen kann. Und ich könnte dir mehr als eine beweisen ...«

 »Und ich dir ebenso viele«, hatte sie ihn unwirsch unterbrochen. »Und diese Tatsache wäre ausgesprochen hinderlich bei einer Bewerbung um den Senatsposten, den du so heiß anstrebst. Du weißt ja, unsere Mitbürger stehen nicht auf fremdgehende Ehemänner. Und ich kann mich gut als die betrogene Ehefrau verkaufen, die ihren Mann verlassen hat, weil sie diese Betrügereien nicht mehr hinnehmen konnte.« Ihre Stimme hatte nur so vor Verachtung getrieft.

 Ja, er konnte sich sehr gut vorstellen, wie sie diese Show abzog. Sie war eine Meisterin der Selbstdarstellung.

 »Also mein Lieber, du wirst nicht darum herumkommen, mir einen großzügigen Unterhalt zukommen zu lassen. Du willst doch nicht, dass deine heiß geliebte Tochter in einem Loch hausen muss, wenn sie ihre Mommy besucht? Oder dass deine Klienten erfahren, wie fürsorglich du dich um ihre Ehefrauen kümmerst?«

 Ihr schadenfrohes Lachen klang immer noch in seinen Ohren, als er entspannt seinen Scotch im tulpenförmigen Glas beobachtete, wie sich die dunkle Flüssigkeit beim Drehen des Glases an der Glasinnenwand festsetzte. Er liebte die Zähigkeit dieses Getränks, die nur erreicht wurde, wenn der Alkoholgehalt zwischen dreiundvierzig und sechsundvierzig Prozent betrug. Seine Vorfahren wussten schon, warum sie sich für diese Sorte entschieden hatten.

 Warum nur hatte er sich vor zweiundzwanzig Jahren für diese Frau entschieden? Weil sie schwanger gewesen war. Ein paar mal nur hatte er mit ihr geschlafen. Sie hatte ihn gereizt. Mit ihren provokanten Aussprüchen und ihrem umwerfenden Dekolleté. Und dann hatte sie ihm aus heiterem Himmel eröffnet, dass sie ein Kind erwartete. Sein Kind.

 Natürlich hatte er um ihre Hand angehalten, sehr zum Leidwesen seiner Eltern, die sich eine gute Partie für ihn gewünscht hatten. Genug Mädchen aus der besten Neu-England Gesellschaft waren Schlange gestanden, den Spross einer alt eingesessenen Familie zu heiraten. Aber nie hätte er eine Frau im Stich gelassen, die sein Kind unter ihrem Herzen trug. Wobei er sich nicht sicher war, ob sie überhaupt ein Herz hatte. So, wie er sie die letzten Jahre kennengelernt hatte.

 Ständig hatte sie ihm vorgeworfen, er schränke ihre Entfaltungsmöglichkeiten ein, weil er sie mit Kind in ein spießiges Wohlstandsleben presste, wo sie die Vorzeige-Ehefrau zu geben hatte. Es allerdings genoss, vor ihren Freundinnen mit dem stilvollen Stadthaus im geschichtsträchtigen Beacon Hill prahlen zu können. Er hatte nach wie vor ihr geschwollenes ›das Haus ist im Federal Style erbaut, es stammt aus der Zeit um 1815‹ im Ohr, wenn ihre Freundinnen das erste Mal zu Besuch kamen. Und wie schätzte sie erst die Dinnerpartys, die er für seine verwöhnte Klientel oder verschiedene Wohltätigkeitsvereine geben musste. Schließlich hatte er als direkter Nachkomme von einem der Unterzeichner des Mayflower Compact, der ersten von Freien formulierten Verfassung Amerikas, seine Verpflichtungen.

 Sie sträubte sich ebenso wenig gegen das hübsche Anwesen in Chilmark auf Martha’s Vineyard. Monate hatte sie an diesem Ort verbracht, als Lilly klein war, während er in Boston seiner Arbeit nachgegangen war und sich vor Sehnsucht nach seiner Tochter verzehrt hatte. Seine Frau hatte er nie vermisst, aber Lilly ...

 Er war überzeugt davon, dass sie deshalb so viel Zeit auf Martha’s Vineyard verbracht hatte, weil sie ihm damit die Tochter entziehen und ihre zahlreichen Liebhaber treffen konnte. Was ihn seit längerem nicht mehr tangierte. Im Gegenteil. Er hatte sich reichlich revanchiert.

 So hatten sie sich beide arrangiert, ohne je darüber zu sprechen. Sie genoss die Vorzüge, eine reiche Frau zu sein und über viel Freizeit zu verfügen. Kindermädchen und Hausangestellte nahmen ihr schließlich alles ab, was lästig gewesen wäre. Und auf den für ihn wichtigen Partys glänzte sie. Sie war nicht nur eine vorzügliche Gastgeberin, sondern auch eine schöne Frau und wusste ihre Reize einzusetzen. Und nutze diese zu ihrem Vorteil. Manchmal nutzten sie ihm ebenfalls.

 Mehr als einmal gewann er einen Klienten, weil Caroline diesem schöne Augen gemacht hatte. Der sich erhoffte, seine Angebetete so öfter zu sehen, wenn er in der seit Generationen berühmten Anwaltskanzlei Warden&Son seine Geschäfte abwickeln würde. Und wenn er Glück hätte, würde Caroline ihn sogar erhören. Sie hatte fast alle erhört. Wollte ihn damit verletzen.

 Doch er nutzte ihr Potenzial. So war sie in seinen Augen wenigstens für etwas zu gebrauchen. Seine Frau wollte sich zwar mit ihren Liebhabern an ihm rächen, aber an ihm prallte dies ab. Wenn sie ihm wieder einmal mit schadenfrohem Lächeln eine ihrer Affären unter die Nase rieb, berührte ihn das nicht.

 Ihr Reiz war ziemlich schnell verflogen, als er erkannt hatte, welche Persönlichkeit in ihr steckte. Sie wollte nur einen reichen Ehemann. Und er war darauf hereingefallen.

 Also vergnügte er sich, wie sie treffend festgestellt hatte, mit den betrogenen Ehefrauen seiner Klienten. Kaum ließ sie ihn wissen, wer ihr derzeitiger Geliebter war, lud er die betreffende Ehefrau ein.

 Gab sich als verständnisvoller Freund, aufmerksamer Gentleman, hörte ihnen zu. Alles Dinge, die sie von ihren Ehemännern nicht mehr kannten. Nicht eine war darunter, die sich nicht über kurz oder lang tröstend von ihm in die Arme nehmen ließ. Dann kam, was kommen musste.

 Er goss sich einen weiteren Scotch ein. Leise lächelnd dachte er daran, wie er jedes Mal zum Zug gekommen war.

 Eigentlich lief es bei allen gleich ab. Er traf die Damen in einem verschwiegenen kleinen Restaurant außerhalb von Boston, brachte sie danach gentlemanlike bis vor ihre Haustür. Alle luden ihn auf einen Kaffee oder einen Digestif ein. Einige schüchtern, andere herausfordender. Die ihn zum Kaffee einluden, waren die Schüchternen. Da wusste er, dass er viel Geduld brauchen würde, und so manche Tränenausbrüche über sich ergehen lassen musste.

 Doch irgendwann lagen sie alle schluchzend in seinen Armen, ihre Körper bebten, als sie ihm gestanden, dass ihre Männer vermutlich eine Affäre hätten. Klammerten sich hilfesuchend an ihn. Er strich beruhigend über ihren Rücken, über ihre Haare, über ihr Gesicht.

 Legte einen Finger unter ihr Kinn, hob ihren Kopf, schaute sie mitfühlend an und meinte leise: »Kein Mann ist es wert, dass man sich wegen ihm Kummer macht«, und ließ seine Lippen sanft auf die gegenüberliegenden treffen. Einige wenige reagierten überrascht, die meisten erwarteten diesen Kuss bereits.

 Waren sie überrascht, strich er zärtlich über ihre Wangen, schaute tief in ihre Augen. »Es ist nur ein Kuss, um dir zu zeigen, wie attraktiv du bist und dass dein Mann dich nicht verdient, wenn er dich hintergeht. Wo er doch eine so bezaubernde Frau zu Hause hat.«

 Dann schimmerten meist Tränen in ihren Augen, bevor sie diese schlossen und ihren Mund für weitere Küsse darboten. Es folgten sanftes Streicheln und liebevolle Worte. Über kurz oder lang ergab sich jede seinem Werben.

 Mit manchen schlief er nur einmal. Entweder, weil diese Damen sofort ein schlechtes Gewissen bekamen oder er spürte, das könnte gefährlich werden und sie könnten mehr von ihm wollen als tröstenden Beistand. Manche langweilten ihn sofort. Wobei das selten vorkam. Die meisten unbeachteten Ehefrauen waren einem Abenteuer nicht abgeneigt. Und sehr freizügig mit ihrer Gunst. Wenn er nur an Deborah dachte …

 Für ihn war seine Ehe somit ein perfektes Arrangement, sein Leben allerdings hatte er sich so nicht vorgestellt. Der einzige Grund, warum er sich nicht scheiden ließ, war seine Tochter Lilly.

 Er liebte Lilly abgöttisch. Und sie ihn. Dafür war er sicher, dass sie ihre Mutter hasste. Denn Caroline hackte ständig auf ihr herum. Ließ sie wissen, dass sie sich in dieser Ehe gefangen fühlte, weil er – und damit deutete sie jedes Mal mit dem Zeigefinger anklagend auf ihn – sie geschwängert hatte. Es wäre besser gewesen, abzutreiben, als diesen spießbürgerlichen Moralapostel zu heiraten, polterte sie stets.

 Lilly lief dann weinend nach oben in ihr Zimmer. Es kostete ihn immer viel Überredungskunst, bis sie ihr Zimmer aufschloss und er sie trösten konnte. Er wiegte sie in seinen Armen, liebkoste ihr goldenes Haar, sprach beruhigend auf sie ein.

 »Warum hasst sie mich so?«, hatte sie vor kurzem nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter zornig ausgerufen. »Was nur habe ich ihr getan?«

 Er konnte nur hilflos die Schultern zucken. Seit mehr als zwanzig Jahren bereute er jeden Tag, mit dieser Frau geschlafen zu haben. Er bereute aber nicht das Produkt dieser Tat. Lilly war so liebreizend, klug und von schneller Auffassungsgabe, dass es ihm eine Freude war, sie aufwachsen zu sehen.

 Jetzt wird er sie bald verlieren, ging ihm bekümmert durch den Kopf. Sie setzte die Familientradition fort und studierte ebenfalls an der Harvard University. Schon seit sie das Harvard College besucht hatte, an dem sie letztes Semester ihren Bachelor in Soziologie erworben hatte, wohnte sie am Campus in einem der schönen Wohnheime, die den Studenten zur Verfügung standen. Nur mehr an den Wochenenden war sie zu Hause, wenn überhaupt. Um den ständigen Streitereien mit ihrer Mutter zu entgehen.

 Kam sie nicht nach Hause, traf er sich Samstag Mittag mit ihr in Boston, an der Faneuil Hall, einem der ältesten Gebäude Bostons, in dem bereits ihre Vorfahren Hummer gegessen hatten, während sie über die Unabhängigkeit von England debattierten. Lilly liebte das geschäftige Treiben rund um die Hall und den anschließenden Quincy Market. Schon als Kind war es ihre größte Freude gewesen, dort mit einer Portion Zuckerwatte in der Hand zu flanieren.

 Oft spazierten sie den Freedom Trail entlang, der die wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten Bostons miteinander verband und plauderten über dies und das. Als sie klein war, erzählte er ihr Anekdoten über die einzelnen Stätten, bis sie alt genug war, die Geschichte der Stadt Boston und ihre Rolle im Unabhängigkeitskrieg gegen England zu verstehen. Stundenlang konnte sie im Granary Burying Ground verbringen, einem der ältesten und schönsten Friedhöfe Bostons, wo ihre Vorfahren begraben liegen. Sie konnte nicht genug bekommen von Erzählungen über die berühmten Personen, die dort bestattet sind. Ehrfürchtig stand sie vor dem Obelisken, der an die Familie Benjamin Franklins erinnern sollte und lachte fröhlich, als er ihr erzählte, dass seine zwei Vornamen auf Benjamin Franklin zurückzuführen seien, der in Boston geboren wurde.

 Er lächelte, als er sich das fröhliche Gesicht der kleinen Lilly vorstellte. Nun war sie eine junge Dame und hatte andere Interessen. Letzte Woche hatte er mit ihr den Parteitag der Demokraten in Philadelphia verfolgt und die Ansprache Hillary Clintons, als sie ihre Kandidatur für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten annahm. Beide fanden sie, dass es eine großartige Rede war. Kämpferisch, allerdings auch selbstkritisch.

 Sie hatten Hillary schon öfter persönlich erlebt, da wirkte sie wesentlich gelöster und lockerer als bei Ansprachen vor einer Menschenmenge. Ihr Mann Bill konnte die Massen begeistern, sie wirkte stets ein wenig kalt. Doch das war sie nicht. Im Gegenteil. Er hoffte so sehr, dass sie das Rennen machen würde. Und Lilly mit ihm.

 Lilly, dachte er betrübt. Bald wird sie ganz ausgezogen sein. Hoffentlich findet sie einen jungen Mann, der ihrer wert war.

 Um seine Traurigkeit zu bekämpfen, schenkte er sich einen dritten Scotch ein. Und seine Gedanken schweiften zu Deborah ... Sie hatte er gestern angerufen, als Caroline das Haus verlassen hatte.

 »Hallo Deborah, heute Abend schon etwas vor? Oder hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?«, hatte er sie mit seiner tiefen Stimme verführerisch gefragt.

 »Woran denkst du denn so?«, hatte sie kokett geantwortet. So, wie sie es als Person ebenfalls war. Irgendwie Caroline ähnlich. Jedoch aufrichtiger und ehrlicher. Ihn faszinierte ihre ungenierte Art. Obwohl mit einem Kongressabgeordneten verheiratet, hielt sie sich nicht an die starren Konventionen. Seit fünf Jahren eine praktische Geliebte. Sie hatte keine Ambitionen, ihren wesentlich älteren Mann zu verlassen, denn über kurz oder lang würde sie ein Vermögen erben. Aber sie hatte viel Motivation, sich bis dahin trotzdem zu vergnügen.

 Vor allem, da sie wusste, dass ihr Mann nach wie vor fremdging. Das schien in seinen Genen zu liegen. Schon sein Vater war als der größte Schürzenjäger der Ostküste bekannt, sein Sohn stand dem in nichts nach.

 »Du wolltest doch schon mal in meiner Bibliothek ein bisschen schmökern. Heute Abend wäre sie frei«, hatte er ins Telefon gelächelt.

 »Isst Caroline wieder mal auswärts?«, hatte sie spöttisch wissen wollen.

 »Nein, sie hat mich verlassen«, hatte er kalt geantwortet.

 »Das glaub ich jetzt nicht. Hat sie sich einen Reicheren geangelt?« Denn lange Zeit war es Deborahs größte Sorge gewesen, ihr Mann könnte sie für Caroline verlassen. Sie hatte ebenfalls einen Ehevertrag unterschrieben. Bei Scheidung gab es nichts. Gleich, wie die Schuldfrage lautete.

 Ben hatte nie verstanden, warum Caroline mit dem alten Frank Williams ein Verhältnis begonnen hatte. Er war tattrig, ständig lief ihm Speichel aus dem Mund. Böse Zungen behaupteten, er träumte immerzu von jungen vollbusigen Frauen.

 Caroline hatte wahrscheinlich gedacht, mit dieser Affäre könnte sie ihn besonders erniedrigen. Auch seine Mutter war jahrelang die Geliebte dieses Mannes gewesen. Es hatte seinem Vater fast das Herz gebrochen, denn der hatte seine Frau aufrichtig geliebt. Allerdings wurde seine Mutter bei der Wahl ihres Ehemannes nicht um ihre Meinung gefragt. Sie war William Warden schon in jungen Jahren versprochen worden, die Familien waren seit Generationen befreundet und heirateten gegenseitig. So war das bei der Ostküstenelite. Dass seine Mutter Frank Williams geliebt hatte, interessierte keinen. Frank war ein Möchtegern, wollte groß herauskommen und man hatte ihm unterstellt, dass er mit Hilfe der jungen und hübschen Mildred Fletcher seine Ziele erreichen wollte.

 Er hat es auch ohne Mom geschafft, ging Ben durch den Kopf. Frank ist ein Arbeitstier und ein gerissener Geschäftsmann. Bald ist er reicher gewesen als die Familie meiner Mutter und meines Vaters zusammen. Ob Großvater sich manchmal geärgert hat, weil er Mom nicht ihren Willen gelassen hat?

 »Ben? Bist du noch da?«

 »Ja, ja natürlich. Entschuldige, habe mich etwas in Träumereien verloren. Nein, im Gegenteil. Es ist der neue Trainer aus eurem Fitnessstudio, von dem alle Ladys so schwärmen«, hatte er verächtlich erklärt.

 Ein erfrischendes Lachen erklang in seinen Ohren. »Na, da wird sie ganz schnell wieder angekrochen gekommen. Der hat es auch bei mir probiert. Mehr als ein kurzes Abenteuer war er mir allerdings nicht wert. War mir zu süß, zu schmeichelnd. Außerdem taugte er als Liebhaber nicht viel. Der will nur ihr Geld.«

 »Davon gehe ich aus. Sie hat mir schon verkündet, dass sie die Hälfte meines Vermögens möchte.«

 »Und?«

 »Keinen Cent mehr als notwendig bekommt sie. Und das nur wegen Lilly.«

 »Na ja, vielleicht findet sie andere Sponsoren«, hatte sie gehässig gemeint.

 »Wie sieht es aus? Lust auf einen Besuch bei mir?«

 »Natürlich. Schließlich war ich bis jetzt nie in deinem Heiligtum. Kannst schon mal den Champagner kalt stellen.«

 Er freute sich auf sie. Auch, dass er sie in seinem Haus empfangen würde. Noch nie hatte er Damenbesuch in seinem komfortablen Heim, aus Rücksicht auf Caroline, aber vor allem wegen Lilly. Er wusste, dass Caroline ihre Liebhaber in seinem Schlafzimmer empfing, das störte ihn allerdings nicht. Die Haushälterin hatte die Aufgabe, sein Bett jeden Abend frisch zu beziehen, kurz bevor er eintraf.

 Es hatte nicht lange gedauert, und Deborah hatte an der Tür geläutet. Seinen Angestellten hatte er für diesen Abend frei gegeben, also öffnete er selbst. Sie war in einem Trenchcoat und High Heels im matten Schein der Gaslaterne von der Straße auf der mittleren der drei Stufen gestanden, die zu seinem eleganten Stadthaus führten. Er hatte sie hereingebeten, doch sie war stehen geblieben.

 Überrascht hatte er aufgeblickt. Da hatte sie langsam den Gürtel ihres Trenchcoats geöffnet. Der war aufgeklafft. Und hatte eine hinreißende Frau in schwarzen Spitzen preisgegeben. Sie hatte die Reizwäsche getragen, die er ihr vor vier Jahren zu seinem Geburtstag geschenkt hatte, mit dem Wunsch, dass sie nur mit dieser Wäsche bekleidet in das Hotelzimmer nach New York zur intimen Feier kommen sollte.

 Er hatte sie angelächelt. »Du hast es nicht vergessen.«

 »Wie könnte ich«, hatte sie mit brüchiger Stimme geantwortet.

 Ja, es war eine unvergessliche Nacht gewesen in New York. Fast hätte er sie damals gebeten zu bleiben, für immer. Aber wegen Lilly ...

 Er hatte sie lange angeblickt, wie sie da im fahlen Licht stand und ihn herausfordernd anblickte. Doch da war noch etwas in ihrem Blick, das er nicht deuten konnte ...

 So hatte er ihr die Hand entgegengestreckt, sie hatte ihre sanft in seine gelegt. Zart hatten seine Lippen ihren Handrücken berührt. Danach war sie in die Vorhalle getreten und hatte wie unbeabsichtigt ihren Mantel fallen gelassen.

 »Also, wo geht´s zur Bibliothek?«, hatte sie forsch, doch immer noch leicht brüchig, gefragt.

 »Wenn die Dame mir folgen möchte«, hatte er eine Verbeugung angedeutet und war vorausgegangen.

 Dann war sie in der Mitte seines Heiligtums gestanden, sanft beleuchtet von seiner Leselampe.

 »Du siehst zum Anbeißen aus«, hatte er geflüstert. »

 »Dann beiß an«, hatte sie zurück geflüstert.

 Er wollte auf sie zutreten und sie stürmisch umarmen, da hatte er sich auf seine Gastgeberverpflichtungen besonnen und für beide Champagner eingeschenkt, der in einem silbernen Sektkühler bereit gestanden hatte.

 »Auf dich!« Es hatte ihm viel bedeutet, dass sie gekommen war. Sie war so herrlich unkompliziert, ein Kumpeltyp, trotzdem extrem weiblich.

 Sie hatte ihr Glas in einem Zug leer getrunken. War sie nervös?, hatte er überlegt. Er war es gewesen. Denn so nah waren sie sich noch nie. Es machte einen Unterschied, ob man eine Frau im Hotel oder bei sich zu Hause empfing. Und diese Frau, das spürte er, bedeutete ihm mehr als seine sonstigen Abenteuer.

 In seinem Sessel zurückgelehnt sah er sie vor sich, wie sie sich zu seinen Füßen gesetzt und ihn mit ihren Lippen fast um den Verstand gebracht hatte. Wie damals Caroline. Als er noch jung und dumm war.

 Aber nun war er nicht mehr so leicht zu beeindrucken, obwohl er zugeben musste, dass es mit Deborah ein wirklicher Genuss war. Sie verstand es, einen Mann zu verwöhnen. Er schätze ihre Hingabe und Leidenschaft.

 Sollte er sie heute Abend erneut einladen? Das gestern war mehr als eine leidenschaftliche Nacht. Er hatte ihr sogar angeboten, in seinem Ehebett zu übernachten.

 »In deinem Ehebett?«, hatte sie überrascht gefragt und ihn dabei eigentümlich schräg mit ihren grünen Augen angesehen. Doch die Einladung angenommen. Und so hatten sie sich noch öfter in dieser Nacht geliebt. In seinem Ehebett. Im Morgengrauen hatte sie sich verabschiedet. »Danke«, hatte sie nur geflüstert und dann war sie verschwunden.

Gestern hat ihn seine Frau verlassen, dachte er erneut belustigt, diesmal allerdings bereits leicht beschwipst.

 Immer noch saß er mit dem Scotch-Glas in der Hand auf seinem Lieblingssessel in der Bibliothek. Lange hatte er nach diesem Sessel gesucht. Er hatte sich einen typisch englischen Bibliothekssessel eingebildet, der einen alten Ledergeruch an sich haften hatte und in dem man auch als großgewachsener Mann versinken konnte, wenn man seine Zigarre und seinen Scotch darin genoss. Er hatte ihn durch Zufall in London bei einer Auktion gefunden und sich nach Hause schicken lassen. Seine Frau war nicht begeistert gewesen, aber die Bibliothek betrat sie ohnedies so gut wie nie. Das war sein Rückzugsort. Und der Lillys.

 Wie gern kam seine Tochter schon als kleines Mädchen zu ihm in die Bibliothek und ließ sich von ihm vorlesen. Als sie klein war, saß sie auf seinem Schoß, kuschelte sich vertrauensvoll an ihn. Je älter sie wurde und somit größer, kauerte sie sich auf den Boden und lehnte sich an seine Beine. Und er las ihr vor. In letzter Zeit diskutierten sie viel miteinander, denn sie war wie er politisch interessiert und was sich zur Zeit in Amerika abspielte, war zum Fürchten.

 Hat es dieser Trump doch tatsächlich geschafft, zum Präsidentschaftskandidaten für die Republikaner aufgestellt zu werden, überlegte er schaudernd. Noch mehr grauste ihm vor den Gedanken, was Amerika, was der Welt mit einem US-Präsidenten Donald Trump bevorstand.

 Viel mehr würde er Hillary Clinton den Sieg wünschen. Es wäre ein historischer Erfolg, eine Frau auf Amerikas Präsidentenstuhl. Dann würde er eine Zukunft für seine Tochter sehen. Bei Trump dagegen ... was konnten Frauen da erwarten? Wenn er nur an die marionettenhaften Puppen dachte, mit denen sich Trump umgab. Jetzt hatte Ehefrau Nummer drei den Fauxpas begangen, die fast wortwörtlich geklaute Rede der jetzigen First Lady Michelle Obama zu wiederholen, die diese vor acht Jahren auf dem Parteitag der Demokraten zur Nominierung ihres Mannes gehalten hatte.

 In dem Moment hörte er die schwere Eingangstür ins Schloss fallen.

 »Lilly«, rief er. Nichts rührte sich. Aber es konnte nur Lilly sein. Niemand sonst hatte einen Schlüssel. Caroline hatte ihren gestern lässig auf den antiken Tisch in der Vorhalle geworfen, wo die Briefe sortiert von der Haushälterin abgelegt wurden, als sie ihm verkündet hatte, sie werde ausziehen und »dieses Ding nicht mehr brauchen«.

 »Lilly«, rief er erneut. Wieder nichts. Er erhob sich aus seinem Stuhl, leicht schwankend, auf nüchternen Magen spürte er den dritten Scotch.

 Als er aus der Tür in die geräumige Vorhalle trat, stand dort Lilly. Wie immer machte sein Herz einen Freudensprung, wenn er seine Tochter sah. Sie war das einzig Gute, das dieser Ehe entsprungen war. Ohne sie hätte er Caroline schon vor Jahren verlassen. Sie erst gar nicht geheiratet. Denn nur ihrer Schwangerschaft mit Lilly hatte sie die Hochzeit zu verdanken.

 Er hatte schnell herausgefunden, dass sie ihn nur benutzt hatte. Ein Sohn aus reichem Elternhaus, dem eine wunderbare Karriere als Anwalt bevorstand, schließlich hatte sein Vater bereits eine gut gehende Anwaltskanzlei mit mehreren Partnern. Sie hatte sich ins gemachte Nest gesetzt. Und ihm die Hölle bereitet. Ohne Lilly …

 »Was ist los?«, fragte er erschrocken, als er ihr kreidebleiches Gesicht und ihre aufgerissenen Augen sah, aus denen die Tränen herausschossen.

 »Lilly, Schatz, was ist geschehen?«, fragte er besorgt nach.

 Laut schluchzte sie auf, dann lief sie an ihm vorbei in das obere Stockwerk. Nach kürzerster Zeit hörte er ihre Zimmertür krachend ins Schloss fallen. Nun war er beunruhigt. Das sah Lilly nicht ähnlich. Sie kam mit allen Problemen zu ihm, schüttete ihr Herz nie ihrer Mutter aus, denn die machte ihr stets aufs Neue klar, wie sehr sie es bereute, nicht abgetrieben zu haben. Das hatte Lilly und ihn nur noch enger zusammengeschweißt.

 Er schritt die Treppe in den oberen Stock hinauf, sich festhaltend an dem Geländer. Er hätte dem Scotch nicht so zusprechen sollen, schalt er sich aus. Was wird Lilly von mir denken, wenn sie merkt, dass ich zuviel getrunken habe? Er riss sich zusammen, wenn Lilly zu Hause war. Aber seit sie am Campus wohnte und nur gelegentlich ins elterliche Nest zurückkam …

 Warum ist sie heute vorbei gekommen? Was bewegte sie so sehr, dass sie nach Hause gefahren ist?, überlegte er fieberhaft. Gott sei Dank war sie gestern Abend nicht herein geschneit, als er mit Deborah … wäre das peinlich gewesen!

 »Lilly«, rief er eindringlich, als er an ihre Tür klopfte. »Lilly, komm, mach auf. Erzähl mir, was dich bedrückt.«

 Keine Reaktion. Nur lautes Schluchzen.

 »Lilly«, rief er erneut und klopfte heftiger.

 »Geh weg«, schrie sie hysterisch.

 »Aber Lilly, was ist nur los mit dir? Warum willst du nicht mit mir sprechen?«, fragte er verzweifelt.

 »Frag Mom«, schluchzte sie nur.

 Caroline?, dachte er verblüfft. Was hatte die damit zu tun?

 »Hat sie dir von unserer Trennung erzählt?«, wollte er besorgt wissen. Das würde Caroline ähnlich sehen, Lilly die Schuld in die Schuhe zu schieben.

 »Nein, noch etwas viel Schlimmeres«, brach es aus ihr heraus.

 Sein Herz krampfte sich zusammen. Was hatte sie ihrer Tochter jetzt wieder angetan?

 »Lilly, sag schon, was ist es«, drang er nun heftiger in sie.

 »Nein, ich kann nicht«, und das Schluchzen wurde verzweifelter.

 Mittlerweile war er nüchtern. Die Sorgen um Lilly brachten ihm den klaren Kopf zurück.

 Ich muss Caroline anrufen, vielleicht kann sie mir sagen, was hier vorgefallen ist, überlegte er bestürzt. Falls sie mir überhaupt die Gnade erweist, mit mir zu reden, dachte er sarkastisch, während er in die Küche hinabstieg.

 Dort ließ er sich einen starken Espresso durch seine Luxuskaffeemaschine laufen. Caroline war immens stolz auf diese Rocket R58 aus Stahl. Ihre Freundinnen kamen nur wegen des Kaffees ständig auf einen Schwatz. Wahrscheinlich auch ihre zahlreichen Liebhaber, dachte er spöttisch. Wobei, damit tat er Caroline unrecht. Wenn sie etwas konnte, dann Männer glücklich machen. Allerdings nur, wenn sie Lust verspürte oder es ihren Zwecken dienlich war.

 Sie hatte eine unheimliche Gabe, einen Mann mit der Zunge zu verwöhnen, sodass er davon abhängig werden konnte. Er war als junger Student so gierig danach gewesen, dass er schon während der Vorlesung nur ihren Mund beobachten konnte, wenn sie kokett mit Dr. Sommersby flirtete und er wusste, wenn er sie nach der Uni in seinem schicken Cabriolet mitnahm …

 Es war atemberaubend gewesen, mit offenem Verdeck über die Landstraße zu fahren, auf Carolines blonden Hinterkopf zu blicken, die ihren Kopf in seinem nackten Schoß vergraben hatte. Er musste das Lenkrad jedes Mal fest umklammern, um nicht in den Straßengraben zu lenken bei den himmlischen Genüssen, die sie ihm bereitet hatte.

 Allerdings war es nach der Heirat damit vorbei. Zuerst hatte sie ihre Schwangerschaft als Vorwand genommen, dann postpartale Depression und schließlich … Vorbei ist vorbei. Und er wäre nie in diese Ehe geschlittert, wäre er nicht so dumm gewesen. So gierig nach dieser Frau. Immer hatte er ein Kondom verwendet. Nur einmal nicht.

 Gut konnte er sich noch an die Situation erinnern. Es war nach einer dieser ewig langen Vorlesungen bei Dr. Sommersby, die nur deshalb interessant waren, weil der Professor Caroline dabei ständig in ihr ausgesprochen einladendes Dekolleté gestarrt hatte und sich alle Studenten lustig darüber machten. Einige waren überzeugt, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Sommersby war damals so alt wie er heute. Vierundvierzig Jahre, gut verheiratet und ein Ehrenmann. Außerdem Vater von zwei kleinen Söhnen. Ließ sich zwar von Caroline reizen, aber mehr war da nicht. Ein Mann mittleren Alters und eine Studentin. Er hatte alle ausgelacht, wusste er doch, dass Caroline mit ihm ins Bett ging und nicht mit Dr. Sommersby.

 Jedenfalls waren sie auf der Landstraße dahingefahren, sie hatte ihn mit ihrem Mund in Ekstase versetzt und dabei um einen klaren Kopf gebracht. Er dachte daran, wie sie ihre Zunge nur leicht über seine Spitze hatte gleiten lassen, bevor diese in ihrem Mund verschwunden war. Dachte an ihre saugenden Lippen und den kecken Blick, dem sie ihm zwischendurch zugeworfen hatte. Er war ihr verfallen gewesen. Gänzlich.

 Zwar hatte er bereits mit einigen Kommilitoninnen Sex praktiziert, doch keine hatte es ihm je mit dem Mund besorgt. Caroline war einzigartig. Er hatte sich glücklich geschätzt, dass sie mit ihm geschlafen hatte. Er hatte keine ernsten Absichten gehegt, dazu war sie ihm zu vulgär. Vor allem zu wenig intellektuell. Er hatte damals schon nicht verstanden, was sie in Harvard eigentlich gewollt hatte. Wie war sie nur zu ihrem Stipendium gekommen? An der außergewöhnlichen intellektuellen Begabung konnte es nicht gelegen sein ... Aber was interessierte es ihn? Er hatte nur eines im Sinn: Sie zu vögeln. Nicht mehr. Und sie war willig gewesen.

 Wieder kam ihm das Bild von der Cabrioletfahrt in den Kopf. Kurz vor seinem Höhepunkt hatte sie ihren Mund zurückgezogen, sich aufgerichtet und bestimmt gesagt: »Fahr rechts ran!«

 Er hatte gehorcht. Kaum waren sie am Straßenrand gestanden, hatte sie sich über seinen Schoß geschwungen. Sie hatte wie stets keinen Slip getragen, was ihn noch mehr gereizt hatte.

 »Nein Caroline, nicht ohne Schutz«, hatte er trotz der Lust, die er empfunden hatte, heiser gebeten.

 »Psst«, hatte sie nur geantwortet und begonnen, auf ihm zu reiten. Ihre vollen roten Lippen leckend. Durch halb geschlossene Augenlider hatte sie lasziv auf ihn geblickt, ihre Hände auf seine Schultern gelegt und sich dort abgestützt, während sie sich gemächlich gehoben und gesenkt hatte. Jedes Mal, wenn sie ihren Körper in seinen Schoß gepresst hatte, war ihr ein leises Stöhnen entkommen und sie hatte sich auf die roten Lippen gebissen. Das alleine hatte ihn verrückt gemacht. Und ihr üppiger Busen, der ohne Büstenhalter aus der dünnen Bluse gedrängt hatte.

 So hatte er sich nicht beherrschen können. Er wusste, dass er kurzzeitig überlegt hatte, sich ein Kondom überzuziehen, die Lust aber stärker gewesen war und er gedacht hatte, was wird das eine Mal ohne Schutz schon ausmachen. So hatte er seine Männlichkeit in ihr versprüht, mit Stolz, dass sein Samen sich in dieser wundervollen Frau verbreiten konnte.

 Sechs Wochen darauf hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie schwanger war. Drei Monate danach hatten sie geheiratet, knapp sieben Monate später kam Lilly. Zart, denn sie war einige Zeit vor dem errechneten Termin. Er hatte gedacht, dass Lilly früher aus ihrer Mutter schlüpfen wollte, weil diese während dem Endstadium der Schwangerschaft nur mehr gestöhnt hatte, wie schrecklich sie sich fühlte. Wie ein Walross. Dabei wusste er genau, dass sie bereits zu dieser Zeit mit ihren Affären begonnen hatte. Es gab Männer, die auf Walrosse standen. So hatte sie sich einmal ausgedrückt.

 Hastig trank er den heißen Espresso, verbrannte sich fast den Gaumen, wollte aber so schnell als möglich einen klaren Kopf. Dann wählte er Carolines Handy-Nummer.

 »Was willst du?«, fragte sie gereizt.

 »Was hast du Lilly angetan?«

 Ein befriedigendes Auflachen auf ihrer Seite. »Hat sie es dir erzählt?«, fragte sie schadenfroh.

 »Nein, sie wollte mir nichts sagen. Ich solle dich fragen«, antwortete er aufgebracht.

 »Will dein Schätzchen dir nicht erzählen, was ihre liebe Mommy ihr gerade gebeichtet hat?«

 Es troff vor Verachtung aus dem Telefonhörer. Warum nur hasste sie Lilly so sehr? Ein so liebreizendes Geschöpf, von der man nicht glauben konnte, dass sie von dieser Mutter stammte. Wobei Caroline in der Öffentlichkeit stets die hingebungsvolle Ehefrau und Mutter gespielt hatte, somit hatte nie jemand seine Klagen ernst genommen. Sah man Caroline auf einer Party an seiner Seite, war man überzeugt, das perfekte Paar vor sich zu haben. Waren sie alleine zu Hause, warf sie nicht nur mit bösen Worten um sich, sondern auch mit Geschirr, Möbeln und Ähnlichem.

 Sein Wunsch war all die Jahre gewesen, Lilly zu beschützen, deshalb hatte er Caroline nicht verlassen. Wer weiß, was sie Lilly angetan hätte. So bildeten er und Lilly eine verschworene Gemeinschaft gegen Frau und Mutter. Natürlich fühlte sich Caroline ausgeschlossen, doch daran war sie selbst schuld.

 Sie gab Lilly nicht einmal das Mindestmaß an mütterliche Liebe, ihm verweigerte sie den ehelichen Beischlaf. Den holte er sich zwischendurch mit Gewalt. Worauf er nicht stolz war, ihn dafür am Morgen in den Spiegel schauen ließ, weil er sich zur Wehr gesetzt hatte. Zumindest empfand er es so, obwohl es bei Tageslicht besehen lächerlich war, wie er sich verhielt.

 Wenn sie es mit ihrer Zankerei wieder einmal auf den Höhepunkt getrieben hatte, fesselte er ihre Arme und Beinen an die Bettpfosten, während sie schlief.

 Begehrte sie wütend auf, steckte er ihr einen Seidenschal in den Mund, damit sie Lilly mit dem Geschrei nicht weckte. Dann nahm er sie. Grob. Vermied es tunlichst, seinen Samen in ihr zu verteilen. Denn ein weiteres Kind wollte er unter allen Umständen vermeiden. Sondern entleerte sich über ihrem Gesicht. Und erfreute sich diebisch an ihrem Ekel ausdrückendem Gesichtsausdruck.

 Komischerweise sprach sie diese nächtlichen Übergriffe nie an. Im Gegenteil. Sie war danach tagelang wesentlicher leidlicher und vertrug sich sogar mit Lilly. Seit einigen Jahren hatte er allerdings absolut keine Lust mehr auf sie verspürt. Er fühlte ausschließlich Verachtung. Pure Verachtung.

 Vergnügte sich lieber mit den Ehefrauen von Klienten. Die waren ihm dankbar für seine Hingabe. Er holte sich seine körperliche Befriedigung, aber befriedigt von den Abenteuern war er nicht. Er sehnte sich nach wirklicher Liebe. Echter Liebe mit einer Frau wie Lilly, die warmherzig, klug und hübsch sein und außerdem über einen brillanten Verstand verfügen sollte. Eine Frau, die zu ihm stand und nicht auf seinen Status als angesehener Anwalt und Spross einer der ältesten Familien Amerikas aus war.

 Lilly könnte einmal in seine Fußstapfen treten, auch was die politischen Ambitionen anbelangte. Er konnte seine Kandidatur zum Senator von Massachusetts nicht mehr bekannt geben, doch vielleicht konnte er Lilly in einigen Jahren unterstützen?

 Wir prüden Amis, dachte er amüsiert. Amerikaner akzeptieren in der Politik keine gescheiterten Ehen oder Ehebrecher. Offiziell muss in diesem Land alles sauber sein. Obwohl jeder wusste, dass so mancher Politiker seinen Schwanz nicht in der Hose behalten konnte. Macht zog Frauen magisch an, und welcher Mann konnte weiblichem Charme schon widerstehen? Er konnte es damals nicht. Und verdiente jetzt dieses Leben. Er wollte Caroline ausnutzen. Doch sie hatte den Spieß umgedreht. Er seufzte auf.

 Ein böses Lachen aus dem Telefon. »Also gut, ich erlöse dich. Ich hab deinem Schätzchen erzählt, dass du nicht ihr Daddy bist.«

 Eine lange Pause trat ein. »Wie bitte?«, presste er endlich hervor.

 »Du hast richtig gehört. Du bist nicht Lillys Vater. Jetzt kannst du deinen Gefühlen für Lilly endlich ihren Lauf lassen«, spie sie gehässig hervor.

 »Was willst du damit sagen?«, fragte er betroffen nach.

 »Na, du liebst sie ja schon eine ganze Weile«, keifte sie.

 »Was erlaubst du dir. Ja, ich liebe sie. Als Vater. Du weißt genau, dass ich ihr nie mehr als väterliche Gefühle entgegengebracht habe«, erwiderte er entrüstet.

 »Ja, ja, ich weiß mein Moralapostel. Nichtsdestotrotz liebst du sie. Aber mir ist es sowieso einerlei. Ich will von euch beiden meine Ruhe. Deshalb hab ich Lilly heute die Wahrheit gesagt. Sie ist erwachsen und muss sich ihren Dämonen stellen. Und du deinen«, kam es erneut gehässig.

 »Wer ist ihr Vater?«, fragte er kühl.

 »Dr. Sommersby«, antwortete sie ebenso kühl.

 Nein, dieser Schlag in die Magengrube. Sie hatte also doch was mit Sommersby, der sie noch dazu geschwängert hatte. Und ihm hatte sie es angehängt. Deshalb dieser Ritt damals am Straßenrand. Schön langsam ging ihm ein Licht auf. Was für ein abgefeimtes Luder.

 »Da staunst du, was? Alle wussten, dass ich ein Verhältnis mit dem guten Professor hatte, nur du nicht. Er konnte nicht zu dem Kind stehen, das hätte ihn seine Karriere gekostet. Also haben wir dich als Daddy auserwählt. War doch optimal, oder?«, grinste sie hämisch.

 »Hast du Lilly erzählt, dass ihr vergötterter Professor ihr Vater ist?« Denn zu allem Überfluss studierte seine Tochter – nein, Carolines Tochter – an derselben Universität wie sie beide damals.

 Wie hatte sie sich gefreut, als sie die Zulassung erhielt, denn nur zwischen fünf und sechs Prozent der Bewerber wurden jährlich akzeptiert. Die Vorfahren seiner Familie waren an der Gründung der Harvard University in Cambridge auf der Nordseite des Charles Rivers, gegenüber von Boston, beteiligt. Die Eliteeuniversität war die älteste des Landes und wurde im Jahr 1636 vom General Court der Massachussetts Bay Colony ins Leben gerufen. Seinen Namen erhielt die Universität von dem puritanischen Theologen John Harvard, der 1638 sein Vermögen dem College vermacht hatte. Seit mehr als dreieinhalb Jahrhunderten wurde an den mittlerweile zehn verschiedenen Fakultäten gelehrt und geforscht. Hier erhielt Amerikas akademische, wirtschaftliche und politische Elite ihren letzten Schliff. Acht ihrer Präsidenten, von John Adams bis Barack Obama, studierten hier, über vierzig Nobelpreisträger forschten an dieser Universität. Und selbst diejenigen, die ihr Studium nicht in Harvard beendeten, waren erfolgreich – wie Bill Gates, der hier ebenfalls einmal inskribiert war. Wie sagte der ehemalige »Außenminister« von Harvard, Richard Hunt, so schön: ›Aus eckigen Charakteren runde Klassen bilden, das ist eine unserer Maximen.‹

 Es war Familientradition, in der dortigen School of Law den Abschluss zu machen. Es war nicht selbstverständlich, aufgenommen zu werden, auch wenn man über eine einflussreiche Familie verfügte und einen ausgezeichneten Notendurchschnitt aufweisen konnte. Vielmehr zählten bei der Auswahl der Studenten auch Eigenschaften wie Führungsqualitäten, Charakterstärke, soziales Engagement, intellektuelle Neugier, Integrität und Reife. Dr. Sommersby unterrichtete nach wie vor englisches Recht und war Lillys absoluter Favorit. Er sei immer so nett zu ihr, so zuvorkommend, behandle sie wie eine Tochter, schwärmte sie jedes Mal von ihm. Kein Wunder!

 »Nein, das überlass ich dir. Kannst ja besser mit ihr umgehen. Sie vertraut ihrem Daddy«, grinste sie erneut hämisch. »Übrigens, ich hab dir grad eine Mail mit meiner neuen Kontonummer und Adresse geschickt. Dahin kannst du deine Unterhaltszahlungen an mich in Zukunft überweisen«, und legte auf.

 Du wirst dich wundern, da wird nichts eintreffen, freute er sich schon diebisch auf ihr enttäuschtes Gesicht, wenn keine Zahlungen erfolgen würden. Sie hatte seine Karriere mit der Trennung ohnedies bereits zerstört, was machte es noch aus, wenn er die Zahlungen verweigerte und sie in der Öffentlichkeit Schmutzwäsche wusch? Bei dem, was sie ihm und Lilly angetan hatte, verdiente sie es nicht besser. Ihm wurde übel, wenn er an die Pressekampagne dachte, die diese Eröffnung nach sich ziehen würde. Aber jetzt musste er sich um Lilly kümmern.

 Schweren Herzens stieg er die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Ihr Weinen war leiser geworden. Wie nur sollte er ihr begegnen? Sie war eine junge, attraktive Frau. Vor ein paar Tagen hatte sie sich noch vertrauensvoll an ihn geschmiegt. »Daddy«, hatte sie gesagt, »warum können die Jungs nicht so sein wie du? Diese albernen Sprüche, ihr dummes Gehabe. Glauben die wirklich, sie können ein Mädchen damit beeindrucken?«

 Er wusste, dass sie keinen festen Freund hatte, nur flüchtige Bekanntschaften oder Studienfreunde, mit denen sie hin und wieder ausging. Wenn er sie fragte, wie das Date verlaufen war, kam stets die gleiche Antwort.

 »Langweilig. Sie wollten nur mit mir ins Bett. Und ihre Anmachsprüche waren nicht einmal originell. Unterhalten kann man sich ebenfalls über nichts. Außer ihren Smartphones und den diversen Apps darauf haben sie nichts im Sinn. Was soll ich mit so einem anfangen?«

 Ja, er hatte seine Tochter – hatte Lilly zu einem interessierten Menschen erzogen. Von klein auf hatte er mit ihr über Politik diskutiert.

 Zuerst über die, die sie unmittelbar betraf, wie ihren Kindergarten oder die Primary School. Später, als sie die High School besuchte, haben sie über Massachusetts und die Zustände in ihrem Umkreis gesprochen. Die Themen ständig erweitert, bis sie über die Welt im allgemein zu diskutieren anfingen. Lilly war klug, studierte neben Jura noch Politikwissenschaften in Harvard, weil sie in seine Fußstapfen treten wollte. Wie sie das jetzt wohl sah?

 Siedendheiß fiel ihm ein, dass sie auch mit einem der Söhne von Sommersby aus gewesen war. Hoffentlich war da nicht mehr passiert als ein schüchterner Wangenkuss. Wie konnte Sommersby das zulassen? Er wusste doch Bescheid ... was nur ging in dem Mann vor?

 Ben stand vor Lillys Tür. Sein Herz klopfte laut. Hatte Caroline recht, dass er nicht nur väterliche Gefühle für Lilly empfand? Blödsinn, schimpfte er. Das ist wieder einmal nur einer ihrer gehässigen Sprüche, um Unruhe zu schüren. Trotzdem war ihm mulmig zumute, wenn er daran dachte, dass er einem jungen, aufgelösten Mädchen gegenüber trat, das wusste, dass er nicht sein Vater war. Diese unbeschwerte Vertrautheit wird wohl vorbei sein, überlegte er bekümmert.

 »Lilly«, flüsterte er mit einem Kloß im Hals. Er räusperte sich. »Lilly«, versuchte er es erneut und klopfte an ihre Tür.

 »Es ist offen«, erklang ihre sonst so fröhliche Stimme tief bekümmert. Er trat ein. Seine wunderhübsche Tochter – Lilly saß auf dem Bett, völlig aufgelöst, das dunkelblonde, normalerweise seidig glänzende Haar hing ihr wirr und nass um den Kopf. Tränen schimmerten nicht nur in ihren wasserblauen Augen, die je nach Stimmung extrem hell oder sehr dunkelgründig sein konnten, sondern liefen ihr nach wie vor über ihr zartes Gesicht.

 Sie blickte scheu zu ihm auf. Der Blick tat ihm weh. Und die Gewissheit stellte sich ein, dass es mit der väterlichen Vertrautheit vorbei war. Es würde nie wieder so sein wie früher. Sie müssen sich erst eine neue Basis erarbeiten, dachte er traurig. Lilly blickte ihn an wie einen Fremden.

 »Sie hat es dir gesagt, ja?«, flüsterte sie kaum hörbar.

 Er nickte nur.

 »Wie konnte sie uns das antun? Uns so hassen?«, presste sie verzweifelt hervor.

 »Ich habe keine Ahnung«, konnte er nur bekümmert antworten.

 »Hast du nie etwas geahnt? Oder vermutet?« Ihr verzweifelter Blick schnürte ihm die Kehle zu, also schüttelte er nur den Kopf.

 »Nein«, sagte er schließlich mit fester Stimme. »Nein. Ich bin überhaupt nie auf die Idee gekommen, dass sie mir ein Kind unterschieben könnte. Ich habe ein einziges Mal mit ihr ohne Kondom geschlafen. Und da konnte es ohne Weiteres passiert sein. Heute weiß ich, dass dieses eine Mal ein ausgeklügeltes Spiel von ihr war, um mir die Vaterschaft anzuhängen. Du weißt ja, wie ich erzogen worden bin. Mir kam so etwas Ungeheuerliches nicht in den Sinn, obwohl ich als Anwalt doch einiges gewöhnt sein müsste«, schüttelte er resigniert den Kopf.

 Wie oft erfuhr er die haarsträubendsten Geschichten über seine Klienten, aber das so etwas ihm passieren könnte, dem Sohn aus gutem Hause, der seine Verwandtschaft bis auf die Pilgrim Fathers zurückverfolgen konnte? Wie konnte er so dumm sein und sich von einem Mund, der es verstand, Männer um ihren Verstand zu bringen, um seinen bringen zu lassen?

 Er setzte sich zu Lilly aufs Bett, legte vorsichtig einen Arm um ihre Schultern. Sie zuckte zurück. Verlegen nahm er den Arm weg. »Entschuldige, ich wollte dich nur trösten«, sagte er bekümmert.

 »Ich weiß«, flüsterte sie kaum hörbar.

 Ihr Blick dabei ging ihm durch und durch, dann senkte sie ihre Augen auf den Boden. So saßen sie eine Weile. Beide mit gesenkten Augen, Händen, die auf ihren Knien ruhten und lauschten ihren Gedanken, die sie sich nicht auszusprechen getrauten.

 Er spürte eine eigentümliche Unruhe in sich aufkommen. Ein Gefühl, das vom Magen her kommend durch seinen Körper zog. Fahrig fuhr er mit den Händen über sein Gesicht, als wollte er die aufkommenden Empfindungen und Gedankengänge verscheuchen. Nein, das war zu verrückt. Er wird doch nicht ... Unruhig schaute er auf Lilly. Die hatte ihr Gesicht gehoben und blickte ihn geradeheraus an. In ihre blauen Augen hatte sich ein Lächeln geschoben.

 »Es ... es tut mir so leid, Lilly«, stotterte er verlegen.

 »Mir nicht«, antwortete sie bestimmt.

 Verwundert sah er sie an. »Wie ... was ...«, konnte er nur stammeln.

 »Es tut mir nicht leid, dass du nicht mein Vater bist. Im Gegenteil. Ich bin froh darüber. Viel zu lange schon hadere ich mit dem Schicksal, dass ich dich nicht lieben darf wie einen Mann, weil du mein Vater bist. Seit ich denken kann, wünsche ich mir einen Mann wie dich. In all den Jungs, mit denen ich aus war, habe ich nur dich gesucht. Ich liebe dich, Ben Warden. Und nun darf ich es auch laut und deutlich sagen, ohne mich eines Vergehens schuldig zu machen«, strahlte sie ihn an.

 Überrascht über dieses Geständnis blickte er auf sie. Und wusste in dem Moment, was seine Gefühle, die in seinem Körper tobten, bedeuteten. »Lilly«, brachte er nur brüchig hervor.

 Da umarmte sie ihn bereits stürmisch und küsste ihn leidenschaftlich. Ohne Scheu drängte sie ihren schlanken Körper an seinen. Er konnte ihre kleinen festen Brüste spüren und registrierte mit Unbehagen, wie sich bei ihm mehr regte.

 »Lilly, lass uns nichts überstürzen«, versuchte er, die Situation zu beruhigen. Was, wenn das nur eine Trotzreaktion auf die Eröffnung ihrer Mutter war, um sich an Caroline zu rächen, und sie es später bereuen würde?

 »Warum?«, entgegnete sie leichthin. »Ich weiß, dass du dasselbe für mich empfindest. Warum also nicht dem Gefühl nachgeben?« Ihre großen, nun sehr dunklen Augen, blickten erwartungsvoll in sein Gesicht.

 Er strich über ihre Wange, hob ihr Gesicht mit einem Finger unter ihrem Kinn zu sich. »Bist du dir sicher?«, fragte er eindringlich.

 »Ja«, flüsterte sie. »Ich bin mir sicher. Ich liebe dich. Und ich habe mich für dich aufgehoben. Öfter schon dachte ich, ich will es mal probieren. Wollte wissen, wie es ist, wenn man zur Frau gemacht wird. Aber immer hielt mich etwas davon ab. Ich wollte es mit dem Mann das erste Mal tun, den ich wirklich liebe. Und das bist du.« Ihr offenes Gesicht, das zugleich so verletzlich wirkte, rührte ihn. Sie hatte noch mit keinem Mann ...

 »Du meinst ... du bist ...«, stotterte er erneut.

 »Ja, ich bin noch Jungfrau. Hoffentlich nicht mehr lange«, lachte sie befreit. Erfreut registrierte er eine neue Vertrautheit zwischen ihnen, die Vertrautheit der Liebe. Gleichzeitig war er froh, dass seine Befürchtungen nicht zutrafen, sie hätte mit Jeff Sommersby ...

 »Nein, diesen Status wirst du bald verlieren«, und er senkte seine Lippen auf ihre, die sie ihm ungeduldig entgegengestreckt hatte. Zärtlich zuerst küsste er sie, strich durch ihr langes Haar, wickelte eine Strähne um seinen linken Zeigefinger.

 Als er ihre Lippen frei gab, murmelte sie in seinen Mund. »Ich liebe dich, Ben«, und wie selbstverständlich sprach sie seinen Vornamen aus.

 Bisher war er stets ihr »Daddy« gewesen, sie fand es lächerlich, wenn ihre Freundinnen ihre Väter beim Vornamen nannten. Aber nun ... Sie hat die Situation wesentlich besser im Griff als ich, dachte er verwundert. Sie war die Starke und Mutige, er war unsicher und nervös. Weil sie um so vieles jünger war oder er sie noch als seine Tochter betrachtete?

 Da stand sie auf und zog ungeniert ihr Kleid aus. Sie trug keine Spitzenunterwäsche wie gestern Deborah, doch ihr Körper reizte ihn bedeutend mehr. Ein gertenschlankes Mädchen, mit fraulichen Rundungen, stand vor ihm und blickte ihn erwartungsvoll an.

 »Was ist?«, flüsterte sie, denn er starrte sie nur an. Nie hätte er gedacht, dass er dieses liebreizende Geschöpf einmal als Mann betrachten würde. Er streckte ihr die Hand entgegen, sie nahm diese und er zog sie auf seinen Schoß. Er strich mit beiden Händen über ihren Rücken, öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters. Der fiel von selbst in ihren Schoß. Er beugte sich zu ihr, küsste zärtlich zuerst die eine, dann die andere Brustwarze. Sie stöhnte auf. Und begann, seine Hemdknöpfe zu öffnen. Fuhr mit ihrer Nase seinen Hals entlang, schmiegte ihren Kopf an seine behaarte Brust.

 Verzückt gurrte sie, als sie ihren nackten Oberkörper an seinen drängte. Er küsste ihren Haaransatz, da hob sie ihren Kopf und sie fielen in einen leidenschaftlichen Kuss.

 Nach Luft schnappend sprang sie von seinem Schoß, zog dicht vor ihm stehend ihren Slip über die Hüften. Ihm blieb fast der Atem stehen, als sie wie Gott sie schuf vor ihm stand. »Du bist wunderschön«, flüsterte er, riss sich sein Hemd vom Körper und schlüpfte aus seiner Hose.

 Erneut streckte er seine Hand nach ihr aus. Vertrauensvoll legte sie ihre in seine und er zog sie in ihr Jungmädchenbett. Sie hatten zwar vorgehabt, ihr Jungmädchenzimmer zu renovieren, aber Lilly hatte abgelehnt. Lachend hatte sie gemeint, sie wolle es so belassen, das erinnere sie an ihre Kindheit und seine Märchenerzählungen. Nun würde er sie in diesem Bett lieben. Und ihr nie mehr Märchen erzählen.

 Da lag sie nun unter ihm. Nackt. Seine Tochter. Nein, Carolines Tochter. Seine geliebte Lilly. Caroline hatte recht, er liebte sie. Nicht wie eine Tochter, sondern wie eine Frau. Und das schon eine Weile, als hätte er gespürt, dass ihn mit Lilly mehr verband als väterliche Liebe.

 »Bist du bereit?«, flüsterte er rau.

 »Ja«, nickte sie zusätzlich bekräftigend mit dem Kopf. »Ja, ich bin bereit. Für dich«, hauchte sie mit einem verzückten Lächeln auf den Lippen.

 »Lilly, du bist wunderschön. Du hast keine Ahnung, wie glücklich du mich machst«, und er drang langsam und gefühlvoll in sie ein. »Ich werde dich jetzt zur Frau machen. Zu meiner Frau«, und küsste die Glückstränen weg, die über ihre Wangen kullerten. Übersah dabei die Frau, die in der Tür stand und hasserfüllt auf das Treiben vor ihr blickte. Und diese Frau dachte nur mehr eins: Ich werde dich vernichten, Ben Warden!

 Er spürte den leichten Widerstand, den Lillys Jungfernhäutchen verursachte und war stolz, dass er es sein durfte, der sie entjungferte. Zärtlich liebte er sie und war glücklich, als er ihr Aufbäumen in dem Moment seiner höchsten Befriedigung spürte. Liebevoll raunte er: »Ich liebe dich Lilly, wie ich noch keine Frau vor dir geliebt habe.«

 Ihre Antwort war ein lustvoller Aufschrei, indem der Knall der zuschlagenden Eingangstür unterging.

Dienstag, 30. August 2016

»Hätte das nicht bis zum Morgen warten können? Leichen laufen nicht davon«, maulte Detective Johnson vor sich hin, als sie in der Dunkelheit über den geschichtsträchtigen Campus der Harvard Universität zwischen den unscheinbaren Backsteinhäusern in Richtung der Harvard School of Law stapften. »Ich hatte grad eine heiße Blondine an der Bar aufgetan.«

 Ein missbilligender Blick von seinem Kollegen Monroe traf ihn. »Und du denkst, diesmal hätte es geklappt?«, fragte dieser zynisch.

 Beleidigt wandte sich Johnson an den am Eingang stehenden Polizisten. »Was steht an?«

 »Ein Jura-Professor, Dr. Rufus Sommersby, wurde in seinem Büro vom Wachdienst tot aufgefunden. Zweiter Stock links, Zimmer 215.«

 Die Detectives schritten über die Treppe in den zweiten Stock. Das Büro war leicht zu finden, am Gang wimmelte es von Polizisten. Im Büro des Opfers war die Spurensicherung am Werk. Die Gerichtsmedizinerin beugte sich über den Toten am Boden.

 »Hallo Doc, keine bessere Beschäftigung für eine so schöne Nacht gefunden?«, fragte Johnson anzüglich und zwinkerte Monroe zu. Der drehte seine Augen über und dachte nur ›Idiot.‹

 Mary Brighton, deren üppige Figur von Johnson mit den Augen verschlungen wurde, antwortete kurz angebunden, dass sie soeben eingetroffen und noch dabei sei, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Detectives schauten sich um.

 Ein älterer Mann mit weißen, kurzen Haaren in dunklem Anzug lag auf dem Rücken, die Krawatte leicht gelockert. Die Augen erstaunt aufgerissen, so, als könnte er nicht glauben, was mit ihm passierte. Neben ihm lag eine Schere mit rotem Griff.

 Die Gerichtsmedizinerin richtete sich auf. »Eine Einstichwunde am Rücken. Scheint ihm mit der Schere beigebracht worden zu sein.«

 »Scheint?«, hakte Monroe nach.

 »Ja, scheint. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen, aber ich sehe im Moment kein anderes Werkzeug, das ihm diese Wunde am Rücken zugefügt haben könnte.« Dabei drehte sie den Toten so, dass die Einstichwunde mit dem verkrusteten Blut sichtbar wurde.

 »Müsste dann die Schere nicht in seinem Rücken stecken?«, fragte Monroe zweifelnd nach.

 »Außer, jemand hat sie ihm nach dem Tod herausgezogen. So sieht es im Moment aus«, antwortete sie knapp.

 »Todeszeit?«, wollte Johnson wissen.

 »Nicht so lange her. Höchstens vier bis sechs Stunden. Also zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr gestern Abend.«

 »Sonst noch was Relevantes für uns, Doc?«

 »Nein, im Moment nicht. Mehr nach der Obduktion. Wie immer«, fügte sie sarkastisch an.

 Johnson drehte sich schmollend um, da fiel sein Blick auf einen glänzenden Gegenstand neben dem Kopf des Toten.

 »Was haben wir denn hier?«, überlegte er laut und hob einen goldenen Füller vom Boden auf. »Vom Opfer?«, wandte er sich an die Gerichtsmedizinerin.

 Diese schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Er lag direkt neben dem Kopf des Toten, als ich eintraf.«

 »Es sind Initialen eingeritzt. Wie hieß der Tote noch mal?«, blickte Johnson fragend auf seinen Kollegen.

 »Dr. Rufus Sommersby.«

 »Rufus, komischer Name. Aber dann scheint das nicht sein Füller zu sein. Hier sind die Initialen B.F.W. eingraviert und ein komisches Wappen«, und damit reichte er den Füller seinem Kollegen, nicht ohne ihn vorher in einen Plastiksack zur Beweissicherung zu stecken.

 Monroe starrte auf die Initialen und sagte gedankenverloren: »Benjamin Franklin.«

 Johnson lachte. »Also, wenn ich beim Geschichtsunterricht aufgepasst habe, ist der schon länger tot als der Typ hier, oder irre ich mich?«

 »Idiot«, fuhr ihn Monroe an. »Wenn mich nicht alles täuscht, gehört dieser Füller Benjamin Franklin Warden, von seinen Freunden kurz Ben genannt«, fügte er gehässig hinzu.

 »Du meinst den Warden?«, fragte Johnson ungläubig.

 »Genau. Den Warden, der – darf man den Gerüchten glauben – für den Senatsposten unseres schönen Bundesstaates Massachusetts kandidieren möchte.«

 Johnson pfiff durch die Zähne. »Bist du sicher?«

 »Zu neunundneunzig Prozent«, und ein grimmiges Lächeln glitt über sein Gesicht. »Aber ich weiß, wen wir fragen können.«

 »Na, am besten den Herrn persönlich«, meinte Johnson.

 »Nein, wir befragen zuerst seine Sekretärin. Damit wir eine eindeutige Bestätigung von dritter Seite haben.«

 »Du denkst doch nicht, dass dieser Warden der Täter sein könnte?«

 »Warum nicht?«, äußerte Monroe grimmig. Endlich, dachte er, endlich habe ich etwas in der Hand, um gegen diese Familie vorgehen zu können. Er freute sich auf die direkte Konfrontation mit Ben Warden.

 

 

 

Ein glückliches Lächeln um die Lippen trank Ben eilig seinen Morgenkaffee. Es war schon spät, seine Partner in der Anwaltskanzlei, eine der größten Neu-Englands, warteten bereits auf ihn. Er hatte gestern kurzfristig eine Zusammenkunft vereinbart, um seine Scheidungsangelegenheit zu besprechen, da Caroline ebenfalls Partner der Kanzlei war.

 Zärtlich dachte er an die letzte Nacht, als er sich in der Vorhalle einen leichten Mantel überwarf, denn für Ende August war es empfindlich kalt in Boston. Noch nie war er mit einer Frau so eins wie mit Lilly.

 Sie war nicht nur eine bezaubernde junge Frau, sondern auch eine bemerkenswerte Geliebte. Seine Geliebte, dachte er beglückt. Er nahm sich vor, die Scheidung von Caroline schnellstmöglich durchzuziehen, auch wenn er dadurch bluten musste. Er wollte Lilly zu seiner Frau machen. Zu seiner Ehefrau. Das würde zwar für einen Skandal sorgen und er konnte seine Ambitionen auf den Senat endgültig begraben. Doch Lilly war es wert.

 Als er sich überlegte, ob er für einen Abschiedskuss auf einen Sprung in ihr Zimmer laufen sollte, schritt sie die Treppe hinab. Bekleidet mit einem Seidenbademantel, der ihre Brustwarzen durchschimmern ließ. Entweder war ihr kalt oder ...

 »Guten Morgen Ben«, sagte sie verlegen und blieb auf der letzten Stufe stehen. Bisher war sie die Treppe hinabgestürmt, wenn sie ihn gesehen und dabei fröhlich gerufen hatte: ›Hi Dad, gut geschlafen?‹ Und ihn herzlich umarmt hatte. Jetzt fügte sie zögerlich an: »Hast du gut geschlafen?«

 »Ja mein Liebling. Das habe ich. Nach dieser wundervollen Nacht, die du mir geschenkt hast. Und du?« Er trat auf sie zu, zog sie für einen zärtlichen Kuss in seine Arme.

 »Wunderbar«, flüsterte sie. »Musst du schon fort?«

 »Ja, leider, Don und die anderen erwarten mich bereits. Aber ich beeile mich. Sehen wir uns nach der Besprechung?«

 »Ich muss kurz zur Uni, Tutorenstunde bei Dr. Sommersby«, lächelte sie ihn liebevoll an. »Danach komm ich gleich zurück.«

 Der Name ihres leiblichen Vaters versetzte ihm einen Stich. Wie sollte er ihr das nur beibringen? Er musste es heute hinter sich bringen, bevor Caroline es auf ihre nicht sehr sanfte Art und Weise ausplauderte.

 »Gut, dann bis später mein Liebling«, und er küsste sie das erste Mal bei Tageslicht auf den Mund.

 »Ich liebe dich Lilly«, flüsterte er in ihr Haar.

 »Ich weiß«, antwortete sie selbstbewusst.

 

 

 

»Du meinst, ihr wollt euch scheiden lassen?«, fragte sein langjähriger Freund und Partner Charles Spencer, für Geschäftsverträge zuständig, ungläubig.

 »Ja«, nickte Ben in die Runde. Er betrachtete die Gesichter der Menschen, die um den Konferenztisch saßen. Zum Teil arbeitete er seit Jahren mit ihnen zusammen

 »Und du Charles«, wandte Ben sich an den Angesprochenen, »wirst die Papiere aufsetzen, die Caroline als Partnerin aus der Kanzlei ausscheiden lassen. Sie wird keinen Cent mehr bekommen, als ihr unbedingt zusteht. Hast du mich verstanden?«

 »Das kannst du nicht machen. Sie ist deine Frau. Wovon soll sie in Zukunft leben?«, fragte Charles aufgebracht.

 Ben zog die Augenbrauen zusammen. Was sollte das?

 »Ist dir klar, dass es um unsere Kanzlei geht? Warum sollten wir Caroline auszahlen, obwohl sie nie auch nur einen Strich gearbeitet hat?«, formulierte er schärfer, als er wollte.

 »Nein, da spiele ich nicht mit«, antwortete Charles trotzig.

 »Warst du einer ihrer Liebhaber?«, fragte Ben verächtlich. Charles senkte die Augen. Nicht nur ihr Liebhaber, dachte er.

 »Nein, das glaube ich nicht. Du als mein vertrautester Partner? Als Pate von Lilly?« Ben war außer sich. Charles, Caroline und er hatten gemeinsam in Harvard studiert. Er hatte ihm die Partnerschaft angeboten, da Charles ein fähiger Anwalt war und unheimlich gut mit Klienten umgehen konnte. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass ...

 Die Spannung war greifbar. Charles schaute Ben angriffslustig an. Nun werde ich mich einmal durchsetzen, nahm sich Charles vor. Ständig stand er in der zweiten Reihe. Caroline hatte ihn geliebt, aber Ben geheiratet, weil der reich war. Charles hatte das Angebot der Partnerschaft nur akzeptiert, weil er damit in Carolines Nähe bleiben konnte. Doch Ben hatte er immer gehasst.

 »Verlasse diesen Raum«, sagte Ben eisig. Seine Stimme und seine Haltung erlaubten keinen Widerspruch. Ben strahlte eine natürliche Autorität aus, der man sich nur schwer entziehen konnte. Seine Erziehung und seine Herkunft ließen ihn wie einen Aristokraten aus der Alten Welt wirken, was er nach amerikanischen Verhältnissen auch war, denn seine Familie gehörte zu den ersten Einwanderern.

 »Ich ...«, wollte Charles antworten, Ben jedoch unterbrach ihn schneidend. »Raus. Sofort!«

 Charles erhob sich und ging langsamen Schrittes aus dem Raum. Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, blickte Ben in die Runde. »Wer war noch ihr Geliebter?«, und dabei sah er einem nach dem anderen in die Augen.

 Nur Don DeCarlo, seit fünf Jahren Partner in der Kanzlei und ein ausgezeichneter Strafverteidiger, obwohl erst Anfang dreißig, erwiderte seinen Blick offen. Hätte mich gewundert, wenn du Carolines Charme erlegen wärest, dachte Ben bei sich. Obwohl Caroline nach wie vor eine hinreißende Frau war, so war sie doch um einiges älter als Don. Außerdem wusste Ben, dass Don in Lilly verliebt war. Armer Don. Nun konnte er seine Ambitionen zu Grabe tragen. Kurz zuckten Dons Augenlider. Hat er doch?, fragte sich Ben. Und ihm fiel das vergangene Weihnachtsfest in den Firmenräumlichkeiten ein, das Don relativ früh verlassen hatte, nachdem er zuvor mit Caroline in sein Büro verschwunden war. Nein, entschied er für sich, Don war nicht so ein Idiot, um auf Caroline hereinzufallen.

 Seine Augen glitten weiter, zu Loyd Sachs, ebenfalls Strafverteidiger. Der hatte seinen Blick bei Bens Frage gesenkt. Auch einer, der bei ihr schwach geworden ist, dachte Ben nur mitleidig. Wie der nächste in der Runde, Willy Blake, Wirtschaftsfachmann wie er selbst.

 Ben seufzte auf. Also konnte er die Angelegenheit nur Kathleen Stewart übertragen, die Jüngste in der Runde. Kathleen war vor ungefähr einem Jahr in die Firma eingestiegen und er hatte ihr sofort die Partnerschaft angetragen. Nicht nur, weil ihr Vater bereits Seniorpartner und letztes Jahr plötzlich verstorben war und Frau und Tochter ohne Vermögen zurückgelassen hatte, das er mit diversen Liebschaften und Spielsucht durchgebracht hatte. Sondern weil Kathleen etwas Besonderes war. Bildhübsch und ausgesprochen klug. Sie war eine brillante Anwältin, spezialisiert auf Partnerschaftsabkommen und hat der Kanzlei zu einflussreichen Klienten verholfen. Caroline hatte nach ihrer Einstellung getobt.

 »Du willst wohl mit ihr ins Bett?«, hatte sie ihn hämisch gefragt. »Das werde ich zu verhindern wissen«, und war schnurstracks in Kathleens Büro marschiert. Ihre kreischende Stimme war gut zu hören gewesen und ihr peinlicher Auftritt war noch lange Gesprächsthema unter den Angestellten.

 Er hatte Mühe gehabt, Kathleen zu halten. Trotz seiner Entschuldigung wollte sie die Kanzlei sofort verlassen, er aber konnte sie überzeugen, dass Caroline nur aus gekränktem Stolz so gehandelt und er selbst keinerlei Absichten an ihr hatte. Er schätze sie als Anwältin, kein anderer Grund war ausschlaggebend für ihre Einstellung, hatte er ihr erklärt. Kathleen war geblieben und als Dankbarkeit hatte er ihr kostenlos die Partnerschaft übertragen.

 »Gut zu wissen, wo man steht«, meinte Ben nach einigen Minuten spöttisch. »Dann werde ich diese Aufgabe an Kathleen vergeben. Willy, du übergibst Kathleen die Partnerverträge und weihst sie in die Fallstricke ein. Alles Weitere werde ich mit Kathleen unter vier Augen besprechen. Und meine Herren«, und er blickte erneut von einem zum anderen, »sollte einer Caroline über das, was hier besprochen wurde oder was noch besprochen wird, informieren, so hat dies eine sofortige Auflösung der Partnerschaft zur Folge. Und zwar ohne Entschädigung. Und ich mache euch öffentlich fertig. Ist das klar?«

 

 

 

Ben kam erst am späten Nachmittag nach Hause. Die Besprechung mit Kathleen hatte länger gedauert als gedacht, aber er wusste, dass der Auftrag in guten Händen war. Sie würde Caroline nicht schonen. Außerdem hatte er im Anschluss eine hässliche Auseinandersetzung mit Charles. Was war plötzlich mit Charles los, dass er sich so für Caroline einsetze? Ja, er hatte immer schon für sie geschwärmt, aber so einen Aufstand? Er traute ihm zu, dass er sofort zu Caroline laufen würde, um sie über die Vorgänge zu informieren. Doch er hatte ihm klar zu verstehen geben, dass dies das Ende seiner Karriere wäre. Er hätte die Wahl, hatte er verächtlich zu ihm gemeint. Dann hatte er ihn stehen gelassen. Er wollte nach Hause. Zu Lilly.

 Im Kühlschrank fand er wie mit seiner Haushälterin Mrs. Walters vereinbart einen kleinen Imbiss für sich und Lilly. Was Mrs. Walters wohl dazu sagen wird, wenn sie von ihm und Lilly erfährt? Ob sie das verstehen wird?, überlegte Ben.

 Mrs. Walters liebte Lilly wie ihre eigene Tochter, ersetzte ihr die Mutter. Lilly ging mit allen Anliegen zuerst zu Mrs. Walters, nicht zu Caroline. Hatte sie als Schulmädchen eine gute Note erhalten, war sie in die Küche zu Mrs. Walters gelaufen und hatte ihr freudestrahlend davon berichtet. Und wurde mit einer heißen Schokolade belohnt. Er lächelte zärtlich, als er sich die junge Lilly vorstellte, wie sie ihn mit ihrem Schokolademund geküsst hatte, wenn er von der Arbeit nach Hause gekommen war.

 Lilly. Wie freute er sich auf heute Abend. Er würde ihr zuerst von Dr. Sommersby erzählen und mit ihr gemeinsam überlegen, wie sie mit dieser Tatsache umgehen würden. Und dann ...

 Da hörte er die Tür. Er erhob sich erfreut und eilte Lilly entgegen. Die stand wie gestern bleich in der Halle.

 »Er ist tot«, flüsterte sie kaum hörbar.

 »Wer ist tot?«, fragte er verständnislos.

 »Dr. Sommersby«, schluchzte sie verzweifelt.

 Sein Herz krampfte sich zusammen. »Wie, Dr. Sommersby ist tot?«, fragte er besorgt nach. »Woran ist er gestorben?«

 »Keine Ahnung«, flüsterte sie. »Man munkelt, dass er ermordet wurde. In seinem Arbeitszimmer.«

 »Ermordet?« Er konnte es nicht glauben. Wer sollte ein Interesse haben, den alten Professor zu ermorden? Außer ihm, der gestern erfahren hatte, dass seine Frau ihn mit dem Professor betrogen und ihm sein Kind untergeschoben hatte. Gut, dass niemand davon wusste. Er musste Caroline sofort informieren, damit sie diese Tatsache nicht ausplauderte. Wer weiß, auf welche Ideen die Polizei sonst kommen könnte.

 »Weiß man schon, wer es getan hat?«

 »Nein ... nein, ich glaube nicht«, stotterte sie.

 »Komm her«, und er zog sie in seine Arme. Lilly zittere wie Espenlaub. Beruhigend strich er über ihre Haare.

 »Wer kann so grausam sein und einen alten, lieben Professor ermorden?«, fragte sie verstört.

 »Ich habe keine Ahnung«, sagte er tröstend, dachte allerdings, dass es mehr betrogene Männer wie ihn geben könnte. Und lieb war er bestimmt nicht, wenn er mit jungen Studentinnen schlief. Jetzt würde es noch schwieriger werden, Lilly über ihren leiblichen Vater aufzuklären. Vielleicht sollten sie einfach sagen, sie kennen den wahren Vater nicht? Ob Caroline damit einverstanden wäre? Aber so wie er sie kannte, sah sie Lilly gerne leiden. Und es würde ihr Schadenfreude bereiten, es Lilly genau jetzt unter die Nase zu reiben. Wie konnte er sie beschützen?

 »Lass uns auf den Schreck etwas trinken«, und er zog sie mit sich in die Bibliothek. In dem Moment läutete es an der Haustür.

 »Wer kann das sein?«, sagte er verblüfft. »Erwartest du jemanden?«

 »Nein«, murmelte Lilly.

 »Dann lass uns nicht öffnen«, und er ging in Richtung Bibliothek, denn er vermutete, Deborah könnte hinter der massiven Holztür stehen. Vielleicht hatte sie seine Einladung für einen weiteren gemeinsamen Abend in seiner Bibliothek zu wörtlich genommen.

 Da läutete es erneut. Und zusätzlich wurde der schmiedeiserne Türklopfer betätigt, der von seinem Urgroßvater angebracht worden war. Trotz mancher Umbauten in den letzten Jahrzehnten und dem Einbau der Alarmanlage konnte sich niemand entscheiden, diesen Eisenring mit dem Familienwappen zu entfernen.

 »Hier ist die Polizei! Bitte öffnen Sie!«

 Lilly schaute sich erschrocken zu ihm um.

 »Was geht hier vor? Was wollen Sie von uns?«, fragte Ben indigniert, als er die Tür geöffnet hatte und sich einem weißen Mann Mitte Fünfzig und einem afroamerikanischen Mann ungefähr in seinem Alter gegenüber sah.

 »Sind Sie Benjamin Franklin Warden?«, schnarrte der Ältere der beiden Herren vor der Tür.

 »Wer will das wissen?«, antwortete Ben kühl, trotzdem amüsiert, dass ihn jemand mit seinem kompletten Taufnamen ansprach. Alle nannten ihn Ben ... bis auf Deborahs Mann, fiel ihm plötzlich ein. Der sprach ihn stets betont mit Benjamin Franklin an.

 »Detective Johnson«, stellte sich der weiße Ermittler vor und mit einem Nicken zu seinem Kollegen »und Detective Monroe. Dürfen wir reinkommen?«

 Kurz durchzuckte Ben der Gedanke, im Gesicht des Jüngeren bekannte Züge zu entdecken. Verwarf dies in der nächsten Sekunde und kam zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich in seiner Zeit als Strafverteidiger mit ihm zu tun gehabt hatte.

 Ben trat einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei. Johnson schaute sich überrascht in der sehr eleganten Eingangshalle mit der geschwungenen Treppe um. Es war das erste Mal, dass sie in Kreisen wie diesen ermittelten.

 »Würde Sie mir bitte den Grund Ihres Besuches verraten?«, bat Ben höflich.

 Monroe wandte seinen Blick Lilly zu und fragte unfreundlich: »Und wer sind Sie?«

 Es kostete Ben Mühe, freundlich zu bleiben, doch er gab ruhig zur Antwort. »Das ist meine Tochter Lilly Warden.« Er sah die Enttäuschung in Monroes Augen, der wohl gehofft hatte, ihn hier mit einer jungen Geliebten angetroffen zu haben. Was er ja auch hatte, aber nicht erfahren durfte.

 Ben wandte sich an den weißen Ermittler: »Ich frage Sie erneut, was Sie zu so später Stunde von mir wollen.«

 »Kennen Sie einen Dr. Rufus Sommersby?«

 Lilly schrie bei der Erwähnung des Namens leise auf. Überrascht blickten die Detectives sie an.

 »Ja. Er war vor Jahren mein Professor in Harvard und ist jetzt Lillys Professor. Lilly hat mir soeben von seinem schrecklichen Ableben berichtet«, fügte er betrübt hinzu.

 »Sie wissen also schon von seinem Tod?«

 »Ja, wie gesagt, Lilly kam gerade bestürzt von der Universität nach Hause und hat mir erzählt, dass er angeblich ermordet worden sei.«

 »Woher wissen Sie das?«, fragte der schwarze Detective Lilly barsch.

 »Ich wollte zu Dr. Sommersby wegen einer Tutorenstunde. Wir waren verabredet. Doch ein Polizist verstellte mir den Weg und meinte, ich könnte da nicht hinein. Er wollte mir keine Auskunft geben, was passiert war. Ein Kommilitone hat mir erzählt, dass unser Professor angeblich ermordet worden sei«, schluchzte sie auf.

 Ben trat zu ihr und nahm sie beruhigend in seine Arme.

 »Das scheint Sie ja sehr mitgenommen zu haben«, stellte Detective Monroe schadenfroh fest.

 »Welchen Tonfall erlauben Sie sich meiner Tochter gegenüber?«, ereiferte sich Ben.

 »Na, für einen Professor scheint sie mächtig zu trauern.«

 »Alle Studenten haben mit ihren Tutoren ein gutes Verhältnis, sonst wären sie nicht ihre Tutoren. Somit ist es kein Wunder, dass Lilly erschüttert ist«, antwortete Ben schneidend.

 »Und Ihr Verhältnis zu dem verehrten Professor?«, fragte der weiße Detective mit einem eigenartigen Unterton.

 Ben wurde hellhörig. »Mein Verhältnis?«, fragte er verwundert nach. Die können doch noch nicht wissen, dass Lilly ... Auch wenn Caroline ein Schandmaul hatte, so schnell konnte sie der Polizei nichts erzählt haben, oder?

 »Ja, genau. Ihr Verhältnis.«

 »Ich habe Dr. Sommersby seit Jahren nicht gesehen. Seit meinem Studium hatte ich keinen Kontakt mehr mit ihm. Erst durch Lilly wurde ich an ihn erinnert.« Und durch das Geständnis meiner Frau, dachte er wütend. Behielt diesen Gedanken jedoch für sich. Doch auf seinem Gesicht musste er sich gezeigt haben, denn Detective Monroe hakte nach.

 »Sie haben Sommersby seit Ihrem Studium nicht mehr gesehen, keinerlei Kontakt mit ihm gepflegt?«

 »Nein, wie ich bereits sagte ...«

 »Sie waren nie mehr in seinem Büro?«, unterbrach ihn Monroe unwirsch. »Auch nicht gestern Abend?«

 Ben schüttelte verneinend den Kopf. Was sollen all diese Fragen?, überlegte er verwirrt.

 »Da sind wir allerdings anderer Meinung. Wir haben Beweise, dass Sie gestern Abend im Büro des Professors waren«, spuckte Monroe die Worte kalt in den Raum.

 »Sie haben was?«, fragte Ben verblüfft.

 »Sie haben richtig gehört. Und nun darf ich Sie bitten, uns zu begleiten.«

 »Wollen Sie mich verhaften? Mit welcher Begründung?«, rief Ben erbost.

 »Nein, wir nehmen Sie nur zu einer Befragung mit. Um eventuelle Unklarheiten zu beseitigen«, meinte Monroe herablassend und packte Ben am Oberarm.

 Lilly schrie auf. »Aber mein Vater ...«

 Ben unterbrach sie schnell, bevor sie unbedacht äußern konnte, dass sie den gestrigen Abend gemeinsam verbracht hatten: »Lilly, sag nichts. Überlass alles mir. Ruf Don an. Er soll aufs Revier kommen.«

 Lilly nickte tränenüberströmt, während ihn die Detectives abführten.

 

 

 

»Kennen Sie das?«, und Detective Johnson legte Bens goldenen Füller auf den Tisch, der zwischen ihm und den beiden Detectives stand. Mit Gravur und Familienwappen, ein Geschenk Lillys zu seinem vierzigsten Geburtstag. Seit damals trug er diesen Stift ständig bei sich.

 »Wo haben Sie den her?«, fragte Ben überrascht.

 »Den haben Sie neben der Leiche verloren«, merkte dieser höhnisch an.

 »Das kann nicht sein. Ich war nie an diesem Ort. Zumindest in den letzten zwanzig Jahren nicht.«

 »Wie erklären Sie sich dann, dass er direkt neben dem Kopf der Leiche lag?«

 Eine Pause folgte. Ben überlegte fieberhaft, wo er den Füller verloren haben könnte. Er konnte sich nicht erinnern, ihn heute verwendet zu haben. Hatte er ihn im Büro überhaupt dabei? Er war am Morgen noch verwirrt durch die Nacht mit Lilly, hatte so nicht auf seine Gewohnheiten geachtet, den Stift in seine Brusttasche im Sakko zu stecken, wie er es sonst jeden Morgen tat. Er wusste nur, dass er ihn gestern wie jeden Abend auf den Tisch in der Empfangshalle gelegt hatte. Doch wer sollte ihn von dort entfernen und bei einer Leiche deponieren?

 »Also, wir erklären uns das so. Sie haben sich über den toten Sommersby am Boden gebeugt und dabei ist Ihnen der Füller aus der Brusttasche gerutscht. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Ihre Sekretärin hat bei ihrer toten Mutter geschworen, dass dieser Füller immer - ich wiederhole - immer in Ihrer Brusttasche steckte.«

 Monroe erzählte nicht, dass sie außerdem geschworen hatte, dass Ben Warden nie und nimmer ein Mörder sei. Dass ein schrecklicher Irrtum vorliegen müsse. Leider konnte sie sich nicht erinnern, ob der Füller heute Morgen in Bens Brusttasche gesteckt hatte. Angeblich hatte sie Warden wegen einer wichtigen Sitzung der Kanzlei-Partner nur kurz zu Gesicht bekommen und nicht darauf geachtet.

 »Und Sie denken, nur weil mein Füller am Tatort gefunden wurde, bin ich der Mörder?«, lächelte Ben herausfordernd. »Haben Sie sich überlegt, dass ihn dort jemand deponiert haben könnte? Jemand, der mir oder meiner Familie schaden möchte?«

 »Wer könnte das Ihrer Meinung nach sein?«, fragte der weiße Detective.

 »Keine Ahnung. Bin ich der Detective?«

 »Sie müssen uns schon ein paar Hinweise liefern, für uns stellt sich der Fall klar dar. Sie haben Sommersby ermordet und dabei den Füller verloren.«

 »Welches Motiv sollte ich haben, diesen Mann umzubringen?«, wollte Ben wissen. Natürlich, er kannte ein Motiv, doch wusste die Polizei bereits davon?

 »Das werden wir herausfinden. Wir sind erst am Beginn unserer Ermittlungen. Und wir werden Ihr Leben auseinandernehmen und ein Motiv finden, das schwöre ich Ihnen«, sagte der schwarze Detective hasserfüllt.

 Ben blickte ihn irritiert an. Wieder hatte er das Gefühl, dieses Gesicht zu kennen. Aber er konnte es nicht greifen. Vielmehr dachte er: Ein Weißenhasser? Dann konnte er sich auf etwas gefasst machen. Sobald sie herausfanden, dass Lilly die Tochter von Sommersby war und er das wenige Stunden vor dem Mord erfahren hatte, würden sie ihn festnageln.

 Ein Indizienbeweis reichte aus. Und es würden sich Geschworene finden, um ihn dafür büßen zu lassen. Der Hass auf privilegierte Schichten war in den USA weit verbreitet. Er brauchte sich nur den schwarzen Detective anzusehen. Und wenn sie die Geschworenen dementsprechend auswählten ...

 »Wann genau war ich Ihrer Meinung nach bei Sommersby im Büro?«, erkundigte sich Ben.

 »Zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr gestern abends«, antwortete Johnson.

 »Dann haben Sie garantiert den Falschen. Ich habe den Abend und die Nacht mit einer Frau verbracht, kann diesen Professor also nicht ermordet haben.« Ben schaute die beiden Detectives zuversichtlich an, obwohl er sich nicht so fühlte. Er konnte das Zusammensein mit Lilly nicht preisgeben. Noch nicht. Das wäre ein gefundenes Fressen für die Detectives und die Öffentlichkeit.

 »Mit welcher Frau?«, wollte der Weiße wissen.

 »Das kann ich Ihnen nicht sagen, ohne vorher mit der Dame gesprochen zu haben.«

 »Mit der Dame ...«, lächelte der weiße Detective anzüglich. »Wohl eine Verabredung mit einer verheirateten Frau gehabt, was Warden?«, und schlug sich feixend mit der Hand auf seinen rechten Oberschenkel.

 »Mister Warden für Sie. Ich habe niemanden ermordet. Auch wenn Sie mich für einen Verdächtigen halten, so haben Sie mich mit Respekt zu behandeln. Abgesehen davon gilt die Unschuldsvermutung. Und jetzt möchte ich meinen Anwalt sprechen.«

 Trotz der Beweise, die sie vorlegten, brachten sie Ben nicht aus dem Konzept. Immer noch saß er mit seiner angeborenen Eleganz, wie sie über Generationen vererbte Privilegien und eine gute Kinderstube hervorbrachten, vor ihnen und bestritt die ihm zur Last gelegte Tat mit ruhigen Worten und klaren Argumenten.

 Monroe glühte innerlich vor Zorn und schaute verächtlich auf den vor ihm sitzenden Warden. Diese weiße privilegierte Schicht, die denkt, sie kann sich alles so zurechtzimmern, wie sie sich das vorstellt. Nicht mit mir, Bürschchen. Ich werde dir den Mord beweisen, war alles, was er denken konnte.

 Er hatte kein Ohr für die entlastenden Worte, er hörte nur aus der Stimme des Verdächtigen, dass dieser Sommersby verachtet hatte. Warum, musste er herausfinden. Aber er war sich sicher, hier den Mörder des Professors vor sich zu haben.

 Widerstrebend überließen die beiden Detectives Ben seinem Anwalt.

 

 

 

»Ben, was ist los?«, begrüßte ihn in einem kleinen Besprechungsraum am Revier ein aufgebrachter Don DeCarlo. »Lilly hat mich völlig verstört angerufen, dass du verhaftet wurdest?«

 »Nicht verhaftet. Sie haben mich nur zu einer Befragung mitgenommen«, antwortete Ben müde.

 »Zu einer Befragung? Wozu denn?«

 »Sie vermuten in mir den Mörder von Dr. Sommersby«, sagte Ben trocken.

 »Den Mörder ... wie kommen sie auf diese Idee?«, wollte Don verblüfft wissen.

 »Mein goldener Füller wurde neben der Leiche gefunden.«

 »Dein Füller? Aber, wie kommt der neben eine Leiche?« Don war mehr als überrascht.

 »Das würde mich ebenfalls interessieren. Also müssen wir es herausfinden. Die Polizei wird das nicht tun. Die halten mich für den überführten Mörder, obwohl sie mit den Ermittlungen noch nicht einmal richtig begonnen haben. Und ich über ein Alibi für den entsprechenden Zeitraum von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr verfüge«, meinte Ben verächtlich.

 »Dann ist doch alles gut. Hast du ihnen von deinem Alibi erzählt?«

 »Zum Teil.«

 »Wie darf ich das verstehen?«

 »Ich habe die Nacht mit Lilly verbracht. Sie kann es bezeugen.«

 »Lilly ist deine Tochter, damit ist das ein wackeliges Alibi. Außerdem werdet ihr nicht die gesamte Nacht im selben Zimmer verbracht haben. Also könnte man sagen, dass du ...«

 »Wir haben die ganze Nacht im selben Zimmer verbracht«, unterbrach ihn Ben. »Aber wenn ich das zu Protokoll gebe, machen sie uns erst recht fertig.«

 Don schaute ihn entgeistert an und fragte bestürzt: »Du ... du hast doch nicht mit ihr geschlafen?«

 »Doch. Wir haben gestern Abend erfahren, dass Lilly nicht meine leibliche Tochter ist. Und da ... da ist es einfach passiert.« Und Ben verlor sich.

 »Don, ich liebe sie. Wirklich. Aufrichtig und ehrlich«, fügte er nach einer Weile bestimmt hinzu, als er den entsetzten Blick seines Kollegen und Freundes sah. »Und sie liebt mich. Sie ist wesentlich weiter als die Jungs in ihrem Alter. Wir sind füreinander bestimmt. Ich denke, Caroline hat das bemerkt und ist deshalb mit der Wahrheit herausgerückt.«

 »Du hast also ein Alibi«, kam es trocken und mit schmalen Lippen von Don.

 Ben war sich bewusst, dass er soeben alle Träume seines jungen Partners zerstört hatte. Er konnte nur hoffen, dass sich Don professionell verhalten würde.

 »Ja, noch dazu eines, das nicht mit mir verwandt ist«, lächelte er schmerzlich.

 »Warum hast du den Detectives nichts davon erzählt?«, fragte Don verständnislos.

 »Erstens, weil ich Lilly diese Schmach nicht öffentlich antun möchte. Du weißt, wie die Meute über uns herfallen wird. Und sie ist so verletzlich ... Und zweitens ...«

 »Und zweitens?«, fragte Don nach.

 »Zweitens ist Dr. Sommersby ihr leiblicher Vater«, kam es mit brechender Stimme.

 Wenn Don überrascht war, ließ er sich nichts anmerken. Er hatte ebenfalls in Harvard studiert, und die Gerüchteküche wegen Caroline und Sommersby hatte sich viele Jahre gehalten. Ob er irgendetwas geahnt hatte?, überlegte Ben. »Du wusstest es«, stellte er fest.

 »Nein, ich habe es vermutet. Jeder wusste, dass Caroline ein Verhältnis mit euch beiden hatte. Nur du nicht ... Sommersby war verheiratet, du eine gute Partie. Und Caroline nicht auf den Kopf gefallen ...«

 Besorgt fuhr er fort: »Die Tatsache, dass Sommersby Lillys leiblicher Vater ist, macht die Sache nicht einfacher. Ihr habt ein Motiv. Beide. Und könntet euch gegenseitig decken.«

 »Ich kann zwar bei Lilly kein Motiv entdecken, doch wer weiß, wie die Polizei tickt. Deshalb hege ich die gleichen Befürchtungen wie du. Und die Detectives werden einen Teufel tun und sich nach einem anderen Täter umschauen. Ich bin der perfekte Sündenbock«, sagte er verzweifelt.

 »Und, muss ich mir als Anwalt Sorgen um euch beide machen?«, fragte Don leise.

 Ben schaute ihn verblüfft an. Dann lachte er. »Nein. Ich bin Sommersby sogar dankbar. Ich habe Lilly immer schon geliebt, zwar wie ein Vater, aber gestern ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass hinter dieser Liebe mehr gesteckt hat. Und Lilly sieht es genauso. Ich habe in ihr die Frau gefunden, nach der ich mich ständig gesehnt habe. Klug, hübsch, warmherzig, ernsthaft und doch voller Humor und Lebensfreude. Nicht so hintertrieben wie Caroline. Don, ich habe mein Glück gefunden. Warum sollte ich das wegen eines alternden Professors aufs Spiel setzen?«

 Er sah in das schmerzvoll verzogene Gesicht seines Kollegen. Armer Don. Es würde eine Weile dauern, bis er diesen Schock überwunden hatte.

 Nach einem intensiven Augenkontakt zwischen den beiden Männern sagte Don schließlich: »Gut, ich glaube dir. Trotzdem, die Sache mit dem Füller macht mir zu schaffen ...«

 »Mir ebenfalls. Und ich habe keine Erinnerung, wo ich ihn verloren haben könnte. Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass ich ihn gestern Abend an seinen üblichen Platz in der Empfangshalle gelegt habe. Aber wie sollte er von dort an den Tatort kommen?«

 »Ja, wie?«, überlegte Don laut. »Vielleicht will dir den Mord jemand unterschieben?«

 »Das war mein erster Gedanke. Doch wer? Und warum? Und vor allem, wie könnte derjenige an den Füller gekommen sein?«

 »War an dem Abend noch jemand im Haus außer dir und Lilly?«

 »Nein, Mrs. Walters hatte ich schon nach Hause geschickt, bevor Lilly kam. Wir waren alleine. Die ganze Nacht.«

 »Dann wird uns nichts andres übrig bleiben, als den wahren Täter zu finden und das Geheimnis des Füllers zu klären«, seufzte Don. »Ich denke, du bist nicht der Einzige, der ein Hühnchen mit Sommersby zu rupfen hatte. Soviel ich weiß, grapschte er jede halbwegs hübsche Studentin an. Manchmal auch die anderen und beschimpfte sie sogar, dass sie froh sein sollten, wenn er sie vögelte, weil das sonst keiner tun würde.«

 Ben war fassungslos. »Bist du sicher?«, fragte er schockiert nach.

 »Nein, das sind nur Gerüchte, doch wir werden diesen auf den Grund gehen.«

 »Gott sei Dank ist Lilly seine Tochter. So war sie sicher.«

 »Hoffentlich!«

 »Obwohl, er hatte sich stets besonders um sie gekümmert«, sagte er mit bekümmerter Miene. »Wir müssen mit Lilly reden.«

 »Ja, lass uns allerdings zuerst schauen, wie ich dich da rauskriege. Wenn du nicht bereit bist, dein Alibi preiszugeben, werden sie dich hierbehalten. Sie haben das Recht dazu. Zumindest für vierundzwanzig Stunden.«

 »Ich weiß. Und sie werden von diesem Recht Gebrauch machen. Du hättest den schwarzen Polizisten sehen sollen, wie er mich angesehen hat. Verachtung pur. Und er hat mir geschworen, ein Motiv für den Mord zu finden. Du musst sofort mit Caroline reden, dass sie vorerst nicht preisgibt, wer Lillys leiblicher Vater ist. Und fahr zu Lilly. Beruhige sie und schärfe ihr ein, dass sie nichts unternimmt, bis wir uns eine Strategie überlegt haben, wie wir weiter vorgehen. Auch, wenn sie mein Alibi ist. Und verrate ihr um Himmels willen nicht, dass Sommersby ihr leiblicher Vater ist. Ich will ihr das schonend beibringen.«

 

 

 

Don grübelte beim Verlassen des Reviers, wen er zuerst aufsuchen sollte. Lilly oder Caroline. Lilly war wahrscheinlich nervös, und wollte wissen, was mit Ben passiert war. Doch er scheute sich, ihr gegenüber zu treten. Er hegte Gefühle für sie und hatte gehofft, sie irgendwann bei ihr zu erwecken. Aber dieser Traum war vorbei. Lilly liebte ihren Vater. Verrückt.

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