Kitabı oku: «Der Teufel sieht rot»
Susann Teoman
Der Teufel sieht rot
Saga
Der Teufel sieht rotCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2008, 2019 Susann Teoman und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726255812
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Feuer
Rot.
Da sitze ich nun und lasse die vergangenen drei Monate Revue passieren.
Rot.
Mehr fällt mir dazu nicht ein.
Er hat sein Versprechen gebrochen, der Schweinehund! Und das ist nun das Ergebnis: Rot.
Es ist ja nicht so, dass ich mich darauf eingestellt hätte, dass er mir bei Isabelles Betreuung hilft, vielmehr war ich darauf gefasst gewesen, mein Dasein von jetzt an als alleinerziehende Mutter zu fristen, ganz wie seinerzeit meine Mama, Jessica Teufel. Wir Teufelinnen sind starke Frauen, wir brauchen die Schweinehunde dieser Welt nicht! Wir kommen auch so klar! Jawohl! Und ich war ja auch schon bei Benny und Karl eingezogen, die mich und meine Tochter bestimmt nach Strich und Faden verwöhnt hätten. Und da kommt er in letzter Minute daher und sagt, dass er mich liebt. Und ich lasse alle Deckung fallen und werfe mich ihm erneut an den Hals, obwohl ich doch genau weiß, dass er ein Workaholic ist und sich eben nicht wirklich ändern kann, der Schweinehund.
Tom ist wie Rauchen oder Diätpillen oder Fastfood oder Schokolade oder Alkohol. Wenn man ihn zu oft genießt, wird man süchtig nach ihm, und ich vermute, dass er das ganz genau weiß. Warum nur habe ich mich wieder auf ihn eingelassen? Warumwarumwarum?
»Sieht schon ein wenig ungewohnt aus.« Mia betrachtet mich prüfend im Spiegel.
Ja, genau so, wie ein Atompilz im Küchenfenster bestimmt ungewohnt wirkt.
»Das ist der letzte Schrei, Mailänder Starfriseure haben damit auf der Internationalen Friseurmesse den ersten Platz belegt.« Begeistert turnt Mark, Mias unheimlich teurer Starfriseur, um mich herum und schnippelt hier und da noch ein wenig von meiner Löwenmähne ab.
»Ich finde, du siehst fabelhaft aus«, lobt Mia und sieht tatsächlich begeistert aus. Ich könnte ihr den Hals umdrehen, obwohl ich genau weiß, dass das alles meine Schuld ist. Wenn ich in Extremsituationen eine Entscheidung fälle, dann kommt sie mir in diesem Moment immer total rational und richtig vor. Leider verraucht meine Wut meistens schnell, und dann bin ich mit Ergebnissen wie diesem konfrontiert.
Rot. Und so verdammt kurz!
Ich betrachte mich kritisch im Spiegel.
Ich hatte dereinst wunderschöne güldene Locken, die in sanften Wellen den Rücken hinabflossen. Ich möchte weinen. Kann aber nicht. Denn in Wahrheit war es senffarbene Stahlwolle gewesen, die sich irrtümlicherweise an meiner Kopfhaut festgefressen hatte. Es ist sehr betrüblich, aber wahr: Ich habe in den vergangenen dreißig Jahren so ausgesehen wie eine verspätete Ausgabe von Tina Turner.
Nun habe ich weiche Löckchen, die sich sanft um mein bleiches Gesicht kringeln. Sie glänzen sogar! Ich würde mich beinahe freuen, wenn sie nicht so entsetzlich rot wären.
Als ich zu Beginn meiner Schwangerschaft, von der Tom übrigens nichts wusste, seinen Heiratsantrag erwartete und er mir stattdessen den Laufpass gab, war ich am Boden zerstört. Ich hätte ewig von Merlot und Häagen Dazs leben können, wenn ich nicht mit Isabelle schwanger gewesen wäre. Als ich auch noch meinen Job verlor, war ich an einem Tiefpunkt angelangt, aus dem mir vor allem Benny und Mia herausgeholfen haben. Benny, weil er mich ständig zum Lachen brachte, und Mia, weil sie mich bat, ihre Hochzeit zu planen, die mir unverhofft Zugang zu einem neuen Job verschaffte: Hochzeitsplanerin. Und ich bin sogar unheimlich gefragt! Wer hätte das je gedacht! Ich selbst sicher am allerwenigsten. Ich wollte bei Benny und Karl, seinem Lover, einziehen, als Tom erfuhr, dass ich von ihm schwanger war. Scheinbar wurde ihm dann klar, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als Karriere zu machen. Aber nur scheinbar.
Denn wenn ihm seine verdammte Karriere nicht so wichtig gewesen wäre, dann säße ich nun nicht hier und würde mein feuerrotes Antlitz anstarren, das mich mit blassen Wangen und dunklen Ringen unter den Augen aus dem Spiegel heraus anglotzt.
Weil er Karriere machen will, muss ich mich nicht nur um meine kleine Isabelle kümmern, sondern auch um eine völlig durchgedrehte Gertrud, die mich verstehen lässt, warum Hannibal Lecter damit begann, brutale Morde zu begehen. Ich habe mich in den vergangenen drei Monaten schon oft genug gefragt, wie es wohl wäre, Gertrud mit einer Pinzette langsam zu ermorden und ihr Stück für Stück alle Haare einzeln auszureißen. Nicht, dass ich mich von dieser Vorstellung schon verabschiedet habe. Dazu ist sie viel zu schön.
Ich bin ganz einfach zu müde für solche Attentate.
Im Grunde erinnere ich mich kaum daran, wann ich das letzte Mal durchgeschlafen habe. Die letzten Nächte meiner Schwangerschaft waren von ständigen Klobesuchen gezeichnet, weil Klein-Isabelle nachts auf meiner Blase Polka tanzte.
Und als sie dann geboren war, war an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken. Zu Beginn hatte ich auf Toms Unterstützung gehofft, aber er hatte einen entscheidenden Nachteil: keine Brüste!
Isa hing zu Beginn nur allzu gerne nuckelnd an meiner Brust, das war die einzige Möglichkeit, sie vom Schreien abzubringen.
Tom hatte sich zwar in den ersten beiden Wochen nach der Geburt frei genommen, aber wirklich helfen konnte er mir dann doch nicht. Er hat sich davor gefürchtet, sie an- oder auszuziehen, weil alles an ihr so winzig war und er Angst hatte, mit seinen großen Pranken etwas zu zerquetschen oder versehentlich zu verdrehen. Aber zumindest hat er sie gebadet und hat sie Bäuerchen machen lassen.
Ich bin so müde!
Und immer noch viel zu dick. Mein einstmals so wunderschöner, strammer Po, der immer schon ein wenig zu groß geraten war, sieht aus, als wären es in Wirklichkeit zwei Hintern. Dafür ist meine eher zu klein geratene Brust durch die Milch enorm angeschwollen. Stolz betrachte ich meine Oberweite. Da zeichnet sich mit einem Mal ein dunkler Fleck auf meiner Bluse ab. Meine Milch quillt über, mal wieder.
Das passiert häufig, wenn ich mehr als eine Stunde von Isa getrennt bin. Ich muss nur an sie denken oder Babygeschrei hören, und schon macht sich der Milcheinschuss mit einem leichten Ziehen bemerkbar, und die Milch fließt für ein paar Momente ganz von allein.
Ich fühle mich wie Wackelpudding. Alles schwabbelt, wenn ich gehe. Mia sagt, dass ich übertreibe. »In neun Monaten kommt das Gewicht, und in neun Monaten erst wird es wieder verschwunden sein. Du musst eben noch ein wenig Geduld haben«, belehrte sie mich.
An eine Diät ist natürlich nicht zu denken.
Zum einen habe ich dafür viel zu wenig Selbstdisziplin, und zum anderen stille ich noch und bin daher stets hungrig wie ein Wolf. Aber da Stillen angeblich auch schlank macht, hoffe ich einfach das Beste und warte ab.
Der Haarschnitt gefällt mir auf jeden Fall, und auch die Haarglättung scheint erfolgreich gewesen zu sein. Die Stahlwolle ist einer sanften, matt schimmernden Masse von Wellen gewichen. Und weil die Haare mir nun nicht mehr senkrecht vom Kopf abstehen, konnte man sie auch kürzen. Sie sind adrett, aber unauffällig gestuft und bedecken gerade einmal meinen Nacken. Aber ich hatte noch nie zuvor im Leben so rote Haare.
»Sie sind wirklich sehr rot, nicht wahr?«, wage ich einen dezenten Einspruch.
Mark lehnt ab. »Du hast das richtige Gesicht und die richtigen Augen dafür. Glaub mir, du siehst fabelhaft aus!«
Lügner.
Ich sehe aus wie eine russische Nutte.
Mia beugt sich zu mir herab. »Lisa, ich weiß, dass das eine drastische Veränderung ist, aber du siehst wirklich großartig damit aus!«
»Wirklich?« Zweifelnd zupfe ich an meinen seidenweichen Haaren.
»Ja!«, rufen beide.
Ich werfe einen Blick auf das Schlachtfeld um mich herum. Meine ehemals blonden Locken liegen wie tote Goldfische unter meinem Stuhl. Ich sehe wieder auf, und ich kann mir nicht helfen: Meine neue Frisur hatte ich mir wirklich anders vorgestellt.
Als Mia und ich vor einer Stunde herkamen, war ich fest zu einer Typveränderung entschlossen gewesen. Ich bin eine neue, verbesserte Version von Lisa Teufel, und alle sollten das auch wissen. Und welche Farbe passt wohl besser zu einem Teufel als rot?
Das habe ich auch Mark mitgeteilt. Der war begeistert und versicherte mir ständig: »Eine ausgezeichnete Wahl, wirklich! Ich selbst hätte dir auch zu dieser Farbe geraten. Sie betont deinen Typ hervorragend!«
Nur hatte ich mehr an ein romantisches Sonnenuntergangsrot gedacht, während Mark da wohl mehr die Vorstellung von einer roten Ampel oder einem Sonnenbrand hatte.
Und das ist nun das Ergebnis: Rot! Feuerwehrauto-, Tomatenketchup-, Erdbeerrot. Rot! Tom hasst rothaarige Menschen, das hat er mir neulich selbst gesagt. Wenn er Boris Becker sieht, muss er würgen.
Tom, der dafür verantwortlich ist, dass meine Augen wieder in Tränen schwimmen, weil ich ihn vermisse und er mich verletzt hat, schon wieder. Nur dass ich ihm diesmal nicht für seine Sünden vergeben werde. Diesmal nicht, nicht mit mir!
»Ist das denn nicht zu... ähem, rot?«, frage ich schüchtern.
Mark und Mia verneinen.
»Lisa, du wolltest doch eine radikale Veränderung, das hast du selbst gesagt.«
»Ich weiß.«
»Und diese Veränderung ist wirklich so positiv, dass ich mich frage, warum wir nicht schon früher daran gedacht haben«, fährt Mia fort.
Sie ist toll, meine allerbeste Freundin.
Okay, dann eben rot.
»Und es ist nicht zu kurz?«
Mia schüttelt strahlend den Kopf und drückt mir aufmunternd die Schultern.
Ich greife in meine neue Haarpracht hinein, und sie fühlt sich überraschend weich und seidig an. Ein wirklich schönes Gefühl. Das ist jetzt ein Haar, das man sogar kämmen kann, etwas, das früher nur mithilfe einer Intensivkur möglich gewesen ist.
»Wie wäre es mit einer Maniküre?«, erkundigt sich Mark.
Wusste gar nicht, dass es das hier auch gibt. Aber warum nicht?
»Die spendiere ich dir«, erklärt Mia. »Und eine komplette Gesichtsbehandlung auch.«
Ich lehne mich dankbar zurück und schließe entspannt die Augen. Wer kein Baby hat, wird nie wissen, wie sich dieser Luxus anfühlt, sich einfach verwöhnen zu lassen und einmal nicht an sein Kind denken zu müssen.
Meine Gedanken driften in weite Ferne.
Es hatte alles so vielversprechend begonnen mit einer Hochzeit aus 1001 Nacht ...
1001 Nacht
Simple Dinge, die dir vollkommen normal vorkommen, wenn du einen flachen Bauch hast, gewinnen einen neuen Wert, wenn du im neunten Monat schwanger bist.
Dinge wie Schnürsenkel zubinden oder gehen, ohne zu watscheln, sexy Dessous im Allgemeinen und Tangahöschen im Besonderen erscheinen einer hochschwangeren Frau so absurd wie eine Sechzig-Zentimeter-Taille. Aber immerhin konnte ich es noch genießen, ein Bad zu nehmen. Und ich aß, was ich wollte und worauf ich Lust hatte. Man muss die Dinge immer eher positiv sehen, finde ich. Sex zum Beispiel ist viel besser, wenn man schwanger ist.
Tom und ich hatten meinen Auszug aus Bennys und Karls Wohnung am vergangenen Wochenende endlich hinter uns gebracht.
In seiner Wohnung angekommen, küsste er mich ausgiebig, vor allem meinen Hals.
»Ich habe dich vermisst«, flüsterte er.
»Ich dich auch.«
»Glaubst du, das Baby stört es, wenn wir ...«
Ich lachte. »Nein, ich denke nicht.«
Durch meine enorme Körperfülle waren wir relativ eingeschränkt, was den Ort des Geschehens anging.
Tom zog mich küssend in die Küche.
»Was sollen wir hier?« Irritiert sah ich mich um.
»Du mochtest es doch immer auf dem Tisch ...«
»Ja, aber da habe ich noch nicht so viel wie ein Kleinwagen gewogen.«
Das Sofa im Wohnzimmer war zu schmal und außerdem weiß, also zu empfindlich, der Teppich juckte, wenn man auf ihm lag, und die Badewanne hatte nur noch Platz für einen von uns.
Wir seufzten und sahen einander an.
»Dann also klassisch im Schlafzimmer«, meinte Tom bedauernd.
Und hier habe ich mich erst einmal auf den Rücken geworfen und mir meine Füße massieren lassen, eine volle Stunde lang. So ein Umzug kann mörderisch sein! Ich war vollkommen erledigt. Tom hatte seine Sache gut gemacht, er hat mich mit der Präzision einer chinesischen Masseuse versorgt. Binnen weniger Minuten lag ich entspannt schnarchend da.
»Hallo? Liebling? Lisa?«, sagte er laut.
Ein Grunzen antwortete ihm nur.
»Mist!«
Er hat sich nicht getraut, mich zu wecken, was klug von ihm war, denn ich hätte in diesem Moment bestimmt nicht freundlich auf seine Annäherungsversuche reagiert. Also hat er sich seufzend neben mir zusammengerollt, was weitaus problematischer war, als es sich nun anhört, denn ich lag quer über dem Bett und wog mittlerweile stolze ... nun ja, ich hatte das Wiegen vor zwei Wochen aufgegeben, aber zuletzt hatte ich zwanzig Kilo zugenommen. Und so haben wir dann einträchtig miteinander geschnarcht. Irgendwann nach Mitternacht musste ich aufs Klo. Als ich wieder zurückkam, saß Tom im Bett und rieb sich die Augen. Er sah aus wie ein kleiner verschlafener Junge, und ich fragte mich, ob unsere Tochter ihm wohl ähnlich sein würde. Mit einem Mal hatte ich Tom so lieb, dass ich auf ihn zurannte und ihn heftig küsste.
»Hm ... das ist aber nett«, murmelte er verschlafen.
»Sei ruhig!« Ich warf mich auf ihn, wie ein Verdurstender sich auf ein eiskaltes Glas Mineralwasser stürzt.
Danach konnte ich nicht mehr einschlafen, also ließ ich mir ein Bad ein.
Ein Bad muss bei mir immer so heiß sein, dass das Wasser noch dampft, sonst friere ich. Ich schloss für einen Moment die Augen und lauschte dem Pochen meines Herzens und den lebhaften, kräftigen Tritten unserer Tochter.
»Schatz?« Tom stand in der Tür zum Bad.
»Wie geht es ihr denn?« Tom setzte sich auf den Wannenrand.
»Prima, sie tritt um sich wie ein Weltmeister!«
Er lächelte, ein wenig traurig, wie ich fand. Dann fiel mir ein, warum. Er hatte ja kaum Gelegenheit gehabt, an meiner Schwangerschaft teilzuhaben. Er hatte so viel verpasst!
Ich nahm seine Hand und zog sie auf meinen Bauch. Unser Baby verharrte in völliger Stille.
»Sprich mit ihr.«
»Was soll ich ihr denn sagen?«
»Das ist egal.«
»Hallo! Ich freue mich schon auf dich!«
Nichts geschah. Tom wollte seine Hand gerade enttäuscht wieder fortziehen, als unsere Tochter mit einem mächtigen Tritt gegen seine Handfläche antwortete.
»Da! Hast du das gesehen? Sie spricht mit mir, mein kleiner Engel.« Er war unglaublich stolz.
Er streichelte meinen Bauch, dann erhob er sich und wollte gehen. Da fiel ihm noch etwas ein, und er drehte sich um und meinte: »Lisa, ich habe gelesen, dass man Schwangere nicht mehr allein baden lassen sollte, sie könnten womöglich in Ohnmacht fallen und ertrinken.«
»Stimmt. Alles ist möglich. Ich könnte auch von einem Grizzlybären in der Wanne ersäuft werden. Aber ich möchte trotzdem baden.«
»Gut. Aber ruf mich, wenn dir schlecht wird, ja?«
»Wie süß von dir!«
Tom grinste frech. »Ich rufe dann Greenpeace, damit sie dich retten.«
»Du Schuft!« Ich warf mit meinem Unterhöschen nach ihm, das er mühelos auffing.
Seine Grübchen bohrten sich noch tiefer in die Wangen, als er mein Höschen betrachtete.
»Was in Gottes Namen ist das?«
»Das ist mein Slip. Er ist sehr bequem«, verteidigte ich mich.
»Ja, und siehst du, er ist auch überaus praktisch. Wenn Tom Hanks ihn in ›Cast Away‹ dabei gehabt hätte, hätte er kein Segel für sein Floß beschaffen müssen.«
»Du!!!«
Bevor unser Baby geboren werden konnte, galt es noch eine Hochzeit zu planen. In meinem Zustand war die bloße Anwesenheit auf einer so pompösen Hochzeit wie der von Angela und Abdul eine echte Herausforderung. Stellt euch ein uraltes Segelschiff vor, das in einen Sturm gerät. Lauscht dem Ächzen und Knarren der alten Balken und Planken, und ihr wisst, wie ich mich nach zehn Schritten anhörte. Genau so. Ich geriet sehr schnell außer Atem und ließ mich dann irgendwo niedersinken. Egal wo, Hauptsache sitzen! Doch ich war fest entschlossen, diese Feier so glanzvoll wie möglich zu meistern. Ich würde alles tun, damit Angela, die Tochter eines Botschafters, und Abdul, ein libyscher Prinz, es nicht bereuten, mir diesen Auftrag trotz all ihrer Zweifel zugesprochen zu haben.
Mittlerweile war es fünf Uhr, und ich stand im Kaminzimmer, in dem die Gäste mit Champagner begrüßt werden sollten. Ich öffnete das Fenster und blickte hinaus, während die Kellner um mich herum alles vorbereiteten. Das Kaminzimmer war rot, was sehr gut in mein Konzept passte. Aber mir war warm, und ich fühlte mich unwohl, ich war erschöpft, hatte viel zu lange gestanden und war zu viel hin und her gerannt, obwohl meine Gynäkologin mir für die letzten Wochen meiner Schwangerschaft doch Ruhe verordnet hatte.
Ich öffnete das Fenster, um ein wenig frische Luft zu tanken, und schloss dabei die Augen. Mann, tat das gut!
Etwas Nasses, Kaltes berührte meine Nasenspitze. Erschrocken öffnete ich die Augen wieder.
Himmel, es schneite! Wir hatten März, und der Schnee fiel in dichten weißen Flocken vom Himmel.
»Schnell, rufen Sie bitte den Bankettkoordinator«, bat ich einen der Kellner.
»Sofort.« Er eilte davon. Ein distinguierter Herr in einem eisengrauen Anzug kam nach wenigen Minuten.
»Sie wollten mich sprechen, Frau Teufel?«
»Es schneit, und der Eingang sollte mit Rosenblättern geschmückt werden, bitte sorgen Sie dafür, dass zuerst gestreut wird. Und auf der Einfahrt werden in kurzen Abständen kostümierte Pagen stehen, die eine Laterne halten. Würden Sie bitte veranlassen, dass sie Regenschirme und Tee oder Kaffee bekommen, damit sie dort nicht allzu sehr frieren. Unsere Gäste werden vielleicht auch durchgefroren hier ankommen. Bitte kümmern Sie sich darum, dass Feuer in den Kaminen brennt und heiße Getränke bereitstehen.«
Er machte sich Notizen, nickte zustimmend und ging wieder.
Innerhalb der nächsten Stunde war die Kölner Innenstadt völlig zugeschneit. Das hatte ich noch nie erlebt.
Das Hotel sah aus, als wäre es mit einer weißen Haube aus Sahne garniert, und Feuer prasselte in den Kaminen. Das passte eher zu Weihnachten als zum Frühling. Die ersten Gäste trafen bereits ein und waren von den Pagen in den libyschen Trachten begeistert. Man unterhielt sich bei hausgemachtem Glühwein, Champagner, Kaffee oder Tee meist in englischer Sprache und äußerte sich begeistert über die weihnachtliche Stimmung.
Um acht Uhr waren beinahe alle Gäste eingetroffen. Trotz des unerwartet kalten Wetters schienen sie gut gelaunt zu sein, und als einer der kostümierten Pagen dann das Buffet für eröffnet erklärte, ertönten Begeisterungsrufe.
Glücklicherweise ließen sich die Bauchtänzerinnen gegen einen kleinen Aufschlag gerne dazu überreden, die Gäste auch an ihre Tische zu führen. Die dunkelhäutigen orientalischen Schönheiten trugen tiefrote Pluderhosen, weiße Blusen und blaue, sehr eng anliegende Westen, die sich wie Mieder um ihre schlanken Taillen schmiegten, und ihre zierlichen Füße steckten in blauen Samtpantöffelchen.
Der Salon war sehr reich geschmückt mit weißen Damasttischdecken, goldenem Besteck, goldenen Platztellern und dunkelroten Kerzen, die aus tiefroten Blumengestecken wie zufällig auftauchten. Kleine goldene Sonnen, Monde und Sterne waren über das Gesamtarrangement verstreut und leuchteten im Schein der Kerzen. Die Stühle waren mit Bezügen versehen, die aus einem komplizierten Geflecht blauer, goldener und roter Ornamente bestanden. Alles passte. Die Gäste waren hingerissen, vor allem, als das Licht erlosch.
Zunächst vermutete jemand, das Licht sei ausgefallen, und machte eine ironische Bemerkung, vereinzelt ertönte übermütiges Lachen. Doch als der einsame Klang einer Flöte durch den vom riesigen Kamin mit flackerndem Licht erhellten Raum schwebte, schwieg auch er.
Die Bauchtänzerinnen traten auf. Sie trugen Kerzen in beiden Händen und drehten sich in anmutigem Tanz. Da war auch schon die Solistin, völlig in Gold gekleidet, und die Gäste hielten bei ihrem Anblick wie gebannt den Atem an.
Die Tänzerinnen bildeten einen Halbkreis, und zu einer eigens für diesen Zweck komponierten Melodie öffneten sich die beiden Türen zum Festsaal. Zwei Frauen hielten Fackeln in den Händen und standen vor dem Eingang. Und da erschien das Brautpaar. Huldvoll betraten sie den Saal. Angelas weißes, weites Kleid flackerte im Schein des Feuers.
Ich hörte ein unterdrücktes Schluchzen und vermutete, dass es von ihrer Mutter kam. Abdul trug einen mitternachtsblauen Anzug. Seine schwarzen Samtaugen schimmerten leicht. Ob sie nur das Licht der Fackeln spiegelten oder ob es Tränen waren, war schwer zu sagen.
Langsam wurde es heller im Saal. Die Musik glitt in einen Walzer hinüber, und die barfüßigen Tänzerinnen verschwanden mit fließenden, lautlosen Bewegungen. Das Paar tanzte nun seinen ersten Tanz, angefeuert vom Applaus der Gäste.
Ich hatte schon eine Weile am Eingang gestanden und merkte erst jetzt, wie müde ich war. Ich suchte mir einen Platz, an dem ich meine Füße weit von mir strecken konnte, und stöhnte leise. Ich hatte heute wirklich schlimme Rückenschmerzen. Sobald ich könnte, würde ich mich auf den Heimweg machen.
Nach einer Weile sah ich die Braut auf mich zukommen. Meine Güte, sie würde sich doch nicht etwa beschweren?
»Hallo, Lisa«, begrüßte sie mich freundlich. Hinter ihr tauchte ein bekanntes Gesicht auf, das sich allerdings etwas zurückhielt.
»Hallo! Meine Glückwünsche, Angela.«
»Danke. Ich habe es nicht glauben wollen, aber Sie haben sich wahrhaftig selbst übertroffen. Ich bereue es nicht im Geringsten, Ihnen den Auftrag gegeben zu haben. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass unsere Hochzeit niemand besser hätte arrangieren können als Sie.«
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
»Vielen Dank.«
»Und weil ich denke, dass Sie wirklich gut sind, werde ich dafür sorgen, dass man Ihren Namen bis spätestens morgen früh überall kennt«, fuhr Angela mit glänzenden Augen fort.
»Wie bitte?«
»Sie kennen Tatjana Tastenko?«
»Von Spot?«Wer kannte das Klatschmagazin aus dem Fernsehen denn nicht.
»Richtig! Sie würde Sie gerne interviewen. Tatjana!«
Ich war völlig perplex und setzte mich kerzengerade auf.
Tatjana sah aus wie ein Model und fuchtelte mit einem Mikro unter meiner Nase herum, während ich von einem blendenden Kamerascheinwerfer angestrahlt wurde. Schon beschoss sie mich mit Fragen.
»Lisa Teufel ist die Inhaberin der aufstrebenden Eventagentur Teufelswerk. Wie kommtes, dass ein so junges Unternehmen schon so viel Erfolg hat? Was ist Ihr Geheimnis? Welche Hochzeiten haben Sie bisher organisiert? Sind Sie ausschließlich auf Hochzeiten spezialisiert?«
Ich rang einen Moment um Fassung, vor allem, weil mir der krasse Unterschied zwischen der überirdisch schönen Tastenko und meiner schwerwiegenden Person deutlich bewusst war. Maaann! Ich sah wirklich enorm fett aus, und ist es nicht so, dass man vor der Kamera noch mal so dick ausschaut, wie man eigentlich ist?
Herrschaftszeiten, Lisa, komm zu dir! Wir Teufel lassen uns doch nicht von solchen Banalitäten wie dicken Bäuchen ins Bockshorn jagen! Ich bin dick, weil schwanger, ich kann stolz auf mich sein!
»Hochzeiten sind so individuell wie die Menschen selbst. Und jeder Mensch ist etwas ganz Besonderes, wie jede Hochzeit etwas Besonderes und Einzigartiges ist. Ich versuche im Grunde nur, meine Klienten glücklich zu machen. Und was meine bisherige Arbeit angeht: Vertrauen ist die wichtigste Basis meines Jobs. Ich kann Ihnen daher ohne vorheriges Einverständnis leider keine Namen nennen.« Ich lächelte freundlich, während Tatjana wortgewandt in die Kamera schaute und sagte: »Das war Lisa Teufel, und wir sind uns sicher, dass wir von ihr und Teufelswerk noch eine Menge hören werden.«
Als die Kameraleute sich in die Menge mischten, drehte sie sich noch einmal zu mir herum.
»Frau Teufel, ich möchte Ihnen zu Ihrem Erfolg hier gratulieren.«
»Danke«, akzeptierte ich überrascht.
»Ich weiß nicht, wie Ihr Terminplan aussieht, aber wie es der Zufall so will, habe ich gestern einen Heiratsantrag bekommen.«
»Meinen Glückwunsch!«
»Danke. Nun, wir möchten nicht mehr allzu lange warten, und ich bin ja ständig unterwegs, wie Sie sehen. Um es kurz zu machen: Ich möchte, dass Sie unsere Hochzeit ausrichten.«
Es war kaum zu glauben! Noch vor kurzem war ich nichts weiter als Lisa, die Tippse, und nun war ich eine Eventmanagerin, die die Hochzeiten prominenter Menschen plante.
»Frau Tastenko, ich würde mich freuen, wenn wir uns in der nächsten Woche einmal treffen könnten.«
»Ja, das ist eine gute ...«
In diesem Moment erloschen die Lampen.
Tatjana Tastenko schien auch verwirrt und sah mich fragend an, aber ich zuckte ratlos die Schultern. Ich hatte das jedenfalls nicht geplant.
Ein verwirrtes Gemurmel machte sich im Saal breit. Ein Stromausfall? Keine gute Werbung für mich.
»Entschuldigen Sie mich bitte, Frau Tastenko.« Entschlossen wandte ich mich dem Ausgang zu.
Angela warf mir aus der Entfernung einen Blick zu, den ich nicht recht deuten konnte. Ich hielt abrupt inne. Hatte sie womöglich eine Überraschung für ihren Mann vorbereitet, von der sie mich nicht unterrichtet hatte? Noch bevor ich etwas sagen konnte, erscholl ein Trommeln. Einer, zwei, drei, vier Männer in blauen Pluderhosen und ohne Oberteile dafür aber mit muskulösen Oberkörpern, kamen herein. Sie schlugen Trommeln, die sie sich umgeschnallt hatten, und mit einem Mal war es so laut, dass ich das Gefühl hatte, der Boden vibriere unter meinen Füßen. Der Rhythmus war absolut mitreißend und endete abrupt, als die Männer gemeinsam »Hey!« riefen.
Die dunkle Silhouette einer Person war auf der Tanzfläche zu sehen. Ganz allein stand sie dort, abwartend. »Was ...?«, hauchte ich überrascht, als das Licht wieder anging. Es war Tom!
Er kam langsam auf mich zu. Seine grünen Augen funkelten, und er sah in dem Smoking wirklich unverschämt gut aus. Mir war nur überhaupt nicht klar, was das alles hier zu bedeuten hatte.
Die Band spielte unser Lied, »More than words«. Das Lied, zu dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Plötzlich verstand ich, was er vorhatte, hatte aber gleichzeitig auch Angst, dass alles nur eine Halluzination sei, die durch zu viele Schwangerschaftshormone ausgelöst wurde.
Ich stand auf und setzte mich wieder. Ich wusste nicht, wohin mit meinen dicken, verschwitzten Händen.
Ich wünschte mir in diesem Moment, ich wäre schlank und schön, dann aber auch wieder nicht.
Als er vor mir stand und meine Hände in seine nahm, spürte ich, wie die Menschen um uns herum den Atem anhielten.
Tom war ruhig, seine Stimme schallte klar und deutlich durch den Raum.
»Lisa, ich weiß, dass die vergangenen Monate schwer für dich waren. Ob du es nun glaubst oder nicht: Auch für mich war es eine schwere Zeit. Ich musste erfahren, was es bedeutet, ohne dich zu leben, zu wissen, dass es keine Überraschungen mehr in meinem Leben gibt. Und das Schlimmste war die Gewissheit, dass alles meine Schuld ist. Als ich dann erfahren habe, dass du schwanger bist, habe ich gedacht, ein anderer wäre der Vater ...«
»Hört, hört!«, rief eine Stimme. Ich erkannte Benny im Hintergrund, der Karl lachend zuzwinkerte.
»Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben, was mir je wichtig war. Erst als es schon beinahe zu spät war, habe ich es begriffen: Du bist meine Seele, mein Lachen und meine Freude. Und ohne dich möchte ich nicht leben.«
Tom sah mir tief in die Augen und kniete nieder.
Hinter ihm klatschten und jubelten die Menschen. Er blieb ernst.
»Lisa Teufel, willst du mich heiraten ?«
Ich war ein einziger Cocktail aus Hormonen und Gefühlen und konnte Toms Gesicht kaum noch erkennen, weil mir die Tränen in Sturzbächen aus den Augen flossen. Jemand reichte mir ein Taschentuch, Tatjana Tastenko war es, und ich erkannte Mama im Hintergrund.
Tom hielt noch immer meine Hand.
In diesem Augenblick durchzuckte mich ein unglaublich heftiger Schmerz. Ich schrie auf.
Tom sah mich verwirrt an, und ein Raunen ging durch den Saal.
Ein zweiter gleißender Schmerz durchzuckte mich, und ich schrie erneut, diesmal lauter.
»Mein Gott, das Baby kommt!«, rief Mia in das ratlose Gemurmel hinein.
Und nun war die Hölle los.
Alles rannte wild durcheinander, zumindest die Leute, die ich noch sehen konnte. Ich stand hilflos auf dem Parkett und beobachtete alles mit großen Augen.
Tom nahm meine Hand und war unheimlich blass, Mia und Benny sorgten dafür, dass ich mich setzte und die Füße hochlegte. Mama und ihr Freund rannten in unkoordiniertem Chaos mal nach rechts und mal nach links.
»Das Taxi ist da!«, rief Bräutigam Abdul und sorgte mit Angela dafür, dass die Menschenmenge Platz machte.
Tom beugte sich zu mir herab und wollte mich tragen, doch ich war inzwischen zu schwer, also bestand ich darauf, allein zu gehen, während Tom mich weiterhin tragen wollte.
»Lisa, du kannst doch in deinem Zustand nicht gehen ...«
»Doch, klar kann ich das!«
»Lisa, nun sei doch vernünftig!«
Ich schrie erneut auf, und Tom gab ungewohnt schnell nach: »Ist ja gut, ist ja gut! Okay, du darfst laufen, ich stütze dich.«
»Platz da, bitte gehen Sie aus dem Weg!« Benny und Karl bahnten sich den Weg durch die besorgte Menschenmenge.
»Orchester! Spielen Sie Musik! Herrschaften, tanzen Sie bitte. Hier ist alles in Ordnung«, rief das Spanferkel und gab der Band ein Zeichen.
»Lisa, keine Angst, ich habe deine Handtasche.« Benny fuchtelte mit dem schwarzen Diortäschchen vor meiner Nase herum.
»Die ist mir doch egal«, schimpfte ich.
»Aber sie ist wirklich schön, du willst sie bestimmt nicht verlieren...«
»Benny, halt endlich die Klappe!« Mama verpasste ihm einen Klaps auf die Schulter.
»Lisa, wir holen deinen Klinikkoffer und kommen damit ins Krankenhaus.« Mia drückte kurz meine Hand.
»GOOOOOOTTTTT!!«
»Wie lange dauert so eine Geburt eigentlich?«, fragte Tom besorgt.
»Woher soll ich denn das wissen?«, antwortete Alex nervös.
»Ich dachte ja nur ...«
Ich kreischte erneut.
»Hilfe!!! Meine Frau bekommt ein Baby! Platz da!«, schrie Tom jetzt seinerseits. Kein Zweifel, mein frisch gebackener Verlobter war in eine hysterische Panik verfallen. Mama und das Spanferkel waren wie zwei Hühner, mit hektischen Gesten flatterten sie um mich herum.
»Wo ist das verdammte Auto?«
Vor der Tür standen zwei Taxis.
»Zum Krankenhaus der Augustinerinnen!«, bellte Tom die Fahrer kurzerhand an.
Mit einem Mal schwappte die Panik über. Zuerst stürmten alle auf den ersten Wagen zu und versuchten sich halb schnaufend, halb kämpfend hineinzuquetschen. In heller Aufregung rannten die anderen, die keinen Platz im vorderen Auto ergattern konnten, auf das zweite Taxi zu und quetschten sich unter großem Gerangel und Fluchen hinein.
Mit quietschenden Reifen fuhren die Wagen los.
Ich schrie wieder.
Es war kaum zu fassen! Die waren alle ohne mich abgefahren!
»Hilfe! Ich bekomme ein Baby!«, rief ich entsetzt.
Da eilte Abdul auch schon zu Hilfe. In einem weißen Rolls Royce kam er angerauscht.
»Schnell, Angie, schnell, rein mit ihr!«, rief Abdul.
»Du musst hier bleiben, deine Hochzeit...«, widersprach ich gepresst. Eine neue Wehe überkam mich, und ich stöhnte laut auf.
»Wir haben keine Zeit zu diskutieren, also schnell!«
Und so fuhr ich in einem Rolls Royce ins Krankenhaus, wo mich Benny, Karl, Mama, das Spanferkel und Tom total hysterisch erwarteten.
»Lisa! Gott sei Dank!«, rief Tom erleichtert, als er mich sah.
»Ich dachte, du wärst mit deiner Mutter ins andere Taxi gestiegen, und deine Mutter hat natürlich angenommen, dass du bei mir bist. Stell dir vor, wir kamen hier an, und du warst verschwunden!«
»Tom...«
»Schatz, was sollte denn dieser Unsinn? Du hast mir wirklich eine Höllenangst eingejagt...«
Eine heftige Wehe schien meinen Unterleib zu zerreißen. Der Schmerz war lang und intensiv, er raubte mir den Atem und machte mich unheimlich wütend.
»Das ist alles deine Schuld!«, brüllte ich Tom an.
»Was?« Tom sah aus wie ein paralysiertes Kaninchen.
»Du verdammter Scheißkerl!«, schrie ich gepresst.
»Das sind nur die Wehen, sie meint das nicht so. Alle Frauen drehen während der Geburt durch, das ist völlig normal«, beruhigte ihn das Spanferkel.
»Mama, sag dem Spanferkel, er soll still sein, sonst wird er das noch bereuen!«, drohte ich schwitzend.
»Sie sollten ihre Hand nehmen, dann fühlt sie sich besser«, fuhr er seelenruhig fort.
Ich hätte ihm auf der Stelle seinen fetten, kleinen Hals umdrehen können.
Eingeschüchtert nahm Tom meine Hand, während ein Sanitäter mich in einen Rollstuhl verfrachtete.
Unter der Wucht der nächsten Wehe drückte ich seine Hand so stark zusammen, dass Tom in die Knie ging.
Ich schrie, er auch.
Nun machte sich unser Tross auf den Weg ins Innere der Klinik.
Während meine Mannen vor dem Untersuchungsraum der Entbindungsstation warteten, untersuchte mich der zuständige Gynäkologe und befahl dann: »Der Muttermund ist so weit. Bringen Sie sie sofort auf die Entbindungsstation. Sie da.« Er wandte sich an Tom.
»Sind Sie der Vater?«
»Ja«, erwiderte er atemlos.
»Dann dürfen Sie mitkommen. Alle anderen möchte ich bitten, im Warteraum Platz zu nehmen. Schwester Ariane wird Sie sicher gerne dorthin begleiten.«
Ich atmete gepresst.
»Ich will eine Narkose.«
»Schatz, bist du sicher, dass das gut fürs Baby ist? Ich meine...«
»Wenn ich nicht auf der Stelle eine PDA bekomme, breche ich dir deine verdammte Hand!«, schrie ich mit mörderischer Wut und drückte seine Hand so fest, dass seine Finger leicht knackten, sodass Tom aufschrie.
»Um Gottes willen, Herr Doktor! Sehen Sie denn nicht, die Frau leidet, geben Sie ihr bitte Ihre Drogen!«
Man rollte mich auf die Entbindungsstation, wo eine Hebamme schon warmes Wasser in die Wanne fließen ließ, in der ich mein Baby bekommen wollte.
Ich hatte mich für eine Wassergeburt entschieden, weil mir dies am meisten zusagte. Wie gesagt, ich bade wirklich für mein Leben gern.
Doch der Doktor schüttelte nur den Kopf, während ich noch einmal aus vollem Hals brüllte, was das Zeug hielt.
»Wir haben weder Zeit für eine PDA noch dazu, sie ins Wasser zu bringen. Das Köpfchen ist schon fast zu sehen«, erklärte er gelassen, während die Pfleger mich auf ein Bett verfrachteten.
»Ich will nicht!«, stöhnte ich heftig. Mit einem Mal wollte ich gar kein Baby mehr, sondern nur noch, dass diese verdammten Schmerzen nachließen und ich endlich heimfahren und mich ausruhen durfte.
»Ist schon gut, Schätzchen!« Die rundliche Hebamme tätschelte mir freundschaftlich die Wange.
»Sie werden Mutter, das ist nicht leicht. Sie müssen tapfer sein!«
»Ich will aber nicht tapfer sein!«, brüllte ich.
Tom stand hilflos neben mir. Man sah ihm an, dass er einerseits gerne die Flucht ergriffen hätte, es aber andererseits nicht übers Herz brachte, mich allein zu lassen. Er strich mir meine verschwitzten und zerzausten Locken aus dem Gesicht und küsste meine Stirn. Seine Lippen fühlten sich angenehm kühl an. Dankbar lächelte ich ihm zu, aber nur, bis die nächste Wehe kam.
»Lisa, Sie müssen jetzt pressen!«, rief die Hebamme mit autoritärer Stimme.
Ich hatte mir das Kinderkriegen vollkommen anders vorgestellt. Ich dachte, das würde irgendwie romantisch werden. Mir war klar, dass es Wehen geben würde, aber wie schlimm konnten die schon sein?
Jedenfalls nicht SO schlimm! Wehen, so musste ich jetzt erfahren, fühlten sich wie ein sehr starker Regelschmerz an. Wenn man das nun mit hundert multipliziert, hat man ungefähr eine Ahnung, wie sich eine mittelstarke Wehe anfühlt.
Ich presste, schrie und quetschte Toms Hand. Er schrie nun auch, er hatte Tränen in den Augen und sah abwechselnd von seiner Hand, die in meinem Schraubstockgriff blau angelaufen war, zur Hebamme hinüber.
»So ist’s gut! Weiterweiterweiter!«, ermunterte sie mich.
Ich war erschöpft.
»Nicht aufgeben! Los, pressen, pressen, pressen!«
Und ich presste wieder.
Die Hebamme nervte mich.
»Haben Sie eigentlich Kinder? Dann sollten Sie wissen, wie es sich anfühlt, etwas von der Größe einer Wassermelone durch eine Öffnung so groß wie eine Zitrone zu quetschen. Arrrrrghhh!«
Schwester Ariane beachtete meinen Einwand nicht weiter. Gelassen lächelte sie mir zu und sagte leichthin: »Ich habe drei Kinder.«
»Arrrgh!« Die musste ja wohl wahnsinnig sein! Welche Frau bei klarem Verstand konnte nach diesen höllischen Schmerzen noch weitere Kinder wollen? Waren Frauen mit mehreren Kindern etwa masochistisch veranlagt?
»Da kommt das Köpfchen! Weiter, Lisa! Sie müssen zum After einatmen und dabei drücken, dann klappt es schon«, feuerte die Hebamme mich an.
»Das geht nicht, da kann ich nur ausatmen!«, brüllte ich.
»Versuchen Sie es zumindest!«
Ich schrie und drückte weiter, bis ich keine Luft mehr bekam und merkte, wie der Schmerz sich derart steigerte, dass ich ihn nicht mehr aushalten konnte.
»Jetzt hecheln!«, befahl sie.
Ich hechelte wie ein Hund.
»Das Köpfchen ist da! Sie haben es schon beinahe geschafft, noch einmal pressen, und Ihre kleine Tochter ist endlich bei Ihnen.«
»Wo ist sie denn?« Trotz der Schmerzen reckte ich den Hals, aber mein dicker Bauch versperrte mir die Sicht.
Und so holte ich tief Luft und gab noch einmal alles.
Ich fühlte, wie der Druck plötzlich nachließ. Unten herum pochte alles, und es fühlte sich nass und heiß an.
Ruhig und sicher untersuchte die Hebamme unser Kind. Besorgt hob ich ein wenig den Kopf, als ein markerschütternder Schrei den kurzen Moment der Stille zerriss.
»Möchten Sie die Nabelschnur durchschneiden?«, fragte die Hebamme Tom freundlich.
Tom war sehr blass. Halbherzig machte er einen unbeholfenen Schritt auf unser kleines Mädchen zu. Als er neben der Hebamme stand, wurden seine Augen handtellergroß, und er flüsterte: »O Gott.«
Dann verdrehte er die Augen und kippte lautlos um.
Die Hebamme schüttelte missbilligend den Kopf.
»Männer!«
Zwei Pfleger trugen Tom hinaus, und er bekam nicht mehr mit, wie man mir unser kleines Mädchen auf die nackte Brust legte. Sie war so unheimlich klein und so vollkommen! Soweit ich es erkannte, war alles dran, was dran sein sollte. Sie war mit Käseschmiere überzogen, der Fettschicht, die ihre Haut im Fruchtwasser vor dem Austrocknen bewahrt hatte und allmählich verschwand.
Unser Kind hatte unheimlich hübsche, blonde Locken und gähnte mich müde an. Ich weinte, weil ich glücklich war und weil alles in Ordnung war und weil ich Tom liebte, auch wenn er bei dem Anblick von etwas Blut gleich umkippte, und überhaupt, weil das Leben schön war.
Irgendwann nahm mir eine Säuglingsschwester meine Kleine behutsam aus dem Arm.
»Wir machen dich schön für die Mama«, lächelte sie das Baby an.
Ein Murmeln weckte mich. Es kam mir vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen.
»Da ist die Mama, Prinzessin«, flüsterte Tom mit verklärtem Blick.
»Hallo.«
»Hallo mein Schatz.« Tom küsste mich sanft auf die Stirn und strich mir eine Locke aus meinem Gesicht. Erschrocken bemerkte ich den Verband an seiner Hand.
»Was hast du mit deiner Hand angestellt?«, fragte ich entgeistert.
»Ich?« Tom lachte.
»Du hast sie gestern so sehr gequetscht, dass da wohl irgendwas gesprungen sein muss. Aber keine Sorge, den Verband kann ich in ein paar Tagen wieder abnehmen, es ist nichts Ernstes.«
»Das tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen, ehrlich. Geht es dir jetzt besser? Vorhin bist du ja ... äh ...«
Tom rollte mit den Augen. »Ich habe ja mein Bestes getan, aber wenn ich Blut sehe, falle ich leider um. Du weißt ja, ich wollte eben gerne dabei sein!«
»Warst du doch auch.«
Wir schwiegen einen Moment, glücklich.
»Wir haben noch immer keinen Namen«, durchbrach Tom schließlich die Stille.
»Nein, haben wir nicht«, pflichtete ich ihm bei.
»Hast du irgendwelche Vorschläge?«, fragte er neugierig.
Ich überlegte kurz.
»Leonore?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Wie wär’s mit: Isabelle?«, fragte Tom.
Ich lächelte. Ja, warum eigentlich nicht?
»Die anderen wollen dich auch gerne sehen. Soll ich sie hereinholen?«
Ich nickte.
Eine Viertelstunde später kam er mit unserer bunten Horde zurück.
Der Erste, der das Krankenzimmer betrat, war Benny.
Er warf einen Blick auf meinen noch geschwollenen Leib und meinte enttäuscht: »Ooooch, schade, ist das Baby denn noch gar nicht da?«
Multikulti
Babyblues?
Davon hatte ich schon gehört. Das war, wenn die Frauen nach der Geburt heulten, oder nicht? Und die schlimmere Version davon nennt man »Wochenbett-Depression«, vermutete, dass die einfach nur länger dauerte. War ja auch gleich, mir, Lisa Teufel, ging es nach der Geburt unserer kleinen Isabelle phantastisch! Babyblues? Dass ich nicht lache! Ich hatte jedenfalls nichts damit zu tun.
Ich hatte geschlafen wie ein Murmeltier und erwachte am folgenden Morgen zwar wund, aber erholt und ungewohnt leichtfüßig. Klar, ich hatte ja auch acht Kilo weniger zu tragen als gestern! Und die hatten hauptsächlich auf meinen Magen und meine Lunge gedrückt.
Bevor ich mir meine Tochter von der Säuglingsstation holen würde, wollte ich zunächst einmal ordentlich frühstücken, da ich seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hatte. Ich zog mir also gemütlich meinen Morgenmantel über, schlüpfte in meine Pantoffeln und schlurfte ins Frühstückszimmer, wo sich zwei Wöchnerinnen über ihre Geburten unterhielten. Ich nahm mir reichlich Rührei, Schinken, Vollkornbrötchen, zwei Croissants, eine Portion Nutella und eine Tasse Fencheltee. Immerhin hatte ich doch vor, meine Isabelle zu stillen, nicht wahr? Und dass Fencheltee milchbildend ist, weiß doch jeder! Nutella vielleicht nicht, aber ich liebe das Zeug nun einmal, auch wenn ich genau weiß, dass nach dem Verzehr einer satten Portion Nutella ein Zwei-Euro-Stück-großer Pickel meinen derzeit hangargroßen Po zieren wird. Andererseits würden weder Tom noch ich denselbigen in nächster Zeit sehen, also her mit dem Zeugs!
Die frisch gebackenen Mütter saßen allein am großen Frühstückstisch.
»Guten Morgen«, grüßte ich höflich.
Die beiden hoben den Kopf und erwiderten meinen Gruß, fuhren in ihrer Unterhaltung aber fort.
»Ich hatte mir die Wassergeburt anders vorgestellt! Da haben die mich doch ins eiskalte Wasser gelegt, eiskalt, sage ich dir, auch wenn sie dir erzählen, dass das Wasser 27°C warm sei, die lügen! Und ich war zu schwach, um allein wieder aufzustehen. Der Rüdiger wollte ja unbedingt, dass unser Norbert im Wasser zur Welt kommt, damit er ein Schwimmer wird und uns mal olympisches Gold nach Hause bringt, haste Töne? Na, dann bin ich während der letzten Wehen fast zusammengeklappt und habe den Rüdiger mit ins Wasser gezerrt und ihn angebrüllt und gesagt: ›Dann frier du dir hier doch den Arsch ab! Ich will hier raus!‹ Aber in diesem Moment kam auch schon der Norbert, und Rüdiger hat ihn aus dem Wasser gefischt. Nee, Christinchen, ich kann dir sagen, das mache ich nicht noch mal mit!«
Huuu! Schien, als hätte ich noch mal Schwein gehabt!
»Ja, Margot, dat war escht nix! Isch woar in da Wann plötzlisch in Ohnmacht jefallen und da hammse misch usm Wassa jefischt wie ene Wal!« Christine lachte. »Du hätts ma unser Toni sehen solle! Isch hat misch nämlisch zwischen sene Bene jelegt, der war ja mit in de Wann, und als isch dann umjefalle bin, da hättisch en fast ertränkt! Ne, der will ooch kene Wasserjeburt mieh!!«
O ja, das konnte ich voll nachvollziehen, wenn ich Christinchen da so sah, die ungefähr knapp eine Tonne wog. Der arme Toni, der.
Ich schlang mein Frühstück hinunter und lief dann so schnell ich konnte zur Säuglingsstation hinüber.
Ich klingelte, und Hagrid aus »Harry Potter« öffnete mir.
»Guten Morgen!«, grüßte er sanft dröhnend.
Nur dass diese Sanftheit so gar nicht zu einem einsvierundneunzig großen, grimmig aussehenden Kleiderschrank passte. Kein Wunder, dass hier alle Babys schrien, vor dem hätte ich auch Angst gehabt, wenn ich ein Neugeborenes gewesen wäre.
»Ich bin Säuglingspfleger Martin.«
»Lisa Teufel«, murmelte ich verschüchtert.
»Ah, die Mutter von der Isabelle? Die liegt da hinten bei den anderen, ich habe sie gerade gewickelt. Sie können sie mitnehmen.«
»Äh, danke.«
Ich wandte mich den Plexiglaswägelchen zu, auf denen vorne die Karten mit Namen, Körpergröße und Geburtsgewicht der Babys klebten. Blau waren die Karten der Jungs und rosa die der Mädchen. Isabelles Wagen war leer.
Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus.
O Gott, ich war erst seit ein paar Stunden Mutter und doch schon eine Rabenmutter! Man hatte mir mein Kind geraubt! Oder Martin, der Höhlenmensch, hatte mein Baby gestern nach dem Essen als Nachtisch verspeist. Meine arme, unschuldige Isa!
Ich sah mich panisch um und durchwühlte den Plexiglaswagen hektisch.
»Was tun Sie denn da?«, grölte Martins Stimme unmittelbar hinter mir.
»HHHHAARR!«, erschrocken sprang ich zurück.
Von meinem Geschrei wurde ein Brüllkonzert aus fünfzehn winzigen Mündern ausgelöst.
»Isabelle ist nicht da«, wisperte ich, um die anderen Kinder nicht zu wecken. Und du hast sie auf dem Gewissen, du verschlagener Neandertaler!
»Natürlich nicht, sie liegt ja auch da drüben.« Verärgert bemühte sich Rübezahl, die Kleinen wieder zu beruhigen. Ich stellte erstaunt fest, dass er ausgesprochen begabt war. Während er sanfte Worte gurrte, tätschelte er einem Kind den Po, gab einem anderen einen Schnuller und stopfte in den Mund eines anderen Babys sachte ein Fläschchen Tee.
Ich sah mich um. Fragend zuckte ich die Schultern.
»Unter der Höhensonne«, half Martin mir geduldig weiter.
»Ach so!« Erleichtert trat ich auf das lila Licht zu, das über einem gut gepolsterten Wickeltisch platziert war.
Tatsächlich, da lagen zwei Babys. Süß waren die. Und welches war nun meins?
Keins davon sah aus wie das, das ich gestern bekommen hatte. Meine Isabelle hatte einen länglichen Kopf, der ein wenig wie eine Mischung aus Banane und Aubergine ausgesehen hatte, gelbviolett mit einer platten Boxernase. Sie hatte außerdem eine dunkle Hautfarbe gehabt und war überall mit diesem ekligen Zeug bedeckt gewesen, der Käseschmiere.
Aber die beiden da hatten runde Köpfchen und hübsche, kleine Stupsnasen.
»Frau Teufel!« Martin, der Babyschreck, stand wieder neben mir.
»Nun sagen Sie mir nicht, dass Sie Ihr eigen Fleisch und Blut nicht wiedererkennen.«
Stimmt. Hatte keinen Schimmer. Ruhig, Lisa Teufel. Ich schwitze. Welches war es denn nun? O Gott, arme Isabelle, was hast du für eine miese, unfähige Mutter.
»Natürlich erkenne ich mein Baby!«, antwortete ich spitz und deutete mit dem Zeigefinger auf das linke.
»Das ist meins!« Hatte in letzter Sekunde die Namensbändchen gesehen.
Martin nickte erleichtert.
»Ja, stimmt. Wissen Sie, Babys verändern sich vor allem in den ersten Tagen unheimlich rasant, aber bisher ist mir noch keine Mutter untergekommen, die ihr Kind trotzdem nicht auf Anhieb erkannt hätte.«
»Klar, habe meins auch sofort erkannt!« Ich griff nach Isabelle, legte sie behutsam in ihr Bettchen und schob es hastig in mein Zimmer.
Kaum zu fassen! Ich war jetzt selbst eine Mutter. Nur dass mir das noch immer nicht wirklich real vorkam. Ich hielt die kleine Isabelle stundenlang in den Armen und betrachtete jedes kleinste Detail an ihr, ihre rosigen, winzigen Fingernägel, den noch weichen Kopf, der gerade einmal meine Handinnenfläche ausfüllte, und die noch leicht geschwollenen Augen.
Was für ein Prachtkind! Und sie hatte kaum noch etwas von einer Aubergine an sich!
Schwester Martin kam herein.
»Alles in Ordnung mit Ihnen beiden?«, erkundigt er sich freundlich.
»Danke, alles bestens.« Ich betrachtete entzückt meine Tochter. Isabelles Haut war rosig, wenn auch noch ein wenig verschrumpelt.
Martin, der meinen skeptischen Blick auf die runzeligen Finger bemerkte, meinte: »Dass die Haut noch nicht so prall ist, liegt an dem geringen Geburtsgewicht. Aber das wird sich schnell ändern, keine Sorge.«
Ich fand meine Isabelle vom ersten Atemzug an phänomenal und vollkommen. Es würde nie mehr einen Menschen geben, der mir näher stand als meine Tochter, das wurde mir mit einem Schlag klar.
»Würden Sie sich auch von mir beim Stillen helfen lassen, oder soll das eine der anderen Schwestern übernehmen?«
O Gott, an diese Möglichkeit hatte ich überhaupt nicht gedacht. Der würde meine Brüste anfassen und sie so positionieren, dass Isabelle daran nuckeln konnte. Der würde sie doch vollkommen zerquetschen!
Neee, oder?
»Äh ... also, Schw ... ich meine, Martin, ja, Sie können mir gerne helfen, kein Problem«, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen sagen.
Er erklärte mir, worauf ich achten müsse.
Als er die Tür öffnete, um zu gehen, prallte er gegen Mia.
»Wo ist mein süßes Patenkind?«, strahlte sie.
»Mia!«
»Und, geht es dir gut?«
»Ausgezeichnet!«
Sie betrachtete mich zweifelnd.
»Keine nächtlichen Heulattacken?«
»Quatsch!«
»Hier, ich habe euch etwas mitgebracht.« Sie überreichte mir ein riesiges Paket.
»Was ist da bloß drin? Ein kleiner aufblasbarer Spielgefährte für die Mami?«, neckte ich sie.
»Öffne es einfach.«
Ich zog an der zartrosafarbenen Schleife und öffnete den Deckel.
»Aber das ist ja ...« Atemlos zog ich das Kleid heraus.
»Das ist ja ein Brautkleid!«
»Na ja, zur Geburt vielleicht nicht ganz das Richtige, aber ich dachte, es würde dir womöglich gefallen.«
»Das Kleid ist ... es ist einfach atemberaubend! So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen, Ehrenwort!«
Mia strahlte.
Es war champagnerfarben und vorne raffiniert ausgeschnitten. Der Ausschnitt war mit winzigen Kristallen bestickt, die oben dicht aneinander genäht waren und zum Rock hin immer spärlicher wurden, bis am unteren Drittel des Kleides keine Kristalle mehr sichtbar waren, sodass das Kleid aussah, als wäre es kopfüber in Eis getaucht worden.
»Das sind Swarovski-Kristalle. Ich habe das Kleid selbst genäht. Ach ja, hier sind die passenden Schuhe.«
Ich umarmte Mia erneut.
»Es ist wunderschön, danke!« Gerührt küsste ich sie auf die Wange.
»Was ist denn hier los?« Benny und Karl traten ein.
Benny hielt ein Dutzend rosa und weiße Ballons in der Hand und Karl ein überdimensionales Plüschtier.
»Ist alles okay mit dir, mein Schatz?« Mama setzte sich zu mir ans Bett und streichelte meinen Lockenkopf, der ihrem so sehr ähnelte.
»Darf ich?« Behutsam nahm sie mir Isabelle ab und wiegte sie in den Armen.
Den ganzen Tag über kamen Besucher und brachten Geschenke über Geschenke. Mama hatte für Isa einen Kinderwagen gekauft, den sie aber nicht mit ins Krankenhaus gebracht hatte.
Abdul und Angela hatten ihr einen winzigen Burberry-Pullover geschenkt, Tatjana Tastenko, die zu meinem Erstaunen auch auftauchte, hatte mir eine mächtige Portion Lindt-Schokolade überreicht, und fast jeder hatte Blumen mitgebracht.
Nur Tom fehlte noch, aber ich war so glücklich, dass es mich kaum störte.
Als es dämmerte und alle fort waren, tauchte Tom dann endlich auf. Er trug einen Arm voll Freesien, meine Lieblingsblumen, die den Raum sogleich mit einem herrlichen Sommerduft erfüllten.
»Hallo, Schatz!« Er küsste mich auf die Nasenspitze.
»Hallo! Du hast sie alle verpasst, Tom, alle. Wo hast du nur gesteckt?«, begrüßte ich ihn ein wenig enttäuscht.
»Ich hatte noch einiges in der Firma zu erledigen, weißt du, damit ich nach eurer Entlassung nicht arbeiten muss, ackere ich jetzt umso härter.«
»Verstehe. Na gut, wenn du dafür zu Hause für uns da bist ...«
»Klar doch!« Er verpasste mir einen sanften Nasenstüber, zog seine Schuhe aus und legte sich zu mir aufs Bett.
Ich kuschelte mich in seine Arme, er küsste mein Haar.
Der Tag war schön, aber anstrengend gewesen. Ich war müde und döste ein.
»Lisa?«
»Hm?« Er hatte mich jäh aus dem Schlaf gerissen.
»Du hast noch nicht ›ja‹ gesagt.«
»Was meinst du?«, fragte ich verständnislos.
»Ich habe dich gebeten, meine Frau zu werden, aber du hast nicht geantwortet.«
»Ach so.« Ich kuschelte mich zurück in seine Arme.
»Wie, ach so? Und sonst sagst du gar nichts?« Empört setzte er sich auf.
Ich lachte. »Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet, dass ich ihn gerne auskosten möchte, wenn du erlaubst.«
Ich schwieg behaglich und machte es mir wieder in seinen Armen gemütlich.
»So! Du darfst mich jetzt noch einmal fragen«, gewährte ich gnädig.
»Was?« Empört richtete er sich auf.
»Also, du kannst in Anbetracht der Umstände ja wohl nicht verlangen, dass ich mich an jedes deiner Worte erinnere, nicht wahr? Immerhin hatte ich Wehen!«
Tom knirschte mit den Zähnen.
»Lisa, ich liebe dich. Bitte heirate mich.«
Ich schüttelte tadelnd den Kopf. »Ich erinnere mich zwar nicht an alles, aber auf der Hochzeit hat das besser geklungen.«
Tom räusperte sich, um Geduld bemüht.
»Lisa, ich liebe dich mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt. Ich kann ohne dich nicht leben. Willst du mir die große Ehre erweisen und meine Frau werden?«
Ich legte den Kopf schief. »Schon seeeeehr gut! Aber ein Kniefall fehlt da leider noch.«
Tom knirschte mit den Zähnen, aber seine Augen funkelten vor Vergnügen, und er fiel übertrieben theatralisch auf die Knie.
»Also willst du mich nun heiraten, LIEBSTE Lisa?«
Ich stellte mich vor ihn, beugte mich hinab, küsste ihn verführerisch, sah ihm in seine glänzenden Augen und flüsterte ihm ins Ohr: »Was dachtest du denn? Natürlich möchte ich dich heiraten.«
Tom stand auf und küsste mich so heftig, dass ich gegen das Bett taumelte.
»Autsch!«, jaulte ich. »Nicht so stürmisch, ich habe erst gestern ein Kind bekommen und muss noch ein Weilchen mit Glacéhandschuhen angefasst werden.«
»Tut mir leid.«
Er half mir wieder ins Bett und griff in seine Hemdtasche.
»Möge unsere Ehe so lange halten wie dieser Stein.« Feierlich nahm er meine Hand und zog mir einen Diamantring über den Finger.
»Amen«, murmelte ich beeindruckt. Was für ein Prachtstück!
Nicht Tom, der natürlich auch, ich meinte den Diamanten.
Oval geschliffen, ein Hauch von Rosa, aber in mattiertes Weißgold gefasst. Sehr hübsch! Und von Cartier! Den Ring hatte ich mein halbes Leben läng im Schaufenster angehimmelt. Womit hatte ich nur so viel Glück verdient? Selig schlief ich in Toms Armen ein.
Am nächsten Morgen war mein Verlobter verschwunden. Geblieben waren lediglich mein etwas dümmliches Grinsen und das Gefühl, vor lauter Glück überzuschnappen. Isabelle hatte diese Nacht bei uns verbracht, sie hatte friedlich in ihrem Plexiglasbettchen unter der dicken Daunendecke geschlummert und wimmerte erst jetzt leise vor sich hin.
»Guten Morgen!«, begrüßte mich eine resolute Schwester.
»Morgen!«, gähnte ich herzhaft und räkelte mich genüsslich.
»So, dann mal hopp hopp aus dem Bett, junge Frau, wir wollen das gute Stück denn ma frisch beziehen! Oh, was ist denn das? Hat die Kleine denn schon gefrühstückt?« Schwester Hanna sah sich nach der greinenden Isabelle um.
»Gefrühstückt?« Ich sah sie verständnislos an.
»Na, haben Sie sie schon gestillt?«
» Gestillt ?«, erkundigte ich mich erneut.
»Na kommse ma her! Und du auch, kleine Maus!« Schwester Hanna, ganz eine kölsche Frohnatur, hob Isa mit geübtem Griff aus dem Wägelchen und legte sie in mein Bett.
»Machense ma Ihre Brust frei, dann legen Sie sich so hin, dass die Kleine dran trinken kann, alles verstanden?«
Ich nickte ein wenig beklommen. Eine Bekannte hatte mir erzählt, dass sie beim Stillen enorme Schmerzen gehabt hatte und daher auf die Flasche umgestiegen sei. Sie sagte, das wäre ein Gefühl, »als wenn jemand dir Wäscheklammern an die Nippel hängt«. O Gott! Und die Frau in der Lenorwerbung sah dabei immer so glücklich aus!
Noch bevor ich meine Brust richtig platziert hatte, klebte Isa auch schon an ihr und nuckelte hingebungsvoll.
Huch! Hm. Nö. Da tat nix weh. Im Gegenteil. Das war sogar irgendwie ein schönes Gefühl. Warm. Und man fühlte dabei eine unheimliche Zärtlichkeit in sich aufsteigen.
»Kommt denn da schon was raus?«, fragte ich besorgt. Ich hatte mal gelesen, dass die Milch erst drei Tage nach der Geburt einschießt.
»Lassense mich ma gucken.« Schwester Hanna drückte gekonnt auf meine Brust.
»Wird nicht mehr lange dauern. Trinken Sie viel Fencheltee, Milch und Malzbier. Dann wird’s schon werden.«
Nach dem Frühstück, als Isa wieder auf der Säuglingsstation war, hoffte ich auf weiteren Besuch, aber niemand kam. Gelangweilt blätterte ich eine Zeitschrift durch, ging ans Fenster und schnüffelte an den Blumen, die die breite Fensterbank zierten.
Schließlich hob ich meine Hand und beobachtete, wie sich das Licht der Sonne in meinem wunderschönen Verlobungsring brach.
Auch das wurde mir schnell wieder langweilig.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Schwester Martin erschien mit einer Frau in einem Rollstuhl, die ganz offensichtlich in den Wehen lag.
»Frau Teufel, ich habe Ihnen eine Zimmergenossin mitgebracht«, erklärte er, als ob die Ärmste auf eine, Stippvisite vorbeigekommen wäre.
Die Frau stöhnte und biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszuschreien. Mensch, die Arme! War ich vielleicht froh, das alles hinter mir zu haben!
Schwester Martin machte einer älteren, schwarz gekleideten Dame Platz, die der Schwangeren strenge Worte zuflüsterte und drohend mit dem Zeigefinger hin- und herwackelte.
Wüsste zu gern, was die Alte da eben gesagt hatte.
Sie räumte das Köfferchen aus, das Martin mit hineingestellt hatte.
Niemand beachtete mich, und ich fand das Timing auch nicht gerade passend, um mich vorzustellen.
Wenigstens kam etwas Leben ins Zimmer. Ich setzte mich auf die Bettkante und beobachtete, wie die Alte der Frau, die anscheinend ihre Tochter war, über den Kopf strich und sie streng ermahnte, wenn sie sich anschickte, zu schreien.
Sah aus, als würde sie ihrer Tochter verbieten, einen Ton von sich zu geben. Na, so ein Unsinn! Wo doch jeder weiß, dass lautes Schreien den Muttermund und den Gebärmutterhals öffnet. So würde sie es während der Geburt doch nur schwerer haben. Jemand musste das der Frau doch sagen!
Verzweifelt versuchte ich, Martins Blick aufzufangen, der ruhig das Geschehen beobachtete. Warum sagte dieser Einfaltspinsel denn nichts?
Martin sah mich endlich an und schüttelte kaum merklich den Kopf. Warum? Er legte warnend den Zeigefinger an die Lippen.
So’n Quatsch! Verbieten lassen würde ich mir gar nichts.
»Lassen Sie Ihre Tochter doch schreien, das wird ihr bei der Geburt helfen«, rief ich schließlich verzweifelt.
Die schwarzen Augen der alten Frau blickten mich drohend an, dann kam sie wild gestikulierend und böse schimpfend auf mich zu.
Martin zuckte gleichmütig die Schultern.
»Mama, ist ja gut, sie hat es nur nett gemeint.« In einer Wehenpause versuchte die Frau, ihre Mutter zu beruhigen.
»Nicht wahr? Sie hatten es doch nur gut gemeint?«
Ich nickte beklommen.
»Warum versuchen Sie denn, Ihre Schmerzen zu unterdrücken?«
»Es gilt bei uns als unschicklich, bei der Geburt zu schreien. Eine Frau, die ihren Schmerz zeigt, hat keine Selbstbeherrschung«, erklärte sie und atmete heftig, als eine neue Wehe sie überkam.
»Bei uns?«
»In der Türkei.«
»Ah.«
So war das also. Ich kannte ja bisher nicht allzu viele Türken, aber die, die ich kannte, hätten auf alle Fälle auch geschrien. Ich warf einen ängstlichen Blick auf die Mutter, die mich noch immer böse anguckte. Martin, der abwartend hinter dem Rollstuhl gestanden hatte, fragte: »Können wir ins Wehenzimmer gehen?« Die Mutter ging vor, und Martin rollte auch die Frau hinaus, dann drehte er sich noch einmal um und sagte: »Ich habe versucht, Sie zu warnen, Frau Teufel. Frau Akbal hat hier schon zwei Kinder zur Welt gebracht, und wir haben alle gelernt, sie und ihre Sitten zu respektieren. Sie sehen ja, wie es endet, wenn man sich einmischt.« Er winkte mir zum Abschied und schloss dann leise die Tür.
Ja, das hatte ich genau zu spüren bekommen. Mist, verdammter. Da will man nett sein, und was passiert? Man bekommt voll eins auf die Nuss.
Sollte die Ärmste eben ihre Schmerzen unterdrücken. Mir doch egal.
Ich holte mir Isabelle und schmuste mit ihr, bevor wir zwei ein Schläfchen hielten. Ein markerschütternder Schrei weckte mich. Waswarnlos?
Ich setzte mich vorsichtig auf. Da! Noch einmal! Langgezogen und durchdringend. Ich klingelte nach einer Schwester. Martin erschien.
»Da schreit einer!«, erklärte ich.
»Sie liegen ja auch direkt neben dem Kreißsaal, und der ist momentan voll«, erklärte er seinerseits.
»Aber so können wir nicht schlafen.« Und ich war doch so müde.
»Alle anderen Zimmer sind leider belegt, tut mir leid.«
Martin entschwand wieder.
Ich gab Isa die Brust, um das Weinen abzustellen, und versuchte, wieder zu dösen.
»Aaaaaaaaaaaaaa AAAAAAAAAAAAAAAAAAARRR RRRRR!«
Meine Güte, hatte ich auch so gebrüllt? Die armen Frauen!
Na ja, immerhin waren es Leidensgenossinnen, ich beschloss also, tolerant zu sein.
Isa gab ein zufriedenes Bäuerchen von sich und schlief ein, sobald ich sie wieder in ihr Bett gelegt hatte. Ich versuchte, wieder einzuschlafen, und glitt für eine Weile in eine Art Halbschlaf, in dem ich davon träumte, Fünflinge zu bekommen. Ich schrie und merkte, dass der Schrei gar nicht von mir kam. Schweißgebadet setzte ich mich auf. Der Schrei war aus dem Kreißsaal gekommen und hatte Isabelle erneut geweckt. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr: Halb zwölf. Beinahe Mitternacht.
Ich legte Isa wieder an und fuhr sie dann zurück ins Babyzimmer. Ich war todmüde. Musste unbedingt schlafen. Ich hatte meine Ohren gerade notdürftig mit Klopapier zugestopft und es mir in meinem Bett gemütlich gemacht, als das Licht plötzlich anging. Stimmen erfüllten den Raum. Erschöpft drehte ich mich um. Da war sie wieder, die junge Türkin. Eine der jüngeren Hebammen half ihr ins Bett, und ihre Mutter, die mich keines Blickes würdigte, setzte sich zu ihr auf die Bettkante und bürstete ihr Haar zurück. Dann küsste sie sie auf die Stirn und ging leise.
Die Hebamme kam herein, sie hatte ihr etwas zu essen und die obligatorische Kanne Fencheltee auf das Nachttischchen gestellt.
»Hier sind die Tabletten für Ihre Nachwehen, Frau Akbal. Wenn sie nicht ausreichen, dann klingeln Sie doch bitte, wir geben Ihnen dann etwas Stärkeres. Gute Nacht«, verabschiedete sie sich.
Frau Akbal lehnte sich müde zurück. Ich bemerkte erstaunt, dass sie ohne den riesigen Bauch eine eher kleine, zierliche Person war mit hellgrünen Augen und kastanienbraunen Löckchen.
»Ich heiße Lisa«, durchbrach ich die Stille.
»Ich bin Leyla.« Sie lächelte erschöpft.
»Und, wie war es?«, versuehte ich einen Smalltalk.
»Zuletzt dachte ich, ich muss sterben. Aber dann war der Kleine auch schon da.«
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke.«
Ich sank in meine Kissen zurück. Die Müdigkeit übermannte mich, und ich döste ein.
»Lisa?«
Ich schreckte auf. »Hm?«
»Du schnarchst doch nicht?«
»Was?«
»Ich werde aggressiv, wenn jemand schnarcht, während ich versuche, zu schlafen, deshalb. Also, schnarchst du?«
Ich wurde rot. Okay, weil ich in meiner Schwangerschaft so viel zugenommen hatte, war ich des Öfteren von meinem eigenen Schnarchen geweckt worden. Na und? Jetzt war ich ja nicht mehr schwanger. Aber ich hatte bestimmt noch so an die zwanzig Kilo mehr drauf. Ob mich das wohl auch zum Schnarchen brachte?
»Nein, ich schnarche nicht«, log ich.
»Dann ist es ja gut.« Leyla löschte das Licht.
Ich drehte mich auf die Seite. Ich würde einfach versuchen, mir selbst zuzuhören und nicht zu schnarchen. So schwer konnte das ja wohl nicht sein, nicht wahr?
Ich atmete tief ein und aus und merkte, wie mich der Schlaf überfiel.
»Ohhhhhhh.«
Ein Stöhnen weckte mich, kaum, dass ich eingeschlafen war.
»OOOOOOOOOOHHHHHHH!«
Bekam Leyla etwa noch ein Kind?
Ich knipste das Nachtlicht an.
»Alles okay?«, fragte ich verschlafen.
»Das sind nur die Nachwehen«, klärte sie mich mit schweißglänzender Stirn auf.
Ich hatte auch welche gehabt, natürlich. Aber nicht so starke, dass sie mich vom Schlafen abgehalten hätten.
»Je mehr Kinder man bekommt, desto stärker werden auch die Nachwehen«, klärte sie mich auf.
»Nimm doch einfach eine Tablette«, schlug ich vor.
Das tat sie auch und löschte dann wieder das Licht.
»OOOOOOOOOH!«
Darauf folgte wieder Stille, in der ich eindöste.
»OOOOOHH!«
Ich schreckte jäh aus dem Schlaf auf. »OOOOOOOHH!«
Ich drückte mir ein Kissen auf den Kopf. Doch ich hörte sie noch immer stöhnen.
Nach einer Stunde setzte ich mich wütend auf und drückte den Rufknopf. Die Nachtschwester erschien. »Wer von Ihnen hat mich gerufen?«
»Ich«, gab ich zur Antwort, »aber Frau Akbal hier ist die mit den starken Schmerzen. Bitte geben Sie ihr doch etwas gegen die Nachwehen.« Damit sie endlich ruhig ist und mich schlafen lässt, schob ich in Gedanken hinterher.
Die Schwester betrachtete Leylas schmerzverzerrtes Gesicht und kam dann mit einer Injektion zurück.
»Es wird gleich besser, keine Sorge«, versprach sie und verließ das Zimmer. Ich löschte erleichtert das Licht.
»Lisa?«
Entnervt warf ich die Augen gen Himmel.
»Was?«, murmelte ich unfreundlich.
»Ich kann jetzt noch nicht schlafen. Kannst du bitte mit mir reden?«
Ich drehte mich zu ihr um.
»Worüber denn?«
»Egal, Hauptsache, wir unterhalten uns. Hast du einen Sohn oder eine Tochter bekommen?«
»Eine Tochter. Sie heißt Isabelle.«
»Mein Sohn heißt Adem, wie der erste Mann. Ich habe noch einen Sohn, der ist dreizehn, und eine sechzehnjährige Tochter«, erzählte sie stolz.
»Wie schön. Dein Mann ist sicher sehr stolz auf dich. War er bei der Geburt dabei?«, erkundigte ich mich höflich.
»Nein, das schickt sich doch nicht. Das ist Frauensache. War dein Mann denn dabei?«
»Natürlich.« Ich verschwieg, dass Tom in Ohnmacht gefallen war. Das ging sie ja nun wirklich nichts an.
»War es eine schwere Geburt?«, bohrte sie weiter.
»Keine Ahnung, die Hebammen sagten, es sei eine leichte Geburt gewesen.«
»Du Glückliche! Adem war meine schwerste Geburt. Er wog vier Kilo und dreihundert Gramm.«
Ein Elefantenbaby!
»Ich hatte Schwangerschaftsdiabetes«, erläuterte sie. »Da sind die Babys immer so dick. Ich selbst habe nur acht Kilo zugenommen.«
Ich spürte selbst im Dunkeln, wie mein Hintern beinahe das gesamte Bett ausfüllte und meine Oberschenkel schwabbelten. Wie viel ich wohl noch zu viel draufhatte?
Während ich meinen eigenen Gedanken nachhing, ertönte aus dem Nebenbett plötzlich ein lautes Schnarchen.
Gott sei Dank! Ich schloss die Augen, um endlich in meine wohlverdiente Nachtruhe zurückzufinden.
Ein Greinen weckte mich.
Ich öffnete die Augen.
Da stand Schwester Martin mit Isas Wagen vor mir.
Draußen dämmerte es.
»Frau Teufel, es tut mir ja wirklich leid, aber ich musste die Kleine zu Ihnen bringen. Sie hat alle Babys auf der Säuglingsstation geweckt. Wir konnten sie einfach nicht beruhigen. Ich denke, sie hat Hunger. Würden Sie sie bitte stillen?«
Zu meiner Überraschung hatten meine Brüste sich scheinbar über Nacht verdoppelt. Sie fühlten sich hart an, wie Ballons, die man mit zu viel Wasser gefüllt hatte.
Als ich Isa diesmal anlegte, konnte ich hören, wie sie laut schluckte.
Eine Sekunde lang löste sie sich überrascht von meiner Brust, und ich stellte erstaunt fest, dass die Milch einfach so herausschoss, und zwar mitten in ihr Gesichtchen.
Sie schrie wütend, und ich beeilte mich, sie wieder anzudocken.
»Geht das nicht auch leiser?«, ertönte es übelgelaunt aus dem Nachbarbett.
Ha! Die hatte vielleicht Nerven! Nachdem ich ihretwegen so müde war!
Ich kuschelte mich wieder in meine Kissen. Isabelle nuckelte friedlich weiter, dann ließ sie mit einem plötzlichen Schmatzer los und war sofort eingeschlafen. Ein Milchtropfen rollte aus ihrem Mündchen auf das weiße Laken.
Ich schlief glücklich ein.
»Guten Morgen! Zeit zum Frühstücken, die Betten zu machen und das Gesicht zu waschen!«, begrüßte uns die Morgenschwester nach zwanzig Minuten gut gelaunt.
Leyla brummte unfreundlich, und auch mir war danach zumute, der Schwester einfach eine runterzuhauen.
So aber erwiderte ich den Gruß verhalten, hievte mich aus dem Bett und schob Isa gähnend ins Babyzimmer, wo man sie mir gütigerweise abnahm.
»Oh, Ihre Tochter hat Aa gemacht. Sie sollten sie lieber erst wickeln«, empfahl mir die Säuglingsschwester.
»Wickeln?« Das kannte ich. Hatte ich schon mal gehört. Nur noch nie gemacht. Aber so schwer konnte das ja nicht sein.
»Hat das nicht Zeit, bis ich einen Kaffee getrunken habe?«
»Bis dahin hat die Kleine sicher schon einen wunden Po.«
Ich seufzte.
»Sie finden alles Nötige dort drüben neben den Wickeltischen.«
Die Schwester deutete mit dem Finger nach rechts.
Ich nickte ergeben. Also erst wickeln, dann Kaffee.
Ich legte Isa sachte auf den Wickeltisch. Dann sah ich mich verstohlen um. Die Mama am Wickeltisch neben mir war schon weitaus geübter. Gekonnt schaltete sie das Heizlämpchen über dem Wickeltisch an, öffnete die Druckknöpfe des Strampelanzuges und entfernte die Windel. Dann feuchtete sie einen Wegwerflappen an, wischte ihrem Sprössling den Po, tupfte ihn ab, ölte ihn ein und verschloss die Windel. Danach zog sie ihm den Strampler wieder an und legte das Baby zurück in sein Wägelchen.
»Das können wir auch«, flüsterte ich Isa entschlossen zu.
Strampelhöschen ausziehen, so, hier auf, da auch, das war kein Problem. Die Windel öffnete ich auch, ein Kinderspiel!
Ich nahm mir einen Papierlappen, feuchtete ihn an und wischte Isabelle damit ab.
Sie brüllte wie am Spieß. Erschrocken sprang ich zurück. Was war los?
Die junge Säuglingsschwester war an mich herangetreten.
»Haben Sie den Lappen mit kaltem Wasser angefeuchtet?«
Huch. Könnte hinkommen.
»Nehmen Sie das nächste Mal besser warmes Wasser«, empfahl sie mir.
Ich trocknete Isas winzige Pobacken ab und ölte sie ein. Dann legte ich ihr eine Windel unter, klebte sie mithilfe der Klebestreifen fest und hob sie stolz in die Höhe.
Isa. Mit nacktem Po. Ohne Windel.
Denn die war ihr an den mageren Beinchen hinabgerutscht und wieder auf den Wickeltisch gefallen.
Ein riesiger Schatten fiel auf Isa und mich.
»Hat Ihnen keiner gezeigt, wie das geht?«, fragte Martin mitleidig.
Kleinlaut schüttelte ich den Kopf.
»Ich zeige es Ihnen jetzt, und dann wissen Sie für die Zukunft Bescheid, ja?«
»Okay.« Dankbar machte ich für Pfleger Martin Platz.
Er legte Isabelle erneut hin und erklärte: »Sehen Sie die Comicfigur in der Mitte der Windel? Sie versuchen, das Klebeband so festzumachen, dass das Motiv etwa in der Mitte ist. Damit es dem Baby nicht zu eng wird, stecken Sie währenddessen einen Finger unter den Klebestreifen. So bleibt die Windel dran, aber das Baby kann sich noch genug bewegen. Alles verstanden?«
Er zog Isa gekonnt an und legte sie in ihr Bettchen, wo sie sogleich einschlief.
»Gehen Sie jetzt ruhig etwas essen.« Martin klopfte mir freundlich auf die Schulter.
Leyla war nicht im Frühstückszimmer, wie ich erleichtert feststellte. Ich trank genüsslich Kaffee, aß meine Nutellastullen und trottete dann mit einer frischen Kanne Fencheltee ausgerüstet zurück zu meinem Bett. Ich stutzte, als ich vor der Tür stand. Laute Stimmen drangen aus dem Zimmer, in dem ich so gerne ein Nickerchen gemacht hätte. Ich öffnete die Tür, und verbrauchte Luft stürzte auf mich ein. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, weil mir plötzlich schwindelig wurde. Ich zählte elf Personen, sieben Erwachsene, der Rest Kinder in verschiedenen Altersstufen, mit Dreirädern, in Kinderwagen oder auf Rollerblades, alle herumwuselnd und schreiend. Neben Leyla in einem der typischen Plexiglasbettchen lag ihr Sohn: ein fetter Junge mit dichten schwarzen Haaren und kristallblauen Augen. Süß war der! Aber echt riesig. Ich schauderte bei dem Gedanken, ein solches Mammut gebären zu müssen.
Vier der sieben Erwachsenen waren Frauen, sie saßen alle laut schnatternd um Leylas Bett herum, während die Männer sich in den hintersten Winkel des Raumes zurückgezogen hatten und dort aussahen, als könnten sie nichts miteinander anfangen.
Ich grüßte höflich in die Runde und wollte das Fenster öffnen.
Entsetztes Rufen aus fünf Mündern hielt mich davon ab.
»Was machst du da?«, fragte mich Leyla scharf.
»Ich will das Fenster öffnen.«
»Aber siehst du denn nicht, dass hier Babys im Zimmer sind?«
Doch, klar sah ich die. Aber waren das nicht auch menschliche Wesen? Brauchten die nicht auch Sauerstoff?
»Draußen scheint die Sonne, und hier sind zu viele Menschen und zu wenig Sauerstoff. Es stinkt hier!«
Leyla schnappte nach Luft und sagte wütend etwas auf Türkisch zu ihren Freundinnen.
Eine sah mich kalt an und spie: »Du sein eine NAZI.«
Was, weil ich ein Fenster aufmachen wollte?
Ich tat es trotzdem.
Sie beobachteten mich böse.
Eine der Frauen war anscheinend um einen Themenwechsel bemüht und packte etwas aus einer Tüte. »Hier, für deine Milch ist das sicher gut. Döner mit Cacik.«
Ja, und Zwiebeln waren auch dabei, das konnte ich genau riechen. Leyla würde davon so todsicher Blähungen bekommen, wie ich eine Teufelin war.
Die Sonne schien auf mein Bett, und ich versuchte zu schlafen.
»Frau Teufel?«
»Hm?« Schlaftrunken richtete ich mich auf.
»Ihre Tochter hat wieder Hunger.« Pfleger Martin stand mit Isa neben meinem Bett.
Ich wollte sie gerade stillen, als ich bemerkte, wie still es wieder geworden war. Alle elf Besucher waren noch da. Sie starrten mich an, die Frauen böse und drohend, die Männer neugierig.
Ich wurde rot. »Ich gehe ins Stillzimmer.«
»Ja, tu das.« Leylas Stimme klang erleichtert.
Im Stillzimmer war die Luft frisch und duftete angenehm süßlich nach Milch. Ich entschied mich für einen Schaukelstuhl, auf den die Sonne schien, nahm Isa in den Arm und gab ihr die Brust. Dann legte ich sie zurück in ihr Wägelchen und schlief, tief in die weichen Polster des Schaukelstuhls gekuschelt, ein.
Als ich die Augen aufschlug, merkte ich, dass es dunkel geworden war.
Gähnend schob ich Isa ins Babyzimmer und taumelte müde in mein Krankenzimmer zurück.
Es war kaum zu fassen, aber Leyla hatte tatsächlich noch immer Besuch. Ja wollten die denn hier übernachten? Gegen elf Uhr waren wir endlich wieder allein. Endlich!
Endlich Ruhe! Endlich ungestört schlafen!
Obwohl ich im Tagesverlauf ein paarmal eingenickt war, konnte man das kaum Schlaf nennen. Hier ein paar Minuten, da eine halbe Stunde. Ich freute mich daher umso mehr auf eine ungestörte Nachtruhe.
In einigermaßen entspannter Atmosphäre aßen Leyla und ich zu Abend, und ich las noch ein paar Zeilen, bevor ich mein Licht löschte und »Gute Nacht!« wünschte.
Gerade hatte ich es mir in meinem Bett gemütlich gemacht, da ertönte Leylas Stimme: »Also, mein Adem hier war wirklich die schwerste Geburt, die ich hatte. Ich dachte, er reißt meine Scheide gleich mit heraus.«
Leylas Vaginalareal interessierte mich nicht im Geringsten. Ich stellte mich schlafend und atmete ruhig ein und aus, was sie aber nicht im Mindesten daran hinderte, ungehemmt über ihr Sexualleben und die Geburten ihrer drei Kinder zu berichten.
Es wurde zwölf, eins, zwei, drei.
Als ich im Begriff war, aus dem Bett geradewegs auf Leylas Brust zu springen, um sie mit meinen Kissen zu ersticken, hielt sie den Mund. Endlich konnte ich schlafen! Und ich war sooooo müde!
Ich brauchte eine weitere Stunde, bis ich meine gestressten und vor Aggression zitternden Nerven so weit unter Kontrolle hatte, dass ich endlich schlafen konnte.
Ein schmaler Lichtstrahl fiel ins Zimmer, als Martin flüsterte: »Frau Teufel, Isabelle hat wieder Hunger.«
Meine Tochter trank bis fünf Uhr, und dann nickten wir beide zu Tode erschöpft ein.
Um sechs Uhr weckte uns die Morgenschwester, die fröhlich verkündete: »Frau Teufel, Ihr Kind hat heute die U2, und Sie haben einen Termin bei der Gynäkologin. Also schnell, schnell aufgestanden!«
Ich hätte ihr am liebsten ein nasses Handtuch gegen die Wange geklatscht.
Aber das wäre zu anstrengend gewesen. Also mühte ich mich aus dem Bett, fuhr Isa ins Babyzimmer und torkelte zum Frühstück, um ohne nennenswerten Appetit ein halbes Brötchen mit irgendetwas drauf, an das ich mich nicht einmal mehr erinnere, das aber sehr wahrscheinlich Nutella war, hinunterzuwürgen.
»Sieht alles wunderbar aus!«, lobte die Gynäkologin mich nach meiner Untersuchung.
Auch der Kinderarzt war mit Isabelle zufrieden.
»Sie hat zwar wenig Gewicht, aber gerade diese Babys holen schnell auf«, beruhigte er mich.
»Haben Sie eine Nachsorgehebamme?«
»Ja, glücklicherweise habe ich mich in letzter Minute noch um eine gekümmert.«
»Sehr gut! Wenn alles gut geht, können wir Sie dann in ein bis zwei Tagen entlassen.«
Ich war zu ausgelaugt, um mich wirklich zu freuen. Ich wollte nur noch ins Bett. Als ich mich jedoch meinem Zimmer näherte, hörte ich fremdländisches Stimmengewirr.
»O nein!« Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Bitte bitte nicht schon wieder eine Invasion! Ich hatte wirklich viele sehr nette Freunde, aber keiner von denen nahm eine Hausbesetzung in der gynäkologischen Abteilung eines Krankenhauses vor, wie Leylas Bekannte. Die hätten sich hier glatt einquartiert, wenn das ginge.
Ich öffnete die Tür, und ein atemberaubender Geruch nach abgestandener Luft schlug mir entgegen. Mir wurde schlecht.
Ich fühlte mich beschissen.
Ich kramte mein Handy aus der Tasche meines Bademantels, wählte Toms Nummer und heulte: »Hol mich sofort hier raus!«
Trautes Heim, Glück allein
Widerwillig straffte ich die Schultern und betrat das Zimmer. Immerhin musste ich doch meine Sachen packen, nicht wahr?
Mir doch egal, dass mich alle anstarrten, als hätte ich eine violette Warze zwischen den Augenbrauen, und überhaupt, sollten die sich doch um ihren eigenen Mist kümmern!
Ich kramte meine Reisetasche aus dem Schrank und warf alles hinein, was ich an persönlichen Gegenständen in die Finger bekam. Nur Isas Kleider, einen zartrosafarbenen Strampler und einen Body in derselben Farbe, legte ich vorsichtig beiseite.
Mann, war das hier eine Affenhitze! Sehnsüchtig warf ich einen Blick in den Krankenhausgarten. Seit Isabelles Geburt hatte sich das Wetter drastisch verändert, der Schnee hatte einem knospenden Grün Platz gemacht, und vereinzelt sah ich Blüten an den Bäumen. Hier drin herrschte Treibhausatmosphäre, und ich nahm mitleidig zur Kenntnis, wie Leylas Baby schwitzte. Ich hatte immer gedacht, dass Neugeborene nicht schwitzen können, aber seine langen schwarzen Haare klebten feucht an seinen feisten Schläfen. Armer Kleiner!
In diesem Duftcocktail nahm ich meinen eigenen Geruch nach Stress und Schweiß unangenehm scharf wahr und schämte mich, aber nur ein bisschen. Hoffentlich dachte Tom an den Maxicosi! Ich atmete tief durch. Von den Gerüchen und der Hitze hier wurde mir übel. Ich lechzte nach einer Dusche. Gute Idee! Wo waren noch gleich meine Klamotten?
Ich kramte hektisch in meiner Tasche herum, aber außer zwei schon getragenen Jogginghosen und meinem überdimensionalen Glitzerkleid von Angelas Hochzeit fand ich nichts. Mist! Hatte ich etwa vergessen, mir anständige Kleidung einzupacken?
Na gut, dann würde ich eben das Schwangerschaftsabendkleid wieder anziehen. Huch, hatte vergessen, dass darin ja mein Fruchtwasser geplatzt war. Das konnte man wegwerfen. Blieben nur die Schlabberhosen und ein zum Glück noch ungetragenes Kapuzenshirt. Natürlich hatte ich auch keine Schuhe eingepackt! Typisch Lisa Teufel! Dann würde ich das Krankenhaus eben mit den roten Birkenstocks verlassen, was soll’s!
Ich schnappte mir meine Kleider und mein Duschzeug und wollte ins Bad. Das war allerdings abgeschlossen.
Ich hämmerte an die Tür: »Bitte benutzen Sie das Gäste-WC auf dem Flur! Ich will jetzt duschen!«
Ein Stöhnen antwortete mir.
»Mein Cousin hat sich den Magen verdorben. Der Ärmste hockt schon seit einer Stunde auf dem Klo«, entschuldigte Leyla sich.
Ich verdrehte genervt die Augen. »Brauchen Sie noch lange da drinnen?«
Stöhnen. Hätte ich mir denken können.
Okay, dann würde ich zu Hause duschen, Hauptsache schnell weg von hier!
Ich flüchtete mit meinen Kleidern ins Stillzimmer, das glücklicherweise leer war, zog mich hastig um und versprühte eine Mordsportion Deo unter meine Achseln, in der Hoffnung, nun nicht mehr wie ein Wildschwein zu riechen, kämmte meine Afromähne mit den Fingern durch, sprühte auch darauf ein wenig Deo und flocht mir schnell zwei Zöpfe.
Ich sah an mir herab. Rosafarbene Jogginghosen, ein hellblaues Kapuzenshirt, grüne Socken und rote Birkenstocks.
Ich sah aus wie ein Mitglied der Kelly Family.
Egal.
Jetzt schnell zu Isabellchen, sie musste ich ja auch noch ausgehfein machen!
Ich schlüpfte in das Babyzimmer und ging zielstrebig auf Isas Wägelchen zu. Da lag mein kleiner Engel und nuckelte zufrieden an seiner Faust. Ich hob sie aus dem Bett, legte sie auf die Wickelunterlage und zog sie vorsichtig aus. Ihr Köpfchen war zwar schon stabiler als vor zwei Tagen, aber immer noch unheimlich weich, sodass ich vor ängstlicher Anspannung schwitzte.
Ich war so konzentriert, dass ich aufschreckte, als es an die Scheibe klopfte. Ich sah auf, und Toms grüne Augen lächelten mich stolz an. In der Hand hielt er eine Videokamera und bedeutete mir, ich solle ein Stück zur Seite treten, damit er Isa besser filmen könne.
Ich bemühte mich, unsere Tochter zu wickeln. Das klappte auf alle Fälle schon besser als beim ersten Mal, war aber trotz allem nicht leicht.
Aber ich schaffte es, und als ich nach einer schieren Ewigkeit endlich fertig war, hob ich Isa stolz hoch, um sie ihrem Papa zu präsentieren. Tom winkte begeistert und hob den Maxicosi.
»Frau Teufel, ich habe gehört, dass Sie uns schon verlassen?«
Martin trat an mich heran.
»Ja, stimmt. Ich danke Ihnen für alles!« Ich schüttelte dem Pfleger herzlich die Hand.
»Ich wünsche Ihnen beiden alles Gute, vielleicht sehen wir uns ja bald wieder?«
»Danke, Martin, machen Sieʼs auch gut!«
Nachdem er mir noch ein Päckchen mit D-Vitaminen für Isa und ein Präsentpaket voller Gratiswindeln und Pflegeartikel in die Hand gedrückt hatte, verabschiedete ich mich und trat mit meiner Tochter auf dem Arm aus dem Säuglingszimmer heraus.
»Hallo Schatz!« Tom lächelte froh.
»Hallo!«
Er küsste mich.
»Hallo Prinzessin!« Vorsichtig nahm er mir Isabelle ab.
Sie öffnete ihren winzigen Mund und gähnte ausgiebig.
Tom lachte leise.
Dann sah er mich kritisch an und fragte: »Brauchst du noch lange, um dich fertig zu machen?«
Kein Wunder. Ich schwankte zwischen Lachen und Weinen. Sah ich so scheußlich aus? Roch ich denn noch immer wie ein Möbelpacker?
Lisa, so bist du ja auch sonst nie aus dem Haus gegangen, ohne Make-up und in Kleidern wie von der Altkleidersammlung. Woher soll Tom denn bloß wissen, dass dir keine andere Wahl blieb, wies ich mich selbst zurecht.
Ich seufzte ergeben. »Ich bin schon fertig.« Während wir zu meinem Zimmer gingen, schilderte ich ihm in kurzen Sätzen, warum ich aussah, als würde ich mich gleich einem Karnevalszug anschließen. Tom schüttelte ungläubig den Kopf.
»Lisa, übertreibst du nicht wieder einmal?«, erkundigte er sich vorsichtig. Ich??? Übertreiben??? Ich???
Pah! Ich war eine vernünftige Person, schon immer, jawohl!
Na ja gut, wenn man ein paar Begebenheiten außer Acht ließ, jedenfalls.
Zu Beginn unserer Beziehung haben wir beispielsweise einmal gemütlich einen Film im Bett angeschaut. In der Werbepause hat Tom ziellos im Fernsehprogramm umhergezappt. Dabei hat er dann genau bei einer Nivea-Body-Reklame innegehalten. Die, in der eine Blondine mit zwei Meter langen Beinen ihre nicht vorhandene Orangenhaut mit einer Bodylotion bearbeitet. Ich habe angefangen zu heulen und ihm vorgeworfen: »Du liebst mich nicht mehr!« Tom, der vermutlich zu Recht vollkommen verwirrt auf meine Anschuldigungen reagierte, beteuerte das Gegenteil. Wie sollte der arme Kerl auch wissen, dass ich gerade PMS hatte und dass ich dann immer gerne in Tränen ausbrach?
Gut, manchmal reagierte ich also ein wenig, sagen wir doch einfach, temperamentvoller als andere Menschen. Aber in diesem Fall konnte von Übertreibung keine Rede sein. Jawohl! Ich verkniff mir einen Wutausbruch und lächelte kühl. Tom klopfte an unsere Zimmertür, vor der wir inzwischen angelangt waren, und nach einem »Herein!« bedeutete ich ihm, die Tür zu öffnen. Ich trat vorsichtshalber beiseite, um dem Mief auszuweichen. Sein erstarrender Gesichtsausdruck war Balsam für meine ungewaschene Seele.
»Riecht das nicht appetitlich, Liebling, da bekommt man doch glatt Hunger auf eine schöne, fettige Pizza, nicht wahr?«, wisperte ich ihm ins Ohr.
Tom schluckte und drückte unser Kind schützend an seine Brust.
Er grüßte höflich in die Runde und sammelte meine Sachen ein, so schnell er konnte. Ich winkte zum Abschied, und Leyla murmelte eine halbherzige Verabschiedungsfloskel. Dann schlossen wir das Tor zum Schlund der Hölle wieder, und Tom atmete tief durch.
»Okay, du kannst ja auch zu Hause duschen.«
Ich warf meine fettigen Zöpfe in den Nacken und stolzierte auf meinen Birkenstocksandalen in den Fahrstuhl.
Unten hörte man »Och wie süß!« und »Guck mal, das Baby!«, als wir in das gleißende Sonnenlicht und an die herrliche, frische Luft traten.
Ich atmete den köstlichen Duft nach frisch gemähtem Gras und Gänseblümchen tief ein und fühlte mich plötzlich erleichtert. Ich wartete mit meiner Reisetasche zu Füßen und mit Isa im Maxicosi auf Tom, der den Wagen weiter weg geparkt hatte und uns hier abholen wollte.
Warum nur war ich so nervös?
Ob es an meiner zugegebenermaßen fürchterlichen Erscheinung lag oder daran, dass ich schon wieder schwitzte und das Gefühl hatte, alles an mir würde kleben, oder ob mich die abfälligen Blicke der Passanten störten, konnte ich nicht genau sagen. Als Tom nach ein paar Minuten schließlich vor uns hielt, zischte ich ihm zu: »Das wurde aber auch langsam Zeit!« Tom hob zwar erstaunt eine Braue, ignorierte meinen Ausbruch aber. Wir schnallten Isa auf dem Rücksitz fest, und ich bestand darauf, mich neben sie zu setzen, statt vorne neben Tom Platz zu nehmen. Auch dazu sagte er nichts, sondern lächelte nur beim Anblick der inzwischen wieder schlafenden Isabelle, was ihm ein »Was gibt’s denn da so blöde zu grinsen?« von mir einbrachte. Er hob wieder überrascht eine Braue, ich auch, denn es war, als würde ich mir selbst von außen zusehen. Herrgott, wer um alles in der Welt war denn die Zicke, die da ständig ihren Liebsten anblaffte?
Wir fuhren los, und auch während der Fahrt besserte sich meine Stimmung kaum.
Da die Sonne in den Wagen schien, bat ich Tom, sein Fenster zu öffnen.
»Das ist zu viel, Isa holt sich ja den Tod!«, empörte ich mich.
Tom entschuldigte sich hastig und schloss das Fenster wieder, was mir aber auch nicht passte. »Und das ist zu warm, warum hast du heute nur so eine lange Leitung?«
Er sagte nichts, aber ich merkte schon, wie die Ader an seinem Hals dicker wurde und er heftig schluckte.
Endlich kamen wir an.
Tom nahm Isa im Maxicosi, und ich trug mein kaum nennenswertes Gepäck. Vor der Eingangstür zu unserer Schickimicki-Wohnung, an die ich mich noch immer nicht so recht gewöhnt hatte, standen Benny und sein Lover Karl, Mia und ihr Alex. Alle schnatterten aufgeregt, und Benny dokumentierte alles mit seiner Handycam. Der Fahrstuhl war kaputt, also stiefelten wir die Treppen zur Wohnung gemeinsam hoch. Als wir ankamen, hielt ich einen Moment inne. Ich schwitzte schon wieder. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, wie ein Boxer nach einer schweren Runde im Ring zu riechen, der sich danach noch in einem Haufen Kuhmist gewälzt hatte. Ich sehnte mich nach einem schönen, erholsamen, heißen Bad.
»Oh, ist das süß von euch!«, rief ich entzückt, als ich bemerkte, dass die Eingangstür sehr niedlich mit einem Storch und Strampelanzügen geschmückt war. »Willkommen daheim, Lisa und Isa!«, prangte eine zartrosafarbene Schrift neben rosaweißen Herzchenballons. Mir kamen die Tränen. Ich schluchzte. Mit einem Mal ertönte eine Stimme hinter mir: »Herr Engel, ist das nun der lang erwartete Nachwuchs? Herzlichen Glückwunsch!« Es war kaum zu glauben, aber einer der Zombie-Nachbarn, die man ansonsten nie sah, hatte sich aus der Unsichtbarkeit gelöst und schüttelte Tom freundlich die Hand.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.