Kitabı oku: «Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text»

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Susanne Kabatnik

Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text

Eine korpusbasierte quantitativ-qualitative Untersuchung am Beispiel des Deutschen und des Polnischen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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Die Veröffentlichung beruht auf einer Dissertation der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim.

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungsfonds Wissenschaft der VG WORT.

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ISSN 1860-7373

Print-ISBN 978-3-8233-8421-2

ePub-ISBN 978-3-8233-0245-2

Inhalt

 1. Einleitung1.1. Untersuchungsgegenstand und Terminologie1.2. Positionierungen zu Funktionsverbgefügen2.1. 1. Wie sich Stilratgeber Funktionsverbgefügen gegenüber positionieren2.2. 1. Wie Funktionsverbgefüge in DaF-Lehrwerken behandelt werden2.3. 1. Funktionsverbgefüge in der linguistischen Forschungsliteratur3 1. Textlinguistischer Hintergrund4 1. Forschungsfragen und Ziele

  2. Daten und Methode 2.1. Generierung von Funktionsverbgefügen 2.2. Wahl der Korpora 2.3. Datenerhebung und Vorgehensweise

 3. Zur Extraktion textgrammatischer und -semantischer Analysekategorien3.1. Erweiterung der Nominalphrase3.1.1. Artikelwörter3.1.2. Adjektive3.1.3. Funktionsverb-Partizipien3.1.4. Funktionsnomen-Komposita3.1.5. Genitivphrasen3.1.6. Präpositionalphrasen3.1.7. Satzförmige Erweiterungen3.2. Valenz3.2.1. Valenzverschiebung3.3. Position des Funktionsnomens3.4. Referenz3.5. Zusammenfassung

 4. Analyse4.1. Quantitative Analyse nach textgrammatischen und -semantischen Kategorien4.1.1. Frage stellen und zada(wa)ć pytanie4.1.2. Antwort geben und da(wa)ć odpowiedź4.1.3. Entscheidung treffen und podjąć/podejmować decyzję4.1.4. Zusammenfassung4.2. Qualitative Analyse: Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text4.2.1. Informationsanreicherung4.2.2. Informationsverdichtung4.2.3. Informationsperspektivierung4.2.4. Informationsgewichtung4.2.5. Wiederaufnahme von Informationen

  5. Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

  6. Fazit und Ausblick

  Literaturverzeichnis Online-Datenbanken & Ressourcen

  Anhang

  Korpusabfragen

  Wortliste Funktionsverbgefüge – Kookkurrenzanalyse und Zuordnung polnischer Konstruktionen

  Danksagung

1. Einleitung

„Seitdem ich denken kann

Will ich dem Schicksal diese eine Frage stellen, ob man es lenken kann

Als ich sechs war

Mussten wir unsre Sachen packen und unendlich weit wegfahr’n“

KC Rebell: Leer; Album: Abstand, 2016 (Hervorhebung S.K.)

Den Gegenstand der Untersuchung bilden in der vorliegenden Arbeit die deutschen und polnischen Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen, zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję (Kamber 2008, Klinger 1983). Die Konstruktionen bestehen aus einem Funktionsverb und -nomen und korrespondieren mit einem Basisverb, wie z.B. fragen. Zu Funktionsverbgefügen existieren jedoch unterschiedliche Auffassungen: In Stilratgebern finden sich seit über einem Jahrhundert abwertende Äußerungen – gegenwärtig auch auf Schreibblogs, in Universitätsrichtlinien für Abschlussarbeiten sowie in modernen Textanalysetools im WWW –, die Funktionsverbgefüge als schlechtes und unverständliches Behördendeutsch abtun und dazu raten, die Gefüge mit einfachen Verben zu ersetzen (vgl. Wustmann 1891: 416f.; Mackowiak 2011: 72; Textwende: Schreibtipps1; s. Kap. 1.2.1). In Lehrwerken für den DaF-Unterricht finden Funktionsverbgefüge keine oder nur wenig Beachtung (vgl. Giacoma 2017; s. Kap. 1.2.2). In der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen werden Konstruktionen, wie Frage stellen, in Gegenüberstellung mit dem Basisverb als bedeutungsgleich aufgefasst – die Substitution mit dem Basisverb, wie z.B. in Er stellt ihr eine Frage vs. Er fragt sie etwas, würde lediglich mit stilistischen Veränderungen einhergehen (vgl. Hoffmann 2017: 225). Das einführende Zitat des Rappers KC Rebell lässt jedoch bereits vermuten, dass Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, spezifische kommunikative Leistungen entfalten können: Mit diese eine Frage bezieht sich KC Rebell auf eine ganz bestimmte Frage, die in Anschluss mit ob man es lenken kann spezifiziert wird. Solche Gefüge weisen nämlich syntaktische Leistungen auf, zu denen die Möglichkeit zur Attribuierung, Änderungen der Valenz und der kommunikativen Struktur sowie die Referenzfähigkeit gehören (Żmigrodzki 2000; Hinderdael 1985). Auf der Textebene zeichnet sich ein Zusammenspiel der Konstruktionen mit anderen sprachlichen Einheiten, wie Artikelwörtern und Nebensätzen, ab und Informationen können so nicht nur unterschiedlich modifiziert und fokussiert, sondern auch anders in den Textverlauf eingebettet werden als mit dem Basisverb (vgl. Klinger 1983; Storrer 2013). Bislang fand die Textebene in der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen jedoch wenig Beachtung und es fehlt eine systematische Klassifikation nach textuellen Leistungen. Die Forschungsfragen beziehen sich in der vorliegenden Untersuchung auf die Verknüpfung von Funktionsverbgefügen mit anderen sprachlichen Einheiten sowie ihre Leistungen im Textzusammenhang und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Deutschen und im Polnischen.

In Kapitel 1 werden verschiedene Typen von Funktionsverbgefügen sowie unterschiedliche Zweige der germanistischen Forschungsliteratur der vergangenen sechzig Jahre zu Funktionsverbgefügen vorgestellt und mit den verschiedenen Auffassungen in Stilratgebern sowie dem gegenwärtigen und durch eine Lehrwerkanalyse ermittelten Stand zu Funktionsverbgefügen in DaF-Lehrwerken in Verbindung gebracht. Zudem wird der theoretische Hintergrund der vorliegenden Arbeit erläutert: Wesentliche Theorien und Konzepte aus der linguistischen Teildisziplin der Textlinguistik werden eingeführt und erklärt.

In Kapitel 2 gehe ich auf die Datengrundlage und die Untersuchungsmethoden der vorliegenden Arbeit ein. Der Untersuchungsgegenstand wurde mithilfe einer Kookkurrenzanalyse durch die automatische Generierung von statistisch signifikanten deutschen Funktionsverbgefügen eingegrenzt, die polnischen Funktionsverbgefügen zugeordnet wurden (s. Kap. 2.1). Die Untersuchung der generierten Funktionsverbgefüge auf ihre Leistungen im Textzusammenhang wird auf der Datengrundlage von polnischen und deutschen Artikeln aus den Wikipedia-Korpora des IDS durchgeführt. Methodisch geleitet wird die vorliegende Arbeit vom korpusbasierten, quantitativ-qualitativen Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015). Unter Anwendung des traditionellen Substitutionstests mit dem Basisverb werden die Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang sichtbar gemacht.

In Kapitel 3 wird auf Basis der Forschungsliteratur für die quantitative und qualitative Analyse der Treffer(kon)texte ein mehrdimensionales, textgrammatisches und -semantisches Kategoriensystem entwickelt. Ausgehend vom Deutschen übertrage ich die Annahmen in der Analyse der Daten auf das Polnische. Die textuellen Analyseebenen beziehen sich auf Erweiterungen, Valenz, Position und die Referenz der Funktionsverbgefüge, für die weitere Subklassifizierungen im Zusammenhang mit der Ebene des Textes vorgestellt werden.

In Kapitel 4 werden die quantitativen Ergebnisse zur Korpusuntersuchung vorgestellt. Ich gehe dabei auf die Bereinigung der Treffer sowie die einzelnen textgrammatischen und -semantischen Analyseebenen der Funktionsverbgefüge-Paare ein. Hierbei werden anhand von empirischen Ergebnissen kommunikative Leistungen von Funktionsverbgefügen überprüft. Im qualitativen Ergebnisteil der vorliegenden Arbeit werden die Funktionsverbgefüge unter Anwendung des Substitutionstests auf ihre Leistungen im Textzusammenhang untersucht, nämlich auf die Anreicherung, Verdichtung, Perspektivierung, Gewichtung und Wiederaufnahme von Informationen im Text.

Im fünften und letzen Kapitel der Arbeit werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst, diskutiert sowie Schlussfolgerungen sowohl für die linguistische Forschung an Funktionsverbgefügen als auch die didaktische und schulpraktische Aufarbeitung der Gefüge abgeleitet. Die Erkenntnisse werden in den gegenwärtigen Forschungskontext gesetzt. Die vorliegende Arbeit ist relevant für die empirische Auseinandersetzung mit Funktionsverbgefügen in der Polonistik, der kontrastiven Linguistik, für die Textlinguistik und für DaF-Verlage. Die Arbeit richtet sich an Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Studierende dieser Bereiche, als auch an Stilkritiker*innen und auch Software-Entwickler*innen im texttechnologischen Bereich, da sich wiederholende Forderungen aus Schreib- und Stilratgebern in modernen Tools zur automatischen Analyse und Korrektur von Texten wiederfinden (s. Kap. 1.2.1).

1.1. Untersuchungsgegenstand und Terminologie

Den Gegenstand der Untersuchung bilden in der vorliegenden Arbeit die Konstruktionen Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie ihre Äquivalente im Polnischen. Die Konstruktionen bestehen aus einem verbalen – stellen, geben, treffen – und einem nominalen Element – Frage, Antwort, Entscheidung – und bilden gemeinsam eine semantische Einheit, die mit einem korrespondierenden Basisverb zusammengefasst werden kann, wie fragen, antworten und entscheiden (vgl. Kamber 2008; Heine 2006: 49, Hermann 2019). Derartige Verbindungen aus einem Nomen und einem Verb – häufig als Funktionsverbgefüge bezeichnet (Kamber 2008) – zu definieren, gestaltet sich insgesamt jedoch problematisch und ist Ágel (2017: 315) zufolge „eine der undankbarsten grammatischen Aufgaben“. Der Gegenstand müsste nach Ágel (2017: 315) einerseits von angrenzenden Disziplinen, wie der Phraseologie- und Kollokationsforschung, abgegrenzt werden. Und andererseits ergeben sich durch die Abgrenzungsproblematik unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Konstruktionen zum Untersuchungsgegenstand Funktionsverbgefüge gerechnet werden können und welche nicht. Denn es existieren verschiedene Typen von Gefügen, die sich nicht nur semantisch, morphologisch und (morpho)syntaktisch, sondern auch pragmatisch voneinander unterscheiden (vgl. Helbig/Buscha 2011: 83ff.).

Semantische Besonderheiten weisen beispielsweise Nomen-Verb-Verbindungen, wie in Kontakt kommen und in Gang bringen, auf, denn in Kontakt kommen im Sinne von ‚jemand kommt mit etwas in Kontakt‘ unterscheidet sich von kontaktieren durch den Ausdruck von Passivität (vgl. Eroms 2000: 168f.) und in Gang bringen von gehen durch die Anzeige von Kausativität (vgl. Helbig/Buscha 2011: 84) im Sinne von ‚jemand bewirkt, dass etwas in Gang gebracht wird‘. In anderen Gefügen, wie z.B. Antwort geben oder Entscheidung treffen, ist der Ausdruck von Passivität oder Kausativität in Gegenüberstellung mit den Basisverben antworten und entscheiden nicht zu verzeichnen (vgl. Hoffmann 2017: 225; Heringer 2014: 115; Storrer 2013: 198). Morphologische Unterschiede zu Nomen-Verb-Verbindungen, wie in Kontakt kommen und Entscheidung treffen, finden sich in Gefügen, wie Angst haben und Dienst leisten: Denn Angst haben steht nicht mit einem Verb in einem Ableitungsverhältnis, wie bei Kontakt – kontaktieren und Entscheidung – entscheiden, sondern mit einem Adjektiv (vgl. Welke 2007: 219; Helbig 1979: 274; Kamber 2008: 22), d.h. Angst steht mit ängstlich in Relation, und außer Kraft setzen weist kein korrespondierendes Basisverb auf (vgl. Helbig/Buscha 2011: 70ff.), vgl. *kraften. Morphosyntaktisch können die Gefüge aus einem Verb und einer Nominalphrase bestehen, wie z.B. Arbeit und Hilfe leisten, oder aus einem Verb und einer Präpositionalphrase, wie z.B. zum Staunen oder Laufen bringen (vgl. Helbig/Buscha 2011: 68; Hinderdael 1985; Heidolph et al. 1984: 440). Zudem weisen einige Nomen der Gefüge die Fähigkeit zur freien Artikelwahl und zur Pluralbildung sowie die Möglichkeit zur Attribuierung auf, andere dagegen nicht (vgl. Helbig/Buscha 2011: 89f.; Heidolph et al. 1984: 441f.), vgl. z.B. die richtigen Entscheidungen treffen vs. *in die richtigen Fahrten kommen.

Engelen (1968) beispielsweise zählt nur präpositionale Verbindungen, wie zur Entscheidung kommen oder in Vergessenheit geraten, zum Gegenstandsbereich der Funktionsverbgefüge. Dagegen finden sich bei von Polenz (1963), Daniels (1963), Schmidt (1968) und Popadić (1971) sowohl präpositionale Gefüge als auch akkusativische, wie in Ordnung und zur Aufführung bringen oder Entscheidung treffen und Antwort geben. Welke (2007: 219), Helbig (1979: 274) und Kamber (2008: 22) rechnen zu Nomen-Verb-Verbindungen sowohl Verbalsubstantive, wie in Fahrt kommen von fahren, als auch Adjektivableitungen, wie in Gefahr sein von gefährlich. Die Definitionsproblematik ist jedoch nicht nur der Grund für die unterschiedlichen Ein- und Abgrenzungskriterien der Gefüge, sondern auch für die terminologische Vielfalt in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand:

 Funktionsverbformel (von Polenz 1963)

 Nominale Umschreibung (Daniels 1963)

 Streckform (Schmidt 1968)

 Funktionsverbgefüge (Engelen 1968, Herrlitz 1973, Persson 1975, Helbig 1979/1984, von Polenz 1987, Gautier 1998, Pottelberge 2001, Heringer 1988, Seifert 2004, Heine 2006, Storrer 2006a, Storrer 2006b, Storrer 2013, Kamber 2008, Zifonun et al. 1997, Burger 2015, grammis 2019: Elementare Prädikate1, Ágel 2017, Taborek 2018)

 Funktionsverbfügung (Heringer 1968, Bahr 1977)

 Analytische Verbalverbindung (Popadić 1971)

 Nominalisierungsverbgefüge (von Polenz 1987, Storrer 2006a, Storrer 2006b, Zifonun et al. 1997, grammis 2019: Elementare Prädikate2, Ágel 2017)

 Verbonominale Konstruktionen (Pottelberge 2001)

 Streckverbindungen (Heringer 1988)

 Streckverbgefüge (Storrer 2006b, Storrer 2013)

 Verbale Phraseme und singuläre Kollokation (Burger 2015)

 Kollokativgefüge (Ágel 2017)

Nach der Einteilung der Autoren und Autorinnen handelt es sich bei den in der vorliegenden Arbeit untersuchten Gefügen Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen (s. Kap. 2.1) nach Storrer (2006b, 2013, Taborek 2018) um Streckverbgefüge, nach Heringer (1988) um Streckverbindungen, nach Zifonun et al. (1999) um Nominalisierungsverbgefüge, nach Ágel (2017) um Kollokativgefüge und nach Kamber (2008) um Funktionsverbgefüge im weiteren Sinn. Die verschiedenen Termini können sich dabei auf den gesamten Gegenstandsbereich beziehen oder sie fokussieren einen bestimmten Subtyp der Nomen-Verb-Verbindungen.

Trotz der verschiedenen Herangehensweisen der Autoren und Autorinnen haben sich v.a. drei Definitionsansätze durchgesetzt: Erstens bezieht sich der Terminus ‚Funktionsverbgefüge‘ als Oberbegriff auf verschiedene Nomen-Verb-Verbindungen (vgl. z.B. Gautier 1998, Helbig/Buscha 2001/2011, Seifert 2004, Heine 2006, Kamber 2008), d.h. sowohl in Gang kommen, in Kontakt treten, in Frage stellen und in Kauf nehmen als auch Frage stellen, Schaden nehmen und Anwendung finden werden als Funktionsverbgefüge bezeichnet, auch wenn sie sich syntaktisch, semantisch und funktional voneinander unterscheiden (Abbildung 1). Zweitens wird in Anlehnung an von Polenz (1987) sowohl der Terminus ‚Nominalisierungsverbgefüge‘ als auch ‚Funktionsverbgefüge‘ verwendet (vgl. von Polenz 1987, Zifonun et al. 1997, Storrer 2006a, grammis 2018: Elementare Prädikate3, Ágel 2017). Als ‚Funktionsverbgefüge‘ werden lediglich die Konstruktionen bezeichnet, die sich durch den Ausdruck einer bestimmten Aktionsart vom entsprechenden Verb unterscheiden – Kontakt halten unterscheidet sich von kontaktieren durch den Ausdruck von Durativität (Abbildung 2). Mit ‚Nominalisierungsverbgefüge‘ werden dagegen verschiedene Nomen-Verb-Verbindungen als Oberbegriff zusammengefasst, also z.B. Antwort geben oder in Wegfall kommen. Drittens wird diese Unterscheidung mit ‚Nominalisierungsverbgefügen‘ als Oberbegriff und ‚Funktionsverbgefügen‘ als Terminus für einen bestimmten Subtyp durch einen weiteren Subtyp ergänzt: Funktionsverbgefügen, wie in Gang bringen oder in Wegfall kommen, werden Streckverbgefüge, wie Frage stellen oder Entscheidung treffen, gegenübergestellt (vgl. Storrer 2006b, 2013; Taborek 2018; Abbildung 3).4

Abbildung 1:

‚Funktionsverbgefüge‘ als Oberbegriff für Nomen-Verb-Verbindungen

Abbildung 2:

‚Funktionsverbgefüge‘ als Teilmenge von Nominalisierungsverbgefügen

Abbildung 3:

‚Funktionsverbgefüge‘ und Streckverbgefüge als Subtypen von Nominalisierungsverbgefügen

Die Gegenüberstellung von Gefügen, wie in Gang bringen oder in Wegfall kommen, einerseits und Nomen-Verb-Verbindungen, wie Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen, andererseits (Abbildung 3) basiert v.a. auf morphosyntaktischen und semantischen Unterschieden in Bezug auf den Grad der Festigkeit und Lexikalisierung des jeweiligen Konstruktionstyps, der sich beispielsweise a) in der Attribuierungsfähigkeit, b) der freien Artikelwahl, c) der Möglichkeit zur Pluralbildung und d) der Referenzfähigkeit der Gefüge manifestiert (vgl. Heidolph et al. 1984: 441f.; Helbig/Buscha 2011: 87ff.; s. Kap. 3; 4.2.1):5

a) Attribuierung


Gruppe 1 Gruppe 2
*in guten Gang bringen *in richtigen Wegfall kommen ?in schneller Bewegung bleiben gute Fragen stellen die richtigen Antworten geben wichtige Entscheidungen treffen

b) Artikelwahl


Gruppe 1 Gruppe 2
?in einen/den/keinen Gang bringen *in einen/den/keinen Wegfall kommen ?in einer/der/keiner Bewegung bleiben eine/die/keine Frage stellen eine/die/keine Antwort geben eine/die/keine Entscheidung treffen

c) Pluralbildung


Gruppe 1 Gruppe 2
*in (die/viele) Gänge bringen *in (die/einige) Wegfälle kommen *in (den/zahlreiche) Bewegungen bleiben (viele) Fragen stellen (einige) Antwort(en) geben (zahlreiche) Entscheidungen treffen

d) Referenzfähigkeit


Gruppe 1 Gruppe 2
*Das Auto wurde in Gang gebracht. Er/Der Gang… *Vergünstigungen kommen in Wegfall. Er/Der Wegfall… ?Man sollte immer in Bewegung bleiben. Sie/Die Bewegung… Die Fragen wurden erneut gestellt. Sie/Die Fragen… Er hat ihm Antworten gegeben. Sie/Die Antworten… Die Entscheidungen wurden getroffen. Sie…

Die Gefüge der Gruppe 1 (in Gang bringen) drücken eine Aktionsart aus und verhalten sich syntaktisch wie Phraseologismen im engeren Sinn (vgl. Burger 2015: 57/161; Helbig/Buscha 2011: 69f.), d.h. die Gestalt der Konstruktionen ist in Bezug auf die Möglichkeit zur Attribuierung, Artikelwahl und Pluralbildung festgelegt und die Konstruktionen sind nicht referenzfähig.6 Die Verbindungen aus Gruppe 2 weisen eine starke Bedeutungsähnlichkeit zum Basisverb auf (vgl. grammis online 2018:7 Nominalisierungsverbgefüge; Hoffmann 2017: 225; Heringer 2014: 115) und verhalten sich im Satz wie freie Wortverbindungen aus Nomen und Verben (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006b: 286), d.h. sie sind attribuierbar, der Artikel ist frei wählbar, Pluralbildung ist möglich und die Nomen der Gefüge sind referenzfähig – sie können also je nach kontextuellen Gegebenheiten und Erfordernissen verändert und angepasst werden.

Durch die obigen Beispiele zu in Bewegung bleiben und der Bedeutungsveränderung in in einer/der Bewegung bleiben von unspezifischer zu spezifischer Lesart und der dadurch möglichen Referenzfähigkeit wird deutlich, dass auch Konstruktionen der Gruppe 1 einen geringeren Grad an Festigkeit und Lexikalisierung aufweisen können, d.h. auch Gefüge der Gruppe 1 – Funktionsverbgefüge im engeren Sinn – , können mehr oder weniger fest und lexikalisiert sein. Ich schlage deswegen eine skalare Betrachtungsweise der verschiedenen Konstruktionstypen nach ihrem Festigkeits- und Lexikalisierungsgrad vor, von links nach rechts mit absteigendem Grad:

Abbildung 4:

Mehrworteinheiten nach Grad der Festigkeit und Lexikalisierung

Den linken Endpunkt der Skala in Abbildung 4 bilden Phraseologismen, die sich durch ihre übertragene Bedeutung von Funktionsverbgefügen unterscheiden (vgl. Tao 1997: 26f.; Helbig/Buscha 2011: 69f./85), sie teilen aber mit einigen Gefügen Eigenschaften: In grün hinter den Ohren sein und in Gang bringen ist beispielsweise die Artikelwahl und die Möglichkeit zur Pluralbildung festgelegt und die Nomen sind nicht referentiell zu verstehen (vgl. Burger 2015: 17f.;/19ff.; Basarić/Petrič 2015: 183), vgl. ?in die Gänge bringen. Die Gänge… und ?grün hinter dem Ohr sein. Das Ohr… .8

Abstufungen finden sich z.B. in der Attribuierung von in schnelle Vergessenheit geraten oder große Anstrengungen unternehmen. Rechts in der Skala stehen Konstruktionen mit einem niedrigen Grad an Festigkeit und Lexikalisierung. Den rechten Endpunkt bilden Kollokationen (vgl. Burger 2015: 38), wie Zähne putzen, die sich von Funktionsverbgefügen dadurch unterscheiden, dass es sich bei den Lexemen Zähne und putzen im Saussure’schen Zeichenbegriff um mehrere Signifikate und Signifikanten handelt (vgl. Saussure 1967), die nicht mit einem bedeutungsverwandten Lexem in Relation stehen, wie z.B. *zähnen im Sinne von ‚Zähne putzen‘. Dagegen korrespondieren Frage stellen, Anstrengungen unternehmen und in Vergessenheit geraten beispielsweise mit fragen, sich anstrengen und vergessen (vgl. Helbig/Buscha 2011: 69; Tao 1997: 12ff.).

Wie ich im Ergebnisteil der vorliegenden Arbeit zeigen werde, können weniger lexikalisierte und feste Gefüge, wie Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen verschiedene Verknüpfungsrelationen im Text herstellen, wie z.B. die Wiederaufnahme von oder den Verweis auf vorerwähnte oder nachstehende Informationen im Text: Sie haben die Frage gestellt, sie wurde aber nicht beantwortet (s. Burger 2015: 161; Gautier 1998). Es wäre jedoch denkbar, dass auch die linkspositionierten und festeren Gefüge, bestimmte Leistungen im Textzusammenhang entfalten können, wie z.B. in:

1 Die Maschine wurde in Gang gebracht – das In-Gang-bringen hat lange gedauert;

2 Die Opfer sind in Vergessenheit geraten – das Vergessen schreitet schnell voran;

3 Sie sind miteinander in Kontakt getreten – Der Kontakt hielt lange an.

In (1) bezieht sich das In-Gang-bringen rückwärtsgewandt auf in Gang bringen, das Vergessen auf Vergessenheit in (2) und Kontakt auf das Nomen des Gefüges in Kontakt kommen in (3). Da sich die Gefüge durch eine starke Heterogenität auszeichnen, ist die in Abbildung 4 präsentierte skalare Betrachtungsweise von unterschiedlichen Typen von Funktionsverbgefügen in Bezug auf ihren Grad der Lexikalisierung und Festigkeit nicht in regelmäßigen Abstufungen aufzufassen, sondern vielmehr mit sich kreuzenden Merkmalen, wie z.B. der Möglichkeit zur Attribuierung von bspw. große Anstrengungen unternehmen oder in lange Vergessenheit geraten trotz ungrammatischer Singular- bzw. Pluralform bspw. in *eine Anstrengung unternehmen oder *in Vergessenheiten geraten. Und weil sich textuelle Leistungen womöglich gar nicht nur auf einen spezifischen Typus von Nomen-Verb-Verbindungen beziehen können, sondern auch auf andere Arten von Gefügen, wähle ich für die Zwecke der Untersuchung von Nomen-Verb-Verbindungen auf ihre Leistungen im Textzusammenhang die weite Definition nach Kamber (2008: 22ff.; s. Abbildung 1).

Im Folgenden bezeichne ich die Gefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen als Funktionsverbgefüge, die sich aus den Funktionsverben stellen, geben und treffen und den nominalen Komponenten Frage, Antwort und Entscheidung zusammensetzen. Analog zu ‚Funktionsverb‘ verwende ich den Terminus ‚Funktionsnomen‘ (Wotjak/Heine 2007, Basarić/Petrič 2015). Der semantisch-funktionale Vergleich von Funktionsverbgefügen und ihren Basisverben bildet die Basis für verschiedene Forschungsarbeiten und Positionierungen sowohl von Laien als auch Expert*innen, die im folgenden Abschnitt vorgestellt werden.

1.2. Positionierungen zu Funktionsverbgefügen

Zu Funktionsverbgefügen existieren verschiedene Positionen, die in diesem Kapitel vorgestellt werden. Da die vorliegende Arbeit textuelle Leistungen von Funktionsverbgefügen fokussiert, sind für diesen Beitrag v.a. die Auffassungen in Schreibratgebern, in Lehrwerken für den DaF-Unterricht sowie in der linguistischen Forschungsliteratur zu Leistungen von Funktionsverbgefügen relevant. Seit über einem Jahrhundert stehen Funktionsverbgefüge in Schreibratgebern in negativer Kritik: Die Gefüge würden den Text unnötig verlängern, sie klingen unschön und sollen vermieden werden. Trotz entsprechender Antworten auf die Kritik der Ratgeber seitens der Linguistik, finden derartige Ratschläge zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen mit der Digitalisierung Einzug ins WWW, z.B. in Form von Schreibblogs und modernen Textanalysetools, die in Abschnitt 1.2.1 gezeigt werden. Da im DaF-Unterricht auch Fertigkeiten der Textproduktion eingeübt werden, wird Abschnitt 1.2.2 von der Frage geleitet, ob bzw. inwiefern Funktionsverbgefüge im Unterricht für Deutsch als Fremdsprache behandelt werden. Abschnitt 1.2.3 handelt von wesentlichen Untersuchungsergebnissen zum Gegenstand Funktionsverbgefüge aus 60 Jahren Forschung.

2.1. 1. Wie sich Stilratgeber Funktionsverbgefügen gegenüber positionieren

Die Stilistik blickt auf eine jahrzehntelange Tradition der Abwertung von Funktionsverbgefügen in Stil- und Schreibratgebern zurück. Bereits 1963 fassen Daniels und von Polenz abwertende Bezeichnungen aus verschiedenen Stilratgebern – darunter Wustmann (1891), Engel (1931) und Reiners (1945) – zusammen, wie z.B. aufgeblähte Wendungen, Sprachbeulen, Verbsurrogate, unechte Zeitwörter, Zeitwortattrappen, Abklatschwörter und schwülstige Umschreibungen – wer Funktionsverbgefüge verwendet, der leide zudem an einer Dingwortseuche oder Verbaphobie (Daniels 1963: 9f.; von Polenz 1963: 11; s.a. Wustmann 1891: 416). Trotz zahlreicher linguistischer Publikationen zu Funktionsverbgefügen, in denen Linguisten und Linguistinnen der Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen seit den Arbeiten von Kolb (1963), v. Polenz (1963) und Daniels (1963) mit Untersuchungsergebnissen entgegnen – Funktionsverbgefüge zeichnen sich durch semantische, syntaktische und kommunikative Funktionen aus (u.a. Schmidt 1968, Klein 1968, von Polenz 1987, Heine 2006, Storrer 2013; s. Kap. 1.2.3) –, wird die Abwertungstradition in der Ratgeberliteratur bis in die Gegenwart weitergeführt:

Die einfachste Spielart der Hauptwörterkrankheit sind die Streckverben. Jedes Verbum kann man auseinanderstrecken, indem man das Verbum in ein Hauptwort verwandelt und ein farbloses Zeitwort hinzufügt. […] Namentlich Menschen, die von Natur Langweiler und Kanzleiräte sind, neigen zu dieser Form der Hauptwörterei. Sie sind zu faul, um zu besprechen, zu prüfen und zu entscheiden. Sie treten in Erwägungen ein, sie nehmen die Sache in Bearbeitung, sie stellen etwas unter Beweis […] und fällen schließlich – so Gott will – eine Entscheidung. Meiden Sie die Streckverben! (Reiners 2009: 72)

In der 37. Auflage von Reiners Stilfibel (2009) wird nicht nur weiterhin für das Vermeiden von Streckverbgefügen plädiert, es zeigt sich darüber hinaus, dass sich die Forderung Reiners „Meiden Sie die Streckverben“ auch in anderen Ratgebern, wie z.B. bei Mackowiak (2011) und List (2013), wiederfindet:

Funktionsverbgefüge (veraltet auch Streckformen) nennt man diese Ausdrücke. Sie machen einen Text etwas weniger verständlich, weil sie vom Leser verlangen, erst einmal die Beziehung zwischen dem Verb und dem Substantiv nachzuvollziehen: Wen stelle ich an? Überlegungen. Das wäre beim einfachen Verb überlegen gar nicht nötig. Hier wird nur aufgebläht. (Mackowiak 2011: 72)

Mehr Verben, weniger Substantive: Handlungen werden durch Verben wiedergegeben. Verben sind frisch, farbig, lebendig und anschaulich. Sätze mit vielen Hauptwörtern sind ermüdend. […] Diese Verben nennt man Streckverben: in Erwägung ziehen erwägen, Verzicht leisten verzichten […] Bei diesen Verben können wir Zeit sparen, wenn wir die Vorsilbe weglassen, denn sie ist überflüssig. (List 2013: 12)

Reiners (2009), Mackowiak (2011) und List (2013) zufolge machen Funktionsverbgefüge Texte weniger verständlich, werden nur von Langweilern und Kanzleiräten gebraucht und sollen vermieden werden. Die Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen schlägt sich gegenwärtig jedoch nicht nur in Schreibratgebern in Printform nieder, sondern sie breitet sich nun auch im Internet aus: Auf Schreibblogs, Webseiten von Universitäten und in modernen Textanalysetools finden sich Ratschläge zur Vermeidung von Nomen-Verb-Verbindungen beim Verfassen von Texten, vgl. das folgende Beispiel aus der Zeit online:

Abbildung 5:

Zeit online – deutsche Stilkunde

So schreibt die Zeit online unter dem Titel „Die Krone der Hässlichkeit“, Funktionsverbgefüge gehörten zum „Bürokratenjargon“ und werden als „schwer verständliches abstoßendes Deutsch“ abgetan – anzeigen sei anstelle von zur Anzeige bringen „sowieso das bessere Deutsch“ (Zeit online: Lektion 12 – Sätze und Nominalstil1; Abbildung 5). Die Schreibblogs „Textwende“ und „Die Brief-Profis“ vergleichen Funktionsverbgefüge mit mittelalterlicher Folter: „Im Mittelalter wurden Menschen unter Schmerzen auf der Streckbank in die Länge gezogen. Heute werden nur noch Verben gewalttätig verlängert“ (Abbildung 6) und „Streckverb klingt so nach Folter“ (Abbildung 7). Verdeutlicht wird dieses Sinnbild durch die Illustration in Abbildung 6, in der eine Figur in die Länge gezogen wird und um Hilfe ruft. Begleitet werden derartige Äußerungen von dem Ratschlag, Funktionsverbgefüge, wie z.B. eine Änderung vornehmen oder eine Feststellung machen, durch Verben, wie ändern oder feststellen, zu ersetzen:

Abbildung 6:

Textwende – Schreibtipps: Besser schreiben mit Verben2

Abbildung 7:

Die Brief-Profis – Behördendeutsch in verständliche Sprache umwandeln3

Wie bei Reiners (2009), Mackowiak (2011) und List (2011) werden Funktionsverbgefüge auf Schreibblogs im Internet als Behördendeutsch abgetan und sind „kraftlos und abstrakt“ (Textwende: Schreibtipps4). Durch die Substitution der Gefüge mit den entsprechenden Basisverben sollen die Texte wieder in „verständliche Sprache“ (Die Brief-Profis: Behördendeutsch) übersetzt werden, wodurch impliziert wird, dass Texte mit Funktionsverbgefügen weniger oder nicht verständlich sind.

Zudem ist zu beobachten, dass die Ratschläge zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen auch in den universitären Bereich dringen, denn verschiedene Universitäten raten ihren Studierenden zum Verfassen von Abschlussarbeiten, auf Funktionsverbgefüge zu verzichten und sie mit dem Basisverb zu ersetzen, vgl. die folgenden Abbildungen:

Abbildung 8:

TU Braunschweig – Gestaltungsrichtlinien für wissenschaftliche Ausarbeitungen des Instituts für Bauwirtschaft und Baubetrieb5

Abbildung 9:

TU Chemnitz – Workshop zu wissenschaftlichem Arbeiten und Schreiben6

In den Gestaltungsrichtlinien für wissenschaftliche Ausarbeitungen des Instituts für Bauwirtschaft und Baubetrieb der TU Braunschweig (Abbildung 8) sowie in einem Workshop zu wissenschaftlichem Schreiben der TU Chemnitz (Abbildung 9) findet sich der Ratschlag verankert, Funktionsverbgefüge, wie unter Beweis stellen und eine Analyse durchführen, mit Basisverben, wie beweisen und analysieren, zu ersetzen. Funktionsverbgefüge sollen als Sprachmüll vermieden werden. Interessant ist, dass es sich bei der TU Braunschweig und der TU Chemnitz um technische Universitäten handelt, die Funktionsverbgefüge für wissenschaftliche Ausarbeitungen vermeiden wollen, denn Untersuchungen zu Funktionsverbgefügen hinsichtlich ihrer Textsortenspezifik zeigen, dass Funktionsverbgefüge häufig in technischen und wissenschaftlichen Texten verwendet werden (vgl. Vigašová 1968, Richter 1988) und werden als geradezu typisch für diese Textsorten gehandhabt. Der Grund dafür wird in den Leistungen von Funktionsverbgefügen zur Terminologiebildung gesehen, denn z.B. Transportarbeit bzw. gute Vorarbeit leisten oder Sicherheitsmaßnahmen treffen (Popadić 1971: 56/57) haben eine fachspezifische Bedeutung, die mit einem einfachen Verb nicht ausgedrückt werden kann (vgl. Popadić 1971: 56; s. Kap. 1.2.3). Deswegen ist es verwunderlich, dass gerade technische Universitäten in Workshops und Richtlinien zu gutem wissenschaftlichem Stil davon abraten, Funktionsverbgefüge zu verwenden.

Auffällig ist an der Kritik aus dem Internet, dass sich der Wortlaut der frühen Stilkunde wiederholt, vgl. z.B. aufgeblähte Wendungen (zitiert nach Daniels 1963: 9) oder Blähverben (List 2013: 12) mit „Gemeint sind Verben, die sich mit einem Substantiv aufblähen“ (Die Brief-Profis: Behördendeutsch7). Es entsteht der Eindruck, die Ratschläge der Autoren und Autorinnen lassen sich auf Wustmanns Stilkunde „Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen“ aus dem Jahre 1891 zurückführen, in der er den Verbsurrogaten ein Kapitel widmet und sie als „Schwulst“ bezeichnet (Wustmann 1891: 416ff.):

Abbildung 10:

Wustmann (1891: 417)

Auf Wustmann (1891) basierende Ratschläge zur Vermeidung von Nomen-Verb-Verbindungen finden sich aber nicht nur in der Ratgeberliteratur zum Verfassen von guten (wissenschaftlichen) Texten, sondern auch in modernen Online-Anwendungen zur automatischen Textprüfung, in die Ratschläge zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen eingespeist werden. Der Benutzer oder die Benutzerin gibt einen beliebigen Text in ein Textfenster des Analysetools im Internet ein und wird ggf. durch eine Warnung auf einen Fehler oder ein Problem im Text aufmerksam gemacht. Der Text soll anschließend entsprechend überarbeitet werden. Um dies zu demonstrieren, habe ich die konstruierten Sätze Dass ich heute eine Entscheidung treffen muss, steht fest und Dass sie heute eine Frage stellt, war klar in die Online-Anwendungen „Textanalysetool“ und „Wortliga“ zur Überprüfung eingegeben.

Abbildung 11:

Entscheidung treffen im „Textanalysetool"8

Abbildung 12:

Frage stellen im Textanalysetool "Wortliga"9 (Hervorhebung S.K.)

Die eingegebenen Sätze Dass ich heute eine Entscheidung treffen muss, steht fest und Dass sie heute eine Frage stellt, war klar werden von beiden Programmen als einfach eingestuft (s. rechte Seite in Abbildung 11 und Abbildung 12). Interessant sind dabei die Fehlermeldungen der Softwaresysteme, denn beide Programme stufen die Funktionsnomen Entscheidung und Frage als problematisch ein und fordern die Benutzer*innen zur Vermeidung des Nominalstils bzw. zur Suche nach Synonymen auf (s. rechte Seite in Abbildung 11 und Abbildung 12), obwohl die Nomen Entscheidung und Frage als Grundwortschatz des Deutschen eingestuft werden können (vgl. Klein 2013: 41). Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Wustmanns Sprachkritik aus dem Jahre 1891 auch in Online-Softwaresystemen zur automatischen Textprüfung im Internet des 21. Jahrhunderts Anwendung findet.

Die abwertenden Kommentare zu Funktionsverbgefügen in Stilkunden des 19. und 20. Jahrhunderts finden sich in gegenwärtigen Schreibratgebern on- und offline wieder. Betroffen sind im Internet verschiedene Schreibblogs, Websites von Universitäten sowie automatische Korrekturhilfen im Internet: Die Konstruktionen seien hässlich, zu lang; sie würden den Text aufblähen und ihn weniger verständlich machen. Zusätzlich fordern die Ratgeber*innen dazu auf, Funktionsverbgefüge durch entsprechende Basisverben zu ersetzen, d.h. die Ratschläge beziehen sich auf die Ebene des Textes in Bezug auf Produktion und Rezeption. Weil das Produzieren und Rezipieren von Texten zu den Zielkompetenzen im Fremdsprachenunterricht gehören, werden im Folgenden Lehrwerke für den DaF-Unterricht auf die Thematisierung von Funktionsverbgefügen überprüft.

2.2. 1. Wie Funktionsverbgefüge in DaF-Lehrwerken behandelt werden

Im DaF-Unterricht sollen Lerner und Lernerinnen rezeptive wie produktive Fertigkeiten der Zielsprache Deutsch erlernen. Dazu gehören das Hör- und Leseverstehen sowie die Sprech- und Schreibkompetenz (vgl. Rössler 2012: 57; Funk et al. 2014: 84/108), d.h. sowohl die Textrezeption als auch -produktion sind als Zielkompetenzen der Lerner und Lernerinnen für den DaF-Unterricht zentral (Funk et al. 2014). Funktionsverbgefüge kommen in verschiedenen, auch alltagssprachlichen Textsorten mündlich wie schriftlich vor, z.B. in Zeitungstexten (Popadić 1973, Kamber 2008), Wikipedia-Artikeln (Storrer 2013), literarischer Prosa (Daniels 1963, Storrer 2013), aber auch in Musik-Texten und gesprochener Sprache (s. Kap. 1.2.3). Zudem sind Funktionsverbgefüge frequent (vgl. z.B. Kamber 2008, Storrer 2013; s. Kap. 2.1) – Frage stellen ist eines der häufigsten Gefüge (vgl. Kamber 2008, s. Kap. 2.1; 4.1) – und sie kommen, wie ich in Abschnitt 1.2.3 zeigen werde, in einer Vielzahl typologisch unterschiedlicher Sprachen vor. Frage stellen findet sich beispielsweise in romanischen, slawischen und germanischen Sprachen sowie im Türkischen (s. Kap. 1.2.3). Es könnte also hinsichtlich der Erstsprachen der Lerner*innen sinnvoll sein, besonders frequente Konstruktionen in Lehrwerke mit aufzunehmen und sie in Bezug auf ihre Form und Funktion zu thematisieren. Untersuchungen zu Mehrworteinheiten, wie Kollokationen, Phraseologismen und Funktionsverbgefüge, zeigen jedoch, dass sie in DaF-Lehrwerken nicht oder nur selten behandelt werden (Targońska 2018: 75; Ďurčo/Vajičková 2016: 125; Flinz i. Dr.: 12; Kamber 2008, Giacoma 2017). Giacoma (2017) bezeichnet Funktionsverbgefüge als „Schwarzfahrer der Didaktik“ und schreibt: „Wenn man Fremdsprachenlernen als eine Reise betrachtet, könnte man demzufolge denken, dass FVG heimlich und ohne gültige Fahrkarte mit den Lernenden mitfahren“ (Giacoma 20171). Dies muss zwar nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Konstruktionen dadurch überhaupt nicht erworben werden könnten (vgl. Pagonis/ Salomo 2014). Es scheint aber zumindest so, als würde kein besonderer Fokus auf Funktionsverbgefügen liegen, was sich mit der Analyse der folgenden DaF-Lehrwerke in Bezug auf die Thematisierung von Funktionsverbgefügen deckt: Radio D (2005), Berliner Platz 1 (2009), studio d (A1, Band 1 und 2, 2012), studio d – Die Mittelstufe (B1, 2013) und klipp und klar (B1, 2016). In nur zwei von fünf Lehrwerken werden Funktionsverbgefügen thematisiert, nämlich studio d – Die Mittelstufe (B1, 2013) und klipp und klar (B1, 2016).

Im Unterschied zu Radio D (2005), Berliner Platz 1 (2009), studio d (A1, Band 1 und 2, 2012) handelt es sich bei studio d – Die Mittelstufe (B1, 2013) und klipp und klar (B1, 2016) um Lehrwerke der Niveaustufe B1, d.h. Lehrwerke, die Funktionsverbgefüge nicht explizit thematisieren sind A1-Lehrwerke. Zur Niveaustufe A1 schreibt das Goethe-Institut:

Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen – z.B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen. (Goethe-Institut 2019: Niveaustufen2;Hervorhebung S.K.)

Die Thematisierung von Funktionsverbgefügen und anderen polylexikalischen Einheiten könnte demnach erst ab einer höheren Niveaustufe angesetzt sein. Wohl gemerkt, verwendet jedoch auch das Goethe-Institut bei der Beschreibung der Niveaustufe A1 die Funktionsverbgefüge Frage stellen und Antwort geben, die in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Zu vertraute[n], alltägliche[n] Ausdrücke[n] könnten also auch Gefüge wie Frage stellen und Antwort geben gehören (vgl. Klein 2013: 41), sodass eine Thematisierung von Funktionsverbgefügen bereits ab einer früheren Niveaustufe sinnvoll sein könnte (Ďurčo/Vajičková 2016: 125). Wie werden Funktionsverbgefüge also in den anderen beiden Lehrwerken behandelt?

In klipp und klar (B1, Fandrych et al. 2016) wird erklärt, was Funktionsverbgefüge sind, aus welchen Komponenten sie bestehen und welche semantischen Funktionen sie in Gegenüberstellung mit dem Basisverb übernehmen, wie z.B. die Markierung einer beginnenden Handlung durch in Gang bringen oder den Ausdruck von Ernsthaftigkeit durch Gespräch führen anstelle von sprechen (vgl. Fandrych et al. 2016: 130f.). Zudem werden die folgenden Aufgabentypen aufgeführt:

 ein Lückentext, in dem die passenden Funktionsverben ergänzt werden sollen,

 eine Zuordnungsübung, in der die Komponenten des Gefüges einander zugeordnet werden sollen,

 eine Ergänzungsaufgabe, in der eine Liste von Funktionsverbgefügen erstellt werden soll,

 und eine Interpretationsaufgabe, in der erklärt werden soll, was im präsentierten Satz betont wird (Abbildung 13).

Die verschiedenen Aufgabentypen sowie die theoretische Thematisierung von Funktionsverbgefügen im Grammatikteil von klipp und klar (B1, 2016: 130/131) lassen darauf schließen, dass Funktionsverbgefügen in diesem Lehrwerk ein höherer Stellenwert zugeschrieben wird als beispielsweise in studio d (B1, 2013), in dem – wie ich unten zeigen werde – lediglich weniger umfangreiche Aufgaben ohne weitere Erklärungen aufgeführt werden. In Bezug auf die Ebene des Textes erscheint in von klipp und klar (B1, 2016) die angesprochene Interpretationsaufgabe zu Funktionsverbgefügen relevant:

Abbildung 13:

Interpretationsaufgabe zu Funktionsverbgefügen in klipp und klar (Fandrych et al. 2016: 131)

Abbildung 13 zeigt eine Übung aus klipp und klar (B1, 2016), in der die Aufmerksamkeit der Lerner und Lernerinnen auf zusätzliche Bedeutungsaspekte im Zusammenhang mit Funktionsverbgefügen gelegt wird. Die zusätzlichen Bedeutungsaspekte der Gefüge beschränken sich laut der Übung aber nicht nur auf die Bedeutung der Gefüge im Vergleich mit den Basisverben, sondern sie hängen auch mit der Abfolge der Wörter im Satz zusammen. So kann zur Debatte in g) Die Eltern stellen dieses Problem noch einmal grundsätzlich zur Debatte und h) Zur Debatte steht seit Jahren auch die Zahl der verfügbaren Studienplätze durch die Stellung der Glieder im Satz unterschiedlich betont werden (Daniels 1963: 228f.; Wöllstein 2014: 39). Diese Übung stellt jedoch einen Einzelfall in den untersuchten Lehrwerken dar. Andere Übungen fokussieren Funktionsverbgefüge im Zusammenhang mit den entsprechenden Basisverben, die die Gefüge in Substitutionsaufgaben ersetzen sollen, vgl. die folgende Übung (Fandrych et al.: 131):

Abbildung 14:

Substitutionsübung zu Funktionsverbgefügen in klipp und klar (Fandrych et al. 2016: 131)

Abbildung 14 zeigt eine Übung aus dem DaF-Lehrwerk klipp und klar (Fandrych et al. 2016: 131), in der die in einem Text vorkommenden Funktionsverbgefüge durch die entsprechenden Verben ersetzt werden sollen. Trotz der Thematisierung von zusätzlichen Bedeutungsaspekten von Funktionsverbgefügen in klipp und klar soll der Text in der Substitutionsaufgabe paraphrasiert werden, was einen Widerspruch darstellt. Bereits im ersten Satz des zu paraphrasierenden Textes Viele Menschen bringen ihre Abneigung gegen Rauchen in der Öffentlichkeit deutlich zum Ausdruck geht durch die Paraphrase mit ausdrücken, also Viele Menschen drücken ihre Abneigung gegen Rauchen in der Öffentlichkeit deutlich aus, die durative bzw. iterative Lesart des Funktionsverbgefüges (vgl. Eroms 2000: 167, Helbig/Buscha 2011: 73) verloren. Die Paraphrase stellt folglich zwar keine echte Ausdrucksalternative dar (vgl. Kap. 4.2 Ergebnisse), soll aber trotzdem eingeübt werden, was aus (fremdsprachen-)didaktischer Perspektive kontraproduktiv erscheint. Zudem wirkt der Textauszug durch die hohe Dichte an Funktionsverbgefügen unauthentisch, geradezu so, als hätte man einen Text mit den entsprechenden Verben einfach umformuliert, und die Lerner und Lernerinnen sollen den Text wieder in die ursprüngliche Form bringen. Dies wäre aber genauso unangebracht, denn auch die mit den Funktionsverbgefügen korrespondierenden Basisverben (entscheiden – Entscheidung treffen) weisen wie auch die Gefüge ein spezifisches Kombinations- und Funktionspotenzial auf (vgl. Storrer 2006a: 176), d.h. sowohl durch die Substitution von Funktionsverbgefügen mit Basisverben als auch durch die Substitution von Basisverben mit Funktionsverbgefügen werden spezifische Ausdrucksmöglichkeiten der jeweiligen Konstruktion ignoriert, was neueren und gebrauchsbasierten Ansätzen für den Fremdsprachenunterricht nicht entspricht (vgl. Goldberg 1995, Tomasello 2003, Stoll 2008, Klages/Pagonis 2014).

Im Lehrwerk studio d (B1, Funk et al. 2013) werden Funktionsverbgefüge zwar auch thematisiert, im Vergleich zu klipp und klar (B1, Fandrych et al. 2016) jedoch nicht in gleicher Ausführlichkeit, denn in studio d sind keine Erklärungen zu Nomen-Verb-Verbindungen enthalten, d.h. auch keine Definitionen oder andere Hinweise zur Bedeutung und Funktion, vgl. die folgenden Übungen in Abbildung 15:

Abbildung 15:

Übungen zu Funktionsverbgefügen in studio d (B1, Funk et al. 2013: 75)

Abbildung 15 zeigt vier Übungen zu Funktionsverbgefügen aus dem DaF-Lehrwerk studio d (B1, Funk et al. 2013: 75). Es sollen zuerst Funktionsverben mit Funktionsnomen verknüpft werden, die danach entsprechenden Basisverben zugeordnet werden sollen. Mit dem Hinweis „Nomen-Verb-Verbindungen können ersetzt werden“ sollen in der nächsten Übung alle Funktionsverbgefüge im Text mit Basisverben ersetzt werden und im Anschluss daran soll diskutiert werden, welcher Text verständlicher und besser im Ausdruck ist (Funk et al. 2013: 75). Zwei von vier Aufgaben zielen in studio d auf die Substitution mit dem Basisverb; die vierte Aufgabe zur Diskussion in der Gruppe thematisiert die Verständlichkeit des Textes mit und ohne Funktionsverbgefüge. Der Grund für derartige Aufgaben mit dem Fokus auf die Substitution von Funktionsverbgefügen könnte sein, dass Funktionsverbgefüge seit über einem Jahrhundert in Schreibratgebern als schlechter und unverständlicher Stil abgetan werden (vgl. Wustmann 1891: 416ff.; Daniels 1963: 9f.; Reiners 2009: 72; Mackowiak 2011: 72; s. dazu ausführlich Kap. 1.2.1). Gefüge, wie Frage stellen und Entscheidung treffen, sollen den Ratgebern zufolge vermieden werden und mit einem Basisverb, wie fragen oder entscheiden, ersetzt werden (vgl. Reiners 2009: 72), was in Lehrwerken, wie studio d – Die Mittelstufe (B1, Funk et al. 2013) und klipp und klar (B1, Fandrych et al. 2016), zur Übung gemacht wird.

Die Analyse der Lehrwerke Radio D (2005), Berliner Platz 1 (2009), studio d (A1, Band 1 und 2, 2012), studio d – Die Mittelstufe (B1, 2013) und klipp und klar (B1, 2016) ergibt, dass Funktionsverbgefüge trotz ihrer Relevanz für den DaF-Unterricht durch ihr Vorkommen in verschiedenen Textsorten und Sprachen sowie ihre Frequenz nur in zwei von drei untersuchten DaF-Lehrwerken behandelt werden. Die ausführlichste Darstellung von Funktionsverbgefügen bietet das DaF-Lehrwerk klipp und klar (B1, 2016). Es ist das einzige der untersuchten Lehrwerke, das eine Übung mit dem Schwerpunkt auf semantischen Funktionen der Gefüge anbietet. Fokussiert werden in den Übungen die Zuordnung von Funktionsverben und -nomen sowie die Substitution mit einem einfachen Verb. Funktionsverbgefüge werden insgesamt also kaum im konkreten Sprachgebrauch thematisiert, was erstens als Hinweis für den Einfluss von Ratschlägen zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen aus der Ratgeberliteratur gewertet werden kann und zweitens auch neueren Ansätzen der Fremdsprachendidaktik nicht entspricht. Im nächsten Abschnitt werden Untersuchungsergebnisse aus 60 Jahren Forschung zu Funktionsverbgefügen zusammengefasst.

2.3. 1. Funktionsverbgefüge in der linguistischen Forschungsliteratur

Die germanistische Forschungsliteratur blickt gegenwärtig auf knapp sechzig Jahre Forschung zu Funktionsverbgefügen zurück, die anhand der Vorstellung verschiedener Forschungszweige zu Funktionsverbgefügen in Grundzügen vorgestellt werden soll.1 Trotz der unterschiedlichen Untersuchungsschwerpunkte haben die Forschungsarbeiten zu Funktionsverbgefügen den Bezug zur Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen gemeinsam (z.B. Daniels 1963, von Polenz 1963, Heringer 1968, Schmidt 1968, Storrer 2013), die in zahlreichen Stil- und Schreibratgebern wiederholt aufgegriffen wird: Funktionsverbgefüge gehören zu schlechtem Stil und sollen mit einfachen Verben ersetzt werden (vgl. Wustmann 1891: 416ff.; Reiners 1943–2009), weil sie „Texte weniger verständlich machen“ würden (Mackowiak 2011: 72; s. dazu ausführlich Kap. 1.2.1). Der Forschungszweig zu Funktionsverbgefügen in Verbindung mit dem Ausdruck von Aspekt und Aktionsart mit den frühen Arbeiten z.B. von Kolb (1963), v. Polenz (1963), Heringer (1968) und Klein (1968) legt jedoch offen, dass sich Funktionsverbgefüge von Basisverben unterscheiden:

Durch die Verbindung des punktuellen Grundverbums entscheiden mit einem Erstreckungsverbum wird der an sich momentane Vorgang des Entscheidens zeitlich zerdehnt. Zur Entscheidung bringen ist nicht dasselbe wie entscheiden, sondern bedeutet ‚einer Entscheidung zuführen, eine Entscheidung herbeiführen‘ oder ‚eine Entscheidung vorbereiten und treffen‘. (von Polenz 1963: 14; Hervorhebung im Original)

Die pauschale Verurteilung nominaler Fügungen ist nicht gerechtfertigt. Die grammatikalisierten Funktionsverbfügungen mit kommen und bringen werden vor allem dazu benutzt, um die Wertigkeit und die Aktionsart des Grundverbs zu verändern. (Heringer 1968: 121; Hervorhebung im Original)

Wegen der semantisch-aspektuellen Unterschiede zwischen den Konstruktionstypen können Funktionsverbgefüge nicht immer durch Basisverben ersetzt werden (von Polenz 1963: 14; Heringer 1968: 121) – wie in Stilratgebern gefordert wird. Im Anschluss an die Ergebnisse von v. Polenz (1963), Heringer (1968) und Klein (1968) werden Funktionsverbgefüge nach verschiedenen Aktionsarten systematisiert. Gefüge mit dem Ausdruck einer andauernden Handlung, also durativen Aktionsart, sind z.B. zur Verfügung stehen oder in Kontakt bleiben. Der Beginn einer Handlung, d.h. in inchoativer Aktionsart, kann durch Gefüge, wie in Gang kommen und in Kontakt treten, markiert werden (vgl. z.B. Klein 1968, Fabricius-Hansen 1975, Fink 1976, Bahr 1977, von Polenz 1994, Kang 2010; s. Kap. 1.1).

Ein weiterer Forschungszweig innerhalb der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen setzt sich mit der Problematik einer Definition des Untersuchungsgegenstandes Nomen-Verb-Verbindung auseinander (u.a. Dobrovol´skij 1979, Helbig 1979, Dyhr 1980, Lehmann 1983, von Polenz 1987, Elsayed 2000, van Pottelberge 2001, Wotjak/Heine 2005, Helbig 2006). Die Forschungsarbeiten thematisieren Funktionsverbgefüge in Bezug auf die Kriterien zur Eingrenzung des Gegenstandes und zur Abgrenzung von anderen angrenzenden linguistischen Disziplinen, wie der Phraseologie- und der Kollokationsforschung. Die Schwierigkeit der Definition von Funktionsverbgefügen liegt v.a. an der Vielzahl unterschiedlicher Konstruktionen, die sich sowohl funktional als auch formal voneinander unterscheiden (vgl. Tao 1997: 7ff./12ff.; Helbig/Buscha 2011: 83ff.; s. dazu auch Kap. 1.1). Ob eine Konstruktion zum Gegenstandsbereich der Funktionsverbgefüge gerechnet werden kann oder nicht, entscheidet sich mit der Wahl einer engeren oder weiteren Definition des Untersuchungsgegenstandes. Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit wird die weite Definition nach Kamber (2008) angewendet, in der unterschiedliche Typen von Nomen-Verb-Verbindungen zum Untersuchungsgegenstand gezählt werden (vgl. Kamber 2008: 22ff.; s. Kap. 1.1).

In Bezug auf die Bedeutung Funktionsverbgefügen, wie Frage stellen, Antwort geben oder Entscheidung treffen, in Gegenüberstellung mit ihren Basisverben, also fragen, antworten und entscheiden, finden sich in der Forschungsliteratur die folgenden Auffassungen:

Der Terminus „Streckformen“ ist stilistisch wertend gedacht. [Streckformen] […] sind Verbalphrasen, die nicht nur verbale Teile enthalten, aber an Stelle von einfachen Verben stehen. Zwar ist ihr Kern ein Verb, aber daneben enthalten sie noch verbale Teile in nominaler Form:


Wer kann [Hilfe leisten]? Wer soll [Auskunft geben]?
(Heringer 2014: 115; Hervorhebung S.K.)

„Funktionsverbgefüge“ (Streckformen), d.h. Konstruktionen aus Funktionsverb und (präpositional regiertem) Substantiv, die formal i.d.R. durch ein einfaches Verb ersetzbar sind, aber dann ihren amtlichen Charakter verlieren: […] ein Geständnis ablegen[…]. (Hoffmann 2017: 225; Hervorhebung S.K.)

Nominalisierungsverbgefüge unterscheiden sich semantisch von entsprechenden einfachen Prädikatsausdrücken in der Regel nicht hinsichtlich der Verifikationsregeln für die damit gebildeten Prädikate, sondern hinsichtlich ihrer pragmatisch-stilistischen Wirkungen: Für Nominalisierungsverbgefüge ist typisch der Gebrauch in akademischer, technischer, amtssprachlicher oder formal-öffentlicher Rede, wie schon v. Polenz 1987 festgestellt hat. Sie sind also im Wesentlichen pragmatisch bedingte Varianten der einfachen Ausdrücke. (grammis online 20192: Nominalisierungsverbgefüge; Hervorhebung S.K.)

Heringer (2014), Hoffmann (2017) und grammis (2019) zufolge werden Gefüge, wie Frage stellen und Entscheidung treffen, anstelle von einfachen Verben verwendet; sie können ersetzt werden, weil sie sich semantisch nicht von Basisverben, wie fragen und entscheiden, unterscheiden und lediglich Varianten der Verben darstellen.3 Die Unterschiede zwischen diesen Nomen-Verb-Verbindungen und Basisverb-Konstruktionen, wie z.B. in Sie stellt ihm eine Frage. vs. Sie fragt ihn etwas, seien v.a. auf stilistischer Ebene angesiedelt und eine Substitution des Gefüges mit dem Basisverb hätte lediglich den Verlust des „amtlichen Charakters“ zur Folge (vgl. Heringer 2014: 115; Hoffmann 2017: 22; grammis online 20184: Nominalisierungsverbgefüge). Dies spiegelt sich in den Auffassungen der Stil- und Schreibratgeber, die Gefüge, wie Frage stellen und Entscheidung treffen, seit Wustmann (1891: 416f.) stilistisch als schwülstiges Behördendeutsch und Behördenjargon abtun, denn „[n]amentlich Menschen, die von Natur Langweiler und Kanzleiräte sind, neigen zu dieser Form der Hauptwörterei“ (Reiners 2009: 72) und „[w]er so etwas schreibt, hat einen Stock verschluckt“ (Textwende: Besser schreiben mit Verben5).

Als Hinweis auf die angesprochenen stilistischen Unterschiede werden Studien zur Textsortenspezifik6 – ein weiterer Forschungszweig in der Forschung zu Nomen-Verb-Verbindungen – herangezogen, die zeigen, dass die Gefüge häufig in Textsorten mit offiziellem Sprachduktus und amtlichen Charakter vorkommen, wie z.B. in politischer Berichterstattung (Panzer 1986), technischer Fachsprache (Vigašová 1968), wissenschaftlichen Texten (Richter 1988), Texten aus Wirtschaft und Handel (Schaarschuh 1990, Marušić 2012) und in Gesetzestexten (Seifert 2004, Crestani 2013, Storrer 2013). Die Hypothese, dass Funktionsverbgefüge häufiger in Gesetzestexten vorkommen, konnte allerdings nicht bestätigt werden, denn

[d]er empirische Befund hat […] ergeben, daß die Gebrauchsfrequenz der FVG in Gesetzestexten a) nicht höher als in anderen fachsprachlich geprägten Textsorten und b) zumindest in der Gegenwart kein konstantes Merkmal ist. Offensichtlich handelt es sich bei der Auffassung, FVG seien besonders typisch für die Gesetzessprache, um ein Vorurteil. (Seifert 2004: 201f.)

Außerdem weist Pottelberge (2001) darauf hin, dass es unter Funktionsverbgefügen im weiteren Sinn sowohl Konstruktionen gibt, die einen elaborierten Sprachgebrauch kennzeichnen, wie z.B. eine Kalkulation vornehmen, als auch Gefüge, die stilistischer näher am Standard anzusiedeln sind (vgl. Pottelberge 2001: 249). Deswegen kommen Funktionsverbgefüge nicht nur in amtlichen und offiziellen Textsorten vor, sondern finden auch in einer Vielzahl anderer kommunikativer Gattungen7 Anwendung, wie z.B. Zeitungstexten (Schmidt 1968, Popadić 1971), literarischer Prosa (Storrer 2013), Wikipedia-Artikeln (Storrer 2013), in gesprochenen Texten (1) (vgl. Deppermann 2006: 45) oder in Rap-Texten (2)(3), vgl. folgende Beispiele:

1 was (.) äh äh herr kretschmann (.) ich würde gerne ihnen nachher auch noch ne ◄ frage stellen ► (.) hh ähm(ID: FOLK_E_00064_SE_01_T_05; Hervorhebung S.K.)

2 „Vermiss die Fam, die Gang, die StraßenRichter legen uns in Ketten, aus StacheldrahtKinder schlafen in Zellen wegen TatverdachtImmer Fragen stellen – LKA, zu abgefuckt, der verkackte Staat“(187 Straßenbande: Lieblingszahl, Album: Der Sampler 3; Hervorhebung S.K.)

3 „Du denkst du und deine Spinner-Clique kickt Raps und kommt gegen mich an? […]Ich rap weltklasse auch wenn ich dafür kein Geld fasseIch kick Rhymes die Chicks aufblühen und verwelken lassen“(Morlockk Dilemma, Leipzig steht in Flammen, Album: Egoshooter; Hervorhebung S.K.)

Weil Beispiel (1) aus den Stuttgart 21 Schlichtungsgesprächen (Folk-Korpus, IDS) – einem politischen und öffentlichen Diskurs zum Neubauprojekt des Stuttgarter Bahnhofs – stammt, könnte argumentiert werden, dass derartige Gespräche zwar mündlich vermittelt sind, sich aber durch den offiziellen und öffentlichen Rahmen der Veranstaltung durch als konzeptionell schriftlich klassifizieren lassen (vgl. Koch/Oesterreicher 1985: 17). Den nachstehenden Beispielen (2) und (3) aus den Musiktexten der Rapper der 187 Straßenbande und Morlock Dilemma kann jedoch durch Ausdrücke und Wendungen wie Fam (Familie), Gang, Chicks, abgefuckt und verkackter Staat kein amtlicher Sprachduktus attestiert werden. Wären Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, also stilistisch markiert, dann würden sie vermutlich nicht in Rap-Texten vorkommen, die sich durch einen provokativen und vulgären Sprachstil auszeichnen (vgl. Androutsopoulos 2003, Kabatnik 2014). Funktionsverbgefüge werden aber nicht nur im Rap verwendet, es können sich darüber hinaus auch neue und textsortenspezifische Gefüge, wie z.B. Raps oder Rhymes kicken für rappen oder rhymen (engl. ‚sprechsingen‘) entwickeln. Die Existenz von Funktionsverbgefügen lässt sich demnach nicht oder zumindest nicht allein mit amtlichem oder elaboriertem Stil von Funktionsverbgefügen (im weiteren Sinn) im Vergleich mit Basisverben begründen (vgl. Pottelberge 2001: 249f.).

Zudem sind Funktionsverbgefüge kein allein deutsches Phänomen und kommen in einer Vielzahl verschiedener Sprachen vor, z.B. im Englischen (z.B. Stevenson et al. 2004), Französischen (z.B. Cortès 1999), Japanischen (z.B. Ahn 1990), Niederländischen (z.B. Klimaszewska 1983) sowie in vielen slawischen Sprachen, wie dem Russischen (z.B. Abramov 1989) und Polnischen (z.B. Żmigrodzki 2000; Taborek 2018).8 Das Funktionsverbgefüge Frage stellen existiert beispielsweise in den folgenden Sprachen (Tabelle 1):


Sprache Funktionsverbgefüge Basisverb
Englisch to ask [sb.] a question to ask
Niederländisch de [o. een] vraag stellen Vragen
Französisch poser une question à qn questionner qn sur qc
Portugiesisch fazer uma pergunta (a alguém) Perguntar
Spanisch hacer [o plantear]una pregunta a alguien preguntar por
Italienisch porre una domanda domandare [oder chiedere] (qc) a qu
Latein proponere quaestionem Quaerere
Polnisch zadawać [perf. zadać] komuś pytanie pytać [perf. s oder za pytać]
Russisch зада́ть кому́-ли́бо вопро́с спроси́ть св.
Slowenisch postaviti komu vprašanje spraševati [perf. vprašati]
Bulgarisch задавам въпрос питам [o. попитвам]
Türkisch soru sormak sormak -e -i
Arabisch طرح سؤالاً سأل / يسأل
Chinesisch 对某人提个问题 向某人打听某事
Griechisch κάνω μια ερώτηση σε κάποιον Ρωτώ

Tabelle 1:

Frage stellen und fragen in 15 Sprachen (Pons-Online 2019)

Den Wörterbucheinträgen in Tabelle 1 ist zu entnehmen, dass das Funktionsverbgefüge Frage stellen in allen Sprachen jeweils ein eigenständiges Lemma bildet und es ist – zumindest für die Sprachen mit lateinischem Alphabet – abzulesen, dass die meisten Gefüge in einem Ableitungsverhältnis mit den Basisverben stehen, vgl. z.B. das Polnische zadawać/zadać pytanie vs. pytać oder das Türkische soru sormak vs. sormak -e -i. Eine Ausnahme bildet das Englische mit to ask a question vs. to ask. Zudem weisen diese 15 Sprachen durch ihre unterschiedliche Entstehung und Entwicklung auch starke typologische Varianz auf: das Türkische als agglutinierende, das Chinesische als isolierende Sprache und die flektierenden Sprachen, wie das Deutsche und das Polnische (vgl. Haarmann 1976, Moravcsik 2013). Trotz der sprachsystematischen Unterschiede haben die aufgeführten Sprachen gemeinsam, dass das Funktionsverbgefüge Frage stellen in ihrem Wortschatz vorkommt, sogar im Lateinischen.

Im Polnischen, der Vergleichssprache dieser Arbeit, existieren Funktionsverbgefüge im weiteren Sinn, wie z.B. Frage stellen – zadać/zadawać pytanie, aber auch Funktionsverbgefüge im engeren Sinn, wie in Gang bringen – auf Polnisch puścić coś w ruch ‚etwas in Gang bringen‘, was überraschend ist, weil es für in Gang bringen ja das Verb uruchomić ‚in Gang bringen‘ gibt, d.h. trotz des Ausdrucks von Kausativität durch das Verb uruchomić ‚in Gang bringen‘ existiert im Polnischen ein kausatives Funktionsverbgefüge, das mit dem Basisverb in Ableitungsrelation steht und ebenfalls Kausativität ausdrückt (vgl. Korytkowska 2004; Skibicki 2016: 288ff.). Würden die Funktionen von Funktionsverbgefügen also allein im Ausdruck von Aspekt und Aktionsart liegen, dann dürfte es im Polnischen dem Ökonomieprinzip der Sprache nach (Sivula 1989, Barz 1997) keine Funktionsverbgefüge geben. Und würden sich Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, nicht von Basisverben unterscheiden, würde dies bedeuten, dass sich typologisch unterschiedliche Sprachen semantische Dubletten leisten würden (vgl. s. Kap. 1.2.3). Warum existieren derartige Mehrwortlexeme in so vielen typologisch unterschiedlichen Sprachen, wenn es entsprechende Basisverben gibt?

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Forschungszweig wesentlich, der sich mit den Arbeiten von Daniels (1963), Schmidt (1968) und Popadić (1971) entwickelte. Diese Arbeiten konzentrieren sich v.a. auf die semantischen und syntaktischen Leistungen von Funktionsverbgefügen in Gegenüberstellung mit Basisverben, d.h. sie untersuchen die Konstruktionen auf ihren pragmatischen Mehrwert. Die Autoren und Autorinnen werten in ihren Analysen authentische Sprachdaten in Form von literarischer Prosa (Daniels 1963) und Zeitungsartikeln aus (Schmidt 1968, Popadić 1971) und stellen damit die ersten Arbeiten mit korpuslinguistischem Ansatz dar. Häufig finden sich in diesen Arbeiten Funktionsverbgefüge im weiteren Sinn, wie z.B. eine Feststellung machen (Daniels 1963: 230), einen Befehl geben (Schmidt 1968: 50) oder Arbeit/Beitrag leisten (Popadić 1971: 43f.), d.h. weniger lexikalisierte und syntaktisch restringierte Gefüge (Daniels 1963; Schmidt 1968: 56; Popadić 1971, Eroms 2000; Hinderdael 1985; Storrer 2006a, 2006b, 2007, 2013). Derartige Leistungen von Funktionsverbgefügen werden in der Forschungsliteratur zu Nomen-Verb-Verbindungen unter stilistischen, syntaktischen oder kommunikativen Leistungen zusammengefasst (vgl. Daniels 1963, Schmidt 1968: 56; Hinderdael 1985), vgl. die folgende Auflistung:

 Modifikation und Spezifizierung der Funktionsnomen durch Attribute (vgl. Daniels 1963: 230; Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 256; Heine 2005: 163f.; Helbig/Buscha 2011: 90)

 „Zusammenballung und Konzentration von Aussagen auf engem Raum“ (Daniels 1963: 227, s. dazu auch Schmidt 1968: 70f.; Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 256ff.; Seifert 2004: 106, 195)

 Verteilung der Komponenten des Gefüges auf mehrere Sätze (vgl. Daniels 1963: 230; Storrer 2006a: 173; Schmidt 1968: 49f.; Popadić 1971: 51)

 Valenzreduzierung und Vereinheitlichung der Valenz (Heringer 1968; Popadić 1971: 40; Hinderdael 1985: 214; Seifert 2004: 192; Helbig/Buscha 2011: 93; Heidolph et al. 1984: 439)

 Präzision der Aussage (Schmidt 1968: 97; Popadić 1971: 25), Aussagenverallgemeinerung (vgl. Hinderdael 1985: 213f.; Popadić 1971; Helbig/Buscha 2011: 93)

 Perspektivierung der Handlung (vgl. Daniels 1963: 226/229; Schmidt 1968: 68)

 Betonung und Gewichtung unterschiedlicher Positionen der Glieder im Satz (Popadić 1971: 25; Hinderdael 1985: 159; Helbig/Buscha 2011: 94), Auswirkungen auf kommunikative Struktur und thematische Progression (vgl. Hinderdael 1985: 218f.; Seifert 2004: 192; Heine 2006: 162ff.)

 Referenzfähigkeit (Heidolph et al. 1984: 441; Eroms 2000: 170), Wiederaufnahme im Folgetext (Seifert 2004: 197; Schmidt 1968: 73; Hinderdael 1985: 221; Storrer 2006a/2013, Gautier 1998; Helbig/Buscha 2011: 88)

Semantische und syntaktische Leistungen von Funktionsverbgefügen werden mit kommunikativen verknüpft und die Autoren und Autorinnen weisen auf besondere Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang hin (vgl. Gautier 1998, Seifert 2004, Storrer 2006a, 2013). Beispielsweise können die Funktionsnomen durch Attribute modifiziert werden und so auf eine bestimmte Weise im Text dargestellt werden (vgl. Daniels 1963: 230; Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 256; Heine 2006: 163f.; Lucius-Hoene/Deppermann 2004: 171) oder die Informationen können im Text unterschiedlich angeordnet und wiederaufgenommen werden, wodurch sich eine „unterschiedliche kommunikative Struktur“ (Hinderdael 1985: 218f.; s.a. Heine 2006) ergibt, die die „thematische Progression“ (Seifert 2004: 192; s.a. Storrer 2013) im Text beeinflusst.

Die aufgeführten Arbeiten zeigen, dass Funktionsverbgefüge spezifische semantische, syntaktische und kommunikative Funktionen erfüllen können. Trotz der zahlreichen Hinweise in der Forschungsliteratur auf den Zusammenhang von Funktionsverbgefügen mit der Strukturierung von Informationen im Text, existiert keine mir bekannte deutsche, polnische bzw. deutsch-polnische Monographie, die Leistungen von Nomen-Verb-Verbindungen auf der Ebene des Textes fokussiert. Was also bislang fehlt, ist eine systematische Klassifikation von Funktionsverbgefügen nach ihren Leistungen im Textzusammenhang. Auf den textlinguistischen Hintergrund der vorliegenden Arbeit gehe ich im Folgenden ein.

3 1. Textlinguistischer Hintergrund

In der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen werden Leistungen der Konstruktionen in Gegenüberstellung mit Basisverben aufgeführt (vgl. z.B. Seifert 2004), die sich auf syntaktische, semantische und kommunikative Eigenschaften von Äußerungen beziehen. Dazu gehören beispielsweise die Erweiterung der Nominalphrase des Gefügenomens, Änderungen der Thema-Rhema-Gliederung und die Wiederaufnahme des Gefügenomens im Folgetext (Hinderdael 1985: 218f.; Seifert 2004: 192; Heine 2006: 162ff.; Heidolph et al. 1984: 441; Eroms 2000: 170). Diese Leistungen lassen sich von der Ebene des Textes aus betrachten, also aus Sicht der Textlinguistik, auf deren wesentliche Konzepte und Theorien ich im Folgenden eingehe.

Die Textlinguistik befasst sich mit dem Zusammenhang sprachlicher Einheiten und ihrer Verknüpfung zu einem textuellen Gebilde (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 13; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 13). Die grundlegende Analyseeinheit der Textlinguistik ist der Text, der definiert wird als

[…] thematisch und/oder funktional orientierter, kohärenter sprachlicher oder sprachlich-figürlicher Komplex, der mit einer bestimmten […] Kommunikationsabsicht […] geschaffen wurde, eine erkennbare kommunikative Funktion […] erfüllt und eine inhaltlich und funktional abgeschlossene Einheit bildet. (Göpferich 1995: 56f.)

Wesentlich ist innerhalb der Textlinguistik das hier angesprochene Konzept der Kohärenz, das sich als inhaltlicher und formaler Zusammenhang von Sinnrelationen im Text beschreiben lässt (vgl. Busse 1992; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 24). Kohärenz kann implizit durch die mentale Verknüpfung von sprachlichen Einheiten durch den/die Rezipent*in erzeugt werden oder explizit durch grammatisch-funktionale sprachliche Mittel auf der Textoberfläche, d.h. durch die sog. Kohäsion und ihre Kohäsionsmittel, mit denen Inhalte im Text miteinander verknüpft und wiederaufgenommen werden können (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 84f.; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 29/36; Breindl 2016: 42; s. Kap. 3.4; 4.2.5).

Mit Konnexion wird die Textverknüpfungsart bezeichnet, mit der sprachliche Einheiten auf linearer Ebene durch Konnektoren miteinander verbunden werden (vgl. Brinker et al. 2001: 331; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 84ff.), wie z.B. durch die Kon- oder Subjunktionen und und weil im folgenden Beispiel:

1 Karl und Sophie können nicht kommen (S1), weil sie keine Zeit haben (S2).

Sowohl die Nominalphrasen Karl und Sophie als auch die beiden Sätze Karl und Sophie konnten nicht kommen und sie hatten keine Zeit werden durch die Kon- bzw. Subjunktionen und und weil additiv bzw. kausal miteinander verbunden. Je nach Art der Verknüpfung wird hier von einer textuellen Ko- oder Subordination gesprochen (vgl. Brinker et al. 2001: 331f.). Demnach werden die Nominalphrasen Karl und Sophie durch und koordiniert, die beiden Sätze S1 und 2 werden dagegen subordiniert.

Konnexion kann aber auch implizit realisiert werden, d.h. die Verknüpfung der sprachlichen Einheiten ist auf der Textoberfläche nicht sichtbar, sondern wird vom/von der Rezipient*in/en mental hergestellt, wie z.B.:

1 Sie konnten nicht kommen (S1). Sie haben keine Zeit (S2).

Die Verknüpfung zwischen Satz 1 und 2 kann hergestellt werden, weil angenommen wird, dass durch die Anordnung der Sätze eine Folge und Ursache ausdrückt wird, d.h. eine kausale Relation (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 86f.). Dass es sich bei Satz 2 um eine Begründung für den in Satz 1 ausgedrückten Sachverhalt handelt, wird nur nicht – wie oben in Bsp. (1) durch eine kausale Subjunktion – explizit gemacht (vgl. Brinker et al. 2001: 338f.), sondern wird geschlussfolgert. Dieser Schlussfolgerungsprozess wird in der Textlinguistik als Inferenz bezeichnet (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 70; Breindl 2016: 38ff.; s. Kap. 4.2.5.1.5).

Dass die beiden Sätze als Folge und Ursache verstanden werden können, liegt zudem an ihren Subjekten sie, die als dieselben Textreferent*innen interpretiert werden können – sie aus Satz 1 wird in Satz 2 wiederaufgenommen. Die Wiederaufnahme und Weiterführung von Textreferenten wird in der Textlinguistik mit dem Konzept der Phorik beschrieben (vgl. Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 29; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 76f.; Stede 2018: 64f.): In einem Text werden nämlich nicht nur sprachliche Einheiten durch Konnexion miteinander verknüpft, sondern es wird auch eine Textwelt aufgebaut, in die fiktive wie real existierende Textreferenten eingeführt werden können (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 58f.), wie z.B.:

1 Heute ist ein Virologe zu Gast.

Durch die Nominalphrase ein Virologe wird ein bislang unbekannter Textreferent in die Textwelt eingeführt, der sog. Antezedent (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 58f.). Markiert wird der Unbekanntheitsstatus des Virologen mit dem indefiniten Artikel ein (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 56f.; s. Kap. 3.1.1; 4.2.5). Durch die Wiederaufnahme eines Textreferenten im Folgetext kann auf denselben Textreferenten Bezug genommen werden, wodurch das Thema des Textes fortgesetzt wird, die sog. Thematische Progression (vgl. Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 44, s. Kap. 4.2.4; 4.2.5):

1 Heute ist ein Virologe zu Gast (S1). Der Virologe spricht heute über das neue Virus (S2).

Durch der Virologe in Satz 2 wird der in Satz 1 eingeführte Textreferent wiederaufgenommen. Weil es sich bei Virologe um dasselbe Wortmaterial handelt, ist diese Wiederaufnahme als Rekurrenz zu klassifizieren (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 112; Dressler 1973: 20) – das Wiederaufnahmeverfahren, bei dem vorerwähnte Textreferenten durch die Wiederholung von identischem Wortmaterial wiederaufgenommen werden und zwischen den Einheiten Referenzidentität besteht (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 112). Dass es sich bei dem Virologen um denselben Textreferenten wie in Satz 1 handelt, wird durch den definiten Artikel der angezeigt (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 56f., s. Kap. 3.1.1; 4.2.5).

Neben dem Wiederaufnahmeverfahren der Rekurrenz gehören zu den wesentlichen Verfahren zur Wiederaufnahme von Textreferenten weiter die Substitution und die Pronominalisierung (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 112f.; Gansel/Jürgens 2007: 37f.). Bei der Substitution handelt es sich um ein Wiederaufnahmeverfahren, bei dem der Textreferent, durch ein sprachliches Element ersetzt wird, vgl. folgendes Beispiel:

1 Heute ist ein Virologe zu Gast (S1). Der Wissenschaftler spricht über das neue Virus (S2).

In diesem Beispiel wird der in S1 eingeführte Textreferent ein Virologe in S2 durch der Wissenschaftler wiederaufgenommen und im Text weitergeführt. Die Substitution des Textreferenten kann hier durch eine weitere Nominalphrase realisiert werden, die mit dem eingeführten Textreferenten in einer semantischen Relation steht (vgl. Dressler 1973: 16). Die Relation zwischen Wissenschaftler und Virologe lässt sich durch das Konzept der semantischen Relation der Hyperonymie beschreiben: Wissenschaftler ist ein Oberbegriff, ein Hyperonym, zu Virologe (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 112f.), durch das in diesem Beispiel Phorik erzeugt wird. Angezeigt wird die Referenzidentität von der Wissenschaftler mit ein Virologe wieder durch den definiten Artikel der Nominalphrase in Satz 2 der Wissenschaftler (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 56f.; Adamzik 2016: 268, s. Kap. 3.1.1; 4.2.5).

Bei dem Wiederaufnahmeverfahren der Pronominalisierung wird der eingeführte Textreferent – wie bei der Substitution auch – mit einer anderen sprachlichen Form ersetzt. Im Unterschied zur Substitution geschieht dies bei der Pronominalisierung aber nicht durch andere nominale Elemente, sondern durch Pro-Formen, d.h. durch Pronomina, Pronominaladverbien etc. (vgl. Missing 2017: 59f.):

1 Heute ist ein Virologe zu Gast (S1). Er spricht über das neue Virus (S2).

In Beispiel (6) wird der in S1 eingeführte Virologe in S2 durch das Personalpronomen er wiederaufgenommen. Zwischen ein Virologe und er besteht Referenzidentität. Wird ein eingeführter Textreferent durch dieselben oder andere sprachliche Einheiten, wie andere Nomina oder Pronomina, im Folgetext wiederaufgenommen, werden Verkettungen von referenzidentischen Ausdrücken, sog. Koreferenzketten, gebildet (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 112; Hackl-Rößler 2006: 64ff.; Stede 2018: 65; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 29; Averintseva-Klisch 2018: 33ff.; s. Kap. 3.4; 4.2.5):

1 Heute ist ein Virologe zu Gast (S1). Der Wissenschaftler spricht über das neue Virus (S2). Er berichtet über den Stand gegenwärtiger Forschung (S3).

In diesem Beispiel wird der in S1 eingeführte Virologe zuerst durch die Nominalphrase in S2, dann durch er in S3 substituiert, wodurch der Virologe als Thema des Textes weitergeführt wird. Innerhalb der Phorik wird weiter unterschieden, in welcher Verweisrichtung der Bezugsausdruck zum Textreferenten steht. Handelt es sich um einen Rückwärtsverweis, wie z.B. in (7), d.h. wird zuerst der Antezedent eingeführt, auf den sich die Verweisausdrücke danach beziehen, ist die Wiederaufnahmerelation als Anapher zu kategorisieren (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 111f., s. Kap. 3.4; 4.2.5). Die Verweisrichtung im Text kann aber auch umgekehrt ausgedrückt werden, denn ein Personalpronomen kann sich auch auf eine Entität im Text beziehen, die erst im Folgetext spezifiziert wird, vgl. z.B.:

1 Heute ist er zu Gast (S1). Der Virologe spricht über das neue Virus (S2).

In diesem Beispiel wird zunächst das Personalpronomen er eingeführt, das sich auf den Virologen in Satz 2 bezieht, d.h. er und der Virologe sind als referenzidentisch zu interpretieren. Durch er wird der Virologe in Satz 2 angekündigt. Zwischen er und der Virologe besteht also die Relation eines Vorwärtsverweises, eine sog. Katapher, die beispielsweise in literarischer Prosa zur Steigerung der Spannung zum Einsatz kommen kann (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 121; Thomsen 1997; s. Kap. 4.2.5.3.2).

Phorik kann – wie die Konnexion – auch implizit hergestellt werden. Auf der Textoberfläche sind die sprachlichen Einheiten dann nicht sichtbar. Denn der/die Rezipient*in/en erzeugt sie mental, wie z.B.:

1 In der Sendung heute ist ein Virologe zu Gast (S1). Der Moderator stellt ihn zunächst vor (S2).

In diesem Beispiel zur impliziten Phorik geht es um den Moderator in Satz 2. Er ist durch den definiten Artikel als bekannt markiert, obwohl er in Satz 1 nicht als neuer Textreferent eingeführt wurde. Dass dieser Text trotzdem als kohärent eingestuft werden kann, liegt an der Verbindung von Moderator und Sendung aus Satz 1 und der damit zusammenhängenden Aktivierung im semantischen Netz (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 118; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 36f.). Der Moderator wird als Teil der Sendung im semantischen Netz mit aktiviert und dadurch für die Wiederaufnahme erreichbar. Eine Rolle spielt hierbei auch unser Welt- und Erfahrungswissen. Wir wissen in unserem Kulturkreis, dass es in Fernsehsendungen bestimmte Abläufe, Beiträge und Moderator*innen gibt, die nicht gesondert aufgeführt werden müssen, damit der Text verständlich und kohärent ist (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 63f.). Der Text ist demnach unterspezifiziert: Dass es in Sendungen Moderator*innen gibt, wird „mitgedacht“:

1 In der Sendung heute ist ein Virologe zu Gast (S1). [Die Sendung leitet ein Moderator.] Der Moderator stellt ihn zunächst vor (S2).

Der Moderator bleibt in (10) auf der Textoberfläche unvorerwähnt, wird aber implizit, also als indirekte Anapher, wiederaufgenommen (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 118; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 36f.).

Mit Wiederaufnahmerelationen im Text geht die Position von sprachlichen Einheiten einher: Texte und Sätze sind dem Ansatz der funktionalen Satzperspektive nach in bekannte, vorerwähnte, alte Information und nicht bekannte, nicht vorerwähnte und neue Information gegliedert (vgl. Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 44ff.; Gansel/Jürgens 2007: 41). Vorerwähnte Informationen sind thematische Elemente, sog. Themata; neue Elemente bilden das Rhema des Satzes (vgl. Dürscheid 2010: 177; Mathesius 1929: 202–210; Féry/Ishihara 2016: 3f.). Ausdrucksmittel für die Thema-Rhema-Gliederung im Deutschen ist neben der Betonung v.a. die Satz- bzw. Wortstellung: Thematische Elemente stehen linksperipher, rhematische Elemente werden rechtsperipher realisiert (vgl. Schwarz-Friesel/Consten: 104f.; Zimmermann/Féry 2009: 1; Krifka/Musan 2012: 30f.). Durch die Thema-Rhema-Gliederung im Satz können sprachliche Einheiten je nach referentiellem Status unterschiedlich gewichtet und perspektiviert werden (s. Kap. 3.3; 4.2.4), vgl. z.B.:

1 Zu Gast ist heute ein Virologe (S1). Der Virologe spricht über das neue Virus (S2).

In Satz 1 wird ein Virologe als neuer Textreferent eingeführt. Die Nominalphrase besetzt die letzte Position im Satz und ist durch den indefiniten Artikel als rhematisches Element markiert. In Satz 2 wird der Virologe zum Thema des Satzes – angezeigt wird dies durch den definiten Artikel und die Position am Satzanfang. Es handelt sich um eine bereits bekannte Information, an die wiederum neue Informationen angeschlossen werden, nämlich, dass der Virologe über ein neues Virus spricht, das in diesem Satz das Rhema bildet. Ein neues Virus bildet in Satz 2 dann das Rhema (vgl. Schwarz-Friesel/Consten: 105). Im Wechsel von neuer und alter Information und der Verknüpfung und Wiederaufnahme sprachlicher Einheiten wird im Text Kohärenz erzeugt, die die Grundlage für gegenseitiges Verstehen und Verständlichkeit bildet (vgl. Schwarz-Friesel/Consten: 70/93/104f.; grammis 2019: Wortstellung und Informationsstruktur)1.

Funktionsverbgefüge, der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Dissertation, werden in der textlinguistischen Forschungsliteratur zwar thematisiert (vgl. z.B. Panzer 1986, Vigašová 1968, Richter 1988, s. Kap. 1.2.3). Sie werden aber nicht auf Fähigkeiten zur Textverknüpfung oder der Aufbereitung von Informationen im Text untersucht, sondern finden sich v.a. im Bereich der Textsortenspezifik wieder. D.h. Funktionsverbgefüge werden Textsorten, wie z.B. wissenschaftlicher Fachliteratur oder amtlich-offiziellen, bürokratischen Texten, zugeschrieben und bilden Beschreibungsmerkmale für eine bestimmte Textsorte (vgl. Kordić/Marušić 2017). Da Funktionsverbgefüge sowohl aus einem verbalen und nominalen Element bestehen und sich die ausgewählten Gefüge durch einen geringen Grad an Festigkeit und Lexikalisierung sowie Referenzfähigkeit auszeichnen, erscheint es interessant, Funktionsverbgefüge von der Ebene des Textes aus zu betrachten. Für die Textverknüpfung stellen Nomen nämlich strukturell andere Möglichkeiten bereit als Verben, vgl. das folgende Beispiel:

1 Alle wichtigen Entscheidungen, die eben getroffen wurden und die alle rechtskräftig sind, haben große Tragweite.

In Beispiel (12) wird das Funktionsnomen von Entscheidung treffen attributiv durch zwei koordinierte Relativsätze erweitert, mit denen die Entscheidung sowohl inhaltlich durch weitere Informationen angereichert als auch anaphorisch im Text weitergeführt wird (vgl. Helbig/Buscha 2011: 89f.; Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 29; Averintseva-Klisch 2018: 33ff.): Im ersten Relativsatz die eben getroffen wurde wird die Entscheidung durch das Relativpronomen die pronominalisiert (s. Kap. 3.1; 4.2.1; 4.2.2), im zweiten Relativsatz durch das Indefinitpronomen alle (vgl. Brinker/Cölfen/Pappert 2018: 29; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 55; s. Kap. 4.2.5). Der geringe Grad an Lexikalisierung und Festigkeit der Konstruktion sowie die Referenzfähigkeit des Funktionsnomens wirkt sich demnach nicht nur auf die syntaktische Ebene, sondern auch auf die textuelle aus (vgl. Gautier 1998, Storrer 2006a, 2013). Im Einzelnen werden diese strukturellen Möglichkeiten der Funktionsnomen sowie ihre Funktion auf der Ebene des Textes in Kap. 3 behandelt.

Interessant ist, dass sich derartige Hinweise auf syntaktische und kommunikative bzw. textuelle Leistungen von Funktionsverbgefügen auch in der polonistischen Forschungsliteratur zu Nomen-Verb-Verbindungen finden, d.h. auch bestimmte polnische Funktionsverbgefüge sind attribuierbar, referenzfähig und können im Satz verschiedentlich positioniert werden (vgl. Kaczor 2013: 21f.; Żmigrodzki 2000: 113ff./145ff.; Klinger 1983: 93ff./99ff.). Aufgrund dieser Hinweise aus der polonistischen Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen wird zur Untersuchung von textuellen Funktionen von Funktionsverbgefügen das Polnische als Vergleichssprache herangezogen und auf Kon- und Divergenzen überprüft. Bislang fehlt eine umfassende textlinguistische und kontrastive Untersuchung von Funktionsverbgefügen auf ihre Leistungen im Textzusammenhang. Diese Forschungslücke soll mit der vorliegenden Dissertation geschlossen werden, für die im Folgenden die Forschungsfragen formuliert werden.

4 1. Forschungsfragen und Ziele

In der germanistischen und der polonistischen Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen existieren Hinweise auf semantische, syntaktische sowie textuelle Leistungen von Funktionsverbgefügen. Ich gehe im Folgenden zuerst auf die relevanten Eigenschaften deutscher und polnischer Funktionsverbgefüge ein und leite daraus anschließend die Forschungsfragen und Ziele für die vorliegende Dissertation ab.

Ein weniger festes und lexikalisiertes Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, kann durch z.B. Artikelwörter sowie (Adjektiv-)Attribute (1)/(2) erweitert werden, ist referenzfähig (3)/(4), kann an verschiedenen Positionen im Satz stehen (5)/(6), und unterscheidet sich in Bezug auf seine Aktanten vom Basisverb, vgl. (7)/(8) mit (9)/(10):


Deutsch Polnisch
(1)Sie stellt diese/wichtige Fragen. (2)(Ona) zadaje te/ważne pytania.
(3)Sie stellte ihm eine Frage. Die Frage… (4)Zadaje mu pytanie. Pytanie to…
(5)Eine Frage hat sie gestellt. (6)Pytanie zadała (ona).
(7)Sie hat (ihm) eine Frage gestellt. vs. (8)Zadała (mu) pytanie. vs.
(9)Sie hat (ihn) (etwas) gefragt. (10)Zapytała go o coś.

Weil die syntaktischen und kommunikativen Leistungen häufig mit weniger festen und lexikalisierten Gefügen, wie Frage stellen, in Verbindung gebracht werden (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006a/2013), entscheide ich mich für die folgenden Gefüge: Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie für die polnischen Entsprechungen zadać/zadawać pytanie, dać/dawać odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję. Trotz der zahlreichen Hinweise in der Forschungsliteratur auf den Zusammenhang von Funktionsverbgefügen mit der Strukturierung von Informationen im Text und kohärenzstiftenden Funktionen, existiert keine mir bekannte deutsche, polnische bzw. deutsch-polnische Monographie, die Leistungen von Nomen-Verb-Verbindungen auf der Ebene des Textes fokussiert.

Weil Kohärenzbildungs- und Konzeptualisierungsprozesse kognitive Verfahren zur Verarbeitung und Aufbereitung von Informationen darstellen, die nicht an Einzelsprachen gebunden sind (vgl. Levelt 1989, Bierwisch/Schreuder 1992, Schnotz 1994; s. Kap. 1.3), könnte ein Vergleich von zwei typologisch unterschiedlichen Sprachen Hinweise auf kohärenzstiftende Funktionen von Funktionsverbgefügen geben. Was also bislang fehlt, ist eine systematische Klassifikation von Funktionsverbgefügen nach ihren Leistungen im Textzusammenhang. Aus diesem Desiderat können für die vorliegende Dissertation die folgenden Forschungsfragen und Ziele abgeleitet werden:

1 Mit welchen sprachlichen Einheiten können die ausgewählten deutschen und polnischen Funktionsverbgefüge verknüpft werden und welche Leistungen lassen sich am vorhandenen Datenmaterial nachweisen?

2 Können im Deutschen und im Polnischen vergleichbare Leistungen von Funktionsverbgefügen identifiziert werden und welche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede gibt es?

3 Wie wirkt sich die Verknüpfung von Funktionsverbgefügen mit anderen sprachlichen Einheiten auf die Ebene des Textes aus?

4 Welche Leistungen erfüllen deutsche und polnische Funktionsverbgefüge im Textzusammenhang?

5 Wie lassen sich die Leistungen systematisieren und klassifizieren?

Die aufgeführten Forschungsfragen sollen unter Anwendung sowohl quantitativer als auch qualitativer Analysemethoden anhand einer breit angelegten Korpusuntersuchung der Gefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie der polnischen Äquivalente auf der Datengrundlage deutscher und polnischer Wikipedia-Artikel (IDS) beantwortet werden. Die Relevanz der ausgewählten Funktionsverbgefüge ergibt sich zum einen aus der Abfrage ihrer Vorkommensfrequenzen im Vergleich mit anderen Konstruktionen – es handelt sich bei den ausgewählten Gefügen um frequente Konstruktionen. Zum anderen sind diese Gefüge interessant, weil sie alltagsweltliche und miteinander in Relation stehende (Sprach-)Handlungen bezeichnen (vgl. Aitchison 1997), vgl. z.B. das Adjazenzpaar Frage stellen und Antwort geben, aber auch aus handlungslogischer Sicht Fragen stellen – Entscheidungen treffen sowie Entscheidungen treffen – Antworten geben (vgl. Fetzer 1997: 4; Schegloff 2007; Hinnekamp 2018: 149).

Die Dissertation zielt auf die Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen v.a. in Bezug auf den Stil und die Verständlichkeit in Texten sowie die Forderung nach der Substitution und soll dieser mit einer empirischen Untersuchung mit dem Fokus auf Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang entgegnen. Die angewandte Substitution von Funktionsverbgefügen mit Basisverben geht dabei zum einen der Forderung der Stilratgeber zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen nach und bildet zum anderen eine Untersuchungsmethode, die die spezifischen Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text sichtbar macht. Im folgenden Abschnitt gehe ich auf die ausgewählte Datengrundlage, die Generierung der Gefüge aus dem Korpus sowie die methodische Vorgehensweise der vorliegenden Korpusstudie samt der Bildung von textgrammatischen und -semantischen Annotationskategorien ein.

2. Daten und Methode

Die vorliegende Arbeit zielt auf die Untersuchung von Funktionsverbgefügen hinsichtlich ihrer textuellen Funktionen. Weniger feste und lexikalisierte Gefüge stehen dabei im Zentrum der Untersuchung, da diese Gruppe von Nomen-Verb-Verbindungen durch ihre syntaktische Flexibilität mit kommunikativen Leistungen in Verbindung gebracht wird (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Heine 2006; Storrer 2006a/2013). Die Forschungsfragen beziehen sich in der vorliegenden Untersuchung auf die Verknüpfung von Funktionsverbgefügen mit anderen sprachlichen Einheiten, auf Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Sprachenpaars Deutsch und Polnisch sowie auf die Frage nach den Leistungen der Gefüge im Textzusammenhang, für die in den folgenden Abschnitten die Daten und Untersuchungsmethoden vorgestellt werden. Die Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes wurde mithilfe einer Kookkurrenzanalyse mit COSMAS II durchgeführt und aus DeReKo (2018-I) wurden deutsche Funktionsverbgefüge generiert, die anschließend polnischen Funktionsverbgefügen mithilfe von Wörterbüchern und Übersetzungstools im WWW zugeordnet wurden (s. Kap. 2.1). In Abschnitt 2.2 wird die Vorgehensweise bei der Auswahl der Datengrundlage beschrieben, die für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang geeignet und in den Sprachen Deutsch und Polnisch verfügbar ist. Anschließend wird in Abschnitt 2.3 die methodische Vorgehensweise bei der Datenerhebung sowie der -analyse beschrieben.

2.1. Generierung von Funktionsverbgefügen

Den Gegenstand der Untersuchung bilden in der vorliegenden Arbeit Funktionsverbgefüge (Kamber 2008) – d.h. Konstruktionen, die aus einem Funktionsnomen und -verb bestehen, wie z.B. Beitrag leisten, die mit einem korrespondierenden Basisverb, z.B. beitragen, in Verbindung stehen (vgl. Kamber 2008; Heine 2006: 49; Hermann 2019). Derartige Nomen-Verb-Verbindungen sind jedoch erstens sehr heterogen und zweitens schwer zu erfassen, weil sowohl die Ein- als auch Abgrenzung des Gegenstandbereichs auf verschiedenen linguistischen Ebenen erfolgt, sodass es keine völlige Einheitlichkeit geben kann (vgl. Ágel 2017: 315; s. Kap. 1.1). Im Folgenden soll ein Verfahren zur Detektion von für die vorliegende Untersuchung relevanten Funktionsverbgefüge vorgestellt werden, das Nomen-Verb-Verbindungen zum einen durch statistisch-mathematische Kookkurrenzanalysen aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) generiert und zum anderen auf der Abfrage von Vorkommensfrequenzen basiert. Die daraus entstehende Liste von statistisch signifikanten Nomen-Verb-Verbindungen wird auf ihren Bestand im polnischen überprüft, sodass anschließend deutsche und polnische Funktionsverbgefüge-Paarungen für die vorliegende Untersuchung ausgewählt werden können.

Funktionsverbgefüge können sich semantisch, morphologisch, (morpho-)syntaktisch, aber auch pragmatisch voneinander unterscheiden (vgl. Helbig/Buscha 2011: 83ff.). Es existieren beispielsweise Gefüge, die aus einem Funktionsverb und einer Nominalphrase bestehen, wie z.B. Kritik üben oder Beitrag leisten, sowie Verbindungen, die sich aus einem Funktionsverb und einer Präpositionalphrase zusammensetzen, wie z.B. in Gang bringen oder in Auftrag geben (vgl. Helbig/Buscha 2011: 68; Hinderdael 1985; Heidolph et al. 1984: 440). Gemeinsam haben die Gefüge Kritik üben, Beitrag leisten, in Gang bringen und in Auftrag geben, dass sie mit einem Verb in Ableitungsrelation stehen, also mit kritisieren, beitragen, gehen und beauftragen. Es gibt jedoch auch Nomen-Verb-Verbindungen, die nicht mit einem Verb in Ableitungsrelation stehen, sondern beispielsweise mit einem Adjektiv, wie z.B. Angst haben mit ängstlich, in Zorn geraten mit zornig oder in Insolvenz gehen mit insolvent (vgl. Welke 2007: 219; Helbig 1979: 274; Kamber 2008: 22). Andere Gefüge wiederum weisen kein Basisverb auf, wie z.B. Dienst leisten – *diensten, in Abrede stellen – *abreden und in Kraft treten – *kraften (vgl. Helbig/Buscha 2011: 70ff.). Zudem kann in einigen Fällen zwar ein formal ähnliches Verb gebildet werden, es entspricht aber nicht der Bedeutung des Funktionsverbgefüges, z.B. Abstand nehmen ≠ abstehen und Anstoß nehmen ≠ anstoßen. Weiter weisen einige Funktionsnomen die Fähigkeit zur freien Artikelwahl und zur Pluralbildung sowie die Möglichkeit zur Attribuierung auf, andere dagegen nicht (vgl. Helbig/Buscha 2011: 89f.; Heidolph et al. 1984: 441f.), vgl. z.B. die richtigen Entscheidungen treffen vs. *in die richtigen Fahrten kommen. Häufig findet sich in der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen die Gegenüberstellung von Konstruktionen, wie in Gang bringen, einerseits und Nomen-Verb-Verbindungen, wie Beitrag leisten, andererseits. Die Unterscheidung dieser Typen von Funktionsverbgefügen im weiteren Sinn (vgl. Helbig/Buscha 2011: 85) basiert v.a. auf morphosyntaktischen und semantischen Unterschieden in Bezug auf den Grad der Festigkeit und Lexikalisierung des jeweiligen Konstruktionstyps, der sich beispielsweise

1 in der Attribuierungsfähigkeit, vgl. einen guten Beitrag leisten vs. *in guten Gang bringen,

2 der freien Artikelwahl, vgl. diesen Beitrag leisten vs. *in diesen Gang bringen,

3 der Möglichkeit zur Pluralbildung, vgl. Beiträge leisten vs. *in die Gänge bringen,

4 der Referenzfähigkeit, vgl. …leistete einen Beitrag. Dieser… vs. *…wurde in Gang gebracht. Er…

der Gefüge manifestiert (vgl. Heidolph et al. 1984: 441f.; Helbig/Buscha 2011: 87ff.; s. Kap. 3; 4.2.1).

Verbindungen des Typs Beitrag leisten verhalten sich syntaktisch wie freie Wortverbindungen, wie z.B. in ein tolles Buch lesen und es [das Buch] dann weitergeben (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006b: 286), d.h. die Nomen sind attribuierbar, die Artikelwahl ist frei, Pluralbildung ist möglich und die Nomen der Gefüge sind referenzfähig (vgl. Eroms 2000: 170; Helbig/Buscha 2011: 85) – sie können also je nach kontextuellen Gegebenheiten und Erfordernissen verändert und angepasst werden. Gerade diese Unterscheidung nach dem Grad der Festigkeit und Lexikalisierung der Konstruktionen erscheint in Bezug auf die Ebene des Textes wesentlich, weil kommunikative Funktionen von Funktionsverbgefügen häufig mit dem weniger festen und lexikalisierten Konstruktionstyp in Verbindung gebracht werden (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006a/2013; Heine 2006: 162ff.).1 Ziel ist es, für die vorliegende Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang erstens Gefüge vom Typ Beitrag leisten zu ermitteln, die zweitens keine Randerscheinungen des Deutschen darstellen, d.h. die auch im quantitativen Sinn für eine Korpusstudie geeignet sind. Die Funktionsverbgefüge sollen außerdem ein Basisverb aufweisen, das der Bedeutung des Gefüges entspricht. Dass die Konstruktionen ein Basisverb aufweisen, ist für die vorliegende Untersuchung unabdingbar, weil die Analyse der Funktionsverbgefüge im Textzusammenhang (s. Kap. 4.2) auf der Substitution mit dem Basisverb als qualitative Untersuchungsmethode (vgl. Ágel 2017: 504f.) basiert, die die Leistungen der Gefüge auf der Ebene des Textes sichtbar macht. Zudem wird den Forderungen der Stilratgeber auf diese Weise Rechnung getragen, die seit Wustmann 1891 bis in die Gegenwart im WWW fordern, Funktionsverbgefüge mit Basisverben zu ersetzen, was in Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache zur Übung gemacht wird (vgl. Fandrych et al. 2016: 130f.; Funk et al. 2013: 75; s. Kap. 1.2.1).

Für die Generierung der deutschen Funktionsverbgefüge aus DeReKo (2018-I) bilden bereits bestehende Auflistungen verschiedener Funktionsverbgefüge den Ausgangspunkt der Kookkurrenzanalyse (vgl. z.B. Kamber 2008, Helbig/Buscha 2011, Popadić 1971, Hinderdael 1985, Schmidt 1968), die jedoch erstens nicht auf statistisch-mathematischen Analyseverfahren basieren. Ob Konstruktionen, wie Beobachtungen anstellen oder Kritik üben, frequente Konstruktion des Deutschen sind oder nicht, ist der Funktionsverbgefüge-Listen nicht zu entnehmen (vgl. Helbig/Buscha 2011: 70; Popadić 1971, Hinderdael 1985, Schmidt 1968). Und zweitens liegt der Fokus in den Auflistungen häufig auf festen und lexikalisierten, präpositionalen Gefügen (vgl. z.B. Kamber 2008) – für die Untersuchung sollen aber weniger feste und lexikalisierte Gefüge generiert werden, was mit dem Merkmal ‚besteht aus Funktionsverb und Nominalphrase‘, z.B. in Beitrag leisten, korreliert (vgl. Helbig/Buscha 2011: 85). Für die Kookkurrenzanalyse werden also zunächst die (di-)transitiven Funktionsverben ausgewählt, die von den Autoren und Autorinnen wiederholt aufgeführt werden (vgl. Kamber 2008, Popadić 1971, Heidolph et al. 1984: 440; Fabricius-Hansen 2006: 262; Helbig/Buscha 2011: 70–83):

ausüben, anstellen, erteilen, üben, vornehmen, erheben, leisten, treffen, halten, setzen, stellen, nehmen, geben

Um eine korpusbasierte Generierung von Funktionsverben und Kookkurrenzpartner-Funktionsnomen zu erhalten, wurde für jedes dieser Funktionsverben eine Kookkurrenzanalyse mit COSMAS II (IDS) durchgeführt. Bei der Kookkurrenzanalyse beispielsweise von treffen wurden mithilfe von COSMAS II zunächst alle Kookkurrenzpartner des Funktionsverbs unter Eingabe von &treffen für alle Wortformen des Verbs ermittelt. Von diesen automatisch generierten Kookkurrenzpartnern wurden die 100 salientesten aus der COSMAS-II-Liste exportiert. Die statistische Signifikanz setzt sich dabei aus einem hohen LLR-Wert, dem Rang in der Liste (#) und der Häufigkeit zusammen (vgl. Keibel 2008, 2009).2 Statistisch signifikant sind in Bezug auf das Verb treffen z.B. die Lexeme hart oder Mittwoch. Bei hart handelt es sich jedoch nicht um ein Nomen und Mittwoch steht in keiner Ableitungsrelation mit einem Verb, d.h. hart treffen und (am) Mittwoch treffen sind keine Funktionsverbgefüge und werden deswegen aussortiert. Dagegen haben andere Kookkurrenzpartner von treffen ein Verb in Ableitungsverhältnis, wie z.B. Schuss von schießen oder Blitz von blitzen; in Schuss treffen oder Blitz treffen ist treffen in wörtlicher Lesart zu interpretieren (vgl. DWDS: treffen3), weshalb derartige Kookkurrenzen ebenfalls bereinigt werden. Alle übrigen Verbindungen sind Funktionsverbgefüge mit einem korrespondierenden Basisverb, vgl. die folgende Tabelle:


# LLR kumul. Häufig links rechts Kookkurrenzen Basisverb
2 287943 127776 71000 -5 -1 Entscheid entscheiden
1 312840 56776 56776 -5 -1 Entscheidung entscheiden
19 35634 669615 9344 -5 -1 Vorbereitung vorbereiten
6 71121 258384 8513 -5 -1 Vorkehrung vorkehren
73 12109 1344129 7874 -1 -1 Wahl wählen
78 10908 1365704 4701 -2 -1 Aussage aussagen
60 13793 1265180 3333 -2 -1 Regelung regeln
44 17948 1111382 2908 -5 -1 Vereinbarung vereinbaren
43 18153 1108474 2538 -5 -1 Absprache absprechen

Tabelle 2:

Kookkurrenzanalyse des Funktionsverbs treffen (&treffen) in DeReKo

Tabelle 2 zeigt die nominalen Kookkurrenzpartner des Funktionsverbs treffen, die mit einem bedeutungsverwandten Basisverb korrespondieren. Für das Funktionsverb treffen ergibt die Kookkurrenzanalyse die Funktionsverbgefüge Entscheid, Entscheidung, Vorbereitungen, Vorkehrungen, Wahl, Aussage, Regelung, Vereinbarung und Absprache treffen. Dieses Verfahren wurde für die Funktionsverben ausüben, anstellen, erteilen, üben, vornehmen, erheben, leisten, halten, setzen, stellen, nehmen und geben wiederholt und die generierten Nomen-Verb-Verbindungen wurden anschließend auf ihre Häufigkeit in DeReKo (2018-I) überprüft, was am Beispiel der treffen-Gefüge in Tabelle 3 demonstriert wird:


Funktionsverbgefüge Basisverb Suchanfrage abs. Treffer
Entscheid treffen entscheiden &Entscheid /s0 &treffen 6.434
Entscheidung treffen entscheiden &Entscheidung /s0 &treffen 206.409
Vorbereitung treffen vorbereiten &Vorbereitung /s0 &treffen 23.964
Vorkehrung treffen vorkehren &Vorkehrung /s0 &treffen 12.183
Wahl treffen wählen &Wahl /s0 &treffen 19.342
Aussage treffen aussagen &Aussage /s0 &treffen 21.701
Regelung treffen regeln &Regelung /s0 &treffen 13.337
Vereinbarung treffen vereinbaren &Vereinbarung /s0 &treffen 17.776
Absprache treffen absprechen &Absprache /s0 &treffen 8.439

Tabelle 3:

Häufigkeitsabfrage – Funktionsverbgefüge mit treffen in DeReKo (2018-I)

Tabelle 3 ist zu entnehmen, dass Entscheidung treffen das häufigste Gefüge aus den zu treffen generierten Funktionsverbgefügen darstellt. Häufige Gefüge aus den anderen Kookkurrenzanalysen sind z.B. Akzent setzen, Vortrag halten, Versuch unternehmen, Beitrag leisten, Änderung vornehmen oder Überlegungen anstellen. Durch die Ergebnisse der Kookkurrenzanalyse der Funktionsverben mithilfe von COSMAS II konnte ein eigenes Korpus von Funktionsverbgefügen generiert werden, das die Basis für anschließende Frequenzabfragen in DeReKo (2018-I) bildet (s. die Auflistung aller generierten Funktionsverbgefüge im Anhang). Im nächsten Schritt wurde überprüft, ob die generierten deutschen Funktionsverbgefüge im Polnischen vorkommen. Als Hilfsmittel dafür wurden bilinguale deutsch-polnische Wörterbücher verwendet. Ich beschränke mich für die vorliegende Arbeit auf bereits bestehende Wörterbucheinträge zu Funktionsverbgefügen. Es sei jedoch auf das korpusbasierte Verfahren zur Ermittlung von deutschen und polnischen Funktionsverbgefüge-Volläquivalenten durch den Vergleich von syntagmatischen Mustern verwiesen, das von Taborek (2017, 2018) entwickelt wurde. Konieczna (1980, 1981), Drechsel (2009) und Taborek (2017) weisen in Bezug auf Funktionsverbgefüge und Kollokationen auf erhebliche Mängel in Printwörterbüchern hin, durch die sich die Zuordnung von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen als problematisch erweist, denn:

 In Wörterbüchern finden sich beispielsweise sowohl Einträge zu Funktionsnomen, wie Beitrag, als zu Funktionsverben, wie leisten; die Lemmata werden jedoch nicht als Funktionsverbgefüge aufgeführt.

 In bilingualen Wörterbüchern werden beispielsweise deutsche Funktionsverbgefüge aufgeführt, die mit einer polnischen verbalen Form übersetzt werden, obwohl ein polnisches Funktionsverbgefüge existiert, z.B. weist in Gang bringen sowohl die verbale Entsprechung uruchomić als auch das Funktionsverbgefüge puścić coś w ruch auf.

 Die Angaben zur Äquivalenz von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen können in Wörterbüchern fehlerhaft sein, wie z.B. der Eintrag im Großwörterbuch Polnisch-Deutsch (Piprek/Ippoldt 2000) wydać decyzję für das deutsche Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen, denn wydać decyzję kann im Sinne von ‚Entscheid erlassen‘ übersetzt werden (vgl. Linguee: wydać decyzję4), was dem deutschen Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen nicht entspricht.

Für die Zuordnung von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen werden für die vorliegende Untersuchung aufgrund der angesprochenen Unzulänglichkeiten in Printwörterbüchern Übersetzungstools und Wörterbücher aus dem WWW verwendet, die den Vorteil haben, dass sie regelmäßig aktualisiert, erweitert und gewartet werden (vgl. Haß/Schmitz 2010: 2ff.). Für die Überprüfung der aus DeReKo (2018-I) generierten deutschen Funktionsverbgefüge auf ihr Vorkommen im Polnischen verwende ich die Online-Wörterbücher Pons-online, dict.cc, leo.org, Linguee sowie das Übersetzungstool von Google, den Google-Translator. Keines der verwendeten Online-Wörterbücher bzw. Übersetzungstools gibt für das deutsche Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen die Form wydać decyzję an, sondern die Form podjąć/podejmować decyzję (vgl. Pons online 2019: Entscheidung treffen5; Google-Translator 2019; Linguee 2019: Entscheidung treffen6; s.a. Wiktorowicz et al. 2010). Für jedes der generierten deutschen Gefüge, wie z.B. Vorbereitungen, Aussagen oder Entscheidungen treffen, wurde in den aufgeführten Online-Wörterbüchern und -Tools überprüft, ob

 eine polnische Konstruktion existiert, die aus einem Funktionsnomen und einem Funktionsverb besteht,

 die Konstruktion eine bedeutungsverwandte verbale Entsprechung aufweist

 und diese verbale Entsprechung in Ableitungsrelation mit dem Funktionsnomen steht.

Ausgeschieden sind Gefüge, wenn sie mindestens einem dieser Kriterien nicht entsprechen. So hat beispielsweise das zu erheben generierte deutsche Gefüge Forderung erheben (von fordern) laut den verwendeten Online-Wörterbüchern und Übersetzungstools keine polnische Entsprechung, die aus einem Funktionsnomen und -verb besteht. Die deutsche Konstruktion Forderung erheben wird im Polnischen mit anderen sprachlichen Mitteln, wie z.B. verbal mit wymagać ‚fordern‘, realisiert. Dagegen weist die deutsche Konstruktion Antrag stellen mit dem Basisverb beantragen zwar ein polnisches Funktionsverbgefüge, nämlich składać/złożyć podanie7 ‚Antrag stellen‘ auf, die polnische Konstruktion hat jedoch kein bedeutungsverwandtes Basisverb.8 Diese deutsche und polnische Funktionsverbgefüge-Paarung Antrag stellen und składać/ złożyć podanie kommt wegen des fehlenden polnischen Basisverbs für die vorliegende Untersuchung nicht in Frage. Anders verhält es sich bei Funktionsverbgefügen, wie Unterricht erteilen (von unterrichten), das sowohl ein polnisches Gefüge, nämlich udzielać lekcji ‚Unterricht erteilen‘, als auch ein Basisverb aufweist, nämlich uczyć/nauczać ‚lehren‘. Das Basisverb uczyć/nauczać ‚lehren‘ steht jedoch morphologisch nicht mit dem Funktionsnomen lekcja ‚Unterricht‘ in Ableitungsrelation und scheidet für die Untersuchung aus – es könnte nämlich der Einwand erhoben werden, udzielać lekcji ‚Unterricht erteilen‘ und uczyć/nauczać ‚lehren‘ würden sich ohnehin semantisch voneinander unterscheiden, was die unterschiedlichen Wortstämme markieren. Dieses Verfahren wurde für jedes generierte deutsche Funktionsverbgefüge wiederholt und der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit konnte durch das Aussortieren von Gefügen ohne eine Entsprechung in beiden Sprachen weiter eingegrenzt werden, sodass anschließend eine Liste von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen erstellt werden konnte, die

 weniger feste und lexikalisierte,

 statistisch signifikante deutsche Funktionsverbgefüge

 sowie polnische Äquivalente

 mit korrespondierenden Basisverben enthält.

Die generierten deutschen Gefüge wurden im nächsten Schritt auf ihre Vorkommensfrequenzen in DeReKo überprüft und nach absteigender Häufigkeit sortiert, vgl. die folgende Tabelle 4:


abs. Treffer rel. pMW Deutsch: FVG Basisverb Polnisch: FVG Basisverb
528.523 58.10 Frage stellen fragen zadawać/ zadać pytanie (za-/s-)pytać
206.409 22.70 Entscheidung treffen entscheiden podjąć/ podejmować decyzję (z-)decydować
236.923 21.70 Information geben informieren podać/ podawać informację informować/ poinformować
168.847 18.60 Beitrag leisten beitragen wnieść/wnosić wkład przykładać się/składać się
136.098 15.00 Antwort geben antworten dać/dawać odpowiedź odpowiadać/ odpowiedzieć
116.286 10.60 Arbeit leisten arbeiten wykonać/ wykonywać pracę pracować
52.441 4.80 Hilfe leisten helfen udzielać/udzielić pomocy pomagać/ pomóc
37.663 3.60 Versuch unternehmen versuchen podejmować/podjąć próbę (s-)próbować
26.597 2.57 Vorbereitung treffen vorbereiten (po-)czynić przygotowania przygotowywać/ przygotować
25.862 2.40 Änderung vornehmen ändern dokonać/dokonywać zmiany zmieniać/zmnienić
7.427 0.80 Zustimmung erteilen zustimmen wydać/wydawać zgodę zgadzać/zgodzić się

Tabelle 4:

Deutsche und polnische Funktionsverbgefüge – Frequenz in DeReKo (2018-I)9

Tabelle 4 zeigt Beispiele für deutsche und polnische Funktionsverbgefüge-Paarungen, die nach der Frequenz der deutschen Funktionsverbgefüge in DeReKo (2018-I) nach absteigender Häufigkeit sortiert sind. Die Frequenz ist in absoluten Treffern angegeben, aber auch in relativer Häufigkeit in Bezug auf die Korpusgröße durch die Angabe der Treffer pro Million Wortformen (pMW) (vgl. COSMAS II: Häufigkeitsmaße10; Keibel 2008, 200911). Relative Frequenzen, wie Treffer pro Million Wortformen erlauben es, einzelne Lexeme bzw. Wortkombinationen ihrer Häufigkeit nach in verschiedene Häufigkeitsklassen einzuteilen. Ein Lexem, wie Dadaismus, ist laut der Häufigkeitsklassen des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache mit einem pMW-Wert von 0,23 pMW als selten einzustufen. Dagegen gehören die Artikel der, die, das, des, dem, den mit 92.00 pMW zu den frequentesten sprachlichen Einheiten und werden der höchsten Häufigkeitsklasse zugeteilt (Keibel 2008, 2009). Das Funktionsverbgefüge Frage stellen kann mit einem Häufigkeitsmaß von 58.1 pMW demnach als sehr frequente Konstruktion eingestuft werden. Dass das Funktionsverbgefüge Frage stellen im Deutschen sehr frequent ist, deckt sich mit der von Kamber (2008) durchgeführten Korpusuntersuchung, in der Frage stellen das frequenteste Gefüge aller von Kamber untersuchten Konstruktionen darstellt (vgl. Kamber 2008: 107). Weiter häufig sind in Tabelle 4 die Gefüge Entscheidung treffen mit 22.7 pMW und Information geben mit 21.7 pMW; Beitrag leisten mit Antwort geben weisen mit 18.6 pMW und 15.0 pMW im Vergleich mit den anderen Gefügen in der Tabelle eine mittlere Häufigkeit auf. Relativ selten sind dagegen beispielsweise die Gefüge Versuch unternehmen (3.6 pMW), Vorbereitung treffen (2.57 pMW), Änderung vornehmen (2.4 pMW) und Zustimmung erteilen (0.8 pMW), d.h. vergleichbar mit Dadaismus mit 0,23 pMW.

Von den aufgeführten generierten deutschen Funktionsverbgefügen mit hoher oder mittlerer Frequenz sind insbesondere drei Konstruktionen interessant, nämlich Frage stellen und Entscheidung treffen als häufigste Gefüge sowie Antwort geben:

Fragen stellen und Antworten geben stehen miteinander in semantischer Relation (vgl. Aitchison 1997, Schwarz/Chur 2004: 58). Die Funktionsnomen Frage und Antwort bilden einerseits auf semantischer Ebene Antonyme, und zum anderen bezeichnen die Gefüge Frage stellen und Antwort geben Sprachhandlungen, die sequenziell aufeinanderfolgen und ein Adjazenzpaar bilden (vgl. Schwarz/Chur 2004: 58; Liedtke 2016: 28). Aber auch Fragen stellen, Entscheidungen treffen und Antworten geben können aus (sprach-)handlungslogischer und semantischer Sicht miteinander verknüpft sein, z.B. als aufeinanderfolgende Handlungen im Sinne von ‚zuerst Fragen stellen – dann Entscheidungen treffen – und schließlich Antworten geben‘, was für eine Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang, d.h. in Bezug auf textsemantische und -pragmatische Phänomene (vgl. Averintseva-Klisch 2018), nicht unwesentlich erscheint. Zudem bilden Fragen ein prominentes Untersuchungsobjekt in der Linguistik hinsichtlich inhaltlicher, formaler und pragmatischer Gesichtspunkte, beispielsweise in Bezug auf verschiedene Wortstellungsmuster, Intonationskurven, enthaltene Präsuppositionen und ihre Funktion, Gespräche zu lenken und Wissensasymmetrien auszugleichen (z.B. Khalil 2012, Yang 2003, Hayano 2013, Spranz-Fogasy 2014: 10; Schegloff 2007; MacMartin 2008, Stivers 2013, Heritage 2013: 386). Antworten bilden in Bezug auf kooperatives sprachliches Handeln und die sequenzielle Organisation im Gespräch den zweiten Teil des Frage-Antwort-Paares (vgl. Liedtke 2016: 28) und geben neben inhaltlich-explizitem Wissen Aufschluss über kulturell geprägte Präferenzen oder Vermeidungsstrategien zu gestellten Fragen (vgl. z.B. Pomerantz/ Heritage 2013, vgl. auch MacMartin 2008, Kabatnik et al. 2019). Entscheidungen werden als Prozesse in der Psychologie und der Soziologie untersucht, insbesondere hinsichtlich intrinsischer und extrinsischer Wirkfaktoren sowie individueller als auch kollektiver Entscheidungsprozesse (vgl. Kerndörfer 2013, Kirsch 2013), die mental wie verbal realisiert werden können. Jacob (2017) modelliert Entscheidungsprozesse als kommunikative Praxis aus funktionalpragmatischer und diskurslinguistischer Perspektive, die als „soziales und kommunikatives Geschehen“ aufgefasst (Stollberg-Rilinger 2015: 631f.), den menschlichen Alltag bestimmen und (beg-)leiten (vgl. Jacob 2017: 1).

Aufgrund der statistischen Signifikanz der generierten Gefüge, ihrer Häufigkeit in DeReKo (2018-I) sowie ihrer alltagsweltlichen Relevanz entscheide ich mich für die Untersuchung von Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang für die Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie für die polnischen Äquivalente zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję.

In einem korpusbasierten Verfahren zur Generierung von weniger festen und lexikalisierten Funktionsverbgefügen mithilfe einer mit COSMAS II durchgeführten Kookkurrenzanalyse von dreizehn Funktionsverben wurden statistisch signifikante deutsche Funktionsverbgefüge ermittelt und polnischen Äquivalenten zugeordnet. Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit konnte auf diese Weise eingegrenzt und aus einer Vielzahl möglicher Konstruktionen konnten deutsche und polnische Gefüge ausgewählt werden. Die ausgewählten Gefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen bezeichnen alltagsweltliche mentale und/oder verbale Prozesse, die von verschiedenen (sprach-)wissenschaftlichen (Teil-)Disziplinen erforscht werden. Aufgrund ihrer semantischen und pragmatisch-interaktionalen Verbindung zueinander sind diese Gefüge für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang geeignet. Im nächsten Abschnitt wird für die vorliegende Studie eine geeignete Datengrundlage in Form von deutschen und polnischen Text-Korpora ausgewählt.

2.2. Wahl der Korpora

Den Untersuchungsstand der vorliegenden Arbeit bilden die Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie ihre polnischen Äquivalente zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję. Für die Beantwortung der Forschungsfragen zu Funktionen von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang soll im Folgenden eine geeignete und vergleichbare Datengrundlage in Form von deutschen und polnischen Korpora ausgewählt werden.

Die Frage nach den Funktionen von Funktionsverbgefügen im Text bezieht sich auf die Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen seit Wustmanns Stilkunde aus dem Jahre 1891, die gegenwärtig auf Schreibblogs, in universitären Richtlinien zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten als auch in modernen Textanalysetools im WWW rezipiert wird (vgl. Wustmann 1891: 416ff.; Reiners 1943–2009; Mackowiak 2011: 72; Textwende: Schreibtipps1; TU Braunschweig: Gestaltungsrichtlinien2, Textanalysetool"3; s. Kap. 1.2.1). Funktionsverbgefüge werden dort als schlechter und unverständlicher Behördenstil abgetan (vgl. z.B. Reiners 2009: 72; Textwende: Schreibtipps4) und auch in der linguistischen Forschungsliteratur werden Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, mit einem öffentlichen und amtlichen Sprachduktus in Verbindung gebracht (vgl. grammis online 20195; Hoffmann 2017: 225; Heringer 2014: 115). Funktionsverbgefüge kommen zwar z.B. in Gesetzestexten (Seifert 2004, Crestani 2013, Storrer 2013), politischen (Panzer 1986), wissenschaftlichen (Richter 1988) und wirtschaftlichen Texten (Schaarschuh 1990, Marušić 2012) vor, sie werden aber auch in einer Vielzahl stilistisch unterschiedlicher Textsorten verwendet, wie z.B. in Zeitungstexten (Schmidt 1968, Popadić 1971), literarischer Prosa (Daniels 1963, Storrer 2013) und in der Online-Enzyklopädie Wikipedia (Storrer 2013), d.h. jede dieser Text(sort)en würde für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen in Frage kommen, sofern vergleichbare deutsche und polnische Korpora existieren. In diesem Zusammenhang erscheint die Online-Enzyklopädie Wikipedia besonders interessant, denn als weltweit größte multilinguale Online-Wissensressource bildet die Wikipedia eine wesentliche Quelle der gegenwärtigen Informationsbeschaffung im Internet und ist in Form von mehrsprachigen Korpora verfügbar (vgl. Cölfen 2012: 512f.; Pscheida 2010: 336, Mederake 2016, van Dijk 2010: 86; Lih 2009; Tiedemann 2012; Wołk/ Marasek 2014, Margaretha/Lüngen 2014). Als Online-Enzyklopädie, bei der unter Voraussetzung einer Registrierung ein Jeder mitwirken kann, ist die Wikipedia ein kollaboratives und gemeinnütziges Schreibprojekt auf ehrenamtlicher Basis, bei dem der Textproduktionsprozess einer ständigen Aushandlung innerhalb der Wikipedia-Community unterliegt (Mederake 2016: 179). Die Wikipedia existiert in insgesamt 302 Sprachversionen (Wikipedia: Sprachen6). Die deutsche Version hat nach der englischen und schwedischen die meisten Artikel (Wikipedia: Statistik – Vergleich verschiedener Sprachversionen),7 d.h. es werden sehr große und frei verfügbare Datenmengen auch für die Wissenschaft bereitgestellt, sodass die Wikipedia in unterschiedlichen humanwissenschaftlichen Forschungsrichtungen untersucht wird (vgl. Pscheida 2010: 334), z.B. zum Kooperations- sowie Konfliktlösungsverhalten im Wikipedia-Sozio-System (Wilkinson/Hubermann 2007, Matei/Dobrescu 2006), zur Motivation und Partizipation der Verfasser und Verfasserinnen (Hassel 2007, Möllenkamp 2007), zur Qualität der Wikipedia-Artikel (Blumenstock 2008, Stvilia et al. 2005) sowie zur Wikipedia als Lern- und Lehrplattform für (auto)didaktische Zwecke (Jaschniok 2007, Büffel/Pfeil/Schmalz 2007, Wolf 2007; s.a. den Forschungsstand zur Wikipedia: Wikipedistik8). Für die Linguistik ist die Wikipedia aber nicht nur wegen der verfügbaren Datenmassen und verschiedenen Sprachversionen interessant, sondern auch als Textsorte Enzyklopädie-Artikel, die in einem Aushandlungsprozess der Verfasser und Verfasserinnen als kollaborative Schreibpraxis im Internet entsteht und dieser in der Versionengeschichte und in Diskussionsseiten zu einzelnen Artikeln nachverfolgt werden kann (vgl. Gredel/Mell 2018, Gredel 2018a, b, c). Wikipedianer*innen diskutieren beispielsweise über die Konzeption oder die Struktur von Wikipedia-Artikeln und passen die Inhalte gegebenenfalls an (vgl. Stvilia et al. 2005: 17; van Dijk 2010). Wikipedia-Daten, denen auch Angaben zu Benutzern und Benutzerinnen, wie z.B. der Status innerhalb der Community oder die Anzahl verfasster Artikel, entnommen werden können, eignen sich für diskurslinguistische Fragestellungen nach Macht- und Aushandlungsprozessen in komplexen Sozio-Systemen (vgl. Gredel/Mell 2018, Gredel 2018a, b, c). Zudem gehören Wikipedia-Texte durch ihre Lokalisierung im WWW zu Hypertexten, in denen verschiedene Phänomene internetbasierter Kommunikation, wie z.B. Verlinkungen und Emoticons, aber auch multimodale Elemente in Form von Sprach- und Videoaufnahmen zu finden sind (vgl. Storrer 2018a, b; Gredel/Herzberg/Storrer, 2018; Wikipedia: Artikel mit Video9). Beim Verfassen der Artikel befolgen die Wikipedianer und Wikipedianerinnen Konventionen, die in den Wikipedia-Guidelines zusammengefasst werden und neben Informationen zur Zitierweise oder Angaben zur angemessenen Länge von Artikeln auch Richtlinien zur Verständlichkeit beinhalten (Wikipedia: Wie schreibe ich gute Artikel10):

Ein guter Artikel in Wikipedia soll verständlich sein. Überprüfe neue Artikel oder Änderungen auf allgemeine Verständlichkeit, siehe Checkliste Verständlichkeit. Menschen ohne einschlägige fachliche Vorbildung sollen einen Artikel, zumindest aber die zusammenfassende Einleitung verstehen können. Zur Verständlichkeit erforderliche Erklärungen sollen direkt im Artikel gegeben werden. Verweise geben weiterführende und vertiefende Informationen zum Thema. Artikel, auf die verwiesen wird, sollten ebenfalls verständlich sein. (Wikipedia: Allgemeinverständlichkeit; Hervorhebung im Original11)

Die Richtlinien zur Allgemeinverständlichkeit in Wikipedia-Artikeln beziehen sich auf die Grundsätze des Hamburger Verständlichkeitskonzepts, das z.B. auf die Einfachheit im Ausdruck, die Gliederung des Textes sowie auf die Kürze und Prägnanz der Produktion eines verständlichen Textes setzt (Tausch/Langer/Schulz von Thun 2015; Wikipedia: Hamburger Verständlichkeitskonzept12). Die Qualität sowie die Verständlichkeit der Wikipedia-Artikel konnte nicht nur durch empirische Studien belegt werden (Kurzidim 2004, Wiegand 2007), sondern lässt sich auch mit Klickzahlen im Internet in Verbindung bringen: Neben anderen Online-Diensten wie Google, Facebook oder Amazon gehört die Wikipedia zu den meistaufgerufenen Seiten im WWW der Gegenwart und besetzt Platz 5 (vgl. Wikipedia: Liste der meistaufgerufenen Websites13) bzw. Platz 7 (Chip: Die meistgeklickten Webseiten der Welt14) der weltweiten Ranglisten. Würden Funktionsverbgefüge, wie von Stil- und Schreibratgebern behauptet wird (vgl. Mackowiak 2011: 72), Texte unverständlich machen, dann dürften die schwülstigen Umschreibungen (zitiert nach Daniels 1963: 9f.) nicht in Wikipedia-Artikeln vorkommen. Aus der Korpusstudie von Storrer (2013) geht jedoch hervor, dass die dort untersuchten Funktionsverbgefüge Abbitte leisten, Absage erteilen, Anwendung finden, Entscheidung treffen und Kritik üben im Wikipedia-Korpus sogar häufiger vorkommen als im Vergleichskorpus mit juristischen Texten (vgl. Storrer 2013: 197). Durch den Bezug zu linguistischen Verständlichkeitskonzepten und dem Vorkommen von Nomen-Verb-Verbindungen eignen sich Wikipedia-Artikel hervorragend als Datengrundlage für die Erforschung von Funktionsverbgefügen bezüglich ihrer Leistungen im Textzusammenhang.

Für die Vergleichssprachen der vorliegenden Untersuchung Deutsch und Polnisch15 sind zwei Arten von Korpora mit Wikipedia-Artikeln verfügbar, nämlich die Parallelkorpora der Korpus-Plattform OPUS (Tiedemann 201216; Wołk/Marasek 2014) mit Wikipedia-Artikel-Korpora in 20 Sprachen17 – darunter sind beispielsweise Arabisch, Russisch und Vietnamesisch sowie Englisch, Französisch, Deutsch und Polnisch – und die Vergleichskorpora des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache,18 die mit dem Deutschen in insgesamt neun Sprachversionen zur Verfügung stehen, und zwar in Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Norwegisch, Kroatisch, Ungarisch und Polnisch (Margaretha/Lüngen 201419).

Die Parallelkorpora der OPUS-Plattform basieren auf maschinellen Übersetzungen von Originaltexten in eine bzw. mehrere Zielsprachen (Wołk/ Marasek 2014) und eignen sich für Fragestellungen, die sich beispielsweise auf die Ausprägung einer sprachlichen Form bzw. Mehrworteinheit in verschiedenen Sprachsystemen befassen, z.B. wie die Konstruktion Frage stellen im Polnischen widergegeben wird und ob es unterschiedliche Übersetzungsvarianten gibt, was an den folgenden Beispielen aus Linguee demonstriert wird (Hervorhebung S.K.)20

1 Deutsch: Eine Frage stellt sich natürlich immer wieder, nämlich, ob die humanitäre Hilfe die Richtigen erreicht, und hier spielt Transparenz eine sehr wichtige Rolle.Polnisch: Oczywiście rodzi się jedno pytanie – pytanie zadawane od dawna – o to, czy pomoc humanitarna dociera do rzeczywistych odbiorców, przejrzystość odgrywa tu bardzo ważną rolę.

2 Deutsch: Wenn ihm eine Frage gestellt wird, sollte ein Präsident versuchen, sie irgendwie zu beantworten und eine mutige Entscheidung treffen: Er sollte sagen „Ich bin dafür” oder „Ich bin dagegen” und dies begründen.Polnisch: Gdy słyszy pytanie, powinien spróbować na nie odpowiedzieć i podjąć odważną decyzję: oświadczyć „Jestem za” lub „Jestem przeciw”, po czym wyjaśnić, dlaczego.

In keiner der polnischen Übersetzungen erscheint das Funktionsverbgefüge Frage stellen als Nomen-Verb-Verbindung: In (1) wird das Funktionsverbgefüge Frage stellen mit rodzić pytanie übersetzt, was wörtlich ‚eine Frage gebären‘ bedeutet (vgl. Pons online: rodzić21). In (2) wird Wenn ihm eine Frage gestellt wird mit Gdy słyszy pytanie wiedergegeben, was wörtlich ‚wenn er eine Frage hört‘ bedeutet, d.h. in Übersetzung (2) ist kein Funktionsverbgefüge vorhanden, sondern nur das Nomen Frage ‚pytanie‘. Das deutsche Funktionsverbgefüge Frage stellen kann also je nach kontextuellen Erfordernissen auch mit anderen sprachlichen Mitteln übersetzt werden (vgl. Kvam 2010: 55). In Übersetzungen kann es zudem zur Übertragung von Strukturen der Ausgangssprache auf die Zielsprache als Shining-through-Effekte kommen (Teich 2003: 61; Hansen 2006: 115), was sich auf Untersuchungsergebnisse auswirken kann. Die Wikipedia-Übersetzungsmaschine der OPUS-Plattform wird außerdem von den Entwicklern als weiter verbesserungsfähig im Vergleich mit menschlichen Übersetzungen eingestuft (Wołk/ Marasek 2014: 131), was auf zusätzliche Fehlerquellen schließen lässt. Da in der vorliegenden Arbeit deutsche und polnische Funktionsverbgefüge auf systematisierbare Funktionen im Textzusammenhang im jeweiligen sprachlichen Einzelsystem untersucht werden, wären mögliche Übersetzungsvarianten, Shining-through-Effekte sowie maschinelle Übersetzungsfehler Störfaktoren in der Untersuchung, sodass ich mich für die Zwecke der vorliegenden Arbeit für Vergleichskorpora entscheide.

Bei Vergleichskorpora handelt es sich um Sammlungen von Originaltexten in verschiedenen Sprachen zu „einem vergleichbaren Diskursbereich“ (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 138), d.h. zu einem gemeinsamen Thema bzw. zu einer Textsorte, wie z.B. einem deutschen (Wikipedia: Krim22) und einem polnischen Original-Artikel zur Krim (Wikipedia: Krym23), die keine Übersetzungen voneinander sind und (vermutlich) von unterschiedlichen menschlichen – und ausdrücklich nicht maschinellen – Textproduzenten und -produzentinnen verfasst wurden.24 Da ich an natürlicher und von anderen Sprachen unabhängiger Sprachproduktion interessiert bin, fällt die Wahl für die Untersuchung von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang auf die Wikipedia-Vergleichskorpora des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, die in weitere Subkorpora,25 z.B. nach ihrem Entstehungsjahr unterteilt werden (COSMAS II: Wikipedia-Korpora26). Das deutsche Wikipedia-Artikelkorpus existiert zum Zeitpunkt der Datenerhebung (Mai bis November 2018) in den Versionen der Entstehungsjahre 2013, 2015 und 2017. Das polnische Subkorpus ist zum Erhebungszeitpunkt jedoch nur in den Versionen aus den Jahren 2013 und 2015 verfügbar, sodass für die zeitliche Konsistenz der Datengrundlage die Wikipedia-Subkorpora aus dem Jahr 2015 für beide Sprachen ausgewählt wurden (vgl. Kupietz et al. 2018). Das deutsche Wikipedia-Artikel-Korpus (WPD15) setzt sich aus 1 802 682 Texten und 824 692 227 Textwörtern zusammen, das polnische Korpus (WPP15) enthält 1 105 401 Texte und 282 995 410 Textwörter. Das polnische Wikipedia-Korpus ist demzufolge deutlich kleiner als das deutsche, was in Bezug auf die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der Ergebnisse zu berücksichtigen ist.

Als Datengrundlage für die Untersuchung der Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie der polnischen Äquivalente wurden die Wikipedia-Artikel-Korpora des IDS aus dem Entstehungsjahr 2015 ausgewählt. Wikipedia-Artikel eignen sich für die vorliegende Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang, weil die Artikel auf linguistischen Konzepten zur Verständlichkeit von Texten basieren. Im nächsten Abschnitt gehe ich auf die weitere Vorgehensweise bei der Datenerhebung sowie die Analysemethoden der vorliegenden Arbeit ein.

2.3. Datenerhebung und Vorgehensweise

Die Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie ihre polnischen Äquivalente zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję werden in der vorliegenden Arbeit auf ihre Leistungen im Textzusammenhang untersucht. Für die Untersuchung dieser Konstruktionen wurden als Datengrundlage die deutschen und polnischen Wikipedia-Artikel-Korpora (WPD15, WPP15) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache ausgewählt, aus denen ein geeigneter Datensatz sowie -menge extrahiert wurde. Im Folgenden wird die Vorgehensweise bei der Erhebung sowie der Analyse der Daten vorgestellt.

Für die Untersuchung von textuellen Leistungen von Funktionsverbgefügen wurde der korpusbasierte, quantitativ-qualitative Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015) herangezogen. Die Daten werden diesem Ansatz nach quantifiziert, aber in weiteren Schritten auch qualitativ und im Sinne des Kontextualismus analysiert (Wittgenstein 1967, Firth 1968). Der Kontextualismus untersucht sprachliche Einheiten auf ihre Funktionen im Kontext (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 30)1 und versteht sich als Gebrauchsorientierte Theorie der Bedeutung, denn „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (Wittgenstein 1967: 43) oder „You shall know a word by the company it keeps.“ (Firth 1968b: 179). Mit diesem Ansatz werden Mehrworteinheiten, wie und er (‚Kollokationen‘ nach Lemnitzer/Zinsmeister 2015: 32; Hervorhebung S.K.) und Antrag stellen (‚Kolligationen‘ nach Lemnitzer/Zinsmeister 2015: 32, ‚Funktionsverbgefüge‘ nach Kamber 2008: 22), im „rohen“ und nicht vorannotierten bzw. getaggten Korpus auf ihren Gebrauch im Kontext analysiert und gehören nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015) zum Hauptuntersuchungsschwerpunkt des Kontextualismus (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 32ff.; Bsp. aus Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 32; Hervorhebung S.K.). Für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen auf ihre Funktionen im Textzusammenhang, d.h. als „Paare sprachlicher Einheiten […], deren Zusammenhang durch die Bezeichnung ihrer syntaktischen Kategorie und der Beziehungen zwischen diesen Kategorien weiter qualifiziert ist“ (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 32) erscheint der korpusbasierte quantitativ-qualitative Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015) als geeignet. Zwei Einschränkungen werden in Bezug auf diese Untersuchungsmethode vorgenommen: Erstens wird nicht die gesamte Anzahl an absoluten Treffern im Korpus untersucht, sondern lediglich eine im quantitativen Sinn geeignete Auswahl an Treffern als Zufallsstichprobe. Und zweitens analysiere ich die Daten nicht ausschließlich induktiv, sondern leite auf der Basis der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen ein Annotationsschema in Form eines Kategoriensets ab (s. Kap. 3), das anschließend induktiv erweitert wird, d.h. es werden deduktive mit induktiven Analysemethoden kombiniert (vgl. Meindl 2011: 27f.).

Die Erhebung der Daten für die vorliegende Untersuchung beläuft sich auf einen Zeitraum von Mai bis November 2018 und basiert auf wichtigen Vorüberlegungen und -tests, durch die Suchanfragen in COSMAS II schrittweise weiter angepasst wurden. Bei den ausgewählten Funktionsverbgefügen handelt es sich um einen bestimmten Typ von Mehrworteinheiten, die aus einem Funktionsverb – stellen, geben, treffen – und einem Funktionsnomen – Frage, Antwort, Entscheidung (vgl. Kamber 2008; Heine 2006: 49, Hermann 2019) – bestehen und sich durch einen geringen Grad an Festigkeit und Lexikalisierung auszeichnen (vgl. Helbig/Buscha 2011: 87), d.h. die Komponenten der Gefüge können verschiedene Flexionsformen bilden, erweitert werden und an verschiedenen Positionen im Satz vorkommen, was bei der Erhebung der Daten berücksichtigt werden muss, vgl. die folgenden Beispiele:


Deutsch Polnisch
(1)Sie stellt diese/wichtige(n) Fragen. (2)Ona zadaje te/ważne pytania.
(3)Sie stellte ihm eine Frage. (4)Zadaje mu pytanie.
(5)Eine Frage hat sie gestellt. (6)Pytanie zadała (ona).
(7)Sie hat eine Frage gestellt. (8)Zadała pytanie.

Die Beispiele zeigen, dass die deutschen und polnischen Funktionsnomen Frage und pytanie beispielsweise im Singular (3, 4) oder Plural (1, 2) gebildet werden können, am Satzanfang (5, 6) oder am -ende (7, 8) stehen können sowie durch verschiedene Erweiterungen voneinander getrennt (1, 2) oder zusammen stehen können (7, 8) (vgl. Daniels 1963: 230; Popadić 1971: 56; Żmigrodzki 2000: 119ff./178; Popadić 1971: 25; Hinderdael 985: 159/218f.; Seifert 2004: 192; Heine 2006: 162ff.). Hinsichtlich der Abfolge und der Flexionsformen der Funktionsverbgefüge wurden aufgrund dieser syntaktischen Variabilität der Komponenten (vgl. Schmidt 1968: 56; Helbig/Buscha 2011: 88ff.) keine Einschränkungen bei der Datenerhebung vorgenommen. Weil die Funktionsnomen und -verben auch in wörtlicher Bedeutung, d.h. auch außerhalb der Wortverbindung vorkommen können (Helbig/Buscha 2011: 87), wie z.B. in Sie trafen sich vor dem Bahnhof. Dort verkündeten sie ihre Entscheidung, beschränkt sich die Suchanfrage in COSMAS II auf die Satzgrenze (Suchbefehl: /s0), die nach der in der Korpuslinguistik üblichen Definition durch einen Punkt markiert ist (vgl. Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 26). Es wurden also alle möglichen Flexionsformen (Suchbefehl: &) und Positionen der Funktionsnomen und -verben bei der Erhebung der Daten mithilfe von COSMAS II aus den Wikipedia-Artikel-Korpora (2015) berücksichtigt. Weil die vorliegende Arbeit auf Funktionen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang im Sinne des Kontextualismus (Lemnitzer/Zinsmeister 2015: 37) zielt, wird der Trefferkontext bei der Datenerhebung vom Treffer ausgehend um 10 Sätze links und 10 Sätze rechts erweitert (vgl. Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 111). Die Suchanfrage

&[Funktionsnomen] /s0 &[Funktionsverb]

wird auf die Gefüge Antwort geben und Entscheidung treffen angewendet. Weil zu Frage stellen das formal ähnliche Funktionsverbgefüge in Frage stellen im Sinne von ‚an etw./jmd. zweifeln‘ (vgl. DWDS: Frage)2 existiert, das sich von Frage stellen durch einen höheren Grad an Festigkeit und Lexikalisierung unterscheidet (vgl. Kamber 2008: 136), musste die Suchanfrage bei Frage stellen weiter angepasst werden. Zudem existiert zu Frage stellen die reflexive Variante sich eine Frage stellen, vgl. die folgenden Beispiele aus Linguee (Hervorhebung S.K.)3

1 sich eine Frage stellen:

Dann würde sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit stellen.

Diese Frage stellt sich dem Rechtsstaat immer dann, […].

Für sie stellt sich natürlich eine Frage sehr einschneidend: […].

Es stellt sich jedoch schon die Frage, ob […].

1 etw. in Frage stellen:

[…] würden die politischen Institutionen in Frage gestellt, […].

Die Existenz der Regionalstelle ist langfristig in Frage gestellt, […].

[…] den Mut aufgebracht, sich selbst in Frage zu stellen.

[…] liebgewordene Traditionen in Frage zu stellen, […].

Die Beispiele (9) und (10) zeigen, dass sich die reflexive Konstruktion im Grad der Festigkeit von der präpositionalen unterscheidet. Das Nomen kann in der Reflexivkonstruktion um verschiedene sprachliche Einheiten erweitert werden (9). Die präpositionale Konstruktion ist dagegen fest, Attribute des Funktionsnomens konnten nicht identifiziert werden und die Komponenten der Konstruktion stehen in Kontaktstellung.4 Da die Funktionsverbgefüge sich eine Frage stellen sowie in Frage stellen nicht zum Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit gehören, sollen möglichst beide Konstruktionstypen vor der Datenerhebung maschinell aussortiert werden. Der höhere Festigkeitsgrad von in Frage stellen erweist sich dabei als hilfreich, denn durch die Anpassung der Suchanfrage mit dem Suchbefehl, keine Konstruktionen mit der Präposition in vor Frage aufzuspüren, führt zu einem höheren Maß an Präzision und Recall (vgl. Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 40) in Bezug auf die Frage-stellen-Konstruktion, vgl. die folgende Suchanfrage:

#LINKS((&Frage %-w1 in) /+s0 &stellen) ODER #RECHTS((&Frage %-w1 in) /-s0 &stellen)

Da das Reflexivpronomen in der Reflexivkonstruktion sich eine Frage stellen nicht immer mit dem Funktionsnomen Frage in Kontaktstellung steht (10) und durch den Ausschluss des Reflexivpronomens unter Umständen andere (Verb-)Formen verloren gehen würden, habe ich die sich-eine-Frage-stellen-Konstruktion nicht automatisch von COSMAS II aussortieren lassen, sondern die reflexiven Formen von Frage stellen händisch aussortiert.

Für die Suchanfragen im polnischen Wikipedia-Artikel-Korpus (2015) werden zwar dieselben Maßstäbe angesetzt wie für die Erhebung der deutschen Daten, d.h. Funktionsnomen und -verb sollen in allen Flexionsformen und an verschiedenen Positionen im Satz vorkommen können, die Suchanfragen für die polnischen Gefüge zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję unterscheiden sich aber von den deutschen Anfragen, weil die fremdsprachigen Wikipedia-Korpora des IDS nicht lemmatisiert sind. Für die Erhebung der polnischen Daten mussten bei der Suchanfrage deswegen reguläre Ausdrücke verwendet werden (Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 34), d.h. jede Flexionsform der beiden Komponenten wurde einzeln eingegeben und geklammert, vgl. die folgende Suchanfrage:5

Suchanfrage zu zadać pytanie ‚Frage stellen‘

(zadać ODER zadam ODER zadałem ODER zadałam ODER zadasz ODER zadałeś ODER zadałaś ODER zada ODER zadał ODER zadała ODER zadało ODER zadamy ODER zadaliśmy ODER zadałyśmy ODER zadacie ODER zadaliście ODER zadałyście ODER zadają ODER zadali ODER zadały ODER zadał ODER zadała ODER zadałbym ODER zadałabym ODER zadałbyś ODER zadałabyś ODER zadało ODER zadałby ODER zadałaby ODER zadałoby ODER zadalibyśmy ODER zadałybyśmy ODER zadalibyście ODER zadałybyście ODER zadaliby ODER zadałyby ODER zadaj ODER zadajmy ODER zadajcie ODER zadadzą ODER zadane ODER zadawszy)/s0 (pytanie ODER pytania ODER pytań ODER pytaniu ODER pytaniom ODER pytaniem ODER pytaniami ODER pytaniu ODER pytaniach)

Zu beachten ist in Bezug auf die Gefüge im Polnischen, dass die Konstruktionen jeweils in einer perfektiven, z.B. zadać pytanie, und einer imperfektiven Form, z.B. zadawać pytanie vorkommen (Engel et al. 1999: 551ff.), d.h. für die Erhebung der Daten zu den polnischen Gefügen wurden insgesamt sechs Suchanfragen gestellt und sechs Datensätze aus dem Wikipedia-Artikel-Korpus (WPP15) exportiert.

Für die Untersuchung von polnischen und deutschen Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang, sollte eine im quantitativen Sinne geeignete Stichprobe von mindestens 1000 Treffern pro Sprache (Bortz/Döring 2006: 397) exportiert werden. Deswegen habe ich pro Funktionsverbgefüge eine Stichprobengröße von mindestens 300 zufälligen Treffern angesetzt. Eine Ausnahme bilden dabei die Funktionsverbgefüge Frage stellen und die polnische Entsprechung zada(wa)ć pytanie, für die aufgrund eines noch unbekannten Umfangs reflexiver Formen zum Zeitpunkt der Datenerhebung eine umfangreichere Stichprobe von 500 bzw. 604 Treffern gezogen wurde, um die Anzahl an Falsch-Positiven – „fälschlicherweise gefundenen Treffer[n]“ (Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 39) – einzugrenzen, vgl. die folgende Zusammenfassung der Datenerhebung aus dem deutschen und polnischen Wikipedia-Artikel-Korpus (2015) in der folgenden Tabelle:


Sprache Funktionsverbgefüge Abs. Treffer rel. Häufigk. pMW Zufallsstichprobe
Deutsch Frage stellen 6.256 7.586 500
Antwort geben 1.522 1.846 300
Entscheidung treffen 4.348 5.272 300
Polnisch zadać pytanie 304 1.0740 304
zadawać pytanie 549 1.9400 300
dać odpowiedź 195 0.6891 195
dawać odpowiedź 138 0.4876 138
podjąć decyzję 7.640 27.0000 150
podejmować decyzję 1.321 4.6680 150
Summe 2337

Tabelle 5:

Datenerhebung: Trefferzahlen absolut – relativ – Stichprobengröße (WPD15 & WPP15)

Tabelle 5 zeigt für die ausgewählten Funktionsverbgefüge die absoluten Trefferzahlen, die exportierte Stichprobengröße sowie die relativen Frequenzen in pro Million Wortformen (pMW) in den Wikipedia-Artikel-Korpora (WPD15, WPP15). Auffällig ist unter den polnischen Treffern, dass das Funktionsverbgefüge podjąć decyzję mit einer Häufigkeit von 27 pMW nicht nur deutlich häufiger vorkommt als die polnischen Gefüge podejmować decyzję ‚Entscheidung treffen‘, da(wa)ć odpowiedź ‚Antwort geben‘ und zada(wa)ć pytanie ‚Frage stellen‘, sondern auch insgesamt mit 7,640 Treffern häufiger ist als die deutschen Gefüge mit Frage stellen als häufigstes Gefüge mit 7.586 pMW und 6.256 absoluten Treffern. Überraschend ist dieses Ergebnis, weil das polnische Wikipedia-Korpus deutlich kleiner ist als das deutsche – das polnische Korpus (WPP15) besteht aus 1 105 401 Texten und 282 995 410 Textwörtern und das deutsche (WPD15) aus 1 802 682 Texten und 824 692 227 Textwörtern, d.h. in Relation zur Korpusgröße ist die perfektive Variante des polnischen Funktionsverbgefüges podjąć decyzję ‚Entscheidung treffen‘ eine saliente Form. Die Summe der exportierten Treffer setzt sich aus 1100 exportierten deutschen und aus 1237 polnischen Treffern zusammen und ergibt einen Datensatz von 2337 Treffer(kon)texten (10 Sätze links und rechts vom Treffer), in denen die Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie ihre polnischen Äquivalente zada(wa)ć pytanie, da(wa)ć odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję auf ihre Leistungen im Textzusammenhang analysiert werden können. Die exportierten Zufallsstichproben wurden anschließend in Microsoft Excel manuell bereinigt. Zu den bereinigten Falsch-Positiven bzw. Nicht-Treffern gehören beispielsweise die folgenden Treffer mit Funktionsverben in der Vollverbbedeutung (11), reflexive Funktionsverbgefüge (12) oder trennbare Partikelverben (13) (Hervorhebung S.K.):

1 Bis heute gibt es keine klare Antwort auf diese Frage.6

2 […], daher stellte sich für die Führung des Leningrader Straßenbahn-Verkehrsbetriebs die Frage nach der Entwicklung eines neuen Fahrzeuges.7

3 Diese Frage wird oft verwendet; so stellt sie beispielsweise die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman ihrem Buch Das Prinzip Arche Noah voran.8

Nach der manuellen Bereinigung der exportierten Daten wurde auf der Basis von syntaktischen Kategorien aus der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen ein mehrdimensionales Kategoriensystem erstellt, nach dem die deutschen und polnischen Treffer aus den Wikipedia-Artikeln annotiert wurden (s. Kap. 3; 4).

Die Gefüge wurden in Bezug auf die Erweiterung, Position und Referenz des Funktionsnomens sowie die Realisierung der Valenz analysiert, die in der Forschungsliteratur mit der Modifikation und der Spezifizierung von Informationen, der Schattierung der Mitteilungsperspektive sowie der Ballung von Informationen in Verbindung gebracht werden (vgl. Daniels 1963, Schmidt 1968, Seifert 2004). Unter Anwendung der Substitution mit dem Basisverb als qualitative Untersuchungsmethode (vgl. Glinz, 1952; Ágel 2017: 504f.), die die spezifischen Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text sichtbar macht, wurden die ausgewählten deutschen und polnischen Funktionsverbgefüge anschließend und in ihrer sprachlichen Umgebung auf die Anreicherung (s. Kap. 4.2.1), Verdichtung (s. Kap. 4.2.2 ), Perspektivierung (s. Kap. 4.2.3), Gewichtung (s. Kap. 4.2.4) und die Wiederaufnahme von Informationen (s. Kap. 4.2.5) analysiert. Gemäß der Annotationsmaximen nach Geoffrey Leech (1997) ist der Ursprungstext wiederherstellbar und es besteht die Möglichkeit zur separaten Archivierung von Annotation und Ursprungstext. Die Annotation habe ich in wiederholten Annotationsschleifen, d.h. mehrfach und zu verschiedenen Zeitpunkten, durchgeführt (Lemnitzer/Zinsmeister 2015: 103; Leech 1997). Ein Kriterienkatalog zur Validität und Reliabilität der Untersuchung wird in Abschnitt 3 vorgestellt.

Für die Analyse von deutschen und polnischen Funktionsverbgefügen auf ihre Leistungen im Textzusammenhang wurde der korpusbasierte, quantitativ-qualitative Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015) herangezogen, bei dem unter Anwendung quantitativer und qualitativer Analysemethoden Wortverbindungen auf ihren Gebrauch im Kontext untersucht werden. Aus den deutschen und polnischen Wikipedia-Korpora des IDS wurden unbereinigte Treffer exportiert, die im nächsten Schritt manuell bereinigt, nach syntaktischen Kategorien quantifiziert und anschließend qualitativ im Treffer(kon)text analysiert wurden. Das der Analyse zugrundeliegende Kategoriensystem wird im nächsten Abschnitt vorgestellt.

3. Zur Extraktion textgrammatischer und -semantischer Analysekategorien

In der vorliegenden Arbeit werden Funktionsverbgefüge auf kommunikative Leistungen untersucht. Diese Leistungen stehen mit weniger festen und lexikalisierten Funktionsverbgefügen in Verbindung (vgl. vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006a; 2013). Die Analyse der Funktionsverbgefüge erfolgt nach dem korpusbasierten, quantitativ-qualitativen Ansatz nach Lemnitzer/Zinsmeister (2015), bei dem Wortverbindungen auf ihren Gebrauch im Kontext sowohl quantitativ als auch qualitativ untersucht werden. Für die quantitative Analyse der Treffer(kon)texte der Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie der polnischen Äquivalente aus den Wikipedia-Artikel-Korpora (WPD15; WPP15, IDS) habe ich auf der Basis der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen ein mehrdimensionales Kategoriensystem entwickelt. Ich gehe bei der Kategorienbildung zunächst vom Deutschen aus und übertrage die Annahmen in der Analyse der Daten auf das Polnische. Die Analyseebenen beziehen sich auf Erweiterungen (s. Kap. 3.1), Valenz (s. Kap. 3.2), Position (s. Kap. 3.3) und die Referenz (s. Kap. 3.4) der Funktionsverbgefüge, für die im Folgenden weitere Subklassifizierungen im Zusammenhang mit der Ebene des Textes vorgestellt werden.

3.1. Erweiterung der Nominalphrase

Morphosyntaktische Erweiterungen von Funktionsverbgefügen werden in der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen mit einem bestimmten Typ von Nomen-Verb-Verbindungen behandelt: Unterschieden werden Nomen-Verb-Verbindungen nach dem Grad ihrer Festigkeit und Lexikalisierung (vgl. Helbig/Buscha 2011: 85). Dies manifestiert sich auf morphosyntaktischer Ebene beispielsweise in der Attribuierungsfähigkeit des Funktionsnomens, d.h. es existieren Gefüge, die nicht attribuiert werden können, wie z.B. *in guten Gang bringen; andere Gefüge, wie z.B. einen guten Beitrag leisten, lassen verschiedene Erweiterungen des Funktionsnomens zu (vgl. Heidolph et al. 1984: 441f.; Helbig/Buscha 2011: 87ff.; s. Kap. 1.1; 4). Der Festigkeits- und Lexikalisierungsgrad des jeweiligen Konstruktionstyps bestimmt, ob und inwieweit die Funktionsnomen erweitert werden können (vgl. Helbig/Buscha 2001: 89; Heine 2005: 44; Kamber 2008: 28f.). Die Funktionsverbgefüge der vorliegenden Arbeit Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen gehören zu den weniger festen und lexikalisierten Gefügen und können mit unterschiedlich komplexen sprachlichen Einheiten verknüpft werden (vgl. Burger 2015: 57), wie z.B. mit Artikelwörtern, Adjektiven, Nomen und Sätzen (Schmidt 1968, Gautier 1998, Storrer 2013), auf die ich im Folgenden in Bezug auf weitere Subklassen und ihre Bedeutung für den Textzusammenhang eingehe.

3.1.1. Artikelwörter

Syntaktisch variable Gefüge, wie Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen können durch Artikelwörter erweitert werden (vgl. Helbig/Buscha 2001: 89; Heine 2005: 44; Kamber 2008: 28f.) und werden nach ihrer Artikelklasse subkategorisiert (vgl. z.B. Hinderdael 1985: 145/260ff.; Schmidt 1968: 50ff.), wie z.B. einen oder den Vortrag halten (Hinderdael 1985: 145), diesen Befehl geben, ihren Einfluss üben und keinen Befehl geben (Schmidt 1968: 50/52), vgl. die folgenden Beispiele aus dem Wikipedia-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 Die Fragen sind symmetrisch gestellt […].1

2 […] gab Peter Altenberg eine gefährliche Antwort […].2

3 Die Instanz trifft ihre Entscheidung auf Basis des Gewinnerwartungswertes.3

4 […] werden diese Fragen im Folgenden an die Mutter von zwei Kindern gestellt […].4

5 Sechs Prozent gaben keine Antwort.5

In den aufgeführten Beispielen werden die Funktionsnomen Frage, Antwort und Entscheidung durch bestimmte (1) und unbestimmte Artikel (2), Possessiv- (3) und Demonstrativartikel (4) sowie Negationsartikel (5) erweitert (z.B. Hinderdael 1985: 145/260ff., Schmidt 1968: 50ff.; Storrer 2006b). Für die Ebene des Textes sind Artikelwörter als Erweiterungen der Funktionsnomen wesentlich, weil sie die Bedeutung von Nomen spezifizieren, Bezüge anzeigen und auf Textreferenten verweisen können (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 53; Adamzik 2016: 268; Żmigrodzki 2000: 140; Engel et al. 1999: 61f.; s. Kap. 4.2.5). In (3) werden die Entscheidungen durch ihre als jemandem zugehörig markiert (vgl. Engel et al. 1999: 61f.) und durch keine in (5) kann verneinend zusammengefasst werden (vgl. grammis online 2019: Quantifikativ-Artikel6). Diese/ die Fragen in (1) und (4) sind spezifisch und der Demonstrativ- bzw. bestimmte Artikel zeigen an, dass es sich um bereits bekannte, vorerwähnte oder im Kontext identifizierbare Fragen handelt, d.h. die und diese markieren geteilte Wissensbestände zwischen Textrezipient*in und -produzent*in (vgl. Adamzik 2016: 252f./256; Ágel 2017: 200; Engel et al. 1999: 61f.; s. Kap. 3.4; 4.2.5). Indefinite Artikelwörter, wie in (2), können Informationen im Text dagegen als unbekannt kennzeichnen. In (2) wird durch eine markiert, dass die Antwort nicht vorerwähnt ist, sondern als neuer Textreferent eingeführt wird (vgl. Engel et al. 1999: 802f.; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 53ff.), wodurch die Analyse der Artikelwörter von Funktionsnomen für die Untersuchung von Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang relevant wird.

Artikelwörter sind auf der Textebene wesentliche Marker, die die Bedeutung von Nomen je nach Art des Artikels spezifizieren, Inhalte im Text in Relation setzen sowie Textreferenten als neu oder bekannt markieren können. In Bezug auf Artikelwörter wird das Annotationsschema in Artikelwörter nach ihrer Subklasse weiter unterteilt. Im Folgenden gehe ich auf adjektivische Erweiterungen ein.

3.1.2. Adjektive

Adjektiverweiterungen bilden im Zusammenhang mit Funktionsverbgefügen insgesamt ein häufiges Thema in Forschungsliteratur zu Nomen-Verb-Verbindungen. Adjektivische Erweiterungen der Funktionsnomen können zum einen semantisch nach qualifizierenden und quantifizierenden Funktionen unterteilt werden (vgl. z.B. Daniels 1963: 230; Schmidt 1968: 50f.; Popadić 1971: 43f.; Heidolph et al. 1984: 442; Hinderdael 1985: 257; Heine 2005: 163; Storrer 2013: 202; Żmigrodzki 2000: 113ff.), z.B. in

 Qualitätsadjektive, wie eine verwunderliche Feststellung machen (Daniels 1963: 230), einen wesentlichen Beitrag leisten (Popadić 1971: 43f.),

 Zahladjektive, wie 1.147 Anzeigen erstatten (Gautier 1998: 131; s.a. Schmidt 1968: 51)

 und Verbalableitungen als partizipiale Adjektive, wie in […] nie dagewesene[r] Gefährdung sein (Hinderdael 1985: 258; s.a. Popadić 1971: 42).

Zum anderen können die Adjektiverweiterungen der Funktionsnomen unterschiedlich komplex sein, wie z.B. ein heiteres, ruhiges Leben führen (Daniels 1963: 231), gesellschaftlich nützliche Arbeit leisten (Seifert 2004: 106) oder in einer bisher noch nie dagewesenen Gefährdung sein (Hinderdael 1985: 258; s. dazu auch Schmidt 1968: 50f.; Heidolph et al. 1984: 442; Heine 2005, Storrer 2006b, 2007, 2013; s. Kap. 4.2.2), vgl. die folgenden Belege aus dem Wikipedia-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 […] und sie haben erkannt, dass sie frei sind, kleine Entscheidungen zu treffen […].1

2 […], gaben sie zur Abwechslung auch falsche Antworten oder legten auf.2

3 Aufbauend […] können die geeigneten Fragen gestellt […] werden.3

4 Dem anderen Kandidaten wurden drei Fragen […] gestellt.4

5 […] verwaltungs- und kommandotechnische Entscheidungen […] getroffen wurden, […].5

6 […] gab er jedoch ganz unterschiedliche Antworten.6

Die Funktionsnomen werden in den Beispielen um Qualitätsadjektive, wie klein (6) und falsch (7), um Zahladjektive, wie drei (9), und um partizipiale Adjektive, wie geeignet (8), erweitert; die Adjektive können in Adjektivphrasen koordiniert werden, wie verwaltungs- und kommandotechnische in (10); oder aber die Phrasen enthalten weitere subordinierte Elemente, wie z.B. die Gradpartikel ganz in ganz unterschiedliche Antworten (11), wodurch die Informationen im Text „bereichert“ oder „abgetönt“ werden können (Popadić 1971: 42). Qualitätsadjektive können Nomen durch Eigenschaftszuschreibungen modifizieren und spezifizieren, wodurch Inhalte subjektiv bewertet werden können (vgl. Popadić 1971: 42f., Schmidt 1968: 49; Heine 2005: 166; Storrer 2006a: 172; Lucius-Hoene/Deppermann 2004: 171; Kaczor 2003: 21; s. Kap. 4.2.1). Zahladjektive können Inhalte nicht nur in Bezug auf ihre Anzahl determinieren, sondern – wie Gautier (1998) zeigt – auch auf Textpassagen verweisen und diese zusammenfassend wiederaufnehmen (Gautier 1998: 131). Partizipiale Adjektive, wie geeignet von sich eignen, kodieren als „verbo-adjektivische Zwitterformen“ sowohl temporale als auch qualifizierende Informationen (vgl. Engel et al. 1999: 619ff.; Ágel 2017: 708). Zudem kann durch partizipiale Adjektive auf vorerwähnte oder aktivierte Inhalte geschlossen werden, vgl. z.B. von die Fragen sind geeignet zu die geeigneten Fragen, wodurch Informationen im Text wiederaufgenommen und weitergeführt werden können (vgl. Ágel 2017: 764/717f.). Durch komplexe Adjektivattribute, wie z.B. verwaltungs- und kommandotechnische Entscheidungen (10) oder ganz unterschiedliche Antworten (11), können die Funktionsnomen nicht nur mehrfach modifiziert und spezifiziert werden, sondern die Inhalte können auch weiter kommentiert werden, wodurch die Informationen im Text einerseits stark verdichtet werden können (vgl. Daniels 1963: 227; Hinderdael 1985: 217; Helbig/Buscha 2001: 93f.; Seifert 2004: 106, 195; Storrer 2013: 206). Andererseits können durch die Art der Adjektive und Kommentare auch subjektive Einstellungen und Wertungen zum Ausdruck kommen, wodurch Informationen im Text unterschiedlich perspektiviert werden können (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 137; Adamzik 2016: 301/255; Ágel 2017: 764).

Adjektivattribute können Informationen auf der Ebene des Textes modifizieren, spezifizieren, perspektivieren und wiederaufnehmen sowie Inhalte durch unterschiedliche Komplexitätsgrade verdichten. Ich unterscheide Adjektivattribute in der vorliegenden Arbeit bezüglich ihrer Semantik nach qualitativen und quantitativen Eigenschaften sowie ihres Komplexitätsgrades in einfache, komplex-koordinierte und komplex-subordinierte Adjektivphrasen. Im Folgenden gehe ich auf ein Spezifikum der partizipialen Attribuierung ein.

3.1.3. Funktionsverb-Partizipien

Unter den gelisteten Erweiterungen der Funktionsnomen finden sich in der Forschungsliteratur Attribute, in denen das Funktionsverb das Funktionsnomen als partizipiales Adjektiv attribuiert, wie z.B. einen Kampf führen > ein geführter Kampf (Popadić 1971: 54f.; Hinderdael 1985: 213; Klinger 1983: 96), vgl. die folgenden Beispiele aus dem Wikipedia-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 Das Motiv der zu stellenden Frage: Fragen zur Überquerung der Brücke des Todes.1

2 Die gegebenen Antworten wurden mit der gezogenen Punktzahl multipliziert.2

In den Beispielen (12) und (13) fungieren die Funktionsverben der Gefüge als partizipiale Attribute zu ihren Funktionsnomen: Frage wird mit stellen attribuiert und Antwort mit geben. Die Funktionsverben kodieren dabei durch ihre Form als „verbo-adjektivische“ Zwitterformen (vgl. dazu z.B. Hentschel 2009: 273, zitiert nach Ágel 2017: 717) sowohl verbale als auch adjektivische Eigenschaften: zu stellende Fragen beziehen sich auf Zukünftiges im Sinne von ‚die Fragen sind zu stellen‘; die gegebenen Antworten verweisen dagegen auf Vergangenes in etwa durch ‚die Antworten wurden gegeben‘, d.h. die Funktionsverb-Partizipien können Funktionsnomen in Bezug auf temporale Informationen modifizieren und spezifizieren (vgl. Engel et al. 1999: 619ff.; Ágel 2017: 708) sowie auf Inhalte verweisen und diese wiederaufnehmen (vgl. Ágel 2017: 717f.; s. Kap. 4.2.5).

Derartige partizipiale Erweiterungen der Funktionsnomen werden in der Analyse gesondert betrachtet, weil die Funktionsverbgefüge nicht in ihrer ursprünglichen Form als Funktionsnomen und -verb verwendet werden, sondern als Ableitungen der Funktionsverbgefüge (vgl. Ágel 2017: 770ff.), die mit anderen Verben prädikatiert werden, wie z.B. die gegebenen Antworten wurden […] multipliziert, wodurch Informationen verdichtet werden (Popadić 1971: 54).

Funktionsverben können ihre Funktionsnomen als Partizipien attribuieren, wodurch die Informationen im Text modifiziert, spezifiziert, verdichtet und wiederaufgenommen werden können. Als Ableitungen von Nomen-Verb-Verbindungen werden Funktionsverb-Partizipien von anderen Adjektivattributen unterschieden. Im Folgenden gehe ich auf nominale Erweiterungen der Funktionsnomen ein.

3.1.4. Funktionsnomen-Komposita

Unter den Erweiterungen der Funktionsnomen finden sich in der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen Funktionsnomen-Komposita, wie z.B. ein gemeinsames Reiseleben führen (Daniels 1963: 231), einen Hauptbeitrag (Schmidt 1968: 51) oder Transportarbeiten leisten (Popadić 1971: 57; s. dazu auch Gautier 1998: 130; Seifert 2004: 105ff.; Heine 2005: 163; Helbig 1984: 176f.; Yuan 1987: 196ff.; Burger 2015: 162). In den untersuchten Korpusdaten kommen derartige Funktionsnomen-Komposita jedoch nur selten vor (s. Kap. 4.1), vgl. die folgenden Beispiele aus den Wikipedia-Korpora (vgl. Hervorhebung S.K.):

1 Der FDP Wirtschaftsminister verband die Lösung dieser Frage mit dem Stellen der Koalitionsfrage.1

2 Jeder bekommt sowohl Quizfragen als auch persönliche Fragen zu privatem Umfeld, Hobbys, Beruf und Bildungsgrad gestellt.2

3 […] deuten darauf hin, dass auch Veto-Entscheidungen unbewusst getroffen werden.3

Die Funktionsnomen Frage und Entscheidung werden in den Beispielen durch die Nomen Koalition, Quiz und Veto morphologisch erweitert und determiniert (vgl. Reimann/Kessel 2005: 104; Engel et al. 1999: 745), wodurch die Informationen im Text modifiziert werden. Interessant sind derartige morphologische Erweiterungen der Funktionsnomen, weil die Verknüpfungen der Nomen im Kompositum unterschiedliche Relationen der Nomen zueinander ausdrücken können (vgl. Engel et al. 1999: 745; Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 264): Eine Quizfrage ist beispielsweise eine Frage in oder aus einem Quiz; eine Koalitionsfrage ist eine Frage zur Koalition – entweder in Bezug auf mögliche Regierungspartner oder das Fortbestehen einer Regierungseinheit (vgl. Duden online 2019: Koalitionsfrage4). Durch Funktionsnomen-Komposita können also nicht nur spezifische Informationen ausgedrückt werden (vgl. Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 265; Ágel 2017: 569), sondern diese spezifischen Informationen können auch modifiziert und komprimiert werden (vgl. Daniels 1963: 231; Schmidt 1968: 71; Popadić 1971: 55f.; Hinderdael 1985: 580; Seifert 2004: 107). Die Verdichtung der Information kann weiter durch Attribuierungen des Funktionsnomens fortgesetzt werden, wie z.B. ein gemeinsames Reiseleben führen (Daniels 1963: 231; s. dazu auch Popadić 1971: 56; Hinderdael 1985: 264). Durch die nominale Form der Erweiterung können zudem phorische Bezüge im Text hergestellt werden, z.B. kann Quiz in Quizfragen auf ein vorerwähntes Frage-Antwort-Spiel verweisen und dieses thematisch wiederaufnehmen (vgl. Wildgen 1981: 3; Wolf 2007; s. Kap. 3.4).

Funktionsnomen können durch Komposition zu Funktionsnomen-Komposita erweitert werden, wodurch Informationen im Text modifiziert, spezifiziert, verdichtet und wiederaufgenommen werden können. Funktionsnomen-Komposita bilden deshalb in der vorliegenden Arbeit eine Subkategorie nominaler Erweiterungen von Funktionsverbgefügen. Im Folgenden gehe ich auf nominale Attribute in Form von Genitivphrasen ein.

3.1.5. Genitivphrasen

Unter den Erweiterungen der Funktionsnomen finden sich in der Forschungsliteratur Nominalphrasen im Genitiv, die die Funktionsnomen nominal attribuieren (Engel et al. 1999: 922; Żmigrodzki 2000: 119), wie z.B. ein Leben der Sorgen und Arbeit führen (Daniels 1963: 231), eine Analyse der Situation geben (Schmidt 1968: 51) oder im Besitz der bekannten Wahrheit bleiben (Hinderdael 1985: 261), vgl. die folgenden Beispiele aus den Wikipedia-Korpora (Hervorhebung S.K.):

1 In jeder Sendung wird eine Frage der Woche gestellt […].1

2 Entscheidungen des Arbeitskreises werden […] getroffen.2

3 […] woraus der Mensch befähigt ist, in Freiheit eine Antwort der Liebe zu geben […].3

Die Funktionsnomen Frage, Antwort und Entscheidung werden in den Beispielen (17)–(19) mit den Genitivphrasen der Woche, der Liebe und des Arbeitskreises erweitert, wodurch die nominal realisierten Inhalte zum einen zueinander in Beziehung gesetzt werden können: In (17) handelt es sich um eine Frage aus einer Woche im Sinne von ‚jede Woche gibt es eine andere Frage‘, wodurch die Fragen einer bestimmten Woche zugehörig sind. In (18) werden die Entscheidungen mit einem Arbeitskreis verknüpft – ‚der Arbeitskreis verursacht die Entscheidungen‘, wodurch das Funktionsnomen um Informationen zum Urheber spezifiziert wird. In (19) wird Antwort durch der Liebe näher beschrieben, im Sinne von Liebe als Eigenschaft der Antwort (vgl. Ágel 2017: 759f.; Engel et al. 1999: 927f.). Durch die Verknüpfung von Funktionsnomen und Genitivphrase können Informationen im Text durch zusätzliche Bedeutungsaspekte angereichert werden, d.h. Genitivattribute können Inhalte modifizieren und spezifizieren und tragen so zur Evaluierung im Text bei (vgl. Daniels 1963: 230ff.; Schmidt 1968: 49; Hinderdael 1985: 261; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 140). Durch die nominale Form können Genitivattribute zum einen durch weitere sprachliche Einheiten, wie Artikelwörter (s. Kap. 3.1.1), Adjektive (s. Kap. 3.1.2), andere Nomen (s. Kap. 3.1.4–3.1.6) und Sätze (s. Kap. 3.1.7), erweitert werden und dadurch Informationen weiter verdichten sowie auf vorerwähnte Textreferenten verweisen, z.B. Entscheidungen des Arbeitskreises (18), und diese im Textverlauf wiederaufnehmen (vgl. Ágel 2017: 432f./759ff.; Adamzik 2016: 264; s. Kap. 3.4). Genitivattribute können Informationen durch Erweiterung nicht nur modifizieren oder verdichten, sie wiederaufnehmen und fortführen, sondern auch perspektivieren, denn je nach Art des Genitivattributs werden selegierte Relationen zum Ausdruck gebracht.

Funktionsnomen können durch Genitivphrasen attribuiert werden, durch die die Informationen im Text modifiziert, spezifiziert, verdichtet, perspektiviert und wiederaufgenommen werden können. In Bezug auf die Analyse von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang sollen sie daher von anderen nominalen Erweiterungen der Funktionsnomen abgegrenzt werden. Im Folgenden gehe ich auf präpositionale Erweiterungen von Funktionsnomen ein.

3.1.6. Präpositionalphrasen

Unter den Erweiterungen von Funktionsnomen finden sich in der Forschungsliteratur nominale Erweiterungen in Form von Präpositionalphrasen (vgl. Hinderdael 1985: 263; Schmidt 1968: 50; Żmigrodzki 2000: 119ff.), wie z.B. Fragen von so kühlem Ernst stellen (Daniels 1963: 232), Anklage gegen die USA erheben (Schmidt 1968: 51) oder im Dienst an der Sache Jesu Christi bleiben (Hinderdael 1985: 263), vgl. die folgenden Beispiele aus den Wikipedia-Korpora (Hervorhebung S.K.):

1 Direkte Fragen zur Tat werden diesmal nicht gestellt […].1

2 Die Antwort auf ein solches Signal wird mit drei Zeichen pro Minute gegeben […].2

3 Eine Entscheidung im kommunalen Bereich trifft die Bürgerwerkstatt nicht […].3

Die Funktionsnomen Frage, Antwort und Entscheidung werden durch die Präpositionalphrasen zur Tat, auf ein solches Signal und im kommunalen Bereich erweitert, wodurch die Nomen beispielsweise in Bezug auf ein Thema, z.B. (20) Fragen zur Tat, ein Ereignis, z.B. (21) Antwort auf ein solches Signal, oder hinsichtlich ihrer Lokalisierung, z.B. (22) in Entscheidung im kommunalen Bereich, spezifiziert werden und in Relation mit dem Funktionsnomen gesetzt werden können (vgl. Engel et al. 1999: 477; s.a. Ágel 2017: 753f.). Die Leistung von präpositionalen Erweiterungen der Funktionsnomen liegt daher einerseits in der Modifikation und Spezifikation von Informationen (vgl. z.B. Daniels 1963: 230f.; Hinderdael 1985: 575; s.a. Averintseva-Klisch 2013: 37), andererseits können Inhalte durch die Verknüpfung des Funktionsnomens und der Präpositionalphrase verdichtet werden (vgl. Schmidt 1968: 70), vgl. z.B. jmd. entscheidet im kommunalen Bereich vs. die Entscheidung im kommunalen Bereich. Darüber hinaus können die nominalen Formen in den Präpositionalphrasen auf vorerwähnte oder bekannte Textreferenten verweisen, wie z.B. solches Signal in (21) die Antwort auf ein solches Signal, und diese im Text weiterführen (vgl. Ágel 2017: 753f./770; Averintseva-Klisch 2013: 33ff./37; Engel et al. 1999: 61; Schwarz-Friesel-Consten 2014: 114; Adamzik 2016: 264f.; s. Kap. 3.4; 4.2.5).

Präpositionalphrasen weisen in Bezug auf ihren Status als Erweiterung des Funktionsnomens jedoch eine Schwierigkeit auf: Sie können nämlich entweder als Attribute oder als Objekte zum Nomen interpretiert werden (vgl. Helbig/Buscha 1979: 520; Hinderdael 1985: 575). Der Grund dafür liegt in der Form des Funktionsnomens als Verbalableitung (vgl. Helbig/Buscha 2011: 69; Kamber 2008: 22f.), z.B. Frage von fragen, Antwort von antworten und Entscheidung von entscheiden. Basisverben können in ihren Satzbauplänen Präpositionalobjekte in Form von Präpositionalphrasen enthalten (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 261; s. Kap. 3.2), wie z.B. nach etw. fragen oder auf etwas antworten, die in der Valenz des Funktionsverbgefüges vorkommen können, wie z.B. eine Frage nach etw. stellen oder eine Antwort auf etw. geben (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 261, s. Kap. 3.2.1.1).

Derartige nach- oder auf-Präpositionalphrasen können auf Satzebene hinsichtlich ihrer Satzgliedfunktion als Objekte oder als Attribute des Funktionsnomens interpretiert werden (vgl. Helbig/Buscha 1979: 520; Hinderdael 1985: 575), die von Ágel (2017: 770) deshalb als ‚Präpositional(objekt)attribute‘ bezeichnet werden. Ich entscheide mich in der Analyse für die folgende Vorgehensweise: Auf der Analyseebene der Erweiterungen des Funktionsnomens fokussiere ich Funktionsnomen mit Präpositionalphrasen in Kontaktstellung, wie (20)–(22), d.h. es werden Belege quantifiziert, in denen die Präpositionalphrase direkt mit dem Nomen verknüpft ist. In Abschnitt 3.2.1.1 werden für die Analyseebene der Valenz von Funktionsverbgefügen für jedes der Gefüge Satzbaupläne aus der Valenz des Basisverbs, also z.B. für Frage stellen von fragen, abgeleitet, sodass beispielsweise nach- oder auf-Präpositionalphrasen als realisierte Aktanten der Funktionsverbgefüge-Valenz berücksichtigt werden, die verschiedene Positionen im Satz einnehmen können (vgl. Pittner/Berman 2015: 37; s. Kap. 3.2.1.1), wie z.B. Die Antwort wird mit drei Zeichen pro Minute auf ein solches Signal gegeben.

Funktionsnomen können um Präpositionalphrasen erweitert werden, wodurch Informationen im Text modifiziert, spezifiziert, wiederaufgenommen und verdichtet werden können. Auf der Ebene der Erweiterungen von Funktionsnomen werden Präpositionalphrasen in Kontaktstellung mit dem Funktionsnomen berücksichtigt. Im Folgenden werden satzförmige Erweiterungen von Funktionsnomen thematisiert.

3.1.7. Satzförmige Erweiterungen

In der Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen werden satzförmige Erweiterungen der Funktionsnomen aufgeführt, die nach ihren Satztypen subklassifiziert werden können (vgl. Daniels 1963: 233; Schmidt 1968: 52; Hinderdael 1985: 265; Popadić 1971: 52; Storrer 2006b: 173; 2013: 203; Żmigrodzki 2000: 135), wie z.B.:

 Relativsätze

1 […] die Erfahrung machen können, die ihm sein konservativer Vorgänger voraushatte (Popadić 1971: 52; Hervorhebung S.K.)

2 Er ertappte sich bei […] Entscheidungen, die er nur traf, um sich eine Last vorläufig vom Hals zu schaffen (Storrer 2013: 203; Hervorhebung S.K.)

 Konjunktionalsätze

1 …, vielleicht konnten Sie ihn auf den Gedanken bringen, daß ich dringend Geld brauche. (Hinderdael 1985: 266; Hervorhebung S.K.)

 Infinitivsätze

1 Als Glaubensgemeinschaft darf sie selber bei allem kirchlichen und gesellschaftlichen Einsatz nicht in die Versuchung geraten, auf die eigenen Leistungen statt auf Gott zu vertrauen. (Hinderdael 1985: 265; Hervorhebung S.K.)

 Direkte Rede

1 Wer … vor Augen hält, kann sehr wohl auf den Gedanken kommen: Ist hier aus der Botschaft vom wirklichen Jesus von Nazaret [sic!] nicht ein Erzählen von „Göttergeschichten“, also „Mythologie“ geworden? (Hinderdael 1985: 266)

 Indirekte Rede

1 …, daß ich niemals auf die Vermutung gekommen bin, diese Vorrichtung, …, könne schon seit langem gar keinen Zweck mehr erfüllen (Hinderdael 1985: 266)

In den Beispielen werden die Funktionsnomen Erfahrung, Entscheidung, Gedanken und Versuchung um Relativ-, Konjunktional- und Infinitivsätze sowie direkte und indirekte Rede erweitert und bilden satzförmige Erweiterungen im weiteren Sinn (vgl. Ágel 2017).1 Unter den aufgeführten Relativsätzen werden in der Forschungsliteratur zwei Typen unterschieden, nämlich Relativsatz Typ 1, bei dem das Funktionsverbgefüge im Matrixsatz steht und das Funktionsnomen durch einen Relativsatz erweitert wird, z.B. (23) Erfahrung machen, die […] (vgl. Popadić 1971: 52; Storrer 2006a: 173). Bei Relativsätzen des zweiten Typs werden die Funktionsnomen und -verben auf zwei Sätze verteilt: das Funktionsnomen wird um einen Relativsatz erweitert (vgl. Storrer 2006a: 173), in dem das Funktionsverb das Prädikat bildet, z.B. (24) Entscheidungen, die er nur traf. Für die aufgeführten Satztypen finden sich ähnliche Belege im Wikipedia-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 […] hat bereits eine schwere Entscheidung getroffen, die das Verhältnis zwischen ihm und seinem Partner zusätzlich belastet […].2

2 Die Antworten, die er gibt, haben für seine Gesprächspartner häufig einen beleidigenden oder entlarvenden Charakter.3

3 Im Frühjahr 2011 wurde endgültig die Entscheidung seitens der Britischen Olympic Association getroffen, dass die Mannschaft an den Olympischen Spielen 2012 in London teilnehmen wird.4

4 Propst Mösner und Albin Schwaiger trafen schließlich die Entscheidung, die meteorologischen Beobachtungen […] fortzusetzen […].5

5 […], indem er ihm 1903 die Frage stellte: "Kennen Sie Cézanne?"6

6 Auf diese Fragen gab ihm der fähigste unter den Befragten die Antwort, das Mittel, das man dazu benötige, sei nichts anderes als die Gerechtigkeit.7

Die Funktionsnomen Frage, Antwort und Entscheidung werden in den Beispielen (29)–(34) satzförmig erweitert: Ein Relativsatz Typ 1 wird in (29) realisiert – Typ 2 in (30), ein Konjunktionalsatz in (31), ein Infinitivsatz in (32) sowie direkte Rede in (33) und indirekte in (34) (vgl. Hinderdael 1985: 165f.; Ágel 2017: 770). Satzförmige Erweiterungen können in Bezug auf die Funktionsnomen verschiedene Funktionen erfüllen: Konjunktionalsätze können entsprechend ihrem Subjunktor verschiedene Illokutionstypen zum Ausdruck bringen, wie z.B. die Feststellung in (31), dass die Mannschaft an den Olympischen Spielen 2012 in London teilnehmen wird (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 84; Engel et al. 1999: 477). Relativsätze können Funktionsnomen modifizieren, spezifizieren und situieren, wie z.B. in (29) Entscheidung […], die das Verhältnis […] belastet im Sinne von ‚belastende Entscheidung‘ (vgl. Schmidt 1968: 49; Hinderdael 1985: 217/266; Seifert 2004: 105ff.; Ágel 2017: 680ff.; Engel et al. 1999: 477ff.). Zudem nehmen die Relativpronomen die Funktionsnomen pronominal wieder auf, wodurch Informationen im Text weitergeführt werden können (vgl. Ágel 2017: 462ff./687; Ágel 2017: 884; Engel et al. 1999: 477; von Polenz 2008: 264; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 104ff.; Adamzik 2016: 268). Durch die Erweiterung als Satz können die Funktionsnomen zudem um komplexe Informationen erweitert werden, d.h. um weitere Prädikate, Subjekte und Objekte, wie in (34) das Mittel, das man dazu benötige, sei nichts anderes als die Gerechtigkeit, d.h. satzförmige Erweiterungen können weitere Nominalphrasen (s. Kap. 3.1.5), Adjektivphrasen (s. Kap. 3.1.2), Präpositionalphrasen (s. Kap. 3.1.6) sowie weitere Sätze einbetten, wodurch vielschichtige und komplexe Informationen komprimiert werden können (vgl. Daniels 1963: 231).

Funktionsnomen können durch Sätze erweitert werden, wodurch komplexe Informationen im Text vermittelt werden können, wobei die Funktionsnomen nicht nur modifiziert und spezifiziert, sondern auch im Textverlauf weitergeführt werden können. Ich unterscheide die satzförmigen Erweiterungen der Funktionsnomen nach ihrem Satztyp.

Funktionsnomen können durch verschieden komplexe sprachliche Einheiten erweitert werden. Unter den Erweiterungen der Funktionsnomen finden sich Artikelwörter, Adjektive, Nomen und Sätze, die weiter subklassifiziert werden können: Artikelwörter werden nach ihrer Artikelklasse, wie z.B. (un)bestimmer Artikel, Possessiv- oder Demonstrativartikel unterschieden. Adjektive können zum einen semantisch voneinander abgegrenzt werden, z.B. in Bezug auf qualifizierende oder quantifizierende Funktionen; und zum anderen nach ihrem Komplexitätsgrad bezüglich der Ko- und Subordination von Elementen in der Adjektivphrase. Unterschieden werden von diesen adjektivischen Erweiterungen Ableitungen des Funktionsverbs, die als Funktionsverb-Partizipien das Funktionsnomen attribuieren können, wie z.B. die gestellten Fragen. Nominale Erweiterungen können morphosyntaktisch voneinander abgegrenzt werden: Zum einen können Funktionsnomen mit anderen Nomen Komposita bilden, zum anderen kommen nominale Erweiterungen in Form von Genitiv- und Präpositionalphrasen vor. Satzförmige Erweiterungen der Funktionsnomen können nach ihrem Satztyp subklassifiziert werden. Die gelisteten syntaktischen Erweiterungsmöglichkeiten der Nominalphrasen werden in der Forschungsliteratur mit der Modifikation, Spezifikation, Perspektivierung, Verdichtung und der Wiederaufnahme in Verbindung gebracht und sind für die Analyse von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang relevant. Im Folgenden gehe ich auf die Valenz von Funktionsverbgefügen ein.

3.2. Valenz

Unterschiedliche sprachliche Einheiten können miteinander verknüpft werden. Ihre Valenz bestimmt dabei durch die Eröffnung eines Satzrahmens – eines strukturellen Bauplans für die Bildung von grammatischen Sätzen –, welche Leerstellen mit welchen sprachlichen Einheiten besetzt werden können oder müssen (vgl. Reimann/Kessel 2005: 14; Ágel 2000: 16). In Abhängigkeit von der jeweiligen sprachlichen Einheit unterscheiden sich Satzbaupläne voneinander und ergeben auf der Ebene des Textes unterschiedliche Textmuster (vgl. Heringer 2015: 84). Im Zusammenhang mit Nomen-Verb-Verbindungen werden Valenzveränderungen im Kontrast zu ihren Basisverben thematisiert: Funktionsverbgefüge weisen im Vergleich mit den entsprechenden Basisverben oft andere Satzbaupläne auf, die sich insbesondere in der Anzahl und der Art der Aktanten von den Satzbauplänen der Basisverben unterscheiden (vgl. v. Polenz 1963, 1987; Heringer 1968, 1972; Heidolph et al. 1981; Hinderdael 1985; Zifonun 1997; Fabricius-Hansen 2006; Żmigrodzki 2000: 145ff.; Jędrzejko 1992, 1996; Vetulani 2000: 44). Für die vorliegende Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang ist die Valenz als Analyseebene also relevant. Valenzmuster von Funktionsverbgefügen lassen sich jedoch aufgrund der Heterogenität der Gefüge (s. Kap. 1.1) nur schwer systematisieren (vgl. Zifonun et al. 1997: 1068f.). Für die Untersuchung der Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen im Textzusammenhang werden in Abschnitt 3.2.1.1 von Basisverben Valenzmuster der Gefüge sowie ein Kategoriensystem für die Korpusanalyse abgeleitet, das auf der Reduktion (s. Kap. 3.2.1.1) sowie Vereinheitlichung (s. Kap. 3.2.1.2) von Valenzmustern basiert.

3.2.1. Valenzverschiebung

Mit dem Begriff ‚Valenz‘ werden in der Linguistik semantisch-syntaktische Bindungsverhältnisse zwischen sprachlichen Einheiten bezeichnet (vgl. Ágel 2017: 269; Heringer 2015: 39; Helbig/Schenkel 2011: 12). Beschrieben werden sprachliche Elemente v.a. nach ihrer Wertigkeit, d.h. danach, wie viele Leerstellen für andere sprachliche Elemente eröffnet werden und wie diese Leerstellen semantisch-formal gefüllt werden müssen (vgl. Helbig/Schenkel 2011: 12). Als Valenzträger haben Prädikate die Eigenschaft, Ergänzungen an sich zu binden und sie formal und inhaltlich zu bestimmen (vgl. Ágel 2017: 262). Das Prädikat bestimmt, welche Aktanten mit welcher Notwendigkeit am Geschehen, d.h. im jeweiligen (Kon-)Text, beteiligt sind (vgl. Ágel 2017: 257; Fischer 2001: 259). Ein Verb wie gehen weist beispielsweise zwei Leerstellen für Aktanten auf: Eine Stelle für das Subjekt des Satzes (Ksub) und eine Leerstelle für eine Adverbativergänzung (Kadv), die den Zielort der Handlung beschreibt (vgl. E-VALBU 2019, gehen).1 Da sowohl das Subjekt als auch die Adverbativergänzung in einem Satz, wie Ich gehe zur Uni, nicht weggelassen werden können, sind beide Ergänzungen obligatorische Aktanten von gehen. Daraus ergibt sich das folgende Valenzmuster für das Verb gehen (E-VALBU 2019, gehen):2

Satzbauplan von gehen: Ksub, Kadv

Die Notwendigkeit von sprachlichen Einheiten bemisst sich dabei einerseits nach der Notwendigkeit für eine bestimmte kommunikative Situation, zum anderen an der Notwendigkeit für die Kohärenz eines Textes (Storrer 1992: 105ff.), d.h. dass unter bestimmten kontextuellen Bedingungen eine Adverbativergänzung, wie zur Uni, auch weggelassen werden könnte, z.B. wenn diese Information irrelevant ist oder bereits aus dem Kontext hervorgeht (vgl. Welke 1989: 5).

Sprachliche Einheiten können also andere sprachliche Elemente an sich binden und ihre Form sowie Semantik vorherbestimmen. Valenzstrukturen sind jedoch nicht statisch, sondern sie können sich im Zuge von Wortbildungsprozessen, wie z.B. bei der Derivation von gehen zu runtergehen, verändern und es kann zu Valenzverschiebungen im Satzbauplan der Wortbildungsprodukte kommen (vgl. Ágel 2017: 619) – runtergehen hat beispielsweise keine Adverbativergänzung, sondern eine Akkusativergänzung etwas runtergehen, wie z.B. eine Treppe runtergehen (vgl. Ágel 2017: 619). Derartige Valenzverschiebungen sind auch in Bezug auf Funktionsverbgefüge zu beobachten, weil sie als Verbalabstrakta von Basisverben abgeleitet werden (vgl. Kamber 2008: 22f./113, Helbig/Buscha 2011: 69; Hinderdael 1985: 647; Hasselberg 1994; Relleke 1974: 2; grammis 2019: Verbgruppe als Prädikatsausdruck3). Das Funktionsnomen Frage in Frage stellen beispielsweise steht in einem Ableitungsverhältnis mit dem Basisverb fragen: {frag} verbindet sich mit {e} zu dem Verbalsubstantiv Frage (vgl. Busch/Stenschke 2018: 105ff.; Meibauer et al. 2015: 56, grammis 2019: Verbgruppe als Prädikatsausdruck4), das sich mit einem passenden Funktionsverb zu einem Funktionsverbgefüge verbinden kann und ein eigenständiges Valenzmuster aufweist (vgl. Heidolph et al. 1981: 440; Hinderdael 1985: 645; Fabricius-Hansen 2006: 263; Stumpf 2019: 6; Wotjak 1992: 55).

1 {frag} + {e} = Frage

2 Frage + stellen = FVG

3 FVG + X = grammatischer Satz

Sowohl das Basisverb fragen als auch das abgeleitete Nomen Frage und das Funktionsverb stellen weisen eine spezifische Valenzstruktur auf, die im Funktionsverbgefüge miteinander verschmilzt, d.h. sowohl das Valenzverhalten des Basisverbs fragen als auch des Funktionsverbs stellen ist im Funktionsverbgefüge Frage stellen implizit integriert (vgl. z.B. Heidolph et al. 1981: 440; Hinderdael 1985: 645; Fabricius-Hansen 2006: 263). Wenn das Basisverb fragen also einen Rezipienten im Satzbauplan aufweist, z.B. jemanden fragen, dann ist der Rezipient auch im Valenzmuster von Frage stellen, also jemandem eine Frage stellen, enthalten (vgl. Stumpf 2019: 8).

In der Forschungsliteratur zur Valenz von Funktionsverbgefügen finden sich Generalisierungen. Beispielsweise würden präpositionale Funktionsverbgefüge eine Akkusativergänzung fordern, z.B. etwas in Gang bringen; akkusativische Funktionsverbgefüge würden dagegen Dativergänzungen im Satzbauplan enthalten, wie z.B. jemandem eine Frage stellen (vgl. Heidolph et al. 1981: 440). Auf die akkusativischen Funktionsverbgefüge Frage stellen und Antwort geben lässt sich diese Generalisierung übertragen: Sowohl Frage stellen als auch Antwort geben können mit einer Dativergänzung realisiert werden, wie z.B. in stellt […] seiner Mutter Fragen5 oder gibt […] den Medienberichten Antwort6 (s. Kap. 3.2.1.1). Auf das akkusativische Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen lässt sich dieses Muster jedoch nicht anwenden, vgl. *jemandem eine Entscheidung treffen. Einen für die vorliegende Arbeit geeigneten Vorschlag zur Ermittlung von Valenzstrukturen von Funktionsverbgefügen macht Fabricius-Hansen (2006), indem sie das Valenzmuster von Funktionsverbgefügen unter Berücksichtigung des Satzbauplans des zugrundeliegenden Basisverbs ableitet und am Beispiel von Kritik üben und Erlaubnis erteilen demonstriert: Liegt der nominalen Komponente ein transitives Verb zugrunde, wie z.B. jemand kritisiert jemanden, kann die Ergänzung präpositional (oder dativisch) mit dem Funktionsverbgefüge realisiert werden – mit der Valenzstruktur Jemand übt Kritik an jemandem (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 263; Hinderdael 1985: 646). Sieht der Satzbauplan des Basisverbs beispielsweise ein Dativobjekt vor, wie erlauben in jemand erlaubt jemandem etwas, dann wird dieses Dativobjekt in die Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges übertragen – Jemand erteilt jemandem eine Erlaubnis:

Abbildung 16:

Kritik üben vs. kritisieren

Abbildung 17:

Erlaubnis erteilen vs. erlauben (Fabricius-Hansen 2006: 263; Hervorhebung im Original)

Die Akkusativergänzung von kritisieren wird zu einem Präpositionalobjekt7 von Kritik üben, das Dativobjekt von erlauben wird als Dativobjekt in die Struktur von Erlaubnis erteilen übertragen, d.h. nur im Fall von Kritik üben liegt Valenzverschiebung vor. Wesentlich ist die Valenzverschiebung in Bezug auf den Textzusammenhang, weil durch den Prozess der Valenzverschiebung nicht nur andere Aktanten von einem Funktionsverbgefüge gefordert werden können, wie z.B. den Chef kritisieren vs. am Chef Kritik üben (vgl. Weisgerber 1958: 52; Daniels 1963: 218; Heringer 1966: 476; Hinderdael 1985: 215; 2006a: 174), sondern es können durch Verschiebungen der Valenz auch obligatorische Aktanten zu fakultativen werden (vgl. Burger 2015: 162; Storrer 2006a: 174; Vetulani 2000: 46f.). Ob also von einer Valenzverschiebung in Bezug auf die Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben oder Entscheidung treffen ausgegangen werden kann, ist für jedes Gefüge im Einzelnen zu überprüfen. Da es bislang keine Valenz-Wörterbücher für Funktionsverbgefüge gibt, werden im Folgenden die Valenzmuster der untersuchten Gefüge nach dem vorgestellten Vorgehen von Fabricius-Hansen (2006) abgeleitet und auf Verschiebung und Reduktion im Vergleich mit den Basisverben überprüft.

3.2.1.1. Ableitung von Valenzstrukturen

Die Grundlage für die Ableitung der Valenzmuster der Gefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen bilden die Ausführungen von Fabricius-Hansen (2006) zur Valenz von Funktionsverbgefügen (s. Kap. 3.2.1): Durch die Analyse der Valenzstruktur des Basisverbs kann der Satzbauplan von Funktionsverbgefügen hergeleitet werden, d.h. die im Valenzmuster enthaltenen Aktanten des Funktionsverbgefüges können aus dem Valenzmuster der zugrundeliegenden Basisverben fragen, antworten und entscheiden abgeleitet werden. Für die vorliegende Arbeit ist die Ableitung des Valenzmusters der ausgewählten Funktionsverbgefüge relevant, weil genaue Aussagen über die Informationsstruktur von Funktionsverbgefügen getroffen werden können, wenn der Satzbauplan der Funktionsverbgefüge bekannt ist, d.h. wenn die Valenzstruktur der Gefüge bestimmt ist, können strukturelle Abweichungen, wie z.B. das Auslassen von Mitspielern im Text, dokumentiert werden. Der Vergleich der Valenzstrukturen von Basisverb und Funktionsverbgefüge zeigt, ob bzw. inwiefern von Valenzveränderungen in Bezug auf die untersuchten Funktionsverbgefüge gesprochen werden kann, was anschließend die Grundlage für die Ableitung des Kategoriensystems für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen auf der Analyseebene der Valenz, d.h. in Bezug auf die Realisierung von Aktanten im Text, bildet. In Abschnitt 3.2.1.1.1 gehe ich auf die Funktionsverbgefüge-Basisverb-Paarung fragen vs. Frage stellen ein, in 3.2.1.1.2 auf antworten vs. Antwort geben und in Abschnitt 3.2.1.1.3 thematisiere ich die Paarung entscheiden vs. Entscheidung treffen.

3.2.1.1.1. fragen vs. Frage stellen

Die Ableitung der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges Frage stellen beginnt bei der Ermittlung des Valenzmusters des Basisverbs fragen, für das das Valenzwörterbuch E-VALBU den folgenden Satzbauplan vorschlägt (vgl. E-VALBU 2019: fragen):1

Satzbauplan von fragen: KSub, (K1Akk), (K2Akk)

Die Valenzstruktur von fragen enthält dem Satzbauplan zufolge ein obligatorisches Subjekt (KSub) und zwei weitere, aber fakultative Ergänzungen im Akkusativ (K1Akk, K2Akk) mit jemand fragt (jemanden) (etwas) als vollständiges Valenzmuster des Verbs fragen. Das Verb fragen kann jedoch auch präpositional durch nach ergänzt werden (E-VALBU 2019: fragen2). Das Valenzmuster von fragen nach ist für die Bestimmung der Valenz des Funktionsverbgefüges Frage stellen wesentlich, weil sich die Valenz dieser Basisverbvariante auf die Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges übertragen kann (s.u. Satzbauplan von Frage stellen), vgl. den folgenden Satzbauplan von fragen nach (E-VALBU 2019: fragen nach3):

Satzbauplan von fragen nach: KSub, (KAkk ), KPrp

Der Satzbauplan des Basisverbs fragen nach hat zwei obligatorische Aktanten: das Subjekt (KSub) und eine Präpositivergänzung (KPrp), die Akkusativergänzung ist, wie bei etwas fragen, fakultativ (KAkk), vgl. z.B. jemand fragt (jemanden) nach jemandem/etwas. Aus den Valenzmustern der möglichen Basisverben wird für Frage stellen der folgende Satzbauplan hergeleitet (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 261):

Abbildung 18:

Frage stellen vs. fragen

Das Valenzmuster des Funktionsverbgefüges Frage stellen setzt sich aus einem Subjekt (Ksub), einer Dativergänzung (KDat) und einer Präpositivergänzung (KPrp) zusammen. Da ein Satz wie Alle stellen Fragen als grammatisch eingestuft werden kann, ist sowohl die Dativergänzung als auch die Präpositivergänzung fakultativ. Damit lässt sich der folgende Satzbauplan für Frage stellen ableiten:

Satzbauplan von Frage stellen: KSub, KFrage, (KDat), (KPrp)

Vergleicht man nun die Valenzstruktur des Basisverbs fragen (KSub, (K1Akk), (K2Akk)) bzw. fragen nach (KSub, (KAkk), KPrp) mit dem Satzbauplan des Funktionsverbgefüges Frage stellen (KSub, KFrage (KDat), (KPrp)), so verändert sich zwar nicht die Anzahl der Aktanten – denn die Valenzstrukturen sind dreistellig – ich zähle das Funktionsnomen nicht als Aktanten der Valenzstruktur des Gefüges – , sondern die Veränderung betrifft einerseits die Akkusativergänzung den Chef in der Valenz der Basisverben, die als Dativergänzung dem Chef beim Funktionsverbgefüge realisiert wird, und andererseits betrifft die Veränderung die Präpositivergänzung des Basisverbs fragen nach, z.B. nach mehr Gehalt, die in der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges Frage stellen fakultativ ist, vgl. die Satzstrukturen in der folgenden Übersicht:

Satzbauplan von fragen vs. Frage stellen:


fragen: KSub, (K1Akk), (K2Akk)
fragen nach: KSub, (KAkk), KPrp
Frage stellen: KSub, KFrage, (KDat), (KPrp)

Das Valenzmuster von Frage stellen weist zwar dieselbe Anzahl an Aktanten wie die Basisverben fragen und fragen nach auf, es fehlen jedoch die Akkusativergänzungen im Valenzmuster des Funktionsverbgefüges, die stattdessen als Dativergänzung realisiert werden (vgl. Heidolph et al. 1981: 440; Fabricius-Hansen 2006: 261; Żmigrodzki 2000: 145ff.; Jędrzejko 1992, 1996). Im Gegensatz zum Valenzmuster von fragen nach ist die nach-Präpositivergänzung in der Valenz von Frage stellen fakultativ, d.h. die Valenz des Funktionsverbgefüges ist um einen obligatorischen Aktanten reduziert (vgl. Ágel 2017: 617f.; Starke 1969: 181; Żmigrodzki 2000: 145ff.; Jędrzejko 1992, 1996), vgl. die folgenden Beispiele für das Valenzmuster von Frage stellen: KSub, KFrage (KDat), (KPrp) aus dem Wikipedia-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 Im Lied stellt ein MädchenSub seiner MutterDat Fragen nach der ZukunftPrp.4

2 Bei einer öffentlichen Anhörung stellt sieSub FinleyDat unangenehme Fragen.5

3 Dabei stellte erSub mehrfach die Frage nach einem übermäßigen Alkoholgenuss von Präsident KaczyńskiPrp.6

4 EinerSub erzählt sein Problem und stellt eine damit verbundene Frage.7

In (1) zeigt sich das vollständige Valenzmuster von Frage stellen: Ksub wird durch ein Mädchen realisiert, KDat durch seiner Mutter und KPrp durch nach der Zukunft. Dass die Dativergänzung seiner Mutter und die Präpositivergänzung nach der Zukunft als fakultativ eingestuft werden können, zeigt die Weglassprobe (vgl. Ágel 2017: 259), denn ein Satz wie Im Lied stellt ein Mädchen Fragen ist auch ohne die Dativ- und Präpositivergänzung grammatisch. Gestützt wird diese Annahme von den Beispielen (2), (3) und (4), denn in (2) fehlt die Präpositivergänzung, d.h. nur die Dativergänzung Finley wird realisiert, in (3) wird nur die Präpositivergänzung nach einem übermäßigen Alkoholgenuss von Präsident Kaczyński ohne eine Dativergänzung verbalisiert und in (4) wird das Funktionsverbgefüge Frage stellen in seiner Minimalstruktur, d.h. ohne Ergänzungen realisiert. Das Valenzmuster ist also nur in (1) vollständig, in allen anderen Belegen fehlen entweder die Dativ- und Präpositivergänzung oder beide Ergänzungen.

Für die Ebene des Textes ist die Möglichkeit zur Einsparung von Aktanten wesentlich, weil sich so unterschiedliche Möglichkeiten für die Vertextung von Informationen ergeben: Durch die Reduktion von Aktanten können Informationen in Selektion realisiert werden, wodurch andere Inhalte fokussiert werden können (vgl. Seifert 2004: 105/194; Burger 2015: 162; Hinderdael 1985: 647; Schwarz-Friesel-Consten 2014: 134). Zudem können die Äußerungen durch die fehlenden Ergänzungen generalisiert werden, wodurch Sachverhalte nicht nur verkürzt, sondern dadurch auch auf eine bestimmte Weise perspektiviert werden können (vgl. Rensky 1966: 295; Popadić 1971: 40; Helbig 1984: 176f.; Yuan 1987: 196ff.; Hinderdael 1985: 214; Heidolph et al. 1984: 439; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 101/214ff.).

Das Funktionsverbgefüge Frage stellen kann mit Dativ- und Präpositivergänzungen realisiert werden, die in der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges fakultativ sind. Die Möglichkeit zur Einsparung von Aktanten wird mit der Verdichtung und Perspektivierung von Informationen in Verbindung gebracht. In der Analyse der Valenz von Frage stellen wird nach Vollständigkeit des Musters unterschieden. Im Folgenden gehe ich auf das Valenzmuster von Antwort geben ein.

3.2.1.1.2 .antworten vs. Antwort geben

Die Ableitung der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges Antwort geben beginnt bei der Ermittlung des Valenzmusters des Basisverbs antworten, für das das Valenzwörterbuch E-VALBU den folgenden Satzbauplan vorschlägt (E-VALBU 2019: antworten1):

Satzbauplan von antworten: KSub, (KAkk), (KDat), (KPrp)

Die Valenzstruktur des Basisverbs antworten weist insgesamt vier Leerstellen für Aktanten auf: ein obligatorisches Subjekt (KSub) und drei fakultative Ergänzungen, und zwar eine Akkusativergänzung (KAkk), eine Dativergänzung (KDat) sowie eine Präpositivergänzung (Kprp) mit dem Strukturbeispiel jemand antwortet (jemandem) (etwas) (auf etwas). Aus dem Valenzmuster des Basisverbs wird für Antwort geben der folgende Satzbauplan hergeleitet (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 261):

Abbildung 19:

Antwort geben vs. antworten

Das Valenzmuster von Antwort geben setzt sich aus einem Subjekt (Ksub), einer Dativergänzung (KDat) und einer Präpositivergänzung (KPrp) zusammen mit jemand gibt (jemandem) Antwort (auf etwas) als Strukturbeispiel. Ein Antwort-geben-Satz, wie z.B. Alle geben Antwort, ist auch ohne eine Dativ- oder Präpositivergänzung grammatisch und die Ergänzungen können als fakultativ eingestuft werden. Der Satzbauplan des Funktionsverbgefüges Antwort geben lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Satzbauplan von Antwort geben: KSub , KAntwort (KDat), (KPrp)

Verglichen mit der Valenzstruktur des Basisverbs antworten (KSub, (KAkk), (KDat), (KPrp)) mit der des Funktionsverbgefüges Antwort geben (KSub, KAntwort, (KDat), (KPrp)), ist eine Veränderung hinsichtlich der Anzahl der Aktanten festzustellen: Das Basisverb antworten weist insgesamt vier Aktanten auf, drei fakultative und einen obligatorischen, das Funktionsverbgefüge Antwort geben dagegen nur drei, nämlich z.B. alle, der Chefin und auf ihre Fragen, d.h. ein obligatorisches und zwei fakultative: Die Akkusativergänzung etwas aus der Basisverbvalenz alle antworten der Chefin etwas fehlt in der Struktur des Funktionsverbgefüges. Beide Strukturen, also sowohl Basisverb als auch Funktionsverbgefüge, enthalten eine Dativ- und eine Präpositivergänzung, also der Chefin und auf ihre Fragen, die den Rezipienten und das Thema der Antwort bzw. der antworten-Handlung bezeichnen. Bis auf die fehlende Akkusativergänzung in der Valenzstruktur von Antwort geben verhalten sich die Satzbaupläne von Funktionsverbgefüge und Basisverb ähnlich, vgl. die folgende zusammenfassende Übersicht:

Satzbauplan von antworten vs. Antwort geben:


antworten: KSub, (KAkk), (KDat), (KPrp)
Antwort geben: KSub, KAntwort, (KDat), (KPrp)

Sowohl das Valenzmuster des Basisverbs antworten als auch das des Funktionsverbgefüges Antwort geben weist eine fakultative Dativ- und eine fakultative Präpositivergänzung auf, d.h. es kommt in den Strukturen von antworten und Antwort geben zu Valenzübertragung – die Valenzstruktur des Basisverbs überträgt sich auf die Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 263). Der Unterschied in der Valenzstruktur der beiden Konstruktionstypen liegt in der fakultativen Akkusativergänzung des Basisverbs antworten, die im Satzbauplan des Funktionsverbgefüges Antwort geben nicht vorhanden ist, d.h. es kommt zu Valenzreduktion (vgl. Ágel 2017: 617f.; Hinderdael 1985: 215), vgl. nun die folgenden Beispiele aus dem Wikipedia-Artikel-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 Da JahweSub ihmDat auf seine FragenPrp keine Antwort gab, […] suchte er nach einem "Weib, das einen Wahrsagegeist hat", und fand dieses in der Totenbeschwörerin von Endor.2

2 Und erSub gibt auch eine Antwort auf diese FragePrp […].3

3 In ihrem Lied Still Dirrty [sic!] gibt AguileraSub den MedienberichtenDat Antwort, die behaupteten, sie sei brav geworden.4

4 Auch dieses Mal gab KarlSub eine negative Antwort.5

Vollständig zeigt sich das Valenzmuster von Antwort geben Ksub, KAntwort (KDat), (KPrp) in (5): Ksub wird durch Jahwe realisiert, KDat durch ihm und KPrp durch auf seine Fragen. Weil ein Satz wie Da Jahwe keine Antwort gab, also ohne Dativ- und Präpositivergänzung, grammatisch ist, kann Ksub als einzige obligatorische Ergänzung von Antwort geben eingestuft werden. Dass sowohl die Dativ- als auch die Präpositivergänzung als fakultativ klassifiziert werden können, bestätigen die Belege (6), (7) und (8), in denen diese Leerstellen nicht besetzt sind: In (6) wird nur die Präpositivergänzung durch auf diese Frage ohne Dativergänzung realisiert, in (7) ist die Dativergänzung den Medienberichten ohne eine Präpositivergänzung besetzt, in (8) fehlen sowohl die Dativ- als auch die Präpositivergänzung, d.h. in (8) zeigt sich die Minimalstruktur des Gefüges. In (5) ist der Satzbauplan von Antwort geben vollständig, in (6), (7) und (8) unvollständig, also reduziert realisiert. Es fehlt entweder eine der beiden möglichen Ergänzungen oder wie in (8) beide Ergänzungen, d.h. die Korpusbelege können danach kategorisiert werden, ob und welche Aktanten vorhanden bzw. nicht vorhanden sind.

Dass Aktanten in der Valenzstruktur eingespart werden können, ist für die Ebene des Textes wesentlich, weil sich dadurch unterschiedliche Möglichkeiten für die Strukturierung von Informationen im Text ergeben, z.B. durch die Reduktion von irrelevanten sowie zu vermeidenden Informationen (vgl. Seifert 2004: 194; Burger 2015: 162; Hinderdael 1985: 647). Andere Informationen können so selektiv fokussiert und betont werden (vgl. Seifert 2004: 105; Schwarz-Friesel-Consten 2014: 134). Zudem können die Informationen im Text durch die Einsparung von Aktanten verdichtet und die Äußerungen können verallgemeinert werden (vgl. Rensky 1966: 295; Popadić 1971: 40; Helbig 1984: 176f.; Yuan 1987: 196ff.; Hinderdael 1985: 214; Heidolph et al. 1984: 439), wodurch Sachverhalte so nicht nur generalisiert und verkürzt, sondern dadurch auch perspektiviert werden können (vgl. Schwarz-Friesel/Consten 2014: 101/214ff.).

Das Funktionsverbgefüge Antwort geben kann mit Dativ- und Präpositivergänzungen realisiert werden, die in der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges fakultativ sind. Die Möglichkeit zur Einsparung von Aktanten wird mit der Verdichtung und Perspektivierung von Informationen in Verbindung gebracht. In der Analyse der Valenz von Antwort geben wird nach Vollständigkeit des Musters unterschieden. Im Folgenden gehe ich auf das Valenzmuster von Entscheidung treffen ein.

3.2.1.1.3. entscheiden vs. Entscheidung treffen

Die Ableitung der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges Entscheidung treffen beginnt bei der Ermittlung des Valenzmusters des Basisverbs entscheiden, für das das Valenzwörterbuch E-VALBU den folgenden Satzbauplan vorschlägt (E-VALBU 2019: entscheiden1):

Satzbauplan von entscheiden: KSub, KAkk

Das Basisverb entscheiden hat in seiner Valenzstruktur zwei obligatorische Aktanten2, ein Subjekt und eine Akkusativergänzung mit dem Strukturbeispiel jemand/etwas entscheidet etwas (E-VALBU 2019: entscheiden 13; 24). Da sich Strukturen von Basisverbvarianten auf die Valenz von Funktionsverbgefügen übertragen können (s. Satzbauplan von Entscheidung treffen), ist für die Ableitung der Valenzstruktur von Entscheidung treffen das Valenzmuster einer weiteren Lesart des Basisverbs wesentlich, nämlich von entscheiden über, der präpositionalen Variante des Basisverbs, für die in E-VALBU der folgende Satzbauplan angegeben wird (E-VALBU 2019: entscheiden über5):

Satzbauplan von entscheiden über: KSub, KPrp

Die Valenzstruktur von entscheiden über weist zwei Leerstellen für obligatorische Aktanten auf, ein Subjekt und eine Präpositivergänzung, d.h. diese Basisverbvariante ist nicht transitiv, sondern intransitiv (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 263). Aus dem Valenzmuster des intransitiven Basisverbs wird für Entscheidung treffen der folgende Satzbauplan nach Fabricius-Hansen (2006: 261) hergeleitet:

Abbildung 20:

Entscheidung treffen vs. entscheiden

Das Valenzmuster von Entscheidung treffen setzt sich aus einem Subjekt (Ksub) und einer Präpositivergänzung (KPrp) zusammen, wie z.B. jemand trifft eine Entscheidung über etwas. Ein reduzierter Entscheidung-treffen-Satz, wie Sie treffen eine Entscheidung, d.h. ohne die Präpositivergänzung, ist als grammatisch einzustufen und bildet deswegen die Minimalstruktur des Satzbauplans von Entscheidung treffen. Die Präpositivergänzung kann demzufolge als fakultativ eingestuft werden. Der Satzbauplan für Entscheidung treffen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Satzbauplan von Entscheidung treffen: KSub, KEntscheidung, (KPrp)

Verglichen mit der Valenzstruktur des Basisverbs entscheiden (KSub, KAkk) bzw. entscheiden über (Ksub, Kprp) mit der des Funktionsverbgefüges Entscheidung treffen (KSub, KEntscheidung, (KPrp)), ergeben sich die folgenden Veränderungen in der Valenzstruktur der beiden Konstruktionstypen:

Satzbauplan von entscheiden vs. Entscheidung treffen:


entscheiden: KSub, KAkk
entscheiden über: KSub, KPrp
Entscheidung treffen: KSub, KEntscheidung, (KPrp)

Die Satzbaupläne der Basisverbvarianten entscheiden und entscheiden über weisen ein zweistelliges Muster mit jeweils zwei obligatorischen Aktanten auf (vgl. E-VALBU: entscheiden über6; entscheiden7). Sowohl im Satzbauplan von Entscheidung treffen als auch entscheiden über ist eine Präpositivergänzung enthalten, die in der Valenz von entscheiden fehlt. Nimmt man also an, dass entscheiden über das Basisverb des Gefüges Entscheidung treffen ist, dann kommt es hier zu einer Valenzvererbung, d.h. die Valenzstruktur des Basisverbs überträgt sich auf die Valenz des Funktionsverbgefüges (vgl. Fabricius-Hansen 2006: 263; Welke 2011: 251). Geht man dagegen davon aus, dass dem Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen das Basisverb entscheiden zugrunde liegt, dann kommt es zu einer Valenzverschiebung, und zwar von Akkusativ- zu einer Präpositivergänzung. Im Unterschied zu entscheiden über ist die Präpositivergänzung aber im Satzbauplan des Funktionsverbgefüges fakultativ, d.h. die Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges Entscheidung treffen erscheint in Gegenüberstellung mit der Valenz der Basisverben in zweifacher Hinsicht reduziert: Erstens fehlt die Akkusativergänzung von entscheiden in der Valenzstruktur von Entscheidung treffen; zweitens ist die obligatorische Präpositivergänzung von entscheiden über in der Struktur von Entscheidung treffen nicht obligatorisch, sondern fakultativ (vgl. Ágel 2017: 617f.; Hinderdael 1985: 647f.), vgl. die folgenden Beispiele aus dem Wikipedia-Artikel-Korpus (Hervorhebung S.K.):

1 Der VerwaltungsratSub trifft die grundlegenden Entscheidungen über die Tätigkeit der GesellschaftPrp.8

2 Auch der StellvertreterSub konnte selbständige Entscheidungen treffen, besonders auf Inspektionsreisen.9

In (9) wird das Valenzmuster von Entscheidung treffen vollständig realisiert: Ksub wird durch der Verwaltungsrat realisiert und KPrp durch über die Tätigkeit der Gesellschaft. Dass die Präpositivergänzung über die Tätigkeit der Gesellschaft als fakultativ eingestuft werden kann, zeigt die Weglassprobe (vgl. Ágel 2017: 259), denn auch ohne diese Präpositivergänzung, wie in Der Verwaltungsrat trifft die grundlegenden Entscheidungen, ist der Satz grammatisch. Die Annahme über die Fakultativität der Präpositivergänzung von Entscheidung treffen kann weiter durch das Beispiel (10) gestützt werden, weil das Funktionsverbgefüge dort ohne Präpositivergänzung in einer minimalen Valenzstruktur realisiert wird, d.h. in (9) wird das Valenzmuster von Entscheidung treffen als vollständig, in (10) als unvollständig klassifiziert.

Die strukturelle Möglichkeit zur Einsparung von Aktanten ist für die Ebene des Textes wesentlich, weil sich dadurch andere Möglichkeiten zur Strukturierung von Informationen ergeben (vgl. Seifert 2004: 194; Burger 2015: 162; Popadić 1971; Heidolph et al. 1984; Hinderdael 1985): Bekannte, triviale oder zu vermeidende Informationen können ausgelassen werden, wodurch andere Inhalte betont werden können (vgl. Seifert 2004: 105/194; Schwarz-Friesel-Consten 2014: 134 Hinderdael 1985: 647). Der Text kann so kürzer, die Informationen dichter werden und durch die fehlenden Ergänzungen können Äußerungen verallgemeinert werden, wodurch Informationen im Text unterschiedlich perspektiviert werden können (vgl. Rensky 1966: 295; Popadić 1971: 40; Helbig 1984: 176f.; Yuan 1987: 196ff.; Hinderdael 1985: 214; Heidolph et al. 1984: 439; Schwarz-Friesel/Consten 2014: 101/214ff.).

Das Funktionsverbgefüge Entscheidung treffen kann mit einer Präpositivergänzung realisiert werden, die in der Valenzstruktur des Funktionsverbgefüges fakultativ ist. Insgesamt können die Valenzstrukturen der Funktionsverbgefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen in Gegenüberstellung mit den Basisverben als reduziert eingestuft werden: In allen Valenzmustern fehlen entweder Akkusativergänzungen und/oder (weitere) obligatorische Aktanten. Die Möglichkeit zur Einsparung von Aktanten wird mit der Verdichtung und Perspektivierung von Informationen in Verbindung gebracht. In der Analyse der Korpusdaten wird deswegen nach der Vollständigkeit der Realisierung des jeweiligen Valenzmusters unterschieden. Im Folgenden gehe ich auf die Vereinheitlichung von Valenz ein,

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