Kitabı oku: «Sperrgebiet!»

Susanne Klein
wurde 1966 in Bergisch Gladbach geboren und lebt inzwischen seit vielen Jahren gemeinsam mit ihrem Mann am Rande der Wahner Heide, dem scheinbar so idyllischen Naturschutzgebiet. Sie begeistert sich für kriminale Literatur und veröffentlicht mit „Sperrgebiet!“ ihren Debütroman.
SPERRGEBIET!
Das Verlassen der Straßen und Wege ist untersagt!
Susanne Klein

Susanne Klein
Sperrgebiet!
Das Verlassen der Straßen und Wege ist untersagt!
Fotos: Harald Arz
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Inhalt
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREIßIG
EINUNDDREIßIG
ZWEIUNDDREIßIG
DREIUNDDREIßIG
VIERUNDDREIßIG
FÜNFUNDDREIßIG
SECHSUNDDREIßIG
SIEBENUNDDREIßIG
ACHTUNDDREIßIG
NEUNUNDDREIßIG
VIERZIG
EINUNDVIERZIG
ZWEIUNDVIERZIG
DREIUNDVIERZIG
VIERUNDVIERZIG
FÜNFUNDVIERZIG
SECHSUNDVIERZIG
SIEBENUNDVIERZIG
ACHTUNDVIERZIG
NEUNUNDVIERZIG
FÜNFZIG
EINUNDFÜNFZIG
ZWEIUNDFÜNFZIG
DREIUNDFÜNFZIG
VIERUNDFÜNFZIG
FÜNFUNDFÜNFZIG
SECHSUNDFÜNFZIG
SIEBENUNDFÜNFZIG
ACHTUNDFÜNFZIG
NEUNUNDFÜNFZIG
SECHZIG
EINUNDSECHZIG
ZWEIUNDSECHZIG
DREIUNDSECHZIG
VIERUNDSECHZIG
FÜNFUNDSECHZIG
SECHSUNDSECHZIG
SIEBENUNDSECHZIG
ACHTUNDSECHZIG
NEUNUNDSECHZIG
SIEBZIG
EINUNDSIEBZIG
ZWEIUNDSIEBZIG
DREIUNDSIEBZIG
VIERUNDSIEBZIG
FÜNFUNDSIEBZIG
SECHSUNDSIEBZIG
SIEBENUNDSIEBZIG
ACHTUNDSIEBZIG
NEUNUNDSIEBZIG
ACHTZIG
EINUNDACHTZIG
ZWEIUNDACHTZIG
DREIUNDACHTZIG
VIERUNDACHTZIG
FÜNFUNDACHTZIG
SECHSUNDACHTZIG
SIEBENUNDACHTZIG
ACHTUNDACHTZIG
NEUNUNDACHTZIG
NEUNZIG
EINUNDNEUNZIG
ZWEIUNDNEUNZIG
DREIUNDNEUNZIG
VIERUNDNEUNZIG
FÜNFUNDNEUNZIG
SECHSUNDNEUNZIG
SIEBENUNDNEUNZIG
ACHTUNDNEUNZIG
NEUNUNDNEUNZIG
EINHUNDERT
EINHUNDERTEINS
EINHUNDERTZWEI
EINHUNDERTDREI
EINHUNDERTVIER
EINHUNDERTFÜNF
EINHUNDERTSECHS
EINHUNDERTSIEBEN
EINHUNDERTACHT
EINHUNDERTNEUN
EINHUNDERTZEHN
EINHUNDERTELF
EINHUNDERTZWÖLF
EINHUNDERTDREIZEHN
EINHUNDERTVIERZEHN
EINHUNDERTFÜNFZEHN
EINHUNDERTSECHZEHN
EINHUNDERTSIEBZEHN
EINHUNDERTACHTZEHN
EINHUNDERTNEUNZEHN
EINHUNDERTZWANZIG
Epilog
PROLOG
Erotik knisterte unter dem festlich eingedeckten Tisch, an dem er mit sieben weiteren angehenden Ärzten aus seinem Semester saß und das Dessert einnahm. Es war der Abschluss eines vorzüglichen Menüs, das im Rahmen des Medizinerballs kredenzt wurde. Sie alle waren in weiblicher Begleitung. Seine Tischdame saß ihm gegenüber und hatte einen ihrer High Heels diskret abgestreift. Mit dem schuhlosen Fuß suchte sie sich den Weg bis in seinen Schritt und leckte sich währenddessen imaginäre Reste der cremig geschlagenen Sahne von ihren Lippen. So kannte er sie gar nicht – aber es gefiel ihm. Sehr sogar. Ein großer Schluck seines Champagners verlagerte für Sekunden seine Erregung in den Kopf und er konnte einen Augenblick lang versuchen, den Aussagen der Professorengattin, die links neben ihm saß, zu folgen. Vergeblich, denn der Fuß hatte sein Ziel gefunden. Eine Erektion war zwangsläufig und nicht aufzuhalten. Auch nicht mit einem weiteren Glas Champagner. Er breitete eine Serviette auf seinem Schoß aus während er versuchte, Frau Professor und ihrem Monolog über die neue Satzung des ortsansässigen Reitclubs zu folgen. Leicht benommen vernahm er die scheinheilige Frage seiner Tischdame: „Schatz, geht’s Dir nicht gut?“ Zu einer Antwort war er nicht imstande. In seinem Hirn hatten sich schon zu viele Synapsen verbunden, die einen Orgasmus auf keinen Fall mehr verhindern wollten. „Komm, ich bringe Dich mal an die frische Luft“, sagte sie. Dieses Luder. Der Professor stand ebenfalls auf, als sie sich erhob und bot seine Hilfe an. Geschickt ignorierte sie das Angebot und kümmerte sich fürsorglich um das Wohlergehen ihres Freundes. So begleitete sie ihn und seinen Riesenständer in die Katakomben des Unigeländes. Nichts von seiner Lust hatte nachgelassen, ganz im Gegenteil. Er schmiegte sich an ihren tadellosen jungen Körper und versuchte, sie auf dem Weg nach unten zu küssen. Ihr Abwehrverhalten steigerte seine Erregung ins Unendliche und als er sah, was sie vorhatte, konnte er sich kaum noch zügeln. Sie hatte ihn in den Untersuchungsraum der pathologischen Abteilung gebracht und drängte ihn sanft Richtung Seziertisch, der zuvor in seine vertikale Position gefahren worden war. Sie fixierte ihn an Füßen und Händen und betätigte den Knopf, der ihn und den Tisch in die Horizontale versetzte. Sollte sie nicht besser abschließen?
Das Licht wurde grell und die Folter begann.
EINS
Erika Walter hatte, wie sich im Laufe der polizeilichen Ermittlungen herausstellen sollte, ziemlich genau ihr siebenundsechzigstes Lebensjahr vollendet, als sie verschwand und in einem Bett aus Moos, Sand und Heidekraut für lange Zeit ihre vorletzte Ruhe fand. Leicht bedeckt und umgeben vom vertrockneten Laub der vielen zurückliegenden Jahre. Eingebettet in einen sogenannten Bombentrichter, einer mahnenden Hinterlassenschaft aus früheren Zeiten.
Sie war zu Lebzeiten sage und schreibe fünfmal verheiratet gewesen und hatte, so informierte jedenfalls das Stammbuch der Stadt Rösrath, einen heute 46-jährigen Sohn, dessen Vater unbekannt bleiben sollte. Der Junge hatte in seiner Kindheit, aus Gründen des Lebenswandels seiner Mutter, unterschiedliche Einrichtungen, aber auch Pflegefamilien durchlaufen und wurde zur Adoption freigegeben, konnte jedoch trotz aller Bemühungen nie erfolgreich vermittelt werden. Beider Lebensumstände ließen sich erst nach und nach, durch die Verkettung der Ereignisse, in einem fortgeschrittenen Stadium der Recherche erahnen. Nämlich, als es schließlich und endlich gelang, Frau Walter zu identifizieren und ihren Tod zu rekonstruieren.
Dabei stellte sich heraus, dass Erika Walter nach dem Ableben ihres letzten Ehegatten zwar sehr reich, dann aber äußerst unauffällig, zurückgezogen, mit wenig Kontakt zur Außenwelt und ohne Verbindung zu ihrer Familie gelebt hatte, sodass sie nach ihrem Abgang nicht vermisst worden war. Niemand bekam mit, dass sie ihr Haus verlassen hatte und nicht wieder dorthin zurückgekehrt war. Das Leben hatte sie eingeholt, ihr die Jahre der Missachtung seiner Güte vorgeworfen und schließlich Gerechtigkeit gefordert.
Entdeckt hatte ihre Überreste ein unbeteiligter Fahrradtourist, beziehungsweise war sein Hund beim Stöbern und Markieren seines neuen Reviers auf das, was von Frau Walter übrig geblieben war, gestoßen. Der Rüde schnüffelte mit aufrechtstehender Rute am Boden des großen Kraters, der mitten im Gelände durch einen Bombeneinschlag bei einer Truppenübung vor vielen Jahren entstanden war. Dort, wo das Laub nicht mehr hoch genug lag, hatte der Vierbeiner die Einzelteile gefunden und sie aufgewühlt. Die Knochen waren stark verwittert, an einigen Stellen deutlich nachgedunkelt und auf Distanz – zumindest für einen Laien – nicht mehr auf Anhieb als menschliches Skelett erkennbar. Deshalb war Josef Gruber, so hieß der Mann aus Bayern, der auf seiner Fahrradtour das Areal der Wahner Heide erkundete, bei seinem Fund fast geneigt, einfach weiterzuradeln. Aber eben sein Hund, ein Bayerischer Gebirgsschweißhund mit ausgeprägtem Jagdinstinkt, wollte nicht mehr von seiner appetitlichen Beute lassen und knabberte euphorisiert am Wadenbein der Frau Walter. Zwar verzichtete der Rüde auf das sonst übliche Apportieren, knurrte aber besitzanzeigend, als sein Herrchen zu ihm herunterstieg und ihn am Halsband wegzuzerren versuchte. Nicht nur, weil sich der Hund zu einem unberechenbaren Hüter des für ihn äußerst reizvollen Fundes entwickelte und genüsslich weiternagte, sondern auch, weil die Anordnung des Knochengebildes, das vor ihm lag, auf den zweiten Blick, und wenn man es wieder zusammenlegen würde, durchaus dem eines Menschen ähnelte, wählte Josef Gruber schließlich die 110 und informierte die Polizei über seine Entdeckung.
„Wo in etwa befinden Sie sich denn, Herr Gruber?“
„Jo mei, des woass i doch ned“, bayerte er.
Da sich sein Standort so ohne weiteres am Telefon geografisch nicht zuordnen ließ, rückten Streifenwagen aus unterschiedlichen Wachen an und suchten erst einmal nach ihm und seiner Entdeckung. Immerhin erstreckt sich die Wahner Heide östlich der Stadt Köln über 28 Kilometer in nordnordwestliche Richtung und nimmt eine Gesamtfläche von unüberschaubaren etwa 177 Quadratkilometern ein. Erst nach Ortung seines Handys fanden sie ihn schließlich – fernab seiner mehr als vagen Angaben.
„Herr Gruber?“, fragte einer der Polizisten.
„Joa, wer bitt schee soanst?“, gab dieser die Frage genervt zurück.
„Danke, dass Sie uns verständigt und hier gewartet haben, Herr Gruber.“
„Bassd scho!“
Die Beamten stiegen in den Trichter hinab, zogen Herrn Gruber hoch an den Rand und baten ihn an Ort und Stelle zu bleiben, um keine weiteren Spuren zu verursachen.
„Und leinen Sie Ihren Hund bitte an!“ Verständlich, denn der befand sich immer noch mittendrin in dem Knochengebilde und verwechselte es offenbar mit der Feinkostabteilung von Fressnapf. Als die Rufe und Pfiffe von Herrn Gruber den Hund nicht bewegten, sein Revier zu verlassen, half nur ein Schuss in die Luft aus der polizeilichen Dienstwaffe. Und schon verschwand er wie vom Blitz getroffen.
„Kruzifix, Herrschaften!“, hörte man Herrn Gruber in die ansonsten stille Natur rufen, bevor er das Fahrrad fallen ließ und seinem „Pauli“ nachrannte.
Die vier anwesenden Polizisten konnten sich jetzt ohne das Verteidigungsgehabe des Tieres ungefährdet der Fundstelle nähern und einen ersten Status erheben. Man kam schnell zu der Erkenntnis, dass es sich um die Überreste eines Homo sapiens handelte. Soweit so gut. Ihre mitgeführten Utensilien reichten aber nur zu einer oberflächlichen Untersuchung am Fundort und konnten keine konkreten Hinweise auf Identität oder Todesursache liefern. Da half es auch nicht, mit der Dienstwaffe im Laub zu stochern und die Gebeine freizulegen. Die sterblichen Überbleibsel bestanden definitiv nur noch aus blanken Knochen, die unversehrt schienen, aber keinen Hinweis auf die Person oder eine mögliche Todesursache würden geben können. Körpersekrete Fehlanzeige. DNA-trächtige Haare waren ebenfalls nicht vorhanden, da die Schädeldecke komplett fehlte. Wahrscheinlich war sie im Rahmen der Nahrungskette von den heimischen Tieren verschleppt und entweder verscharrt oder komplett abgenagt worden. Vielleicht aber hielt sich jemand den Skalp als Trophäe und er würde nie wieder auftauchen, weil er hauchdünn und transparent auf einen Rahmen gespannt wurde und an einer finsteren Kellerwand neben anderen Erinnerungstücken eines Massenmörders hing. Wer wusste das schon? Aber dieses Szenario stimmte bei weitem nicht mit der Schönheit der Natur und der trotz der Nähe zur Großstadt Köln eher dörfliche Umgebung überein. Man mochte es sich gar nicht erst vorstellen und machte kurzerhand einen Haken dran.
Für weitere Untersuchungen verwertbar schienen nur der noch am Knochen des Ringfingers der rechten Hand steckende Ehering, mit einem eingravierten Datum, und die Zahnprothese, die durch den geschlossenen Biss noch dort steckte, wo einmal Mund und Zahnfleisch den Kiefer umgeben hatten. Die entdeckten Stoffteile eines karierten Wollgemischs in unmittelbarer Nähe konnten zu den übrigen Fundstücken gehören, mussten sie aber nicht. Man ging nach den Untersuchungen vor Ort davon aus, dass die Person vermutlich weiblich war und durchaus eines natürlichen Todes gestorben sein konnte. Hier musste nicht zwingend ein Tötungsdelikt vorliegen. Wie gesagt, die Knochen waren unbeschädigt und wiesen keine Verletzungsmerkmale auf. Die Polizisten einigten sich auf Porz als Leichenfundort und einer der beiden Streifenwagen rückte über das holprige Gelände wieder Richtung Troisdorf in seine Heimatwache ab. Die Besatzung des anderen erklärte sich gegenüber dem Präsidium in Köln als zuständig und prüfte über das polizeiinterne Portal in einem mitgeführten iPad die Vermisstenfälle der vergangenen zehn Jahre.
Das System spuckte nichts Passendes aus. Alle abgängigen Personen aus der letzten Zeit waren längst gefunden worden, tot oder lebendig. Es war keine Vermisstenmeldung offen, sah man von einer 14-Jährigen aus Köln ab, die aus einem Heim verschwunden und seit einigen Tagen in der Einrichtung nicht mehr aufgetaucht war. Da sie das aber nicht zum ersten Mal getan hatte, wertete man das Fernbleiben mehr oder weniger als Ausflug und investierte nicht in ihre Suche, sondern hoffte auf die Mithilfe der Bevölkerung, die in solchen Fällen nicht untätig blieb und sehr aufmerksam war. Die Knochen vor ihnen lagen eindeutig länger hier, als das Mädchen vermisst wurde. Sehr viel länger. Und so verzichtete man darauf, die Spurensicherung zu verständigen, skypte aber immerhin mit den Kollegen in Köln, um ihnen ein paar Livebilder zu übermitteln und sich dann kopfnickend gegenseitig darin zu bestärken, nicht zu viel Gedöns um die Sache zu machen. Schließlich sei Freitagnachmittag kurz vor Schichtwechsel und die meisten Verantwortlichen schon fast im Wochenende. Im Übrigen gäben die Knochen ohnehin kaum bis keine Analysemöglichkeiten mehr her. Erst recht nicht ließe sich der Todeszeitpunkt erheben. Nach kurzer Rücksprache bestellte man ganz einfach einen, den Tod bescheinigenden, Notarzt und dazu den nächstgelegenen Bestatter. Im Ergebnis attestierten alle Anwesenden lapidar einen natürlichen Tod. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte.
Herr Gruber tauchte mit Pauli erst wieder auf, als die übrigen Anwesenden die Fundstücke und das Skelett in einen grauen, viel zu großen Leichensack mit Reißverschluss verfrachteten und diesem das Namensetikett „Heidi“ anhefteten. Er hinterließ wunschgemäß seine Daten und verabschiedete sich mit einem gut gemeinten „Grüß Gott“. Die beiden hatten die Tote längst verkraftet und verschwanden hinter der nächsten Abzweigung im Großen und Ganzen des Geländes, wo nach einem kurzen Augenblick der Leichenwagen um die Ecke bog. Der schwarze Kombi des Bestatters fuhr vor und ein dunkel gekleideter Fahrer lud den Sack um in einen Zinksarg und schob beides ins finstere Wageninnere. Die Scheiben der gediegenen Limousine waren mit weinrotem Samt verhangen und ließen keinen letzten Blick zu. Der Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts verlieh der ansonsten anonymen Zeremonie eine gewisse Ehre und er stieg mit Würde und großem Respekt vor dem Tod in den Wagen. Das war schließlich das Mindeste, was er einem verstorbenen Menschen auf seiner finalen Reise mitgeben konnte. Erst recht auf seinem direktem Weg in die Arme des Teufels. In den Glutofen, der in diesem Fall schon am Folgetag auf das, was vom Leben übrig geblieben war, wartete.
Die gefliesten Räume beim Bestatter waren eine eigentlich überflüssige Zwischenstation, wo üblicherweise Leichen umgebettet und nett zurechtgemacht in einen Holzsarg verfrachtet wurden. Im Fall von „Heidi“ brauchte man das nicht, denn Aufhübschen war weder nötig, geschweige denn möglich. Wo sie aber nun so vor ihm lag, führte der erfahrene Leichenbeschauer des Bestattungshauses einige standardisierte Untersuchungen durch und stellte ebenfalls keine Schädigungen an den Knochen fest. Da sie komplett frei von menschlichen Rückständen waren, nahm er an, dass das Skelett seit einigen Jahren dort gelegen haben musste. Unterschiedliche Laubrückstände sprachen ebenfalls dafür. Über die Fleisch- und Fettreste sowie die Muskelfasern hatten sich, seinen Angaben zur Folge, im Laufe der Zeit heimische Tiere – höchstwahrscheinlich Wildschweine, die als Allesfresser und ihrem Überlebenstrieb folgend auch gerne Aas verspeisten – vor deren endgültiger Verwesung hergemacht. Der Rest war in der biologischen Kette einfach nur verwest. Hinweise auf die Todesursache waren naturgemäß wegen der vermutlich langen Liegedauer und ohne vorhandene Gewebeteile nicht mehr zu finden. Die Beckenknochen und die Hände ließen auf das Skelett einer Frau schließen, der Zustand und die Beschaffenheit der verbliebenen Zähne, auf ein Alter jenseits der 55. Etwas konkreter würde man es zwar anhand einer Analyse der Handwurzelknochen feststellen können, aber so genau wollte es ja offensichtlich niemand wissen. Für ihn war schließlich ebenfalls Freitagnachmittag und solange niemand mehr in seinem Einzugsgebiet beabsichtigte zu sterben, stand auch sein Wochenende unmittelbar bevor. Also sah er von weiteren Untersuchungen ab und erhob nur die Fakten. Neben der Schädeldecke und deren Rückseite fehlten ein paar Rippen und die linke Schulter. Abschließend, und weil er es glauben wollte, trug er in sein vor ihm liegendes Formular „natürlicher Tod“ ein und unterstrich damit die Fehleinschätzung der Polizei und die des Notarztes. Eine fatale Kettenreaktion.
So geschah, was geschehen musste. Der Fund landete am Samstag im Krematorium in Mechernich, wurde verbrannt und anonym auf Kosten der Stadt Köln auf Melaten bestattet. Mangels brauchbarer Daten und ohne Vorlage einer Vermisstenmeldung, würde es für das Ordnungsamt auch im Nachhinein schwierig werden, nach Hinterbliebenen zu suchen, um sich die entstandenen, nicht unerheblichen Kosten zurückzuholen und der Toten einen Namen zu geben. Immerhin waren Gebühren in Höhe von 4.700 Euro inklusive Sarg entstanden, die sich unter Umständen nach Ablauf einer Frist mit ihrem teuren Ehering verrechnen lassen würden. Der Ring, ihre Zahnprothese, sowie die nicht definitiv ihr zugeordneten Kleiderfetzen, landeten in einem kleinen Plastikbeutel in den Asservaten des Beerdigungsinstituts. Der Bestatter würde sie mit der Rechnung seiner Auslagen der Stadt Köln zur Verfügung stellen. Was auch immer sie damit anstellen würden – für ihn war der Fall damit abgeschlossen.
Als man wenige Tage danach Teile des Schädels und den kläglichen Rest einer struppigen Frisur in der Wahner Heide fand, kam Dynamik in den Fall und die Kripo wurde informiert. Die Meldung landete im Polizeipräsidium Köln und dort auf dem Schreibtisch von Sara Lange. Sie war seit zwei Monaten als Assistentin im Dezernat XI beschäftigt, das unter anderem in Fällen mit ungeklärten Todesumständen ermittelte.
ZWEI
„Guten Morgen, Sara. Ich habe hier einen Fall, den Du Dir mal anschauen solltest!“, begrüßte mich Andreas, der unser Dezernat leitete und die Unterlagen provozierend und mit einem verschmitzten Lächeln in die Höhe hielt. Und das natürlich nur, um genau in dem Moment, als ich versuchte danach zu greifen, die Hand, in der er sie hielt noch ein wenig weiter nach oben zu nehmen. Ich gönnte ihm den Spaß und lachte darüber. „Haha, sehr witzig. Gib sie mir biiiiitteeee!“
Jetzt musste er auch lachen und wir waren beide happy, so in den Tag zu starten. Unbeschwert eben – was kein Widerspruch zur Polizeiarbeit bedeuten musste. Ganz und gar nicht bei all den Gefühlsfacetten, die der Job mit sich bringt.
„Ich will noch nicht zu viel verraten, aber es handelt sich um einen Leichenfund, der Fragen aufwirft. Viele Fragen!“ Er schilderte mir zunächst in Kurzform das Geschehene und sein Vorwurf über die Ersteinschätzung der Kollegen vor Ort, es handele sich um einen natürlichen Tod, schwang schon hier mit.
„Yes!“ Ich jubelte innerlich. Das schien mir ein sehr geeigneter Vorgang für einen Anfänger wie mich.
Andreas übergab mir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die blaue Mappe mit der Aufschrift „Heidi – Knochenfund//Wahner Heide“. Zum ersten Mal hielt ich tatsächlich das Grauen in der Hand und vergaß darüber beinahe das Atmen. Eine Mischung aus freudiger Erwartung und großer Nervosität vor der neuen Aufgabe, verströmte eine hohe Dosis Adrenalin durch meinen Körper und nahm mir für einen Moment den Atem. Erst in dem Augenblick, als Andreas mir seine Hand auf die Schulter legte, setzte mein Organismus wieder ein und ich schnappte nach Luft.
„Bleib locker, Sara. Du machst das schon.“ Er traute mir einen solchen Fall demnach bereits zu und bestärkte mich durch den flüchtigen körperlichen Kontakt. Atmung und Verstand beruhigten sich und ich blätterte stolz in den überschaubaren drei Seiten Akteninhalt. Bislang hospitierte ich meistens bei der Lösung von Fällen und unterstützte das Team mit Recherchearbeiten. Ich brannte längst für einen eigenen kleinen Fall. Auch, wenn ich nur eine Art Sachbearbeitung betrieb und im Hintergrund agierte. Für Heidi war ich ab jetzt verantwortlich.
„Die Sache ist deshalb brisant und bei uns gelandet, weil die gefundenen Knochen längst verbrannt waren, als durch einen Zufall vor ein paar Tagen ein Skalp mit einem Stück Schädeldecke in der Nähe der Fundstelle entdeckt wurde, der gut und gerne zu dem Rest gehören könnte. Damit hätte man das Puzzle zusammensetzen und sehen können, ob es eine Einheit bildet und zu einer Person gehört. Aber so …!“
Er ließ das Gesagte durch den Raum schweben, damit er seine Fassungslosigkeit möglichst nicht durch Worte untermauern musste. „Gesichert wissen wir bis jetzt nur, dass die Knochen zu einer Frau gehören, die vermutlich so um die 60 war. Nur ein paar Zähne und ein Ehering sind von ihr übrig geblieben. Alles andere ist futsch.“ Andreas rollte mit seinen Augen, um das Fehlverhalten der Kollegen auf seine Art zu missbilligen. Er schaute mich auffordernd an, als erwarte er eine Antwort oder zumindest eine Bestätigung seiner grenzenlosen Empörung. Ich blieb aber stumm und ließ ihn weiter berichten.
„Ein Journalist, der für einen Artikel über Bombentrichter und andere Relikte des Militärs in der Wahner Heide recherchierte, hat das Haarbüschel dort gefunden und die Polizei verständigt. Der hat es sich allerdings auch nicht nehmen lassen, die Geschichte exklusiv dem EXPRESS zur Verfügung zu stellen.“ Er zeigte auf die reißerische Titelseite, die den Journalisten mit dem verfilzten Mopp in der Hand zeigte. „Konzentrier‘ Dich am besten nur auf das wenige Wesentliche.“ Er blätterte einfach weiter und hielt mir nun den Bericht der involvierten Polizisten inklusive der Zeugenaussage eines Herrn Gruber unter die Nase. „Vielleicht lässt sich ja mit dem, was wir haben zumindest die Identität klären. Der Rest ist wie gesagt leider schon durch den Kamin in Mechernich“, erklärte er mir und verdrehte jetzt seine kompletten Gesichtszüge. „Gibt’s Fragen?“, wollte mein Chef noch wissen.
„Gab es keine Handtasche?“, fragte ich.
„Wie bitte?“
„Ist dort oder in der Nähe keine Handtasche gefunden worden? Eine Frau geht doch nicht ohne Handtasche!“
Er verharrte vor meinem Schreibtisch und nestelte an seinen Bartstoppeln.
„In die Natur offenbar schon – sie hatte jedenfalls keine dabei oder sie war längst weg. Du kannst ja mal im Fundbüro nachfragen. Willst Du sonst noch was wissen?“
„Nein, alles klar.“ Mist, da wollte er gerade gehen und mir fiel ausgerechnet jetzt noch etwas ein: „Das heißt, eine Frage habe ich noch: Vermutest Du ein Verbrechen?“
„Schwer zu sagen. Durch das schnelle Vorgehen …“, er brach den Satz ab, weil er selber merkte, dass seine Anklage den Kollegen gegenüber allmählich zu weit ging. Etwas sachlicher fuhr er fort: „Es wurden leider keine tiefergehenden Untersuchungen durchgeführt oder Spuren an den Knochen, geschweige denn am Fundort gesichert. Aber vielleicht lässt sich noch auf anderem Wege etwas rausfinden. Wir haben ja jetzt zumindest Haarreste.“ Die Frisur war seine Hoffnung. „Zusammen mit den Zähnen, die mit den Knochen gefunden wurden, lässt sich wenigstens klären, ob beides zu ein und derselben Person gehört.“
Voller Vorfreude auf meine vor mir liegende Arbeit war ich gedanklich längst abgedriftet und wusste nicht, was ich noch sagen könnte. Den Moment, in dem mein Chef wieder verschwand, konnte ich kaum abwarten. Um meine Ungeduld zu unterstreichen, scharrte ich mit den Füßen unter meinem Schreibtisch und trommelte mit den Fingern auf der Arbeitsplatte. Er verstand es nicht und setzte mit seinen gut gemeinten Ratschlägen fort.
„Am besten nimmst Du zuerst Kontakt mit der Stadt auf und beauftragst das Ordnungsamt, damit wir Akteneinsicht und den Ring, der noch an den Knochen steckte, bekommen. Nicht, dass die noch auf die Idee kommen, damit ihre Kosten zu verrechnen“, schlug er vor, anstatt zu gehen. „Und veranlasse bitte die Haaranalyse. Hoffentlich haben wir eine passende DNA.“
Warum macht er nicht gleich alles selbst?, fragte ich mich.
„Ja, okay!“ Ich blieb wortkarg, um noch verständlicher zu zeigen, dass er mich durchaus mit meinem Teil der Sache jetzt allein lassen konnte und mit mir aktuell kein weiterer Dialog möglich war. An Empathie mangelte es Andreas sonst nicht, aber heute blieb er in der Sache unsensibel.
„Finde irgendetwas heraus, was nicht in der Akte steht.“ Pause. Ich presste die Lippen zusammen und verkniff mir jede Konversation. Das animierte ihn allerdings nur, fortzufahren. „Und sollte es sich doch bestätigen, dass unsere Leiche eines natürlichen Todes gestorben ist, oder Dir weitere Ermittlungen aussichtslos erscheinen, kannst Du die Akte schließen.“
Leichen können nicht sterben, dachte ich und war geneigt, es auszusprechen. Da war er aber endlich gegangen.
DREI
Ziel und meine primäre Aufgabe hier im Präsidium sollte irgendwann in absehbarer Zeit die eigenständige, administrative Unterstützung von insgesamt sechs Kriminalisten sein. Je selbstständiger ich dabei agierte, desto besser – hatte mir der Personalchef bereits in meinem Vorstellungsgespräch ziemlich deutlich gesagt. Und genau darauf arbeitete ich seit dem ersten Tag akribisch hin. In den letzten Wochen hatte ich viel beobachtet, gelernt und mich langsam an die Polizeirealität herangetastet. Nach der Probezeit und einer damit einhergehenden Einarbeitungsphase würden die Tätigkeiten ausgedehnt und ich wäre dann in der Lage, eigene Erkenntnisse in die Ermittlungen zu tragen. Wenn alles gut lief, war dieser kleine Fall ein Quantensprung.
Meine Vorgesetzten und die besten Chefs der Welt, sind der eben erwähnte Andreas Kurani, 50 Jahre alt, Kriminaloberkommissar und Frank Labonte, 44 Jahre alt, sein Stellvertreter, ebenfalls Kriminaloberkommissar. Beide scharfe Analytiker und hervorragende Kriminalisten, aber ansonsten absolut unterschiedlich. Während Andreas sehr introvertiert und – sieht man mal von seinem Monolog von eben ab – eher still und einsilbig auftritt, ist Frank immer und überall präsent. Sobald er einen Raum betritt, füllt er ihn mit seinem Charisma. Bääähm! Auch optisch ist er genau das Gegenteil von Andreas. Es kommt nicht selten vor, dass Frank wie für ein Männermodemagazin gestylt, nach teuren Parfüms duftend und im Designeranzug auf der Arbeit erscheint und die reinste Provokation für diejenigen ist, die morgens aus dem Bett und in ihre nichtssagenden Klamotten vom Vor- und gerne auch mal vom Vorvortag springen. Andreas gibt sich eher so, wie man einen typischen Kriminalbeamten aus dem Fernsehen kennt. Etwas mürrisch, ansonsten kernig und sportlich. Auch optisch. Jeans, Shirt, Turnschuhe. Fertig. Vier weitere Beamte und ich sind den beiden unterstellt. Während sie ermitteln und die Arbeiten am und rund um den Tatort vornehmen, hüte ich in der Regel unser Büro im Linksrheinischen am Rande der Kölner Innenstadt. Kalk – am Puls der Kriminalität und mitten im sozialen Brennpunkt der Stadt.
Die Kollegen aus meiner Truppe sind immer die Ersten an einem Tatort und in mehreren Schichtdiensten rund um die Uhr im Einsatz. Sie werten zusammen mit den Mitarbeitern der Spurensicherung die frühen und unangetasteten Spuren aus, bevor die Vorgänge dann mit der Mordkommission gemeinsam ermittelt werden. Erst wenn ein Verbrechen mit Todesfolge aufgeklärt ist oder es nach dem Ablauf einer bestimmten Zeit nicht gelöst werden kann, wird die Mordkommission verkleinert und das Dezernat XI wieder abgezogen. Es kommt dann auch vor, hängt aber vom Arbeitsaufkommen der verschiedenen Abteilungen ab, dass wir Vermisstenfälle mit übernehmen oder im kleinkriminellen Milieu, beziehungsweise bei der Drogenfahndung ermitteln.
Nach über zwanzig Jahren im Vertrieb einer Versicherung in Köln, kam ich als absolute Quereinsteigerin und in relativ fortgeschrittenem Alter zur Polizei und genoss in diesen ersten Wochen noch die volle Aufmerksamkeit der Kolleginnen und Kollegen und eine Art Welpenschutz. Es gefiel mir, die Verantwortung auf anderen breiten Schultern zu wissen und nicht selber im Fokus zu stehen. Am 1. Januar war für mich mit dieser Stelle ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Und trotz einer ausgiebigen Silvesternacht mit wenig Schlaf und meines ersten Feiertagsdienstes war ich voller Motivation und mit viel Vorfreude gestartet. Ich war stolz, diese Chance zur rechten Zeit für mich erkannt und angenommen zu haben. Schon seit Kindheitstagen wollte ich zur Polizei. Allerdings war es in meiner Generation zum damaligen Zeitpunkt noch nicht weit verbreitet, sich zur Polizeibeamtin ausbilden zu lassen und in den Jahren danach war ich viel zu bequem geworden für eine solche Veränderung, die damals wie heute erhebliche finanzielle Einbußen bedeutet.
Gefangen in meinem persönlichen Rückblick schweifte ich ab und war so vertieft im eigenen Gedankenuniversum, dass ich den Vortrag meines Chefs von vorhin trotz der vielen Informationen nicht mehr abrufen konnte und jetzt krampfhaft überlegte, was er mir so lange und breit angeraten hatte. Nachfragen zu müssen, wäre natürlich der Supergau und an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Also kramte ich in allen Gehirnschubladen, fand langsam zurück in einen Konzentrationsmodus, der die Hinweise in einer Art Endlosschleife vor meinen Augen umherflimmern ließ, bis ich wieder in der kriminalistischen Spur war und mir einfiel, dass ich zuerst bei der Stadt Köln anrufen wollte.
Nervös tastete ich über das Tattoo in meinem Nacken, das den meisten wegen meiner langen Haare verborgen blieb. Es war ein kleiner Schutzengel, der mir Kraft und Ruhe gab.
Bisher war es für mich nie unmittelbar um Tote gegangen, und jetzt blickte ich erstmalig auf eine. Das Foto zeigte die Fundstücke fein säuberlich zu einem Knochengerüst zusammengefügt. Sie waren nicht Furcht einflößend, erinnerten vielmehr an meinen Biologieunterricht in der achten Klasse, als uns Tom, das Schulskelett vorgestellt wurde und wir Schüler vom Amboss bis zur Speiche des Wadenbeins alle menschlichen Knochen persönlich kennenlernten.
Okay, um mich für meine Aufgabe zu stärken und mein Mantra zu zentralisieren, tastete ich noch mal den Engel im Nacken ab. Alles klar.
Ich griff zum Telefonhörer, räusperte mich aufgeregt und wählte die Nummer der Stadtverwaltung Köln. Nach vier Fehlversuchen und etlichem Weiterverbinden wegen nicht zuständig sein, landete ich nach einer gefühlten Ewigkeit bei einem Sachbearbeiter. Endlich, freute ich mich – verfrüht …
„Guten Morgen, ich bin Sara Lange von der Kripo Köln. Wir haben ein paar Fragen im Zusammenhang mit dem Fund der sterblichen Überreste einer Frauenleiche, deren Knochen kürzlich auf Ihre Anweisung hin im Krematorium in Mechernich eingeäschert wurden.“
„Ja, und welche?“
„Welche was?“
„Welche Fragen?“
„Ach so! Wir würden gerne versuchen, sie über ihre familiären Verhältnisse und die Daten in ihrem Ehering zu identifizieren und bräuchten dazu dringend Akteneinsicht. Und den Ring.“
„Aha.“
Langsam wurde ich wütend. Wie träge war der denn?
„Könnte ich die Sachen bei Ihnen abholen lassen?“
Ich visualisierte meine Vorstellung von ihm. Bestimmt saß er zurückgelehnt in einem abgehalfterten Bürostuhl, schaute genervt an die Zimmerdecke und kaute an seinem Rotstift, mit dem er im Laufe des Tages Bewilligungen aus dem Leben Bedürftiger strich.
„Ja, sicher. Aber frühestens morgen.“
Als ich ansetzte mich aufzuregen, hatte er längst aufgelegt und sich vermutlich seinem Büroschlaf gewidmet. Mannomann!
VIER
Das frustrierende Gespräch mit der Stadt Köln sollte mich nicht entmutigen, ermahnte ich mich. Als ich allerdings am Folgetag die angeforderten Dokumente in der Hand hielt, verschwand mein Enthusiasmus dramatisch unter null. Betrachtete man die gesamte Bearbeitungskette, war mein Telefonat mit dem Sachbearbeiter noch das Harmloseste. Die maßlose Gleichgültigkeit im Umgang mit der toten Frau lag nun schwarz auf weiß vor mir und eine Annäherung an die Identität der Person rückte in weite Ferne. Es gab nichts Verwertbares, und ich konnte mir nur mit Mühe vorstellen, wie ich aus einer DIN A 4 Seite, auf der nichts weiter vermerkt war, als die Anzahl der unvollständigen Knochen, eine Zusammenstellung der drei Fundstücke, die mit der Leiche im Zusammenhang standen oder stehen konnten und dem Hinweis „Natürlicher Tod“, für weitere Ermittlungen brauchbare Erkenntnisse ziehen sollte. Immerhin wurde bei der Knochenschau deutlich, dass ein großes Stück der Schädeldecke fehlte und man davon ausgehen konnte, dass der Skalp zu dem Häufchen Asche gehörte, dass nun anonym beerdigt auf Melaten lag. Im Moment schien mir nur die Gravur im Ehering hilfreich, um überhaupt an Informationen zu kommen. Der große, rote Stempelaufdruck „Krematorium“ auf dem Dokument erstickte wie erwartet jede Hoffnung, weitere Spuren zu erheben. Ihre DNA war längst in der flammenden Hölle zu Staub geworden.
Ich würde trotzdem, oder jetzt erst recht, tiefer in den Fall abtauchen und meine ganze Energie aufwenden, der Toten einen Namen zu geben.
FÜNF
Einige Tage verstrichen und inzwischen kümmerten sich die anderen Kollegen längst wieder um das Tagesgeschäft und ihre Gedanken an „Heidi“ waren verblasst. So ist das eben bei der Polizei – ich würde mich daran gewöhnen müssen, statt mich hoffnungslos an die Akte und ein paar Knochen zu klammern.
Immerhin konnten wir klären, dass das verfilzte Haar und die im Kiefer steckenden Zähne mal mit ein und demselben Kopf verbunden waren. Die Recherche im Hinblick auf eine mögliche Tasche blieb hingegen ergebnislos. Nach und nach hatte ich die Fundämter im Großraum Köln befragt. Alle meldeten negativ. Keine Handtasche oder andere abgegebenen Fundstücke in dieser Region.
„Ein Versuch war’s wert, Sara“, versuchte Frank mich aufzumuntern, der meine zahlreichen Anrufe bei sämtlichen Sammelstellen der Stadt mitverfolgt und mich immer wieder dasselbe hatte sagen hören.
„Es war wirklich ein guter Ansatz. Ich glaube, da wären wir Männer so schnell gar nicht drauf gekommen.“ Vielleicht hatte er ja recht und sein Trost war ernst gemeint. „Lass uns einen Haken an die Sache machen. Sie frisst sonst unsere Energie. Am besten schreibst Du einen Fünfzeiler in unser Polizeiportal, berichtest kurz über den Fund und darüber, dass wir mangels Hinweisen die Sache abschließen und davon ausgehen, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt.“ Ich schaute ihn an, als käme er von einem anderen Stern. „Wie, natürlicher Tod?“ Ganz selbstverständlich und als hätte er nie etwas anderes angenommen, meinte er: „Ist so – frag halt nicht!“
Also verkniff ich mir weitere Fragen – aber ganz aufgeben wollte ich noch nicht. Ich schrieb den kurzen Bericht, so wie Frank es wollte, setzte ihn in unser Portal und ließ die Akte in meiner Schublade verschwinden. Man weiß ja nie. Auf jeden Fall würde ich „Heidis“ Ehering für unsere Datei professionell ablichten und auf seinen Wert schätzen lassen. Dazu steckte ich ihn in eine kleine Schachtel und brachte diese zu unserem Kurierdienst, der die Fahrt zu einem Sachverständigen für Schmuckstücke in die Kölner Innenstadt übernahm. Darüber und über meinen Plan, für heute die Arbeit niederzulegen, informierte ich Andreas auf dem Weg Richtung Ausgang des Polizeipräsidiums.
„Habt ihr noch was für mich oder kann ich Feierabend machen?“, säuselte ich ihm ins Ohr, damit er sofort erkannte, dass es nur eine Antwort gab.
„Klar kannst Du abhauen. Wir haben nichts mehr.“
„Daaaanke“, jubelte ich und verschwand in der Menschenmenge der Kalker Hauptstraße, bis die nächste U-Bahn-Station mich verschlang und die Bahn mich am Neumarkt wieder ausspuckte. Ich machte alles, was in den letzten Wochen zu kurz gekommen war. Shoppen, Eis essen, weiter shoppen, was anderes essen, weiter shoppen. Es war herrlich und ich fuhr beschwingt nach Hause. Für morgen nahm ich mir vor, die Akte „Heidi“ zu schließen und den Fall hinter mir zu lassen. Die anderen hatten vermutlich doch recht: Natürlicher Tod!
SECHS
Die polizeiliche Ignoranz machte ihn wütend und es begann, schmerzhaft in ihm zu brodeln. Sage und schreibe vier Jahre hatten sie gebraucht, die Tote zu finden. Erst ein Typ aus Bayern musste dafür durch die Wahner Heide reisen und über die Knochen stolpern. Hätte er Name und Adresse, würde er ihm dafür ein Geschenk schicken oder gar einen Orden. Dankbar war er jedenfalls. Die Polizei hatte es nicht hinbekommen, das Opfer zu finden, geschweige denn, das Verbrechen an der Frau zu bemerken. Sie hatten sie jahrelang ignoriert und nicht einmal mitbekommen, dass sie verschwunden war. Die Nummer Eins auf seiner Liste. Dabei hatte ihre Leiche mitten in der Wahner Heide gelegen – sozusagen auf einem Präsentierteller. Nicht zugedeckt – nicht vergraben – nicht versteckt. Und, als wäre die polizeiliche Ignoranz nicht schon genug, taten sie es nach ihrem Auffinden in einem lächerlichen Fünfzeiler, zu allem Überfluss und lapidar, auch noch als natürlichen Tod ab. Lächerlich! Er war frustriert, hätte alleine deswegen schon wieder ausrasten können und hoffte doch sehr, dass sein zweites Opfer deutlich schneller gefunden werden würde. Es war zum jetzigen Zeitpunkt noch in voller Schönheit und wartete darauf, die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten. Und auch dieses Mal war es nicht zugedeckt – nicht vergraben – nicht versteckt. Die Kraft für die tagtägliche, vergebliche Hoffnung auf einen Bericht über das Auffinden der nächsten Leiche, konnte und wollte er nicht ein weiteres Mal aufbringen. Seine Werke verdienten mehr Respekt. Sie sollten Aufsehen erregen und für Schlagzeilen auf den Titelseiten der Presse sorgen. Und endlich jedem verständlich machen, dass es keine andere Wahl für ihn gab und, dass er noch nicht am Ziel war. Noch lange nicht!
SIEBEN
Das rotweiße Absperrband der Polizei flatterte mit dem Wind, obwohl die Entdeckung der Knochen bereits ein paar Wochen her war und der Fund längst nicht mehr im Fokus der Ermittlungen stand. Inzwischen hing es allerdings in einem Dornenbusch, einige Meter vom Fundort entfernt. Vielleicht hatte es eines der Tiere, die in der Wahner Heide leben und vorbeigezogen waren, in seinem Gehörn mitgeschleift und der nächsten dornigen Hecke überlassen. Für sie war längst wieder animalische Normalität eingekehrt – da störte auch das Plastikband nicht.
Die meisten Lebewesen hier sind überwiegend in den Nächten auf Streife, um Nahrung zu suchen. Da ist die Ruhe auch für sie am größten und sie können, auf ihrer Jagd nach etwas Fressbarem, ihre Beute besser über die Sensorik ihres feinen Gehör- oder Geruchssinnes wahrnehmen. Die lehmigen Randstreifen entlang der Straßen der Region sind dann spätestens in den Morgenstunden aufgewühlt und deuten auf Wildschweine hin, die dort regelmäßig in der schützenden Dunkelheit wühlen. Hier ist der Boden etwas weicher, als der der freiliegenden Flächen im Inneren des Areals. Und nicht so sandig. Auf einem der Parkplätze, die entstanden waren, nachdem die Kasernen der Belgischen Armee abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht wurden, stand seit einiger Zeit ein Mini Cooper mit dem amtlichen Kennzeichen SU – X 1029.
ACHT
„Polizeidienststelle Siegburg, Sie sprechen mit Sebastian Börne. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Die Polizeidienststelle Siegburg wurde am 4. April 2017 über das Verschwinden von Lena Grimm informiert, ungefähr vier Wochen nachdem sie ihren Wagen auf einem Parkplatz in der Wahner Heide abgestellt und offenbar nicht wieder bewegt hatte. Der Anruf war kein Notruf, sondern ging über die amtliche Leitung ein, sodass er zunächst als harmlose Information über eine möglicherweise vermisste, erwachsene Person bewertet wurde. Der diensthabende Börne hatte die Hinweise eines Oliver Neyer entgegengenommen, der nicht mit Frau Grimm verwandt, verschwägert oder nach dessen eigener Aussage anderswie verbandelt war. Er sei, so sagte er, ihr Chef im Sportstudio „Die Fitmacher“ in Lohmar. Dort leitete sie bis vor wenigen Wochen als selbstständige Trainerin verschiedene Gymnastikkurse und hatte ihre Tätigkeit für die Zeit einer geplanten Abwesenheit unterbrochen. So war jedenfalls ihr Plan gewesen. Außer ihm hatte Lena Grimm zuvor niemand vermisst. Zum einen hatte dies mit der angekündigten Reise zu tun – zum anderen war der Kreis ihrer Kontaktpersonen wohl ohnehin in den letzten Jahren nicht mehr sehr groß. Das meinte jedenfalls Herr Neyer. Der Rest war aktenkundig.
Ihre Familie lebte nicht mehr und sie war von ihrem Ex-Mann seit Jahren getrennt und offiziell geschieden. Grund für das Scheitern ihrer Ehe waren seine vermerkten zahlreichen körperlichen Übergriffe, wegen derer es sogar ein Verfahren gegen Herrn Grimm gegeben hatte. Zu einer Verurteilung war es seinerzeit nicht gekommen, weil seine Frau die Anzeige gegen ihn zurückgezogen hatte. Da er sie danach aber immer wieder stalkte und ihr gerne an dunklen Plätzen auflauerte, und ihr mehrfach erneut mit seiner Faust drohte, wurde er verwarnt. Er bekam ein Kontaktverbot und einen Platzverweis für die gemeinsame Wohnung. Ihm wurde in mehreren Gefährderansprachen untersagt, sich seiner Ex-Frau bis auf 20 Meter zu nähern. Es schien aber überwunden, denn seitdem war es zu keinerlei Zwischenfällen mehr gekommen. Im Hier und Jetzt lebten beide unauffällig und zurückgezogen.
Lena Grimm galt als meditativ, sehr sportlich und naturverbunden. Laut der späteren Zeugenaussagen einiger Mitdozenten und Studenten war sie in der Tat Anfang März aufgebrochen, um in eine etwa vierwöchige Auszeit nach Lanzarote zu starten. Sie lehrte hauptberuflich Sportmedizin an der Uni Köln und hatte sich noch während des Semesters beurlauben lassen, um eine Ruhephase auf der Insel dafür zu nutzen, sich von der Ausarbeitung einer medizinisch, wissenschaftlichen Studie zu erholen, an der sie in den Monaten zuvor Tag und Nacht gearbeitet hatte. Ziel war die Veröffentlichung der Studie und eine damit einhergehende Professur. Intellektuelles Fundament für das Thema „Biochemische Prozesse und Unfruchtbarkeit bei Frauen, bedingt durch den Wirkstoff Syptonil, nach mehrjähriger, illegaler Einnahme leistungssteigernder Mittel im Spitzensport“ waren ihre absolvierten Semester in Medizin und Biochemie.
Ihr Verschwinden wurde tatsächlich erst bemerkt, als sie nach der geplanten Rückkehr nicht zu ihrem Nebenjob im Fitnessstudio erschienen war. Die Bauch-Beine-Po-Fraktion und der Studioinhaber, Oliver Neyer, warteten an dem besagten Morgen um 09.00 Uhr vergeblich auf die ersehnte Rückkehr der Trainerin. Der Anruf des Besitzers bei der Wache in Siegburg wurde getätigt, nachdem Lena Grimm nachmittags auch nicht ihrer Verpflichtung als Power Plate-Spezialistin nachgekommen war und diejenigen, die die Rüttelplatte für Sport hielten, an diesem Tag ohne Training blieben.
Mit viel Getöse hatte Neyer seine Annahmen zum Abgang von Frau Grimm in einem langatmigen Telefonat mitgeteilt, sodass sein Gesprächspartner gereizt reagierte. „Herr Neyer, es ist wirklich nett, dass Sie uns anrufen. Aber bei erwachsenen Menschen können wir nicht viel machen. Sie verschwinden eben manchmal. Nicht immer ist ein Verbrechen die Ursache dafür. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Den gelangweilten Unterton konnte er kaum verbergen. Und er legte noch einen drauf. „Sie tauchen meistens aber nach ein paar Tagen wieder auf oder schicken irgendwann eine Postkarte aus der Karibik oder von sonst wo.“
„Hören Sie Herr Börne, ich sage Ihnen nur das, was ich wahrnehme. Und das ist das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Was Sie jetzt mit den Informationen anfangen, ist Ihre Sache. Guten Abend!“ Neyer legte auf. Er war unüberhörbar sauer und verfluchte sich dafür, überhaupt angerufen zu haben.
NEUN
Börne hatte die Daten zwar oberflächlich auf einem Fetzen Papier notiert, wertete den Anruf aber allenfalls als mehr oder weniger alltägliche Vermisstenmeldung, die zunächst keine allzu große Beachtung fand. Trotzdem würde er seine Kollegen am nächsten Tag anweisen, die Meldeanschrift von Lena Grimm zu überprüfen. Als Sebastian Börne später von den Kollegen der Kripo wegen seiner defensiven Zurückhaltung befragt wurde, wies er wohl etwas schnippisch, aber zu Recht darauf hin, dass es sich um eine erwachsene Person handelte, deren Lebensumstände durchaus auf eine Ausdehnung ihrer geplanten und, in der Wahrnehmung aller, auch angetretenen Auszeit hätte hinweisen können. Weil man sie eben auf Lanzarote vermutete, hatte es selbst aus ihrem Umfeld bisher niemand für möglich gehalten, dass Lena bereits seit mehr als vier Wochen verschwunden war. Im Gegenteil: Man nahm an, dass sie die Reise eben wegen des sonnigen Wetters, der schönen Strände und der angenehmen Lebensbedingungen auf unbestimmte Zeit verlängert hatte. Sie war ja schließlich alt genug. Und unabhängig. Eine solche und spontane Entscheidung habe zur ihr gepasst, hörte man mehrfach bei den späteren Befragungen der Studenten. Und auch, dass sie darüber niemanden in Kenntnis gesetzt hatte.
Der guten Ordnung halber fuhren zwei Beamte der Polizeiwache Siegburg zur Meldeanschrift und überzeugten sich außen wie innen davon, dass Lena Grimm nicht zu Hause war. Der Hausmeister hatte ihnen Zutritt zur Wohnung verschafft, sodass die Tür nicht beschädigt werden musste und die Bedingungen, falls sie zurückkehrte, genauso waren wie vorher. Gefahr im Verzug berechtigte sie in diesem Fall, eine Wohnung ohne Durchsuchungsbefehl zu betreten. Es war schließlich denkbar, dass sie verletzt oder krank hinter der verschlossenen Türe lag und sich in einer Notsituation befand. Wenn man mal von dem einen oder anderen vergammelten Lebensmittel und der latenten Unordnung absah, war nichts Auffälliges festzustellen. Durchwühlt war nichts. Aber, um die Sache zumindest den Vorschriften entsprechend ernst zu nehmen, und um über jeden Vorwurf erhaben zu sein, hielt man mit dem Fitnessstudio Kontakt. Man ging ebenfalls dem Hinweis des Hausmeisters nach, dass der Wagen von Frau Grimm mit ihr verschwunden war und fahndete nach dem PKW. Auch über die gängigen Medien und die sozialen Internetplattformen. So konnte der sehr auffällige Mini Cooper bereits nach wenigen Tagen, durch die Aufmerksamkeit einer Spaziergängerin, auf einem der Parkplätze der Wahner Heide gefunden und zur Sicherung von Spuren auf einem Hänger, mit weiteren abgeschleppten Fahrzeugen, nach Köln zum Präsidium gebracht werden.
Am und im Auto deutete auf den ersten Blick nichts auf ein Verbrechen hin. Es war aber auch nicht auszuschließen. Niemand konnte konkret sagen, ob das Fahrzeug dort einfach nur täglich geparkt wurde, weil jemand ausgedehnt mit seinem Hund spazieren ging, oder ob es irgendwann abgestellt und seitdem nicht mehr bewegt worden war. Die einen behaupteten dies, die anderen das Gegenteil. Wie so oft bei Aussagen von Zeugen. Dabei fiel der Mini schon deshalb auf, weil er ganz in weiß lackiert war, ziemlich breite Reifen und pinkfarbene Alufelgen hatte. Es handelte sich um eine auffällige Sonderanfertigung und die Wahrscheinlichkeit, auch im Nachhinein noch Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten, schien ziemlich groß. Ein Blick ins Innere ließ keine Rückschlüsse auf den Verbleib des Besitzers zu.
ZEHN
Der Drang nachzusehen, raubte ihm beinahe den Verstand. Er wollte wissen, ob sie überhaupt noch da war. Aber den Weg zurück in die Wahner Heide musste er meiden. Den Wunsch danach unterdrücken. Unbedingt. Das Risiko, dort alleine durch Anwesenheit in irgendeinen Zusammenhang mit den Vorkommnissen gebracht zu werden, durfte er unter keinen Umständen eingehen. Deshalb prüfte er mehrmals am Tag das öffentliche Portal des Polizeipräsidiums Köln und checkte Nachrichten, die auf ihn und Nummer Zwei hinweisen könnten. NICHTS. Er hasste es, mit Amateuren zu tun zu haben und nicht die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten. Wie sollte er seine Opfer demütigen, wenn niemand Notiz von ihnen nahm. Notfalls müsste er schon bald die Polizei selber verständigen, die Beamten anonym zum Fundort und ihnen sein neuestes Verbrechen vor Augen führen. Um nichts dem Zufall zu überlassen und damit die Polizei ihre Chance erhielt, die Beziehung zwischen den Fällen zu erkennen, hatte er sie ganz bewusst in der Nähe des ersten Fundortes und von den gekennzeichneten Wegen aus gut sichtbar abgelegt. Davon hatte er sich mehrfach und immer wieder überzeugt, bevor er voller Hoffnung und Vorfreude auf ihr Auffinden abgezogen war. Dass sie vermutlich immer noch unbemerkt genau dort lag, bereitete ihm zunehmend Unruhe – es nahm ihm Konzentration und Energie für Opfer Nummer Drei.
ELF
„Wir haben eine Meldung der Dienststelle Siegburg seit gestern im Vermisstenportal. Es gibt seit mehreren Wochen keinerlei Lebenszeichen von einer Lena Grimm. Klär‘ bitte, ob sich die Kollegen von der Spusi den Wagen schon vorgenommen haben. Falls nicht, muss das sofort veranlasst und vorgezogen werden. Die sollen alle verwertbaren Spuren sichern.“ Andreas blickte noch nicht einmal rüber, als er mir den Auftrag zurief, sondern tauchte sofort wieder ab in die Tiefen der virtuellen Informationswelt der Polizei. „Falls solche überhaupt noch vorhanden sind“, nuschelte er noch hinterher und ging mit seiner Nase fast auf Tuchfühlung mit seinem Bildschirm. „Ich schick‘ Dir das Dokument. Da steht alles drin.“
Plötzlich kam Schwung in mein bis dahin noch beschauliches Polizeileben und die greifbare Realität machte mir deutlich, dass ich mich nicht in einem spannenden Krimi befand, sondern im Alltag der Kripo angekommen war. Ich wollte gerade ansetzen, um noch etwas zu fragen, als er sofort nachschob: „Keine Zeit Sara – ich muss noch mal weg.“
Er lächelte mir zu, stand auf und ließ mich mit der verschwundenen Lena Grimm alleine. Es freute mich, dass er endlich mal wieder fröhlich wirkte. Das passierte nicht oft. Der polizeiliche Flurfunk hatte mir schon vor ein paar Wochen zugetragen, dass Andreas seine Frau im letzten Jahr nach ihrer schweren Erkrankung verloren hatte, er oftmals traurig in Erinnerungen schwelgte und seitdem sein Leben in aller Stille meisterte. Es zumindest versuchte.
„Er lässt zu dem Thema niemanden an sich ran, also versuch’s erst gar nicht“, meinte Frank, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob man Andreas in irgendeiner Form helfen könne. Bis heute war ich seinem Ratschlag gefolgt und hatte mich an das Gelöbnis des Schweigens gehalten.
„Wir sehen uns später“, rief ich Andreas noch nach und ließ mich zurück in meinen Bürostuhl sinken. Beim Sichten der Unterlagen stellte ich schnell fest, dass bis jetzt überhaupt noch nichts passiert und die Vermisste vermutlich seit nun fünf Wochen wie vom Erdboden verschluckt war. Es gab keine konkrete Spur von ihr. Nur das Auto. Im Kofferraum war ein großer, vollgepackter Trekkingrucksack mit überwiegend sommerlicher Damenkleidung gefunden worden, was eindeutig für eine beabsichtigte Reise in den Süden sprach. Die Erde hatte sie entweder vor Reiseantritt oder eben danach verschluckt. Keine Handtasche – keine Papiere.
Eine Halteranfrage brachte uns sofort Gewissheit, dass der Wagen auf Lena Grimm gemeldet und sie die rechtmäßige Besitzerin war. Eigentümerin war die BMW-Bank München, die den Kauf des Wagens finanzierte. Das war nicht weiter ungewöhnlich und nachvollziehbar, bei dem niedrigen Zinssatz.
Selbst nachdem ihr Wagen gefunden und hierher gebracht worden war, verstrichen sage und schreibe fünf weitere Tage. Mehr oder weniger tatenlos.
Ich rief bei Tomas Weber von der Spurensicherung an, um ab jetzt die nötige Geschwindigkeit zumindest in die internen Abläufe zu bringen und keinen weiteren Zeitverlust zu verursachen. Das war das Mindeste, was ich in der Sache und für die verschwundene Frau tun konnte.
Tomas und seine Freundin hatte ich Weiberfastnacht auf der legendären Karnevalsparty in der Polizeikantine kennengelernt und das Fest erst morgens mit den beiden um 05.30 Uhr verlassen. Da ich durch meine Probezeit noch keinen Urlaub für den Tag nach Weiberfastnacht bekommen hatte, war ich von dort aus direkt zum Dienst gegangen. Die beiden anderen waren mit einer größeren Gruppe unserer engsten Kollegen weitergezogen und wurden erst an Aschermittwoch wieder gesehen. Tomas immer noch als Banane verkleidet, bevor er seine Dienstkleidung überzog, die gelbliche Hautfarbe und eine Migräne aber für den Rest des Tages behielt.
„Hi Tomas, hier ist Sara. Habt ihr den weißen Mini aus der Wahner Heide schon in der Halle?“
„Nein, der steht noch mit vier anderen Fahrzeugen auf dem Hänger.“
Der Transporter befand sich auf einem Parkplatz direkt neben dem Polizeipräsidium und wurde von einer eigens dafür beauftragten Security-Firma Tag und Nacht beaufsichtigt. Dort wurden auch verwahrloste oder abgeschleppte Autos hingebracht und warteten bestenfalls auf ihre Abholung und im schlimmsten Fall auf ihre Verschrottung.
„Warum fragst Du?“
Ich informierte ihn über den Anruf des Fitness-Studios auf der Wache in Siegburg und ließ durchblicken, dass wir wichtige Zeit verloren hatten.
„Okay, weil Du es bist. Ich ziehe den Mini vor und wenn Spuren zu finden sind, hast Du spätestens übermorgen meinen Bericht.“ Klang vielversprechend.
Damit das Dokument keine Umwege nehmen musste, sicherte ich zu, es persönlich bei ihm abzuholen.
Nach dem Gespräch erstellte ich einen Bericht und fasste für die am Nachmittag anberaumte Besprechung im Präsidium die Fakten in aller Kürze zusammen. Im Ergebnis war auch hier festzustellen, dass wirklich sehr viel und für die Ermittlungen äußerst wichtige Zeit verstrichen war, und wir vor allem dadurch aktuell mehr oder weniger null verwertbare Informationen zur Verfügung hatten.
Hinweise ergaben sich aus diversen Benachrichtigungen der Deutschen Post über vergebliche Zustellungsversuche, die der Hausmeister aus einem inzwischen überfüllten Briefkasten gefischt hatte. Die dazugehörenden Schreiben und Pakete lagen in der Postfiliale in Lohmar. Darunter war auch ein Einschreiben der Uni, in dem der Eingang ihrer Studie offiziell vom Leiter des Lehrstuhls bescheinigt wurde. Doch der Briefträger hatte, nach dem Scheitern der persönlichen Übergabe, das Dokument inzwischen als nicht zustellbar an den Absender zurückgeschickt. Das zuständige Sekretariat der Uni meldete sich kurz danach auf einer der Polizeidienststellen und machte im Zusammenhang mit der öffentlichen Suche nach Lena Grimm Meldung über die erfolglose Aushändigung und die nicht Wiederaufnahme ihrer Arbeit auf dem Campus – was nun tatsächlich auf ein unfreiwilliges Verschwinden der Vermissten hindeutete.
Um zu klären, von wo aus das Dokument der Uni zugegangen war, rief ich dort an und ließ mich mit Frau Huber, den Namen konnte ich unserer elektronischen Akte entnehmen, verbinden. Nach dem Austausch der üblichen Vorstellungshöflichkeiten fragte ich: „Wie hat Ihnen Frau Grimm ihre Ausarbeitung zukommen lassen?“
„Sie hat sie persönlich hier abgegeben – auch, um sich von uns zu verabschieden. Sie wollte ja länger verreisen.“
„Wann war das?“
„Da muss ich kurz nachsehen. Möchten Sie dranbleiben?“
„Ja, gerne.“ Ich nutzte die Warteschleifenmusik für ein kleines Sitztänzchen und erschrak, als Frau Huber sich wieder meldete.
„Frau Lange?“
„Ja, ich bin noch da.“
„Frau Grimm war am 1. März bei uns und hat den Umschlag abgegeben. Auf die schriftliche Eingangsbestätigung wollte sie nicht warten. Die haben wir dann versucht, ihr postalisch zuzustellen. Aber das wissen Sie ja bereits.“
„Könnten Sie uns eventuell ein aktuelles Foto von Frau Grimm zusenden?“, fragte ich vorsorglich. Man wusste ja nie, wofür es gut sein konnte.
„Klar, wir haben Jahrgangsbücher. Die Bilder sind meistens sehr aktuell. Ich maile Ihnen den Auszug zu.“
„Ok, haben Sie vielen Dank.“
„Keine Ursache.“
Ich trug die spärlichen Ergebnisse meiner Recherchen in unserem Meeting vor und wies meine Kollegen darauf hin, dass die Spurensicherung ihren Bericht spätestens übermorgen vorlegen und ich im Anschluss meine Zusammenfassung per Mail an alle Anwesenden versenden würde. Noch während ich sprach, nahm ich mir vor, auf meinem Heimweg heute Abend am Fundort des Wagens einen Stopp einzulegen, um mir die relevante Region aus der Nähe anzusehen. Andreas hatte mir einmal erklärt, dass unter Umständen der Spirit eines Ortes bei der Wahrnehmung von Eindrücken helfen konnte. Ihm hätte sich so schon manches Mal eine virtuelle Leinwand geöffnet, die einen freieren Blick auf mutmaßliche Ereignisse ermöglichte.
ZWÖLF
Ich hielt auf dem Parkplatz und versuchte möglichst unauffällig meinen Mini genauso abzustellen, wie der von Lena Grimm bei seinem Auffinden gestanden hatte, um eine Art Duplizität der Ereignisse herbeizuführen. Allerdings wirbelte ich schon bei meiner Ankunft viel Staub auf, als ich im ersten Gang über den nicht vorhandenen Belag holperte und die gewünschte Parkposition einnahm. Das Gelände war nicht geteert und hier und dort waren entstandene Schlaglöcher mit Schotter oder Sand gefüllt, dessen Gemisch nun wüstenähnlich durch die sonnige und trockene Luft flimmerte. Dadurch erweckte meine Anwesenheit sofort das Interesse von mehreren Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes, die hier regelmäßig die Hobby-Rennradler versorgten und ihnen bei Unwohlsein oder anderen Wehwehchen zur Verfügung standen. Sie warteten auf jeden einzelnen Radfahrer – auch auf diejenigen, die erst nach Stunden eintrudelten. Das war ein festes Abkommen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club und Teil einer sportlichen Absprache mit den Anrainerorten der Wahner Heide, die die Vitalität ihrer Bewohner im Zusammenwirken mit den Krankenkassen förderten.
„Hallo“, grüßte einer von ihnen zu mir herüber.
„Auch hallo.“ Ich ging auf den Bus zu und stellte mich seinen Insassen vor.
Wie sich herausstellte, waren sie über den Knochenfund „Heidi“ informiert und rein vorsorglich zur Aufmerksamkeit veranlasst worden. Vom Vermisstenfall Lena Grimm erfuhren sie jetzt von mir.
„Könnt ihr mich bitte anrufen, wenn ihr euch an irgendetwas erinnert, was in der letzten Zeit auffällig war? Natürlich auch, wenn heute noch etwas passiert oder anders ist, als sonst.“
„Was meinst Du mit ‚wenn heute noch etwas passiert‘?“, fragte der junge Mann auf dem Beifahrersitz und blickte provozierend zu seinem Kumpel auf dem Fahrersitz. „Es wird ja wohl niemand hier aufkreuzen und sich über das nächste Opfer hermachen, während wir hier sind.“
Er hatte zwar nicht ganz Unrecht, aber seine Zurechtweisung ging mir eindeutig zu weit und so zu tun, als hätte ich die blödeste Frage des Tages gestellt, ziemte sich nicht. Ganz und gar nicht.
„Das meinte ich nicht“, rechtfertigte ich mich trotzdem. „Aber vielleicht fährt hier z.B. jemand mehrfach mit dem Auto vorbei und verhält sich dabei irgendwie auffällig. Oder ihr findet Gegenstände. Egal was, es kann wichtig für unsere Ermittlungen sein. Immerhin wird ein Mensch vermisst. Eine Frau, die in großer Gefahr sein könnte!“ Blöder Schnösel. „Falls vorhanden, lass einfach mal Deiner Phantasie freien Lauf und so lange Du nichts beitragen kannst – halt einfach die Klappe.“ Leider konnte ich mich nicht zurückhalten. Aber es hatte wohl gewirkt.
Er nickte betreten und hatte offenbar mit meiner verschärften Ansage nicht gerechnet und sich zudem eine weitere von seinem Vorgesetzten eingefangen. „War ’ne blöde Frage“, nuschelte er so etwas wie eine Entschuldigung.
Ich zog eine Visitenkarte aus meiner Jackentasche. Zum ersten Mal in meinem gesamten Berufsleben besaß ich eigene und war stolz wie Bolle, endlich eine herauszugeben. Mit der entsprechenden Würde strich ich sie glatt, fühlte sanft über das gestanzte Logo des Polizeipräsidiums und zeigte sie dem Empfänger, als handele es sich mindestens um einen Dienstausweis. Ungewollt zelebrierte ich die geplante Übergabe eine Spur zu feierlich und bemerkte gar nicht, dass sich die Sanitäter nach meiner Zurechtweisung längst abgewendet und wieder anderen Dingen gewidmet hatten. Ich klemmte die Karte hinter den Scheibenwischer des Rettungswagens und tauchte ein in die vollkommen unbeteiligt wirkende Natur.
Nachdem ich ein paar Meter gegangen war und mit jedem Schritt Abstand zu den äußeren Einflüssen gewann, verlor sich das gegenseitige Interesse aller Anwesenden und ich konnte ungestört die milde Frühlingsluft aufsaugen. Und nachdenken. Aus allen Richtungen war munteres Gezwitscher der heimischen Vögel zu hören und der Boden roch wunderbar muffig nach tonhaltigem, altem Erdreich. Mahnende Schilder forderten die Besucher immer wieder auf, das Wegegebot zwingend einzuhalten, um damit das Naturschutzgebiet vor Eindringlingen und sich selbst vor den Kampfmittelresten zu schützen. Sperrgebiet halt. Während ich bei meinem Spaziergang versuchte, die beruflichen Eindrücke der letzten Tage zu sortieren und sie auf den aktuellen Fall zu übertragen, kam mir auf dem engen Trampelpfad eine Gruppe Jogger entgegen und trotz der großen Weite der Region kam man sich hautnah und musste sich zumindest an dieser Stelle ausweichen. Einer der jüngeren Läufer schenkte mir ein strahlendweißes Lächeln und wirkte mit seiner engen Laufhose und einem Achselshirt, das jeden seiner definierten Muskeln zeigte, sehr fit. Wirklich sehr fit. Der Schweißgeruch, der unsichtbar über jedem einzelnen von ihnen hing und durch die unvermeidbare Nähe sofort in mein Nasenzentrum drang, zerschlug den Hauch der Erotik. Er zog noch eine Weile nach und störte meine Wahrnehmung derart, dass ich die Mission für gescheitert erklärte, sie abbrach und nach Hause fuhr.
Ich checkte noch im Auto an jeder roten Ampel meine E-Mails. Alleine 39 Eingänge heute – davon 31 Werbung. Schuhe, Wäsche, Bücher, Elektrogeräte und treusorgende, gutbestückte Lebenspartner wurden mir angepriesen. Es war schon mehr als erstaunlich, dass das Internet immer genau wusste, wonach ich mich gerade sehnte. Als ich dann später auf meinem XXL-Sofa saß, löschte ich beinahe alle Nachrichten und beschränkte mich auf die vermeintlich wichtigen Mails. Eine war von meinem damaligen Abteilungsleiter. Unwichtig. Der hatte immer noch nicht überwunden, dass ich ihm nicht nur unser Arbeitsverhältnis gekündigt hatte. Auch diese landete sofort im virtuellen Papierkorb. Kurz überlegte ich sogar, ob ich ihm den Eingang in meine elektronische Welt durch das Blockieren seines Namens generell verwehren sollte. Denn schließlich war er einer der Hauptgründe für meine Kündigung gewesen. Während unserer Zusammenarbeit bewegte er sich ständig am Rande der Übergriffigkeit – physisch und psychisch. Aber das war Vergangenheit und ich nahm mir vor, seine Nachrichten einfach zu ignorieren und fing heute – fast erleichtert über diese Entscheidung – damit an.
Eine weitere Mail kam von meiner Mutter, die sich am Wochenende mit mir zu einem ausgedehnten Frühstück verabreden wollte. Ich streifte meine dunkelblauen Sneakers ungeöffnet ab, legte meine Füße auf den Tisch bis sich Gemütlichkeit einstellte und rief sie an.
„Meine liebe Sara, schön Dich zu hören. Geht’s Dir gut?“
„Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht so genau. Die Tätigkeit bei der Polizei ist schon sehr speziell und mir gelingt es nicht immer, das Erlebte abends einfach abzustreifen.“
Ich erzählte ihr nur so viel, wie ich vertreten konnte und sparte die Einzelheiten aus.
„Die Art der Arbeit ist echt eine Riesenumstellung für mich. Ich weiß gar nicht, ob ich das alles schaffe“, seufzte ich.
„Und ob Du das schaffst, mein Mädchen. Komm doch am Wochenende vorbei und erzähl mir alles in Ruhe.“
„Das darf ich ja noch nicht mal. Ist leider alles Dienstgeheimnis. Aber vorbeikommen würde ich trotzdem gerne. Lass uns irgendwo lecker Frühstücken gehen und einen gemütlichen Sonntag machen. Ein ausgedehnter Spaziergang wäre auch toll. Ich habe die paar Minuten gerade in der Wahner Heide schon sehr genossen und gemerkt, dass ich das viel zu selten gemacht habe, in den letzten Wochen.“
„Wir können ja wie früher nach Altenberg in den Märchenwald fahren“, lachte meine Mutter und ich fühlte mich sehr behütet und wie aus dem Nichts in meine Kindheit versetzt. „Spaß beiseite. Wir finden bestimmt etwas zwischen meiner Naivität und deinem beruflichen Irrsinn.“
So telefonierten wir noch eine ganze Weile über dies und das, bis ich um ca. 22.30 Uhr, nach einem langen Tag, vor dem Fernseher und der Grimm-Akte saß.
Ein kurzes akustisches Signal riss mich aus meinen Überlegungen und kündigte die nächste Mail an. Absender war der Flughafen, der mich nun offiziell informierte, dass die gesuchte Person nicht abgeflogen und demnach nicht in Spanien eingereist war. Nicht am Tag des gebuchten Fluges und auch nicht an einem anderen. Lena Grimm galt somit offiziell als verschwunden. Ich musste Andreas und Frank umgehend benachrichtigen und leitete die Mail kommentarlos an die beiden weiter. Jetzt würde die Arbeit eine ganze andere Dynamik bekommen und wir konnten morgen mit der Befragung ihres Umfeldes beginnen. In der Akte war zu lesen, dass im Wageninneren eine Tankquittung gefunden worden war, die besagte, dass Sara Lange am Abreisetag um 17.20 Uhr, also gut zwei Stunden vor dem geplanten Flug, für zehn Euro in der Nähe des Flughafens getankt hatte. Es war demnach höchstwahrscheinlich, dass sie danach auf dem Weg zum Flughafen verschwunden ist.
Ich versetzte meine Phantasie in den besagten Nachmittag, begab mich auf die gemeinsame Reise und fuhr die Strecke hinter meiner Stirn ab. Vielleicht hatte sie den Parkplatz dort als preiswerte Möglichkeit genutzt, ihren Wagen für die Zeit ihrer Abwesenheit abzustellen. Von dort aus konnte man sogar zu Fuß zum Flughafen gehen – auch mit Gepäck. Nutzte man hingegen eines der Parkhäuser am Flughafen, war man für die vorgesehenen vier Wochen schnell einen mittleren dreistelligen Betrag los, den man gut und gerne auch in Spanien lassen und als Reisegeld nutzen konnte. Solche Überlegungen traute ich Frau Grimm auf jeden Fall zu, denn ihr Lebenswandel wirkte auf den ersten Blick bescheiden und sah man von dem Mini ab, eher bodenständig. Die Kollegen, die ihre Wohnung aufgesucht hatten, sprachen von einer einfachen Einrichtung und einer gewissen Unordnung dort. Es habe aber nichts auf ein gewaltsames Eindringen anderer hingedeutet – also auch nicht auf eine Entführung aus ihren eigenen vier Wänden. Ich stocherte mit meinen Gedanken im Ungewissen und mit einer Gabel in einem Glas Oliven herum und, um meiner Nacht ein wenig Ruhe zu geben, trank ich den ziemlich großen Rest aus der ohnehin offenen Flasche Rotwein. So konnte ich die Akte für diesen Abend loslassen und hing im Bett noch ein wenig meinem und dem Leben von Lena Grimm nach. Mit dem Wissen, dass morgen eine Menge Arbeit auf mich zukommen würde, schlief ich endlich ein und wälzte mich auf 1,60 x 2,00 m Federkern durch eine unruhige Nacht. Die abendlichen WhatsApp-Nachrichten meiner Kollegen erreichten mich nicht mehr.
DREIZEHN
Die Farben der Heide begannen der Jahreszeit entsprechend zu leuchten und zwischen sanft blühenden Sträuchern, lagen eingebettet, Flächen aus zartem, grünem Moos. Weich und nur wenige Zentimeter hoch. Aus der Ferne sah alles aus wie immer. Eine Rotte Wildschweine stöberte durch die Region und machte bei jeder sich bietenden Gelegenheit Halt, in der Hoffnung etwas Fressbares zu finden. Seit einer ganzen Weile verharrten die Tiere. Aufgeregt tauchten sie ihre Nasen ab und trüffelten an einem offenbar größeren Fund. Erst das Rascheln im Unterholz und menschliche Stimmen ließen sie aufschrecken und fluchtartig fortrennen. Der Blick auf ihre Beute wurde frei.
Wie aufgebahrt lag eine Frau jetzt unübersehbar auf der Anhöhe mitten in dem ansonsten mehr oder weniger flachen Gelände. Mit toten Augen starrte sie in den abendlichen Himmel. Ihre Arme lagen eng neben dem Körper und waren ab den Ellenbogen angewinkelt und auf der Mitte des Bauches zu betenden Händen zusammengeführt. Ihr, für dieses noch frühe Stadium des Frühlings definitiv zu sommerliche Kleid, war bis zur Hüfte hochgeschoben. Die langen, schlanken Beine waren gespreizt und ließen von vorne einen Blick auf ihre blank rasierte Scham zu. Im direkten Vergleich mit den kräftigen Farbtönen der sprießenden Natur wirkte ihre Hautfarbe weiß und wie aus Wachs.
Ein junges Paar hatte die Leiche gefunden, als die beiden, um ungestört zu sein, sich ein lauschiges Plätzchen in der Wahner Heide gesucht hatten. Zwar hatten sie die offiziellen Wege entgegen der Warnungen an einigen Stellen verlassen, waren dann aber letztendlich über einen Wanderpfad auf dem kleinen Plateau gelandet, das sie für genau den richtigen Ort hielten. Sie wollten dort bei einer Flasche billigem Sekt einen schönen Abend verbringen, die wunderbare Aussicht genießen und wohl ihre jungen, trainierten Körper gemeinsam und gegenseitig erkunden. Durchaus nachvollziehbar, wenn man sie so in ihrer jugendlichen Schönheit sah. Als sie voller Vorfreude und Aufregung die kleine Anhöhe erreicht hatten, stießen sie unvermittelt auf die Tote. Sie lag plötzlich vor ihnen und war für beide die erste Begegnung mit dem Tod. Ohne Vorwarnung. Das Mädchen wurde beim Anblick der Leiche von derart heftigen Magenkrämpfen befallen, dass sie niederging und nicht mehr in der Lage war, zu handeln. Sie kniete auf dem Boden und übergab sich, während sie bei jedem Würgen einen yogamäßigen Katzenbuckel machte. Der junge Mann war schnell wieder einigermaßen neutralisiert, hielt seiner Begleitung die langen Haare beim Spucken zurück und bettete sie nach ihrer Übelkeitsattacke fürsorglich in stabiler Seitenlage auf dem weichen Boden. Durch diese Position war ihr Blick von der Toten abgewandt und daran würde sie freiwillig garantiert auch nichts mehr ändern. Das sprachen jedenfalls ihre weit aufgerissenen Augen. Erst als es ihr scheinbar ein wenig besser ging, wählte ihr Freund die 110 und verständigte mit präzisen Angaben die Polizei, die sich gleich mit drei Einsatzfahrzeugen, einer zivilen Streife und zwei Notarztwagen auf den Weg machte und einen polizeilichen Großalarm auslöste.
„Wir sind arglos auf sie zugegangen. Meine Freundin wunderte sich, weil die Frau auf dem Boden lag und schon so sommerlich gekleidet war.“ Er strich sich über seine Arme, als friere ihn bei den Gedanken daran. „‚Die holt sich noch den Tod‘, hat sie gesagt!“, berichtete der junge Mann, als die Polizei eintraf und erste Informationen von ihm erfragte. Er stand starr vor den Beamten, als würde er das Geschehene selbst verantworten müssen. Um ihn nicht unnötig zu strapazieren, notierte man seine Daten und entließ ihn aus der ersten Befragung in die Obhut der Sanitäter. Auch damit er in der Nähe seiner Freundin sein konnte. Die Polizei hielt ihn nicht für den Mörder und widmete sich den Untersuchungen vor Ort.
Momentan und erst recht im Verlauf des Abends würden sie künstliches Licht benötigen, um den Fundort auszuleuchten und nach Spuren zu suchen. Zur Verstärkung alarmierte die Organisationseinheit das Technische Hilfswerk. Erschwerte Arbeitsbedingungen verursachte zusätzlich das nicht überall zugängliche Gelände und die Tatsache, dass die Einsatzfahrzeuge rund 250 m zuvor stoppen und sich alle auf einen mühsamen Fußmarsch einstellen mussten. An der Weiterfahrt wurden sie von einem Wassergraben und wild wuchernden Brombeersträuchern gehindert. Ob die militärischen Rückstände zusätzliche Probleme bereiten konnten, wusste zur Zeit niemand. Aber alle hofften, nicht auf eine vergessene Mine zu treten oder plötzlich eine Handgranate im Spurensicherungsbeutel zu haben, weil man sie für einen Scherzartikel, das Mordinstrument oder gleich beides hielt.
Zunächst waren neben den Streifenbeamten nur Kollegen des Kriminaldauerdienstes vor Ort. Und mit etwas Verzögerung Labonte und Kurani aus unserem Dezernat. Sie verschafften sich einen ersten Überblick, machten Fotos und betrachteten mit ernstem Gesichtsausdruck die Leiche. Der Gerichtsmediziner erreichte mit seinem schweren Equipment keuchend zehn Minuten später den Fundort und schlüpfte etwas umständlich in seinen weißen Overall, bevor er die Kapuze überzog und sich der Toten näherte. In einer ersten, oberflächlichen Untersuchung bestätigte Carlo Seitz, so hieß der Experte, dann nicht überraschend ihren Tod und diagnostizierte fortgeschrittene Anzeichen der Verwesung. Spätestens, als er die Leiche umgedreht hatte, war dies, auch ohne ein Spezialist zu sein, erkennbar. Mehr oder weniger alle drehten sich reflexartig weg, als der offene Rücken sichtbar wurde und hunderte Maden in ihm wuselten.
„Es ist definitiv nicht der Tatort. Das Territorium unter ihr weist nur geringe Körperabdrücke und wenige Rückstände des aus ihrem Leib austretenden Leichenwassers auf. Das heißt, sie liegt nicht so lange hier, wie sie tot ist.“ Er erklärte noch weiter: „Wir müssen den Boden trotzdem abtragen. Hier sind sicherlich Larven der Insekten abgelegt, die sich gerade über ihre Rückseite hermachen. Damit lässt sich der Zeitpunkt des Todes dann genauer bestimmen.“ Das wollte nun wirklich niemand so genau hören. Plötzlich hatte jeder irgendetwas Wichtiges zu tun und einen guten Grund dafür parat, die Fundstelle zumindest für die Dauer der Leichenanschauung zu verlassen.
Das Gebiet wurde weiträumig abgesperrt. Die geschockten jungen Leute waren inzwischen erstuntersucht und ins Krankenhaus nach Troisdorf gebracht worden. Beide. Vorsorglich. Um sie nicht den unberechenbaren Risiken und Folgen eines schweren Schocks auszusetzen. Ein Streifenwagen fuhr zu den Eltern des Mädchens, um sie über ihren Aufenthaltsort und das Vorgefallene zu informieren. Sie war erst 17, so dass das Gesetz es vorsah, Minderjährige in die Obhut ihrer Erziehungsberechtigten zu bringen oder aber diese über die Situation zu unterrichten. Die verbleibenden Ermittler und Polizisten kamen zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Andreas richtete sich mit seinem Appell an alle Anwesenden: „Wir werden, wenn es sein muss, die ganze Nacht hierbleiben und nach Spuren suchen. Notfalls drehen wir jeden Stein um und fotografieren alle Grashalme. Noch so unscheinbare Hinweise sind wichtig. Auch wenn sie unspektakulär und weit weg von der Sache erscheinen. Betrachtet jedes Teil als wäre es unser wichtigstes Beweisstück und fügt alles zu einem Puzzle zusammen.“ Er machte eine Pause, damit sich sein Vortrag bei den Zuhörern verankern konnte und nicht sofort in der Kammer des Vergessens landete. „Und wir suchen ihre Handtasche. Vielleicht hatte sie ja doch ihre Papiere bei sich. Dann wüssten wir sicher, dass es Lena Grimm ist. Oder eben nicht.“
Er klatschte aufmunternd in die Hände: „Kommt Leute, bleibt hellwach und gebt alles!“
Nachdem das THW und eine kleine Einheit der Feuerwehr für Licht gesorgt hatten, wies Frank Labonte die Beamten an, vor Ort zu bleiben und den Tatort großräumiger zugänglich zu machen. Er hoffte, persönliche Dinge und vor allem das Handy der Frau zu finden. In ihrem Auto hatte es jedenfalls nicht gelegen und in der Wohnung, soweit die beiden Beamten das gecheckt hatten, auch nicht. Alle Spuren, die noch da waren, sollten so gut wie möglich erhalten bleiben und, in kleinen Plastiktüten gesichert, den Weg ins Präsidium finden. Das anfangs wuselige und ameisenähnliche Treiben rund um den Fundort wirkte inzwischen kontrollierter. Trotzdem war es schwer, die in weiße Overalls gehüllten Ermittler auseinanderzuhalten, obwohl jeder von ihnen auf der Rückseite seiner Zuordnung entsprechend „GERICHTSMEDIZIN“ oder „POLIZEI“ stehen hatte. Irgendwie sahen doch alle gleich aus. Einzig die Beamten in Zivil, die, um nicht versehentlich in einem Kugelhagel zu enden, weil man sie für den gesuchten Verbrecher hielt, trugen neongelbe Warnwesten und umrahmten das abgesteckte Territorium. Auch auf ihrer Kleidung stand in silbernen Leuchtlettern „POLIZEI“. Am nächsten Morgen sollten weitere 50 angehende Beamte einer Hundertschaft der Polizeischule Brühl hinzugerufen werden, die in einer eng geführten Reihe in kleinen Schritten und mit sogenannten Taststangen und Sonden den Boden nach Gegenständen absuchen sollten, die heute übersehen oder nicht gefunden wurden. Allem voran, suchte man nach möglichen Besitztümern des Opfers. Bestenfalls fand man welche des Täters.
VIERZEHN
Nach dem langen Warten der letzten Wochen wollte er den Erfolg sehen, fühlen und genießen. Ihn hautnah miterleben. Er hatte über eine Sonderfrequenz den Polizeifunk abgehört, sich in Tarnkleidung aus einer anderen Richtung an die Fundstelle herangeschlichen und hockte nun schon eine ganze Weile, unsichtbar für alle anderen, auf einem der zahlreichen Hochstände mitten in der Wahner Heide. Auch mit dem Wissen um die Gefahr, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen entdeckt zu werden, hatte er nicht widerstehen können. Mit einem breiten Grinsen beobachtete er nun durch sein Nachtsichtfernrohr das stille Geschehen. Schon vor Jahren hatte er sich nach einer Einladung zur Treibjagd im Bergischen Land eine komplette Jagdausrüstung mit allem Pipapo zugelegt und sie dann doch nie benutzt. Endlich kam sie zum Einsatz. Und, wie er fand, noch nicht einmal zweckentfremdet – Jagd ist Jagd. Sein Standort war etwa 500 Meter entfernt von dem ausgeleuchteten Fundort. Aber durch das hervorragende Equipment hatte er auch über die große Distanz eine perfekte Sicht. Niemand sprach – jeder war mit sich selber und der Leiche beschäftigt. Sie schauten vergeblich nach einem Hinweis auf ihre Todesursache. Die Regionen ihres Körpers, die sie nach Merkmalen äußerlicher Gewalt absuchten, waren jedenfalls meilenweit entfernt von dem Punkt, der ihren Tod ausgemacht hatte. Da würde ihnen auch der Blick ins Innere der Leiche später in der Gerichtsmedizin nichts nutzen. Er schaute nach oben und dankte Gott. Für diesen besonderen Moment seiner Genialität.
FÜNFZEHN
Ich war gerade im Büro angekommen und wunderte mich, dass noch niemand da war, als Frank mich wie auf ein Stichwort anrief. Vorwurfsvoll fragte er mich: „Schaust Du eigentlich auch mal auf Dein Handy?“ Obwohl ich alleine war, errötete ich voller Scham, als ich die vielen Nachrichten des gestrigen Abends auf meinem Display entdeckte. Gerade als ich zur Entschuldigung ansetzen und losstottern wollte, ging er zur Normalität über und berichtete von dem, was ich verpasst hatte:
„Sie hat zwar keine Papiere dabei, aber wir gehen davon aus, dass die Tote Lena Grimm ist. Ich schick‘ Dir ein paar Fotos zum Abgleich.“ Er war aufgewühlt und hatte, wie die anderen auch, die Nacht draußen vor Ort verbracht, um keine Spur zu verlieren. „Und Du musst irgendwie versuchen, an die strategischen Pläne der belgischen Streitkräfte zu kommen, damit wir sehen können, wo die Gefahren ihrer militärischen Hinterlassenschaften lauern und wie groß das Risiko ist, abseits der gekennzeichneten Wege versehentlich Selbstmord zu begehen oder sogar ein Gemetzel anzurichten.“
Das passte zu dem Bußgeld, das man trotz aller Dramatik dem jungen Paar aufbrummte, das die tote Frau gefunden hatte, weil sie sich eben nicht an das Wegegebot gehalten und mutwillig das Sperrgebiet betreten hatten. „Grobe Gefährdung des eigenen Lebens und das anderer“, hieß es im Bescheid, den die Kollegen vor Ort ausstellten und mit 80 Euro Strafgeld versahen. Als ich den Vermerk darüber in der elektronischen Datenbank gesehen hatte, empfand ich es als äußerst kleinkariert, Menschen in einer derartigen Situation auch noch eine solche Strafe zu verpassen. Aber jetzt, wo ich etwas über die Konsequenzen gehört hatte, konnte ich es durchaus nachvollziehen.
„Wir sehen uns später Sara“, hörte ich Frank sagen, gerade als ich mich über den Bußgeldbescheid noch einmal mit ihm austauschen wollte. Da hatte er aber längst aufgelegt. Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich auf die Kante meines Schreibtischs, um dort aus dem Fenster starrend meine Gedanken und die daraus wachsenden Aufgaben zu sortieren. Die Vermutung, dass die Tote keine Papiere mit sich geführt hatte, teilte ich nicht unbedingt. Sicher war nur, dass keine gefunden worden waren. Keine Handtasche – keine Papiere. Also beschloss ich, an diesem Punkt anzusetzen und mich ansonsten hier im Präsidium einigermaßen nützlich zu machen.
„Wann werdet ihr zurück sein?“, fragte ich Frank in einem erneuten Anruf.
„Gegen 11.00 Uhr“, blieb er knapp.
„Okay, dann bis nachher.“ Ich lief die fünf Etagen durch das Treppenhaus nach unten in die noch leere Kantine und suchte vergeblich Personal. Immer dem Klappern nach, dachte ich und konnte mich durch lautes Klopfen an der Küchentüre bemerkbar machen.
„Hallo, guten Morgen!“, rief ich ins Innere der Verpflegungszentrale. Hektisch ging es dort zu und der Ton war auch gewöhnungsbedürftig.
„Was wollen Sie?“, war noch das Freundlichste, das ich wahrnahm.
„Könnte ich bei Ihnen zwanzig belegte Brötchen bestellen? Ich würde sie in ca. einer Stunde abholen kommen.“
„Glaubst Du eigentlich, wir hätten Zeit zu viel?“, fragte mich die deutlich genervte Küchenchefin. Oder war es ein Küchenchef? Da steckte wohl ein Kerl in einer wohlgeformten Hülle und war unzufrieden, nicht er und nicht sie zu sein. Wie dem auch sei. Ich blieb bei meinem Anliegen und wiederholte die Frage.
„Oder soll ich sie lieber drüben in der Bäckerei Mauel holen?“, legte ich nach. Ich hatte schließlich meinen Kollegen gegenüber etwas gutzumachen und wollte, egal wie und woher, ein versöhnliches Frühstück vorbereiten. Dass ich die gestrigen Nachrichten nicht mehr gelesen hatte, war mir nämlich echt peinlich.
„Nein. Ist schon in Ordnung. Wenn Du kurz vor 11.00 Uhr wieder hier bist, werden sie fertig sein.“ Was für ein Wandel.
„Das ist super. Vielen Dank. Soll ich auch schon bezahlen?“
„Gerne erst, wenn Du alles abholst. Möchtest Du auch Kaffee dazu? Ich kann Dir Literkannen anbieten.“
„Das ist ja perfekt. Dann nehme ich drei Liter Kaffee dazu.“
„Okay. Bis nachher.“
Etwas langsamer als vorhin auf dem Weg nach unten, begab ich mich nun wieder zurück in die 5. Etage und setzte mich an den Rechner, in der Hoffnung, eine zündende Idee zu entwickeln, die uns weiterbrachte. Es vergingen Minuten, in denen ich nichts weiter tat, als meinen Bildschirm nonverbal anzuflehen, mir endlich ein Zeichen zu geben. Nichts geschah. Lange nichts. Ich glaube, es gehört zur Polizeiarbeit dazu, genau das auszuhalten. Dass eben manchmal über mehrere Tage oder gar Wochen nichts passiert und im nächsten Augenblick ein bahnbrechender Hinweis zum Durchbruch verhilft, ist Alltag der Polizei und sagt null über die Quantität der Arbeit aus. Noch viel weniger über deren Qualität. Also starrte ich weiter, bis mich mein Telefon aus dem Blicken ins Leere riss.
Es war Tomas Weber, der mir ankündigte in zwei Minuten bei mir zu sein, um mir seinen Bericht zu dem Mini zu bringen.
„Aber den wollte ich doch abholen kommen“, meinte ich noch, um ihm den Weg zu ersparen und etwas Abwechslung zu haben.
„Ich dachte, ich spare Dir den Weg in die finstere Spurensicherung.“ An seinem Lachen hörte ich, dass er das nicht ganz ernst meinte, obwohl die Räumlichkeiten tatsächlich im dunklen Keller des Gebäudes lagen. Trotzdem schob er nach: „Ich brauch einfach etwas Bewegung. Bis nachher.“
Aus dem Bericht ergab sich leider keine Neuigkeit. Die Informationen waren äußerst spärlich und brachten uns für den Moment nicht sehr viel weiter. Fundort und Datum kannten wir, und dass sich ihr Gepäck im Wagen befunden hatte, war uns ebenfalls nicht neu. Andere Fingerabdrücke als die von Lena Grimm gab es nicht. Tomas wirkte frustriert darüber – er hatte sich, wie ich auch, mehr davon versprochen. Viel mehr. Ein gemeinsamer Austausch darüber wurde unterbrochen, weil mein Handy erneut klingelte. Tomas rief mir noch ein paar Worte zu, winkte zum Abschied und verschwand wieder in seinen Spurensicherungskeller.
Das Klingeln meines Handys wurde penetrant und die Küchenchefin plärrte direkt in mein Ohr, als ich das Telefonat annahm:
„Wann gedenkst Du Deine Sachen zu holen, Prinzessin?“
Ich wusste, wenn ich nicht sofort losrannte, würde ein großes Donnerwetter auf mich einprasseln. Ausläufer konnte ich noch wahrnehmen, bevor ich mein Handy, ohne das Gespräch wegzudrücken, in meine Hosentasche steckte und mich auf den Weg machte. So ein Mist. Es war 11.00 Uhr und meine Kollegen würden jeden Augenblick hier sein und ich hatte vergessen, die bestellten Brötchen und den Kaffee abzuholen. Noch schneller als bei meinem ersten Treppen-Run begab ich mich ins Erdgeschoss und stand nur wenige Sekunden nach dem Anruf der Küchenchefin leibhaftig vor ihr, während sie immer noch in ihr Handy schimpfte wie ein Rohrspatz. Vorsichtshalber strahlte ich sie an. Es funktionierte – ich hatte sie besänftigt, bevor sie erneut den Mund aufmachen konnte. Als ich die Platte vor mir sah, wusste ich, warum sie verärgert war. Köstlich aussehend und liebevoll bis ins kleinste Detail dekorierte Brötchenhälften lagen auf einem silbernen Tablett mit weißer Tortenspitze vor mir.
„Wow!!!“, war das Einzige, was ich hervorbrachte. Und ein strahlendes: „Dankeschön.“
„Gern geschehen.“ Sie reichte mir die Hand. „Ich bin Sabrina Michels.“
„Sara Lange.“
„Soll Dir jemand helfen, die Sachen nach oben bringen?“
„Das wäre toll. Was habe ich zu zahlen?“
„Mit dem Kaffee zusammen genau 35 Euro.“
Ich legte ihr 40 Euro auf den Tresen und betrachtete den Rest als Trinkgeld. Eine junge Küchenhilfe trug mit mir alles in unsere Abteilung und half, das Ganze hübsch und wie aus einem Nobelfeinkostladen in unserem Besprechungsraum zu drapieren. Schnell holte ich noch Tassen für den Kaffee, als die Aufzugstüre aufging und Andreas mit den ersten Kollegen das Zimmer enterte und sich sofort und ungefragt über Brötchen und Kaffee hermachte. Die anderen taten es ihm nach. Perfektes Timing.
„Sara, Du bist wirklich ein Schatz.“ Er blickte mich dankbar an und lächelte aus traurigen Augen, die von dunklen Rändern umgeben waren. Frank kam nach 10 Minuten dazu und übergab mir ein paar Unterlagen, die nach Arbeit aussahen. Ich ließ die Gruppe alleine frühstücken und zog mich an meinen, immer noch ruhenden Bildschirm zurück. Bis der Rechner wieder hochgefahren war, blätterte ich mich schon einmal durch die Seiten, die Frank mir in die Hand gedrückt hatte. Die Namen der beiden Zeugen, die die Leiche gefunden hatten, jagte ich durch die Google-Welt. Das Ergebnis war unspektakulär. Ganz normale junge Leute, die keine Geheimnisse vor sich und der Welt hatten. Das zeigte jedenfalls ihre Offenheit in den sozialen Netzwerken.
„Danke für das super Frühstück, Sara. Das hat gutgetan“, stand Frank plötzlich hinter mir und massierte mir den Nacken, bis es hier und da deutlich knackte.
„Ohhhh“, stöhnte ich. „Das tut aber auch gut.“ Ich schloss die Augen und genoss den kurzen Moment der Entspannung. Dabei hätte er sie viel nötiger gehabt.
„Kommst Du klar mit dem, was ich Dir gegeben habe?“, wollte er fürsorglich wissen.
„Klar, komme ich klar.“
„Melde Dich, wenn Du Fragen hast.“ Er verschwand genauso schnell, wie er gekommen war und ging zurück in sein Büro. Wir sahen uns erst zur Mittagspause in der Kantine wieder und besprachen ein paar Punkte. Andreas kam später, als wir schon fertig waren, um Frank abzuholen. Sie würden zum Krankenhaus Troisdorf fahren und die Zeugin Leonie Ohoven befragen. Vorsicht war geboten, das hatte die Ärztin am Telefon bereits angedeutet. Denn das Mädchen war in der Nacht noch auf die Intensivstation verlegt worden, da sich die Vitalwerte aufgrund des Schockzustandes dramatisch verschlechtert hatten und infolgedessen für einen Moment ihr Leben in akute Gefahr geraten war. Da aber auch der Klinik bewusst war, dass wir unsere Fragen so schnell wie möglich stellen mussten, durften die beiden für ein paar Minuten zu ihr. Ich hatte im Präsidium noch einiges zu erledigen und würde von hier aus gegen 17.00 Uhr zum Betriebssport aufbrechen. Aber, eins nach dem anderen. Mit einem großen „Hallo“ brachte ich nach meiner Mittagspause die ratzeputz leer gegessenen Platten zurück in die Küche.
„Vielen Dank noch mal, dass ihr mir so spontan geholfen habt. Und liebe Grüße an die Chefin.“ Sabrina war nirgends zu sehen. Bei nächster Gelegenheit sollte sie eine Flasche Champagner von mir für ihre Unterstützung heute Morgen bekommen.
Eine ganze Kiste davon stand noch in meinem Keller. Auch so eine Hinterlassenschaft meines früheren Vorgesetzten, als ich noch seine gut funktionierende Geliebte war, und er gelegentlich, wenn seine Olle mal wieder auf Golf- oder Schönheitsreise war, bei mir vorbeschneite. Champagner musste immer im Haus sein, wenn sich der gnädige Herr in meinen Laken räkelte. Die Nacht verbrachte er dann nur in meinem Bett, weil er meist nach einem, ausschließlich zu seinen Gunsten verlaufenden, Quickie und ein paar Gläsern zu viel noch auf mir einschlief und fahruntüchtig war. Ich sollte nicht mehr darüber nachdenken – es war vorbei und wühlte mich nur auf. Am besten würde ich Sabrina die ganze Kiste schenken und den Blick nach vorne richten, bevor die, mit ihm immer wieder aufkommenden negativen Gefühle, die Gegenwart überlagerten.
Als äußeres Zeichen meiner Abneigung schüttelte ich meinen Körper, warf meinen Kopf entschlossen in den Nacken und ging voller Selbstbewusstsein zurück in mein Büro. Die letzten Schritte musste ich schon im Spurt nehmen, um noch rechtzeitig das schier endlos klingelnde Telefon zu erreichen. Es war Andreas, der sich meldete und mich sofort anbrüllte, weil ich nicht unverzüglich ans Telefon gegangen war. Selbst als ich den Hörer eine Armlänge von meinem Ohr weghielt, vernahm ich seine Ansprache. Echt merkwürdig, wie die Stimmung im Minutentakt kippen konnte und sich genau ins Gegenteil wandelte. Vor einer viertel Stunde noch erfreute ich mich am schönen Augenblick eines wirklich gelungenen Vormittages und stand jetzt im Auge eines Sturmes im Wasserglas. Ich ließ mich von der schlechten Laune nicht anstecken und hörte mir ohne etwas zu sagen an, was Andreas mir so lautstark mitzuteilen hatte. Das machte ihn allerdings noch wütender.
„Warum gibst Du mir verdammt noch mal keine Antwort?“ Er wollte offensichtlich immer noch wissen, warum ich nicht ans Telefon gegangen war. Aber was sollte ich ihm darauf antworten. Ich blieb sachlich.
„Ich war nicht hier.“
Seine Reaktion darauf hätte ich mir denken können. Trotzdem bebte mein Trommelfell, als das nächste Gebrüll ins Innere meines Ohres drang. Das musste ich mir nun wirklich nicht gefallen lassen. Ich legte auf und nahm mögliche Konsequenzen in Kauf. Als ich mich mit meinem Handeln nach einer halben Stunde immer noch nicht unwohl fühlte, war mir klar, dass ich das Richtige getan hatte. Nach ein paar Recherchearbeiten am Nachmittag nahm ich Kontakt mit Frank auf und informierte ihn vorsichtshalber, dass ich Feierabend machen würde. Nicht, dass der auch noch ausrastete, falls er mich später noch brauchte. Er war lieb, wie immer und erzählte vom Krankenhausbesuch, der ohne neue Erkenntnisse geblieben war. „Ist gut, Sara. Mach Dir einen schönen Abend und viel Spaß beim Sport. Wir sehen uns morgen früh.“
SECHZEHN
Auf meiner Fahrt zur Arbeit, am nächsten Morgen, machte ich den üblichen Stopp beim Ortsbäcker „Pepe“ und nahm mir meinen ersten Kaffee im Becher mit. Eigentlich bin ich Langschläferin und deshalb ohne Koffein um diese Uhrzeit nicht lebensfähig. Hoch lebe der Erfinder des „Coffee to go“, dem es wahrscheinlich ähnlich gegangen sein musste, als er das Getränk gangbar machte. Mein Gewissen hatte mich früh aus dem Bett getrieben, weil ich wusste, dass unser gesamtes Team wieder bis spät in die Nacht gearbeitet hatte, während ich den Abend nach einem ausgiebigen Sportprogramm mit den Folgen 1, 2 und 3 einer amerikanischen Serie auf Netflix verbracht hatte. 4 bis 8 verschlief ich komplett, sodass ich ausgeruht um kurz nach 05.30 Uhr erwachte. Auf dem Sofa – vor dem Fernseher.
„Hi Sara, Du bisse aber früh. Isse alles in de Ordnung?“ Der Inhaber und gute Geist der Backstube freute sich immer, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen und begrüßte mich überschwänglich mit seinem südländischen Dialekt und Küsschen hier und Küsschen da. Dabei war die letzte Begegnung selten mehr als 24 Stunden her. Aber das entsprach seinem Naturell und war sehr wohltuend in der zum Teil sehr ignoranten neuen Welt.
„Ja, alles ok, Pepe. Wie geht’s Dir?“
„Sehe wir uns an Freitag zu Karaoke-Abend in de Ratskeller?“
Die Antwort blieb ich im schuldig. Ich und Karaoke … ich und Ratskeller … ich und Pepe. Das ging alles nicht. Das ging gar nicht. Pepe ist ein toller Mensch und ich freute mich immer, ihn zu sehen. Aber ihm fehlten eine ganze Menge Haare und Zähne. Und das, was oben nicht mehr vorhanden war, hatte er an Bauchumfang zu viel. Durch seine liebe und immer freundliche Art, war er ein absoluter Menschenfänger und mein Herzensmensch. Eine Beziehung mit ihm konnte ich mir allerdings nicht vorstellen, auch wenn er hin und wieder Versuche startete, sich mit mir zu verabreden. So wie heute.
„Da kannste Du mire etwas von der verschwundene Bella erzählen. Der Fitnessstudio, wo sie gearbeitete, ist ganz in die Nähe von hier“, rief er mir hinterher. „Wusste Du?“
Klar wusste ich das, Lohmar ist ein Dorf. Jeder kennt jeden und jeder weiß, was der andere tut. Spätestens bei Pepe erfährt man alles.
Auch diese Frage beantwortete ich ihm nicht. Dienstgeheimnis eben. Ich hatte die Tatsache zwar in der Akte gelesen, verdrängte es aber, um mir nicht unnötig vor Augen zu führen, wie nah das Verbrechen war. Dass wir sie vermutlich gefunden hatten und sie tot war, durfte ich unter gar keinen Umständen durchblicken lassen. Dann wäre meine Karriere bei der Polizei schon zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
„Ciao Pepe. Bis morgen.“
Den Kaffee musste ich schlürfen, um mir nicht den Mund zu verbrennen. Aus den vielen schmerzlichen morgendlichen Erfahrungen wusste ich nur zu gut, dass er erst in Köln die optimale Trinktemperatur haben würde. Und so landete der Becher noch fast voll auf meinem Schreibtisch.
„Guten Morgen!“, begrüßte mich Frank, der immer der Erste aus unserem Team im Büro war. Dass er so früh hier war, sprach für eine äußerst kurze Nacht.
„Danke, für den Kaffee.“ Ohne aufzublicken nahm er einen großen Schluck. Dass er nicht für ihn sein könnte, zweifelte er keine Sekunde an. Die Welt drehte sich halt um ihn und nicht umgekehrt. Er war unrasiert heute Morgen, trug noch denselben Anzug wie gestern und sah verschlafen aus. Sein Körpergeruch aus Nikotin und Schweiß erfasste den Raum und in einer großen Welle der stinkenden Moleküle auch mich. Puuuuh! Das passte überhaupt nicht zu ihm und war einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass er die komplette Nacht im Dickicht des Verbrechens verbracht hatte.
„Wir waren die ganze Zeit hier und sind das wenige, das wir haben, wieder und wieder durchgegangen“, berichtete er von den vergangenen Stunden. „Andreas war noch einmal am Fundort und hat versucht, etwas zu finden, das wir und die Kollegen übersehen haben könnten.“ Seinen Unmut darüber konnte er kaum zügeln und die Ader auf seiner Stirn drohte vor Zorn zu platzen. „Gefunden hat er natürlich nichts!“
„Kann ich etwas für Dich tun?“, fragte ich.
„Könntest Du gleich den Befund in der Gerichtsmedizin abholen?“ Frank kramte in einem Stapel Unterlagen. „Und prüfe bitte alte Vermisstenfälle hier in der Region und einen möglichen Zusammenhang mit anderen Leichenfunden“, fügte er hinzu.
Der Ernst der Situation war ohne eine Erklärung spürbar und ließ keinen Raum für Höflichkeitsfloskeln oder ein privates Wort. Ich hörte immer wieder und überall, dass sich die Stimmung im Polizeipräsidium seit den Silvestervorfällen in Köln sehr verändert hatte und eine latente Anspannung immer und überall mitschwang. Klar war jedenfalls, dass wir uns gerade im Bezug darauf und übertragen auf die beiden Funde keinen Fehler mehr leisten durften.
Zur Abklärung weiterer Indizien machte ich mich auf den Weg, im untersten Geschoss des Präsidiums persönlich mit Carlo Seitz zu sprechen. Ich nahm an, ihn zu dieser frühen Stunde dort anzutreffen, da er die Nacht nicht in der Wahner Heide, sondern mit der Leiche in der Gerichtsmedizin verbracht hatte. Auch er war im Februar auf der Karnevalsveranstaltung dabei gewesen und wir kannten uns flüchtig. Ich stellte fest, dass er ohne seinen voluminösen Gesamtkörperkapuzenanzug, den er bei Einsätzen trug, verdammt gut aussah. Gestern und zum damaligen Zeitpunkt hatte ich nicht darauf geachtet. Auf der Weiberfastnachtsfeier hatte er seine Freundin im Schlepptau. Sie war unvergleichlich schön und trug ein sehr gewagtes Kostüm, das ihren Rücken bis zur Pofalte freilegte und die anwesenden Männer unruhig hatte werden lassen. Carlo konnte einem nur leidtun, weil er jeden der unzähligen Flirts seiner Lebensgefährtin an diesem Abend mit ansehen musste – bis hin zum finalen Kuss mit einem Kollegen von der Sitte, mit dem sie dann auf Nimmerwiedersehen verschwand.
„Hi Sara, schön Dich zu sehen.“
„Hallo Carlo. Sorry, wenn ich störe. Frank schickt mich. Er wollte wissen, ob Du schon irgendwas Verwertbares oder Ergebnisse hast.“
Seine Miene verfinsterte sich sofort und er wurde ernst: „Nein, nicht wirklich. Wir haben nur wenige Anhaltspunkte, die muss ich aber noch auswerten und zusammenfassen. Allerdings sind wir sehr sicher, dass es sich bei der Toten um Lena Grimm handelt. Die Beschreibung passt zu 99%.“
Er hatte zwar zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts Konkretes für mich, aber er lud mich ein, gelegentlich abends ein Bier mit ihm zu trinken. Vielleicht ließe sich dann über das ein oder andere reden. Er zwinkerte mir zu und lächelte dabei schelmisch. Seine Einladung überraschte mich. Und noch mehr, dass ich ihm zusagte. Einfach so.
Auch ohne den erhofften Durchbruch machte ich mich sofort an die Überprüfung der alten Vermisstenfälle und konnte dabei zumindest eine unübersehbare örtliche Verbindung zu unserem Knochenfund „Heidi“ herstellen. Das war nicht schwer und das Auffallendste an den beiden Frauen. Zunächst ließ ich das Papier auf mich wirken und starrte die wenigen Informationen an, die wir hatten. Der Fundort ihrer Knochen lag zwar genau entgegengesetzt, aber Luftlinie nur etwa 1800 Meter entfernt von dem Parkplatz, auf dem der Mini von Lena Grimm verlassen gestanden hatte. Also in etwa dort, wo man gestern die Leiche fand. Mir fehlte im Moment die Phantasie, die wenigen vorhandenen Spuren weiterbringend zu lesen und deren Schnittmenge zu ermitteln. Ich sollte auf keinen Fall anfangen zu spekulieren – nicht zu diesem frühen Zeitpunkt. Wahrscheinlich würden wir viele Puzzlestücke sammeln und sie mit Weitsicht und der nötigen Geduld zusammenführen müssen. Meine Gedanken sollten neutral bleiben, um Fakten und Annahmen nicht zu vermischen. Im Fall „Heidi“ hatte der Bestatter mir telefonisch bestätigt, dass er anhand der Becken- und der Größe der gefundenen Fingerknochen das Geschlecht eindeutig als weiblich hatte festlegen können. Aufgrund der vor der Verbrennung gut erhaltenen Qualität ihrer Knochen wusste man, dass der Körper der Frau komplett ausgebildet war und sie älter gewesen sein musste. Sprach das für ein sexuell geprägtes Verbrechen? Wohl eher nicht! Allerdings hatte Frank mal in einer internen Besprechung darauf hingewiesen, dass an sexuellen Phantasien nichts auszuschließen sei. Sexualstraftäter ließen keine Perversion aus, ihren Trieb auszuleben und eine Befriedigung herbeizuführen. Das Alter ihrer Opfer spielte dabei nicht selten überhaupt keine Rolle oder es war eben genau der Kick, den sie suchten.
Die wenigen, in der näheren Umgebung gefundenen Kleidungsreste, oder besser gesagt, die vergammelten Fetzen aus Wolle, die davon übriggeblieben waren, schienen von guter Qualität gewesen zu sein. Vielleicht Cashmere. Es war aber nicht sicher, ob sie zur Leiche gehörten, denn eigentlich verrotten Naturfasern relativ schnell. Der Ehering war aus Platin und hatte auf seiner Kante insgesamt 26 Diamanten – ein sehr hochwertiges Stück und äußerst kostbar. Das sah ich, ohne dass ich das beauftragte Gutachten von einem Juwelier vorliegen hatte. Sollte es sich also um ein Verbrechen handeln, konnte ein Raubmord ausgeschlossen werden. Kenner jedenfalls hätten den Ring mitgenommen und notfalls dafür den tragenden Finger geopfert. Auf den zweiten Blick gab es außer dem Fundort keine weiteren erkennbaren Parallelen zwischen dem ersten Fund und Lena Grimm. Dass man auch bei ihr keine Handtasche gefunden hatte, war wohl eher Zufall. Vielleicht ließe sich aus dem privaten Umfeld von Frau Grimm und der geplanten Befragung ihres Vorgesetzten im Fitness-Studio etwas Besseres herleiten. Dafür musste allerdings unzweifelhaft feststehen, dass es sich um Frau Grimm handelt. Meine Aufgabe würde jetzt darin bestehen, Oliver Neyer über die Notwendigkeit seiner Aussage zu informieren und ihn zu bitten, die Leiche in Köln zu identifizieren. Dadurch erhofften wir uns, seine inoffizielle Vernehmung so unauffällig wie möglich aussehen zu lassen und keinerlei Formalien eingehen zu müssen. Denn für eine formelle Befragung gab es bislang keinen ausreichenden Anfangsverdacht. Spät am Nachmittag informierte mich Andreas, dass er und Frank mit einigen Kollegen noch mal zum Schauplatz fahren würden, um mit der Hundertschaft aus Brühl eine Abschlussbesprechung zu machen, bevor alle wieder abziehen würden und das gesperrte Gebiet freigegeben werden konnte. So nahm ich mir vor, zunächst die Stellung im Präsidium zu halten und weiter zu recherchieren.
Um mir für den Abend die nötige Vitalität zu holen, ging ich nach unten und stöberte durch die Abendkarte unserer Kantine. Sabrina lächelte mich unter ihrer weißen Haube an und empfahl mir das rheinische Traditionsgericht schlechthin: Sauerbraten. Da er nicht vom Pferd war, nahm ich eine Portion und setzte mich an den Fensterplatz, der die letzten Sonnenstrahlen für heute durchscheinen ließ. Hinter der Scheibe wurde es mir wohlig warm und mein Abendessen schmeckte köstlich. Was für ein Glück wir mit unserer Firmenkantine hatten. Das Essen war immer frisch, abwechslungsreich und lecker. Und ich hatte einen guten Platz erwischt, weiter über unsere beiden Toten nachzudenken.
SIEBZEHN
Ich hatte mir noch einen Espresso gegönnt und kramte in jedem Winkel meines Hirns nach möglichen Verbindungen der beiden Frauen. „Heidi“ war aufgrund der aktuellen Entwicklungen zwangsläufig zunächst in den Hintergrund gerückt, während die tote Lena Grimm natürlich sehr präsent war. Beide gaben mir nicht die Ruhe, hier unten weiter zu grübeln und doch zu keinem Ergebnis zu gelangen. Wie ein magnetischer Gegenpol zog mich mein Schreibtisch zurück. Ein eventueller Zusammenhang der beiden Funde schwang logischerweise mit und hatte das komplette Dezernat mobilisiert, noch einmal nach Spuren zu suchen. Die jüngste Leiche stand ab jetzt im Mittelpunkt und forderte die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller. Aufgrund meiner Funktion, war meine Anwesenheit an den Orten der Geschehnisse nicht erforderlich, was ich einerseits beruhigend empfand, da mir einiges an grausamen Wahrheiten erspart blieb. Andererseits nahm es mir in meinen Gedanken jede Realität und meine Intuition war auf nicht immer steuerbare Phantasien reduziert. So genoss ich diesen eher seltenen Moment der Einsamkeit im Büro und widmete mich ganz meiner Aufgabe im Innendienst, während die anderen draußen am Schauplatz waren. Beinahe in Echtzeit erreichten mich Notizen und Informationen von dort, die ich überprüfen sollte.
Die Beschreibung des Opfers passte tatsächlich sehr konkret zu Lena Grimm. Aktuelle Fotos gaben das wieder und hätten eigentlich für die Wiedererkennung ausreichen können. Aber das Gesetz sah entweder die Identifikation durch eine volljährige Person oder die DNA der Leiche vor. Es wäre für uns ein leichtes gewesen, ihren genetischen Fingerabdruck zu erheben. Wir hätten nur die Haar- oder Zahnbürste aus ihrer Wohnung auswerten lassen müssen. Aber Andreas und Frank wollten die Konfrontation mit Herrn Neyer, um sein Verhalten zu bewerten und es mit in die Untersuchungen einfließen zu lassen. Die Aufnahmen, die ich von meinem Smartphone inzwischen auf den PC geladen hatte, zeigten Lena Grimm kurz vor ihrer geplanten Reise. Sie sah strahlend schön aus und wirkte sehr glücklich. Die Bilder vom Fundort schafften es nicht, diese Schönheit zu verbergen. Wenn man die aktuellen körperlichen Spuren ihrer Verwesung ausblendete, konnte man selbst an dem geschundenen Körper ihr einstmals gutes Aussehen erahnen. Sie musste über einen hervorragenden Body-Mass-Index-Wert verfügt haben, der mich neidisch werden ließ. Ihr Hobby war offensichtlich gleichzeitig ihre Berufung gewesen. Sport war ihr Leben und ihre Leidenschaft gewesen.
Der Geschäftsführer des Studios, in dem sie bis zu ihrem Verschwinden nebenbei gearbeitet und Fitness- sowie Gymnastikkurse gegeben hatte, war noch nicht erreicht worden. Wahrscheinlich mied er den polizeilichen Kontakt, seit seinem Telefonat mit dem Beamten Börne. Aber auf solche Befindlichkeiten konnte ich keine Rücksicht nehmen. Der Besuch dort stand ganz oben auf meiner Liste, denn es lag tatsächlich nur wenige Meter von meinem Haus entfernt. Alleine dadurch war die Gefahr auch für mich plötzlich greifbar nah und es war nicht auszuschließen, dass wir es mit einem Mörder zu tun hatten, der sich Frauen einfach und wahllos von der Straße holte. Ich nahm mir vor, Herrn Neyer am nächsten Vormittag aufzusuchen und ihn zu bitten, noch am selben Tag in die Pathologie des Präsidiums nach Kalk zu kommen, um die Leiche als Lena Grimm zu identifizieren. Die Verwesung hatte noch nicht zur Unkenntlichkeit geführt. Allerdings war ihr Gesicht sehr stark angeschwollen und hatte deutlich von dessen Ursprungsform verloren. Die Augen waren nur noch schmale Schlitze in einem unstrukturierten Brei aus roten Blasen. Markante Gesichtszüge waren nicht mehr auszumachen und das Profil wirkte verzerrt. Aber es gab genügend andere Merkmale, sie zu identifizieren. Sie hatte zum Bespiel eine Besonderheit am Unterbauch, die so vermutlich einzigartig war. Kannte man sie unbekleidet, war sie genau daran wiederzuerkennen und könnte identifiziert werden. Dafür müsste der Beschauer allerdings zugeben, dass er diese Besonderheit kannte. Eine heikle Situation, auf die wir es morgen ankommen lassen mussten.
ACHTZEHN
Die Sonne weckte mich am nächsten Morgen, als sich ihre Strahlen durch die kleinen Löcher der Rollläden quetschten und kitzelnd in meine Nase eindrangen. Der folgende Niesanfall kam einem Wecker gleich und ließ mich innerhalb von Sekunden senkrecht im Bett sitzen. 07.13 Uhr leuchteten mich die roten Ziffern vorwurfsvoll an und mahnten mich, nicht wieder einzuschlafen. Auf dem Bett verteilt lagen mein Handy, mein iPad und verschiedene Unterlagen aus unseren Akten, die ich mir kopiert und mit nach Hause genommen hatte. Mittendrin ich – genauso zerknittert, wie ein Teil der Dokumente. Da gestern Abend alle meine Kollegen im Einsatz waren, hatte ich mich in meinem Büro schnell einsam gefühlt. Und nachdem die Dämmerung eingesetzt hatte, hielt mich dort nichts mehr. Ich hatte eingepackt und mich zu Hause meiner Arbeit gewidmet. Darüber war ich im Laufe der Nacht offensichtlich eingeschlafen. Nicht nur ich, sondern auch die Unterlagen, auf denen ich mich zum Teil breitgemacht hatte, sahen ziemlich mitgenommen aus. Ihre Falten hatten sich in mein Gesicht gezeichnet, und umgekehrt. Bis ich los musste, war noch genügend Zeit, meine mit ein wenig Hyaluron aus der Tube zu glätten und mittels Frühsport sämtliche Lebensgeister zu aktivieren. Ich entschied mich zu einer spontanen Joggingrunde und sprang, so wie ich war, in meine Sportsachen. Auf dem Weg in die Küche schlüpfte ich in meine fast neuen Laufschuhe und holte mir eine kleine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Mein Smartphone nahm ich mit, um mich mit Musik von der sportlichen Anstrengung auf nüchternen Magen abzulenken und die Uhrzeit im Auge zu behalten. Unterwegs machte ich einen Stopp am Sportstudio, um zu schauen, wann es heute öffnen würde. Wie sich herausstellte, um 10.00 Uhr. Also würde ich erst ins Büro fahren und von dort aus anrufen, um einen Termin mit Herrn Neyer zu vereinbaren. Ich erreichte ihn erst am späten Vormittag und machte mich gegen 11.30 Uhr wieder auf den Weg, um ihn um 12.00 Uhr in seinem Sportclub zu treffen. Dann sei dort in der Regel am wenigsten los und er könnte sich etwas Zeit für mich nehmen, meinte er. Wie schön.
„Halloooo, Frau Lange. Holla, so hatte ich Sie mir gar nicht vorgestellt!!“, begrüßte er mich.
Seine Bemerkung war so plakativ, dass ich innerlich meine Augen verdrehte und nach außen so tat, als hätte er nichts gesagt.
„Guten Tag, Herr Neyer. Ich komme von der Kriminalpolizei Köln und arbeite für das Dezernat XI. Ich bin hier, weil wir Ihre Hilfe benötigen. Wir haben die sterblichen Überreste einer weiblichen Person in der Wahner Heide gefunden.“
Genau genommen waren es ja zwei – aber das verschwieg ich ihm noch. Hierbei könnte das Täterwissen in weiteren Vernehmungen eine wesentliche Rolle spielen, hatte mir Andreas eingebläut. Jetzt bloß nichts vermasseln.
„Sie entspricht im Wesentlichen der Beschreibung von Lena Grimm und ist vermutlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen“, klärte ich ihn auf und fuhr fort: „Wir möchten Sie bitten, noch heute aufs Präsidium zu kommen, um eine Identifizierung vorzunehmen oder im Umkehrschluss eben auszuschließen, dass es Frau Grimm ist.“
Er grinste unverschämt und der Situation in keiner Weise angemessen.
„Das mache ich gerne, Frau Lange, wenn Sie mir auch einen Gefallen tun und mit mir danach zum Essen ausgehen, damit sich die Fahrt nach Köln für mich auch lohnt.“
Jetzt verdrehte ich sichtbar die Augen in alle Richtungen und strengte mich nicht mehr an, meine angewiderte Haltung ihm gegenüber einigermaßen zu verbergen.
„Das tue ich ganz sicher nicht. Also lassen Sie das bitte, Herr Neyer.“ Ich war erstaunt über meine autoritäre Haltung und legte eine Pause ein, damit die Peinlichkeit auf ihn wirken konnte. „Hier ist unsere Adresse. Ich gehe davon aus, dass Sie um 17.00 Uhr dort sein werden – ansonsten müssten wir Sie vorladen.“ Oh Gott, stimmte das überhaupt? Ich sollte mich mit meinen Äußerungen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sonst musste ich nachher doch noch mit ihm ausgehen – als eine Art Schweigegeld seinerseits. Bitte nein!
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte ich mich um und verließ das Studio. Dieser aufgeblasene Widerling. Mir war jetzt schon klar, dass ich auf ein Wiedersehen mit dem Typen gut verzichten konnte und hoffte, dass einer meiner beiden Chefs mit Herrn Neyer in die Kühlkammer gehen würde, wo Lena Grimm bei zwei Grad bis zur Freigabe der Leiche gekühlt gehalten wurde.
Als ich in Köln ankam, lief bereits die erste Pressekonferenz zu dem aktuellen Fall und unser diensthabender Pressesprecher informierte die vier anwesenden Journalisten der lokalen Zeitungen über den Fund der Leiche. Ich blieb im Eingang stehen und hörte zu:
„Wir stehen erst am Anfang unserer Arbeit und hoffen, dass wir in den nächsten Tagen mehr Informationen liefern können, als aktuell. Die Tote konnte noch nicht eindeutig identifiziert werden. Wir versuchen diese aber schnellstmöglich herbeizuführen und gehen davon aus, dass uns eine Person aus ihrem Umfeld hierbei unterstützen kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir noch heute einen Namen veröffentlichen können.“
„Handelt es sich bei dieser Person um einen Tatverdächtigen?“, wollte einer der Journalisten wissen.
Der Pressesprecher schaute um Rat suchend zu Andreas, der sein Mikrofon nervös richtete und meinte: „Nein, wohl eher nicht.“
Ich wandte mich für einen Moment vom Geschehen ab, weil mein Handy brummte und ich den vernichtenden Blick unseres Pressesprechers erntete, bevor ich die Stummtaste drücken konnte. Die Mailbox würde ich später abhören. Die Versammlung dauerte alles in allem nicht länger als sechs Minuten, weil niemand weitere Fragen hatte und nur ein vorgefertigter Text verlesen wurde, der den Teilnehmern offensichtlich für ihre eigene Berichterstattung genügte. Der Einfachheit halber und um Offenheit zu dokumentieren, stellte unsere Presseabteilung den Kurzbericht als PDF-Datei auch auf unsere Internetseite. Seit der besagten Silvesternacht im vergangenen Jahr gaben wir ständig und beinahe unaufgefordert Informationen heraus. Ich hatte den Rest der Pressekonferenz stehend vom Türeingang aus weiterverfolgt und wartete auf meine Kollegen, um sie über meinen Besuch im Fitnessstudio und den seltsamen Herrn Neyer zu informieren.
„Sara, wenn er hier ist, bringst Du ihn bitte in unseren kleinen Verhörraum und unterhältst Dich ein paar Minuten belanglos mit ihm. Danach gehst Du raus und lässt ihn alleine. Wir beobachten ihn währenddessen von hier aus.“
Was wollten die beiden damit bezwecken?, dachte ich kurz, aber bevor ich die Frage aussprechen konnte, waren sie schon wieder aus dem Pressesaal verschwunden. Ich eilte hinterher, um im Aufzug noch ein paar Informationen zu erhaschen.
„Wir rufen gleich die Kollegen zusammen und gehen alles gemeinsam durch. Anschließend müsste der Einsatzplan fürs Wochenende erstellt werden“, sagte Andreas. „Sara, machst Du bitte eine Übersicht, wer wann Dienst hat und wen wir wie einteilen können? Wir brauchen jede Kraft. Jede!“ Gerade als ich die beiden fragen wollte, ob wir zusammen essen gehen, öffnete sich die Fahrstuhltür und sie ging im nächsten Augenblick auch schon wieder zu. Ich blieb allein und mit meinen Fragen zurück. Also machte ich mich ohne meine Kollegen auf den Weg in die Kantine und aß einen üppigen grünen Salat mit Thunfisch. Auf dem Rückweg hörte ich meine Mailbox ab. Den Anruf von eben hatte ich beinahe schon wieder vergessen. Es sprach Herr Neyer, der sich für sein Verhalten am Vormittag entschuldigte und mir mitteilte, dass er pünktlich zum Termin in Köln sein würde. Gut so.
Erleichtert schaute ich in der Pathologie vorbei, in der Hoffnung, Carlo zu treffen und vielleicht sogar schon den vorläufigen Obduktionsbericht mitzunehmen. Carlo war nicht zu sehen, aber sein Kollege, Stefan Oberste, überließ mir zunächst das elf Seiten umfassende Statement über den aktuellen Fund in einem nicht verschlossenen Umschlag, auf dem „Streng vertraulich“ vermerkt war. Wie paradox. Er bat mich, einen Augenblick zu warten, weil ich ihm die Entgegennahme noch quittieren müsse. Während er die dafür notwendige Bescheinigung holte, konnte ich nicht widerstehen und warf noch vor Ort einen heimlichen Blick ins Innere der Akte. Das Wichtigste versuchte ich mir einzuprägen. Aber gerade als ich die Hinweise auf die Todesursache gefunden hatte, kam Stefan Oberste wieder und erbat den Umschlag von mir zurück.
„Es tut mir leid. Ich darf Ihnen den Bericht nicht aushändigen. Der Chef meint, der Empfänger des Dokumentes muss einen polizeilichen Dienstgrad nachweisen können oder sich wenigstens in einer Ausbildung zum Polizeibeamten befinden.“
Wollte er mich verarschen? Das war ja kaum zu glauben! So viel Sturheit hatte ich Carlo gar nicht zugetraut. Oder war das tatsächlich eine Vorschrift? Ehrlich gesagt, kannte ich die Regel nicht. Da ich es nicht besser wusste, reichte ich ihm den Umschlag zurück. Ich ärgerte mich mehr, dass Carlo sich nicht einmal bemüht hatte, für diese Information persönlich aus seinem Büro zu kommen. Es kränkte mich und ließ mich an meiner Gefühlslage leise zweifeln. Ich wollte mich auf keinen Fall wieder in solch einen Macho verlieben, der seine Macht über mich und meine Gefühle ausüben wollte. Lieber würde ich das Ganze im Keim ersticken und im Zweifel für den Rest meines Lebens Single bleiben. Ich schüttelte mich und die Gedanken ab. Sollte er wirklich Spielchen mit mir spielen wollen, sollte er gar nicht so viel Raum dafür bekommen. Also Blick nach vorne und das Augenmerk auf das Wesentliche richten, nämlich die beiden toten Frauen.
Ein paar Fakten des Berichts hatte ich versucht, mir zu merken. Geschrieben stand, dass die jetzt gefundene Leiche zwar minimale Missbrauchsspuren aufwies, das Opfer aber weder vor, noch nach seinem Versterben vergewaltigt worden war. Vom Rest verstand ich nicht viel, geschweige denn, konnte ich mit den lateinischen Begriffen etwas anfangen. Fachchinesisch halt. Manchmal fragte ich mich, wie man mich mit so wenigen kriminalistischen Grundlagen eingestellt haben konnte. Der einzige Bezug, den ich zu Recht und Gesetz herleiten konnte, war meine Ausbildung zur Anwaltsgehilfin, die ich vor fast 25 Jahren absolviert hatte. Einiges, wenn nicht sogar das meiste von dem, was ich mal mühsam gelernt hatte, dürfte demnach überholt sein oder ich es ohnehin vergessen haben. Aber meine Neugierde für diesen Berufszweig hatte meinen Ehrgeiz entwickelt und vorangetrieben, sodass ich heute hier saß. Und zumindest ich war mir sicher, meinen Weg zu machen. Ständig gingen mir Szenarien durch den Kopf, wie ich in meiner imaginären Welt zur Aufklärung beitragen würde. Ein wenig naiver Größenwahn schwang wohl immer mit und trieb mich an.
NEUNZEHN
Zurück im Büro fand ich zwar nicht meine beiden Chefs, dafür aber einen vollen Schreibtisch. Angesammelt hatten sich ein paar Seiten handgeschriebener Notizen von Andreas und ein Stapel der noch offenen Vermisstenakten der letzten Jahre, die eine Verbindung zu den aktuellen Fällen haben könnten. Ich rief Andreas an.
„Hallo. Ich bin wieder zurück. Leider hat mir Stefan Oberste den Obduktionsbericht nicht gegeben und mir auch nichts über den Inhalt verraten. Ruf ihn besser selbst an. Oder sprich mit Carlo – vielleicht kann er Dir sein blödes Vorgehen erklären.“
„Da könnte ich ausrasten!“, hörte ich ihn in den Hörer brüllen. Er war wirklich sehr wütend und es klang, als hätte er das ganze Telefon mit dem Frust über die stockenden Ermittlungen in die Ecke geschmissen. Ich musste mich erst mal schütteln, bevor ich weitermachen konnte. Obwohl ich genau wusste, dass er mit seinem Ausbruch diesmal nicht mich meinte, fühlte ich mich wieder angegriffen und brauchte ein paar Minuten, um mich zu beruhigen. Aber die Zeit drängte und für Befindlichkeiten gab es keinen Raum. Zuerst setzte ich mich daran, den Bericht zu verfassen.
Das Schreiben war definitiv meine Stärke und hatte mir im Bewerbungsverfahren durch meine Arbeitsprobe einen großen Vorsprung zu den zahlreichen Mitbewerbern verschafft, die scharf auf den Posten waren. Gelegentlich wurden sogar Auszüge oder ganze Texte für Presseberichte weiterverwendet. Bevor ich gedanklich und selbstverliebt abdriftete und mich schon als Pressesprecherin der Polizei Köln sah, holte ich mir noch einen Kaffee aus unserem wunderbaren Kaffeeautomaten, der das Heißgetränk auf Knopfdruck schäumend in meinen Becher tröpfelte. Er lief durch, wie eine zu schnell eingestellte Infusion und duftete wundervoll. Wie beim Italiener. Bei geschlossenen Augen begab ich mich gedanklich in die Bar Fondi in Rom, lauschte dem Palaver der Einheimischen und genoss den Geschmack des Espressos, wie ihn nur die Italiener rösten. Und schon hatte ich die Ansage von Andreas vergessen. Mehr oder weniger jedenfalls.
Vor seinem Ausraster hatte er seine eigenen Gedanken auf verschiedenen Zetteln notiert. Einer davon klebte jetzt an meinem Bildschirm: „TOWER FLUGHAFEN!!!“ Er wollte wohl die Fluglotsen dort nach Auffälligkeiten der letzten Wochen befragen. Zumindest war das meine Interpretation seines Hinweises und machte im Hinblick auf den Fundort auch Sinn. Häufig wurden aus der Vogelperspektive, und das bot der Tower mit seiner Gesamthöhe von 56 Metern definitiv, Situationen wahrgenommen, die dem normalen Beobachter verborgen blieben. Ich tippte die Notizen ab, formulierte sie und brachte den Bericht in Form. Bis auf ein paar kleine Änderungen übernahm Andreas diesen Entwurf und stellte ihn zur elektronischen Akte, die auch alle anderen Kollegen mittels Kennwort einsehen konnten. Es war wichtig, und das war mir von Anfang an eingebläut worden, dass alle immer einen einheitlichen Wissensstand hatten und jeder Mitwirkende jederzeit auf vorhandene Informationen zugreifen konnte. Egal wo und wer man im Team war.
ZWANZIG
Auf einem weiteren gelben Post-it hatte Andreas in Großbuchstaben „MIETWAGEN“ gekritzelt. Der Zettel klebte unübersehbar mitten auf meinem Bildschirm, der im Übrigen voll von diesen Dingern war. Wie das Pickelgesicht eines 16-Jährigen in der Blütezeit der Pubertät. Ein Arbeiten mit diesem PC war nicht möglich, ohne die Zettel abzunehmen und alle Punkte wegzuarbeiten. Ein paar Unklarheiten blieben und ich ging drei Zimmer weiter in das Büro von Andreas, um ihn zu fragen. Als wäre nichts gewesen, saß er innerlich aufgeräumt an seinem Schreibtisch und war die Ruhe in Person.
„Du musst die am Flughafen ansässigen Autovermieter aufsuchen und Dir die Listen der regelmäßigen Mieter der letzten 12 Monate geben lassen.“
„Okay und dann?“
„Schau sie Dir an und mach daraus eine, auf der nur noch diejenigen stehen, die mehr als einmal ein Fahrzeug gemietet haben. Und das machst Du bei allen Firmen und vergleichst auch diese miteinander auf Parallelbuchungen.“
Das macht Sinn.
„Zieh denen alles aus der Nase. Wirklich alles. Und notier es – auch wenn es Dir nicht wichtig erscheint.“
Gespräche mit den Fluglotsen im Tower würde Andreas selbst übernehmen. Er begeisterte sich für die Fliegerei und liebte Besuche im Tower. Der Eingang war allerdings so ohne weiteres nur wenigen Menschen vorbehalten und ein freier Zugang für Bürger ausschließlich im Rahmen eines „Tag der offenen Tür“ möglich. Und dafür gab es in der Regel meterlange Wartelisten. Offenbar interessierten sich viele Menschen für das Wirken dort oben und Technikfreaks schauten den Lotsen gerne über die Schultern. Da Andreas einen der Beschäftigten gut kannte, stand er hin und wieder mit auf dieser Liste und konnte seinem Hobby frönen. Aber so, mit beruflicher Notwendigkeit, war es natürlich einfacher. Es war zwar nicht zu erwarten, dass die Lotsen etwas gesehen hatten, manchmal jedoch meldeten Piloten Auffälligkeiten, die sie im Landeanflug aus geringer Höhe wahrnahmen. Hier und da hatte es zum Beispiel in der Region kleinere Flächenbrände gegeben, die dadurch rechtzeitig bemerkt und gelöscht werden konnten.
Die Befragung dort überließ ich gerne meinem Chef. Mir schien die Arbeit in einem Tower ohnehin zu unruhig, als dass ich mich in dem kleinen Raum, den sich bis zu sechs Lotsen pro Schicht teilten, wohlfühlen könnte. Und mit den verschiedenen, gleichzeitig zu beobachtenden Bildschirmen pro Arbeitsplatz, viel zu technisch. Also recherchierte ich deutlich lieber die Mietwagenanbieter und nahm mir meinen Besuch dort für morgen Vormittag vor. Vielleicht hatte ich dann sogar Zeit, im Flughafengebäude zu frühstücken und konnte mich bei einem Latte macchiato im Bistro Leysieffer auf den Spirit des Gebäudes einlassen. Hier würde ich mich deutlich wohler fühlen.
Ich liebte es, die Menschen auf ihren persönlichen Reisen und dem Weg dorthin zu beobachten. Manche liefen hektisch die Gänge entlang, um noch rechtzeitig einzuchecken. Einige hatten alle Zeit der Welt, weil sie dem Flughafen einfach nur einen Besuch abstatteten oder sich Stunden vor dem Check-in auf den Weg gemacht hatten. Andere wiederum gingen ihren Berufen nach. Das Flughafenpersonal an erster Stelle, aber natürlich auch Piloten oder Stewardessen. Meistens zogen sie in einer Gruppe durch die Abflughalle und trugen sehr coole Sonnenbrillen. Weil sie glaubten, sie seien sehr cool. Dass bei dem einen oder anderen genau das Gegenteil der Fall ist, hatte ich allerdings nach einem One-Night-Stand mit einem Co-Piloten erfahren müssen. Ich war mit einer Gruppe Mädels morgens gegen sechs Uhr von Köln nach Mallorca geflogen, um den Junggesellinnenabschied meiner besten Freundin am Ballermann zu feiern. Das hatten wir auch getan. Ausgiebig. Und auf dem Rückflug, am selben späten Abend, war ich die Einzige meiner zwölfköpfigen Reisegruppe gewesen, die einigermaßen nüchtern war. Deshalb blieb es mir auch nicht verborgen, dass besagter Co-Pilot bei seinem Gang ins Flugzeuginnere auf dem Weg zur Bordtoilette über seine obercoole Ray-Ban schaute und Augenkontakt zu mir suchte. Und fand. Mit unwiderstehlichem Blick schaute er mir erst in die Augen und checkte binnen Sekunden den Rest. Genauer betrachtete er meine Körperregionen dann zumindest zu Beginn der folgenden Nacht, die wir spontan im Holiday Inn am Flughafen verbrachten. Was vielversprechend begann, entpuppte sich schnell zum gewöhnlichen Einerlei. Ich war schon genervt, als er statt mir und sich die Kleider vom Leib zu reißen, fein säuberlich jedes Teil seiner Uniform über den stummen Diener hängte. Sogar Socken und Unterhose. Seine körperliche Ausdauer reichte gerade mal für einen Orgasmus, nämlich seinen. Und nach nur wenigen Sekunden war alles schon wieder vorbei. Danach schlief er ein, schnarchte durch seine offenbar verstopfte Nase, die ich mir ob seines Mundgeruchs auch gewünscht hätte, und ließ sich durch nichts mehr aus der Nachtruhe bringen. Um wenigstens dem Schnarchen ein Ende zu bereiten, hätte ich ihm gerne die Nase immer mal wieder zugehalten. Die Versuchung war wirklich groß gewesen, aber die Angst, den schleimigen Glibber berühren zu müssen oder dass der mir dabei unter den Händen wegstirbt, war zu groß. Statt einfach zu gehen, ärgerte ich mich die ganze Nacht neben ihm und starrte für 109 Euro ohne Frühstück endlose Stunden lang die Zimmerdecke an.
Also schnell wieder ins Hier und Jetzt.
„Ist noch was?“, fragte Andreas, dem ich wohl eine Spur zu lange verharrt hatte.
„Nein, entschuldige. Ich habe nur nachgedacht“, rechtfertigte ich mich und verließ das Zimmer exakt auf dem Weg, den ich gekommen war. Wir warteten auf Oliver Neyer. Jeder in seinem eigenen Büro und mit seinen eigenen Gedanken. Ich wurde um 16.50 Uhr von unserer Pförtnerin Evelin Patsch über seine Ankunft informiert.
„Hallo Sara, Herr Neyer ist hier. Kommst Du ihn abholen oder soll ich ihn zu Euch rauf schicken?“
„Danke Evelin, ich komm ihn abholen. Bis gleich.“
Mit etwas mehr Zeit, hätten sie und ich jetzt ein wenig geplaudert. Wir kannten uns von den täglichen Begegnungen beim Betreten und Verlassen des Präsidiums und auch von der Karnevalsparty. Karneval verbindet eben. Er brachte die Menschen zusammen. Bildete Freundschaften oder Paare und es kam nicht selten vor, dass gut neun Monate nach Rosenmontag kleine Narren auf die Welt kamen.
Ich verzichtete auf den Aufzug und lief durch das Treppenhaus nach unten, um Oliver Neyer abzuholen. Er war sehr viel verschlossener und zurückhaltender als bei unserem ersten Treffen vor nur wenigen Stunden. Auf seinen Anruf und die Nachricht auf meiner Mailbox ging ich nicht mehr ein und brachte ihn ohne weiteren verbalen Zwischenfall in einen unserer Besucherräume, wo ich ihn über den Ablauf im Einzelnen informierte.
„Warten Sie bitte hier, Herr Neyer. Mein Kollege kommt Sie gleich abholen und wird mit Ihnen nach unten gehen.“
Wie abgesprochen, ließen wir ihn dann etwa zehn Minuten warten und über eine Kamera beobachten. Außer, dass er sich imaginär die Nägel reinigte und überschüssige kleine Hautfetzen von den Rändern des Nagelbettes abkaute, gab es nichts zu sehen. Wenigstens bohrte er nicht in der Nase. Frank Labonte übernahm die Leichenschau und begleitete Herrn Neyer in Halle 1 im Untergeschoss – wo unsere Toten aufbewahrt wurden, bis sie auf ihre letzte Reise gingen. Bei zwei Grad. Für ein Einfrieren zu warm und für die Beschleunigung des Verwesungsprozesses zu kalt. Es war demnach nicht davon auszugehen, dass sich ihr optischer Zustand noch weiter verschlechtert oder dramatisch verändert hatte. Schon nach ungefähr 10 Minuten waren die beiden wieder im Büro und berichteten Andreas und unserem Polizeipräsidenten vom Ergebnis. Es handelte sich definitiv um Lena Grimm, 42 Jahre alt, geboren in Siegburg, verschwunden vermutlich Anfang März – aufgefunden ungefähr sechs Wochen später. Tot. Oliver Neyer war immer noch geschockt, das konnte man ihm ansehen.
„Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen“, sprach er in den Raum, ohne mit jemandem Blickkontakt aufzunehmen. Schweißperlen hatten sich auf seiner hohen Stirn und oberhalb der Lippe gebildet, weshalb ich ihm vorsorglich einen Stuhl zuschob. Er sackte sofort hinein, blieb dankbar sitzen und für den Rest der Befragung sprachlos, sodass Frank für ihn das Wort übernahm.
„Herr Neyer konnte sie anhand ihrer ca. 15 cm langen Kaiserschnittnarbe und dem darüber gestochenen Tattoo ‚Louisa‘ zweifelsfrei identifizieren“, übernahm Frank die Zusammenfassung. Das hieß, dass Herr Neyer sie definitiv auch unbekleidet kennen musste, was ihn natürlich in unseren Fokus setzte und spontan zu meinem persönlichen Verdächtigen Nr. 1 machte. Trotz seiner gezeigten Erschütterung.
„Sie hat vor fünf Jahren ihr ungeborenes Kind im neunten Monat bei einem Autounfall verloren. Ihr Bauch war auf dem Fahrersitz zwischen Sitz, Airbag und Armaturen eingeklemmt worden. Die Ärzte in der Uni-Klinik hatten wohl noch versucht, es per Kaiserschnitt lebend auf die Welt zu holen. Aber Louisa war regelrecht im Mutterleib zerquetscht worden. Ihr kleiner Brustkorb hatte sich komplett nach innen verschoben und nahezu alle Organe zum Versagen gebracht. So, als hätte sie keine Rippen“, wiederholte Frank, das was Herr Neyer ihm in den wenigen Minuten erzählt hatte.
„Frau Grimm hatte wohl gerade erst begonnen, die Ereignisse von damals hinter sich zu lassen“, gab Frank weiter, was Oliver Neyer wie unter Schock zu Protokoll gegeben hatte. Dieser nickte kaum merklich und kauerte mit gesenktem Kopf immer noch auf unserem Bürostuhl. Jetzt trat auch mir kalter Schweiß aus allen Poren und ich beneidete ihn um die Sitzgelegenheit, die er nicht zu verlassen beabsichtigte. Ich musste standfest bleiben und hielt mich mit der rechten Hand an der Schreibtischplatte fest.
Wir waren alle merkbar geschockt und empfanden tiefes Mitgefühl. Für Lena, aber auch für Herrn Neyer.
„Schrecklich!“, meinte Andreas und man konnte ihm anmerken, dass er sofort wieder in sein eigenes Schicksal abdriftete.
„Vielleicht war Neyer der Vater des ungeborenen Kindes und sie hatten sich über irgendetwas gestritten, was dann eskalierte“, überlegte Frank, als Herr Neyer nach der Toilette gefragt hatte und wir für einen kurzen Augenblick allein im Büro waren. Andreas schaute ihn scharf an und teilte die Auffassung offensichtlich nicht. So oder so war es für eine Vorverurteilung zu früh und wir mussten versuchen, an diesem Punkt neutral zu bleiben, bis sich gegebenenfalls ein konkreter Verdacht abzeichnete. Für einen Haftbefehl würde diese Annahme alleine nie und nimmer ausreichen. Herr Zartmann, unser zuständiger Staatsanwalt, würde nur müde lächeln. Da uns der Todeszeitpunkt von Frau Grimm unbekannt war, machte es auch keinen Sinn, Herrn Neyer nach einem Alibi zu fragen. Als Frank ihn zum Ausgang begleitete, bat er ihn, für weitere Fragen unbedingt erreichbar zu bleiben.
„Jetzt wissen wir definitiv, dass es Lena Grimm ist.“ Andreas ging schnell zur Normalität über und nahm mich ran. „Sara, sichte bitte alle Fakten im Hinblick auf Parallelen zu anderen Fällen – auch bundesweit. Und versuch, so viel wie möglich über sie und ihr Leben herauszubekommen.“
Wie aufregend – ich durfte endlich tief in die Theorien der Ermittlungen einsteigen. Ich freute mich so sehr, dass Andreas meinte:
„Sara, ganz ruhig. Wir befördern Dich nicht gleich zur Polizeipräsidentin. Das ist eine ganz normale Unterstützung, der wir uns bedienen und die wir von Dir erwarten!“
Ok! Ich war sofort wieder geerdet, wurde knallrot und machte mich schamerfüllt an die Arbeit.
„Ist schon gut, Andreas. Ich freu mich doch nur, dass ich endlich das tun kann, worauf ich so lange gewartet habe.“
Taktvoll ignorierte er, was ich sagte und ging nicht wieder auf das Thema ein.
„Ach ja und informier‘ die Presseabteilung. Sie sollen die Identifizierung bestätigen und veröffentlichen!“, rief er mir hinterher, als er mehr oder weniger schon auf dem Flur verschwunden war.
EINUNDZWANZIG
Nach dem Auffinden von Nummer Zwei hatte er es dann doch ziemlich schnell in die Tagespresse geschafft. Natürlich nicht er selbst – aber sein Opfer. Genauso hatte er das gewollt. Sie sollte gefunden werden und vor allem noch als Lena Grimm zu identifizieren sein. Bravo Kripo! Da hatten sie mal rasch ermittelt und gute Arbeit geleistet. Gerade war die Identifizierung bestätigt und ihr Name öffentlich gemacht worden. Im Weiteren erbat sich die Polizei die Mithilfe der Bevölkerung, um Ermittlungsansätze zu erheben. Sie tappten im Dunkeln. Für ihn eine weitere Genugtuung. Zufriedenheit machte sich breit und schickte Millionen Endorphine durch seinen Körper, denn der fehlende Triumph bei seiner ersten Leiche war schlimm genug gewesen und hatte ihn wochenlang verzweifelt sein lassen. Das war nun Balsam auf seine geschundene Seele.
In ihrem Bericht wies die Kripo auf die Fundstelle und ihre Nähe zum Auffindungsort der Knochen hin – von einem möglichen Zusammenhang schrieben sie nichts. Noch nicht! Dass das Opfer laut dem Bericht nur leicht bekleidet gewesen war und keine Wäsche trug, war für ihn nicht neu. Als er sie traf, war er ebenfalls verwundert über ihr Sommerkleidchen, bei den doch empfindlichen Außentemperaturen – da trug sie aber immerhin noch ihre Wäsche, die er später als eine Art Trophäe mitgenommen hatte. Die Erinnerung an den Moment, als er seine Nase in ihren Schlüpfer steckte, erregte ihn auch jetzt noch. Daran merkte er, dass sich zu seinem eigentlichen Motiv inzwischen auch perverse Strukturen gesellt hatten und ein unkontrollierbar gewordener Trieb mehr und mehr Einfluss auf seine Taten nahm. Rache, Lust, Rache, Lust, Rache, Lust … Seine Vorfreude auf Opfer Nummer Drei strahlte Wärme durch seinen ganzen Körper und verharrte sichtbar im Zentrum. Die Erektion half ihm für einen Moment über die Sehnsucht auf seine nächste Auserwählte. Von der toten Nummer Eins waren nur Knochen übriggeblieben, als man sie nach einer gefühlten Ewigkeit fand. Ein paar Reste hatte er selbst noch bei der Entsorgung von Lena Grimm entdeckt.
Als er ihren Körper vom Auto zu ihrem vorgesehenen Platz geschleppt hatte, waren mehrere Pausen nötig geworden, da der Weg schwer zugänglich war und die wieder erschlaffte Leiche ihr Gewicht gefühlt verdoppelt hatte. Er war ins Sperrgebiet eingedrungen und hatte Umwege und Hindernisse in Kauf genommen, um sie schließlich doch am Rande eines offiziellen Weges abzulegen. Durch die Wahl dieser Route war er zwar das Risiko eingegangen, einer Mine zum Opfer zu fallen – er vermied dadurch aber, zu viele sofort erkennbare Spuren von sich zu hinterlassen, die der Polizei helfen konnten, aufmerksam zu werden und schon jetzt eine Verbindung zu ihm herzustellen. Zu einer Zeit, wo noch viel vor ihm lag. Unvorstellbar, wenn er gerade jetzt daran gehindert werden würde. Er musste professionell bleiben und immer auf der Hut sein. Mehr denn je. Im Zweifel Unwägbarkeiten, wie den gewaltigen und gefährlichen Umweg durch das Sperrgebiet, hinnehmen. Dabei war er immer mal wieder auf Knochen gestoßen. Er wusste genau, wem sie gehörten und dass diejenigen, die hier herumlagen, in der Schublade in Köln fehlten. Die schlampige Arbeit der Polizei war seiner unwürdig und machte ihn wütend. Sehr wütend. Definitiv hatten sie nicht alle Knochen gefunden. Mindestens vier Rippen und die linke Schulter mussten dem Gesamtwerk gefehlt haben. Er hasste es, dass sie so gleichgültig waren. Sie ließen ihm und seinen Opfern nicht die notwendige Aufmerksamkeit zukommen.
Wäre der Journalist nicht gewesen, der voller Stolz und triumphierend den Skalp in die Kamera gehalten hatte, hätte Nummer Eins nie und nimmer für eine Story im EXPRESS gereicht. Aber genau darum ging es doch. Um die öffentliche Demütigung der Frauen, wenn sie gefunden und zur Schau gestellt wurden. Am liebsten wäre ihm, sie könnten es noch fühlen. Die scheinheiligen Damen. Genau das machte ihn an und das Gefühl steigerte sich ins Unermessliche, wenn er den Fundort unbemerkt beobachten konnte, während Ermittler und Gerichtsmediziner bis auf wenige Zentimeter an sie herangingen, um Proben an und in ihnen zu nehmen. Meistens mit einer langen Pinzette oder, wenn es in die Körperöffnungen ging, mit ebenso langen Wattestäbchen. Die wirklich größte Genugtuung empfand er aber, wenn die Spurensicherung Fotos von den toten Frauen machte. Der empfindlichste Augenblick. Ähnlich wie bei ihm selbst damals.
Lena Grimm hatte einen großen Anteil am Verlauf seines Lebens und genau deshalb ganz oben auf seiner Liste gestanden. Sie trug die größte Schuld. Nahezu mühelos hatte er sie gefunden und erste Pläne geschmiedet, sich an ihr zu rächen. Ein wenig Internetrecherche hatte schon genügt, sie ohne großen Aufwand ausfindig zu machen. Es war deshalb ziemlich einfach gewesen, da sie die Uni nach ihrem Studium und nach all den Jahren nicht verlassen hatte. Ihr Lebensmittelpunkt war immer noch hier und sie hatte nach der Scheidung von einem Martin Grimm ihren Mädchennamen Krüger nicht wieder angenommen. Im Internet war er aber als Zusatzinformation fast überall in ihrem Zusammenhang veröffentlicht. In den meisten Fällen fand man ihn in ihren Publikationen in Klammern hinter den Namen gesetzt: LENA GRIMM (GEB. KRÜGER).
Und so hatte er sie nur wenige Wochen beobachtet und kannte bald ihr langweiliges Leben mit den immer gleichbleibenden Routinen. Bei trockenem Wetter machte sie einmal am Tag Halt in der Wahner Heide und unternahm meistens einen ausgedehnten Spaziergang. Er hatte ihr regelmäßig dabei zugesehen, um im richtigen Moment da zu sein. Auf ihrem Weg zum Flughafen hatte er sie erwartet. Zu ihrer letzten Reise. Spritze rein und fertig.
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