Kitabı oku: «Weinrache»

Yazı tipi:

Susanne Kronenberg

Weinrache

Norma Tanns erster Fall


Zum Buch

TOD EINES ARCHITEKTEN Wiesbadens historisches Stadtbild kann mit einem weiteren Baudenkmal aufwarten. Eine heruntergekommene Stadtvilla wurde als Entwurf des berühmten Bauhaus-Architekten Marcel Breuer identifiziert. Doch der Entdecker, Architekt Moritz Fischer, kann sich nicht lange an seinem Ruhm freuen: Inmitten des Treibens auf der Rheingauer Weinwoche wird er kaltblütig erschossen. Norma Tann, frühere Kriminalhauptkommissarin und seit kurzem Private Ermittlerin, wird Augenzeugin des Verbrechens. Sie verfolgt den Mörder, doch er entkommt unerkannt. Dabei hat Norma schon andere Sorgen: Ihre Ehe mit Arthur Tann, einem Kunsthistoriker, ist gescheitert. Nach einem Streit ist Arthur mitten im nächtlichen Wald aus dem Wagen gestiegen und seitdem ist er spurlos verschwunden …

Susanne Kronenberg, geboren in Hameln und seit Jahren im Taunus heimisch, entdeckte während des Studiums der Innenarchitektur ihr Faible für das Bauhaus mit all seinen Facetten und seiner Geschichte. Den Wunsch, die Architektur mit dem Schreiben zu verbinden, verwirklichte sie zunächst als Redakteurin für eine Bauzeitschrift. Als Dozentin für Kreatives Schreiben gibt die Autorin Kurse und Workshops. Sie ist Mitglied des »Syndikats« und Mitgründerin der Wiesbadener Autorengruppe »Dostojewskis Erben«.

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Alle Rechte vorbehalten

8. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Unter Verwendung eines Fotos pixelquelle.de/sxc.hu

ISBN 978-3-8392-3334-4

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1

Freitag, der 18. August

Arthur war fort! Keine Spur mehr von ihm!

Norma trat auf die Bremse, drosch gegen den Schaltknüppel und lenkte den Wagen in einen Waldweg hinein. Das gab es doch gar nicht! Wohin war er verschwunden? Arthur scheute die Natur, und der Wald war in der Tat Natur pur. Nicht einmal an sonnigen Nachmittagen ließ er sich zu einem Spaziergang auf den Neroberg bewegen. Hier lauerte ringsum die Nacht. In immer kürzeren Intervallen wurde die Finsternis von Blitzen unterbrochen, die Arthurs Lage nicht weniger zuträglich sein konnten als die Regenschauer, die auf die Straße klatschten und sich zu Bächen sammelten. In breiter Front strömte das Wasser über den Asphalt.

Hatte Arthur unter den Bäumen Schutz gesucht? Sie hielt den Wagen an und schlug das Lenkrad ein. Schlanke, silbrig schimmernde Säulen reihten sich in den Lichtkegel, und sekundenschnell blitzten zwei grünlich glimmende Punkte auf; dicht über dem Boden. Zu klein für ihn, dachte sie grollend. Zu flink.

Das Tier, ein Fuchs vielleicht, war längst ins Dickicht eingetaucht, als sie den Wagen mit einigem Hin und Her auf dem Weg wendete und zur Hühnerstraße zurückfuhr. Dort bog sie in nördlicher Richtung ab. Der Regen ließ nach, benetzte die Scheiben nur noch in Schlieren. Sie schaltete die quietschenden Wischer aus. Ob er einen Wagen gestoppt hatte? Arthur als Anhalter: ein Gedanke, der sie in seiner Absurdität für einen Moment amüsierte. Die Gelegenheiten dazu wären allerdings gegeben. Selbst spät in der Nacht herrschte reichlich Verkehr auf der Hühnerstraße, die sich nördlich von Wiesbaden über die Höhen des Untertaunus bis nach Limburg zog.

Jeden Augenblick hoffte sie darauf, Arthur hinter der nächsten Biegung aufzuspüren. Reumütig. Beleidigt. Wutentbrannt. In welcher Laune auch immer. Aber hoffentlich munter und wohlbehalten. Der Gedanke an Arthurs körperliche Verfassung versetzte ihr einen Stich. Der Schweiß brach ihr aus, während sie das Lenkrad mit beiden Händen umklammerte und im dritten Gang voranfuhr. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte ihn überfahren. Den eigenen Mann! Brutal umgefahren. Überrollt! Sie hielt schon den Fuß über das Gaspedal, hätte es beinahe durchgetreten. Norma Tann, die Kriminalhauptkommissarin außer Dienst und private Ermittlerin, wollte ihren Mann töten! Der ungeheuerliche Gedanke nistete sich in ihren Kopf ein wie der Auftakt zu einem Migräneanfall.

Mit dem Unterarm wischte sie sich die Stirn trocken. Sie hatte es nicht getan. Gewollt, ja! Es sich für einen winzigen Moment brennend gewünscht. Aber nicht ausgeführt. Statt ihrem Zorn nachzugeben, nahm sie den Fuß vom Gas und trat auf die Bremse. Das Letzte, das sie von Arthur gesehen hatte, war sein triumphierendes Lachen. Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer hatte er sich umgewandt, mit den Händen in den Hosentaschen, und ihr für einen Augenblick diesen wissenden Blick geschenkt, bevor er mit einem langen Schritt zur Seite trat und in die Dunkelheit eintauchte.

Zum Teufel, welche Ehefrau hat niemals daran gedacht, ihren Mann umzubringen, wenn er sie bis aufs Blut reizte? Und darauf verstand Arthur sich wie kaum ein anderer. So wie er selbst in dieser Nacht, in diesem Wald mit ihr Katz und Maus spielte!

Im Scheinwerferlicht erschien das Hinweisschild zu einem Parkplatz. Norma setzte den Blinker und bog nach rechts ab. Sie schlug einen weiten Bogen über die freie Fläche. Neben einer Baumgruppe hielt sie an und stellte den Motor ab. An dieser Stelle war Arthur ausgestiegen. Sie schaute auf die Uhr am Armaturenbrett. Keine 20 Minuten waren seitdem verstrichen. Norma ließ die Scheibe hinunter. Die Luft roch nach Wald und nasser Erde. Hoch über ihr schrie ein Nachtvogel. Sie lauschte seinen melancholischen Rufen, bis sie verstummten. Früher wäre ihr der Schrei einer Eule nicht gespenstisch erschienen. Aber früher hatten sie auch nicht unaufhörlich gestritten. Warum versteckte er sich? Wollte er an ihr schlechtes Gewissen appellieren? War das ein neuer bösartiger Schachzug in diesem Spiel der Intrigen?

Gemessen am trostlosen Zustand ihrer Beziehung, hatte der Abend erstaunlich friedlich begonnen. Sie war ohne Ankündigung zu ihm gefahren, wollte nur einige Sachen aus der Wohnung holen. Wenige Minuten vor acht fuhr sie durch die Taunusstraße und bog nach halber Strecke in den Innenhof ab, der hinter den Geschäftsräumen lag. Arthurs Daimler stand nicht auf seinem Platz. Auch gut, dachte sie, sie musste ihren Mann nicht unbedingt sehen und konnte sich den Zweitschlüssel aus dem Büro holen. Arthur würde sich daran nicht stören. Er hatte ohnehin nicht verstanden, wieso sie keinen Schlüssel behalten wollte. Immerhin waren sie noch verheiratet, lebten erst seit einem Vierteljahr getrennt. Vermutlich hatte er es ihr sogar übel genommen, dass sie freiwillig auf die Schlüsselgewalt verzichtete. Wie so vieles andere wollte er ihre Beweggründe auch in diesem Fall nicht wahrhaben. Norma betrachtete die Ehe mit Arthur als ein abgeschlossenes Kapitel ihres Lebens.

Sie stellte den Wagen auf dem Kundenparkplatz ab und ging durch den Torbogen zurück zur Taunusstraße und die wenigen Schritte weiter zum Haupteingang. Arthurs Geschäft war nicht nur eines von vielen in der langen Reihe der Wiesbadener Antiquitätengeschäfte, sondern eines der renommiertesten. Die Zeiten waren schwer für die Branche, aber ein Unternehmen wie ›Tanns Antik und Kunst‹ kam nach wie vor gut über die Runden. Als studierter Kunsthistoriker lebte Arthur für seinen Beruf, und diese Leidenschaft vermittelte er seinen Kunden aus Wiesbaden und den nahe gelegenen Taunusstädten Kronberg, Bad Homburg und Königstein. Dort schien es ein unerschöpfliches Reservoir betuchter Bankiersgattinen, Erben und Unternehmerfamilien zu geben, die ihre neu gebaute oder renovierte Villa mit sündhaft teuren Antiquitäten ausstatten wollten. Neben seinen persönlichen Fähigkeiten konnte Arthur mit einem hervorragenden Partner überzeugen: Josef Brunner, ein pragmatischer bayrischer Hüne, Möbeltischler und Restaurator, verstand sein Handwerk und bewältigte mit stoischem Gleichmut die anspruchsvollsten Kundenwünsche. Josef arbeitete gewöhnlich in der Werkstatt, die drei Minuten entfernt in einem Hinterhaus in der Nerostraße lag, übernahm aber oftmals den Laden, wenn Arthur sich auf Kundenbesuch befand.

Norma stieg die beiden Stufen hinauf und drückte die Ladentür auf. Die englische Glocke, ein Mitbringsel einer gemeinsamen Urlaubsreise, bimmelte hell und fröhlich. Arthur hatte den Eingangsbereich umdekoriert, wie sie mit einem flüchtigen Blick erfasste. Die schlichte Eleganz des Art déco war zurzeit offenbar gefragter als Biedermeier und Historismus. Dazwischen ein Freischwingersessel: aus stumpfem Stahlrohr der Rahmen, die Sitzfläche mit blutrotem Gewebe bespannt. Ein Bauhaus-Möbel. Von Marcel Breuer womöglich? Auf jeden Fall könnte der Sessel wunderbar in Bruno Taschenmachers neues Restaurant passen. Verkauft stand in roten Buchstaben quer über dem Preisschild. Vielleicht hatte Bruno schon zugegriffen? Arthurs engster Freund seit der Schulzeit steckte seit Wochen mitten in den Planungen für ein exklusives Restaurant, das er in einer vom Bauhaus-Architekten Marcel Breuer geplanten Wiesbadener Villa einrichten wollte.

Die Entdeckung oder besser gesagt, Wiederentdeckung der Bauhaus-Villa war eine kleine Wiesbadener Sensation. Dem Architekten Moritz Fischer verdankte die Stadt, dass sie seit Kurzem mit dieser weiteren städtebaulichen Kostbarkeit aufwarten konnte. Die ›Villa Stella‹ reihte sich damit in eine bemerkenswerte Auswahl von Villen und Wohnhäusern des 20. Jahrhunderts, mit denen Wiesbaden glänzen konnte. Die ›Villa Stella‹ stammte aus den 30er-Jahren. In ihrer Bedeutung vergessen und von Anbauten verschandelt, rottete sie vor sich hin, bis sich sieben Jahrzehnte später Moritz Fischer der verwahrlosten Schönheit annahm. Er sammelte Gelder und mobilisierte Sponsoren, unter denen sich seine Jugendfreunde Arthur und Bruno als Wortführer hervortaten, und verwandelte die Ruine zu einem Schmuckstück. Bis es soweit war, vergingen Jahre. Ein langwieriger Prozess. Baumängel brachten die Sanierungen immer wieder ins Stocken. Zusätzlich sorgte die Diskrepanz zwischen Fischers Ideen und den Vorstellungen der Denkmalschützer für unvorhersehbare Verzögerungen.

Nun, zum Ende des Sommers, war das Gebäude bezugsfertig. Erblüht in einer nüchternen Ästhetik, die Norma eigenartig berührte. Die Stadt und Fachwelt huldigten Moritz Fischer als Experten, der das Geheimnis der Villa oberhalb der Sonnenberger Straße aufdecken konnte.

Fischer sonnte sich in der Anerkennung und ließ sich als Retter eines Baudenkmals feiern. Nach Normas Geschmack gewann er dadurch nicht an Sympathie. Moritz Fischer war und blieb ein Großmaul und Aufschneider. Arthur machte mit ihm gemeinsam beste Geschäfte, und Bruno Taschenmacher durfte dieses Mal mit von der Partie sein. Er wollte die ›Villa Stella› für das Restaurant pachten, das Arthur im Stil der 20er-Jahre einrichten sollte. Bruno war der geeignete Mann für ein Restaurant der gehobenen Klasse. Er besaß bereits eine Weinstube in der Altstadt und das Restaurant ›Parkhof‹ beim Kurpark. Seitdem kaufte Arthur auf Brunos Rechnung jedes Objekt, das auf irgendeine Weise mit der Bauhauszeit in Verbindung stand. Bruno sagte zu allem ja und Amen. Gäbe es noch Herrscher und Vasallen, Ritter Bruno wäre König Arthurs ergebenster Gefolgsmann. Bruno hatte sich von der Begeisterung der Freunde anstecken lassen und war Feuer und Flamme für das ›Marcel B.‹ Und er hatte für Pläne und Ausstattung inzwischen einen Batzen Geld ausgegeben, wie Norma von Arthur wusste.

An der Wand über dem Freischwinger hing, in lichtem Ocker und sattem Umbra, ein abstraktes Ölgemälde, das sich, obwohl kein Jahr alt, unbekümmert in das von Antiquitäten beherrschte Umfeld einfügte. Ein weiteres Werk von Pablo Lobo; der kraftvolle Pinselstrich des Kolumbianers war ebenso charakteristisch wie seine Vorliebe für erdige Farbtöne. Pablo war ein Naturkind, eine ungeschulte Begabung. Arthur bewunderte den jungen Maler, dessen Persönlichkeit wie die Arbeiten, und setzte alles daran, Pablo Lobo in Deutschland und Europa berühmt zu machen. Norma gönnte dem Bild keinen zweiten Blick. Sie wich allem aus, das an Kolumbien erinnerte.

Lieber atmete sie diesen betörenden Duft ein, der dem Ausstellungsraum eigen war. Eine unnachahmliche Verbindung von Möbelpolituren, ätherischen Holzölen und uraltem Staub, der auch Arthur anzuhaften schien und – wie sie bisweilen vermutete – der Auslöser ihrer Liebe zu einem Kunsthistoriker war. Der Geruch weckte auch die Erinnerung an ihren Vater, der sich als leidenschaftlicher Hobbyrestaurator in jeder freien Minute der Möbel angenommen hatte, die sich im Wechsel der Generationen auf einem niedersächsischen Bauernhof einfanden. Er starb, als Norma acht Jahre alt war. Als sie Arthur zum ersten Mal begegnete, war sie kurz zuvor von Bremen nach Wiesbaden versetzt worden. Während einer Fortbildung beim Bundeskriminalamt hatte sie die Stadt kennen und schätzen gelernt und durch eine glückliche Fügung die Stelle im Wiesbadener Kommissariat erhalten. Arthur war Zeuge in einem Kunstdiebstahl. Zwischen ihm und Jan Petersen, der der Grund dafür war, dass sie so dringend aus Bremen fort wollte, lagen Welten, und sie erhoffte sich von Arthur die Ausgeglichenheit und Beständigkeit, die Jan ihr nicht hatte geben können. Irgendwann wurde ihr klar, dass Arthurs vermeintliche Ruhe in der Bequemlichkeit wurzelte, und die behauptete Toleranz der Gleichgültigkeit entstammte. Doch auch sie kannte ihre Schwächen, wollte nicht über ihn urteilen, und so bemühten sie sich 10 Jahre lang, miteinander zu leben.

Anders als erwartet, ließ er sich an diesem Abend nicht von Josef oder der Aushilfe vertreten. Ausstaffiert in der bevorzugten Kombination aus lässig und korrekt, in Edeljeans, einem dunkelblauen Leinenhemd und den handgearbeiteten Schuhen eines benachbarten Meisterbetriebs, trat er ihr entgegen. Das halblange graue Haar trug er zum Zopf geflochten. Arthur musterte Norma durch die Gläser der schwarzen Hornbrille. Eine Wolke Rasierwasserduft strich durch den Raum.

Normas Begrüßung fiel knapp aus: »Du bist hier?«

Er zog die schmalen Schultern hoch, griente spöttisch. »Falls dus vergessen hast: Mir gehört der Laden.«

»Ich dachte, du bist unterwegs. Dein Auto steht nicht draußen!«

Der Daimler sei in der Werkstatt. Wie so oft die Elektrik. Ein Montagsauto. Sein Lächeln wurde breiter. »Sag mal, musst du heute Abend spionieren? Vielleicht einen Ehemann auf verborgenen Wegen zu der Geliebten verfolgen?«

Ihre Arbeit war das Letzte, mit dem sich Arthur beschäftigen wollte. Es hatte ihn nicht gekümmert, was sie als Polizistin getan hatte, ihre Aufgaben als Kriminalhauptkommissarin waren ihm gleichgültig, und erst recht wollte er nicht wirklich etwas über ihre Einsätze als Private Ermittlerin wissen. Ihr neuer Beruf schien ihm peinlich zu sein. Menschen zu observieren, das war in seinen Augen verächtlicher als das, was diese Leute ihren Opfern antaten: jungen Müttern, die keinen Cent vom Vater ihres Kindes bekamen, Arbeitgeber, die den Lebensstandard ihrer schwarzarbeitenden und krankgeschriebenen Mitarbeiter aushalten mussten, und die betrogenen Ehefrauen. Während er sich von Gaunereien beeindrucken ließ, stand Norma auf der Seite der Unterlegenen. In den vergangenen Tagen hatte sie allerdings weniger für die Gerechtigkeit gekämpft als gegen die Hungergefühle der Besucher der Rheingauer Weinwoche, auf der sie hessische Spezialitäten verkaufte. Die Zahl der Ermittlungen hielt sich bisher in Grenzen, und die Miete musste bezahlt werden. Der Stand gehörte Bruno, und so konnte sie sicher sein, dass Arthur von ihrem Job auf Zeit wusste. Aber sie wollte nicht davon anfangen.

So erklärte sie nur, einen anstrengenden Tag hinter sich zu haben. »Was willst du?«

Arthur fügte ohne Umschweife eine Bitte an. Er müsse dringend nach Limburg. Dort biete ein Sammler mehrere Leuchten im Bauhausstil an, darunter eine Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld. Falls es keine Nachbauten seien, was Arthur, wie er nicht vergaß anzumerken, mit Kennerblick feststellen würde, erwarte er echte Schnäppchen. Sofern er rechtzeitig dorthin käme. Ob sie ihn nicht fahren könne?

Über die Autobahn bedeutete das eine Fahrt von einer Dreiviertelstunde. Norma trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück. »Warum sollte ich das tun?«

»Du willst die Scheidung! Dann müssen wir endlich darüber reden, wie du dir das vorstellst in der Zukunft. Wie das werden soll.«

»Aber nicht im Auto! Darüber spreche ich nicht während der Fahrt.«

Für eine solche Auseinandersetzung brauchte sie die volle Aufmerksamkeit.

Er lenkte mit sanfter Miene ein. »Ein Vorschlag: Wir sehen uns die Leuchten an, und danach lade ich dich zum Essen ein. Dabei reden wir. In aller Ruhe.«

Sein Vorschlag machte ihr bewusst, wie hungrig sie war. Sie hatte es gar nicht bemerkt an diesem turbulenten Tag. Die Rheingauer Weinwoche war in vollem Gang, und nach sieben Tagen am Verkaufsstand, von 11 Uhr morgens bis abends um halb acht, konnte sie keine grüne Soße mehr sehen, geschweige denn zu sich nehmen. Obwohl das Essen gut und schmackhaft war. Es stammte aus der Küche der Weinstube ›Räuber Leichtweis‹ und kam ihr als Vegetarierin sehr gelegen. Bruno hatte Norma die Aufsicht über die Studentinnen übertragen, und so blieb ihr selten Zeit für eine Pause. Bevor es am Abend richtig rund ging, wurde sie von seiner langjährigen Angestellten abgelöst. Gabi erschien pünktlich auf die Minute und verbreitete die Aura zuverlässiger Geschäftigkeit, sobald Norma ihr die Kasse und den Schlüssel übergeben hatte. An jedem Abend war Norma dankbar, wenn sie aus dem Trubel herauskam. Das Wetter zeigte sich in diesem Sommer wie bestellt für ein Fest dieser Größenordnung rund um das Wiesbadener Rathaus. Die milden Nächte lockten die Gäste noch zahlreicher an die Buden der Rheingauer und Wiesbadener Winzer als die sonnigen Tage. An diesem Nachmittag hatte sich die Luft von Stunde zu Stunde stärker aufgeheizt und lag in drückender Schwüle über der Stadt.

Arthurs Angebot zum Abendessen war eine Überlegung wert, auch wenn sie auf die traute Zweisamkeit gern verzichtet hätte. Ihr Kühlschrank war ausgeräumt, und der Lebensmittelladen am Ende der Taunusstraße hatte, sofern die verschnörkelte Pendeluhr neben der Bürotür genau ging, seit drei Minuten geschlossen. Außerdem musste sie an die Ermahnungen ihrer Anwältin denken, gewisse dringliche Fragen endlich abzuklären. Also gut, stimmte sie zu und ging, während Arthur die Kassenabrechnung erledigte, hinauf in die Wohnung, die über den Geschäftsräumen lag und vom Innenhof aus über eine Außentreppe zu erreichen war. Sie fand nach kurzer Suche das Yogabuch für Anfänger, das sie schon im vergangenen Winter gekauft hatte, sammelte dazu ein paar weitere vermisste Bücher aus den Regalen und packte sie zusammen mit ihrer restlichen Kleidung in eine Reisetasche.

Arthur wartete unten im Hof. Einen hellen Baumwollpulli lässig um den Nacken gewunden und den Regenschirm in der Hand, wippte er auf den Zehenspitzen. »Wieso stiehlst du meine liebste Reisetasche?«

Sie öffnete die Heckklappe und stellte die Tasche in den Kofferraum. »Man kann nichts stehlen, das einem gehört. Die Tasche habe ich damals für einen Lehrgang gekauft, und dass du sie über die Jahre benutzen durftest, verdankst du meiner Großzügigkeit.«

»Und wenn ich die Tasche brauche?«

Sie schlug die Klappe zu. »Willst du verreisen?«

Er antwortete nicht, sondern musterte kritisch den Wagen. »Du fährst das Ding immer noch?«

Norma schloss die Fahrertür auf. »Wenn es deinen Sinn für Schönheit beleidigt, dann sieh doch zu, wie du nach Limburg kommst.«

Der schwarze Ford Fiesta war ein Geschöpf des vorigen Jahrhunderts, von Schrammen und dezenten Beulen gezeichnet und unscheinbar genug, um keine Aufmerksamkeit zu erwecken, wenn er am Straßenrand parkte. Außerdem war der Wagen sparsam im Verbrauch und bisher immer zuverlässig. Vor allem, was die Elektrik betraf, wie sie beim Einsteigen nicht zu erwähnen vergaß. Arthur warf den Schirm auf den Rücksitz, in der Überzeugung, das Gewitter würde nicht lange auf sich warten lassen, und quetschte sich auf den Beifahrersitz, die langen Beine auf Storchenart zusammengefaltet. Den Pullover breitete er auf den Knien aus.

Sie zog die Nase kraus. »Seit wann parfümierst du dich?«

Er fingerte an der Rückenlehne herum. »Das Rasierwasser war ein Geschenk.«

Sie verkniff sich die Frage, von wem, und nutzte eine Lücke im Verkehr, um schwungvoll auf die Taunusstraße einzubiegen. »Übrigens wäre ich mit dem Hebel vorsichtig …«

Schon war die Rückenlehne umgeschlagen, und Arthurs Hinterkopf donnerte gegen die Holzkiste, in der Norma einen Stapel Bücher, zerrupfte Zeitschriften, die Digitalkamera für alle Fälle, volle und leere Wasserflaschen, eine angebrochene Flasche Rotwein samt Glas und weitere Utensilien aufbewahrte, die ihr ein oft stundenlanges Ausharren erleichtern sollten.

Arthurs Arme ruderten in der Luft herum, bis er die Ablage zu fassen bekam und sich daran hochziehen konnte.

»Wie war das mit der Zuverlässigkeit deines Wagens?«, murrte er und rieb sich den Hinterkopf.

Norma bog in die Sonnenberger Straße ein und parkte den Wagen vor einer Ausfahrt, bis Arthur die Lehne wieder in eine stabile und rückenfreundliche Position gebracht hatte. Auf jeden weiteren Versuch, sich mehr Beinfreiheit zu schaffen, verzichtete er.

2

Die Eule meldete sich erneut. Dieses Mal erklang der Ruf dicht über dem Wagen, bis er unvermittelt abbrach und das an- und abschwellende Rauschen der Autos, die zu dieser späten Stunde unterwegs waren, wieder in Normas Aufmerksamkeit rückte. Die grünen Ziffern am Armaturenbrett zeigten 12.13 Uhr an. Gegen 10 hatten sie in einem italienischen Restaurant in der Limburger Altstadt gegessen. Zuvor war Arthur mit dem Leuchtenverkäufer einig geworden, was eine Weile gedauert hatte, weil der Mann sich besser auskannte und hartnäckiger verhandelte, als Arthur erwartet hatte. Anschließend wollte er ihnen unbedingt seine Sammlung alter Kinoplakate vorführen; ein Angebot, dem Norma als leidenschaftliche Kinogängerin leichtfertig zustimmte, hatte sie doch nicht geahnt, wie ausschweifend ein stolzer Besitzer auf jedes Beutestück eingehen konnte. Der Vorgang wurde nicht eben dadurch beschleunigt, dass Arthur mehrere Telefongespräche mit Kunden führte.

Als das Essen serviert wurde, schaltete er auf ihre Bitte das Telefon aus. Der Erwerb der Leuchten, wirklich seltene und gut erhaltene Stücke, die nun in einen Karton verpackt im Kofferraum verstaut waren, hatte ihn in beste Laune versetzt. Norma fühlte sich angenehm gesättigt von ›Linguine al Pesto‹. Besänftigt durch einen ›Winkeler Hasensprung‹, stellte sich eine unerwartete Vertrautheit ein, als wäre ihnen ein Sprung in die Vergangenheit gelungen, in der die Wochen und Monate des Streitens, der Zerwürfnisse und Versöhnungen und ihr Entschluss, ihn zu verlassen, weit weg waren. Das Gespräch drehte sich um Arthurs Geschäft, um die Kunden und jene früheren gemeinsamen Freunde, die nun, nach der Trennung, allein die seinen waren. Über die Scheidung fiel kein Wort. Keiner wollte die friedliche Stimmung zerstören.

Noch während des Essens hatte es zu donnern begonnen, und als sie durch die steile Gasse hinunter zum Parkhaus eilten, kam Wind auf, und die ersten Tropfen fielen. Sie liefen die letzten Schritte und hatten kaum das Tor erreicht, da brach der Himmel auf. Der Verkehrsfunk meldete einen Stau auf der A 3, einer unfallträchtigen Strecke in Richtung Wiesbaden, und Arthur schlug vor, für den Rückweg die Hühnerstraße zu nehmen und über Taunusstein und die Höhe der Platte zu fahren. Der Regen prasselte gegen die Frontscheibe. Die Musik war kaum zu verstehen. Arthur stellte den Ton lauter und summte mit. Joe Cocker besang die Vorzüge der Freundschaft.

Die Hühnerstraße führte abwechselnd durch Wald und Feld, hin und wieder durchquerten sie ein Dorf. Norma fuhr langsam, achtete auf den Verkehr und hing dabei ihren Gedanken nach. Zwei Tage Arbeit lagen noch vor ihr, dann wäre das Weinfest vorüber, und sie brauchte einen neuen Job. Hoffentlich als Ermittlerin! Sie hatte innerhalb der ersten Monate als Privatdetektivin mehrere Aufträge ausgeführt; hervorragend ausgeführt, wie ihre Klienten versicherten. Jedoch, Empfehlungen benötigten Zeit. Das Thema war sensibel. Wer posaunte schon gern heraus, dass er seinen Ehepartner oder einen Angestellten beschatten ließ? Oder beabsichtigte, das zu tun? Trotzdem sah sie voller Hoffnung auf ihre berufliche Zukunft. Noch vor gut einem halben Jahr, als sie aus dem Polizeidienst ausschied, war das anders; damals stand sie vor einem Scherbenhaufen. Ihr Leben lang hatte sie sich keinen anderen Beruf als den der Polizistin und später der Kommissarin vorstellen können. Die Erkenntnis, nicht mehr fähig zu sein, die Aufgaben, die sie so liebte, weiterhin auszuüben, erschien ihr wie ein Todesurteil. Inzwischen gab sie nicht mehr ausschließlich Arthur die Schuld an ihrem Scheitern. Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber Arthur hatte seinen Teil zu ihrem Unglück beigetragen.

Die ersten Takte von ›Yesterday‹ erklangen. Norma schaltete das Radio aus.

Arthur summte einen Teil der Melodie allein. »Immer noch so zart besaitet?«

Denk nicht daran, nicht jetzt, ermahnte sie sich. Sonst brichst du sofort einen Streit vom Zaun.

Sie konzentrierte sich auf Arthurs Worte, der auf sein aktuelles Lieblingsthema zurückkam: die Ausstattung der ›Villa Stella‹. Die neu erworbenen Leuchten seien die perfekte Ergänzung.

»Nick Reichels wird begeistert sein«, sagte er zufrieden. »Du hast sicherlich von ihm gehört?«

Wer in Wiesbaden hätte das nicht! Der junge Koch, der sich mit seinem Ehrgeiz viel Anerkennung und diverse Fernsehauftritte erkocht hatte, bildete zurzeit das Lieblingsthema der hiesigen Schickeria. Gut aussehend, von temperamentvoller Frische und mit kribbeligem Charme war dem Spross einer rheinhessischen Winzerfamilie der Erfolgssprung von der Mainzer Rheinseite hinüber nach Wiesbaden auf Anhieb gelungen. Norma war sein blendendes Zahnpastalächeln verdächtig.

»Was hat Nick Reichels mit der ›Villa Stella‹ zu schaffen?«, fragte sie verwundert.

Arthurs hintergründige Miene war selbst im Halbdunkel erkennbar. »Nick wird im ›Marcel B.‹ kochen.«

»Bruno will diesen Fernsehkoch einstellen? Davon hat er gar nichts erzählt.«

Bruno hatte in den vergangenen Tagen kein Wort über das neue Restaurant verloren, fiel Norma auf. Noch zu Beginn der Weinwoche war er unermüdlich immer wieder auf das ›Marcel B.‹ zu sprechen gekommen, wenn er am Stand nach dem Rechten sah.

»Nick übernimmt das Restaurant«, erklärte Arthur gelassen. »Bruno ist draußen.«

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu. »Das kann Fischer nicht machen! Bruno ist sein Freund, und Bruno hat einen Haufen Arbeit und Geld in das Projekt gesteckt.«

»Der beste Freund von Moritz ist ein gutes Geschäft. Nick bietet einfach die besseren Konditionen. Die Familie hat Geld. Verfügt über beste Kontakte. Und Nick ist ein Sonnyboy. Der grinst mit seinem Lächeln alle in Grund und Boden. Das zählt heute. Nicht der altbackene Charme eines Emporkömmlings vom Schlag Bruno Taschenmacher.«

»Bruno hat schwer für den Erfolg gearbeitet! Es gibt Absprachen zwischen ihm und Fischer.«

Arthur wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung fort. »Er hat versäumt, einen Vertrag zu verlangen. Bruno wird sein Leben lang bleiben, was er ist: der ungeliebte Sohn einer Alkoholikerin, der keine Ahnung hat, wer sein Vater ist. Die miese Herkunft hängt an ihm wie Modergeruch.«

Norma starrte durch die Regenschleier auf die im Scheinwerferlicht glitzernde Fahrbahn. Sie drosselte das Tempo. »Wie kannst du so gemein über Bruno sprechen? Er ist dein Freund seit der Schulzeit! Ebenso wie Moritz.«

Er lachte wieder. »Moritz ist mein Freund, weil wir Geschäfte machen. Und Bruno war mein Freund, solange die Geschäfte mit ihm gut liefen. Kein Geschäft, keine Freundschaft. So einfach ist das. Bruno hockt auf einem absterbenden Ast. Nimm die rosa Brille ab, mein Kälbchen!«

Auf der linken Seite wurde ein Parkplatz angezeigt. Norma riss den Wagen herum und jagte durch die Einfahrt. Der Fahrer hinter ihnen hupte.

Arthur suchte Halt am Armaturenbrett. »Hast du sie nicht mehr alle!«

Der Fiesta rollte noch, als sie sich Arthur zuwandte. »Was willst du mir damit sagen? Dass ich mein Leben lang nach Stallmist stinken werde?«

Er hob abwehrend die Hände, die seine belustigte Miene nur unzureichend verdeckten. »Willst du deine Herkunft verleugnen? Kannst du keinen Spaß vertragen?«

Sicherlich war ihre Reaktion übertrieben, aber seine Missachtung reizte sie bis aufs Blut. Sie beherrschte sich mühsam.

»Ich schäme mich nicht für meine Herkunft. Ich bin, was ich bin. Meine Kindheit, die ich nicht missen will, hat mich geprägt. Was berechtigt dich zu dieser unerträglichen Arroganz gegen alle, die nicht wie du mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden? Nein, du willst mich nicht verspotten. Du willst mich demütigen!«

Er verschränkte die Arme über der Brust und verdeckte das Muster des Pullovers, den er sich im Restaurant übergestreift hatte. »Deine Haut ist verdammt dünn seit Kolumbien, Norma.«

»Meine Haut«, erwiderte sie mit eisigem Unterton, »meine Haut ist nicht dünn. Sie ist perforiert wie ein Sieb. Und wie es dazu kam, weiß niemand besser als du!«

Den Vorwurf wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Wie immer stritt er alles ab. Stellte sich dumm. Wollte sich der Verantwortung entziehen. Weiter ging es hin und her, sie schlugen sich die Beschimpfungen wie Schwerter um die Ohren. Bis er die Tür aufstieß. Plötzlich stand er vor dem Wagen, und sie setzte den Fuß auf das Gaspedal. Aber sie hatte es nicht getan. Sie hatte ihn nicht überfahren.

Weiß der Teufel, wo Arthur steckte! Wieso verschwendete sie überhaupt einen Gedanken an ihn? Vermutlich hatte er längst ein Taxi gerufen. Oder sich von Bruno abholen lassen. Bruno brachte es fertig, im Restaurant alles stehen und liegen zu lassen und sich um Mitternacht auf den Weg zu machen, weil Arthur nach einer Gefälligkeit verlangte.

Bruno ist ein Schaf, dachte sie mitleidig. Ließ sich von seinen so genannten Freunden ausnutzen. Arthur verhielt sich keinen Deut besser als Fischer.

Doch mit ihrer Gutmütigkeit war Schluss. Sie sparte sich jeden weiteren Versuch, Arthur über das Mobiltelefon zu erreichen, und startete den Motor. Höchste Zeit, nach Hause zu fahren und aus den Sachen herauszukommen, die sie seit dem Morgen trug. Das Gewitter hatte einen kühlen Lufthauch mitgeführt, der durch das offene Fenster strich und sie frösteln ließ. Eine heiße Dusche, ein Glas Riesling und dann ins Bett. Sie war todmüde und sehnte sich nach Schlaf.

Wie unaufmerksam sie bei der Sache war, erwies sich nach wenigen Kilometern, als sie an einer Kreuzung auf einen Wegweiser stieß. Sie war unterwegs in Richtung Limburg! Von dem mehrmaligen Wenden hatte sie sich verwirren lassen. Als sich am rechten Straßenrand im Schatten der Baumstämme eine Lücke auftat, überlegte sie nicht lange und stoppte den Wagen. Sie schlug das Lenkrad ein und setzte den Fiesta rückwärts in einen Waldweg. Mit zu viel Schwung, wie sich beim Anfahren herausstelle. Der Motor heulte auf. Die Räder drehten durch. Der Wagen saß fest.

Verflixt! Fluchend durchwühlte sie die Holzkiste auf dem Rücksitz, bis sie die Taschenlampe zu fassen bekam. Beim Aussteigen zeigte sich die Bescherung: Beide Hinterräder steckten in einem Graben, der sich quer über den Weg zog. Eigentlich war es gar kein Weg, wie ein Schwenken des Lichtkegels verriet: Ein Halbkreis aus jungen Buchen umschloss die winzige Lichtung, vor den Stämmen wucherten Gestrüpp und Brombeeren. Die Scheinwerfer leuchteten aufwärts über die Fahrbahn hinweg und zeigten auf die Baumkronen gegenüber. Drei weitere Versuche bestätigten: Ohne Hilfe bekäme sie den Wagen nicht frei.

Sie stellte den Motor aus, löschte das Licht mit dem leisen Bedauern, kein ADAC-Mitglied zu sein, und trat, mit der Taschenlampe bewaffnet, dem Verkehr entgegen. Nachdem der vierte Wagen ungebremst an ihr vorbeigerauscht war, stellte sie sich dem nächsten frech in den Weg. Sie winkte und wirbelte mit der Taschenlampe in dem Bewusstsein, dass ihr aschblonder Haarschopf der einzige helle Fleck in der Nacht war, trug sie doch dunkle Jeans und ein schwarzes Shirt und hatte auch nicht mit bleichen nackten Armen, sondern einer sonnengebräunten Haut aufzuwarten.

Ein flinker Sprung zur Seite rettete sie, als der Wagen mit einer Vollbremsung zum Stehen kam. Der Fahrer, der sich aus dem Fenster lehnte, wirkte nicht eben erfreut über diesen Überfall. Als sie ihm ihre Lage schilderte, schaltete er wortlos das Warnblinklicht ein und lenkte den Wagen an den Straßenrand. Dann stieg er aus und trat ins Scheinwerferlicht.

Oh, Norma, dachte sie ernüchtert. Welchen Prinzen hast du dir herangezaubert!

Die Jahre bei der Polizei hatten ihre Instinkte geschärft. Dass dieser Mann kaum als Musterschwiegersohn durchgehen würde, bedurfte allerdings keiner geschulten Menschenkenntnis. Er hatte etwas Heimlichtuerisches an sich, und seine offensichtliche Nervosität hätte die Frage aufgeworfen, ob der Wagen gestohlen sein mochte, falls irgendjemand einen uralten BMW stehlen wollte. Die Motorhaube war zerbeult, und bei einem Scheinwerfer brannte nur das Standlicht. Bei näherer Betrachtung konnte selbst in dunkler Nacht die Frage aufkommen, womit der Gutachter des TÜV bestochen worden war. Oder bedroht?, überlegte sie mit stillem Spott. Ein Mann mit der Statur ihres potenziellen Retters besaß eine gewisse Überzeugungskraft. Er war, wie sie erkannte, als er ihr nun entgegen trat, kaum größer als sie mit ihren 1,75 m, aber kräftig und untersetzt und bewegte sich so geschmeidig wie ein geübter Sportler. Die Art, wie er die Arme leicht abspreizte, ließ darauf schließen, dass er einen Kampfsport betrieb. Und er wirkte nicht wie der Typ, der sich mit strikt geregeltem Judo begnügte.

Du hast es so gewollt, Norma Tann!

Sie blickte ihm entgegen, begegnete seinem abschätzigen Blick, mit dem er ihr wortlos die Taschenlampe aus der Hand nahm. Er richtete den Lichtkegel auf den Wagen; zu ihrer Verblüffung mit einem leisen Lachen.

»Ich hatte mit einem Totalschaden gerechnet. So irre, wie Sie auf der Straße herumgehüpft sind.«

Der warme Klang seiner Stimme vertrieb die Gespenster.

»Das Ergebnis einer Fehleinschätzung«, erklärte sie mit einem Lächeln. »Ich wollte hier wenden.«

»Haben Sie sich verfahren?«

»Ich suche meinen Mann. Ihnen ist nicht zufällig ein Fußgänger aufgefallen?«

Er bückte sich nach einem Stock, der unter einem Hinterreifen steckte, und ruckte daran herum. »Mir ist niemand begegnet außer einer Lebensmüden, die sich mir vor den Wagen warf! So, jetzt versuchen Sie es noch einmal.«

Er räumte einen Stein aus dem Weg, während sie den Wagen erneut startete und den ersten Gang einlegte. Im Rückspiegel erschien sein Rumpf wie ein Schattenriss und verdeckte die Hände, die er gegen die Scheibe presste. Ein Ruck, und der Wagen war frei. Sie wollte aussteigen, aber er bedeutete ihr durch ein Winken, gleich weiter zu fahren. So rief sie ihm nur einen Dank zu, bevor sie den Blinker setzte und in Richtung Wiesbaden abbog.

RÜD – WW und eine dreistellige Zahl, die sie ebenso wenig vergessen würde wie die Buchstaben des Kennzeichens für den Rheingau-Taunus-Kreis, Wiesbadens ländlichen Nachbarkreis. Seit sie ein Kind war, setzten sich Buchstaben- und Zahlenkombinationen ungefragt in ihrem Kopf fest, und Arthur, der sich kaum die eigene Telefonnummer merken konnte, neidete ihr dieses Talent.

3

Samstag, der 19. August

Norma träumte. Arthur verfolgte sie durch die Nacht. Er schleuderte eine riesenhafte Leuchte nach ihr und traf ihren Magen. Eine warme Last breitete sich auf ihrem Bauch aus, die nicht nachlassen wollte. Als sie erwachte, blickte sie geradewegs in runde Bernsteinaugen. Die schwarzen Pupillen hatten sich im Morgenlicht zu senkrechten Schlitzen zusammengezogen. Ein grollendes Knurren drang an ihr Ohr, und das Gewicht geriet ins Wanken, als ihr Besucher sich eine bequemere Lage suchte. Sie packte die Vorderpranken mit beiden Händen und schüttelte sie sanft: ein Begrüßungsritual, das ihn wie immer in Entzücken versetzte. Das Grollen schwoll an, und die ledrigen Sohlen stemmten sich gegen ihre Handflächen. Er hatte sich durch das Dachfenster eingeschlichen. Bei ihrer nächtlichen Heimkehr war sie von einer stickigen Schwüle empfangen worden und hatte im Vertrauen darauf, dass weitere Gewitterschauer ausbleiben würden, die Dachfenster aufgemacht und für Durchzug gesorgt. Nun schien die Sonne auf das Bett und überzog den Pelz des Kartäuserkaters mit einem blaugrauen Schimmer. Norma vergrub die Finger in seinem Fell und sah zum Radiowecker hinüber. Kurz nach sieben. Sie schloss die Augen und wollte, bevor sie aufstand, noch eine Viertelstunde dem genüsslichen Schnurren lauschen und den aufgeregten Morgengrüßen der wilden Papageien, die gerne in den Platanen übernachteten. Die Vögel vertrugen das milde Klima am Rhein so gut, dass mehrere 100 Exemplare verschiedener Großsittich- und Papageienarten Wiesbadens Parkanlagen bevölkerten, hatte Norma von ihrer tierlieben Vermieterin erfahren. Die grünen Halsbandsittiche bildeten die größte Population.

Das Klingeln des Telefons mischte sich in das Kreischen der Vögel. So zeitig? Das musste Arthur sein! Ein weiterer Punkt in der Liste seiner schlechten Angewohnheiten. An diesem Morgen war ihr der Anruf willkommen. Der Streit in der Nacht hätte nicht sein müssen, jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Im sanften Morgenlicht und mit dem schnurrenden Kater auf den Knien erschien es ihr, als hätte sie völlig überzogen reagiert.

»Entschuldige, Poldi!«

Sie hob den Kater hoch, der sich widerspenstig in die Bettdecke krallte. Norma beförderte ihren Gast ans Fußende, bückte sich gähnend und tastete auf dem Teppich nach dem Telefon, bis sie es unter dem Bett entdeckte.

»Arthur! Guten Morgen!«

»Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss«, lautete die Antwort.

Bruno. Dass er schon am frühen Morgen so angespannt klang! Er nimmt sich zu viel auf einmal vor, dachte sie mitfühlend. Seit Agnieszka ihn verlassen hatte, vergrub er sich in Arbeit. Die junge Polin war seine zweite Frau. Auch die erste Ehe war schief gegangen. Und nun kam auch noch der Ärger mit Moritz Fischer dazu.

Sie lächelte aufmunternd, als stünde er ihr gegenüber. »Hallo, Bruno! Es ist nur … ich hatte gestern Abend Krach mit Arthur.«

»Wann habt ihr keinen Streit? Du nimmst zu wenig Rücksicht auf ihn, Norma!«

Als sie ihn fragte, ob er Arthur in der Nacht abgeholt habe, zeigte er sich verwundert. Er habe seinen Freund nirgendwo hingefahren, entgegnete er. Sie hätten auch nicht miteinander telefoniert, fügte er unwirsch hinzu und kam auf den Grund seines Anrufs zu sprechen. Ob sie ihren Dienst eine Stunde früher antreten könnte? Für diesen Samstag, den vorletzten Tag der Weinwoche, sei mehr als gewöhnlich vorzubereiten.

Er rechnete demnach mit einem guten Geschäft. Norma vergrub die Zehenspitzen im Pelz des Katers, der sich unwillig mit dem Fußende begnügte. Eigentlich wollte sie sich mit dem Yogabuch beschäftigen und vor der Fahrt in die Stadt die ersten Übungen ausprobieren. Die Geschmeidigkeit der Katzen faszinierte sie von jeher, und mit Leopolds täglichem Beispiel vor Augen fand sie es an der Zeit, mehr für die eigene Beweglichkeit zu tun. Außerdem sollte Yoga viel Größeres bewirken, als die körperliche Fitness zu verbessern. Das versprach jedenfalls das Buch.

Bruno wartete auf eine Antwort. Er könne sich selbst nicht um den Stand kümmern, erklärte er ungeduldig.

Nach vergeblichen Bemühungen in den vergangenen Jahren hatte Bruno bei diesem Weinfest endlich den Sprung in die Riege jener prominenten Bürger geschafft, die auf dem Weinstand des ›Wiesbadener Kuriers‹ Getränke ausschenkten. Die Einnahmen kamen der Organisation ›Ihnen leuchtet ein Licht‹ zugute, die das Geld unter bedürftigen Wiesbadener Bürgern verteilte. Norma dachte an den Menschenstrom, den zwei Tage zuvor der Auftritt des hessischen Ministerpräsidenten herangelockt hatte. Eine gute Stunde seiner Zeit stellte der Landesherr für den guten Zweck zur Verfügung. Den Trubel hatte Norma von ihrem Arbeitsplatz aus ebenso gut beobachten können wie den Einsatz der uniformierten und zivilen Polizeibeamten, die auffällig und unauffällig für die erforderliche Sicherheit sorgen sollten.

Norma wackelte mit den Zehen, um Leopold zum Spielen zu animieren. Er ging sofort darauf ein und holte zu einem sanften Hieb mit der Tatze aus. Leopold war ein zärtlicher Kater.

»So ein Pech, dass du am Donnerstag nicht eingeladen warst.«

Bruno prustete ins Telefon. Er lege überhaupt keinen Wert auf einen Ministerpräsidenten an seiner Seite, log er, und zählte die Namen der Personen auf, die seiner Gruppe zugeteilt waren; darunter eine Redakteurin vom Zweiten Fernsehen, ein Sportreporter und zwei Schauspieler des Staatstheaters.

»Was ist jetzt? Kann ich auf dich zählen?«

Die Yogaübungen mussten warten. Sie versprach, pünktlich zu sein.

»Sag mal, Bruno«, fügte sie vorsichtig an, »Arthur hat mir gestern erzählt … Autsch!«

Ein stechender Schmerz im Knöcheln ließ sie mitten im Satz stocken. Das Kopfkissen packen und gegen den Kater schleudern, war eine Bewegung. Leopold floh fauchend auf den Schrank. Norma betrachtete den blutenden Streifen, der sich vom großen Zeh bis zum Knöchel zog. Sie hatte Leopold unterschätzt. Sogar in dem behäbigen Kartäuser schlummerte ein Raubtier.

»Was ist los?«

»Nur der Kater.«

»Nimm eine Tablette!«

Norma lachte. »Dieser Kater kommt nicht vom Wein. Er stieg durch das Fenster.«

»Du hast eine Katze?«

»Nein, nicht ich, meine Vermieterin.«

»Was wolltest du mir über Arthur erzählen?«

»Lass uns später darüber reden. Bis nachher!«

Norma wollte sich um ihren Fuß kümmern. Auf dem Bettlaken zeigten sich die ersten Blutflecken. Leopold hockte mit angezogenen Pranken auf dem Schrank und schmollte. Auf dem Weg ins Bad fühlte sie sich von seinen Blicken verfolgt. Als sie wieder herauskam, erwartete er sie auf der Schwelle.

Sie bückte sich zu ihm herab. »Frieden?«

Er maunzte, was sie als Einverständnis deutete. Das Frühstück nahmen sie gemeinsam in der Küche ein. Sie hielt immer sein Lieblingsfutter bereit; das einzige Fleisch, das ihr als Vegetarierin in den Kühlschrank kam. Sie hatte mit 15 Jahren beschlossen, keine Tiere mehr zu essen, und damit die Mutter vor den Kopf gestoßen, die nicht akzeptieren wollte, dass die eigene Tochter den auf dem Hof produzierten Schweinebraten verschmähte. Ihr Bruder Folke, der den Betrieb gemeinsam mit der Mutter führte, zeigte ebenso wenig Verständnis.

Während Leopold seinen Napf ausschleckte, als hätte er seit Tagen gehungert – ein deutlicher Widerspruch zu seiner Linie – wollte sie Arthur anrufen, bekam über jeden Anschluss aber nur seine gespeicherte Stimme zu hören.

Das Rasierwasser fiel ihr ein. Von einer Kundin hatte er es bestimmt nicht bekommen. Deren Geschenke, die ihm hin und wieder aufgedrängt wurden, versenkte er gewöhnlich in den hintersten Schubladen seines Aktenschranks. Hatte er eine neue Liebe? Die Vorstellung weckte ihre Eifersucht; ein verschwendetes Gefühl, war sie doch diejenige gewesen, die die Trennung gewollt und herbeigeführt hatte.

Finde dich damit ab. Du bist gegangen. Und er ist dir keine Rechenschaft schuldig. In den vergangenen Wochen hatten sie oft tagelang nichts von einander gehört.

Es gab keinen Grund, sich Gedanken zu machen.

4

Lutz Tann achtete auf seinen Atem, der am Ende der Laufstrecke ins Stocken geraten wollte, und umrundete im stetigen Schrittmaß die Mulde, die wie ein angedeutetes Amphitheater in die Wiese gegraben war. Danach hielt er in gerader Linie auf das weiße Tempelchen am Ende der Lichtung zu. Erst als er die Stufe hinaufgesprungen war, erlaubte er sich anzuhalten. Nach Luft schnappend, stützte er sich gegen eine Säule und schaute, solange er mithilfe des freien Arms den Oberschenkel dehnte, auf die Stadt hinunter, die sich unterhalb des Nerobergs ausbreitete: ein Mosaik aus Dächern, Straßenzügen und Kirchtürmen und hineingetupft das Grün der Gärten und Parkanlagen. Er wechselte die Seite und dehnte die Muskeln des anderen Beins, ohne den Blick von der Aussicht zu lassen. Das Gewitter der vergangenen Nacht hatte die Luft gewaschen. Er genoss den Ausblick wie eine Belohnung für die Anstrengungen nach der langen Runde durch den Rabengrund. Ein Schlenker hatte ihn an der Leichtweishöhle vorbeigeführt, in der zum Ende des 18. Jahrhunderts der des Wilderns beschuldigte Wiesbadener Bäcker Heinrich Anton Leichtweis gehaust haben soll. Der Streifen der Biebricher Allee, auf den Seiten von Bäumen gesäumt, deren Kronen aus der Ferne zu grünen Bändern verschmolzen, lenkte seinen Blick auf den im Sonnenlicht silbrig schimmernden Lauf des Rheins und darüber hinaus auf das sich hinter dem Strom ausbreitende Häusermeer der Stadt Mainz, Wiesbadens ebenso ungeliebte wie unentbehrliche Nachbarin.

Sein Atem hatte sich beruhigt. Das Herz pumpte wieder stark und gleichmäßig im Ruhewert. Er war topfit, kein Zweifel, und würde so manchem Jüngeren davonlaufen, trotz seiner 59 Jahre. Bislang noch 59. Die 60 näherte sich unaufhaltsam. Obwohl er sich damit tröstete, das sei nur eine Zahl, mehr nicht, es zählte das gefühlte Alter, das bei ihm höchstens Mitte 40 betrug, nicht das Alter auf dem Papier: 60 blieb 60. Im kommenden Monat, Ende September, stand ihm der Tag der Tage bevor. Er hatte keine Lust auf eine Feier, aber was blieb ihm anderes übrig bei seinen Verpflichtungen? Ludwig Wilhelm Tanns 60.Geburtstag würde ein rauschendes Fest werden!

Er zog das Stirnband vom Kopf und genoss den Luftzug, der den Schweiß trocknete, als er sich vom Monopteros abwandte und über die Wiese hinüber zur Bahnstation schlenderte. Der sonnige Samstagvormittag lockte die ersten Besucher hinauf auf Wiesbadens Hausberg, und wer den kurzen Anstieg scheute, konnte sich von der Nerobergbahn bequem hinaufbringen lassen. Der gelbe Waggon kroch Lutz entgegen, als er den Pfad ins Nerotal hinunterstieg. Vorn auf der Plattform stand ein junger Mann mit einem Kind an der Hand. Der blonde Junge winkte vergnügt und ließ ihn an Arthur denken, als dieser ein Schulkind war. Merkwürdig, wie oft er sich in der letzten Zeit auf dessen Kindheit besann. Er führte die unglücklichen Erinnerungen auf den Geburtstag zurück. Diese vertrackten 60, die ihm schonungslos klar machten, wie rasant die Zeit gegen ihn arbeitete. Dass sie sich niemals umkehren ließ. Nichts von all dem Versäumten wäre gutzumachen. Arthurs Kindheit gehörte zu diesen verlorenen Zeiten. War er jemals mit seinem Sohn mit der Nerobergbahn gefahren? Hatte ihm, wie jeder gute Vater, den Mechanismus dieser Museumsbahn erklärt? Die beiden Waggons zogen sich gegenseitig den Berg hinauf. Das erforderliche Gegengewicht lieferte ein Wassertank unterhalb des Wagens. An der Talstation wurde der Ballast abgelassen; eine Mechanik, die jeden Jungen faszinieren musste. Auch den kleinen Arthur? Er konnte sich an keine Fahrt mit seinem Sohn erinnern. Nur ein Versäumnis von vielen anderen.

Während er den Kehren ins Tal folgte, strömten die Entschuldigungen auf ihn ein, die er sich im Lauf der Jahre zurechtgelegt hatte. Argumente, die so schal schmeckten wie abgestandenes Bier. Dass er viel zu jung Vater geworden sei, gerade 19 Jahre alt und hungrig auf das Leben. Ende der 60er-Jahre galt es in den Kreisen seiner Eltern noch als Schande, ein uneheliches Kind in die Welt zu setzen, und weder er selbst, noch die glücklose junge Frau hatten den Mut, sich den Forderungen der Eltern zu verweigern. So wurde geheiratet, und das junge Paar zog in die Villa der Familie Tann. Später nahm er sich jeden Freiraum, widmete sich der Lehre im Verlag seines Onkels, später dem Studium, während die junge Frau, unter der strengen Obhut der Schwiegereltern, nur für das Kind leben durfte. Eine stille Frau, die ihm immer fremd blieb. Sie war keine Jugendliebe; einfach nur ein Mädchen, auf das er sich aus Neugierde einmal zu oft eingelassen hatte. Nach wenigen Jahren wurde sie krank, welkte dahin wie eine Pflanze ohne Licht. Als hätte sie sich aufgegeben. Obwohl sie vor drei Jahrzehnten gestorben war, gelang es ihr in letzter Zeit immer öfter, sich in seine Gedanken zu drängen. Als wollte sie als Tote nachholen, was ihr als Lebende nicht vergönnt war: einen Platz in seinem Leben zu erobern. Arthur dagegen war es inzwischen gelungen, diesen Platz einzunehmen. Oder, überlegte Lutz selbstkritisch, war es nicht eher so, dass er sich als Vater diesen Raum in Arthurs Leben erkämpft hatte? Reichlich spät. So war es auch keine übliche Vater-Sohn-Beziehung; eher ein Verhältnis zwischen sich respektierenden Freunden.

Gegen trübsinnige Grübeleien half am besten Bewegung. So setzte er sich wieder in Trab, sobald er die Straße erreicht hatte, und lief unter dem Viadukt hindurch in die angrenzenden Nerotalanlagen. Er wich einer Gruppe Stöcke schwingender Nordic Walkerinnen aus, umrundete in gedrosseltem Tempo einen Schäferhund samt Herren und trabte, statt nach links zu schwenken und in die Lanzstraße einzubiegen, die ihn zu seinem Haus führen würde, weiter geradeaus und inmitten des Parks entlang bis in die Taunusstraße. Eine väterliche Sehnsucht nach Arthur hatte ihn gepackt; ein ungewohntes Gefühl, dem er umgehend nachgehen wollte.

Gewöhnlich war sein Sohn samstags zeitig in seinem Laden, der nun um kurz vor 11 Uhr seit einer Stunde geöffnet war. Doch nur Josef Brunner trat Lutz entgegen. Die hünenhafte Gestalt hielt er wie immer ein wenig vorgebeugt, als wäre so viel körperliche Präsenz einem Kunst- und Antiquitätenhandel unangemessen. Josefs sonst meist zufriedene Miene wirkte angespannt. Trotzdem begrüßte er den Besucher mit freundlicher Zurückhaltung.

»Ist Arthur bei einem Kunden?«

Das wüsste er selbst gern, erwiderte Josef Brunner. Er sei nur zufällig im Laden, weil er seine Tasche vergessen habe. Eigentlich habe er seinen freien Tag. Anstatt seinen Besorgungen nachzugehen, telefoniere er seit einer Stunde hinter Arthur her. Bislang ohne Erfolg.

So besorgt hatte Lutz den Geschäftspartner seines Sohnes niemals erlebt. »Darf Arthur sich nicht einmal verspäten?«

Josef Brunner schüttelte den Kopf. »Das passt nicht zu ihm. Er hätte mich angerufen. Arthur lässt den Laden nicht im Stich. Du kennst ihn doch!«

Eine Floskel, die Lutz zu denken gab. Was wusste er wirklich über seinen Sohn? Er fragte nach der Studentin, die ab und zu im Laden aushalf. Vielleicht hatte Arthur mit dem Mädchen gerechnet.

Josef Brunner widersprach. »Simone hat einen Job auf dem Weinfest. Sie arbeitet jedes Jahr am Stand ihres Onkels.«

Die Rheingauer Weinwoche ging in die letzte Runde. Nur noch zwei Tage, was Lutz sehr bedauerte. Wie in jedem Jahr hatte er das Weinfest dazu genutzt, seine Kontakte zu pflegen, und sich jeden Abend mit Freunden, Autoren und Geschäftspartnern bei verschiedenen Winzern getroffen und neben den hervorragenden Weinen auch das wunderbare Sommerwetter genossen. Seinetwegen hätte das Fest noch andauern können.

Während sie gemeinsam erwogen, was Arthur aufgehalten haben könnte, schlug die Türglocke an. Eine junge Frau betrat den Laden: Diane Fischer, die Ehefrau des erfolgsverwöhnten Architekten Moritz Fischer. Lutz kannte Moritz, seit er mit Arthur in eine Schulklasse ging, und begegnete dem Ehepaar Fischer hin und wieder bei privaten Einladungen und öffentlichen Veranstaltungen. Das letzte Treffen hatte in der ›Villa Stella‹ stattgefunden, erinnerte er sich nur allzu gut. Zwei Wochen lag das zurück. Die Fischers hatten anlässlich der abgeschlossenen Renovierung ihrer Bauhausvilla eine Reihe von Leuten eingeladen, die sie für bedeutend genug hielten, und auch Lutz Tann auf die Gästeliste gesetzt. Ob er die Einladung seiner Eigenschaft als Wiesbadener Verleger zu verdanken hatte, oder der Tatsache, mit der Galeristin Undine Abendstern liiert zu sein, wollte er nicht abwägen. Die Fischers hatten eines oder zwei Gemälde bei Undine gekauft. An jenem Abend hatte er die Blicke kaum von Diane lassen können. Undine verfügte über genügend Stil, um mit der Szene zu warten, bis sie im Wagen saßen. Seine altbackenen Argumente, sie könne sich die grundlose Eifersucht sparen, Diane Fischer sei eine verheiratete Frau und außerdem viel zu jung für ihn, falls er sich für sie interessieren würde, was er selbstverständlich nicht täte, diese und andere Ausflüchte hatte sie mit dem Einwand weggewischt, Diane Fischer sei für gar nichts zu jung und bestimmt nicht die Frau, die sich von einem Seitensprung abhalten ließe. Er war schließlich zu Fuß in seine Wohnung gegangen, und Undine hatte sich erst nach Tagen beruhigt. Er kannte diese Ausbrüche; sie gefiel sich in der Rolle der Tobsüchtigen und pflegte ihre ungerechtfertigten Angriffe. Haltlos deswegen, weil sie von seinen Affären, die er selbstverständlich immer wieder hatte, nichts wissen konnte. Er war diskret.

Diane Fischer eilte ihnen entgegen. Sie fragte nach Arthur. Lutz erwiderte ihr Lächeln mit gemischten Gefühlen. Er fand sie beunruhigend fraulich und anziehend, und zugleich wirkte sie auf ihn wie ein trotziges Kind. Der Blick ihrer Mandelaugen machte ihn mit jeder Begegnung nervöser. Josef Brunner schien gegen diesen Angriff tiefgründiger Weiblichkeit immun zu sein. Nein, er habe keine Erklärung, wo Arthur sich aufhalte, erklärte er ungerührt.

Diane Fischer schob die Unterlippe vor. »Ich verstehe das nicht. Wir waren verabredet. Arthur hat mir ein paar Bücher versprochen.«

Wie viele Leute mochte Arthur an diesem Morgen versetzt haben? Josef legte die hohe Stirn in Falten. Lutz verabschiedete sich mit der Ankündigung, später noch einmal vorbeizukommen, und verließ das Geschäft. Er ging entlang der Taunusstraße zurück zum Neropark und bog dort nach halber Strecke zu seiner Wohnung ab. Nach dem Tod der Eltern war er wieder in die ›Villa Tann‹ gezogen. Das Haus thronte hoch über der Straße und war nur über eine steile Treppe zu erreichen. Auf der unteren Stufe wackelte eine Steinplatte unter seinem Tritt. Er musste sie dringend befestigen lassen. Lutz seufzte unwillkürlich. Ständig war an der Villa etwas zu überarbeiten. Erst im vergangenen Jahr hatte er die Heizung rundum erneuern lassen. Die 100-jährige Stadtvilla war ein Fass ohne Boden. So sehr er das Haus auch liebte, manchmal wünschte er sich, in einem profanen Neubau zu leben. Aber ein Verkauf kam nicht in Frage. In nicht allzu ferner Zeit würde die Villa seinem einzigen Sohn Arthur gehören, und Arthur müsste für das Erbe der Familie aufkommen wie andere Söhne zuvor.

Mit diesem tröstlichen Gedanken stieg er die Treppe hinauf.

5

Das hochsommerliche Wetter und die Gewissheit, dass die Rheingauer Weinwoche an diesem Samstag in ihren vorletzten Tag ging, ließ die Wiesbadener Bürger und Besucher aus der Umgebung zum neuen Rathaus strömen. Familien und Freunde drängten sich zwischen den Buden, die sich dicht an dicht vom alten Rathaus und entlang des Landtags bis zur Marktkirche zogen, deren rote Backsteinmauern in der Morgensonne wie Kupfer glänzten. Wer an den langen Tischen einen Platz ergattern konnte, gab ihn so bald nicht wieder auf. Hinter dem Rathaus bot der freie Platz des Dernschen Geländes den Verkaufsbuden mehr Raum. Doch auch hier waren bereits die meisten Tische und Bänke besetzt. Das Weinfest galt als beliebter Anlass zu einem Treffen mit Verwandten und Bekannten ebenso wie mit Geschäftspartnern und Kollegen, und man ließ sich den Riesling schon am Vormittag schmecken.

Gegen halb 12 machte man sich in allen Ständen, die Snacks und warme Mahlzeiten anboten, auf den bevorstehenden Mittagsansturm gefasst. Gabi hatte aus der Küche des ›Räuber Leichtweis‹ einen Tagesvorrat an Handkäs und grüner Soße samt der Kartoffeln heranschaffen lassen und zeigte den beiden Studentinnen, wie die Portionen zu verteilen waren, während Norma schon einmal Teller und Besteck bereitstellte. Der Fußboden in Brunos Verkaufswagen lag um drei Tritte erhöht, und so bot sich Norma, wenn sie von ihrer Arbeit aufsah, über die Köpfe der Besucher hinweg ein freier Blick auf den Stand des ›Wiesbadener Kuriers‹ vor den Stufen der breiten Rathaustreppe. Unter den zwei Damen und vier Herren, die zu dieser Stunde im Einsatz waren, hatte sie einen Bundestagsabgeordneten und einen Wiesbadener Galeristen erkannt. Bruno blieben nur noch wenige Minuten, bis sein karitativer Dienst begann. Am frühen Morgen hatte er sich am eigenen Stand blicken lassen und war, wie an den anderen Tagen auch, im Handumdrehen verschwunden, um im ›Parkhof‹ nach dem Rechten zu sehen.

Norma bückte sich nach einer Gabel. Als sie sich wieder aufrichtete, entdeckte sie Bruno auf der Rathaustreppe. Langsam stieg er die Stufen hinunter: Ein behäbig und schwerfällig wirkender Mann, dessen flinke Beweglichkeit man leicht unterschätzte. Am Stand kam es zu einem Gedränge, bis Bruno und seine Kollegen und Kolleginnen auf Zeit die Plätze eingenommen hatten. Die Studentinnen diskutierten tuschelnd, ob die Fernsehredakteurin so attraktiv war wie auf dem Bildschirm.

Bruno lächelte matt und winkte den Menschen ringsherum linkisch zu. Bereits am Morgen war er Norma auffallend unruhig vorgekommen. Nun zeigten seine runden, sonst rötlichen Wangen eine ungewöhnliche Blässe. Unablässig fuhr er sich mit einem Taschentuch über den Nacken. Die Einladung des ›Kuriers‹ erfüllte ihn mit Genugtuung; darin war sich Norma sicher. Aber seine Nervosität ließ sich damit nicht erklären. Etwas anderes musste ihm zu schaffen machen. Fischers Verrat vielleicht?

Für den Architekten wurde es höchste Zeit, seinen Dienst anzutreten. Endlich entdeckte Norma in der Menge die schlanke Gestalt mit den hellen aufgebürsteten Haaren und einem jungenhaften Lächeln. Moritz Fischer eilte dicht an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken – oder bemerken zu wollen – und bahnte sich, unermüdlich um Entschuldigung bittend, gegen den Besucherstrom einen Weg zum Prominentenstand. Dort wurde er von einer Dame hineingebeten. Sie schien von ihrem Gast entzückt. Moritz Fischer war es in den vergangenen Wochen, vor allem dank der ›Villa Stella‹, öfter denn je gelungen, sich ins Gespräch zu bringen. Eilfertig verteilte er Küsschen unter den Damen und reichte den Männern die Hand. Bruno blickte auf seine Finger, als hätte er sich am Herd verbrannt, und würdigte den Architekten danach keines Blickes.

Normas Beobachtungen wurden von einem jungen Paar unterbrochen. Sie nahm die Bestellung auf und richtete zwei Portionen Kartoffeln mit grüner Soße an. Kaum hatte sie die Teller weitergereicht, wurde sie von einem adrett frisierten Lockenkopf angesprochen.

»Hallo, Norma. Wie gehts denn so?«, säuselte Diane Fischer.

Norma durfte sicher sein, an ihrem Wohlergehen war niemand weniger interessiert als Diane. Es musste ihr ein diebisches Vergnügen bereiten, Norma in Brunos Bude schuften zu sehen. Man konnte nicht sagen, dass die elegante Frau nicht arbeiten wollte. Sie war außerordentlich fleißig. Allerdings, wie sie niemals zu betonen vergaß, ausschließlich im schöpferischen Bereich und vorzugsweise im Architekturbüro ihres Mannes Moritz. Für ihre Entwürfe hatte sie zahlreiche Preise erhalten. In die Tat umgesetzt worden war bisher kaum eine der anspruchsvollen Ideen.

»Weißt du, wo Arthur steckt?«, folgte auch sogleich die Frage Nummer zwei.

An deren Beantwortung schien Diane tatsächlich gelegen. Ihre schwarzen Mandelaugen blickten erwartungsvoll. Diese exotischen Augen und das mädchenhafte Gehabe, das Diane mit Anfang 30 zur Perfektion ausgefeilt hatte, gefiel nicht nur Moritz. Auch Bruno war Diane überaus zugetan, ohne damit auch nur eine Spur Ärger aus Fischer herauszukitzeln. In Bruno sah Fischer, der mit seiner Eifersucht gewöhnlich nicht hinter dem Berg hielt, keine Konkurrenz. Auch vor Arthur musste er sich nicht vorsehen. Keinesfalls aus mangelnder Attraktivität, sondern weil Arthur sich von einer Kindfrau wie Diane nicht um den Finger wickeln ließ. Das Mädchengetue gehe ihm gehörig auf die Nerven, behauptete er standhaft.

Diane kräuselte missmutig die Stupsnase. »Weißt du, wo Arthur steckt? Wir hatten uns um 11 Uhr im Laden verabredet. Aber er war nicht da.«

Sie wolle sich einige Bildbände ausleihen, die sie auf innovative Gestaltungsideen bringen sollten, fügte sie mit bedeutungsvoller Miene hinzu.

Norma häufelte einen Schlag dampfender Kartoffeln auf einen Teller. »Vielleicht führt er ein innovatives Kundengespräch.«

Diane musterte die Kartoffeln abschätzig. »Trotzdem könnte er sein Handy anstellen! Das steht sonst immer auf Empfang. Seit gestern Nacht kann ich ihn nicht erreichen.«

Die Bücher schienen ihr sehr am Herzen zu liegen!

Norma versicherte, keine Ahnung zu haben, wo Arthur sich herumtreiben mochte. Sie hatte nicht die Absicht, von dem Streit zu erzählen. Diane wartete unschlüssig ab und schaute zum Kurierstand hinüber, hinter dessen Tresen ihr Mann Moritz eine Weinflasche nach der anderen entkorkte und vor guter Laune zu bersten schien, während Bruno sich untätig in eine Ecke drückte und still vor sich hin schwitzte.

»Bruno mutiert zielstrebig zum fettsüchtigen Grizzly«, murmelte Diane ganz und gar unmädchenhaft. »Wer ist der Mann im Anzug? Sollte man den kennen?«

Der Anzugträger war kurz nach Moritz Fischer eingetroffen. Norma wusste von Gabi, um wen es sich handelte. Sie griff nach einem Putztuch und wischte einen Spritzer Soße vom Tresen. »Das ist ein Vertreter der Stadt Görlitz. Du weißt sicher, dass Görlitz eine Wiesbadener Partnerstadt ist? Die Stadt will bei uns für ihr Altstadtfest werben.«

»Ach so«, murmelte Diane, bereits von der eigenen Frage gelangweilt, und hob die Hand, um mit den Fingerspitzen Moritz zu winken, der seine Frau entdeckt hatte und ihr eine überschwängliche Kusshand zuwarf.

Affig, dachte Norma. Alle beide.

Die jüngere der Studentinnen, der die Unternehmungslust aus den Augen blitzte, mischte sich in das Gespräch. »Ich kenne Görlitz und das Altstadtfest! Das ist ein tolles Event! Alle verkleiden sich mittelalterlich. Irre Kostüme und so! Bringt jede Menge Spaß. Hört ihr das?«

In das Stimmengewirr rings herum, in das Klappern der Teller und Klirren der Gläser mischten sich ein schneller Trommelschlag und die Rufe einer kräftigen Männerstimme. Norma reckte den Hals und spähte zur Marktstraße hinüber. Vom alten Rathaus her näherte sich eine bunte Gesellschaft. Vorneweg schritt ein Mann in grüner Robe, eine Erscheinung, die in Norma die Assoziation ›stattlich‹ weckte. Er bat die Zuschauer mit volltönender Stimme, der Görlitzer Bürgerschar Auge und Ohr zu schenken. Wer das Mittelalter erleben wollte, sollte zum Altstadtfest nach Görlitz reisen, forderte er die Umstehenden auf. Der Junge neben ihm, in einen groben Leinenanzug gekleidet, schwenkte mit konzentriertem Gesicht eine Standarte, auf der ein Adler und ein Löwe abgebildet waren. Dahinter folgte eine muntere Gesellschaft von Mönchen, Mägden, Kaufleuten und anderen robust gekleideten Männern und Frauen. Die Trommler erhöhten die Takte, und dazu erklang eine fröhliche Melodie, von einem blonden Mädchen auf der Querflöte gespielt. Die Weinfestbesucher begannen im Takt der Trommeln zu klatschen und gaben den Weg frei. Diane drückte sich naserümpfend an den Tresen, als ein als Gaukler verkleideter Görlitzer ihr mit einem anzüglichen Grinsen zu nahe rückte.

Angeführt von dem stattlichen Sprecher und dem schmächtigen Standartenträger, näherte sich der Zug dem Aufgang zum Rathaus und drängte sich an den Prominentenstand heran, um den Abgesandten der Heimatstadt zu begrüßen. Brunos rastlose Blicke strichen über die bunte Schar, als suche er jemanden. Von dem Trubel unbeeindruckt, plauderte Moritz Fischer mit der Frau vom Fernsehen. Vertraulich steckten sie die Köpfe zusammen. Die Frau lachte laut. Norma hielt vergeblich nach Diane Ausschau. Fischers Ehefrau hatte ihren Platz verlassen und war nirgends zu entdecken. Als Norma wieder zum Kurierstand blickte, fiel ihr einer der Mönche auf, der aus der Gruppe ausgeschert war und sich von der Seite an den Stand herandrängte. Wie seine Ordensbrüder trug auch er eine dunkelbraune Kutte, die übergroß geschnitten war. Der Saum reichte bis zu den Knöcheln und gab den Blick auf die nackten Füße in Sandalen frei. Die Arme waren bis zu den Fingerspitzen bedeckt, und die Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er näherte sich Fischer und der Redakteurin und sprach sie an. Die Frau beugte sich mit einem fragenden Lächeln zu ihm hinunter. Fischer schaute ungehalten ob der Störung. Der Mönch winkelte den rechten Arm an, und wie auf ein verabredetes Zeichen griff Fischer sich an die Brust. Auf seinem Gesicht malte sich ein ungläubiges Staunen aus. Er riss den Mund weit auf, ein stummer Schrei. Unter der Hand breitete sich ein Fleck aus. Das Hemd färbte sich blutrot. Ein taumelnder Schritt zurück, ein Wanken, und Fischer krachte rücklings gegen das Weinregal. Flaschen polterten zu Boden, Gläser klirrten, und die Redakteurin öffnete den Mund und begann zu schreien.

Fischer sackte in sich zusammen und entglitt Normas Blickfeld.

6

Norma hatte keinen Schuss gehört. Aber Fischers Zusammenbruch konnte nichts anderes sein als die Folge eines Schusses. Aus einer Faustfeuerwaffe. Mit Schalldämpfer. Da war vor ihren Augen ein Attentat verübt worden! Selbst als Polizistin hatte sie ein solches Verbrechen nicht aus unmittelbarer Nähe erleben müssen. Die Zeit schien wie eingefroren. Jede Einzelheit, jedes winzige Detail wurde überdeutlich. Sie sah auf die Redakteurin, deren Mund weit offen stand in fassungslosem Entsetzen. Hörte ihr grelles Schreien. Beobachtete Bruno, wie er sich das blasse Gesicht rieb. Schaute auf die anderen Personen im Stand, die sich in die Ecke stürzten, in die Fischer gefallen war, oder ratlos verharrten. Der Görlitzer Abgesandte hatte noch gar nichts begriffen und beugte sich zu seinen verkleideten Bürgern hinüber, bis er auf einmal spürte, dass etwas passiert war, und sich verunsichert umwandte. Und ihre Blicke suchten nach dem Täter! Sie entdeckte die drei, dann vier Mönche zwischen den Umstehenden, unter denen sich allmählich ein Gedanke ausbreitete. Aus ihrer Mitte heraus war etwas Grauenhaftes geschehen.

Aufgeregte Stimmen wurden laut. Man rief nach der Polizei.

»Ein Arzt!«, brüllte eine Frau mit sich überschlagender Stimme. »Schnell ein Arzt!«

Es war die Betreuerin der Prominenten. Was für ein Albtraum, die Arme, ging es Norma durch den Kopf, während sie hastig nach dem übrigen Mönch Ausschau hielt. Endlich entdeckte sie die in braunes Tuch gehüllte Gestalt beim Marktbrunnen. Der Mörder drängte sich zwischen die Besucher, die von dem Attentat nichts ahnten.

»Es war der Mönch!«, brüllte Norma, so laut sie konnte. »Haltet den Mönch!«

Sofort stürzten sich einige Männer auf die Mönche in der Gruppe, und es entstand ein heilloser Tumult. Norma hastete an der verdatterten Gabi vorbei und sprang auf das Pflaster. Sie lief, das Schimpfen der angerempelten Passanten ignorierend, auf den Brunnen zu und hetzte am alten Rathaus vorbei und in die Marktstraße hinein. Wohin mochte der Mörder fliehen?

In der Gasse herrschte kaum weniger Geschiebe als auf dem Festplatz. Der übliche Betrieb an einem Samstagvormittag. Was für eine Kaltblütigkeit, vor aller Augen einen Mordanschlag zu begehen und dann in einem so auffälligen Kostüm in die Menge einzutauchen!

»War da ein Mönch?«, rief sie den Passanten zu. »Haben Sie einen Mönch gesehen?«

Ratlose, mürrische und gleichgültige Mienen blieben ihr die Antwort schuldig, bis ein Junge die Straße hinauf zeigte. »Er ist da lang!«

In der Ferne waren die Polizeisirenen zu hören.

Im Laufen zog sie das Telefon aus der Hosentasche, drückte den Notruf. »Hier Norma Tann, Ex-Kollegin. Es geht um den Anschlag vor dem Rathaus. Er flieht in Richtung Stadtmitte. Ich verfolge ihn!«

Außer Atem beschrieb sie die Verkleidung.

»Überlass das den Kollegen!«, antwortete eine Männerstimme, die ihr vertraut vorkam. »Der Mann ist bewaffnet! Halte dich da raus, Norma …«

Norma beendete die Verbindung und folgte weiter der Marktstraße, die in die Langgasse, die Haupteinkaufsstraße, mündete. Auf der Kreuzung hatte eine Gruppe afrikanischer Musiker ihr Publikum herbeigetrommelt. Norma zwängte sich zwischen den Zuschauern hindurch, von denen niemand einen Mönch bemerkt haben wollte. Auf gut Glück rannte sie geradeaus weiter und fragte sich durch, bis sie einen neuen Hinweis erhielt.

Eine alte Frau wies mit ausgestrecktem Arm auf einen Hauseingang: »Da iss als einer nei, der wie ein Mönch ausgeschaut hat! Hab noch gedacht, so ein Mann Gottes, der muss auch zum Arzt.«

Norma dankte ihr und stürzte zur Haustür. Die Schilder an der Fassade wiesen auf mehrere Arztpraxen hin. Die Tür ließ sich aufdrücken und führte in ein restauriertes Treppenhaus. Rauf oder runter? Norma entschied sich für die Stufen nach unten und stieß draußen auf einen Hintereingang. Vom Hof aus gelangte man über einen Durchgang in eine verlassene Gasse. Norma hielt zu beiden Seiten Ausschau. In der schmalen Straße lagen keine Läden, die Fußgänger herbeigelockt hätten. Kein Mensch war zu entdecken. Der Mönch war außer Sicht, falls er überhaupt hierher geflohen war. Norma rang nach Luft. Mit ihrer Kondition stand es wirklich nicht zum Besten. Dazu gesellten sich heftige Seitenstiche. Sie blieb stehen und presste die Hand gegen den Bauch, bis die Stiche nachließen. Enttäuscht kehrte sie in den Innenhof zurück. Neben dem Tor befand sich ein Holzschuppen. Vorsichtig zog Norma die Tür auf. Im Schuppen entdeckte sie mehrere Fahrräder. Dahinter türmte sich Gerümpel zwischen einer Reihe von Mülltonnen. Norma riss die Deckel auf. In einer Tonne lag obenauf ein schwarzer Plastiksack, den sie mit spitzen Fingern herauszog. Der Kerl hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Kostüm besser zu verstecken.

Sie wählte wieder den Notruf und beschrieb so gut es ging, wo sie sich befand.

»Bist du in der Hochstättenstraße?«, fragte der Mann an der Zentrale, ein früherer Kollege.

Der Straßenname war ihr nicht eingefallen. Sie bestätigte ihn und fragte hastig nach Moritz Fischer. »War der Notarzt rechtzeitig da? Wird Fischer durchkommen?«

»Dem Opfer konnte kein Arzt mehr helfen«, lautete die lakonische Antwort. »Der Mann ist tot.«

7

Sonntag, der 20. August

Moritz Fischer starb durch ein Projektil des Kalibers 9 mm. Das Geschoss habe sein Herz durchdrungen, hieß es am Sonntagmorgen in den Radionachrichten. Polizei und Stadtverwaltung hätten in Erwägung gezogen, die Rheingauer Weinwoche vorzeitig zu beenden, sich aber nach kontroversen Beratungen dagegen entschieden, berichtete ein Reporter des Hessischen Rundfunks. Spezialisten der Polizei seien zu dem Schluss gekommen, dass man es nicht mit einem Amokläufer zu tun habe. Man rechne nicht mit einer weiteren Tat, wurde erklärt, ohne diese Annahme zu begründen. Die Menschen der Stadt stünden unter Schock, meldete der Journalist mit belegter Stimme.

Trotzdem war das Weinfest an seinem letzten Tag gut besucht; ein Umstand, der Gabi erstaunte, Norma nicht wunderte. Der Tatort eines Mordes übt eine makabere Anziehungskraft aus. Und so wurde der in weitem Abstand abgeschirmte Prominentenstand seit Stunden von Neugierigen umlagert. Viele Besucher brachten Blumen mit, und zur Mittagszeit bedeckte ein Blütenteppich die Stufen vor dem Rathaus.

Gabis Mitleid galt der jungen Witwe. Sie drängte Norma, ihr mehr über Diane zu erzählen. »Du kennst sie doch! Wie mag sie den Tod ihres Mannes verkraften? Hat sie ihn sehr geliebt?«

Ungeachtet ihrer 50 Lebensjahre, von denen sie die meiste Zeit als Bedienung in Kneipen und Restaurants verbracht hatte, schien Gabi wie ein Kind an die heile Welt und die Beständigkeit der Liebe zu glauben. Norma konnte sich nicht vorstellen, dass Diane Fischer außer der eigenen Person ein anderes Wesen als ihr Hündchen, eine kurzatmige Pekinesenhündin, lieben könnte. Moritz Fischer war nicht weniger selbstverliebt. Seine Eifersucht entsprang nach Normas Einschätzung einem reinen Besitzdenken, und er mochte seiner Frau kaum die kleine Cleo gönnen, an der Diane mit einer Affenliebe hing. Diese Meinung behielt Norma für sich. Sie wollte dem Paar nichts Böses nachsagen und Gabi damit verleiten, diesen Klatsch in der Weinstube unter die Leute zu bringen.

Der Polizei gegenüber war Offenheit gefordert. Unmittelbar nach den Ereignissen hatte Norma nur kurz mit ihren ehemaligen Kollegen gesprochen. Am frühen Sonntagnachmittag kam es zu einem ausführlichen Gespräch. Dirk Wolfert und Luigi Milano suchten Norma auf dem Weinfest auf. Ganz und gar in dienstlicher Mission lehnten sie ihre Einladung zu Kartoffeln mit grüner Soße ab und verschmähten selbst ein Glas Wein. Milano wollte lieber einen Espresso, den Norma nicht anzubieten hatte. Sie bat Gabi um eine Pause und begleitete die Kriminalbeamten die wenigen Schritte hinüber zum ›Havanna‹, das dem neuen Rathaus gegenüberlag. Draußen vor dem Eingang waren alle Plätze besetzt, aber drinnen bot das Lokal, eine urige Mischung aus Bar und Café, genügend Auswahl an freien Tischen. Milano strebte am Tresen vorbei in den hinteren Bereich, in dem sie ungestört reden konnten. Er ließ sich auf einem Stuhl nieder, der sich unter der korpulenten Gestalt in ein Kindermöbel verwandelte. Der dünne Wolfert setzte sich seinem Kollegen gegenüber und bedeutete Norma mit einer Handbewegung, zwischen beiden Männern Platz zu nehmen.

Sie warteten schweigend, bis die Bedienung die Bestellung aufgenommen hatte. Für einen Augenblick rief Norma sich Wolfert und Milano als jene jungen Polizisten in Erinnerung, die kurz nach ihr den Dienst angetreten hatten und damals mit Feuereifer bei der Sache waren. Ein spektakulärer Mord wie dieser hätte ihr Jagdfieber explosionsartig entfacht. Nun wirkten beide eher gelangweilt, wenn nicht sogar abgebrüht. Doch Norma war sich bewusst, dass beider Fähigkeiten als Ermittler darunter nicht leiden mussten. Erfahrung und Routine glichen das Quantum Arbeitseifer aus, das den Männern mittlerweile abhanden gekommen sein mochte.

Milano stützte seine fleischigen Ellenbogen auf die Tischplatte und nickte ihr auffordernd zu. »Also, Norma, wiederhole noch einmal, was du gestern beobachtet hast!«

Kollege Wolfert blätterte unterdessen in seinem Notizbuch. Bei dem Gespräch am Tag zuvor hatte er ihre Aussage mitgeschrieben. Norma wollte ihnen die Arbeit erleichtern und schilderte die Einzelheiten mit akribischer Genauigkeit. Über den mordenden Mönch selbst konnte sie nur vage Angaben machen. Über Nacht waren ihr keine weiteren Einzelheiten eingefallen. Milano und Wolfert wirkten enttäuscht, weil sie mit dem Mönch nicht weiterkamen, ließen Norma aber trotzdem an ihrem derzeitigen Erkenntnisstand teilhaben. Danach war inzwischen immerhin auszuschließen, dass der Mönch zur Görlitzer Gruppe gehört. Das Mönchskostüm war aus einem Raum im Rathaus gestohlen worden, den man der Gruppe zum Umziehen zur Verfügung gestellt hatte. Ob der Diebstahl in der Nacht von Freitag auf Samstag oder erst am Vormittag stattgefunden hatte, stand noch nicht fest. Unbestritten schien, am Samstagmorgen war es dort wie im Taubenschlag zugegangen.

»Könnte Moritz Fischer ein zufälliges Opfer sein?«, fragte Norma.

Milano hob ratlos die Schultern. »Das wissen wir noch nicht. Falls der Mörder es gezielt auf ihn abgesehen hatte, brauchte er die Dienstzeiten der Prominenten nur im Internet nachzulesen. Das war kein Geheimnis.«

Ein junger Mann trug ein Tablett heran. Er stellte je eine Tasse Kaffee, Espresso und Milchkaffee auf den Tisch und wandte sich mit einem Lächeln ab.

Milano schob Norma den Milchkaffee zu. »Du sagtest, du kanntest Moritz Fischer.«

Norma griff nach der Tasse. »Wir standen uns nicht nahe, falls du das meinst, Luigi. Fischer ist ein Schulfreund meines Mannes. Ab und zu haben wir uns privat mit Fischer und seiner Frau Diane getroffen. In den vergangenen Jahren hat Arthur mit Fischer geschäftlich eng zusammengearbeitet.«

Wolfert zückte den Bleistift. »Wie sah diese Zusammenarbeit aus?«

Norma hatte die Wohnung ohne Frühstück verlassen und seitdem nichts zu sich genommen. Ihr Magen war wie zugeschnürt. Vorsichtig nippte sie an der Tasse. »Arthur und Fischer haben dieselbe wohlhabende Klientel: Fischer renoviert die Villen, und Arthur stattet sie mit alten Möbeln und Gemälden aus.«

Wolfert beugte sich vor und fixierte Norma durch seine dicken runden Brillengläser. »Wieso sprichst du von Fischer? Wieso nennst du ihn nicht Moritz?«

Norma nahm einen zweiten Schluck Milchkaffee. Noch revoltierte ihr Magen nicht. »Man soll Toten nichts nachsagen. Aber ich konnte ihn nicht leiden. Fischer klingt distanzierter.«

Milano grinste. »Hatte er weitere Feinde außer dir?«

Er besaß die schwarzen Augen seiner italienischen Eltern, war aber, wie Norma wusste, ein echter Wissbader Bub.

Norma begegnete seinem Blick. »Wenn alle, die mir unsympathisch sind, meine Feinde wären … Fischer war ein Egoist. Arrogant und immer auf seinen Vorteil bedacht. Ich hatte wenig mit ihm zu tun, und Arthur wusste ihn zu nehmen.«

»Und die anderen Geschäftspartner?«, fragte Wolfert. Hinter den Gläsern verschwammen seine wasserblauen Augen. »Wie wusste zum Beispiel Bruno Taschenmacher seinen Freund Fischer zu nehmen?«

Norma blickte zu einem benachbarten Tisch hinüber, an dem ein junges Paar Platz genommen hatte. Beide hielten sich an den Händen und flüsterten verliebt.

Norma konzentrierte sich auf das Gespräch. »Fischer besaß alles, was auch Bruno wollte: Anerkennung, Macht, Einfluss, reiche Freunde und eine Frau, mit der er sich bei gesellschaftlichen Anlässen blicken lassen konnte. Bruno ist seit Kurzem wieder allein. Seine Frau hat ihn verlassen.«

Agnieszka war nach wenigen Ehejahren in ihre polnische Heimat zurückgekehrt. Aus Heimweh, behauptete Bruno.

Norma zögerte. »Eines kam mir immer seltsam vor.«

»Und das wäre?«, fragte Milano, während er eine halbe Tüte Zucker in seinen Espresso schüttete.

»Nun, Bruno ist ein impulsiver Mensch«, erklärte sie, ihre Gedanken ordnend. »Gefühlsbetont. Ein bisschen sentimental sogar.«

»Du meinst, er ist einer, der im Kino heult?« Milano rührte in der Tasse und lachte glucksend.

Wolfert schickte ihm einen missbilligenden Blick.

Norma setzte zu einer ausführlichen Erklärung an. »Was ich meine, ist: Bruno hat niemals Anzeichen von Neid gezeigt, was verständlich wäre. Fischer kommt aus einem reichen Elternhaus, ebenso wie Arthur. Sie bewegen sich auf vertrautem Terrain. Bruno musste sich nach oben kämpfen. Fischer hat er angebetet. Nicht ganz so sehr, wie er Arthur vergöttert. Beide Freunde, vor allem aber Fischer, haben sich Bruno gegenüber oft niederträchtig verhalten. Aber Bruno ist der Typ, der alles in sich hineinfrisst und nach außen die gute Miene macht.«

Eine rundliche Frau eilte auf ihren Tisch zu. Am Stand sei der Teufel los, erklärte Gabi außer Atem. Sie komme sofort, versprach Norma, und Gabi zog wieder los.

»Einen Moment noch, Norma«, bat Wolfert. »Taschenmacher und Fischer schmieden große Pläne mit der ›Villa Stella‹, heißt es.«

Milano kippte den Espresso in einem Zug hinunter. »Gemeinsam mit deinem Mann! Noch seid ihr nicht geschieden, stimmts? Was weißt du über das ›Marcel B.‹?«

Was ihre Ehe betraf, schienen die ehemaligen Kollegen besser informiert als über Fischers Verrat an Bruno und dessen Vorhaben, das geplante Restaurant ausgerechnet Brunos härtestem Konkurrenten zu überlassen. Sie durfte nicht ausschließen, dass gar nichts dran war und Arthur auf ein Gerücht vertraut hatte.

»Darüber redet ihr am besten mit Arthur.«

Milano nickte bedächtig. »Das werden wir. Heute noch. Seine Wohnung liegt in der Taunusstraße?«

Norma diktierte Wolfert die Hausnummer und Telefonnummern von Geschäft, Wohnung und Mobiltelefon ins Notizbuch.

Norma wollte aufstehen, aber Milano hielt sie zurück. »Eins noch: Was kannst du uns über die Beziehung zwischen Fischer und seiner Frau Diane erzählen?«

Sie hatte bereits ausgesagt, dass sie Diane während des Anschlags nirgends gesehen habe. Aber den Mord konnte Diane nicht begangen haben.

»Diane könnt ihr vergessen«, erklärte Norma. »Sie hätte vielleicht ein Motiv. Ihre Ehe war zeitweilig ein Desaster. Fischer konnte vor Eifersucht rasend werden, und sie hat ihm jede Menge Anlässe dafür geliefert. Aber geschossen hat sie nicht.«

»Die Füße unter der Kutte.« Wolfert seufzte resigniert. Diese Spur lief ins Leere. »Sie gehörten zu einem Mann. Bist du dir in dem Punkt sicher?«

Norma nickte bestätigend. »Es steckten Männerfüße in den Sandalen, ganz bestimmt.«

Milano wollte den Verdacht ungern aufgeben. »Diane Fischer kann einen Komplizen haben, einen zu allem bereiten Liebhaber. Weißt du etwas über eine aktuelle Affäre?«

»Keine Ahnung«, erklärte Norma ehrlich und stand auf. Sie musste los, Gabi wartete. Wolfert und Milano erhoben sich ebenfalls. Als sie nacheinander am Tisch des jungen Pärchens vorbei gingen, blickte das Mädchen verträumt auf. Norma erwiderte das Lächeln mit einer Spur Wehmut. Am Tresen zahlte jeder sein Getränk.

»Hoffentlich bringt uns die Waffe auf eine Spur«, bemerkte Milano im Gehen. »Vorausgesetzt, die Pistole wurde bereits für ein Verbrechen benutzt. Dann könnten wir mit einem Projektilvergleich weiterkommen.«

Draußen drängten sich die Besucher des Weinfestes.

Norma ließ eine Frau mit Kinderwagen vorbei. »Das macht mir zu schaffen. Ein kaltblütiger Killer läuft frei herum.«

»Eiskalt, du sagst es!« Milano betrachtete sie mit düsterer Miene, die ihm gut stand. Er bekam etwas Melancholisches, wenn er auf die Scherze und Grimassen verzichtete. »Ist alles ausgelöscht, was du in deinem Beruf gelernt hast? Einen bewaffneten Täter allein zu verfolgen, das war sträflicher Leichtsinn!«

Norma schnaufte ärgerlich. »Immerhin habe ich euch die Mönchskutte geliefert!«

»Und was, wenn du den Kerl beim Umziehen erwischt hättest?«, mischte sich Wolfert ein.

»Das ist allein meine Sache. Ich muss mein Verhalten nicht vor euch rechtfertigen.«

»Schade, dass du nicht mehr im Team bist, Norma.«

Ausgerechnet Wolfert sagte das. Sie waren mehrmals aneinander geraten. Meistens wegen unterschiedlicher Auslegungen der Gesetzeslage. Wolfert war ein Pedant, und Norma hatte manche Bestimmungen zugunsten der Betroffenen gern großzügiger ausgelegt. Wobei die Betroffenen sowohl Opfer als auch Täter sein konnten.

»Ich habe nie kapiert, warum gerade du die Polizei verlassen hast«, fügte er hinzu.

Sein Bedauern klang aufrichtig und stimmte sie versöhnlich. Bevor sie antworten konnte, schob sich eine Gruppe junger Leute vor beide Männer, und als der Blick wieder frei war, hatten sich die Polizisten abgewandt. Norma blickte ihnen nach, dem massigen Milano in seinem wiegenden Gang und dem dürren Wolfert, bevor sie sich aufmachte, um ihren Platz im Stand für die letzten Stunden einzunehmen.

Ade, grüne Soße! Ab morgen war sie wieder die Private Ermittlerin Norma Tann.

Ihr neues freies Leben.

8

Montag, der 21. August

Norma begann den Tag mit Schreibtischarbeit. Ihr Büro war einst ein Blumenladen, und die ursprüngliche Nutzung verrieten der erdbraune Fliesenbelag und die Schaufensterfront. Der Raum lag im Erdgeschoss eines uralten Hauses, unter dessen Dach sie seit einem Vierteljahr wohnte. Das Büro war ein Glücksfall, ebenso wie die Dachwohnung so nahe am Rhein. Eine größere Wohnung hätte sie sich nicht leisten können, aber sie war keinen Kompromiss eingegangen, sondern fühlte sich ausgesprochen wohl darin. Es gab nur zwei weitere Bewohner: Die Vermietern Eva Vogtländer, eine pragmatische Lehrerin, die ihre Wochenenden und einen Teil der Ferien bei ihrem Freund in Köln verbrachte, und den Kartäuserkater. Zum einen fand Eva es schick, eine Privatdetektivin zu beherbergen. Doch in erster Linie hatte Norma es Leopold zu verdanken, dass Eva das Risiko unregelmäßiger Mieteinnahmen einging. Bei der ersten Besichtigung hatte sich der Kater schnurrend an Normas Waden geschmiegt, und ihr Versprechen, ihn mit Futter und Aufmerksamkeit zu versorgen, wenn Eva in Köln war, gab den Ausschlag.

So war Norma hinunter an den Rhein nach Biebrich gezogen. Ihr gefiel dieser lebendige Stadtteil Wiesbadens. Sein Ursprung als unabhängige Kleinstadt ließ sich noch deutlich am Ortskern ablesen. Bescheidene Bürgerhäuser umsäumten einen weitläufigen Park aus dem frühen 18. Jahrhundert. Das Schloss darin glänzte mit einer vollendeten Symmetrie. In den folgenden Jahrhunderten siedelte sich am Rheinufer in Richtung Amöneburg die Industrie an, und es entstanden Straßenzüge mit Mietshäusern, deren Bewohner heute für eine bunte Mischung verschiedener Nationalitäten und Kulturen sorgten. Wenn Norma vom Schreibtisch aufsah, fiel ihr Blick auf die Menschen, die das Schaufenster passierten, um ihren Besorgungen nachzugehen oder durch den Schlosspark oder entlang des Rheinufers zu spazieren.

An diesem Vormittag blickte Norma sehr oft von ihrer Arbeit auf. Sie konnte sich nur schwer auf den Bericht konzentrieren, der ebenso langweilig war wie das Vergehen des Ehemannes, der in Wirklichkeit als einsamer Wolf durch die Wiesbadener Kneipen gezogen war, anstatt sich, wie seine Frau vermutete, mit einer Geliebten zu vergnügen. Norma hatte ihre Auftraggeberin über die Unschuld des Gatten unterrichtet, bevor sie den Job auf dem Weinfest antrat. Die Zweifel der Frau waren so leicht nicht zu beheben. Sie verlangte ein lückenloses Protokoll, und so tippte Norma ihre Aufzeichnungen sorgfältig in eine Tabelle. Zwischendurch versuchte sie mehrmals, ihre Mutter anzurufen, die nach der Stallarbeit gewöhnlich in die Küche ging, um das Mittagessen vorzubereiten. Beim dritten Versuch nahm die Mutter ab.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte Norma.

»Wenn du dich monatelang nicht meldest, brauchst du heute auch nicht anzurufen!«

Norma widerstand dem Impuls, umgehend aufzulegen. »Wie geht es dir?«

»Wie solls schon gehen? Bei der Arbeit!«

»Und Folke?«

Sonst kam das Gespräch leicht in Gang, wenn Norma nach ihrem Bruder fragte. Aber nun gelang ihr damit ein Stich ins Wespennest.

»Seine Freundin hat Schluss gemacht! Heutzutage will doch keine mehr einen Bauern heiraten!«

Es folgte ein Rundumschlag gegen die modernen jungen Frauen. Norma hörte wortlos zu und nahm sich vor, anschließend in die Wohnung hinaufzugehen und sich endlich den ersten Yogaübungen zu widmen. Dabei würde sie hoffentlich die Ablenkung finden, die sie dringend brauchte. Die Totenposition hatte sie schon vor dem Aufstehen im Bett ausprobiert. Der Name gefiel ihr nicht.

Sie hatte das Gespräch kaum beendet, als ein Schatten am Fenster sie hochfahren ließ. Doch es war nur ein Junge, der sich nach einem neugierigen Blick davonstahl. Die dunkle Kapuze hatte sie erschreckt. Das Bild des Mönchs verfolgte sie. Dass sie ihn nicht näher beschreiben konnte, quälte sie. Was konnte sie über den Täter sagen? Um die 1,75 m, höchstens 1,80 m groß. Ein Mann, mit höchster Wahrscheinlichkeit, erkennbar an der Art, sich zu bewegen; abgesehen von den nackten Füßen, die ihn flink vorangetragen hatten. Rechtshänder. Zwei Eigenschaften, die er mit unzähligen Männern gemeinsam hatte. Unter anderem mit Arthur.

Norma speicherte die Datei und schenkte sich einen Tee ein. Während sie an der Tasse nippte, rief sie sich die Proportionen des Mönchs ins Gedächtnis. Der breite Rücken, den er ihr zugewandt hatte, als er sich an den Prominentenstand herandrängte. An diesem Detail ihrer Erinnerung störte etwas. Dem kompakten Umfang zum Trotz, war die Person mit einer dynamischen Energie geflüchtet, die man einem korpulenten Menschen nicht zutraute. Eine Fehleinschätzung? Schon möglich, wenn man sich Bruno Taschenmacher zum Beispiel nahm, der behäbig wie ein Bär wirken mochte, sich aber ebenso wie Meister Petz verblüffend geschmeidig bewegen konnte. Doch Bruno hatte – für jedermann sichtbar – nahe beim Opfer gestanden. Abgesehen davon war Bruno der Letzte, dem sie einen Mord zutraute.

War der Täter ein sportlicher Dicker? Oder hatte er sich aufgepolstert, um die Augenzeugen zu verwirren? Norma dachte an die Schutzwesten der Polizei, die reichlich auftrugen. Soweit sie wusste, hatte man im Schuppen nichts anderes Verdächtiges gefunden als jenes Mönchskostüm. Er musste das Polster am Körper behalten haben. Ein Mann, der an einem warmen Tag in einer gepolsterten Weste oder mit einer Jacke bekleidet durch die Fußgängerzone ging, könnte den Passanten aufgefallen sein. Wie auch immer, sie war bestimmt nicht als Einzige auf diesen Gedanken gekommen, und vermutlich gingen die ehemaligen Kollegen dieser Spur bereits nach.

Sie wollte sich wieder dem unschuldigen Ehemann zuwenden, als jemand an das Fenster klopfte und gleich darauf die Tür öffnete. Leopold nutzte die Gelegenheit und stolzierte dem Besucher voran. Norma stand auf, um ihren Gast zu begrüßen. Ludwig Wilhelm Tann, genannt Lutz und ihr Noch-Schwiegervater, erschien hin und wieder auf einen kurzen Besuch in ihrem Büro, wenn er nicht seine übliche Strecke durch den Rabengrund trabte, sondern dem Rheinufer folgte. An diesem Morgen trug er allerdings kein Lauftrikot.

Ob sie endlich etwas von Arthur gehört habe, wollte er wissen und schaute Leopold hinterher, der seinen stämmigen Körper mit einem mühelosen Satz auf das Regal katapultierte, um dort seinen bevorzugten Ausguck einzunehmen.

Sie habe mehrmals versucht, Arthur anzurufen, gab Norma zur Antwort. Leider vergeblich.

Lutz strich sich durch die kurzen stahlgrauen Haare. »Die Polizei will ihn dringend wegen Moritz Fischer sprechen. Und sie sind nicht die Einzigen, die etwas von ihm wollen. Am Samstagvormittag tauchte sogar Diane Fischer im Laden auf und fragte nach Arthur.«

Norma nickte. »Diane war deswegen auch bei mir am Stand. Kurz, bevor diese schreckliche Sache geschah.«

»Sie wird doch nicht mit angesehen haben, wie ihr Mann …« Er brach mitten im Satz ab.

»Nein, Diane war schon gegangen. Den Mord hat sie nicht beobachtet.«

Er betrachtete sie forschend. »Du machst dir genauso Sorgen um Arthur, nicht wahr, Norma?«

Ihr eigenes Lächeln erschien ihr unsicher. »Lass uns ein Stück gehen.«

Norma schaltete das Telefon auf ihren mobilen Anschluss um. Leopold zeigte wenig Lust, seinen Wachposten zu verlassen. Wenn er so missbilligend fauchte, ließ man ihn besser auf seinem Platz. Lutz folgte ihr nach draußen. Mit wenigen Schritten hatten sie die Rheingaustraße erreicht. Sie nutzten eine Lücke im Verkehr und standen gleich darauf vor dem Anleger der Fähre, die zu einer Badeinsel übersetzte. Auf einer Mauer saß eine Frau, eine lebensgroße Plastik. Mit roten Sandalen, einer roten Tasche unter dem Arm, schaute sie auf den Strom hinaus. Auf den zweiten Blick wunderte sich der Betrachter über die blaue Krone und die rote Nase. Norma wusste, Lutz mochte die ›Froschkönigin‹. An diesem Morgen jedoch ging er achtlos an ihr vorüber.

Der regenarme Sommer hielt den Wasserspiegel niedrig. Der Rhein floss mit einer trügerischen Trägheit dahin, die den Kindern zum Verhängnis werden konnte, die eine Rampe am Ufer nutzten und sich bis zu den Oberschenkeln ins graubraune Wasser trauten. Keiner der Erwachsenen, die sich auf der Promenade aufhielten, kümmerte sich um die Kinder und deren gewagtes Spiel. Der Rhein war berüchtigt für seine tückischen Strömungen. Den sichersten Ort zum Schwimmen bot der Badestrand auf der Rettbergsaue gegenüber. Norma mochte den Rhein und liebte den Rheingau, aber vom Ufer aus. Sie war eine leidliche Schwimmerin, badete aber selten zum Vergnügen. Ihre Abneigung gegen Wassersport hatte sie in lebhaften Diskussionen gegenüber Lutz verteidigen müssen, der ein ebenso leidenschaftlicher Schwimmer wie hervorragender Streiter und um kein Thema verlegen war. Norma liebte diese Auseinandersetzungen; ein fairer Wettstreit der Argumente, den beide genossen. Beim Anblick der spielenden Kinder waren sie sich einig. Allerdings überließ er es ihr, den jungen Wasserfreunden die Gefahr zu erklären. Murrend machten sich die Kinder davon.

»Einmal Polizistin, immer Polizistin?«, fragte Lutz mit einem angedeuteten Lächeln.

»Vielleicht. Wollen wir uns setzen?«

Sie deutete auf eine Bank im Schatten einer Platane. Lutz nahm neben ihr Platz. Norma sah auf den Fluss hinaus. Ein Frachter kämpfte sich gegen den Strom voran. Der Bug schnitt tief in die Wellen hinein. Wie von Geisterhand gelenkt, so erschien ihr das Schiff. Kein Mensch war an Bord zu entdecken.

Lutz räusperte sich. »Hast du von Arthurs Reise gewusst? Ihr wart doch am Freitagabend zusammen. Habt ihr nicht über seine Pläne gesprochen?«

Sie hatte Lutz erzählt, dass sie mit Arthur nach Limburg gefahren sei, aber den Streit nicht erwähnt. Er ging davon aus, sein Sohn sei wohlbehalten in der Taunusstraße aus dem Auto gestiegen. Sie kam sich schäbig vor. Eine Lügnerin. Doch die Wahrheit würde Lutz zusätzlich beunruhigen.

Die Tür vom Steuerhaus wurde aufgestoßen. Ein Mann trat auf das Deck hinaus. Norma hatte den Eindruck, er würde unmittelbar zu ihr herübersehen.

Sie wandte sich Lutz zu. »Davon hat Arthur mir nichts gesagt. Wohin wollte er?«

Das wusste auch Lutz nicht. Josef hatte ihm nur erzählt, dass Arthur demnächst für zwei Wochen fort wollte. Mehr war auch Josef nicht bekannt. »Vielleicht ist er früher gefahren. Ganz spontan!«

Norma nickte zustimmend. »Eine Art Ausbruch aus dem Leben. Warum denn nicht?«

Lutz war anzumerken, dass ihm diese Erklärung willkommen war. Aber die Zweifel blieben. »Dieser Mord an Moritz Fischer. Befürchtest du, auch Arthur könnte … etwas zugestoßen sein? Womöglich haben sich beide auf ein gefährliches Geschäft eingelassen.«

»Fischer ist zu allerlei Bösartigkeiten fähig. Bruno hat er offenbar hinterrücks hereingelegt.«

Lutz hörte mit steigender Besorgnis zu, als sie erzählte, was sie von Arthur über den Wechsel im Restaurant erfahren hatte. »Nehmen wir an, Fischer plante auch eine Gemeinheit gegen Arthur. Mein Gott, das hieße im Umkehrschluss, Arthur könnte Fischer getötet haben, um dessen Plänen vorzubeugen. Er wurde zum Mörder, um sich zu schützen, und ist danach untergetaucht.«

Er schien von seiner eigenen Schlussfolgerung bestürzt.

Norma widersprach ihm aufgebracht. »Das kannst du nicht glauben! Arthur ist kein Mörder!«

Er sprang auf. »Norma, ich weiß, der Verdacht ist haltlos. Aber die Polizei ist vielleicht auf genau diese Idee gekommen. Schließlich fahndet man schon nach Arthur!«

Norma legte ihm die Hand auf den Arm. »Beruhige dich, Lutz. Im Augenblick will man ihn nur aus einem Grund sprechen: um mehr Einzelheiten über Fischer zu erfahren. Setz dich wieder hin!«

Zögernd folgte er ihrer Bitte. »Es bleibt eine dritte Möglichkeit. Arthur könnte ebenfalls zum Opfer geworden sein. Das Opfer einer Entführung.«

Norma ließ sich Zeit mit der Antwort. »Glaubst du, darüber habe ich nicht nachgedacht? Bei allem Respekt: Arthur ist wohlhabend, aber nicht reich genug, um für professionelle Entführer interessant zu sein.«

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
251 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783839233344
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Telif hakkı:
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