Kitabı oku: «Die Baustile»

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Dr. Susanne Lücke-David promovierte in Kunstgeschichte, Archäologie und Musikwissenschaft. Danach arbeitete sie am Schleswig-Holsteinischen Landesamt für Denkmalpflege, später an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München. 1971/72 Lehrauftrag an der University of Toronto, Canada. Nach mehrjähriger Unterbrechung Rückkehr zu freiberuflicher Tätigkeit.

Zum Buch

Diese Europäische Baustilfibel gibt einen Überblick über die stilistische Entwicklung der Architektur Europas von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. In der großen Entfernung, aus der ein solcher Abriss nur möglich ist, fällt naturgemäß das Herausragende ins Auge, sei es dass es für sich ein Meisterwerk darstellt, sei es dass es wegweisend für die weitere Entwicklung geworden ist. Aus der historischen Distanz ist eine Verlagerung der Schwerpunkte von Land zu Land offensichtlich, aus welchen Gründen auch immer sie stattgefunden hat. So ist etwa Frankreich das Land der gotischen Kathedralen, Italien die Geburtsstätte der Renaissance, wo sie auch ihre Vollendung findet. Dort nimmt die barocke Baukunst ihren Anfang, die großen Meisterwerke des Spätbarock stehen jedoch in den Ländern nördlich der Alpen. Die reiche Bebilderung des Buches in Gestalt von Grundrissen, Fassadenrissen und Schnittperspektiven, ergänzt durch die Wiedergabe der charakteristischen Bauornamentik, veranschaulichen die jeweiligen Stilmerkmale.

Susanne Lücke-David

Die Baustile

Susanne Lücke-David

Die Baustile

Baukunst Europas von der Antike

bis zur Gegenwart


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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2013

Lektorat: Kai Große Dreimann, Bochum

Die Neuzeichnungen (siehe Seite 255) stammen von Theodor Schwarz, Urbach Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: dpa Picture Alliance GmbH, Frankfurt eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0323-6

www.marixverlag.de

Inhalt

Vorwort

Die Antike

Griechische Baukunst

Der griechische Tempel

Die dorische Ordnung

Die ionische Ordnung

Die korinthische Ordnung

Römische Baukunst

Frühchristliche Baukunst

4. Jahrhundert bis um 600

Die frühchristliche Basilika

Frühchristliche Zentralbauten

Karolingische Bauten

Um 750-1000

Romanik

Um 1000-1200

Gotik

Früh- und Hochgotik

Um 1150 bis um 1250

Spätgotik

Um 1250 bis um 1500

Backsteingotik

Renaissance

Frührenaissance in Italien (das Quattrocento)

Um 1420 bis um 1500

Hochrenaissance und Manierismus in Italien (das Cinquecento)

Um 1500 bis um 1600

Renaissance und Manierismus im Norden

Um 1520 bis um 1600

Das Ornament im Norden

Renaissance und Manierismus in Frankreich

Um 1520 bis um 1620

Barock

1600 bis 1760

Barock in Italien

Barock in Österreich

Manierismus und Barock in Deutschland

Spätbarock/Rokoko in Böhmen und Franken

Barock in Frankreich

Klassizismus

Um 1760–1810

Klassizismus und Revolutionsarchitektur in Frankreich

Klassizismus in Deutschland

Gothic Revival und Neugotik

Um 1750 bis um 1820

Historismus und Eklektizismus

Um 1860-1895

Jugendstil

Um 1890-1910

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Postmoderne

Dekonstruktivismus

Quellennachweis der Abbildungen

Vorwort

Der vorgegebene relativ knappe Umfang dieses Buches macht es erforderlich, die Baukunst – also die Summe der Bauwerke – aus sehr großem Abstand wahrzunehmen und zu schildern. Dieser Abstand wiederum hat zur Folge, dass nur die markantesten Züge sichtbar bleiben und Details in der extremen Verkleinerung unsichtbar werden. Markant könnte man ein Bauwerk nennen, wenn es entweder per se als Kunstwerk hervorragend ist, etwa die Basilica von Gaudì in Barcelona, oder wenn es entwicklungsgeschichtliche Bedeutung hat, wie zum Beispiel der Bau des Gesù in Rom.

Das Anliegen einer Stilfibel bedeutet auch insofern eine drastische Abstraktion, als es das ursprüngliche Erscheinungsbild eines Bauwerks in der Regel vernachlässigt. Der griechische Tempel war in Teilen farbig (in der Regel rot, blau und weiß), Kathedralen hatten ein farbiges Gewand: Die Wände waren mit Fresken oder Wirkteppichen „verhüllt“, Kapitelle und Basen farbig gefasst, im Barock wurde der Säulenschaft oft mit kostbaren Stoffen ummantelt. Das Anliegen einer Baustilfibel ist also ein ganz anderes, wenn man so will akademischeres.

Dass diese Stilfibel zugleich zu einem Abriss der europäischen Stilgeschichte geworden ist, verdankt sie zunächst schlicht der chronologischen Präsentation des Materials, dann aber, wie schon angedeutet, vor allem der notwendigen Konzentration auf Bauwerke, Baumeister und bestimmte geografische Bereiche, die für die weitere Entwicklung einzelner Strömungen von wesentlicher Bedeutung sind.

Wer sich mit „Stil“ befasst, sieht sich im Prinzip zwei Elementen gegenüber: einem konstanten einerseits und einer Vielzahl an variablen andererseits. Das konstante Element ist jeweils der Typus: So ist etwa eine Basilika zu allen Zeiten ein und dieselbe (ein erhöhtes Mittelschiff mit eigenem Lichtgaden und meist zwei, aber auch mehr Seitenschiffe). Das gilt für alle Zeiten, für die frühchristliche wie für die gotische oder die des Barock. Das Ornament dagegen ist die Variable und eigentlich das, an dem sich das, was wir „Stil“ nennen, am zuverlässigsten ablesen lässt. Relevante Aufschlüsse für eine Datierung gibt es allerdings nicht. Wir müssen immer mit Verzögerungen bei konservativen Baumeistern und Bauherrn rechnen, und auch in die Provinz gelangen manche Strömungen verspätet oder überhaupt nicht.

So wie das Ornament selbst Wandlungen unterliegt, so ist auch sein Verhältnis zur Bausubstanz variabel. Wir beobachten einerseits, zum Beispiel in der Renaissance, eine klare Abgrenzung beider zueinander, sodass sich das Ornament von seinem Träger (der Bausubstanz) trennen ließe, ohne dass der letztere Schaden nehmen würde, ein Ineinandergreifen bis hin zum Verschmelzen beider andererseits wie im Rokoko, als das Ornament zur Bausubstanz werden konnte.


1 Giebel verschiedener Epochen am Hauptplatz in Landsberg am Lech

Der Begriff des Ornaments hat verschiedene Aspekte. Der Architekt und Architekturtheoretiker der Frührenaissance Leon Battista Alberti bezeichnet die Säule als das „vornehmste Ornament“ und verzichtet dabei weitgehend auf übrigen Schmuck des Bauwerks, das für ihn erst dann vollkommen ist, wenn man nichts mehr weglassen kann. Damit unterscheiden sich seine Bauten augenfällig von denen des Barock, die viele Betrachter als „überladen“ empfinden.

In der Vergangenheit fanden in den organisch gewachsenen Städten Bauten verschiedenster Stile zueinander, und so kann der Spaziergang durch eine historische Altstadt zu einer anschaulichen Lehrstunde in Stilkunde werden. Die vorliegende Darstellung berücksichtigt jedoch nicht, dass bestimmte Bauwerke den Betrachter bzw. Begeher bewusst einbeziehen und sich diesem erst nach und nach durch den veränderten Blickwinkel ganz erschließen, wenn er sich bewegt und den Raum abschreitet, wie es im Barock der Fall ist. Sie enthält sich auch jeglicher Interpretation, wie etwa der der gotischen Kathedrale durch die Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, der von einem „Baldachin-Prinzip“ spricht, oder Hans Jantzen, für den das „diaphane Prinzip“ das Wesentliche erfasst – Stilmerkmale also, die sich nicht auf charakteristische Einzelformen beschränken, sondern diese in ihrem baulichen Kontext erfassen und interpretieren.

Die Beschäftigung mit dem Stil lässt auch Komponenten, die Architektur zum emotionalen Ereignis machen können, wie etwa die Farbe gotischer Glasfenster und das einfallende Licht, das im Barock eine so wesentliche Rolle spielt, außer Acht. Wer in einer abgelegenen Kirche in den Pyrenäen den dunklen Raum auf sich wirken lässt, dessen kleine Glasfenster wie von selbst in Rubinrot und Saphirblau erglühen, wird unter diesem Eindruck kaum als Erstes nach möglichen Wandgliederungen suchen, und wer den Innenraum der Kathedrale von Chartres im Blick gegen Westen von bläulichem diffusen Licht erfüllt erlebt, achtet nicht auf die Detailzeichnungen der Kapitelle.


2 Kölner Dom, Innenansicht. Stich von N. A. Leisnier, 1825

Nach diesem Bekenntnis dazu, was eine Stilfibel nicht will und kann, wenden wir uns also dem zu, was sie als ihr (dennoch) legitimes Vorhaben betrachtet.

Die Antike

Ohne die zum größten Teil nur in Ruinen erhaltenen Bauten der Griechen und Römer hätte es keine europäische Architektur in der Form gegeben, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten bis heute Gestalt angenommen hat.

Griechische Baukunst
Der griechische Tempel

Griechische Architektur ist für uns gleichbedeutend mit griechischem Tempelbau.

Der griechische Tempel war das Haus eines Gottes, der in Gestalt seines Kultbildes in der Cella anwesend war. Sterbliche hatten keinen Zutritt. Ihre Opfer brachten sie an einem vor dem Tempel stehenden Altar dar.

Er zeigt sich als ausgewogenes System von tragenden und getragenen Bauteilen. Die tragenden sind die Säulen, die sich in einzelnen Ordnungen zu erkennen geben: der dorischen, ionischen und korinthischen. Die getragenen Teile bestehen im Gebälk und dem abschließenden Dreiecksgiebel, wobei das Gebälk wiederum zu einem tragenden Teil wird.

Für fast zwei Jahrtausende war er, und zwar ausschließlich sein Außenbau, gleichsam der ideelle Steinbruch für jegliche europäische Baukunst. Seine Säulen, Kapitelle, Friese, Gesimse und Giebel wurden zu kanonischen Elementen von Sakral- und Profanarchitektur. Schließlich übernahmen ihn neuzeitliche Baumeister in ganzer Gestalt, von seinen Göttern entvölkert, und führten ihn anderen Bestimmungen zu. Kirchen, Museen und Börsen glichen nun einem Tempel des Zeus, der Athene, der Artemis.

Die dorische Ordnung


3 Dorischer Tempel mit einfachem Umgang (Peripteros). Nach A. Palladio

Der klassische dorische Tempel ist der Peripteros über rechteckigem Grundriss. Der Kern, die Cella, ist von einem Kranz frei stehender Säulen umgeben.


4 Dorischer Tempel, Front. Idealdarstellung

Auf einem meist dreigliedrigen Stufenbau (Krepis) über dem im Boden liegenden Unterbau stehen die Säulen, die einen steinernen Balken tragen, den Architrav, über dem ein Fries liegt. Der an einer der Stirnseiten gelegene Eingang der Cella fällt im Schatten der Vorhalle kaum ins Auge.

An den Schmalseiten erhebt sich über dem Fries der dreieckige Giebel, der das Satteldach abschließt.

Dieser Aufbau gilt auch für Tempel der ionischen und der korinthischen Ordnung (s.u.).


5 Dorische Säule. Idealdarstellung

Die dorische Säule hat keine Basis. Der sich nach oben verjüngende oder mit einer Schwellung (Entasis) versehene Schaft ist mit 18 bis 20 Kanneluren versehen. Er ist aus mehreren bossierten „Trommeln“ zusammengesetzt (ein technisch bedingtes Motiv, dem in neuzeitlicher Architektur meist ästhetische Bedeutung zukommt).


6 Dorisches Kapitell. Idealdarstellung

Das Kapitell, das über einem schmalen Einzug am Säulenhals ansetzt, ist ein einfaches rundes Kissen (Echinus) mit einer darüber liegenden rechteckigen Platte (Abakus).


7 Dorisches Gebälk und Giebel. Idealdarstellung

Über den Deckplatten der Kapitelle liegt der schmucklose Architrav, darüber ein Fries mit Triglyphen und Metopen, die häufig mit Reliefs geschmückt sind, und schließlich ein vorspringendes Gesims (Geison). Der dreieckige Giebel ist mit Reliefs oder vollplastischen Figuren in einem szenischen Kontext versehen.


8 Halbsäulen. Akragas, Tempel B, Olympieion

Schon im antiken Griechenland setzte man Halbsäulen gegen eine Wand, wie hier am Tempel B, dem Tempel des Olympischen Zeus, in Akragas (nach 480 v. Chr.).

9 Tempel mit doppeltem Umgang (Dipteros). Schematische Darstellung

Dieser Typus des Tempels ist vor allem im ionischen Kleinasien verbreitet. Die Cella ist von einer doppelten Säulenstellung umgeben. Um 200 v. Chr. baute der Architekt Hermogenes auch Pseudodipteroi, bei denen die innere Säulenstellung entfiel, sodass sich eine den ganzen Bau umgebende weite Wandelhalle ergab.

Die ionische Ordnung


10 Ionische Ordnung. Didyma, älteres Didymaion. Rekonstruktion.

Während Grund- und Aufriss des Tempels im Prinzip jenen des dorischen Tempels entsprechen, unterscheidet sich die ionische Säule wesentlich von der dorischen. Anders als jene besitzt sie eine Basis und ist merklich höher und schlanker. Die Kanneluren sind erheblich zahlreicher als die der dorischen Säule (in der Frühzeit bis zu 48).

Die Basis kann in der Abfolge von Wülsten und Hohlkehlen vielfach variieren. Häufig ist die Säule in ihrem unteren Teil mit Reliefs geschmückt, mitunter mit lebensgroßen Figuren, oder die Kanneluren sind mit Rundstäben gefüllt.

11 Ionische Säule. Nach A. Palladio

Insgesamt ist die ionische Ordnung wesentlich reicher ornamentiert als die dorische.

Charakteristisch für das ionische Gebälk ist ein Architrav, der aus drei flachen, abgetreppten Streifen (Faszien) besteht. Der darüberliegende Fries ist mit einem Eierstab (Kyma) verziert. Unter dem Gesims (Geison) reihen sich kleine „Zähne“ (Zahnschnitt), ursprünglich die Stirnseiten einer engen Balkenlage. Wegen seiner dekorativen Wirkung wurde das Motiv von Architekten der Neuzeit, vor allem im Klassizismus, häufig verwendet.


12 Ionisches Kapitell. Nach A. Palladio

Der Säulenhals schließt mit einem ionischen Kyma (Blattstab, Eierstab) ab, darüber folgt der Echinus, der sich zu beiden Seiten zu einer Volute einrollt. Auf dem Echinus liegt ein niedriger Abakus in Gestalt einer dünnen Platte.

Die korinthische Ordnung

Sie ist die jüngste der drei klassischen Ordnungen. Das Kapitell wurde gegen Ende des 5. Jahrhunderts erfunden. Zunächst fand es nur in der Innenarchitektur und bei kleineren Bauten Verwendung. Erst in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. wird es in der monumentalen Tempelbaukunst am Außenbau eingesetzt.

Es gibt zunächst keinen korinthischen Kanon zusammengehöriger Formen von Säule, Kapitell und Gebälk.

Die Säule hat wie die ionische eine Basis und ist kanneliert. Das Gebälk entspricht entweder dem dorischen mit glattem Architrav und Metopenfries oder dem ionischen mit Faszien, Eierstab und Zahnschnitt zwischen Fries und Gesims (Geison).

13 Korinthisches Kapitell. Nach A. Palladio

Um den Körper des Kapitells legen sich zwei Reihen von Akanthusblättern so übereinander, dass die Blätter versetzt erscheinen. Nach oben wachsen Stängel hervor, die sich zu Voluten einrollen, und zwar zwei kleinere, einander zugeneigte in der Mitte, zwei größere, nach außen gewandte an den Ecken, die den Abakus mit seinen eingezogenen Kanten stützen.

Erst zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. kommt es zu einer kanonischen Ordnung (s.u.), die sich allerdings als umso langlebiger erweisen sollte.

Römische Baukunst

Um 300 v. Chr. begann der Niedergang des griechischen Tempelbaus. Im frühen 1. Jahrhundert traten in den östlichen römischen Provinzen römische Auftraggeber auf den Plan. Deren Baumeister orientierten sich zunächst an griechischen Vorbildern, die sie sowohl im Vorderen Orient wie in den griechischen Kolonien auf italienischem Boden vorfanden. So unterscheiden sich die frühen römischen Tempel nicht von den griechischen.

Doch mit der Zeit geht die römische Baukunst ihre eigenen Wege. Dabei entwickelt sie einen besonderen Sinn – nicht für die Säule – sondern für die Wand. Sie ist wuchtig und massiv, vertikale Wände werden mit Nischen versehen, Räume mit Gewölben gedeckt.


14 Verschiedene Formen des Antentempels. Schematische Darstellung

Die Baumeister griffen hierbei auf die älteste Tempelform Griechenlands zurück: den Tempel ohne Säulenumgang, der nichts anderes war als das Haus eines Gottes. Später bildete es den Kern des Peripteros (s. S. 12). Auch die üblichen Schatzhäuser hatten die Gestalt eines Antentempels.

In seiner schlichtesten Form ist auch der römische Antentempel ein rechteckiger gemauerter Bau mit einer überdachten Vorhalle, die aus den vorgezogenen Längswänden (den Anten) und zwei zwischen sie gestellten Säulen besteht. Mit der Zeit bildeten sich verschiedene Spielarten heraus.


15 Römischer Podiumstempel. Die Maison Carrée in Nîmes, 19 v. Chr.

Dieser Typus des Tempels hat etruskische Wurzeln. Er steht auf einem hohen durchgehenden Sockel als Unterbau. Die Längsseiten des Sockels sind nach vorn verlängert, zwischen den beiden freien Sockelenden liegt eine steile, hohe Treppe, die zur Vorhalle mit frei stehenden korinthischen Säulen führt. Die dreijochige Vorhalle ist mit einer Kassettendecke versehen. Über Architrav und einem mit Zahnschnitt ornamentierten Fries liegt ein Dreiecksgiebel. Längsseiten und Rückseite sind von Halbsäulen umgeben, die der Wand anliegen.

16 Rom, Domus Aurea, nach dem Brand von Rom 64 n. Chr. Radierung von G. B. Piranesi, 1756

Die eindrucksvollste und folgenreichste Leistung römischer Baumeister ist die Wölbungstechnik, die auf eine alte orientalische Tradition zurückgreifen konnte. Die Ruine der Domus Aurea (des „Goldenen Hauses“ des Nero) gewährt Einblick in drei Räume, die mit kassettierten Tonnen eingewölbt sind.

17 Kreuzgratgewölbe

Auch das Kreuzgratgewölbe, das im Norden seit der Romanik eine so wichtige Rolle spielen sollte, geht auf die römische Baukunst zurück. Es ist als Durchdringung zweier Tonnengewölbe im rechten Winkel zu verstehen.

18 Kreuzgratgewölbe in den Diocletians-Thermen

19 Römische Deckenkassetten. Nach A. Palladio

20 Rom, Pantheon, 119-125, Grundriss. Nach A. Palladio

Dieser Typus eines gigantischen Rundbaus hat keine Vorbilder in der griechischen Architektur. Er steht vielmehr in der Tradition altitalischer Heiligtümer. In die Außenwand des mächtigen Rundbaus sind in gleichen Abständen sieben Nischen eingelassen, anstelle einer achten (im Norden) liegt der Eingang, den man durch eine dreischiffige Vorhalle (Pronaos) betritt.


21 Rom, Pantheon, Front. Nach A. Palladio


Vor dem überwölbten Rundbau liegt die dreischiffige Vorhalle mit 8 korinthischen Säulen aus Granit, die einen Dreiecksgiebel tragen, der die Mitte der Attika verdeckt.


22 Rom, Pantheon, Kassetten der Kuppel. Nach A. Palladio

Die Kassetten sind in fünf konzentrischen Ringen angeordnet. Jeder Ring enthält 28 Kassetten, die in die Tiefe abgetreppt sind.

Kleine Rundtempel sind uns bereits aus Griechenland bekannt (Toloi). Den gemauerten Kernbau, die Cella, umgibt ein frei stehender Säulenkranz.

Die Cella des hier vorgestellten Tempels auf dem Forum Boarium in Rom ist von einem Umgang mit 20 korinthischen Säulen umgeben.

23 Rundtempel, Aufriss und Schnitt. Nach A. Palladio

Eine besondere Form des Rundtempels ist der Monopteros. Er besitzt keine Cella und hat die Gestalt einer offenen gedeckten Säulenhalle. Er sollte zum beliebten Requisit des Englischen („sentimentalischen“) Gartens im 18. und 19. Jahrhundert werden.


24 Rom, Colosseum, 72-80. Radierung von G. B. Piranesi, 1756

Das Colosseum sollte vor allem durch die Gestaltung der Außenwand Inspirationsquelle neuzeitlicher Architekten werden: Das Erdgeschoss wird durch toskanische (= dorische), das erste Obergeschoss durch ionische und das darüber liegende durch korinthische Halbsäulen gegliedert. Diese Art der Gliederung der einzelnen Geschosse sollte von der Renaissance an kanonisch werden.


25 Rom, Konstantins-Bogen, 315 n. Chr. Radierung von G. B. Piranesi, 1756

Dieser Typus des Ehrenbogens wurde von den Römern geschaffen. Der Triumphbogen ist frei stehend und hat eines oder drei Tore, von denen das mittlere höher ist als die beiden seitlichen. Mit Elementen der Tempelfassade entstand hier eine völlig neue Struktur. Der Mauer sind monumentale Halbsäulen vorgelegt, die das Gebälk tragen. Darüber liegen Dreiecksgiebel und Attika. Der römische Triumphbogen fand zahlreiche Nachahmungen in nachantiker Zeit, etwa mit dem Arc de Triomphe du Carroussel in Paris oder dem Siegestor in München.

26 Komposite („lateinische“) Ordnung. Nach A. Palladio

Aus einer vielgliedrigen Basis wächst der kannelierte Säulenschaft.

27 Komposites Kapitell. Nach A. Palladio

Das Kapitell ist eine Kombination aus ionischem und korinthischem Kapitell. Über zwei Reihen von Akanthusblättern liegt meist ein ionischer Eierstab, aus dem oben an beiden Seiten je eine große, nach unten eingerollte Volute wächst. Darüber liegt der Abakus.


28 Toskanische Ordnung. Nach A. Palladio

Aus der dorischen entwickelte sich in der Toskana die toskanische Ordnung. Anders als die dorische hat die Säule eine Basis und einen glatten Schaft (ohne Kanneluren), der oben mit einem Ring abschließt. Das Kapitell besteht aus einem niedrigen schmucklosen Echinus und einem Abakus. In der Neuzeit wird die toskanische in der Regel anstelle der dorischen Säule eingesetzt. In Palladios Worten ist sie die „schlichteste und einfachste aller Ordnungen der Baukunst“.

Nachdem unter Theodosius das Christentum zur Staatsreligion geworden war, wurden neben Neubauten christlicher Basiliken heidnische Tempel in Kirchen umfunktioniert, wie etwa das Pantheon in Rom. Dass die frühchristliche Baukunst an die römische anschließt, ist nur natürlich, schließlich stehen beide geografisch auf demselben Boden, nämlich dem heutigen Italien und den damaligen römischen Provinzen in Kleinasien.

Frühchristliche Baukunst
4. Jahrhundert bis um 600

In der Frühzeit des Christentums galt es vor allem, der jungen, beständig wachsenden Gemeinde Versammlungsplätze bereitzustellen. Diesem Zweck dienten zunächst Privathäuser, unter denen die Hauskirche von Dura Europos am Euphrat in Syrien (der damaligen römischen Provinz Syria Coele) das älteste erhaltene Monument dieser Art ist (232/233). Teile des Wohnhauses wurden in eine Kirche mit Baptisterium umfunktioniert.

Im Jahr 312 siegte der römische Kaiser Konstantin vor den Toren Roms über den Usurpator Maxentius und wurde damit zum Alleinherrscher über Westrom. Einer Legende zufolge war ihm vor der Schlacht über der Sonne das Christus-Monogramm mit den Worten: „in hoc signo vinces“ erschienen. Im Jahr 313 gewährten Konstantin und Licinius (wie Konstantin einer der Tetrarchen des römischen Reichs) mit der sogenannten Mailänder Vereinbarung allgemein freie Religionsausübung, die also auch den Christen die Ausübung ihres Kults erlaubte. Obgleich sich Konstantin erst kurz vor seinem Tod taufen ließ, schien er doch die christliche Religion anderen Kulten, wie etwa denen der Isis, des Mithras oder des Hercules, vorzuziehen. Die neue Religion, wiewohl erst im Jahr 380 unter Theodosius I. zur Staatsreligion erhoben, wurde bereits jetzt zu einer mit kaiserlichem Anspruch, der sich in repräsentativen Sakralbauten verwirklichte. Es entstanden die ersten großen christlichen Basiliken, von Konstantin selbst initiiert: S. Pietro in Vaticano (die Peterskirche) und S. Giovanni in Laterano (die Lateransbasilika).

Die frühchristliche Basilika

Die ersten großen Kirchenbauten folgten dem Typus der Basilika. Es handelt sich um einen Longitudinalbau, der aus einem Mittelschiff und zwei, vier oder (seltener) sechs niedrigeren Seitenschiffen besteht. Das Mittelschiff erhält sein Licht durch eine Reihe von Fenstern im oberen Teil der Wand, der die Seitenschiffe überragt, dem „Obergaden“ oder „Lichtgaden“. Auch die Seitenschiffe sind mit Fenstern versehen.

Die Fenster sind entweder offen (auch mit Stoffbahnen verhängt) oder mit dünn geschliffenen Alabaster- oder Marmorscheiben (Transennen, s. S. 40) geschlossen.

Mittelschiff und Seitenschiffe sind durch Stützen (Säulen oder Pfeiler, oder auch Säulen und Pfeiler im Wechsel) getrennt, die ein durchgehendes Gebälk (Architrav) oder eine Bogenreihe (Archivolten) tragen. Den meist östlichen Abschluss bildet der Altarraum, an den sich eine im Grundriss halbrunde, quadratische oder rechteckige Apsis schließt. Unter dem Altarraum liegt die Krypta mit der Grabstätte eines Heiligen oder seiner Reliquien. Zwischen Langhaus und Altarraum liegt häufig ein Querhaus. Das Mittelschiff hat in der Frühzeit eine Flachdecke oder ist ungedeckt, sodass der Blick in den offenen Dachstuhl freigegeben wird. Die römische Technik der Wölbung greift erst das Mittelalter wieder auf, sofern es sich um Longitudinalbauten handelt. (Anders bei Zentralbauten, s. S. 44). Das Mittelschiff ist mit einem Satteldach gedeckt, die Seitenschiffe haben Pultdächer. Der Basilika sind eine gedeckte Vorhalle (Narthex) und ein von Kolonnaden umgebener offener Hof (Atrium) vorgelagert.

Als Vorbild gilt die römisch-heidnische Basilika, die Versammlungsplatz, Markthalle und Ort der Rechtsprechung war. Die betonte Längsausrichtung dürfte sich aber wesentlich aus der christlichen Liturgie erklären, insbesondere dem festlichen Einzug des Zelebrans und des Klerus vom Haupteingang zum Altar, dem symbolische Bedeutung zukam als Gleichnis für den Einzug Jesu in Jerusalem. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass sich der Zentralbau nicht auf Dauer durchsetzen konnte, sondern hauptsächlich anderen Aufgaben vorbehalten blieb, wie dem Ort der Taufe (dem Baptisterium) oder der Grabstätte (dem Memorialbau).

Das Baumaterial der frühen Sakralbauten stammt zu einem guten Teil aus älteren (heidnischen) Bauten. So sind in den meisten Bauten dieser Zeit Säulen, Kapitelle, ganze Architrave wiederverwendete Bauteile (sogenannte Spolien, vom lateinischen spolium, Raub, Beute). Der vornehmste (oft verlorene) Schmuck frühchristlicher Bauten sind Mosaiken, die Wände, Fußboden und Gewölbe bedecken.

29 Alt-St. Peter, Rekonstruktion. Grundriss

Der Bau wurde am Ort der heutigen Peterskirche über der Stelle errichtet, wo sich auf einem ehemaligen Gräberfeld der Überlieferung zufolge das Grab des Apostels Petrus befindet, der im nahe gelegenen Zirkus des Nero den Märtyrertod gestorben sein soll. Um 600 ließ Papst Gregor I. eine Ringkrypta um das Grab anlegen, auf die man vom Kirchenschiff aus hinabblicken konnte („Confessio“), was der aktuellen Situation entspricht. Die Basilika musste 1506 einem Neubau weichen (s. S. 140). Der ursprüngliche Bau ist nur aus schriftlichen Quellen zu rekonstruieren.

Von Ost nach West (die Kirche ist nicht wie üblich geostet, sondern gewestet) folgen aufeinander ein offenes, von Säulengängen umgebenes Atrium mit einem Brunnen für die rituellen Waschungen in der Mitte, eine Vorhalle („Narthex“), das fünfschiffige Langhaus und das Querhaus, an das in der Mittelachse die Apsis über halbrundem Grundriss anschließt.

Die Längsausrichtung des Schiffs wurde betont durch die gleichförmige Aneinanderreihung von (viermal 23) insgesamt 92 Säulen, die einen durchgehenden Architrav trugen.

30 Alt-St. Peter, Rekonstruktion

31 Rom, S. Paolo fuori le Mura, 342 geweiht

Dort, wo der Legende nach der Apostel Paulus begraben worden war, entstand zunächst eine Gedenkstätte („cella memoriae“), die Konstantin in eine kleine Basilika umformen ließ.

Unter Valentinian II., Theodosius und Arcadius wurde der Bau auf die heutigen Ausmaße erweitert. Es handelt sich um eine fünfschiffige Basilika mit Querhaus, an das in der Mittelachse unmittelbar eine halbrunde Apsis anschließt.

32 Rom, S. Paolo fuori le Mura vor dem Brand 1823. Radierung von G. B. Piranesi, 1756

Von dem alten Bau, der 1823 niederbrannte, blieben zwar nur das Querhaus und der Triumphbogen erhalten, er wurde jedoch im Wesentlichen originalgetreu wieder aufgebaut (Weihe 1854), sodass er heute einen angemessenen Raumeindruck frühchristlicher Basiliken vermittelt. Die einzelnen Schiffe sind durch je 20 Bögen tragende korinthische Säulen (die im Original kanneliert waren) voneinander getrennt. Ursprünglich schaute man in den offenen Dachstuhl.

33 Transennen

Die Fensteröffnungen frühchristlicher Basiliken waren mit hauchdünnen, durchbrochenen, transluziden Marmor- oder Alabasterplatten verschlossen.

34 Ravenna, S. Apollinare in Classe, 549 geweiht. Perspektivschnitt

Obgleich es sich um eine dreischiffige Basilika handelt, hat man aufgrund der ungegliedert durchlaufenden Kolonnaden den Eindruck, in einer Halle zu stehen. Altarraum und Apsis liegen erhöht über der Krypta (s. S. 68) und sind über eine breite Treppe zu erreichen. Die ursprüngliche prächtige Ausstattung mit Wand- und Fußbodenmosaiken ist bis auf das Apsismosaik verloren.

35 Ravenna, S. Apollinare Nuovo, um 500. Nördliche Schiffswand

Die dreischiffige Basilika wurde von dem Ostgotenkönig Theoderich erbaut, der ab 491 als Stellvertreter des oströmischen Kaisers den Großteil Italiens kontrollierte. Die Kirche wurde über Jahrhunderte durch zahlreiche Um- und Anbauten verändert. Der Kern des Baus entspricht jedoch dem Originalzustand, und auch die eindrucksvollen Mosaiken der Schiffswände sind erhalten. Sie vermitteln einen authentischen Eindruck des vornehmsten Schmucks frühchristlicher Sakralbauten.

Über den hohen rundbogigen Arkaden des Erdgeschosses, deren Bögen von elf korinthischen Säulen getragen werden, liegt friesartig die relativ niedrige Schiffswand, deren Mosaiken die Prozession der 22 Jungfrauen (linke, nördliche Schiffswand) und der 26 Märtyrer (rechte Schiffswand) darstellen.

Die Mosaiktechnik hatte in der römischen Kunst höchste Verfeinerung und weite Verbreitung gefunden.


36 Aquileia, Dom, polychromes Fußbodenmosaik, 4. Jh.

Wie Wände und Gewölbe waren auch die Fußböden frühchristlicher Kirchen mit farbigen Inkrustationen bzw. Mosaiken geschmückt.

Frühchristliche Zentralbauten

Neben Basiliken entstanden auch Zentralbauten, die zunächst Gedenkstätten über Gräber christlicher Märtyrer waren, ähnlich den heidnischen Mausoleen (etwa dem des Hadrian - der Engelsburg, oder dem des Augustus, beide in Rom). Aber auch Baptisterien waren – funktional bedingt – Zentralbauten mit einem Taufbecken in der Mitte. Drei Typen an Zentralbauten sind zu unterscheiden: einfache Bauten über kreisförmigem Grundriss aus massivem, durch Wandnischen gegliederten Mauerwerk nach römischen Vorbildern (etwa dem Grabmal des Theoderich in Ravenna), solche mit einfachem Umgang (wie S. Costanza in Rom) und solche mit doppeltem Umgang (S. Stefano Rotondo in Rom).

Unter dem Einfluss orientalischer Bauten waren sie, anders als die Basiliken, mit Gewölben versehen.

37 Rom, S. Costanza, um 330

Von Konstantin ursprünglich als Mausoleum für seine Tochter Constantia und deren Schwester Helena gebaut, diente es schon seit dem 6. Jahrhundert als Baptisterium.

Der Bau besteht aus einer Rotunde, die eine Kuppel mit hohem Tambour (dieser mit Rundbogenfenstern) trägt. Die Rotunde ist von einem tonnengewölbten Umgang umgeben.

Der zentrale Rundbau ist durch Arkaden mit Doppelsäulen (Spolien) vom Umgang getrennt.

Von der originalen Ausstattung sind einzig die Mosaiken des Umgangs erhalten geblieben. Die jedoch lassen etwas von der Pracht der ursprünglichen Ausstattung ahnen.

38 Ravenna, Mausoleum der Galla Placidia, 425-430

Eine besondere Form des Zentralbaus ist der Bau über griechischem Kreuz. Zwei gleichlange Kreuzarme schneiden einander in der Mitte im rechten Winkel und bilden so vier gleich lange Arme, deren Schnittstelle, die Vierung, überwölbt ist. Die Kreuzarme tragen Tonnengewölbe.

Das sogenannte Mausoleum der Galla Placidia wurde auf Geheiß der Kaiserin selbst gebaut (sie war hier allerdings wohl nie begraben). Bau wie Ausstattung sind im Originalzustand erhalten. Die Mosaiken, die Gewölbe und Teile der Wand bedecken, sind die ältesten vollständig erhaltenen Ravennas. Über der Vierung wölbt sich eine Pendantifkuppel, die Kreuzarme sind tonnengewölbt.

39 Rom, S. Stefano Rotondo al Celio, geweiht unter Papst Simplicius (468-483)

Dieser älteste Rundbau Roms hatte ursprünglich einen doppelten Säulenumgang, dessen äußerer von den Armen eines griechischen Kreuzes durchschnitten wurde.

Unter Papst Innozenz (1130-1143) wurden die Vorhalle und der heute innere Säulenkranz errichtet, der den ursprünglichen zylindrischen Kern ersetzte. Ursprünglich war der Innenraum mit Mosaiken und Marmorplatten verkleidet (520-30).

40 Ravenna, S. Vitale, 547. Grundriss

Den Grundriss bildet ein Oktogon mit Umgang, einem halbrund geschlossenen Altarraum im Osten und einer quer gelagerten Vorhalle im Westen (dem Versammlungsort der Gemeinde vor dem Gottesdienst).

An S. Vitale orientierte sich etwa 250 Jahre später der Architekt der Aachener Pfalzkapelle (s. S. 53).


41 Ravenna, S. Vitale. Längsschnitt


42 Ravenna, S. Vitale, Kapitell mit geometrisch-vegetabilem Ornament


43 Istanbul, Hagia Sophia, 537 geweiht. Grundriss

Sie ist das bedeutendste Beispiel einer byzantinischen Kuppelbasilika. Der Bau stellt eine Kombination von Zentral- und Longitudinalbau dar.

44 Istanbul, Hagia Sophia. Längsschnitt

Auf dem zentralen Raum ruht über nahezu quadratischem Grundriss eine mächtige Pendantifkuppel. Mit Halbkuppeln sind die in der Längsachse anschließenden Konchen gedeckt, an die wiederum diagonal kuppelgedeckte Nischen als Widerlager angrenzen. Durch die Vielzahl an Fenstern wirkt der Raum wie von Licht durchflutet. Allein in die zentrale Kuppel sind 49 Fenster (je eines zwischen zwei Gewölbespanten) eingefügt, die durch den geringen Abstand zueinander wie ein Lichtkranz erscheinen.

Kuppelbauten blieben für die nächsten Jahrhunderte auf das oströmische Reich (Byzanz) und Kleinasien beschränkt. Im Westen entstehen die ersten eingewölbten Bauten erst wieder mit den aquitanischen Kuppelkirchen des 12. Jahrhunderts (s. S. 82).

Gegen Ende des 6. Jahrhunderts hatte der frühchristliche Kirchenbau seine Blütezeit hinter sich.

Karolingische Bauten
Um 750-1000

Auf die Blüte frühchristlicher Sakralarchitektur folgt eine Zäsur. Bis in die Zeit Karls des Großen haben kaum Denkmäler überlebt. Aufgrund der im Norden üblichen Holzbauweise waren verheerende Brände während des ganzen Mittelalters und darüber hinaus an der Tagesordnung.

Aus karolingischer Zeit sind fast ausschließlich Sakralbauten erhalten. Feste Residenzen der weltlichen Herrscher gab es in jener Zeit nicht, lediglich Pfalzen. Kaiser und Könige waren – anders als im Zeitalter der Massenmedien – gezwungen sich zu bewegen, um ihren Untertanen Präsenz zu zeigen. Unter Karl dem Großen entstand im gesamten Reich ein dichtes Netz solcher Pfalzen.

Die Kirche war in einer vorteilhafteren Lage. Durch einen immer weiter ausgebauten Reliquienkult und die Errichtung zahlloser Kirchen zog sie Scharen von Pilgern an.

Dabei ist jedoch nicht das Mönchtum zu vergessen. Mönche waren im ganzen heidnischen Europa in christlicher Mission unterwegs. In Ägypten waren die ersten (koptischen) Klöster entstanden, deren Mönche wie Einsiedler in Hütten und Höhlen lebten, sich jedoch in gemeinsamen Gotteshäusern versammelten. Mit Benedikt von Nursia und seiner Klostergründung Montecassino im Jahr 529 wurde der Grund für das heutige abendländische Mönchtum gelegt. Irische Klöster erlebten im 6. und 7. Jh. ihre Blüte. Von Irland wanderten Missionare nach Schottland, Frankreich, Italien, Deutschland (Gründung des Bistums Würzburg durch Bonifatius) und in die Schweiz (Klostergründung St. Gallen, 719/20). Reste von Steinhütten und Gemeinschaftsgebäuden der Mönche finden sich noch in Irland und England (Cornwall). Die ersten Kirchenbauten folgten dem Schema der frühchristlichen Vorbilder, wie der Peterskirche oder S. Paolo fuori le Mura in Rom.

Unter Karl dem Großen, im Jahr 800 in Rom zum Kaiser gekrönt, entstehen die ersten nennenswerten Monumentalbauten. Karls Idee einer Wiederbelebung des römischen Reichs aus christlichem Geist schlägt sich auch im Baustil nieder, dessen Vorbilder in Italien liegen.


45 Aachen, ehemals Pfalzkapelle (heute Aachener Münster/Dom), 793/794

Aus karolingischer Zeit ist das Oktogon – nach dem Vorbild von S. Vitale in Ravenna (s. S. 47 f.) – erhalten. Es ist mit einem achteckigen Klostergewölbe über achteckigem Tambour gedeckt, der sechzehnseitige Umgang mit Kreuzgratgewölben.

Während in S. Vitale ein lichter, hallenartiger Raumeindruck herrscht, kommt in dem karolingischen Bau auch die Masse der Wand zur Geltung, die den zentralen Raum des Oktogons klar gegen den Umgang abgrenzt. Im Erdgeschoss tragen acht massive Pfeiler leicht gestelzte Rundbögen, die hohen rundbogigen Öffnungen des Obergeschosses sind horizontal unterteilt; deren unterer Teil wird jeweils durch zwei schlanke Säulen mit korinthischen Kapitellen gegliedert, der obere wiederum durch je zwei schlanke korinthische Säulen – antike Spolien. So holte man sich nicht nur die Idee, sondern auch das Baumaterial aus Italien.

Das Obergeschoss hebt sich in seiner (seinem Vorbild S. Vitale entsprechenden) grazilen Erscheinung jedoch deutlich vom wandbetonten, massiven Charakter des Erdgeschosses ab.

So kann man in der Pfalzkapelle ein Bindeglied zwischen den frühchristlichen Kirchenbauten Italiens und den frühmittelalterlichen im Norden sehen.

46 Lorsch, Torhalle („Königshalle“) des ehemaligen Klosters, um 800

Der Bau orientiert sich augenfällig an römischer Baukunst, indem er die Idee des römischen Triumphbogens aufgreift und römische Formen für Stützen und Kapitelle verwendet.

Das offene Erdgeschoss hat drei Bogendurchgänge, darüber liegt eine geschlossene Halle. Die halbrunden Bögen im Erdgeschoss lasten auf Pfeilern, denen Halbsäulen mit antikisierenden Kompositkapitellen vorgelegt sind. Diese tragen ein durchgehendes Gebälk, auf dem kannelierte Pilaster mit ionischem Kapitell stehen.

Völlig eigenständig sind die Ornamentierung der Wand durch ein flächiges Muster aus rotem und weißem Sandstein (rechteckige senkrechte, quadratische auf die Spitze gestellte Felder im Erdgeschoss, wabenförmige im Obergeschoss) und das überdimensionale Zackenmotiv über den Pilastern des Obergeschosses, das aus dem Fachwerkbau abgeleitet scheint. Nordische und klassische Motive sind hier auf elegante Art kombiniert.


47 Fulda, Michaelskirche. Mittelsäule der Krypta, 820-822

Das derbe Kapitell mit den mächtigen Voluten orientiert sich am antiken ionischen Kapitell, ohne dessen Proportionen und weitere Details zu übernehmen.

48 S. Pedro de la Nave, Kapitell, 7. Jh.

Die Gestaltung der Kapitelle mit Szenen aus dem Alten Testament und den mächtigen ornamentierten Kämpfern lassen byzantinische Vorbilder erkennen.

Die asturische gilt als Vorläuferin der romanischen Bauornamentik („asturische Präromanik“).

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