Kitabı oku: «Von diesem Sommer bis zum nächsten»

Yazı tipi:

Susanne Margarete Rehe

Von diesem Sommer

bis zum nächsten

Erzählroman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015


Susanne Margarete Rehe wurde 1958 in Stuttgart geboren. Sie ist Mutter zweier Kinder, staatlich anerkannte Erzieherin und lebt heute in Hessen. Freiberuflich arbeitet sie als Heilpraktikerin in eigener Praxis. Ihr künstlerisches Wirken führte sie über das Theater zur Literatur.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorben Personen sind rein zufälliger Art.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Lektorat, Satz und Umschlaggestaltung:

Anna Rehe, Berlin (www.oleanna.de)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

für Anna und Mihai

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Über die Autorin

Impressum

Widmung

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Mein Dank

Erstes Kapitel

Der frisch aufgeschüttete weiße Kiesweg zog in einer geraden Flucht zwischen Maisfeldern hindurch, deren Pflanzen einen stattlich gewachsenen Mann bei weitem überragt hätten.

Wie in jedem Jahr geriet Gerdi auch diesmal wieder ins Staunen über die gewaltigen Stauden, die der Riedboden hervorbrachte. Wie die Wurzeln kleiner Mangroven hob ein vielgliedriges Wurzelwerk die kräftigen Stängel der Pflanzen über die Oberfläche des feinen Lößbodens hinaus und gab ihnen Halt.

Gerdi löste sich von Hannas Arm und ging über die höher stehende Grasnarbe am Wegrand hinweg einige Reihen weit ins Feld hinein. Sie schaute nach oben und sah die braunen Fahnen der reifen Maispflanzen leise über ihrem Kopf im Wind wogen.

Aufs Neue begeistert über den kräftigen Wuchs der Pflanzen rief sie ihrer Enkeltochter zu:

„Schau her, Hanna, es ist unglaublich! Die größten Pflanzen sind fast drei Meter hoch! Man fühlt sich hier drinnen ein wenig wie ein Zwerg im Urwald. Komm, lass uns zusammen ein bisschen zwischen den Maispflanzen hindurch gehen!“

„Nein, warte noch einen Moment! Lauf nicht gleich so weit hinein! Ich will erst noch ein Foto von dir machen – ein Bild von meiner Zwergen-Oma im Maisfeld.“

Gerdi blieb stehen, wandte sich Hanna zu und zog zwei Stauden vor ihrer Brust zusammen. Dann steckte sie lachend ihr Gesicht hindurch. Mit dem silbrig schimmernden Haar in der grünen Blattumrandung sah sie tatsächlich gnomenhaft aus. Sie streckte Hanna in dem Moment, als sie auf den Auslöser drückte, die Zunge und eine lange Nase entgegen.

Hanna verstaute ihre Kamera und lief mit gespielter Empörung auf ihre Großmutter zu.

„Na warte, ich kriege dich!“

„Kriegst mich eben nicht!“, kam es übermütig aus dem Maisfeld zurück.

Gerdi hatte Hannas Spiel aufgegriffen und war bereits davon gelaufen. Ein wenig unbeholfen sprang sie zwischen den Reihen der Maispflanzen hin und her und war bemüht, der jungen Frau zu entkommen. Während sie versuchte, stets einige Pflanzen zwischen sich und Hanna zu bekommen, damit diese sie nicht packen konnte, lag Gerdis Blick mit Genugtuung und Freude auf ihrer Enkeltochter. Hanna lief leichtfüßig, mit einem erhitzten Gesicht unter den langen dunkelblonden und leicht gewellten Haaren hinter ihr her. Die Sommerbräune ließ ihre blauen Augen noch heller erscheinen, als sie es ohnehin schon waren.

Hanna war eine junge Frau Anfang zwanzig. Sie hatte sich eine anmutige und kindhafte Art bewahrt, die ungezwungen und in einer natürlichen Weise zum Ausdruck kam.

Mit einem langen Satz und einem triumphierenden „Ha, ich hab dich!“ bekam Hanna ihre Großmutter schließlich am Arm zu packen und umtanzte sie mit gespieltem Indianergeheul bis Gerdi, vor Lachen und Anstrengung gänzlich außer Puste, nach „Gnade!“ rief.

In ausgelassener Stimmung traten die beiden Frauen wieder auf den Feldweg hinaus und setzten ihre Wanderung durchs Ried fort.

Die Sonne des späten Sommertages wärmte ihnen den Rücken und Hannas Haar wurde vom auffrischenden Wind in alle Richtungen geweht. Gerdi schlug sich ein leichtes Wolltuch aus orangefarbenen, gelben und roten Farbtönen um die Schultern, um ihren erhitzten Körper zu schützen. Dabei ruhte nun Hannas Blick auf ihr.

„Oma, es steht dir gut, das Tuch. Sehr gut schaust du aus damit!“

„Vielen Dank, dein Kompliment weiß ich zu schätzen! Und ich kann es auch gleich an dich zurückgeben. Allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass du für dein Aussehen noch nicht einmal ein schönes Tuch brauchst. Du wärst sozusagen auch in Sack und Asche noch überaus hübsch.“

Hanna strahlte ihre Großmutter an.

„Na also, so gefällst du mir schon besser!“, lächelte Gerdi sie an, „ich bin froh, dass du dein Lachen doch nicht ganz verloren hast. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht um dich.“

„Ja, ich weiß. Das tut mir auch leid“, sagte Hanna etwas verlegen.

Sie warf einen kurzen Seitenblick auf ihre Großmutter, bevor sie weiter sprach.

„Und – eigentlich weiß ich auch gar nicht wirklich, was in mir drin passiert ist … nur, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie einen solchen Schmerz erlebt habe. Ich wusste einfach nicht, wie weh es tun kann, wenn eine tiefe Beziehung zerbricht. So etwas hatte ich noch nie zuvor erfahren.

Weißt du, es gab natürlich auch früher Freundschaften, die nicht gehalten haben. Das war aber mehr ein Ausprobieren gewesen, als ein wirkliches aufeinander Einlassen.

Das, was jetzt passiert ist, war etwas anderes. Die Trennung hat eine Wunde in mir hinterlassen, die noch lange wehtun wird. Ich glaube, um den Schmerz überwinden zu können, brauche ich noch Zeit … viel Zeit.“

„Ja, Hanna, du brauchst Zeit. Zeit braucht es immer, um wieder heil zu werden.

Aber ob es dafür viel oder wenig Zeit braucht, ist relativ. Es hat vielmehr damit zu tun, was in der Zeit, die vergeht, geschieht und ob du verstehen und auch annehmen kannst, was das Leben in jedem Moment dieser Zeit dir zeigt.

Auch die Tage, die wir beide hier im Ried noch miteinander verbringen werden, sind ein Teil dieser Zeit. Lass dich ganz einfach überraschen!“

Hanna sah nachdenklich aus.

Dann blieb sie stehen, nahm Gerdis Hände und hielt beide fest.

„Weißt du“, sagte sie leise, „ich bin sehr froh darüber, dass du mich diesen Sommer wieder einmal mit hierher genommen hast. Danke! Ich fühle jetzt schon, dass es gut ist.“

Sie nahm ihre Großmutter zärtlich in den Arm und drückte ihr ein bisschen verlegen einen dicken Kinderkuss auf die Wange.

Gerdi sagte nichts, sie sah ihre Enkeltochter nur an mit einem Blick, wie er für gewöhnlich von Erwachsenen auf Kindern ruht, und nickte kaum wahrnehmbar. Es schien, als würde sie einem inneren Gedanken Zustimmung verleihen. Dann strich sie Hanna ordnend die wilden Strähnen aus dem Gesicht.

Die beiden Frauen setzten ihren Weg fort, begleitet vom hellen Gezwitscher der Feldlerchen. Der Gesang der kleinen Vögel glich ihrem Fluge, der sich unvermittelt weit in die Lüfte hinaufschwang und dann im plötzlichen Fall in einem taumelnden Auf und Ab über die Felder zog.

Hanna wandte sich erneut an Gerdi:

„Sag mal, warum fährst du eigentlich jedes Jahr hierher? Ich meine, es ist schön hier, sehr schön, das ist keine Frage, aber es gibt doch noch andere schöne Landschaften. Die Berge zum Beispiel! Wir könnten doch mal gemeinsam in die Berge fahren oder ans Meer … das wäre auch schön!“

Gerdi lachte und zwinkerte Hanna zu.

„Ja, du hast schon Recht. Natürlich gibt es andere und sicherlich genauso schöne Gegenden, nur – mit diesen Landschaften verbindet mich nichts.

Wenn ich aber hierher komme, ins Ried, erfüllt mich die Landschaft, wie keine andere es vermag. Es ist, als tauchte ich ein in einen Teil meines Lebens, der mir einmal sehr viel bedeutet hat.“

„Was meinst du damit? Was hat dir hier viel bedeutet?“

„Ach, Hanna!“, die Gedanken schienen Gerdi davon zu tragen. Sie lächelte ein wenig in sich hinein und schloss für einen Moment die Augen.

„Das ist eine lange Geschichte … und sie hat begonnen vor langer Zeit – ich glaube, es war in dem Jahr, als du zur Welt kamst.“

Gerdi machte eine Pause und überlegte, wie sie weitersprechen sollte.

„Weißt du, so wie jetzt bei dir, lag auch bei mir damals der Schmerz einer zerbrochenen Liebe hinter mir. Damals hatte ich geglaubt, hier unten, in dieser Gegend ein neues Glück und einen neuen Anfang finden zu können. Und tatsächlich begann hier im Ried auch ein neues Kapitel meines Lebens, allerdings in einer ganz anderen Weise, als ich es mir gewünscht hatte und mir jemals hätte vorstellen können.“

„Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Erzähl weiter! Erzähl mir von dir!

So, wie du mir früher oft erzählt hast, als ich noch klein war. Weißt du noch?

Bloß damals hab ich dir öfter mal nicht so gern zugehört. Daran kann ich mich zumindest noch erinnern. Ich weiß nicht mehr genau, weshalb das so war, aber ich glaube, du bist mir manchmal zu ernsthaft und irgendwie streng erschienen.

Aber jetzt ist es – naja, eben anders geworden. Jetzt will ich etwas wissen von dir!

Und ich bin mir auch sicher, dass du Vieles weißt, was vielleicht gerade jetzt wichtig sein könnte für mich.“

„Ja, ja – ich weiß, wovon du sprichst“, entgegnete Gerdi, „du hattest schon als kleines Kind immer deinen eigenen Kopf und der kollidierte eben manchmal mit meinem Eigensinn. Das hab ich natürlich ebenfalls gemerkt, Hanna, und manchmal hat es mir schon auch den einen oder anderen Stich versetzt – das hast du sehr wohl vermocht.

Aber ich war mir immer sicher, dass dir meine Art nicht schaden wird und dass du daran ruhig auch wachsen darfst.“

Gerdi schaute Hanna ein wenig verschmitzt an.

„Und außerdem bist du heute ja auch kein Kind mehr. Eine junge Frau bist du geworden. Wie schnell die Jahre vergangen sind!

Du bist jetzt gerade alt genug geworden, um die Türe zu dem langen Frauenleben, das noch vor dir liegt, öffnen zu können. Und ich – ich stehe dir heute mit meinem Alter genau gegenüber, gewissermaßen auf der anderen Seite.“

Sie schwieg, unsicher, ob Hanna verstehen könne, was sie ihr sagen wollte.

Und als Gerdi wieder zu sprechen begann, war Hanna sich nicht sicher, ob die Worte ihr galten oder ob ihre Großmutter zu sich selbst sprach.

„Zwischen uns beiden liegt fast ein halbes Jahrhundert an Lebensjahren als Frau mit vielen Höhenflügen und Abstürzen, mit Sehnsüchten, Liebe, mit Wissen und Hoffnungen, mit Lust und mit Schmerzen und allem, was nun mal zu einem erfüllten Leben dazu gehört.

Und ich, hier auf meiner Seite, öffne gerade ebenfalls die Türe zu einem Neuland.

Aber hinter meiner Türe wartet etwas ganz Anderes auf mich.

Hinter meiner Türe wartet die Erfahrung des Alters, das Vergessen und das Verschwimmen von Gestern und Heute.

Ich weiß, dass mit dem Verrinnen der Zeit auch meine Erinnerung an die vergangenen Tage verblassen wird. Und vielleicht wird eines Tages das Vergessen all diese gelebten Jahre in eine sanfte Decke hüllen. Alte Wunden werden dann endgültig ihren Schmerz und ihren Sinn verlieren, und vielleicht wird auch irgendwann mein Verstand das Erkennen und die Handlung nicht mehr miteinander verknüpfen können.“

Jetzt war Gerdi stehen geblieben und griff nach Hannas Händen.

Im Gesicht der jungen Frau sah Gerdi bei ihren letzten Worten die Bestürztheit einer unbedarften Jugend, aber sie sah auch die Reife, die Hanna brauchte, um ihrer Großmutter weiter zuzuhören.

„Ich glaube, du bist tatsächlich alt genug, um zu hören, was mich vor vielen Jahren hierher, in diese Gegend geführt hat und was mich hier hielt. Vielleicht ist genau jetzt der Zeitpunkt gekommen, um dir die Geschichte meines Lebens zu erzählen, bevor sie sich verliert in einem Vergessen, aus dem ich sie nicht wieder zurückholen kann.

Weißt du, Hanna, mein Leben ist nicht mehr oder weniger bedeutsam als irgendein anderes Frauenleben. Und vor allem weiß ich heute, dass es im Leben nicht so sehr darauf ankommt, was ich erreicht habe und welche Ziele ich verwirklichen konnte. Je älter ich wurde, umso wichtiger ist mir geworden, wie ich etwas erreicht habe und welche Wege ich gegangen bin, um zu meinen Zielen zu gelangen.

Und mir ist nicht länger nur das Erreichte selbst wichtig, sondern das, was davon blieb und was daraus geworden ist.

Gewachsen ist vor allem mein Bewusstsein und auch das Erkennen und Einordnen ganz wesentlicher Erfahrungen. Auch das Empfinden einer Verantwortlichkeit, die einzig mich meint, ist gewachsen und die Liebe zu den Menschen, die mir viel bedeuten und für deren Leben auch ich eine Bedeutung habe.

Und noch etwas Anderes ist gewachsen: Mein Verständnis für die Fügungen des Lebens, die mir die Gewissheit geben, dass Menschen und Situationen, denen ich begegne, genau die Richtigen sind, um das Leben in allen Facetten für mich erfahrbar machen zu können.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick geschärft und meinen Geist wach gemacht, sodass ich die weiten Bögen, die alle Stationen meines Lebens miteinander verbinden, begreifen kann als etwas, das einander bedingt.

Vielleicht bist auch du, Hanna, jetzt nicht nur mit mir hierher ins Ried gekommen, um dich vom Schmerz deiner ersten zerbrochen Liebe zu erholen, sondern weil es Zeit geworden ist, deinen Platz zu sehen in einer langen Reihe von Frauenleben beider Familien, aus denen du stammst.

Und vielleicht auch deshalb, weil du heute an einem Wendepunkt deines Lebens angekommen bist, der nach Orientierung verlangt und einem Neubeginn vorangeht.

Du bist noch ganz jung, Hanna, aber doch mittlerweile erwachsen geworden.

Und du gestaltest dein Leben jetzt selbst.“

Du triffst deine Entscheidungen, egal, ob sie richtig oder falsch sind. Du wirst die Aufgaben, die sich dir stellen, erkennen und du wirst sie annehmen oder auch nicht. Du bist frei, alles zu tun, was auch immer du wünschst.

Und weil das so ist, Hanna, gibt es auch nichts mehr, wovor deine Eltern oder ich dich noch wirklich beschützen könnten. Dein Glück und deine Schmerzen werden kommen und sie werden vergehen und wieder kommen.

Diese sich ewig drehende Spirale mit ihrem Auf und Ab ist gleichzeitig Qualität und Aufforderung des Lebens, das dich prägen wird und es bereits von deinem ersten Atemzug an getan hat.

Das Einzige, was ich tun kann, und wozu ich mich auch verpflichtet fühle, ist, dich teilhaben zu lassen an meinem Leben, an meinen Erfahrungen und an meiner Liebe für dich.

Was du dir davon nehmen willst, liegt einzig in deiner Freiheit und Entscheidung.

Die Gedanken, die sich ihr zuletzt aufgedrängt hatten, sprach sie nicht aus.

Es waren die Gedanken einer Rückblickenden.

Hannas Leben sollte frei sein von der Last des Wissens. Ein ganz junges Leben war es noch, unbefangen und voller Lust auf Herausforderung. Dem Wissen und der Zukunft würde sie in ihrer Weise entgegen wachsen.

Hannas abwartender Blick ließ Gerdi weiter sprechen.

„Wenn du es wirklich willst, dann will ich dir gern meine Lebensgeschichte erzählen.“

Gerdi brauchte nicht lange auf Hannas Antwort zu warten.

Hanna war längst schon angesteckt, von der Intensität und Offenheit, mit der ihre Großmutter zu ihr gesprochen hatte. Als sie ihr antwortete, schien es, als hätte sie schon lange auf diese Gelegenheit gewartet: „Ja, bitte! Bitte erzähl mir alles, was du weißt – und was du erlebt und erfahren hast!

Ich hab in meinem Leben oft so viele Fragen und meist nur verdammt wenig Antworten drauf. Es gibt so Vieles, was ich nicht verstehe und manchmal, weiß ich einfach nicht, wie Leben geht.

Ich wär dir wirklich dankbar, wenn du mir von deinem Leben erzählst!

Wann sonst würde es besser passen, wenn nicht jetzt? Eigentlich ist es doch so, als wäre es ein Geschenk des Himmels. Wir Zwei haben nämlich gerade alle Zeit der Welt dafür!“

„Ich bin dir ebenfalls dankbar, Hanna!

Dankbar dafür, dass du meine Geschichte hören willst, weil ich weiß, dass der Teil meines Lebens, der für dich bedeutsam ist, sich in irgendeiner Weise auch in deinen Gedanken und Handlungen widerspiegeln wird und dir helfen kann, deinen Weg zu finden. Und schon alleine dafür macht es Sinn, auch die dunkelsten Stunden in meinem Leben gelebt zu haben.“

Einander untergehakt und sich verbunden wissend wanderten die beiden Frauen weiter.

Der Abend hauchte träge seinen feuchten Atem über die Niederung der Flusslandschaft und hüllte sie ein.

Sie gingen langsam, sodass die alte Frau beim Gehen noch genügend Atem fand, um zu erzählen. Und die Junge hörte ihr zu und nahm dennoch in den freien Lücken, die Gerdis schwerfällig gewordenes Gedächtnis zwischen die Worte schob, die Einsamkeit und Stille wahr, die sich mit der aufziehenden Dunkelheit über das Ried legten.

Zweites Kapitel

Gerdi saß in ihrem Zimmer und hatte die zerpflückten Einzelteile der örtlichen Tagespresse um sich versammelt. Die Morgensonne spielte auf ihrem schulterlangen hennagefärbten Haar. Zwischen einer Mahagoni-Tönung versteckt, verrieten einige orange leuchtende Strähnen überdecktes Silbergrau.

Gerdi wirkte wesentlich jünger, als sie tatsächlich war. Kaum jemand schätzte sie auf ihr wirkliches Alter. Sie war keine schöne Frau im eigentlichen Sinne, aber sehr weiblich, attraktiv und beeindruckend in ihrer Lebendigkeit. Ihre Körpergröße und kraftvoll zupackende Art standen in reizvollem Gegensatz zur Feingliedrigkeit ihrer schlanken Arme, den schmalen Gelenken und dem langen, schön geformten Hals. Die Gegensätzlichkeit, die Gerdis Körper in sich vereinte, schien ein Spiegelbild ihrer Persönlichkeit zu sein.

Träge blätterte sie in der Zeitung, fischte lustlos die Rubrik „Kontaktanzeigen“ heraus und las.

„Er sucht Sie“ – gepaart mit einem kleinen Schuss Hoffnung schien das Lesen der Annoncen fast so gut wie eine Kombi-Packung Filmtabletten gegen freudlose Nächte und entsetzlich einsame Wochenenden.

Langsam tickerten die Anzeigen durch Gerdis Kopf in Richtung Barometer.

Ihr Bauchbarometer war genau an der Stelle angesiedelt, wo empfindliche Schläge die Magengrube treffen konnten. Ein kleines seismographisch genaues Frühwarnsystem hatte sich dort eingenistet, und Gerdi hatte es ausreichend erprobt in einem bewegten Leben.

Die Messskala „Partnersuche“, an der die Kontaktanzeigen vorbei tickerten, reichte dabei von „nichts sagend“ über „vielleicht – mal sehen“ bis hin zu „Volltreffer“.

Nur blieb der Zeiger fast ohne Ausnahme auf der Negativseite hängen. Manchmal schlich er aber doch zögernd weiter. Fast unmutig quälte er sich dann in den grünen Bereich, sodass Gerdi schon beim bloßen Nachspüren die Lust verließ.

Warum suchen eigentlich so viele Männer eine Frau zum Pferdestehlen?

Trauen die sich alleine nicht?

Warum hält keiner ein Pferd bereit, um mit seiner Herzdame übers Land zu reiten?

Aber vielleicht gehört das ja auch zu den Dingen, die ich nicht verstehe … zu wörtlich, zu ernst genommen … eindeutiger Verstoß gegen die Spielregeln!

Es gibt keine Ritter, keine hingebungsvollen Helden, einfach nur: Er sucht Sie!

Ist das so schwer zu kapieren, Gerdi?

Ach nein, danke! Nicht noch mehr Halbheiten!

Sie legte den Anzeigenteil zusammen und versuchte, das Zeitungschaos halbwegs zu ordnen. Es war Sonntagmorgen, Zeit noch ein wenig zu dösen. Vom Stall her drang durch das gekippte Fenster gedämpft der tiefe kehlige Ruf einer Kuh, die vor kurzem als letzte aus der Mutterkuhherde gekalbt hatte und jetzt nach ihrem Nachwuchs rief.

Ausgestreckt auf ihrem Bett fixierte Gerdi die Maserung der Holzdecke über sich. Schläfrig schlüpften ihre Gedanken hinauf zu den alten Balken und Bohlen. Sie verloren sich in den Spalten, verschwanden in den Rissen.

Auf wie viele Bewohner hatte diese alte Decke eigentlich bereits herabgesehen? Wie viele Leben waren unter ihr geboren und gelebt worden? Wie viel Freude, wie viel Leid und Hoffnung sind im Blick der Augen zu ihr hinaufgewandert?

Vielleicht hatte die Last dieser verflossenen Geheimnisse sie mittlerweile müde gemacht, da sich die Decke zur Mitte des Zimmers hin merklich senkte. Vielleicht neigte sie sich aber auch den Menschen zu, tröstend und erstaunt über deren große und kleine Dummheiten, ihre Liebesnächte und verzweifelten Tränen. Und wäre es ihr möglich gewesen, sie hätte sicher ihren schweren, hölzernen Kopf geschüttelt über die Unrast, mit der die Menschen unter ihr lebten. Sie verstand die Menschen nicht. In ihrer jeweils eigenen Art waren sie einander zu fern, obwohl nur ein wenig Luft sie trennte.

Es war aber ein leises Ahnen in ihr, – tief drinnen zwischen ihren Holzfasern, dort wo die Langsamkeit der Zeit manchmal noch ein kurzes, trockenes Knacken hervorbrachte –, dass der Menschen Unruhe und Drang nach Veränderung der kurzen Verweildauer entspringen mochten, die ihnen auf dieser Erde gegeben war.

Sie hingegen hatte schon ein ganzes langes Leben gelebt, bevor sie in dieses Haus kam und bevor sie hier zu ihrer neuen Bestimmung fand.

Jetzt war auch das Haus schon alt geworden, sehr alt und noch immer war ihr Ende nicht in Sicht.

Aber ganz allmählich nagte die Zeit auch an ihr. Sie wurde noch ein bisschen dunkler, zerfalteter und geriet ein wenig aus den Fugen.

Das Alter formte sie – zärtlich, aber bestimmt.

„Gerdi!?“

Langsam drängte sich ihr Name ins dämmernde Bewusstsein.

„Gerdi, bisch du in dei’m Zimmer?“

Sie war eingeschlafen gewesen.

Paul stand unten im Hof und rief nach ihr. Er wollte fahren.

Gerdi sprang auf, lief noch etwas benommen vom Schlaf zum Fenster und rief hinunter:

„Ja, bin ich. Warte kurz, ich komme gleich!“

Sie rieb sich einen Rest Schläfrigkeit aus den Augen und zog den dicken grauen Pullover über. Es war ihr Arbeitspullover. Der hatte sie nun schon viele Jahre begleitet. Auf jedem Hof, auf jedem Acker war er dabei gewesen. Gute Wolle, fest gesponnen und doppelt verstrickt, sodass kein Wind durchpfiff, auch wenn er ihr oftmals heftig ins Gesicht blies.

Heute lockte draußen eine verführerische Sonne von einem blau weißen Himmel, aber es war noch recht kühl. Ein frischer Ostwind trieb die letzten Winterfetzen vor sich her, fegte sie spielend übers Land und hielt hier und da vereinzelte Schneewehen lebendig, die sich in schattigen Gräben festgesetzt hatten.

Paul saß bereits im Auto und wartete.

Gerdi zog die Haustüre hinter sich zu, sprang mit einem Satz die drei Stufen hinunter, lief zum Wagen und setzte sich neben Paul.

Die beiden fuhren entlang der Felder, die nahe am Hof lagen und weiter zu den entfernter gelegenen Äckern. Immer wieder hielt Paul an, sie stiegen aus, zogen junge Getreidepflanzen aus dem Boden, begutachteten deren Bestockung und prüften die Bodengare und Durchwurzelung.

Das Wintergetreide stand bereits recht ordentlich da, ein sattes Grün wechselte sich ab mit dem Braun fetter Erde.

Die schüchterne Wärme der Sonne an diesem frühen Apriltag zauberte einen milchig dunstigen Schleier über die Weite der Ebene, auf der die Felder in weitem Umkreis verteilt lagen und überzog die Landschaft mit sanften Pastelltönen. Altrosa, Zartgrün, Blassblau und Schlüsselblumengelb mischten sich zu einem perfekten, großartigen Bild. Aus der Ferne schimmerten silbrig hell die Weiden eines Auenwaldes herüber, den Horizont säumten entfernte Hügelketten.

Beim Anblick der Riedlandschaft, die reizvoll in ihrer Offenheit und Weite vor ihr lag, machte Gerdis Seele einen Sprung und flog hinter einer kleinen Schar früh zurückgekehrter Stare her, die mit ihrem glänzenden Gefieder durch das klare, kalte Blau segelten.

Mit den ersten Zugvögeln war auch ein wenig mehr Leichtigkeit in Gerdis Welt zurückgekehrt. Die schweigende Starre des langen Winters hatte dem lebendigen Treiben und Werben der gefiederten Gesellen Platz gemacht. Ihr aufgeregtes Gezwitscher durchzog die hellblaue Vorfrühlingsluft gleich den bunten Bändern, die bald wieder an den Maibäumen in den Dörfern flattern würden. Das geschäftige Hüpfen und Zirpen in jedem Busch weckte ihre eigene Lust auf Bewegung und die Freude darauf, wieder im Garten und auf dem Feld zu arbeiten.

Hey, da seid ihr ja wieder, ihr kleinen Vaterlandsverräter!

Die härteste Zeit im Jahr habt ihr uns hier selbst überlassen. Keine sehr feine Art, wenn auch verständlich.

Aber wo kommen wir denn hin, wenn jeder gleich die Flucht ergreift?

Sie atmete tief, als könne die Luft nicht nur ihre Lungen, sondern auch ihr Herz mit Zuversicht füllen.

In Momenten wie diesem glaubte sie, dass ihre Entscheidung, hier geblieben zu sein, richtig war. Sie schaute sich nach Paul um, drehte bei und setzte zur Landung an, mitten hinein in die Wirklichkeit und in die dicke Qualmwolke seiner Havanna.

Paul, ein großer Mann mit einem charmeurhaften Lächeln unter dem Dreitagebart, ließ gerade eine Handvoll feinkrümeliger Erde durch seine langen Finger rieseln und sah nachdenklich in den Himmel, nach Westen – dahin, wo für gewöhnlich das Wetter herkam.

„A baar trock’ne Dag no’ ond mer koa zum Hacken raus fahr’n, oder? Was moinsch’d?“, fragte er Gerdi.

„Mir soll’s recht sein. Besser, wir legen los, sobald es geht. Wer weiß, wie lang es noch gut bleibt.“

„Früh dran sin’ mer heuer. So war’s scho’ lang net mehr. ’s koannt’ sei, dass es net ganz schlecht wird …“

„Na ja, wir schauen mal, ob das Wetter mitspielt. Wegen mir kann es losgehen.“

Ja, das Wetter!

Es hatte sie während der gesamten Ernte im vergangenen Herbst nicht im Stich gelassen.

Ein langer goldener Herbst war es gewesen. Kaum ein Regentag hatte sich in die Erntezeit geschoben. Sie hatten das Wurzelgemüse und die Zwiebeln trocken und sauber ins Lager gebracht. Ein glücklicher Umstand war es gewesen, der während der Winterarbeiten im Gemüselager ihre Arbeit enorm erleichterte.

Noch sehr gut erinnerte sich Gerdi an ihr mulmiges Gefühl beim ersten Anblick der riesigen Erntemengen, die mit jeder weiteren Hängerladung Gemüse zu meterhohen langen Halden in der Lagerhalle aufgeschüttet wurden.

Sie konnte sich damals nur schwer vorstellen, dass diese gewaltigen Mengen Gemüse irgendwann einmal gewaschen, sortiert, abgepackt und verkauft sein würden. Nach vielen langen und kalten Wintertagen am Fließband und an der Waschanlage wusste sie es besser.

Die letzte Erntezeit war brechend voll gewesen mit Arbeit. Trotz allem aber waren es für Gerdi bessere Zeiten als heute. Damals gab es noch eine Liebe zwischen Paul und ihr, wenn auch eine ungewöhnliche.

Es war die Zeit, als Gerdi auf Pauls Hof gezogen war.

So wie heute, war es auch früher immer auf ihren Feldrundfahrten.

Die kleinen Gespräche über das Wetter, das Erwägen, wie sich Arbeit und Ernte entwickeln würden und Pauls vertrauter Ausspruch, dass es „net ganz schlecht sei“. Nicht ganz schlecht – das hieß immer: wir haben gemacht, was wir konnten, und wir haben versucht, das Beste daraus zu machen. Es hieß auch, sich kleine Fehler verzeihen zu können, Zugeständnisse an die eigene Unzulänglichkeit zu machen und mit dem Wettergott, dem unzuverlässigen Mitstreiter, seinen Frieden zu schließen.

Nicht ganz schlecht!

In diesen drei Worten steckte auch eine Hoffnung und hinter der Hoffnung verborgen saß die Angst – eine alte menschliche Angst vor Not, vor Armut und Verlust.

Nicht, dass sich Pauls Angst in den Vordergrund gedrängt hätte, nein, sie war vielmehr ein Teil des Motors, um weiterzumachen, um täglich das komplexe Hofgefüge mit all der Arbeit und Verantwortung, die daran hing, zu stemmen und weiter zu entwickeln. Für Paul war die Angst gewissermaßen eine seiner Antriebsfedern, mit deren Zugkraft er den Hof zu dem gemacht hatte, was er heute war.

Ihr gemeinsamer Austausch über den Zustand von Getreide und Gemüse, über die Entwicklung der Kartoffeln, der Zwischenfrucht und Grünbrache, über die Beschaffenheit und Pflege des Bodens war ihnen beiden wichtig.

Paul war Bauer mit Leib und Seele. Er war immer bestrebt, seinen Betrieb und den Erfolg seiner Arbeit zu optimieren. Es machte ihm Spaß, Neues auszuprobieren. Und umso wichtiger war es, genau hinzuschauen, was sinnvoll war oder was er verändern musste, wie Arbeitszeit eingespart und Arbeitsabläufe erleichtert werden konnten.

Ihre vielen kleinen Gespräche brachten neue Erkenntnisse und warfen Fragen auf.

Die Fragen halfen Paul, seine Erfahrungen zu sortieren und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Ihre Gespräche waren ein Teil ihrer gemeinsamen Arbeit – der Arbeit, die Gerdi und Paul noch immer miteinander verband.

Paul hatte Gerdi vom ersten Tag ihres Kennenlernens an in seine Arbeit eingebunden.

Ihre Meinung war ihm nicht nur wichtig, mehr noch: es war der Austausch, den er nach Jahren des alleine Wirtschaftens auf seinem Hof gebraucht hatte.

Paul war fast fünfzig Jahre alt. Sein Leben lang war er Bauer gewesen. Als Ältester der fünf Geschwister hatte er den elterlichen Hof und mit ihm auch die Lebensaufgabe, die damit verbunden war, übernommen.

Paul hatte zusammen mit seiner früheren Frau, den drei Söhnen und der inzwischen verstorbenen Mutter auf dem Hof gelebt. Die Söhne waren längst erwachsen. Einer nach dem anderen hatte der Landwirtschaft den Rücken gekehrt. Pauls Ehe war nach endlosen Streitereien endgültig gescheitert und geschieden worden. Seine Frau war weggezogen. Sie hatte nach der Scheidung den Hof ihrer eigenen Eltern übernommen und Paul blieb zurück, allein.

Weilersried war ein Erbhof und gehörte seit vielen Generationen Pauls Familie.

Er lag auf altem fruchtbarem Bauernland und war zu einer Seite umsäumt von bewaldeten, sanft abfallenden Hügelketten. Zur anderen Seite hin öffnete sich das Land in die weite Niederung einer Flusslandschaft. Und über all dem spannte sich ein großartiger Himmel, der mit seinem Licht die Farben der Landschaft ungewöhnlich leuchtend hervorhob und sie an dunstigen Tagen mit einem zarten Schleier überzog und verzauberte.

Für Gerdi war es ein wunderschöner Fleck Erde, in den sie sich vom ersten Blick an verliebt hatte.

Kleine alte Bauernhäuser, einfach und niedrig gebaut, mit angrenzenden Scheunen, Ställen und Gärten säumten die gewundenen weiten Dorfstraßen. Die mit Liebe angelegten bunten Gärten, gepflasterte Innenhöfe, kunstvolle alte Taubenschläge und gepflegte Kirchplätze entwarfen ein fast malerisches Bild.

In Gerdi weckte diese Gegend ein heimeliges Gefühl und zugleich ihren alten Traum von einem Platz, an dem sie geschützt und zuhause sein konnte. Es war ihre insgeheime Sehnsucht nach einem Ort, an dem die Welt noch in Ordnung war.

Paul hatte schon immer auf Weilersried gelebt und gearbeitet. Als Bauer war er tief verwurzelt mit Landschaft und Menschen. Dieses Leben hatte ihn geprägt wie kein anderes. Von Paul ging eine bodenständige Sicherheit und Gelassenheit aus, die Gerdi in einen fast magischen Bann zog. In Paul fand sie, was ihr in ihrem Leben schmerzlich gefehlt hatte.

Sie war wie ein Blatt im Wind und er der Boden, auf den sie fiel.

Mit ihrem unruhigen, bewegten Leben schien Gerdi das schiere Gegenstück von Paul zu sein. Und wäre nicht schon lange das tiefe Bedürfnis nach Beständigkeit, nach Ursprünglichkeit, dem engen Verbundensein mit der Natur und deren Gesetzmäßigkeiten in ihr gereift und hätte sie nicht vor vielen Jahren diesen Weg eingeschlagen und verfolgt, sie wäre nie in die Landwirtschaft gegangen.

Paul und sie wären einander niemals in solch tiefem Einvernehmen begegnet, wie vor fast einem Jahr.

Sie, Gerdi, das Großstadtkind und Paul, der Bauernsohn – zwei Leben, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können.

Drittes Kapitel

Obwohl es jetzt schon lange zurück lag, erinnerte Gerdi sich sehr gut an den Tag, als sie das erste Mal einen Fuß auf diesen Weg gesetzt hatte. Seitdem zog er sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die Umstände dieses Tages blieben ihr deutlich in Erinnerung, weil ihr Leben seit dieser Zeit eine Wende genommen hatte.

Mit Leon und Luisa, ihren beiden Kindern, hatte sie damals in der Stadt gelebt.

Ein Hinterhaus, kleine Wohnung unterm Dach, Toilette auf dem Treppenabsatz und Blick auf den zweiten Hinterhof. Es war ein einfaches Zuhause, dafür aber bezahlbar. Für die Kinder und sie hatte es gereicht. Und eigentlich lebten sie gerne dort.

Der kleine bepflanzte Hof mit dem blühenden Pflaumenbaum, der sich mit seinen ausladenden Ästen direkt vor ihrem Fenster ausbreitete, war für alle Hausbewohner eine idyllische Oase inmitten der Großstadt.

Im späten Frühjahr jagten die ersten Horden von Mauerseglern einander um die Häuserblöcke. Das schrille Geschrei der pfeilschnellen Vögel, die an den geöffneten Fenstern vorbeischossen, erschien Gerdi stets wie eine Verheißung auf Sommer und Sonne.

Bald schon sickerte die Hitze allmählich wie dicker Sirup aus dem himmelblauen Ausschnitt zwischen den Häuserwänden und füllte auch ihren Hinterhof. Die hohen Mauern der Vorderhäuser standen wie ein Bollwerk gegen den Lärm und Gestank der großen Straßen, die ihren Wohnblock umgaben, und den Kindern war der Hof ein geschützter Ort zum Spielen. Für Gerdi war dies viel wert. Es war mehr, als sie je davor gehabt hatte.

Damals, als Luisa noch klein war, fehlte ihr eine solche Möglichkeit.

Alle Spielplätze der Umgebung hatte sie mit Luisa längst ausfindig gemacht gehabt, immer auf der Suche nach einem, der ihr erträglich schien. Gerdi mochte keine Spielplätze!

Es war ihr eine erdrückende Vorstellung, sich auf diesen viereckigen Plätzen mit den vierfarbigen Spielgeräten zusammen mit all den anderen Müttern und Kindern festgenagelt zu fühlen.

Über den sich anbahnenden Windel-Kinderarzt-und-Trotzphasen-Gesprächen schien stets eine allgemeine träge Unlust zu schweben. Da half auch Luisas Lachen und Spaß an der Sandkastenwelt nicht ganz darüber hinweg.

Jetzt ging Luisa bereits in die zweite Klasse und Leon fing gerade an zu laufen.

Und noch immer wohnten sie in der kleinen Wohnung unterm Dach. Noch immer war es der gleiche Hof, der gleiche Baum, derselbe Blick auf das viereckige Stück Himmel.

Nur etwas war anders – Gerdi war es längst zu eng geworden.

Sie sehnte sich nach Luft und Weite, nach Bäumen, Erde und nach echtem Wasser. Sie wollte den Lauf der Sonne nicht mehr an den länger werdenden Mauerschatten ablesen. Sie wollte hinaus – raus aus der Stadt. So oft es ihr möglich war, ging sie mit den Kindern in den stadtnahen Wald.

Die Sehnsucht nach Weite und ihr Drang, der Enge der Großstadt zu entkommen, zog sie immer öfter nach draußen, hinauf auf die Bergrücken des Taunuswaldes. Und zuhause, im Hinterhof, rückten die Häuserwände ganz allmählich enger zusammen.

Und irgendwann dann kam dieser eine Tag.

Es war später Nachmittag, als Gerdi mit den Kindern von einem ihrer Ausflüge zurückkam. Sie bereitete gerade das Abendessen zu. Alles war wie immer – bis sie an das Küchenfenster ging, um es zu öffnen. Für den Bruchteil einer Sekunde wehrte sich Gerdis Bewusstsein noch anzunehmen, was sie sah. Dann schrie sie auf. Ihr Blick fiel ungehindert auf die nackte graue Hauswand gegenüber!

„Der Baum! Verdammt, wie kann das sein? Der Baum ist weg!

Was haben sie mit dem Baum gemacht? Wer war das? Warum? Wer macht so etwas!?“

Gerdi rannte die Treppe hinunter und suchte Karen, ihre Nachbarin.

„Was ist mit dem Baum passiert? Wer hat den Baum gefällt?“

„Heute Mittag waren zwei Arbeiter da. Wir konnten nichts dagegen machen!

Der Baum wuchs zwar unserer Hofseite zu, aber er wurzelte tatsächlich auf der anderen Seite des Maschenzaunes und gehörte zum anderen Grundstück. Wir haben das nur nie beachtet.“

„Aber warum? Wen hat denn dieser Baum gestört?“

„Die Bewohner im Nachbarhaus – er hat ihnen angeblich zu viel Licht genommen …“

Mein Baum, dich gibt es nun nicht mehr!

Hast dich einfach über Menschenbedürfnisse hinweggesetzt!

Du wusstest nicht, mein Lieber, so etwas wird hart geahndet. Hältst die Spielregeln nicht ein! Hast den Kopf nicht eingezogen, dich zu sehr nach dem Licht gestreckt …

Was glaubtest du eigentlich, wo wir hier leben?

Über andere hinauswachsen – das hat schon so manchem den Kopf gekostet – oder auch den Stamm, je nachdem.

Jetzt bist du tot!

Hast alles Grün und Duft und Leben mit in deinen Baumhimmel genommen.

Du fehlst!

Gerdis wütendes Gezeter half nichts.

Und es half nichts, die Nachbarn des Nebengebäudes in den zwanzigsten Stock einer Hochhaussiedlung zu wünschen, wo ihnen ganz bestimmt kein Baum mehr das Licht nehmen würde.

Auch eine Beschwerde beim Amt für Grünflächen nützte nichts. Dort wurde sie umgehend sehr amtlich und sehr ernsthaft über Paragraphen belehrt, die zwar Laubbäume im Stadtgebiet schützten, nicht aber Obstbäume. Egal, wie groß und schön der Baum war, wie viele Vögel darin nisteten – es wurde ihm zum Verhängnis, im Frühling in weißer Blütenpracht zu stehen und im Sommer Pflaumen zu tragen.

Gerdi verstand die Welt nicht mehr. Nur Eines wusste sie ganz klar – so ging es nicht mehr! Nicht für sie.

Gedankenverloren schlürfte Gerdi an einer heißen Tasse Tee, bevor sie das Gespräch mit ihrer Nachbarin wieder aufnahm:

„Karen, ich möchte nicht mehr hier leben, verstehst du? So gern ich auch mit euch in unserer Hausgemeinschaft wohne, ich kann es nicht mehr ertragen! Ich ersticke in der Enge! Es macht mich krank!

Wenn ich wenigstens irgendwo einen Garten hätte, so wie du! Ein Stück Erde, auf dem ich sein kann.“

Gerdi saß mit Karen am Tisch. Sie war noch immer aufgebracht und sah hinunter in den Hof.

Die beiden Frauen hatten schon seit geraumer Zeit miteinander gesprochen und vor ihnen stand bereits eine zweite Kanne Tee.

Seit sieben Jahren wohnten sie schon im selben Haus. Sie hatten sich angefreundet, gegenseitig ihre Kinder betreut und sich viel aus ihrem Leben erzählt. Die Kinder hatten sich mittlerweile, gelangweilt von den Gesprächen der beiden Frauen, ins Kinderzimmer verzogen und spielten dort miteinander.

„Ich versteh dich ja“, antwortete Karen, „ganz gut sogar. Aber – vielleicht kann ich dir helfen.

Ich habe neulich beim Spazierengehen einen leer stehenden Garten gesehen mit einer kleinen Hütte. Und ich weiß auch, wem er gehört, weil ich mich erkundigt habe.“

„Bitte? Was sagst du da?“

„Ich such dir mal die Nummer von den Besitzern raus. Vielleicht hast du ja Glück.“

Und Gerdi hatte Glück! Großes Glück!

Der alte Garten mit der kleinen Hütte, oberhalb eines dörflichen Vorortes gelegen und umgeben von Feldern, war ein unglaubliches Geschenk. Und er war weit mehr noch – er war die Wende im Leben von Gerdi, dem Großstadtkind.

In diesem Garten hielt Gerdi das erste Mal die Nase in den frischen Wind. Wie eine junge Wölfin witterte sie die Fährte, die hier ihren Lauf nahm.

Noch war der Garten fremd für sie.

Eine fühlbare Spannung und Unruhe überkam sie jedes Mal, wenn sie das Tor aufschloss und eintrat in eine Welt, die sie nicht kannte. Sie spürte es mit jeder Faser, sie war nicht einfach aufgenommen in dieser Welt. Es lag einzig an ihr, sich Einlass zu verschaffen.

So Vieles gab es hier für sie zu entdecken!

Überall waren heimliche verwilderte Ecken, die sie lockten – Kräuter, Pflanzen und alte, von Unkraut überwucherte Stauden, deren Namen ihr unbekannt waren. Der Garten nahm sie einfach mit auf eine Reise in seine grüne Unterwelt.

Und dieser Garten sollte ihr Lehrmeister werden.

Auf wundersame Weise, geschickt und beharrlich hielt er Gerdi kleine Spiegel vor Augen.

Wenn sie sich erschöpft und mit schmerzendem Rücken über einem Gemüsebeet abrackerte, so zog er amüsiert das Spiegelchen der Ungeduld hervor und ließ Gerdi einen Blick hineinwerfen.

Ein anderes hielt er ihr für verbissenen Ehrgeiz entgegen.

Auge in Auge und etwas peinlich berührt stand sie unverhofft ihrer Erfolgssucht gegenüber. Und wenn Gerdi es schaffte, allzu stur an einem der Spiegelchen vorbeizuschielen, scheute er sich keineswegs, auch härtere Maßnahmen zu ergreifen.

Dann beschwor er eine wuchernde grüne Hölle herauf, trommelte die gefräßigsten aller Schnecken herbei und pfiff zum Angriff auf die Salatköpfe und Zucchinipflanzen, um in einer einzigen Nacht all ihre Arbeit zunichte zu machen.

Okay – okay, okay, ich hab’s verstanden! Jetzt hör mir mal zu!

Ich bin das nicht gewohnt. Bisher war alles anders!

Wenn ich etwas wollte, dann hab ich’s angepackt und gemacht, koste es, was es wolle. So hat es bisher immer funktioniert. Kannst du mir vielleicht verraten, warum das jetzt nicht geht? Ach so, du meinst also, ich bin blind.

Ach – und taub noch obendrein? Und mein Verstand wäre nicht halb so groß wie ein Spatzenhirn?

Na gut, ich werd mal drüber nachdenken.

Gerdi warf sich ausgestreckt ins Gras und schaute in den Himmel. Lange.

Der Wind zog sanft über sie hinweg, rupfte mal hier, mal da ein Stückchen Ehrgeiz ab und übergab es den Wolken, die einfach weiter zogen. Die Fliege auf der Nase kitzelte ihr ein Lächeln ins Gesicht und die Sonne schmolz ihr arbeitsames Streben in eine wohlige Trägheit um.

Sie ließ sich morgens von den Amseln wecken, begrüßte am Mittag das Bussardpärchen, das seine stillen Kreise zog und sorgte sich um den Verbleib des Eichhörnchens, wenn seine gewohnten fünf Sprünge über das Dach der Gartenlaube und hinüber in den Reineclaudenbaum am Morgen ausblieben.

Hier draußen im Garten lernte sie die erschreckende Dunkelheit und die Kühle der Nacht kennen, und sie ließ sich vom Vollmond bezaubern, der ein milchiges Silber über den Garten vergoss. Sein helles Licht hob jede Pflanze, jeden Grashalm, jeden Busch magisch hervor und zeichnete schwarze Silhouetten in den sternenklaren Nachthimmel.

Ganz allmählich fand Gerdi den Weg in eine Welt, die ihr bislang verschlossen gewesen war. Von außen betrachtet, hatte sich nichts merklich verändert, nur dort, wo ihr Bauchbarometer saß, war ein ihr unbekannter weiter Raum entstanden, der gefüllt sein wollte mit neuem Leben.

Für Leon, Luisa und Gerdi wurde der Garten ein zweites Zuhause.

Viertes Kapitel

Gerdi stand auf Weilersried im Hausflur und telefonierte.

Den Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt versuchte sie, ihre Schuhe anzuziehen, während sie mit Leon sprach.

Sie hatte es eilig. Es war fast vier Uhr und wieder hatte sie es nicht geschafft, früher mit der Arbeit fertig zu werden. Jetzt lag die ganze lange Fahrt noch vor ihr und Gerdi mochte es nicht, im Dunkeln zu fahren.

„Ja, ja – natürlich bringe ich Kartoffeln und Gemüse mit“, antwortete sie etwas gestresst in den Hörer, „hab schon alles ins Auto gepackt. Ja, auch die Kette, die du das letzte Mal hier hast liegen lassen. Wenn nichts dazwischen kommt, bin ich gegen Abend bei euch. Also, mein Schatz, ich fahr jetzt – bis dann!“

Sie schickte noch einen flüchtigen Kuss durchs Telefon und legte auf.

Gerdi hob ihren roten Rucksack auf, nahm die Handtasche und den dicken Pullover und machte noch einen Abstecher ins Badezimmer.

Zahnbürste, Duschgel, Haarbürste, Deoroller … ach ja, den Kajalstift und Haarfön darf ich nicht vergessen, so was haben die beiden Männer zuhause natürlich nicht.

Okay, ich glaub, das war’s!

Sie stopfte alles in den Kulturbeutel und versuchte mit Nachdruck, diesen auch noch im Rucksack unterzubringen. Wohl bereits zum hundertsten Mal machte sie dabei die Erfahrung, dass es scheinbar keine Tasche gab, die wirklich zur Menge des Gepäcks passte. Egal, wie groß sie war, sie war auf jeden Fall zu klein.

So war es natürlich auch dieses Mal. Ihr Gepäck ließ zwei Wochen Urlaub vermuten, dabei würde sie in genau achtundvierzig Stunden wieder hier sein.

Na ja, es ist noch früh im Jahr. Der Winter hat sich noch nicht endgültig verzogen, da brauche ich eben warme Kleidung, dicke Socken, ein zweites Paar Schuhe … im Sommer wäre es sicher anders.

Im Sommer!

Falls ich im Sommer noch hier bin.

Wo ist Paul überhaupt? Ich will mich von ihm verabschieden. Wenigstens einmal drücken, Kuss und Nase aneinander reiben, noch was Nettes sagen.

Sie ging hinaus und sah Paul in der Halle, in der er Getreide reinigte und schaute ihm einen Moment lang zu. Verwegen hatte sich der feine Staub vorgenommen, jedes nur erreichbare Haar auf Pauls Gesicht zu besetzen und zeichnete eindrucksvolle Strukturen auf Wimpern und Augenbrauen. Ein wenig wild sah er aus, der Bauer, mit seiner gepuderten Auflage.

Gerdi mochte sein Gesicht, wie eigentlich alles an diesem Mann, und am allermeisten gefielen ihr seine Augen und sein spitzbübisches Lachen, wenn es ihm gut ging.

Sie lief zum Auto, verstaute ihr Gepäck und schlug die Tür vom Kofferraum zu.

Paul sah Gerdi entgegen, als sie über den Hof auf ihn zuging.

„Fahrsch’d jetzt?“, fragte er sie.

„Ja, ich will nicht allzu spät bei Leon auftauchen. Er weiß, dass ich eigentlich schon unterwegs bin.“

„Also dann, pfia’di!“

Kleines, verlorenes Küsschen von ihm – Vorhang – und ab.

Ihr Bauchbarometer machte sich bemerkbar. Es rumorte und tendierte gegen rot. In Gerdis Kopf blieben Enttäuschung und Rebellion über Pauls lieblose Art hängen. Sie schluckte die Worte hinunter, die sich in ihrer Kehle verhakt hatten, drehte sich um und ging.

Dann stieg sie ins Auto und fuhr, ohne anzuhalten.

Der Kilometerzähler fraß die Strecke in kleinen Happen.

Zeit und Geschwindigkeit spürte Gerdi kaum noch. Die kleinen verschlafenen Dörfer der Alb hatte sie längst hinter sich gelassen.

Entlang der Autobahn flog die Landschaft vorbei. Die Entfernung schien auf wundersame Weise zusammengeschrumpft auf einen harten, aber standhaften Kern, so oft war sie diese Strecke nun schon gefahren. Früher immer „hinunter“ und seit sie auf Pauls Hof lebte, immer „hinauf“.

Aber nicht nur die angestrebte Wunschrichtung mit den dazwischen liegenden Sehnsuchtszeiten hatte sich geändert. So Vieles war anders geworden. Anders als gewünscht und gehofft und geplant.

Gerdi erinnerte sich an ihre Fahrt „hinunter“, als sie Paul das erste Mal traf.

Sie hatten einander über eine Annonce in einem landwirtschaftlichen Blatt kennen gelernt. Paul suchte eine Partnerin. Gerdi hatte ihm geschrieben und Paul hatte geantwortet.

Ein später und recht heißer Frühlingstag war es gewesen, als sie sich das erste Mal trafen.

Gerdi lebte damals noch mit Leon zusammen in einem verschlafenen Taunusdorf. Auf dem Hof befreundeter Bauersleute betrieb Gerdi ihren eigenen Gemüseanbau und unterhielt in der nahe gelegenen Kleinstadt einen Laden.

Es war Samstagnachmittag – endlich!

Nachdem Gerdi die letzten Gemüsekisten im Kühlraum verstaut hatte, ließ sie die Rollläden herunter, knipste das Licht aus und zog die Türe ihres kleinen Ladens hinter sich zu. Der Schweiß stand ihr in glänzenden Perlen auf der Stirn. Sie hatte zügig gearbeitet. Jeder Handgriff saß, kein unnötiger Gang, die gewohnten Arbeitsschritte schachtelten sich ineinander wie ein Baukastensystem.

Gerdi mochte die fließende Dynamik ihrer Arbeit und war wie so oft gottfroh über die äußerst praktische Fähigkeit, wenn es sein musste, unglaublich schnell arbeiten zu können. Sie hatte ein riesiges Energiepotential zur Verfügung. Das war ihr Glück. Ohne dieses Potential hätte sie es nicht geschafft, das Pensum ihrer täglichen Aufgaben und Verpflichtungen zu bewältigen. Und dennoch, wieder war es spät geworden und ihre Arbeitswoche war unendlich lang gewesen. Oder vielleicht erschien es ihr auch nur so, weil sie diesen Samstagnachmittag herbei gesehnt hatte, wie schon lange nichts mehr.

Mist, eigentlich bin ich jetzt total erledigt!

Diese elende Schlepperei, bis ich endlich hier heraus komme! Es kostet mich alles!

Die Kundschaft ist längst schon zuhause und hat sich von meinem Gemüse etwas Gutes gekocht. Soll sie ja auch! Bloß, ich stehe hier immer noch, hungrig und viel zu müde zum Essen und bin ziemlich am Ende.

Na gut, Gerdi, aber komm, gleich hast du’s geschafft! Vergiss den Stress und lass einfach alles hinter dir!

Heute ist ein besonderer Tag. Dein Tag! Und die vierhundert Kilometer, die vor dir liegen, die schaffst du auch noch – irgendwie.

Glücklicherweise gab es aber noch etwas, das Gerdi mindestens so gut vermochte, wie schnell zu arbeiten. Sie konnte sich auch ziemlich schnell wieder erholen. Und das war gut so, denn sie hatte ein kleines Problem, das sich schon lange durch ihr Leben zog.

Eigentlich konnte sie sich gar nicht mehr recht erinnern, wann es anfing. Jedenfalls war es lange her. Die Zeit, die ihr zur Verfügung stand, reichte ihr nämlich nie – weder für die Dinge, die sie machen wollte, noch für die Ruhe, die sie nötig gehabt hätte.

Also kaufte sie sich an der Tankstelle ein Eis für eine Fünf-Minuten-Pause und lutschte die sahnige Kühle und Schokolade in sich hinein. Dann fuhr sie los – das erste Mal „hinunter“. Zusammen mit dem abgeleckten Eisstäbchen warf sie das Drückende ihres Alltags aus dem Fenster des alten VW-Busses, schob die Filmmusik von „Amelie“ in den CD-Spieler und fuhr Paul entgegen. Paul, den sie bisher nur von seinen Briefen, einem Foto und den Gesprächen am Telefon kannte.

Als nur noch wenige Kilometer sie vom Weilersrieder Hof trennten, fuhr sie aus einem Waldstück heraus, das zwar noch auf der Albhöhe lag, ihr aber die Sicht auf das unter ihr liegende Ried versperrte.

Sowie sie den Wald hinter sich gelassen hatte, öffnete sich im selben Moment vor ihren Augen eine ebene Flusslandschaft und breitete sich wie ein unregelmäßiges buntes Schachbrettmuster in fruchtbarer Weite vor ihr aus.

Vereinzelte schlanke Pappeln und mächtige Weiden hoben sich eindrucksvoll vor dem Hintergrund üppiger Maisfelder und Getreideäcker ab. Die schräg einfallenden Strahlen der tief im Westen stehenden Sonne überzogen das weite Land mit einem goldfarbenen Weichzeichner und hoben gleichzeitig die Konturen einzelner Baumgruppen fast surrealistisch scharf in den Vordergrund.

Gerdi sog den Blick auf die liebliche Landschaft wie einen befreienden Atemzug nach bedrängender Enge tief in sich hinein.

Es schien ihr, als müssten sich irgendwann auf diesem Teil der Erde Magritte, van Gogh und Monet wohl allesamt getroffen haben, um sich Anregungen für ihre Bilder zu holen. Nur um anschließend wieder in unterschiedliche Richtungen auseinander zu streben, der Eine den Anderen in Sichtweise, Ausdruck und Farbenspiel überbietend, um die Schönheit dieser Gegend auf ihren Leinwänden festzuhalten.

Fasziniert tauchte sie ein in das Bild einer toskanisch anmutenden Landschaft, die sich mit dem unwiderstehlich lockenden Charme und der runden Fülle einer italienischen Signora in ihr Herz schlich.

In der Weite der fruchtbaren Ebene fühlte sie sich mit einem Mal frei und leicht, ganz leicht, wie ein vom lauen Wind geschaukeltes Blatt und war bereit, an dem Ort zu landen, an den der Wind sie entlassen würde.

Als Gerdi schließlich auf Pauls Hof fuhr, glitt sie auf einem zarten Windhauch sanft zu Boden.

Sie stieg aus ihrem Bus und ging auf das Haus zu.

Es war ein gediegenes altes Bauernhaus, weiß gestrichen und mit vielen Fenstern, die sie durch die geöffneten grünen Läden anzublicken schienen.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, lief zur Türe und drückte auf die Klingel.

Es öffnete ihr aber niemand.

Keiner da? Na, so was aber auch!

Schau ich mich halt mal ein wenig um. Irgendwo werde ich Paul schon finden.

Er hatte mir ja geschrieben, dass er zwar „eigentlich“ keine Zeit hat, mich aber „eigentlich“ trotzdem ganz unbedingt sehen will.

Na gut, schau’n wir mal!

Wenn der Bauer gar zu stoffelig und ungehobelt ist, fahr ich einfach wieder heim.

Wär schad drum, aber dann war es halt nur ein netter Ausflug, eine kurze Bekanntschaft, eine flüchtige Hoffnung.

Es gibt nichts, was sein muss, aber alles, was sein kann!

Sie drehte sich um und ging den Weg entlang, der vom Hof aus zu den Feldern führte, ein wenig unsicher, ob sie Paul wohl erkennen würde. Bisher kannte sie sein Aussehen nur von einem Foto, das er ihr in seinem ersten Brief geschickt hatte.

Aus einiger Entfernung kam ihr jetzt ein Traktor entgegen und Gerdi wurde peinlich bewusst, dass sie ihre Brille nicht aufgesetzt hatte. Wenn sie Paul überhaupt erkennen konnte, dann sicher auch nur, wenn er schon direkt vor ihr stand.

Sie war noch immer dabei, ihre Unsicherheit und wirren Gedanken zu sortieren, als ihr bereits zwei blaue Augen und ein breites gewinnendes Lachen entgegen strahlten.

„Griaß di, guat dass’d do bisch! Gang scho vor an Hof, i komm glei’!“

Sie drehte um.

Gerdi lief und Paul fuhr nach einem kurzen Abstecher übers Feld, ebenfalls dem Hof entgegen.

Als er dort angekommen vom Traktor stieg, groß und kräftig, kariertes Hemd, kurze Hose und noch kürzere kupferrote Haare auf dem Kopf, eine Pfeife lässig im Mundwinkel und barfuß, blickte er direkt in Gerdis lachende Augen.

Und Gerdi sah auch ohne Brille, dass dieser Mann ihr gefiel.

Paul streckte ihr zum Willkommen herzlich beide Hände entgegen und nahm sie mit sich in die Küche, um für sie beide Kaffee zu kochen.

Der erste Blick, den Gerdi in die alte Küche auf Weilersried warf, sollte sich ihr unauslöschlich ins Gedächtnis brennen und schlüpfte noch im Moment der ersten Begegnung mitten hinein in ihr Herz.

Die dämmrige Geborgenheit, die von den dunklen Holzwänden und alten Schränken ausging und sich mit dem gedämpften Licht vermischte, das beharrlich durch dichtes Blattwerk umgebender Bäume sickerte und verstohlen durch die Küchenfenster schlüpfte, umfing Gerdi mit einer heimeligen Behaglichkeit. Die Küche nahm sie auf und war ihr erstaunlich vertraut, so als hätte sie diesen Raum schon immer gekannt.

Die von unzähligen Schritten ausgetretenen Stellen der dunkel gestrichenen Dielen, an denen das bloße Holz zum Vorschein kam, schienen ihr alte Ahnengeschichten zuzuflüstern.

Vom Spülstein zum Herd, vom Herd zum Tisch, zur Tür und zurück zum Spülstein, zum Herd und wieder zur Tür … spannen sich die Erinnerungen.

Einen Moment lang schloss Gerdi die Augen.

Wie in einer plötzlich auftauchenden Vision sah sie vor ihrem inneren Auge alte Frauen in langen Gewändern und fleißige Hände, die zugriffen. Sie lauschte flinken Schritten und vernahm das leise Tappen nackter Kinderfüße auf den Holzbohlen. Sie roch den dampfenden Kartoffelgeruch und Fettgebackenes, heiße Milch und beißenden Tabakqualm alter Männer, der von der langen Sitzbank unter dem Fenster zu ihr herüber quoll.

Die Küchengeschichten, die dieser Raum ihr erzählte, überschlugen sich und umwoben sie. Geschichten und Bilder vergangener Zeiten kullerten ihr zu Füßen und baten sie schmeichelnd, den leeren Platz in dieser Stube zu füllen. Sie forderten sie auf, das Feuer im großen Kochofen wieder anzuzünden, die Fenster weit zu öffnen, zu backen und zu kochen, damit ein neuer und doch uralter Geruch von Wohnlichkeit und Wärme wieder durch das Haus wehen könne.

Dieser alten Küche, dem Herzstück des Hauses, war Gerdi ohne Vorwarnung schutzlos ausgeliefert.

Und vor ihr stand Paul. Ein Mann, der ihr zunehmend gefiel mit seiner ruhigen Gelassenheit und einem vertrauensvollen Lächeln, und hielt sie mit seinen Augen fest. Passend zur Haarfarbe sprenkelten unzählige Sommersprossen sein Gesicht.

Er reichte ihr eine dampfende Tasse Kaffee und fragte mit bübisch gespieltem Unschuldslächeln, ob er ihr vielleicht ein „Busserl“ auf die Backe geben dürfe.

Das war schon harter Tobak, den Paul da ins Gefecht führte und Gerdi, die auf plumpe Anmache, auf „Busserln“ jeglicher Art von fremden Männern und vorschnelles Jagdverhalten grundsätzlich schroff oder brüskiert reagierte, erkannte sich selbst kaum wieder. Sie lachte Paul an, fiel ihm um den Hals und küsste ihn selbst.

Fünftes Kapitel

Jetzt schob Gerdi die Erinnerung an diese erste Begegnung mit Paul beiseite.

Sie war fast angekommen in ihrer alten Heimat und in der kurzen Zeit, die ihr hier blieb, wollte sie ganz da sein.

Als sie die Türe aufschloss, schlug ihr laute Hip-Hop-Musik entgegen. Oder war es Rap? Den Unterschied hatte sie nie wirklich verstanden, obwohl Leon es ihr schon öfter und ausführlich erklärt hatte. Aber das war ihr jetzt egal. Auf jeden Fall signalisierte die Begrüßungsmusik, dass Leon zuhause war. Und sie freute sich, wieder bei ihm zu sein.

„Hi, mein Schatz, wie geht’s dir? Komm, lass dich drücken!“

„Joooah, alles klar, passt schon. Und bei dir?“

„Na ja, ganz gut …“

Ein kurzer Blick in die Augen und beide wussten, dass es nicht stimmte – nicht bei Leon und nicht bei Gerdi.

„Du, sei so lieb und mach mir einen Getreidekaffee, mit viel Milch, du weißt schon. Und bitte, mach die Musik leiser, so können wir uns unmöglich unterhalten.“

„Aber die ist doch schon ganz leise!“

„Ja, ja, natürlich, aber nur für deine Ohren, also bitte …“

Das gedehnte Grummeln aus dem Hintergrund und ein kaum wahrnehmbares Absenken des Geräuschpegels ließen Gerdi vermuten, dass Leon ihrer Bitte nachgekommen war.

Diese kleinen Streitereien!

Früher, als Gerdi und Leon noch zusammen gelebt hatten, gingen sie ihr ziemlich auf den Geist. Sie zogen ihr oft den letzten Tropfen Energie ab, den sie nach einem langen und harten Arbeitstag noch in sich hatte. Streitereien – um was eigentlich?

Um die nicht erledigten Arbeiten im Haushalt, um sein unordentliches Zimmer, um die Kleidung, die ganz bestimmt nicht zum Wetter draußen passte, um das Essen, das mal wieder nicht schmeckte, um die schlampig oder gar nicht erledigten Hausaufgaben … geschenkt! Im Grunde nichts Ernstes. Es war wohl eher normal, zeitgemäß sozusagen.

Leon war sechzehn und steckte irgendwo inmitten der Blütezeit seiner Pubertät fest.

Seit Gerdi zu Paul gezogen war, lebte Leon mit seinem Vater zusammen.

Leon war nicht bereit gewesen, seine Freunde und die gewohnte Umgebung zu verlassen und Gerdi wollte nicht bleiben. So hatte sich Leons Vater entschlossen, für sich und seinen Sohn eine Wohnung anzumieten, damit Leon weiterhin an dem Ort leben konnte, an dem er bleiben wollte und hatte somit Gerdi den Weg einer freien Entscheidung ermöglicht.

Jetzt musste Gerdi in sich hinein grinsen, wenn sie an die täglichen kleinen Querelen mit Leon zurückdachte. Und irgendwie fehlten sie ihr sogar. Dem Schlagabtausch ihrer Konflikte haftete eine Lebendigkeit an.

Es war Leons Suchen und Ringen um seine Wirklichkeit, seinen Weg, seine Persönlichkeit, seine Stärken und Schwächen und gleichzeitig auch ihr eigenes Bemühen, ihn nicht gänzlich einer Welt zu überlassen, deren Ziele und Wertmassstäbe sie unerträglich fand. Im Grunde waren es kleine Kämpfe, in denen sie sich sagten:

Schau her, das bin ich! So denke ich und so sehe ich die Welt!

„Du, sag mal“, fragte Gerdi, „wie läuft’s eigentlich in der Schule? Kommst du klar?“

„Na ja, geht so. Hab in Mathe eine Vier Minus geschrieben – Kurvendiskussion …“

„Und warum? Hast Du nicht gelernt oder hast du es nicht verstanden?“

„Ja, doch, schon. Aber irgendwie … im Übrigen war’s genau der Klassendurchschnitt. Die anderen war’n auch nicht besser.“

„Doch, Leon, das glaube ich aber schon! Ganz sicher waren Einige besser und Andere waren dafür eben noch schlechter. Und ich glaube, das weißt du ganz genau! Wahrscheinlich hast du wieder am Abend vor der Arbeit angefangen zu lernen.“

„Ja, kann sein … ich hab einfach keinen Bock mehr! Im Übrigen ist der Lehrer blöd.“

„Bitte?“

„Ja, er ist blöd und ich mag ihn auch nicht.“

„Jetzt hör mir mal zu, mein Sohn. Vermutlich ist dein Lehrer nicht halb so blöde, wie du annimmst. Und selbst wenn er es wäre – das spielt doch überhaupt keine Rolle. Auch ob du ihn magst oder nicht, ist völlig uninteressant. Hier geht es einzig um dich, um deine Ausbildung, um deine Zukunft.“

„Hey, weißt du was – es nervt langsam. Lass mich einfach in Ruhe damit!“

„Kann sein, dass es dich nervt, Leon. Aber was erwartest du eigentlich von mir? Dass ich deine Null-Bock-Haltung akzeptiere? Ich bin deine Mutter und du bist mir nicht egal. Warum kapierst du nicht endlich, worum es geht?“

„ …“

Schweigen.

Leon hippelte mit beiden Beinen auf dem Boden und fixierte äußerst konzentriert die Zimmerdecke. Er hatte sich mittlerweile in seine „Ich-bin-nicht-da-Welt“ gebeamt und somit das Gespräch beendet.

Na klasse – das hab ich doch mal wieder geschickt hingekriegt!

Kaum bin ich hier, liegen wir uns schon wieder in den Haaren.

Ob sich eigentlich so eine Spannungskurve, die eben steil nach oben schoss, wohl auch mit einer Kurvendiskussion berechnen lässt?

Wäre doch sicher ganz spannend, mal herauszufinden. Vielleicht mit den entsprechenden Koordinaten und einer mathematischen Formel: Also wenn z. B. der Erwartungsdruck der Mutter X wäre und im Verhältnis stünde zum Befindlichkeitswert Y des Sohnes, dann ließe sich unter Einbeziehung weiterer Werte und Schnittstellen vielleicht der Zeitpunkt im Voraus berechnen, wann die Spannungskurve steil ansteigt. Ich könnte dann in Zukunft ja kurz vorher auf die Toilette gehen oder zum Bäcker. Das wäre vielleicht ein Erfolg versprechender pädagogischer Ansatz!

Vermutlich aber nur für Herrn Einstein und ähnlich lichte Geister praktikabel.

Ich werde es wahrscheinlich doch anders lösen müssen.

„Hey, Leon“, lenkte sie schließlich ein, „wollen wir uns nicht wieder vertragen?

Um zu grummeln ist unsere Zeit eigentlich zu schade. Es tut mir Leid wegen vorhin. Ich weiß, dass es kein Weg ist, so miteinander zu reden. Komm, erzähl mir lieber, was du gerade so machst und denkst.“

„Schon in Ordnung, kein Ding.“

Leon machte eine abwehrende Bewegung. Auch er wollte keinen Streit mit seiner Mutter und wechselte das Thema.

„Ich kann dir ja mal meine neue CD vorspielen. Hab ich die ganze Woche schon laufen lassen, hör mal! Gefällt’s dir?“

Leon schob eine CD in die Anlage und spielte Gerdi seine Lieblingssongs daraus vor. Sie hatte es sich auf Leons Bett bequem gemacht und hörte zu. „Und“, fragte Leon, „wie findest du’s?“

Gerdi schwieg einen Moment, bevor sie Leon antwortete:

„Naja, also, die Musik find ich nicht schlecht. Der Part mit der Klaviermusik im Hintergrund gefällt mir sogar ganz gut. Aber weißt du, Leon, dieser rohe und verachtende Text, der manchmal so abartig brutal rüberkommt, ist einfach heftig. Was soll sich denn daraus an Veränderung ergeben? Und wohin soll das führen, wenn nicht zu Hass und Gewalt?“

Leon verdrehte die Augen.

„Okay, du verstehst es einfach nicht!“, entgegnete er genervt.

„Oh, Mann! Es geht doch nicht darum, Hass und Gewalt zu erzeugen, sondern zu zeigen, dass genau das die Situation von vielen Jugendlichen ist. Dass es eben scheiße ist, so wie’s läuft. Dass vielleicht schon die Alten keine Arbeit haben und die Kids eben auch keinen Job kriegen, weil sie unter völlig miesen Bedingungen leben. Und Viele haben einfach keine andere Chance, als sich mit Dealen ihre Kohle zu verdienen oder indem sie irgendwelche Dinger drehen.“

„Ja, ja, ja, ist ja gut“, entgegnete Gerdi, „einesteils mag es vielleicht stimmen, was du da sagst. Aber andernteils stimme ich dir überhaupt nicht zu. Denn das, was du beschreibst, ist in gewisser Weise auch ein Klischee, das hier bedient wird.

Armut und Elend gab es doch schon immer und überall! Und trotzdem reagieren nicht alle Menschen gleich. Jeder Mensch bestimmt in jeder Situation, wie er sich entscheidet und wie er handelt, ob bewusst oder unbewusst, ob klug oder dumm, das sei mal dahingestellt. Aber er trifft seine eigene Entscheidung!

Und was ich bei dem, was du mir erzählst, vermisse, ist die eigene Haltung, die in eine andere Richtung weist.

Verstehst du, Leon, wenn ich Drogen verchecke und mich einen Dreck drum schere, dass ich andere damit ins Elend reiße, reagiere ich doch nach den gleichen Mustern, die andererseits aber angeprangert werden.“

Leon schüttelte den Kopf und sah seine Mutter an.

„Welche Muster? Ich versteh überhaupt nicht wovon du redest?“

Es war wie so oft – ihre Worte liefen aneinander vorbei.

Es war mühsam, eine Sprache zu finden, in der sie einander verstehen konnten. Für beide schien es so zu sein. Dabei war gerade die Musik oft ihr gemeinsamer Anknüpfungspunkt. Ihre wirklich guten Gespräche entstanden meist, wenn sie zusammen Musik hörten, – Leons Musik –, auf der Fahrt zur Schule oder wenn Gerdi, genervt über Leons Unordnung, in sein Zimmer polterte. Fast immer waren es kleine belanglose Alltagssituationen, die durch die Musik und ihre Auseinandersetzung darüber eine Bedeutung bekamen.

Hip Hop, Rap, „Gangsta“-Musik – manchmal stellten sich Gerdis Nackenhaare auf, wenn stumpfer Hass und ein verachtender Sexismus sie in dieser widerlich verrohten Sprache ansprangen. Dann zog sie schon auch mal ohne Diskussion das Kabel aus der Steckdose.

Aber neben all dem gab es auch noch etwas anderes, was bei diesen obercoolen Jungs mit dem finsteren Outfit mitschwang. Sie wusste, dass es falsch wäre, nicht hinzuhören, welche Aussage sich hinter ihrer Ghetto-Sprache verbarg. Diese Jungs waren schließlich Kinder unserer Zeit – Kinder einer Gesellschaft, deren Spiegelbild sie auf ihre Art und Weise zurückwarfen.

Und nichts anderes tat Leon.

Gerdi dachte zurück an die Zeit vor einem Jahr, als kaum ein Tag vergangen war, an dem nicht stundenlang die finstersten Rap-Songs aus den Lautsprechern dröhnten und bleischwere Videoclips über den Bildschirm flimmerten.

Fast war es ein schizophrenes Bild, in dem sich Gerdi mit ihrem Sohn gefangen sah. Vor dem Fenster schönste Landschaft, in der zufrieden im Zeitlupentempo Kühe auf der Weide grasten. Idylle pur!

Und drinnen im Zimmer tobte der Krieg im Dschungel der urbanen Vororte über die Mattscheibe. Aufgegebene Viertel, unkontrollierbare Zonen, heruntergekommene Blocks und Straßenzüge, trostlose Betonkästen. Paris, Detroit, Lyon, Berlin-Marzahn … wie auch immer sie heißen mochten und wo auch immer sie lagen, es spielte keine Rolle.

Hier zählten nicht die Grenzen zwischen Staaten und Kulturen. Hier zählte nur eine Grenze – nämlich die zwischen Oben und Unten.

Und eigentlich spielten auch die Ghettos keine Rolle.

Sie waren nur der Ausdruck einer zu Stein gewordenen Menschenfeindlichkeit. Sie waren lediglich Hülle und perfekte Kulisse für einen wahnsinnigen Film, den das echte Leben spielte. Die Hauptrollen darin waren verteilt auf die Menschen, die hinter den verwahrlosten und abweisenden Mauern lebten.

Auf Kinder, die in verdreckten, nach Urin stinkenden Hinterhöfen spielten, auf halbwüchsige Jungs, die im besten Fall ihre Energie mit dem Basketball im vergitterten Areal zwischen zwei Blöcken verspielten und auf minderjährige Mädels, die im Hauseingang darauf warteten, dass ihr Leben für einen kurzen Traum noch weiter in den Dreck getreten wurde.

Die weniger spektakulären Rollen gingen an die Alten, die hinter ihren Fenstern hockten und auf eine Welt starrten, die sie ausgesondert hatte und an die, denen nur noch vollgestopfte Plastiktüten und Heizungsschächte blieben.

Die Dramaturgie hatte System, war simpel und perfide und überall gleich:

Verpatzte Integration, Ausgrenzung und Gewalt; Profitgier, Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg; Perspektivlosigkeit, Kriminalität und Drogen; Entfremdung und soziale Verrohung … in unterschiedlicher Konstellation ergab sich daraus der Stoff für ein Horrorszenario in Endlosfolgen, das reichen würde bis in die nächste Ewigkeit.

Es war die Welt der ungeliebten und ausgespuckten Schmuddelkinder, die aus dem Bildschirm in Gerdis Seele kroch und mit ihr die Angst um Leon. Sein Kopf war voll davon.

Er sah nicht aus dem Fenster. Er ging nicht hinaus. Er sah keine Kuh und sah kein Grün und wenn, dann interessierte es ihn nicht.

Leon tauchte ab in eine Schattenwelt, die immer mehr Raum in ihm füllte.

Gerdi schätzte sein Interesse an sozialen Themen, aber sie fühlte die Unausgewogenheit seiner Wahrnehmung und dass etwas in ihm in bedenkliche Schieflage geraten war und zu kippen drohte.

„Warum, Leon?“

Gerdi stöhnte entnervt auf und schaltete das DVD-Gerät aus.

Es war nicht mehr zum Aushalten, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Warum dröhnst du dich den ganzen Tag mit dieser Musik zu? Siehst du nicht, dass die Welt noch aus etwas anderem besteht, als nur aus Dreck und Gewalt? Das ist nicht deine Welt! So habe ich dich nicht erzogen!“

„Woher willst du wissen, dass es nicht auch meine Welt ist?“

„Du bist nicht zwischen Müll und Betonwänden aufgewachsen, du hast diese Gewalt nicht erfahren! Was zieht dich da so an?“

„Verdammt, lass mich in Ruhe!“, schrie Leon sie an.

„Du hast doch nur deine scheiß Bauernhofwelt im Kopf, als wäre da irgendwas besser gelaufen! Schau doch mal hin, was aus deinem Leben geworden ist! Was gibt es denn da außer Arbeit und Stress?“

Okay! Der erste Treffer geht an dich, Leon.

Du hast einen empfindlichen Punkt erwischt.

Aber es geht mir nicht um einen Schlagabtausch, mein Kind! Ich will wissen, wonach du suchst. Du hast kaum noch Freunde, gehst nicht raus, wirst immer schweigsamer. Ich hab Angst um dich, hab Angst, dass du schlechte Wege gehst, hab Angst, dich zu verlieren, dich nicht mehr zu erreichen.

Und jetzt, Gerdi, pass auf, was du sagst! Halt dich zurück, auch wenn du bereits ahnst, dass es vielleicht gleich ungemütlich werden könnte für dich.

Worum geht es dir? Wahrheiten auszublenden oder deinen Sohn zurück zu gewinnen?

Sie setzte sich neben Leon.

„Was verbindet dich mit dieser Welt? Was hat sie mit deinem Leben zu tun?“

Leon schwieg.

„Leon, bitte, antworte mir!“

Er starrte geradeaus, an Gerdi vorbei, trostlos, mit einem blassen Gesicht. Und was sie daran erschreckte, waren seine Augen. Sie fand keine Freude darin, keinen Glanz. Kein Funkeln, das mit Mühe die Kraft und Lebensfreude in Zaum hielt, die sich eigentlich in seinem Alter dahinter hätte verbergen müssen.

Leon war groß, schlank, fünfzehn Jahre alt und auf seinem Gesicht zeigten sich, ungeachtet der in Abständen wiederkehrenden Kuschelattacken auf seine Mutter, zunehmend markantere Züge.

Als sie eine Antwort auf ihre Frage schon fast abgeschrieben hatte, wandte Leon seiner Mutter ganz unvermittelt sein Gesicht zu und begann zu sprechen:

„Willst du die Antwort wirklich hören?“, fragte er leise.

„Ja, Leon, freilich. Ich will dich verstehen können.“

„Weißt du, ich glaube es fing an, als wir letztes Jahr von Mattes’ Hof weggezogen sind. Vielleicht war’s auch schon davor … ich weiß es nicht mehr.

Diese drückende Stimmung, bevor du und Mattes euch getrennt habt, war ätzend.

Dir ging es nicht gut, du hast ständig geheult und fingst auch noch an, nichts mehr zu essen. Ich konnte nichts machen, wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte.

Aber das war alles nichts gegen die Zeit, die dann kam.

Als wir tatsächlich weggezogen sind. Als wir in diesem kleinen Holzhaus neben dem Bauernhof gewohnt haben, zusammen mit dem polnischen Landarbeiter und ich schon wieder auf einem scheiß Hof festsaß, im allerletzten Kaff, am Ende der Welt. Genau da, wo ich nie hin wollte.“

„Leon, ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Ich hatte keine Arbeit mehr und wir brauchten ein Dach über dem Kopf.“

Er sah sie etwas schief von der Seite her an.

„Ja, vielleicht war es so. Vielleicht war’s aber auch anders. Vielleicht wolltest du ja auch nur dein Ding durchziehen und einen Traum nicht loslassen, der längst verloren war. Und mich hast du mitgeschleppt, wieder weg von dem Ort, an dem ich mich endlich mal zu Hause gefühlt hab.“

In Gerdis Hals breitete sich zunehmend ein würgendes Gefühl aus. Das Bauchbarometer schickte Warnsignale nach oben.

Achtung, Sie verlassen jetzt die Sicherheitszone! Treten Sie zurück vom ungesicherten Randbereich! Achtung, Sie verlassen jetzt …

Es gab keinen anderen Weg, sie musste weitergehen. Schritt für Schritt und langsam, ganz langsam, um dabei den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren. Es ging um Leon, das war sie ihm schuldig.

Ihre Finger verhakten sich ineinander, als suchten sie nach einem Halt. Nach Irgendetwas, an das sie sich klammern konnte, um nicht abzustürzen.

„Du hast Recht, Leon. Mit einem Teil hast du Recht. Ich wollte einen Fuß in der Landwirtschaft behalten und versuchen, wieder auf beiden Beinen zu stehen. Ja, daran hing mein Herzblut! Es war meine Freiheit und Überzeugung. Das wollte und durfte ich nicht verlieren! Der andere Teil der Wirklichkeit ist, dass ich nicht weiß, ob ich … ob ich überlebt hätte in einem Zwei-Zimmer-Wohn-Klo mit Glasbausteinchen im Treppenaufgang, ohne Perspektive, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Arbeit.

Ich weiß nicht, ob ich es jemals wieder geschafft hätte, meinen Blick nach vorn zu richten ohne die Motivation, an meinem Traum festzuhalten, um ihn wieder Wirklichkeit werden zu lassen. Das Loch, in das ich gefallen war, als wir von Mattes und dem Hof weggingen, war bodenlos. Und ich hatte noch nicht einmal den Grund erreicht, der Fall ging immer noch weiter. Ich wusste nicht, wo und wie er enden würde.“

Gerdis Stimme stockte. Sie hatte Angst, weiter zu sprechen. Mit jedem Wort, mit jedem Satz, den sie sich weiter wagte, drängten Bilder aus ihrer dunkelsten Zeit an die Oberfläche.

Gerdi sah Leon an.

Hinter der Staumauer in ihrem Innern schlugen die Tränen brodelnd gegen die Wand und drohten, den Damm zu durchbrechen.

Nein, bitte, ich will nicht!

Ich will nicht wieder weggespült werden von Tränen, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Nicht wieder versinken in diesem unendlich tiefen Loch.

Ich will nicht! Ich will nicht!

Sie atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, sich herunterzuzählen und mit dem Atem die Spannung, die sich schon gegen ihre Schädeldecke presste und sich in einer Explosion zu entladen drohte, aus ihrem Körper zu entlassen.

Als sie spürte, wie ganz allmählich der Druck nachließ, zwang sie sich, weiter zu sprechen:

„Wie oft hab ich damals im Auto gesessen, schreiend vor Angst, vor Wut und Scham, in einer wahnsinnigen Fahrt durch die engen Täler. Tausendmal gedacht: der nächste Baum gehört dir, Gerdi, den nimmst du mit! Brüllend über meine vermeintliche Blödheit und Unfähigkeit, dieses eine Leben, das ich hatte, ins Gute zu wenden. Ich fühlte mich, als wäre ich ein widerliches Monster. Ein Monster, dem es Recht geschah, hinausgeworfen zu werden.

Wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich eine Frau, die es nicht wert war, geliebt zu werden. Mein Selbsthass war so groß, dass ich mich zerstören wollte. Deshalb hab ich nichts mehr gegessen. Diesen feigen letzten Notausgang wollte ich mir offen halten.

Ich weiß, dass ich dir all das gar nicht sagen dürfte und dass du das nicht wirklich verstehen kannst, Leon. Das ist auch nicht deine Aufgabe. Aber für mich gab es damals keinen anderen Weg, als dorthin zu gehen, wo ich mein Gemüse wieder anbauen konnte und wo sich mir die Bedingungen boten, den Verkauf wieder aufzunehmen, um davon zu leben. Ich habe damals keinen anderen Weg gesehen.“

Während Gerdi sprach, war sie ruhiger geworden. Der Damm hatte gehalten.

Aber aus Leon brach es jetzt heraus:

„Meinst du, ich bin total verblödet, dass ich nicht gemerkt hätte, was mit dir los war?

Aber hast du dich auch mal gefragt, wie’s mir damit ging? Wenigstens ein einziges Mal?

Du willst wissen, was ich mit diesen Ghetto-Kids zu tun habe? Warum ich mir diese Musik reinziehe und was ich da suche?

Diese Musik, die dich manchmal so ankotzt, ist mir sauwichtig!

Sie hat mir geholfen, weil ich da gesehen hab, dass es außer mir auch noch andere gab, denen es ebenso beschissen oder noch übler ging. Dass es andere gab, die auch so ein Leben hatten.

Weißt du, wie ich mich damals gefühlt habe?

Alle anderen in meiner Klasse und beim Fußball, die hatten ein normales Zuhause, eine schöne Wohnung. Die sind auch mal in Urlaub gefahren. Deren Eltern hatten eine normale Arbeit. Nicht so wie du, du hast ja eigentlich immer nur gearbeitet. Nie war Schluss, nie war Zeit für was anderes. Und trotz der vielen Arbeit hatten wir kein Geld, bis du dann eben auch noch nicht mal mehr eine Arbeit hattest! Zufälligerweise war das auch noch die Zeit, als mein Vater nicht wusste, ob er seine Arbeit behalten würde. Nee, klar, war echt super! Vielleicht auch noch beide Eltern arbeitslos und beiden ging’s beschissen!

Bei meinen Freunden waren die Mütter daheim oder wenigstens jemand Anderer aus der Familie. Meine Mutter war dann auch irgendwann mal zuhause, aber dummerweise wollte sie dann nicht mehr leben.

Und eine eigene Wohnung gab’s auch nicht mehr. Dafür hatte ich ein düsteres Zimmer im Kellergeschoss. Da hat man ganz besonders viel Lust, Freunde einzuladen!

Ich weiß nicht, aber damals, da ist einfach was zerbrochen in mir. Und – ich hab dort meinen Halt gesucht, wo’s anderen genauso ging.

Kapierst du das endlich?“

Plötzlich war eine tiefe Stille im Raum.

Eine Ruhe wie nach einem Sturm, wenn die aufgewühlten Elemente, die alles durcheinander gewirbelt hatten, sich beruhigten. Es gab jetzt nichts zu sagen. Leons Worte und die Botschaft, die sie enthielten, waren klar.

Gerdi suchte seinen Blick.

Vorsichtig nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, strich ihm die Haare aus der Stirn, küsste ihn und hielt ihn, fest und lange, und ihre Gedanken tauchten ein in die Kreise, die Leon um sich gezogen hatte.

Ich weiß, mein Kind, ich hab dich nicht schützen können.

Es wäre aber meine Aufgabe gewesen, das zu tun. Meine Angst hat auch dich mitgerissen. Mein Chaos wurde zu deinem.

Es tut mir verdammt weh, dich hier so sitzen zu sehen, umfangen von einer Welt, die nur eine Seite des Lebens zeigt, die Dunkle, die versteckt wird, solange es geht. Aber glaub mir Leon, du schaust am Leben vorbei.

Welche Sprache sprechen deine Lieder? Was zeigen dir die Filme? – Worte und Bilder!

Was machst du daraus? – Dir deine Wirklichkeit zurechtschustern!

Aber was ist ein Wort – und was ein Bild, mein Kind?

Es ist immer nur ein kleiner Teil der Wahrheit und zugleich ein Teil der Lüge; ein winziger Stein im unendlichen Baukasten menschlicher Imagination, ein Spot, auf den sich zufällig einen Atemzug lang der Lichtkegel richtet, ein Pixel im Gefüge der Welt, manipulierbar, dienstbar einer jeden Haltung und Nutzung.

Ja, schau nur in deinen Bildschirm!

Ich frage dich nochmal: Was siehst du wirklich? Eine heruntergekommene Wohngegend, okay. Asphalt, Beton und Zäune, okay. Junge Männer, die sich zusammenrotten, Messer in den Händen, hasserfüllte Gesichter, die dir ihren Frust vermischt mit den harten Beats um die Ohren hauen.

Ist das alles? Ist das wirklich alles?

Wie armselig!

Es erinnert mich an die Katze im Versuchslabor, die nie eine andere Form sah, als den schwarz-weiß gestreiften rechteckigen Kasten, in dem sie gehalten wurde. Sie konnte den kreisförmigen Ausgang in der Wand, der ihr plötzlich den Weg nach draußen eröffnete, nicht sehen, weil ihre Wahrnehmung ein Leben lang auf Geradlinigkeit ausgerichtet war.

Du hast aber in deiner Entwicklung andere Rezeptoren erworben.

Erinnere dich!

Erinnere dich an den Garten, der dich durch deine Kindheit begleitete; an das Trommeln der Regentropfen auf dem Dach der kleinen Hütte, auf das du so gerne gelauscht hast! Und an unseren Ausflug in die Dunkelheit der Nacht, auf dem wir mit einer Laterne die kleine Welt zu unseren Füßen beleuchteten und die dir plötzlich wie ein Wunder erschien.

Erinnere dich an die Spiele mit deiner Schwester Luisa im Wald, an die langen Abende am Feuer mit dem duftenden warmen Stockbrot, von dem die Butter tropfte.

Erinnere dich, dass die Welt und die Form des Lebens, das dich umgibt, rund ist und dass im vermeintlichen Ende der Neubeginn bereits enthalten ist. Du brauchst gar nichts dazu zu tun. Es ist alles schon da.

Du musst nur wieder lernen, wach zu sein und deine Seele offen zu halten für das, was dir tagtäglich begegnet. Lerne, deinen Blick wieder auf die kleinen Wunder des Lebens zu richten.

Es ist nicht unmöglich, du konntest es mal. „Spielend“ einfach ist dir diese Welt der Wunder zugefallen. Geh ein Stück den Weg in dir zurück und hol sie dir wieder!

Vielleicht kannst du dann wahrnehmen, was auf dem Bild noch zu sehen ist.

Pass auf, ich sage dir, was ich darin sehe:

Unten, im rechten Bildrand zwischen der Hauswand und dem Stiefel des jungen Mannes, der ganz außen steht, ist der Gehsteigbelag aufgebrochen. Daraus wächst ein Busch hervor. Den hat keiner dahin gepflanzt. Der ist dort einfach gewachsen. Unter den miesesten Bedingungen hat er sich seinen Lebensraum erobert und wahrscheinlich war genau dieser Lebensraum seine Chance, überhaupt wachsen zu können.

Stell dir vor, der Wind hätte den Samen, aus dem er einmal entstanden war, einen Stadtteil weiter in den glatt rasierten und zurechtgestutzten Vorgarten von Familie Mayer geweht. Was glaubst du wohl, wäre dort mit ihm geschehen?

Okay, der Busch hatte keine wirklich guten Bedingungen, um sich zu entwickeln, vielleicht hat er dafür auch sehr lange gebraucht. Und klar, es gibt andere, die hatten es einfacher. Aber wichtig ist doch, dass er lebt, dass ihm Blätter und Früchte wachsen, wie all den anderen seiner Art.

So, wie er ist, und da, wo er wuchs, war er seine eigene Chance. Und – er hat sie genutzt!

„Leon“, begann sie leise, „ich bin unendlich dankbar, dass es dich und Luisa gibt. Mein Leben hat gehalten, so grade noch an einem einzigen dünnen Faden. Es hielt, weil es euch beide gibt. Was geschehen ist, tut mir sehr leid. Ich war verzweifelt darüber, ich habe oft geweint und mir Vorwürfe gemacht. Ich habe nicht nur um mich, sondern auch um euch geweint.

Leon, ich glaube, was in dir zerbrochen ist, ist das unbedingte Vertrauen ins Leben, das zur Kindheit gehört, wie die Sonne zum Tag. Und leider ist es viel zu früh passiert. Es wird Zeit, das Zerbrochene wieder zusammen zu fügen.“

Gerdi stand auf, machte die DVD, die sie zuvor abgewürgt hatte, wieder an und sagte:

„Komm, setz dich zu mir aufs Sofa. Lass uns das Stück von vorhin nochmal zusammen anschauen.

Ich hab mir ein paar Gedanken dazu gemacht. Pass auf, ich sage dir, was ich darin sehe: Unten, im rechten Bildrand, zwischen der Hauswand und dem Stiefel des jungen Mannes, der ganz außen steht, ist der Gehsteigbelag aufgebrochen …

Dieses Gespräch lag jetzt über ein Jahr zurück.

Der Boden, auf dem Leon und Gerdi sich allmählich aufeinander zu bewegten, war dünn, aber er hielt und hat sie beide getragen.

Leon hörte noch immer die gleiche Musik, sah dieselben Clips, chattete wild durchs Internet, votete für diesen und jenen Rapper … es war nach wie vor seine Welt.

Aber jetzt war sie mehr in seinem Bewusstsein angelangt.

Leon begann zunehmend, einen Blick auf die Welt zu richten, die ihn umgab. Er machte es auf seine Weise und mit seinen Mitteln. Er hatte einen weitaus deutlicheren Blick auf die Zustände der Gesellschaft, in der er lebte, als andere in seinem Alter und hatte sich vermutlich zum Ziel gesetzt, die Integration notfalls im Alleingang zu verwirklichen.

Seine Freunde kamen mittlerweile aus aller Herren Länder, und Leon fühlte sich zugehörig und verstanden im Babylon der Neuzeit.

Ich versteh dich, Leon.

Du bist sechzehn und du rebellierst, weil du spürst, dass etwas in der Welt gewaltig schief läuft. Du reagierst auf das, was dich direkt umgibt, ohne Vorwarnung und ohne Schere im Kopf. Du hast das Recht der Jugend für dich gepachtet, in dem es ein klares Schwarz und Weiß gibt.

Um die Erkenntnis der vielen Nuancen, die verbindend dazwischen liegen und auch ein Teil der Wahrheit sind, wirst du erst noch ringen müssen.

Manchmal auch mit deiner Mutter.

Sechstes Kapitel

Gerdi verstand ihren Sohn gut.

Sie war selbst eine Rebellin gewesen, lange Zeit und im Grunde war sie es noch immer. Gerade deshalb konnte sie die Wut und das Aufbegehren verstehen, die diese Kapuzenjungs in sich trugen.

Ein halbes Leben lag es jetzt zurück.

Gerdi war noch sehr jung gewesen, als sie begonnen hatte, sich für gesellschaftspolitische Fragen zu interessieren und sich gegen die Zerstörung ihrer Umwelt zur Wehr zu setzen. Sie war damals bereits einige Jahre älter als Leon heute. In seinem Alter hatte sie vor allem zwei Dinge im Kopf – einen Haufen unausgegorenes Chaos und möglichst bald die Flucht aus ihrem Elternhaus anzutreten.

Nicht, dass Gerdis Eltern schlechte Eltern gewesen wären, nein, sicher machten sie sich Sorgen, wie andere Eltern auch. Bestimmt taten sie, was ihren Möglichkeiten entsprach, um Gerdi auf einen geradlinigen und vermeintlich sicheren Lebensweg zu bringen. Vielleicht versuchten sie sogar vor ihrem Lebenshintergrund die älteste Tochter zu verstehen, die sich jedoch mit zunehmendem Alter zur kompletten Überforderung ihrer Eltern auswuchs. Sie schienen in zwei Welten zu leben, die langsam aber unaufhörlich auseinander drifteten.

Gerdi war schon früh ihrer Kindheit entwachsen und auf der Suche nach einem anderen Nest, nach Gleichgesinnten, mit denen sie über die Welt fliegen konnte. So weit sie sich zurück erinnerte, trug sie ein diffuses, unstimmiges Gefühl in sich, irgendwie falsch und anders zu sein und nicht in den Rahmen zu passen, der ihr vorgegeben war.

Die Welt, in der sie aufwuchs, als sie bereits zur Schule ging, war eng.

Eine Arbeitersiedlung der 50er Jahre, eintönige und langgestreckte zweistöckige Blöcke. Später kamen die Hochhäuser dazu. Im ganzen Viertel gab es kein Haus, das den Menschen gehörte, die darin lebten. Quadratisch, praktisch – aber nicht wirklich gut.

Die einzigen, der Jugend interessant erscheinenden, Anlaufpunkte waren ein zweitklassiges Vorstadtkino und eine Pommesbude im nächstgrößeren Viertel. Es war nicht der geeignete Platz und es waren auch nicht die besten Bedingungen, die Gerdis Hunger nach Erleben und Wissen hätten stillen können.

Hey Leon, wenn ich dir erzählen würde, in welcher Zeit ich aufgewachsen bin, du würdest es nicht glauben wollen oder bestenfalls auf das vorletzte Jahrhundert tippen. Na gut, ganz so lange ist es nicht her – obwohl es mir manchmal fast selbst so erscheint.

Pommes essen – stell dir vor, das war damals etwas ganz Besonderes! Spaghetti mit Tomatensauce war schlichtweg exotisch. Pizza und Döner kannte kein Mensch. Und wenn es Toastbrot gab, dann wurde jedes Mal ein Wettessen veranstaltet, wer am Meisten von diesen goldbraunen viereckigen Scheiben in sich hineinstopfen konnte. Toastbrotessen war wie … ja, wie was eigentlich? Es fällt mir kein Vergleich ein, der dir die Vorstellung erleichtern würde, leider kennt ihr heute alles schon. Alles und zu jeder Zeit.

Dinge, die für dich heute selbstverständlich sind und die du nicht missen möchtest, gab es in meinem Leben ganz einfach nicht: Telefon, Waschmaschine, Zentralheizung, Fernseher, mal eben mit dem Flieger ins verlängerte Wochenende starten … Ich könnte Vieles aufzählen, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich zu allem eine Geschichte erzählen kann.

Telefonieren zum Beispiel! Natürlich war das Telefon längst erfunden, was aber noch lange nicht hieß, dass auch jeder so einen Apparat besaß, zumindest nicht die durchschnittliche Arbeiterfamilie. Und dazu gehörten wir nun mal.

Wenn also ein unumgängliches Telefonat geführt werden musste, dann bin ich mit Oma zur nächsten Parkanlage gelaufen, da stand nämlich so ein begehrtes Häuschen. Und manchmal durfte auch ich kurz in den Hörer sprechen und der Stimme lauschen, die aus dem oberen Ende undeutlich und etwas blechern ertönte. Kannst Du Dir vorstellen, welch magische Welt sich mir dann jedes Mal eröffnete?

Oder Waschmaschinen, Leon! Die gehörten schlichtweg lange Zeit zu den unerschwinglichen Gerätschaften. Nicht mal dran zu denken brauchte meine Mutter. Aber natürlich haben wir auch gewaschen – im großen Waschzuber auf dem Gasherd in Omas Küche! Und gestampft und gerührt wurde die Wäsche mit einem großen Waschkochlöffel in einer milchigen Seifenlauge, die zusehends in dem Maße gräulicher wurde, wie die Wäsche weißer.

Dieses blassgrau ausgelaugte, rissige und rund gescheuerte Stück Holz sehe ich noch heute in aller Deutlichkeit vor Augen, so sehr ist es in meiner Erinnerung verhaftet. Allerdings aus weniger angenehmen, sondern ab und an äußerst schmerzhaften Gründen, da ihm außer dem wöchentlichen Wäschestampfen auch noch erzieherische Maßnahmen zugebilligt wurden.

Und weil es in der Küche nach dem Wäschewaschen dampfend warm war, gab es immer noch ein Vollbad hinterher. Dann stand mitten in der Küche der große Wäschezuber mit Badewasser und ab ging’s in die Fluten – natürlich erst Mama, dann ich.

Bis heute mag ich keine zentral geheizten Wohnungen, das weißt du, glaube ich, schon. Aber du weißt nicht warum? Ich will es dir sagen:

Stell dir einfach einmal vor, wie es sich anfühlt, wenn du nachts aus dem dicken warmen Federbett kriechst, dich durchs dunkle ungeheizte Schlafzimmer tastest, weil du ganz dringend noch mal zur Toilette musst und es sich unmöglich bis zum nächsten Morgen aufschieben lässt.

Wenn du dann mit nackten Füßen über den Steinfußboden im ungeheizten Klo rennst, weil dir die eisige Kälte in die Fußsohlen beißt und wenn du dann Angst hast, mit dem Hintern auf der Klobrille festzufrieren. Und wenn trotz der bitteren Kälte dein Blick aber doch jedes Mal verwundert an den Eisblumen kleben bleibt, die glitzernd das ganze Fenster überwuchern. Und wenn du dann auf dem Rückweg ins Bett noch einen Abstecher ins Wohnzimmer machst, in dem Oma hinter ihrer Maschine sitzt und näht, um dich neben dem bollernden Ofen aufzuwärmen, bis deine Backen glühen und der heiße Stoff vom Nachthemd dir fast die Haut versengt, dann Leon, wird jede laue Heizungsluft hinter dichten Thermoglasfenstern eine wirklich armselige Angelegenheit.

Aber das sind alles Erinnerungen aus meiner frühesten Kindheit.

Erst später, als wir nicht mehr bei Oma lebten, kamen solche Errungenschaften wie ein Fernseher dazu, der mehr kaputt war, als dass er funktionierte und dessen zwei Sender erst ab dem späten Nachmittag das Programm ausstrahlten.

Und, stell dir vor, das war auch gut so! Davor spielten wir nämlich in wilden Spielen unsere Lieblingsfilme nach und fühlten uns den angehimmelten Stars der Leinwand sehr nah.

Mit zwölf Jahren schmuggelte ich meine ersten „Nylons“ an meinem Vater vorbei. Wenn die eine Laufmasche hatten, dachte niemand daran, sie wegzuwerfen. Die davon gelaufenen Maschen wurden in mühseliger Handarbeit mit einer speziellen Nadel wieder aufgenommen und repariert. Die Strümpfe der weiblichen Familienmitglieder zu flicken, blieb meist an Oma hängen. Sie sammelten sich bei ihr in einer silbernen Schale, die eigentlich für Obst gedacht war, aber irgendwie nie leer wurde. Und natürlich gab es keine Strumpfhosen, sondern einzelne Strümpfe, die mit Strapsen an einem Hüftgürtel befestigt wurden. Sehr zum Leidwesen von uns Mädchen, die wir vor Scham rot anliefen, wenn es einer unserer Schulkameraden doch schaffte, einem Mädel den Rock hochzuziehen.

Merkwürdigerweise erinnere ich mich jedes Mal wieder an dieses beschämende Gefühl von damals, wenn heute ein junges Mädel in Jeans, die gerade noch den Schamhaarbereich bedecken, sich zufällig vor mir bückt und die Riemchen ihres Stringtangas nebst Pofaltenansatz frei liegen.

Als ich älter wurde, entschwand allmählich die Magie der Kinderzeit.

Das verwilderte Stück Land der verlassenen Gärtnerei am Stadtrand war längst keine Filmkulisse mehr für Helden und Abenteuer, sondern war und blieb ein Streifen unwirtlichen Landes. Der Mann im Mond war mittlerweile auch nicht mehr alleine und unsere Wäsche trugen wir zur Wäscherei, bis später im Badezimmer endlich die lang ersehnte Waschmaschine prangte.

Der Zauber verblasste und die Gleichförmigkeit nahm zu.

Ihr Elternhaus empfand Gerdi drückend und eng.

Die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, in die Gerdi und ihre Mutter gezogen waren, als sie das Zuhause ihrer Kindheit bei Oma und Tante verlassen hatten, teilten die beiden schon bald mit einem neuen Bewohner. Es war der Mann, der ihre Mutter heiratete und Gerdi von dieser Zeit an ein Vater war. Später kamen, in kurzen Abständen aufeinander folgend, vier Kinder zur Welt, von denen aber nur zwei am Leben blieben – das waren Gerdis Schwestern.

Aus dieser Zeit blieben Bilder in ihrem Kopf hängen, denen sie versuchte zu entkommen. Bilder, die sie am liebsten abgeschüttelt hätte, wie einen lästigen alten Umhang, den man nicht mehr brauchte. Aber sie hafteten an ihrem Leben, wie der Schatten an ihren Füßen.

Könnten Schlafstätten die Geschichten der Nacht für Nacht darin ruhenden Menschen wiedergeben, was hätten sie wohl über meine Familie zu erzählen gehabt?

Von welchen verschwiegenen Träumen eines zwölfjährigen Mädchens hätte der winzige fensterlose Verschlag berichtet, der im einst elterlichen Schlafzimmer entstanden war, nachdem der große, quer ins Zimmer gestellte Schleiflackschrank den hinteren Teil des zweitürigen Raumes abgetrennt hatte?

Der Schrank reichte von einer Wand bis zur anderen und vom Boden bis zur Decke. Und somit war auf der rückwärtigen Seite mein eigenes kleines, aber dunkles Reich entstanden. Wenn es auch kein Fenster gab, so gab es aber wenigstens eine Türe, die ich hinter mir schließen konnte. Auf das Fenster konnte ich verzichten, auf eine Türe nicht.

Auf der anderen Seite des Kleiderschrankes blickten die glänzenden Lacktüren und die mit hellblauen Vorhängen hinterlegten oberen Glastürchen auf ein kleines und ein großes Kinderbett, in denen seelenruhig und frei von düsteren Gedanken meine kleinen Schwestern schliefen.

Die Schlafstätte ihrer Eltern war notgedrungen ins angrenzende Wohnzimmer gewandert und lag unsichtbar und zusammengeklappt hinter zwei drehbaren Regalwänden einer Schrankwand.

Somit kam auch dem Wohnzimmerschrank eine zweite Aufgabe zu. Zusammen mit den unsichtbaren Betten in seinem Innern verbarg er die Geldsorgen der jungen Familie, die ihnen eine größere Wohnung versagten.

Unübersehbar blieben nur die mühsamen Versuche der Mutter, ihre pubertierende Tochter, den Säugling und das Kleinkind ruhig zu halten, während der in drei Schichten arbeitende Vater im aufgeklappten Bett den Schlaf der Gerechten schlief.

Wie Kalendertürchen, die sie nach und nach öffnen konnte, erschienen Gerdi die Rückblicke in diesen Abschnitt ihrer Kindheit und Jugendzeit, wenn sie später daran dachte.

Sie erinnerte sich an die abendlichen Heimarbeiten ihrer Mutter, die das Wohnzimmer von Zeit zu Zeit mit gestanzten Kartons, mit Kugelschreiberhülsen und feinmechanischen Apparaturen zum Verlöten überschwemmten.

Voller Zorn fegte und wischte sie die endlosen Treppenaufgänge und riesigen Flure des Hochhauses, in dem sie später lebten, wenn ihre Mutter mit der Arbeit als Putzkraft alleine nicht mehr nachkam und schwor sich, dies später nie wieder in ihrem Leben freiwillig zu tun. Sie hasste auch all die anderen Putzstellen, die ihre Mutter müde und ausgelaugt vom anstrengenden Alltag abends noch ansteuerte, sobald Gerdis Schwestern schliefen. Sie raubten ihnen die gemeinsamen Abende und forderten gnadenlosen Einsatz, auch dann, wenn ihre Mutter krank war.

Gerdi erinnerte sich auch an viele endlos langweilige Nachmittage, an denen sie auf ihre Schwestern aufpassen musste. Stundenlang saß sie mit ihnen am Sandkasten, während sich eine schier unerträgliche Unruhe in ihr ausbreitete. Mit ihrem Verstand konnte sie es noch nicht erfassen, aber sie fühlte mit jeder Faser ihres Herzens, dass irgendwo das Leben auf sie wartete.

Weil sie dem Sandkasten und der Verantwortung für ihre kleinen Geschwister aber nicht entkommen konnte und eine Veränderung irgendwo in unbekannter Ferne lag, baute sie sich kleine Brücken in ihre eigenen Traumwelten.

Eine dieser Brücken, war ihr kleines Transistorradio.

Die Eltern hatten es Gerdi zu ihrem zwölften Geburtstag geschenkt. Dieses Radio war ihr kostbarster Schatz.

Mit dem Radio auf ihren Knien saß sie auf den Waschbetonplatten, die den Sandkasten umgaben und träumte. Mit der einen Hand schaufelte sie immer neue Sandburgen auf, die die beiden kleinen Mädchen voller Begeisterung mit Stöckchen und Kieselsteinen schmückten, um sie anschließend mit einem gekonnten Sprung auf den Gipfel wieder einzustampfen. Mit der anderen Hand drehte sie am Sender, um ihre Lieblingslieder zu hören.

Da ihr Radio aber in fast unverschämter Weise die teuren Batterien nahezu im Stundentakt zu fressen schien, entwickelte Gerdi in ihrer Not ein bemerkenswertes Geschick, den saftlosen Überresten einen allerletzten Funken Energie abzuringen.

Sie schätzte auf die Sekunde ab, wann in den Top Ten der Woche My Sweet Lord zu hören war und schaltete meist in Punktlandung zu Beginn des Liedes ihr Radio wieder ein. Ganz leise hatte sie es dabei gedreht und sie wünschte sehnlichst, die ausgelutschten Batterien mögen durchhalten. Dann legte sie ihr Ohr an den Lautsprecher, schloss die Augen und ließ sich auf George Harrisons zärtlicher Stimme in eine andere Welt gleiten.

Und obwohl sie ihn lieber vergessen hätte, erschien ihr auch das Bild des käsegesichtigen und eingebildeten Sohnes des Hauswarts. Dieser leicht aufgeschwemmte blässliche Junge, der nie mit den anderen Kindern im Block spielte, hatte sie mit seiner Überheblichkeit oft gereizt bis aufs Blut. Er war der einzige Mensch, den sie je in ihrem Leben verprügelt hatte. Um seinen Hänseleien ein spürbares Ende zu setzen, drosch sie eines Tages auf ihn ein mit all der Wut, die die Beschämung jedes Mal in ihr hervorgerufen hatte, wenn sie von ihrer Mutter losgeschickt wurde und unter den verächtlichen Blicken seines Vaters wieder einmal eine längst überfällige Mietzahlung überbringen musste. Es war ihr egal, dass dieser Junge sie um Kopfeslänge überragte. In ihrem Zorn war sie die Stärkere.

Es tauchte auch der kleine schwarze Hund auf, den Gerdi ihrem Vater mit viel Bettelei und Versprechungen abgerungen hatte, der aber eines Tages, nachdem die erste Schwester geboren war, verkauft wurde, während Gerdi in der Schule saß.

Ihren Bobby, – so hieß das schwarze Wollknäuel –, hatte sie sehr geliebt.

Er teilte mit ihr viele einsame Stunden, die Gerdi allein zu Hause verbrachte und darauf wartete, dass die Eltern aus der Fabrik kamen. Und Gerdi teilte mit ihm nach der Schule ihr aufgewärmtes Mittagessen. Mit seiner weichen rosafarbenen Zunge leckte er ihr die salzigen Tränen vom Gesicht, wenn sie mit ihm am Fenster stand und anderen Kindern zuschaute, die mit ihren Müttern einkaufen gingen, und er brachte sie mit seiner putzigen, tapsigen Art zum Lachen.

Kaum war Gerdi ihrer Kindheit entschlüpft, fand sie sich mit dreizehn Jahren ziemlich unvorbereitet in einem vollständig ausgereiften und aufreizend entwickelten Frauenkörper wieder. Natürlich nahm sie die rasche Veränderung ihres Körpers erstaunt wahr, aber sie wusste noch nicht, dass sie mit ihrem veränderten Körper auch anders auf die Welt einwirkte, als zuvor. Wie hätte sie auch eine Vorstellung davon haben sollen? Kam doch ihre kindliche Seele geradewegs aus einer entgegengesetzten Richtung daher und hinkte ihren zunehmend weiblichen Rundungen noch immer verwundert hinterher.

Anfangs hatte sie die unverhohlenen Blicke der Männer und die anrüchigen Bemerkungen, mit denen sie Gerdi im Vorübergehen streiften, noch nicht einmal einordnen können. Sie fühlte die Blicke nur unangenehm in ihrem Rücken und sie hinterließen ein zwiespältiges Gefühl in ihr.

Gerdi sonnte sich in der Beachtung, die sich plötzlich auf sie richtete, aber zugleich wandelte sich die ihr vertraute kindliche Unbekümmertheit um in ein unangenehm fremdes Gefühl der Selbstbeobachtung und Befangenheit.

Lange vor dieser Zeit hatte ihre Mutter ihr irgendwann einmal etwas verschämt ein kleines Heftchen in die Hand gedrückt mit den Worten, das solle sie lesen, damit „ihr nichts passiere“, und wenn sie etwas nicht verstehen würde, könne sie ja fragen …

Weil ihre Mutter sich so merkwürdig verhielt, traute Gerdi sich aber erst gar nicht nachzufragen und hatte das Heftchen samt „aufklärendem“ Inhalt auch bald wieder vergessen. Noch viel zu jung war sie damals gewesen. Noch nicht einmal eine Vorstellung hatte sie davon, dass es so etwas wie Sexualität überhaupt gab.

Zurück blieb nur die Erinnerung an die Peinlichkeit der Situation und dass es mit Männern und Frauen wohl etwas auf sich habe, das nicht in Ordnung ist und über das man besser nicht sprach.

Weil ihre Neugier auf das andere Geschlecht inzwischen aber geweckt war und Gerdi schon längst begonnen hatte, die älteren Jungs im Viertel ebenfalls mit anderen Augen zu sehen, stückelte sie sich ihr Wissen über Sex aus heimlich weitergereichten „Bravo-Heftchen“ und aus den mit viel Gekicher und hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Berichten anderer Mädchen zusammen.

In der kleinen Grünanlage gegenüber der Schule, die der Jugend als Treffpunkt diente, probierten sie auf den abgelegenen Parkbänken in der Dämmerung ihr neues Wissen aus, unspektakulär und unromantisch. Die große Liebe fanden sie dabei nicht.

Das Kalendertürchen mit dem unappetitlichen Jungen dahinter, dessen Namen sie schon bald vergessen hatte und der ihr den viel beschworenen und lang ersehnten ersten „richtigen“ Kuss gab, konnte sie getrost auf immer verschlossen halten.

Mit feuchten Sabberlippen steckte er seine widerlich harte Zunge fordernd in Gerdis Mund. Gerdi hielt die Augen geschlossen, um nichts von ihm sehen zu müssen. Seine Hände tappten über Gerdis Körper und griffen hart nach ihren Brüsten, obwohl sie versuchte, ihn abzuwehren. Als er keuchend unter ihren Rock griff und versuchte, seine Hand zwischen ihre Beine zu zwängen, wurde Gerdi panisch. In einer Aufwallung von angewidertem Ekel, Wut und Angst schaffte sie es, ihn von sich zu stoßen und rannte davon.

Gerdis Suche nach Neuem und Unbekanntem drängte über die engen Grenzen ihres Wohnviertels hinaus. Sie wollte wissen, was es gab in der Welt, dort draußen, an den vielen Orten, an denen das Leben auf sie zu warten schien.

Und hatte das Vorstadtkino ihrer Siedlung Gerdis Lebenshunger schon nicht stillen können, so war es wenigstens nicht unerheblich daran beteiligt, ihn weiter zu schüren.

Eines Tages prangte in fetten roten Lettern „WOOD-STOCK“ auf der Tafel über dem Eingang.

Woodstock? Gerdi wusste nicht, was das sein sollte, obwohl sie sicher war, den Namen schon einmal gehört zu haben. Sie ging zum Schaukasten und suchte nach den Bildern zum Film. Sie fand zwei Szenenfotos, einen Text, worum es ging, gab es nicht. Das war auch nicht nötig. Ein Blick auf die beiden Bilder reichte und Gerdi wusste – diesen Film würde sie sehen!

Mit dem aufregenden Prickeln einer Vorahnung in sich, lief sie nach Hause. Sie bettelte ihrer Mutter zwei Mark für die Eintrittskarte ab und setzte sich in die nächste Vorstellung.

Nachdem sich das Licht in dem schäbigen Kinosaal verdunkelt hatte, flimmerten vor Gerdis ungläubigen Augen die bunte ausgeflippte Welt der Hippies und großartige Musiker während ihrer mitreißenden Auftritte über die Leinwand, allesamt durchströmt von einem übermächtig erhebenden Gefühl der Freiheit. Aus den Lautsprechern flog ihr die Musik zu, zärtlich und wild und riss sie mit sich. Sie sah auf eine riesige wogende Masse junger Menschen, glücklich, friedfertig. Sie ahnte die geheimnisvolle Wirkung unbekannter Drogen, schaute auf die fremdartigen Bilder berauschender Ekstase und unbefangener nackter Menschen … Gerdi erblickte eine Lebensart außerhalb einer jeglicher Norm, die sie je kennen gelernt hatte.

Die Faszination des Festivals erreichte Gerdi in ihrem Innersten. Sie trug die Eindrücke der Bilder mit sich nach Hause in ihr kleines dunkles Reich. Dort verschloss sie die Musik in ihrem Herzen und lauschte ihr nach, wann immer sie wollte und sie wusste endgültig und unumstößlich: es gab eine andere Welt – die Welt nach der sie suchte. Und sie würde diese Welt finden! Es gab nichts und niemanden, der sie davon abhalten konnte.

Zuhause, in der engen Zwei-Zimmer-Wohnung, waren die Wogen der sich anbahnenden Eskalation nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Stiefvater lag Gerdi in einem erbitterten Dauerstreit. Ihre Mutter war verzweifelt und zerrieben zwischen Tochter und Mann, und die Schule wuchs sich für Gerdi zum albtraumhaften Desaster aus. Nach einem heftigen Streit mit viel Geschrei und anschließendem Hausarrest ergriff Gerdi die nächste Gelegenheit, die sich bot. Sie packte einige Sachen zusammen, nahm etwas Geld aus der Handtasche ihrer Mutter und verschwand aus der elterlichen Wohnung.

Als Gerdi ging, fühlte sie mit einem Schlag nichts mehr.

Die Welt um sie herum war stumpf zurückgetreten.

In ihr drin sagte es: „Ich hau ab, es reicht!“

Und ihr Kopf sagte: „Das machst du nicht! Das machst du niemals!“

Aber sie machte.

Sie setzte einen Schritt vor den anderen.

Sie ging zum Bahnhof.

Sie kaufte eine Fahrkarte.

Sie fuhr nach München.

„Ich hau ab, es reicht!“

Und in ihrem Kopf, da sagte es noch immer: „Das machst du nicht!“

Aber da saß sie bereits im Zug.

Und dann sagte auch ihr Kopf nichts mehr. Der blieb ruhig. Er war längst blockiert und abgelöst von dem fremdartigen, dumpfen Gefühl, in einem Film verfangen zu sein, der ohne eigenes Zutun von unsichtbarer Hand immer weiter abgespult wird und aus dem es kein Entrinnen gibt.

Der Sog der fremden Großstadt, in die sie gefahren war, spülte sie mit sich fort, zerrte sie im Zeitraffertempo weiter, vorbei an den berechnenden, gierigen und schmutzigen Gesichtern einer Erwachsenenwelt, die ihr bislang verschlossen gewesen war.

Als sie zehn Tage später aufgegriffen wurde und ihr Vater kam, um sie nach Hause zu holen, zerriss der Film und gab sie frei. Müde und zu Tode erschöpft schlief sie zwei lange Tage.

Mit dem Schlaf des Vergessens hatte sich endgültig das letzte Kalendertürchen ihrer Kindheit hinter Gerdi geschlossen.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
271 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783960081746
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