Kitabı oku: «Einführung in die Beratungspsychologie»
UTB 2784 
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Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Susanne Nußbeck lehrte an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, Department Heilpädagogik und Rehabilitation im Arbeitsbereich Heilpädagogische Psychologie, Diagnostik und Entwicklungsförderung. Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Beratung und Begutachtung sowie Entwicklungspsychologie.
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UTB-Band-Nr.: 2784
ISBN 978-3-8252-5296-0
4. Auflage
© 2019 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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Satz: Der Buchmacher, Arthur Lenner, Windach
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de
Inhalt
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuchs
Vorwort von Susanne Zank
1 Einführung
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Aktuelle Definitionen von Beratung
1.3 Abgrenzung zu Therapie und Mediation
1.4 Ethische Fragen
1.5 Übungsfragen zu Kapitel 1
2 Grundlagen der Kommunikationspsychologie
2.1 Kommunikationstheorien und Modelle
2.2 Nonverbale Kommunikation
2.3 Übungsfragen zu Kapitel 2
3 Theoretische Konzepte der Beratung
3.1 Von „therapeutischen Schulen“ abgeleitete Beratungskonzepte
3.1.1 Psychoanalytisch orientierte Beratung
3.1.2 Klientzentrierte / Personzentrierte Beratung
3.1.3 Kognitiv-behavioral orientierte Beratung
3.2 Systemorientierte Ansätze
3.2.1 Systemische Beratung
3.2.2 Lösungsorientierte Beratung
3.2.3 Ressourcenorientierte Beratung
3.3 Übungsfragen zu Kapitel 3
4 Der Beratungsprozess
4.1 Settings
4.2 Beratung in Gruppen
4.3 Online-Beratung
4.4 Krisenintervention
4.5 Der Veränderungsprozess
4.6 Diagnostik in der Beratung
4.7 Techniken und Methoden
4.7.1 Konzeptübergreifende Techniken und Methoden
4.7.2 Konzeptspezifische Techniken und Methoden
4.8 Übungsfragen zu Kapitel 4
5 Die Beziehungsgestaltung
5.1 Die helfende Beziehung
5.2 Burn-out
5.3 Übungsfragen zu Kapitel 5
6 Evaluation von Beratungskonzepten und Beratungsprozessen
6.1 Supervision
6.2 Beratungs- und Interventionsforschung
6.3 Qualitätsmanagement
6.4 Übungsfragen zu Kapitel 6
7 Beratungsfelder
7.1 Erziehungs- und Familienberatung
7.2 Beratung in Schule, Aus- und Weiterbildung
7.3 Entwicklungsberatung und Beratung in der Frühförderung
7.4 Beratung bei chronischer Krankheit oder Behinderung
7.5 Beratung bei Abhängigkeit und Sucht
7.6 Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund
7.7 Übungsfragen zu Kapitel 7
8 Aktuelle Entwicklungen und Ausblick
Glossar
Literatur
Sachregister
Online-Antworten zu den Fragen im Buch stehen auf der Homepage des Ernst Reinhardt Verlags unter http://www.reinhardt-verlag.de sowie auf der UTB-Homepage unter http://www.utb-shop.de/ zum kostenlosen Download zur Verfügung.
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches
Zur schnelleren Orientierung werden in den Randspalten Piktogramme benutzt, die folgende Bedeutung haben:
1.
Begriffsklärung, Definition
2.
Forschungen, Studien
3.
Fallbeispiel
4.
Fragen zur Wiederholung am Ende der Kapitel
Vorwort
Das Buch von Susanne Nußbeck „Einführung in die Beratungspsychologie“ erscheint nunmehr in vierter Auflage. Das allein ist schon ein Qualitätsmerkmal, denn nicht viele Lehrbücher werden überarbeitet und erneut verlegt. Es enthält einen umfassenden Überblick über Theorie und Praxis insbesondere der psychologischen Grundlagen der Beratung. Das Buch beginnt im ersten Kapitel mit einer allgemeinen, zunächst historischen Einführung, um sich dann den aktuellen Entwicklungen und Definitionen zu widmen.
Grundlagen der Kommunikationspsychologie werden ebenso vermittelt (Kapitel 2) wie theoretische Konzepte der Beratung, die überwiegend auf der Grundlage klinisch-psychologischer Therapieschulen entwickelt wurden. Hier werden im dritten Kapitel psychoanalytische, klientenzentrierte und kognitiv-behaviorale Ansätze ebenso wie systemische Modellvorstellungen kurz und prägnant dargestellt. Dies ist für die LeserInnen sehr wertvoll, da entsprechendes Wissen nicht nur hilft, den „Praxisdschungel“ der großen Beratungsangebote einzuordnen, sondern auch die vielfältigen Aus- und Weiterbildungsangebote kritisch zu prüfen.
Beratung findet in der Regel nicht einmalig statt, stattdessen handelt sich sich um einen Beziehungsprozess mit zwei oder mehreren Personen. Kapitel 4 fokussiert den Beratungsprozess und Kapitel 5 die Beziehungsgestaltung. Diese sind ganz wesentliche Grundlagen des Beratungshandelns, da der Erfolg von Beratung ganz wesentlich von der Beziehung zwischen dem Ratsuchenden und der BeraterIn abhängt. Können Unsicherheiten und Ängste der KlientIn vor der Beratung insoweit überwunden werden, dass die Beratungsstelle betreten werden kann? Ist die Atmosphäre angenehm? Kann sich die Ratsuchende öffnen? Wie geht die BeraterIn mit Kritik um? Dies sind nur einige der wichtigen Fragen, die bei negativen Antworten zum Scheitern der Beratungsbemühungen führen können. Empathie, Kongruenz und Akzeptanz sollten die Grundhaltungen der BeraterIn sein, aber was heißt das konkret? Weitere sogenannte Beratervariablen und Basiskompetenzen, die für die Beziehung entscheidend sind, werden im Kapitel 5 diskutiert. Auch die große Gefahr des Burn-outs wird thematisiert, den gerade sehr engagierte BeraterInnen erleiden können. Es handelt sich um einen anspruchsvollen Beruf, dessen tägliche Herausforderungen mitunter unterschätzt werden.
Erfreulicherweise wird auch der Evaluation und Interventionsforschung ein eigenes Kapitel gewidmet. Es gibt nach wie vor einen Mangel an fundierter Forschung zu Beratungsprozessen, der mit daran liegen mag, dass es kaum universitäre Professuren für Beratung gibt. Die klinisch-psychologische Forschung beschäftigt sich mit den Effekten von Psychotherapie, so dass das viel größere, vielleicht auch komplexere, Praxisfeld der Beratung vernachlässigt wird. Hinzu kommt, dass in der Praxis häufig ein Misstrauen gegenüber Forschung vorzufinden ist, da bezweifelt wird, ob sich ein komplexes Beratungsgeschehen adäquat in der Forschung abbilden lässt. In der Psychotherapieforschung waren ähnliche Bedenken von der Praxis vorgetragen worden, die sehr anspruchsvolle Forschungsmethodenentwicklungen zur Folge hatten. Es wäre äußerst wünschenswert, wenn es einen entsprechenden Entwicklungsschub auch in der Beratungsforschung geben würde.
In Kapitel 7 werden die Beratungsfelder Erziehung und Familie, Schule, Aus- und Weiterbildung, Entwicklung und Frühförderung, Behinderung und chronische Krankheit, Abhängigkeit und Sucht sowie die Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund fokussiert. Das Buch schließt mit der Beschreibung aktueller Entwicklungen, einem Glossar und einer umfangreichen Literaturliste.
Susanne Nußbeck gelingt es, komplexe Sachverhalte sowohl in verständlicher Sprache als auch auf hohem wissenschaftlichen Niveau darzustellen. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis machen ihren Text sehr anschaulich und sie greift aktuelle Entwicklungen kompetent auf. Ein Beispiel dafür ist ihre differenzierte Diskussion der Vor- und Nachteile von Online- Beratungsangeboten, deren Verbreitung und somit Bedeutsamkeit erheblich zunehmen wird. Kurzum: Die Leserinnen und Leser gewinnen einen umfassenden, fundierten Einblick in die vielfältigen Themenfelder der psychosozialen Beratung. Ihren Kenntnisgewinn können sie anhand der Übungsfragen am Ende der Kapitel selber überprüfen und sie werden feststellen, dass sie bei aufmerksamer Lektüre viel gelernt haben. Etwas Besseres lässt sich über ein Lehrbuch nicht sagen.
Köln, im Juli 2019 Prof. Dr. Susanne Zank
1 Einführung
Beratung hat eine lange Tradition in vielen Lebensbereichen. Im einführenden Kapitel erhält der Leser einen Überblick über die Entwicklung der Beratungswissenschaften, wie sie sich in der Geschichte in Deutschland und in den angloamerikanischen Ländern darstellt, und darüber, welche Themen heute aktuell sind. „Beratung“ wird von verschiedenen Autoren mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung definiert. Abgrenzungen zu „Therapie“ auf der einen und „Mediation“ auf der anderen Seite, die beide ebenso wie die Beratung auf Veränderungen zielen, von denselben Berufsgruppen ausgeübt werden, oft denselben theoretischen Hintergrund haben und sich häufig gleicher Mittel bedienen, stellen das Spezifische des Konzeptes „Beratung“ heraus. Beratungen geschehen in Kommunikation mit Menschen, die sich in einer Phase der Entscheidungsnot oder Orientierungslosigkeit befinden. Dem Berater kommt daher eine hohe ethische Verantwortung zu, seine Position nicht auszunutzen und dem Klienten nicht zu schaden.
1.1Historische Entwicklung
Beratung ist ein allgegenwärtiges und zeitloses Phänomen. Jeder Herrscher hatte und hat seine Berater, für jeden Anlass finden sich kundige Experten. Mehr oder weniger seriöse Beratung kann man für alle Lebenslagen erhalten. Professionelle Beratung hingegen findet häufig im pädagogisch-psychologischen Bereich und in der Sozialen Arbeit statt, wo sie schon früh institutionalisiert wurde. In der Familien- und Jugendfürsorge gibt es Beratung seit Ende des 19. Jahrhunderts. Seither hat sie einen umfassenden Wandel in ihren Grundannahmen und Zielen durchgemacht.
Geschichte der Erziehungsberatung
Schon im Kaiserreich gab es Beratungen für die Betreuung unehelicher Kinder und Waisenkinder, „Kinderrettungsvereine“, deren „Reiseagenten“ beratende Hausbesuche bei ihrer hilfsbedürftigen Klientel machten (Sommer 1995). Stellen, die für „Beratung in Fragen der Erziehung“ zuständig waren, wurden in Deutschland nach dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922 etabliert (Schröder 2004). Die damit verbundenen staatlichen Eingriffsmöglichkeiten in die Familien, die damals – wie auch heute noch – besonders sozial schwache Familien trafen, wurden abgeleitet aus der Maxime, dass jedes deutsche Kind ein Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit habe (Sommer 1995). Zur Überwachung dieses Anspruchs wurden in den Städten Jugendämter gegründet, deren Leiter meist Verwaltungsfachleute ohne sozialpädagogische Ausbildung waren. Den Jugendämtern angegliedert entstanden Erziehungsberatungsstellen, die oft unter der Leitung von Kinderärzten oder Psychiatern standen (Sommer 1995).
1931 gab es neben den Beratungsstellen der Jugendämter mehr als 100 freie oder kirchliche Erziehungsberatungsstellen (Dietzfelbinger et al. 2003). Beratung umfasste zu der Zeit überwiegend konkreten Informationsbedarf und die Sicherung des Lebens unter als allgemein gültig angenommenen sozialen Norm- und Wertvorstellungen in den Bereichen Bildung, Erziehung, Leben und Beruf (Großmaß 2004b) und verstand sich weniger als Interaktion zwischen Berater und grundsätzlich gleichberechtigten und eigenverantwortlichen Menschen in kritischen Lebenssituationen denn als Hüter einer den gesellschaftlichen Normen entsprechenden Lebensweise.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die in der NS-Zeit gleichgeschalteten und teilweise geschlossenen Beratungsstellen neu gegründet oder umgestaltet. In den fünfziger Jahren gab es Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche und deren Eltern als Erziehungsberatungsstellen auf kommunaler Ebene oder in kirchlichen Trägerschaften. Ehe-, Familien- und Lebensberatung wird jedoch auch noch am Anfang des 21. Jahrhunderts weiterhin überwiegend von den Kirchen angeboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Erziehungsberatung immer noch eher ein autoritäres Fürsorgesystem, in dem Beratung der normativen Lenkung diente (Großmaß 2004b). Nach 1970 nahm die Zahl der Erziehungsberatungsstellen deutlich zu. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) wurde dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung getragen. Vielfältige Lebensentwürfe werden heute akzeptiert, die sich nicht allgemein gültigen Normen unterordnen lassen. Erziehungsberatung wird im Sinne von Hilfe zur Konfliktlösung als Anspruch an die Jugendhilfe festgeschrieben (Menne 2017).
Geschichte der Berufsberatung
Ein zweiter Strang institutionalisierter Beratung in Deutschland entstand 1927 mit dem „Gesetz über die Einrichtung der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung – AVAVG“. Damit wurde die staatliche Berufsberatung eingeführt (R. Thiel 2004), die bis 1997 ein Monopol der Arbeitsverwaltung blieb. Die Aufgaben der Berufsberatung waren zunächst die Vermittlung von Lehrstellen und Arbeitskräften (Schröder 2004). Infolge der Ausdifferenzierung des Arbeitsmarktes und der zunehmend vielfältigeren beruflichen Anforderungen wurden später auch individuelle und gesellschaftliche Probleme in die Berufsberatung einbezogen. Sie wurde damit zur Einzelberatung, zur Hilfe zur Selbsthilfe, fast eine „Kurztherapie“ bei Vermittlungsproblemen, die in der Person des zu Vermittelnden gesehen werden. Assessments, testpsychologische Feststellung der Fähigkeiten, um Personen an Stellen anzupassen, wurden weitere Bereiche der Berufsberatung.
Wandel des Verständnisses von Beratung
In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam es aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen, die durch die Studentenbewegung von 1968 ausgelöst wurden, zu einem intensiven Ausbau des Beratungsangebotes, das dann zunehmend psycho-soziale Beratung umfasste (Schröder 2004). Beratung wird nun ein stärker psychologisches Hilfeangebot, das sich an den Bedürfnissen und Problemlagen der Klientel orientiert. Die Vermittlung von Informationen und das Anpassen an Wertvorstellungen der Gesellschaft traten in den Hintergrund und Beratung rückte in die Nähe von psychotherapeutischen Verfahren. Besonders die Anregungen aus der humanistischen Psychologie wurden übernommen und die Techniken der klientzentrierten, nicht-direktiven Gesprächsführung werden bis heute als Basisqualifikation für Psychologen und Sozialpädagogen angesehen. Mit der systemischen Sicht auf Familien und andere Gruppierungen, in denen Menschen leben, änderte sich der Blick auf die Problemlagen. Nicht mehr die einzelne Person steht im Vordergrund der Erziehungs-, Ehe- oder Lebensberatung, sondern das System, in dem die Person lebt und das sie mit konstituiert.
Felder psycho-sozialer Beratung
Pädagogik und Soziale Arbeit sind nach wie vor die wichtigsten Felder psychologischer Beratung. Die Bereiche, in denen sie angeboten wird, weiteten sich jedoch aus. Seit den sechziger Jahren etablierte sich Bildungsberatung als neuer Zweig (Schröder 2004), der Orientierungs- und Entscheidungshilfen bei der Realisierung individueller und gesellschaftlicher Bildungsziele beinhaltet. Studienberatung als Weiterführung der Bildungsberatung entstand nicht zuletzt aufgrund sich immer weiter ausdifferenzierender Studienangebote, die kaum mehr überschaubar waren (Stiehler 2004). Selbsthilfegruppen zu allen Wechselfällen des Lebens formierten sich in den siebziger Jahren (W. Thiel 2004). Der Psychiatrie-Enquête (1975) folgten sozialpsychiatrische Reformen und entsprechende Beratungs- und Betreuungsangebote für psychisch kranke Menschen (v. Kardorff 2004). Beratung wird in vielen Feldern des sozialen Lebens als unabdingbar angesehen, und eine Beratungspflicht in manchen Bereichen auch zur Voraussetzung für Entscheidungen gemacht: So ist die Schwangerschaftskonfliktberatung bei gewünschtem Abbruch der Schwangerschaft seit 1976 vorgeschrieben (Koschorke 2004), vor die Gewährung von Leistungen der Sozialhilfe oder der Agentur für Arbeit ist ein Beratungsgespräch gesetzt. Mit dem Drogenproblem, das seit den siebziger Jahren zu einem besonderen Problem der Jugendhilfe wurde, kamen Drogen- und Suchtberatungsstellen hinzu (Vogt / Schmid 2004). Heute gibt es Beratungsstellen für praktisch alle Lebens- und Problemlagen.
Ausbildung für Berater
Angesichts dieser Entwicklungen wird wohl niemand die Notwendigkeit einer Ausbildung in Beratungsmethoden und -kompetenzen bestreiten. Beratung wird in allen Feldern menschlicher Entwicklung und zwischenmenschlicher Konfliktmöglichkeiten und von Organisationen, die sich mit diesen Problemen befassen, als wichtiges Element angesehen. Weiterbildende, berufsbegleitende Studiengänge und Masterstudiengänge an (Fach)Hochschulen und privaten Hochschulen mit unterschiedlichen Schwerpunkten haben sich etabliert. In der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) haben sich 21 Verbände zu einem Dachverband zusammengeschlossen und ein Konsenspapier zum Beratungsverständnis herausgegeben, das u.a. eine Weiterbildung auf der Grundlage eines wissenschaftlichen Studiums vorsieht und ständige Qualitätssicherung fordert (DGfB 2003). Der Trend geht also auch in Deutschland in Richtung auf eine vereinheitlichte und Qualitätsansprüchen genügende, anerkannte Ausbildung psycho-sozialer Berater.
Counseling in den USA
In den angloamerikanischen Ländern hat sich eine eigene Beratungswissenschaft schon länger etablieren können. In der von Witmer am Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten psychologischen Klinik und der nachfolgenden Child-Guidance-Bewegung, die sich heilpädagogisch und erzieherisch Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten widmete, liegen ihre Ursprünge (Rechtien 2004b). Die Tatsache, dass psychisch kranken und entwicklungsgestörten Kindern durch therapeutische Interventionen geholfen werden konnte, veränderte den Blick in der Öffentlichkeit und führte in der Psychologie dazu, mehr auf das Entwicklungspotential zu achten als auf Defizite, die überwunden werden müssen (Gelso / Fretz 1999). Die Entwicklung zu einer eigenen Disziplin schlägt sich in den USA durch die Gründung einer Division „Counseling and Guidance“ der American Psychological Association (APA) bereits im Jahr 1946 nieder. Ausbildungsrichtlinien werden von der APA herausgegeben und sorgen so für einen professionellen Standard.
Counselling in Großbritannien
In England wurde 1970 die „Standing Conference for the advancement of counselling“ gegründet, die 1977 in die British Association for Counselling (BAC) überging. Im Jahr 2000 wurde mit der Erweiterung des Namens in British Association for counselling and psychotherapy (BACP) die fachliche Nähe von Beratern und Therapeuten deutlich, die in England gegenüber dem Ratgeben, Überwachen und der Sozialen Arbeit stärker als in Deutschland betont wird (Feltham 2004). 2018 wurde das „Ethical framework“ überarbeitet, wobei insbesondere ein evidenzbasiertes Vorgehen in der Beratung betont wird (BACP 2018).
Empowerment
Im Zuge der in den sechziger Jahren in den USA entstandenen „Community Psychology“, im Deutschen als Gemeindepsychologie übersetzt, kam der Empowerment-Gedanke (Rappaport 1985) in die Beratungskonzepte. In der Gemeindearbeit ging es zunächst um ein gemeindenahes Versorgungssystem zur Bekämpfung von Rassenunruhen und Armut. Heute wird unter Empowerment, „Selbstbefähigung“, meist die „Hilfe zur Selbsthilfe“, das Wecken eigener Ressourcen der Ratsuchenden, verstanden. Der Blick auf die Stärken statt auf die Defizite der Klientel führt zu einer veränderten Sicht des Beratungsauftrages. Die Förderung von Ressourcen und Gesundheit der Klienten steht heute stärker im Mittelpunkt der Beratung (Brandes/Stark 2019).
Supervison
Seit Beginn der neunziger Jahre spielt Qualitätssicherung in den heute vielfältigen Beratungsanlässen und -institutionen eine immer bedeutendere Rolle (Vogel 2004). Besonders die verschiedenen Formen der Supervision haben sich hier etabliert (Pühl 2004). Beratung hat sich von einer reinen Informationsvermittlung und Anleitung zu normkompatibler Lebensführung zu differenzierten Konzepten gemeinsamen Problemlösens unter wissenschaftlichen Standards und Kontrolle entwickelt.
1.2Aktuelle Definitionen von Beratung
Beratung ist ein der Alltagssprache entlehnter Begriff. Man berät sich, wenn mehrere Personen mit einer Sache befasst sind, man sucht den Rat eines Vertrauten, von dem man annimmt, dass er einem wohl gesonnen ist, manchmal erhält man ungebeten gut gemeinte Ratschläge und manchmal wird sogar gedroht: „Ich rate dir gut …!“. Ge- und beraten wird in allen Lebenslagen und in allen Bereichen: Finanzberatung, Ernährungsberatung, Rechtsberatung, Berufsberatung, Studienberatung, Modeberatung … – die Liste könnte beliebig fortgesetzt werden. Beratung als Vermittlung von Informationen und Anstoß zu Veränderungen findet sich mehr oder weniger explizit und institutionalisiert in praktisch allen Berufsfeldern, wohingegen ausgearbeitete Konzepte eher selten sind.
Gibt man in eine Literatursuchmaschine den Begriff „Ratgeber“ ein, erhält man eine Flut von Treffern, die die Zahl von 10.000 deutlich überschreitet. Von der „Anleitung zum Unglücklichsein“ (Watzlawick 1983) über die „Entdeckung der Faulheit“, Ratschläge sich bei der Arbeit möglichst wenig anzustrengen (Maier 2005), bis hin zu konkreten Ratgebern für alle Wechselfälle des Lebens findet man mehr oder weniger brauchbare Titel, deren Autoren oft trivialen psychologischen Erklärungsmustern folgen und ihre Lebensweisheiten beratend weitergeben wollen.
Was aber unterscheidet diese Art der Beratung von professioneller, psychologischer Beratung? Psychologisch-pädagogische Beratung geht über das reine Übermitteln von Informationen hinaus. Sie ist

Beratung
„ein zwischenmenschlicher Prozess (Interaktion), in welchem eine Person (der Ratsuchende oder Klient) in und durch die Interaktion mit einer anderen Person (dem Berater) mehr Klarheit über eigene Probleme und deren Bewältigung gewinnt. Das Ziel der Beratung ist die Förderung von Problemlösekompetenz.“ (Rechtien 2004b, S. 16)
Beratung spielt sich also immer in einem Interaktionsprozess zwischen zwei Menschen ab, welcher Art die Interaktion ist und welche Kompetenzen den Berater befähigen, die Problemlösekompetenz des Ratsuchenden zu fördern, bleibt in dieser Definition jedoch offen. Dietrich (1983) definiert wesentlich differenzierter:

„Beratung ist in ihrem Kern jene Form einer interventiven und präventiven helfenden Beziehung, in der ein Berater mittels sprachlicher Kommunikation und auf der Grundlage anregender und stützender Methoden innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraumes versucht, bei einem desorientierten, inadäquat belasteten oder entlasteten Klienten einen auf kognitiv-emotionale Einsicht fundierten aktiven Lernprozeß in Gang zu bringen, in dessen Verlauf seine Selbsthilfebereitschaft, seine Selbststeuerungsfähigkeit und seine Handlungskompetenz verbessert werden können.“ (Dietrich 1983, S. 2)
Der Berater muss die grundlegenden Handlungsmuster der Diagnostik, Intervention und Evaluation kennen, um beratend tätig zu werden, aber auch nicht jede Person kann für Dietrich Klient sein. Sie muss einen „Problemdruck“ haben, sich belastet fühlen, und das Bedürfnis zur Veränderung haben. Unter „Belastung“ versteht Dietrich übermäßige Anforderungen, unter „Entlastung“ ein ebenso schädliches Fehlen von Anforderungen. Die Person muss über bestimmte reflexive und sprachliche Voraussetzungen verfügen, sie muss sich selbst und die Welt, in der sie lebt, für grundsätzlich veränderbar halten und muss ein Minimum an Willen zur Eigeninitiative aufbringen (Dietrich 1983). In dieser Definition wird nicht auf die Beziehung zwischen Ratsuchendem und Berater eingegangen (Sander 2004), die in der Arbeit mit den Klienten eine zentrale Rolle spielt. Auch schließen die von Dietrich formulierten Anforderungen an die Klienten eine Beratung, wie sie vielfältig im Rahmen der Familienarbeit mit Multiproblemfamilien „verordnet“ wird, praktisch aus.
Die Definition von Nestmann, Engel und Sickendiek (2004, S. 599)

„Beratung ist eine vielgestaltige, sich ständig verändernde und durch viele interne und externe Einflussfaktoren bestimmte professionelle Hilfeform. Sie unterstützt in variantenreichen Formen bei der Bewältigung von Entscheidungsanforderungen, Problemen und Krisen und bei der Gestaltung individueller und sozialer Lebensstile und Lebensgeschichten“
geht weniger auf die individuellen Voraussetzungen von Berater und Ratsuchendem ein, sondern macht auf die unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Konzepte aufmerksam und betont Unterstützung und Hilfe durch den Berater. Um dieses leisten zu können, braucht der Berater spezifisches Fachwissen, um mit dem Ratsuchenden kompetent Handlungsalternativen, Berücksichtigung gesetzlicher Vorgaben, Erklärungsmöglichkeiten oder Gefährdungen erarbeiten zu können. Andererseits braucht er allgemeine Kompetenzen der Beratungsmethoden, Gesprächsführung, diagnostisches Wissen und ein Wissen um Kommunikationsmodelle, Interaktionsprozesse und Beziehungsaufbau. „Beratung“ ist damit sehr offen definiert und läuft Gefahr, unbestimmt und diffus zu bleiben.
Etwas konkreter Informationsvermittlung und aktive Beteiligung beider Interaktionspartner vereinend definieren Schwarzer und Posse (1986, S. 634) Beratung als

„eine freiwillige, kurzfristige, oft nur situative, soziale Interaktion zwischen Ratsuchendem (Klienten) und dem Berater mit dem Ziel, im Beratungsprozess eine Entscheidungshilfe zur Bewältigung eines vom Klienten vorgegebenen aktuellen Problems durch Vermittlung von Informationen und / oder Einüben von Fertigkeiten gemeinsam zu erarbeiten.“
Alle Definitionen beinhalten den Gesichtspunkt der Unterstützung und Hilfe für einen Ratsuchenden bei der Lösung eines Problems und betonen die eigene, aktive Beteiligung des Ratsuchenden am Beratungsprozess, ohne die das Ziel der Beratung nicht erreicht werden kann. Beratung stellt sich damit als ein interaktiver Prozess dar, der bestimmten Regeln folgt, die dazu beitragen sollen, dass der Ratsuchende selbst einen Weg zur Lösung seines Problems oder zu einer Entscheidung findet.
Beratung
■ Beratung ist ein zwischenmenschlicher Prozess in sprachlicher Kommunikation.
■ Beratung dient neben der Vermittlung von Informationen der Verbesserung der Selbststeuerung und dem Aufbau von Handlungskompetenzen, der Orientierung und Entscheidungshilfe, der Hilfe bei der Bewältigung von Krisen.
■ Der Ratsuchende ist veränderungswillig, sucht die Beratung in der Regel freiwillig und ist aktiv am Prozess beteiligt.
■ Der Berater braucht Fachwissen über das Problemfeld und Beratungswissen zur Beziehungsgestaltung.
1.3Abgrenzung zu Therapie und Mediation
Beratung, Mediation und Therapie zielen auf Veränderung, das Auslösen von Lernprozessen und Entwickeln neuer Handlungsmuster ab. Sie bedienen sich der gleichen zumeist aus psychotherapeutischen Konzepten abgeleiteten Mittel. Auch Beratungsmethoden haben ihre Wurzeln in Techniken und Erklärungsmustern der Psychoanalyse, der Gesprächstherapie, der Gestalttherapie oder der Verhaltenstherapie. In Therapie und Beratung arbeiten überwiegend dieselben Berufsgruppen: Psychologen, Pädagogen, Mediziner, Sozialpädagogen, wenn auch mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Sowohl bei der Beratung als auch bei der Therapie geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und persönliche Konflikte, die mit Hilfe kommunikativer Mittel bewältigt werden sollen. So ist es verständlich, dass manche Autoren keinen Unterschied zwischen beiden sehen, wenn Therapie und Beratung zum Ziel haben, „menschliches Leid zu lindern, Probleme zu lösen und dem Menschen zu einem zufriedeneren Leben zu verhelfen“ (Argelander 1985, S. 10). Der Unterschied besteht dann allein in der Dauer des Prozesses, so dass Beratung zur „Kleinen Therapie“ wird (Dryden / Feltham 2006; Rogers 1972).
Therapie
Bei aller Gemeinsamkeit gibt es dennoch gravierende Unterschiede. Therapie als im Bereich der Heilkunde angesiedelte Behandlung psychischer Störungen befasst sich grundsätzlich mit Phänomenen von Krankheitswert. Sie ist seit 1998 institutionell verankert durch das Psychotherapeutengesetz (PsychThG), setzt eine Approbation des Therapeuten voraus und wird im Allgemeinen über die Krankenkassen finanziert. Psycho-soziale Beratung dagegen wird meist für die Ratsuchenden kostenfrei von Beratungsstellen in öffentlicher oder kirchlicher Trägerschaft angeboten. Zunehmend entstehen jedoch auch freie Praxen für Lebensberatungen aller Art, möglicherweise als Folge des Psychotherapeutengesetzes, das nicht allen langjährigen psychologischen Psychotherapeuten Approbation und Kassenzulassung gewährt. Beratung dient der Überwindung persönlicher und sozialer Schwierigkeiten außerhalb der Heilkunde. Sie bedeutet Kompetenzerweiterung und Entscheidungshilfen bei Orientierungsbedarf in bestimmten Bereichen der Lebensführung, ohne dass grundsätzlich eine Störung der Person oder des Systems angenommen wird. Die angenommene selbständige Veränderungsfähigkeit des Klienten einer Beratung kann als ein wesentlicher Unterschied zur Therapie angesehen werden, bei der der Veränderungsprozess selbst im Mittelpunkt steht.
Beratung
Beratung befasst sich mit relativ ungestörten Personen, sie fokussiert Stärken und Ressourcen des Ratsuchenden in seiner Interaktion mit der Umwelt und in einer zeitlich begrenzten Dauer (Gelso / Fretz 2001) und betont damit stärker das Wohlbefinden und die Selbstwirksamkeit gegenüber der Fehlanpassung oder Störung. Beratung kommt damit auch eine präventive und entwicklungsfördernde Rolle zu. Beratung im psycho-sozialen Feld braucht daher Kompetenzen in allen Teildisziplinen der Psychologie, also in der Entwicklungspsychologie, der Differentiellen Psychologie oder Diagnostik, in der Sozialpsychologie und der Allgemeinen Psychologie (Schröder 2004).
Mediation
Mediation ist in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts als außergerichtliches Einigungsverfahren bei Trennungen, tariflichen Auseinandersetzungen, im kommunalen Bereich oder Konflikten über öffentliche Entscheidungen entstanden (Bastine / Theilmann 2004). Mediation ist heute ein Vermittlungsverfahren, bei dem zwei oder mehr Personen, die in Konflikt über eine Sache geraten sind, sich in ihren Meinungen „festgefahren“ haben und sich nicht einigen können, durch die Vermittlung einer neutralen, allparteilichen Person, dem Mediator, zu einer eigenen Lösung kommen. Die Mediation dient der Erlangung einer selbstbestimmten und einvernehmlichen Regelung, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt. Sie zielt darauf ab, dass die uneinigen Partner den Standpunkt des anderen besser verstehen und dass eine konkrete Lösung erarbeitet wird. Sie hat auch präventiven Charakter, indem sie die Problemlösekompetenz der beiden Partner für zukünftige Konflikte stärkt. Das Vorgehen der Mediation ist rein lösungsorientiert, strukturiert und fokussiert das Streitthema. Dies unterscheidet sie von der Paarberatung, bei der es um die Bearbeitung bestehender Konflikte geht (Bastine / Theilmann, 2004). Mediation wird häufig im Vorfeld von gerichtlichen Auseinandersetzungen eingesetzt, um eine einvernehmliche Lösung selbst zu erarbeiten, statt sich der Vorgabe eines Richters beugen zu müssen. Mediation bedient sich zwar bei der Formulierung eines Konfliktes ähnlicher Mittel wie die Beratung, sie hat aber nicht die Veränderung der Personen, sondern allein die Lösung des Konfliktes zum Ziel.
Unterschiede Beratung – Therapie – Mediation
Auch wenn es mehr oder weniger deutliche Überschneidungen gibt, lassen sich die drei Konzepte sowohl inhaltlich als auch im Vorgehen als auch rechtlich voneinander unterscheiden (siehe Tabelle 1). Der Zugang zum Beratungsangebot ist offen für alle Ratsuchenden, der zur Therapie höher schwellig durch eine Begutachtung der Therapiebedürftigkeit, eine Diagnose von Krankheitswert im Zusammenhang mit der Kostenübernahme. In der Beratungssituation gibt es ein klares Angebot in Bezug auf die Lösung eines definierten Problems, in der Therapie wird das grundlegende Problem oft erst erarbeitet, während die Mediation sich auf die Vermittlung in Konfliktsituationen beschränkt.
Tab. 1: Einige Unterschiede zwischen Therapie, Beratung und Mediation

1.4Ethische Fragen
Menschenbild
Auch Berater unterliegen, wie alle Menschen, den Normen und Werten der Gesellschaft, in der sie leben, die sie in ihrem Sozialisationsprozess internalisiert haben und die ihr Menschenbild prägen. Dies bestimmt auch ihre Haltung zum Klienten. Ein Beschreiben von Problemen unabhängig von diesen Normen und dem Menschenbild des Beraters ist ebenso unmöglich wie eine ethisch völlig neutrale beraterische Grundhaltung (Schrödter 2004). Berater müssen daher ihre Haltung zum Klienten und ihre Motivation zum Eingreifen beständig reflektieren.
Missbrauch und Manipulation
Klienten, die Rat suchen, sind in der Regel belastet und verletzlich und infolgedessen empfänglich für Missbrauch und Manipulation. Berater erheben den Anspruch, hilfreich für den Ratsuchenden zu sein, Beratungsprozesse können in manchen Fällen jedoch auch schädlich sein. Nutzen und möglicher Schaden von Beratung müssen gegeneinander abgewogen werden. Der Berater muss sich der Grenzen seiner Kompetenzen bewusst sein und sie einhalten. Sein Handeln muss geleitetet sein von theoretischen und empirischen Kenntnissen über Prozesse des Interaktionsgeschehens, aber auch Kenntnisse hinsichtlich des problematischen Sachverhaltes sind erforderlich. Insbesondere konfrontative oder paradoxe Techniken, die manchmal in der Beratung angewendet werden, können unangemessen sein, wenn sie den Ratsuchenden psychisch destabilisieren, von zweifelhaftem theoretischen Wert sind oder den Klienten be- statt entlasten. Im Einzelfall sind Kosten und Nutzen einer Beratungssituation oft schwer zu prüfen, so dass ständige hypothesengeleitete Reflexion des Vorgehens und kollegiale Supervision als Kontrolle der beraterischen Tätigkeit und Schutz vor Verstrickungen des Beraters in die Probleme seines Klienten nötig sind.
asymmetrischer Prozess
Beratung geschieht bei aller Anerkennung des Ratsuchenden als gleichberechtigter Partner immer in einem asymmetrischen Prozess zwischen einem Rat oder Hilfe suchenden Klienten und einem Berater, der die Hilfe zu geben vermag. Der Ratsuchende hat demnach die Erwartung, dass der Berater ihm aus einer subjektiv als hilflos erlebten Situation heraushilft, während der Berater die Kompetenz hat, dies zu tun. Der Berater setzt den Rahmen, wie Situation und Beziehung gestaltet werden, darf diese Definitionsmacht aber nicht in eine allgemeine Machtposition gegenüber dem Ratsuchenden umwandeln. Die Würde des Ratsuchenden als eigenständiger, unabhängiger und sein Leben grundsätzlich selbst verantwortender Mensch muss jeder Zeit gewahrt bleiben.
Beziehung zum Berater
In der Beratung kommen oft sehr persönliche und manchmal auch tabuisierte Themen zur Sprache. Dies schafft eine Nähe in der Interaktion zwischen Berater und Ratsuchenden, die manchmal vom Klienten als persönliche Beziehung zum Berater fehlgedeutet wird. Es versteht sich von selbst, dass der Berater diese Offenheit der Beratungssituation nicht zu einer ausbeuterischen oder intimen Beziehung ausnutzen darf.
Idealerweise steht der professionelle Berater in keiner anderen als der Beraterbeziehung zum Klienten, um mögliche Abhängigkeiten zu vermeiden. Besonders im pädagogischen Feld ist dies manchmal nicht gegeben, wenn der Beratungslehrer einer Schule gleichzeitig ein Lehrer des Rat suchenden Schülers ist. Dass es hier zu einer Rollenkonfusion kommen muss und der Schüler sich dem Beratungslehrer bei Problemen, die über reine Schullaufbahnberatung hinausgehen, nicht ausreichend öffnen kann, liegt auf der Hand.
Schweigepflicht
Der Ratsuchende vertraut dem Berater, Verständnis für seine Problemlage zu haben, ihm bei ihrer Lösung zu helfen, sich einer normativen Verurteilung seiner Verhaltensweisen zu enthalten und das in der Beratungssituation Erfahrene nicht weiterzugeben. Der Ratsuchende muss sich der absoluten Verschwiegenheit des Beraters sicher sein. Da, wo eine Weitergabe von Informationen an Dritte nötig erscheint, muss der Ratsuchende vorher darüber aufgeklärt werden und einverstanden sein. Manchmal werden Dokumentationen von Beratungsverläufen in Akten weitergegeben, vornehmlich an Kostenträger, so dass die Vertraulichkeit nicht immer gegeben ist. Auch in Gruppenberatungen ist zwar der Leiter zum Schweigen verpflichtet, nicht jedoch die übrigen Teilnehmer (Linden/Helmchen 2018). Problematisch ist, wenn im Verlauf der Beratung geplante oder bereits begangene strafbare Handlungen, beispielsweise Kindesmisshandlungen oder Missbrauch, offenbar werden, eine Suizidgefährdung erkennbar ist oder andere Personen geschützt werden müssen, wie bei einer HIV-Infektion des Ratsuchenden oder einer Bedrohung Dritter. Dann steht der Berater vor dem Dilemma, Rechtsgüter gegeneinander abwägen zu müssen, den Beratungsprozess zu gefährden oder geeignete Möglichkeiten zu finden, die Information weiterzugeben, ohne die Schweigepflicht zu brechen. Dann kann der Berater nicht mehr nur im Sinne des Klienten, sondern muss auch im Sinne gefährdeter Dritter handeln (McLeod 2013a).
Freiwilligkeit
Grundsätzlich setzt effektive Beratung Freiwilligkeit voraus. Diese Voraussetzung ist in der Praxis nicht immer gegeben, wenn beispielsweise gesetzliche Beratungspflicht bestimmt ist oder von Gerichten oder anderen Institutionen Auflagen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, gemacht werden. Eine solche „Verordnung“ von Beratung belastet die beratende Beziehung und macht zunächst einen Prozess der Vertrauensbildung nötig, so dass der Klient sich öffnen und das Beratungsangebot annehmen kann (Glöckler 2013). Dies gelingt nicht immer und darf dem Klienten nicht schuldhaft angelastet werden, so dass der Berater möglicherweise persönlich betroffen ist, wenn seine Angebote verschmäht werden.
Motivation des Beraters
Die Motivation des Beraters, helfend tätig zu werden, kann ganz unterschiedlich sein. Ein gelegentlicher Ratgeber hat meist persönliche Motive, die in der Beziehung zum Ratsuchenden liegen, dessen Wohlergehen ihm wichtig ist, den er vor Schaden bewahren oder dem er einfach seine Lebensweisheit weitergeben will. Der professionelle Berater hat ebenfalls offene und auch verdeckte Motive, gerade diese Rolle einzunehmen, über die er sich klar sein muss, will er sich nicht in der helfenden Beziehung in eigene Probleme verstricken.
Ökonomisierung der Hilfe
Die Professionalisierung helfender Beziehung führt auch zu ihrer Ökonomisierung. Der Berater verdient, ähnlich wie der Therapeut oder der Arzt, sein Geld mit den Problemen anderer Menschen. Wenn der Ratsuchende auf den Kostenfaktor reduziert wird, kann das die Regulation des Beratungsprozesses belasten, indem er beispielsweise nicht rechtzeitig beendet wird. Bei institutionalisierter Beratung in öffentlichen Stellen, stellt sich dieses Problem weniger, weil die Berater unabhängig von den finanziellen Beiträgen der Klienten bezahlt werden. Es kann jedoch bei drohender Schließung und dem erforderlichen Nachweis der Notwendigkeit einer Beratungsstelle dazu kommen, dass Beratungsverhältnisse unnötigerweise begonnen oder in die Länge gezogen werden.
Beratungsrecht
Es gibt kein allgemeines Beratungsrecht, das Rechtsnormen für Verantwortlichkeiten im Beratungsprozess festlegt. Entsprechende Hinweise finden sich in den Sozialgesetzen, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII), im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), im Strafrecht, im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) oder in den gesetzlichen Grundlagen zur Ausübung des Heilpraktikerberufes (Barabas 2004). Die ethische Verantwortung für den Beratungsprozess ist in das Ermessen des einzelnen Beraters gestellt, der sich wiederum an den Statuten seines Berufsverbands orientieren kann, die meist ethische Grundsätze beinhalten. Für ein berufsregelndes Gesetz, um Fachlichkeit und Vorbildung des Beraters zu garantieren, wäre ein einheitliches Berufsbild des Beraters allerdings hilfreich (Barabas 2004).

1.5Übungsfragen zu Kapitel 1
1. Was sind Felder psycho-sozialer Beratung?
2. Wie kann man Beratung definieren?
3. Was ist das allgemeine Ziel von Beratung?
4. Was unterscheidet Beratung von Therapie?
5. Welche ethischen Grundsätze muss ein Berater einhalten?
6. Welche Probleme können sich in der Beziehung zwischen Berater und Klient ergeben?
2 Grundlagen der Kommunikationspsychologie
Kommunikation als Form zwischenmenschlicher Beziehungen ist Gegenstand unterschiedlicher Wissenschaften und bildet die Grundlage vieler Anwendungsbereiche. Verschiedene Kommunikationsmodelle, die die Schwerpunkte unterschiedlich setzen, mehr die Kanäle der Übertragung, mehr die sprachliche Kommunikation, mehr den herbeizuführenden Konsens, die kommunikative Kompetenz, mehr den Wechsel der Perspektiven oder die kollaborative Konstruktion von Bedeutungen fokussieren, sind entwickelt worden und finden ihre Entsprechungen in den Beratungskonzepten.
Zweifellos und für den naiven Betrachter selbstverständlich geschieht Kommunikation hauptsächlich in Sprache. Nonverbale, unmittelbar verständliche, aber schwer bewusst kontrollierbare Anteile spielen jedoch eine große Rolle bei der gegenseitigen Verständigung. Kommunikative Handlungen werden durch Mimik, Blickverhalten, parasprachliche Mittel und Körperhaltung gesteuert, soziale Rollen oder das Selbst dargestellt und gewünschte Eindrücke vermittelt. Dem Berater nützt die Kenntnis nonverbaler Kommunikationsmittel, um die Botschaften seines Klienten zu verstehen, sein eigenes Verhalten zu kontrollieren und sich auf den Klienten einzustellen.
2.1Kommunikationstheorien und Modelle
Beratung geschieht in Interaktion und verbaler Kommunikation zwischen Ratsuchendem und Berater in einem wechselseitigen Prozess. Impulse aus den verschiedensten Wissenschaften, der Philosophie, der Soziologie, der Sprachpsychologie, der Sozialpsychologie, der Technologie, um nur einige zu nennen, bestimmen die heutige Kommunikationspsychologie, die wiederum für viele Anwendungsbereiche, wie Medienwissenschaften, Werbung und eben auch Beratung Grundlagen schafft. Erkenntnisse aus der Kommunikationspsychologie sind hilfreich, wenn man verstehen will, was im Beratungsprozess geschieht, warum sich Ratsuchende unverstanden fühlen können, Berater manchmal glauben, „gegen eine Wand zu reden“, vermeintliche Klarstellungen doch nicht klar sind und Missverständnisse auftreten.
Der Begriff „Kommunikation“, abgeleitet aus dem lateinischen „communicare“, was u. a. „miteinander besprechen, mitteilen“ bedeutet, ist im Deutschen über die Nachrichtentechnik zu seiner heutigen Bedeutung und Verbreitung gekommen, obwohl er schon lange bekannt war. So sind frühe Kommunikationsmodelle auch der Nachrichtentechnik entlehnt.
Sender-Empfänger-Modell
In dem bereits 1949 entwickelten, aber heute noch oft als grundlegend angenommenen Modell (siehe Abbildung 1) wird von einer Informationsquelle ausgegangen, einem Sender mit einem gewissen Vorrat an Zeichen, mit dem er seine Nachricht verschlüsselt, über einen Informationskanal weitergibt an einen Empfänger, der ebenfalls einen Vorrat an Zeichen hat, mit dem er die Nachricht entschlüsselt und in seinen Informationsspeicher aufnimmt. Sender und Empfänger müssen natürlich die gleiche Kodierung verwenden, wenn sie erfolgreich kommunizieren wollen, und auf dem Weg der Übertragung können Störungen auftreten, die die ordnungsgemäße Weitergabe der Information gefährden (Shannon / Weaver 1949). In diesem rein technologischen Modell geht es hauptsächlich um die Übertragung, die Kanalkapazität, also die Menge und Güte der Daten, die übermittelt werden kann. Inwieweit die Zeichen bei Sender / Sprecher und Empfänger / Hörer tatsächlich identisch sind, wird ebenso vernachlässigt, wie die wechselseitige Abhängigkeit, indem jeder Sender gleichzeitig Empfänger sein kann. Welche Bedeutung und welche Funktion die Kommunikation für Sender und Empfänger hat, wird in diesem technischen Modell ebenfalls nicht beachtet, die Bedeutung ist eine Eigenschaft der Botschaft selbst. Das war von den Autoren als Mitarbeiter der „Bell Telephone Laboratories“, denen es um eine möglichst störungsfreie Übertragung ging, auch nicht anders beabsichtigt (Frindte 2001).

Abb. 1 Kommunikationsmodell von Shannon & Weaver (1949)
Besonderheiten menschlicher Kommunikation
Neben der Übertragung von Nachrichten, wie im Modell von Shannon und Weaver dargestellt, zeichnet sich menschliche Kommunikation aber durch Besonderheiten aus, die über die reine Übermittlung klar definierter Botschaften hinausgehen. Kommunikation ist immer eingebettet in den Lebenskontext der Personen, die miteinander kommunizieren. Ihre je eigenen Erfahrungen, Einstellungen, Absichten und Motive fließen in ihr Kommunikationsverhalten ein. Kulturelle Regeln bestimmen, wer mit wem wie reden darf. Mit fremden Personen bleibt man zurückhaltender, gibt ihnen nicht alles preis und wartet erst einmal ab, „mit wem man es zu tun hat“. Mit einem guten Freund kann man anders reden als mit seinem Chef und zu Hause in vertrauter Umgebung anders als im Büro.
Uneindeutigkeit von Begriffen
Sprachliche Begriffe sind nicht eindeutig. Der gleiche Sachverhalt kann unterschiedlich ausgedrückt werden. Man kann sagen: „Ich fühle mich nicht wohl“ oder „Es geht mir schlecht“, um einen momentanen psychischen oder physischen Zustand zu beschreiben. Dasselbe Wort kann unterschiedliche Bedeutungen haben und wird nur aus dem Kontext verständlich. „Wann kommt der nächste Zug?“, hat auf dem Bahnsteig sicher eine andere Bedeutung als bei einem Schachspiel. Wie man einen Satz versteht, hängt von einer Vielzahl von zusätzlichen expliziten (konkret ausgedrückten) und impliziten (gemeinten, nicht ausgedrückten) Informationen ab, die für seine Interpretation nötig sind. Die Bedeutung einer Äußerung kann also nie allein wörtlich verstanden werden, sondern ergibt sich aus der wörtlichen Bedeutung und einem nicht vollkommen bestimmbaren Komplex von Hintergrundannahmen (Searle 1985). Wegen dieses Backgrounds, der Hintergrundannahmen, kann eine Wortbedeutung nie völlig erklärt werden, weil jede Explikation eine neue nach sich zöge, so dass eine unendliche Spirale von weiteren Explikationen entstünde.
Erwerb von Begriffen
Die unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen mit den Wortbedeutungen in ihrer Sozialisation machen, und in welchem Kontext sie sie lernen, bedingen, dass sprachliche Begriffe nicht für alle Menschen einer Sprachgemeinschaft in ihrer Bedeutung völlig gleich sind.

Wenn die Mutter zu ihrem Kind, das ihr zeigen möchte, was es gemalt hat, sagt: „Ich komme gleich!“, dann aber auf sich warten lässt, wird das Kind daraus entnehmen, dass „gleich“ nicht „sofort“ ist, und fortan damit rechnen, dass jemand, der „Ich komme gleich“ sagt, damit eine höchst unbestimmte Aussage macht und irgendwann und womöglich gar nicht, aber sicher nicht sofort kommt.
Auch konkrete Begriffe werden im Kontext erworben. Die Bedeutung des Wortes „Hund“ beispielsweise lernt und differenziert ein Kind, je nachdem welchen Exemplaren es im Laufe seiner Entwicklung begegnet ist. Dennoch können zwei Personen, die niemals den gleichen Hunden begegnet sind, sich über Hunde verständigen, weil sie aus diesen Erfahrungen so etwas wie einen „Durchschnittshund“ gebildet haben, der die typischen Merkmale aller Hunde hat, die sie je gesehen haben. Die Bildung solcher „Prototypen“ lässt sich schon im Säuglingsalter nachweisen (zusammenfassend siehe z. B. Goswami 2008). Schwieriger wird es mit der Übereinstimmung, wenn die Begriffe abstrakter sind. „Liebe, Ehre, Vaterland“ wird von verschiedenen Personen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Epochen sicher anders verstanden. Neben einer Kernbedeutung, in der alle Sprachbenutzer übereinstimmen, gibt es individuelle und kategorielle Randbedeutungen, die die Begriffe uneindeutig werden lassen (Rosch 1978). Dazu kommt, dass jeder Begriff neben seiner Denotation, der inhaltlichen Bedeutung, auch eine Konnotation hat, einen gefühlsmäßigen Beiklang, der seine Bedeutung färbt und etwas über die Einstellung seines Benutzers preisgibt. Es ist ein Unterschied, ob man „Frau“, „Dame“ oder „Weib“ sagt, obwohl jedes Mal eine erwachsene, weibliche Person gemeint ist.
Auch im Beratungsprozess haben die von Ratsuchendem und Berater verwendeten Begriffe unterschiedliche Konnotationen, die gefühlshafte Anmutungen auslösen und die Einstellung zueinander verändern können.
Übertragungskanäle
Die Botschaften menschlicher Kommunikation werden über mehrere Übertragungskanäle, der Sprache, der Mimik und der Gestik, gleichzeitig übermittelt. Diese ergänzen sich, können sich aber auch widersprechen. Während einer einzigen sprachlichen Mitteilung können mehrere nonverbale Botschaften gesendet werden.

Während ich meinem Gegenüber einen Vorschlag für die Gestaltung unseres nächsten Treffens mache, kann ich nacheinander und gleichzeitig denken: „Der sieht aber heute schlecht aus, hoffentlich wird er bis dahin nicht krank“, „Der hat es ja auch nicht leicht mit seiner Frau“, „Hoffentlich fängt er jetzt nicht gleich wieder von seinen Problemen an!“, „Wie kann ich schnell das Gespräch beenden?“ aber auch „Hoffentlich kriege ich meinen Bus noch!“, „Ich hätte mal wieder Lust auf Spaghetti!“ oder „Ich freue mich auf heute Abend!“ Alle diese Gedanken werden kurzfristig in meiner Mimik und Gestik zu sehen sein. Wenn ich es zu weit treibe, wird mein Gegenüber den Eindruck gewinnen, ich sei nicht bei der Sache, höre nicht zu, interessiere mich nicht wirklich für ihn und er könnte irritiert fragen, ob er mir „etwas getan“ habe.
Organon-Modell
Psychologische Kommunikationstheorien gehen daher über die reine Datenübertragung hinaus und berücksichtigen die Besonderheiten der menschlichen Kommunikation, die sich nicht in einem technischen Modell darstellen lassen. Eine frühe Theorie ist das von Karl Bühler bereits 1934 als Sprachtheorie entworfene Organon-Modell (Bühler 1965, siehe Abbildung 2). „Organon“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Werkzeug, Hilfsmittel“. Im Mittelpunkt dieses Modells steht die Sprache als wahrnehmbare Abfolge von im Allgemeinen akustischen Signalen, also sprachlichen Zeichen. Diese stehen in Relation zu „dem Einen“, einem Sender, und „dem Anderen“, einem Empfänger, und den „Dingen“. Die Dinge sind die Ereignisse und Sachverhalte, über die sich Sender und Empfänger verständigen wollen, wobei sie sich der sprachlichen Zeichen bedienen. Da Sender und Empfänger Menschen sind, haben sie unterschiedlich entwickelte psycho-physische Systeme, unterscheiden sich also in ihren Persönlichkeiten und ihrer körperlichen Konstitution, wie beispielsweise der Verarbeitungsgeschwindigkeit, der Aufnahmefähigkeit, der psychischen Wachheit. Sie werden daher die Zeichen entsprechend ihrer Entwicklung und momentanen Befindlichkeit unterschiedlich benutzen.

Abb. 2 Das Organon-Modell von Karl Bühler (1934)
Die sprachlichen Zeichen haben in Bühlers Modell drei grundlegende Funktionen, je nachdem welche Relation in diesem Dreieck betrachtet wird. Sie sind Symbole, wenn sie stellvertretend für die Dinge, die Gegenstände und Sachverhalte stehen, die sie darstellen. Das (sprachliche) Zeichen ist aber auch Symptom, Anzeichen, für das, was der Sender mit dem Zeichen ausdrückt und dabei von sich selbst preisgibt. So könnte er beispielsweise den gleichen Gegenstand als „Antlitz“, „Gesicht“, „Fresse“ oder „Visage“ bezeichnen und würde damit je nach Gesamtzusammenhang seine innere Einstellung, seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder sein Selbstverständnis offenbaren. Sprache hat damit Ausdrucksfunktion. Auf der dritten Seite des Dreiecks ist Sprache ein Signal, weil der Empfänger in irgendeiner Weise durch das Zeichen gesteuert wird, der eine beim anderen etwas erreichen oder verändern will. Er fordert ihn zu einer Handlung auf oder macht ihn zum „Mitwisser“ seiner Einstellung. Das Zeichen hat dann Appellfunktion. In jeder Kommunikation sind alle drei Funktionen der Zeichen vorhanden, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Der Sprecher benutzt die Zeichen wie ein Handwerker sein Werkzeug, um mit dem Empfänger über die „Dinge“, Gegenstände, Sachverhalte, zu kommunizieren und ihn zu Handlungen zu veranlassen. Heute würde man den Sprecher als „Anwender“ oder „User“ bezeichnen, der seine „Tools“ zweckgerichtet auswählt und den Bedürfnissen der Verständigung anpasst. Dieses Sender-Empfänger-Modell legt eine bewusste Wahl der sprachlichen Zeichen nahe, die in der Kommunikation mit anderen jedoch nicht von vornherein gegeben ist.
Symbolischer Interaktionismus
Im „Symbolischen Interaktionismus“ (Joas 1989; Mead 1968), einem sozialpsychologischen Modell, werden nicht die einzelnen Gesprächspartner, die mal als Sender, mal als Empfänger fungieren, betrachtet, sondern die Interaktionen selbst werden fokussiert, indem beide Partner als aufeinander bezogen angesehen werden und in gegenseitiger Abhängigkeit ihre Kommunikationshandlung aufeinander abstimmen. Die Partner übernehmen im Gespräch jeweils die Perspektive des anderen, um sie zu bewerten und mögliche Reaktionen vorwegzunehmen. Durch diese wechselseitige Handlungsvorwegnahme entsteht ein ausbalancierter Zusammenhang von Handlungen verschiedener Personen. Eine Interaktion ist symbolisch, wenn sie für etwas steht, das interpretiert werden kann, und damit den Eindruck des Verstehens vermittelt.

Wenn ich bei einem Schlag auf die Schulter reflexartig zurückschlage, habe ich noch nicht symbolisch interagiert. Wenn ich jedoch durch meine Kenntnis des „Schlägers“, von dem ich weiß, dass er zu groben Späßen neigt, diesen Schlag nicht als „Angriff“, sondern als freundschaftliche Geste interpretiere und ihn freundlich anlache, in der Annahme, dass er sich freut, mich zu sehen und mit mir ein Schwätzchen halten möchte, handelt es sich um eine symbolische Interaktion, die mehr enthält als den bloßen „Schlagabtausch“, nämlich meine Interpretation des Verhaltens meines Freundes, die Übernahme seiner Perspektive und die Vorwegnahme seiner weiteren Handlungen.
Die Bedeutung einer Äußerung entsteht im Interaktionsprozess. Das Verhalten des einen Gesprächsteilnehmers ist abhängig vom Verhalten des anderen, diese Abhängigkeit berücksichtigen beide in ihrem Verhalten und können sich so gegenseitig kontrollieren und den Interaktionsprozess aufeinander abstimmen. Solche Interdependenzen (Abhängigkeiten) lassen sich in dem in unterschiedlichen Versionen vorliegenden so genannten Gefangenendilemma darstellen, dessen für beide optimale Lösung davon abhängt, wie gut der eine Gefangene das Verhalten des anderen vorhersehen, auf sein eigenes Verhalten beziehen und darauf vertrauen kann.

Das Gefangenendilemma
„Ein Staatsanwalt hält zwei Männer in Untersuchungshaft, die des Raubs verdächtig sind. Die gegen die beiden vorliegenden Indizien reichen aber nicht aus, um den Fall vor Gericht zu bringen. Er lässt sich die beiden Gefangenen vorführen und teilt ihnen unverblümt mit, dass er zu ihrer Anklage ein Geständnis brauche. Ferner erklärt er ihnen, dass er sie dann, wenn beide den Raubüberfall leugnen, nur wegen illegalen Waffenbesitzes zur Anklage bringen kann und dass sie schlimmstenfalls zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt werden könnten. Gestehen beide aber die Tat ein, so werde er dafür sorgen, dass sie nur das Mindestmaß für Raub, nämlich zwei Jahre Gefängnis bekommen. Wenn aber nur einer ein Geständnis ablegt, der andere aber weiterhin die Tat leugnet, würde der Geständige damit Kronzeuge und ginge frei aus, während der andere das Höchstmaß, nämlich 20 Jahre erhalten würde. Ohne ihnen die Möglichkeit zur Aussprache zu geben, schickt er die Gefangenen in getrennte Zellen zurück und macht damit jede Kommunikation zwischen ihnen unmöglich.“ (Watzlawick 1998, S. 103f)
Die Entscheidung der beiden Gefangenen, ob sie „singen“ oder nicht, ist abhängig davon, welche Intentionen sie dem anderen unterstellen und aus welcher Perspektive er handeln wird. Die Bedeutung der kommunizierten Inhalte wird in einem solchen „Perspektiven-Übernahme-Modell“ aus der wahrgenommenen Perspektive des Adressaten abgeleitet (Krauss / Fussel 1996). Kommunikation bedeutet dann das Identifizieren oder Erschaffen eines gemeinsamen Kontextes, um Botschaften zu produzieren und zu verstehen.
Wenn man Kommunikationsprozesse betrachtet, kommt es nicht allein darauf an, was der „Sender“ aussendet und wie gut die Übertragung funktioniert. Das Gelingen eines Kommunikationsprozesses hängt viel mehr von der gemeinsamen Situationsdefinition der kommunizierenden Personen ab, die weit mehr beinhaltet als das reine Übermitteln von Nachrichten.
Theorie der kommunikativen Kompetenz
Kommunikatives Handeln dient vor allem zwei Aspekten, der Verwirklichung von Zwecken, also der Durchführung eines Handlungsplans, und der Auslegung einer Situation und dem Erzielen eines Einverständnisses. Der Erfolg des Handelns und der durch Verständigung herbeigeführte Konsens sind Kriterien für Ge- oder Misslingen der Situationsbewältigung. Habermas (1981) hat in seiner Theorie der kommunikativen Kompetenz diese Anforderung als „Geltungsansprüche“ formuliert. Der Anspruch der „Wahrheit“ meint dabei, dass das Behauptete mit Tatsachen übereinstimmen muss, die vom Partner ebenfalls als existierend angesehen werden, also der „objektiven Welt“ angehören, über die wahre Aussagen möglich sind. Der Anspruch der „Angemessenheit“ meint, dass der Sprecher sich innerhalb anerkannter sozialer Normen und Werte bewegen muss, in einer „sozialen Welt“, in der interpersonale Beziehungen legitim geregelt sind. Der Anspruch der „Aufrichtigkeit“ bedeutet, dass die tatsächlichen Absichten ausgedrückt werden, der Partner nicht getäuscht wird und die innere Befindlichkeit ehrlich artikuliert ist, also seine „subjektive Welt“ darstellt. Innerhalb des Bezugsrahmens dieser drei Welten interpretieren und definieren Sprecher und Hörer ihre kommunikative Handlungssituation. Dann bedeutet „Verständigung“ die Einigung über die Gültigkeit einer Äußerung und „Einverständnis“ die intersubjektive Anerkennung des Geltungsanspruchs, den der Sprecher erhebt. Wenn ein Kommunikationspartner überwiegend einem Geltungsanspruch zustimmt, impliziert das auch die Zustimmung zu den beiden anderen. Die Geltungsansprüche hängen also interaktiv zusammen. Stimmen sie nicht überein, kann kein Konsens zustande kommen. Kommunikation ist dann strategisch: offen strategisch, wenn Druck und Macht ausgeübt wird, verdeckt strategisch, wenn getäuscht oder manipuliert wird.

Kommunikation auf der Baustelle vor der Frühstückspause
Der Vorarbeiter wendet sich an einen „Neuen“: „Mach dich auf die Socken zum Bierholen und komm in ein paar Minuten zurück!“ Das bevorstehende Frühstück ist das Thema, die Versorgung mit Bier das auf dieses Thema bezogene Ziel. Die Aufforderung bezieht sich auf die „soziale Welt“ der Rechte und Pflichten. Der „Neue“ kann sich aufgrund seines Status’ schlecht entziehen. Er selbst dürfte den Vorarbeiter nicht so auffordern. Wenn der Ausschank zu Fuß nicht zu erreichen ist, wird der Neue vielleicht antworten: „Aber ich habe keinen Wagen!“ Das bezieht sich auf die „objektive Welt“ der Tatsachen. Das würden die Kollegen akzeptieren und nach Lösungen suchen, z. B. sagen: „Du kannst meinen nehmen!“ Der „Neue“ könnte auch sagen: „Ich habe heute keinen Durst!“ Das bezieht sich auf seine „subjektive Welt“, wäre zwar eine ehrliche Aussage, würde aber den Unmut und erstaunte Blicke der Kollegen hervorrufen, weil die Regeln der Hierarchie und des Zusammenlebens auf der Baustelle nicht eingehalten sind. Der „Neue“ muss wissen und berücksichtigen, dass Bier zum Frühstück auf dem Bau eine Regel ohne Ausnahme ist und dass gewöhnlich ein „Neuer“ zum Bierholen geschickt wird. Will er sich einen Platz bei den Kollegen erobern, wird er sich schnell auf den Weg machen. (nach Habermas 1981, S. 185ff)
Kommunikative Kompetenz haben Sprecher dann, wenn sie unterscheiden können, wann und wie sie auf andere so wirken, dass sie sich verständigen können. Wenn bei Beachtung der Geltungsansprüche dennoch Störungen auftreten, kann durch „Reparaturversuche“ Verständigung erreicht werden. Der „Neue“ könnte nachfragen, ob das so üblich ist, die anderen könnten ihm erklären, dass derartige ungeschriebene Regeln gelten. Helfen Reparaturversuche nicht, könnte in einem Diskurs Übereinstimmung in den Geltungsansprüchen hergestellt werden und ein Konflikt oder ein Problem gelöst werden.
Auch in professionellen Beratungsgesprächen gelten die Ansprüche von Wahrheit, Angemessenheit und Aufrichtigkeit, auf deren Grundlage Beratung als Erreichen eines Zieles und Herstellen von Einvernehmen überhaupt nur möglich ist.
Konversationsmaxime
Ähnliche Ansprüche formuliert der englische Philosoph Grice (1975) in seinen Kooperationsprinzipien mit den vier Basisregeln oder Konversationsmaximen:
■ Qualitätsmaxime: Botschaften sollten ein Maximum an Qualität, also Wahrheit und Aufrichtigkeit beinhalten.
■ Quantitätsmaxime: Botschaften sollten so viele Informationen wie notwendig enthalten, aber auch nicht mehr als nötig, also nicht redundant sein.
■ Relevanzmaxime: Botschaften sollten relevant sein und Bedeutung für den Gegenstand des Gesprächs haben.
■ Klarheitsmaxime: Botschaften sollten klar, deutlich und eindeutig sein.
Im Alltag werden diese Maximen oft nicht eingehalten, man nimmt es mit der Aufrichtigkeit manchmal nicht so genau, wiederholt die gleichen Inhalte mehrmals und kommt von „Hölzchen auf Stöckchen“. Soll eine Beratungssituation gelingen, sollte jedoch zumindest der Berater sich an die Maximen halten, aufrichtig zu sein, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu reden, nicht vom Thema abzukommen und sich klar auszudrücken. Die Maximen von Grice fokussieren den rationalen Informationsaustausch, die reine Übermittlung von Botschaften, also die Symbolfunktion des Organon-Modells, während die Aspekte von Ausdruck und Appell kaum berücksichtigt werden. Grice macht ebenso wie Habermas darauf aufmerksam, dass ohne die Bereitschaft zur Verständigung Kommunikation ihren Sinn verfehlt. Die Qualitätsmaxime, ebenso wie der Habermas’sche Aufrichtigkeitsanspruch stellen hohe Anforderungen an den Berater, wenn die Lebensführung des Klienten seinen eigenen Normen und Wertvorstellungen entgegensteht.
Dialogmodelle
In den so genannten Dialogmodellen (Krauss / Fussel 1996) werden weniger individuelle Motive, Haltungen oder Voraussetzungen der beiden Partner betrachtet, die in der wechselseitigen Perspektivenübernahme erfasst werden und die die Kommunikationshandlung steuern, sondern der kommunikative Prozess selbst steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Nicht die Übermittlung von Informationen, sondern das Herstellen von Intersubjektivität ist in diesen Modellen Ziel der Kommunikation. Im Dialog konstruieren die Partner ihre gemeinsame Wirklichkeit nach Gesetzmäßigkeiten, die sie nicht miteinander aushandeln, sondern die sich aus der Natur der Kommunikationshandlung ergeben.
Konversationsanalyse
Diese Prozesse der Wechselseitigkeit werden in Konversationsanalysen untersucht (Atkinson et al. 1984; H. Sacks et al. 1974). Das zentrale Ziel solcher Analysen ist, die Kompetenzen zu beschreiben und zu erklären, die Sprecher nutzen und auf die sie sich verlassen, wenn sie an sozialen Interaktionen teilnehmen. Die unausgesprochenen Regeln, nach denen Partner im Gespräch Beiträge einbringen, Themen aufwerfen, fortführen, wechseln oder auch das Gespräch beenden können, sind dabei Gegenstand der Analyse. Es werden typische Muster von beispielsweise Begrüßungen, Verabschiedungen oder auch komplexen Verkaufs-, Bewerbungs- oder eben Beratungsgesprächen herausgearbeitet. Sogar Alltagsgespräche laufen in erkennbar geordneten Mustern ab, auch wenn sie uns manchmal chaotisch erscheinen. Die Konversationsanalyse ist allerdings eher eine sozialwissenschaftliche Methode der Analyse von Interaktionen als ein Modell menschlicher Kommunikation. Dennoch gibt sie wertvolle Hinweise, wie (Beratungs)gespräche strukturiert sind.
kollaborative Kommunikation
Im Modell der kollaborativen Kommunikation (Clark / Wilkes-Gibbs 1986) unternehmen Sprecher und Hörer alle Anstrengungen, um sicherzustellen, dass sie dasselbe Konzept der Bedeutung jeder Botschaft haben, bevor sie zur nächsten übergehen. Sie unterscheiden eine Phase der Präsentation einer Botschaft und eine der Akzeptanz, in der die Kommunikationspartner zu einem übereinstimmenden Verständnis kommen. In der Präsentationsphase können die Partner die Aussage gemeinsam konstruieren, indem beispielsweise der Sprecher eine kleine Pause macht: „Ich kenne Sie doch, Sie sind Susanne …“, wobei er seine Stimme erhebt und die Gesprächspartnerin den Nachnamen nennt. In der Phase der Akzeptanz versichern sich beide Partner, dass der andere richtig verstanden hat, indem sie eine gemeinsame Basis (common grounding) annehmen oder herstellen. Der Dialog „Ist Peter bei Susi?“ – „Das rote Auto steht vor der Tür!“, kann nur verstanden werden, wenn beide Partner wissen, dass Peter ein rotes Auto hat und Susi gewöhnlich mit seinem Auto besucht. Falls der Partner das nicht weiß, muss er nachfragen, um die gemeinsame Basis herzustellen und die Äußerung zu akzeptieren, bevor der Dialog voranschreitet. Missverständnisse können auftreten, wenn keine gemeinsame Basis entsteht. Dies lässt sich allerdings im kollaborativen Modell nicht ausreichend erklären, denn das Fehlen der gemeinsamen Basis setzt eine eigene Perspektive der jeweiligen Partner voraus, die der Kollaboration widerspricht.
Axiome menschlicher Kommunikation
Das wohl bekannteste und verbreitetste Modell menschlicher Kommunikation ist das von Watzlawick, Beavin und Jackson (1967). Die Autoren haben einen sehr weiten Begriff von Kommunikation und unterscheiden ausdrücklich nicht zwischen symbolisch-intentionaler Kommunikation (sprachlicher Kommunikation) und Ausdrucksverhalten. Watzlawick et al. haben jedoch keine vollständige und in allen Punkten empirisch prüfbare Theorie entwickelt, sondern beschreiben kommunikative Beziehungen, die für sie eine logische Konsistenz haben (Frindte 2001). Sie formulieren fünf Axiome, also aus sich heraus evidente, nicht zu beweisende Grundsätze:
■ Verhalten ist immer auch Kommunikation. Da es kein Gegenteil von Verhalten, kein Nichtverhalten gibt, ist es unmöglich, nicht zu kommunizieren. Auch wenn man schweigt oder sich abwendet, drückt man etwas aus, kommuniziert beispielsweise Desinteresse.
■ Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Sie besteht immer aus dem, was gesagt wird, dem Inhalt, und – meist nonverbalen – Hinweisen darauf, wie die Aussage gemeint ist, wodurch die Beziehung definiert wird. Der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt einer Botschaft zu verstehen ist. Wenn z. B. die Mutter zärtlich und mit einem lächelnden Gesicht zu ihrem Kind sagt: „Du kleiner Räuber“, ist klar, dass sie nicht davon ausgeht, dass das Kind strafbare Handlungen begeht. In jeder Kommunikation sind immer beide Aspekte enthalten, auch wenn sie in verschiedenen Situationen ein unterschiedliches Gewicht haben können. Wenn Inhalts- und Beziehungsaspekt nicht übereinstimmen, kann das Verwirrung stiften. Diese Situation wird auch „double bind“ genannt. Die geschiedene Mutter sagt beispielsweise mit einem bösen Gesicht und in barschem Tonfall zu Sohn oder Tochter: „Ich habe nichts dagegen, wenn du deinen Vater besuchst“, so dass das Kind nicht weiß, auf welche der widersprüchlichen Informationen es reagieren soll. Es sitzt in der Falle und kann es letztlich nur falsch machen.
■ Jede Kommunikation wird aus der unterschiedlichen Sicht der beiden Partner strukturiert. Diese „Interpunktion“ genannte Gliederung der Ereignisabfolge geschieht nach den Vorstellungen, Erfahrungen und Einstellungen der Partner. Jede Kommunikationshandlung lässt sich als Reaktion auf eine vorausgehende Handlung verstehen, so dass die Partner Anfang und Ende einer Kommunikationskette subjektiv setzen. Wegen dieses Sachverhaltes lässt sich trefflich streiten, wenn die Frau meckert, weil der Mann sich zurückzieht und der Mann sich zurückzieht, weil die Frau meckert.
■ Menschliche Kommunikation kann in digitaler und analoger Weise erfolgen. Die digitale Kodierung geschieht durch konventionelle Zeichen, deren Bedeutung annähernd festliegt und die als Einheiten voneinander abgrenzbar sind, also der Sprache. Die digitale Kommunikation begleiten analog nonverbale Informationen, die ihre Bedeutung untermauern und Befindlichkeiten transportieren. Nonverbale, analoge Zeichen sind weniger eindeutig, flüchtiger, gehen ineinander über und lassen sich schwer festmachen, so dass daraus viele Missverständnisse zu erklären sind. Sie eignen sich vorzüglich zur Manipulation und Steuerung anderer Personen, wobei der Urheber sich von jeder Verantwortung reinwaschen kann, indem er zutreffend behauptet, das, weswegen der andere verstimmt ist, nie gesagt zu haben.
■ Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär. Je nach Verhältnis, in dem die Kommunikationspartner zueinander stehen, können sie gleichberechtigt, also symmetrisch, kommunizieren oder komplementär. Dann ist der eine abhängig von den Vorgaben des anderen über Gesprächsdauer, Redebeiträge, Zeit und Raum, er ist ihm untergeordnet. Der Angestellte ist abhängig davon, ob der Chef gerade mit ihm reden möchte oder nicht. Der Schüler sollte warten, ob der Lehrer ihn zu Wort kommen lässt. Der Prüfling muss sich dem vom Prüfer bestimmten Verlauf der Prüfung unterordnen. Mann und Frau oder Freunde handeln ihre Beiträge im Gespräch dagegen gleichberechtigt aus.
Watzlawick et al. (1967) haben aus ihrer praktisch-therapeutischen Arbeit ein sehr eingängiges Modell geschaffen, das sich großer Beliebtheit erfreut, weil es plausibel erscheint und unmittelbar einleuchtet, allerdings ist es rein beschreibend und berücksichtigt beispielsweise nicht, dass auch Sprache wegen der Konnotationen nicht eindeutig ist, während manche nonverbalen Zeichen durchaus eindeutig sein können („Stinkefinger“, Vogel zeigen). Auch ist die Gleichsetzung von Verhalten und Kommunikation nicht gerechtfertigt, denn jede Kommunikation ist zwar Verhalten, aber nicht jedes Verhalten ist Kommunikation (Girgensohn-Marchand 1996). Die von Watzlawick et al. (1967) selbst als provisorisch bezeichneten Formulierungen erheben jedoch weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit. Der theoretischen Schwäche stellen Watzlawick et al. (1967) die praktische Nützlichkeit gegenüber.
vier Seiten einer Nachricht
In Weiterentwicklung des Organon-Modells und des Modells von Watzlawick und Mitarbeitern hat Schulz von Thun (1981, 1989, 1998; Thomann / Schulz von Thun 1988), ebenfalls eher beschreibend-orientierend, besonders das zweite Axiom Watzlawicks et al. erweitert. Danach hat jede Mitteilung vier Seiten, die vier Seiten einer Nachricht (siehe Abbildung 3). Sie hat immer eine Sachebene, die Information, die sie enthält. Daneben gibt der Sprecher immer etwas von sich selbst preis, die Selbstoffenbarung oder Selbstkundgabe. Die Nachricht enthält Informationen, wie der Sprecher die Beziehung zum Gesprächspartner definiert, die Beziehungsseite, und welche Erwartung er an ihn hat, die Appellseite. Alle Aspekte sind in der Nachricht enthalten, können aber ein unterschiedliches Gewicht haben. Der Gesprächspartner kann nun seinerseits auf vier Ohren hören, und im Idealfall stimmen die Ebenen bei Hörer und Sprecher überein.

Abb. 3 Vier Seiten einer Nachricht (nach Schulz von Thun 1981ss)

Willi sitzt zu Hause auf der Couch und sieht fern. Er sagt: „Emma, das Bier ist alle!“ Auf der Sachebene ist das die Information, dass kein Bier mehr zur Verfügung steht. Auf der Selbstoffenbarungsebene drückt er aus, dass er noch Durst hat und ihn nach mehr Bier gelüstet. Auf der Beziehungsebene wird klar, dass Emma dazu auserkoren ist, ihm zu Diensten zu sein, und auf der Appellebene, dass sie ihm das Bier holen soll. Emma ihrerseits kann sich selbst als Dienerin ihres Mannes begreifen, in den Keller sprinten und dafür sorgen, dass er wieder Bier hat. Dann ist der Familienfriede gewahrt. Sie kann aber auch anders …
Schwierig wird die Kommunikation, wenn einer der beiden Partner „gewohnheitsmäßig“ mit einem bestimmten Mund spricht oder auf einem bestimmten Ohr bevorzugt hört. Dann können sich Kommunikationsstile herausbilden, auf deren Grundlage man dauerhaft streiten kann, ohne den Kreislauf je durchbrechen zu können.
Die verschiedenen Theorien und Modelle (siehe Tabelle 2) zeigen, dass Kommunikation nicht eindeutig ist, dass sie immer Mehrdeutigkeiten und Interpretationsspielräume beinhaltet, die die Verständigung erschweren. Ein Wunder, dass wir uns überhaupt verständigen und verstehen können.
Tab. 2: Kommunikationsmodelle
| Modell | Fokus | |
| Shannon & Weaver | Encoder-Decoder | Übermittlung von Nachrichten |
| Bühler | Organon | Aspekte der Sprache |
| Grice | Kooperationsprinzip | rationaler Informationsaustausch |
| Mead | Perspektiven- übernahme | Interaktion im gemeinsamen Kontext |
| Habermas | kommunikatives Handeln | Situationsdefinition, Herstellen von Konsens |
| Watzlawick | Dialog | Prozess, Herstellen von Intersubjektivität |
| Clark & Wilkes-Gibbs | kollaborativ | Konstruktion von Bedeutung auf gemeinsamer Basis |
Einen wesentlichen Anteil an einerseits der Verdeutlichung des Gesagten und andererseits an der Ambiguität (Mehrdeutigkeit) hat die nonverbale Kommunikation, die daher im Folgenden genauer betrachtet werden soll.
2.2Nonverbale Kommunikation

Kommunikation geschieht immer auf mehreren Kanälen gleichzeitig und nur in der Zusammenschau aller Kanäle können kommunikative Interaktionen interpretiert werden. Die in Kommunikationstrainings häufig zitierten Untersuchungen von Mehrabian (1980) ergaben, dass nur etwa 7 % der emotionalen Bedeutung einer Botschaft durch Sprache vermittelt werden, mehr als 38 % Prozent durch sprachbegleitende Merkmale wie Tonhöhe, Sprachmelodie, Betonung und über 55 % durch weiteres nonverbales Verhalten wie Gesten, Körperhaltung oder Gesichtsausdruck. Allerdings gilt das eher für inkongruente Botschaften und weniger für die Vermittlung von Sachinhalten (Röhner/Schütz).
Eigenschaften nonverbaler Zeichen
Nonverbale Signale entziehen sich dabei meist der bewussten Kontrolle. Sie laufen automatisch ab und sind in ihrer Bedeutung unbestimmter als verbale Äußerungen. Während Sprache nur eine bestimmte Anzahl von Wörtern für einen Sachverhalt zulässt, die zudem durch grammatische Regeln weiter eingeschränkt werden, kann man sich eines praktisch unbegrenzten Vorrats an nonverbalen Zeichen bedienen. Sie werden unmittelbar verstanden, obwohl sie noch weniger eindeutig sind als die sprachlichen Zeichen. Mit nonverbalen Mitteln werden hauptsächlich Einstellungen, Emotionen, Sympathie und Antipathie kommuniziert, die sich sprachlich nicht so gut ausdrücken lassen und oft auch aufgrund unausgesprochener Regeln des sozialen Miteinanders nicht ausgedrückt werden dürfen. In professionellen Beziehungen wird geradezu verlangt, dass der Berater sich der Preisgabe seiner persönlichen Bewertung seines Klienten und dessen Problemen enthält. Dass dies nicht immer einfach ist und oft nicht gut gelingt, liegt in der Natur der nonverbalen Kommunikation, die weniger bewusst gesteuert werden kann.
Eindruckssteuerung
Jeder Mensch hat ein Bild von sich selbst entwickelt, seinen Interaktionspartnern, der Welt, in der er lebt, und den Anforderungen, die bestimmte soziale Situationen an ihn stellen. Dieses Bild hat er in sozialen Begegnungen mit anderen gewonnen. Er überprüft es in seinen sozialen Interaktionen ständig und revidiert es dabei. Was er von sich und seinen Interaktionspartnern hält, kommt in der nonverbalen Kommunikation zum Ausdruck. Er betont bestimmte Verhaltensweisen und vermeidet andere, er gibt sich lässig, selbstbewusst, schüchtern oder streng, je nachdem, welches Bild er von sich in der Situation hat und welchen Eindruck er beim anderen – mehr oder weniger bewusst – erzeugen will. Der Eindruck, den die Person macht, entspricht dabei ihrem Bild von sich selbst und den anderen in dieser Situation (Forgas 1999).
dramaturgisches Modell
Goffman (1969) vergleicht in seinem „dramaturgischen Modell“ Alltagsinteraktionen mit einem Theaterspiel, bei dem man eine Rolle ausfüllt, sich in Szene setzt, sich hinter den Kulissen vorbereitet und sein Kostüm auswählt, um eine so gute Vorstellung abzugeben, dass die Darstellung für Wirklichkeit gehalten wird.
Wenn jemand aus der Rolle fällt, sich in einer sozialen Situation nicht angemessen verhält, im Restaurant lauthals rülpst, in einer Konferenz einschläft oder mit seiner Frau auf der Straße heftig streitet, ruft das bei den anderen Peinlichkeit hervor. Viele Filme leben von solchen Situationen. Die Beobachter werden dann schnell versuchen, die Fassade wieder herzustellen, indem sie das Rülpsen „überhören“, den Schläfer verstohlen wecken oder an den Streitenden schnell vorbeigehen.
Rollenerwartung
In jeder sozialen Situation werden mit diesen Rollen Erwartungen verknüpft. Eine Frau kann sich als Mutter, Ehefrau, Lehrerin oder Kundin eines Fitness-Studios unterschiedlich verhalten und manchmal geraten verschiedene Rollen in Konflikt. Rollen sind auch abhängig von sozialen Ordnungen. Je höher der Rang einer Person bewertet wird, desto stärker ist er den Rollenerwartungen unterworfen und desto tiefer ist der Fall, wenn er sie nicht erfüllt.
Auch Ratsuchender und Berater füllen bestimmte Rollen aus, mit denen sie unterschiedliche Erwartungen verknüpfen. So wird der Ratsuchende nicht damit rechnen, dass der Berater von seinen eigenen Problemen berichtet – was allerdings gelegentlich geschieht – und der Berater wäre sehr pikiert, wenn der Ratsuchende ihm Vorschläge für seine Vorgehensweise machen würde.
In sozialen Situationen versucht man also, den Eindruck, den andere von einem haben, so zu steuern, dass er mit dem, was man von sich präsentieren möchte, übereinstimmt. Das gelingt den verschiedenen Menschen mehr oder weniger gut und setzt voraus, dass man Wirkungen des Verhaltens und mögliche Reaktionen des Partners vorwegnehmen und sein Verhalten darauf einstellen kann. Der gute „Eindruckssteuerer“ weiß, was andere von ihm erwarten, wie ihre Urteile zustande kommen, was die jeweilige Situation verlangt und wie er gewünschte Reaktionen erzeugen kann, wie er als „ehrlich“, „freundlich“ oder „vertrauenswürdig“ erscheint. Er hat damit eine hohe soziale Intelligenz, das bedeutet aber nicht unbedingt, dass er diese zum Wohle anderer einsetzt. Er kann seine Fähigkeit auch zu Manipulation und Macht ausnutzen und dabei einen guten und harmlosen Eindruck hinterlassen.
Nicht nur dem durchschnittlichen „Menschenkenner“, sondern auch Beratern und Therapeuten fällt es schwer, die „Echtheit“ der Präsentation einer Person von sich selbst zu beurteilen. Die Annahme, sich vor Psychologen in Acht nehmen zu müssen, da sie einen sofort „durchschauen“, ist ein weit verbreitetes Vorurteil, entbehrt aber oft jeglicher Grundlage.
Blickverhalten
Eines der wirksamsten und wichtigsten nonverbalen Signale ist der Blick. Verliebte können sich stundenlang in die Augen sehen, die Augen sind das „Fenster zur Seele“. „Schau mir in die Augen, Kleines“, fordert nicht nur Humphrey Bogart in der legendären Szene aus „Casablanca“ auf. Man glaubt, Lügner können einem forschenden Blick nicht standhalten: Die Lüge steht ihm „ins Gesicht geschrieben“. Allerdings weiß das auch der Lügner und gute Eindruckssteuerer und wird versuchen, seinen Blick und seine Mimik unter Kontrolle zu halten, besonders wenn er annimmt, dass sein Gegenüber ausschließlich auf sein Gesicht achten wird (Ekman 2003). Der im Erkennen und der Verhörtaktik geschulte FBI-Agent wird daher eher auf periphere Körperpartien achten, wie Bewegungen von Händen und Füßen, die der Lügner nicht mehr unter Kontrolle hat, weil er sich auf die Wirkung seines Blickes und seiner Mimik konzentriert, während der naive Betrachter sich vom unschuldigen Blick betören lässt (Ekman 2003).
Blicke steuern aber auch ganz profan den Sprecherwechsel in der Interaktion, das Turn-Taking. Das Maß des Blickkontakts ist in Interaktionen, ohne dass es den Partnern bewusst ist, genau ausbalanciert. Der Hörer schaut länger auf den Sprecher als umgekehrt, in zwei Dritteln der Interaktionszeit schaut einer zum anderen, ihre Blicke treffen sich jedoch nur selten und werden schnell wieder abgewendet. Das häufiger werdende Abwenden des Blickes während einer Interaktion signalisiert, dass das Gespräch demnächst beendet wird (Forgas 1999). „Inquisitorisch“ und für den Partner unangenehm wirkt, wenn das Gegenüber den Blick nicht abwendet. Desinteresse oder Schüchternheit werden vermittelt, wenn ein Partner den anderen nicht anschaut. Beides wirkt irritierend und wird automatisch entsprechend interpretiert. Das Blickverhalten ist jedoch nicht universell, sondern kulturabhängig und wird auch bestimmt von Intimitätsgrad, Rolle und Geschlecht der Partner.
Emotionsausdruck
Im Gesichtsausdruck glaubt man, Emotionen weitaus besser ablesen zu können, als sie verbal zu vermitteln wären. Allerdings lassen sich nur die Grundemotionen wie Angst, Freude, Ekel, Überraschung, Wut und Trauer unmittelbar und überwiegend eindeutig zuordnen. Diese Ausdrucksreaktionen werden nicht gelernt, sondern treten auf entsprechende Reize spontan auf und werden auch beispielsweise von blind geborenen Kindern gezeigt (Birbaumer / Schmidt 2010).
Alle anderen Emotionen sind vermischt, stark vom sozialen Kontext und nicht zuletzt von Stimmungen des Beobachters abhängig. Allein der Sonnenschein reicht, um sich selbst und die anderen in einem helleren Licht erscheinen zu lassen und die Welt mit „anderen Augen“ zu sehen, ganz zu schweigen von der sprichwörtlichen „rosaroten Brille“ der Verliebten.
Erkennen von Emotionen
Im Gesicht gespiegelte „echte“ Gefühlszustände werden durch andere neuronale Systeme gesteuert als willkürlich herbeigeführte (Damasio 2004), so dass man annehmen könnte, es sei leicht, sie zu unterscheiden. Dies trifft jedoch im Alltag nicht zu. Dort achtet man meist allein auf die groben, länger dauernden, die Makro-Ausdrücke. Dabei wird man kaum beispielsweise ein echtes von einem unechten Lachen unterscheiden können (Ekman 2003). Extrem kurze, kaum wahrnehmbare und sehr flüchtige Ausdrücke, die Mikro-Ausdrücke, hingegen „verraten“ denjenigen, der etwas verbergen möchte.

Ekman und Friesen (1969 nach Ekman 2003) konnten zeigen, dass Psychiater in klinischen Interviews anhand der Mikro-Ausdrücke mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erkennen konnten, ob Patienten Suizidabsichten oder Halluzinationen zu verheimlichen suchten. Diese schwer wahrnehmbaren, weil äußerst flüchtigen Mikroausdrücke enthalten also doch Informationen über Lügen und Verheimlichen, die allerdings nur wenigen Beobachtern unmittelbar zugänglich sind.
Auch Ängstlichkeit, Ärger und andere Emotionen lassen sich durch das Achten auf Mikroausdrücke erkennen, allerdings sagen sie nichts darüber aus, was die Emotion verursacht. Ängstlichkeit oder Ärger können genauso bei einer falschen Anschuldigung empfunden werden wie bei einem „schlechten Gewissen“ oder Furcht vor Entdeckung.
Anpassung von Ausdrucksreaktionen
Körpersprache, Mimik und Gestik sind höchst komplexe Vorgänge und geschehen meistens unbewusst. Man versteht sie, ohne dass man sagen kann, warum. Im Gespräch wird die Körpersprache der beiden Partner in „Interaktionssynchronie“ koordiniert. Diese ideomotorischen Mitbewegungen hängen davon ab, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist, welche Intention wahrgenommen wird und mit welcher Person man „mitfühlt“ (Hoffmann / Engelkamp 2013). Auch in den mimischen Ausdrucksreaktionen passen sich die Interaktionspartner aneinander an und regulieren sich gegenseitig. Beim Wahrnehmen von Gesichtsausdrücken und beim Zeigen dieser Ausdrücke sind nämlich dieselben Spiegelneuronen (Mirror neurons) aktiv. Darüber verstehen wir das Verhalten und die Intentionen anderer auf einer basalen Ebene, die auch Voraussetzung für Empathie ist (Corradini / Antonietti 2013; Mainieri / Heim / Straube / Binkofski / Kircher 2013; Praszkier 2016). Dabei gibt es offensichtlich verschiedene Typen von Spiegelneuronen, die unterschiedlich kongruent mit der wahrgenommenen Handlung sind, so dass das wahrgenommene und das eigene mimische Verhalten moduliert wird (Hoffmann / Engelkamp 2013; Simon / Mukamel 2017).
Körperhaltung
Der Körperhaltung wird nicht nur in Kommunikations- und Präsentationstrainings viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Körperhaltung vermittelt auch dem naiven Betrachter schon von weitem, in welcher Verfassung sich das Gegenüber befindet (Giese / de Gelder 2012). Eine zusammengesunkene Haltung mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf signalisiert Trauer und Depression, eine aufrechte, offene Haltung Selbstbewusstsein und Kontaktbereitschaft. Die Körperhaltung ist ein deutlicher Ausdruck von Gefühlen und Befindlichkeit. Sie zeigt, wie sicher, souverän oder überlegen sich jemand fühlt, aber auch wie interessiert und aufmerksam er ist. Mehrabian (1972) unterscheidet drei Reizklassen:
■ Unmittelbarkeitsreize wie Blickkontakt, Körperorientierung oder Berühren kommunizieren Sympathie und Antipathie.
■ Entspanntheitsreize wie Einnehmen des Raumes beim Sitzen oder Stehen oder Anspannung der Hände vermitteln Status und soziale Kontrolle. Im Bewerbungsgespräch wird der Personalchef entspannter in seinem Sessel sitzen als der Bewerber, der tunlichst eine nicht verkrampfte, aber doch kontrollierte, nicht zu lässige Haltung einnehmen sollte.
■ Aktivitätsreize wie Bewegungen und Gestik signalisieren Reaktionsbereitschaft und Aufmerksamkeit dem Partner gegenüber.
Wer wen wo berühren darf, ist konventionell und kulturell bestimmt. Berührungen können beruhigen, Trost spenden, Statusverhältnisse anzeigen oder auch einfach ritualisiert sein wie das Händeschütteln. Berührungen sagen etwas über das Verhältnis der Partner zueinander aus. Der Angestellte wird nicht dem Chef anerkennend auf die Schulter klopfen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und Untergebene werden häufiger berührt. Allerdings haben auch Berührungen deutliche kulturelle Anteile (Forgas 1999). So berührt man sich in südeuropäischen Ländern wesentlich häufiger, was zu einer gewissen Irritierung führen kann, wenn eine griechische Studentin der Dozentin im Gespräch über den Arm streicht.
Raum und Territorium
Auch Raum und Territorium können nonverbal Einstellungen und Beziehungen kommunizieren und werden bestimmt durch die Intimität, die man dem Partner zugesteht. Kommt man sich zu nahe, ohne in einem entsprechenden Intimitätsverhältnis zu stehen, wird die Distanz wieder ausgeglichen. Lässt sich die Nähe zu fremden Personen nicht vermeiden, beispielsweise im Fahrstuhl, wird die Distanz durch Vermeiden des Blickkontakts gewahrt. Alle ziehen sich wenn möglich in eine Ecke zurück, schauen nach unten oder an die Decke, um den Blicken der anderen nicht zu begegnen.
parasprachlicher Ausdruck
Sprachlich Ausgedrücktes bekommt seinen Ausdrucksgehalt durch parasprachliche Mittel, also nichtverbale, stimmliche Äußerungen. Sie begleiten die gesprochene Sprache und geben Hinweise darauf, wie das Gesprochene zu verstehen ist. Tonfall, Rhythmus, Geschwindigkeit, Lautstärke, Stimmlage gehören ebenso dazu wie Lachen, Seufzen, Weinen, Gähnen oder Pfeifen. Manche Emotionen werden sehr deutlich von der Stimmführung transportiert, z. B. Zorn, Nervosität, Traurigkeit oder Glück. Auch Erregung oder Angst werden besonders wirksam in der Stimme dargestellt. Die Stimme ist dabei zuverlässiger als der Gesichtsausdruck, weil sie schwerer willkürlich gesteuert werden kann. Verbale Äußerungen, denen die parasprachlichen Begleitausdrücke fehlen, irritieren den Hörer.
Die Ansprache des Präsidenten

„Was war da los? Aus der Aphasie-Station drang, gerade als die Rede des Präsidenten (Reagan, S. N.) übertragen wurde, lautes Gelächter, und dabei waren doch alle so gespannt darauf gewesen …
Da war er also, der alte Charmeur, der Schauspieler mit seiner routinierten Rhetorik, seiner Effekthascherei, seinen Appellen an die Emotionen – und alle Patienten wurden von Lachkrämpfen geschüttelt. Nein, nicht alle: einige sahen verwirrt aus, andere wirkten erregt, zwei oder drei machten einen besorgten Eindruck, aber die meisten amüsierten sich großartig. Die Worte des Präsidenten waren eindringlich wie immer, aber bei den Patienten riefen sie offenbar hauptsächlich Heiterkeit hervor. Was mochte in ihnen vorgehen? Verstanden sie ihn nicht? Oder verstanden sie ihn vielleicht nur zu gut?“ Von einer Patientin mit einer totalen Agnosie, die gesprochene Sprache verstehen aber die parasprachlichen Merkmale nicht mehr wahrnehmen konnte, weswegen sie bewusst auf Haltung und Bewegung der Partner achten musste, berichtet Sacks: „Mit steinernem Gesicht hörte auch Emiliy D. der Rede des Präsidenten zu und unterlegte sie mit einer seltsamen Mischung aus verstärkten und fehlerhaften Wahrnehmungen – genau das Gegenteil von dem, was unsere Aphasie-Patienten taten. Die Rede bewegte sie nicht – kein gesprochenes Wort rief mehr eine Regung in ihr hervor – und alles, was Emotionen ausdrückte, seien es echte oder gespielte, ging völlig an ihr vorbei. War diese Frau, für die gesprochene Worte keine Gefühle mehr vermittelten, nun ebenso fasziniert und mitgerissen wie wir? Keineswegs. ‚Er ist nicht überzeugend‘, sagte sie. ‚Er spricht keine gute Prosa. Er gebraucht die falschen Worte. Entweder ist er hirngeschädigt, oder er hat etwas zu verbergen.‘ ( …) Das war also das Paradoxon der Präsidentenrede. Wir ‚Normalen‘ wurden, zweifellos beeinflußt durch unseren Wunsch, hinters Licht geführt zu werden, tatsächlich und gründlich hinters Licht geführt. Die Täuschung durch die Worte war, im Verein mit der Täuschung durch den irreführenden Tonfall, so gekonnt, daß nur die Hirngeschädigten davon unbeeindruckt blieben.“ (O. Sacks 1987, S. 115ff)
Auch im Beratungsprozess unterliegen beide Partner den Wirkungen nonverbaler Botschaften. Während der geschulte Berater insbesondere auf die Gestik und Mimik seines Klienten achtet, um seine Ehrlichkeit und Betroffenheit zu interpretieren und Hinweise auf die beraterische Arbeit zu bekommen, vernachlässigt er häufig die Wirkung seiner eigenen nonverbalen Zeichen, die wiederum dem Ratsuchenden signalisieren, was der Berater von ihm und seinem Problem hält.

2.3Übungsfragen zu Kapitel 2
7. Warum ist das Encoder-Decoder-Modell unzureichend?
8. Was zeichnet menschliche Kommunikation gegenüber technischer Kommunikation aus?
9. Wie entsteht der Bedeutungsumfang eines Wortes?
10. Welchen Vorteil hat ein Perspektivenübernahmemodell?
11. Was sind Geltungsansprüche und welche Funktion haben sie?
12. Was sind Konversationsmaximen?
13. Was sind Dialogmodelle?
14. Was ist eine Konversationsanalyse?
15. Wie heißen die fünf Axiome von Watzlawick et al.?
16. Was sind die vier Seiten einer Nachricht?
17. Was sind die Eigenarten nonverbaler Signale?
18. Was sind Rollenerwartungen?
19. Was ist Eindruckssteuerung?
20. Was wird durch Blicke transportiert?
21. Wie werden Emotionen ausgedrückt?
22. Was sind parasprachliche Mittel?
3 Theoretische Konzepte der Beratung
Psycho-soziale Beratung hat in ihrer Nähe zur Therapie ihre Techniken und Methoden aus psychologischen Theorien abgeleitet. Die drei wichtigsten, die psychoanalytische, die die Deutung unbewusster Konflikte anstrebt, die klientzentrierte, bei der die Beziehung zwischen Berater und Klient im Vordergrund steht, und die kognitiv-behaviorale Theorie, in der es um die Veränderung von Verhalten geht, werden in diesem Kapitel in ihren Grundzügen und ihren Einflüssen auf Beratungstechniken und -methoden dargestellt. Während die analytische und die klientzentrierte Therapie mit jeweils einem Namen verbunden sind, hat sich die kognitiv-behavioral orientierte Therapie aus unterschiedlichen Modellen entwickelt. Alle drei sehen Unterschiede zwischen Therapie und Beratung vorrangig in der Dauer der Zusammenarbeit und der Intensität der zu bearbeitenden Probleme, nicht aber in den zugrunde liegenden Erklärungsmustern.
Systemorientierte Ansätze erweitern den Blick auf soziale Gefüge, in denen Klienten leben. Frühe Konzepte sind orientiert am Gleichgewicht des Systems und der Vorstellung des „guten Funktionierens“ und damit an der Lösung des Problems, die dysfunktionale Familie funktional werden zu lassen. In einem Perspektivenwandel in Therapie und Beratung sind nicht mehr die Probleme der Person der Ausgangspunkt, sondern mögliche Lösungen, die jedes System bereits in sich trägt. Neue Techniken, die nicht auf die Probleme, sondern an den gut funktionierenden Anteilen ausgerichtet sind, werden entwickelt. Mit der ressourcenorientierten Beratung entstehen Konzepte, die nicht mehr psychologischen Schulen verpflichtet sind, sondern in „pragmatischem Eklektizismus“ alle Möglichkeiten nutzen, Ressourcen zu erhalten, zu wecken und zu etablieren.
3.1Von „therapeutischen Schulen“ abgeleitete Beratungskonzepte
3.1.1Psychoanalytisch orientierte Beratung
Kaum eine psychologische Theorie hat eine so weite Verbreitung im Alltagsgeschehen gefunden wie die Psychoanalyse. Häufig wird im Alltagsverständnis Psychotherapie gar mit Psychoanalyse gleichgesetzt. Von ihren Annahmen eines „ubiquitär-dynamischen Unbewussten“ geht eine hohe Faszination aus. Die Vorstellung, neben dem, was dem Bewusstsein zugänglich ist, noch eine Seite zu haben, für die man keine Verantwortung übernehmen kann, scheint tröstlich und beängstigend zugleich. Mit kaum einer anderen Äußerung kann man seinen Partner so gut treffen, wie mit einem Hinweis auf seine unbewussten Tendenzen durch einen nicht aufgelösten Ödipuskonflikt, eine Identifikation mit dem Aggressor oder eine misslungene Sauberkeitserziehung, die nun einen zwanghaften Menschen hervorgebracht hat. Alltagspsychologische Erklärungsmuster sind durchsetzt von solchen simplifizierten Annahmen. Grundsätzlich macht die Dynamik der persönlichen Entwicklung im Sinne der Psychoanalyse aus, dass Menschen beständig mit Erlebnisinhalten konfrontiert sind, die sie unbewusst als bedrohlich erleben und deswegen aktiv vom Bereich des Bewusstwahrnehmbaren fernhalten müssen (Datler et al. 2004).

Sigmund Freud 1856–1939
Das von Freud entwickelte System der Psychoanalyse ist allerdings wesentlich komplexer als diese schlagwortartigen Erklärungen. Es ist seit seiner ursprünglichen Konzeption zu Anfang des letzten Jahrhunderts in verschiedene Richtungen weiterentwickelt worden. Diese Entwicklungen aufzuzeigen, würde ein eigenes Buch füllen. An dieser Stelle soll daher nur auf die für das Verständnis analytischer Beratung notwendigen Grundgedanken eingegangen werden.
Bewusstseinsqualitäten
Freud unterscheidet drei Bewusstseinsqualitäten. Das Unbewusste ist dem Bewusstsein nicht oder nicht unmittelbar zugänglich. Es beinhaltet Triebe, Bedürfnisse und Inhalte, die aus anderen Persönlichkeitsbereichen „verdrängt“ worden sind, nicht „zugelassen“ werden. Dies geschieht ohne Beteiligung des Bewusstseins, so dass die Impulse weiter wirksam bleiben und als Symptome so verschleiert wieder auftauchen, dass sie in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr erkannt werden können. Das Vorbewusste enthält dem Bewusstsein grundsätzlich zugängliche Inhalte, wie Wahrnehmungen, Gedanken, Entschlüsse, sozusagen Abgelegtes, das bei Bedarf hervorgeholt werden kann. Im Bewusstsein schließlich befindet sich alles das, was die Person über sich weiß.
drei Instanzen
Die Persönlichkeit hat drei Instanzen, das Es, das Ich und das Über-Ich. Die Inhalte und Funktionen des Es sind unbewusst. Das Es ist aber nicht identisch mit dem Unbewussten, da auch die anderen Instanzen unbewusste Anteile haben. Das Es enthält neben Trieb- und Bedürfnisimpulsen, die als „Primärprozesse“ auf sofortige Befriedigung drängen, vom Ich verdrängte, bedrohliche Vorstellungen und Affekte. Das Ich stellt den Realitätsbezug her, indem es Funktionen des Denkens, Wahrnehmens, Erinnerns, Fühlens und der Handlungssteuerung hat. Es koordiniert die Impulse aus dem Es mit den Erfordernissen der Umwelt und entscheidet, welche Bedürfnisse gefahrlos befriedigt werden können und welche als bedrohlich abgewiesen werden müssen. Es stellt die Verbindung zur Außenwelt her und folgt dem „Realitätsprinzip“. Im Über-Ich finden sich die Normen und Werte, die eine Person im Laufe ihrer Sozialisation, zunächst an den Eltern orientiert, verinnerlicht hat, die Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“. Das Über-Ich enthält als strafende Instanz das Gewissen. Das Ich-Ideal als die Vorstellung, wie man sein möchte und sollte, ist ein weiterer Inhalt des Über-Ich. Das Über-Ich kontrolliert das Ich und das Es und strebt nach Moral und Perfektion. Die drei Instanzen stehen in beständigem Konflikt miteinander, so dass eine besondere Dynamik entsteht.
Sowohl in Therapie als auch in Beratung geht es darum, die aktuellen Probleme eines Klienten als Symptome für Konflikte zwischen Ich, Es und Über-Ich aufzufassen, zu deuten und damit aufzudecken. Das manifeste Beratungsthema hat also immer auch die andere Seite der unbewussten Bedeutung des Beratungsanliegens in sich, so dass es eine faktische, äußere Realität gibt und eine dynamische, innere Realität, die bestimmt, wie die faktische Realität wahrgenommen und welche Einstellung dazu entwickelt wird. Beide bedingen sich gegenseitig. Abwehrprozesse wie Vermeidung oder Realitätsverleugnung können es einem Klienten schwer machen, eine Lösung für ein anstehendes Problem zu finden, weil er bestimmte Anteile des Problems nicht sehen oder Lösungen nicht akzeptieren kann, wenn sie unbewussten Prozessen entgegenstehen (Schnoor 2011).
freie Assoziation
Als Technik, Zugang zu diesen unbewussten Inhalten zu finden, wird die freie Assoziation eingesetzt, bei der der Klient ohne Vorbehalte alles sagen soll, was ihm zu einem „Stichwort“ einfällt. Dadurch soll die Kontrolle des Unbewussten durch das Ich umgangen werden. In der psychoanalytischen Beratung wird im Gegensatz zur Therapie die Assoziation jedoch meist fokussiert auf das Problem und seine Lösungsmöglichkeiten (Schnoor 2011).
Deutung
Die Deutung dieser Assoziationen ist ein zentrales Merkmal psychoanalytischer Beratung. Dadurch werden Zusammenhänge im emotionalen Erleben des Klienten offenbar. Gleichzeitig werden neue Emotionen ausgelöst, die wiederum weiterer Deutung zugänglich sind. In diesem Prozess kann schließlich der verborgene Sinn von Symptomen aufgedeckt und Zugang zur inneren Welt des Ratsuchenden gefunden werden (Datler et al. 2004).
In der psychoanalytischen Beratung geht es also darum, die Bedeutung der Lebensschwierigkeit des Klienten aus seiner Biographie heraus zu verstehen und ihm zugänglich zu machen. Die unbewusste Bedeutung der aktuell schwierigen Lebenssituation bestimmt einen Teil der Problematik und ist Gegenstand des analytischen Prozesses. Die objektive und durch die äußeren Umstände bestimmte Bedeutung der Schwierigkeiten tritt demgegenüber in den Hintergrund (Argelander 1985). Dies bedeutet natürlich nicht, dass aktuelle, „objektive“ Lebensschwierigkeiten wie familiäre Situation oder finanzielle Sicherheit vernachlässigt würden, es geht aber um deren Deutung in Bezug auf die Dynamik der Problementwicklung und nicht um ihre „objektive“ Beurteilung.
Widerstand
Deutungen sind nicht immer angenehm, weil sie tabuisierte, schmerzliche oder peinliche, eben erfolgreich verdrängte Inhalte aussprechen. Dies kann bei Klienten zu Vermeidungsverhalten führen, indem bewusst Gedanken verschwiegen oder unbewusst weiter verdrängt werden, Deutungen nicht „angenommen“ werden können. Dies wird in der Analyse als „Widerstand“ bezeichnet. Widerstand soll nicht vermieden, sondern durch Deutung in den analytischen Prozess aufgenommen werden, da er ebenso wie die Symptome Hinweise auf innerpsychische Prozesse gibt.
Übertragung und Gegenübertragung
Der Erfolg der Beratung hängt davon ab, wie der Ratsuchende bewusst und unbewusst den Berater und die Zusammenarbeit mit ihm erlebt (Datler et al. 2004). Der Berater steht nämlich nach dem Konzept der Übertragung stellvertretend für frühere Bezugspersonen, die an der Entstehung seiner Symptome beteiligt waren. In der Beziehung zwischen Berater und Ratsuchendem können die früheren Konflikte mit diesen Bezugspersonen aktualisiert, erlebbar und einer Bearbeitung zugänglich gemacht werden. Im Prinzip zielt das gesamte analytische Setting darauf ab, eine solche Übertragungsbeziehung herzustellen. Allerdings entwickelt auch der Berater Gefühle, Vorstellungen und Phantasien, die als Gegenübertragung bezeichnet werden. Gegenübertragungen können dann den therapeutischen Prozess stören. Demzufolge ist ein wichtiger Aspekt der analytischen Ausbildung das Erkennen und Kontrollieren der Gegenübertragungstendenzen.
Gerade in der psychoanalytischen Auffassung ist der Unterschied zwischen Therapie und Beratung kaum feststellbar. Psychoanalytische Beratung wird eher als quantitativer denn als qualitativer Unterschied zur Therapie gesehen (Schnoor 2011), daher sind auch kaum explizite Beratungskonzepte entstanden.
Eines der wenigen psychoanalytisch fundierten und ausgearbeiteten Beratungskonzepte stammt von Houben (1975). Der Berater wendet sich im Beratungsprozess den konkreten Problemen des Ratsuchenden zu und versucht zu verstehen, warum gerade diese dem Ratsuchenden Schwierigkeiten bereiten. Er konfrontiert ihn Schritt um Schritt mit Widerständen und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die tief liegenden Hindernisse des Persönlichkeitswachstums des Klienten. Ähnlichkeiten der aktuellen Problemlage mit infantilen Konflikten können dazu führen, dass der Klient den Konflikt vermeidet und in eine defensive Regression ausweicht. Um das Problem befriedigend zu lösen, muss erarbeitet werden, welche subjektiv realisierbaren Handlungsmöglichkeiten jemand hat, um auf die vorgegebene Realität Einfluss zu nehmen und welche Risiken und Versagungen er dabei in Kauf nehmen muss.
Das diagnostische Gespräch geschieht in vier Stufen. Zunächst schildert der Klient das Problem frei und assoziiert anschließend seine Vorgeschichte. Der Berater achtet auf Anzeichen für emotionale Beteiligung, Widerstände, offensichtliche Lücken etc. Dann greift er Stichworte, „Schlüsselworte“, auf und regt zu weiteren Assoziationen an.

„Interviewer: ‚Sie sagten, Ihr Vater sei zu allen Leuten sehr nett.‘ Proband: ‚Ja, jetzt ist er es auch zu mir …‘ (Pause) I.: ‚Jetzt?‘ P.: ‚Früher hat er mich sehr knapp mit Taschengeld gehalten; ich hatte viel weniger als die anderen Jungen. Dabei mußte ich ganz schön mit anpacken. Jetzt bin ich froh, daß ich es getan habe, weil jeder sagt, daß ich es rasch zu was gebracht habe. Das verdanke ich dem Vater. Natürlich, früher hat er mich gelegentlich wütend gemacht, aber ich sagte nie ein böses Wort.‘ I: ‚Nie?‘ etc.“ (Houben 1975, S. 174)
Im letzten Schritt stellt er gezielte Fragen zur Problemlage, um über das beraterische oder therapeutische Vorgehen zu entscheiden. Das Ziel ist die Umstrukturierung psychischer Prozesse. Bei Beratung geht es um Entscheidungsprobleme, nicht um Neurosen oder Fehlentwicklungen. Ängste oder verdeckten Motive werden daher nur bearbeitet, wenn sie für die Problemlage wichtig sind. Ziel ist, bei Anpassungsproblemen die Entscheidungsfähigkeit wieder in Gang zu setzen, bevor es zu Instanzenkonflikten kommt. Widerstände werden im Beratungsprozess als bewusstseinsnäher und aktueller auf das Problem bezogen gesehen. Sie können daher eher konfrontativ angegangen werden als in der Therapie (Schnoor 2011).
Wenn im Leben Umstände eintreten, die früheren Konfliktkonstellationen ähnlich sind, kann das zum Zusammenbruch von erworbenen Anpassungen führen, es kann zu krisenhaftem Versagen kommen.

„Ein Patient, der als Direktionssekretär in einem Unternehmen vorzügliche Arbeit leistete, geriet in eine depressive Arbeitsunlust, als – nach dem tödlichen Unfall eines Direktors – seine Kandidatur für dessen Nachfolge erwogen wurde. Aus der Exploration ergab sich, daß seine Eltern eine patriarchalische Ehe geführt hatten, die u. a. deswegen glücklich war, weil die Mutter ihren Mann verehrte, aus der Identifikation mit ihm narzißtischen Gewinn erzielte und so in der Lage war – unter Hintanstellung eigener Ansprüche –, seine Ansichten gelten zu lassen und seinen Wünschen sogar zuvorzukommen.
Beim Patienten selbst fiel ein markanter Knick in der Entwicklung auf. Nachdem er in der Kindheit häufig wegen eigenwilligen Benehmens Konflikte mit seinem Vater hatte, stellte sich – in zeitlichem Zusammenhang mit einem kränkenden Sexual-Erlebnis – in der frühen Pubertät ein friedliches Einvernehmen der beiden ein. Dies beruhte u. a. darauf, daß er, wie die Mutter, die Vorrangstellung des Vaters respektierte, und sich bis in Kleinigkeiten des täglichen Umgangs auf dessen Gewohnheiten einstellte, seine Wertungen und Normen voll übernahm. Durch diese Identifikation mit der Mutter konnte er sowohl die Inzestwünsche als auch die Rivalität seines ödipalen Konfliktes erfolgreich abwehren. Seine spätere Rolle als ‚zweiter Mann‘ kann als ein sekundär-autonomes Anpassungssystem angesehen werden, das sich durch Funktionswechsel aus dieser Abwehr entwickelte. Er galt als der eigentliche Manager des Unternehmens und zog doch keine Rivalität der Vorgesetzten auf sich, weil er zwar Aktivitäten, aber kaum eigene Initiative entwickelte, sondern es verstand, jene Maßnahmen einzuleiten, die von vornherein den Vorstellungen des Direktoriums entsprachen.
In diesem Fall waren einige Beratungsgespräche, in denen ihm Einsicht in die Zusammenhänge vermittelt wurde, ausreichend, um die depressive Störung zu beheben. Allerdings mag es sein, daß der Umstand, daß er von den beiden anderen Direktoren als Nachfolger des Verstorbenen empfohlen wurde – im Sinne seines Abwehrsystems – den raschen Erfolg begünstigt haben.“ (Houben 1975, S. 146f)
In diesem Fall wird das frühere Thema in der Beratung aufgegriffen und in der aktuellen Situation gedeutet. Beratung bedeutet Stärkung der Realitätsprüfung und Unterstützung neuen Verhaltens. Im Beratungsprozess werden Interpretationen des Klienten in Frage gestellt und alternative Interpretationen aufgezeigt.
3.1.2Klientzentrierte / Personzentrierte Beratung
Die klientzentrierte, nicht-direktive oder heute eher personzentrierte Beratung (Sander 2004) ist eng mit dem Namen Carl Rogers verbunden. Ihre Grundannahmen der Beziehung zwischen Berater und Ratsuchendem und den Techniken der Gesprächsführung gelten als „die“ Beratungsmethode schlechthin.

Carl Rogers 1902–1987 aus Pervin et al. 2005, S. 216)
Rogers ist neben Maslow, Fromm und Charlotte Bühler einer der Hauptvertreter der humanistischen Psychologie, der so genannten „dritten Kraft“ neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus. Die humanistische Psychologie betont die Ganzheitlichkeit und Selbstentfaltung der menschlichen Psyche, die sich nur durch ein „organismisches Modell“, also ein im Gegensatz zur eher mechanistischen Auffassung des (klassischen) Behaviorismus „lebendiges“ Modell darstellen lasse. Grundlegend ist die Annahme einer das gesamte Entwicklungspotential eines Menschen aktualisierenden Tendenz als Motivationskraft, die den Organismus als Ganzes erhält, ihn wachsen und reifen lässt, der Aktualisierungstendenz.
Selbstaktualisierungstendenz
Weil der Mensch über die eigene Person, seine Erlebnisse und Erfahrungen reflektieren kann, nimmt er sie in ihrer Beziehung zu sich selbst wahr. Indem er diesen Erfahrungen Bedeutung verleiht, symbolisiert er sie. Auf dieser Grundlage entwickelt er eine Vorstellung von sich selbst, ein Selbstbild oder Selbst. Das Selbst beinhaltet die Wahrnehmung der Eigenschaften und Fähigkeiten, wie man sie sich selbst zuschreibt und für sich bewertet. Auf die Realität reagiert die Person wiederum so, wie sie diese aufgrund ihres Selbstkonzeptes wahrnimmt und definiert. Sie aktualisiert sich selbst. Die Selbstaktualisierungstendenz als Teil der Aktualisierungstendenz ist das Bestreben, das eigene Selbst zu verwirklichen, sich weiterzuentwickeln und eine Kongruenz von Umgebung und Selbst herzustellen.
Aktualisierungs- und Selbstaktualisierungstendenz sind normalerweise konstruktiv und gleichgerichtet. Äußere Bedingungen können jedoch bewirken, dass die Aktualisierungstendenz blockiert wird. Das kann für den Betroffenen selbst und für sein soziales Umfeld destruktiv sein.
Selbstbehauptungstendenz
Das Bestreben, das Selbstbild zu aktualisieren, also sich aufgrund von Erfahrungen weiterzuentwickeln, kann kollidieren mit dem Bestreben, ein einmal entwickeltes Selbstkonzept aufrechtzuerhalten: mit der Selbstbehauptungstendenz. Erfahrungen werden auch im Hinblick darauf bewertet, ob sie der Aufrechterhaltung des Selbstkonzeptes dienlich sind. Ein Aspekt des Selbst ist das Selbst-Ideal, das Wert- und Wunschvorstellungen über das Selbst beinhaltet, also vorgibt, wie man gerne sein möchte.
Dieser Bewertungsprozess kann zu einer Spaltung in der Aktualisierungstendenz führen. Je starrer das Selbst ist, umso mehr tendiert es dazu, neue Erfahrungen abzuwehren, sie nur verzerrt zu symbolisieren oder ganz zu verleugnen.
Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Anerkennung. Er möchte als individuelles, liebenswertes, unverwechselbares Individuum gesehen und beachtet werden. Er hat ein Bedürfnis nach Selbstachtung, er möchte sich selbst Wert schätzen können und seinem Ich-Ideal entsprechen. Bei Diskrepanzen zwischen diesen Tendenzen und Bedürfnissen entstehen Spannungen und auf Dauer Angst. Um das Selbst zu behaupten, werden inkongruente, „unpassende“ Erfahrungen daher abgewehrt, so verzerrt wahrgenommen, dass sie mit dem Selbstkonzept übereinstimmen, oder ganz verleugnet (Schmid 1999).

Petra nimmt sich als liebevolle, soziale und um andere besorgte Person wahr und nicht als egoistisch oder machthungrig. Sie wird also die Erfahrungen symbolisieren, die ihrem Selbstbild entsprechen und andere ausblenden, verzerren oder abwehren, die nicht zu ihrem Selbstkonzept passen. Würde sie alle Erfahrungen integrieren, müsste sie erkennen, dass sie mit der Sorge um die Anderen auch ihre Macht über sie bewahren kann, um nicht selbst in eine schwache Position zu geraten. Durch diese Unvereinbarkeit entsteht eine Spannung, die Petra immer ausgleichen muss. Es kann also sein, dass sie hin und wieder Wut verspürt, wenn ein Anderer sich nicht umsorgen lassen will und ihre Fürsorge ablehnt. Sie kann diese Erfahrung abwehren, indem sie ihre Wut, die nicht zum Bild des fürsorglichen Helfers „passt“, in Mitleid verzerrt, verleugnet, die Ablehnung der Hilfe durch den Anderen als Ausdruck von dessen Hilflosigkeit umdeutet oder gar nicht bemerkt.
Inkongruenz
Probleme und Störungen entstehen durch die Inkongruenz von Selbst und nicht integrierbaren Erfahrungen. Anders als bei Therapiepatienten, die aufgrund ihrer Biographie ein „falsches Selbst“ entwickeln, erlebt der Beratungsklient Inkongruenzen aufgrund belastender Lebensereignisse, die er nicht in Einklang mit seinen bisherigen Bewältigungsmöglichkeiten bringen kann, es mangelt ihm an Orientierungs- und Handlungsrepertoire (Sander 2004). Das Inkongruenzerleben ist ein wichtiger Motor für Veränderungen. In der Beratung werden diese Inkongruenzen auf verschiedenen Ebenen thematisiert. Auf der Ebene der Selbstinstanzen werden die Diskrepanzen zwischen Selbst und Ideal-Selbst, Erleben und Selbstkonzept, Handeln und Selbstkonzept verdeutlicht. Auf der Ebene der Wahrnehmung geht es um die Verdeutlichung, Konkretisierung und Differenzierung der Problemaspekte, die Konfrontation damit und das Aufzeigen alternativer Sichtweisen und Wahrnehmungen, auf der Ebene von Planung, Entscheidung und Handlung um das Aufzeigen und Ausprobieren von neuen Erfahrungen und Bewertungsmustern. Da immer von den Inkongruenzen der Person ausgegangen wird, die dem Klienten erlebbar gemacht werden und für deren Auflösung er selbst Wege findet, wobei der Berater Hilfestellung gibt, bleibt das Konzept personzentriert und beinhaltet keine von außen herangetragene Interventionsstrategie (Sander 2004).
Das Aktivieren des Erlebens, die Verbesserung der Erfahrungsmöglichkeiten des Klienten und die Beziehung zwischen Klient und Berater gehören zu den spezifischen Einflussfaktoren im Beratungsprozess. Wichtige Beratermerkmale sind Kongruenz, Empathie und Akzeptanz, die eine Atmosphäre schaffen, in der der Klient durch Vertrauen und Angstfreiheit eine Lösung seiner Probleme finden kann.

Kongruenz
Kongruenz bedeutet die Anforderung an den Berater, authentisch, echt zu sein, dem Ratsuchenden nichts „vorzuspielen“, Kontakt zu seinen eigenen Gefühlen und Gedanken zu haben, sie zu akzeptieren und sich als Person in den Beratungsprozess einzubringen. Ablehnung und Missachtung des Klienten werden sich wegen der schwer kontrollierbaren nonverbalen Signale kaum verbergen lassen. Kongruenz bedeutet nicht grenzenlose Offenheit, sondern Aufrichtigkeit. Der Berater muss nicht alles, was er empfindet, mitteilen, aber das, was er mitteilt, muss kongruent mit seinen Empfindungen sein.

Empathie
Empathie bezeichnet die Anforderung, das Problem aus der Perspektive des Ratsuchenden zu sehen, die innere Realität des Klienten wahrzunehmen, zu verstehen und dem Klienten mitzuteilen.

Akzeptanz
Akzeptanz bedeutet, den Klienten als Person mit der grundsätzlichen Fähigkeit, für sich selbst sorgen und sich weiterentwickeln zu können, zu sehen, ihn wert zu schätzen und damit seine Selbstachtung zu stärken.
Im Mittelpunkt steht also die größere Unabhängigkeit der Rat suchenden Person und nicht das Problem. Ziel der personzentrierten Beratung ist nicht, das Problem zu lösen, sondern dem Klienten zu helfen, sich zu entwickeln, um mit diesem und mit späteren Problemen fertig zu werden (Rogers 1972).
3.1.3Kognitiv-behavioral orientierte Beratung
Die kognitiv-behavioral orientierte Beratung hat sich, ebenso wie die Verhaltenstherapie aus dem Behaviorismus entwickelt. Ähnlich wie die klientzentrierte beruht auch die kognitiv-behaviorale Beratung auf den Grundlagen und Techniken der Therapie, so dass eine Abgrenzung zwischen beiden nicht leicht fällt (Rechtien 2004b). Sowohl in Therapie als auch in Beratung steht nicht in erster Linie die „Heilung“, die Veränderung von allgemeinen Persönlichkeits- und Reaktionsmustern, sondern die Veränderung eines konkret umschriebenen Zielverhaltens im Vordergrund. Für Borg-Laufs (2004) ist das Verhältnis der kognitiv-behavioralen Beratung zur Therapie sogar umgekehrt: Nicht Beratung ist eine „kleine Therapie“, sondern im Kontext von Beratung kann das Problemfeld erweitert werden. Anders als in der Therapie, die sich nur auf eine Person bezieht, kann ihr gesamtes Umfeld in die Beratung einbezogen werden.
Sowohl Therapie als auch Beratung gehen von den Ergebnissen der Lernpsychologie aus, die klassisches und operantes Konditionieren als grundlegend für Veränderungen im Verhalten sieht.
klassisches Konditionieren

Klassisches Konditionieren geht auf den russischen Physiologen Pawlow zurück. Er konnte in Experimenten mit Hunden nachweisen, dass sich neutrale Reize an solche Reize koppeln, die auf jeden Fall eine Reaktion auslösen, eine unbedingte Reaktion. Die unbedingte Reaktion auf einen Reiz ist beispielsweise der Speichelfluss beim Anblick des Essens. Wenn man nun mehrmals kurz vor dem Darbieten des Essens regelmäßig ein Glöckchen ertönen lässt, reicht nach kurzer Zeit das Erklingen des Glöckchens aus, um den Speichel fließen zu lassen (Pawlow 1972).
Das Konzept ist auf den Menschen übertragen, erweitert und auch auf Reize ausgedehnt worden, die keine unbedingte Reaktion auslösen, sondern eine Reaktion nur wahrscheinlich machen. Manche Reize können leichter und manche schwerer durch Konditionieren verbunden werden (Bednorz / Schuster 2002). Hohe physiologische Erregung wie beispielsweise Angst oder Ärger lassen Merkmale der Angst oder Ärger auslösenden Situation leichter mit der Reaktion verbinden. Einzelne Merkmale, die an die Ursprungssituation erinnern, reichen dann aus, um die Person Angst oder Ärger empfinden zu lassen. Bei traumatischen Ereignissen genügt zur dauerhaften Konditionierung oft die einmalige Koppelung. Aber auch immer wiederkehrendes Zusammenauftreten beider Reize kann zu klassischer Konditionierung führen, beispielsweise wenn ein Vater seinen Sohn immer wieder mit einem Gürtel schlägt, genügt der Anblick des Gürtels, um Angst auszulösen. In der klassischen Konditionierung spielt der Stimulus die bedeutende Rolle.
operantes Konditionieren
Beim instrumentellen oder operanten Konditionieren bestimmen die Konsequenzen auf eine mehr oder weniger zufällig erfolgte Reaktion, wie wahrscheinlich das Wiederauftreten einer bestimmten Verhaltensweise ist. Nach der „Verhaltensgleichung“ von Kanfer und Phillips (1975) bewirkt ein (Hinweis)reiz (S) im Organismus (O) eine Reaktion (R), die in einer Kontingenz (K) zu einer Konsequenz (Verstärker)(C) steht. Die Kontingenz ist das Verhältnis von Reaktion zu Konsequenz, also wie wahrscheinlich es ist, dass die Konsequenz eintritt. Sowohl Stimulus als auch Konsequenz sind nicht immer eindeutig erkennbar und müssen in Verhaltensanalysen als auslösende und aufrechterhaltende Bedingungen bestimmt werden (Kanfer / Phillips 1975), wenn Verhalten durch gesteuerte Lernprozesse verändert werden soll. Die beiden Lernarten können auch gekoppelt werden, indem zunächst durch klassische Konditionierung beispielsweise Angst ausgelöst und später durch Vermeidungsverhalten, also negative Verstärkung, aufrechterhalten wird, wie es in dem Zweifaktorenmodell von Mowrer (1960) beschrieben wird.
Frühe therapeutische Verfahren, die auch in Beratungssituationen angewendet werden und am Verhalten selber ansetzen, sind das systematische Desensibilisieren, die Angstreduktion und die Selbstkontrolle oder Selbstregulation.
systematische Desensibilisierung
Bei der systematischen Desensibilisierung wird eine „Angsthierarchie“ aufgestellt und gleichzeitig ein Entspannungstraining angewendet. Unter physischer Entspannung wird dann die Hierarchie von der am wenigsten Angst auslösenden bis zur die stärkste Angst hervorrufenden Situation in der Vorstellung (in sensu) und real (in vivo) stufenweise so dargeboten, dass der Klient sie gerade noch ertragen kann, bis auch die höchste Stufe keine Angst mehr auslöst. Die Desensibilisierung eignet sich gut bei Phobien, also eng umschriebenen Ängsten, die durch bestimmte Situationen wie Menschenansammlungen, freie Plätze oder geschlossene Räume oder Objekte, meist Tiere wie Spinnen oder Hunde ausgelöst werden.
Angstbewältigungstraining
Bei diffusen Ängsten lassen sich solche Hierarchien nicht aufstellen. Im Angstbewältigungstraining lernt der Klient, die ersten Anzeichen von Angst zu erkennen und mit Entspannung zu reagieren. Manchmal wird auch statt der stufenweisen Annäherung die totale Exposition (Flooding) gewählt, bei der der Klient dem höchsten Angst auslösenden Reiz über einen längeren Zeitraum ausgesetzt wird, so dass er nach dem Durchstehen dieser Extremsituation keine Angst mehr hat. Dieses Verfahren ist äußerst wirksam, aber auch sehr kritisch zu betrachten, da es ethisch bedenklich ist, eine Person ihrer Angst vollkommen auszusetzen.
Selbstkontrolle
Bei der Selbstkontrolle wird der Klient angeleitet, sein Verhalten selbst zu kontrollieren und sich selbst zu verstärken.
Mit der „kognitiven Wende“ der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts rückten statt des konkreten Verhaltens mehr die Organismusvariablen in den Blick. Kognitive Prozesse der Bewertung äußerer Ereignisse, damit verbundene interne Repräsentanzen, innere Darstellungen, Gedanken und Gefühle, Planung, Bewertung und Überprüfung des Handels wurden wichtige Variablen.
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