Kitabı oku: «Geschichten aus dem Alltag»
1. Auflage Februar 2016
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Covergestaltung: Ebozon Verlag
Coverfoto: Susanne Wilting
Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag
ISBN 978-3-95963-228-7 (PDF)
ISBN 978-3-95963-226-3 (ePUB)
ISBN 978-3-95963-227-0 (Mobipocket)
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Susanne Wilting
Geschichten aus dem
Alltag
16 Kurzgeschichten
Ebozon Verlag
Die Handlungen in diesen Erzählungen und Kurzgeschichten sind frei erfunden. Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht beabsichtigt und reiner Zufall.
Stefan
„Was sollte das denn vorhin?“, fragt der Koch Paolo seinen Küchenchef Stefan, als sie im Innenhof von Stefans Lokal, dem „Arezzo“, kurz pausieren. Sie stehen im Dunkeln, nur eine kleine Wandleuchte gibt ein schwaches Licht. Paolo, der Italiener, ist der einzige im Küchenteam, der so mit dem Chef sprechen darf. Die beiden kennen sich seit gut zehn Jahren, haben kulinarische Streifzüge durch die Toskana unternommen und einen Teil der aktuellen Speisekarte für das Restaurant zusammen entwickelt.
Stefan fragt unschuldig zurück: „Was denn?“
Paolo reagiert genervt: „Du weißt genau, was ich meine! Musstest du Timo so anschreien? Der lässt die Schalotten doch nicht absichtlich anbrennen. Kannst du mit Azubis nicht etwas mehr Geduld haben?“
Sichtlich gereizt zuckt Stefan mit den Schultern. „Ich nehm' dir übrigens auch nicht ab, dass du ihn hinterher aus Versehen angerempelt hast. Reinen Frust hast du abgelassen, nur weil du so unter Zeitdruck warst. Gib's doch zu.“
Stefan rollt mit den Augen, sagt aber nichts.
Die Tür zur Küche geht auf und Sylvia, die Küchenhilfe steckt ihren Kopf raus.
„Hau ab, du nervst!“, schreit Stefan, blitzartig greift er sich Paolos Feuerzeug und wirft es nach Sylvia. Zum Glück prallt es an der Türfüllung ab und landet klappernd auf dem Boden.
Die Tür wird von innen zugeknallt und Paolo schüttelt den Kopf „Mensch Stefan, du bist ein begnadeter Koch, aber als Chef und Ausbilder eine Katastrophe, glaub mir das! Du brauchst Geduld. Und was das Team betrifft, vergiftest du die Atmosphäre, tut mir leid. Deine Leute sind unzufrieden, merkst du das nicht?“ Nur mit Mühe kann Stefan eine heftige Antwort unterdrücken. Mit rauer Stimme sagt er: „Ich glaube, unsere Pause ist zu Ende. Ich geh' jedenfalls wieder rein.“
Nachdenklich bleibt Paolo zurück. Er hebt sein Feuerzeug auf, zögert und zündet sich dann doch noch eine Zigarette an. Paolo inhaliert tief und denkt an Italien.
Endlich geschafft! Stefan beendet den Arbeitstag in der Küche seiner Osteria. Den Rest schaffen das Küchenteam und der Service alleine. Er ist zufrieden mit sich, das „Arezzo“ läuft gut, die toskanische Küche ist bei Gästen, sogar im weiten Umkreis der Stadt, sehr beliebt, so dass alle Tische für Wochen im Voraus reserviert sind. Erschöpft steht er in der frischen Nachtluft und schiebt den unangenehmen Gedanken an eine neue Speisekarte beiseite. Die meisten Gäste waren begeistert, keine Kritik, nicht die kleinste. Er muss endlich lernen, abzuschalten. Eventuell auch etwas gegen seine schnell aufflammende Wut unternehmen, vielleicht hat Paolo ja Recht, dass er der Stimmung in der Küche schadet. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, er kann sich Zeit dafür nehmen. Aber werden die Gäste nicht merken, dass er fehlt? Und sind Leistung und Temperament in der Küche nicht voneinander abhängig? Oder ist das nur eine faule Ausrede, um möglichst nichts zu verändern? Unentschlossen schüttelt er den Kopf, blickt in den Sternenhimmel, als ob er dort etwas finden könnte.
Auf dem Heimweg wird ihm bewusst, dass er sich wieder zu keiner Entscheidung durchringen kann. Aber eine Sache ist ihm klar geworden, sein Jähzorn, nicht sein Beruf, stellt den Grund dafür dar, dass er immer noch Single ist.
Am nächsten Abend bringt Stefan seinen Entwurf für die neue Speisekarte ins „Arezzo“ mit. Eine Viertelstunde, bevor sie mit dem Kochen beginnen, wirft Paolo einen Blick darauf und sagt Stefan spontan seine Meinung. „Erstens, ganz wichtig, du hast dich gestern Abend wieder nicht entspannt. Zweitens, die Gerichte sind viel zu schwer, zu fett. Es wird Sommer, wir servieren auch draußen, im Innenhof, Stefan. Die Leute wollen was Leichtes essen, si?“
Stefan reagiert beleidigt, er ist von seinen Ideen fest überzeugt. „Warum boykottierst du mich immer?“
Doch das kennt Paolo schon und lacht. „Ich habe nichts gegen dich, amico mio, ich will nur Sommerküche kochen. Toskanische Sommerküche.“
Stefan schnaubt verächtlich. „Das hört sich ja nur nach Salaten an. Siehst du da draußen etwa Kaninchen sitzen?“
Verunsichern lässt sich Paolo schon lange nicht mehr. „Wir können die Karte doch gemeinsam schreiben. Dann probieren wir auch gleich den neuen Vin Santo, den Massimo letzte Woche mitgebracht hat, si? Und jetzt lass' uns zaubern.“
Stefan lässt sich nicht beruhigen, will er auch gar nicht. Erst halb umgezogen, blickt er zur Kontrolle in den Gastraum, den beiden Servicekräften traut er grundsätzlich nicht. Und sofort schreit er aufgebracht „Warum ist denn hier noch nicht fertig eingedeckt? Tanja? Kerstin? Macht ihr schon Pause bevor es losgeht? Soll ich euch Beine machen oder gleich rausschmeißen, verdammt?“
Paolo geht an ihm vorbei in die Küche und sieht ihn vorwurfsvoll an.
Wütend schreit Stefan hinter Paolo her: „Meinst du, du kannst das mit der Karte besser als ich? Und von deinem Vin Santo lass ich mich bestimmt nicht einlullen! Kaninchenfutter! Pfui Teufel!“
In der Küche machen sich schon bald Schlafmangel, Stefans Wut und Ärger bemerkbar. Timo hat eine große Pfanne mit jungem Spinat und Knoblauch anbrennen lassen. Es riecht furchtbar penetrant.
Stefan schreit: „Du bist der dämlichste Azubi, den ich je gesehen habe, Mann! Mach sofort Pause! Hau ab, los!“ Er schimpft noch, als Timo schon lange verschwunden ist, prompt passiert die nächste Katastrophe, Sylvia lässt einen großen Tellerstapel fallen. Krachend zerspringt das Geschirr in tausend Scherben, während Sylvia ängstlich den Kopf einzieht und aus der Küche flieht. Alle anderen blicken erschrocken zu Stefan. „Das war's! Du fliegst, wenn du so weiter machst! Dämliche …“ Schon kocht die Wut hoch. Nur Paolo holt lässig einen Besen und beseitigt flink die Scherben.
Kurze Zeit später stehen Stefan und Paolo in der Pause wieder im Innenhof. Aus der Küche scheppert und klappert es, unterbrochen von den lauten Ansagen am Pass. „Bewundernswert, dass du bei der Laune alles so gut an den Gast bekommst.“ sagt Paolo grinsend.
„Mensch, hör' auf, ununterbrochen zu meckern, du machst es nicht viel besser.“
Jetzt sinkt auch die Stimmung zwischen den Freunden auf den Nullpunkt.
Doch Paolo kann hartnäckig sein: „Merkst du nicht, dass ich dir nur helfen will? Bei deinem Ton werden bald die ersten kündigen, Stefan. Willst du deine besten Leute verlieren?“
Lässig zuckt Stefan mit den Schultern: „In Küchen herrscht nun mal ein rauer Ton, das ist nichts für sensible Gemüter.“
Paolo nickt. „Ja, das weiß ich, damit bin ich groß geworden. Aber du, du übertreibst maßlos und dein Team merkt, dass du überreagierst.“
Stefan starrt Paolo wütend an, geht mit großen, schnellen Schritten zur Küchentür und knallt sie laut hinter sich zu. Und wieder steht Paolo alleine im Innenhof und raucht.
Alle Gäste sind bereits gegangen, völlig ahnungslos von den Vorgängen in der Küche. Auch das Team ist mittlerweile auf dem Heimweg. Nur Stefan und Paolo sitzen noch bei Grappa und Espresso im Lokal.
„Das war doch keine Absicht, Paolo. Wirklich, nicht. Das musst du mir glauben. Mir ist die Hand einfach so ausgerutscht, wie kann er auch zum zweiten Mal die Schalotten anbrennen lassen, der Blödmann.“ Stefan stehen die Tränen in den Augen. Paolo schaufelt verlegen viel zu viel Zucker in seinen Espresso. „Mensch, Paolo, was soll ich denn jetzt machen? Der war ja so schnell raus und das mitten im Betrieb. Da kann ich doch nicht alles stehen und liegen lassen und dem Jungen nachlaufen, um mich zu entschuldigen. Wegen einer Ohrfeige! Wenn ich daran denke, wie es in meiner Ausbildung zugegangen ist …!“
Jetzt sieht Paolo auf: „Genau das ist dein Fehler, Stefan. Du hast Timo geschlagen, basta. Das war nicht nur ein Klaps, du hast richtig hingelangt.“
Aufgebracht erwidert Stefan: „Sag' mal, auf welcher Seite stehst du eigentlich?“ Aufrichtig gibt Paolo zurück: „Auf deiner natürlich, du bist mein Freund. Aber du musst doch einsehen, was du da getan hast.“
Stefan stöhnt gequält: „Ja, ich weiß und was soll ich jetzt machen, deiner Meinung nach?“
Paolo grinst „Das liegt doch auf der Hand, du musst dich so schnell wie möglich entschuldigen. Und beten, aufrichtig beten, dass Timo dich nicht anzeigt.“
„Wieso soll der Bengel mich anzeigen, wenn ich mich entschuldige?“
„Immerhin hast du ihn vor versammelter Mannschaft geschlagen, oder? Alles Zeugen, die wissen, wie jähzornig du bist und dass du Timo gerade erst absichtlich angerempelt hast.“
„Okay, okay, ich seh' es ja ein.“ Die beiden Freunde prosten sich zu und trinken den Grappa in einem Zug. Paolo bleibt skeptisch.
Solange er denken kann, war Stefan nicht mehr derartig sauer „Wie konnte das denn passieren, Mann? So eine hohe Geldstrafe! Das war doch nur eine Ohrfeige, Mann.“
Paolo dreht sich zu seinem Freund um und sagt beruhigend: „Stefan, sei froh, dass es nur eine Geldstrafe ist.“
Stefan wirbelt herum „Jetzt halt die Schnauze, Mann!“ Nach kurzem Schweigen lenkt er ein: „Tut mir leid, es stimmt ja. Und danke, dass du ihm einen neuen Job besorgt hast. Das ist das Beste für uns alle.“
Paolo nickt erleichtert. Mit Diplomatie und gutem Zureden hat er dafür gesorgt, dass Timo seine Ausbildung in einem anderen Restaurant fortsetzen kann. „Lass uns jetzt noch mal richtig durchstarten, Stefan. Die Stammgäste kommen noch alle, die hören nicht auf Gerüchte. Wir können noch besser werden, bestimmt.“
Stefan sieht ihn misstrauisch an. „Wie stellst du dir das denn vor?“
„Wir können die Karte noch mal verbessern, Stefan, mehr auf Saisonales setzen. Das kannst du.“
Stefan schlägt Paolo freundschaftlich auf die Schulter und lacht. „Okay, wir können es versuchen, das wolltest du ja von Anfang an, aber kein übertriebenes Kaninchenfutter.“ Sie haben lange nicht mehr so freundschaftlich miteinander gesprochen.
„Fertig! Alles super! Tolle Arbeit, meine Lieben! So viele Pilz-Gerichte sind noch nie raus gegangen! Ich bin glücklich.“ Todmüde strahlt Paolo das Küchenteam an. Sie sagen schnell „Gute Nacht!“, und sind verschwunden.
In letzter Zeit hat der Stress in der Küche enorm zugenommen, doch Stefan weigert sich strikt, das Team zu vergrößern und so herrscht ständig Unzufriedenheit. Die neue Saison-Karte hat sich als Verkaufsschlager herausgestellt und das „Arezzo“ kann tatsächlich kontinuierlich Stammgäste hinzugewinnen. Im Gastraum hat Stefan gerade persönlich zwei junge Geschäftsfrauen verabschiedet, die regelmäßig im „Arezzo“ essen.
„Heute Abend so charmant, so kenn' ich dich ja gar nicht, Stefan.“ Paolo steht an der fauchenden Espresso-Maschine, auf einem Tisch stehen schon zwei gefüllte Grappa-Gläser bereit.
Erschöpft sinkt Stefan auf einen bequem gepolsterten Stuhl und meint: „Seit wann bist du eigentlich mein Aufpasser, he?“ Er stürzt den Grappa runter, dann stützt er den Kopf auf die Arme. „Ich hätte übrigens nicht gedacht, dass wir so einen Erfolg haben. Einfach klasse.“
Paolo kommt mit den Espressi an den Tisch. Irgendwie hat er das Gefühl, dass Stefan ablenken will. „Es ist doch hart erarbeitet. Jetzt wird es Zeit, dass du ausspannst, Stefan, auch wenn du das nicht hören willst.“
Das gleichmäßige Rühren stockt. „Fang nicht schon wieder damit an, Paolo.“ In Ruhe trinkt Stefan noch seinen Espresso, dann steht er auf und geht.
„Nein! Ich werd' verrückt! Nein! Das kann doch nicht wahr sein!“ Stefan stürmt wie von Sinnen in die Osteria. „Wo ist Paolo?“ Tanja und Kerstin zeigen gleichzeitig in Richtung Innenhof. Stefan stürmt los, ein amtlich gestempeltes Briefkuvert in der Hand. „Paolo? Wo bist du denn?“ Er reißt die Tür zum Innenhof auf und ruft aufgeregt: „Weißt du, was ich hier habe? Das ist mein Untergang! Eine Riesenkatastrophe!“
Völlig gelassen raucht Paolo weiter. „Was ist denn los? Beruhige dich, Mann, wird schon nicht so schlimm sein.“
Ungläubig starrt Stefan ihn an. „Nicht so schlimm? Du weißt ja nicht, was du sagst, du Blödmann. Das ist eine Vorladung, bei der Polizei, also auf dem Revier, in sechs Wochen, wieder wegen Körperverletzung. Eine Frau hat mich angezeigt, die hier regelmäßig isst.“
„Wann denn? Und warum?“ Jetzt wirkt Paolo wirklich interessiert.
Stefan zuckt mit den Schultern: „Sie hat ausgesagt, ich hätte sie hinten im Gang vor den Waschräumen geschlagen, weil sie angeblich nicht schnell genug beiseite gegangen ist. Das hat sie doch erfunden, oder? Ich vermute, die kennt das ganze Gerede von der Ohrfeige, die ich Timo verpasst habe. Ich schwöre dir, ich habe niemanden auch nur ein Haar gekrümmt, wirklich. Das musst du mir glauben, Paolo.“
Paolo starrt Stefan an.
Aufgeregt wedelt Stefan mit dem Kuvert hin und her. „Ich versteh' das nicht, Paolo! Was soll ich denn jetzt machen?“ Außer sich vor Angst und Wut, weiß er nicht, wie er heute kochen soll.
„Bleib cool, das klärt sich auf. Vielleicht ist es ja nur eine Verwechslung.“ Paolo versucht, beruhigend zu lächeln.
„Willst du dich über mich lustig machen? Was soll man denn da verwechseln?“ Jetzt hat Stefan ein Ventil gefunden.
Ernst schüttelt Paolo den Kopf. „Oh nein, diesmal mach' ich mich nicht lustig, mein Freund. Soll ich mitkommen zur Polizei?“
Spontan treten Stefan Tränen in die Augen. „Würdest du das tun?“ Ganz selbstverständlich nickt Paolo. Stefan dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet im Haus. Drinnen schreit er: „Habt ihr alle gelauscht oder warum hängt ihr hier faul rum? Gibt's um diese Zeit nichts Besseres zu tun?“ Traurig lächelt Paolo und drückt seine Zigarette aus.
Einige Wochen später sitzt Stefan bei strahlendem Sonnenschein vor einem Straßencafé, wie jeden Nachmittag in letzter Zeit. Aufmerksam liest er Paolos Brief:
Ciao Stefan, come stai, il mio ragazzo? Sitzt du immer noch traurig in dem kleinen Straßensafe? Ich bin jetzt Paolo, der Chefkoch, in Palermo, meiner Traumstadt. Da staunst du. Das Wetter ist herrlich, viel besser als bei dir in Deutschland oder in der Toskana. Es ist Hauptsaison und die Stadt wird von Touristen überschwemmt. Meine Tante hat mir übrigens doch noch ihr Geheimrezept für ihr Fisch-Couscous verraten. Es ist im Ristorante die Sensation, kann ich dir sagen. Wann kommst du mich besuchen, um es zu probieren? …
Stefan lässt den Brief sinken und blickt sehnsüchtig über den belebten Platz. Palermo? An manchen Tagen bereut er maßlos seine übereilte, völlig kopflose Entscheidung, die er nicht mehr rückgängig machen kann. Gerüchte, wilde Spekulationen und auch Selbstzweifel und Selbstvorwürfe haben Stefan derartig in Panik versetzt, dass er das gesamtes Team entlassen und das „Arezzo“ geschlossen hat, ohne überhaupt die Gerichtsverhandlung abzuwarten. Freiwillig hat er einen Anti-Aggressions-Kurs belegt.
Kurze Zeit später meldete sich ein Zeuge, ein langjähriger Stammgast, der zum Zeitpunkt der Anzeige zu Besuch bei seiner Tochter in Neuseeland war. Er hat bei der Polizei Stefan zweifelsfrei und sehr überzeugend entlastet. Sofort wurde die Anzeige zurückgezogen, doch das „Arrezzo“ war schon geschlossen.
Stefan zieht einen vorfrankierten Briefumschlag und Briefpapier aus seiner stylischen Umhängetasche aus LKW-Plane. Zügig antwortet er Paolo, geht aber auf einen möglichen Besuch auf Sizilien nicht ein. Dann verlässt er kurz seinen Platz, um den Brief einzuwerfen und ein Stadtmagazin zu kaufen. Als er sich wieder gemütlich in der Sonne niederlässt und wie gewöhnlich das Blatt von hinten aufschlägt, erstarrt er.
Ein großes Farbfoto prangt auf der vorletzten Seite, mit der Unterschrift: „Von der Bankerin zur Szene-Wirtin - Neueröffnung in der Altstadt.“ Sofort erkennt er eine der beiden Geschäftsfrauen, die regelmäßig in seiner Osteria zu Gast waren. Strahlend steht sie in einer Kochjacke vor seinem ehemaligen Lokal, seinem „Arezzo“. Blitzartig geht Stefan ein Licht auf. Wie in Trance zieht er die Tasche zu sich heran, holt das Briefpapier wieder heraus und beginnt einen zweiten Brief an Paolo.
Andrea
Andrea und Frank sind seit 20 Jahren glücklich verheiratet, Frank ist davon jedenfalls felsenfest überzeugt. An einem verregneten Aprilsonntag bereitet er liebevoll ein spätes Frühstück zu. Dafür presst er Orangen aus, richtet ein Käsebrett an und bereitet aus exotischen Obstsorten einen Obstsalat zu. Seit gestern Abend taut ein Roggenbrot auf. Das Kaffeepulver hat er in der alten Mühle selbst gemahlen und den Kaffee brüht er jetzt geduldig von Hand. Andreas Geschenk, zu ihrem 40. Geburtstag, hat er in einem online-shop extra anfertigen lassen und drapiert es nun, etwas ungeschickt, neben ihrem Teller. Bunte Papierservietten, mit einem abstrakten Blumenmuster, peppen den Frühstückstisch auf.
Nervös zündet Frank eine große, knallrote Kerze an, natürlich Andreas Lieblingsfarbe. Mitten auf dem Tisch steht ein üppiger, bunter Frühlingsstrauß, die blauen Hyazinthen verströmen einen fast betäubenden Duft. Noch ein wenig leise Musik, fertig. Frank hat sich alle Mühe gegeben, festliche Stimmung zu verbreiten. Ja, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zum Schluss schiebt er Nadines Stuhl diskret in eine Küchenecke.
Vor einem Jahr ist ihre Tochter ausgezogen, um in der nächstgelegenen Großstadt eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen. Trotz der geringen Entfernung kommt Nadine nur einmal im Monat für ein langes Wochenende nach Hause. Das liegt zum einem an den Schichtdiensten und zum anderen an den Lerngruppen, die die ehrgeizige Nadine ins Leben gerufen hat. Es ist das erste Mal, dass Nadine zu einem Geburtstag fehlt.
Völlig lustlos kommt Andrea in ihrem alten, ausgeleierten Morgenmantel in die Küche geschlurft. Rot geränderte Augen, fleckige Gesichtshaut, in der Hand ein zusammengeknülltes Papiertaschentuch. Andrea macht einen völlig frustrierten Eindruck. Nein, viel schlimmer, denkt Frank, bei ihrem Anblick fällt mir desolat oder erbärmlich ein. Mit einem Plumps lässt sie sich an den liebevoll gedeckten Geburtstagstisch fallen, die Details übersieht Andrea. Ganz früh schon hat Frank seiner Frau gratuliert, jetzt versucht er mühsam, ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen. Doch sie starrt nur vor sich hin. Frank hat den Eindruck, dass seine Frau grübelt oder zögert, ihm etwas zu erzählen.
Jetzt bleibt Frank auch ganz still, sieht seine Frau genau an. Seit wann trägt sie eigentlich ihre Fingernägel so lang und vor allem so spitz zugefeilt? Und diesen signalroten Nagellack auf den Fußnägeln bemerkt er auch zum ersten Mal. Das darf doch nicht wahr sein! Blitzt unter ihrem Morgenmantel tatsächlich eins von diesen extrem aufreizenden Push up-BH-Modellen hervor, die sie sonst vom Sofa aus so feministisch-genüsslich in der TV-Werbung verreißt? Und dann auch noch mit einer breiten Spitzenkante, verziert mit einem Vorderverschluss in glitzernden Kristallsteinen? Alles, was sie zutiefst verabscheut? Diese Veränderungen irritieren Frank. Ja, natürlich, sie betonen Andreas Weiblichkeit und das gefällt ihm, doch im Moment stehen sie nur in krassem Gegensatz zu Andreas Stimmung.
Nachdenklich rührt er in seinem Kaffee und überlegt, wie er sich verhalten soll. Inständig hofft er, dass Nadine es einrichten kann, sich in ihrer Frühstückspause kurz zu melden, doch die Zeit verstreicht, ohne dass ihre Tochter anruft.
Plötzlich bricht Andrea das Schweigen. Sie langweilt sich, sie langweilt sich unsagbar. Irgendwie fehlt ihrem Leben der Kick.
Frank fällt aus allen Wolken. Ihm ist völlig klar, dass seine Frau Nadine furchtbar vermisst, aber Langeweile, gar ein fehlender Kick, dass ist ihm völlig neu.
„Was ist denn mit deinem Job, gefällt er dir nicht mehr?“
„Doch, doch, aber das ist nichts Besonderes, eigentlich überhaupt keine Herausforderung für mich.“
Jetzt horcht Frank wirklich auf. Andrea ist von Beruf Buchhändlerin, in all den Jahren mit ungebrochen großer Leidenschaft. Seit ein paar Monaten hat sie einen neuen Arbeitsplatz, in der Filiale einer großen Buchhandelskette leitet sie die Abteilung für Reiseliteratur. Bei Stellenantritt war Andrea so aufgeregt, dass sie heimlich Baldrian-Dragees einnahm, andererseits freute sie sich über die Verantwortung, zum ersten Mal eine ganze Abteilung zu leiten.
Plötzlich fühlt Frank sich verunsichert. Meint sie etwa mit den Bemerkungen ihn persönlich oder ihre Ehe? Oder will sie ihm gerade eine Affäre beichten? Oh nein, bitte, bitte, nicht! Nur nicht nervös werden.
„Möchtest du nicht dein Geschenk auspacken?“
„Kannst du nicht einmal richtig zuhören? Warum lenkst du ab?“
Schweigen, Stille, nur Andreas leises Weinen wogt und wimmert durch die kleine Küche. Frank möchte so gerne das Zimmer verlassen oder wenigstens die Zeitung lesen.
„Möchtest du noch eine Tasse Kaffee?“ Frank steht mit der alten Kaffeekanne, an der Andrea so irrational hängt, neben seiner Frau.
„Nein, verdammt noch mal! Ich wünsche mir zum Geburtstag einen Abend in dem neuen Swinger-Club, eine richtige Swinger-Party, du weißt schon, die große Anzeige, über die du so gelacht hast.“
Die Kanne mit dem heißen Kaffee fällt klirrend zu Boden.
Am Abend besuchen Andrea und Frank ein thailändisches Restaurant. Die stilvolle Einrichtung, die ruhige Atmosphäre mit dem aufmerksamen und höflichen Service entspricht genau der Beschreibung in dem neuen Restaurantführer, den Andrea aus der Buchhandlung mitgebracht hat. Von den exotischen Speisen sind die beiden so begeistert, dass sie spontan beschließen, mit ihrer Tochter wiederzukommen. Nach der Frühschicht hat Nadine angerufen und Andrea in ihrer unbeschwerten Art gratuliert und sie sofort aufgeheitert. Andrea ging es gleich besser, viel besser. Frank fühlt sich erleichtert, vielleicht wird ja alles wieder gut.
Noch einmal überreicht Frank seiner Frau ihr Geburtstagsgeschenk, das er so liebevoll ausgewählt hat.
Andrea freut sich über die ausgefallene Designerkette, doch dann wird sie ernst. „Wie sieht es mit meinem Geburtstagswunsch von heute morgen aus, Frank? Hast du es dir überlegt?“
„Das war doch nur Spaß, oder? Du willst mich provozieren, nicht?“
Andrea funkelt ihn über den Tisch hinweg wütend an, ihre Traurigkeit ist verflogen, sie sieht fest entschlossen aus.
„Und ob ich das ernst meine.“
„Warum? Ich verstehe das nicht. Was fehlt dir denn? Oder bist du nur neugierig?“
„Ich möchte es ausprobieren, Frank, gegen die Leere, die Langeweile.“
„Das kann doch nicht wahr sein! So ein Club, das ist doch kein Allheilmittel.“
Beharrlich schweigt Andrea.
„Hast du mal an mich gedacht? Das ist doch auch eine Kritik an mir als Person oder an unserer Ehe.“ Frank macht eine Pause und trinkt betont langsam einen Schluck Bier. „Außerdem weißt du, dass ich diese Art Clubs generell ablehne, ich finde das Ganze unmoralisch.“
Andrea lacht. „Du bist ja spießig!“
Frank fühlt sich verletzt, auch ein wenig beleidigt. Spießig! Und er langweilt also seine Frau, so, so. Gut zu wissen. Ein Moment vergeht, dann greift Andrea nach ihrer Handtasche und zieht etliche Computerausdrucke hervor, die sie Frank diskret über den Tisch zuschiebt. Ihrer Meinung nach kommt es nur auf umfassende Informationen an, dann wird ihr Mann seine Meinung schon ändern. Als Frank die letzte Seite ansieht, auf der interessierte Paare unverbindlich zu Club-Parties eingeladen werden, fühlt sie eine gewisse Aufregung. Frank sieht seine Frau völlig verstört an, es ist ihr tatsächlich ernst. Jetzt strahlt sie auch noch.
„Ich habe uns schon sexy Outfits besorgt, Frank, in Schwarz, was meinst du?“
„Zahlen, bitte! Sofort!“ Er verspürt eine heftige Übelkeit, die gewiss nicht das exzellente Essen verursacht hat.
Ein Besuch im Swinger-Club bildet jetzt das regelmäßige Thema beim Abendessen - und im Schlafzimmer. Das empfindet Frank nicht nur unangenehm, sondern auch peinlich. Manchmal bleibt der Ton locker, dann gibt es schon fast „Was-wäre-wenn-Bilder“ und manchmal enden die Gespräche in einem handfesten Streit. Nämlich dann, wenn Frank sich strikt weigert, an einer Club-Party teilzunehmen. Andreas jahrelang erfolgreich angewandte Durchhalte-Strategie, die auf der Erfahrung basiert, dass Frank am Ende Andrea Alles zu liebe tut, scheint in diesem Fall nicht zu funktionieren. So ruht das Thema nur an den wenigen Wochenenden, an denen Nadine nach Hause kommt.
Kurz vor einer großen Jubiläums-Party im Swinger-Club erreicht Andrea endlich ihr Ziel. Entnervt gibt Frank seine Blockadehaltung auf und stimmt zu, wenigstens ein einziges Mal mit seiner Frau eine Swinger-Party zu besuchen. Sie vereinbaren, lediglich als Zaungäste das Partygeschehen zu beobachten, nur etwas zu trinken. Ein einziges Mal. Völlig irrational erhofft sich Andrea, die allgemeine Krisenstimmung mit einem außergewöhnlichen Event zu überwinden. Der Partyabend verläuft genau wie verabredet, beschwipst kommen die beiden nach Hause. Beim Abschminken gesteht Andrea zerknirscht, dass sie von der Party maßlos enttäuscht ist, sich sogar angewidert fühlt. Auf keinen Fall wünscht sie eine Wiederholung, sie hat immer noch diese Bilder im Kopf. Frank lächelt unbestimmt und geht wortlos zu Bett. Dankbar lächelnd sieht Andrea ihrem todmüden Mann nach. Danach kehrt das Alltagsleben wie von allein zurück. Sogar die Freude an ihrem Arbeitsplatz findet Andrea wieder und meldet sich zu einem mehrtägigen Fortbildungsseminar über effiziente Verkaufsgespräche im Buchhandel an.
Ein paar Monate später erhält Andrea einen Anruf. Regina, die langjährige Lebensgefährtin von Ralf, Franks engstem Kollegen und Freund, meldet sich fast unverständlich. Frank und Ralf sind gerade von einer anstrengenden Dienstreise zurückgekehrt und entspannen an diesem Abend beim Squash spielen.
Regina weint laut und erzählt etwas von Betrug auf dieser Dienstreise. Andrea hört erst still zu, denn Ralf betrügt Regina nicht zum ersten Mal. Doch dann schreckt sie jäh auf.
„Die beiden waren in einem dieser mega freien Swinger-Clubs, ich fasse das nicht. Und sie besuchen solche Clubs schon seit Monaten. Hörst du überhaupt zu, Andrea? Andrea? Die beiden betrügen uns seit Monaten in diesen Clubs und ich habe keine Ahnung davon. Keinen Schimmer! Ich weiß ja, dass Ralf kein Kind von Traurigkeit ist, aber so was, das ist ganz neu. Ich bin nur durch Zufall dahinter gekommen, weil er sich verplappert hat. Und weiß du, wie er sich rausgeredet hat?“ Sie schluchzt jetzt völlig hemmungslos. „Er sagt, das ist dein Geheimrezept, gegen ein Stimmungstief. Ist das zu fassen?“
Behutsam, als ob es noch etwas zu zerschlagen gäbe, unterbricht Andrea das Gespräch und schlägt die Hände vors Gesicht. Es kommen keine Tränen, ihre Augen bleiben trocken.
Frank betritt fröhlich pfeifend das Haus.
Daniela
Frank startet den nagelneuen, roten Firmen-Truck und macht sich auf den Heimweg. Er ist heilfroh, wieder seine regelmäßige Lieblingsroute von Rosenheim nach Bergen in Norwegen und zurück zu fahren. Die Veränderungen der Landschaft bereiten ihm Freude, er kann stundenlang Radio hören und seinen Gedanken nachhängen. Doch die sind seit einiger Zeit so trübsinnig, dass er sich richtig deprimiert fühlt. Dabei könnte alles so schön sein.
Seine Frau Daniela und er haben sich jahrelang auf die Geburt ihres ersten Kindes gefreut und alles liebevoll, bis ins kleinste Detail, vorbereitet. Als Daniela dann endlich mit Maja schwanger war, hat sie Schritt für Schritt begonnen, ihr gemeinsames Leben auf den Kopf zu stellen. In welchem Ausmaß, wird ihm erst jetzt bewusst, als er den LKW vorsichtig durch einen skandinavischen Schneesturm lenkt, doch er mag diese Witterung, die den Trucker ganz fordert.
Nach ihren hektischen Arbeitstagen an einer Discounterkasse hat Daniela schon während der Schwangerschaft alle Freizeitaktivitäten auf Babypflege und Kleinkinderziehung ausgerichtet. Frank verschweigt ihr seine Meinung bis heute, doch sie hat sie eine viel zu teure Elternzeitschrift abonniert und überflüssige, teilweise sogar esoterische Volkshochschulkurse besucht. Er kann nicht einmal genau beschreiben, was seine Frau im Einzelnen gelernt hat. Die Schwangerschaftsgymnastik war für sie absoluter Kult. Vorsichtig wagt er erst zu protestieren, und zwar vergebens, als Daniela ihre gemeinsame Ernährung radikal umstellt. Sie kauft nur noch biologisch erzeugte Lebensmittel und kocht vegetarisch. Eigentlich eine tolle Idee. Insgeheim hofft Frank, langfristig seine Ernährungssünden etwas ausgleichen zu können. Vielleicht nimmt er ja auch etwas ab? Und er gibt auch gerne zu, dass die Fotos in dem Kochbuch, das Daniela im Internet bestellt hat, frisch und richtig appetitlich aussehen. Im Eingangskapitel steht außerdem etwas von Genießerküche. Nur die Kreationen, die Daniela daraus produziert, sind das absolute Gegenteil. Jedes Mal aufs Neue stellen sie sich als fade und völlig ungenießbar heraus. Lässt sie die Gewürze weg oder verdoppelt sie die Garzeit? Er hat keine Ahnung, warum sie plötzlich so ungenießbar kocht. Mittlerweile freut er sich heimlich auf Currywurst und Pommes frites oder einen großen Cheeseburger während seiner langen Touren.
Wenn er jetzt so darüber nachdenkt, hat sich Danielas außergewöhnliches Verhalten seit Majas Geburt noch weit extremer entwickelt. Dazu fällt ihm sofort diese schreckliche Szene ein, die seine Frau sofort nach der Entbindung ihren beiden jüngeren Schwestern, Heike und Andrea, im Krankenhaus gemacht hat. Während des ersten Besuches hat Daniela ihnen eröffnet, dass sie die kiffenden Zwillinge nicht in der Nähe ihrer kleinen Maja dulden wird. Nie wird Frank die entsetzten Gesichter von Heike und Andrea vergessen und er ist heute noch wütend, dass Daniela Familienangelegenheiten einfach alleine entscheidet, denn die Zwillinge sollten die Patinnen der kleinen Maja werden.
Auch die Auswahl des Kindergartens hat Daniela nur wenige Wochen später selbst in die Hand genommen. Obwohl gerade sie es sich während der Schwangerschaft ausgemalt hatte, wie schön es wäre, zusammen für ihr Kind einen geeigneten Kindergarten auszuwählen. Frank kann sich an diese Gespräche ganz genau erinnern. „Wir werden gemütlich auf unserem Sofa sitzen, bei Kaffee und Keksen und alle Info-Blätter durchsehen, die ich bekommen kann. Und natürlich recherchieren wir im Internet. Bis dahin nehme ich auch alle TV-Dokumentationen zu dem Thema auf, die sehen wir uns dann abends an und ich kann auch noch nach einer speziellen Elternzeitschrift suchen, vielleicht gibt's ja ein Sonderheft zu dem Thema? Was meinst du, Frank?“
„Ich find die Kekse super! Und übertreibst du nicht? Sollten wir uns nicht zuerst den Kindergarten hier im Viertel ansehen, vielleicht ist der ja schon okay?“ Erst im Rückblick bemerkt er, dass sie schon während dieser Gespräche aneinander vorbeigeredet haben. Und er fragt sich, während er langsam durch die Winterlandschaft fährt, zu langsam, denn der Kunde in Rosenheim hat sich schon zweimal telefonisch erkundigt, wann die Waren endlich ankommen, ob Daniela auch die Termine für die Vorsorgeuntersuchungen absichtlich in die Wochen seiner längeren Touren gelegt hat.
„Die Kinderärztin ist super beliebt. Und die Termine sind ganz schnell vergeben. Maja und ich schaffen das schon, sie macht die Tests mit links, ich bereite sie gut vor.“
„Du bereitest ein Kleinkind auf eine Vorsorgeuntersuchung vor? Spinnst du?“
Seit der Geburt der kleinen Maja scheint Daniela in einer Parallelwelt zu leben, ohne dass Frank es bisher realisiert hat. Das geht ihm erst hier in der weißen, weiten Schneelandschaft so richtig auf.
Daniela ist in Eile. Sie parkt das Auto im Halteverbot, nimmt Maja schnell aus dem Kindersitz und rennt mit ihrer Tochter auf dem Arm den bunt gepflasterten Weg hinauf zum Eingang des privaten Kindergartens „Bienenkorb“. Für Daniela ist das der Weg ins pädagogische Paradies.
„Tschüss, mein Schatz, bis heute Mittag. Ich wünsch dir viel Spaß. Mama holt dich wieder ab.“ Bis jetzt hat Maja kein Wort gesagt und antwortet auch nicht, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Die kleine Figur trottet traurig in ihren Gruppenraum.
Als Daniela sich umdreht und blitzschnell hinaushasten will, steht Frau Müller-Sorge, die Leiterin des Kindergartens, plötzlich neben ihr. Nur der Mund lächelt, die Augen blicken Daniela kühl und forschend an. Auf der Stelle fühlt Daniela sich unbehaglich.
„Guten Morgen, Frau Fischer, ich sehe, Sie sind in Eile. Haben Sie heute in der Mittagszeit ein paar Minuten Zeit für ein kurzes Gespräch?“
Das Lächeln der Kindergartenleiterin verstärkt sich, doch Daniela fühlt sich sofort verunsichert. Sie bleibt abrupt stehen.
„Natürlich habe ich Zeit, Frau Müller-Sorge. Gibt es Probleme mit Maja?“ Daniela wirkt angespannt, sie beobachtet Frau Müller-Sorge aufmerksam.
„Nein, nein, ich möchte Ihnen nur einige Fragen stellen.“
„Aber?“
„Halb so wild, Frau Fischer, darüber sprechen wir heute Mittag, Sie sind ja jetzt sicher schon spät dran. Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“
Daniela verlässt eilig und niedergeschlagen den Kindergarten, viel zu schnell fährt sie Richtung Supermarkt. Sie überschlägt sich fast, um pünktlich an ihrer Kasse zu sitzen. Den ganzen Vormittag über muss sie sich zwingen, nicht mit den Gedanken abzuschweifen. Es hat soviel Energie und Geld gekostet, Maja diesen privaten Kindergartenplatz zu ermöglichen und bis heute weiß Daniela nicht, wie sie es Frank beibringen soll, dass ihr uraltes Sparbuch aus Kindertagen Monat für Monat erheblich für die hohen Beiträge schrumpft. Vor allem die Zusatzangebote belasten das Sparbuch, denn sie hat einfach alles, was der Kindergarten anbietet, für ihre Tochter dazugebucht. Und das ist teuer. Majas Vormittag im Kindergarten wird ergänzt von Englischunterricht, musikalische Früherziehung, begleitet von Blockflötenunterricht und von Rhythmikunterricht. Wenn Frank längere Touren fährt, meldet sie Maja für den ganzen Tag im Kindergarten an und bucht für sie nachmittags noch die Kreativgruppe, die auch extra berechnet wird. An diesen Tagen isst Maja mittags im Kindergarten, Bio-Vollwertkost, die die Erzieherinnen frisch zubereiten. Das bedeutet dann einen weiteren Posten auf Danielas Rechnung. Ganz zu schweigen von den Kosten für die Ausflüge, die die Kleinen schon unternehmen. Aber genau diese Form der frühkindlichen Förderung hat Daniela sich für ihr Kind erträumt.
Sie unterzieht Maja täglich nach dem Abholen einem eingehenden Verhör, um möglichst viele Einzelheiten über den Kindergartenalltag zu erfahren. Aber ihre Tochter wird immer verschlossener, zeigt ihr nur widerwillig die Ergebnisse der Bastelstunden und ihre Bilder, die Daniela sofort überschwänglich lobt. Sie hört selbst, wie falsch ihre Stimme klingt, wenn sie fassungslos die Kastanienmännchen ohne Arme oder die pechschwarzen Bilder betrachtet. Aber irgendwann muss doch dieser hohe pädagogische und finanzielle Aufwand Früchte tragen. Es muss einfach klappen, weil sie, die Mutter, es so will. In der Grundschule soll Maja eine Einser-Schülerin werden und anschließend das Gymnasium besuchen. Vielleicht möchte die Kindergartenleiterin ihr ja gerade heute weitere Fördermöglichkeiten anbieten? Das wäre toll, aber noch teurer. Überstunden sind unmöglich, sicher fällt ihr noch etwas ein, wie sie schnell regelmäßig Geld beschaffen kann. Vor der Kindergartenleiterin hat Daniela riesigen Respekt, nur will sie sich das auf keinen Fall anmerken lassen.
Als sie mittags wieder am Kindergarten ankommt, findet sie diesmal einen Parkplatz, bewusst ruhig betritt Daniela den Kindergarten. Als erstes schaut sie durch das Fenster in Majas Gruppenzimmer. Der Vormittag klingt mit einer Freispielzeit aus. Mit zwei anderen Kindern springt Maja ausgelassen auf einer dicken Matte auf und ab. So hat sie Maja seit Wochen nicht mehr gesehen. Daniela dreht um und geht aufrecht zum Büro der Leiterin, die sie schon erwartet. Nach der Begrüßung setzen sich die beiden Frauen zum Gespräch. Schon nach wenigen Augenblicken bemerkt Daniela, dass hier etwas völlig falsch läuft.
„Frau Fischer, alles in Ordnung? Geht es Ihnen nicht gut?“
„Doch, doch, alles gut! Ich frage mich nur, ob ich das gerade richtig verstanden habe? Wir sprechen doch über Maja?“
„Aber natürlich sprechen wir über Maja. Frau Fischer, Majas Gruppenleiterin, hat mir erzählt, welche Pläne Sie in nächster Zeit mit Maja haben. Deshalb haben wir Maja regelmäßig Bilder und Basteleien mit nach Hause gegeben, damit Sie einen Eindruck von dem Entwicklungsverlauf Ihrer Tochter bekommen. Wir vermuten, dass alles zusammen einfach viel zu viel Förderung für Maja darstellt. Wir sind der Meinung, dass Maja wesentlich mehr Zeit braucht, die pädagogischen Angebote zu verarbeiten. Sie blüht im freien Spiel auf. Ich vermute, das haben Sie gerade auch beobachtet. Frau Fischer, ich lade Sie herzlich ein, hospitieren Sie mal einen Vormittag bei uns und Sie werden mich verstehen. An einem solchen Vormittag kann ich Ihnen auch in Ruhe Einzelheiten erklären. Jetzt kann ich nur sagen, Sie verlangen zu schnell Ergebnisse von Maja.“
„Hospitieren?“
„Ja, verbringen Sie einen Vormittag als Gast in der Gruppe Ihrer Tochter. Das hat sich wirklich bewährt.“
Daniela runzelt die Stirn, sie versteht die Problematik noch immer nicht.
„Auf keinen Fall! Maja wird im Sommer eingeschult, schreibt gute Noten und besucht dann das Gymnasium!“
„Frau Fischer, Sie haben mich immer noch nicht ganz verstanden, wir bezweifeln stark, dass Maja bis zum Sommer die Schulreife erreichen kann!“
Daniela wird blass, richtet sich aber kerzengerade auf. Sie schreit „Nein, nein, Sie haben ja keine Ahnung, überhaupt keine!“
„Frau Fischer, es ist ausgeschlossen, dass Maja bis dahin zur Schulreife gelangt! Das brauchen wir gar nicht zu diskutieren. Bitte überlegen Sie zu Hause noch einmal in Ruhe, ob Sie nicht doch in der Gruppe hospitieren möchten, um sich selbst zu überzeugen. Wir freuen uns. So, und jetzt muss ich sehen, dass alle unsere Kinder gut nach Hause kommen. Wann lernen wir eigentlich mal Ihren Mann kennen?“
Daniela blickt bei dieser Frage entsetzt auf und murmelt etwas Unverständliches. Verstört verlässt sie das Büro und holt ihre Tochter ab. Frau Müller-Sorge wartet schon an der Ausgangstür auf sie.
„Auf Wiedersehen, Frau Fischer, tschüss Maja, bis morgen. Hattest du einen schönen Vormittag, ja? Frau Fischer, bitte lassen Sie sich unser Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen und nutzen Sie das Angebot. Vielleicht möchten Sie ja auch noch eine andere professionelle Meinung hören oder Sie besprechen sich mit Ihrem Kinderarzt? Wie wäre das? Also, bis dann, Frau Fischer, alles Gute!“
Daniela blickt die Kindergartenleiterin leer an. Sie nickt ihr zum Abschied nur zu und zerrt Maja ungeduldig hinter sich her.
Zuhause angekommen, parkt Daniela hastig auf dem Parkplatz vor ihrer Wohnanlage. Im Treppenhaus sind ihre Nachbarinnen, Frau Leitinger und Frau Michel, die mit ihrer Familie erst vor ein paar Wochen in das Sechsfamilienhaus eingezogen ist, in ein Gespräch vertieft und grüßen nur flüchtig, als Daniela und Maja vorübergehen. Im ersten Stock, vor ihrer Wohnungstür, steht Daniela und sucht wieder einmal aufgeregt in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel. Die Haustür unten war nur angelehnt. Plötzlich horcht sie auf, weil unten ihr Namen fällt.
„Ja, die Frau Fischer, müssen Sie wissen, Frau Michel, ist so eine moderne, ehrgeizige Supermutter. Das kleine Mädchen kann einem Leid tun. Das Kind geht ja in so einen teuren, privaten Kindergarten. Wenn Sie mich fragen, hat das kleine Mädchen da nur Stress. Jedenfalls ist das Kind total verändert, seit es in diesen Kindergarten geht, überhaupt nicht mehr fröhlich, spricht nicht mehr, lacht nicht mehr, wirkt richtig verstört. Aber kann man das richtig beurteilen, so von außen? Und die Frau Fischer arbeitet ja im Supermarkt, an der Kasse. Und wissen Sie was? Die kauft doch tatsächlich dieses neumodische Essen für das Kind. damit es besser lernt. Na, wie heißt das noch? Brain food, genau. Bringt sie natürlich aus dem Supermarkt mit, billiger. Kraftfutter für das Kind, sag' ich immer. Kann doch nicht gut sein. Ich frage mich, was wohl der Herr Fischer dazu sagt. So ein netter Mann, und so bodenständig. LKW-Fahrer ist der, richtiger Trucker. Und gut sieht der aus …“
Jetzt kichern sie auch noch.
Mit zitternden Händen schließt Daniela die Wohnungstür auf, ganz leise, den Schlüssel hat sie erst im dritten Anlauf gefunden. Maja sitzt müde und ausgepumpt auf einer Treppenstufe. Plötzlich fasst Daniela einen Entschluss. Sie zieht ihre Tochter von der Treppe hoch.
„Magst du zwei Stunden bei Frau Behrend bleiben, ja? Bis Papa kommt und dich abholt? Wie findest du das?“
Maja nickt nur müde. Die beiden steigen noch eine Treppe weiter nach oben und klingeln. Eine alte, sympathische Dame öffnet. Sie ist klein, ihr eisengraues Haar ist zu einem Haarknoten frisiert. Sie trägt Jeans und einen bunten Fleecepulli.
„Hallo, ihr zwei, schön euch zu sehen! Stimmt etwas nicht, Frau Fischer, Sie sind ja ganz blass?“
„Doch, doch, alles in Ordnung. Frau Behrend, kann Maja für gut zwei Stunden bei Ihnen bleiben bis mein Mann von der Bergen-Tour nach Hause kommt? Ich muss noch etwas ganz Dringendes erledigen und kann Maja unmöglich mitnehmen.“
„Ja, natürlich! Ich hoffe, du hast noch nicht gegessen, Maja, mein Schatz. Ich habe nämlich eine schöne Kartoffelsuppe mit Majoran gekocht. Wieder ein Rezept aus einer Kochshow und das ist viel zu viel für mich alleine.“
Maja schüttelt nur den Kopf.
„Na, dann komm mal rein, du kennst dich ja aus bei mir.“
Frau Behrend ist sichtlich erfreut, Daniela erleichtert, nur Maja macht einen gleichgültigen Eindruck.
„Tschüss, Frau Behrend und ganz herzlichen Dank, ich bin schrecklich in Eile, tschüss Maja!“
Sie küsst ihre kleine Tochter zum Abschied, dreht sich abrupt um, damit die beiden ihre Tränen nicht sehen und eilt die Treppe zu ihrer Wohnungstür hinunter.
In ihrer Wohnung reißt Daniela sofort den Kleiderschrank auf, nimmt ohne lange zu überlegen Kleidung für einen längeren Urlaub in der Sonne heraus, im Bad sammelt sie ihre Kosmetika ein. Dann stürmt sie in den Keller und beginnt in der hintersten Ecke zu suchen. Mit ihrem alten Interrailrucksack auf dem Arm verlässt Daniela den Keller. Oben, in der Wohnung, stopft sie wahllos die Kleidung, die schon auf dem Bett liegt, in den Interrailrucksack, nimmt Brieftasche und Handy aus ihrer Handtasche und verstaut sie sicher im Rucksack. Zum Schluss setzt sie sich noch einmal an den kleinen, wackeligen Küchentisch und schreibt eine kurze Notiz an Frank:
„Hallo, Schatz! Holst du bitte Maja bei Frau Behrend ab? Danke, Daniela“.
Schnell verlässt sie die Wohnung, ohne nachzudenken.
Daniela nimmt die Buslinie 2 zum Flughafen. Seit mehreren Jahren war sie nicht mehr hier und staunt über die Modernisierungen. Zuerst sucht sie das Flughafenreisebüro und erkundigt sich nach günstigen Last-minute-Flügen.
„Wohin soll es denn gehen, so spontan? Sie fliegen doch sicher zu zweit?“
Eine freundliche, junge Angestellte sitzt hinter dem Schalter.
„Ich fliege allein, egal wohin, wichtig ist nur, dass es warm ist.“
Daniela antwortet fest, und hofft, dass ihre Tränen nicht mehr zu sehen sind.
„Wie lange möchten Sie bleiben?“
Daniela zögert kurz. „Vier Wochen?“
„Okay, …“ Die junge Frau, deren Namensschild auf dem Kopf steht, so dass Daniela es nicht lesen kann, greift in das Regal hinter sich und legt zwei Kataloge auf den Schreibtisch. „Sorry, mein Rechner ist gerade abgestürzt.“ Nach einigem Blättern zeigt sie Daniela zwei kleine Hotelanlagen, die eine auf Kuba, die andere in Mexiko. „Beide Flüge gehen noch in den nächsten zwei Stunden. Sie können für vier Wochen buchen, im 3-Sterne-Hotel, Halbpension. Bustransfer inklusive in der Nebensaison. Und, was meinen Sie?“
Daniela überlegt, sagt spontan „Ich nehm' Kuba!“
„Prima!“ Die junge Frau strahlt und beginnt mit der Buchung. Im Hinausgehen sagt Daniela noch „Ich brauche den Rückflug übrigens nicht!“
Die Angestellte blickt ihr überrascht nach. Danach hebt Daniela einen Teil ihrer Ersparnisse ab und gibt den Rucksack auf. Bevor sie eincheckt, entfernt sie die SIM Karte aus ihrem Handy und wirft sie in den nächsten Mülleimer.
Wie in Trance geht Daniela über die Gangway. Sie wirft keinen Blick zurück.
Dieter
Dieter liegt in seinem Bett und streckt sich im morgendlichen Sonnenlicht. Ausgiebig gähnt er, öffnet die Augen. Ein paar Minuten hat er gedöst, um sich seinen Lebenstraum noch einmal intensiv auszumalen. Das war sein letzter Tagtraum, davon ist er fest überzeugt, denn heute will er in sein neues Leben starten. Und zwar genau so, wie es ihm vorschwebt.
Bei Freunden und Arbeitskollegen der Werbeagentur, in der er als Texter angestellt ist, stößt sein Lebenstraum auf entschiedene Ablehnung. Schlicht lautet der Standardkommentar: „Spießer!“
Dieter wird nicht müde zu erklären, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als eine feste, dauerhafte Beziehung zu einer soliden, treuen Frau. Es sind die ganz alltäglichen Dinge, die in seinen Träumen vorkommen, lange Spaziergänge, ein Einkaufsbummel oder ein romantisches Candle-Light-Dinner. Intimeres stellt Dieter sich nicht vor, das verweigert er sich selbst ganz strikt. Umso bunter, lebhafter und detaillierter sieht er bereits vertraute Alltagssituationen vor sich. Seine Kollegen gehen da direkter vor. Für alle Mitarbeiter sichtbar, platzieren sie Erotik-Kataloge auf Dieters Schreibtisch in der Agentur. Hektisch lässt er die Prospekte in einer Schreibtischschublade verschwinden und verbringt die Mittagspause bitterlich weinend im Waschraum. Seine rot geweinten Augen spült er am Waschbecken gründlich mit eiskaltem Wasser und ist froh, dass er den Kollegen niemals ein Wort von seinem größten Wunsch, nämlich möglichst bald zu heiraten, gesagt hat. Niemand vermisst ihn in der Kantine.
„Oh nein! Nein, nein! Ist das geil! Das fass' ich einfach nicht!“ Fasziniert starrt Jenny auf den Computerbildschirm. Sie schüttelt ungläubig den Kopf und fährt sich mit den extravagant in zwei Pinktönen lackierten, langen Fingernägeln durch ihren perfekt geschnittenen, blonden Kurzhaarschnitt.
„Was ist denn los?“, fragt ihre Freundin und Mitbewohnerin Leonie.
„Ich chatte mit Husband2000 doch erst seit zwei Wochen, oder nicht, Leonie?“
„Meinst du etwa diesen Werbe-Spießer aus dem Single-Chat?“
„Ja, und er will sich mit mir treffen, hat eine piekfeine Dinnereinladung geschickt. Italienisch, zum Glück.“
Nervös zupft sie zuerst an ihrem rosafarbenen Pulli, danach bewegt sie den farblich passenden, glitzernden Anhänger blitzschnell an der Halskette auf und ab.
„Gleich reißt er ab, Jenny!“, warnt Leonie und starrt fasziniert auf die Kette, zögernd fragt sie ihre Freundin: „Du willst da doch nicht etwa hingehen, oder?“
„Klar geh' ich! Ich lass mir doch nicht ein Essen bei einem Nobel-Italiener in Bogenhausen entgehen.“
Leonie sieht sie verständnislos an. „Was habt ihr Münchner nur alle mit Bogenhausen? Für ein italiensches Essen in Bogenhausen willst du dich mit einem wildfremden, durchgeknallten, spießigen Werbetexter treffen?“
„Klar! Und er hat extra für mich eine Einladung entworfen. Nur für mich, Leonie. Du bist doch nur neidisch.“
„Ich bin nicht neidisch. Bin ich nie, dass weißt du doch. Schon mal dran gedacht, dass er die Einladung jeder schickt, mit der er chattet?“
Jenny nickt, fast schon schuldbewusst. „Ja, ich weiß, dass du nicht neidisch bist … Aber pessimistisch bist du, wie immer. Und die Einladung ist bestimmt nur für mich, da bin ich sicher, ich fühl' das. Freu dich doch, dass er mich so schnell einlädt.“
Leonie schüttelt den Kopf. „Oh nein, ich find es verdächtig. Und komisch find ich den Kerl auch. Husband2000, was soll das eigentlich für ein Mitgliedsname sein? Hast du darüber mal nachgedacht? Willst du das, Jenny?“
„Du interpretierst da wieder viel zu viel rein, Leonie und siehst viel zu schwarz. Willst du mir den Spaß an dem Abend verderben? In der Parfümerie muss ich immer perfekt aussehen, immer höflich sein, alle neuen Produkt in und auswendig kennen und wehe nicht. Ach, Scheiße.“
„Jenny, ich möchte doch nur, dass du vorsichtig bist und dass du auch wieder nach Hause kommst.“
Jenny sieht ihre Freundin verblüfft an. „Jetzt übertreib' mal nicht, Leonie. Kannst du nicht verstehen, dass ich mich abends mal so richtig aufstylen möchte, nicht nur für die Parfümerie? Und die reichen Tussis behandeln mich dann immer noch so abfällig, als ob ich der letzte Dreck wär'. Wie oft hab ich dir das schon erzählt!“
Leonie verliert allmählich die Geduld mit ihrer Freundin bei soviel Leichtsinn. „Du bist dann wenigstens das schönste Mordopfer des Jahres!“ Sie rauscht aus dem Zimmer, die Tür knallt hinter ihr zu. In aller Ruhe beginnt Jenny, die ersten Kleidungsstücke für den Abend auszuwählen.
Am Abend wartet Dieter im Gallo d'oro. Das kleine Lokal ist stimmungsvoll mit Kerzenlicht beleuchtet, im Hintergrund spielt leise italienische Musik. Weil er fest entschlossen ist, sich heute Abend zu verloben, trägt Dieter einen dunklen Anzug.
Ungeduldig beobachtet er die Tür, zerpflückt allmählich die rote Rose, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Immer wieder versucht er in Gedanken, seine einleitenden Worte durchzugehen, aber selbst das misslingt ihm. Wünsche und Satzfetzen wirbeln in seinem Kopf durcheinander. Den festlich gedeckten Tisch hat der Ober schon zweimal diskret wieder hergerichtet und ihm ermutigend zugelächelt. Dieter sieht zur Sicherheit noch einmal auf die Uhr, seine PinkLady hat jetzt mindestens fünfzehn Minuten Verspätung. Sein Handy zeigt keine neue SMS an, obwohl seine PinkLady sich im Chat doch so mitteilungsfreudig gibt. Hektisch blickt er noch mal zur Tür und erstarrt, als eine junge Frau, von Kopf bis Fuß in unterschiedlichen Rosatönen gekleidet, hereinrauscht. Das darf doch nicht wahr sein. Wortwörtlich hatte er sich das eigentlich nicht vorgestellt. Barbie alive, denkt der Werbetexter Dieter und schiebt den Gedanken sofort beiseite. Vielleicht ist sie ja nicht seine PinkLady? So jung, so flippig. Dieter fühlt sich jetzt völlig verunsichert.
Selbstbewusst steht die junge Frau im Lokal. Jung, schlank, attraktiv und sehr auffällig. In aller Ruhe schaut sie sich um, scheint sogar die Aufmerksamkeit der anderen Gäste zu genießen, dann steuert sie lächelnd auf Dieter zu und bleibt vor ihm stehen.
Sie streckt die Hand aus und sagt mit kindlich heller Stimme „Ich bin PinkLady. Ich mein, ich heiße Jenny. Bist du Husband2000? Und wie heißt du?“
Dieter sitzt steif auf seinem Stuhl und macht nicht einmal den Versuch, aufzustehen. Er starrt Jenny nur ungläubig an.
„Du bist gar nicht meine Verabredung? Sorry, Mann!“ Sie dreht sich um und mustert aufmerksam die anderen Tische.
Dieter sagt in ihrem Rücken „Entschuldige, natürlich bin ich deine Verabredung. Ich heiße Dieter. Setz dich doch, bitte.“
Sie blickt über die Schulter, lächelt entwaffnend.
Als die beiden bei einem Sanbitter auf ihre Pasta warten, beruhigt sich Dieter etwas, während Jenny zur Hochform aufläuft. Ohne Punkt und Komma plappert sie über italienisches Essen, ihre Vorliebe für die Farbe Pink, Freundin Leonie, Partys, und, und, und. Dieter fragt sich, ob sie überhaupt Luft holt. Ein ernsthaftes Thema streift sie nicht einmal am Rand und Dieters Enttäuschung wird immer größer. Per Internet waren ihre gemeinsamen Gespräche ganz anders verlaufen, erwachsen, manchmal sogar richtig tiefsinnig. Deshalb weiß er ja so genau, dass sein Lebenstraum sich heute erfüllen wird. Soll er sich auf sein Gefühl verlassen und einfach fragen?
Er beobachtet die junge, schrille und egozentrische Person, die ihm gegenübersitzt und die ihm bis jetzt keine einzige persönliche Frage gestellt hat.
Endlich fasst er sich ein Herz und unterbricht Jennys Redestrom. „Wie stellst du dir denn deine Lebensplanung so vor? In den nächsten Jahren, mein ich?“ So einem sensiblen Thema will er sich vorsichtig nähern. Jenny überrascht ihn mit ihrer Antwort.
„Ich möcht' soviel Party wie möglich machen! Bei dem Job in der Parfümerie brauch' ich das einfach, so als Ausgleich.“
Wie versteinert sitzt Dieter auf seinem Stuhl.
„Ja, und geile Klamotten will ich!“
Das darf doch nicht wahr sein! Was geschieht gerade mit seinem Traum, der heute wahr werden soll? So schnell gibt Dieter nicht auf. „Nein, ich meine natürlich ernsthafte Pläne, Jenny, so für die nächsten zwei, drei Jahre.“ Er gibt sich einen Ruck, seine Gefühle können nicht falsch sein, unmöglich. Jetzt! Entschlossen greift er über den kleinen Tisch nach ihrer Hand. „Was ich eigentlich meine … Möchtest du meine Frau werden?“
Jennys fröhliches Lachen schallt durch das ganze Lokal. „Bist du total verrückt? Deshalb dein bescheuerter Mitgliedsname! Ich wollte nur schick italienisch essen, bevor ich nachher auf die angesagte Schwabinger Single-Party gehe.“
Fassungslos sieht Dieter sie an, er hat das Gefühl, alles in ihm wird ausgelöscht, für immer. In seinem Kopf hämmert es ohne Unterlass: „Mein Traum! Mein Lebenstraum! Mein armer Lebenstraum!“
Jennys schrille Stimme holt ihn wieder unsanft in die Realität: „Dieter? Das hast du doch nicht ernst gemeint, oder? Sag doch was!“ Scharf beobachtet sie Dieter ein paar Sekunden. „Scheiße, Mann! Immer hat Leonie Recht mit ihren blöden Andeutungen! Egal. Ich will jetzt zu der Party!“
Dieter gibt sich einen Ruck, versucht zu lächeln. Irgendwie schafft er es zu funktionieren. „Ja, natürlich, die Single-Party. Ich bezahl' die Rechnung, dann bring ich dich zur S-Bahn.“
Jenny nickt erleichtert. Als sie das Lokal verlassen, macht Dieter einen entspannten Eindruck auf sie. Schweigend gehen die beiden Richtung S-Bahn-Station, Dieter wie ein Schlafwandler, Jenny redet schon wieder in Endlos-Schleife, erzählt von den Party-Gästen, die sie kennt und über ihre bevorzugten Outfits. Die Schweigsamkeit ihres Begleiters fällt ihr nicht auf, denn ausführlich beschreibt sie das vierte Partykleid.
Wie immer ist der Bahnsteig am Samstagabend hoffnungslos überfüllt. Als Jenny auf die Anzeigetafel schaut, die ihren Zug in weniger als einer Minute ankündigt, sagt sie beiläufig:
„Ach übrigens, tolles Essen, danke. Aber viel mehr freu' ich mich jetzt auf die Party!“
Dieter nickt, Jenny blickt ungeduldig in den Tunnel. In dem Moment kommt der Zug aus dem Dunkel geschossen. Kurz entschlossen gibt Dieter ihr einen kräftigen Stoß. Als rosa Knäuel fällt Jenny direkt vor den einfahrenden Zug. Im Tumult der schreienden Menschen und kreischenden Bremsen dreht Dieter sich um. Ruhig verlässt er den S-Bahnhof.
Harald
Verzaubert fotografiert Harald seit einer halben Stunde. Die kleine, nahezu original erhaltene, perfekt restaurierte Krypta, fordert sein ganzes Können als Hobbyfotograf. Nachdem er gestern Abend das Kapitel über den Dom San Pietro im Kunstreiseführer über Venetien überflogen hat, weiß er, dass er in einem einheitlich romanischen Sakralbau steht und die Steinmetz-Arbeiten für diese Region ganz außergewöhnliche Motive zeigen. Wie im Rausch lichtet er eine Bilderserie der Säulenkapitelle ab, die in wilder Reihenfolge Pflanzen, Obst, Dämonen und Tiere mit symbolischer Bedeutung zeigen. Danach setzt er sich für einen Moment auf einen kleinen, wackligen Holzstuhl und genießt die Stille und die Atmosphäre der dämmrigen Unterkirche.
Doch sofort stutzt er, gleichzeitig ärgert er sich auch schon, denn in einer Ecke hat er eine große Kunststoff-Madonna entdeckt, die ein grelles, himmelblaues Gewand trägt und auf einer halbhohen Säule steht. Den Heiligenschein bildet eine Neonröhre, die gelblich, aber viel zu intensiv für die Umgebung leuchtet. Zu Füßen der Madonna brennen auf einem Ständer in mehreren Ebenen viele, kleine Wachslichter. Haralds ästhetisches Empfinden rebelliert bei diesem Anblick und er kommt auf die Idee, in das Münzfach für die Wachslichter einen Notizzettel mit der Aufschrift „Geschmacklosigkeit!“, einzuwerfen. Doch die kitschige Plastikfigur, die einen drastischen Kontrast zur Krypta bildet, scheint bei der Gemeinde ausgesprochen beliebt zu sein. Ganz frische, üppige Blumensträuße schmücken die Figur in lockerem Halbkreis. Ein Heiligenschein aus Blumen, denkt Harald zynisch. Dann beruhigt er sich. Eine alberne Idee, sogar verletzend, einen so abwertenden Zettel einzuwerfen. Jetzt fühlt er sich wirklich urlaubsreif. Ruckartig dreht Harald den Stuhl so, dass er die Madonna aus seinem Blickfeld verbannt. Noch einmal schaut er flüchtig in den schmalen Kunstreiseführer.
Oben im Kirchenschiff liest seine Frau Sigrid eifrig in der großen, detaillierten Ausgabe.
Sigrid sagt immer wieder, dass er die Kirche doch sowieso nur durch den Sucher seiner Spiegelreflexkamera sieht. Gemeinsame Besichtigungen lehnt sie deshalb seit Jahren kategorisch ab, weil Harald sich zu viel Zeit für Einzelheiten nimmt und das verschlimmert nur ihre Nervosität. Der knappe Reiseführer, den er benutzt, beschreibt lediglich einen typisch romanischen Sakralbau, warnt vor dem sehr steilen Anstieg zur Kirche, verliert jedoch kein einziges Wort darüber, dass es sich bei der Krypta um ein wahres kunstgeschichtliches Kleinod handelt, in ganz Italien berühmt, das Highlight ihrer Venetien-Rundreise.
In diesem sakralen Raum fühlt er das erste Mal seit langem so etwas wie ein Glücksgefühl aufblitzen. Es verflüchtigt sich jedoch sofort wieder, als Sigrid im Altarraum hektisch hin und her zu laufen beginnt. Die Absätze ihrer Schuhe klappern hart und nervenaufreibend auf dem antiken Marmor-Fußboden. Geduldig wartet er ab, bis die Geräusche verklingen.
Harald bedauert, dass sich die gemeinsamen Ferientage durch hohe Erwartungen und maßlose Enttäuschungen auszeichnen. Heimlich hat er von einem romantischen Urlaub zur Feier ihrer Silberhochzeit geträumt, zweite Flitterwochen sollten es seiner Meinung nach werden. Eine liebevoll und detailliert geplante Rundreise im Frühling hatte er sich gewünscht, im Mittelpunkt Besichtigungen ausgewählter Kunstdenkmäler, Kirchen und Museen, mit Übernachtungen in romantischen Luxushotels und der Besuch bekannter Edel-Restaurants am Abend, einfach alles perfekt. Naiv hatte er gehofft, mit diesen Mitteln ihre Ehe positiv zu beeinflussen. Doch aus seinem schönen Plan hat sich ein unvorbereiteter, liebloser Kurztrip mit nüchternen, billigen Nachtquartieren und einigen wenigen, eher zufälligen, Besichtigungen entwickelt.
Restaurants wählen sie erst abends auf die Schnelle aus, nach dem Zufallsprinzip. Ein Grauen für Harald.
Die Gründe für diese drastischen Unterschiede liegen zu Hause in Heidelberg. Dort waren in den letzten Wochen detaillierte, liebevolle Reisevorbereitungen, auf die er so großen Wert legt und in die er immer viel Zeit investiert, völlig unmöglich. Renovierungsarbeiten an ihrem Haus zogen sich durch massive Fehler der Handwerker schier endlos in die Länge. Harald war fest davon überzeugt, dass Sigrid die Renovierung nicht in den Winter verschieben wollte. Deshalb fragte er sie gar nicht erst. Und so reisen die beiden während der Hauptsaison. Harald leidet unter hohen Temperaturen und großer Schwüle, nahezu unerträglichem Lärm und überfüllten Hotels, während Sigrid Hitze und Lautstärke völlig gleichgültig gegenüber steht. Für sie zählt nur, dass zu Hause die Arbeiten am Haus zu ihrer vollen Zufriedenheit abgeschlossen sind. Im Spätsommer soll dann nachträglich ihre Silberhochzeit mit einer glänzenden Gartenparty gefeiert werden, mit vielen Gästen, Prosecco in Strömen und angesagtem Fingerfood. Harald empfindet jetzt schon Abscheu, wenn er an diese Feier denkt.
In solchen Augenblicken versteht er das erste Mal in seinem Leben Aussteiger. In Gedanken spielt er verschiedene Möglichkeiten durch, in Venetien zu bleiben. Hin und wieder schaut er sehnsüchtig in die Schaufenster der Immobilienmakler, doch auf Anhieb gefällt ihm kein Angebot. Schade.
Einen Augenblick genießt er noch bewusst die angenehme Kühle der Krypta, dann steigt er langsam die schmale, ausgetretene Wendeltreppe hinauf in die helle Oberkirche.
Hastig betritt Sigrid gerade das Baptisterium, das in einem Seitenschiff liegt. Wie so oft bewundert er, dass seine Frau im Gehen lesen kann, ohne mit Gegenständen zu kollidieren.
Auf dem Weg zur Hauptapsis bemerkt Harald rechts einen goldenen Schimmer. Neugierig schlendert er darauf zu und bleibt vor einem Bildnis stehen, das einen männlichen Heiligen darstellt. Das Gemälde im Hochformat zeigt kein vollständiges Rechteck, denn die obere Seite bildet ein sanftes Oval. Der goldene Heiligenschein der Figur wird dadurch zusätzlich betont. Warme Rot- und Goldtöne dominieren das Bildnis. Der Heilige trägt ein rotes Gewand, in den Händen hält er einen Palmzweig. Angestrengt überlegt Harald. Bedeutet das nicht, den Tod besiegen oder den Eintritt ins Paradies? Mehr fällt ihm dazu spontan nicht ein. Harald spürt eine gewisse Faszination die von dem Heiligen ausgeht, der den Betrachter sanft, milde und doch so beharrlich anblickt. Das erste Mal in seinem Leben fühlt Harald Ergriffenheit vor einem religiösen Bildnis. Erstaunt über sich selbst, denn er hat sich in den letzten Jahren zunehmend von Religion und allen Glaubensfragen distanziert, bis hin zum vollständigen Atheismus. In Betrachtung und Gedanken versunken, vergisst er, das Bildnis zu fotografieren und plötzlich bemerkt er, dass er nicht mehr alleine vor dem Heiligenbild steht.
Ein Priester steht neben ihm, lächelt ihn an und grüßt leise. Lebhaft deutet der Priester auf den kleinen Kunstreiseführer und fragt in gutem Deutsch, ob Harald sich für das Heiligenbild interessiert.
Verwundert nickt er stumm.
Einen Moment stehen die beiden Männer einträchtig schweigend vor dem Bildnis.
Der Priester tippt Harald sanft mit dem Ellenbogen an, deutet mit dem Kinn auf einen Mann, der hektisch versucht, den berühmtesten Kunstschatz der Kirche, eine Pieta aus Sandstein, die wahrscheinlich im 15. Jahrhundert gefertigt wurde, zu fotografieren. Der Mann trägt einen einfachen Strohhut unter den Arm geklemmt, sein Gesicht ist stark gerötet, vermutlich vom steilen Aufstieg zum Dom. Er bewegt sich immer ungeduldiger, doch die Lichtverhältnisse in der Kirche erfordern technisches Geschick und Erfahrung, um die Pieta in ihrer ganzen Schönheit abzulichten. Sein Geduldsfaden reißt, er stülpt den hinderlichen Hut kurzerhand über eine auffallende, große antike Vase, die gerade neben ihm steht.
Sowohl Harald als auch der Priester versuchen, ihr Lachen zu unterdrücken. Der Priester konzentriert sich fest auf das Heiligenbild. Harald sieht nach unten, er zählt erst schwarze, danach weiße Marmorsteine im Fußbodenmosaik. Vergebens, beide glucksen mal lauter, mal leiser vor sich hin. Deshalb verspricht der Priester Harald kichernd einen guten Espresso und einen Blick in einen wertvollen, antiquarischen Kunstband. Dieses wertvolle Buch stammt noch von seinem kunstbegeisterten Vorgänger und zeigt ganz ähnliche Heiligenbilder.
Der Priester bemerkt, dass Harald unsicher zu Sigrid hinüberblickt. Sofort versichert der Geistliche, dass er ihn nur wenige Minuten aufhalten wird.
Sigrid steht mittlerweile interessiert vor einem Kunstschmiedegitter, das die linke Seitenapsis verschließt. Aus den dürftigen Informationen des Reiseführers weiß Harald, dass dieses Gitter kunstgeschichtlich interessant ist. Außerdem befindet sich in der Seitenapsis der Domschatz. Harald ist sich sicher, dass Sigrid hier einige Zeit andächtig vor repräsentativen Prunkgegenständen verbringen wird. Diese übertriebene Pracht lehnt er selbst strikt ab. Ihm fallen TV-Sendungen ein, die er bevorzugt, besonders Talk-Shows, in denen Fragen der Doppelmoral, die die Institution der Kirche betreffen, kontrovers beleuchtet und diskutiert werden. Bei solchen Gelegenheiten sitzt Sigrid kerzengerade auf dem Sofa, ihr Mund nur noch zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Mindestens dreimal pro Sendung bemerkt sie, dass parallel ein Krimi läuft, begleitet von gequälten Seufzern an kritischen Stellen.
Vielleicht bietet sich hier und jetzt eine Gelegenheit für Harald, einmal selbst, sozusagen vor Ort, seine Meinung zu äußern. Entschlossen nickt er dem Priester zu.
In stillschweigendem Einverständnis huschen die beiden Männer durch eine schwere Holztür in die Sakristei. Als die uralte, mit Schnitzereien verzierte Tür leise hinter ihnen zuläuft, lachen sie erleichtert. Einige Minuten später sitzen sie bei einem vorzüglichen Espresso und betrachten in aller Ruhe mittelalterliche Heiligenbilder in dem antiquarischen Kunstband. Nach und nach kommen sie ins Gespräch, dabei fühlen sie sich spontan vertraut, als ob sie sich schon jahrelang gut kennen.
Beim zweiten Espresso fragt der Priester Harald nach seinem Vornamen und Harald erfährt, dass der Priester Ettore heißt.
Obwohl sich Harald als Atheist betrachtet, kostet es ihn Überwindung, den Priester zu duzen. Energisch schiebt er seine Skrupel beiseite und konzentriert sich auf sein sympathisches, lebhaftes Gegenüber. Schon vergisst er Weihe und Amt seines Gesprächpartners. Beide Männer spüren, dass eine besondere Freundschaft entsteht, genießen die Freude darüber, ohne große Worte zu verlieren.
Laut und temperamentvoll, von Gesten lebhaft untermalt, erzählt Ettore, dass er seit vielen Jahren mit einem Pfarrer, Georg, in Deutschland befreundet ist. Georg führt eine Pfarrei bei Freiburg und Ettore besucht ihn dort ein bis zweimal im Jahr.
Fasziniert hört Harald seinem neuen Freund zu. Beeindruckend, dass Ettore bei seinen Besuchen in Freiburg die deutsche Sprache fast nebenbei gelernt hat.
Danach beschreibt Harald seine Heimatstadt Heidelberg, die historische Altstadt mit dem berühmten Schloss.
Andächtig hört Ettore zu.
Die fast kindliche Neugier und Reiselust seines neuen Freundes berührt Harald und spontan lädt er Ettore nach Heidelberg ein. Während der Renovierung haben Sigrid und er ein hübsches Gästezimmer eingerichtet, denn mittlerweile sind ihre Kinder ausgezogen und freuen sich über ein komfortables Gästezimmer. Ettores Besuch stellt Haralds Meinung nach eine schöne Gelegenheit dar, das Gästezimmer einzuweihen. Was spricht also gegen eine Einladung?
Ettores Gesicht strahlt vor aufrichtiger Freude, als Harald ihn einlädt. Ein selten emotionaler Tag in Haralds Leben und schnell tauschen die beiden Postadressen, Telefon-Nummern und E-Mailadressen aus.
Während des Gesprächs ist Harald ein antikes, mit kleinen Goldblechen beschlagenes, Kästchen aufgefallen. Immer wieder wandert sein Blick zu dem auffälligen Stück. Schließlich fragt er nach der Funktion des kleinen Kastens und Ettore erklärt, dass das Kästchen als „Reliquien-Schwein“ bezeichnet wird.
Für einen Sekundenbruchteil stutzt Ettore und schon dröhnt befreiendes Gelächter durch die Sakristei.
Bei diesem Versprecher erinnert sich Harald an einen wissenschaftlichen Artikel, den er vor einiger Zeit über Sigmund Freuds Werk gelesen hat. Ein Absatz widmet sich ausführlich den Thesen zu Versprechern. Sofort legt er Ettore in groben Zügen Freuds Thesen zu auffälligen Versprechern dar, die sich hauptsächlich auf unterdrückte Konflikte des Sprechers konzentrieren. Beim Lesen kamen ihm Freuds Thesen haarsträubend vor. Er glaubt sich zu erinnern, dass sie im Text als Freudsche Fehler oder Fehlleistungen bezeichnet werden. Schlagartig wechselt die Stimmung seines Gastgebers.
Lange schweigt Ettore betroffen, tiefe Stille herrscht in der Sakristei.
Harald weiß absolut nicht, wie er sich verhalten soll. Hat er einen Fehler begangen? Darf er den Namen Sigmund Freud einem Priester gegenüber nicht nennen, vielleicht wegen der starken Betonung der Sexualität in der Psychoanalyse? Das kann doch heutzutage nicht mehr wahr sein, oder? Bisher zählt kein Geistlicher zu seinem Freundeskreis, also fehlen ihm Erfahrungen und Vergleichsmöglichkeiten und er fühlt sich verunsichert. Soll er die Situation möglichst geschickt überspielen und das Verhalten des neuen Freundes ignorieren? Oder einfach nachfragen? Da fällt ihm ein, dass am Ende des Artikels die Theorie der Freudschen Fehlleistungen in Frage gestellt wird. Sprachwissenschaftler deuten sie mittlerweile als Montagefehler beim Satzbau. Gerade will er Ettore von den neueren Forschungsergebnissen erzählen, als der Priester sein Schweigen bricht.
Mit leiser Stimme vertraut Ettore ihm an, dass er seinen Glauben komplett verloren hat. Daraus entstehen für ihn eine tiefe Sinnkrise und schreckliche Zukunftsängste.
Schockiert über diese Offenheit sehen sich die beiden über das zufällig aufgeschlagene Bild des Heiligen an, der sie sanft und gleichmütig aus dem Mittelalter anlächelt.
Verlegen räuspert sich Harald, gleichzeitig rutscht ihm auch schon die Frage heraus, ob Ettore sich überhaupt noch in der Lage sieht, sein Amt auszuüben.
Ettore zögert und zuckt dann traurig die Schultern. Schließlich schüttelt er den Kopf, langsam steigen ihm Tränen in die Augen. Er winkt ab, als Harald tröstend die Hand nach ihm ausstrecken will.
Um die Situation irgendwie noch zu retten, wiederholt Harald seine Einladung nach Heidelberg und erwähnt, dass auch Sigrid sich über den Besuch freuen wird. Bei diesen Worten beschleicht Harald ein flaues Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht, doch er stellt sein Empfinden erst einmal zurück.
Ernst klopft Ettore mit dem Zeigefinger auf den Notizzettel mit der Adresse, nickt nachdrücklich, sprechen kann er im Moment nicht.
Hilflos fühlt Harald sich, unendlich hilflos und gleichzeitig empfindet er tiefes Mitleid mit Ettore. Beide Männer stehen auf und schütteln sich die Hände.
Ettore begleitet Harald zur Tür, schweigend umarmen sie sich. Durch die schwere Holztür schlüpft Harald verstört wieder zurück ins Kirchenschiff.
In einer Kirchenbank sitzt Sigrid. Nach den vielen Ehejahren erkennt Harald ihre Wut allein an ihrer kerzengeraden Körperhaltung. Als er zu ihr tritt, sieht ihr Gesicht versteinert aus. Mit einer knappen Handbewegung fordert sie ihn auf, die Kirche sofort zu verlassen. Aus einem Impuls heraus, will Harald widersprechen, er möchte unbedingt in Ruhe die Apsis besichtigen und fotografieren. Doch dann nickt er kurz und verlässt nach seiner Frau die Kirche. Leise seufzt er, das gibt Ärger. War er doch länger in der Sakristei als er gedacht hat?
Sigrid schreit schon los, bevor sich die Kirchentür hinter ihm geschlossen hat. Auf der Stelle will sie wissen, was er sich dabei gedacht hat, so lange zu verschwinden. Wo, zum Teufel, hat er sich wieder rumgetrieben? Und ihr reicht es jetzt endgültig mit ihm, immer dieses Theater. Das wollte sie ihm übrigens schon zur Silberhochzeit sagen, das wäre der richtige Zeitpunkt gewesen.
Spontan fallen Harald Sigrids unzählige Shopping-Touren ein, bei denen er immer wie ein vergessenes Paket herumsitzt. Er bemüht sich, bei dieser Assoziation nicht zu lachen.
Wortlos dreht Harald um und schlägt den Weg zum Hotel ein. Er will sein Gepäck holen.
Hinter ihm kreischt Sigrid, doch er fühlt völlige Gleichgültigkeit. Kann man Gleichgültigkeit fühlen? Er weiß es nicht. Unterwegs beschäftigt ihn nicht der Bruch mit Sigrid, den erwartet er schon seit einiger Zeit. Harald weiß mit Bestimmtheit, er wird sich von Sigrid trennen. In aller Ruhe lässt er sich noch einmal das Gespräch mit Ettore durch den Kopf gehen. Besonders berührt ihn, dass der Priester keine Perspektive für die eigene Zukunft sieht, weil er seinen Glauben verloren hat. Wie kann er Ettore helfen?
Einen Augenblick bleibt Harald direkt vor seinem Hotel in der prallen Sonne stehen.
Schlagartig versteht er die unvermittelte Vertrautheit zwischen zwei Männern, die sich gerade erst kennenlernen. Gut gelaunt pfeifend betritt er das Hotel.
Haralds ungewisse Zukunft beginnt.
Jasper
Mai 2000
Die Schulklingel läutet zum Ende der zweiten Pause, der Schultag scheint wie jeder andere zu verlaufen.
Jaspers Leiche liegt zerschmettert im Treppenhaus der großen Eingangshalle. Schnell breitet sich eine Blutlache neben seinem Kopf aus und bildet einen starken Kontrast zu dem schwarz-weißen Karomuster der Fliesen.
Flüsternde Mädchen und Jungen drängen sich um den toten Mitschüler, um seine Leiche möglichst genau sehen zu können. Endlich eine richtige Sensation! Eine blutige, sogar eine tödliche Sensation! Genau wie im Film! Sie zeigen keine spontane Trauer, kein Mitleid, überhaupt keine Gefühle, nur ein kleiner Junge beginnt zu weinen. Blitzschnell werden Handys gezückt, um zu fotografieren.
Frau Rieck, eine junge Lehrerin, kommt aus der Pausenaufsicht. Da sie nicht schwindelfrei ist, benutzt sie das zum Hinterausgang gelegene, geschlossene Treppenhaus und braucht immer etwas länger in die Halle.
Als Frau Rieck den toten Jasper entdeckt, schreit sie fassungslos: „Mein Gott! Was ist ihm denn passiert?“ Vor Schreck kann sie sich nur mühsam auf den Beinen halten, ihre Stimme zittert: „Hat schon jemand den Notarzt gerufen? Nein?“ Hektisch blickt sie von einem zum anderen, doch sie bekommt keine Antwort. „Sofort in die Klassenzimmer mit euch! Ich übernehme das und bleibe bei ihm! Los jetzt! Los!“
Murrend und betont langsam zerstreuen sich die Schulkinder.
Nach dem Notruf bricht Frau Rieck schluchzend neben Jaspers Leiche zusammen.
Drei Monate früher
Anne und Thore leben mit ihren drei Kindern in einer alten, verwohnten Reihenhaus-Siedlung. Damit haben sie sich einen langjährigen Traum erfüllt, denn beide Ehepartner sind in vernachlässigten, elenden Komplexen des sozialen Wohnungsbaus am Stadtrand aufgewachsen, in völlig zerrütteten Familienverhältnissen.
Ständig bemühen sie sich, ihren Nachbarn alles recht zu machen und das strengt sie mehr an, als ihnen selbst bewusst wird. Anne und Thore sind unendlich stolz auf ihre Berufsausbildungen und ihre Jobs, denn ihre Eltern hatten keine Ausbildungen und waren häufig, auch für längere Zeit, arbeitslos.
Thore ist als Kfz-Mechatroniker in einer großen Vertragswerkstatt angestellt, Anne arbeitet halbtags als Fachverkäuferin in der Filiale einer großen Bäckerei. Finanziell reicht das gerade aus für eine Familie mit drei Kindern. An oberster Stelle in der Haushaltsführung steht strenge Sparsamkeit, um jedem Kind ein Hobby oder eine Sportart zu ermöglichen.
Die zarte Ina, die jüngste Tochter, weiß ganz genau, dass Thore sie als seine kleine Prinzessin vergöttert. Mit sechs Jahren bezaubert sie alle mit ihrer natürlichen Fröhlichkeit. Ina fällt es unendlich schwer, Entscheidungen zu treffen.
Ihr Bruder Markus schwärmt für den Boxsport und als Achtjähriger ist er schon fest entschlossen, in eine erfolgreiche Karriere als Profiboxer zu starten.
Jasper, der Älteste, benimmt sich ganz anders als seine Geschwister. Er fühlt sich unglücklich und bleibt am liebsten ganz für sich allein in seinem Zimmer und liest traurige Gedichte.
Seine Eltern sind der Meinung, dass er sich für einen Dreizehnjährigen irgendwie komisch verhält.
„Jasper! Frühstück! Wo bleibst du denn? Du kommst wieder zu spät zur Schule!“
Annes Stimme klingt immer schärfer. „Was macht er nur so lange da oben?“
Ungeduldig blickt sie zur Küchentür.
Geübt schiebt Ina Brotstückchen auf ihrem Frühstücksbrett hin und her und tatsächlich wirkt es so, als ob das Brot weniger wird. „Er liest was und weint.“
Anne lacht auf. „Das gibt's doch nicht! Wahrscheinlich liest er jetzt schon vor dem Frühstück todtraurige Gedichte. Er steigert sich da richtig rein. Mensch, Thore! Sag' doch auch mal was.“
Thore blickt überrascht auf. „Ich? Er wird bestimmt gleich runter kommen. Ich denke, wir sollten ihm etwas mehr Zeit geben. Wie sagt man? Das wächst sich raus.“ Thore lächelt seine Frau unsicher an und trinkt einen Schluck Kaffee, um Zeit zu gewinnen.
Ungeduldig, fast schon abwehrend schüttelt Anne den Kopf. Beim Familienfrühstück fühlt sie sich ganz alleine dafür verantwortlich, dass alle pünktlich das Haus verlassen und das stresst sie total.
Mit voll gestopftem Mund grinst Markus breit: „Er weint aber richtig doll, Mama.“
Anne sieht ihn irritiert an. „Du sollst doch nicht schwindeln, Markus.“
Markus hält sich an seinem Kakaobecher fest und bleibt dabei: „Das tu' ich nicht, Mama. Ich hab's gesehen, als ich runter gekommen bin. Und seine Schultasche hat er auch noch nicht gepackt.“
Gequält seufzt Anne und steht so abrupt von ihrem Küchenstuhl auf, dass der fast umfällt. Sie stürmt die Treppe hoch, nimmt zwei Stufen auf einmal.
Oben spricht sie laut, kurz und böse.
Plötzlich hören sie Jasper schreien: „Ich bring' mich um! Ich bring' mich um!“
Einen Moment herrscht absolute Stille in der Küche, nur Ina schiebt ungerührt kleine Brotstückchen über das Brettchen.
Anne lacht und schreit zurück: „Red' doch keinen Quatsch. Hast du das aus deinen Gedichten? Komm' jetzt runter frühstücken. Sofort!“
Unten lächelt Thore Anne liebevoll an, als sie sich wieder hinsetzt.
Mittlerweile schwärmt Markus von einem neuen Ausdauertraining, das für seine Fortschritte im Boxen angeblich megawichtig ist.
Anne und Thore gehen heute Abend zu ihrem monatlichen Kegelabend, ihr gemeinsames, gesellschaftliches Highlight. Voller Vorfreude hat Thore schon gute Laune und übersieht großzügig Inas Versuche, ihr Frühstücksbrot jetzt im Kakao zu versenken und er hat auch keine Lust, sich den ganzen Tag und vor allem den Abend von seinem ältesten, ständig traurigen und deprimierten Sohn verderben zu lassen. Er steht auf und schaut zufrieden aus dem Küchenfenster. Gestern hat er nach der Arbeit den kleinen Vorgarten mit bunten Frühlingsblumen bepflanzt. Es ist ihm sehr wichtig, diese Arbeiten genau zur gleichen Zeit wie seine Nachbarn zu erledigen. Es sieht recht annehmbar aus, langweilig, haargenau wie in Gärten der Nachbarn. Auf keinen Fall möchte Thore Anlass zur Kritik geben, dass wäre schrecklich für ihn. Immer noch lächelnd setzt er sich wieder an den Tisch, um weiter zu frühstücken. Es gelingt ihm, Anne mit ein paar Bemerkungen über den Kegelabend abzulenken. Was wird sie anziehen? Den neuen Rock? Bald lachen die beiden zusammen und blenden alles um sich herum aus.
Unbemerkt erscheint Jasper ein paar Minuten später mit verweinten Augen am Frühstückstisch. Er trinkt nur ein paar Schlucke von seinem fast kalten Kakao.
Mittags kommt Anne gerade aus der Bäckerei nach Hause, als das Telefon klingelt.
„Hallo? Frau Schmidt? Hier ist Frau Rieck, Jaspers Klassenlehrerin. Haben Sie einen Moment Zeit für mich?“
„Oh nein!“, flüstert Anne. In der Bäckerei war heute der Teufel los. Das sagt sie immer, wenn die Kunden sich vier Stunden lang die Tür in die Hand geben. Jetzt möchte sie nur noch die Spülmaschine ausräumen, den Eintopf in die Mikrowelle stellen, ihre Kleidung für heute Abend herauslegen und sich dann einen Moment hinlegen. Diesen Luxus gönnt sie sich nur an den Tagen, an denen der Kegelabend stattfindet. Das Telefonat stört sie einfach. „Wenn es nicht zu lange dauert, Frau Rieck.“ Anne bemerkt das kurze Zögern auf der anderen Seite. Hat die Lehrerin ihr spontan geflüstertes Nein gehört? Unmöglich!
„Frau Schmidt, es ist wirklich wichtig. Jaspers Schulleistungen haben rapide nachgelassen, in allen Fächern und er beteiligt sich überhaupt nicht mehr am Unterricht. Es ist auch ganz untypisch für ihn, dass er seine Hausaufgaben nicht mehr erledigt.“
Anne versucht, die Lehrerin zu unterbrechen. „Frau Rieck!“
„Einen Moment bitte, Frau Schmidt, das ist ja noch nicht das Wichtigste. Jasper ist ständig so deprimiert, er macht einen richtig unglücklichen Eindruck auf mich. Ich habe schon mehrere Male vergeblich versucht, ein vertrauensvolles Gespräch mit Jasper zu führen. Er kann oder er will mir keinen Grund für seine Traurigkeit nennen, aber in seinen Aufsätzen gibt es so schrecklich düstere Andeutungen. Das macht mir richtig Angst.“
Anne stöhnt. „Ich weiß, ich weiß, er ist auch zu Hause deprimiert, sitzt nur noch in seinem Zimmer und liest … Er schwafelt sogar von Selbstmord, wenn ihm was nicht passt, so ein Quatsch!“
Frau Rieck ist fassungslos. „Wie furchtbar, Frau Schmidt! Was unternehmen Sie denn dagegen? Ich hoffe, Jasper ist in Behandlung, oder kann ich Ihnen mit einer guten Adresse für eine Therapie helfen?“
Anne schmunzelt. „Wieso denn? Das ist doch nur Gerede, vielleicht eine harmlose Phase, mehr nicht. Aber Jasper braucht bestimmt keine Behandlung.“
So schnell gibt Frau Rieck nicht auf, sie ist ernsthaft beunruhigt. „Frau Schmidt, was sagt denn Ihr Mann zu Jaspers Verhalten?“
Langsam verliert Anne die Geduld. „Er sieht es selbstverständlich haargenau so wie ich, Frau Rieck. Und jetzt muss ich wirklich Schluss machen. Ich bin in Eile.“ Am anderen Ende der Leitung hört Anne hastiges Blättern.
„Frau Schmidt, können wir das nicht in den nächsten Tagen noch einmal persönlich besprechen, vielleicht sogar gemeinsam mit Jasper? Ich kann Ihnen auch verschiedene Termine anbieten. Bitte, Frau Schmidt, ich halte das für ein ernstes Problem.“
Anne sieht nervös zur Uhr. Gleich kommen schon Ina und Markus aus der Schule, dann hat sie keine Chance mehr, sich ein paar Minuten auf dem Sofa auszuruhen.
„Nein, Frau Rieck, danke, wirklich nicht nötig. Wiederhören.“
„Aber, Frau Schmidt!„
Das Klicken in der Leitung unterbricht den zaghaften Versuch der Lehrerin, Jasper zu helfen.
Zwei Monate früher
Jasper sitzt in seinem Zimmer und weint. In allen wichtigen Klassenarbeiten hat er mangelhaft abgeschnitten und weil er sich schämt, die Noten seinen Eltern verschwiegen. Seine ständig deprimierte Stimmung hat ihn in der Schule völlig isoliert.
Seine Mitschüler lassen keine einzige Gelegenheit aus, Jaspers Vorliebe für Lyrik als Zielscheibe für Hohn und Spott zu nutzen. Vom traditionellen Tafelbild bis zu Facebook und Twitter sind ihnen alle Mittel recht, um ihn zu verletzen. Wenn er sich mit Horrorgeschichten oder Mystery-Romanen gut auskennen würde, das wär' immerhin cool… Die Mädchen zeigen da etwas mehr Toleranz. Im Sportunterricht kann er auch nicht glänzen, ganz im Gegenteil. Die anderen hänseln ihn grausam wegen seiner Unsportlichkeit und hier mischen auch die Mädchen völlig unbekümmert mit.
Zu Hause tratschen Anne und Thore alleine über Nachbarn und Arbeitskollegen, als Eltern hören sie Ina und Markus aufmerksam zu, wenn sie umständlich versuchen, kleine Anekdoten aus der Schule zu erzählen und gemeinsam lachen sie ausgelassen.
Ausgiebig prahlt Markus mit kleinen Trainingsfortschritten und Ina wünscht sich sehnlich Musikunterricht. Nur fällt es ihr schwer, sich für ein Instrument zu entscheiden. Bisher weigert sie sich beharrlich, dem Rat der Musikschule zu folgen und mit einer Blockflöte zu beginnen.
Demnächst wird Thore befördert und er kann sein Glück kaum fassen, nur Anne hat Sorgen.
Ihr Arbeitsplatz fällt eventuell einer Rationalisierungsmaßnahme zum Opfer. Doch sie zwingt sich zum Optimismus und sagt sich immer wieder: „Du bist eine Bäckereifachverkäuferin und du hast schon viele Jahre Berufserfahrung, ganz klar, du findest sofort wieder eine neue Stelle.“
Jeden Abend macht Thore ihr Mut, so gut er eben kann.
Jasper muss richtig leiden, er ist der Blitzableiter für alle. Es ist ganz einfach, sich über Jaspers Liebe zu Gedichten lustig zu machen und so reißt auch die Familie bösartige Witze. Doch immer häufiger ignorieren die Familienmitglieder ihn einfach in seiner Traurigkeit und Jasper fühlt sich so unsichtbar als trüge er eine Tarnkappe.
Viel Zeit verbringt er allein in seinem Zimmer und weint.
An einem Dienstag geht Jasper in der ersten, großen Pause von der Schule einfach nach Hause, ohne dass es jemand bemerkt.
Jasper schwänzt jetzt oft den Unterricht.
Auf dem Heimweg trödelt Jasper, in der Hand hält er einen Info-Brief an die Eltern, der detailliert Auskunft über eine mehrtägige Klassenreise gibt. Ernsthaft überlegt er, den Brief einfach verschwinden zu lassen. Das geht aber nicht, der Brief soll in drei Tagen von einem Elternteil unterschrieben, an Frau Rieck zurückgegeben werden. Diese Klassenreise empfindet Jasper als eine Katastrophe, er will unbedingt zu Hause bleiben und weiß nur nicht, wie er das anstellen soll. Er läuft immer langsamer.
„Na, du heulender Dichter? Freust du dich auch schon auf die Klassenfahrt?“ Tim, der beste Fußballspieler der Klasse, überholt ihn lachend auf dem Fahrrad. Ein kräftiger, schmerzhafter Tritt befördert Jasper vom Fußweg auf die Straße.
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