Kitabı oku: «Störtebekers Erben»

Yazı tipi:

Susanne Ziegert

Störtebekers Erben

Kriminalroman


Zum Buch

Inselmörder Auf dem Friedhof der Insel Neuwerk liegt der beliebte Kaufmann Peter Hein in seinem Blut – sein abgetrennter Schädel wurde auf einen Zaun gespießt. Die Hamburger Kommissarin Friederike von Menkendorf übernimmt den Fall. Ein Schatzgräber ist verdächtig, denn er hat mittelalterliche Dokumente über Störtebeker vom Opfer in seinem Besitz und wurde am Tatort gesehen. Doch dann schlägt der Mörder ein zweites Mal zu. Das Opfer ist Hamburgs Umweltsenator, der die Gegend mit einem gigantischen Hafenausbau zubetonieren wollte. Die Polizei sucht fieberhaft nach Verbindungen zwischen den beiden Männern, um weitere Taten zu verhindern, während die Insulaner schweigen. Die Malerin und Leuchtturmhüterin Margo Valeska stellt eigene Recherchen an. Dabei stößt sie auf Jugendliche, die vor Jahren Piraten spielten und gestrandete Schiffe ausraubten. Zudem entdeckt sie ein schreckliches Geheimnis und vermutet eine Verbindung zu den Morden, doch die Polizistin glaubt ihr nicht. Wird der Mörder erneut töten?

Susanne Ziegert wurde im Erzgebirge geboren und wuchs in Leipzig und Plauen im Vogtland auf. Zwei Tage vor dem Mauerfall floh sie in den Westen, um endlich Paris zu sehen. Nach ihrem Studium in Aix-en-Provence in Südfrankreich arbeitete sie mehrere Jahre in Brüssel und zog dann nach Berlin, wo sie eine Stelle als Reporterin bei der Berliner Morgenpost antrat. Seit 2019 lebt Susanne Ziegert mit ihrem Ehemann und den gemeinsamen Pferden und Eseln in einem alten Bauernhof im Landkreis Cuxhaven und in Berlin.

Sie arbeitet als Journalistin für die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag und Konferenzdolmetscherin. Schreiben war ihr von Kleinauf ein Bedürfnis. Als Kind verfasste sie Briefe in alle Welt, Tagebücher sowie einen Roman über die Stadt der Liebe. Schon damals träumte sie davon, einmal Schriftstellerin zu werden.

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt von der Agentur

EDITIO DIALOG, Dr. Michael Wenzel

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Dirk70/photocase.de

ISBN 978-3-8392-5690-9

Gedicht

Heimatlos! Wie weh’ das klingt.

Namenlos ins Grab gesenkt.

Das kein Mutterarm umschlingt,

Dem kein Bruder Blumen schenkt.

Ach, im Wind der diesen Stein,

Diesen Hügelsand umweht,

Wird manch banges Klagen sein,

Das euch weinend suchen geht.

Aber reiht sich himmlisch schön,

Nächtens oben Licht an Licht,

Taut’s wie Trost aus jenen Höh’n:

»Heimatlose seid ihr nicht.«

Gustav Falke,

Inschrift auf dem Friedhof der Namenlosen

Kapitel 1

Schwarz hoben sich die Umrisse der Holzkreuze vor dem Lichtschimmer des Leuchtturms ab. Ein kalter Westwind fauchte über den Deich, aber hinter dem Schilfwall, im Schutz der kreisförmig gepflanzten Erlen, war es fast windstill, und die Insel wirkte wie ausgestorben.

Nur ein paar Pferdeäpfel auf dem Platz vor dem Leuchtturm erinnerten noch an den Trubel des Tages. Bei Ebbe, wenn sich das Meerwasser zurückgezogen hatte, schoben sich gelbe Pferdewagen in einer Reihe die steile Auffahrt an der Insel hinauf über den Pflasterweg und setzten schließlich die Tagesbesucher vom Festland auf dem Platz vor dem Leuchtturm ab. Paul hatte das Hallen der Pferdehufe gehört und aus dem Fenster zugesehen, wie sich der Platz bevölkerte und die Touristen zu einem Schnelldurchgang der Sehenswürdigkeiten aufgebrochen waren.

Vor dem Laden des Inselkaufmanns am Platz vor dem Leuchtturm hatte sich eine längere Schlange gebildet. Mit Fischbrötchen und Bier ließen sich die ersten Besucher trotz der herbstlichen Temperaturen vor dem Laden auf den Holzbänken nieder, Grüppchen waren über den Deich spaziert und hatten das Tor zu dem kleinen Friedhof der Namenlosen geöffnet, wo seit Jahrhunderten Unbekannte bestattet wurden, die im Meer den Tod gefunden hatten.

Erleichtert hatte Paul gehört, wie ein Kutschfahrer mit einer Glocke die nahende Flut ankündigte. Nicht einmal zwei Stunden dauerte der Trubel Tag für Tag, rechtzeitig vor der auflaufenden Flut trabten die schweren Kaltblüter mit den Gästen auf den hohen gelben Wagen zur Küste zurück. Danach waren die Insulaner und die wenigen Übernachtungsgäste wieder unter sich.

Nach Einbruch der Dunkelheit schlich sich Paul die hölzernen Stufen des alten Leuchtturms hinunter und setzte dabei seine Stirnlampe auf. Nun würde er endlich ans Ziel kommen. Schon seit Jahren hatte er auf diesen Moment hingearbeitet. Zum Glück hatte niemand seine Ausrüstung entdeckt, die er im dichten Unterholz hinter dem Leuchtturm deponiert hatte. Er schleppte die Tasche zum zweiten Mal am unbeleuchteten Weg hinter dem derzeit unbewohnten Schullandheim entlang, querte schnellstmöglich den beleuchteten Mittelweg zum Nationalparkhaus und nahm dort den abgesperrten Schleichweg über die kleine baufällige Holzbrücke. Ihn trennten nur noch wenige Meter vom Eingang des Friedhofs, er suchte den über ihm verlaufenden Deich ab, konnte aber niemanden entdecken. Voller Ungeduld hatte er an diesem Abend bereits in der Dämmerung einen ersten Versuch unternommen und gerade alles ausgepackt, als ein laut streitendes Paar über den Deich gelaufen kam. Sie setzten ihre Abrechnung ausgerechnet vor dem kleinen Friedhof fort.

Er wartete geduckt hinter dem Gedenkstein, einem wuchtigen Findling mit einer Bronzetafel in Form eines Rettungsrings und einem daraufgesetzten hölzernen Kreuz in der Mitte des kreisförmig angelegten Friedhofs. Jemand hatte dort drei rote Grabkerzen aufgestellt und Blumen abgelegt, vielleicht jemand, der Angehörige in der Nordsee verloren hat, grübelte er und betrachtete die beiden Reihen schlichter Holzkreuze um den Findling herum. Jedes stand für einen Toten, der im Watt aufgefunden oder an die Ufer der Insel gespült worden war. Nur ein Holzkreuz war etwas mächtiger als die anderen, mit einer Holzschnitzerei verziert und mit einem Namen versehen. Der Sprössling einer reichen Bremer Familie war mit seiner Segeljacht im Watt gekentert und ertrunken, das hatte ihm ein älterer Insulaner erzählt, der Stammgast beim Kaufmann war.

Paul kauerte immer noch in seinem Versteck und versuchte, seine Beine abwechselnd zu lockern. Er sah in Richtung der kleinen Brücke, vor der sich der Eingang befand. Er konnte das Paar wegen des Windes nicht verstehen, doch ihre Stimmen klangen versöhnlicher, sie schienen ihn nicht entdeckt zu haben. Fast eine halbe Stunde hatte er gewartet, bis sich die beiden entfernt hatten, da nahte noch eine Gruppe Urlauber auf dem Deich, die den rot zerlaufenden Sonnenball hinter der markanten Silhouette des Turms ablichten wollten, und ihr Stativ aufbauten. Paul hatte sein Vorhaben schließlich um ein paar Stunden auf den späten Abend verschoben.

Als er jetzt aus der Tür schlüpfte, um einen zweiten Versuch zu wagen, war es stockfinster, nur der Turm sandte seine roten und grünen Blinksignale. Paul ließ seine Blicke von der Leuchtkuppel hinabschweifen über die düsteren Umrisse des Turms. Jetzt im Dunkeln sah er nur die Umrisse des Backsteinbaus, und dieser schien noch imposanter zu wirken als im Hellen, ganz und gar nicht wie einer der typischen runden schlanken Leuchttürme, sondern eher wie der Festungsturm einer Burg. Sogar die meisten Fenster wirkten wie Schießscharten in den meterdicken Mauern. Jetzt waren sie dunkel, nur in der zweiten Etage sah er einen Lichtschein, das musste der Flur der Pension sein, wo immer eine Art Notbeleuchtung an war.

Niemand aus dem Leuchtturm schien ihn bemerkt zu haben, auch nicht Margo, mit der er sich in den vergangenen Tagen trotz seiner Vorsätze mehrmals lange unterhalten hatte. Warum musste ihm diese Frau ausgerechnet jetzt über den Weg laufen?

Er verdrängte den Gedanken an Margos leicht spöttischen Blick, an den er viel zu oft denken musste, und rief sich selbst zur Räson, schälte seine Sonde aus der Hülle und fuhr Zentimeter für Zentimeter über den Boden. Bei seinem ersten Versuch hatte er einige Meter vom Gedenkstein entfernt gerade ein Signal empfangen, als er gestört wurde. Jetzt musste es klappen, ihm blieben nur noch zwei Tage in seinem Leuchtturmzimmer.

Die Sonde fiepte, er musste die richtige Stelle erreicht haben, doch was war das? Beinahe wäre er auf seine Sonde gefallen, mitten im Weg lag ein Ast. Er berührte ihn mit dem Fuß, die nackte Angst durchfuhr ihn. Das war kein Ast, das war ein Arm. Da lag jemand bewegungslos auf dem Friedhof. Sternhagelvoll, dachte Paul, knipste seine Stirnlampe an und wollte die traurige Gestalt durch ein paar Ohrfeigen wieder zu Bewusstsein bringen. Er versuchte, den Körper zu drehen, doch der Arm war steif und die Hand eiskalt.

Blitzartig wurde ihm klar, dass seine Hilfe zu spät kam, der Mann war mausetot. Diesen Wollpullover mit dem Zopfmuster hatte er heute auch schon gesehen, da hatte das Kleidungsstück allerdings noch nicht diese dunkelroten Einfärbungen. Das war doch Hein, der Inselkaufmann. Paul schauderte es, als er ein Rascheln im Gebüsch hörte. So schnell er konnte, raffte er seine Ausrüstung zusammen und rannte los, im Laufen zwängte er die Sonde in die Hülle. Seinen Plan konnte er nun erst einmal abschreiben. Bald würde alles von Polizei wimmeln, und das war das Letzte, was er gebrauchen konnte.

Kapitel 2

Das leise Knarren auf der Treppe entlockte Margo, die im Zimmer hinter der Rezeption am Computer saß, ein amüsiertes Lächeln. In dem Leuchtturm brauchte man einfach keine Alarmanlage, die jahrhunderte alte Holztreppe knarrte und quietschte, so vorsichtig man seine Füße auch setzte. Das Treppenhaus war außerdem lückenlos mit Kameras behängt, um die sogenannte Staatsetage, die sich über dem kleinen Hotel befand, vor unerbetenen Besuchern abzuschirmen. Im historischen Ratssaal mit den alten Wappen im oberen Geschoss konnten Hamburgs Senatoren tagen, wenn sie den Außenposten der Stadt besuchten. Drei luxuriöse Suiten standen für längere Aufenthalte bereit. Für das Wohlbefinden der Amtsträger war das Neueste und Teuerste gerade gut genug. Die Besuche waren jedoch rar, und die Räume standen meist leer.

Margo erkannte ihren derzeit einzigen Gast, der offenbar versuchte, die knarrende Treppe zu überwinden, ohne dass es jemand merkte. Seine Schuhe trug er in der Hand und drückte sich an die Wand, er wollte nicht gesehen werden. Lassen wir ihn mal in dem Glauben, dachte Margo. Dann fiel ihr Blick aber auf einen schwarzen Schatten. Was war das für eine merkwürdige, lange schwarze Tasche, die er sich umgehängt hatte und mit beiden Händen festhielt? Man sieht die merkwürdigsten Dinge, hatte sie die Wirtin vorgewarnt, sogar auf einer ganz kleinen stillen Insel in der äußersten Provinz. Sie saß noch spät vor dem Computer, denn sie wollte der Wirtin Hillu ihren ersten Bericht schicken und überlegte krampfhaft, was sie ihr an besonderen Vorkommnissen mitteilen sollte. Ihre Gedanken schweiften ab, und sie dachte an ihre abenteuerliche Überfahrt vor einer Woche. Wie in einer Karawane in der Wüste kamen die Pferdewagen über das Watt gefahren, diese graue Sandfläche voll unberechenbarer Wasserläufe. Es war beeindruckend für Margo, als sie auf dem Kutschplatz auf dem Festland stand und dann die ersten Wagen in der Ferne auftauchen sah. Sie schienen direkt aus dem Meer zu kommen, in der Ferne hinter ihnen sah Margo große Schiffe vorüberfahren. »Ist das nicht gefährlich?«, hatte sie einen älteren Mann gefragt, der sich um das Gepäck der Touristen kümmerte. Doch der belehrte sie, dass die Pferdewagen nur bei Ebbe hin- und herfuhren, und diese Wattwagen seien immer noch die zuverlässigste Möglichkeit, auf Neuwerk zu kommen. Die fuhren auch noch in der Nachsaison, wenn das Schiff Pause machte, bei Regen, Sturm und Gewitter. Jeweils bei Ebbe setzten sich die speziell für den nassen Untergrund konstruierten Kutschen am Festland und auf der Insel in Bewegung, um Gäste oder Material auf die andere Seite zu bringen.

Schon seit Jahrhunderten fuhren die Insulaner gemeinsam zum Festland, um sich beizustehen, wenn ein Wagen mit seinen Rädern in einen tiefen Priel geriet oder eines der Pferde stürzte. Das passiert nur sehr selten, versicherte ihr der Mann. Die Kutschen waren mittlerweile am Sandstrand angekommen, die Pferde nahmen Schwung und kamen dann auf den Halteplatz angetrabt. Ihr Gesprächspartner warf ihre Koffer nach hinten und stellte ihr eine Leiter an die Kutsche, und sie war erstaunt, wie hoch diese war. Zwischen den Rädern und einem Aufbau mit Sitzbänken befand sich noch eine Art Gestell, durch die Höhe blieben die Gäste meist trocken, hatte sie von ihrer Bekanntschaft erfahren. Sie nahm auf einer kalten und durchnässten Sitzbank Platz. Der Kutscher hatte ihr kurz zugenickt und dabei einen knurrenden Ton von sich gegeben, der wohl eine Begrüßung sein sollte. Hillu hatte ihr in der Mail geschrieben, dass sie sich am Deich einfinden sollte und dass sie dort von einem Wattwagen abgeholt würde. Das sei eine wunderschöne Überfahrt, manche Touristen kämen nur nach Neuwerk, um einmal mit einem solchen Wattwagen zu fahren. Die Geschmäcker sind eben verschieden, dachte Margo. Sie verstand bald, warum der Mann mit dem Cowboyhut so verkniffen aussah. Sie fröstelte schon nach wenigen Minuten auf dem feuchten Sitz unter dem strömenden Regen, merkte, wie die Feuchtigkeit durch ihre Kleidung hindurch bis auf die unterste Schicht kroch, und schlang die Decke fester um sich.

Die beiden schweren großen Pferde trabten den Strand hinab und in den graubraunen Schlamm hinein. Das Wasser spritzte Margo ins Gesicht, an der Seite wirbelten die Räder noch mehr Nass nach oben. Ihre Augen brannten von den Regentropfen, sie sah ohnehin nur Schlamm um sich und Wasser. Der Wagen schien geradezu ins Nichts zu fahren. Erleichtert sah sie nach einer unendlich lang erscheinenden Zeit Land vor sich auftauchen, grün ragte es aus dem Meer hervor, außer einem rötlichen Gebäude, wahrscheinlich dem Leuchtturm, konnte sie keine Häuser erkennen. Das musste Neuwerk sein, ihre neue Heimat für die nächsten sechs Monate.

»Böses Omen«, hatte der Cowboy finster gebrummt, als sie nach einer Stunde triefend und durchgefroren am Leuchtturm angekommen waren. Margo hatte schon genug über die Insulaner gehört, ein streitbares Völkchen, das gegen Festlandbewohner fest zusammenhielt.

»Ich bin die neue Leuchtturmwärterin – jedenfalls für den Winter«, hatte sie sich ihm vorgestellt.

»Die Letzte ist nach drei Tagen abgehauen: Inselkoller«. Verächtlich spuckte der Typ irgendein braunes Zeug haarscharf an ihr vorbei, wahrscheinlich Kautabak. »Wir sind hier nicht so verkommen wie ihr auf dem Festland. Hier hilft jeder jedem. Doch das geht in eure Köpfe nicht rein.« Er schlug sich mit der Hand an seinen wassertriefenden Lederhut.

Der Typ hatte offensichtlich etwas gegen Zugezogene im Allgemeinen, und sie konnte er wohl im Besonderen nicht ausstehen. Wortlos ließ er ihren Koffer vor den Eingang plumpsen und ging ohne Gruß zurück zu seinem Gespann. Er winkte nur ab, als sie ihn fragte, was sie für die Überfahrt schuldete.

»Das hat Hillu geregelt. Die weiß, was sich gehört.«

Das war nicht gerade ein ermutigender Anfang, aber sie war nicht zum Vergnügen hier. Und sie fragte sich, wie sie die Stille der Natur aushalten würde. Sie liebte ihre Wahlheimat Berlin, die Stadt hatte genau die richtige Größe, war nicht ganz so hektisch, wie Paris, wo sie davor studiert hatte. In Berlin lebte es sich entspannter, die Stadt war aber dennoch lebendig und inspirierend für sie.

Selbst ihre Bilder, die sie als Malerin schuf, zeigten keine grünen Idyllen oder gar Meer mit fluffigen Wolken, sondern Großstadtlandschaften mit Brücken, Schienen oder Hochhausgebirgen. Die Natur inspirierte sie nicht zum Malen, ihre Kunst brauchte das schrille Kreischen der Hochbahn in den Kurven, das Heulen der Martinshörner, und sie vermisste sogar das monotone Spiel des bulgarischen Akkordeonisten unter ihrem Kreuzberger Fenster. Aber sie brauchte Zeit für sich, sechs Monate, nachdem ihre Mutter gestorben war. Der Notar hatte ihr zwei Briefe ausgehändigt, einen, den sie nach dem Tod ihrer Mutter verschicken sollte und einen, der an sie selbst gerichtet war. Diese letzten Worte hatten sie tief erschüttert, doch der Brief hatte ihre Fragen, die sie ihrer Mutter gerne gestellt hätte, nicht beantworten können, er hatte sie mit noch mehr Fragen allein zurückgelassen und Margo hatte beschlossen, diesen Dingen auf den Grund zu gehen.

Mutterseelenallein fühlte sie sich, und das war sie ja nun auch, ihr Lebensgefährte Friedrich hatte kein Verständnis für ihre Trauer und ihre Grübeleien gezeigt. Sie wollte deshalb auch gleich eine Auszeit von dem Mann an ihrer Seite nehmen, um über ihre Beziehung nachzudenken. Sie hatte es satt, immer nur das Anhängsel des bekannten Ökounternehmers zu sein und nur eine winzig kleine Nebenrolle in dessen Leben voller bedeutsamer Termine zu spielen.

Von einem Tag auf den anderen hatte sie die Stelle als Vertretung im Leuchtturmhotel angenommen. Die Hotelbetreiberin wollte den Winter mit ihren Kindern auf dem Festland verbringen. Bald war Saisonende, dann hatte Margo keine Gäste mehr zu betreuen, sondern einen Bereitschaftsdienst mit Präsenzpflicht, denn die Senatswohnung musste dauerhaft besetzt sein. Außerdem hatte Hillu ihr eine Liste mit Erledigungen hinterlassen, die sie im Lauf des Winters abarbeiten sollte. Stress würde sie auf jeden Fall nicht haben, wenn sie nicht einmal mehr Frühstück servieren musste.

Sie schaute hinter sich auf den Kalender, die Pension war nur noch zwei Tage geöffnet. Sie fragte sich, wie sie mit der Ruhe und der Einsamkeit zurechtkommen würde, wenn bald der letzte Gast abgereist war. Insgeheim hoffte sie, dass ihr Lebensgefährte nun um sie kämpfen würde und vielleicht ganz überraschend ein Motorboot chartern würde und zu Besuch käme. Offiziell fuhren die Wattwagenkutscher außerhalb der Saison nicht mehr täglich zwischen Insel und Festland, doch gegen das entsprechende Kleingeld würden sie sicher ihre Pferde anspannen. Aber sie wusste auch, dass sie sich wahrscheinlich etwas vormachte. Er hatte beim Abschied am Bahnsteig niedergeschlagen gewirkt und gesagt, dass er sie vermissen werde. Sicher war sein Bedauern über ihre lange Abwesenheit nicht gespielt gewesen, aber in seinem stressigen Alltag hatte er dies bestimmt schon bald wieder vergessen. Ihr Blick fiel wieder auf den Computer, gerade einmal zwei Zeilen hatte sie in ihrem Bericht geschafft. Vielleicht war es besser, sie würde sich am Morgen mit neuer Energie an den Text setzen. Dann fiel ihr noch ein, dass ihr Hillu eingeschärft hatte, den Konzertabend im »Seemannsgarn« nicht zu verpassen, der an diesem Abend stattfand. Sie schloss die Tür zur Rezeption ab und ging über den Flur in ihr Zimmer, das sich auf der gleichen Etage befand.

Heute Abend wollte sie endlich wieder unter Menschen gehen; sie hoffte, weitere Inselbewohner kennenzulernen, die Antworten auf all ihre Fragen hatten.

Margo schlüpfte in ein kurzes schwarzes Kleid, zog elegante Schuhe an und den dicken Wollmantel darüber, um sich gegen den Wind zu schützen. Der Platz vor dem Leuchtturm wirkte wie ausgestorben, die Fensterläden am Schullandheim waren geschlossen, das Haus winterdicht eingemottet, und auch beim Kaufmann, ihrem direkten Nachbarn, war kein Licht zu sehen. Heins Wohnung befand sich über seinem Laden, davor hatte er zwei Zelte mit Sitzbänken aufgestellt, damit die Tagestouristen seine Fischbrötchen auch bei Schlechtwetter im Trockenen verspeisen konnten. Sie hatte sich anfangs gewundert, warum er täglich andere Öffnungszeiten hatte, und dann verstanden, dass sich der komplette Rhythmus der Insel nach den Gezeiten richtete. Ob Hein auch zu dem Konzert gegangen war? Sie war froh, als sie auf dem beleuchteten Mittelweg angekommen war, der nach Norden führte, rechts und links in der Dunkelheit befanden sich Weiden, auf denen Kutschpferde und Kühe grasten. Sie musste dem Weg bis zum anderen Ende der Insel folgen, das zum Glück keine zwei Kilometer entfernt war. Schon von Weitem sah sie die hell erleuchteten Fenster vor sich, das musste das »Seemannsgarn« sein, Kneipe, Café, Restaurant und Konzertbühne in einem, der einzige Ort mitten im Wattenmeer, wohin man ausgehen konnte, hatte ihr Hillu vorgeschwärmt. Das schloss insbesondere den Wirt ein, den Musiker Jo Prell, der als Wattrocker bekannt geworden war.

Angefangen hatte er mit einer schnell zusammengezimmerten Holzbude hinter dem Deich. Damals reichte der Wattrocker seine Grogs und geräucherten Heringe über den Tresen ins Freie und sang im Sommer mit der Gitarre am Lagerfeuer. Aus der Bude war ein solides Gasthaus mit gutbürgerlicher Küche geworden und der Wattrocker eine Berühmtheit. Mit seinen Konzerten füllte er selbst größere Veranstaltungsorte und wurde bundesweit in Talkshows eingeladen.

Vor dem flachen Holzbau, der an ein traditionelles Friesenhaus mit Reetdach angebaut war, wehte knatternd eine schwarze Piratenflagge, das Markenzeichen, das wohl noch aus den Anfangsjahren stammte.

Margo stand in der offenen Tür und ließ ihren Blick über den mit Fischernetzen, Rudern, Muscheln und präparierten Fischen dekorierten Gastraum schweifen. Links befand sich ein Tresen, vor dem sich die Gäste drängten, rechts und links davon waren die Tische im Restaurant voll besetzt, zwei Kellner mit Piratentüchern um den Kopf eilten mit Tellerstapeln an ihr vorbei, eine weitere Bedienung im Seeräuberkostüm verteilte kleine Gläser mit Hochprozentigem, wohl zur Verdauung der norddeutschen Spezialitäten. Zum Essen war Margo zu spät dran, dabei sollte es hier die beste Nordseescholle Neuwerks geben. Von einem runden Tisch, der auf einer kleinen Plattform in der Mitte der beiden rechtwinklig aufeinander zulaufenden Gasträume um einen alten Schiffskompass herum gebaut war, sah sie jemanden hektisch in ihre Richtung winken.

David, der Leiter des Nationalparkhauses, ruderte mit seinen Armen, um Margo an den Tisch zu lotsen, an dem er mit zwei Wattführern vom Festland beim Bier saß. Margo hatte die beiden mehrmals beim Inselkaufmann gesehen, als sie mit einer Gruppe Wanderer eingetroffen waren. Sie setzte sich neben David und scherzte: »Lange nicht gesehen«, denn er hatte noch am Nachmittag eine Gruppe Ornithologen auf den Leuchtturm begleitet.

»Manche Menschen kann man gar nicht oft genug sehen«, antwortete David, als ihn Margo mit einem Küsschen begrüßte.

»Oho, der Schwerenöter. Wo ist denn deine Freundin?«, rief einer der beiden Männer in Davids Richtung. »Wir sind gestrandet«, erklärte er Margo. Sie waren mit ihren Gästen vom Festland durch das Watt gewandert und sollten mit dem Schiff zurück fahren, doch wegen des Sturmtiefs war der Schiffsverkehr ausgesetzt, und die Gruppe saß über Nacht auf der Insel fest. Ein Paar mittleren Alters kam an den Tisch und protestierte lautstark gegen die Programmänderung.

»Aber es muss doch möglich sein, von dieser öden Insel zu kommen«, zeterte die dickliche Frau in bunter Funktionsbekleidung. »Mein Mann ist Unternehmer, er hat schließlich wichtige Termine.« Der stille sehr dünne Gatte schwieg zu dem Lamento. Die Gattin zischte verächtlich. »Nicht mal einen Wellnessbereich gibt es!« Plötzlich verstummte sie.

Ein blonder Hüne im Karohemd mit Dreitagebart hatte sich den Weg von der mittlerweile sehr vollen Bar zu ihrem Tisch gebahnt und deutete eine leichte Verbeugung vor Margo an: »Die schöne Leuchtturmwärterin, welch Glanz in meiner bescheidenen Hütte.« Seine wasserblauen Augen hatte er wie Scheinwerfer auf Margo gerichtet, und seine Gedanken ließen sich leicht erraten, als sein Blick an ihrem Dekolleté hängen blieb.

»Ich bin Jo. Jo Prell, wie Jacques, aber mit P und zwei L«, sagte er dann und streckte erst Margo und dann David lässig seine Pranke hin, die anderen Gäste am Tisch bedachte er mit einem leichten Nicken.

»Malgorzata, kurz Margo«, stellte sie sich vor. Sie kannte den Wattrocker bisher nur aus den bunten Magazinen, in denen sie manchmal im Wartezimmer ihres Zahnarztes blätterte; dass er sich nun neben sie gesetzt hatte, passte perfekt in ihren Plan. An Seemannsgarn über Jo Prell fehlte es nicht, sie war natürlich auch davor gewarnt worden, dass er ein unverbesserlicher Casanova sei, der in jedem seiner Konzertorte mehrere Freundinnen habe. Es kam ihr aber durchaus gelegen, dass er offensichtlich mit ihr flirten wollte. Am besten reden lassen und ganz naiv auf sein Geplänkel einsteigen, dann wird er mehr Informationen preisgeben, als ihm am Ende lieb ist.

»Jetzt verstehe ich den Namen ›Seemannsgarn‹«, entgegnete sie.

»Was lässt Sie denn zu dieser überraschenden Schlussfolgerung kommen, schöne Frau?«, er warf ihr einen langen und eindeutigen Blick zu.

»Nun ja, Leuchtturmwärter sind ja leider ausgestorben. Und bescheiden ist die Hütte nur noch auf dem Foto.« Sie deutete auf eine Reihe Schwarzweißaufnahmen an der Wand, auf denen noch das alte Holzhäuschen mit Piratenflagge zu sehen war.

»Genau genommen sitzen wir jetzt noch hier«, erklärte der Musiker. Mit seiner rechten Hand skizzierte er vier Linien in der Luft und zeigte in Richtung der Wände des großen Mittelraumes. »Genau hier, das sind exakt zehn Mal drei Meter, der Grund, den mir mein Vater für mein Geschäft überlassen hat. Ansonsten hat er mich enterbt. Alles andere habe ich mir selbst erarbeitet, Jahr für Jahr ein Stück ausgebaut«, erklärte er voller Stolz. »Aber wenn mich mein Alter damals wegen der Musik nicht rausgeschmissen hätte, dann wäre ich heute nicht hier, wo ich bin.«

»Ja, manchmal kann ein Familienkrach auch Gutes bewirken«, pflichtete ihm Margo bei. »Dann sind Sie trotzdem Ihrer Insel treu geblieben?«, fragte sie, als eine dickliche blonde Frau mit Kochmütze an den Tisch trat, die den Wattrocker wütend anblickte und mehr forderte als fragte: »Kommst du bitte mal in die Küche, Schatz!«, was dieser ohne hörbaren Protest auch tat.

»Jaja, da weiß man, wer die Hosen anhat«, mokierte sich David über Jos Abgang.

Margo entdeckte auf dem Stuhl neben ihr etwas Weißes, das Jo aus der Tasche gerutscht war. Unauffällig schob sie ihre Handtasche darüber und steckte das verlorene Stück Stoff in die Tasche. Sie würde es sich später genau ansehen. Bisher war der Abend ganz gut gelaufen, jetzt konnte sie den kulturellen Höhepunkt des Insellebens genießen, jedenfalls sahen das die Ureinwohner so.

Eine Viertelstunde später setzte sich der Wattrocker mit seiner Gitarre auf die Bühne. Er begleitete sich selbst zu, wie er ankündigte, romantisch-depressiven Songs über die Gezeiten, die Natur, das Leben, die Liebe, die in seinen Liedern selten gut ausging, seinen Bruder, der zu früh gegangen war.

»Was war denn mit seinem Bruder?«, fragte sie David leise.

»Der hatte wohl einen Unfall im Watt, war vor meiner Zeit«, flüsterte er und verabschiedete sich dann. Margo hörte gebannt zu. Die poetischen Texte seiner Songs, die er mit seiner rauchigen Stimme vortrug, überraschten Margo. Sie hatte eher so eine Art Stimmungsmusik erwartet. Mittlerweile hatten sich die Tische geleert, da stimmte Jo mit einigen Fans noch das »Insellied« an. Es war eines der stimmungsvoll fröhlichen Lieder, die den Ruhm des Musikers begründet hatten, die er allerdings nur noch auf ausdrückliches Verlangen des Publikums spielte.

»Der Rausschmeißer«, scherzte einer der Wattführer. »Länger darf er nicht, da schimpft die Gattin.« Margo erschrak, als sie auf die Uhr sah. Schon nach eins, sie schnappte ihre Handtasche, nickte dem Künstler kurz zu und eilte zum Leuchtturm zurück. In nicht einmal sechs Stunden musste das Frühstück bereit sein. Doch der Abend hatte sich gelohnt, sie hatte etwas, das sie weiterbringen würde. Sie sah sich den Stoff genauer an, legte ihn in eine Plastiktüte und verstaute diese ganz unten in ihrem Kleiderschrank.

*** Holzfischen. Den Menschen des Meeres die Früchte des Meeres. Das hatte sein Großvater immer gesagt. Arm waren sie und ständig der Gefahr der tosenden See ausgesetzt, den Stürmen, den Wellen und den Fluten, die so viele von ihnen verschlungen hatten. Von alters her gehörte ihnen, was das Meer an ihre Küste spülte. Manches Mal hatte das ihren Vorfahren das Leben gerettet, wenn die Frauen nicht mehr wussten, womit sie ihre vielen Kinder am nächsten Morgen ernähren sollten und die Männer weit weg auf dem Meer oder eines Tages nicht mehr wiederkamen. Dann erbarmte sich der Wettergott und sandte ein Fass voller Heringe oder Brot, das eines der gestrandeten Schiffe mit sich geführt hatte. Nicht immer erreichte sie die rettende Gabe noch rechtzeitig, um alle Münder zu füttern, die Alten erzählten oft von den kleinen Särgen, die sie zum Festland brachten. Wann immer eine Ladung Holz über Deck gegangen war, fuhren die erwachsenen Männer der Insel zum Holzfischen. An Land wurden die Bretter und Balken in Stapel aufgeschichtet. Sie stellten dann einen kleinen Jungen mit dem Rücken zum Holz, sodass er es nicht sehen konnte. Von Stapel zu Stapel führten sie ihn, dann rief er jedes Mal den Namen einer Familie. So wurde Haufen für Haufen gerecht verteilt. In jedem Haus wirst du die Balken und Bretter finden, die über Bord gegangen sind. Denn das wenige Geld reichte gerade einmal für eine Handvoll Getreide für jeden von ihnen, und auf dem salzigen Fleckchen Erde wuchs nichts, womit sie ihre armseligen Hütten bauen konnten. Der Herr nimmt und der Herr gibt, sagte dann der Großvater.

Kapitel 3

Es war ein grausames Bild. Noch niemals in seinem Leben hatte der Inselbürgermeister Kai-Uwe König auch nur etwas vergleichbar Schreckliches gesehen. Eine Hysterikerin, hatte er gedacht, als ihn der Anruf erreichte. Die junge Frau, die mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter als Tagesausflüglerin auf die Insel gekommen war, weinte und schrie ins Telefon, und er wurde nicht richtig schlau aus dem Gestammel. Er hatte nur verstanden, dass sie etwas Schreckliches gesehen hatte und den Wattwagenfahrer Andrej, der in der Saison für ihn arbeitete, losgeschickt. Dieser hatte ihn gebeten, dringend an den kleinen Friedhof zu kommen. »Hier liegt Hein. Chef muss kommen sehen er selbst.«

Genauer gesagt lag Hein nicht, sondern sein blutiger abgetrennter Kopf steckte auf dem Geländer der kleinen Holzbrücke, die über den Sumpf zum Friedhof der Namenlosen führte. Ein großer Nagel war durch den Schädel getrieben, um den Kopf dort festzumachen.

Wortlos zeigte Andrej hinter den Gedenkstein, wo der Rest des Körpers lag, am kopflosen Hals hatte sich eine Blutlache gebildet. Die junge Frau, die ihn angerufen hatte, saß mit fast grünlicher Gesichtsfarbe auf der Wiese.

Kai-Uwe König wandte sich schnell ab, lange hätte er den Anblick nicht ertragen. Es war eindeutig, der Inselkaufmann war tot, und zwar auf eine ausgesprochen grausame Art und Weise umgebracht worden. Was war mit ihm geschehen? Und wie konnte so etwas Entsetzliches nur auf dieser kleinen stillen Insel geschehen. Es schien ihm wie ein böser Traum. Auch, dass es ausgerechnet einen Freund aus Kindertagen getroffen hatte, wenngleich sie sich in den letzten Jahren aus dem Weg gegangen waren. Aus gutem Grund.

Als im letzten Jahr mitten in der Sommersaison mehrere Brieftaschen gestohlen wurden, war das eine Sensation, über die alle Insulaner nebst Gästen wochenlang redeten. Ansonsten brauchte die Insel nicht mal einen eigenen Polizisten, nur die Wasserschutzpolizei beäugte die Bewohner argwöhnisch, wenn mal wieder ein Schiff oder eine Jacht auf den umliegenden Sandbänken strandete. So manche Rumflasche oder Zigarettenstange von liegen gebliebenen Segelbooten war in der Vergangenheit überraschend in den Vorratskammern aufgetaucht.

Mit dem Rücken zum kleinen Friedhof winkte er Andrej zu sich. Vor seinen Mitarbeitern wollte er seine Ratlosigkeit auf keinen Fall zugeben, obwohl seine Gedanken wie wild durcheinander gingen. Er zeigte auf den Weg vor dem kleinen Friedhof und kommandierte: »Absperren. Du bleibst bis auf Weiteres hier, keinen durchlassen!«

Margo hatte sich auf die Holzbank am Fuß des Turms gesetzt, um eine Zigarette zu rauchen, es war eine Herausforderung gewesen, die volle Kaffeetasse über die seitlich am Turm angebaute Holztreppe unbeschadet nach unten zu tragen. Überhaupt, die Arbeit war das reinste Fitnesstraining. Zwei Treppen hinab in den Keller, über 100 Stufen hinauf unter die Kuppel des Turms, die einmal in der Woche gereinigt werden musste.

Die Bank vor dem Turm war ihr Lieblingsplatz, vor allem während der Ebbe, wenn sich mit lautem Hufschlag die Wattwagen vom Festland ankündigten. In genau festgelegter Reihenfolge fuhren sie vor und stellten sich auf dem Platz zwischen Leuchtturm, Inselkaufmann und Schullandheim auf. Dann wurden die Pferde ausgespannt, kauten gemächlich eine Ration Futter und erleichterten sich auf den jahrhunderte alten Steinen. Vermutlich waren sie verlegt worden als der Turm gebaut wurde, der vor einigen Jahren 700-jähriges Jubiläum hatte.

»Hey Margo, was ist mit deinem Nachbarn los«, rief ihr Jan, ein Wattwagenfahrer, zu, der sich manchmal während ihrer Zigarettenpause zu ihr auf die Bank setzte.

Sonst saßen die Tagesgäste, egal, zu welcher Uhrzeit sie eintrafen, mit dem Inselspezialgetränk Eiergrog, einem Kaffee oder Krabbenbrötchen auf der Terrasse vom Inselkaufmann unter den drei knorrigen Eichen. Doch heute waren seine Bänke aufeinandergestapelt und angekettet.

»Keine Ahnung«, sagte sie und dachte daran, dass Peter Hein offenbar am Abend vorher auch nicht zu Hause gewesen war, sie hatte ihn auch im »Seemannsgarn« nicht gesehen, obwohl dort fast die komplette Inselbevölkerung versammelt war.

Sie hatte gehört, dass ihr Nachbar manchmal am Morgen nicht rechtzeitig aufgeschlossen hatte, zumal in seinem Laden mit Ausschank und einem immer größer werdenden Gartenlokal manchmal bis in den späten Abend feuchtfröhlich gefeiert wurde. Aber an diesem Tag war das unwahrscheinlich, Niedrigwasser war gegen elf Uhr. Jeden Tag verschoben sich die Gezeiten um etwa eine halbe Stunde, das war das wichtigste Naturgesetz, denn hier diktierten noch immer die Gezeiten den Lebensrhythmus.

Aus dem kleinen Inselchen wurde ein hektischer Ort, wenn die Wattwagen für eine gute Stunde mehrere Hundert Menschen vor dem Turm absetzten. Margo war immer noch erstaunt, wie sich die ganze Stimmung von einer Sekunde auf die andere veränderte, und wie plötzlich nach der Abfahrt der Tagestouristen wieder Ruhe einkehrte.

Sie machte ihre Zigarette aus und beschloss, »Störtebekers Wunderkammer« einen Besuch abzustatten. Der kleine Laden befand sich unter der Pension im Turm, hatte aber einen eigenen Eingang, der über eine Stahltreppe zu erreichen war. Dort befanden sich noch die originalen Gewölbe, wo der Turmvogt, den die Hamburger Kaufleute zur Überwachung des Seeverkehrs in den Norden geschickt hatten, seine Amtsstube hatte. Unter seinen Räumen sollte angeblich der Pirat Störtebeker nach seiner Festnahme im Verlies geschmort haben. Mark Cors, der Ex-Schwiegersohn des Inselkaufmanns, der den Laden betrieb, hatte den berühmten Piraten verewigt. Sie trat ein und sah sich um, er hatte die Gewölbe weiß gestrichen und an vielen Stellen das Mauerwerk freigelegt, dazwischen standen Glasvitrinen mit seinen Schmuckkreationen aus Bernstein. Sie entdeckte ihn an einem der Glasschränke, wo er zwei älteren Damen seine Bernsteinschmuckstücke zeigte. Er breitete mehrere Colliers auf seinem Tresen aus und nickte Margo knapp zu. Sie wollte warten, bis er seine Kundschaft abgefertigt hatte, und sah sich nach neuen Kreationen und besonderen Bernsteinen um. Plötzlich kam eine blonde junge Frau auf hohen Absätzen in den Laden gestürmt und schrie mit überschnappender Stimme:

»Papa ist tot!«

Sie wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt, dann sah sie Mark feindselig an und kreischte: »Aber du freust dich ja vielleicht.« Er wollte ihr nachgehen, aber sie war schon dabei, die Treppe hinab zu stürmen, und schrie ihm noch »Fass mich nicht an« zu.

Die beiden älteren Damen standen erschrocken und unschlüssig herum. Beinahe hätte die wütende Frau Margo, die an der Tür stehen geblieben war, umgerannt. Sie sah sie hasserfüllt an und kreischte weiter: »Du Schlampe, du Erbschleicherin. Ich kann mir denken, was du vorhattest.« Margo war völlig perplex, und ehe sie eine Antwort parat hatte, hörte sie nur noch das schnelle Hämmern der Absätze auf der Stahltreppe vor dem Laden.

»Meine Ex-Frau«, erklärte Mark überflüssigerweise.

Kapitel 4

Rike hörte das Zwitschern ihres Telefons schon, als sie die Tür noch gar nicht aufgeschlossen hatte. Eigentlich hatte sie frei, Überstunden abbummeln, und die Zeit für einen langen Spaziergang mit Prinz genutzt, ihren Mischlingsrüden, den sie vor einem halben Jahr aus dem Tierheim mitgenommen hatte. Das damals mitleiderregend winzige Häufchen Hund war inzwischen ein stattlicher Rüde geworden, dessen stürmische Liebesbekundungen eine weniger durchtrainierte und hochgewachsene Person umgeworfen hätten.

Obwohl sie ansonsten keine Frau war, die Probleme hatte, sich durchzusetzen, versagte ihre Autorität gegenüber ihrem Hundebaby, wie sie Prinz insgeheim noch nannte, das sie am Anfang mit der Flasche aufgepäppelt hatte. Sie nahm sich immer wieder vor, irgendwann mit dem Vierbeiner die Hundeschule zu besuchen. Jetzt zumindest schien er genauso erschöpft zu sein wie sie. Sie waren die drei Treppen von ihrem Haus zur Elbe hinuntergestiegen, wo Prinz sich am Strand ausgetobt hatte, und immer wieder vergeblich versucht hatte, Möwen zu fangen. Rike liebte es, den Binnenschiffen hinterherzusehen, die Sand oder Kies auf die Baustellen Hamburgs transportierten. Sie waren dann über eine Stunde elbaufwärts gelaufen, an Villen und einem Golfplatz vorbei, durch einen kleinen Wald und eine Fläche voll Heidekraut, eine Landschaft, die sie an ihre Kindheit erinnerte.

Das Handy, das zwischendurch verstummt war, zwitscherte leider schon wieder. Ärgerlich sah sie die Nummer der Polizeizentrale. Im letzten halben Jahr hatte sie Hunderte von Überstunden angesammelt, und doch wurde meistens sie angerufen, wenn Not am »Mann« war, schließlich war sie ja ledig und hatte keine Kinder.

»Von Menkendorf«, sagte sie schroff in den Hörer, als es wieder klingelte, und hörte überrascht die Stimme von Kriminaloberrat Karl Roth, dem obersten Leiter der Mordkommission. Der altgediente Kripomann war so etwas wie ihr Mentor, seit sie ihn noch als Jurastudentin nach der Vorlesung angesprochen und er sie ermutigt hatte, zur Polizeiakademie zu wechseln, um bei der Kriminalpolizei Karriere zu machen.

»Friederike, ich weiß, Sie haben sehr viele Überstunden gesammelt und noch nie eine Ermittlung geleitet. Aber wir haben einen Mordfall, und ich möchte, dass Sie diesen übernehmen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie mittlerweile genug Erfahrungen haben, und die Fähigkeiten bringen Sie sowieso mit«, sagte er in einem schmeichelnden Ton und warb weiter: »Das ist auch eine große Chance für Sie.«

Offenbar gab es wirklich einen Engpass, dachte sich Rike und wusste in dem Moment, dass sie ihrem Mentor diese Bitte schlecht abschlagen konnte.

Wegen der herbstlichen Grippewelle war das Kommissariat dünn besetzt, die Beamten von zwei der drei Hamburger Mordbereitschaften waren mit den Ermittlungen einer Todesserie im Altenheim mehr als ausgelastet.

»Da sitzt uns der Senator persönlich im Nacken«, erklärte Roth. Das Ganze, so lockte er, habe auch eine angenehme Seite, der Tote liege auf der Insel Neuwerk, dem schönsten Stadtteil Hamburgs. »Nehmen Sie die Spusi und das ganze Team mit«, ordnete er an und fügte hinzu: »Ach ja, Sie fliegen mit der »Libelle 1«. Im Moment ist der Schiffsverkehr ausgesetzt. Genießen Sie den Ausflug, so etwas werden Sie nicht oft geboten bekommen. So schwer kann es nicht sein, auf einer Insel mit 30 Einwohnern einen Mörder zu finden.«

Rike folgerte, dass er mit der »Libelle 1« wohl einen der beiden Hubschrauber der Hamburger Polizei meinte. Diese wurden vor allem für die Suche nach Vermissten oder die Überwachung von Demonstrationen eingesetzt, sie hatte noch nie gehört, dass Kommissare der Mordkommission damit zum Einsatz geflogen worden waren.

Das Ganze musste tatsächlich dringend sein. Sie sollte mit Volker Hendrichs, einem erfahrenen Kriminaltechniker, schnellstmöglich losfliegen, zwei Kollegen sollten ihnen folgen.

Der Chef hatte ihr ausgerechnet Robert Galinowski zugeteilt, mit dem sie gemeinsam auf der Polizeiakademie gewesen war. Ein unangenehmer Wichtigtuer, der nichts konnte, als hohle frauenfeindliche Sprüche zu klopfen, und versuchte, sich damit zu profilieren. Sie waren während der Ausbildung mehrfach aneinandergeraten. Die andere Kollegin, Mareike Schmidt, kannte sie nur flüchtig, die junge Frau war erst vor zwei Wochen in ihre Abteilung versetzt worden. Eigentlich gehörten fünf Polizisten zu einer Mordbereitschaft, doch Roth hatte erklärt, dass er unmöglich mehr Mitarbeiter abstellen könne. Er selbst wollte die Ermittlungen von Hamburg aus koordinieren.

Rike fuhr ihren Rechner hoch und druckte eine Mail mit einem Briefing aus, das sie während der Fahrt lesen wollte.

Während des Gesprächs mit Roth hatte sie nicht zugeben wollen, dass sie keinerlei Vorstellung hatte, wo sich diese Insel eigentlich genau befand. Sie gab den Namen in einen Kartendienst ein und war erstaunt. Neuwerk lag ganz und gar nicht in der Nähe von Hamburg, sondern 100 Kilometer weiter nördlich vor Cuxhaven in der Nordsee. Trotzdem gehörte der Ort administrativ zu Hamburg-Mitte. Man lernte in dem Job doch fast jeden Tag etwas dazu, das schätzte sie an der Polizeiarbeit.

Sie packte ein paar Kleidungsstücke und ihren Laptop in einen Seesack, dann schnappte sie sich den Hundekorb und Spielzeug für Prinz und klingelte am Haus nebenan. Sie hatte Glück, ihre Freunde Carlos und Stefan waren zu Hause. Die beiden waren für Rike in den letzten Jahren so etwas wie Familienersatz geworden, vor allem, nachdem ihre geliebte Großmutter erkrankt und bald darauf gestorben war. Wann immer sie von einer Sekunde auf die andere zu einem Einsatz gerufen wurde, hatten sie Prinz in Pflege genommen und sich nie über seinen Mangel an Hundebenehmen beklagt. Rike war eine der Trauzeuginnen der beiden Männer, als diese vor einem Jahr geheiratet hatten, und die drei verbrachten Weihnachten und manche Feiertage gemeinsam. Carlos, der Tänzer war und aus Italien stammte, schwankte unter der Umarmung der kräftigen Pfoten und kraulte dem Rüden liebevoll den Kopf. »Mein Lieblingskuscheltier«, sagte er zärtlich. Und: »Natürlich nehmen wir ihn«, fügte er hinzu, ohne dass Rike überhaupt fragen musste.

Sie stellte den Korb in die Küche, wo sich Stefan gerade bei einem Kaffee in die Sonntagszeitungen vertieft hatte. Er las täglich drei überregionale Zeitungen und war stets auf dem neuesten Stand der Weltpolitik und der wichtigsten kulturellen Ereignisse.

»Kaffee, Gnädigste?«, fragte er. Gelegentlich zog er Rike mit ihrem adeligen Namen auf, dabei hatte sie sich weitgehend von ihrer Familie abgenabelt und verachtete die Gepflogenheiten ihrer adeligen Verwandten, die ihre Zeit auf »standesgemäßen« Bällen oder Jagdgesellschaften verbrachten und sich sogar noch wie im letzten Jahrhundert mit Ihresgleichen verheirateten. Die Ablehnung beruhte wegen ihrer Berufswahl allerdings auf Gegenseitigkeit.

»Nein danke, ich muss leider«, sie verabschiedete sich schnell, damit Prinz erst gar nicht in Versuchung kam, jämmerlich jaulend hinter seinem Frauchen herzulaufen. Zudem hatte sie aus dem Fenster den blau-silbernen Streifenwagen gesehen, der sie abholen und zum Flughafen Fuhlsbüttel in den Norden der Stadt bringen sollte. Die beiden jungen Kollegen, die sie fuhren, kannte sie nicht. Sie hatte Mühe, die beiden zu überzeugen, erst auf der Elbchaussee Blaulicht und Sirene einzuschalten und nicht die gesamte Nachbarschaft zu beschallen.

»Wir haben unsere Anweisungen«, beharrte der Fahrer, normalerweise würde die Fahrt fast eine Dreiviertelstunde dauern. Rike war froh, dass sie sich zumindest noch kurz vorbereiten konnte. Viele Informationen hatte ihr Roths Sekretariat nicht zukommen lassen. Es ging um einen männlichen Toten, Verdacht auf Fremdeinwirkung. Das war alles, was über den Fall in den Unterlagen stand. Die Wasserschutzpolizei hatte nicht ausrücken können, da zu diesem Zeitpunkt Ebbe war und sie die Insel daher nicht mit dem Schiff erreichen konnten. Stattdessen hatte der Ortsvorsteher, das war so eine Art Bürgermeister, den Tatort abgesperrt. Dieser Kai-Uwe König war ihr Ansprechpartner für alle Fragen der Unterbringung und Logistik. Sie und ihre Kollegen sollten für die Zeit der Ermittlungen im Leuchtturm wohnen, wo der Hamburger Senat über eine eigene Etage verfügte. Roths Sekretärin hatte noch einige Seiten mit allgemeinen Informationen über die Region hinzugefügt.

Der Streifenwagen hielt am grauen Hangar der Hubschrauberstaffel, und Rike sah, dass die »Libelle 1«, einer von zwei Helikoptern, schon abflugbereit vor der Halle stand und bereits den Rotor angeworfen hatte. Sie bemerkte, dass der Kriminaltechniker Volker Hendrichs auf einem der drei Passagiersitze Platz genommen hatte. Der Flugtechniker nahm ihr das Gepäck ab und bat sie, schnellstmöglich ihren Platz einzunehmen. Er half ihr, sich anzuschnallen und die Kopfhörer aufzusetzen, ohne die man sich an Bord wegen des Lärms nicht verständigen konnte. Über Funk begrüßte sie der Pilot und erklärte, dass er in wenigen Minuten starten werde. Gerade hatte der Tower den Abflug freigegeben, da sich der Wind vorübergehend gelegt hatte. Rike hatte über Funk gefragt, ob der Hubschrauber nicht auf die beiden Kollegen warten könne. Der Pilot erklärte, dass der Hubschrauber wegen der Technik nur drei Passagiere mitnehmen könne. Er musste ohnehin zweimal fliegen und dabei auf dem Rückweg auch den Toten nach Hamburg transportieren. »Voraussichtliche Flugzeit 30 Minuten, ich wünsche einen guten Flug«, hörte sie über Funk.

Der Helikopter stieg steil nach oben und folgte der Elbe, überflog Cuxhaven, die Elbmündung, bis sie schließlich das dunkelblaue aufgewühlte Wasser der Nordsee unter sich sahen. Der Pilot meldete sich nochmals:

»Vor uns bei ein Uhr können wir die Insel Helgoland sehen, unser Reiseziel liegt jetzt genau unter uns. Vorbereitung zur Landung.«

Der Hubschrauber flog einen Bogen um ein fast viereckiges Landstück unter ihnen, das langsam größer wurde. An einem Ende sah sie einen weißen Turm, der aussah wie ein Fernsehturm, an der Südseite einen burgartigen roten Klinkerturm mit einer grünen Kuppel, einer davon musste der Leuchtturm sein, in dem sie auch wohnen sollten. Sie erkannte eine Handvoll Häuser, die wie bunte Bauklötzchen um den Rand der Insel wie hingestreut lagen, in der Mitte rannten Kühe und Pferde wohl wegen des Geräuschs panisch über die Wiesen. Direkt neben dem roten Turm setzte die »Libelle« auf einem gepflegten Grasplatz sanft ihre Kufen auf.

Kaum war der Rotor zum Stehen gekommen, näherte sich ein etwa 50-jähriger Mann mit Cowboyhut, Reithose und Wachsjacke.

»Frau von Menkendorf?«, fragte er und stellte sich als Inselbürgermeister Kai-Uwe König vor. Dann sah er sie und ihren Kollegen ratlos an. »Wen wollen sie denn zuerst verhören?«

Rike schüttelte den Kopf. »Wir würden uns gerne schnellstmöglich den Tatort ansehen, solange es noch hell ist.«

Kapitel 5

Noch immer stand Andrej vor dem Absperrband am Weg hinter dem Deich und ließ die Besucher erst auf ausdrückliche Anweisung seines Chefs passieren. Als Rike den angenagelten Schädel sah, ahnte sie, dass dies alles andere als ein netter Ausflug werden würde. Sie versuchte, sich auf die Schnelle alte Fälle ins Gedächtnis zu rufen, es war selten, dass die Täter ihre Opfer zerstückelten. Fälle mit abgetrennten Köpfen hatten sie nur theoretisch in der Polizeischule behandelt.

»Was für eine Tatwaffe wurde wohl hier benutzt?«, fragte sie Volker Hendrichs. Der kleine rundliche Mann mit Vollbart, der in einem weißen Overall steckte, zuckte mit den Schultern. Geschwätzigkeit konnte man ihm nicht gerade vorwerfen. Das war Rike aber allemal lieber als die makabren Witze, die einige Kollegen gerne rissen, am Tatort oder bei der Obduktion. Wohl ihre Art, Distanz zu den Ereignissen und den grausamen Schicksalen zu schaffen, aber Rike konnte mit diesem Versuch, die schrecklichen Bilder ihres Berufes zu verarbeiten, nur wenig anfangen.

Der Inselbürgermeister riss sie aus ihren Gedanken. »Das war noch nicht alles.« Er führte sie über die Brücke, an deren Geländer der Schädel aufgespießt war, auf einen kleinen Friedhof, auf dem Holzkreuze um einen Gedenkstein mit einer Inschrift standen, und zeigte ihr den Körper dahinter. »Kennen Sie den Mann?«, fragte sie König.

»Das ist nicht schwierig bei 30 Einwohnern.«

Rike wurde ungeduldig: »Name, Alter, Anschrift – ginge es denn bitte etwas genauer?«

König schüttelte entschuldigend den Kopf. »Sie müssen wissen, das ist mein erstes Mal … äh, mein erster Mord … als Bürgermeister. Hier passiert sonst nicht viel.« Er zeigte auf den Toten: »Das ist Peter Hein, er betrieb den Laden und die Gastronomie am Leuchtturm. Geschieden.« Rike notierte die Personalien und die Namen der Angehörigen, nachdem sie die Taschen des Opfers durchsucht hatte. Kein Handy, keine Papiere, kein Portemonnaie.

»Wir müssen den Toten abkleben, um die Faserspuren zu sichern«, sagte sie zu Hendrichs. »Er muss noch heute Abend nach Butenfeld, wenn wir hier fertig sind.« Das war ihr interner Name für die Gerichtsmedizin, nach der rückwärtigen Anfahrtsstraße für die Leichenwagen am Universitätsklinikum Eppendorf benannt, wo die Klienten der Mordkommission eingeliefert wurden. Der Hubschrauber stand bereits auf dem Landeplatz bereit, sie hatte die beiden Kollegen Robert Galinowski und Mareike Schmidt nur kurz empfangen und dann damit beauftragt, Wohnung und Arbeitsort des Opfers auf mögliche Kampfspuren und Auffälligkeiten zu überprüfen und dann zu versiegeln. Der Inselcowboy hatte die beiden zu dem Haus gebracht, das sich direkt neben dem Leuchtturm befand. Volker Hendrichs war noch damit beschäftigt, die Faserspuren am Körper des Toten zu sichern und den Tatort aus allen Perspektiven aufzunehmen. Sie würde die unangenehme Aufgabe übernehmen, die Angehörigen zu benachrichtigen und außerdem die Personendaten des Opfers prüfen.

Auf dem Weg zum Leuchtturm, wo sie wohnen und ihr provisorisches Büro einrichten sollten, überlegte sie. Was für ein schauriger Ort, dieser Friedhof der Namenlosen. Der Inselbürgermeister hatte ihr erklärt, dass dort bis zum Zweiten Weltkrieg alle Toten bestattet worden waren, die das Meer an den Strand der Insel gespült hatte. Warum hatte der Mörder den Toten ausgerechnet dort abgelegt? Dann dachte sie an den Kopf, der auf den Zaun genagelt worden war. An irgendetwas erinnerte sie dieses Bild. Sie dachte angestrengt nach, was für Fälle sie an der Polizeiakademie behandelt hatten. Diese Art, den Toten zur Schau zu stellen, hatte sie irgendwo schon einmal gesehen.

Kapitel 6

Margo hatte die gesamte Schrankwand Zentimeter für Zentimeter mit der Taschenlampe abgeleuchtet. Wie viel Plunder Menschen in ihrem Leben ansammelten. Meterweise Geschirr, Zinnbecher, Bierkrüge mit Jahreszahlen, Holzfigürchen, Deckchen und Dekorationsartikel für sämtliche Jahreszeiten. Aber nirgendwo persönliche Unterlagen, keine Fotoalben, wie sie gehofft hatte.

Ihre Wirtin hatte an ihrem Schlüsselbord an der Rezeption auch die Zweitschlüssel ihrer Nachbarn hängen. Jedes Jahr im Spätherbst, wenn die Übernachtungsgäste abgereist waren, gingen viele Insulaner auf Reisen, gönnten sich den verdienten Urlaub. Jeder, der auf der Insel blieb, kümmerte sich so lange um die leer stehenden Nachbarhäuser. Margo hatte den Kommissaren Tee und Kaffee in den Ratssaal des Leuchtturms gebracht, der sich in der Etage über der Küche befand. Das war der einzige Raum in der Pension, der noch weitgehend im Original erhalten war mit seiner dunklen Wandtäfelung und den historischen Gemälden der Hamburger Ratsherren. Unter dem schweren Kronleuchter stand ein alter Eichentisch, der nun zum Arbeitstisch umfunktioniert worden war. Zwei weitere Schreibtische hatten die beiden Polizisten, die mit dem zweiten Hubschrauber eingetroffen waren, mit ihr aus einem Lagerraum über der Senatswohnung heruntergetragen. Die blonde Kommissarin, offenbar die Chefin, hatte sie dann aufgefordert, die Tür zu schließen, und mitgeteilt, dass sie in den nächsten beiden Stunden nicht gestört werden wollten.

Sie hatte den Moment genutzt, um dem Nachbarhaus einen Besuch abzustatten. Der Inselkaufmann Peter Hein hatte in der ersten Etage über seinem Laden gewohnt. Der Eingang befand sich auf der Westseite des Hauses und war so von den Besuchern, die auf den Sitzbänken vor dem Laden verköstigt wurden, nicht einsehbar.

Es galt, leise zu sein, denn Barbara, Heins Tochter, lebte mit ihrem Vater in einer Einliegerwohnung Wand an Wand.

Am Nachmittag hatte Margo die Zimmer der Polizisten vorbereitet und dabei aus dem Fenster im Leuchtturm gesehen, wie die junge Frau mit einer Tasche in der Hand in westlicher Richtung über den Ringdeich lief.

Barbara war dann in den Karlshof gegangen, einen ehemaligen Bauernhof, der als einziges Haus an der Westseite der Insel lag. Das Wohnhaus war, wie die meisten anderen Häuser, zur Pension und Gasthof ausgebaut worden, dahinter befanden sich Pferdeställe, Hallen mit Wattwagen und Kuhweiden.

Vermutlich wollte Barbara die Nacht nach dem grauenvollen Ende ihres Vaters bei ihrer Freundin Simone verbringen, die dort eingeheiratet hatte. Peter Hein hatte Margo bei einem ihrer Gespräche anvertraut, dass er selbst sich immer gewünscht hatte, dass seine Tochter den jungen Karl heiraten würde. Doch es war ihre Freundin, die dann die gute Partie gemacht hatte. Margo tastete sich an der Vorderseite des Schreibtischs entlang, konnte aber die Schubladen nicht öffnen und wollte sie auch nicht aufbrechen. Unten am Eingang hatte sie ein Schlüsselbrett gesehen, vielleicht wurde sie dort fündig. Doch da war ein Geräusch, das eindeutig aus Heins Wohnung kam. Margo lauschte und verharrte still im Dunkeln. Es kam von oben und war jetzt wieder verstummt. Vielleicht war es nur ein Fensterladen, der sich im Wind bewegt hatte, manche alten Gebäude knarrten und ächzten ja.

Dann ging alles sehr schnell, Margo nahm eine Bewegung am oberen Absatz der Treppe wahr, doch sie fühlte sich wie in einem Albtraum, wo sämtliche Gliedmaßen gelähmt scheinen. Starr vor Schreck empfing sie einen heftigen Stoß und konnte sich nicht mehr halten. Als sie stürzte, hechtete ein Schatten an ihr vorbei aus dem Haus. Margos linkes Handgelenk pochte schmerzend und schien anzuschwellen. Unter ihrem Fuß klirrte etwas, sie hob den Gegenstand auf und ertastete einen Rahmen und Glas mit einem Sprung, offenbar ein Foto. Sie steckte es mit der gesunden Hand in die mitgebrachte Tüte und beschloss, das Haus schnellstmöglich zu verlassen. Bevor die Polizisten ihre Sitzung beendet hatten, wollte sie wieder im Turm sein. Es würde sicher Ärger geben, wenn diese das zerstörte Siegel am Eingang des Nachbarhauses entdecken würden. Sie wollte nicht unter Verdacht geraten.

Sie eilte in ihr Leuchtturmbüro, kühlte die verletzte Hand mit einem Eisbeutel, bis der Schmerz endlich nachließ. Dann dachte sie an das mitgebrachte Fundstück und suchte die Tüte, die sie von nebenan mitgenommen hatte. Doch sie konnte diese nirgendwo finden. Dabei war sie sich sicher, dass sie die Tüte in der Hand hielt, als sie das Nachbarhaus verlassen hatte. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, wo sie diese abgelegt hatte. Sollte die ganze Mühe etwa umsonst gewesen sein?

Wer war dieser Mann, der an ihr vorbeigestürmt war? Sie dachte an ihren Hotelgast, doch der war in sein Zimmer gegangen. Merkwürdig, genauso wie diese merkwürdige lange schwarze Tasche neulich. Sie hatte an ein Instrument gedacht, vielleicht befand sich etwas ganz anderes darin.

Kapitel 7

Rike sah von der breiten Fensterbank ihres Leuchtturmzimmers in die Dunkelheit und konnte an einem Lichterband das gegenüberliegende Ufer von Sahlenburg erahnen, das nur zehn Kilometer entfernt in südlicher Richtung lag, und doch im Moment unerreichbar war. In der Ferne glitt ein Containerschiff vorüber, das aussah wie ein Hochhaus mit Festbeleuchtung. Im Osten der Insel befand sich die Schifffahrtsrinne in Richtung Elbe. Die Verbindung in den Hamburger Hafen war seit Jahrhunderten ein wichtiger Wasserweg, um diesen zu sichern, hatten die Senatoren vor über 700 Jahren diesen Turm gebaut. Lange bevor er ein Leuchtturm wurde, diente er der Überwachung der Nordsee. Vielleicht hatten genau hier, von der Fensterbank, wo Rike saß, Wachmannschaften nach feindlichen Piraten Ausschau gehalten. Damals waren die Öffnungen noch nicht verglast, die Männer Wind und Wetter ausgesetzt, allerdings stand damals bestimmt auch noch keine derart spießige Einrichtung im Raum. Sie hatte zweimal nachgefragt, ob das wirklich die Schlafräume der Senatoren waren. Die Einrichtung bestand aus einfachen Holzmöbeln, jede freie Fläche schien mit Blümchenstoff bedeckt zu sein, vor dem Fenster hingen Blümchenvorhänge, Blümchenkissen bedeckten die Fensterbank und natürlich zierten auch die Bettwäsche rosafarbene Rosen. Das Dekor stand so im Gegensatz zu dem Todesfall, den sie aufzuklären hatte. Wie gerne wäre sie jetzt eine ganz normale Urlauberin. Prinz hätte die Spaziergänge auf dem Deich genossen und wäre durch das Watt getollt. Langsam bürstete sie ihre langen, lockigen blonden Haare, die sie am Tag immer streng hochgesteckt hatte.

Dieser Fall war deprimierend und beängstigend, und das auch noch nach Jahren bei der Mordkommission. Diese grausame Art der Tötung, die so gar nicht in diese Naturidylle passte und diese Insel inmitten der tosenden Naturgewalten zusätzlich bedrohlich machte. Rike dachte an Karl Roth und dessen Erwartung, dass sie den Mörder auf der kleinen Insel schnell finden würde, sie hoffte, dass sie seinen Erwartungen gerecht werden konnte. Sie hatte alle Gespräche, die sie geführt hatte, zusammengefasst und wollte nochmals alle Informationen durchgehen. Vielleicht ergab sich mit etwas zeitlichem Abstand irgendein Ansatzpunkt.

Es war häufiger so, dass die Angehörigen ein Mordopfer als Menschen ohne Fehl und Tadel darstellten, dem niemand etwas Böses gewollt haben könnte. Auch die Tochter des Opfers, Barbara Hein, hatte das Offensichtliche zunächst nicht glauben wollen, dass ihr Vater durch einen Mord ums Leben gekommen war, dieser bei allen so beliebte Inselkaufmann, der sieben Tage in der Woche für seine Kunden da war.

Nur konnte man in diesem Fall ausschließen, dass er durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Barbara Hein hatte ihren Ex-Mann als einzig möglichen Verdächtigen genannt, allerdings lebten die beiden gerade in Scheidung.

Von Anfang an hatte Hein seinen Schwiegersohn nicht gemocht und mit seiner Meinung nicht gerade hinter dem Berg gehalten, das hatte ihr der Ortsvorsteher verraten. Nach der Trennung hatte er Cors auch wirtschaftlich das Wasser abgraben wollen, indem er in seinem Inselladen auch Bernsteinschmuck und allerlei Modeartikel ins Sortiment aufnahm und diese stets günstiger anbot als der kleine Laden im Leuchtturm.

Natürlich war Cors empört über dessen Geschäftsgebaren. Das hatte er offen eingeräumt, als sie ihn in seinem Laden im Leuchtturm aufgesucht hatte. Er hatte jedoch ein wasserdichtes Alibi für den ganzen Abend. Denn er war auch nach der Trennung von seiner Frau Mitglied der Inselfeuerwehr geblieben, und an dem Abend hatten sich vier Kameraden im Feuerwehrschuppen getroffen und das Rettungsboot repariert. Auf der Insel kannte nicht nur jeder jeden, es gab auch ein komplexes Beziehungsnetzwerk, wer mit wem in der Feuerwehr, im Leuchtturmverein war oder miteinander die Schulbank gedrückt hatte. Dazu kamen Liebschaften, Exliebschaften, Ehen zwischen den Familien und Ex-Ehen. Sie mussten morgen nochmals bei den Freunden des Kaufmanns nachhaken, um sich ein besseres Bild von ihm zu machen. Der Inselbürgermeister Kai-Uwe König war offenbar seit früher Jugend mit ihm befreundet ebenso wie der Sänger Jo Prell.

Der Alte, der immer mit seinem Fernglas im Rollstuhl auf dem Platz vor dem Leuchtturm saß, hatte auf Plattdeutsch gekrächzt: »Bagaluten, Bagaluten, de Hein. Dat hat so kommen müssen.« Etwas Konkretes ließ er sich auch auf mehrfache Nachfrage nicht entlocken. Aber Rike hatte erfahren, dass Bagaluten auf Plattdeutsch Bösewichte bedeutete. Allzu viel wollte sie jedoch darauf nicht geben, denn der alte Herr schien doch reichlich verwirrt zu sein, wenn man seinem Gerede lauschte.

Rike seufzte, als sie ihren Computer verstaute.

Nachdem der Tote mit der »Libelle« in die Gerichtsmedizin geflogen worden war, hatte sich das Team im Ratssaal des Leuchtturms versammelt und seine bisherigen Erkenntnisse ausgewertet. Viele Ansatzpunkte hatten sie nicht. Sie hatten weder ein Mobiltelefon des Opfers gefunden noch hatte die Auswertung der in der Funkzelle benutzten Mobiltelefone brauchbare Hinweise ergeben. Ihr war dann noch eine Aussage eingefallen, die sie noch nicht aufgeschrieben hatte, weil Heins Tochter dies erst erwähnt hatte, als sie die Vernehmung eigentlich schon abgeschlossen hatte und gerade gehen wollte. Diese Margo, die Rezeptionistin im Leuchtturm, sollte sich an den Kaufmann herangemacht haben. Wie lange war die nochmal auf der Insel? Die Tochter hatte sie im Verdacht, den Alten beerben zu wollen. Rike nahm sich vor, die Wirtin schnellstmöglich zu befragen, denn sie war die nächste Nachbarin des Opfers gewesen.

Kapitel 8

Margo glaubte sich noch mitten in ihrem Traum, dann schreckte sie aus dem Schlaf hoch. Es klopfte leise an ihre Tür, nach einem Moment Stille ging das Klopfen weiter.

Schlaftrunken torkelte sie der schweren Eichentür entgegen. Als sie einen Spalt geöffnet hatte und den stechenden Schmerz im Handgelenk fühlte, dachte sie an die Ereignisse vom Vortag.

Da sah sie Paul und wollte die Tür sofort wieder zudrücken. »Rezeption geschlossen«, murmelte sie. Da hielt er den Bilderrahmen mit dem Foto hoch, den sie vermisst hatte.

»Gehört dir das vielleicht?«

»Wo haben Sie das her?«, fragte sie ärgerlich und nahm ihm den Rahmen mit der unverletzten Hand ab.

»Als Archäologe finde ich so einiges.«

»Haben Sie immer so eine zuvorkommende Art wie vorhin?«

»Wir waren doch beim Du«, antwortete Paul.

»Ach ja, und das gibt Ihnen das Recht, mich umzurennen wie ein Irrer?«, fragte Margo wütend.

»Umrennen gehört nicht zu meinem Flirtrepertoire«, parierte Paul.

Entweder wusste er nicht, worauf sie anspielte, oder er konnte es gut verbergen. Sicher war sie sich nicht über die Identität des Schattenmanns. Einen Mitwisser wollte sie allerdings auch nicht für ihren Ausflug haben. Wie sollte sie erklären, was sie einen Tag nach dem Mord im Haus des Toten gesucht hatte?

Aber was wollte der Mann um ein Uhr nachts an ihrer Zimmertür?

»Und nächtliche Zimmerbesuche gehören sehr wohl zu Ihrem Flirtrepertoire? Da muss ich Sie bei den Erfolgsaussichten aber leider enttäuschen«, beschied ihm Margo kühl.

Paul zögerte. »Tut mir leid, Frau Wirtin. Ich habe eine Bitte und konnte nicht bis morgen warten. Ich würde gerne ein paar Papiere von dir aufbewahren lassen, falls das möglich wäre. Das darf auf keinen Fall in die falschen Hände kommen. Damit meine ich auch eine gewisse Dame, die im Hause logiert.« Er zeigte nach oben in Richtung Senatsetage, wo die Polizisten untergebracht waren.

Margo wurde hellhörig: »Warum sollte sich diese Dame für Ihre Papiere interessieren?«

»Nun ja, wegen Hein …«, stammelte Paul. »Ich stehe schon seit Jahren mit ihm im Kontakt. Er war ein Sammler seltener Urkunden und Karten und hat mir Material verkauft.«

»Und dabei ist etwas schief gelaufen, und er ist ums Leben gekommen?«, fragte Margo ihn provokativ.

Paul sah sie entsetzt an. »Das denkst du doch nicht wirklich, dass ich einen Menschen auf dem Gewissen habe? Wir haben miteinander Geschäfte gemacht, das war alles.«

So richtig konnte sich Margo auch nicht vorstellen, dass er ein Mörder war. Warum sollte er den Inselkaufmann wegen irgendwelcher alter Papiere, so spektakulär diese auch sein mochten, umbringen? Allerdings hatte er ihre Nachfrage geschickt umgangen.

»Also nochmal: Was sind das für Unterlagen? Ich werde ja nicht selbstgedruckte 500er oder Heins Testament verstecken und die Insel per Heli in Handschellen verlassen?«

»Och, das sind also … ähm … ein paar historische Dokumente für meine Mittelaltervorlesung.«

Jetzt riss Margo der Geduldsfaden. Für wie dämlich hielt er sie eigentlich, dieser Typ, der mit Mitte 40 immer noch den großen Jungen gab und seinen Charme für unwiderstehlich hielt. Natürlich hatte sie ihn amüsant gefunden, als er mit seinem trockenen norddeutschen Humor über seine Reisen zu Ausgrabungsstätten sprach und berichtete, über welche Umwege er manchmal an sein Ziel kam. Aber ansonsten hatte sie gerade genug von Männern, die in erster Linie sich selbst liebten.

»Dann brauche ich ja nichts zu verstecken. Die gänzlich unspektakulären historischen Dokumente für die Mittelaltervorlesung, typisches Skandalthema auf Seite 1 der ›Bildzeitung‹, sind für die Polizei sowieso völlig irrelevant.«

»So unspektakulär sind sie nun auch wieder nicht«, sagte Paul zerknirscht. »Wenn sich das als echt erweist, wäre es eine wissenschaftliche Sensation. Das wäre eine Riesenchance für mich, einen Lehrstuhl zu bekommen.«

Misstrauisch hakte Margo nochmals nach: »Und worum geht es dabei?«

Paul zögerte: »Das muss aber streng geheim bleiben. Ich sage nur ›Störtebeker und seine Zeit auf Neuwerk‹.« Dann wurde er nachdenklich und fragte sie:

»Im Übrigen: Was willst du eigentlich mit dem Foto?«

Touché, dachte Margo. Aber er wäre der Letzte, den sie in ihre persönlichen Probleme einweihen würde. Ein Glas zu viel an der Bar und ein tiefer Blick der Adelszicke, und der würde wahrscheinlich alles brühwarm weitererzählen. Wenn die Frau nicht immer so verkniffen wäre, würden Männer die große Blondine sicher attraktiv finden. Auf jeden Fall wollte sie es nicht darauf ankommen lassen, Paul einzuweihen, lieber wollte sie seine Papiere verstecken. Dann könnte sie immer noch selbst einen Blick darauf werfen und später entscheiden.

»Okay, es gibt eine geheime Tür im Keller, die in eine Art unterirdisches Labyrinth führt. Das waren einmal Fluchtwege für die Turmbesatzung im Fall eines Angriffs. Dort können Sie die Dokumente ablegen.«

Paul drängte, das umgehend zu tun, und fragte nochmals: »Auf dem Bild, sind das nicht Hein und seine Jugendfreunde? Das habe ich übrigens vor der Rezeption auf dem Boden gefunden, es gehört dir doch?«

Margo überlegte kurz, ihn in das Labyrinth einzuschließen, allerdings hätte sie sich dann wohl verdächtig gemacht, und sagte resigniert: »Dann wollen wir mal in die Unterwelt hinabsteigen.«

*** Das kleine Holzschiff mit der Kerze schaukelte auf den Wellen, bis die ablandige Strömung seinen Rumpf umschlang und das Licht immer kleiner wurde. Einen Moment tanzte es noch auf den Wellenkämmen, während es vom auflaufenden Wasser in die Unendlichkeit des offenen Meeres getrieben wurde. Die drei Männer standen bewegungslos und still am Ufer und sahen dem Flackern hinterher, bis es nur noch ein ganz kleiner leuchtender Punkt war, der sich schnell gen Norden bewegte. Keiner sagte ein Wort. Sie sahen dem Licht noch nach, bis es außer Sichtweite war. Dann griff einer der drei Gefährten zu seiner Gitarre und stimmte ein Lied an, in das die beiden anderen brummend einfielen.

My boat’s by the tower, and my bark’s on the bay,

and both must be gone at the dawn of the day.

The moon’s in her shroud, and to light thee afar

On the deck of the daring’s a lovelighted star.

So wake, lady wake, I am waiting for thee,

Oh, this night or never my bride thou shalt be,

So wake, lady wake, I am waiting for thee,

Oh, this night or never my bride thou shalt be.

»Du warst unser Bruder, leb wohl«, sagte einer der beiden kleineren Männer, der bis dahin geschwiegen hatte. Alle drei senkten ihre Köpfe und blieben für eine Weile stehen. »Jetzt sind nur noch wir drei übrig«, sagte der Dritte. Schweigend umarmten sie sich, und ihre Schatten verschwanden in der Dunkelheit.

Kapitel 9

Margo stand ruckartig von ihrem Stuhl im Frühstücksraum auf und schloss das Fenster. Draußen hob sich der dichte milchige Morgennebel nur langsam.

»Ich wüsste nicht, was Sie mein Privatleben angeht«, sagte sie schnippisch. »Oder soll das ein Verhör werden?« Irgendjemand hatte dieser Adelszicke etwas von ihrem Treffen mit Hein gesteckt. Wahrscheinlich dessen hysterische Tochter, vielleicht war es auch Paul, den sie einmal nach einem Besuch bei ihrem Nachbarn getroffen hatte und der sie voller Neugier gefragt hatte, ob sie mit Peter Hein befreundet sei. Sie fragte sich noch immer, ob er es war, dem sie im Dunkeln begegnet war. Ob er ihr nachspionierte? Sie glaubte nach ihrem nächtlichen Gespräch aber nicht, dass er sie bei der Polizei anschwärzen würde. Ganz klar, die tappten bei ihren Ermittlungen komplett im Dunkeln und suchten nun krampfhaft einen Verdächtigen. Sie wollte sie nur ganz informell als Zeugin vernehmen. Statt sie in die Rats­etage zu einer förmlichen Vernehmung einzuladen, hatte die Kommissarin sie am Frühstücksbüffet überrascht und sie gebeten, am Tisch ihr gegenüber Platz zu nehmen. Das war wahrscheinlich deren persönliche Taktik.

»Praktisch, so ein Sugar-Daddy, dann muss man keine Betten mehr machen, um seine Miete zu bezahlen«, sagte die Kommissarin spitz. Heute schien die Gute sogar Reißzwecken gefrühstückt zu haben. Vielleicht sollte sie ihr mal einen Hanftee kochen, damit sich die Dame etwas entspannen konnte.

Margo ließ einen kurzen verächtlichen Zischlaut hören, dann besann sie sich, ging zum Büffet zurück und begann, die Schälchen mit Konfitüren zu füllen. Das war doch ein ziemlich durchsichtiger Trick, um sie zu provozieren. »Sehr praktisch, ganz genau. Sie scheinen ja beste Erfahrungen zu haben mit Sugar-Daddys.« Sie lächelte kühl. »Aber mit einem Familienschloss im Hintergrund muss man sich ja über so etwas keine Gedanken machen«, giftete Margo zurück.

Die von Menkendorf schwieg, die Lippen zusammengepresst. Hatte sie einen wunden Punkt erwischt, obwohl sie einfach nur ihrer Fantasie mit ein paar Adelsklischees freien Lauf gelassen hatte? Die Dame kam also wirklich aus einem Schloss, wollte dies aber unter allen Umständen geheim halten, vermutete Margo.

»Wie nah standen Sie dem Opfer, hatten Sie eine Liebesbeziehung?«, wechselte die Polizistin abrupt das Thema.

Margo war sonst selten um eine Antwort verlegen, doch von dieser Frage so verblüfft, dass sie plötzlich in der Bewegung stoppte und der Tellerstapel, den sie gerade auf das Büffet stellen wollte, ihr aus der Hand glitt und klirrend zu Bruch ging. Wütend fegte sie die Scherben mit einem Handfeger in einen Eimer, dessen Inhalt sie dann geräuschvoll in einen Müllsack pfefferte.

Das grenzte an üble Nachrede, sie fragte sich, ob sich das die Menkendorf ausgedacht hatte oder jemand von der Insel? Sie ging nochmals zum Tisch zurück, an dem diese noch immer saß und in ihren Laptop tippte. »Was wollen Sie eigentlich von mir? Glauben Sie, dass ich einen Menschen hinrichten könnte?«

Dann ging sie zurück in die Küche, um den Käseteller zu holen, und spürte die Blicke der Kommissarin im Rücken. »Ich muss dann mal wieder an die Arbeit. Danke noch für das erhellende Gespräch und weiter gute Erholung auf Neuwerk.« Diese Spitze konnte sie sich nicht verkneifen. Kurz hatte sie überlegt, ob sie etwas von dem nächtlichen Besuch von Paul und dem Schattenmann erzählen sollte. Aber warum sollte sie der aufgeblasenen Schlossherrin ihre Arbeit abnehmen? Außerdem hätte sie sich damit sogar noch verdächtiger gemacht.

Kapitel 10

Es war einfach lächerlich, der Typ wollte wohl einen auf Pferdeflüsterer machen. Finster sah Robert Galinowski dem Mann mit Cowboyhut hinterher, der in einem runden Holzverschlag ein dickes braunes Pferd im Kreis traben ließ. Die Menkendorf hatte ihn dafür eingeteilt, den Ortsvorsteher Kai-Uwe König nochmals zu ihren bisherigen Erkenntnissen zu befragen und mit seiner Hilfe das Beziehungsnetz von Peter Hein auf der Insel zu rekonstruieren.

Seine Freunde hatten neidisch zugehört, als er während ihrer wöchentlichen Skatrunde den Marschbefehl für die Insel in der Nordsee bekam, doch er selbst hätte gerne darauf verzichtet. Dieses ganze Gelaufe ging ihm auf die Nerven, diese Insel war autofrei. Das musste man sich ja einmal vorstellen in unserem Jahrhundert! Bis auf die Müllabfuhr, die Feuerwehr und ein paar Traktoren gab es keine motorisierten Privatfahrzeuge. Den Vorschlag, das Feuerwehrauto zu beschlagnahmen, hatte die von Menkendorf mit empört gespitzten Lippen zurückgewiesen. Das sah der Frau ähnlich.

Zum Glück war das entgegengesetzte Ende der Insel nicht weit entfernt, in einer Stunde hatte man Neuwerk sogar komplett umrundet. Er war aber nicht außen am Deich entlang zu den Häusern im Norden der Insel gegangen, sondern hatte den Mittelweg hinter dem Leuchtturm genommen, einen Plattenweg, der einen öden Blick auf die flache Landschaft ohne Bäume bot. Kühe glotzten ihn blöde aus ihren großen Augen an, dahinter weideten die Pferde, die wohl Königs Kutschen ziehen mussten. Vom Meer sah Galinowski nichts, der Deich im Norden versperrte den Blick auf die Nordsee. Er fragte sich, warum hier jemand seinen Urlaub verbrachte. Er würde sich schnellstmöglich mit der Dienstpistole ins Jenseits befördern, wenn er hierher versetzt würde. König ignorierte ihn noch immer, er räusperte sich schließlich.

»Kriminaloberkommissar Galinowski. Ich ermittle in einem Mordfall, würden Sie sich bitte zur Befragung bequemen?«

Der Cowboy knurrte: »Hab schon mit Chefin gesprochen.« Galinowski kochte innerlich– die Menkendorf, von wegen Chefin. Wenn er wüsste, mit wem die auf der Besetzungscouch gelegen hatte. Die war erst nach ihm in die Mordkommission gekommen und vollkommen unerfahren. Das wäre eigentlich sein Fall. Aber seine Stunde würde kommen, da war er ganz sicher. Gemächlich hatte der Cowboy das Pferd zur Koppel geführt, das Halfter gelöst und war gerade rechtzeitig beiseitegetreten, als das Tier mit großen Sprüngen auf die Wiese stürmte.

»In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Toten?« Der Mann würdigte ihn keines Blickes.

»Schulkamerad.«

Knapper ging es nicht, dem musste man tatsächlich jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.

»Ist ja einen Moment her, oder? Und wie war das Verhältnis heute?« Galinowski folgte dem Mann, der in das Stallgebäude weiterlief und ihn einfach wie Luft behandelte. An einer Box war er stehen geblieben: »Man kann sich auf einer Insel schlecht aus dem Weg gehen.« Na, wenn das kein Ansatzpunkt war.

»Aus dem Weg gehen– gab es Streit?«, fragte Galinowski hoffnungsvoll.

»Nix Streit, drehen Sie mir nicht das Wort im Mund rum, sonst sag ich nichts mehr«, bellte der Cowboy drohend und fragte dann missmutig: »War’s das, ich hab einen Betrieb zu führen.«

Ohne die Antwort abzuwarten, kehrte er Galinowski den Rücken zu und setzte mit finsterem Blick seinen Weg in die Stallgasse fort.

Galinowski war in Rage und beschloss, sich erst mal ein Bierchen im Nachbarlokal zu gönnen, bevor er sich den nächsten redseligen Insulaner vornahm.

Direkt nebenan lag das Restaurant »Seemannsgarn«, das in seinem Reiseführer als besonders empfehlenswert vermerkt wurde. Hier würde doch hoffentlich ein wohlschmeckendes Helles gezapft, und vielleicht hörte er sogar etwas Nützliches von den Gästen. Dann las er seine Notizen durch, war das tatsächlich der Jo Prell?

Er war es, stellte er fest, als sich der Hüne ihm gegenüber an den Tresen stellte.

»Womit kann ich dienen, Herr Hauptkommissar?«

Galinowski schien ein paar Zentimeter zu wachsen und ließ den Irrtum unwidersprochen. Der wusste offenbar, wen er vor sich hatte.

»Sie waren also auch ein Schulkamerad von Hein, Ihr Nachbar auch – alle in einer Klasse?«

Der bekannte Musiker war eindeutig gesprächiger als sein Cowboynachbar. Alle Kinder auf der Insel hatten schon immer gemeinsam die Schulbank gedrückt. Aber damals war die Schulklasse mit 15 Kindern noch deutlich größer, während heute nur eine einzige Schülerin dort lernte.

»Seitdem haben wir uns etwas aus den Augen verloren«, berichtete Prell. »Kein einfacher Mensch«, sagte er über den Toten und sah nachdenklich über den Tresen hinweg.

»Er hat immer einen Konkurrenten in mir gesehen. Denn eigentlich war Peter Hein das große Unterhaltungstalent in der Klasse, er spielte die Hauptrollen bei unseren Weihnachtsstücken und sang in der Schülerband. Damit war es dann leider vorbei mit der künstlerischen Karriere. Am Ende wurde er Alleinunterhalter für Touristen, als er vom Schwiegervater den Laden übernahm. Seine Frau bediente, er machte Konversation und sonnte sich in der Bewunderung seines Publikums.« Er rieb den Daumen an den Zeigefinger. »Das ist natürlich eine Goldgrube, aber eben auch ein Goldener Käfig. Als ich meinen ersten Hit gelandet hatte, der im Radio lief, hat er das richtiggehend übel genommen und kaum noch mit mir geredet.« Prell schüttelte den Kopf, als er an seine Anfänge auf der Bühne zurückdachte.

Kurz danach hatte Prell auch sein Restaurant »Seemannsgarn« eröffnet, doch dies hätte beinahe in der Pleite geendet. »Anfangs hatten wir in unserem Lokal zwei Jahre lang kaum Gäste. Bis zu dem Tag, als mitten in der Saison wirklich alle Lokale voll waren, und eine Familie langjähriger Inselbesucher zögerlich hereinspazierte.«

Damals hatte ihnen das Wasser bis zum Hals gestanden, die Bank begann die Geduld zu verlieren und hatte bereits mit einer Zwangsversteigerung gedroht. »Wir waren so knapp vor dem Untergang«, theatralisch presste er Zeigefinger und Daumen zusammen. Dann war diese Familie gekommen, hatten sich umgesehen und erstaunt festgestellt, dass es im »Seemannsgarn« hübsch und sauber war. Sie waren danach jeden Tag bei ihnen essen, mit immer mehr Freunden und Bekannten. Am Ende seines Urlaubs hatte der Vater dieser Familie zu Prell gesagt: »Wissen Sie, wir haben uns lange gar nicht herein getraut, weil wir beim Kaufmann die Geschichte von den toten Ratten in der Küche gehört hatten.« Er stellte Galinowski ein volles Glas auf den Tresen und schlug dann auf den Tisch.

»Ich fiel damals aus allen Wolken. Solche Lügen hatte mein alter Kumpel verbreitet, und da die Touristen immer zuerst beim Kaufmann landen, haben die einen großen Bogen um das ›Seemannsgarn‹ gemacht. Das hat sich dann aber schlagartig geändert«, erinnerte sich Prell.

Galinowski hatte fleißig mitstenografiert und fragte dann: »Wo waren Sie denn gestern Abend?«

Prell sah ihn ungläubig an: »Junger Mann, diese Ereignisse sind über 20 Jahre her, Sie wollen mich doch wohl nicht verdächtigen?«

Reine Routine, versicherte er, allerdings wäre der Sänger höchst verdächtig, wenn er nicht ausgerechnet an dem Abend bei der Feuerwehr das Rettungsboot repariert hätte. Trotzdem hatte er einen Knüller, dachte er und beeilte sich, um rechtzeitig zur Besprechung mit allen Kollegen im Leuchtturm zu kommen. Prell war vielleicht nicht der Einzige, den Peter Hein verleumdet hatte. Die anderen saßen schon im Ratssaal und waren mit ihren Computern beschäftigt, er war gespannt, wie sie auf seine Entdeckung reagieren würden. Doch in der Sitzung, die die Menkendorf kurz darauf anberaumte, kam er gar nicht mehr zu Wort.

Es war ausgerechnet diese Neue aus dem Osten, Mareike Schmidt, die ihm die Schau stahl. Denn die hatte eine Beschreibung des mutmaßlichen Mörders: »Ein durchtrainierter Typ in schwarzer Windjacke mit einem Pferdeschwanz und ausrasierten Schläfen und Nacken.« Zwei befreundete Paare, die abends am Deich entlang spaziert waren, hatten ihn auf den Friedhof der Namenlosen gehen sehen. Sie hatten ein Fernglas und Kameras dabei, da sie Vogelbeobachtungen machten, und ihn eindeutig identifiziert, als er den beleuchteten Mittelweg entlanggelaufen war. Sie hatte die Vernehmungen aufgenommen und spielte sie ihnen vor. Beide Paare waren sich vollkommen sicher, und sie hatten ihn zudem noch zufällig mit abgelichtet, als sie die dreiarmige Straßenlaterne mit dem Wappen Hamburgs fotografiert hatten, die am Anfang des Mittelwegs stand.

Der Mann, so folgerte die Menkendorf, musste Paul Conelly sein, den hatten sie beim Frühstück gesehen, und die Beschreibung passte sehr genau. Die Zeugen hatten ihn auf einem Handybild zudem erkannt. Er hatte alles abgestritten und dann gar nichts mehr gesagt, aber nach der Durchsuchung seines Zimmers im Leuchtturm waren sie überzeugt, den Richtigen gefunden zu haben. Ihm blieb ein Zweifel, das war einfach zu schnell gegangen. Aber er hatte ja sowieso nichts zu sagen. Und wenn die Menkendorf sich blamierte, konnte das nur gut für ihn sein.

Kapitel 11

Sie hatten ihm tatsächlich Handschellen angelegt. Mit den Händen auf dem Rücken war es mühsam, die ausgetretene Holztreppe am Turm hinabzugehen. Gegenüber dem gepflasterten Platz stand der Hubschrauber startbereit auf der Wiese. Paul hatte den tosenden Fluglärm gehört, als er noch beim Frühstück saß, und sich gefragt, ob es irgendeinen Notfall gab. Dann war alles ganz schnell gegangen.

Die von Menkendorf und ihr etwas kurz geratener Kollege, dessen Namen er vergessen hatte, standen vor ihm und hatten ihm erklärt, dass er festgenommen sei und nach Hamburg überstellt werde. Der Polizist half ihm, in den Hubschrauber einzusteigen, löste seine Handschellen, um ihn anzuschnallen, und fixierte ihn dann am Sitz. Ihm gegenüber nahm die Menkendorf Platz, an seiner Seite deren jüngere Kollegin.

Der Hubschrauber stieg senkrecht in die Höhe, bis er sich weit über der grünen Spitze des Turms befand, drehte einen Kreis in Richtung der nördlich gelegenen Vogelinseln Scharhörn und Nigehörn, die unter ihnen gelblich aus dem Wattenmeer ragten. Hunderte von Vögeln waren, von ihrer Ankunft aufgeschreckt, losgeflattert und flüchteten sich in einer beeindruckenden V-Formation in die Ferne. Der Pilot drehte über die grau-silbern glitzernde Landschaft in Richtung Festland ab. Paul sah hinab auf das Meer, das gerade begonnen hatte, sich zurückzuziehen, und die kleine grüne Erhebung mit dem roten Turm. Insel meiner Hoffnung – er lächelte bitter. Wie kurz hatte er vor dem Ziel gestanden, und nun?

Unter anderen Umständen hätte er den komfortablen und schnellen Transport in seine Heimatstadt durchaus geschätzt. Aber mit den Handschellen am Sitz fixiert war ein Helikopterflug nicht wirklich ein Vergnügen. Er sah zur Kommissarin gegenüber, die mit unbewegtem Gesicht in einem Aktenordner las. Die hatte sich in ihn als Verdächtigen Nummer 1 verbissen.

Sie hatte ihn mit nüchternem Magen schon vor dem Frühstück zur ersten Vernehmung gebeten und ihn später verhaftet, nachdem ihn mehrere Menschen durch die Tür hindurch angesehen und heftig genickt hatten. Offenbar hatten die ihn am Todesabend von Hein gesehen, er hatte daher auch nicht länger seine zwei Besuche auf dem Friedhof geleugnet. Sie wollte ihm jedoch nicht glauben, dass er Peter Hein bei seinem zweiten Grabungsversuch an dem Abend dort tot aufgefunden hatte.

Er musste an Störtebeker denken, der vor über 600 Jahren ebenso unfreiwillig die Reise nach Hamburg angetreten hatte. Das war zumindest eine der unzähligen Geschichten, die über den Piraten erzählt wurden. Einer der Überlieferungen zufolge soll der Anführer der Vitalienbrüder im April 1401 bei Helgoland seinen Verfolgern wortwörtlich ins Netz gegangen sein, nachdem ein Verräter flüssiges Blei in die Schiffssteuerung gegossen hatte und die Kogge danach manövrierunfähig war. Die Soldaten der Hanse hatten das Schiff geentert und ein Netz über den gefürchteten Kämpfer geworfen, um ihn so außer Gefecht zu setzen. Nach der Ergreifung hatten sie ihn im Keller des Neuwerker Turms eingesperrt, bevor er seine letzte Reise zur Hinrichtung auf dem Grasbrook in Hamburg antrat.

Wie gut, dass das Mittelalter vorüber war, so musste Paul zumindest nicht mit Ketten an den Füßen herumlaufen. Er fragte sich, ob er die U-Haft auch Margo zu verdanken hatte. Schließlich hatte die Pittbull-Frau sie auch in die Mangel genommen und war nicht gerade zimperlich, diese ehrgeizige Karrieristin. Wollte ihren adligen Namen wohl in Kürze durch den davorstehenden Dienstgrad Hauptkommissarin aufpolieren.

Er dachte wieder an Margo und bedauerte, dass er sich von der Insel entfernen musste. Sie war seine absolute Traumfrau. Er dachte an den tiefgründigen Blick ihrer blauen Augen und ihre seidigen langen Haare, die ihr wie ein glänzender Umhang über den Rücken fielen, an ihre weibliche Figur. Er hatte noch nie solche hageren Emanzen, wie die Kommissarin eine war, gemocht, die sicher ihren Körper durch stundenlanges Training im Fitnessstudio und Marathons stählte. Wie anders war doch Margo, einerseits sehr weiblich, ein Genussmensch mit einer leicht extravaganten Note, wie ihre Kleidung verriet. Gleichzeitig war sie hochintelligent, witzig und schlagfertig, er musste beim Gedanken an seinen nächtlichen Besuch lächeln. Naiv war sie wirklich nicht, und irgendetwas führte sie im Schilde, diese geheimnisvolle erotische Frau.

Und wenn sie ihn verraten hatte, dann würden die Bullen bald mit Heins Karte wedeln, oder? Er hatte ein Gespräch mitgehört, das sie mit der Kommissarin geführt hatte, und sie hatte sich nicht im geringsten die Butter vom Brot nehmen lassen.

Doch wie waren sie sonst auf ihn als ihren Hauptverdächtigen gekommen und hatten die Gegenüberstellung und eine Hausdurchsuchung machen können? Dabei hatten sie das Geld gefunden, das er in seiner grenzenlosen Dämlichkeit mit einer Quittung von Hein in seiner Tasche liegen lassen hatte. Er ärgerte sich über seine eigene Nachlässigkeit.

Natürlich wären 50.000 Euro wohl für den einen oder anderen ein Motiv. Das wäre mehr als sein offizielles Jahreseinkommen. Gebrauchen konnte er dieses Geld natürlich, seine Forschungen und Expeditionen verschlangen Unsummen und er musste immer neue Finanzquellen anzapfen. Doch diese entsetzliche Grausamkeit des Mörders, niemals wäre er dazu in der Lage, auch nicht für den größten Fund seines Lebens.

Unablässig dachte Paul über ein Detail nach. Warum war der Leichnam auf diese Weise zugerichtet und genau dort abgelegt worden? Er dachte an den aufgespießten Kopf und fragte sich, ob sich dahinter eine Botschaft an ihn verbarg. Hatte es etwas mit seiner Suche zu tun, wollte der Täter eine Warnung abgeben oder Mitwisser vernichten? Dann war er selbst in Gefahr.

Kapitel 12

Glücklich schloss Rike die Tür ihres weißen Hauses auf, öffnete die Fensterläden und ließ etwas Luft hinein. Diese duftete noch immer nach Lavendel und Rosen, zumindest diese Pflanzen ihrer geliebten Großmama hatte sie nach deren Tod retten können.

Jetzt lebte sie schon seit 14 Jahren in dem früheren Fischerhäuschen im Treppenviertel von Blankenese. Damals schien ihr Hamburg einfach wie die große weite Welt, und sie war froh, bei der Omama eine Bleibe zu finden, als sie als unerfahrenes Erstsemester vom Lande in die Großstadt kam. Zwölf Jahre hatten sie zusammengelebt, und es waren die glücklichsten Jahre in Rikes Leben. Die Omama hatte ihr beigestanden, als sie sich traute, ihren eigenen Weg zu gehen.

Es war eine schwierige Entscheidung, die sie noch stärker von ihrer Familie in Soltau, einem südlich von Hamburg in der Lüneburger Heide liegenden Städtchen, entfremdet hatte, als sie beschloss, die Juraausbildung an den Nagel zu hängen und sich an der Polizeiakademie zu bewerben.

Eigentlich war sie als Nachfolgerin im Notariat ihres Vaters vorgesehen gewesen. Der hatte sich irgendwann damit abgefunden, dass er »nur zwei Töchter« bekommen hatte, wie er sich ausdrückte, und keinen Stammhalter. Aber dann hatte er sich mit der Idee versöhnt, dass seine Tochter Friederike die Kanzlei und die Rolle als örtliche Honoratiorin übernehmen würde. Rike hatte das Jurastudium gelegen, sie lernte fast mühelos Paragrafen und Fälle, schrieb bei den Klausuren Bestnoten und hatte keinerlei Probleme, ein Referendariat bei Waissmayr, dem berühmtesten Strafverteidiger Hamburgs, zu bekommen. Doch bei der praktischen Arbeit war sie gleichsam vom Glauben abgefallen. Natürlich war es die Pflicht des Verteidigers, all diese Totschläger, Vergewaltiger oder gar Mörder zu vertreten. Aber Rike konnte sich nicht damit abfinden, von Berufs wegen auf der falschen Seite stehen zu müssen. Nach fünf Monaten übergab sie dem völlig perplexen Waissmayr ihre Kündigung, er hatte gedacht, dass sie sich abwerben lassen hatte, und wollte nicht glauben, dass eine so brillante Studentin tatsächlich in die schlecht bezahlte Beamtenlaufbahn bei der Polizei wechseln wollte. Rike hatte auch ihre privaten Gründe für den Wechsel, die sie allerdings geheim halten wollte.

In der Heide, bei ihrer Familie, hatte sie sich erst wieder sehen lassen, als sie schon das erste Jahr an der Polizeiakademie hinter sich hatte. Ihr alter Herr hatte getobt, gebettelt und schließlich angekündigt, sie zu enterben. Ihre Mutter hatte nur vorwurfsvoll geschluchzt. Und ihre Schwester Felicitas schien das Spektakel zu genießen. »Sieh an, die Streberin … bald in blauer Uniform.«

Das war der vorletzte Kontakt, bis sie schließlich auf Omamas Beerdigung wieder mit ihrer Familie zusammentraf. Dass die alte Dame ihr Hamburger Häuschen an Rike vererbt hatte, trug nicht unbedingt zu einer Verbesserung des Verhältnisses bei.

Wie sehr erinnerte sie alles hier an Omama, die ihr noch bei vielen Gelegenheiten fehlte. Aber immer in einem solchen Moment, wenn sie die Traurigkeit und das Gefühl der Einsamkeit überfielen, kam ihr tollpatschiger verspielter Vierbeiner und warf ihr einen unwiderstehlichen Blick zu. Er stupste Rike an und legte ihr bettelnd seine schmutzige Pranke auf den Schoß, um sie zu einer kleinen Tour an den Elbstrand zu überreden. Prinz hatte ein sehr feines Gespür für die Gemütsregungen seines Frauchens. Auch heute sprang er ungeduldig um sie herum und hatte sein neuestes Lieblingsspielzeug, ein halb zerkautes Stoffkrokodil, im Maul, das er überall hin mitschleppte. Hinter dem fröhlich bellenden Hund lief sie die kleine Gasse vor ihrem Haus entlang und stieg dann eine der vielen Treppen, denen das Viertel seinen Namen verdankte, hinab zum Strand. Von unten sah ihr Treppenviertel in Blankenese mit seinen in den Berg hinein gebauten weißen Fischerhäusern fast aus wie ein kleines griechisches Dorf auf einer Mittelmeerinsel. Früher fuhren hier fast alle Männer zur See, die Frauen hielten am Ufer Ausschau und warteten manchmal vergeblich. Aus dem armen volkstümlichen Viertel war mittlerweile eine wohlhabende Wohngegend geworden. Wenn es nicht einen chronischen Mangel an Parkplätzen gäbe, würden wohl noch mehr Porsches und dicke Geländewagen vor den Häusern parken.

Als sie mit Prinz über den Sand entlang der Elbe schlenderte, kehrten Rikes Gedanken zum Fall zurück. Erst hatte es keinerlei Ansatzpunkte gegeben, aber dann hatten sich die Touristen gemeldet, die den Verdächtigen abends zum Friedhof gehen gesehen hatten, und ihn identifiziert. Bei der Hausdurchsuchung am Vortag hatten sie bei ihm 50.000 Euro und eine Quittung von Hein gefunden, die bestätigte, dass er das Geld erhalten hatte. Sie wurden gerade noch auf Fingerabdrücke untersucht. Hoffentlich konnten sie noch DNA-Spuren isolieren, und stimmten diese überein, dann konnten sie die Akte schließen. Auch wenn noch wesentliche Fragen offenblieben. Computer und Handy des Inselkaufmanns fehlten, das Haus war von Einbrechern durchsucht worden, nachdem sie die Siegel angebracht hatten. Sie hatten auch die Frage nicht klären können, was der Historiker von Hein gewollt hatte und weshalb er bereit war, diesem so viel Geld zu bezahlen.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
282 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839256909
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Telif hakkı:
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