Kitabı oku: «Bodies», sayfa 3
Obwohl Menschen wie Andrew Extremfälle des Leidens am eigenen Körper darstellen, sind sie doch in gewisser Weise emblematisch für den heutigen Fokus auf das, was an unserem Körper nicht »stimmt«, und das Gefühl, diesen Körper als ein persönliches Arbeitsprojekt begreifen zu können und zu müssen. Die Unzufriedenheit mit dem Körper zu überwinden, ist heute ein weitverbreitetes Thema. Es ist Gegenstand quälender innerer Auseinandersetzung, individueller Verantwortung und politischer Bestrebungen, insbesondere, wenn es um den »maßlosen« Körper geht. Wenn das britische Gesundheitsministerium und das Ministerium für Jugend, Bildung und Familie, ohne sich lächerlich zu machen, die »Geißel« Adipositas (Fettleibigkeit) mit den Gefahren des Klimawandels auf eine Ebene stellen können, zeigt dies die gegenwärtige Verwirrung und Panik in Bezug auf den Körper, die Ignoranz und Leichtgläubigkeit – in diesem Fall dem Mythos »Adipositas« gegenüber – hervortreibt. Diese Grundeinstellung zum Körper ist kennzeichnend für unsere Zeit. Der Körper gilt als etwas, das außer Kontrolle ist und der Disziplinierung bedarf. Essen ist eine Ebene davon, Sexualität, Alkohol und Drogen sind weitere. Die Kehrseite dieser Einstellung ist der Glaube, dass so gut wie alles am Körper vom Individuum verändert werden kann. Biologische Gegebenheiten waren einmal – Pigmentierung, Nasenform, Lippenform und Alterungszeichen gelten allesamt als korrigierbar. Motor des Strebens nach körperlicher Umgestaltung ist die Kategorisierung von Körpern nach Merkmalen von race – Weiß, Schwarz etc. – und dann nach Klassenmerkmalen – die Körper der Arbeiter*innenschicht,20 Mittelschicht und oberen Mittelschicht unterschieden sich einst in Aussehen, Bewegung, Kleidung und Art zu sprechen –, woraufhin schließlich der einzelne Körper je nach Alter, Statur und Übereinstimmung mit Schönheitsnormen eine spezifische Akzeptanz und Behandlung erfährt. Wenn Körper- oder Gesichtsmerkmale das Individuum einer benachteiligten Gruppe zuordnen, rufen diese Merkmale Stigmatisierung und Geringschätzung hervor.21 An diesem Punkt entsteht dann eine Industrie, die die Umwandlung dieser körperlichen Marker als Ausweg aus der gesellschaftlichen Festlegung anbietet.
Nur noch wenige Körper stellen heute Dinge her. In der westlichen Welt haben Automatisierung, mechanisierte Landwirtschaft, vorgefertigte Produkte von Nahrungsmitteln bis zu Häusern, motorisierter Transport, Hightech-Kriegsführung etc. einen Großteil der schweren körperlichen Arbeit ersetzt. Wir reparieren auch kaum noch Dinge, weil Massenproduktion heißt, dass es billiger ist, den Toaster zu ersetzen, als das zur Reparatur nötige Teil zu bekommen. Unser Verhältnis zur Physis verändert sich. Wo einst arbeitende Körper durch muskelbildende körperliche Schwerarbeit geformt wurden, hinterlassen heute schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungsbereich und computerbasierte Jobs quer durch die Schichten keine solchen physischen Indikatoren mehr. Ja, viele von uns müssen sich schon gezielt bemühen, sich bei der Arbeit oder während ihres gesamten Tagesablaufs überhaupt noch zu bewegen. Früher war es ein Privileg der begüterten Schichten, die keine körperliche Arbeit leisteten, sich zum Zeitvertreib und als soziale Kennzeichnung zu schmücken und zu verschönern. Im Zuge einer Modernisierung und Demokratisierung dieser Sitte sind wir heute alle dazu angehalten. Daher beobachten wir etwas Neues. Der Körper ist zu einer Form von Arbeit geworden. Er verwandelt sich vom Produktionsmittel in das zu Produzierende.
Den Fallout dieser Veränderung sehen wir in den Sprechzimmern von Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen, Psychoanalytiker*innen und Ärzt*innen. Hier finden wir immer häufiger das, was ich Körperinstabilität und Körperscham nenne. Es wird immer offensichtlicher, dass unser Körperverständnis auf neue Erklärungen und Theorien angewiesen ist. Ob es um die Bereitschaft und den Wunsch so vieler Menschen geht, die Größe oder Form ihres Penis, ihrer Brüste, ihres Gesäßes oder Bauchs zu verändern, ob wir uns bemühen, das Erleben eines Mannes mit einem Phantomglied zu verstehen, quälende psychosomatische Symptome zu decodieren, mit Anorexie, Bulimie oder einer der sonstigen Körperdysmorphien umzugehen – das kartesianische und freudianische Konzept des Körpers erscheint heute unzulänglich. Das Psyche-Körper-Verhältnis verändert sich. Orthodoxe psychoanalytische Theorie über die Fähigkeit der Psyche, den Körper zu beeinflussen, reicht nicht mehr aus. In dieser Zeit der Körperinstabilität wird immer klarer, dass der natürliche Körper eine Fiktion ist.
Wenn man sich in der Welt umschaut und die vielen verschiedenen Arten von Körpersprache und Körperschmuck sieht,22 wird klar, dass Körper immer Ausdruck einer zeitlichen, geografischen, geschlechtsspezifischen, religiösen und kulturellen Einbindung sind. Halsringe, Gesichtsbemalung, Verschleierung, entblößte Fußgelenke, Businessanzüge, gefärbte Haare, Tätowierungen, absichtlich deformierte Füße, Goldzähne, Kopfbedeckungen, Beschneidung, lackierte Fingernägel sind allesamt Formen der Kennzeichnung oder Selbstkennzeichnung von Individuen als Mitglieder einer bestimmten Gruppe. Unsere Körper charakterisieren sich durch die Kleidung, den Gang und/oder sonstige Zeichen, die der Gruppe entsprechen, aus der wir kommen, zu der wir gehören oder mit der wir uns identifizieren wollen. Unsere Körpercodes und unser Körperverhalten konstituieren, wer wir sind. Ob wir die jeweiligen Codes für sinnvoll halten oder nicht, zeigen sie doch in jedem Fall, dass unser Körper weder naturgegeben noch unverfälscht ist, sondern geformt und geprägt durch das Zusammenspiel von Myriaden kleiner kultureller Praktiken. Es gab nie so etwas wie einen simplen, »natürlichen« Körper, sondern immer schon nur einen Körper, der sozial und kulturell geformt ist. Doch der derzeitige kulturelle Diskurs über den Körper verweist auf eine neue Epoche der Destabilisierung des Körpers und eine neue obsessive Beschäftigung mit ihm, beides induziert durch gesellschaftliche Kräfte und vermittelt in der Familie – dort, wo wir unser Körpergefühl erwerben.
Das heißt nicht, dass wir unsere Körperpraktiken als fremd erleben. Wenn wir Sport machen, uns frisieren und kleiden, unterstreichen wir, wie wir gesehen werden wollen und wie wir uns selbst sehen. Wir machen uns mit Vergnügen zurecht. Unsere Körperpraktiken werden uns nicht von oben vorgegeben wie eine Art Katechismus, den es zu befolgen gilt. Kulturelle Identität wird in der ganz alltäglichen, elementaren Interaktion zwischen Babys und Eltern vermittelt. Sie ist das Eltern-Kind-Verhältnis. Die Art, wie Babys getragen, gehätschelt, gefüttert werden, wie man mit ihnen spricht und schmust, sich mit ihnen beschäftigt, ist nicht nur die Summe jener kulturellen Praktiken, die Mütter, Väter, Kinderfrauen und Großeltern selbst als Kinder absorbiert haben und jetzt weitergeben, sie ist auch entscheidend dafür, wie das Kind seinen eigenen Körper erlebt. Körper werden im Säuglingsalter geformt, je nach den gesellschaftlichen und individuellen Gebräuchen der Familie, in die sie hineingeboren werden, sodass sie zu der Sorte Körper werden, die das vor ihnen liegende Leben erfordert.
Das war immer schon so und lief weitgehend unreflektiert ab. Jungen, die zu Kriegern erzogen wurden, entwickelten die dazu nötigen physischen und psychischen Eigenschaften, während Mädchen dazu erzogen wurden, brav und sittsam zu sein, still und nett mit übereinandergeschlagenen Beinen dazusitzen. Die Körper nahmen automatisch den entsprechenden Ausdruck an. Ein englischer Schuljunge der 1960er-Jahre war auf den ersten Blick zu erkennen und von seinem deutschen oder chinesischen Gegenstück zu unterscheiden: durch seine Haltung, seine Kleidung und das räumliche Feld, das sein Körper einnahm. Der Verkörperungsprozess eines jeden Jungen war konstitutiv für sein Selbstgefühl. Schichtzugehörigkeitsmarker wiesen ihn als Angehörigen der Ober-, Mittel-, der Arbeiterschicht aus. Kleidung war in Großbritannien einst in dieser Hinsicht ein ebenso schnell zu deutendes Signal wie die Sprechweise. Heute jedoch ändert sich das, da der globale Körper uns alle auf neue Weise zu erfassen scheint. Wir sehen einen rapiden Rückgang der reichen Vielfalt an Körperexpressionen. Einige wenige idealisierte Körpertypen, auf die hinzuarbeiten sich alle aufgefordert fühlen, treten an die Stelle verschiedener Verkörperungsformen in den verschiedenen Ländern. So wie wir derzeit etwa alle drei Monate eine Sprache verlieren, weil 9,2 Prozent der Sprachen der Welt nur noch von weniger als zehn Menschen gesprochen werden,23 geht uns, fürchte ich, auch die Vielfalt der Körper verloren.
2|Wie der Körper geformt wird
Tony Bell trug tagsüber einen Anzug, doch wenn er nach Hause kam, hatte er es eilig, sich auszuziehen und Luft an seinem Körper zu spüren. Im Anzug fühlte er sich nie wohl. Das war ihm zu beengend. Mit sechzig erzählte Tony, dass er einen Teil seiner Kindheit im afrikanischen Veld verbracht hatte: Er lebte in dieser Zeit bei den Ndebele in einer Region namens Matabeleland im Westen des heutigen Simbabwe. Bis er vier war, wuchs Tony in einer ziemlich typischen englischen Mittelschichtsfamilie auf. Als seine Eltern während des Krieges starben, wurde er zu einer Tante im damaligen Rhodesien geschickt.
Tony erinnerte sich nicht, wie er zu den benachbarten Ndebele kam. Plötzlich bei einer Verwandten gelandet, die schlecht für diese Aufgabe gerüstet war und ihn nicht sonderlich warmherzig aufnahm, muss er sich wohl entweder nach und nach Stammesmitgliedern angeschlossen haben oder aber aus dem Haus der Tante weggelaufen sein. Sechs Jahre, bis er zehn war, lebte Tony bei den Ndebele, passte sich deren Art zu leben an und lauschte ihren Geschichten. Für unser kindzentriertes Denken klingt seine Geschichte unglaublich und zu sehr nach einer kindlichen Adoptionsfantasie.24 Doch wenn wir uns eine unverheiratete Tante in den 1940er-Jahren in einem entlegenen Winkel des britischen Kolonialreichs denken, die plötzlich für ein Kind verantwortlich sein soll, ohne die emotionalen Voraussetzungen dafür mitzubringen, wird schon vorstellbar, dass der elternlose Junge als lästige Bürde empfunden wurde, und es liegt durchaus nahe, dass er immer mehr Zeit mit den Hausbediensteten oder Farmarbeiter*innen verbrachte und sich nach und nach in einem Umfeld zu Hause fühlte, das ihn mit mehr Wärme aufnahm.
Tony identifizierte sich mit seiner neuen Großfamilie, übernahm die Gebräuche der Ndebele, lernte, weite Strecken zu laufen, am Fluss zu spielen und den Geschichtenerzählern zu lauschen. Fünfzig Jahre später waren seine Jahre bei den Ndebele zu einer glücklichen Zeit idealisiert, in hartem Kontrast zu den verstörenden Erfahrungen, die begannen, als ihn weiße Siedler wieder einfingen. Er erinnerte sich, dass er von einem Suchtrupp mit einem Netz gejagt worden war wie ein Tier und man ihn dann zwei komisch gekleideten Frauen übergeben hatte.
Wir können nur ahnen, wie verwirrend seine Rückkehr für die alleinstehende Tante gewesen sein muss. Nachdem er gegen seinen heftigen Widerstand von Kopf bis Fuß abgeschrubbt worden war, fand er sich in einem geschlossenen Raum in ein Bett gesteckt, dessen weiße Laken sich im Vergleich zu dem Erdboden, an den er sich gewöhnt hatte, unangenehm rau anfühlten. Heute stünden Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen bereit, um Tony zu helfen, über seine Erlebnisse zu sprechen und sich wieder in eine Gesellschaft einzufinden, die er so früh hinter sich gelassen hatte. Doch damals, in den 1950er-Jahren, schickte man ihn kurzerhand nach England zurück und erwartete selbstverständlich von ihm, dass er ohne besondere Betreuung, abgesehen von etwas Nachhilfe im Lesen, wieder wie ein englischer Junge lebte.
Was mich im Gespräch mit Tony vor allem interessierte, war die körperliche Prägung durch sein Leben bei den Ndebele. Als er zu ihnen stieß, war er ein kleiner Junge in der formellen englischen Jungenkleidung: kurze Hosen, Hemd, weiße Socken und Sandalen. Dann jedoch verlagerten sich seine Identifikation und sein Zugehörigkeitsgefühl nach und nach von seinen englischen Eltern auf seinen Clan. Die Zeitspanne, die er bei den Ndebele verbrachte, war sehr bedeutsam. Im Alter zwischen vier und zehn Jahren erprobt ein Kind seinen Körper in einem immer weiteren Aktionsradius. Bei uns hätte Tony vielleicht Radfahren und Schwimmen gelernt, hätte auf Schaukeln, Rutschbahnen und Karussells gespielt, gezeltet und sich in Matsch und Dreck vergnügt. In Sachen Kleidung hätte er im Nachkriegsengland keine große Wahl gehabt: Er hätte die gleichen Sachen getragen wie Millionen Jungen seines Alters. Doch Tonys Leben hatte eine ungewöhnliche Wende genommen. Er war kein normaler englischer Junge mehr. Er hatte nicht in einem Haus gewohnt, nicht in warmem Wasser aus dem Hahn gebadet, nicht an einem Tisch mit Messer, Gabel, Löffel und Serviette gegessen. Jetzt musste er sich mit Seife waschen – ein »widerlicher Geruch«, der für ihn fremd und verwirrend war und ihn vom »Geruch des Seins« abschnitt. »Sobald man Seife benutzt«, sagte Tony traurig, »verliert man seinen Geruchssinn. Man riecht nicht mehr, welche Sorte Gras man um sich hat. Man riecht nicht mehr, welche Tageszeit ist. Schließlich«, sagte Tony nach einer Schweigepause, »passt man sich an.«25
Aber Tony Bell passte sich nur zu einem gewissen Grad an. Seine Körperlichkeit war bei den Ndebele geformt worden, und er musste sie in den Midlands der 1950er-Jahre noch einmal neu formen, musste auf einer Schulbank sitzen, einen Stift halten, Kricket spielen und sich daran gewöhnen, Socken, Schuhe und die übliche Kleidung englischer Jungen im Pubertätsalter zu tragen. Jahre später fand es seine Tochter seltsam, einen Vater zu haben, der zu Hause nackt herumlief. Tonys Jahre in Afrika hatten eine Körperprägung hinterlassen, die für einen Mann in England eine gewisse Dissonanz zu seiner Umgebung bedeutet. Er konnte einen Anzug tragen und tat es auch. Aber für ihn war das lediglich eine Körperbedeckung, die ihm kein Zugehörigkeitsgefühl gab. Im Anzug war er nicht im Einklang mit sich selbst. Es fiel ihm schwer, Beziehungen zu Frauen einzugehen, er wollte am liebsten nach Hause kommen und sich sofort ausziehen, was wiederum für seine Freundinnen irritierend war. Tonys körperliche Anpassungsschwierigkeiten zeigen, wie viel von dem, was wir an unserem Körper für selbstverständlich und natürlich halten, tatsächlich durch unsere spezielle Umgebung geformt ist.
Tonys Geschichte erinnert an Victor, den »Wilden von Aveyron«, der als Kind jahrelang unter Tieren in französischen Wäldern lebte, und an die Bemühungen der Menschen, die sich seiner annahmen. Während die Flut von wilden Kindern, die in jüngerer Zeit »entdeckt« wurden, auf wissenschaftliche Skepsis stößt, ist Victors Fall unumstritten. Victor wurde 1788 nahe den Wäldern von Saint-Sernin-sur-Rance gefunden und, ähnlich wie Tony Bell, eingefangen und in einen Haushalt gegeben, aus dem er zweimal entfloh. Am 8. Januar 1800 tauchte er schließlich wieder aus den Wäldern auf, und damit begann der Prozess der Untersuchung, Unterweisung, Versuchssozialisierung und Zurschaustellung, der bis an sein Lebensende dauerte. Victor war deshalb von solchem Interesse, weil sein Auftauchen in der Nähe von Toulouse mit der Debatte der Aufklärung zusammenfiel, worin Bewusstsein bestehe und was den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmache. Mit der Genetik und der durch sie entfachten Debatte um Vererbung versus Lernen, Natur versus Kultur, und jetzt auch noch durch die KI und ihre Verheißung, dass irgendwann unser Gehirninhalt auf Maschinen hochgeladen werden kann, sind diese Fragen noch virulenter geworden. Aber sie wurden ohnehin schon von jeder Philosoph*innen-, Politiker*innen- und Wissenschaftler*innengeneration in einem neuen ideologischen Kontext wieder aufgeworfen.
Ein junger Medizinstudent, Jean Marc Gaspard Itard, versuchte, Victor menschliche Verhaltensweisen beizubringen. Victor konnte nicht sprechen. Er gab lediglich Laute von sich. Er stand nicht aufrecht und konnte auch nicht nach Menschenart gehen. Er bewegte sich geduckt fort, beinah auf allen vieren – in Nachahmung, so glaubte man, der Tiere, unter denen er aufgewachsen war. Im Gegensatz zu Tony Bell hatte er nie gelernt, gekochte Nahrung zu sich zu nehmen und an einem Tisch mit Geschirr und Besteck zu essen. Sein Leben hatte sich in der Wildnis abgespielt. Die Temperaturregulierung seines Körpers hatte sich dahingehend adaptiert, Extreme zu verkraften, die der zivilisierte Mensch ohne schützende Kleidung kaum überstehen würde. Als ihn der französische Naturforscher Pierre Joseph Bonnaterre nackt in die Winterkälte hinausführte, wälzte sich Victor freudig im Schnee und schien sich ganz offensichtlich wohlzufühlen. Sein Körper hatte nicht nur äußerlich nichtmenschliche Züge angenommen. Erstaunlicherweise war auch sein innerer Thermostat auf die Anforderungen des Lebens im Freien geeicht. Wo die Tiere, unter denen er gelebt hatte, in ihrem Fell ein angeborenes Mittel der Temperaturkontrolle besaßen, hatte sein Körper eine immense Anpassungsleistung erbracht, um ähnlich funktionieren zu können – ohne die Kleidung, die wir mit dem Menschen assoziieren.
Itard, ein junger, engagierter Arzt, der bereits als Erster einen Fall von Tourette-Syndrom dokumentiert hatte und zu einer Kapazität auf dem Gebiet des Hörens werden sollte, verwandte viele Jahre auf das Bemühen, Victor das Sprechen beizubringen. Als Victor aus den Wäldern kam, hielt man ihn für etwa zwölf und unterzog ihn einem strengen Erziehungsprogramm, um ein menschenähnliches Wesen aus ihm zu machen. Von den Wissenschaftlern und Philosophen als Kuriosität betrachtet, von Itards Haushälterin Madame Guérin, die für ihn sorgte, hingegen als normales Kind behandelt, wurde Victor für die nächsten zweihundert Jahre der Referenzfall, sobald es um die Dekonstruktion von Konzepten dessen ging, was Menschsein bedeutet.
Natürlich haben Anthropolog*innen gezeigt, welch vielfältige Erscheinungsformen von Menschsein es gibt, und Soziolog*innen haben uns demonstriert, welch unterschiedliche Lebensläufe Menschen haben können, die in derselben Straße von Manhattan oder London aufgewachsen sind. Doch was uns Victor eröffnet, ist die Einsicht, wie weitgehend Körper und Geist eine Art Rohmaterial sind und wie der Körper durch die Umstände seines Aufwachsens geformt wird. Inzwischen wissen wir, dass es für den Spracherwerb einen kritischen Zeitraum gibt. Wer nicht als kleines Kind sprechen lernt, wird es womöglich nie lernen. Das Brabbeln des Babys ist eine Protosprache, die es im Prozess der Strukturierung bestimmter Gesichtsmuskeln entwickelt: Zunge, Lippen, Wangen und Kiefer lernen das zu tun, was zur Hervorbringung der Sprachlaute nötig ist, während gleichzeitig das Gehör Sprachlaute zu differenzieren lernt. Das Baby ahmt nach, was es hört. Es erfordert eine Menge Übung, Zunge, Mund, Kiefer und Wangenmuskeln zu koordinieren und das Gehörte richtig wiederzugeben.
Man braucht nur einmal zu versuchen, einen Satz auf Mandarin oder Xhosa nachzusprechen. Selbst wenn man diese Sprachen im Ohr hat, gelingt die Lautbildung ab einem bestimmten Alter nicht mehr ohne ein hohes Maß an Übung. Und selbst bei größtem Lerneifer ist es schwer, eine fremde Sprache, die man nicht als Kind absorbiert hat, ohne die typische Färbung durch die eigene Muttersprache zu reproduzieren. Man erkennt den Israeli, der fließend Englisch, oder die Italienerin, die perfekt Französisch spricht, weil die für die Lautproduktion benötigten Muskeln im Kiefer- und Kehlbereich für die jeweilige Muttersprache strukturiert worden sind. Natürlich können wir mehrere Sprachen sprechen, aber wenn wir diese Sprachen nicht schon in früher Kindheit gelernt haben, werden unsere Vokale, unsere Intonation und Betonung immer ein klein wenig von der des Muttersprachlers abweichen. Es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen dem Sprechen einer Sprache und dem bloßen Hören. Es hat sich gezeigt, dass der Hype, Babys zur Beschleunigung ihrer Wortschatzentwicklung Sprachlern-Apps vorzuspielen, das Sprechvermögen eher retardiert. Was die Sprachentwicklung fördert, sind melodische »Zwiegespräche«, bei denen die Eltern so tun, als könnte ihr Baby sie verstehen. Mein Englisch, das ich von meiner US-amerikanischen Mutter und meinem walisischen Vater gelernt habe, hat die Lippenartikulation von jemandem, der sowohl in London als auch in New York gelebt hat und mit britischem und US-amerikanischem Englisch von früh auf vertraut war, so wie ein englischer Junge der Arbeiterschicht meiner Generation, der ein Londoner Gymnasium besuchte und dort wie seine Schulkameraden zu sprechen lernte, zwei Sprechstile, zwei Akzente und zwei Repertoires an mimischen Ausdrucksformen und Manierismen erworben hat, die je nach Zuhörerschaft fluktuieren. Eine Körperlichkeit und eine Stimme passen zu der einen Umgebung, die andere Körperlichkeit, Stimme und Intonation zur anderen. Eine Freundin von mir, die mit zwölf Jahren Südafrika verließ, artikuliert in Wörtern noch immer ein langes »a«, wie es im südafrikanischen Englisch üblich ist. Sie mag zwar den Unterschied zwischen ihrem »a« und meinem hören, kann aber meines nicht ohne Weiteres reproduzieren. Ihres ist eine artikulatorische Prägung, in der ihre Geschichte von vor fünfzig Jahren encodiert ist, eine Prägung, die ebenso tief verankert ist wie Victors Thermoregulation, nachdem er jahrelang Schnee, Sonne und Wind ohne schützende Kleidung ausgesetzt war.
Für den Rest unserer körperlichen Strukturierung gilt Ähnliches wie für das Sprechen und die Hauttemperaturregelung. Wir werden jetzt einmal etwas tiefer in den Körper hineingehen und uns anschauen, wie Victor, Tony Bell und wir alle unseren Bewegungssinn entwickelt haben. Wir wissen, dass die Ausbildung der Motorik mit Nachahmung und Übung zu tun hat und dass es beispielsweise eine typische Art zu gehen gibt, die eine Achtzehnjährige aus Bhutan26 von einer gleichaltrigen Mailänderin unterscheidet. Wie wir sehen werden, verschleift die Globalisierung diese Unterschiede und bewirkt eine gewisse Homogenisierung aller Bereiche des Körperlichen, selbst im vergleichsweise isolierten Bhutan. Trotzdem sind die spezifischen Bewegungsmanierismen dieser beiden jungen Frauen immer noch deutlich erkennbar. Beide haben auf irgendeine Weise verstanden, dass ihr Körper das Verhalten ihrer Schwestern, Mütter und Altersgenossinnen widerzuspiegeln hat. Wie also ist das geschehen? Wie sind sie in den Besitz ihrer speziellen Körpergesten gelangt? Wie befähigt uns Beobachtung, die Körperlichkeit der eigenen Mutter, Schwester oder Freundin zu inkorporieren?
Robert Sylvester, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Oregon, verweist auf einen ganz alltäglichen Vorgang zwischen einem Elternteil und einem Baby. Der Elternteil streckt die Zunge heraus, und das Baby antwortet, indem es das Gleiche tut. Wir lachen vielleicht, wenn wir das sehen, und denken nicht weiter darüber nach. Aber wie kann ein Baby einen so komplexen motorischen Akt unmittelbar nach der Beobachtung meistern? Das ist eine gute Frage. Die Zunge herauszustrecken ist ein kompliziertes Unterfangen. Wenn wir uns klarmachen, was die Erwiderung unseres Zungeherausstreckens beinhaltet, erkennen wir, wie viele Prozesse im Gehirn des Babys ablaufen müssen, um diese spontane Reaktion hervorzubringen. Das Baby muss sehen, dann das Sehen in eine Aufforderung zum Antworten übersetzen und schließlich die Muskeln aktivieren, die für die Bewegung von Zunge und Mund zuständig sind.
Wenn wir ins Gehirn blicken könnten, würden wir ein schmales Band von Gehirnzellen sehen, den motorischen Kortex, der sich von Ohr zu Ohr erstreckt und aktiviert wird, sobald eine Bewegung einsetzt. Vor dem motorischen Kortex zur Stirn hin sähen wir Aktivität im prämotorischen Kortex, der Gehirnregion, die die Bewegung vorbereitet. Eine Zufallsbeobachtung von Giacomo Rizzolatti und Vittorio Gallese vor zwanzig Jahren in einem Forschungslabor in Parma, in dem beide an Affen forschten, führte zur Identifikation einer neuen Klasse von Neuronen, die an diesem dualen Phänomen von Sehen und Tun beteiligt sind. Rizzolatti und Gallese verfolgten die Aktivität von Gehirnzellen, wenn Affen die Arme ausstreckten, um nach einer Erdnuss zu greifen. Die Wissenschaftler interessierte, was bei dieser Bewegung im Gehirn vor sich ging. Sie beobachteten, dass dabei jedes Mal eine bestimmte Gruppe von Gehirnzellen in den Frontallappen feuerte. Eines Tages kam ein Wissenschaftler aus einem anderen Labor herein, um etwas mit Rizzolatti und Gallese zu besprechen, und griff beiläufig nach einer der Erdnüsse. Zu ihrem Erstaunen sahen Rizzolatti und Gallese, dass ebenjene Gehirnzellen, die feuerten, wenn die Affen nach einer Erdnuss griffen, genauso reagierten, wenn die Affen den Menschen diese Bewegung machen sahen.27 Die Beobachtung der Handlung beim Menschen löste dieselben neuronalen Vorgänge aus wie die Handlung selbst. Das Gehirn der Affen spiegelte Bewegungen, die sie sahen, auch wenn sie sie selbst gar nicht ausführten.
Viele Experimente später – darunter auch solche mit Menschen, die Handlungen anderer Menschen beobachteten28 – wurde diese Gruppe von Gehirnzellen als Spiegelneuronen bezeichnet. Wenn wir einen anderen Menschen eine Bewegung machen sehen – egal, ob er die Zunge herausstreckt, Päckchen packt, im Gehen einen jähen Schlenker macht, tanzt, isst oder in die Hände klatscht –, feuern unsere Neuronen genau so, als würden wir die Bewegung selbst vollziehen. Aus der Sicht des Gehirns, stellten Rizzolatti und Gallese fest, sind Sehen und Tun recht ähnliche Vorgänge. Das Gehirn hat eine eingebaute Fähigkeit zu Empathie und Nachahmung. Es übersetzt das, was wir sehen, ins neuronale Äquivalent des Tuns. Es ist so strukturiert, dass es sich durch Beobachtung auf Dinge vorbereitet, die wir selbst noch nicht gemeistert haben.
Daraus geht hervor, dass das Gehirn des beobachtenden Babys den Bewegungssinn strukturiert, noch ehe das Kind selbst zu den betreffenden Bewegungen fähig ist. Beim Menschen gibt es ein ganzes Spiegelneuronensystem, in dem Millionen Gehirnzellen gleichzeitig daran mitwirken, dass wir Bewegung durch Beobachtung erlernen, bevor wir sie selbst vollziehen. Dieses Spiegelsystem operiert in allen Bereichen, egal, ob wir bei Sportveranstaltungen zuschauen, als Beifahrer*in im Geist »mitfahren« oder die Emotionen fühlen, die Schauspieler*innen auf der Bühne oder Leinwand darstellen. Victors Fortbewegungsart war buchstäblich kopiert und in den Spiegelneuronen encodiert. Es drängt sich die Vermutung auf, dass Andrews Bild von seinem »eigentlichen«, beinlosen Körper ebenfalls auf die Aktivität von Spiegelneuronen bei der Beobachtung der hinkenden Freundin seiner Mutter und seines an Krücken gehenden Schulkameraden zurückgeht. Die Bewegungen dieser Personen faszinierten ihn, und wir können uns vorstellen, dass er ihre Körperlichkeit auf seine übertrug und auf diese Weise einen vierzig Jahre anhaltenden Wunsch entwickelte, der nicht nur psychisch, sondern auch neuronal verankert war. Im Prinzip ergeht es uns allen so. Die speziellen Gesten und Bewegungen eines Elternteils oder Geschwisters bilden eine visuelle/neuronale Matrix. Das erklärt, warum die Bewegungseigenheiten von Kindern so oft die der Eltern widerspiegeln. Der Grund ist weniger Vererbung als vielmehr visuelle Exposition. Das zeigt sich anschaulich an der Leichtigkeit, mit der Jugendliche Kim Kardashians Auftreten oder die Posen von Models oder Rapper*innen imitieren. Sie brauchen das nicht stundenlang zu üben. Durch bloßes Zusehen haben sie – zum Teil unbewusst – das Gefühl der Bewegung absorbiert, die Idee dessen, was sie zu tun haben. Oder denken wir an die junge Frau, die zu Hause das Kopftuch trägt, es aber abnimmt, wenn sie sich mit ihren nichtmuslimischen Freundinnen trifft. Sie hat zwei Körpermuster inkorporiert, die die verschiedenen kulturellen Sub-Gruppen spiegeln, in denen sie lebt. In übersteigerter Form finden wir diese Flexibilität bei Schauspieler*innen, die ihre jeweilige Bühnen- oder Filmfigur mit ihrer ganzen Person darstellen.29 Schauspieler*innen können in die Haut von jemand anderem schlüpfen, ihre Rolle buchstäblich verkörpern. Dadurch machen sie die Figur, die sie spielen, glaubhaft. Das schaffen sie, indem sie die neuronalen Strukturen aktivieren, in denen diese Aktivitäten bereits in ihnen selbst encodiert sind. Das Spiegelneuronensystem ermöglicht uns also ein tiefes wechselseitiges Verstehen. Es befähigt uns, am Gesicht eines anderen Menschen zu sehen, was dieser fühlt, und dann selbst entsprechend zu fühlen.30
Die Aktivität der Spiegelneuronen, die sich auf der Mikroebene abspielt, ist also Teil der Entwicklung unseres Körpersinns. Die psychoanalytische Forschung, vertreten etwa durch Beatrice Beebe und Miriam und Howard Steele, hat gezeigt, dass wir mental und physisch lernen, wer wir sind, indem uns unser Körper und unsere mentalen Vorgänge widergespiegelt werden. Sie hat Einzelbild für Einzelbild aufgezeigt, was zwischen Mutter und Baby abläuft und welch komplexer und gleichzeitig alltäglicher Prozess das ist. Eltern und Bezugspersonen reagieren auf das Baby und spiegeln ihm, was sie in ihm sehen. Aber was sehen sie in ihren Babys? Was habe ich in meinen Babys und den Babys meiner Freundinnen gesehen, was da gewesen sein mag oder auch nicht?
Das Baby hat seine ganz eigenen Mittel, um uns zu fesseln.31 Es sieht uns an, und wir sehen das Baby an. Der Blickkontakt zwischen Baby und Elternteil ist buchstäblich absorbierend. Beide saugen einander förmlich auf. Der Elternteil wird zur Welt des Babys, und das Baby wird zur Welt des Elternteils. Dieser Blickkontakt ähnelt dem von Verliebten. Beide Beteiligten sehen sich unverwandt in die Augen, und so wie die Verliebten ihre jeweilige Welt von Grund auf umstrukturieren, um den anderen darin unterzubringen, um die Anbetung, die sich in den Augen des anderen ausdrückt, aufzusaugen und zu erwidern, so schmelzen wir auch beim Anblick des Babys und erweitern uns, um in unserer inneren Familienwelt Platz für den Neuankömmling zu schaffen. Wir projizieren unsere familiären Bindungen in das hinein, was jetzt der Mittelpunkt unseres Lebens ist: das Baby. Wir schreiben unserem Baby Attribute anderer Familienmitglieder zu – Großvaters Augenbrauen oder Großmutters Finger – und personalisieren und beleben es auf diese Weise für uns. Wir übermitteln dem Baby das Gefühl, dass es erwünscht ist und in die Familie passt, und wir tun das so, dass das Baby für uns ein lebendiges Körper-Geist-Wesen wird.
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