Kitabı oku: «Homöopathie. Warum und wie sie wirkt»

Yazı tipi:

SVEN SOMMER

HOMÖOPATHIE

Warum und wie sie wirkt

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Sven Sommer

Homöopathie – Warum und wie sie wirkt

Heilwirkung und Anwendung der Globuli, die zehn wichtigsten

Konstitutionstypen, 180 bewährte Behandlungstipps

E-Book (E-Pub): ISBN 978-3-938396-017-7

1. Auflage 2011

(Druckausgabe: ISBN 978-3-938396-73-5, 1. Auflage 2011)

Mankau Verlag GmbH

Postfach 13 22, D-82413 Murnau a. Staffelsee

Im Netz: www.mankau-verlag.de

Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum

Lektorat: Dorit Zimmermann, Neuried

Endkorrektorat: Dr. Thomas Wolf, MetaLexis

Gestaltung Umschlag: Andrea Barth, Guter Punkt GmbH & Co. KG, München, www.guter-punkt.de

Gestaltung Innenteil: Sebastian Herzig, Mankau Verlag GmbH

Wichtiger Hinweis des Verlags

Die Gedanken, Methoden, Anregungen und Ratschläge in diesem Buch stellen die Meinung bzw. die Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Dennoch kann keine Garantie übernommen werden. Sie bieten auch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen Rat. Bei ernsthaften und/oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall wie bisher einen Arzt oder Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun auch weiterhin selbst verantwortlich. Eine Haftung des Autors und des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Für Natasha und Teah

INHALT

Einführung

Homöopathie – die verkannte Medizin?

Fälle, die für die Homöopathie sprechen

Homöopathie und Impfung

Kurzgeschichte der Homöopathie

Die Erfolge

Der Skandal

Die Wirkung ultrahoher Verdünnungen bei Mensch und Tier

Der Galileo-Effekt in der Homöopathie

Moderne Erkenntnisse und Theorien

Homöopathie und Regelkreise

Die Wirkung der Nanopharmakologie auf Zellebene

Der biologische Umkehreffekt

Homöopathie und Pharmakologie

Das biophysikalische Paradigma der Hochpotenzen

Moderne Informationsmedizin

Resümee und Ausblick

Homöopathie und Psychologie

Der ganzheitliche Ansatz der Homöopathie

Das psychische Befinden bei einer Erkrankung

Der psychische Auslöser

Persönlichkeitstypen in der Homöopathie

Arsenicum album

Calcium carbonicum

Lycopodium

Natrium chloratum

Nux vomica

Phosphorus

Pulsatilla

Sepia

Silicea

Sulfur

Homöopathie für die Seele

Homöopathie in der Praxis – 180 bewährte Tipps

So behandeln Sie sich selbst

Beschwerden von A bis Z

Abszess

Akne

Allergien

Ängste

Augenverletzungen

Augen, Überanstrengung der

Ausfluss

Bauch- und Magenschmerzen

Bindehautreizung und -entzündung

Blähungen

Blasenbeschwerden

Bluterguss

Durchfall

Eiterung

Erbrechen

Erkältung und grippaler Infekt

Fieber

Furunkel, Abszess und Eiterung

Gerstenkörner

Grippe

Halsschmerzen

Heiserkeit

Heuschnupfen

Hexenschuss

Husten

Ischias und Hexenschuss

Kater

Kopfschmerzen

Knochenverletzungen, Brüche

Kummer und Sorgen

Magen, verdorbener, mit Durchfall, Erbrechen oder Übelkeit

Muskelschmerzen, Verrenkung, Zerrung

Nasenbluten

Ohrbeschwerden

Operation, vor und nach

Periode, schmerzhafte

Prämenstruelles Syndrom (PMS)

Prellung

Reisefieber

Schlafstörungen

Schnittwunden

Schnupfen

Schürfwunden

Sonnenbrand

Sorgen

Stiche und Bisse

Stichwunden

Übelkeit

Verbrennungen, Verbrühungen, Sonnenbrand

Verbrühungen

Verletzung, Prellung, Bluterguss

Verrenkungen

Verstopfung

Wechseljahresbeschwerden

Wunden, offene, wie Schnitt- oder Schürfwunden

Zahnarzt beim, vor und nach Operationen

Zahnschmerzen

Zerrung

Homöopathie speziell für Babys und Kinder

Die Mittel von A bis Z

Zum Autor

Glossar – wichtige Begriffe, kurz erklärt

Anhang

Quellen

EINFÜHRUNG

Als ich vor gut zehn Jahren meinen ersten Ratgeber zur Homöopathie schrieb, hoffte ich bescheiden, eine Druckerei würde mir preisgünstig eine kleine Auflage für meine Patienten herstellen. Natürlich träumte ich damals auch davon, einen Verlag zu finden, aber mir war bewusst, dass dies wahrscheinlich eine Illusion bleiben würde. Ich hatte keine Ahnung von der Realität. Heute sind über 1,5 Millionen meiner Homöopathiebücher verkauft und ich bin nur einer von vielen Autoren, die über diese Heilmethode schreiben und geschrieben haben. Unser Erfolg beruht auf der Nachfrage. Die Homöopathie boomt seit weit über einem Jahrzehnt und in der Zwischenzeit ist sie zu Deutschlands beliebtester alternativer Therapieform avanciert.1

Das wirft die berechtigte Frage auf, warum dem so ist. Der Grund, weshalb sich überhaupt jemand von der Schulmedizin abwendet, deren Kosten ja zumindest zum Teil von den Krankenkassen getragen werden, während man für Homöopathieratgeber, homöopathische Mittel und Behandlung in aller Regel selbst aufkommen muss, kann nur Verdrossenheit sein. Wären unsere Leser und Patienten mit der konventionellen Medizin zufrieden und glücklich, dann würden wir als Homöopathiebuchautoren kaum einen Ratgeber verkaufen und als Therapeuten hätten wir nichts zu tun. Niemand brauchte uns. Die Popularität der komplementären Medizin im Allgemeinen und der Homöopathie im Speziellen beruht zu einem großen Prozentsatz auf diesem Unzufriedenheitsfaktor. Unsere Leser und Patienten wünschen sich aus den verschiedensten Gründen eine Alternative. Das Versagen der schulmedizinischen Behandlung dürfte dabei an erster Stelle stehen. Eine nebenwirkungsfreie Alternative zu den teilweise schweren chemischen Geschützen der Pharmaindustrie scheint ein weiterer wichtiger Grund zu sein. Die Bürger sind gegenüber den »Göttern in Weiß« und ihren bitteren Pillen ein wenig skeptisch geworden.

Doch warum hat sich gerade die Homöopathie unter den vielen möglichen Therapiemethoden als die populärste etabliert? Als Erstes kommt einem vielleicht das Fehlen von Nebenwirkungen in den Sinn. Weil sie hohe, ja höchste Verdünnungen aufweist, ist die Homöopathie bekannt für ihre gute Verträglichkeit ohne jegliche Nebenwirkungen. Weiterhin tritt sie als eine sehr patientenorientierte Medizin auf, in der der Mensch als Ganzes die zentrale Rolle spielt. So interessiert sich der Homöopath für die Gesamtheit der Symptome des Kranken und nicht nur für dessen Befunde. Somit ist die Homöopathie keine Gerätemedizin, sondern eine, sich am menschlichen Befinden orientierende, ganzheitliche Heilmethode. Man könnte sie auch als personotrope oder humane Medizin bezeichnen. Aber egal, ob nun human oder harmlos, die Homöopathie hätte sicherlich nicht diesen Beliebtheitsgrad erreicht, wäre sie zudem nicht auch noch hochwirksam.

Hier jedoch scheiden sich die Geister wie bei keiner anderen Heilmethode. Während die Anhänger der Homöopathie behaupten, die kleinen süßen Pillen würden nahezu unglaubliche Erfolge erzielen und die einzig wahre Medizin überhaupt sein, entgegnen deren Skeptiker, in den hoch verdünnten homöopathischen Mitteln sei entweder fast nichts oder gar nichts mehr enthalten, das wirken könnte. Die Kügelchen seien deshalb nur Zuckerperlen und das Einzige, was sie hervorbrächten, sei Karies. Jegliche Wirkung sei reine Einbildung und beruhe auf dem so genannten Placeboeffekt.

Was ist sie nun, die Homöopathie? Magische Heilkunst oder reine Einbildung? Hochwirksam, Hokuspokus oder Placebo-Medizin? Über lange Zeit fehlte jegliches Wissen darüber, wie man sich die Homöopathie auf moderner wissenschaftlicher Basis erklären könnte. Doch seit etlichen Jahren wird vermehrt geforscht. Ein paar Wissenschaftler wollen es endlich wissen: Wirken die homöopathischen Mittel oder wirken sie nicht? Natürlich fehlen für solche Studien die finanziellen Mittel, und im Vergleich zu dem, was bei der konventionellen Medizin an Forschungsgeldern fließt, scheint der Etat für die Homöopathieforschung wie ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein. Aber die Ergebnisse lassen sich sehen!

Leider ist bisher viel zu wenig in der Öffentlichkeit und selbst in Fachkreisen über die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt. So begann ich vor einer geraumen Weile, Artikel darüber zu schreiben, und bekam neben einer Menge positiver Feedbacks auch die Anregung, meine Gedanken in einem Sachbuch zusammenzufassen. Mein Anliegen besteht jedoch darin, diese neuen Erkenntnisse nicht dem Experten, sondern dem Patienten und Anwender näherzubringen. Er ist es ja, der sich immer wieder der Kritik ausgesetzt sieht und in Erklärungsnot gerät, da die Gegner der Homöopathie das Bedürfnis haben, den einfachen Mann vor einem solchen Humbug zu bewahren. Verbal in die Ecke gedrängt, bleibt dem Anwender häufig gar nichts anderes übrig, als zu gestehen: »Ich weiß zwar, dass mir die Mittel helfen, aber ich kann nicht sagen, warum.« So glaube er einfach, die Homöopathie helfe ihm. Höhnisch wird daraufhin entgegnet: Ja, ja, er sage es! Es sei halt nur der Glaube, der da etwas bewirke, doch besonders wissenschaftlich wäre das doch wohl nicht.

Der erste Teil des Buches – »Homöopathie – die verkannte Medizin?« und »Moderne Erkenntnisse und Theorien« – geht deshalb auf die vielfach hochaktuellen und faszinierenden Forschungsergebnisse zur Homöopathie ein. Damit soll sich der Leser letztendlich ein eigenes Bild darüber machen können, ob die Homöopathie – modernen Maßstäben gemäß – den Anforderungen einer wirksamen Therapieform Genüge tut oder nicht. Für den Skeptiker und Interessierten habe ich versucht, alles möglichst genau zu dokumentieren. Dies bietet die Gelegenheit, das im Buch Behauptete anhand von Quellen- und Literaturangaben zu überprüfen. Auf diese Weise sollte sich jederzeit ein eigener Standpunkt und eine eigene Meinung zum kontroversen Thema »Homöopathie« bilden lassen.

Der zweite Teil des Buches, »Homöopathie und Psychologie«, handelt von besagtem Brückenschlag zwischen Soma und Psyche bzw. zwischen Medizin und Psychotherapie. Anhand der Persönlichkeitsprofile homöopathischer Typenmittel wird zudem gezeigt, wie die Mittel auf die Konstitution des jeweiligen Patienten wirken und welch tief greifende körperliche und psychische Auswirkungen sie haben.

Teil drei des Buches ist ganz praktisch ausgelegt und bietet interessierten Leserinnen und Lesern 180 Tipps für die erfolgreiche Selbstanwendung. Mit diesen tausendfach bewährten Ratschlägen, basierend auf der Erfahrung von Generationen homöopathischer Ärzte und Heilpraktiker, kann die sanfte Heilweise der Homöopathie selbst ausprobiert und erfahren werden.

Für mich selbst waren Recherche und Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Material einerseits aufregend, andererseits aber auch ernüchternd. Ich halte mich durchaus für einen modernen, aufgeklärten Zeitgenossen, der davon überzeugt ist, das ständige »Wissen Schaffen« und nach »Erklärungen Suchen« unserer Wissenschaftler sei die Antwort auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich das Funktionieren und die Rätsel der Welt erklären zu wollen.

Der modernen Wissenschaft scheint es auf diese Weise gelungen zu sein, den Religionen Stein um Stein das Unerklärbare und daher Göttliche zu entreißen. Daher vertraut der aufgeklärte Geist heute im Allgemeinen der Wissenschaft, ja, man könnte fast sagen, er vertraut der Allwissenheit unserer modernen Gelehrten fast so blind wie der Bürger früher an die Allmacht der Kirche und ihrer Vertreter glaubte. Somit wäre der Wissenschaftler zum modernen Priester avanciert. In der Tat sprechen wir von den »Göttern in Weiß«, was nicht von ungefähr kommt, da Ärzte und Forscher in unserer modernen Gesellschaft oft einen mehr als halbgottähnlichen Status innehaben. Ähnlich wie früher der Bürger kaum etwas von dem Kirchenlatein verstand, so geht es dem Laien heutzutage mit Fachwissen und Fachjargon. Was bleibt ihm folglich anderes übrig, als den Adlaten in ihren weißen Laborkitteln zu vertrauen, dass sie es an seiner Statt schon wissen werden. Und in aller Regel schenkt er ihnen uneingeschränkt Glauben. Während es früher die Hohepriester waren, die wussten, was für ihre Mitmenschen gut und was schlecht war, so sind es heute die Vertreter der Wissenschaft. Wird im Englischen vielleicht deshalb von der »scientific community«, der »Wissenschaftsgemeinde« gesprochen?

Im Unterschied zu dem scheinbar machtgierigen und willkürlichen Handeln der Religionsvertreter besteht dabei ein tiefes Vertrauen in den modernen Forscher als einen selbstlosen Sucher nach der Wahrheit, der zudem dem Beweisprinzip unterstellt ist. Alles Streben seines wissenschaftlichen Handelns gilt demnach der Suche nach neuen Erkenntnissen, die durch Fakten nachvollziehbar, beweisbar und überprüfbar sein sollten. Beim idealen Wissenschaftler, dessen »Lichtgestalt« sich tief in unser kollektives Unterbewusstsein eingebrannt hat, wird davon ausgegangen, dass er neugierig, aufgeschlossen, unvoreingenommen und von einem unbändigen Forscherdrang beseelt ist, dass er mit Teamgeist und Fair Play seinen Kollegen gegenübertritt und dass bei ihm über allem die Wahrheitssuche steht.

Ein Blick hinter die Kulissen enttäuscht jedoch schwer. Denn da werden einem plötzlich all die Milliardengeschäfte bewusst, die mit Forschungsergebnissen gemacht werden. Wissen stellt somit einen erheblichen Machtfaktor dar. Genau wie in Wirtschaft, Politik, Kirche und anderen Institutionen besteht auch in den Tempeln der Wissenschaft die Gefahr, dass Macht korrumpiert, was einschlägige Untersuchungen und Studien leider immer wieder belegen: In der Forschung steht es mit der Suche nach der Wahrheit nicht zum Besten.2

Deutlich wird dies auch am Beispiel der Homöopathie. Man sollte eigentlich meinen, all diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die zum Thema »Homöopathie« in den letzten Jahren aufgetaucht sind, würden, wenn schon nicht Verwunderungs- oder gar Entzückensschreie, dann doch zumindest Neugier bei den Akademikern auslösen. Da steht man kurz davor, endlich naturwissenschaftlich erklären zu können, warum diese kleinen Zuckerkügelchen, in denen ja nichts drin sein soll, solch phänomenale Wirkungen erzielen. Ist das nicht hochinteressant? Könnte dies nicht ganz neue Möglichkeiten für die Medizin eröffnen, ja die Forschung vielleicht sogar in ungeahnte Dimensionen vordringen lassen? Man sollte meinen, Wissenschaftler würden sich auf eine solche Gelegenheit stürzen, bei der die reelle Chance besteht, etwas wirklich sensationell und phänomenal Neues zu entdecken. Doch weit gefehlt. Sowohl die Geschichte der Homöopathie als auch die der jüngsten Homöopathieforschung ist voller Intrigen, Falschinformationen, Verdächtigungen, Standesdünkel, Profilierungs- und Profitsucht. Dabei wird anscheinend nach dem Motto vorgegangen: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Man könnte fast meinen, es handle sich um eine Glaubensfrage, denn viele Wissenschaftler wollen von der Homöopathie ganz offensichtlich nichts wissen.

Um einen Begriff aufzugreifen, den Richard Smith, Exchef des renommierten British Medical Journal geprägt hat, möchte ich an dieser Stelle das Verhalten und die Vorgehensweise der »wissenschaftlichen Inquisition« aufrollen, die mittels pseudowissenschaftlicher Vorgehensweisen, Ausnutzen von Machtpositionen, Druck, Einschüchterung, Lobbyarbeit und dem geschickten Gebrauch der Medien versucht, die Verbreitung und Anerkennung alternativer Therapien – allen voran der Homöopathie – zu verhindern.

Andererseits möchte ich anhand dieses Buches zeigen, dass die Homöopathie seit über 200 Jahren eine derart radikale Neuentdeckung darstellt, dass sie selbst heute noch nicht vollständig verstanden wird. Nachdem sie bereits in ihrer Anfangszeit der damaligen Schulmedizin weit überlegen war, könnte es ihr auch jetzt wieder gelingen, das medizinische Establishment in ihren Grundfesten zu erschüttern. Grund genug für bestimmte Kreise, sich bedroht zu fühlen, und Grund genug, sich wieder einmal der altbewährten Methoden zu bedienen.

Mir geht es nicht darum, die etablierte Medizin zu verteufeln und die Homöopathie als einzig wahre Therapieweise hochzujubeln. Mein Wunsch ist es vielmehr, dass zukünftig naturheilkundliche und schulmedizinische Maßnahmen zum Wohl des Einzelnen gemeinsam eingesetzt werden. Ich hoffe, mit diesem Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass in einem modernen Gesundheitswesen der Homöopathie ein fester Platz an der Seite der konventionellen Medizin eingeräumt wird.

Sven Sommer

HOMÖOPATHIE – DIE VERKANNTE MEDIZIN?

FÄLLE, DIE FÜR DIE HOMÖOPATHIE SPRECHEN

»Macht’s nach – aber macht’s genau nach!«

Samuel Hahnemann

Zwei Beispiele sollen erst einmal zeigen, welches Potenzial in der Homöopathie steckt. Zwar kann jeder Anhänger dieser Heilmethode über eine Vielzahl exzellenter Heilerfolge berichten, doch das bedeutet noch lange nicht, dass dem Homöopathen oder der Wirksamkeit seiner Mittel Glauben geschenkt wird. Deshalb sollen hier zwei Fälle aufgeführt werden, über die in den Medien, genauer gesagt im Fernsehen, berichtet wurde. Dieses Vorgehen steigert zwar nicht unbedingt deren Glaubwürdigkeit, bietet aber dem Skeptiker die Möglichkeit zur eigenen Recherche.

Fall 1: Hirnblutung bei Frühgeborenen

Hier handelt es sich um einen Fall aus der Universitätskinderklinik München, über den in einer Sendung des NDR berichtet wurde. Es ging dabei um den kleinen Felix, der elf Wochen zu früh geboren wurde. In seinem Gehirn befand sich ein geplatztes Blutgefäß. Der Kopfumfang des Jungen wuchs von Stunde zu Stunde – ein Zeichen dafür, dass die Blutung im Gehirn nicht aufhörte.

Seine Mutter war auf das Allerschlimmste vorbereitet worden – auch darauf, was es bedeuten würde, wenn der Junge überlebte und welche Folgen dies haben könnte. Die Ärztin Dr. Sigrid Kruse vom Klinikum der Universität München: »Es war sehr dramatisch. Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Und in dieser Situation haben wir überlegt: Können wir mit einer begleitenden homöopathischen Behandlung helfen?« Erst als die Schulmedizin am Ende war und es Felix immer schlechter ging, bekam die Homöopathie ihre Chance. Dr. Kruse: »Wir haben mit der Mutter eine ausführliche Anamnese erhoben, sind die ganze Geschichte noch einmal durchgegangen, Geburt und Schwangerschaft. Dann haben wir mit der homöopathischen Behandlung begonnen – Arnica C200.«

Seitdem sind Jahre vergangen und Felix hat sich zu einem völlig gesunden Jungen entwickelt. Die Ärztin trifft ihren kleinen Patienten immer noch in regelmäßigen Intervallen. Der Erfolg zeigt sich besonders im Vergleich mit Felixʼ Zwillingsbruder – in der Entwicklung der beiden Jungen gibt es keinen Unterschied mehr. Dr. Sigrid Kruse dazu: »Es ist so überzeugend, so faszinierend, wenn wir diese kleinen Kügelchen geben und dann so eine große Wirkung erreichen, so eine große Reaktion, das ist für mich immer wieder aufs Neue beeindruckend. Auch wenn ich es nicht bis in die Einzelheiten erklären kann, ist es eine unheimlich schöne Erweiterung für unsere Medizin.« Die Erfahrungen von Sigrid Kruse belegen, so das Resümee der Sendung, »dass besonders Kinder auf homöopathische Mittel ansprechen. Aber im Moment weiß noch niemand, warum das so ist. Bisher gebe ›nur‹ der Erfolg der Methode Recht!«1

Fall 2: Inoperabler Pankreastumor

Der zweite Fall stammt aus einer Fernsehsendung in der ARD mit dem Titel »Homöopathie: Wirksamkeit eines Hauchs von Nichts«. Darin geht es um Emil Brehm, der inzwischen auf die alternative Heilmethode schwört, und das, obwohl er nicht unter einem banalen Schnupfen litt. Im Herbst 2004 diagnostizierten die Ärzte bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs: einen vier Zentimeter großen, inoperablen Tumor. Die Schulmediziner rieten ihm zu Bestrahlung und Chemotherapie, doch Emil Brehm lehnte ab. Gegen ihren Rat suchte er eine homöopathische Klinik auf. Dort verabreichte man ihm speziell auf seinen Fall abgestimmte homöopathische Mittel und Brehm fühlte sich damit täglich ein wenig besser. Auch nach dem Klinikaufenthalt blieb er in engem Kontakt mit den homöopathischen Ärzten. Die Auswahl der Homöopathika wurde bei regelmäßigen Terminen alle paar Wochen überprüft und neu angepasst. Parallel dazu ging Emil Brehm weiterhin zu schulmedizinischen Kontrolluntersuchungen. Bei einer dieser Untersuchungen konnten die Ärzte den Tumor schließlich nicht mehr entdecken.

Für Emil Brehm war das zunächst fast nicht zu glauben, doch nach ein paar Tagen bestätigte die Klinik nochmals den Befund – der Tumor war verschwunden. Heute fühlt er sich in seiner Entscheidung bestätigt: Nachdem er die ganzen Therapien abgelehnt hatte, die Chemo, die Bestrahlung und so weiter, und er praktisch nur Homöopathie gemacht habe, könne ihm ja nur diese geholfen haben. Die Schulmediziner bezweifeln das – für sie ist Emil Brehms Fall eine unerklärliche Spontanheilung. Das Fazit der ARD Sendung: »Die Forschung kann Emil Brehm noch nicht erklären, was ihn geheilt hat. Aber für ihn ist das auch nicht wichtig. Er ist froh, dass es ihm wieder besser geht.«2

Weitere Beispiele

Solche Fälle sind nicht untypisch in der Homöopathie. Ärzte und Heilpraktiker, die sie anwenden, werden sich zwar über die Heilerfolge bei Felix und Emil freuen, doch verwundern dürften diese sie nicht. Die Geschichte der Homöopathie ist voll von solchen Erfolgsstorys. »50 Gründe Homöopath zu sein«, eine kleine Abhandlung des englischen Arztes J. C. Burnett, die einen Briefwechsel mit einem allopathischen Kollegen wiedergibt, sei hier als weiteres Beispiel erwähnt. Darin beschreibt Burnett seine Heilerfolge mit der Homöopathie bei so unterschiedlichen Beschwerden wie Rippenfellentzündung, Brustkrebs, Gesichtsneuralgie, Gebärmutterblutung, Fersensporn und anderen Knochenauswüchsen, Aneurysma der Aorta, Grauer Star, Manie (Tobsucht), Taubheit, Angina pectoris und rheumatischer Entzündung des Herzens.3

Medizinhistorisch verdienen auch die sensationellen Behandlungserfolge beim Ausbruch der Pocken 1901 im amerikanischen Staat Iowa Beachtung. Dort wurde von homöopathischen Ärzten an Nichtgeimpften die Homöoprophylaxe durchgeführt – eine Art prophylaktischer Schutz gegen diese tödliche Infektionskrankheit. Dabei wurde das homöopathische Mittel Variolinum verwendet, das aus dem Inhalt der Pockenpustel hergestellt wird. Nach Dr. Charles Woodhull Eaton waren die Zahlen seiner Studie eher konservativer Natur, wollte er mit ihnen doch auf jeden Fall richtig liegen. So wurden nur die gut dokumentierten Fälle der homöopathischen Ärzte in die Statistik aufgenommen, obwohl damals tatsächlich weit mehr Patienten erfolgreich homöopathisch »geimpft« worden waren. Demnach hat man während der Epidemie knapp 3.000 Menschen gegen die Pocken prophylaktisch mit Homöopathie behandelt. Von diesen waren 550 dem Erreger mit größter Wahrscheinlichkeit ausgesetzt, beispielsweise weil ein Mitglied des Haushalts die »Blattern« hatte. Doch nur insgesamt 14 homöopathisch »Geimpfte« erkrankten an der hochgefährlichen Infektionskrankheit. Das bedeutet, dass gerade einmal 0,5 Prozent all der homöopathisch Behandelten oder 2,5 Prozent der höchstwahrscheinlich Infizierten die Pocken bekamen. Anders als bei der normalen Pockenimpfung traten bei der homöopathischen Prophylaxe keine schweren Nebenwirkungen auf. Das Mittel wurde ausgezeichnet vertragen.4 Für diejenigen also, die in Iowa nicht schon vor der Epidemie auf übliche Weise gegen die Pocken immunisiert worden waren, hatte die Schulmedizin damals kein Rezept – und hätte es bis heute nicht. Für die unglückselig Infizierten hätte es damals (wie heute) bedeutet, entweder unwahrscheinliches Glück zu haben und zu überleben – oder aber zu sterben!

Doch nicht nur historisch gesehen verdient die Homöoprophylaxe Beachtung: Nach Überflutungen, welche durch die alljährlichen Hurrikane auftreten, hat Kuba immer wieder mit einer Infektionskrankheit namens Leptospirose zu kämpfen. Der Erreger wird in den überfluteten Gebieten von Ratten auf den Menschen übertragen. Die Krankheit geht einher mit hohem Fieber, Schüttelfrost, starken Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Erbrechen, Gelbsucht, Bauchschmerzen oder Durchfall. Unbehandelt können Patienten Nierenschäden, Meningitis und Leberversagen entwickeln. Auch Todesfälle sind nicht untypisch. Da 2007 nicht genügend konventioneller Impfstoff vorhanden war, entschloss sich die Regierung von Kuba, 2,3 Mio. Menschen in einer Region, die von der alljährlichen Epidemie besonders betroffen ist, homöopathisch mit einer Leptospirose-Nosode zu »impfen«. Das Auftreten der Krankheit ging schon kurz danach drastisch zurück, Todesfälle durch Leptospirose traten überhaupt keine mehr auf. Die Wirkung der Homöoprophylaxe scheint dabei weit besser als die der normalen Impfung gewesen zu sein, trotz der es in den Vorjahren immer noch zu Todesfällen gekommen war. Weitere Vorteile: Die homöopathische »Prophylaxemaßnahme« kostete nur einen Bruchteil der üblichen Impfkampagne, das homöopathische Mittel brauchte, anders als der konventionelle Impfstoff, keine lückenlose Kühlkette und es konnte, im Gegensatz zum allopathischen Impfstoff, auch Kindern unter 15 Jahren sicher und problemlos verabreicht werden.5

Wie diese Fälle belegen, können Homöopathen nicht nur Bagatellkrankheiten wie Schnupfen und Blähungen behandeln, sie sind oftmals gerade dort erfolgreich, wo die konventionelle Medizin nicht mehr weiter weiß oder nur Behandlungsmethoden mit einem teilweise sehr hohen Risiko an Nebenwirkungen und Komplikationen zu bieten hat. Man sollte also meinen, dass vonseiten der Ärzte und Wissenschaftler zumindest Aufgeschlossenheit und Neugier besteht, warum das denn so ist. Was hilft hier? Wirken homöopathische Mittel vielleicht doch? Die Antwort fällt jedoch meist anders aus. Viele Schulmediziner bezweifeln die Wirksamkeit – für sie sind das alles unerklärliche Spontanheilungen, wie auch der Fall von Emil Brehm. Aber ist denn diese große Zahl »unerklärlicher Spontanheilungen« nicht etwas verblüffend? In der homöopathischen Literatur sind Tausende solcher Fälle dokumentiert. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, bei Homöopathen träten solche »Wunder« unerklärlich häufig auf, denn ansonsten würden die Leute ja nicht zu ihnen in die Behandlung kommen. Warum also diese fast schon dickköpfige, trotzige und stur anmutende Ablehnung vonseiten der etablierten Medizin? Nur weil noch nicht genau bekannt ist, wie die Homöopathie funktioniert? Hat nicht die konventionelle Medizin selbst immer wieder Medikamente angewendet, von denen auch nicht bis ins letzte Detail geklärt war, wie sie wirken? Hier wird also mit zweierlei Maß gemessen. Es scheint ganz offensichtlich um viel mehr zu gehen als um die Frage nach der Wirksamkeit oder Unwirksamkeit einer Heilmethode.

HOMÖOPATHIE UND IMPFUNG

»Primo nihil nocere« (»zuerst einmal keinen Schaden zufügen«)

Teil des ärztlichen Versprechens

Die Kontroverse

Vermutlich gibt es kein anderes Thema, das die Gemüter mehr erhitzt, wenn es um die medizinische Versorgung unseres Nachwuchses geht, als die Debatte: Impfen – pro und contra. Homöopathen werden dabei im Allgemeinen ins Lager der Impfgegner abgeschoben, Schulmediziner dagegen sehen das Impfen in aller Regel als eine der großen Segnungen der Medizingeschichte an. Kaum einem der wild Debattierenden scheint dabei bewusst zu sein, dass die Impfung diejenige schulmedizinische Behandlungsmethode ist, die der Homöopathie für lange Zeit am nächsten stand. Mit diesem Kapitel möchte ich nicht in den Disput eingreifen, sondern lediglich die Parallelen und Diskrepanzen zwischen homöopathischer und schulmedizinischer Therapie am Beispiel der Pockenimpfung darlegen.

Das Ähnlichkeitsprinzip in Homöopathie und Schulmedizin

Der Grund für das, neben der etablierten Schulmedizin lange Zeit eher stiefmütterliche, Dahinvegetieren der Homöopathie war sicher nicht das Ähnlichkeitsprinzip. »Similia similibus curentur« (»Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden«) stellt den zentralen Grundgedanken der homöopathischen Heilmethode dar. Auch dieses Buch kommt immer wieder auf das Ähnlichkeitsprinzip zurück, wird ihm doch in der modernen Homöopathieforschung größte Wichtigkeit beigemessen. Diesem Wirkprinzip zufolge vermag eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen bestimmte Krankheitssymptome hervorruft, einen Kranken mit denselben oder ähnlichen Symptomen zu heilen. Genau wegen dieses Prinzips haben die Gegner der Homöopathie diese Heilmethode immer wieder abschätzig belächelt und deren Vertreter verspottet. Das sei ja, als ob man bei einer Verbrühung gleich noch einmal heißes Wasser hinterherkippe, anstatt zu kühlen, oder bei einem Bienenstich den Gestochenen noch einmal von einer Biene stechen ließe, wird da gelästert.

Dabei vergessen die Spötter eines: Das Ähnlichkeitsprinzip ist auch der Schulmedizin nicht fremd! So scheint es kaum jemand aufgefallen zu sein, dass Edward Jenner, der »Urvater« der Impfung, und Samuel Hahnemann, Gründer der Homöopathie, nicht nur in derselben Epoche lebten, sondern dass die Erkenntnisse beider Männer über das Ähnlichkeitsprinzip im selben Jahr veröffentlicht wurden.

1796 veröffentlichte Hahnemann im Journal der praktischen Arzneikunde seine Erfahrungen mit der Chinarinde. Sechs Jahre zuvor musste dieser im Selbstversuch erkennen, wie er, der Gesunde, beim Einnehmen von »vier Quäntchen guter China« Symptome entwickelte, die stark an das »Wechselfieber« (heute würde man von Malaria sprechen) erinnerten, gegen das das Mittel eigentlich eingesetzt wurde. Daraufhin unternahm Hahnemann noch eine ganze Reihe weiterer Tests (Arzneimittelprüfungen genannt) mit anderen Mitteln, bevor er mit seiner neuen Heilmethode an die Öffentlichkeit trat.

Im Mai desselben Jahres führte Edward Jenner in England seine erste Pockenimpfung an einem Jungen durch. Ihm wird die bahnbrechende Entdeckung zugeschrieben, dass bei Bauern, welche die weniger gefährlichen Kuhpocken durchgemacht hatten, eine erhöhte Resistenz oder gar völlige Immunität gegen die weitaus gefährlicheren »Blattern« bestand. Daraus folgerte er: Durch eine künstlich herbeigeführte Infektion mit Kuhpocken könne ein Schutz gegen die Pocken entstehen. Dies war die Geburtsstunde der modernen Impfung und Immunisierung – und (!) ein ganz typisches Beispiel für das homöopathische Ähnlichkeitsprinzip.

Die hohen Verdünnungen der Homöopathie

Warum, mag man nun ein wenig verblüfft fragen, hat die Homöopathie in der Medizin dann eher ein Außenseiterdasein geführt, während die Immunisierung durch Impfung bis heute von etablierter Seite als eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin bejubelt wird? Dafür lassen sich mehrere Gründe anführen, doch der wichtigste dürfte sicherlich in den extrem hohen Verdünnungen der homöopathischen Mittel liegen. Hahnemann wurde rasch klar, dass er bei der Anwendung giftiger und infektiöser Stoffe mit starken Reaktionen rechnen musste – sowohl in der Testung (Arzneimittelprüfung) am Gesunden als auch bei der Anwendung am Kranken. Da er seinen Beruf als Arzt schon einmal an den Nagel gehängt hatte, weil er die recht brutalen Heilmethoden seiner Zeit, wie den schwächenden Aderlass und die Behandlung mit stark giftigen »Antibiotika« (damals wurden hochtoxische Quecksilberverbindungen verwendet), nicht verantworten konnte, nahm er bei seiner neuen Heilmethode das »primo nihil nocere« (»zuerst einmal keinen Schaden zuzufügen«) des ärztlichen Versprechens sehr ernst. Also verdünnte er die Ausgangssubstanz. Er verdünnte und verschüttelte, verdünnte und verschüttelte, bis er die Avogadroʼsche Zahl (6.0221351 x 1023) überschritten hatte.

Avogadro, ein italienischer Physiker, hatte Anfang des neunzehnten Jahrhunderts berechnet, ab welchem Verdünnungsgrad kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist. Seither weiß man, dass ab der 12. Centesimalpotenz (C12) oder der 24. Dezimalpotenz (D24) chemisch gesehen nichts mehr enthalten ist. Das bedeutet: Homöopathen arbeiten bei Potenzen bis zur C12 mit zunehmend weniger Molekülen, ab der C12 – naturwissenschaftlich gesehen – mit keinem einzigen Molekül der Ausgangssubstanz, also mit »nichts«. Der etablierten Medizin war und ist das bis heute entschieden zu wenig. Da halfen auch all die Erfolgsmeldungen der Homöopathie nichts, beispielsweise bei den Typhus- und Choleraepidemien jener Zeit, in denen sie hervorragende Resultate erzielte. Denn wo nichts (oder kaum was) drin ist, da kann auch nichts (oder nur wenig) sein, das hilft.

Die Pockenimpfung – effektiv, aber reich an Nebenwirkungen

Edward Jenner war schon eher ein Vertreter der alten Schule und daher weniger zimperlich. Er impfte seinen ersten Probanden, den bereits erwähnten Jungen, mit einem Filtrat aus dem Hautausschlag der Kuhpocken. Nur sechs Wochen später infizierte er ihn dann mit den echten Pocken. Der Versuch glückte, der Junge überlebte und wurde nicht krank. Jenners Sohn und viele andere hatten dagegen weniger Glück. Vom Vater im zehnten Lebensmonat eigenhändig geimpft, wurde das Kind nach der Impfung schwachsinnig und starb mit 21 Jahren. Auf dem eigenen Sterbebett soll der englische Arzt deshalb seine Entdeckung noch infrage gestellt haben.

Doch die Pockenimpfung hatte offensichtlich Erfolg – mit ihr gelang beinahe die Ausrottung dieser gefährlichen Erkrankung. Und: Sie stellt ein klassisches Beispiel für die Richtigkeit des homöopathischen Ähnlichkeitsgesetzes dar! Jedoch war sie – da nicht ausreichend abgeschwächt – bis zum Schluss mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, die man jedoch von medizinischer Seite in Kauf nahm, um der Seuche Herr zu werden. Das Motto der Gesundheitsbehörden war: lieber ein paar Schwachsinnige, Dahinsiechende und etliche impfbedingte Todesfälle als eine Epidemie mit Unmengen von Toten. Verständlich, könnte man vielleicht sagen und dennoch wurden Tausende von Menschen Opfer des Impfstoffs. Deshalb wurde die ehemalige Pflichtimpfung mit der »offiziellen« Ausrottung der Pocken umgehend aus dem Verkehr gezogen.

Wie kann eine »Placebomedizin« neben der Schulmedizin so erfolgreich sein?

Zurück zur Homöopathie: Für den naturwissenschaftlich aufgeklärten Geist des 19. und 20. Jahrhunderts war es klar, dass die Homöopathie »reinster Hokuspokus« sein musste. Hahnemann und Co. hatten es mit dem »primo nihil nocere« einfach zu weit getrieben. Mögliche positive Effekte eines homöopathischen Mittels wurden als reiner Placeboeffekt abgetan. Die Frage ist, warum wirkt sie dann bei Kleinkindern und Tieren? Sollten sich Eltern und Tierhalter die positiven Effekte wirklich nur einbilden? Wenn dem tatsächlich so wäre, muss man sich fragen, warum sich dann diese angebliche »Placebomedizin« trotz allem so erfolgreich neben der Schulmedizin halten konnte und kann? Vielleicht für eine Weile von ihr in den Schatten gestellt, aber doch seit 200 Jahren präsent. Ärzte können mittlerweile sogar eine Fachausbildung zum Homöopathen absolvieren, was ihr Studium um einige Jahre verlängert – nur um als Experte für und mit dem großen »Nichts« zu arbeiten?

Mittlerweile gilt die Homöopathie als wichtigste Alternative zur etablierten Medizin. Seit einigen Jahren reitet sie auf einer Welle breiter öffentlicher Akzeptanz: Hinz und Kunz, junge Mütter mit ihren Kindern, Ökos, ja sogar tüchtige Geschäftsleute sowie Omas und Opas, also das ganze Spektrum der Bevölkerung geht heute nicht nur in den Bioladen, sondern auch zum Homöopathen. Anfangs haben viele Mediziner ihre Patienten noch lauthals ausgelacht, wenn sie die Einnahme homöopathischer Mittel eingestanden. Heute ist man vielfach aufgeschlossener. Gefragt nach einem möglichen Sinneswandel, versuchen die ehemaligen Gegner das Gesicht zu wahren. Man besinnt sich wieder auf das alte, scheinbar vergessene »primo nihil nocere«. Nicht dass man nun als Naturwissenschaftler unbedingt an die Homöopathie glaube. Aber bei vielen banalen oder viralen »Wehwehchen«, zu deren Behandlung früher ein Antibiotikum (»unter uns, eher als Placebo oder weil danach gefragt wurde«) verordnet wurde, täte es ein homöopathisches Mittel genauso, nach dem Motto: »Wenn es hilft, dann ist es gut, schaden tut’s sicherlich nicht.« Das eigene Immunsystem sei einfach nicht zu übertreffen. Klingt aus solchen Worten ein neuer therapeutischer Realismus heraus? Oder schlimmer gar, das indirekte Eingestehen therapeutischen Versagens? Vielleicht ist es erlaubt, die Fragestellung einmal umzudrehen: Falls die Homöopathie wirklich nur auf einem reinen Placeboeffekt beruhen sollte, was sagt dies über Zustand, Effizienz und Wirksamkeit der etablierten Medizin und ihrer Medikamente aus, wenn sich so etwas »Schamanenhaftes«, das mit dem »Nichts« arbeitet, neben ihr so erfolgreich halten kann? Mit den großen Errungenschaften der modernen Medizin kann es ja nicht so weit her sein. Die Schulmedizin kann also nur hoffen, dass sich die Homöopathie als eine effektive Heilmethode erweist. Ansonsten würde sie selbst, so etabliert sie auch dastehen mag, ein recht trauriges Bild abgeben.

Wie es aussieht, hat die etablierte Medizin noch einmal Glück gehabt, denn die Forschungsergebnisse der letzten Jahre in Bezug auf die Wirksamkeit der Homöopathie sind viel versprechend und aufregend. Dies lässt auf weitere Untersuchungen hoffen. Die Neugier nicht vieler, doch zumindest einiger Wissenschaftler ist geweckt. Sie stehen heute kurz davor, erklären zu können, warum und wie das »Nichts« in den homöopathischen Mitteln wirkt. Für skeptische und dennoch aufgeschlossene Naturwissenschaftler ein höchst spannendes Thema!

Zusammenfassend lässt sich somit sagen: Homöopathie und Immunisierung durch Impfung scheinen auf einem ähnlichen Wirkprinzip zu beruhen. Während beide Methoden heute mit abgeschwächten Ausgangsstoffen arbeiten, um gefährliche Reaktionen zu vermeiden, erfreut sich nur die Impfung größter offizieller Anerkennung. Die Homöopathie dagegen wird von offizieller Seite weitgehend als Placebomedizin abgetan. Dennoch gewinnt sie in der Bevölkerung zunehmend an Popularität. Die etablierte Medizin muss sich also fragen, in welchem Zustand sie sich befindet, wenn sich eine Heilmethode hartnäckig neben ihr halten kann, die angeblich nur auf wirkungslosen Zuckerkügelchen basiert. Oder sind Homöopathika vielleicht doch viel effektiver als bisher gedacht oder erlaubt?

In den kommenden Kapiteln werde ich im Detail auf die neuen Erkenntnisse in der Homöopathieforschung eingehen. Zuerst soll aber das geschichtliche und wissenschaftliche Fundament, auf dem die Homöopathie steht, umrissen werden. Anschließend sollen klinische Studien am Menschen verdeutlichen, dass homöopathische Mittel bei vielen Beschwerden eine weit bessere Wirkung aufweisen als ein Placebo. Neue physikalische Erkenntnisse über potenziertes Wasser als möglichen Informationsspeicher scheinen den Transfer von Information auf Zellkulturen und lebende Organismen zu erlauben. Was geht hier vor sich? Um das alles verstehen zu können, muss man die chemischen Erklärungsmodelle verlassen und sich in die moderne Biophysik begeben. Zudem existieren eindeutige Hinweise, die besagen, dass Homöopathika bei Zellkulturen und lebenden Organismen Wirkungen zeigen, bei denen weder ein Placebo noch Suggestion eine Rolle spielen. Welche Konsequenzen haben diese modernen Erkenntnisse zur Homöopathie für Gesundheitswesen, Behandler und Patienten? Zur Beantwortung dieser Fragen gibt es mittlerweile Erklärungsmodelle, auf die ich im Folgenden eingehen werde.

Empirische Erfolge bei Homöopathie und Aspirin®

Der überzeugte Homöopathieanwender könnte nun den Kopf schütteln und sagen: »Mir ist das alles egal. Ich weiß, dass die Homöopathie funktioniert – das reicht mir.« Nun, es mag so sein wie mit dem Aspirin®. Jahrzehntelang konnten sich die Wissenschaftler nicht erklären, warum es so erfolgreich bei Kopfschmerzen war. Dies ließ die meisten Schulmediziner völlig kalt, denn empirisch war der Erfolg gesichert. Der große Unterschied ist jedoch: Eine Tablette Aspirin® enthält 500 mg Acetylsalicylsäure, eine chemische Substanz, von der man wusste, dass sie biochemisch irgendetwas anstellen würde. Dem gegenüber enthält eine homöopathische Tablette – nach gängiger naturwissenschaftlicher Meinung – ab einer bestimmten Verdünnung bzw. Potenz nichts mehr, was noch irgendetwas bewirken könnte. Das scheint so nicht länger haltbar zu sein. Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dürften somit nicht nur das Bild der Homöopathie, sondern auf Dauer auch das der Schulmedizin revolutionieren. Für die Anhänger der Homöopathie ist das beginnende 21. Jahrhundert deshalb eine aufregende Zeit.

KURZGESCHICHTE DER HOMÖOPATHIE

Die Geschichte der Homöopathie ist einerseits geprägt vom Kampf nach Anerkennung, andererseits aber von dem Bedürfnis, diese aufkommende Therapiemethode bereits im Keim zu ersticken.

Samuel Hahnemanns Homöopathie

Die Anfänge der Homöopathie sind so tief mit der Person ihres Gründers, Christian Friedrich Samuel Hahnemann, verwoben, dass man nicht umhinkommt, ein paar Worte über dessen Lebensweg zu verlieren. Samuel Hahnemann wurde im April 1755 in Meißen geboren. Sein Vater, ein Porzellanmaler der berühmten Manufaktur zu Meißen, ermöglichte ihm eine humanistische Bildung an der Schule St. Afra. Hahnemann verfügte bereits während seiner Schulzeit über eine außergewöhnliche Sprachbegabung und verdiente sich während seines Studiums mit Nachhilfeunterricht und Übersetzungsarbeiten seinen Lebensunterhalt. Er beherrschte Griechisch, Latein, Englisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch und Arabisch. Mit zwanzig Jahren begann er an der Universität Leipzig Medizin zu studieren, zog dann nach Wien und verfasste knapp fünf Jahre später seine Doktorarbeit in Erlangen. Danach vertiefte er im Labor der Mohrenapotheke zu Dessau sein Wissen über die Chemie. Während dieser Zeit lernte er seine erste Frau Henriette kennen, mit der er in der Folge elf Kinder bekam. Frustriert vom Versagen der Medizin seiner Zeit gab er aber recht bald seine ärztliche Praxis auf und hielt sich und seine Familie in den Folgejahren hauptsächlich mit Übersetzungen über Wasser. Erst im Alter von fünfunddreißig Jahren machte er den bereits erwähnten Versuch mit der Chinarinde, den er sechs Jahre später zusammen mit dem Ähnlichkeitsprinzip veröffentlichte. 1796 publizierte Hahnemann in Hufelands Journal seine Idee über eine neue Heilweise: Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arznei-substanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen. Im Rückblick gilt dies als offizielle Geburtsstunde der Homöopathie.

Bereits in den Jahren zuvor hatte es sich Hahnemann allerdings mit der Ärzteschaft gründlich verscherzt, indem er es wagte, mit dem Leibarzt des Kaisers den gesamten Berufsstand öffentlich zu kritisieren, nachdem Leo II. von Österreich nach einem Aderlass starb. Hahnemann schrieb dazu in einem Artikel: »Die Kunst fragt, wie man … einem abgemagerten, durch Anstrengung des Geistes und langwierigem Durchfall entkräfteten Manne viermal binnen 24 Stunden den Lebenssaft abzapfen dürfe, immer, immer ohne Erleichterung. Die Kunst erblasst.«

Heute wissen wir natürlich, dass Hahnemann mit seiner damaligen Kritik Recht hatte. Doch sein Berufsstand verzieh ihm diese Vorwürfe nie und erschwerte ihm von da an das Leben, wo immer es möglich war. Medizinhistorikern zufolge dürfte der häufige Aderlass zu Hahnemanns Zeit mehr Patienten geschadet als geholfen haben. Deshalb verschwand diese Methode auch später nahezu vollständig aus dem schulmedizinisch-therapeutischen Repertoire. Hahnemann war also schon hier seinen Kollegen – jeder Kritiker muss ihm das eigentlich zugestehen – einen großen Schritt voraus. Was hätte er wohl heute über die häufig angewandten Chemotherapien in der Krebsbehandlung zu sagen? Würde er nicht vielleicht ganz ähnliche Worte finden? Und würde diese Kritik nicht sogar noch durch die neuen epidemiologischen Daten der Uni München zur Zehnjahres-Überlebensrate bei Krebserkrankungen untermauert, die jetzt leider den fehlenden bzw. gar rückläufigen Nutzen durch Chemotherapien bei Tumoren von Darm, Brust, Bronchien und Lungen belegen?1

Bis 1804 führte Hahnemann ein rastloses Leben und zog kreuz und quer durch Deutschland. In Torgau kaufte er sich endlich ein kleines Haus und ließ sich für fünf Jahre nieder. 1807 nannte er seine neue Heilmethode zum ersten Mal Homöopathie und drei Jahre später veröffentlichte Hahnemann sein Lehrbuch der Homöopathie, das Organon der rationellen Heilkunst.

Das Buch sei einer der ersten Versuche in der Medizingeschichte, so schreiben die Wissenschaftler und Ärzte Bellavite und Signorini, die Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten von Gesundheit und Krankheit durch rationelles wissenschaftliches Vorgehen und Experimentieren zu entschlüsseln. Auch in medizinischen Fachkreisen sei diese Tatsache bis dahin geflissentlich übersehen worden. Die im Organon entwickelten Ideen dürften aber viel zu fortschrittlich für den primitiven Zustand der Schulmedizin zur damaligen Zeit gewesen sein. Selbst über die Jahrhunderte hinweg habe es nur wenige aufgeschlossene Geister in der konventionellen Medizin gegeben, die die Homöopathie wirklich verstanden hätten. Den meisten sei es einfach nicht möglich gewesen, Erkenntnisse und Einsichten zu akzeptieren, die dem Wissen ihrer Zeit so weit voraus waren.2

Von 1811 bis 1821 lebte Hahnemann in Leipzig, wo er nach seiner Habilitation an der dortigen Universität Vorlesungen über die Homöopathie hielt. In dieser Zeit entstand die Reine Arzneimittellehre, in der er die Ergebnisse der bis dahin getätigten Arzneimittelprüfungen festhielt. Nach mehr oder weniger erfolgreichen Jahren musste er die Stadt wieder verlassen, da er sich mit der dortigen Apothekerschaft überworfen hatte.

Hahnemann legte sich also auch mit dem Pharmagewerbe seiner Zeit an. Das lag vielleicht unter anderem daran, weil er durch seine Frau, Stieftochter eines Apothekers, Einblick in die Geschäftspraktiken hatte. Er bestand jedenfalls darauf, seine Arzneimittel selber herzustellen und abzugeben. Hahnemann traute den Pharmazeuten offensichtlich nicht über den Weg und die Geschichte ist voller Beispiele, die ihm Recht geben sollten. Jene Anekdote ist besonders amüsant, in der ein Homöopath »Madaroma fraudulosus« aufs Rezept schrieb und eine Apotheke prompt das Rezeptierte verkaufte. Auf dem Etikett dieses »homöopathischen« Mittels, das es übrigens überhaupt nicht gibt, war auf Lateinisch zu lesen: »Betrügerischer Glatzkopf«. Die Apotheke hatte – für gutes Geld – einfach nur Milchzuckertabletten unter diesem zugegebenermaßen hinterhältigen Fantasienamen abgegeben. Trotz alledem blieben Homöopathika in Deutschland immer apothekenpflichtig, sprich: nur dort erhältlich. So war Hahnemann des Öfteren gezwungen gewesen, Hals über Kopf umzuziehen, weil die Apothekergilde ihn wegen Selbstdispensierung seiner Mittel gerichtlich verfolgen ließ. In Pharmakreisen jener Zeit war man zudem mit der neuen Therapie unzufrieden, da sich mit der Verordnung von immer nur einer winzigen Dosis des jeweiligen homöopathischen Mittels nicht viel Geld verdienen ließ. Es ging also schon damals vorrangig um den Profit.

Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen gestattete Hahnemann jedoch, sich in Köthen niederzulassen und dort ohne Einschränkungen der Arzneiherstellung zu praktizieren. Hier blieb der Homöopath bis 1835. Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau zog Hahnemann dann nach Paris, wo er acht Jahre später nach einem erfüllten und abwechslungsreichen Leben starb. Auf seine letzten Jahre werde ich an anderer Stelle noch eingehen.

Dass Hahnemann ständig dabei war, seine Heilmethode weiterzuentwickeln, soll kurz an den Potenzen und am Einsatz von Doppelmitteln verdeutlicht werden. Während er relativ schnell begann, seine Mittel zu verdünnen, um starke Reaktionen zu vermeiden, sprach er erst dreißig Jahre nach der ersten Veröffentlichung des Ähnlichkeitsprinzips von den »Potenzen« und dem »Potenzieren«. Dabei wird nach jedem Verdünnungsschritt das Mittel kräftig verschüttelt. Wie zu sehen sein wird, ist dieses Aufbringen von kinetischer Energie zwischen jeder Verdünnungsstufe immens wichtig für die Wirksamkeit der Hochpotenzen. Die Dezimal- (D-) und Centesimal- (C-) Potenzen sind bis heute die gängigsten Verdünnungsstufen. Für eine D1- (C1-) Potenz wird ein Tropfen mit neun (99) Tropfen Alkohol verdünnt und danach kräftig verschüttelt. Für die D2 (C2) werden diese Schritte wiederholt. Die D-Potenzen entsprechen somit einer Verdünnung von 1:10, die C-Potenzen von 1:100.

Es wird zwar immer wieder behauptet, Hahnemann sei zeit seines Lebens vehement gegen die Anwendung von mehreren homöopathischen Mitteln gleichzeitig gewesen, doch das ist nicht wahr. Mittlerweile ist bekannt, dass er in Paris sehr wohl Doppelmittel anwendete und dass er vorhatte, in der fünften Auflage seines Organons einen entsprechenden Paragrafen einzufügen, was ihm aber von Verleger und Freunden ausgeredet wurde. Der Grund: Die Doppelmittel hätten zu sehr an die Arzneimischungen der Allopathen erinnert und die Lehre der Homöopathie verwässern können. Aus den in der Zwischenzeit veröffentlichten Behandlungsprotokollen Hahnemanns geht jedoch unzweifelhaft hervor, dass er selbst gegen fast jede seiner eigenen Regeln verstoßen hat, um für den einzelnen Patienten die beste Therapie zu ermöglichen.3 Das zeigt: Nicht so sehr Dogmatismus, sondern praktische Erfahrungen am Krankenbett standen für ihn im Vordergrund bei der therapeutischen Anwendung seiner Homöopathie.

Zu Hahnemanns Lebzeiten verbreitete sich die Homöopathie schnell. Grund dafür war sicherlich die extrem rückständige Medizin jener Zeit. Hahnemann feierte dagegen mit seinen Mitteln, aber auch mit seinen Hygiene- und Diätvorschriften, große Erfolge. Das nächste Kapitel wird zeigen, wie sehr die Homöopathie der Schulmedizin bei den damals grassierenden Epidemien überlegen war.

Die Homöopathie nach Hahnemanns Tod

Am Ende seines langen Lebens wurde Hahnemanns neue Heilweise in den meisten europäischen Ländern, in den USA, Mexiko, Kuba und Russland praktiziert. Wenige Jahre später war sie zudem in Indien und Lateinamerika bekannt. Im 19. Jahrhundert erlebte die Homöopathie dann in den USA ihre große Blüte. Sie wurde dort an Universitäten gelehrt, an Unikliniken praktiziert und stand eine Zeitlang nahezu gleichberechtigt neben der konventionellen Medizin. Berühmte Homöopathen wie Konstantin Hering oder Prof. Dr. James Tyler Kent stammen aus dieser Periode. Die dortige Schulmedizin sah diese Entwicklung jedoch als eine direkte und große Bedrohung. Deshalb wurde allen Mitgliedern der American Medical Association (AMA) unter Androhung eines Rauswurfs verboten, mit Homöopathen zu verkehren. Diese durften auch keine Mitglieder der AMA werden, Studenten von Universitäten mit einem festen Lehrstuhl für den Bereich Homöopathie wurden nicht aufgenommen. Man versuchte also, die Homöopathie zu diskreditieren, wo es nur ging.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erschien dann zudem der Flexner Report, auf dessen Basis die medizinischen Hochschulen in Amerika bewertet wurden. Dabei bekamen die Ausbildungsstätten mit homöopathischem Schwerpunkt schlechte, die mit den Schwerpunkten Physiologie, Pathologie und Chemie gute Bewertungen. Nachdem aber nur Absolventen von gut bewerteten Universitäten ihr Studium anerkannt bekamen, war dies der Todesstoß für die amerikanische Homöopathie. Von den zweiundzwanzig homöopathischen Hochschulen, die 1900 noch geöffnet hatten, unterrichteten 1923 nur noch zwei. Als die letzten Stiftungsgelder nach dem Börsencrash am »Schwarzen Freitag« 1928 verloren gegangen waren, war es mit der amerikanischen Homöopathie erst einmal vorbei. 1950 praktizierten in den gesamten Vereinigten Staaten schätzungsweise noch hundert Homöopathen. Ein Jahrhundert zuvor waren es alleine in New York so viele gewesen.

Doch nicht nur politische Intrigen und wirtschaftliche Gründe waren Schuld am Zerfall der Homöopathie. Die großen wissenschaftlichen und pharmakologischen Entdeckungen führten zur Entwicklung von neuen Impfstoffen und Antibiotika, zu verbesserten schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten et cetera. Somit konnten lebensgefährliche Infektionskrankheiten von der Schulmedizin wesentlich schneller und effizienter behandelt werden als bisher. Dazu ging die Anzahl gefährlicher Infektionskrankheiten auf Grund verbes-serter Lebensumstände deutlich zurück. Weiterhin erlaubten neue Narkosetechniken immer bessere Operationsmethoden. Hier machte die bis dahin rückständige orthodoxe Medizin plötzlich Riesenschritte und überholte die Homöopathie in ihrer Effektivität.

Da half es auch nicht, dass die Homöopathen seit Hahnemann rigoros auf Konfrontationskurs gegen die etablierte Medizin gegangen waren und alles schulmedizinische Handeln als Unterdrückung von Krankheit und damit als eigentlich zutiefst schädlich ansahen. Von beiden Seiten war der Wunsch nach einem Konsens gleich null. Zudem gab die Homöopathie nach außen hin kein einheitliches Bild ab, da es in ihr die unterschiedlichsten Bewegungen und Strömungen gab, die sich gegenseitig oftmals nicht anerkannten. Dies alles führte in der Folge zu einer so deutlichen Überlegenheit der konventionellen Medizin, dass die Homöopathie in den wohlhabenden Ländern der Ersten Welt für gut fünfzig Jahre fast keine Bedeutung mehr hatte. In ärmeren Gegenden wie auf dem subindischen Kontinent oder in Lateinamerika spielte die Medizin Hahnemanns jedoch durchgehend bis heute eine wichtige Rolle, da sie – ganz anders als die modernen pharmazeutischen Präparate – für den armen Mann weiterhin erschwinglich blieb. Mit Mahatma Gandhi und Mutter Teresa hatte die Homöopathie beispielsweise zwei große Befürworter in Indien.

Homöopathie heute

Seit knapp zwanzig Jahren erfährt die Homöopathie weltweit eine wahre Renaissance. 40 Prozent der holländischen, über ein Drittel der französischen und bis zu 37 Prozent der englischen Allgemeinärzte arbeiten mit alternativen Methoden, am häufigsten mit der Homöopathie. In Frankreich verschreiben 11.000 Ärzte Homöopathika – der Statistik nach nehmen 30 Prozent der französischen Bevölkerung diese Mittel auch ein. Mit dem englischen Königshaus und speziell mit Prinz Charles hat die Homöopathie einen königlichen Fürsprecher in Großbritannien. In Deutschland haben bis zur Gesundheitsreform 2004, die seitdem die Verordnung von naturheilkundlichen Präparaten per Kassenrezept nahezu unmöglich macht, bis zu 20 Prozent der Ärzte Homöopathika zumindest gelegentlich verschrieben. Zudem arbeiten hierzulande weit über 20.000 Heilpraktiker, etliche Tausend davon als Homöopathen, die ausschließlich homöopathische Mittel verordnen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2001 haben sich 37 Prozent der Deutschen schon einmal homöopathisch behandeln lassen, und fast drei Viertel der deutschen Bevölkerung verwendeten im Jahre 2002 regelmäßig oder zumindest gelegentlich Naturheilmittel. In den Vereinigten Staaten sind in den neunziger Jahren die Umsätze homöopathischer Medikamente jährlich um 20 bis 25 Prozent gestiegen.4

Eine repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigte im Spätsommer 2009, dass heute fast allen Deutschen die Homöopathie zumindest ein Begriff ist. Mehr als die Hälfte nutzt homöopathische Präparate. 1970 waren es erst halb so viele. Jeder Vierte ist in der Zwischenzeit sogar ein begeisterter Anhänger der Homöopathie, der sich von deren Wirksamkeit selbst überzeugt hat. Weitere 26 Prozent nehmen Homöopathika, enthalten sich aber eines eindeutigen Wirksamkeitsurteils. Nur eine kleine Zahl zeigte sich von der Homöopathie enttäuscht: Lediglich zwei Prozent der hiesigen Bevölkerung halten homöopathische Mittel eigenen Erfahrungen nach für unwirksam. Die Nutzer homöopathischer Mittel berichten von der erfolgreichen Anwendung vor allem bei Erkältungen und grippalen Infekten (60 Prozent). Daneben werden Homöopathika gegen ein breites Spektrum verschiedenster Krankheitsbilder eingesetzt: von Magen- und Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit über Nervosität, Hautkrankheiten und Kreislaufstörungen bis hin zu Bronchitis. Aber auch zur Unterstützung bei der Genesung von Krankheiten und bei der Behandlung von Sportverletzungen kommt die Homöopathie zum Einsatz. Zwei Drittel der Bevölkerung geben an, dass homöopathische Arzneimittel kaum Nebenwirkungen haben, mehr als die Hälfte hält sie ausdrücklich für gut verträglich. Unerwünschte Wechselwirkungen bei der Einnahme zusammen mit anderen Medikamenten werden dabei kaum befürchtet.

Diese wachsende Popularität der Homöopathie hat jedoch wieder verstärkt ihre Gegner aufs Parkett gerufen. Für sie sind das alles bedenkliche Entwicklungen, die unterbunden gehörten, und so wird in letzter Zeit wieder kräftig gegen die Homöopathie interveniert (siehe Kapitel 5). Doch anders als vor hundert Jahren, als die Schulmedizin durch neue Forschungserkenntnisse aus dem finstersten Mittelalter in die Neuzeit katapultiert wurde und in der Folge ihre großen Erfolge feiern durfte, ist es jetzt die Homöopathie, die in Kürze durch modernste Erkenntnisse ihren »Quantensprung« ins einundzwanzigste Jahrhundert machen dürfte.

Dagegen befindet sich die etablierte Medizin in zahlreichen Bereichen in der Sackgasse. Vielen chronischen Beschwerden steht sie hilflos gegenüber. Wenn man die jährlich steigenden Erkrankungen und Todesfälle bei Herz-Kreislauf-Beschwerden und Krebs betrachtet, muss man zu dem Schluss kommen, dass sie hier ganz offensichtlich versagt. Zwar lässt sich Diabetes heute medikamentös behandeln, doch das täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass diese Krankheit sich pandemieartig ausbreitet. Auch Befindungsstörungen ohne klaren Befund stehen Schulmediziner hilflos gegenüber, und gegen die wachsende und schleichende Vergiftung unserer Organismen durch die zunehmende Umweltbelastung sowie durch synthetische Stoffe aller Art hat sie keine Lösungsansätze, da sie selbst in aller Regel nur weitere chemische Keulen anzubieten hat. Wichtig wäre hier ein neuer Therapieansatz mit dem Ziel, die Selbsterhaltungs- und Selbstreparaturmechanismen des menschlichen Körpers bis in die kleinste Zelle hinein zu optimieren und zu stärken. Und die aktuellen Forschungsergebnisse lassen schon jetzt den Schluss zu, dass die Homöopathie genau das tut.

DIE ERFOLGE

Goethe, dem die Homöopathie dabei half, nach einem schweren Herzinfarkt zu genesen, schrieb in einem Brief vom 2. September 1820:

»… ich glaube jetzt eifriger denn je an die Lehre des wundersamen Arztes, seitdem ich die Wirkung einer allerkleinsten Gabe so lebhaft gefühlt und immer wieder empfinde.«

Das wissenschaftliche Fundament der Homöopathie

Dass die Homöopathie so gar keine wissenschaftliche Anerkennung erfährt, sollte einen ja schon ein wenig nachdenklich stimmen. Denn Samuel Hahnemanns Heilweise erfüllt sämtliche Anforderungen, die an ein logisches wissenschaftliches Konzept gestellt werden. Dabei geht die Hypothese »Similia similibus curentur« davon aus, dass eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen bestimmte Krankheitssymptome hervorruft, einen kranken Menschen mit denselben oder ähnlichen Symptomen zu heilen vermag (siehe ab →hier).

Ein uns allen bekanntes Beispiel soll das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie noch einmal verdeutlichen: Der Stich einer Biene (lat. Apis mellifica) führt zu einer blassroten Schwellung mit stechenden Schmerzen, die durch kalte Anwendungen gelindert werden. Leidet ein Patient nun unter einer ähnlichen Symptomatik – sei es im Rahmen einer Allergie, einer Halsentzündung, einem akut entzündlich rheumatischem Geschehen oder einem Insektenstich –, dann hilft Apis mellifica, homöopathisch aufbereitet. Bei diesem Beispiel wird auch die Notwendigkeit deutlich, das homöopathische Mittel – im Falle eines Bienenstiches könnte man ja sogar von einem »Gegenmittel« sprechen – in verdünnter Form zu geben. Sonst kann es leicht zu Überreaktionen kommen.

Um nun in der Homöopathie den Symptomenkomplex einer bestimmten Substanz zu ermitteln, wird diese an einer Gruppe gesunder Testpersonen geprüft, die das Mittel so lange einnehmen, bis sie Symptome entwickeln. Diesen Vorgang bezeichnet man als Arzneimittelprüfung. Anschließend werden alle relevanten Symptome mit großer Sorgfalt registriert und ergeben in ihrer Gesamtheit das Arzneimittelbild. Im Falle einer Beschwerde sucht der Homöopath für das gesamte Krankheitsbild des Patienten das dazu passende, analoge, ähnlichste Arzneimittelbild. Somit basiert die Homöopathie auf einem streng wissenschaftlichen System, das auf dem Ähnlichkeitsprinzip, also auf Hypothese beruht und durch die Arzneimittelprüfungen am Gesunden sowie durch die Anwendung am Kranken bestätigt wird.

Dass ein Medikament beim Gesunden ganz ähnliche Symptome hervorrufen kann, gegen die es bei einem kranken Menschen hilft, ist auch der Schulmedizin nicht fremd. Ein Beispiel dafür sind trizyklische Antidepressiva. Der ursprüngliche Inhaltsstoff Imipramin wurde 1958 rein zufällig bei einem klinischen Versuch an psychotischen Patienten entdeckt. Man stellte damals zwar keinen beruhigenden Einfluss auf das agitierte Verhalten der psychotisch Kranken fest, dafür aber einen positiven, aufhellenden und stimulierenden Effekt bei depressiven Patienten. Interessanterweise hat nun Imipramin in normaler Dosierung bei einer gesunden Testperson eine dämpfende, beruhigende, ja ermüdende Wirkung, die weiterhin durch geringe Antriebskraft, Unwohlsein und verstärkte Ängstlichkeit gekennzeichnet ist und somit alle wichtigen Symptome einer medikamentös induzierten Depression aufweist.1

Empirische Erfolge

Nun lässt sich sagen: »Schön und gut, es kann ja sein, dass die Homöopathie auf einem wissenschaftlichen Fundament basiert, aber hilft sie denn auch? Gibt es die erfolgreiche Anwendung beim Kranken?«

Beim Aspirin® wussten wir beispielsweise lange überhaupt nicht, wie es wirkt, von einem wissenschaftlichen Fundament ganz zu schweigen, doch erfahrungsgemäß hilft es seit Ewigkeiten bei vielen Schmerzen einfach ganz wunderbar.

Gibt es solche Erfahrungswerte auch in der Homöopathie? Aber natürlich! Die Homöopathie kann auf etwas mehr als 200 Jahre Erfahrung zurückblicken und hierbei beachtliche Erfolge vorweisen. Gerade bei der Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten erzielte sie bis zur Entdeckung des Penicillins Mitte des 20. Jahrhunderts eindeutig bessere Erfolge als die damalige Medizin. Dies sollte in unserer heutigen Zeit hellhörig machen und zum Nachdenken anregen, ist sie doch durch den beispiellosen Missbrauch und Übergebrauch dieser fantastischen antibakteriellen Wunderwaffe geprägt, was in der Folge zu einer rasch zunehmenden Zahl von multiresistenten Bakterienstämmen geführt hat, gegen die heute kaum noch ein Antibiotikum hilft.

Samuel Hahnemann behandelte beispielsweise 1813 während einer Typhusepidemie 183 Typhuspatienten, von denen nur einer starb. Das bedeutet eine Mortalitätsrate von etwa 0,5 Prozent. Die Sterblichkeitsrate der konventionell Behandelten lag damals bei über fünfzig Prozent und damit knapp hundertmal höher!2 Bei der Londoner Cholera-Epidemie von 1854 betrug die Sterblichkeitsrate der in konventionellen Krankenhäusern liegenden Patienten 53,2 Prozent, im Vergleich zu 16,4 Prozent bei denen, die im homöopathischen Krankenhaus behandelt wurden.3 Aber auch bei viralen Epidemien hatte die Homöopathie große Erfolge. Statistiken zeigen, dass während der Gelbfieberepidemie, die 1878 in den Südstaaten der USA wütete, die Mortalitätsrate der homöopathisch behandelten Patienten nur ein Drittel der konventionell Behandelten betrug.4 Ferner konnte, wie schon erwähnt, die Homöopathie selbst bei den Pocken beachtliche Erfolge verzeichnen.

Daneben verweist eine umfassende Literatur auf homöopathische Behandlungserfolge in aller Welt. In englischen, französischen und deutschsprachigen Journalen und Zeitschriften wurden unzählige Beiträge veröffentlicht, die von Arzneimittelprüfungen und Heilerfolgen berichten.

Erfolgreiche klinische Studien

Der hartgesottene Kritiker wird auf solche Erfahrungswerte entgegnen: »Jeder kann tolle Geschichten erzählen! Aber wie steht es mit statistisch signifikanten, reproduzierbaren Fakten oder streng durchgeführten klinischen Studien?« Und in der Tat sollte heute ein konventionelles Arzneimittel, um seine Wirksamkeit zu beweisen, eine erfolgreiche Doppelblindstudie vorweisen, möglichst randomisiert. Diese Studie belegt dann die heilsame Wirkung des Mittels im Vergleich zum Placebo. Doch kommen in der Schulmedizin immer wieder Medikamente ohne solche Placebo-Kontrollen auf den Markt.

Das größte Problem bei klinischen Studien zum Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie liegt darin, dass die Wahl eines homöopathischen Mittels vorwiegend auf der individuellen Symptomatik des Patienten beruht und weniger auf der Diagnose der eigentlichen Erkrankung. In der Homöopathie können beispielsweise zehn Patienten mit Tonsillitis (Mandelentzündung) jeweils eines anderen Mittels bedürfen, da nicht jede Angina in ihrer Symptomatik gleich verläuft. Dies gestaltet es, wie leicht einzusehen ist, eindeutig schwierig, ein homöopathisches Mittel für eine Erkrankung mittels einer Standardstudie zu prüfen. Die übliche Doppelblindstudie eignet sich als Methode daher denkbar schlecht, um die Effizienz der Homöopathie zu beurteilen. Will man aber deren Wirksamkeit im Vergleich zur konventionellen Medizin aufzeigen, dann kommt man an diesen Studien nicht vorbei.

So wurden eine ganze Reihe von klinischen Untersuchungen mit homöopathischen Mitteln durchgeführt, bei denen die Doppelblindstudien in einer Art modifiziert wurden, dass sie zwar den wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden, aber dennoch auf die spezifischen Bedürfnisse der Homöopathie zugeschnitten sind. Eine holländische Forschergruppe hat beispielsweise Anfang der neunziger Jahre 107 klinische Studien über die Wirksamkeit homöopathischer Mittel untersucht und beurteilt. Dabei legte sie dieselben rigorosen Maßstäbe an, wie sie auch bei Studien allopathischer Medikamente verwendet werden. 22 Studien wurde eine gute Qualität bestätigt. Von diesen zeigten 15 (knapp 70 Prozent) ein positives Resultat zugunsten der Homöopathie. 81 Studien hatten ein positives Ergebnis, die restlichen zeigten keinen signifikanten Unterschied zwischen Mittel und Placebo. Dies bedeutet, in mehr als 75 Prozent aller Studien (und in knapp 70 Prozent der Studien von guter Qualität) waren die homöopathischen Mittel bei unterschiedlichsten Erkrankungen erfolgreich.

Die Autoren dieser Analyse, die 1991 in der renommierten Fachzeitschrift »British Medical Journal« veröffentlicht wurde, fassten zusammen: »Die Ergebnisse dieser Analyse sollten ausreichen, die Homöopathie als Standardtherapie für bestimmte Beschwerden zu etablieren.«5

Bei Allergien

Eine im Lancet veröffentlichte Doppelblindstudie zeigte, dass Heuschnupfenpatienten, die mit einer homöopathischen Zubereitung von zwölf verschiedenen Pollen in der Potenz C30 behandelt wurden, signifikant weniger Beschwerden hatten und nur halb so viel Antihistaminika brauchten.6

Dieselbe Zeitschrift veröffentlichte eine weitere Studie mit 28 Fällen von schwerem allergischem Asthma, die alle täglich mit Bronchodilatatoren inhalieren mussten und von denen 21 mit Cortison behandelt wurden. Die Patienten behielten ihre Standardbehandlung bei. Alle wurden zuerst vier Wochen lang mit einem Placebo vorbehandelt. Dann teilte man die Patienten in zwei Gruppen, wobei die einen Patienten eine homöopathische Aufbereitung ihres Hauptallergens bekamen. Der Kontrollgruppe verabreichte man weiterhin das Placebo. Nach weiteren vier Wochen wurden die Ergebnisse überprüft. Das Resultat: Die homöopathische Behandlung brachte eine signifikante Besserung der Beschwerden.7

Zwei weitere Studien zeigen, wie Galphimia glauca D4 und D6 bei Patienten mit Heuschnupfen im Vergleich zur Kontrollgruppe eine bedeutsame Besserung der Beschwerden brachte. Interessant an einer der beiden Studien ist, dass neben dem Placebo auch eine nicht homöopathisch zubereitete, einfache Verdünnung von Galphimia 10–6 gegeben wurde. Diese zeigte keine Wirkung bei den Testpersonen. Schließlich demonstrierte eine Metaanalyse von sieben Studien, durchgeführt an über 700 Patienten, die Überlegenheit dieses mit am besten untersuchten homöopathischen Einzelmittels (Galphimia glauca) gegenüber einem Placebo.8

In der Geburtshilfe

Homöopathische Mittel werden in der Zwischenzeit von vielen Hebammen zur Geburtshilfe verwendet. Zwei Studien bestätigen jetzt eindrucksvoll deren Effizienz: In einer Doppelblindstudie wurde während des ganzen neunten Schwangerschaftsmonats täglich eine Mischung aus fünf Homöopathika (Arnica C5, Caulophyllum C5, Cimicifuga C5, Pulsatilla C5 und Gelsemium C5) gegeben. Die Kontrollgruppe erhielt ein Placebo. Das Ergebnis war nahezu spektakulär: Die Dauer des Geburtsvorgangs wurde durchschnittlich von 8,5 Stunden bei der Placebogruppe auf 5,1 Stunden reduziert. Während in der Kontrollgruppe 40 Prozent eine schwierige Geburt hatten, waren es nur 11,3 Prozent von denen, die das homöopathische Komplexmittel eingenommen hatten.9 In einer zweiten Studie wurde Caulophyllum C7, stündlich fünf Globuli, vier Stunden lang in der aktiven Phase des Geburtsvorganges verabreicht. Während in der Placebogruppe der Geburtsvorgang durchschnittlich 314 Minuten dauerte, waren es bei den Frauen, die das homöopathische Mittel einnahmen, im Vergleich dazu nur 227 Minuten. Diese Studie wurde ein Jahr später mit ähnlichem Resultat wiederholt.10

Bei Schmerzen und Entzündungen

In einer Doppelblindstudie mit Patienten, die über einen längeren Zeitraum intravenöse Infusionen benötigt hatten, was in der Folge zu Reizungen und Entzündungen der Venen führte, wurde Arnica C5 getestet. Die Studie konnte zeigen, dass das Homöopathikum Arnica nicht nur die Schmerzsymptomatik reduzierte, sondern auch die klassischen Entzündungszeichen wie Röte (rubor), Hitze (calor) und Schwellung (tumor). Selbst die Bildung von Blutergüssen ging im Vergleich zur Kontrollgruppe zurück. Weiterhin konnte eine Verbesserung des Blutflusses und der Blutgerinnungseigenschaften festgestellt werden.11

Bei neuralgischen Schmerzen nach Zahnextraktion wurde 30 Patienten Arnica C7 im Wechsel mit Hypericum C15, alle vier Stunden eine Gabe, verabreicht. 30 weitere Patienten erhielten ein Placebo. Über 75 Prozent der Patienten, die mit den beiden homöopathischen Mitteln behandelt wurden, empfanden eine Schmerzlinderung. In der Placebogruppe waren es nur 40 Prozent.12

Traumeel-Salbe® (enthält eine ganze Palette von Homöopathika in tiefen Potenzen) reduzierte bei Sprunggelenksdistorsionen signifikant die Schmerzen. 24 der 33 Patienten, die mit Traumeel behandelt wurden, waren am zehnten Behandlungstag schmerzfrei, im Vergleich zur Placebogruppe mit nur 13 von 36 schmerzfreien Patienten. Da zwei weitere Studien vergleichbare Ergebnisse brachten, kann die Wirksamkeit von Traumeel heute als gesichert gelten.13

Bei Erkältungen, Atemwegs- und Mittelohrinfektionen sowie bei Durchfall

Die Universitäten Würzburg und Tübingen verabreichten 170 Soldaten, die unter einem grippalen Infekt litten, entweder Acetylsalicylsäure (ASS 500 mg, enthalten auch in Aspirin®) oder das homöopathische Komplexmittel Grippheel® (Aconitum D4, Bryonia D4, Lachesis D12, Eupatorium D3, Phosphorus D5 in Tablettenform, 3-mal täglich). Bei der Auswertung ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Die Schlussfolgerung daraus war, dass das homöopathische Komplexmittel genauso wirksam sein muss wie Aspirin®.14

In einer ähnlichen Studie wurde bei einer einfachen Erkältung entweder ASS oder das homöopathische Mittel Eupatorium perfoliatum D2 verabreicht. Hier konnten ebenfalls keine Unterschiede im Krankheitsverlauf beider Gruppen festgestellt werden,15 was Eupatorium den Beinamen »homöopathisches Aspirin« eingetragen hat.

Eine interessante Doppelblindstudie mit einer sehr hohen Teilnehmerzahl (478 Patienten) konnte zeigen, dass das homöopathische Mittel Oscillococcinum oder Anas barbariae in einer hohen Korsakoff-Potenz (K200) bei der echten Grippe die Zahl der Genesungen innerhalb der ersten 48 Stunden im Vergleich zur Placebogruppe signifikant erhöhte.16 Für dieses Präparat gibt es übrigens sogar eine Cochrane-Review (etwas Besseres existiert in der medizinischen Fachwelt momentan nicht), die dem homöopathischen Mittel eine Wirksamkeit über Placebo bescheinigt.17 Das Mittel, aus Herz und Leber von Flugenten hergestellt, wird seit etlichen Jahren mit großem Erfolg in den USA, England und Frankreich angewendet (in Deutschland kann es über die französische Firma Boiron bezogen werden). In den inneren Organen dieser Enten findet sich eine große Vielfalt an Grippeviren, die ja oft aus dem asiatischen Raum durch Zugvögel (besonders Wildenten) nach Europa eingeschleppt werden. Aus diesem Grund kommt das Mittel theoretisch sowohl für die Vogel- als auch für die Schweinegrippe in Betracht. Man könnte es als homöopathische Alternative zu dem im Vergleich dazu nebenwirkungsreichen »Tamiflu®« bezeichnen.

Beim trockenen, hackenden Husten konnte ein Sirup mit Drosera C3 und neun weiteren homöopathischen Inhaltsstoffen in tiefen Potenzen innerhalb einer Woche bei 20 von 30 Patienten den Husten signifikant zum Abklingen bringen, im Vergleich zu nur acht von 30 Patienten in der Kontrollgruppe.18

An 75 Kindern in den USA mit akuter Mittelohrentzündung zeigte sich, dass individuell verabreichte homöopathische Mittel die Beschwerden und Schmerzen schon innerhalb der ersten 24 Stunden deutlich reduzierten.19

Drei Studien konnten belegen, wie homöopathische Einzelmittel bei Durchfall von Kindern in Nicaragua und Nepal sowohl die Erkrankungsdauer als auch die Zahl der Stühle signifikant zurückgehen ließen.20

Die Homöopathie ruht also nicht nur auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament und weist beachtliche empirische Erfolge auf, sondern sie zeigt auch in einer ganzen Reihe hochqualitativer klinischer Studien die Wirksamkeit ihrer Mittel. Selbstverständlich gibt es auch eine Menge Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie nicht belegen. Ansonsten könnte ja von etablierter Seite kein Zweifel an dieser Therapieform bestehen. Jede positive klinische Doppelblindstudie sollte jedoch ihre Gegner, die ansonsten jede Wirkung der Mittel kategorisch mit einem Placeboeffekt abtun, zumindest zum Nachdenken bringen. Dennoch lassen bestimmte Interessenverbände nichts unversucht, um die Homöopathie als unwirksam zu deklarieren.

Bis Mitte 2005 waren vier große Übersichtsarbeiten oder Metaanalysen zur Homöopathie vorgenommen worden. Und bis auf eine einzige zeigten sie, dass eine überraschend große Anzahl der Studien von guter Qualität (ähnlich wie die hier vorgestellten) positive Ergebnisse für die Heilmethode Hahnemanns hervorbrachten. Wurden allerdings nur die größten Studien selektiv untersucht, ergab sich ein weniger deutlicher Effekt zugunsten der homöopathischen Mittel.21Trotzdem ließ sich deren Wirksamkeit gegenüber einem Placebo nicht mehr völlig absprechen. Für die Homöopathie sah es mit einem Mal recht gut aus. Selbst Kritiker schienen sich mit ihrer Effektivität nun abfinden zu müssen. Doch dann erschien im August 2005 ein Artikel, der all dies mit einem Schlag zunichtemachen sollte.

DER SKANDAL

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.«

(vermutlich) Winston Churchill

Lancet-Studie: Das Ende der Homöopathie – denn sie sei nur Placebo-Medizin …

Im Jahre 2005 kam der bisher letzte vermeintliche Vernichtungsschlag gegen die Homöopathie. Das renommierte Journal The Lancet veröffentlichte eine in der Zwischenzeit viel zitierte Studie, die der Homöopathie endlich den Garaus machen sollte. Wie ein Lauffeuer ging es daraufhin weltweit durch die Medien: Die journalistische Autorität auf dem Gebiet der Medizin kann zeigen, dass die Homöopathie nicht wirkt. Wer sich jedoch die Mühe machte, die Hintergründe dieser Studie zu beleuchten, der fing an, Fragen zu stellen: Warum verwendete das Journal eine Studie, die selbst von ihren Auftraggebern als problematisch bezeichnet wurde? Warum konnte man in derselben Ausgabe des Lancet in einem Nebensatz lesen, die WHO plane, einen Report zu veröffentlichen, der die Homöopathie auf gleiche Stufe mit der Schulmedizin stellen will? Und warum bediente sich ein bis dato seriöses Journal des Wortschatzes der Boulevardpresse? War das vielleicht nicht so sehr ein Vernichtungs-, sondern eher ein Verzweiflungsschlag gewesen? Hier die Details:

… oder WHO: Die Homöopathie ist genauso effektiv wie die Schulmedizin?

Im August 2005 veröffentlichte Lancet eine Studie, die zum 250. Geburtstag Hahnemanns den Totengesang für die Homöopathie einläuten sollte. In einer Metaanalyse des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern sei untersucht worden, ob Beweise aus klinischen Studien dafür vorlägen, dass die Wirksamkeit der Homöopathie über einen reinen Placeboeffekt hinausgehe. Die Analyse von A. Shang und Kollegen kam zu folgendem vernichtenden Ergebnis: Eine Untersuchung von insgesamt 110 Studien stütze ihre Ausgangshypothese, die klinischen Effekte der Homöopathie seien im Vergleich zu den Wirkungen der konventionellen Medizin nur unspezifische Placebo- oder Kontexteffekte. Das Team von A. Shang, das also von vornherein davon ausgegangen war, die Homöopathie könne nicht wirksam sein, fand sich in ihrer Annahme voll bestätigt.

Im Editorial zu der Studie gingen die Redakteure des Lancet sogar so weit, vom »Ende der Homöopathie« zu sprechen. Es müsse jetzt endlich Schluss damit sein, noch weiter Gelder in die Erforschung der Homöopathie zu stecken, hieß es da. Ärzte wurden aufgefordert, ihren Patienten geradeheraus und ehrlich zu sagen, dass die Behandlung mit homöopathischen Mitteln nichts anderes als Placebo-Medizin sei. Viele andere Medien griffen den Artikel aus dem Lancet auf und versuchten in der Formulierung, es den Redakteuren des englischen Wissenschaftsblattes gleichzutun. Die Beiträge ähnelten dabei weniger der Arbeit von Wissenschaftsjournalisten, sondern eher der von Theaterkritikern, die in blumenreichen Worten die Neuinszenierung eines alten Stückes verreißen, ja die gar von einem Illusionisten (Zauberer!) schrieben, der einen Preis für den Beweis der Homöopathie ausgesetzt hat.1

Endlich wurde einmal aufgeräumt mit dem, was nicht sein kann und auch nicht sein darf. Die homöopathischen Mittel mit ihren hohen Potenzen oder Verdünnungen, in denen chemisch und rechnerisch nichts mehr vorhanden ist, sind der schulmedizinischen Wissenschaft ja schon von Anbeginn ein Dorn im Auge gewesen. Denn da, wo chemisch gesehen nichts drin ist, da kann ja auch nichts wirken. Daran hat sich in den letzten 200 Jahren nichts geändert (wenn man einmal die Erkenntnisse der modernen Physik außer Acht lässt). Umso ärgerlicher war es, dass die Homöopathie in den letzten Jahren weltweit eine der begehrtesten Alternativtherapien geworden ist. Aber nicht nur das, immer mehr Studien wollten zudem die Wirksamkeit der Homöopathie belegen. Und so stolpert man dann in derselben Ausgabe des Lancet über den Hinweis zu dem Entwurf eines WHO-Reports, der für die Homöopathie mehr als positiv ausfällt: »Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien in den letzten 40 Jahren haben gezeigt, dass die Homöopathie dem Placebo überlegen und der konventionellen Medizin in der Behandlung von Menschen und Tieren gleichwertig ist.«

Ja, und nicht nur wirksam, sondern schlimmer noch – sogar günstiger als die konventionelle Behandlung soll sie sein, die Homöopathie. Für den Kritiker sind das natürlich Besorgnis erregende, wenn nicht gar unhaltbare Zustände. Da konnte man also nur von Glück reden, dass der Lancet diese neue Studie herausbrachte. Sie wurde in der Zwischenzeit immer wieder aufgeführt, um die Unwirksamkeit der Homöopathie zu untermauern. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Hintergründe der Studie genauer zu untersuchen. Interessanterweise haben weder die Redakteure des Lancet noch die meisten Journalisten der anderen Medien darüber berichtet. Stattdessen wurde mit der Studie eine Medienlawine losgetreten, welche die wieder aufkommende Homöopathie im Keim ersticken sollte.

Die Hintergründe zur Lancet-Studie: Das Schweizer Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK)

Die besagte Metaanalyse im englischen Lancet war schon vorab in der Schweiz bekannt geworden, und zwar im Programm Evaluation Komplementärmedizin (PEK) der Schweizer Bundesanstalt für Gesundheit, für die sie ursprünglich in Auftrag gegeben worden war. Die Schweizer hatten sich für das fünfjährige Projekt Ende der 90er Jahre entschieden. Ab 1999 wurden von der dortigen Grundversicherung die Kosten von folgenden komplementären Therapieformen getragen: Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie, Phytotherapie, TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und Homöopathie. Ende 2004 wertete man die Daten dann aus. Anhand von Wirksamkeit, möglichen Gefahren und Risiken (Sicherheit), Inanspruchnahme und Zufriedenheit der Patienten sowie Kosten und Wirtschaftlichkeit wurden die einzelnen Therapierichtungen im Vergleich zur konventionellen Medizin beurteilt. Der Schlussbericht des PEK wurde am 24. April 2005 veröffentlicht und in ihm ging man explizit auf die Metaanalyse, die später dann im Lancet wieder auftauchen sollte, ein.

Im Folgenden wird fast ausschließlich auf die Ergebnisse des Schweizer Schlussberichts für die Richtung Homöopathie Bezug genommen. Um die Wirksamkeit der Heilmethode bewerten zu können, wurden zuerst einmal systematische Reviews aus der Literatur herangezogen. Die meisten davon zeigten, dass die Homöopathie effektiv ist. Der HTA (Health Technology Assessment Report) von Prof. Dr. med. Peter Matthiessen und dessen Mitarbeitern kam zu dem Ergebnis: »In der Auswertung von 22 systematischen Reviews zur Homöopathie fanden 20 Arbeiten zumindest einen Trend zugunsten der Homöopathie.« Fünf Studien zeigten sogar einen deutlichen Beleg für deren Wirksamkeit. Auf dieser Basis stuften die Berichtsautoren die »Alltagswirksamkeit« der Homöopathie bei drei Möglichkeiten (wahrscheinlich, fraglich, unwahrscheinlich) als »wahrscheinlich« ein und folgerten, es gebe ausreichend Belege für eine klinische Wirksamkeit!

Von den 110 Studien zur Homöopathie wurden nur acht verwendet

In einem nächsten Schritt wurden nun von der Universität Bern integrierte statistische Auswertungen vorgenommen, bei denen die Ergebnisse mehrerer Studien in einer einzigen Zahl zusammengefasst wurden, darunter auch die hier infrage gestellte Metaanalyse von Shang et al. zur Homöopathie. Da die Methodik solcher Analysen äußerst komplex ist, soll an dieser Stelle versucht werden, die Vorgehensweise möglichst verständlich darzustellen.

Für die Analyse wurden 110 placebokontrollierte homöopathische Studien 110 Studien der konventionellen Medizin gegenübergestellt, die sich in ihrer methodischen Qualität ähnelten. Bei den meisten zeigte sich unter Verum, also unter der aktuellen Versuchsgruppe, eine bessere Wirkung als unter Placebo. Dann erfolgte eine Untersuchung der Ergebnisse auf Heterogenität. Dabei wird geprüft, ob die Ergebnisse der einzelnen Studien – unter der Annahme, dass alle Studien den gleichen Effekt messen – stärker voneinander abweichen, als dies aufgrund zufälliger Schwankungen zu erwarten wäre. Ein Heterogenitätsindex von 50 bis 75 Prozent zeigt dabei an, dass die einzelnen Studien Unterschiedliches messen oder Störfaktoren die Ergebnisse verfälscht haben. Da bei den homöopathischen Studien der Index um die 65 Prozent lag, zogen die Forscher aus Bern nur eine Anzahl der größeren Studien für die Analyse in Betracht. Denn hier spielt der Zufall eine geringere Rolle als in kleineren Studien, bei denen die Ergebnisse stärker um den »wahren« Wert schwanken können, d. h. in einzelnen kleinen Studien kann die Wirksamkeit überschätzt, in anderen unterschätzt werden.

Man spricht in solchen Fällen von einem »small study bias«, was bedeutet, kleinere Studien können ein eher verzerrtes Bild von der Wirksamkeit abgeben. Somit wurden von insgesamt 110, zumeist positiven Homöopathiestudien nur acht größere herangezogen und dann gepoolt (zusammengeworfen). Die Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus war dabei nicht signifikant. Dies bedeutet also: Nicht anhand von 110 Studien, sondern von nur acht beschwor der Lancet das Ende der Homöopathie herauf.

Eine vergleichbare Studie zeigt: Schulmedizin wirkt auch nicht!

Vielleicht war es den Redakteuren des Lancet vorenthalten worden, aber die Uni Bern hatte natürlich ebenso eine Metaanalyse für die Therapierichtung Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) erstellt. Hier zeigten die neun großen Phytotherapie-Studien übrigens eine deutlich bessere Wirkung als die Placebos. Doch nur zwei der insgesamt 89 schulmedizinischen Vergleichsstudien wurden, so der PEK-Schlussbericht, als methodisch hochwertig kategorisiert – und in diesen war der Effekt zufälligerweise nicht signifikant höher als ein Placebo. Würde man hier dieselben Maßstäbe des Lancet anlegen, könnte dies nur eines bedeuten: das Ende der konventionellen Medizin! Da nach dieser Metaanalyse die Schulmedizin nicht besser wirkt als Placebo-Medizin, wäre es folgerichtig, die Gelder für die schulmedizinische Forschung zu stoppen! Und Ärzte müssen ihren Patienten klar und deutlich sagen: Alles schulmedizinische Tun ist nur trügerische Scheinbehandlung! Da wird die Beschränktheit der Vorgehensweise nur allzu offensichtlich!

Der Kommentar im Schweizer Schlussbericht: Die Metaanalyse sei problematisch

Im Vergleich zum Editorial des Lancet war der Kommentar im PEK-Schlussbericht einer wissenschaftlichen Arbeit schon eher angemessen und sah die Metaanalysen zwar als technisch hochwertig, im Bezug auf die Frage der Wirksamkeit jedoch als problematisch an, denn »… Grundvoraussetzung für eine eindeutige Interpretierbarkeit der Ergebnisse solcher Analysen ist, dass alle Studien eigentlich den gleichen Effekt messen. In den vorliegenden Analysen wurden jedoch Studien zu den verschiedensten Interventionen bei verschiedenen Erkrankungen zusammengeworfen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Interventionen bei allen Erkrankungen gleich große Effekte [= Wirkung] haben. Vielmehr ist es unzweifelhaft, dass die Größe von Behandlungseffekten erheblich variiert. Was als klinisch relevanter Behandlungseffekt definiert wird, hängt außerdem grundsätzlich (unabhängig vom zu erwartenden Effekt der Intervention) von Erkrankung und Zielkriterium ab. All dies hat Auswirkungen auf die Größe bzw. Präzision von Studien: Erwartet man einen großen Effekt, kann die Studie deutlich kleiner sein, erwartet man dagegen einen kleinen Effekt, wird eine große, präzise Studie benötigt ... Werden nun Gruppen von Studien zusammengeworfen, die unterschiedlich große ›wahre‹ Effekte messen, wird ein asymmetrischer funnel plot [= hoher Heterogenitätsindex] entstehen, auch wenn kein small study bias besteht.«2

Will man also eine aussagekräftige Antwort erhalten, kann man nicht so einfach Studien über die unterschiedlichsten Beschwerden in einen Topf werfen. In den Analysen der Berner Universität sei es zudem nicht möglich gewesen, zu unterscheiden, ob nun ein hoher Heterogenitätsindex durch small study bias oder durch wahre Unterschiede in den Effektgrößen verursacht wurde.

»Im Falle der Homöopathie kann man argumentieren, dass die Plausibilität einer Wirkung homöopathischer Potenzen so gering ist, dass man alle homöopathischen Interventionen als Placebo interpretiert, ihr ›wahrer‹ Effekt im Vergleich zu Placebo also gleich Null ist.«2

Dies war ja übrigens auch die Annahme von A. Shang und seinem Team, die schon von vornherein davon ausgegangen waren, dass die Wirkungen der Homöopathie nur unspezifische Placebo- oder Kontexteffekte seien. Sollte diese Annahme aber zutreffen, dann sei die gesamte Heterogenität durch »small study bias« verursacht. Zu einem gewissen Grade wäre es in so einem Fall angemessen, so der Schlussbericht, alle Studien zusammenzuwerfen. Würde man aber alle 110 Homöopathiestudien in der Metaanalyse poolen, wäre die Wirksamkeit der Homöopathie eindeutig bewiesen!

Die PEK-Bewertung

»Bei bestimmten Indikationsgebieten hat die Schulmedizin gar keine Alternative zur Homöopathie oder nur Medikamente mit beträchtlich höherem Risikopotenzial.«2

Der Schweizer Ausschuss fasste die Ergebnisse zur Homöopathie wie folgt zusammen:

• Bei den Bewertungsberichten wurde die Homöopathie als »eingeschränkt wirksam«, in der Metaanalyse als »eingeschränkt nicht wirksam« bewertet.

• Beim Bewertungskriterium Sicherheit attestierte der Ausschuss der Homöopathie, dass das »klinische Schädlichkeitspotenzial« in der Hand ausgebildeter Fachkräfte zu vernachlässigen sei.

• Die Nachfrage für Homöopathie sei groß, die Zufriedenheit der Patienten uneingeschränkt belegt.

• Beim letzten und für die Schweizer wahrscheinlich wichtigsten Punkt, der Wirtschaftlichkeit und den Kosten, kam der Ausschuss zu einem »eingeschränkt positiven« Ergebnis. Die direkten Kosten bei der homöopathischen Behandlung lagen circa um ein Drittel niedriger als bei der schulmedizinischen, doch seien die Patienten, die zum Homöopathen gingen, im Allgemeinen jünger und gesünder als der Durchschnittspatient beim Schulmediziner. Trotz einer nachträglichen Abwertung schloss die Homöopathie aber immer noch leicht kostengünstiger ab als die Schulmedizin. Zwar seien die Konsultationskosten höher, doch die Kosten von Diagnostik und vor allem von Medikamenten seien demgegenüber wesentlich niedriger.

Vernachlässigt vom PEK wurden aber die Steuervergünstigungen und staatlichen Forschungsgelder der pharmazeutischen Industrie in der Schweiz, die in die Diagnostik- und Medikamentenkosten der schulmedizinischen Behandlung mit hineingerechnet werden müssten. Somit dürften unter dem Strich die homöopathischen Behandlungen deutlich günstiger ausfallen als die schulmedizinischen. Würden zudem die Kosten für iatrogene Erkrankungen mit einfließen, also die Kosten, die durch ärztliche Kunstfehler und vor allem durch Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten auftreten, dann dürfte die Kosten-Nutzen-Analyse eindeutig zugunsten der Homöopathie ausfallen. Eine erste solche Untersuchung aus den USA konnte beispielsweise 2001 zeigen, dass dort über 250.000 Menschen jährlich an iatrogenen Erkrankungen starben, was somit bei den Amerikanern die dritthöchste Todesursache nach Krebs und Kreislauferkrankungen darstellte.3 Eine aktuelle Studie zeigt noch bedenklichere Zahlen (siehe →hier). Die Toten sind dabei nur die Spitze eines morbiden Eisbergs. Nebenwirkungen von schulmedizinischen Medikamenten dürften mit großer Wahrscheinlichkeit zu extrem hohen Folgekosten führen. Der Schlussbericht der Schweizer kam zu folgendem Ergebnis: »Die insgesamt befürchtete Kostenzunahme in der Grundversicherung während der PEK-Laufzeit durch die Kosten für die KM [Komplementärmedizin] ist nicht eingetreten.«2

Die vollständige Schlussbewertung der Homöopathie

»Aus konventioneller, naturwissenschaftlicher Sicht gibt es für die Homöopathie keinen plausiblen Wirkmechanismus. Dennoch gilt das Fehlen von Plausibilität nicht als Beweis für die Unwirksamkeit und stellt kein zwingendes Kriterium innerhalb einer EBM [Evidence based medicine = Medizin, die auf einem Wirksamkeitsnachweis mittels klinischer Studien beruht] dar. Die in der Literatur analysierte Wirksamkeit führt in der Metaanalyse der placebokontrollierten Studien zu einem negativen und unter Einbezug des anderen Erkenntnismaterials im Rahmen des Bewertungsberichtes zu einem positiven Ergebnis[!]. Die Nachfrage für die Homöopathie ist in der Schweiz verhältnismäßig hoch. Das klinische Schädigungspotenzial der besonderen Arzneimitteltherapie ist in der Hand ärztlicher Grundversorger zu vernachlässigen. Die Klientel ist breit, dennoch bilden Kinder mit ihren typischen Erkrankungen und Frauen mit psychischen Störungen, Schwangerschaft und postmenstruellen Beschwerden Schwerpunktanwendungen. Diesen Indikationsgebieten stehen im konventionellen Bereich oft gar keine Alternativen oder nur medikamentöse Behandlungen mit einem beträchtlich höheren Risikopotenzial als Homöopathika zur Verfügung.«2

Politische Manöver von Lancet und Schweizer Bundesrat?

Nachdem die Schweizer Studiendaten ergeben hatten, dass Homöopathie und Pflanzenheilkunde der Schulmedizin gegenüber in der Praxis mindestens gleichwertig, wenn nicht in bestimmten Bereichen gar überlegen sind, und selbst der Schlussbericht mit typischer schweizerischer Zurückhaltung »vorsichtig positiv« zugunsten der Komplementärmedizin ausfiel, sollte es nachdenklich stimmen, dass der Schweizer Bundesrat in der Folge beschlossen hatte, alle komplementärmedizinischen Methoden (KM) aus der gesetzlichen Krankenversicherung auszuschließen. Seine Begründung: Die Wirksamkeit der komplementären Medizin sei durch diese eine Studie von A. Shang ja nun doch nicht wirklich belegt und damit könne die Alternativmedizin auch nicht wirtschaftlich sein. Der Schweizer Bundesrat kam also zu genau der entgegengesetzten Erkenntnis wie der Schlussbericht seines Expertenteams. Das wirft die Frage auf, ob diese Entscheidung, wie auch die recht dramatische redaktionelle Beurteilung der problematischen Metaanalyse im Lancet, nicht politisch motiviert war.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zum einen haben klassische Naturwissenschaftler ein epistemologisches, also wissenschaftlichphilosophisches oder erkenntnistheoretisches Problem mit der Homöopathie. Und selbst wenn sich in immer mehr wissenschaftlichen Studien bestätigen sollte, dass die Homöopathie doch wirkt, dürfte es schwerfallen, nach 200 Jahren heftigsten Kampfes gegen diese Scharlatanerie plötzlich einzulenken und zuzugeben, man habe die ganze Zeit über falsch gelegen. Da ist es sicherlich erst einmal besser, Augen und Ohren gegenüber dem Fortschritt zu verschließen und mit einer dubiosen Analyse von nur acht Studien und großem Fanfarengetöse in einem renommierten Fachblatt das Ende der Homöopathie heraufzubeschwören.

Wenn die WHO dann auch noch plante, einen Report zu veröffentlichen, der Homöopathie und konventionelle Medizin gleichwertig nebeneinanderstellen will, und die Ergebnisse einer jahrelang laufenden Schweizer Studie diese Erkenntnisse zudem noch bekräftigen, dann ist das geradezu gefährlich. Nicht so sehr für die Ärzte, deren Mehrzahl nach wie vor heilen will. Sollte sich die Homöopathie als wissenschaftlich effektiv erweisen, könnte dies den für sie noch zusätzlichen Bonus haben, mehr für die aufwändigere Konsultation berechnen zu können. Sich Zeit für seine Patienten zu nehmen, würde endlich wieder einmal honoriert werden. Für die Krankenkassen sei es ebenfalls unproblematisch: Als wirtschaftlich orientierte Unternehmen wollen sie natürlich Behandlungskosten sparen, und da die Kosten-Nutzen-Analyse eindeutig zugunsten der Komplementärmedizin ausfällt, würden nicht nur von den privaten Versicherungen, sondern zunehmend auch von den öffentlichen Kassen, wie beispielsweise der Deutschen BKK, die Kosten für die homöopathische Behandlung übernommen werden.

Nein, am härtesten trifft es, das wird ja aus der Schweizer Studie offensichtlich, die Pharmaindustrie. Denn gerade bei den Kosten für Medikamente wird bei der Anwendung von Homöopathika jede Menge Geld gespart. Nun ist die Schweiz ja Ursprungs- und Heimatland etlicher großer Pharmakonzerne, die sicherlich mit Unbehagen beobachten dürften, wie billige Außenseitertherapien beginnen, ihre Marktanteile wegzufressen. Da könnte es dann schon sein, dass hier Druck auf die Politik ausgeübt wird, und es ist auch im Rahmen des Vorstellbaren, dass die Politik sich dadurch beeinflussen lässt. Auf jeden Fall wollte man ganz offensichtlich weitere Forschung zur Homöopathie unterbinden, das Vertrauen der Patienten erschüttern und den Zugang zu dieser effektiven und nebenwirkungsarmen Therapieform erschweren. Gegen die Entscheidung des Schweizer Bundesrates lief umgehend ein Volksbegehren und am 17. Mai 2009 hat sich eine überwältigende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung in einem Volksentscheid für die Verankerung der Komplementärmedizin (und damit auch der Homöopathie) in die Verfassung ausgesprochen.

Wissenschaftler und Ärzte wiesen die Lancet-Studie sofort zurück

Der schweizerische Verein homöopathischer Ärzte (SVHÄ) hatte bereits vor Publikation der Studie gravierende und formale Mängel an derselben offengelegt. Das Forschungsdesign werde der Homöopathie nicht gerecht. In einer Stellungnahme der British Faculty of Homeopathy, die die englischen Homöopathen vertritt, äußerte Dr. P. Fisher, klinischer Direktor des Royal Homeopathic Hospital in London, den Verdacht, die Analyse sei voreingenommen und versuche, die Homöopathie unglaubwürdig zu machen. »Die hochtrabende Zusammenfassung, Homöopathie sei nur Placebo-Medizin, basiert nicht auf 110 klinischen Studien, sondern nur auf acht.«4

Der Deutsche Zentralverband homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) schrieb in seiner Stellungnahme, etliche andere Metaanalysen und Übersichtsarbeiten seien zu genau dem gegenteiligen Ergebnis der Lancet-Studie gekommen.5 Ein ähnliches Ergebnis wie in der Schweizer PEK-Studie habe sich bereits in einer deutschen Studie gezeigt: Der Verlauf chronischer Erkrankungen unter homöopathischer Behandlung – Ergebnisse einer prospektiven multizentrischen Beobachtungsstudie.6 Die Untersuchung zeige, dass die homöopathische Behandlung hinsichtlich der Effektivität der konventionellen Methoden mindestens gleichwertig sei, teilweise sogar überlegen.7

Auch etliche prominente amerikanische Wissenschaftler äußerten Kritik an der Studie im Lancet. Zwar sei die Metaanalyse des Berner Teams geeignet, Schlüsse über die Wirksamkeit der Schulmedizin zu ziehen, aber sie sei nur bedingt von Nutzen bei der Beurteilung der Homöopathie. Kriterien, wie sie für eine qualitativ hochwertige Homöopathie-Forschungsstudie notwendig wären und die das Wesen der homöopathischen Therapieweise berücksichtigten, wurden nicht beachtet. Man könnte es mit einer Studie vergleichen, die die Wirkung von Penicillin bei Patienten mit allgemeinen Symptomen einer Infektion testet. Selbst wenn die Qualität der Studie generell hochwertig wäre, sie würde nur bei einem sehr kleinen Teil der Patienten eine positive Wirkung zeigen, nämlich nur bei denen mit einer bakteriellen Infektion, die auf Penicillin anspricht. Eine Metaanalyse von solchen Studien zur Wirkung von Penicillin könnte hier dann auch nur unspezifische Placebo- oder Kontexteffekte nachweisen, da die Studien nicht die spezifische Natur des Wirkstoffs berücksichtigen, so Dr. Iris Bell von der Universität von Arizona.

Roy Rustum, renommierter Materieforscher der Penn State University, fand härtere Worte. Die Erörterungen zur Chemie seien wissenschaftlich falsch. »Der redaktionelle Inhalt des Lancet, soweit er sich auf die Homöopathie bezieht, stützt sich auf eine recht veraltete Idee aus dem neunzehnten Jahrhundert, dass die Aufnahme fremder Moleküle die einzige Art und Weise sei, wie die Eigenschaften von Wasser beeinflusst oder verändert werden können.« Das sei eine auf Avogadro beschränkte Erörterung der Chemie von Schulniveau. Damit bezieht er sich auf das schon erwähnte Argument, in der homöopathischen Hochpotenz könne gar nichts mehr wirken, da rechnerisch bei Verdünnungen über der Avogadro-Zahl (C12 / D24) keine Moleküle der Ausgangssubstanz zu finden sind. Rustum weiter: »Für einen Materiewissenschaftler ist diese Behauptung absurd, denn das fundamentale Paradigma der Materieforschung ist, dass die Beziehung zwischen Struktur und Eigenschaft das grundlegend Bestimmende für einfach alles ist.« Es sei einfach eine Tatsache, dass die Struktur von Wasser und damit auch sein Informationsgehalt auf zahllose Art und Weise geändert werden kann.8

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Metaanalyse von Shang et al. in Ausführung und Design zumindest problematisch war. Sie stützte sich zudem auf insgesamt nur acht Studien. Anhand dieser Daten forderte dennoch die Redaktion des Lancet das Ende der Homöopathie sowie das Ende weiterer Forschung zur Homöopathie und eine Aufklärung des Patienten über diese »Scheintherapie«. Was der Lancet aber verschwieg: Die Analyse wurde schon vorab im Rahmen des Schweizer PEK veröffentlicht, das fünf Jahre lang alternative Therapieverfahren getestet hatte. In deren Schlussbericht schnitt die Homöopathie durchaus positiv ab: Wirksamkeit, Sicherheit, Inanspruchnahme, Patientenzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit seien zumindest eingeschränkt belegt. Dagegen fiel die Studie von Shang et al. und das Editorial des Lancet für die Homöopathie maximal rufschädigend aus. In diesem weltweit bekannten Fachblatt mit so starken redaktionellen Worten kommentiert, konnte man sich großer Verbreitung sicher sein. Und in der Tat griff die Presse »das Ende der Homöopathie« meist unkritisch auf und gab es weiter. War genau dies etwa beabsichtigt gewesen? War »der Tod der Homöopathie« weniger durch Fakten als durch Rufmord geplant gewesen? Doch wer zu solch drastischen Mitteln greift, hat oftmals Angst oder möchte etwas aus dem Weg räumen, was ihm zu unangenehm geworden ist.

So sei dann noch auf folgendes Paradoxon hingewiesen: Nur eine Woche nach der Veröffentlichung im Lancet stellten andere Forscher der Universität Bern, aus der ja auch die hier diskutierte Metaanalyse stammt, eine weitere, qualitativ hochwertige Studie vor, die zeigen konnte, dass bei hyperaktiven Kindern mit ADS (AufmerksamkeitsDefizit-Syndrom) die Homöopathie eindeutig hilft.9 Dies konnte nur bedeuten: Anders als für die Redakteure des Lancet ist für die Wissenschaftler der Universität Bern die Wirksamkeit der Homöopathie noch lange nicht ausgeschlossen! Und dann gab es in der Zwischenzeit auch noch die Studie der Berliner Charité, deren Professor Stefan Willich 2007 in der Berliner Zeitung schrieb: »Wir Schulmediziner müssen umdenken«. Eine Auswertung der Befunde von knapp 500 Patienten, die für ihre chronischen Beschwerden entweder homöopathisch oder schulmedizinisch behandelt wurden, deutet nämlich darauf hin, dass die Homöopathie bei vergleichbaren Kosten bessere Ergebnisse zeigt.10 Wobei dies nur eine von über 15 so genannten »Outcome«- oder Kohortenstudien war, die in den letzten Jahren alle eine deutliche Wirksamkeit der Homöopathie zeigen konnten.11 Und das Beste zum Schluss: 2008 kamen dann zwei Studien heraus12, die auf so deutliche Fehler der Metaanalyse von Shang et al. hinwiesen, dass selbst der Elsevier-Verlag, der das Journal The Lancet publiziert, in einer Pressemitteilung unter der Überschrift »Neue Beweise für die Homöopathie« mitteilte, die Metaanalyse, die behauptet hatte, die Homöopathie sei nur Placebo, wäre äußerst mangelhaft gewesen. Professor Egger, der federführend an der Lancet-Studie beteiligt war, habe es aber abgelehnt, zu diesen Ergebnissen Stellung zu nehmen.13

DIE WIRKUNG ULTRAHOHER VERDÜNNUNGEN BEI MENSCH UND TIER

Wirksamkeit homöopathischer Medikamente im Tierversuch – können das noch Placeboeffekte sein?

Wissenschaft auf dem Vormarsch

Auf den Gebieten der Biologie, Biochemie und Immunologie wurde in den letzten Jahren vermehrt untersucht, ob die ultrahohen Verdünnungen der homöopathischen Mittel wirksam sein könnten. In-vivo- und In-vitro-Studien und -Forschungsmodelle sind dabei für die moderne Wissenschaft von größter Bedeutung, da sie, losgelöst aus dem Kontext der Klassischen Homöopathie mit ihren methodischen und philosophischen Vorgaben, bei korrekter Durchführung in verschiedenen Laboratorien vergleichbare Ergebnisse hervorbringen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse können dann nicht mehr einfach mit dem Argument abgetan werden, die Wirkung beruhe nur auf einem Placebo-effekt. Wie an den folgenden Studienergebnissen gezeigt werden soll, haben Wissenschaftler anhand von experimentellen Versuchen an Mensch und Tier erfolgreich nachgewiesen, dass homöopathisch zubereitete Substanzen in der Tat spezifische Wirkungen erzielen.

Studien an gesunden Menschen

Zuerst sei noch einmal an die Experimente an gesunden Testpersonen erinnert, die von Samuel Hahnemann in die Homöopathie eingeführt wurden und den Grundpfeiler dieser Heilweise darstellen: die Arzneimittelprüfungen, kurz AMP. Dabei wird einer Gruppe gesunder Testpersonen die zu prüfende Substanz so lange verabreicht, bis sich bestimmte Symptome ergeben. Auf diese Weise sind bis heute Hunderte von Substanzen homöopathisch untersucht worden. Viele dieser Mittel wurden mehrfach von unterschiedlichen Prüfern und verschiedenen Testgruppen mit ähnlichen Ergebnissen getestet. Auch drei moderne doppelverblindete homöopathische AMPs belegen, dass am Gesunden – im Vergleich zu den Placebogaben – spezifische Symptome hervorgerufen werden. Und dies nicht nur bei Tief-, sondern auch bei Hochpotenzen.1 Im Rahmen einer Studie brachten es die Forscher dann auf den Punkt: »Homöopathische Mittel produzieren andere Symptome als Placebos.« Selbst in der Schulmedizin sind solche »Prüfungen« bekannt, nur dass sie hier nicht mit derselben Akribie und Methodik durchgeführt worden sind. Meist waren es zufällige Erkenntnisse aus klinischen Studien.

1987 wurde beispielsweise bei gesunden Testpersonen eine paradoxe Wirkung von homöopathisch verabreichtem Aspirin® (Acetylsalicylsäure) beobachtet: Bekanntermaßen verlängert Aspirin in pharmakologischen Dosen von 50 bis 500 mg die Blutgerinnungszeit. Damit gehört es zu den »blutverdünnenden« Medikamenten. In diesem Versuch, der als ein Beweis für die Gültigkeit des homöopathischen Ähnlichkeitsgesetzes angesehen werden kann, verkürzte sich die Blutgerinnungszeit bei gesunden Testpersonen, denen Aspirin® in der homöopathischen Potenz C5 verabreicht wurde. Das Ergebnis war signifikant zur Kontrollgruppe, die ein Placebo erhielt.2

Studien aus der Veterinärmedizin

Seit Langem wird die Homöopathie auch erfolgreich in der Tierheilkunde angewendet. Da es nicht recht möglich ist, die positive Wirkung eines Homöopathikums bei Tieren als Placeboeffekt zu interpretieren, wurden diese oftmals als Einbildung der Tierhalter abgetan. Deshalb folgen hier ein paar wissenschaftliche Studien: Bei Milchkühen konnte das homöopathische Mittel Sepia C200 deutlich die Zahl typischer Komplikationen nach der Geburt eines Kalbs reduzieren.3 Eine weitere Studie an Schweinen belegte eindrucksvoll, dass verschiedene Kombinationsmittel mit Mischungen aus Lachesis, Pulsatilla und Sabina oder Lachesis, Echinacea und Pyrogenium in Verbindung mit Caulophyllum (alle Einzelsubstanzen in tiefen Potenzen von D1 bis D6) bei Infektionen wie Metritis (Entzündung der Gebärmuttermuskulatur) und Mastitis (Brustdrüsenentzündung) an Säuen sowie bei Durchfall junger Schweine deutliche prophylaktische und therapeutische Wirkungen aufwiesen.4

Bei Vergiftungserscheinungen

Schon in den 1950er Jahren zeigten Studien, dass Arsen und Bismuth in der homöopathischen Potenz C7 die Entgiftung bei Tieren über die Nieren erhöhten, die mit diesen Metallen vergiftet worden waren.5

Neuere Studien an Mäusen konnten diese Ergebnisse im Falle einer Arsenvergiftung wiederholen. Dabei wurden unterschiedliche Potenzen von der C5 bis zur C31 getestet, wobei C7 und C17 die beste Wirkung aufwiesen. Da, wie gesagt, rein rechnerisch in homöopathischen Mitteln ab der Potenz C12 kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist, müssten – Kritikern zufolge – diesen Tieren bestimmte Potenzen von »nichts« geholfen haben. Ebenfalls von Interesse ist, dass die Verdünnungen ihre Wirkung verloren, wenn sie über 30 Minuten auf 120 Grad Fahrenheit (knapp 50 °C) erhitzt wurden.6 Dies verdeutlicht einerseits die Wirksamkeit, andererseits aber auch die Hitzeempfindlichkeit homöopathischer Mittel.

Es ist bekannt, dass Vergiftungen durch Phosphor und Carbontetrachlorid (CCl4) ganz ähnlich ablaufen. Eine Forschergruppe konnte nun eine deutliche Schutzfunktion homöopathischer Verdünnungen von Phosphorus (C7 und C15) und Carbontetrachlorid (C7) bei einer durch das Lebergift CCl4 ausgelösten Hepatitis nachweisen.7 Eine weitere Studie belegt, dass Ratten, die mit dem homöopathischen Quecksilberpräparat Mercurius corrosivus C9 und C15 vorbehandelt wurden, eindeutig gegen mittlere bis hohe Dosen von giftigem Quecksilber (5 – 6 mg/kg) geschützt waren.8

Bei Diabetes

Mäuse, denen 40 mg/kg Alloxan verabreicht wird, entwickeln Diabetes, da diese Substanz die Insulin produzierenden Zellen des Pankreas schädigt. Dies konnte aber verhindert werden, wenn man die Mäuse mit der homöopathischen Verdünnung Alloxan C9 prophylaktisch vorbehandelte. Zudem war es möglich, diesen Diabetes mit Gaben von Alloxan C9 wieder zu heilen.9

Bei Leberkarzinom

Ratten, denen über einen längeren Zeitraum die krebserregenden Substanzen 2-Acetylaminofluoren und Phenobarbital verabreicht werden, entwickeln Leberzellkarzinome. Werden sie jedoch gleichzeitig mit homöopathischen Zubereitungen von 2-Acetylaminofluoren C9 und von Phenobarbital C9 behandelt, wird die Entwicklung der Karzinome deutlich verzögert oder gar verhindert.10

Bei Strahlungsschäden

Werden weiße Meerschweinchen UV-Strahlen ausgesetzt, kommt es durch die Pigmentarmut rasch zu geröteter, gereizter Haut, einem so genannten Erythem. Hohe Verdünnungen von Bienengift (Apis C7 oder C9) konnten hier prophylaktisch eine deutliche Schutzfunktion und in circa 50 Prozent der Fälle eine therapeutische Heilwirkung zeigen. Da es beim Bienenstich auch zu einem Erythem kommt, bestätigt dieser Tierversuch somit eindrucksvoll das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie.11

Indische Forscher zeigten 1991 in einer weiteren Studie, dass bei weißen Mäusen, die Röntgenstrahlen ausgesetzt waren, die Zellschädigung deutlich durch die homöopathischen Mittel Ginseng D6, D30 und D200 sowie Ruta graveolens D30 und D200 verringert wurde, wenn diese vor und nach der Bestrahlung verabreicht wurden. Die Autoren der Studie sprachen sogar von einem »spektakulären« Schutz durch diese Mittel.12

Bei der Wundheilung

Silicea, die Kieselsäure, wird in der Homöopathie bei der Behandlung von Abszessen, chronischen Geschwüren sowie zur Wundheilung und zur Austreibung kleiner Fremdkörper wie Splitter und Dornen verwendet. Eine israelische Studie konnte dies 1990 bestätigen. Bei Mäusen führte Silicea (bis C200), dem Trinkwasser zugegeben, zu einer deutlich beschleunigten Wundheilung von gestochenen Ohrlöchern und zu einem schnelleren Wundverschluss.13

Als Prophylaxe bei Infektionskrankheiten

Das folgende Beispiel soll verdeutlichen, dass homöopathische Mittel in hohen Potenzen, wenn sie – ähnlich einer Impfung – vorbeugend bei Infektionskrankheiten gegeben werden, eine deutliche Schutzwirkung zeigen können: Ein amerikanisches Forscherteam verabreichte Mäusen prophylaktisch eine homöopathische Tularämie Nosode (C30, C200, C1000), bevor die Mäuse mit demselben, für diese Nager tödlichen Erreger, Francisella tularensis, infiziert wurden, aus dem das Mittel hergestellt worden war. Nach 15 Versuchsreihen stellte das Team im Vergleich zur unbehandelten Kontrollgruppe eine signifikant höhere Überlebensrate bei den homöopathisch »geimpften« Tieren fest. Die Autoren waren überrascht, ihre Hypothese nicht bestätigt zu finden – sie waren davon ausgegangen, dass sich die behandelten Tiere identisch zur unbehandelten Kontrollgruppe verhalten würden. Die Wissenschaftler glaubten also zu Beginn des Versuchs, die homöopathische Prophylaxe könne keine Wirkung zeigen, und wurden eines Besseren belehrt.14

Interessante Effekte weiterer Studien

Eine weitere Forschungsarbeit zeigte, dass Mastzellen von Ratten, die über sieben Tage das homöopathische Mittel Zincum metallicum in unterschiedlichen Potenzen von D4 bis zur D12 verabreicht bekamen, signifikant mehr Histamin freisetzten.15

Cuprum (Kupfer) wird in der Homöopathie als Spasmolytikum (krampflösendes Medikament) eingesetzt. Französische Wissenschaftler konnten dies in einer Studie bestätigen, in der das homöopathische Mittel Cuprum metallicum C4 bei Mäusen die Wirkung von Neostigmin, welches die Motilität (Bewegungen) des Verdauungstraktes beschleunigt, weitgehend aufhebt.16

In einer faszinierenden, groß angelegten Studie wies man in zwei österreichischen und in einem holländischen Forschungslabor nach, dass hohe homöopathische Verdünnungen des Schilddrüsenhormons Thyroxin (D30) die Metamorphose von der Kaulquappe zum Frosch signifikant verzögern, während tiefe Verdünnungen die Entwicklung beschleunigen. Auch die spontane Tendenz der Jungfrösche, das Wasser zu verlassen, wurde deutlich beeinflusst. Interessant war dabei, dass die Wirkung von Thyroxin bereits einsetzte, wenn eine verschlossene Ampulle mit dem Mittel in das Wasser mit den Kaulquappen gelegt wurde. Die Autoren der Studie sprachen von einem non-molekularen Informationstransfer (doch dazu später mehr, siehe →hier).17

Fazit

Selbst bei Tieren zeigen homöopathische Mittel immer wieder beeindruckende Ergebnisse – von Einbildung oder gar Placebo kann keine Rede sein. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Forschung hier weitermachen würde, auch wenn Tierversuche aus ethischer Sicht nicht unproblematisch sind. Die hier vorgestellten Versuche lassen keinen Zweifel daran, dass die Homöopathie das Potenzial besitzt, Diabetes und Krebs zu heilen, eine Art Impfschutz zu bieten und bei Vergiftungen und Strahlungsschäden wirksam zu helfen. Als Spontanheilungen lassen sich diese Wirkungen sicherlich nicht abtun. Dem sollte allerdings weiter nachgegangen werden. Die Wiederholung derartiger Versuche und Studien wäre also immens wichtig, um mehr Licht auf die kuriose Heilwirkung der allerkleinsten Gaben zu werfen.

DER GALILEO-EFFEKT IN DER HOMÖOPATHIE

Hahnemann: wie Galileo ein verkanntes Genie seiner Zeit?

Wiederholt sich die Geschichte?

Generell stellt sich die Frage, ob eine Außenseitermethode wie die Homöopathie überhaupt eine reelle Chance hat, eines Tages bewiesen zu werden, wenn die meisten Wissenschaftler bisher steif und fest behaupten, sie könne nicht wirken. Doch wie die Geschichte beweist, kann es mitunter etliche Jahrhunderte dauern, bis sich ein Wissen als selbstverständlich etabliert hat. Dies möchte ich am Beispiel des heliozentrischen Weltbildes verdeutlichen. Schon damals weigerten sich Wissenschaftler fast 250 Jahre lang umzudenken und einzugestehen, dass ihre Ansicht, alles drehe sich um die Erde (und damit um den Homo sapiens), falsch war.

Das kopernikanische Weltsystem

Der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) stellte als Erster die Theorie eines heliozentrischen Weltsystems auf. Er ging davon aus, nicht die Erde, sondern die Sonne befinde sich im Mittelpunkt unseres Universums, während unser Planet sich um sich selbst drehe und um die Sonne kreise. Sein Hauptwerk »Über die Kreisbewegungen der Weltkörper« war zwar schon 1530 fertiggestellt worden, wurde jedoch erst nach seinem Tod veröffentlicht. Die meisten derer, die Kopernikus’ Theorie damals verstanden, konnten jedoch das Konzept einer sich bewegenden Erde, die nicht im Mittelpunkt alles Seins steht, nicht akzeptieren. Für mehr als ein halbes Jahrhundert gab es deshalb nur etwa zehn Befürworter des heliozentrischen Weltsystems. Der größte Teil von ihnen war übrigens außerhalb der Universitäten tätig. Darunter befanden sich der Deutsche Johannes Kepler (1571 – 1630) und der Italiener Galileo Galilei (1564 – 1642).

Ein verkanntes Genie seiner Zeit

Galileo Galilei, von der damaligen Wissenschaft vielfach nicht gewürdigt, entwickelte das heliozentrische Weltbild weiter. Doch damit nicht genug: Schon zu Beginn seiner Karriere erhielt er, damals gerade erst fünfundzwanzig Jahre alt, einen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität von Pisa, den er aber schon drei Jahre später wieder abgeben musste, weil seine Behauptung, die gängige Lehrmeinung des Aristoteles sei falsch und die Fallgeschwindigkeit sei proportional zum Gewicht eines Körpers, im Widerspruch zu den etablierten Gelehrten an der Universität stand. Natürlich sollte Galileo auch hier Recht behalten.

Als er allerdings 1613 eine Arbeit veröffentlichte, in der er die Richtigkeit der kopernikanischen Theorie voraussagte, teilte ein Professor der Universität Pisa dem Arbeitgeber Galileis, den Medici, mit, der Glaube an eine sich bewegende Erde sei ketzerisch. Drei Jahre später wurden kopernikanische Bücher der kirchlichen Zensur unterworfen und Galileo wurde aufgefordert, die Auffassung einer sich bewegenden Erde nicht länger zu vertreten. Galileo wagte sich erst Jahrzehnte später wieder an das Thema heran, als er den Dialog veröffentlichte, in dem er die kopernikanische Theorie in Bezug auf die Gezeiten neu diskutierte. Die Strafe folgte stante pede und er wurde von der Inquisition in Rom vorgeladen, welche ihn 1633 zwang, seiner »ketzerischen« Theorie abzuschwören. Die lebenslange Haft, zu der er verurteilt wurde, konnte zu ständigem Hausarrest abgemildert werden. Den »Dialog« musste er jedoch verbrennen und seine Verurteilung konnte damals an jeder Universität eingesehen werden.

Erst 1992 (!) gestand der Vatikan seinen Irrtum endlich ein, nachdem ihm zwanzig Jahre zuvor anhand der Prozessunterlagen die Hauptverantwortung für die Verurteilung zugeschrieben wurde. Galileo wurde daraufhin offiziell von der Kirche rehabilitiert. Die Beteiligung der damaligen etablierten Wissenschaft – man erinnere sich: Es war ja ein Kollege aus Pisa gewesen, der ihn an die Inquisition verraten hatte – wurde dagegen bis heute weder richtig aufgedeckt noch zugegeben. Nach der Unterdrückung der kopernikanischen Idee im Zuge des Kirchenprozesses gegen Galilei blieben nur noch ganz wenige heimliche Anhänger des heliozentrischen Weltsystems übrig. Die meisten Wissenschaftler nahmen damals das heute längst wieder vergessene Modell des Dänen Tycho Brahe (1546 – 1601) an, in dem zwar die Planeten um die Sonne kreisen, die Sonne sich aber weiterhin einmal pro Tag um die ruhende Erde dreht.

Newtons Himmelsmechanik zeigte endlich: Galilei hatte Recht

Erst Isaac Newton (1643 – 1727) verband die mathematische Physik Galileis mit den Kepler’schen Planetengesetzen und entwickelte das universelle Gravitationsgesetz. Dabei stehen alle Körper im Weltraum unter dem Einfluss der Schwerkraft. Dies veröffentlichte Newton 1687 in seinem Hauptwerk Principia Mathematica. Somit übernahmen Ende des 17. Jahrhunderts die meisten Wissenschaftler und Denker Englands, Frankreichs, Dänemarks und der Niederlande das kopernikanische System. Im restlichen Europa, also auch in Deutschland, sollte es noch weitere 100 Jahre dauern, bis sich das heliozentrische Weltsystem in den wissenschaftlichen Kreisen endgültig durchgesetzt hatte.1

Es verstrichen also gut zweihundertfünfzig Jahre, bis sich knapp vor Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Wissen etablierte, dass die Erde (und somit auch der Mensch) nicht im Mittelpunkt der Schöpfung steht. Die Kirche, aber auch die meisten Vertreter der damaligen Wissenschaft, konnten und wollten diese Erkenntnis lange Zeit nicht akzeptieren. Die Ideen von Kopernikus und Galilei waren ihnen einfach zu radikal. Selbst über die Jahrhunderte hinweg gab es hier nur ganz wenige aufgeschlossene Geister, die diese Ideen überhaupt verstanden. Die meisten damaligen Wissenschaftler besaßen weder den Weitblick noch den Mut, Erkenntnisse und Einsichten zu akzeptieren, die dem Wissen ihrer Zeit so weit voraus waren. Zudem stellte dieses neue Wissen eine Bedrohung für die damals vorherrschende Wissenschaft dar: Generationen altehrwürdiger Gelehrter hätten falsch gelegen und hätten eingestehen müssen, ihre Idee eines geozentrischen Weltbilds sei »out of date«. Das hätte das bisherige Verständnis von der Welt komplett auf den Kopf gestellt. Ganze Bücher hätten umgeschrieben werden müssen! Das konnte und durfte einfach nicht sein. Selbst als Newton es ihnen vorrechnete, dauerte es noch Jahrzehnte, bis sich das etablierte, was heute jedes Kind in der Schule lernt.

Fazit

Dem kritischen Beobachter eröffnet sich hier so manche historische Parallele zwischen der Entdeckung physikalischer Effekte von großen Himmelskörpern im Makrokosmos des Weltraums und der Erkenntnis von der Wirksamkeit kleiner Kügelchen im Mikrokosmos der homöopathischen Potenzen. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts stellt sich somit wieder einmal die Frage, ob die Geschichte sich nicht vielleicht doch wiederholt.

MODERNE ERKENNTNISSE UND THEORIEN

HOMÖOPATHIE UND REGELKREISE

Wissenschaftliche Modelle geben Funktionsweisen in schematisierter, auf wesentliche Züge komprimierter Darstellung wieder. Sie stellen eine effektive Hilfe bei der Aufstellung von Hypothesen dar, aus denen in der Folge Theorien entstehen können.

Das homöopathische Ähnlichkeitsprinzip, moderne Erkenntnisse über die Rezeptordynamik und komplexe Regelkreissysteme

Zu seiner Zeit glaubte Hahnemann, homöopathische Mittel würden die Lebenskraft stärken. Heute sprechen wir eher von einer Stärkung des Immunsystems. Doch was passiert genau? Mit Sicherheit weiß man es bisher nicht, aber in diesem Kapitel soll ein erstes Modell vorgestellt werden, an dem sich Wissenschaftler heutzutage die Wirkung der allerkleinsten Gaben zu erklären versuchen. Da homöopathische Mittel oft in Potenzen unter der D24 verwendet werden, in denen immer noch kleine chemische Mengen pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Ursprungs zu finden sind, wird in einem ersten Schritt auf die Wirksamkeit kleinster Dosen pharmakologisch wirksamer Substanzen eingegangen. Mit dieser Vorgehensweise umgeht man das Problem hoher Verdünnungen, in denen rechnerisch keine Moleküle mehr vorhanden sind. Das biophysikalische Paradigma der homöopathischen Hochpotenzen soll an späterer Stelle diskutiert werden.

Komplexe Regelkreissysteme

Ein möglicher Wirkmechanismus homöopathischer Mittel wird heute in deren Fähigkeit gesehen, komplexe Regelkreissysteme zu regulieren. Da das Verständnis besagter Regelkreise unabdingbar für das Verstehen dieses Erklärungsmodell ist, hier erst einmal die wichtigsten Fakten: Ganz generell werden Regelkreise verwendet, um Regulationsvorgänge zu beschreiben, in denen variable Werte in einem bestimmten Rahmen, also zwischen einer unteren und oberen Grenze, gehalten werden sollen. Dabei wird eine Abweichung vom Soll-Zustand über Signale an ein Regulationssystem mitgeteilt, das die Veränderung registriert und Vorgänge in Kraft setzt, um den Soll-Zustand wiederherzustellen.

Im menschlichen Körper gibt es zahllose Beispiele solcher Regelkreissysteme: die Regulation des Blutdrucks oder des kardiovaskulären (Herz-Kreislauf) und respiratorischen (Atmung) Systems, die Wärme- und Blutzuckerregulation, der gesamte Hormonhaushalt, die Aufnahme von Nährstoffen und die Natrium-Kalium-Pumpe an der Zellmembran. Allseits bekannt ist die Regulation des Blutzuckers. Üblicherweise schwankt dieser beim gesunden Menschen um einen normalen unteren und oberen Wert (Nüchternzucker: 65 – 120 mg/dl). Wenn wir etwas Süßes essen, steigt der Blutzucker rapide an, was dazu führt, dass körpereigenes Insulin ausgeschüttet wird, um den erhöhten Blutzuckerspiegel zu senken. Funktioniert dieser Regelkreis nicht mehr, fällt die Regulation aus. Es kommt entweder zum Unterzucker, zur Hypoglykämie, oder zum zu hohen Zucker, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) genannt.

Die Sache ist insofern höchst komplex, da die Regulation eines bestimmten Regelkreises wiederum andere Regelkreise beeinflussen kann bzw. direkt in diese eingreift. Das geschieht auf und zwischen allen körperlichen Ebenen, sprich: auf Zell- oder Organ-Ebene, auf der körperlichen Ebene als Ganzes und auch auf der psychischen Ebene.

Somit dienen Regelkreismodelle in der Medizin dazu, Teilfunktionen eines komplexen Ganzen zu beschreiben. Damit ein Regelkreis im Körper funktionieren kann, bedarf es folgender Komponenten:

• anatomische und biochemische Wirkmechanismen, die regulierbar und reversibel sind, z. B. endokrine Drüsen, Gefäßwände, Zellmembranen und Enzyme.

• Signalmoleküle wie Hormone, Cytokine und Neurotransmitter (Botenstoffe).

• Rezeptoren, an denen die Signalmoleküle andocken. Diese gibt es an der Zellmembran und in der Zelle selbst. Sie sind höchst flexibel und anpassungsfähig.

Rezeptordynamik

Bei dem hier vorgestellten Erklärungsmodell1 der Wissenschaftler Paolo Bellavite und Andrea Signorini sind die Rezeptoren und ihr Verhalten von größter Bedeutung. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass etliche Phänomene, die auch bei Experimenten mit homöopathischen Mitteln beobachtet wurden, durch das Verhalten dieser Rezeptoren erklärt werden könnten – unter anderem,

• dass ein Mittel bei unterschiedlicher Dosierung unterschiedliche Wirkungen aufweisen kann.

• dass zwei unterschiedliche Mittel ein und dieselbe Wirkung zeigen können.

• dass ein Mittel zwar bei einem kranken Organismus, nicht aber bei einem gesunden wirkt.

• dass die Wirksamkeit eines Mittels je nach Zustand des Organismus variiert bzw. je nachdem, ob und auf welche Weise der Organismus mit anderen Mitteln vorbehandelt worden ist.

Doch wie funktionieren diese Rezeptoren? Um die Frage beantworten zu können, folgt eine grob vereinfachte Zusammenfassung der heute in der Biomedizin gängigen Vorstellungen über die Rezeptordynamik.

Generell dienen Rezeptoren zur Aufnahme von Signalen. Dabei können die Zellen die Anzahl ihrer Rezeptoren erhöhen (Sensibilisierung bis hin zur Hypersensibilität) oder verringern (Desensibilisierung, Anpassung, Toleranzerhöhung). Auf diese Weise sind sie in der Lage, sich an veränderte Bedingungen anzupassen und ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Folgende gängige Zustandsänderungen der Rezeptoren sind bekannt:

• Sensibilisierung: Eine kleine Dosis eines Signalstoffs führt zu einer Vermehrung der Rezeptoren (und zwar nicht unbedingt nur der signalspezifischen, sondern in der Regel auch der unspezifischen), ohne dass die Zelle dabei wirklich aktiviert würde, das heißt, ohne eine Wirkung zu provozieren. Die Zelle ist jedoch sensibilisiert (entweder nur für den Signalstoff oder auch für andere Moleküle) und kann jederzeit schnell reagieren.

• Aktivierung: Eine stärkere oder normale Dosis eines Signalstoffs führt über die Rezeptoren zu einer Aktivierung der Zelle, was dann eine spezifische Wirkung hervorruft, beispielsweise eine Kontraktion (bei einer Muskelzelle) oder die Bildung eines Hormons (in einer Drüse).

• Desensibilisierung: Eine sehr starke oder sehr lange andauernde Ausschüttung von Signalstoffen führt dazu, dass die Rezeptoren für dieses spezifische Signal rasch abnehmen. In der Zelle kommt es zur Desensibilisierung auf den Signalstoff, was man Gewöhnungseffekt nennt. Da die anderen, unspezifischen Rezeptoren aber noch existieren, eventuell sogar noch zugenommen haben, kann die Zelle weiterhin auf andere Signale reagieren, ja sogar hochsensibel für diese sein.

Dieser dosierungsabhängige Umkehreffekt ist bereits seit Paracelsus in der Pharmakologie bekannt. Jedes Gift kann auch eine Heilwirkung entfalten: »Dosis fecit venenum« (»Die Dosis macht das Gift«). Die in der Heilkunde bekannte Arndt-Schultz-Regel besagt nichts anderes.

Das Ähnlichkeitsprinzip

Das Modell für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel setzt genau an diesen Rezeptoren im Regelkreissystem an. Dabei geht man davon aus, dass die spezifischen Rezeptoren in einem erkrankten System sehr stark abnehmen und eine gesunde Selbstregulation somit nicht mehr möglich ist. Hypothetisch stimuliert nun das homöopathische Mittel – aufgrund des Ähnlichkeitsprinzips – andere Rezeptoren, die daraufhin eine vergleichbare, regulierende Reaktion hervorrufen. Dies soll nun anhand von drei Abbildungen verdeutlicht werden.


Abbildung 1

Abbildung 1 zeigt schematisch und höchst vereinfacht den Regelkreis eines gut funktionierenden Systems. Dabei wird der gesunde Zustand (G) durch pathologische Störfaktoren in den kranken Zustand (K) versetzt. Auf diese Veränderung des Soll-Zustands reagiert das System mit der Zunahme der Störsignale (s), welche sich in Form von Krankheitszeichen, Symptomen und veränderten Laborwerten äußern. Zudem führt sie über eine Vermehrung der spezifischen Rezeptoren (sr) zunächst zur Sensibilisierung des Regulationssystems und in der Folge zu dessen Aktivierung. Dem folgt die regulative Reaktion oder Antwort (r), die den kranken Zustand (K) in den gesunden Zustand (G) zurückführt. Das System reguliert sich hier selbst. Es ist eine Selbstheilung, in die von außen nicht eingegriffen werden muss. Von Interesse ist dabei, dass auch die Reaktion (r) zu Krankheitszeichen, Symptomen und veränderten Laborwerten führen kann. Krankheitssymptome wie Fieber wären dementsprechend Ausdruck eines körpereigenen Selbstregulationsversuchs, der deshalb per se nicht schlecht ist. Es könnte sogar zur Beeinträchtigung der Selbstregulation kommen, wenn man diese Symptome unterdrückt. So führt Fieber dazu, dass gewisse Mikroorganismen wie Bakterien oder Viren nicht mehr gut überleben können, weil sie die erhöhte Temperatur nicht aushalten.

Ein paar Grad Unterschied machen da einiges aus. Des Weiteren heizt es unser Immunsystem kräftig an. Mit jedem Grad Temperaturerhöhung verzehnfacht sich dessen Aktivität. Normales Fieber zu unterdrücken, bedeutet also auch, die körpereigene Immunabwehr lahmzulegen oder zumindest zu schwächen.


Abbildung 2

Abbildung 2 zeigt dasselbe System, welches aber jetzt anhaltenden oder sehr starken pathologischen Störfaktoren ausgesetzt ist. Der Krankheitszustand ist verschärft, was zu einer erheblichen oder anhaltenden Zunahme der Störsignale (s) führt. Das Regulationssystem reagiert auf diesen starken und/oder anhaltenden Reiz nun nicht mit einer kräftigen Erhöhung der Rezeptoren, wie man es vielleicht erwarten könnte, sondern genau mit dem Gegenteil. Die Anzahl der spezifischen Rezeptoren nimmt rasch ab, worauf eine regulative Reaktion in zunehmendem Maß nicht mehr stattfinden kann. Es kommt zur Desensibilisierung oder Gewöhnung. Andere Rezeptoren (ar) sind jedoch noch vorhanden und können sogar zunehmen. Das System bleibt deshalb für andere Signale weiterhin empfänglich, ja eventuell sogar überempfindlich.


Abbildung 3

Abbildung 3 zeigt nun ein System, in dem ein homöopathisches Mittel den Regulationsvorgang wieder in Gang bringt. Wie in Abbildung 2 hat das Regulationssystem die spezifischen Rezeptoren (sr) verloren. Jetzt dient das homöopathische Mittel als Signal, welches das System über einen anderen Rezeptor (ar) stimuliert, eine vergleichbare oder gleiche Reaktion (r) zu produzieren, wie sie durch Stimulation der Störsignale (s) entsteht – und das, obwohl die Zahl der spezifischen Rezeptoren verringert ist.

Komplexität und individuelles Vorgehen

Das vorliegende Beispiel ist ein höchst vereinfachtes Anschauungsmodell, denn im Krankheitsfall wird in aller Regel nicht nur ein Regelkreis gestört, sondern meist eine ganze Kette von ihnen. Je nachdem, wie und in welcher Reihenfolge die einzelnen kybernetischen Kreise im individuellen Fall betroffen sind, führt dies zu einer ganz bestimmten, individuellen Auswahl von Störsignalen, also Symptomen und Krankheitszeichen.

Hier wird die Eleganz der homöopathischen Methode deutlich. Nur ein analoges Prinzip wie das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie macht es bisher möglich, anhand der Arzneimittelprüfungen Wirkstoffe zu finden, die bei einer bestimmten Störung spezifisch auf diese lahmgelegten Regelkreise einwirken können. Aufgrund von Komplexität, Vielschichtigkeit und Vielzahl der betroffenen Systeme sowie durch die Dynamik und die verschiedenen Stadien der Krankheitsprozesse dürfte es im Gegensatz dazu äußert schwierig sein, Substanzen mittels heute gängiger wissenschaftlicher Vorgehensweisen und Methoden zu identifizieren, die solch spezifisch blockierte kybernetische Kreissysteme gezielt beeinflussen können.

Durch die komplexe Regelkreisdynamik werden auch ganz individuelle Beschwerdekomplexe erklärbar: Zwar finden sich bei einer bestimmten pathologischen Störung (z. B. durch das Grippevirus x) ganz typische Krankheitssymptome, unter denen die Mehrzahl der Erkrankten leiden (bei der Grippe: hohes Fieber und Gliederschmerzen). Doch neben diesen Standard-Symptomen kommt es bei jedem Einzelnen aufgrund unterschiedlich betroffener Regelkreissysteme (Art des Virus, unterschiedlicher Eintrittsort des Erregers, individueller Zustand und Reaktion des Systems etc.) zu individuellen Beschwerden, die von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich ausfallen und zudem höchst eigen und ungewöhnlich sein können, wie Durst nur während des Schüttelfrostes oder pochende Schmerzen hinter dem Augapfel, um beim Beispiel Grippe zu bleiben.

Für den Homöopathen sind gerade diese absonderlichen, ungewöhnlichen Krankheitszeichen und Symptome von großer Bedeutung, da sie ihm helfen, das Simillimum (= das ähnlichste Mittel) für eine individuelle Regelstörung zu finden.

Das komplexe Ineinandergreifen unterschiedlichster Regelkreissysteme – je nach individuellen Begebenheiten des Gesamtsystems Mensch und pathologischer Störung im Einzelfall – führt somit zu einer ganz individuellen Symptomatik, die es zu beachten gilt, wenn man in kybernetische Kreissysteme korrigierend eingreifen will. Und genau das dürfte die Homöopathie machen!

Die wirksame »Magie« der kleinen Dosen

Anhand der vorgestellten Rezeptordynamik wird zudem erklärbar, warum kleinste Dosen ausreichen, um Regulationsprozesse in Gang zu bringen. In der Tat scheint es so zu sein, dass ein gestörtes Regulationssystem zwar auf starke oder anhaltende Störsignale (s) (um auf den Regelkreis in Abb. 2 zurückzukommen) nicht mehr reagieren kann (aufgrund der Abnahme der spezifischen Rezeptoren (sr)), dafür aber übersensibel auf andere Reize wird (durch die mögliche Zunahme anderer Rezeptoren (ar)). Bereits eine minimale Dosis des Simillimums kann diese Rezeptoren stimulieren und damit die gewünschte Regulation in die Wege leiten.

Beobachtungen, die diese Vorstellung untermauern:

• Ein kranker Mensch reagiert häufig viel sensibler auf bestimmte Reize, die ihm im gesunden Zustand gar nichts ausmachen würden. Das erkrankte System scheint also generell sensibilisiert zu sein. Dies macht sich auch die Schulmedizin therapeutisch zunutze: Paracetamol beispielsweise senkt die Körpertemperatur nur, wenn Fieber besteht. Der körpereigene »Thermostat« ist somit lediglich bei einem anormalen Verhalten des Regelsystems sensibilisiert, auf Paracetamol zu reagieren.

• Im Rahmen von homöopathischen Arzneimittelprüfungen, bei denen gesunden Menschen so lange eine bestimmte Substanz verabreicht wird, bis diese Krankheitssymptome entwickeln, konnte immer wieder beobachtet werden, dass hier – zur Provokation einer Reaktion – die Dosierung oft um ein Vielfaches höher sein muss als bei der Behandlung eines kranken Menschen, der ähnliche Symptome entwickelt. Der Kranke scheint also für das Simillimum empfindlicher zu sein als der Gesunde. Zudem besteht die Gefahr, wie durch die Rezeptordynamik jetzt bekannt ist, dass eine zu große oder zu häufig wiederholte Dosis eines Homöopathikums zur Überstimulation der Rezeptoren führt, die daraufhin ebenfalls mit einem Desensibilisierungsprozess reagieren. Die gängige Vorstellung »viel hilft viel« trifft bei Regelkreisen also nicht zu.

• Da in der Homöopathie sehr häufig giftige Substanzen (Tollkirsche, Fliegenpilz, Arsen, Quecksilber etc.) eingesetzt werden, verstehen sich Minimaldosen von selbst.


In gestörten komplexen Regelkreissystemen reichen kleinste Mengen eines spezifischen Regulativs aus, um die gewünschte Änderung herbeizuführen. Durch die Potenzierung der Mittel wird die Homöopathie den Ansprüchen eines solchen »Regelkreisregulators« in optimaler Weise gerecht.

Homöopathie – Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung

Nach dem hier vorgestellten Erklärungsmodell wäre die Homöopathie somit eine Regulationstherapie. Kleinstdosen des Simillimum helfen dem Körper, sich selbst zu regulieren. Dies steckt den Rahmen sowohl der enormen therapeutischen Breite homöopathischer Mittel als auch der Grenzen bei deren Anwendung ab. Wann immer Regelkreise durch ein pathologisches Geschehen gestört werden, was meist der Fall ist, kann ein homöopathisches Mittel wirksam helfen, die Dinge wieder »ins Lot« zu bringen. Dies gilt natürlich nur, solange die Regelkreise regulierbar sind und die Systeme eine Reaktionsfähigkeit besitzen!

In welchen Fällen ist dies nicht mehr oder nicht mehr richtig gewährleistet?

• Wenn die pathologischen Störfaktoren zu stark sind und / oder nicht ausgeschaltet werden (hochvirulente Erreger, massives Trauma etc.). In diesem Fall besitzt das System zwar noch eine Reaktionsfähigkeit, es kann sich aber aufgrund des massiven pathologischen Geschehens nicht mehr selbst regulieren.

• Bei irreversiblen Schäden (Diabetes Typ I, Amputation etc.).

• Bei starken, kaum mehr reversiblen Organdefekten (Arteriosklerose, Schleimhautatrophie etc.).

• Bei genetisch bedingten Erkrankungen (z. B. Erbkrankheiten).

• Wenn das Regulationssystem nicht mehr richtig arbeitet (z. B. bei massiver Immunschwäche oder wenn es medikamentös blockiert wird, z. B. durch Betablocker).


Mitunter können gut gewählte homöopathische Mittel selbst in diesen scheinbar aussichtslosen Fällen noch eine unterstützende Wirkung zeigen (sofern Teilregulationen noch möglich sind). Eine Heilung, Genesung oder Problemlösung ist jedoch in aller Regel mit Homöopathika allein nicht mehr zu erwarten. Andere Therapieverfahren sind hier vorzuziehen.

In folgenden Fällen sollte die Homöopathie die erste Wahl sein:

• Bei allen funktionellen Beschwerden.

• Bei akuten und chronischen Erkrankungen (vorausgesetzt, die Regulationsfähigkeit ist gut und die pathologischen Störfaktoren sind nicht zu stark).

• Bei sämtlichen Beschwerden, die der Arzt nicht einordnen kann, sprich: wo er nicht weiß, was dem Patienten fehlt (ca. drei Viertel aller Fälle).

Die Wiederherstellung der körpereigenen Selbstregulation ist sicherlich die eleganteste, wünschenswerteste und nebenwirkungsärmste Methode, einen kranken Mensch gesund werden zu lassen. Andere medizinische Verfahren sollten erst eingesetzt werden, wenn die Homöopathie nicht »greift«.

Unser heutiges Verständnis von den komplexen Regelkreisprozessen verdeutlicht, dass eine Unterdrückung der Regulation (beispielsweise durch Rezeptoren- oder Regulationsblocker wie Betablocker oder Antihistaminika) bzw. eine Unterdrückung der Symptome (wie etwa mit entzündungswidrigen, fiebersenkenden oder schmerzstillenden Medikamenten) hier erst einmal nicht sinnvoll sein kann, um den Körper bei der Selbstregulation und Selbstheilung zu unterstützen. Jeder Verlust der Selbstregulation eines bestimmten Regelkreises führt zum Kompensationsversuch anderer Regelkreise, die dann aber nicht mehr optimal funktionieren können und wiederum von anderen kompensiert werden müssen. Dieser zunehmende Verlust effektiver kybernetischer Kreissysteme dürfte oftmals den Boden für chronische Krankheiten bis hin zu Krebs bereiten. Somit birgt jede Therapie, die körpereigene Regulationsmechanismen außer Kraft setzt oder unterdrückt, Gefahren in sich und sollte vor ihrer Anwendung einer kritischen Nutzen-Schaden-Analyse unterzogen werden.

Weiterhin bietet sich die Homöopathie auch als Präventivmedizin an. Eine durch Homöopathika angestrebte Funktionsoptimierung der Regelkreise erhält die Selbstregulation und damit die Gesundheit und vermeidet das Abgleiten in Mechanismen der Kompensation und Chronifizierung. Als Homöopath kann man dies immer wieder beobachten: Beschwerden, die wiederholt auftraten und schulmedizinisch beispielsweise mit Antibiotika behandelt wurden, werden durch den Einsatz homöopathischer Mittel auf einmal selten.

Und noch eine Beobachtung spricht für die Schlüssigkeit dieses Modells: Bei Kindern schlagen homöopathische Mittel meist schnell an, Krankheiten tauchen oftmals akut auf und verschwinden rasch wieder. Bei älteren Menschen beobachten wir dagegen häufig das Gegenteil: Homöopathische Mittel brauchen oftmals länger, bis sie greifen, Krankheiten ziehen sich in die Länge und werden leicht chronisch. Dieses deutliche Zeichen für eine nachlassende Selbstregulation im Alter dürfte ein weiteres Beispiel für die Richtigkeit des vorgestellten Modells sein.

Homöopathie in Bezug zu anderen konventionellen Therapieverfahren


Abbildung 4

Abbildung 4 zeigt, an welchen Stellen in diesem hier vorgestellten Regelkreissystem die Wirkung anderer medizinischer und pharmakologischer Verfahren einsetzt. Dies soll verdeutlichen, dass die Homöopathie weniger eine Alternative zu anderen schulmedizinischen Verfahren darstellt, sondern vielmehr als ein komplementäres Therapieverfahren gesehen werden sollte.

Selbstverständlich ergänzen sich Diätetik, Hygiene, Prävention (1) und Homöopathie zu einem sinnvollen therapeutischen Ansatz. Das sah schon Samuel Hahnemann so.

Bei bakteriellen Erkrankungen kann die Homöopathie mit Antibiotika (2) kombiniert werden – dies sollte aber nur geschehen, wenn es absolut notwendig ist, also wenn der pathologische Reiz sehr stark (virulenter Erreger, gefährliche Infektion) und / oder das Regulationssystem und damit die körpereigene Abwehr stark geschwächt ist bzw. wenn kein passendes homöopathisches Mittel gefunden wird.

Schwierig wird es bei den Rezeptorantagonisten (z. B. Betablocker gegen Bluthochdruck) (3), da diese das Regelkreissystem blockieren. Homöopathische Mittel können dann nicht mehr richtig wirken. Immunstimulantien (wie Interferone), spezifische Immunsuppression oder Desensibilisierungstherapien sowie Impfungen (4 + 5) wirken dagegen auf ganz ähnliche Weise wie die Homöopathie.

Medikamente, die Symptome unterdrücken (6), wie Analgetika (Schmerzmittel), Bronchodilatatoren (Asthmasprays) oder Spasmolytika (krampflösende Medikamente), können durchaus sinnvoll sein, wenn die Beschwerden sehr stark sind. Auch ist es theoretisch möglich, diese mit homöopathischen Mitteln zu einem effektiven therapeutischen Verfahren zu verbinden, dabei gibt es jedoch zwei Probleme:

a) Durch die Unterdrückung bestimmter Symptome tut sich der homöopathische Behandler, der ja für seine Mittelwahl gerade auf die Krankheitszeichen angewiesen ist, schwerer, das Simillimum zu finden. Er kann aber die Tatsache berücksichtigen, dass durch ein Medikament bestimmte Beschwerden unterdrückt werden. Andere, nicht unterdrückte Symptome können weiterhin den Weg zu einem passenden Homöopathikum weisen.

b) Da diese Medikamente in ihrer biochemischen Wirkung nicht sehr spezifisch sind, stören sie leicht die regulative Wirkung der homöopathischen Mittel.

Bei leichteren Beschwerden sollte daher auf diese Medikamente verzichtet werden. Hier sind Homöopathika in aller Regel ausreichend. Im Falle sehr starker Beschwerden ist an eine Kombinationsbehandlung zu denken, da bei rein medikamentöser Symptomunterdrückung normalerweise keine Selbstregulation angeregt wird. Man beseitigt hier zwar die Beschwerde, wartet aber darauf, dass der Körper sich selber heilt. Schafft dies das System nicht, kommt es erst zur Kompensation und dann zur Chronifizierung. Somit empfiehlt es sich beispielsweise nicht, ein ungefährliches Fieber mit Paracetamol zu senken.

Substitution und unterstützende Maßnahmen (wie herzstärkende Medikamente oder Insulin) (7) können mit Homöopathika wiederum sinnvoll kombiniert werden. Hier wird die Homöopathie jedoch nur so lange eine Wirkung zeigen, wie zumindest noch ein Rest an Regulations- und Reaktionsfähigkeit vorhanden ist.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
396 s. 28 illüstrasyon
ISBN:
9783863740177
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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