Kitabı oku: «Alpendohle»
SWEN ENNULLAT
Alpendohle
Thriller
mitteldeutscher verlag
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Vorwort
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
XXXVII
XXXVIII
XXXIX
XL
XLI
XLII
XLIII
XLIV
XLV
XLVI
XLVII
XLVIII
XLIX
L
LI
LII
LIII
LIV
LV
Impressum
Über den Autor
Figuren und Handlungen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig.
I
Torben strich sich mit den Fingern eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich wieder den Stapeln alter Fotoalben und Andenken zu, die er auf die noch vorhandenen Möbel im Wohnzimmer seiner Großeltern verteilt hatte. Seine Mutter hatte ihm bei der Auswahl von Erinnerungsstücken absichtlich den Vortritt gelassen, wohl wissend, dass es auf diese Weise für ihn leichter sein würde, endgültig Abschied zu nehmen.
Durch das Fenster zum Garten, der im Glanz der ersten warmen Frühlingssonne erstrahlte, konnte er seine Mutter Renate sehen, wie sie gerade Wilfried, einem ihrer Nachbarn, der sich angeboten hatte, beim Ausräumen des Hauses zu helfen, ein Glas Wasser reichte und sich dabei ihre Hände kurz berührten. Ein wenig überrascht und mit einem leichten Gefühl von Eifersucht stellte Torben fest, dass seine dreiundsechzigjährige, aber noch immer gut aussehende Mutter unter dieser Berührung nicht zurückschreckte, sondern dieses Zeichen von körperlicher Nähe und Verbundenheit fast dankend annahm.
Der Tod seines Vaters lag mittlerweile drei Jahre zurück und vor einigen Monaten hatte Torben bemerkt, dass Wilfried – ebenfalls bereits seit einiger Zeit verwitwet und für knappe siebzig noch recht rüstig – sich sanft seiner Mutter genähert hatte. Er hatte ihren Schmerz über den plötzlichen Verlust respektiert und ihr die nötige Zeit gelassen, sich an die neue Situation zu gewöhnen.
Wilfrieds Wohnung lag zwei Etagen unter der ihren und durch die alltäglichen Besorgungen oder das Annehmen von Briefen und Paketen kamen beide mehr als einmal miteinander ins Gespräch.
Wilfried – immer höflich und hilfsbereit – brachte irgendwann den Mut auf, sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätte, ihn zur Eröffnung einer neuen Ausstellung für zeitgenössische Malerei zu begleiten. Der Prenzlauer Berg, wo sie wohnten, war berühmt für junge Künstler, die – oft vergebens – auf ihren Durchbruch warteten. Sie sagte zu und aus dem Besuch der Vernissage wurden gemeinsame Spaziergänge, Ausflüge und stundenlange Gespräche. Beide genossen die Gesellschaft des anderen. Es wuchs Vertrauen, Vertrautheit und im Laufe der Zeit Zuneigung.
Der kurze Augenblick der Eifersucht war längst verflogen. Insgeheim war Torben froh, dass seine Mutter jemanden gefunden hatte, mit dem sie vielleicht wieder ihr Leben teilen würde. Wilfried würde sicherlich nie versuchen, die Stelle einzunehmen, die sein Vater für seine Mutter in den langen Jahren ihrer Ehe erlangt hatte. Ihm würde vielmehr ein kleines Stück Teilhabe an Renates Leben vollauf genügen.
Torben versuchte weiterzuarbeiten, aber es wollte ihm in diesem Zimmer, in dem er als Kind so viele glückliche Stunden verbracht hatte, einfach nicht gelingen, sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.
Mit Mitte dreißig war er seit Langem beruflich unabhängig. Er hätte schon längst eine eigene Familie gründen können, aber er war noch immer oder genauer: mal wieder ungebunden. Um körperlich in Form zu bleiben und den beginnenden Fettanlagerungen an Hüfte und Bauch zu begegnen, hielt er sich, so oft es ging, mit Laufen und Schwimmen fit.
Seine Arbeit führte ihn jetzt zwar um die ganze Welt, den größten Teil seiner Kindheit hatte er jedoch in dieser kleinen, recht idyllisch anmutenden brandenburgischen Gemeinde vor den Toren Berlins in der ehemaligen DDR verbracht. Dass er seine Kindheit so positiv in Erinnerung hatte, war sicherlich auch ein großes Verdienst seiner Großeltern, die nach langen und schweren Krankheiten beide nun innerhalb weniger Wochen verstorben waren, ein weiterer Schicksalsschlag für seine nach außen so starke und innerlich doch so zerbrechliche Mutter. Torben fragte sich, wo sie nur die Kraft hernahm, alle Widrigkeiten des Schicksals so tapfer zu ertragen.
Renate Trebesius, geborene Schauweiler, war es erst nach drei Fehlgeburten und neun Ehejahren gelungen, einen gesunden Jungen auf die Welt zu bringen. Ein freudiges Ereignis, mit dem zu diesem Zeitpunkt niemand mehr gerechnet hatte. Vielleicht gerade deshalb schlug Torben in seiner Familie von frühester Kindheit an nur Liebe und Wärme entgegen. Er konnte sich tatsächlich im Moment nicht daran erinnern, ob und wann seine Eltern oder Großeltern ihn trotz seines Temperaments, das er laut seiner Mutter von einem unbekannten Verwandten geerbt haben musste, oder seines sprichwörtlichen Starrsinns je wirklich gescholten oder gar in irgendeiner Weise bestraft hätten.
Plötzlich sah er seine Großmutter vor sich, wie sie am Tisch mit ihm Bilder malte und Papierhüte faltete, oder seinen Großvater, der ihm höchst wissenschaftlich erklärte, wie man einen lockeren Zahn mit einem Garnfaden ziehen könnte, und dabei nach dem Kopf seines Enkels griff, um ihm dies sofort zu zeigen, was dazu führte, dass sich der Zahn vor Aufregung von selbst löste und der schmale sechsjährige Junge ihn verschluckte. Er erinnerte sich, dass er wochenlang vergebens darauf gewartet hatte, dass der Zahn wieder auftauchte, übrigens mit all den höchst unangenehmen, aber notwendigen Handlungen, die mit einer solchen Wartezeit und Suche verbunden waren. Seine Großmutter war es auch gewesen, der er vor allen anderen schüchtern und verlegen, wie er damals manchmal war, seine erste feste Freundin Julia vorgestellt hatte.
Torben hatte schon vor der sogenannten „Wende“ seine schriftstellerischen Fähigkeiten entdeckt und nutzte 1990 die neu gewonnenen Freiheiten, um mit einigen Freunden auf dem Gymnasium eine Schülerzeitung herauszugeben. In den letzten beiden Jahren seiner zwölfjährigen Schulzeit stieg er quasi zum Chefredakteur auf und blickte in dieser Funktion irgendwann in die schönsten und strahlendsten grünen Augen, die er je gesehen hatte.
Sie gehörten einem aufgebrachten, schwarzhaarigen, sechzehnjährigen Mädchen mit Pferdeschwanz, welches ihm lautstark erklärte, dass das Nichtveröffentlichen ihrer eingereichten Fotografie Zensur und er sowieso ein arroganter Idiot sei. Torben, der zwar nicht im Geringsten wusste, um welches Foto es sich handelte, und noch nicht einmal für die Auswahl der Aufnahmen verantwortlich war, stieg jedoch nur zu gerne in das Wortgefecht ein. Er erklärte ihr, dass ihre Aufnahme unscharf, nicht ausreichend belichtet und sie sowieso eine schlechte Fotografin sei. Das wiederum brachte die Besitzerin der grünen Augen dazu, sich fast auf ihn zu stürzen. Nur die Intervention seines damaligen besten Freundes Michael hatte Schlimmeres verhindern können.
Das anschließende Gespräch zwischen Torben und der schönen Unbekannten, die sich als Julia Hartwig vorstellte und etwa ein Jahr jünger war als er selbst, klärte das Missverständnis nicht nur auf, sondern war der Beginn einer sechsjährigen wundervollen und intensiven Liebesbeziehung.
Julia wurde als Fotografin fester Bestandteil des Redaktionsteams und folgte Torben später an seine Uni nach. Während er Journalistik studierte, schrieb sie sich für Grafik und Design ein. Das Ende ihrer Beziehung kam mit keinem lauten Knall oder gar durch einen Einfluss von außen. Sie brach irgendwann einfach auseinander, vielleicht war es die frühe Bindung, die beide eingegangen waren, und der Wunsch beider, noch etwas anderes erleben zu wollen, von dem sie aber eigentlich gar nicht wussten, was es sein könnte. Torben – immer verrückt nach interessanten Geschichten und neuen Grenzerfahrungen, die er beispielsweise als Anhalter trampend im Ausland erlebte – gab mit seinem unruhigen Geist den endgültigen Ausschlag für die Trennung und verließ Julia noch vor seinem vierundzwanzigsten Geburtstag – eine Entscheidung, an die er sich in sentimentalen Momenten, wenn Freunde und Bekannte sesshaft wurden oder Kinder bekamen und er sich dadurch einsam und allein fühlte, manchmal wehmütig erinnerte.
Julia und er hatten natürlich wie viele andere Paare vor ihnen die Absicht, befreundet zu bleiben. Sie verloren sich aber schon nach wenigen Monaten aus den Augen. Jahre später las er eher zufällig ihren Namen unter einigen Fotoaufnahmen über moderne Architektur. Offensichtlich hatte sie doch noch ihre frühere Passion zum Beruf gemacht.
Da seine Familie Julia so gemocht hatte, verzichtete er danach meistens darauf, seine neuen Eroberungen vorzustellen, wohl auch deshalb, weil er bei keiner von ihnen das Gefühl hatte, dass sie die Frau sein könnte, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte, obwohl nicht wenige genau diese Hoffnung hegten.
So kam es, dass ihm bei den Nachfragen seiner Großmutter, die augenscheinlich stark auf Urenkel hoffte, regelmäßig sein Großvater zu Hilfe eilte und für ihn antwortete: „Kaum schläft man zwei, drei Mal mit einer Frau, schon sagen die Leute, man hat was mit ihr! Stimmt’s, Torben?“ Die Reaktion seiner Großmutter war immer die gleiche und ähnelte einer Moralpredigt für seinen Großvater, der diese stoisch und ihm zuzwinkernd über sich ergehen ließ. Torben jedoch war froh, auf diese Weise vom ursprünglichen Thema abzulenken und um eine Antwort herumzukommen.
Er musste unweigerlich schmunzeln, als er an jene Momente dachte, und urplötzlich wurde ihm bewusst, wie viel ihm beide über all die Jahre hinweg bedeutet hatten und wie sehr sie ihm fehlten.
Er stand auf und ging zu dem großen Bücherregal, das sein Großvater einst selbst gebaut hatte, und strich über die Buchrücken, um etwas vom Geist seiner Großeltern, die Bücher so sehr geliebt hatten, aufzunehmen. Sie hatten sich sogar erst in den Neunzigerjahren einen Fernseher angeschafft, als ihre Augen langsam schlechter wurden. Selbst dann vertraten sie noch immer die Meinung, dass das Fernsehen einen negativen Einfluss auf die Fantasie der Menschen hätte. Letztendlich war es sicherlich seinen Großeltern zu verdanken, dass er die Liebe zum Schreiben für sich entdeckt hatte.
Er genoss einen recht guten Ruf als Reisejournalist. Nicht, dass er es nicht mit investigativem Journalismus oder einer festen Anstellung in einer Redaktion versucht hätte, aber es war ihm schon immer schwergefallen, sich anderen unterzuordnen.
Die letzte diesbezügliche Erfahrung lag jetzt vier Jahre zurück. Er hatte damals acht Wochen bei den deutschen Truppen in Afghanistan verbracht und seine Erlebnisse als Leitartikel niedergeschrieben. Allerdings gefiel es seinem Redakteur nach Lektüre des Entwurfs überhaupt nicht, dass deutsche Soldaten mit Langeweile, Pornos, Computerspielen sowie Alkohol- und Gewaltexzessen die Freiheit am Hindukusch verteidigten. Als ein Koautor retten sollte, was noch zu retten war, entschloss sich Torben kurzerhand, das Gastspiel Festanstellung zu beenden, und nahm das Angebot eines anderen Verlagshauses für die mehrmonatige Berichterstattung über eine Südamerika-Rundreise einer Gruppe von Naturforschern an.
Torben musste sich eingestehen, dass das Bücherregal in seiner Erinnerung irgendwie eindrucksvoller und majestätischer gewesen war als jetzt, da er davorstand. Eigentlich waren es nur einige massive Bretter, die sein Großvater dunkel gestrichen und mehr schlecht als recht zusammengezimmert hatte, jedoch mit einem solch großen Erfolg, dass das Regal sechzig Jahre und länger seinen Dienst getan und alle Renovierungen und Veränderungen der Einrichtung durch seine Großmutter überstanden hatte. Als Junge hatte Torben anhand der unterschiedlich hohen Regalböden regelmäßig überprüft, ob er wieder ein Stück gewachsen war. Vergeblich versuchte er sich zu erinnern, ob es ihm je ohne Hilfsmittel gelungen war, das oberste Regal zu erreichen. Heute, mit einem Meter achtzig, würde es ihm aber zweifellos gelingen und er beschloss, sich anstelle der Fotoalben erst einmal den Büchern zuzuwenden, die seine Großeltern im Laufe der Zeit zusammengetragen hatten.
Wenige Augenblicke später hielt er die gesammelten Werke Goethes in zehn Bänden in den Händen, gefolgt von einer Fassung des „Bürgerlichen Gesetzbuches“ aus dem Jahre 1937, nebst „Jugendwohlfahrtsgesetz“, wie sein Großvater einst betont hatte, einem Roman aus dem Jahre 1913 von Karl Strecker namens „Lebensstudenten“ und der 1940 veröffentlichen „Königsbotschaft“ von Carl Schünemann. Er musste sich eingestehen, dass er von den beiden letzten Autoren noch nie etwas gelesen hatte, und entschied, es auch weiterhin dabei zu belassen.
Während er sich noch Gedanken darüber machte, ob seine Großeltern absichtlich auf eine systematische Ordnung ihrer Bücher verzichtet hatten, bemerkte er, dass hinter den gerade entnommenen Bänden ein weiteres, in rotes Leder gebundenes, größeres Buch zum Vorschein kam, das er vorher noch nie in dem Regal bemerkt hatte. Als er sah, dass auf dessen vorderem Deckel ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis prangte, wurde ihm klar, dass der Platz in der zweiten Reihe sicherlich nicht zufällig gewählt worden war. Nicht jeder x-beliebige Besucher sollte offensichtlich von seiner Existenz erfahren.
Der Buchrücken verkündete in altdeutscher Schrift, dass es sich bei dem Werk um die Grundlage der Ideologie des Dritten Reiches handelte: „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Der Fund erstaunte ihn, da seine Großeltern ihm gegenüber nie auch nur ansatzweise Sympathien für dieses noch am eigenen Leib erfahrene Kapitel der deutschen Geschichte geäußert hatten. Torben ergriff das Buch, das in einem erstaunlich guten Zustand und ohne jede Gebrauchsspuren war, ließ sich in einen großen alten Ohrensessel sinken und schlug es auf.
Nichts ahnend blickte er plötzlich in die Augen des selbst ernannten Führers aller Deutschen, dessen schwarz-weiße Porträtaufnahme die Mitte der ersten linken Seite einnahm. Die rechte Seite verkündete, dass es sich um eine ungekürzte Ausgabe handelte, die beide Bände, „Eine Abrechnung“ und „Die nationalsozialistische Bewegung“, vereinte. Aber das nahm Torben schon nur noch im Unterbewusstsein war, denn eine handschriftliche Widmung unter der Fotografie schlug ihn völlig in ihren Bann.
Der Eintrag – in blauer Tinte und leicht krakeliger Handschrift, die jeden Grafologen sofort zu diversen Deutungen verleitet hätte – lautete: „Die Zukunft des Großdeutschen Reiches liegt in Ihren Händen! Adolf Hitler, Berlin d. 30.04.1945.“
Etwas weiter darunter stand, augenscheinlich mit noch unruhigerer Hand geschrieben, aber erkennbar vom gleichen Verfasser: „Ich stehe so tief in Ihrer Schuld, wie es ein Mann nur sein kann!“
Selbst Torben, dessen Wissen über das Dritte Reich nicht über seine schon erheblich zurückliegende Schulbildung hinausging, wusste, dass der 30. April 1945 als offizieller Todestag Adolf Hitlers genannt wurde. Sollte die Widmung tatsächlich an diesem Tag gefertigt worden sein, hätte der Führer sie also unmittelbar vor seinem Tod geschrieben. War die Widmung echt? Könnte es sein, dass seine Großmutter oder wohl eher sein Großvater als Wehrmachtssoldat das Buch tatsächlich vom Führer des Tausendjährigen Reiches erhalten hatte? Aber wofür? Oder gehörte es jemand anderem und seine Großeltern waren nur zufällig in den Besitz des Buches gelangt? Und was bedeutete die geheimnisvolle Widmung? Fragen über Fragen, die sich zweifelsohne nicht nur ein Journalist bei einem solchen Fund stellen musste.
Er blätterte das Buch auf andere Eintragungen durch, aber der ursprüngliche Eigentümer, sollte es denn einen gegeben haben, hatte weder seinen Namen vermerkt, noch deuteten Randkommentare oder Unterstreichungen darauf hin, dass es überhaupt jemand gelesen hatte. Der Ursprung und die Bedeutung der Widmung ließen sich nicht so leicht entschlüsseln. Sie war und blieb mysteriös.
Torben – völlig in seinen Gedanken versunken – bemerkte nicht, dass zwischenzeitlich seine Mutter das Zimmer betreten hatte, und erschrak ein wenig, als er plötzlich ihre Stimme sehr nah neben sich vernahm. „Was siehst du dir da an? Wolltest du dir nicht ein paar Fotos heraussuchen?“
„O Gott, musstest du mich so erschrecken?“, entgegnete Torben. „Und ja, klar wollte ich das! – Aber du müsstest mich eigentlich kennen, die Bücher haben mich irgendwie abgelenkt.“
Er schlug das Buch zu und reichte es seiner Mutter mit den Worten: „Sag mal, hast du das schon einmal gesehen?“
Die Reaktion seiner Mutter ähnelte seiner eigenen wenige Minuten zuvor. „Ach du meine Güte ‚Mein Kampf‘, nein, das kenne ich nicht. Mit so etwas hatten deine Großeltern doch nichts am Hut. Sag bloß, es stand hier im Regal?“
„Ja, es lag hinter der obersten Reihe Bücher. Schau dir bitte die Widmung an!“, forderte Torben sie auf.
Seine Mutter las die Widmung offensichtlich zwei Mal und blickte danach Torben skeptisch an. „Dein Großvater hat mir nie gesagt, dass er Hitler getroffen hat, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er im Krieg irgendetwas Besonderes getan haben kann, was eine solche Begegnung oder gar ein persönliches Geschenk gerechtfertigt hätte. Also, die Antwort auf deine Frage, die du mir sicherlich gleich stellen wirst, lautet: Nein, ich habe keine Ahnung, was die Widmung bedeutet.“
„Du scheinst mich recht gut zu kennen“, entgegnete er schmunzelnd.
„Du bist mein Sohn! Ich habe dich neun Monate mit mir herumgetragen und danach aufwachsen sehen. Auch wenn du mir jetzt nicht mehr alles erzählst, wenn dich einer kennen sollte, bin ich das!“ Sie lachte und fuhr ihm mit einer Hand durch die Haare, als ob er noch immer ein kleiner Junge wäre.
Torben lies es geschehen und bohrte weiter: „Okay, du hast gewonnen! Aber fällt dir keine Erklärung dafür ein? Ich weiß, dass Großmutter während der letzten Kriegsjahre auf dem Land gewohnt hat. Sie kann das Buch meiner Meinung nach nicht geschenkt bekommen haben. Großvater wiederum hat mit mir über den Krieg oder was dort passiert ist, nie wirklich gesprochen. Seine Erlebnisse haben mich natürlich trotzdem interessiert und ich habe ihn ziemlich oft danach gefragt, aber er wollte partout nicht antworten. Ich vermute, die Erinnerungen haben ihn zu stark belastet. Ich meine, er wollte wohl nicht, dass alte Wunden aufgerissen werden. Eigentlich weiß ich nur, dass ihn die drei Jahre, die er in russischer Kriegsgefangenschaft verbrachte, fast umgebracht haben.“
„Mit deiner Großmutter hast du recht. Sie wurde hierhergeschickt, weil es durch die ständigen Bombardierungen in Berlin zu gefährlich war.“ Seine Mutter war, während sie sprach, zum Wohnzimmertisch gegangen, nahm sich jetzt ein abgegriffenes rotes Fotoalbum und schlug es auf. „Hier, kennst du dieses Foto?“
Torben blickte in das Gesicht eines mageren, ernsten jungen Mannes, der vielleicht zwanzig Jahre alt war.
„Das ist dein Großvater Hans Schauweiler als junger Wehrmachtssoldat. Er war weder Offizier noch Angehöriger der Waffen-SS, noch hat er Heldentaten in diesem Krieg vollbracht. Ich weiß, dass er an die Front nach Frankreich musste, nachdem er wie Tausende andere auch eingezogen worden war, und dort einer Artillerieeinheit angehörte. Jedenfalls hat er immer erklärt, dass er sich seinen Hörschaden dort geholt habe. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie befand er sich, zumindest glaube ich das, mit seiner Einheit irgendwie ständig auf dem Rückzug. Die letzten Monate des Krieges hat er Berlin mit verteidigt. Wenige Tage vor der Kapitulation der Nazis kam er aber ziemlich erschöpft und in ziviler Kleidung nach Hause. Er sagte immer, dass er deine Großmutter noch einmal sehen und sie bitten wollte, auf ihn zu warten, da er wusste, dass eine Internierung oder Inhaftierung aller Wehrmachtsangehörigen durch die Siegermächte unausweichlich war. Großmutter sollte wissen, dass er zumindest bis zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war und die Kämpfe überstanden hatte. Er wurde einige Tage später dann auch in diesem Haus von russischen Soldaten verhaftet und deportiert. Alles andere weißt du bereits. Die nächsten drei Jahre konnten sich deine Großeltern nur ein halbes Dutzend Briefe und Karten schreiben und er kam – von schwerer körperlicher Arbeit gezeichnet – krank und geschwächt aus der Gefangenschaft zurück. Die Russen haben die Deutschen verständlicherweise nicht unbedingt gut behandelt. Deine Großmutter hat ihn gemeinsam mit ihrer Familie aber wieder aufgepäppelt. Und die nächsten sechs Jahrzehnte haben beide zusammen hier gelebt.“
„Was nach 1945 geschehen ist, weiß ich, aber hat er dir – seiner einzigen Tochter – nicht irgendetwas vom Krieg, von den Kämpfen in Berlin oder den Orten seiner Stationierung erzählt? Überleg doch bitte noch einmal!“, ließ Torben nicht locker.
„Vielleicht liegt es ja daran, dass ich kein Mann bin. Mich hat das weder interessiert, noch hatte ich das Gefühl, dass dein Großvater darüber sprechen wollte. Seien wir ehrlich, niemand hat diesen Krieg ohne Narben an Körper und Seele überstanden. Therapien oder so etwas Ähnliches gab es damals noch nicht. Die meisten haben ihre Erlebnisse einfach verdrängt und dein Großvater gehörte eindeutig zu ihnen.“
„Ich weiß nicht, ob ich es jetzt finde“, sagte seine Mutter, während sie sich durch die restlichen Fotoalben wühlte, „aber dein Großvater hat mir irgendwann einmal ein Foto mit einer Gruppe Soldaten gezeigt. Es handelte sich, wenn ich mich recht erinnere, um eine Aufnahme aus seiner Grundausbildung. Darauf waren bestimmt zwanzig junge Männer zu sehen, die vor einem Flakgeschütz standen. Eigentlich kann man sie gar nicht als Männer bezeichnen, sondern eher als Jungs. Die meisten von ihnen waren bestimmt das erste Mal von zu Hause weg; aber alle sahen so glücklich und lebensfroh aus. Dein Großvater sprach sehr euphorisch über diese Zeit. Als ich ihn fragte, was aus den anderen geworden ist oder ob er noch Kontakt zu ihnen hat, änderte sich seine Stimmung schlagartig. Ihm traten die Tränen in die Augen und er sagte, sie seien alle gefallen. Er sei der Einzige, der diesen elenden Krieg überlebt hat.“
Nachdem seine Mutter den nächsten Stapel Fotos durchgesehen hatte, sah sie auf und sagte: „Es tut mir leid, Torben, ich kann das Foto einfach nicht finden.“
„Es ist schon gut, Mom, das ist nicht so wichtig“, entgegnete Torben. Einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er sie jedoch: „Du sagtest, Großmutter und Großvater haben sich während der Gefangenschaft geschrieben, das haben sie doch bestimmt auch schon während des Krieges. Wie ich meine sentimentale Großmutter in Erinnerung habe, hat sie diese Briefe doch bestimmt aufgehoben.“
Bevor er weiterreden konnte, fiel ihm seine Mutter ins Wort und sagte: „Oh, Torben, wie gut deine Großmutter dich doch kannte! Schon einige Monate vor ihrem Tod bat sie mich, alle Briefe zwischen deinem Großvater und ihr, die sie tatsächlich aufgehoben hatte, gemeinsam mit einigen anderen Sachen zu vernichten. Und das habe ich auch getan. Nachdem dein Opa gestorben war, hat sie alle Briefe nochmals gelesen. Sie sagte mir, sie seien sehr persönlich und sie wolle nicht, dass andere Menschen sie jemals zu Gesicht bekommen. Der Inhalt gehe nur Hans und sie etwas an. Mit einem Lächeln hat sie hinzugefügt: Und wir wollen doch nicht, dass der Junge eine kitschige Liebesgeschichte daraus macht! Wir haben beide damals so darüber gelacht. Rückblickend war es eines der letzten Lachen, das ich von ihr gehört habe. Ach Torben, sie haben dich beide so geliebt. Weißt du das eigentlich?“
Durch den Kloß in seinem Hals, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, schaffte es Torben nur, ein kehliges „Ja!“ als Zustimmung auszustoßen. Er kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an und wandte sich wieder den auf dem Wohnzimmertisch angehäuften Erinnerungen zu.
In den nächsten Minuten betrachteten seine Mutter und er gemeinsam und schweigend die Fotoalben und losen Fotos. Hunderte Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Farbfotografien zeigten die – wie viele lachende Gesichter verkündeten – meist glücklichen Momente ihrer Familie in den letzten fast einhundert Jahren. Er sah die Eltern seiner Großmutter beim Bau des Hauses. Er sah seinen Großvater als bereits hoch aufgeschossenen Jugendlichen mit seiner viel jüngeren Schwester an der Hand, die später bei der Bombardierung Magdeburgs sterben sollte. Er sah seine Großeltern mit ihrer achtzigköpfigen Hochzeitgesellschaft. Er sah sich selbst mit seinem Vater unter dem Weihnachtsbaum.
Plötzlich sagte seine Mutter: „Möglicherweise gibt es aber jemanden, der dir weiterhelfen kann zu erfahren, wie dein Großvater die letzten Kriegstage in Berlin verbracht hat.“
„Wirklich? Wer soll das sein? Ich dachte, die meisten seiner damaligen Freunde und Bekannten sind verstorben?“
„Du kennst ihn auch“, erwiderte sie. „Er war auf der Beerdigung deines Großvaters, ein hagerer alter Mann. Er lief an Krücken, und das sehr schlecht. Du hast ihn gestützt, als er damit in der weichen Friedhofserde einsank. Erinnerst du dich?“
Torben nickte zwar, aber seine Erinnerung an den Mann, von dem seine Mutter sprach, war nur sehr vage. Es war ein regnerischer und trüber Nachmittag gewesen. Das Wetter hatte zu dem Anlass gepasst. Sollte er irgendjemandem geholfen haben, so hatte er es als nicht besonders wichtig erachtet und einfach vergessen.
Sein Mutter redete weiter: „Sein Name ist Konrad Reiher. Dein Großvater und er haben sich wohl im Krieg kennengelernt und vor einigen Jahren – wie sollte es in ihrem Alter auch anders sein – auf der Beerdigung eines gemeinsamen Bekannten wiedergetroffen. Sie haben danach ab und zu miteinander telefoniert. Reiher wohnte zu diesem Zeitpunkt schon in einem Pflegeheim. Ich glaube, es befindet sich am Crossinsee. – Mir fällt gerade ein, bei der Beisetzung deiner Großmutter habe ich ihn gar nicht gesehen. Es wäre sicherlich sehr schade, aber vielleicht ist er ebenfalls schon verstorben. Er müsste ja auch bereits weit über achtzig Jahre alt sein und gesund sah er schon damals nicht aus. Einen besseren Rat kann ich dir wirklich nicht geben. Es tut mir leid.“
„Das muss es nicht! Vielleicht besuche ich ihn einmal, danke für den Hinweis. Möglicherweise lasse ich die Geschichte aber auch auf sich beruhen“, antwortete Torben und meinte es auch so. Im Augenblick waren das Buch und dessen rätselhafte Herkunft für ihn nicht so wichtig.
Er nahm den rechten Arm und zog seine Mutter an sich. Zwar tat er das, um ihr durch die körperliche Nähe etwas Kraft zu vermitteln, aber eigentlich – so gestand er sich ein – war es schon immer genau umgekehrt gewesen.
Seine Mutter, die instinktiv wusste, wie lange solche Momente dauern durften, ohne für Torben peinlich zu erscheinen, raffte sich kurz darauf auf – obwohl sie die Umarmungen ihres Sohnes so genoss – und sagte: „Genug gefaulenzt, lass uns jetzt mit dem Ausräumen weitermachen. Wilfried glaubt sonst noch, er muss hier alles alleine machen!“
II
„Wissen Sie, wie man mich früher nannte? Sie werden nie darauf kommen! – Füchschen! Sie können mir ruhig glauben, meine Kameraden nannten mich tatsächlich kleines Füchschen, weil ich so flink und manchmal auch so schlau war.“ Konrad Reiher kicherte. „Und jetzt? Jetzt werde ich, sobald das Wetter es zulässt, an das Ufer dieses Sees geschoben, damit ich ein paar alten Schachteln beim Füttern der Enten zusehe. Das Schlimmste daran ist, dass ich bestimmt zwanzig Jahre älter als jede von denen bin, aber ich werde gewiss wohl noch einige überleben! Freiwillig gehe ich jedenfalls nicht von dieser Welt! Meine Kinder sollen sich ruhig noch eine Weile ärgern, dass meine komplette Rente und mein Erspartes für den Heimplatz draufgehen.“
Torben hatte sich zwei Tage nach dem Gespräch mit seiner Mutter entschlossen, den alten Bekannten seines Großvaters aufzusuchen. Als Enkel und auch aus journalistischem Interesse wollte er keine Möglichkeit verstreichen lassen, doch noch zu erfahren, wie das gefundene Buch mit der geheimnisvollen Widmung in den Besitz seines Großvaters gelangt war, und der Hinweis auf Konrad Reiher war die einzige Spur, der er folgen konnte. Eine Spur, die sich noch bester Gesundheit erfreute, wenn man ein Leben im Rollstuhl, auf den Reiher mittlerweile angewiesen war, wie Torben in einem Telefonat mit dem Pflegeheim erfuhr, so nennen konnte. Er hatte das Gespräch mit der Hausleitung gleich als Anlass genutzt, um sich bei dem Kriegsveteranen für den nächsten Tag anzumelden.
Während ihn eine junge, wenn auch anscheinend etwas spröde Pflegerin mit einer erstaunlich wohlgeformten Figur, die dafür verantwortlich war, dass sich Torben insgeheim für seinen Ruhestand schon in der Einrichtung einschrieb, durch den Garten geleitete, entschloss er sich, Reiher noch nichts von dem Buch zu erzählen, sondern nur zu fragen, woher sein Großvater und er sich kannten. Das Zurechtlegen einer Geschichte, um das Gespräch im weiteren Verlauf auf den Krieg zu lenken, erwies sich allerdings als gänzlich überflüssig. Denn Konrad Reiher, wie Torben hörte, selbst verwitwet und Vater zweier Söhne, die ihn aber nie besuchten, und Großvater mehrerer Enkel, deren genaue Anzahl und Namen er aber nicht kannte, lebte – gefangen in einem gelähmten Körper – gedanklich noch das Leben eines jungen, agilen Mannes, dessen Vater ein hoher, dem Führer bis zum Ende treu ergebener NS-Funktionär in Berlin war und der selbst mit voller Überzeugung seine Zukunft in der Wehrmacht gesehen hatte.
Kaum dass Torben von der jungen Pflegerin, die ihn zum Abschied doch noch angelächelt hatte, als Enkel von Hans Schauweiler vorgestellt wurde, schien Konrad Reiher im Geiste ins Deutschland der Vierzigerjahre zurückzureisen. Die Informationen über seinen Großvater, die Torben erhofft hatte, sprudelten neben vielen anderen Geschichten über vermeintliche Heldentaten und Einschätzungen der damaligen Kriegstaktiken wie ein Wasserfall nur so aus dem Greis heraus.
Torben erfuhr, dass sein Großvater und Reiher sich bei einem Kuraufenthalt in Bad Düben kennengelernt hatten, da beide fast zeitgleich bei Bombenangriffen der Alliierten durch Granatsplitter verletzt worden waren. Allerdings waren die Verwundungen nicht so schwerwiegend, dass sie zwei einundzwanzigjährige junge Männer davon abhalten konnten, die Wiesen, Felder und vor allem Schenken des Umlandes unsicher zu machen. In den gemeinsamen vier Wochen war eine Männerfreundschaft entstanden, die jedoch laut Reiher zwangsläufig abrupt endete, als beide wieder an unterschiedliche Frontabschnitte zurückbeordert wurden. Eher beiläufig erklärte er Torben, dass man sich lediglich noch einmal wiedergesehen hätte. Dieses Wiedersehen sei für die Freundschaft allerdings irrelevant gewesen. Darüber bräuchte man jetzt nicht mehr zu sprechen.
Torben, der nach fast zwei Stunden auf einer unbequemen Gartenbank endlich den Eindruck hatte, an einem entscheidenden Punkt angelangt zu sein, versuchte das Gespräch in eine ihm genehme Richtung zu wenden. „Herr Reiher, ich möchte nicht unhöflich sein, ich würde natürlich sehr gerne wissen, warum Sie zum Beispiel Füchschen genannt wurden, aber können sie mir nicht noch etwas über das Wiedersehen mit meinem Großvater erzählen? Meine Familie weiß nämlich nicht, wie er die letzten Kriegsmonate verbracht hat.“
„Mein lieber Junge“, der bislang so redselige Reiher schien schlagartig ernster und verschlossener, „ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich so tief in der Vergangenheit ihres Großvaters und der meinen graben sollten. Ich habe vor langer Zeit einen Eid geschworen, über bestimmte Dinge nicht zu sprechen. Natürlich nehme ich nicht an, dass irgendjemand, dem ich damals verpflichtet war, noch am Leben ist. Dieser Schwur ist also für mich nach der langen Zeit theoretisch nicht mehr bindend. Zwar könnte ich darüber reden, aber dass Sie heute hier bei mir sind und Fragen stellen, zeigt mir, dass sich auch Ihr Großvater bis zu seinem Tode verpflichtet gefühlt hat, Stillschweigen darüber zu wahren. Selbst in unseren letzten gemeinsamen Jahren haben Ihr Großvater und ich nie ein Wort darüber verloren.“
Die Ablehnung Reihers deutlich spürend, folgte Torben einem spontanen Gedanken und konfrontierte ihn mit einer Vermutung: „Sie haben beide den Führer an dessen Todestag getroffen, richtig?“
Einen kurzen Augenblick schien Reiher verblüfft. Er fing sich aber sofort wieder, setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf und blickte über den See. Ohne Torben anzuschauen, antwortete er: „Ich wusste bis heute nicht, dass Ihr Großvater den Führer persönlich getroffen hat. Aber offensichtlich besitzen Sie mehr Informationen als ich. Erzählen Sie mir davon und wir wollen sehen, ob ich Ihnen weiterhelfen kann.“
Torben beschloss, das Risiko einzugehen und Reiher zumindest teilweise in Kenntnis zu setzen. „Mein Großvater hat ein Treffen mit Hitler nie erwähnt. Ehrlicherweise muss ich zugeben, hat er fast nie vom Krieg gesprochen. In seinem Nachlass habe ich jedoch eine Ausgabe des Buches ‚Mein Kampf‘ mit einer persönlichen Widmung des Führers gefunden. Die Widmung ist auf den 30. April 1945 datiert. Ich stelle mir natürlich die Frage, ob diese Widmung echt ist und wofür mein Großvater das Buch geschenkt bekommen haben kann.“
Reiher schloss die Augen. Torben spürte förmlich, wie er sich konzentrierte, in der Zeit zurückreiste, seine Erinnerungen abrief und innerlich mit sich rang, ob er bereit war, all das preiszugeben, was vor so vielen Jahrzehnten geschehen war. Plötzlich straffte sich sein ganzer Körper, oder genauer derjenige Teil, den er, wenn auch nur unter Schmerzen, noch bewegen konnte. Er öffnete die Augen, setzte sich so aufrecht wie möglich hin und sagte: „Nun gut, mein lieber Freund, ich bin ein alter Mann. Niemanden interessiert es, ob ich tot oder am Leben bin, nicht einmal meine eigenen Kinder. Aber bevor die Geschehnisse von damals mit meinem Tod völlig in Vergessenheit geraten, sollte ich sie vielleicht dem Enkel eines alten Freundes erzählen. Sie haben mir die Frage gestellt, ob wir beide den Führer getroffen haben. So leid es mir tut, aber ich kann darauf nur für meine Person antworten. Die Antwort lautet: Nein! Ich habe Adolf Hitler nie persönlich kennengelernt. Wenn sie mich aber fragen, ob ihr Großvater den Führer an seinem Todestag getroffen haben kann, muss ich Ihnen sagen, dass ich es theoretisch für möglich halte.“
Torben, der jedes Wort regelrecht aufsog, musste Reiher etwas verwirrt angesehen haben, denn der ergänzte sofort: „Ich kann das sagen, weil ich Ihren Großvater am 30. April 1945 im Führerbunker getroffen habe. Wir hatten jedoch keine Gelegenheit, miteinander zu reden. Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat, ich kann es nur vermuten.“
Das obligatorische Notizbuch eines Journalisten zückend, fragte Torben: „Was meinen Sie damit, er war im Führerbunker, und was glauben Sie, wollte er dort?“
„Ich bin Hans am 30. April 1945 gegen drei Uhr nachmittags im Treppenhaus des Bunkers begegnet. Ich weiß das so genau, weil die nächsten Stunden, ach, was sage ich, die nächsten Tage sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Ich habe ihn im ersten Moment gar nicht erkannt, da er zivile Kleidung trug. Damals erschrak ich, weil ich dachte, er sei desertiert. Aber er war in Begleitung eines schmalen Bürschchens, das auch keine Uniform anhatte, und von SS-Leuten, die ihn verhaftet haben konnten, war nichts zu sehen. Hans war ganz genauso verblüfft, mich dort zu treffen. Er fing sich aber schneller als ich, hielt kurz an, während sein Begleiter an uns vorbeieilte, nahm meine Hand und sagte: ‚So Gott will, werden wir das hier überleben. Viel Glück, Konrad!‘ Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er meine Hand auch schon losgelassen und die nächsten Stufen in Richtung Ausgang genommen. Mich ließ er mit tausend Fragen zurück, die mir durch den Kopf schossen. Sechs Stunden später kannte ich die Antworten oder hatte zumindest eine Vermutung.“
„Wie meinen Sie das, Sie hatten eine Vermutung? Und wer war der Begleiter meines Großvaters?“, bohrte Torben weiter.
„Ich werde alle Ihre Fragen beantworten, aber bitte der Reihe nach“, erwiderte Reiher. „Seinen Begleiter kannte ich nicht. Er trug Mantel und Hut. Sein Gesicht war mit Ruß bedeckt. Er schien aber – sagen wir mal – recht zart zu sein.“ Er lachte. „Sie haben zum Schluss alle, die noch greifbar waren, in den Volkssturm gesteckt. Hitlerjungen waren dabei besonders leicht zu lenken. Sie haben nämlich noch an den Endsieg geglaubt. Zum Schluss waren wir – Soldaten, Volkssturm und Freikorps – vielleicht hunderttausend schlecht bewaffnete Männer und sogar Frauen, die Berlin verteidigt haben. Uns standen aber mehr als zwei Millionen russische Soldaten und Tausende Panzer gegenüber. Mein eigener Vater hatte sich einige Tage zuvor, wie viele Parteifunktionäre, noch dem ‚Freikorps Adolf Hitler‘ angeschlossen. Er wurde aber – das erfuhr ich zufällig – schon kurz darauf verwundet und befand sich in Begleitung meiner Mutter im Lazarett des Luftschutzkellers der Reichskanzlei. Ich nehme an, dass er dort mit irgendeinem ranghohen Offizier gesprochen und diesen gebeten hat, seinen Sohn von der Front abzuziehen, denn am 30. April 1945 erhielt ich Befehl, mich im Führerbunker zu melden. Der Bunker konnte zum einen vom Keller der Reichskanzlei, in dem sich ja meine Eltern befanden, und zum anderen über eine Treppe vom Garten erreicht werden, obwohl nicht mehr viel übrig war, was man noch Garten hätte nennen können.“ Reiher stieß ein gequältes Lachen aus. „In den Bombentrichtern wurden nämlich die Leichen aus dem Lazarett verscharrt.“
Torben, der sich diese Szenerie gerade bildlich vorstellte, schluckte kurz und hörte Reiher weiter zu.
„Ihrem Großvater begegnete ich in eben diesem Treppenhaus zum Garten. Wenige Augenblicke danach führte mich ein Wachhabender durch einen etwa zwölf Meter unter der Erde gebauten und mit rotem Teppich ausgelegten Korridor an einigen Ordonnanzen vorbei in eine kleine Wachstube. Auf dem Weg dorthin bemerkte ich rechter Hand einen Raum, der offenbar als Besprechungszimmer diente. Darin befanden sich vielleicht ein halbes Dutzend Offiziere, die sich lautstark unterhielten. Ich konnte aber nicht erkennen, um wen es sich handelte. Ich selbst bekam dann nur eine Aufgabe, zu warten! Und zwar, bis für mich eine passende Verwendung gefunden worden wäre. Man setzte mich in die Wachstube, einen kleinen Raum von vielleicht zwölf Quadratmetern Größe, der so feucht war wie der gesamte Bunker an sich. Irgendwie hatte ich mir das Domizil des Führers erhabener vorgestellt. Ich zermarterte mir gerade das Hirn, warum man gerade mich und wofür ausgewählt hatte, als ich etwa eine halbe Stunde später und trotz des Artilleriefeuers, das man ständig hörte, so etwas wie einen dumpfen Knall vernahm.“
Torben, der es schon seit einiger Zeit nicht mehr auf der Gartenbank ausgehalten hatte und hin und her lief, unterbrach den ehemaligen Wehrmachtssoldaten: „Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, dass Sie dabei waren oder, um es genauer auszudrücken, gehört haben, wie Hitler sich erschoss?“
Reiher sah direkt in Torbens Augen und sagte mit ruhiger Stimme: „Doch, mein Junge, genau das versuche ich Ihnen beizubringen. Und Ihr Großvater war höchstwahrscheinlich in der Stunde vor dem Tod des Führers bei ihm.“
Torben schüttelte ungläubig den Kopf, weil er nicht wahrhaben wollte, dass dieser sanfte Mann, den er sein ganzes Leben gekannt hatte, ein solch enges Verhältnis zu Adolf Hitler gehabt haben sollte.
Reiher, der anscheinend seine Gedanken erahnte, fuhr mit seinen Ausführungen fort: „Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen, weder ihr Großvater noch ich selbst waren Kriegsverbrecher, die in besonderen Diensten des Führers standen. Ich bin der Überzeugung, dass wir nur zufällig ausgewählt wurden.“
Torben – immer noch zweifelnd – fiel ihm ins Wort: „Aber wofür?“
„Das will ich Ihnen doch die ganze Zeit sagen. Aber Sie wollen ja nicht zuhören! Oder kann ich jetzt weitererzählen?“, erwiderte Reiher.
Torben konnte nur stumm nicken und setzte sich, bereits jetzt innerlich erschöpft, wieder hin.
„Nach diesem Knall, Schuss oder was auch immer, wurde es sehr hektisch im Führerbunker. Was genau vor sich ging, weiß ich nicht, da ein SS-Mann dafür sorgte, dass ich in der Wachstube blieb. Diese grenzte allerdings an die Telefonzentrale und ich konnte einige Gesprächsfetzen auffangen. Irgendwann wurde mir klar, dass man von Hitlers Tod sprach. In diesem Moment wusste ich zwar, dass der Kampf endgültig verloren war, ich wollte es jedoch nicht wahrhaben. Ich fühlte mich so verloren. Ich war unendlich traurig und doch auch stolz auf den Führer, dass er sich nicht hatte lebend gefangen nehmen lassen. Er hatte sich quasi für Deutschland geopfert; ein Weg, den ich in diesem Moment auch beschreiten wollte. Sie werden jetzt sicherlich denken, ich wäre ein Alt-Nazi oder so etwas. Weder stimmt das, noch spielt es irgendeine Rolle, aber damals in diesem Bunker brach meine kleine Welt, wie ich sie kannte, auseinander.“
Jetzt war es Reiher, den seine eigene Erzählung sichtlich mitnahm. Er sah noch älter aus, als er war. Dennoch fuhr er fort: „Mit der Zeit beruhigte ich mich etwas und nach ein paar Stunden führte man mich in ein kleines Arbeitszimmer. Dort traf ich auf Martin Bormann, Reichsleiter und Sekretär Adolf Hitlers. Er brauchte sich nicht vorzustellen. Jeder wusste, was das für ein machthungriges Schwein war. Selbst in dieser ernsten Situation versicherte er sich zuerst in der herablassenden und arroganten Art, die ihm eigen war, ob mein Name Konrad Reiher sei. Als ich bejahte, teilte er mir mit, dass das Großdeutsche Reich einen neuen Kanzler namens Joseph Goebbels habe, der von mir erwarte, dass ich einen ungemein wichtigen Auftrag, der die weitere Zukunft des Reiches beeinflussen könne, für ihn erledige.
Bormann übergab mir ein kleines, unförmiges Päckchen, etwas größer als ein Stück Butter, und einen verschlossenen Brief ohne Adresse und erklärte mir, dass ich diese Sachen nach Carinhall in der Schorfheide, den Landsitz Hermann Görings, bringen solle. Entsetzt über die Order und dadurch alle Befehlshierarchien vergessend, erwiderte ich, dass dies völlig unmöglich sei. Sie müssen nämlich wissen, Carinhall lag fünfzig Kilometer nördlich und die russischen Truppen hatten Berlin quasi schon vollständig eingenommen. Bormann lehnte sich daraufhin zurück und schaute mich selbstgefällig an. Er erklärte mir, dass ich eine Generalvollmacht des Reichskanzlers erhalten werde, die mir die Unterstützung aller mir begegnenden deutschen Truppen zusichere.
Am liebsten hätte ich ihm als Antwort ins Gesicht geschrien, dass es keine deutschen Truppen mehr gab und eine solche Generalvollmacht bei einer Gefangennahme dafür sorgen könne, dass ich sofort standrechtlich erschossen würde. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich wollte nur noch raus aus diesem Bunker, den ich mittlerweile als übergroßes Grab empfand. Ich fasste den Entschluss, sollte mir dies gelingen, sofort zu desertieren.
Aber so einfach machte Bormann es mir nicht. Auf meine Bedenken ging er überhaupt nicht ein, sondern empfahl mir, wie er es nannte, in ziviler Kleidung zu reisen. Dann wies er eher beiläufig darauf hin, dass bei einem Misserfolg meiner Mission meine Eltern, die sich ja nur einige Dutzend Meter entfernt im Lazarett befanden, ebenso wie ich selbst als Volksverräter hingerichtet würden. Er wünschte mir viel Glück und wandte sich wieder dem Abfassen eines Briefes zu.
Mein Kopf schien auf einmal fast zu explodieren und ich starrte ihn fassungslos an, denn Bormann hatte soeben nicht nur meinen Tod, sondern auch den Tod meiner Eltern beschlossen. Als er aufblickte und fragte, ob noch etwas wäre, entgegnete ich geistesgegenwärtig, wie seine Befehle lauten würden, wenn Carinhall bereits eingenommen oder verlassen wäre.
Bormann, über die Nachfrage verwirrt, dachte kurz nach, nannte mich einen ausgesprochen guten Soldaten und sagte, in diesem Fall – und nur dann – müsse ich die Sachen im Schloss Dammsmühle in Wandlitz abliefern. Das Anwesen gehöre dem Reichsführer der Waffen-SS Heinrich Himmler. Mein Auftrag werde dann auch als erfolgreich erledigt angesehen werden. Danach forderte mich Bormann mit einem Handzeichen auf, den Raum zügig zu verlassen.
Vor der Tür wartete bereits ein SS-Mann, der mir einen alten Anzug, eine Lederjacke, die Vollmacht sowie eine Pistole 08 mit Kniegelenkverschluss und zwei Handvoll Munition übergab. Als ich mich umgezogen hatte, führte er mich nach draußen.
Ich weiß bis heute, dass die Treppe, die aus dem Bunker in den Garten führte, siebenunddreißig Stufen zählte; mit jeder einzelnen wuchs meine Entschlossenheit, den verdammten Auftrag zu erfüllen, um das Leben meiner Eltern zu retten. Natürlich wollte ich mich nicht nach Carinhall durchschlagen, das war völlig unmöglich. Noch in Bormanns Büro hatte ich mich entschlossen, es nach Wandlitz zu versuchen. Ich kannte mich in der Gegend aus, weil mein Vater mich immer zum Jagen dorthin mitgenommen hatte. Zudem betrug die Entfernung weniger als dreißig Kilometer, also nur etwas mehr als die halbe Strecke nach Carinhall, allerdings dreißig Kilometer, die mitten durch die feindlichen Linien führten.
Ich will Sie nicht mit Einzelheiten langweilen, weil diese Geschichte nichts mit der Ihres Großvaters zu tun hat. Aber ich habe es geschafft. Ich habe zwei Nächte und einen Tag gebraucht, aber ich habe das Unmögliche geschafft. Ich bin durch Abflussrohre gekrochen, einige Kilometer habe ich mit einem gestohlenen Fahrrad zurückgelegt und zweimal hätten mich die Russen fast erwischt. Aber am Morgen des 2. Mai 1945 habe ich das Schloss erreicht.
Als ich dort jedoch feststellte, dass alle deutschen Truppen offensichtlich bereits abgezogen waren, stieg Panik in mir auf. Das Schloss schien vollständig verlassen. Als ich mich ihm näherte, bemerkte ich allerdings zu meiner großen Erleichterung hinter einem der Fenster des Ostflügels Bewegungen. Kurz darauf stellte sich heraus, dass sich dahinter ein Arbeitszimmer mit Zugang vom Salon des Schlosses befand. Ich spähte durch das Fenster und sah, dass in dem Raum eine Frau mittleren Alters einige Kisten packte.
Ich war zwar der Meinung, mich vorsichtig und lautlos dem Haus genähert zu haben, aber aufgrund meiner Übermüdung und Erschöpfung irrte ich wohl, denn plötzlich spürte ich einen harten Gegenstand, der sich kurz und schmerzhaft in meinen Rücken bohrte. Eine weibliche Stimme forderte mich auf, meine Hände zu heben und mich langsam umzudrehen. Ich kam der Aufforderung nach und legte dann, als es von mir verlangt wurde, vorsichtig meine Pistole ins Gras. Während der gesamten Zeit hielt mich eine etwa sechzigjährige zu allem entschlossen wirkende Frau, die eine grobe Männerjacke, Schal und eine Schirmmütze gegen die morgendliche Kühle trug, mit einem doppelläufigen Jagdgewehr in Schach. Ich war zu erschöpft, um zu protestieren oder um noch groß nachzudenken. Ohne dass sie etwas fragte, sprudelten die Einzelheiten meines Befehls und die Geschehnisse im Führerbunker nur so aus mir heraus.
Die ältere Frau schien von meiner Schilderung nicht im Geringsten überrascht und schenkte meiner Geschichte Glauben. Dabei konnte ich nicht einmal die Generalvollmacht vorweisen. Wie von Anfang an beabsichtigt, hatte ich sie sofort nach Verlassen des Bunkers weggeworfen.
Sie senkte jedenfalls ihr Gewehr und erklärte, dass ich Glück habe, sie hier noch anzutreffen, denn sie seien die letzten beiden Bewohnerinnen und würden in nur wenigen Stunden abgeholt werden. Sie wäre befugt, Päckchen und Brief entgegenzunehmen und weiterzuleiten.
Mit meinen Kräften am Ende, willigte ich sofort ein, froh, die Sachen endlich loszuwerden, und übergab ihr die Gegenstände. Sie steckte sie, ohne ihnen große Beachtung zu schenken, in ihre Jackentasche, wies auf meine Pistole im Gras und riet mir, sie wieder aufzunehmen. Anschließend nahm sie mich durch einen Seiteneingang mit in die Küche und gab mir wortlos etwas zu essen.
Während des Essens schlief ich noch am Tisch sitzend voller Erschöpfung ein und wachte erst bei einsetzender Dämmerung wieder auf. Von den beiden Frauen fehlte jede Spur. Ich vermutete, dass sie zwischenzeitlich abgeholt worden waren. In der Hoffnung, richtig gehandelt zu haben, und dennoch voller Zweifel, ob meine Eltern noch am Leben waren, versuchte ich danach, mich zu Verwandten nach Eberswalde durchzuschlagen, weil mir eine Rückkehr nach Berlin zu gefährlich erschien.
Drei Tage später wurde ich aber von einer russischen Patrouille aufgespürt und gefangen genommen. Ich war weder Angehöriger der Waffen-SS, noch gab es anscheinend schriftliche Unterlagen zu meinem Aufenthalt im Führerbunker. Mein Soldbuch wies mich als einfachen Rottenführer aus, sodass ich vergleichsweise fair behandelt wurde. Zwar habe ich auch zwei Jahre in russischer Gefangenschaft in Irkutsk verbracht, aber das konnte ich ertragen.
Übrigens haben meine Eltern den Krieg überlebt und hatten dabei mehr Glück als Bormann, der einige Stunden nach meinem Aufbruch mit einigen anderen Insassen versucht hat, sich aus dem Führerbunker freizukämpfen und nicht sehr weit kam. Noch bevor ich das Päckchen und den Brief übergeben hatte, soll er sich in den Morgenstunden des 2. Mai 1945 mit einer Giftkapsel umgebracht haben.
Verrückt, nicht wahr, vermutlich wusste niemand, welchen Auftrag mir Bormann gegeben hatte. Hätte ich versagt, wäre vermutlich rein gar nichts mit meinen Eltern geschehen.“
Reiher blickte grimmig und seufzte. Das Erzählen hatte ihn körperlich und das Erinnern emotional erschöpft.
„Haben Sie das Paket oder den Brief geöffnet?“, fragte Torben leise.
„Nein, meine Angst war viel zu groß. Ich habe natürlich oft über die Inhalte der Sendungen nachgedacht. Der Brief? Vermutlich Befehle oder Anweisungen für Truppenbewegungen. Etwas in dieser Richtung. Das Päckchen? Ich weiß es nicht, vielleicht wie bei Ihrem Großvater ein letztes Geschenk Hitlers an einige Getreue. – Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin durch das Erzählen sehr müde geworden, es war anstrengender, als ich dachte. Würden Sie mich jetzt bitte zurückfahren? Wir können ja ein anderes Mal weitersprechen“, bat Reiher.
Torben konnte seine Bitte verstehen. Er sah, wie dringend der alte Mann seine Ruhe brauchte, trotzdem startete er noch einen letzten Versuch, etwas mehr zu erfahren: „Ich kam eigentlich her, um etwas über meinen Großvater zu hören. Sie haben mir jetzt sehr viel über sich erzählt. Was glauben Sie, welchen Auftrag hatte er?“
„Es ist doch offensichtlich, mein Junge“, antwortete der Veteran müde. „So wie mir Bormann einen Befehl erteilte, gab Hitler anscheinend auch ihrem Großvater eine Order. Nur war Hitler so großzügig, Hans gleich ein Geschenk für seine Dienste – in Form seines Buches – zu überreichen. In den Augen des Führers sollte sein Werk durch die persönliche Widmung wohl wie eine Vollmacht für Ihren Großvater wirken, ihn bei der Erfüllung seiner Aufgabe unterstützen.
Hans und ich waren beide niedere Wehrmachtssoldaten ohne besondere Verbindungen zu hohen Offizieren, denen Hitler und sein engerer Stab zum damaligen Zeitpunkt sowieso nicht mehr trauten. Aber vor allem waren wir nicht wichtig, sondern das ganze Gegenteil, nämlich entbehrlich! Wir bekamen zivile Kleidung, um uns ungehinderter oder möglichst unerkannt bewegen zu können. Wenigstens glaubten sie das. Letztendlich übernahmen wir aber Himmelsfahrtskommandos. Niemand konnte wissen, ob wir es schaffen und unsere Ziele erreichen würden. Und trotzdem, so unwahrscheinlich es auch war, ist es sogar uns beiden gelungen, am Leben zu bleiben.
Ich habe vermutlich Befehle nach Wandlitz gebracht, die Göring oder Himmler zugehen sollten. Ihr Großvater hatte vielleicht die Aufgabe, Instruktionen oder Briefe anderen Funktionären zuzustellen. Das ist das ganze Geheimnis. Vielleicht gab es Dutzende von uns. Als ich Hans damals sah, war er in Begleitung eines Jungen. Vielleicht musste auch er einen ähnlichen Auftrag ausführen. Die einzige Frage, die ich mir später immer gestellt habe, betraf die Beweggründe Ihres Großvaters, sein Leben so leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Mich haben sie mit dem Leben meiner Eltern erpresst. Aber Ihr Großvater hatte keine Verwandten mehr in Berlin.
Nun ja, wir konnten heute Nachmittag leider nicht jedes Geheimnis lüften. Also, mein Junge, machen Sie sich keine weiteren Gedanken! Behalten Sie Ihren Großvater so in Erinnerung, wie Sie ihn kannten. Mehr steckt nicht dahinter!“
„Vielleicht haben Sie ja recht!“, entgegnete Torben, der unwillkürlich an die Widmung denken musste: „Die Zukunft des Großdeutschen Reiches liegt in Ihren Händen! Ich stehe so tief in Ihrer Schuld, wie es ein Mann nur sein kann.“
„Natürlich habe ich recht, ich sage es nochmals, wir waren entbehrliche, kleine und dumme Handlanger, mehr nicht!“, krächzte Reiher, der die Botschaft ja nicht kannte, und bekam einen Hustenanfall, der noch andauerte, als Torben ihn bereits wieder im Wohnheim einem Pfleger übergab.
Er hatte genug gehört und wollte ihn nicht länger quälen. Er bat den Betreuer, dem alten Mann später, wenn es ihm wieder besser ginge, nochmals seinen Dank für das Gespräch auszurichten, und hinterließ eine Visitenkarte mit seiner Adresse und Telefonnummer, falls dem Veteranen noch etwas einfallen sollte.
III
Aufgewühlt von den Erzählungen Reihers, verbrachte Torben den späten Nachmittag und den Abend damit, sein Wissen über das Dritte Reich und – wie er es für sich selbst nannte – den Größenwahn der Nazis aufzufrischen. Relativ schnell wurde ihm klar, dass das Internet als Quelle für die für ihn so wichtigen letzten Kriegstage nicht ausreichend war, und er beschloss, einen Spezialisten zu konsultieren. Als geeignetster Kandidat erschien ihm Prof. Dr. George Meinert, der Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Nationalsozialismus am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin. Dieser galt – schenkte man den Veröffentlichungen Glauben – auf internationalem Parkett als Koryphäe. Einige Kollegen kritisierten jedoch – so musste er in den Artikeln seiner Berufsgenossen lesen – dessen dogmatische Haltung bei der Interpretation von Forschungsergebnissen. Mit sehr deutlichen Worten warfen sie Meinert vor, dass er keine anderen Meinungen zulasse. Sie bezeichneten ihn als beratungsresistent, exzentrisch und introvertiert. Für Torben, der immer schon ein Faible für Dissidenten und Querdenker hatte, wurde er jedoch dadurch nur sympathischer und er beschloss, den Professor in den nächsten Tagen aufzusuchen.
Bei Professor Meinert einen Termin zu bekommen, gestaltete sich schwieriger als gedacht, da ihm bei einem Telefonat mit dem zuständigen Institutssekretariat eine angenehme weibliche Stimme mitteilte, dass der Herr Professor seit einigen Wochen bis auf Weiteres vom Lehrauftrag freigestellt sei.
Torben, galant und charmant wie immer, wenn er von wildfremden Menschen Informationen brauchte, wusste zwanzig Minuten später, dass es sich bei der sympathischen Stimme um eine studentische Hilfskraft im achten Semester namens Melody handelte, die auch Vorlesungen bei Professor Meinert besucht hatte. Sie teilte Torben mit, dass sich der Professor institutsintern mit einigen Kollegen und Vorgesetzten überworfen habe. Für seinen Lehrstuhl werde derzeit ein Nachfolger gesucht und sein Büro sei bereits vollständig geräumt. Auf Nachfrage konnte sie zwar keine private Erreichbarkeit des Professors nennen, gab aber an, gehört zu haben, er würde – um sich etwas die Zeit zu vertreiben – am Holocaust-Mahnmal im Zentrum Berlins kleine Führungen für Touristen übernehmen.
Torben bedankte sich bei Melody und erhielt als Gegenleistung für sein einnehmendes Wesen ihre Handynummer, natürlich mit dem Hinweis, dass sie sonst nicht so freigiebig sei, sie ihm aber – sollte er noch Fragen haben – gern behilflich sein wolle. Und da Melody nicht nur ein außergewöhnlicher Name war, sondern sie wirklich ganz sympathisch klang, notierte sich Torben tatsächlich ihre Nummer und heftete sie an seine Pinnwand. Vielleicht würde sich ja irgendwann eine Gelegenheit ergeben, sie persönlich kennenzulernen und festzustellen, ob ihr Äußeres dem Klang ihres Namens entsprach.
Torben erinnerte sich dank alter Recherchen daran, dass man bei einer behördlich zugelassenen und registrierten Firma angestellt sein musste, um als Guide in Berlin arbeiten zu können. Durch diese Information wusste er eine Stunde und sieben Telefonate bei Sightseeing-Agenturen später nicht nur, dass der Professor tatsächlich kleine Stadtrundgänge anbot, er hatte sogar für den nächsten Tag eine individuelle Führung bei ihm buchen können.
Um elf Uhr morgens lernte Torben den Professor dann auch tatsächlich kennen.
Bekanntermaßen gibt es keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Der Professor beherzigte mit seinem Auftreten offensichtlich diesen Grundsatz. Statt eines älteren, zerzausten Gelehrten mit Nickelbrille und durchgewetzten Ärmeln sah sich Torben einem mittelgroßen, braun gebrannten und sehr gepflegten Mann reiferen Alters gegenüber, der augenscheinlich – so verrieten es Bauchansatz und leicht gerötete Nase – den Herbst seines Lebens in vollen Zügen genoss.
Der Professor trug einen hellen Leinenanzug mit weißem Hemd samt passendem beigefarbenen Halstuch. Ein weißer Strohhut und ein Spazierstock vervollständigten das Ensemble. In seiner ganzen Erscheinung erinnerte er Torben eher an den jungen Hemingway als an einen steifen Akademiker.
Das Bemerkenswerteste an seinem Auftritt bestand jedoch darin, dass er in Begleitung eines braunen Chiwawas erschien, den er an einer Leine führte. Torben musste schmunzeln, als er sah, wie vorsichtig und behutsam der kräftige Mann mit dem winzigen Hund umging, anscheinend sogar mit ihm redete. Der Professor war Torben vom ersten Augenblick an sympathisch.
Insgeheim hatte er gefürchtet, Professor Meinert aufgrund des Verlustes seines Lehrstuhls in niedergeschlagener Stimmung vorzufinden. Als sie sich aber gegenüberstanden, wurde er vom blanken Gegenteil überrascht. Der Professor begrüßte ihn mit einem freundlichen und offenen Lächeln. „Ah, lassen Sie mich raten, Sie müssen Herr Trebesius sein. Richtig? Ein wirklich außergewöhnlicher Name, vielleicht können Sie mir ja später etwas über seinen Ursprung erzählen. Wie ich höre, zeichnen Sie sich durch einen erlesenen Geschmack aus, weil Sie darauf bestanden haben, dass ich Ihre Führung übernehmen soll. Mir wurde nämlich gesagt, Sie hätten ausdrücklich nach mir verlangt.“ Der Professor kicherte kurz, ehe er munter weiterplapperte. „Oder wollen Sie mir etwas verkaufen oder mich gar ausrauben? Nein? Ein kleiner Scherz! Na ja, wie dem auch sei, wie Sie sicherlich schon erraten haben, bin ich Professor Meinert und dies ist Gertrud, sozusagen meine bessere Hälfte, die mich seit einigen Jahren begleitet.“
Als der kleine Hund seinen Namen hörte, wedelte er freudig mit dem Schwanz. Der Professor ergänzte dessen ungeachtet sofort: „Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen wunderschönen guten Morgen! Was möchten Sie gerne besichtigen? Wir könnten uns die Ausstellung ‚Topographie des Terrors‘ ansehen oder wir wandeln durch die Ministergärten und ich erzähle Ihnen, wie es 1945 hier aussah. Oder wollen Sie sich tatsächlich das Holocaust-Mahnmal ansehen? Hoffentlich verlangen Sie dann aber nicht, dass ich etwas schaffe, was bisher keinem gelungen ist, nämlich eine Interpretation für dieses Bauwerk zu finden. Aber nun reden Sie doch endlich!“
Torben, der zwischenzeitlich nur kurz genickt hatte, als es um die Bestätigung seiner Person ging, nutzte die kurze Unterbrechung im Redeschwall des Professors, um sich erst einmal selbst vorzustellen. „Guten Morgen, Herr Professor, wenn Sie möchten, können Sie mich gerne Torben nennen.“
Die Reaktion darauf kam rasch und war überaus freundlich. „Gut, gut, das mache ich gerne. Mein Vorname lautet übrigens George. Und ja, eh Sie fragen, der Name ist recht ungewöhnlich für jemanden, der gerade noch im Berlin des Nationalsozialismus geboren wurde. Aber was soll ich sagen, meine Mutter war seit der Verfilmung des Buches ‚Die Reise nach Tilsit‘ von Hermann Sudermann, die 1927 in die Kinos kam, in den amerikanischen Schauspieler George O’Brien vernarrt. Und so heiße ich eben nicht Georg, sondern George.“
„Es freut mich ungemein, Sie kennenzulernen, George“, wurde er von Torben unterbrochen, der nicht wollte, dass der Professor, der offenkundig das Dozieren vor Studenten gewohnt war, wieder in einen Monolog verfiel. „Ich bin mir sicher, dass Sie ein hervorragender Stadtführer sind. Vielleicht können wir irgendwann auch einmal gemeinsam eine Führung machen, aber heute bin ich hier, um Ihnen etwas zu zeigen und Ihre Meinung dazu zu hören.“
Der Professor, offenkundig von diesem Anliegen überrascht, stutzte kurz und antwortete: „Dies ist normalerweise nicht das übliche Prozedere. Als professioneller Stadtführer müsste ich jetzt sicherlich entrüstet ablehnen, aber als Gelegenheitsarbeiter, der ich bin …“ Er zuckte mit den Schultern. „Also gut, Sie haben mich neugierig gemacht. Um was handelt es sich denn? Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie mein Wissen über das Dritte Reich benötigen?“
Torben hatte zwischenzeitlich das Buch aus seiner Umhängetasche geholt und reichte es dem Professor. „Damit liegen Sie goldrichtig! Ich hoffe, Sie können mir hiermit weiterhelfen?“
Der Professor rückte seine Brille zurecht, ließ die Schlaufe der Hundeleine über das Handgelenk auf den Unterarm gleiten und nahm das Buch entgegen. „Oha, ‚Mein Kampf‘ von Adolf Hitler. Sie wissen schon, dass hier nicht der richtige Ort ist, dieses Buch so offen zu zeigen.“ Er blickte ihn über den Rand seiner Brille an. „Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen“, forderte er Torben auf. „Vielleicht durch die Steinquader des Mahnmals? Dort sieht wenigstens nicht jeder, worin wir beide schmökern.“
Torben nickte und beide näherten sich den ersten Stelen des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.
„Das Buch ist in erstaunlich gutem Zustand. Aber was wollten …“ Die Stimme des Professors erstarb, als er die erste Seite aufgeschlagen hatte und die Widmung las. Er hielt in seinen Bewegungen inne, sodass Torben und Gertrud auch stehen bleiben mussten. Die kleine Hundedame nutzte sofort die Gelegenheit, um am nächsten Steinquader zu schnüffeln,
„Sehr interessant. Ist das authentisch? Wurde das Buch wirklich an seinem Todestag signiert?“
„Ich hatte gehofft, das könnten Sie mir vielleicht sagen“, antwortete Torben.
„Ganz so einfach ist das nicht, mein junger Freund! Wo haben Sie das Buch her? Und vor allem: Wissen Sie, wer es vom Führer bekommen hat? Der Kreis der Menschen, die ihn in seinen letzten Stunden sahen, ist recht überschaubar. Einer von ihnen könnte es jedoch tatsächlich erhalten haben, denn die Handschrift ähnelt schon stark der des Führers. In den letzten Wochen vor seinem Tod sollen in Hitlers Armen Lähmungserscheinungen aufgetreten sein. Er war ein kranker Mann und das Schreiben fiel ihm zunehmend schwer. Ich bin aber natürlich bei Weitem kein Gutachter.“
Torben holte kurz Luft und begann zu erzählen: „Das Buch stammt aus dem Nachlass meines verstorbenen Großvaters. Ich vermute, dass er es persönlich vom Führer unmittelbar vor dessen Suizid empfangen hat.“
In den folgenden Minuten setzte er den Professor darüber in Kenntnis, was er von Konrad Reiher über seinen Großvater und deren beider Anwesenheit im Führerbunker erfahren hatte. Erst als er endete, registrierte er, dass sein Zuhörer ihn dieses Mal nicht unterbrochen hatte. Vielmehr glänzten dessen Augen regelrecht und fast erweckte es den Eindruck, als ob der Professor plötzlich frischer und jugendlicher aussah.
Als er sicher sein konnte, dass Torben seine Ausführungen abgeschlossen hatte, erwiderte Professor Meinert: „Mein lieber junger Freund, ich glaube, das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft!“ Er lachte und legte seine freie Hand auf Torbens Arm. „Ihre Geschichte und Ihre Nachforschungen sind höchst interessant. Sie eröffnen einen völlig neuen Blick auf die letzten Tage des Tausendjährigen Reiches. Sie sind von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Ich bin sehr froh, dass Sie den Weg ausgerechnet zu mir gefunden haben. Sie kommen allerdings“ – der Professor seufzte und ließ Torben los – „zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt zu mir. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ich meinen Lehrstuhl abgegeben und mich sozusagen ins Privatleben zurückgezogen habe.“ Der grimmige Blick des Professors verriet, dass dieser Schritt nicht freiwillig erfolgte.
„Das weiß ich bereits“, entgegnete Torben. Schon wenige Minuten nach der herzlichen Begrüßung durch den Professor hatte er entschieden, den für ihn richtigen Experten für seine Recherchen kennengelernt zu haben. Jetzt wollte er ihre Zusammenarbeit nicht mit einer Lüge beginnen. „Ich habe gestern mit dem Sekretariat Ihrer Fakultät gesprochen. Ist es unhöflich, nach dem Grund Ihrer Entscheidung zu fragen?“
„Keineswegs, Torben! Zugegebenermaßen werden Sie mein Motiv allerdings vielleicht als höchst banal betrachten. Ich habe bei meinen Forschungen die Rolle der Alliierten schon immer sehr differenziert betrachtet. In einem meiner letzten Gutachten habe ich mich nun dazu hinreißen lassen, mich diesbezüglich noch kritischer als jemals zuvor zu äußern. Es ging dabei um den Tod von neun Jungen der Hitlerjugend, die – so belegen es neu aufgetauchte Unterlagen – im März 1945 bei Treseburg im Harz von US-Soldaten erschossen, oder besser gesagt, hingerichtet wurden. Da aber die HJ eine von der Wehrmacht unabhängige Organisation und ihre Mitglieder, formell genommen, somit keine Militärangehörigen waren, habe ich das Handeln der US-Amerikaner im Rahmen meiner Gutachtertätigkeit im Strafverfahren als Mord eingestuft. Bekanntlich kann dieser nicht verjähren. Was zur Folge hätte, dass die an der Tat beteiligten und noch lebenden GIs hätten verhaftet werden müssen.
Seine Magnifizenz – der Rektor meiner Hochschule – sowie der Kanzler und einige andere sahen den Fall jedoch völlig anders und verlangten von mir, dass ich das Gutachten zurückziehen, abändern und den Terminus Kriegsverbrechen verwenden solle, was nebenbei gesagt impliziert, dass die Handlungen nicht mehr verfolgt werden können. Als ich den Damen und Herren sagte, was sie mich mal können, war dies wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Von meinem Standpunkt aus betrachtet hätte ich aber nicht nur meine wissenschaftliche Meinung aufgegeben, ich hätte die für einen Forscher notwendige Unabhängigkeit verloren.
Mittlerweile habe ich sogar eine Vermutung, was den möglichen Hintergrund der Bitte oder Order betrifft, ganz wie Sie wollen. Offensichtlich strebt meine Hochschule eine Kooperationsvereinbarung im Bereich der Forschung mit einer finanzstarken Universität an der Ostküste der USA an. Verständlicherweise möchte man den zukünftigen Partner nicht mit amerikakritischen Enthüllungen vor dem Kopf stoßen.
Und so – wieder einmal um einige Illusionen ärmer – habe ich unlängst beschlossen, in den sofortigen Ruhestand zu treten. Die Entscheidung fiel mir zumindest in finanzieller Hinsicht leicht, da ich vor einigen Jahren das ausgesprochene Glück hatte, eine größere Erbschaft anzutreten. Einen solchen Vorgang kann ich jedem nur empfehlen.“
Torben, der dem Professor aufmerksam zugehört hatte, sagte: „Ich bedauere sehr, wie man mit Ihnen umgegangen ist, George. Die Frage ist aber nun, ob Sie bereit sind, mir zu helfen, denn mir persönlich ist es völlig egal, ob Sie noch eine Professur innehaben oder nicht!“
Das Gesicht des Professors hellte sich augenblicklich auf und er erwiderte: „Sie haben recht, Torben! Es ist töricht, Trübsal zu blasen und ewig einer verflossenen Liebe nachzuweinen! Die Devise muss lauten: Auf zu neuen Ufern! Also, Sie halten mit diesem Buch eine unglaubliche Chance in der Hand, das Ende und womöglich das Erbe eines der größten Diktatoren der Geschichte der Menschheit etwas aufzuhellen. Ich verfüge zwar über keine Mitarbeiter mehr, die mich bei meinen Forschungsarbeiten unterstützen, aber wir, ich meine damit Gertrud und mich“, er streichelte der inzwischen deutlich gelangweilten kleinen Hundelady den Kopf, „würden uns freuen, wenn wir Ihnen bei Ihren Nachforschungen helfen können. Und außerdem wird das – sollten wir erfolgreich sein – meinen früheren Arbeitgeber ziemlich verärgern.“
Der Professor lachte erneut, setzte zum Weiterlaufen an und reichte Torben das Buch. „Hier, nehmen Sie es zurück! Die Widmung habe ich mir sowieso gemerkt. Es gehört ja Ihnen, aber achten Sie gut darauf. Wir werden den Wälzer bestimmt noch brauchen. Um das Rätsel zu lösen, schlage ich vor, dass wir uns erst einmal gedanklich in die letzten Kriegstage zurückbegeben. Meinen Sie nicht auch?“
Torben, der gerade unter den neugierigen Blicken Gertruds, die wohl auf ein Leckerli hoffte, sein Buch verstaute, nickte kurz als Zeichen der Zustimmung.
Der Professor, abermals gut gelaunt und voller Elan und Tatendrang, hatte nun endlich wieder die Gelegenheit, sein lebenslang erworbenes Wissen über das Dritte Reich und den Nationalsozialismus weiterzugeben, und es bereitete ihm großes Vergnügen. Fast schon theatralisch setzte er an: „Beginnen wir also mit der ersten Unterrichtsstunde! Sie hätten keinen besseren Ort für den Anfang unserer Reise in die Geschichte wählen können!“
Professor Meinert und Torben gingen langsam zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals hindurch. Weil nicht genügend Platz war, mussten sie hintereinander laufen. Torben sah, wie der Professor ab und an seine Hand über die Steinquader gleiten ließ.
„Waren Sie jemals vorher hier, mein junger Freund?“, fragte er ihn, während er sich umdrehte.
„Nun ja“, gab Torben etwas verlegen zu, „ich habe zwar eine Wohnung im Wedding, aber ich bin viel unterwegs und verbringe wenig Zeit in Berlin. Um ehrlich zu sein, ich habe mir das Mahnmal noch nie richtig angeschaut.“
Professor Meinert hatte nicht vor, ihn zu kritisieren. „Das ist nicht schlimm! Ich verstehe das, Sie sind ein junger Mensch und voller Leben. Der Tod sollte Sie jetzt noch nicht beschäftigen.“ Nach einer kurzen Pause sprach er weiter: „Dieses Mahnmal erinnert an eines der dunkelsten Kapitel des Dritten Reiches. Ich will Ihnen nichts vormachen, vielleicht müssen wir uns genau mit diesen Dingen auseinandersetzen.“
Gertrud, die jetzt etwas ängstlich schien, was nicht verwunderlich war, da die Stelen bisweilen selbst die beiden Männer überragten, wurde vom Professor auf den Arm genommen. „Es sind übrigens zweitausendsiebenhundertelf Betonpfeiler, die in parallelen Reihen auf einer Fläche von fast zwei Hektar aufgestellt wurden. Jeder der grauen Pfeiler ist etwa einen Meter breit und zweieinhalb Meter lang.“ Jetzt kam bei ihm doch noch der Stadtführer durch. „Die Höhen reichen von zwanzig Zentimetern bis fast fünf Meter. Wie Sie vielleicht erkennen können, ist das Stelenfeld sanft, aber unregelmäßig geneigt. Optisch ergeben die Steine eine Welle“, klärte der Professor Torben auf. „Die Quader sind nur der sichtbare Teil des Mahnmals. Zu dem Komplex gehört auch ein unterirdisches Museum mit einer Namensliste der bekannten jüdischen Holocaustopfer. Die Stelen sollen wohl an Grabsteine erinnern, da Ähnlichkeiten zu den Sarkophag-Gräbern jüdischer Friedhöfe bestehen. Aber nicht einmal bei der Eröffnung 2005 gab es eine offizielle Interpretation der Architektur, nur verschiedene Deutungen. Wissen Sie, nicht nur deshalb ist die Gedenkstätte umstritten“, führte er weiter aus. „Der Holocaust hat nicht nur Juden, sondern auch andere Opfergruppen hinweggerafft. Es hätte auch ein gemeinsames Mahnmal geben können. Um es zu finanzieren, wurde zudem bei anderen Gedenkstätten rigoros gestrichen. Die Hälfte der Stelen wies überdies bereits nach drei Jahren Risse auf und etliche werden deshalb jetzt mit Stahlbändern gesichert. Auch die Bauarbeiten wurden seinerzeit einmal unterbrochen, als bekannt wurde, dass der Anti-Graffiti-Schutz der Stelen – offensichtlich ist so eine Versiegelung in Berlin vonnöten – durch die Degussa AG aufgetragen werden sollte. Deren Tochterfirma Degesch hatte im Dritten Reich das Giftgas Zyklon B hergestellt, mit dem die Juden in den Konzentrationslagern vergast wurden.“ Er schüttelte den Kopf. „Manchmal verstehe ich nicht, wie unsensibel und unwissend Menschen sein können. Aber genug davon, wir sind an der Stelle angekommen, die ich Ihnen zeigen wollte.“
Sie hatten den südlichen Rand des Stelenfeldes erreicht und der Professor zeigte in Richtung einiger Bäume. „Nicht einmal hundert Meter von hier in dieser Richtung lag der Führerbunker im Garten der alten Reichskanzlei an der Wilhelmstraße.“ Torben zog hörbar die Luft ein.
Professor Meinert dozierte indes munter weiter: „Der Bunker wurde niemals ganz fertiggestellt. Es gab einen Vorbunker, der einhundertfünfzig Menschen Platz bot, und einen Hauptbunker mit zwanzig Zimmern. Wenn Sie glauben, dass er luxuriös eingerichtet war, dann irren Sie. Selbst Hitler musste auf nackte Betonwände starren. Wegen der Baumängel drang ferner ständig Wasser ein, das kontinuierlich abgepumpt werden musste. Nach dem Krieg wurde mehrfach, ohne großen Erfolg versucht, den Bunker zu sprengen. Und da er nach dem Bau der Berliner Mauer im Todesstreifen lag, hat ihn die DDR-Regierung letztendlich mit Schutt auffüllen und planieren lassen. Wir können also unsere Suche nach Erkenntnis nicht dort beginnen.“
Der Professor ließ seinen Blick noch kurz schweifen und fragte dann an Torben gewandt: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Gertrud und ich möchten nach all dem Beton mal etwas mehr vom neuen Grün des Frühlings sehen. Was halten Sie davon, wenn wir unseren Weg in Richtung Großer Tiergarten fortsetzen?“
Torben stimmte zu und gemeinsam liefen sie an der Außenseite des Mahnmals entlang in Richtung der drittgrößten Parkanlage Deutschlands. Jetzt, da sie erneut nebeneinander gehen konnten, wurde ihr Gespräch wieder intensiver.
„Die Beschreibung, die der Freund Ihres Großvaters gab, lässt mich vermuten, dass er tatsächlich im Führerbunker war. Es gab wirklich eine Wachstube neben der Telefonzentrale, in der er gewartet haben könnte. Und rechtsseitig im Korridor, der – auch das stimmt – mit einem roten Teppich ausgelegt war, konnte man über Besprechungs- bzw. Konferenzräume in die Privatgemächer Hitlers gelangen. Auch Martin Bormann, Privatsekretär und Chef der Reichskanzlei, war am Ende dort und versuchte zu retten, was noch zu retten war.“
Torben zauberte sein Notizbuch hervor und fragte: „Kann ich mir Notizen machen?“
„Aber ich bitte darum!“, antwortete Professor Meinert lächelnd und setzte fort: „Bormann hat die letzten Kriegstage und alle Geschehnisse penibel für die Nachwelt dokumentiert. Fast jeden von Hitlers Sätzen hat er wortwörtlich aufgeschrieben. Durch seine Aufzeichnungen konnte auch nachgewiesen werden, wer und zu welchem Zeitpunkt im Führerbunker anwesend war oder welche Befehle in den letzten Tagen noch erteilt wurden. Bormann wäre aber auch der Einzige gewesen, der dafür hätte Sorge tragen können, dass bestimmte Informationen nicht dokumentiert wurden und damit für immer geheim bleiben konnten. Im Bunker selbst hielten sich damals nur noch etwa zwanzig Personen auf. Deren Namen sind alle bekannt, die Ihres Großvaters oder seines Freundes gehören nicht dazu. Einige werden Sie auch kennen. Neben Bormann waren natürlich Hitlers Geliebte Eva Braun …“, er sprach absichtlich langsamer, damit Torben mitschreiben konnte, „sein Kammerdiener SS-Sturmbannführer Linge … sein Adjutant Günsche … dazu sein Leibwächter, seine vier Sekretärinnen, seine Diätköchin, sein Chauffeur und sein Leibarzt anwesend. Im Vorbunker kamen der Generalstabschef des Heeres Hans Krebs … Eva Brauns Schwager SS-Gruppenführer Hermann Fegelein … die gesamte Goebbelsfamilie und einige andere Größen des Dritten Reichs dazu. Aber ich will Sie nicht mit noch mehr Namen verwirren. Wie dem auch sei, Ende April standen die russischen Truppen in Berlin und Hitler traute längst niemanden mehr.
So hatte Hermann Göring, Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Berlin am 20. April 1945 nach dem Empfang zu Ehren Adolf Hitlers sechsundfünfzigsten Geburtstags wie viele andere Staats- und Parteifunktionäre in Richtung des noch unbesetzten Süddeutschlands verlassen. Drei Tage später versuchte er, weil Hitler weiterhin in Berlin ausharrte, sich als dessen Nachfolger auszurufen. Der Führer enthob ihn daraufhin aller Ämter und ließ ihn auf dem Obersalzberg, seinem Wohnsitz im Berchtesgadener Land, wegen Hochverrats von der dortigen SS-Kommandantur festsetzen.
Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, Reichsinnenminister und Chef der Deutschen Polizei, hatte in den Augen Hitlers ebenfalls versagt, weil er als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel im März nicht hatte verhindern können, dass die Rote Armee die Front in Pommern durchbrach. Etwa zeitgleich mit dem Putschversuch Görings suchte Himmler den Kontakt zu den alliierten westlichen Streitkräften, um eine einseitige Kapitulation anzubieten, und ließ dafür sogar jüdische Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück frei. Am 28. April 1945 wurde Himmler für dieses Verhalten von Hitler ebenfalls aller Ämter enthoben.
Und so ging es weiter! Fegelein, sein Beinaheschwippschwager, setzte sich in Zivil und mit einhunderttausend Reichsmark und Schweizer Franken aus dem Führerbunker ab, SS-General Karl Wolff schloss in Italien einen Waffenstillstand, SS-General Felix Steiner verweigerte den Gehorsam. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Hitler fühlte sich verraten, getäuscht, war außer sich vor Wut und fürchtete einen Attentäter, der sich bereits im Führerbunker hätte befinden können.
Zumindest gelang es dem aufgebrachten und zornigen Hitler, Fegelein durch einen seiner Personenschützer aufspüren zu lassen. Er ließ ihn im Ehrenhof der Reichskanzlei hinrichten, obwohl Eva Braun für den Mann ihrer schwangeren Schwester auf Knien um Gnade bat. Vermutlich um seine Geliebte zu beruhigen, ließ er deshalb einen Standesbeamten ausfindig machen und heiratete Eva Braun um Mitternacht des 28. April 1945.“
Torben, der mit seinen Notizen schon längst nicht mehr hinterherkam, und in dessen Kopf die Namen herumschwirrten, die er wahrscheinlich schon vielfach gehört, aber noch nie so miteinander in Verbindung gebracht hatte, unterbrach den Professor: „Hitler hat Eva Braun geheiratet? Das wusste ich gar nicht!“
„Tja, mein lieber Freund, deshalb gibt es ja Menschen wie mich, die ab und an mal ein Buch schreiben, damit bestimmte Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.“ Er zog Gertrud von einem Mülleimer weg, denn mittlerweile hatten sie die Parkanlage erreicht.
„Kommen Sie, setzen wir uns dort an den Springbrunnen und ich erzähle Ihnen den Rest.“
Torben und Gertrud kamen dieser Einladung gerne nach.
„Nach der Hochzeit mit Eva Braun, ich meine Eva Hitler, geborene Braun, um genau zu sein“, der Professor lächelte, „diktierte Hitler der Sekretärin Traudl Junge sein politisches und ein persönliches Testament. Göring und Himmler schloss er aus der NSDAP aus. Als Reichspräsidenten ernannte er Großadmiral Karl Dönitz und Goebbels wurde Kanzler. Generaloberst Robert Ritter von Greim, der durch die Testpilotin Hanna Reitsch drei Tage zuvor unter größtem Risiko ins fast völlig besetzte Berlin eingeflogen worden war, wurde zum Luftwaffenchef befördert und erhielt den Auftrag, gemeinsam mit Reitsch wieder auszufliegen und Himmler hinrichten zu lassen, wenn er seiner habhaft werden könnte. Das erzähle ich Ihnen, weil Reitsch mehrere persönliche Briefe mitnahm. So hatte Magda Goebbels an ihren Sohn aus erster Ehe geschrieben und Eva Braun-Hitler an jemand anderen. Diesen Adressaten kennen wir allerdings noch immer nicht. Der Brief von Frau Goebbels wurde später durch die Alliierten zwar sichergestellt, den Brief der frischgebackenen Frau Hitler will Reitsch jedoch vernichtet haben.
Sie sehen also, es wurde jede Möglichkeit genutzt, um noch persönliche Nachrichten oder Befehle aus dem Bunker hinauszubringen. Insoweit mag ich der Geschichte von Reiher – so hieß er doch – durchaus etwas Wahres abgewinnen.
Der SS und der Gestapo traute Hitler wegen Himmler nicht mehr, ebenso wenig den Wehrmachtsoffizieren wegen der Kapitulation ihrer Generäle. Warum sollte er also nicht auf einfache Soldaten für besondere Kurierdienste zurückgreifen, erst recht, wenn sie durch Drohungen – wie der anstehenden Hinrichtung von Familienangehörigen – besonders motiviert und zu Höchstleistungen angespornt werden konnten.“
„Aber mein Großvater hatte niemanden mehr in Berlin! Er war auf diese Weise nicht erpressbar“, wandte Torben ein.
„Vielleicht hat er sich für einen Kameraden geopfert, oder ihm wurde schlichtweg eine Lüge aufgetischt, um ihn dazu zu bringen, als Kurier zu fungieren. Mir fallen da tausend verschiedene Möglichkeiten ein“, gab der Professor zu bedenken. „Wie auch immer“, setzte er fort, „am 30. April – seinem Todestag – stand Hitler sehr früh auf, verteilte Geschenke an Getreue und beauftragte seinen Adjutanten Günsche, seinen Leichnam nach seinem Tod zu verbrennen. Er aß allein zu Mittag und erteilte General Helmuth Weidling den Befehl zum Ausbruch aus Berlin, um mit den verbliebenen Soldaten anschließend in den Wäldern weiterzukämpfen. Hitler verabschiedete sich danach von seinen Mitarbeitern und ging gegen 15 Uhr – also etwa zu der Zeit, als Reiher ihren Großvater im Treppenhaus des Führerbunkers getroffen haben will – mit seiner neuen Frau in seinen Wohnraum.
Gegen 15.30 Uhr hörte Günsche, der als Wachposten vor der Tür stand, einen Schuss. Gemeinsam mit Bormann und anderen betrat er deshalb das Zimmer.
Ab hier gibt es verschiedene Schilderungen, deren Abweichen sicherlich auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen der einzelnen Zeugen der Auffindesituation zurückzuführen ist.
Ich bin der Meinung, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass Eva und Adolf Hitler beide Giftampullen zerbissen haben und Hitler sich zusätzlich in die Schläfe schoss. Die ganzen letzten Tage zuvor war nämlich die Art und Weise eines möglichen Suizides das beherrschende Thema im Bunker gewesen. Hitler selbst hatte wiederholt Giftampullen mit Zyankali und Blausäure verteilt. Da die Kapseln ursprünglich von Himmler stammten und er ihm nach seinem Verrat nicht mehr traute, hatte er ihre Wirkung vor seinem eigenen Tod sogar noch an seinem geliebten Schäferhund und dem Hund seiner Frau erfolgreich ausprobiert.
Aber weiter! Die Eheleute Hitler waren also tot. Bormann, Günsche und einige Leibwächter aus dem Begleitkommando verbrannten die Leichen im Garten der alten Reichskanzlei und setzten die verkohlten Überreste in einem Granattrichter bei. Bormann und Goebbels bemühten sich ab diesem Zeitpunkt verzweifelt, ihre Machtbefugnisse zu retten, und begannen mit den Russen über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die lehnten aber ab. Bormann unternahm danach mit einigen anderen einen Ausbruchversuch aus dem Führerbunker, nahm sich aber in diesem aussichtslosen Kampf – auch da hat Reiher recht – ebenfalls mit Gift das Leben, so bestätigen es verschiedene Zeugen. Da man seine Leiche nicht fand, wurde Bormann bei den Nürnberger Prozessen in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bauarbeiten am Lehrter Bahnhof in Berlin förderten erst 1972 seine Knochen tatsächlich zutage.
Goebbels hielt noch mehr als einen Tag die Stellung, bevor er dem neuen Reichspräsidenten Dönitz von Hitlers Selbstmord berichtete. Am Abend vergiftete dann seine Frau Magda die gemeinsamen sechs Kinder und beging mit ihm zusammen Selbstmord. Auch sie wurden mit ihren Kindern im Garten verbrannt. Trotz noch andauernder Kämpfe verschiedener Truppenverbände kann man sagen, dass der Krieg ab diesem Zeitpunkt de facto vorbei war. Als die Russen den Bunker einnahmen, befand sich dort nur noch der Haustechniker Johannes Hentschel, der die Wasserpumpe für das Lazarett in Betrieb hielt.
Natürlich gab es im Laufe der Zeit immer wieder Gerüchte, dass der Führer überlebt haben könnte. So sahen ihn Verschwörungstheoretiker gemeinsam mit Reitsch und Greim ausfliegen und ein U-Boot nach Südamerika besteigen. Aber spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre sind diese Spekulationen verstummt, weil die Russen den Zugang zu den sowjetischen Geheimdienstarchiven ermöglichten.“
„Was heißt das genau?“ Torben schaute bei der Frage kurz von seinen Notizen auf und rieb sich die vom Mitschreiben schmerzende Hand.
„Die militärische Spionageeinheit Smersch – was übrigens vollständig ‚Smert’ špiona‘ also ‚Tod den Spionen‘ bedeutet – der 3. Stoßarmee unter Leitung von Oberstleutnant Ivan Klimenko hatte bereits am 2. Mai 1945 den Garten der alten Reichskanzlei betreten. Dort fanden sie zuerst die Überreste der Eheleute Goebbels, dann die Kinderleichen und den Körper des letzten Generalstabschefs der Wehrmacht, Hans Krebs, der sich kurz zuvor wegen der gescheiterten Kapitulationsverhandlungen ebenfalls das Leben genommen hatte. Die Identifizierung der Leichname erfolgte vor Ort durch gefangen genommene Zeugen. Hinkefuß Goebbels war ja auch, schon anatomisch betrachtet, leicht zu erkennen.
Das Ehepaar Hitler wurde am 5. Mai durch einen einfachen Soldaten gefunden, aber zunächst wieder begraben, da man den Leichnam des Führer-Doppelgängers, Gustav Weler, in der Nähe der neuen Reichskanzlei aufgefunden hatte und ihn zunächst für Hitler hielt. Weler wurde jedoch als solcher identifiziert und die Grabstelle Hitlers durch Zeugenaussagen bekannt, die übrigens zum Teil durch Folter erpresst wurden. Bei der erneuten Öffnung des Grabes am selben Tag wurden dann auch ein Medaillon, Bargeld und die beiden Hunde gefunden. Die Leichen des Führerehepaars wurden durch eine eigens eingesetzte Kommission obduziert und gerichtsmedizinische Expertisen erstellt, die ich im Rahmen meiner eigenen Forschungen selbstverständlich eingesehen habe. Mithilfe von Röntgenaufnahmen sowie Protokollen zu Zahnbehandlungen und Prothesen wurde Hitler zweifelsfrei identifiziert, nicht zuletzt dadurch, weil er nur einen Hoden hatte.“
Torben blickte erneut von seinem Notizbuch auf. „Einen Hoden?“
„Ja, einen Hoden“, wiederholte der Professor.
„Ich weiß schon, deshalb schreiben Menschen wie Sie Bücher, oder?“ Torben lachte. „Aber ich wollte Sie nicht schon wieder unterbrechen. Bitte sprechen Sie weiter.“
„Das ist schon in Ordnung. Stellen Sie Ihre Fragen am besten immer sofort!“, merkte der Professor an.
„Also, bei der Verlegung des Smersch-Stabes wenige Tage später wurden die Leichen des Ehepaars Hitler, der Familie Goebbels, des Krebs und der Hunde in mehreren Munitionskisten mitgenommen und auf dem Gelände der neuen Garnison in Finow vergraben. Diese Praxis setzte sich in gleicher Weise bei jeder weiteren Verlegung der Truppen so fort – Hitler wurde also mehrfach bestattet. Bei einer dieser Umbettungen ließ Stalin danach unter anderem Hitlers Kieferknochen nach Moskau bringen, um den Zahnstatus erneut zu untersuchen. Es besteht für mich kein Zweifel: Adolf Hitler ist tot!“
Er machte eine Pause, um diese Aussage auf Torben wirken zu lassen, ehe er fortsetzte: „Als sich die Truppe im Januar 1946 in Magdeburg an der Elbe, einhundertvierzig Kilometer östlich von Berlin, endgültig niederließ, fanden die Überreste der elf Verstorbenen zumindest für vierundzwanzig Jahre dort ihre letzte Ruhestätte. Sie wurden im Hinterhof der Westendstraße 36 in Magdeburg beigesetzt, wo die Smersch-Abteilung einquartiert wurde. Eine Adresse, die jeder Historiker und auch Neonazi in Deutschland kennt oder kennen sollte.
Als die Grundstücke der Garnison im Jahre 1970 der DDR wieder übergeben werden sollten, entschied der damalige KGB-Chef Juri Andropow mit Zustimmung von Breschnew, die Überreste der Leichen zu verbrennen, um eine Entdeckung der Gräber zu vermeiden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden die Körper, oder besser, was davon noch übrig war, Anfang April streng konspirativ exhumiert, auf einen Lkw verladen, auf einem Truppenübungsplatz verbrannt und die Reste danach westlich von Magdeburg von der sogenannten Schweinebrücke in die Ehle gestreut.“
Auf dem Gesicht des Professors zeichnete sich, während er weitersprach, ein sarkastisches Lächeln ab. „Adolf Hitler hatte immer von einer für seine Person angemessenen Ruhestätte geträumt. Sein Wunsch war es, in einem goldenen und mit Edelsteinen verzierten Sarg in einer anderthalb Kilometer langen und mehrere Hundert Meter hohen Gruft in Linz beerdigt zu werden. Letztendlich als eine Handvoll Asche von einer Schweinebrücke in einen Fluss geschüttet zu werden, kann wohl gegensätzlicher nicht sein.
Nur der Vollständigkeit halber – denn da bin ich meinem Berufsstand noch verpflichtet – muss ich erwähnen, dass die Russen bei der letzten Exhumierung vielleicht nicht sehr gründlich waren. Bei Schachtarbeiten für den Bau einer Garage auf dem Gelände der Westendstraße 36 oder besser Klausenerstraße, wie sie jetzt heißt, wurden zu einem späteren Zeitpunkt immer noch menschliche Knochen gefunden.“
Meinert stöhnte auf. „Puh, jetzt haben Sie ein ganzes Semester Geschichte des Nationalsozialismus in einem Crashkurs vermittelt bekommen! Falls Sie das gerade Gehörte auch nur so ungefähr wiedergeben können, würden Sie sogar die Prüfung bestehen!“
„Vielen Dank, George!“ Torben musste schon wieder lachen. Er genoss es, den Erzählungen von Professor Meinert zuzuhören. „Habe ich dann einen Bachelor- oder einen Master-Abschluss? – Aber im Ernst: Wenn ich Sie recht verstanden habe, passen die Schilderungen Reihers genau in den zeitlichen Ablauf der Ereignisse.“
„Also erstens: Zu einem Vordiplom könnte ich mich gerade noch durchringen, zu mehr aber nicht! Bei mir sind – im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen – akademische Grade nicht so leicht zu erlangen! Und zweitens: Sie haben recht! Und nicht nur das, ich halte es für einen Laien – ohne Einsicht der historischen Dokumente, die ja fünfzig Jahre unter Verschluss waren – für nahezu unmöglich, die von mir geschilderten Ereignisse so detailliert in Erfahrung zu bringen“, bestätigte ein ebenfalls gut gelaunter Professor.
„Meiner Meinung nach war Reiher tatsächlich im Führerbunker und Bormann hat dafür gesorgt, dass es nicht bekannt wurde“, fuhr er fort. „Und da Reiher in diesem Punkt die Wahrheit gesagt hat, besteht auch kein Grund für uns, seine Aussagen anzuzweifeln, die seine damaligen Befehle oder das Treffen mit Ihrem Großvater betreffen. Außerdem bestätigt Ihre Mutter, dass sich beide kannten. Ein Kriminalist würde sagen, die Aussagen Reihers sind glaubhaft und werden durch andere Beweise gestützt, was uns jetzt zu Ihrem Großvater zurückbringt.
Wir können – da bin ich mir sicher – davon ausgehen, dass er wirklich direkt von Adolf Hitler einen Befehl erhielt. Die Widmung im Buch bestätigt das. Was könnte es aber gewesen sein? Hitler spricht von der ‚Zukunft des Großdeutschen Reiches‘, die in den ‚Händen‘ Ihres Großvaters liegt. Das ist selbstverständlich nur eine Metapher. Ich vermute, dass Ihr Großvater eine wichtige Nachricht, einen Befehl oder einen Gegenstand zustellen sollte. Letzte Befehle zum weiteren Kriegsverlauf konnten es eigentlich nicht sein, denn seine beiden Testamente verblieben im Bunker. Seine Nachfolge war geregelt. Seine Ehefrau, von der er Abschied hätte nehmen können, starb mit ihm. Was sollte also den Russen nicht in die Hände fallen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht!“ Professor Meinert schien unzufrieden mit sich. „Es gibt – das versichere ich Ihnen – weder in Dokumenten noch in Zeugenaussagen der Bunkerinsassen Hinweise auf einen letzten Geheimbefehl! Hunderte Historiker vor uns haben alle Unterlagen bis ins Kleinste gesichtet, ohne ein Anzeichen dafür zu finden!
Hitler schreibt in der Widmung weiter, dass er tief in der Schuld ihres Großvaters steht. Ich interpretiere das Eingeständnis so, dass er vermutlich um die Gefahr des Auftrags wusste. Ansonsten habe ich aber nicht die geringste Vorstellung, was damit gemeint sein kann! Wenn Sie mich fragen, haben wir nur eine Chance, wir müssen die Spur, auf die uns Reiher gestoßen hat, weiterverfolgen.“
Torben, der sich gerade erneut einen Vermerk machte, stimmte seinem neuen Lehrer innerlich zu, der längst wieder weitersprach, da ihn das Thema zu sehr gefangen nahm.
„Bormann war Hitlers Sekretär. Er ließ Hitler in den Stunden vor seinem Tod nicht aus den Augen und hätte es sicherlich um nichts auf der Welt versäumt, die letzten Anweisungen oder Befehle Hitlers für die Nachwelt zu dokumentieren. Er muss etwas erfahren haben! Und er wollte diese Entdeckung bestimmt erhalten wissen. Was wäre, wenn er versucht hätte, den beiden mächtigsten Männern Nazideutschlands nach Hitler und Goebbels eine Nachricht über die letzte Anweisung des Führers zukommen zu lassen? Göring und Himmler! Gut, sie waren kurz vor Hitlers Tod ihrer Titel und Ränge enthoben worden, aber einflussreich und mächtig waren sie noch immer, und vor allem waren sie nicht in Berlin eingeschlossen!
Es ergab durchaus Sinn, Reiher nach Carinhall im Norden von Brandenburg zu schicken. Vermutlich ging Bormann davon aus, dort noch getreue Anhänger von Hermann Göring zu finden, die ihm auf nur ihnen bekannten Wegen eine Botschaft oder einen Gegenstand zukommen lassen könnten.
Carinhall diente Göring als Landsitz, auf dem er häufig ausländische Staatsgäste empfing und mit ihnen in der Schorfheide jagte. Der Name des Anwesens bezieht sich auf seine erste schwedische Frau, die er nach ihrem Tod mit einem Staatsakt nach Deutschland überführen und in einer Gruft auf dem Gelände von Carinhall beisetzen ließ.
Göring war nicht nur für die Gründung der Gestapo, die Errichtung der ersten Konzentrationslager oder für die Endlösung der Judenfrage verantwortlich. In Carinhall ließ er auch eine riesige Kunstsammlung von unschätzbarem Wert anhäufen, die fast ausschließlich aus Raub- und Beutekunst aus ganz Europa stammte. Den größten Teil der Kunstgegenstände lagerte er schon 1943 in einem Salzbergwerk in der Steiermark ein, wo er später von den Alliierten gefunden wurde. Den Rest der Sammlung schaffte er im Januar 1945 nach Berchtesgaden und stellte ihn in Luftschutzbunkern unter. Göring war Anfang Mai also noch im Besitz eines riesigen Privatvermögens. Allerdings hatte er ja Berlin, wie bereits gesagt, am 20. April 1945 den Rücken gekehrt. Bormann musste davon ausgehen, dass Göring wie üblich auf dem Anwesen Soldaten zurückgelassen hatte. Vermutlich wusste er aber nicht, dass dieser Trupp der Luftwaffe Carinhall auf Görings Weisung, um es nicht in die Hände der Roten Armee fallen zu lassen, bereits am 28. April 1945 gesprengt hatte.
Reiher hat also instinktiv richtig gehandelt, sich in Richtung Dammsmühle zu wenden. Außer den Postenhäuschen und den Unterkünften für die Wachmannschaft hätte er in Carinhall nichts vorgefunden.
Aber bleiben wir noch kurz bei Göring. Sein Handeln, sich selbst als neuen Führer auszurufen, hatte ja dazu geführt, dass er wegen Hochverrats auf dem Obersalzberg festsaß. Als aber bekannt wurde, dass Hitler tot war, ließ ihn die SS unverzüglich frei. Das bestätigt, dass auch noch andere Kräfte neben Bormann in Göring den nächsten starken Hoffnungsträger Deutschlands sahen. Er stellte sich – aus Angst vor den Russen – aber am 9. Mai 1945 der 7. US-Armee. Er wurde in Nürnberg zum Tode verurteilt, nahm sich jedoch in der Nacht vor seiner Hinrichtung im Oktober 1946 mit einer Zyankalikapsel selbst das Leben.“
Der Professor machte eine kurze Pause, weil er bemerkte, dass Torben mit seinen Notizen wieder nicht hinterherkam. Als es sicher war, dass er weitermachen konnte, stellte er die Frage: „Und was wurde aus Carinhall? – Vor ein paar Jahren hat man noch eine kleine erhaltene Bunkeranlage mit ein paar Kunstgegenständen ausgegraben. Ich habe das Anwesen mehrfach mit Studenten besucht. Der Bunker wurde zur Beherbergung von Fledermäusen ausgebaut. Die restlichen Nebengebäude sind inzwischen Baudenkmäler. Die einzig erhaltende Statue, die Kämpfende Amazone von Franz von Stuck, die westlich des ursprünglichen Hauptflügels stand, wurde nach Eberswalde gebracht. Auch diese Spur ist kalt. Meiner Meinung nach bleibt uns ebenso wie Reiher nur die Dammsmühle Heinrich Himmlers, um unsere Suche in der Hoffnung fortzusetzen, dort einen Hinweis zu finden.“
Damit beendete der Professor seine Ausführungen und sah Torben erwartungsvoll an. Wie auf Stichwort hob auch Gertrud, die bis dahin ein kleines Schläfchen in der Frühlingssonne gehalten hatte, ihren Kopf und blickte ebenfalls in Torbens Richtung.
Torben, schon längst von dieser Idee überzeugt, schlug sein Notizbuch zu, zwinkerte in Gertruds Richtung und antwortete: „Was soll ich da noch sagen? Offensichtlich werde ich – falls ich ablehne – sowieso überstimmt!“
„Sehr gut, mein lieber Freund!“, rief der Professor begeistert. „Und da bekanntlich Zeit Geld ist oder flieht, wie der Lateiner mit tempus fugit zu bedenken gibt, sollten wir gleich den heutigen Tag für den Ausflug zur Dammsmühle nutzen!“
IV
Zwei Stunden später saßen sie in Torbens zehn Jahre altem VW Golf und fuhren in Richtung Wandlitz vor den Toren Berlins.
Sie hatten die Zeit genutzt, um noch etwas essen zu gehen, wobei Torben überrascht wurde, welche Menge an Kleinigkeiten in den Magen eines Chiwawas passten. Noch im Park hatte der Professor einen seiner ehemaligen Mitarbeiter angerufen und gebeten, etwas über die Dammsmühle in Erfahrung zu bringen. Offensichtlich genoss Professor Meinert noch immer ein hohes Ansehen bei seinen ehemaligen Angestellten, denn bereits vor dem Dessert rief dieser zurück.
Sie erfuhren, dass es sich bei der Dammsmühle, oder besser, dem Schloss Dammsmühle um ein neubarockes Herrenhaus nördlich von Berlin in der Nähe von Wandlitz handelt, das über den Ortsteil Waldsiedlung zu erreichen ist.
Dieser Ortsteil war 1950 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, als beschlossen wurde, die wichtigsten SED-Politbüromitglieder der kommunistischen DDR in einem gesonderten, speziell gesicherten Komplex unterzubringen, der vom Ministerium für Staatssicherheit leichter als die Stadthäuser in der Berliner Innenstadt abzuschirmen war. Die Bewohner lebten im Vergleich zu anderen DDR-Bürgern dort recht luxuriös. Das wenige Kilometer entfernte Schloss Dammsmühle wurde in diesem Zusammenhang vom Inlandsgeheimdienst der DDR vereinnahmt und diente über Jahrzehnte den roten Bonzen als Jagdschloss.
Der Name des Anwesens war im Übrigen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Mühle zurückzuführen, die sich im 16. Jahrhundert an gleicher Stelle befand.
Ursprünglich wurde das Schloss im 18. Jahrhundert von einem Berliner Lederfabrikanten als zweigeschossiges Palais in der Nähe des Mühlenbecker Sees errichtet. Später wurde es umgebaut, aufgestockt und unter anderem mit einem Turm mit Zwiebelhaube versehen. Die Besitzer wechselten mehrfach. Selbst Napoleon, Wilhelm II. oder Zar Nikolaus II. logierten hier.
Während der Nazizeit wurde der letzte Eigentümer, der Brite Harry Goodwin Hart, enteignet, der damals nicht nur Direktor von „Unilever“, sondern auch mit einer jüdischen Frau verheiratet war. Auf diese Weise gelangte die Dammsmühle in die Hände von Heinrich Himmler. 1943 wurde sie kurzzeitig Außenlager des nahe gelegenen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Fünfundzwanzig Häftlinge hatten die „ehrenhafte“ Aufgabe, Himmlers Parkanlagen rund um Schloss und See zu pflegen. Kurz vor Kriegsende bezog der neue Kommandeur der Heeresgruppe Weichsel, Generaloberst Gotthard Heinrici, dort sein Hauptquartier.
Diese Information begeisterte den Professor regelrecht und er erachtete es als notwendig, Torben die Person des Obersts sofort näherzubringen. So erfuhr er, dass Heinrici kommandierender Offizier bei der „Schlacht um die Seelower Höhen“ war, die vor den Toren Berlins noch zu sehr großen sowjetischen Verlusten, vorrangig bei Panzern, geführt hatte. Weil er letztendlich doch den Rückzug befahl, wurde er jedoch am 29. April 1945 von Hitler – einen Tag vor dessen Freitod – seines Postens enthoben und sollte vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Nach Hitlers Suizid wurde freilich auch dieser Befehl nicht mehr umgesetzt und Heinrici ergab sich Ende Mai den britischen Truppen.
Der Professor erklärte weiter, dass der Oberst bereits während des Russlandfeldzuges mehrfach Befehle ignoriert hatte und zweimal seines Kommandos enthoben wurde. Seine hervorragenden militärischen Kenntnisse, insbesondere über Rückzugsgefechte, sorgten jedoch dafür, dass ihm immer wieder Kommandos übertragen wurden. Er erachtete Heinrici an dieser Stelle zwar als – wie er sich ausdrückte – schillernde und interessante Persönlichkeit, eine Verbindung zu Bormann konnte er aber nicht erkennen. Er sah dagegen seine Vermutung bestätigt, dass sich auf der Dammsmühle, die ja als Hauptquartier von Heinrici bis zuletzt für die Koordination der Kampfhandlungen benötigt wurde, bis in die letzten Kriegstage hinein noch deutsche Truppen aufgehalten hatten.
Nach der Kapitulation diente die Dammsmühle als Lazarett, später als Erholungsheim und Kasino der Roten Armee, bis sie der DDR zur Nutzung übergeben wurde.
Nach der Wiedervereinigung machten die jüdischen Erben von Hart, dem letzten rechtmäßigen Eigentümer, erfolgreich Rückübertragungsansprüche geltend und verkauften danach das Schloss samt Grundstück weiter. Während der letzten zehn Jahre versuchten immer wieder Veranstalter, dort verschiedene Projekte zu etablieren. Aber weder Open-Air-Konzerte, Restaurants noch Sportveranstaltungen fanden den rechten Anklang, sodass das Anwesen erneut dem Verfall preisgegeben wurde.
Nachdem sein ehemaliger Mitarbeiter seine Ausführungen beendet hatte, bedankte sich der Professor überaus freundlich für dessen Bemühungen und bat – ganz Gentleman der alten Schule – noch Grüße an dessen „verehrte Frau Gemahlin“ auszurichten.
Danach ließ sich Professor Meinert trotz eines dagegen protestierenden Torben nicht davon abhalten, die Rechnung für das Mittagessen zu übernehmen, sodass sich Torben im Gegenzug wenigstens als Chauffeur für den anstehenden Ausflug anbot.
Die Fahrt selbst war für alle recht amüsant. Der Professor, gesättigt und gut gelaunt, erklärte den Anfahrtsweg zur offiziellen Pause zwischen den Unterrichtseinheiten, die sowohl Lehrer als auch Student zum Ausruhen nutzen sollten. Er kündigte an, daher vorerst auf weitere Vorträge zu verzichten. Kurz vor ihrem Ziel, als ein Schild darauf aufmerksam machte, dass sie sich bereits im Naturpark Barnim befanden, musste Torben ihn und Gertrud dann auch wecken. Professor Meinert quittierte dies eilends mit der Bemerkung, dass er überhaupt nicht geschlafen habe. Als Torben das Gegenteil behauptete und lautstark mit Geräuschen belegte, stritt der Professor lachend jegliches Schnarchen ab und bat darum, dass sich alle wieder auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentrieren sollten.
Die letzten drei Kilometer führte sie das Navigationsgerät über eine schmale, offenbar kaum noch befahrene Straße durch einen dichten Mischwald, in dem die Laubbäume nach dem langen Winter endlich begannen, zaghaft ihr neues Grün zu zeigen.
Obwohl auf der rechten Seite einige leer stehende Wirtschaftsgebäude und halb zugewachsene Parkplätze darauf hinwiesen, dass sie sich unmittelbar vor ihrem Ziel befanden, waren der Professor und Torben doch von der erhabenen Eleganz überrascht, mit der das Schloss plötzlich hinter der nächsten Biegung des Weges auftauchte. Eingebettet in einer malerischen, wenn auch seit Jahren ungepflegten und dadurch wildromantisch wirkenden Parkanlage, grenzte das dreistöckige, in angenehmen rosa Farbtönen gehaltene Gebäude mit L-förmiger Grundfläche direkt an einen See mit kristallklarem Wasser.
Selbst der Professor musste bei dem Anblick zugeben, dass sich das Schloss eher als Filmkulisse für eine Jane-Austen-Verfilmung eignen würde, als dort den Rätseln alter Nazis nachzujagen.
Nord- und Ostflügel verfügten jeweils über Flachdächer, welche die Gefälligkeit der hohen Fenster im klassizistischen Stil eher betonten. Beide Gebäudeteile vereinigten sich in einem die Seitenflügel um das doppelte überragenden Turm mit einer runden zwiebelförmigen Kuppel. Eine großzügige von der zweiten Ebene zu erreichende Terrasse und mehrere über die gesamte Front verteilte Balkone mit dunklen Eisengeländern luden zu einem Blick auf den See und den das Schloss umgebenden Park ein.
Als Torben und der Professor aus dem Auto stiegen, fanden sie Palais und Parkanlage vollständig verwaist vor. Nichts vermittelte den Eindruck, dass das Schloss in den letzten Jahren aus seinem Schlaf geweckt worden war.
Mit einem lauten Bellen, das Torben ihr gar nicht zugetraut hätte, kam Gertrud prompt ihrem natürlichen Bewegungsdrang nach. Während sie sich durch das hohe Gras der letzten und bereits verwelkenden Frühblüher des neuen Jahres einen Weg bahnte und dabei zwei Fasane aufscheuchte, umrundeten Torben und der Professor das Gebäude auf der Suche nach einem möglichen Eingang, da die Tür des Hauptportals abgeschlossen war. Sie stellten schnell fest, dass der Glanz vergangener Zeiten und die Aufwendungen verschiedener Investoren der Neunziger, die dem Gemäuer wieder Leben einhauchen wollten oder aber nur das schnelle Geld gewittert hatten, dem Vandalismus von weniger intelligenten Zeitgenossen zum Opfer gefallen waren. Viele der Fenster waren eingeschlagen und etliche Fensteröffnungen in der unteren Etage deshalb zugemauert oder mit Brettern vernagelt. Unrat und Dreck bedeckten die Wege. Am einst so herrschaftlichen Bootsanleger schwammen unzählige Plastikflaschen im Wasser. Beim genaueren Hinsehen zerfloss die ehrwürdige Schönheit des Anwesens und vor allem beim Professor wandelte sich die Stimmung in Wut und Trauer. Verächtlich sprach er vom Werk von üblen Barbaren und untätigen Behörden.
Seine Laune hellte sich erst ein wenig auf, als sie eine – wenn auch gewaltsam geöffnete – Seitentür fanden, die ihnen den Eintritt in das Gebäude ermöglichte. Es dauerte einen Moment, ehe sich ihre Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Professor Meinerts Miene verfinsterte sich kurz darauf schon wieder, als er in dem dahinterliegenden Flur eine meterhohe und über den historischen Stuck reichende farbige Losung „All Cops Are Bastards“ erblickte. Eingerahmt wurde das unnötige Graffito von mehreren Darstellungen des Buchstaben A, die sich jeweils in einem Kreis befanden. Obwohl Torben wusste, dass es sich dabei um Anarchiezeichen der linksextremen Szene handelte, ließ er den Professor gewähren, als der ihm dazu einen seiner Kurzvorträge hielt und beifügte, dass die Verfasser – wären sie noch hier – die gewünschte Anarchie von ihm gleich am eigenen Leibe erfahren könnten. Die Brandrede sorgte jedoch wenigstens dafür, dass der Professor sich etwas abreagierte.
Torben fand nach seiner anfänglichen Euphorie ebenfalls auf den Boden der Tatsachen zurück und musste feststellen, dass er für eine Exkursion in leer stehende Gemäuer nicht ausreichend vorbereitet war, da ihm noch nicht einmal eine Taschenlampe zur Verfügung stand. Weil sich dem vorerst nicht abhelfen ließ, mussten sie gezwungenermaßen mit dem spärlichen Licht auskommen, das durch die schmutzigen oder gar vernagelten Fenster einfiel.
Außerdem fühlte sich Torben wie ein Eindringling und wusste nicht so recht, wonach er eigentlich Ausschau halten sollte. Und obwohl es nicht den geringsten Anhaltspunkt gab, hatte er das Gefühl, dass sie nicht allein im Schloss waren und irgendjemand sie beobachtete.
Die abgewohnten Räume, die sie betraten, waren meistens, bis auf ein paar kaputte Möbelstücke, Matratzen, Flaschen und anderen Müll, völlig leer. Zum Teil gelang es Torben nicht einmal zu erraten, welchem Zweck einzelne Zimmer früher gedient hatten, in solch einem schlechten Zustand befanden sie sich.
Eine Verbindung zum Deutschland des Jahres 1945 oder davor konnte er nicht ansatzweise finden. Der Lösung des Rätsels kamen sie so sicherlich nicht näher. Torben hatte den Eindruck, sie stocherten blind im Nebel, und sagte das auch Professor Meinert. Der teilte mittlerweile diese Ansicht, denn auch seine anfängliche Begeisterung für eine Reise in die Vergangenheit war in diesem leeren und deprimierenden Schloss verflogen.
Zwischenzeitlich erreichten sie die zwar ebenfalls stark verschmutzte, aber zumindest lichtdurchflutete Haupthalle und standen nun vor einer geschwungenen Treppe, die in das erste Obergeschoss führte. Sie einigten sich gerade darauf, noch das von Reiher beschriebene Arbeitszimmer und den Küchentrakt, in dem er sich ja aufgehalten haben wollte, in Augenschein zu nehmen, als plötzlich Gertrud zu knurren anfing. Während sich der Professor in Richtung seines Hundes beugte, um ihn zu streicheln und zu beruhigen, sah Torben einen hageren, ungepflegten, bärtigen und – wie man an Augen und Gang deutlich sah – alkoholisierten Mann mittleren Alters vom oberen Treppenaufsatz auf sich zukommen. Seine Kleidung war verdreckt und seinen letzten Gang zur Toilette hatte er wohl nicht mehr rechtzeitig geschafft, wie man an dem dunklen Fleck im Schritt seiner Hose sehen konnte.
Torben, der sich nach einigen unangenehmen Erfahrungen auf seinen Auslandsreisen durch eine gewisse Vorsicht auszeichnete, schätzte die Begegnung nicht ganz gefahrlos ein und wollte den Professor gerade auf das Erscheinen des mutmaßlichen Obdachlosen hinweisen, als es hinter ihm ertönte: „Na, wen haben wir denn da?“
Die Stimme gehörte einem anderen, weit jüngeren Mann von nicht einmal zwanzig Jahren, der wohl – genauso verdreckt und sehr wahrscheinlich auch verlaust – wie sein Kumpan ein Leben auf der Straße führte und jetzt mit einem breiten, unsympathischen Grinsen seine gelben Zahnstümpfe zeigte. Sein Gesicht, sein Hals und wahrscheinlich auch der Rest seines Körpers wiesen einen unappetitlichen dunkelroten Ausschlag mit eitrigen Pusteln auf. Torben trat instinktiv einen Schritt zurück, um sich nicht der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. Der Aussätzige, wie er ihn bereits gedanklich nannte, stampfte aus dem Zimmer, in dem er sich aufgehalten hatte, und blieb zwei Meter vor ihm stehen. Torben versuchte, seinen Würgereflex zu kontrollieren, denn die Entfernung war zu gering, um die Schweiß- und Alkoholausdünstungen seines Gegenübers nicht zu riechen.
Da er sich auf keinen Streit einlassen wollte, bemühte er sich, mit betont ruhiger Stimme zu sprechen, und sagte zum Professor: „George, ich glaube, wir lernen soeben zwei Bewohner des Hauses kennen!“ Während sich der Professor mit Blick auf die schäbigen Gestalten wieder aufrichtete und nur zustimmend brummte, antwortete dafür ein grobschlächtiger und glatzköpfiger Kerl, der seitlich unter der Treppe hervortrat. „Ich glaube, du irrst dich, du Lackaffe. Wir sind zu dritt! Her mit eurem Geld, Handys und was ihr sonst noch bei euch habt! Sonst steche ich zuerst den Köter und dann euch ab!“
Seine Forderung untermauerte er mit einem Springmesser, dessen Klinge er in diesem Moment mit einem schnarrenden Geräusch herausfahren ließ.
Torben – sicherlich nicht von ängstlichem Gemüt, aber einigermaßen von den Ereignissen überrascht – schätzte den Kerl wegen seines kräftigen Körperbaus und einem Gewicht von mehr als hundert Kilo als gefährlichsten der drei Männer ein. Just als er überlegte, wie sie am besten ihre Köpfe aus der Schlinge ziehen konnten, und instinktiv seine Arme hob, um den Kerlen seine Bereitschaft zur Kooperation zu signalisieren, sah er, wie der Professor mit einer Schnelligkeit, die er ihm nicht zugetraut hätte, seinen Spazierstock hochriss und dem bulligen Typ, der von Torbens Armbewegung abgelenkt war, mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Die Nase des Glatzkopfes wurde von der Wucht des Schlages mit einem lauten Knirschen regelrecht zertrümmert und das Blut schoss aus seinen Nasenlöchern. Vor Schmerz schreiend, ließ er das Messer fallen und taumelte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war.
Torben sah aus den Augenwickeln, wie sich der Aussätzige, um seinem Kumpan zu helfen, auf den Professor stürzen wollte. Er drehte sich deshalb blitzschnell zur Seite und gab dem Angreifer, als er auf seiner Höhe war, mit beiden Armen und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, einen Stoß in die Seite, sodass dieser laut fluchend in einen Haufen Sperrmüll stürzte und sich Hände und Knie blutig schlug.
Der Betrunkene auf der Treppe rannte inzwischen den Aufgang hinunter, um sich ebenfalls auf den Professor zu stürzen, und nahm dafür immer drei Stufen gleichzeitig. Professor Meinert eilte ihm hastig entgegen, und gerade als der Bärtige den Fuß der Treppe erreicht hatte, stieß er ihm das untere Ende seines Spazierstockes mit voller Kraft in den Solarplexus. Der Oberkörper des Landstreichers kam augenblicklich aus vollem Lauf heraus quasi in der Luft zum Stillstand und sein Gesicht verzog sich vor Schmerz zu einer Grimasse. Der Rest seines Körpers blieb noch im Vorwärtsdrang, sodass er, als sich seine Beine weiter nach vorn bewegten, rückwärts nach hinten kippte, mit dem Kopf auf die untersten Steinstufen aufschlug und reglos liegen blieb.
Dem Professor blieb keine Gelegenheit festzustellen, ob der Angreifer endgültig außer Gefecht gesetzt war. Während Torben versuchte, mit gezielten Schimpftiraden, Tritten und Faustschlägen, die ihm Atem und Kraft raubten, dafür zu sorgen, dass der Aussätzige im Müllhaufen liegen blieb, denn festhalten wollte er ihn immer noch nicht, und Gertrud mit ihrem Bellen den Kampf ihres Herrchens begleitete, wandte sich der Professor wieder dem glatzköpfigen ersten Angreifer zu.
Der hatte sich von dem Schlag ins Gesicht zwar noch nicht ganz erholt, aber mit blutender Nase und irrsinniger Wut in den Augen wollte er sich erneut auf den Professor stürzen. Dieser hatte jedoch, als er erkannte, dass er mit dem Stock bei dem tobenden Berserker nichts mehr auszurichten vermochte, blitzschnell den Griff an seinem Spazierkopf mit einer leichten Drehung des Handgelenks gelöst, sodass eine etwa siebzig Zentimeter lange, dreikantige Klinge zum Vorschein kam, die er jetzt in die nach dem Messer greifende Hand des Glatzkopfs fahren ließ. Der markerschütternde Schrei, den der Kerl ausstieß, als sein Handrücken durchbohrt wurde, sorgte dafür, dass auch der Aussätzige beschloss, seine Gegenwehr fürs Erste einzustellen, nun selbst die Arme in die Luft streckte, sich fluchend in den Müll zurückfallen ließ und es sich dort widerwillig bequem machte.
Der Professor zog mit einem kurzen Ruck den kalten Stahl aus der Hand seines Gegners, wischte mit einem Taschentuch, das er danach wegwarf, die Klinge ab und ließ den Stockdegen wieder in seinen Schaft verschwinden. Er wandte sich von dem Verletzten ab, der mit seiner gesunden Hand auf die blutende Fleischwunde drückte und wegen der gebrochenen Nase beim Atmen schwer schnaufte. Der Professor ging zu dem noch immer vor Aufregung zitternden und unter Adrenalin stehenden Torben, nickte ihm anerkennend zu und sagte zu dem Pickligen: „Schnapp dir deine beiden Kumpane und verschwindet von hier. Lasst euch nicht einfallen, noch einmal aufzutauchen!“
Das ließ dieser sich nicht zweimal sagen. Er kroch zuerst zu dem Glatzköpfigen und half ihm beim Aufstehen. Ohne ein Wort zu verlieren, versuchten sie dann zu zweit, den bewusstlosen Bärtigen wachzurütteln, der noch immer auf den Treppenstufen lag. Gott sei Dank gelang es ihnen, und Torben atmete innerlich auf. Sich gegenseitig stützend, verließen die drei Galgenvögel gleich darauf den Korridor in Richtung Nordflügel. Offenkundig gab es noch andere Möglichkeiten, ins oder aus dem Schloss zu gelangen, als den Weg, den Torben und der Professor genommen hatten. Professor Meinert ließ es sich nicht nehmen, den Landstreichern hinterherzurufen, dass Sie es nicht wagen sollten, jemals wieder Graffiti anzubringen.
Gertrud hatte sich mittlerweile beruhigt und strich nun wieder schwanzwedelnd durch die Beine ihres Herrchens. Mit einem um Verständnis bittenden Blick und noch leicht bebender Stimme wandte sich der Professor an Torben: „Mein lieber Freund, ich hoffe, diese kleine Begebenheit bleibt unser beider Geheimnis! Bedauerlicherweise ist es in Deutschland nämlich nicht gestattet, einen Stockdegen zu besitzen.“
Torben, von der ungewohnten Anstrengung keuchend und noch völlig gefangen von den Ereignissen der letzten Minuten, war der Einwand im Augenblick schlichtweg egal und er winkte ab. „Wenn das Ihre einzige Sorge ist, wird Ihre Bitte gewährt! Aber die Waffe anzuwenden, steht bestimmt noch unter einer höheren Strafe, meinen Sie nicht? – Wie haben Sie es nur geschafft, so schnell zu reagieren, und woher können Sie mit dem Stock, der Waffe oder was auch immer Sie da haben, so gut umgehen?“
Professor Meinert lächelte. „Sie meinen sicher, wie bekommt ein alter Mann das noch hin? – Zu meiner Zeit existierten keine über Weltfrieden, Gleichberechtigung und regenerative Energiequellen philosophierenden Studentenverbindungen, aber es gab schlagende Burschenschaften. Und ebenso wie der ehemalige Hausherr der Dammsmühle Heinrich Himmler war auch ich aktives Mitglied einer solchen! – Aber genug davon, ich mag zwar gerade äußerlich die Ruhe selbst sein, aber innerlich bin ich so aufgeregt wie vor meiner ersten Hochzeitsnacht!“
„Erste Hochzeitsnacht?“, fragte Torben.
„Ja, aber das ist eine andere Geschichte. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich will hier so schnell wie möglich raus. Zum einen, weil ich diesem Gesindel nicht traue, und zum anderen, weil ich zur Beruhigung meiner Nerven dringend einen Schluck Rotwein brauche. Ich schlage vor, wir reduzieren unsere Suche auf das Arbeitszimmer, in dem Reiher damals das Zusammenpacken beobachtet haben will. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Himmler viel Zeit in der Küche, die wir uns auch noch ansehen wollten, verbracht hat. Reiher hat Ihnen etwas von einem Zugang über den Salon im Ostflügel erzählt. Der Raum müsste dort den Flur entlang zu finden sein. Kommen Sie, mein junger Freund, sputen wir uns!“
Torben stimmte dem Professor zu und gemeinsam durchquerten sie recht eilig den Flur. Das schnellere Gehen half beiden, sich zu beruhigen und die durch den Stress ausgeschütteten Hormone abzubauen. Langsam gelang es Torben, wieder einen klaren Gedanken zu fassen.
Plötzlich schlug ihm ein ekelerregender Gestank entgegen. Der Professor, der ebenso die Nase rümpfte, winkte ihn zu einem Zimmer auf der linken Seite. „Offensichtlich haben wir die Toilette unserer drei neuen Freunde gefunden!“, raunte er Torben zu und ging schnell weiter. Torben starrte jedoch noch einen Moment lang völlig ungläubig auf einige alte Zehnliterfarbeimer, die wie der Großteil des Fußbodens mit Kot und wahrscheinlich Urin gefüllt waren. Er kämpfte – während er die Luft anhielt – verzweifelt mit seiner Übelkeit und wandte sich schnellstmöglich ab. Er lief weiter den Korridor entlang, bis er sich halbwegs sicher sein konnte, wieder atmen zu können, ohne sich zu erbrechen. Gierig sog er die frischere Luft ein. Als er kurz darauf wieder zum Professor aufschloss, fragte er: „Was um alles in der Welt war denn das?“
„Es sieht so aus, als ob sich unsere neuen Freunde hier länger aufgehalten haben. Vielleicht haben sie den ganzen Winter hier verbracht. Ich nehme an, das Schloss verfügt über Kamine, die man noch nutzen kann. Sie haben den Müll verbrannt und es sich dabei gemütlich gemacht. Allerdings mussten sie auf den Luxus von fließendem Wasser verzichten. – Die Vorzüge eines Wasserklosetts lernt man erst schätzen, wenn einem keines zur Verfügung steht. O Gott, ich habe den Gestank immer noch in der Nase. Wir können nur froh sein, dass es noch nicht so warm ist, sonst hätten uns sicherlich die Insekten aufgefressen. Und jetzt lassen sie uns endlich unsere Suche fortsetzen! Ich vermute, dass die zweiflüglige Tür am Ende des Korridors zum Salon führen könnte.“
Torben zeigte ein zustimmendes Nicken. „Beeilen wir uns! Ich brauche nämlich dringend eine Dusche!“
Lediglich Gertrud schien der Gestank überhaupt nichts ausgemacht zu haben. Sie drängte augenscheinlich vielmehr danach, in den letzten Raum zurückzukehren, da der Professor sie mehrmals rufen musste.
Wenige Augenblicke später erreichten sie den Salon der Dammsmühle. Außer der Tür, durch die der Professor und Torben traten, verfügte der Raum jedoch zu Torbens Überraschung über keinerlei Zugänge zu anderen Räumlichkeiten. Das Zimmer war etwa einhundert Quadratmeter groß. Die Wände waren komplett mit einem dunkel gebeizten Holz verkleidet. Die Decke wies aufwendige Stuckelemente auf, die augenscheinlich Jagdszenen zeigten oder gezeigt hatten, denn der Großteil des Putzes hatte im letzten Jahrzehnt der Schwerkraft keinen Widerstand mehr leisten können und lag als Schutt am Boden. Etliche Scheiben der großen Fenster, die von drei Seiten Licht in den Raum ließen, waren wie viele andere im Schloss eingeschlagen. Das dadurch eindringende Regenwasser hatte das Parkett und die Wandverkleidung angegriffen. An vielen Stellen schienen sie brüchig und verfault. Bis auf einen Stapel von Bauholz, der in der Mitte des Raumes gelagert war, damit man sicher sein konnte, dass er trocken blieb, war der Raum leer.
Torben, den Salon durchschreitend und darauf achtend, nicht irgendwo einzubrechen, sagte laut: „Dies kann nicht der richtige Raum sein. Er ist eine Sackgasse!“
Als die Reaktion seines Begleiters ausblieb, drehte er sich zu ihm um. „George, haben Sie gehört? Es ist der falsche Salon! Was machen wir nun, schauen wir uns doch noch weiter um?“
Der Professor, der nur etwa zwei Meter in den Raum getreten war, stand mit dem Rücken zu Torben und blickte auf den oberen Abschluss des Türrahmens, den beide soeben durchschritten hatten. Er sagte: „Multi quarent intrare et non poterunt.“
„Bitte? Was haben Sie gesagt?“, fragte Torben nach, da er mit der Bemerkung nichts anfangen konnte.
„Multi quarent intrare et non poterunt“, wiederholte der Professor und zeigte auf den Türrahmen. „Ich kenne diesen Spruch. Die Übersetzung lautet: Viele wollen eintreten und können es nicht!“
Torben ging zurück und sah, dass das Holz des oberen Rahmens diese Inschrift aufwies. Als er Professor Meinert fragend anblickte, bemerkte er, dass dieser lächelte.
„Dieser lateinische Satz, mein junger Schüler, weist auf das Recht des Schlossherrn hin, darüber zu entscheiden, wer sein Haus betritt. Eigentlich müsste er über dem Eingangstor des Schlosses stehen.“
„Wir sind aber schon im Inneren!“, gab Torben zu bedenken.
„Richtig! Die Frage ist nun, warum wurde er dennoch hier angebracht.“ Der Professor ließ seinen Blick an der Holzverkleidung links und rechts neben der Tür entlangschweifen. Plötzlich hielt er inne, trat einige Schritte nach rechts und ging zielstrebig an die Wand heran. Er dreht sich lächelnd zu Torben um und sagte: „Willkommen im Arbeitszimmer Heinrich Himmlers!“ Er griff in eine Vertiefung in der Holzverkleidung, die Torben bislang nicht bemerkt hatte, und zog ein Teil des Holzes wie ein Portal auf. Dahinter kam eine schwere Holztür zum Vorschein.
„Wirklich nicht schlecht, George! Seien Sie sich meines größten Respekts gewiss!“, lachte der überraschte Torben.
„Moment, Moment!“ Um größtmögliche Ernsthaftigkeit bemüht, obwohl er augenscheinlich gern in das Lachen einfallen wollte, griff der Professor die Türklinke und sagte: „Jetzt also der zweite Versuch: Willkommen im Arbeitszimmer Heinrich Himmlers!“
Die Tür ließ sich völlig mühelos und mit einem leichten Knarren öffnen. Sie gab den Blick auf ein etwa zwanzig Quadratmeter großes, quadratisches und durch zwei Fenster gut erhelltes Zimmer frei. Zu Torbens großer Enttäuschung war es aber bis auf eine dicke Staubschicht, die Boden und Fensterbänke bedeckte, völlig leer. Der Professor, der offenkundig auch mit einer etwas anderen Entdeckung gerechnet hatte, trat noch vor Torben ein und blieb in der Mitte des Raumes stehen.
Torben, der ihm folgte, fiel es sehr schwer, seine Niedergeschlagenheit zu unterdrücken. „Irgendwie habe ich mir das Arbeitszimmer anders vorgestellt.“
„Mein lieber junger Freund, ich muss Sie um Verzeihung bitten!“ Der Professor seufzte. „Ich habe mich in meiner Arroganz einen kurzen Moment dazu hinreißen lassen, mir vorzustellen, dass wir die Ersten sein könnten, die dieses Arbeitszimmer gefunden haben. Ich hatte nicht bedacht, dass Rote Armee und Staatssicherheit das Schloss über Jahrzehnte hinweg genutzt haben. Die Existenz eines geheimen Raumes, wohlgemerkt sogar im Erdgeschoss des Schlosses und von außen sichtbar, wäre ihnen sicherlich nicht verborgen geblieben. Natürlich wurde der Raum gefunden, gut durchsucht und alles Wichtige konfisziert.“
Mittlerweile von der Entdeckung völlig unbefriedigt, entgegnete Torben mit sarkastischem Unterton: „Alles Wichtige? Hier wurde auch alles Unwichtige mitgenommen! – Also endet unsere Suche hier, richtig? Die Prügelei war demzufolge völlig umsonst!“
„Keineswegs, mein Sohn!“ Der Professor lächelte und legte den Kopf in den Nacken. „Es ist alles hier, was wir benötigen, um den Weg fortzusetzen!“
Torben folgte dem Blick des Professors und sah an der Decke des Raumes ein im Durchmesser etwa zwei Meter kreisrundes Symbol. In dessen Inneren befand sich ein zweiter, etwas kleinerer Kreis. Von der Mitte des Symbols zum Rand des äußeren Kreises verliefen zwölf Linien, die durch ihre harmonische Anordnung das Zeichen in zwölf gleichgroße Teile stückelten. Die Linien verliefen jedoch nicht vollständig gerade. Kurz nach Durchstoßen des ersten inneren Kreises knickten sie nach rechts ab, um kurz darauf mit einem zweiten Knick, diesmal in die linke Richtung, ihren Weg zu ihrem Endpunkt, dem äußeren Kreis, fortzusetzen.
„Das Symbol über unseren Köpfen“, erklärte der Professor, „wird Schwarze Sonne oder Zwölfarmiges Hakenkreuz genannt! Die offizielle Bedeutung des Zeichens ist ebenso unbekannt wie der Künstler, der es entwarf. Sollte ich vor der Aufgabe stehen, das Zeichen zu interpretieren, würde ich sagen, dass es sich möglicherweise um zwölf in Ringform gefasste und gespiegelte Sigrunen handelt. Sie kennen Sigrunen auch. Im Nationalsozialismus wurde die Sigrune als Emblem des Deutschen Jungvolks in der Hitlerjugend und in der doppelten Ausführung als Emblem der Waffen-SS verwendet, was uns wieder zu Himmler führt. Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie vielleicht die Sigrunen zwischen dem äußeren und dem inneren Kreis. Eine Sigrune ähnelt einem S, allerdings mit drei geraden Strichen geschrieben. Der ursprüngliche Name der germanischen Rune lautet Sowilo und bedeutet so viel wie Sonne. Sie wurde im Nazideutschland aber fälschlicherweise als Sig- oder Siegrune umgetauft und in Anlehnung an den Begriff Sieg verwendet.
Aber zurück zur Schwarzen Sonne. Das Symbol an sich ist ein reines Fantasieprodukt und seine Entstehung lässt sich mit der NS-Germanenideologie Himmlers in Verbindung bringen. Heutzutage wird es sehr häufig als Erkennungszeichen in der rechtsextremistischen Szene verwandt, da man sich anderer Symbolik des Dritten Reiches ja nicht bedienen darf, ohne sich der Gefahr der Strafverfolgung auszusetzen.“
„Aber George, was bedeutet das für uns?“, wollte Torben, nun doch wieder interessiert, wissen.
„Das Symbol der Schwarze Sonne wurde im Tausendjährigen Reich nicht gerade inflationär gebraucht. Es gibt – oder ab jetzt muss ich wohl sagen – gab nur eine einzige überlieferte Verwendung.“ Er machte es betont spannend, indem er den Satz in die Länge zog. „Als Bodenornament im Obergruppenführersaal der Waffen-SS in der Wewelsburg.
V
Als sich beide sicher sein konnten, keine weiteren Hinweise im ehemaligen Arbeitszimmer Himmlers zu finden, und Torben noch einige Fotos mit seinem Handy gemacht hatte, kehrten sie ohne weitere Zwischenfälle zu seinem Auto zurück. Allerdings hatten die Landstreicher auf ihrer Flucht noch die Gelegenheit genutzt, eine Seitenscheibe einzuschlagen und den Lack der Motorhaube zu zerkratzen. Obwohl es ein altes Auto war, ärgerten Torben die Schäden. Hingegen fiel ihm ein Stein vom Herzen, als er feststellte, dass sie das Buch seines Großvaters, das er im Kofferraum zurückgelassen hatte, nicht angerührt hatten. Er beschloss, zukünftig etwas besser darauf achtzugeben.
Die Rückfahrt, die sich wegen des zerbrochenen Fensters recht kühl und zugig gestaltete, war nichtsdestotrotz für Torben interessant und abwechslungsreich. Der Professor, der Gertrud unter seiner Jacke wärmte, war in ausgezeichneter Stimmung und erzählte ihm einige Hintergründe zu Himmler und der Wewelsburg.
Torben erfuhr, dass Himmler aus bürgerlichem Elternhaus in Lindau am Bodensee stammte und im Ersten Weltkrieg eine Offizierslaufbahn begann, diese aber vor dem Kriegsende nicht abschließen konnte. Die Nazis hatten später trotzdem behauptet, dass er an der Front eingesetzt wurde. Danach hatte Himmler in München Landwirtschaft studiert und in einer Fabrik für Düngemittel gearbeitet, bis er sein Interesse für Politik entdeckte, über Umwege in die NSDAP eintrat und dort schnell Karriere machte. Aus seiner Ehe ging eine Tochter hervor. Mit seiner Geliebten zeugte er aber noch eine weitere sowie einen Sohn. Himmler sah es bei gutrassigen, freien Germanen als legitimiert an, eine solche Zweit- oder Friedelehe zu führen, wenn gemeinsame Kinder geplant waren.
Er interessierte sich auffallend für germanische Geschichte und verfolgte die Absicht, ein großgermanisches Imperium zu schaffen. In Anlehnung an antike Kulte, die für ihn viel mit erstrebenswerten kriegerischen Eigenschaften wie Mut, Kampf und Aufopferungsbereitschaft zu tun hatten, beabsichtigte er, einen Religionsersatz in Form einer germanischen Urreligion zu schaffen. Außerdem sah er vor, eroberte Gebiete von niederen Rassen zu säubern. Eine besondere Beziehung verband ihn mit seinem Namensvetter Heinrich I., Herzog von Sachsen und König des Ostfrankenreiches, der als erster König im Deutschen Reich überhaupt galt. Nicht wenige behaupten, Himmler hätte sich als dessen Reinkarnation gesehen. Auf jeden Fall war er für ihn eine Quelle der Inspiration. Er stilisierte ihn zur spätgermanischen Führerfigur und missbrauchte ihn für seine Ostpolitik, da Heinrich I. den Ungarn Einhalt geboten hatte und zahlreiche Wehranlagen an der Außengrenze seines Reiches errichten ließ, um ihre Überfälle abzuwehren. Verschiedene Wissenschaftler unterstützten Himmler in seiner Auffassung, dass man gerade in Westfalen die größten Reste des alten Germanentums finden könne. So ging er davon aus, dass die Entstehungszeit der Vorgängerin der Wewelsburg, einer sächsischen Wallburg, in die Zeit der Abwehrkämpfe Heinrichs I. gegen die Ungarn zu legen sei.
Laut Professor Meinert wurde die Wewelsburg 1934 von der SS angemietet. Ein Jahr später übernahm Himmler die Anlage, oder genauer, die neu eingerichtete „SS-Schule Haus Wewelsburg“ in seinen persönlichen Stab und verhängte ein Berichtsverbot über alle Umbauarbeiten und Ereignisse im Zusammenhang mit dem Bauwerk. Diese Maßnahme ließ die Burg und ihre Bewohner recht bald sehr geheimnisvoll erscheinen. Das Berichtsverbot wurde 1939 sogar erneuert.
Obwohl als Schulungszentrum für SS-Führer geplant, beherbergte die Burg hauptsächlich Himmlers „germanische Zweckforschung“. Neben dem Architekten Hermann Bartels war Himmlers persönlicher Okkultist Karl-Maria Wiligut für die Ausgestaltung der Burg verantwortlich. Wegen seines großen Einflusses bei dem Reichsführer der SS wurde Wiligut auch als Himmlers Rasputin bezeichnet.
Im Erdgeschoss des Nordturms der Burg entstand in dieser Zeit der Obergruppenführersaal, also ein Raum für die höchsten Generäle der SS, samt darunterliegender Gruft. In der Mitte des kreisförmigen Raumes wurde das Ornament der Schwarzen Sonne eingelassen. Eine andere Verwendung des Symbols war – bis zu ihrer Entdeckung in der Dammsmühle – nicht bekannt.
Für den Professor war klar, dass Torben seine Suche in der Wewelsburg fortsetzen musste. 1945 hatte Himmler zwar die Sprengung der Burganlage angewiesen und der darauf zurückzuführende Brand hatte dem Gemäuer ziemlich arg zugesetzt, nach dem Krieg war sie jedoch wiederaufgebaut worden und beherbergte jetzt ein Museum und eine Jugendherberge.
Torben hatte Professor Meinert zugestimmt, nicht zuletzt, weil er davon ausging, dass der ihn begleiten würde. Der Professor lehnte aber zu seiner Überraschung und – wie er sagte – schweren Herzens mit der Begründung ab, dass er seine „Damen“ nicht allein lassen könne. Torbens Nachfrage, wen er denn mit seinen Damen meine, beantwortete Professor Meinert ausweichend, dies sei ebenfalls eine andere Geschichte. Er bot aber an, sich bei dem Direktor des Museums für Torben einzusetzen, und gab ihm seine private Handynummer mit dem Hinweis, dass er für ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sei. Er kündigte an, sollte Torben davon keinen Gebrauch machen, sich regelmäßig bei ihm über den Stand der Dinge zu informieren. Er habe letztendlich vor, nach dem Abschluss von Torbens Nachforschungen eine diesbezügliche Abhandlung zu veröffentlichen.
Kurz darauf setzte Torben den Professor an einem kleinen Café in Berlin-Mitte ab und beide verabschiedeten sich so herzlich, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Gertrud, die augenscheinlich Gefallen an seinem alten Auto gefunden hatte, ließ sich beim Lebewohl nur schwer überzeugen, in die bereits einsetzende Dämmerung hinauszuspringen. Als Torben sein Auto wieder in den Fließverkehr lenkte, sah er noch, wie der Professor jemandem im Inneren des Cafés zuwinkte.
Zum Glück fand Torben im Anschluss eine Werkstatt, die in der Lage und bereit war, eine neue Seitenscheibe einzusetzen und sich um die Schadensregulierung mit der Versicherung zu kümmern. Die Ausbesserung der Lackschäden musste allerdings noch etwas warten.
Zurück in seiner Wohnung und nach einer ausgiebigen Dusche, ließ er bei seinem letzten Fertiggericht, das der Kühlschrank noch hergab, und einem Glas Wein, von dem allerdings noch reichlich da war, die Ereignisse des Tages Revue passieren. Er vervollständigte seine Aufzeichnungen, scannte die Widmung ein und schickte alles per E-Mail an eine seiner eigenen Adressen. So konnte er sicher sein, überall auf der Welt mit Zugriff auf seinen E-Mail-Account auch an seine Aufzeichnungen zu gelangen. Damit berücksichtigte er eine – wenn auch schmerzhaft gewonnene – Erfahrung, die ihm mehr als einmal bei unvorhersehbaren Ereignissen die Abgabetermine seiner Artikel gerettet hatte.
Dem Entschluss folgend, das Buch seines Großvaters besser zu verwahren und vor Diebstahl zu schützen, schlug er es in Folie ein, klebte es zu und begab sich damit auf seine kleine Dachterrasse. Vor einigen Jahren, als er noch als investigativer Journalist tätig war, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, besondere Unterlagen, die ihm beispielsweise unter Verletzung des Datenschutzes oder des Dienstgeheimnisses illegal aus Behörden zugespielt worden waren, unterhalb der letzten Reihe Dachziegel in einem kleinen Hohlraum zu verstecken. Torben benötigte zwar einen Stuhl und musste sich auch dann noch ziemlich strecken, aber so wanderte das Buch seines Großvaters an den gleichen Fleck.
Als er in die Wohnung zurückkehrte, dachte er kurz daran, dass das Buch, sollte ihm etwas geschehen, frühestens in einigen Jahrzehnten bei Bauarbeiten wieder auftauchen würde. Die Vorstellung, wie sich der Finder den Kopf zermartern würde, wie es samt seltsamer Widmung dorthin gekommen sein konnte, ließ ihn schmunzeln. Seine gute Laune hielt an, als er sich an seinen Schreibtisch setzte und begann, die Reise zur Wewelsburg zu planen.
VI
Es war schon fast Mittag, als Torben bei Paderborn die Autobahn 33 verließ und nach einigen Minuten die Hauptstraße des nach der Burganlage benannten verschlafenen Dorfes entlangfuhr. Er hatte für die etwas mehr als vierhundert Kilometer durch einen Stau bei Hannover – irgendwie hatte er den Eindruck, dass auf der A 2 dort immer Stau war – fast fünf Stunden gebraucht und kam so schon zu spät zu seinem Termin mit Dr. Gustav Schreiber, dem Direktor der Wewelsburg, oder genau genommen, dem Direktor der „Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945“. Die gründliche, typisch deutsche Bürokratie hatte nämlich dafür gesorgt, dass die Zuständigkeiten zwischen der dort ebenfalls angesiedelten Außenstelle des Historischen Museums Paderborn, des Kreismuseums Wewelsburg und eben der Erinnerungs- und Gedenkstätte sehr schwer zu durchschauen waren. In der praktischen Umsetzung vor Ort war jedoch Dr. Schreiber Hausherr und Torbens am besten geeigneter Ansprechpartner.
Es hatte einige Tage gedauert, bis der Professor es geschafft hatte, einen Termin mit Dr. Schreiber zu vereinbaren. Der Direktor ging im Moment noch davon aus, dass ein Herr Trebesius bei der Erstellung eines Reiseführers für die Umgebung von Paderborn die Wewelsburg explizit als Ziel empfehlen wollte, und Torben hatte vor, ihn in seinem Glauben zu lassen.
Er war in die Zwischenzeit nicht untätig geblieben und hatte die Tage dazu genutzt, zwei Artikel über seine letzte Peru-Reise und ein Musikfestival in Spanien, das er besucht hatte, zu Ende zu schreiben und seinem Verlagshaus zu senden. In diesem Zusammenhang hatte er seinem Redakteur mitgeteilt, dass er wegen Recherchen in anderer Sache einige Tage für neue Aufträge nicht zur Verfügung stehe.
Am Tag darauf belohnte er noch eine nette ältere Dame in der Nachbarschaft mit – wie er immer betonte – „selbst gekauftem“ Apfelkuchen und einer halben Stunde Aufmerksamkeit, weil sie, wenn er auf Reisen war, die Freundlichkeit besaß, ab und an in seiner Wohnung nach dem Rechten zu sehen und seinen Briefkasten zu leeren. Für Notfälle besaß sie auch die Telefonnummer von Torbens Mutter.
Einer plötzlichen Eingebung folgend und trotz seines Zeitmangels parkte Torben, um sich nach der Fahrt noch etwas die Beine zu vertreten, seinen VW am Fuße der Anhöhe der Burganlage und ging die letzten hundert Meter der Steigung zu Fuß. Er hatte dadurch Gelegenheit, die aus Kalkstein errichtete massive Burg in voller Größe auf sich wirken zu lassen.
Er wusste bereits, dass die Wewelsburg zu den wenigen europäischen Burgen gehörte, die einen dreieckigen Grundriss besitzen. Die heutige Form des Bergschlosses im Stil der Weserrenaissance ging auf Bauarbeiten in den Jahren 1603 bis 1609 unter dem Paderborner Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg zurück. Der Bischof ließ die noch vorhandenen Mauern und Gebäudeteile der beiden Vorgängerburgen, der Wifilisburg aus dem 9. Jahrhundert, die Himmler für so wichtig im Kampf Heinrichs I. erachtete, und eines festungsähnlichen Gebäudes aus dem Jahre 1123 in die neue Burganlage integrieren.
Als Torben das Portal des nach Süden ausgerichteten und breitesten der drei Gebäudeflügel durchschritt, erkannte er, dass er auf der richtigen Spur sein musste, denn der Erker trug die ihm bereits bekannte Inschrift: „Multi quarent intrare et non poterunt.“ Offensichtlich war die Schwarze Sonne nicht das einzige Zeichen im Schloss Dammsmühle gewesen, das hierher verwies. Der Südflügel wurde von zwei Türmen eingerahmt, die schmaler waren als der in der Nordspitze stehende Hauptturm. Unterhalb des nach Westen ausgerichteten Teils des Schlosses erstreckte sich das Almetal, das in der Vergangenheit verhinderte, dass die Burg durch eventuelle Feinde von dieser Seite einzunehmen war. Die Zugänge zu den anderen beiden Gebäudeteilen wurden durch Trockengräben gesichert, die nur mittels jeweils einer Brücke überquert werden konnten. Die Höhe des Bauwerkes ließ sich nur schwer abschätzen. Anhand der Fensterreihen, die zumindest in unmittelbarer Nähe zu den Portalen in vergangenen Zeiten sicherlich die Funktion von Schießscharten hatten, konnte er erkennen, dass die Gebäude – die begehbaren Dachböden eingeschlossen – bis zu fünf obere Etagen besaßen.
Dr. Schreiber stellte sich als geschäftiger und in Ehren ergrauter Endfünfziger heraus, ausgestattet mit ungemein buschigen und – im Gegensatz zu seinem Kopfhaar – recht dunklen Augenbrauen. Er erwartete Torben schon voller Ungeduld, weil – wie er betonte – sein Tagesplan durch die Verspätung des Besuchers mittlerweile völlig durcheinandergeworfen worden war. Gleichwohl war er dennoch sehr zuvorkommend und Torben nahm den ihm angebotenen Tee und das Gebäck gerne an.
In dem mit Unterlagen, Fotos, Lageplänen und Akten überladenen Büro Dr. Schreibers fanden beide in einer Ecke an einem Fenster eine passende Sitzgelegenheit, die es sogar erlaubte, den Ausblick auf den im Tal gelegenen Wald zu genießen.
Nachdem sie sich kurz bekannt gemacht hatten – wobei Torben bei seiner Legende, der Erstellung des Reiseführers blieb und gleichzeitig erfuhr, dass der mittlerweile seit siebenundzwanzig Jahren auf der Wewelsburg tätige Schreiber aus finanziellen Gründen jede nur erdenkliche Publicity für das Museum benötigte –, stellte ihm der Museumsleiter die Burg und ihre Geschichte vor. Einiges hatte sich Torben bereits angelesen. Andere Dinge, wie die genauen Besitzverhältnisse im Mittelalter, die Nutzung als Nebenresidenz der Fürstbischöfe oder als Zivilkerker waren genauso neu für ihn, wie zu erfahren, dass die Wewelsburg im Mittelalter auch Ort zweier Hexenprozesse war.
Dieses Thema schien Dr. Schreiber besonders zu interessieren und er riet Torben, die gerade im Keller stattfindende Sonderausstellung zur Hexenverfolgung zu besuchen. Er betonte, dass selbst im Nationalsozialismus dem Thema eine besondere Bedeutung beigemessen wurde und Heinrich Himmler höchstpersönlich den Auftrag erteilt habe, im Rahmen eines sogenannten „Hexen-Sonderauftrags“ die Hexenverfolgung wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Obwohl das Thema interessant klang, beabsichtigte Torben nicht, sich vom eigentlichen Anlass seiner Reise abbringen zu lassen, und ergriff die Gelegenheit beim Schopfe, sich nach den von Himmler veranlassten Veränderungen der Burganlage zu erkundigen. „Herr Schreiber, schön, dass Sie gleich auf Himmler zu sprechen kommen. Können Sie mir kurz etwas zur Nutzung der Wewelsburg als Schulungszentrum der Waffen-SS erzählen, vielleicht etwas, dass bei meinen Lesern Interesse weckt, gerade hierher zu kommen!“
„Selbstverständlich, Herr Trebesius, deshalb sprechen wir ja miteinander!“, erwiderte Dr. Schreiber galant. „Sie könnten erwähnen, dass wir im ehemaligen Wachgebäude auf dem Vorplatz der Burg, an dem Sie auch vorbeigefahren sein müssten, im vergangenen Jahr die weltweit einzige und vollständige museale Ausstellung zur Geschichte und Ideologie der Waffen-SS eröffnet haben. Sie werden keine bessere finden!“
Sichtlich stolz sprach er weiter: „Die SS war ab 1934 hier durchgehend mit einem großen Aufgebot an Personal, vorrangig Wissenschaftlern, präsent. Himmler war sehr oft persönlich anwesend und unterhielt ein eigenes ständiges Büro. Er war es auch, der wie kein anderer die Forschungen und Umgestaltungen prägte. Der ursprüngliche Plan, hier eine nationale Schulungsstätte für SS-Führer zu etablieren, wurde allerdings verworfen. Lediglich 1941 wurden hier die Strategien des Russlandfeldzuges besprochen.
Da Sie sich – wie ich bemerkt habe – schon etwas mit der Geschichte unseres Hauses beschäftigt haben, wissen Sie sicherlich, dass Himmler seine germanische Zweckforschung hier durchführen ließ. Im Prinzip heißt dies aber nichts anderes“, er winkte ab, „als dass man in der Umgebung Paderborns archäologische Ausgrabungen vorgenommen hat und Funde aus anderen Regionen hier begutachtete beziehungsweise katalogisierte. Schwerpunkte bildeten natürlich die germanische Frühgeschichte und die Geschichte des Mittelalters.
Brauchtümer, Runen, Riten und Kulte aus diesen Zeiten sollten – davon gehe ich aus – auf ihre Eignung, sie zum Zwecke der nationalsozialistischen Ideologie zu verwenden, untersucht werden, denn vor allem Himmler überhöhte ja die nordische Rasse als edelste aller germanischen Rassen. Auch Ahnenforschung oder pseudoreligiöse Feiern gehörten für ihn hier dazu.
Aber zurück zur Anlage an sich. Himmler ließ die Wewelsburg vollständig umgestalten. Durch Entfernen des Putzes und Freilegen des Sandsteins, Vertiefung der Gräben und Errichten einer neuen Brücke ließ er sie in seinen Augen burgähnlicher werden. Die Inneneinrichtung mitsamt okkulter Symbolik, Mobiliar oder Gemälden überließ er Karl Maria Wiligut, einer höchst obskuren Persönlichkeit, die auch das Runenmuster des SS-Totenkopfringes entworfen hatte. Die Totenkopfringe gefallener SS-Angehöriger wurden ebenfalls auf der Burg verwahrt.
Der mit den äußeren Veränderungen beauftragte Architekt Herman Bartels ließ zwischen 1934 und 1938 als Erstes den Ostflügel ausbauen. Im Erdgeschoss des Nordturms, der Sie gewiss besonders interessiert, wurde ganz zu Beginn eine Kunstschmiede eingerichtet, in der alle benötigten schmiedeeisernen Ausstattungsstücke angefertigt wurden. Erst ab 1938 wurde der Turm dann gesichert und ausgebaut. Seine Räumlichkeiten werden in Ihrer Schilderung sicherlich einen besonderen Platz einnehmen und ich werde Sie Ihnen gleich noch persönlich zeigen. Ich spreche unter anderem vom sogenannten Obergruppenführersaal. In der Mitte dieses Raumes befindet sich, umgeben von zwölf Säulen, eine in den Marmorboden eingelegte zwölfspeichige Sonnenradintarsie, die übrigens grün und nicht, wie oft beschrieben, schwarz ist.“
Dr. Schreiber trank einen Schluck Tee, bevor er fortsetzte: „Unterhalb des Saales werden Sie die Gruft oder Krypta vorfinden. Manche nennen den Raum auch Walhalla. In der Mitte der Krypta, die sich durch eine außergewöhnliche Akustik auszeichnet, also direkt unterhalb des Sonnenrades, befinden sich die Überreste einer Gasleitung. Vermutlich sollte hier eine ewige Flamme die Gruft erleuchten.
Den genauen Zweck beider Räume kennen wir nicht. Auffällig ist natürlich die Verwendung der Zahl Zwölf bei der Anzahl der Säulen und den Speichen des Sonnenrades. So gab es schon in der griechischen Mythologie zwölf Hauptgötter, Herakles musste zwölf Prüfungen ablegen, im Alten Testament werden Sie zwölf Stämme finden und Jesus begleiteten zwölf Jünger. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Aber das Wichtigste ist wohl, dass nach neuzeitlicher Interpretation die Tafelrunde von König Artus aus zwölf Kriegern bestand und Sie in Asgard, dem Heim der nordischen Götter, zwölf Paläste für die zwölf Götter finden werden. Höchstwahrscheinlich ließ sich Himmler davon beeinflussen und sah seine SS von zwölf Generälen geführt, die dort ihre Treueschwüre erneuern sollten. Nach meiner Überzeugung ist die Zahl jedenfalls nicht zufällig gewählt.
Darüber hinaus soll Himmler – so sagen es einige Kollegen – eine besondere Passion für die Heilige Lanze besessen haben und im Besitz einer Kopie gewesen sein. Ein römischer Legionär soll mit der Spitze seines Speers den Tod des gekreuzigten Jesus überprüft haben. Sie wurde dadurch mit dessen heiligem Blut getränkt.
Obwohl manchmal publiziert, ist es nicht belegbar, dass Himmler im Obergruppenführersaal mithilfe der Heiligen Lanze eine neue, höherwertige Rasse generieren wollte. Gleichwohl vertrat er die Ansicht, dass zu einer Verbesserung der Rasseneigenschaften, der Höherzüchtung von Menschen – Heiratsbefehle, totale Kontrolle selbst des Intimsten und Ausgrenzung von Minderwertigem gehören. Aber auch für dieses Vorgehen gibt es im Zusammenhang mit der Wewelsburg keine Belege.
Aus den erhaltenen Unterlagen wissen wir jedoch, dass in den oberhalb des Saales liegenden Stockwerken des Turms ein mehrstöckiger Kuppelsaal geplant war, mit dessen Bau jedoch, nach dem Abriss des alten Mauerwerks, nicht mehr begonnen wurde.
Die Planungen des Umbaus wurden im Laufe der Zeit generell immer monströser. Barthels, der Architekt, hatte spätestens seit 1940 vor, die Gesamtanlage der Wewelsburg innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu einer kreisförmigen Anlage mit einem Radius von sechshundert Metern auszubauen. Der Nordturm, und damit auch der Obergruppenführersaal, sollte das Zentrum der Anlage bilden. Die geplanten Ring- und Stichstraßen, Gebäude und Wehranlagen sollten allesamt auf ihn ausgerichtet werden. Auch von einem Autobahnanschluss und einem Flughafen für die zentrale SS-Kultstätte war die Rede.
Um die Bauarbeiten durchzuführen, richtete die SS 1939 zunächst eine Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen im Ort Wewelsburg ein. Mit Zunahme der Bautätigkeit und des damit wachsenden Bedarfs an Arbeitskräften wurde sie 1941 sogar zum staatlichen Hauptlager KZ Niederhagen erhoben und bestand bis Anfang 1943.
Da die Wewelsburg nicht den Alliierten in die Hände fallen sollte, wurde sie auf ausdrücklichen Befehl Himmlers 1945 gesprengt und brannte zum Teil aus.
Alles, was Sie jetzt sehen, wurde wiederaufgebaut oder aufwendig rekonstruiert. Im Ost- und im Südflügel befinden sich heute die Abteilungen mit den Ausstellungen, die die gesamte Geschichte des Schlosses seit den ersten urkundlichen Erwähnungen zeigen, und im Westflügel ist eine Jugendherberge untergebracht“, schloss Dr. Schreiber seinen Vortrag und lehnte sich zurück.
Torben hatte noch einige kleinere Nachfragen, die der Direktor offenbar gern und bereitwillig beantwortete. Insgeheim brannte er jedoch zunehmend darauf, endlich den Obergruppenführersaal zu betreten, weil er sich dort den nächsten Hinweis erhoffte. Jedoch war es dann Dr. Schreiber, der sich plötzlich wieder an seinen Zeitmangel erinnerte und Torben vorschlug, jetzt die beabsichtigte Führung zu beginnen. Torben stimmte bereitwillig zu und während der nächsten eineinhalb Stunden zeigte ihm der Museumsdirektor die Burganlage und die Ausstellungsräume.
Obwohl sich im Westflügel nur eine gewöhnliche Jugendherberge befand, bestand Dr. Schreiber darauf, auch diesen Bereich zu besichtigen. Dort angekommen klärte er seinen Gast über die ehemalige Existenz der Studierzimmer für SS-Angehörige auf, die solch epische Namen wie König Artus, Gral, König Heinrich oder Heinrich der Löwe trugen und Himmlers Hang zum Germanentyp bis hin zur Gralsmythologie bestätigten.
Als Torben sich plötzlich in einem leeren Zimmer wiederfand, in dem nur einige Bistrotische verrieten, zu welchem Zweck der Raum gelegentlich benutzt wurde, sagte Dr. Schreiber: „Damit Sie sehen, wie groß die Schäden 1945 waren, habe ich Sie hierher geführt. Sie befinden sich jetzt nämlich im damaligen Arbeitszimmer Heinrich Himmlers.“
Torben war wie vor den Kopf geschlagen und es fiel ihm schwer, seine Enttäuschung zu verbergen, da dieser Raum quasi seinen Plan B darstellen sollte, falls er im Obergruppenführersaal keinen Hinweis finden würde. Noch bevor er etwas entgegnen konnte, sprach der Direktor weiter: „Damals schien es fast, als wäre das Feuer hier ausgebrochen. Die komplette Inneneinrichtung war zerstört. Selbst der Putz war durch die Hitze von den Wänden geplatzt und die Decke eingestürzt.“
Torben blickte sich nochmals in dem in sterilem Weiß gehaltenen Gelass um. Neue Fenster und moderne Bodenbeläge ließen nicht die geringste Assoziation mit dem ehemaligen Büro Himmlers zu. In der Dammsmühle hatte er sich wenigstens noch vorstellen können, wie Himmler an einem schweren Schreibtisch aus Eichenholz gesessen haben könnte.
Verärgert darüber, dass er diese Möglichkeit der Spurensuche aus seinem Kopf streichen musste, folgte er dem Direktor auf den Flur. Einen letzten Versuch wagend, fragte Torben: „Sind keinerlei Unterlagen von Himmler aufgefunden wurden?“
„Sie meinen persönlicher Art?“ Dr. Schreiber brauchte anscheinend nicht darüber nachzudenken und antwortete sofort: „Nein! Die Amerikaner haben das Wenige, was noch da war, mitgenommen. Auch der Tresor im Keller wurde von ihnen aufgesprengt.“
„Im Keller gibt es einen Tresor?“, wiederholte Torben kurzzeitig wieder neue Hoffnung schöpfend. „Könnte ich mir den ansehen?“
Der Museumsdirektor hielt im Laufen inne, sah ihn ernst an und erwiderte in einer Stimmlage, die jeden weiteren Einwand erübrigte: „Das ist leider nicht möglich, ich bedaure. Wir beabsichtigen nicht, den Keller mit in das Besuchsprogramm aufzunehmen. Diese Information wäre für Ihre Leser völlig uninteressant. Der Keller des Schlosses ist nämlich nicht saniert, in einigen Bereichen einsturzgefährdet und folglich der Zutritt untersagt. Lediglich der Küche der Jugendherberge ist es erlaubt, einige Getränke im Vorkeller kühl zu lagern.“
Obwohl Torben darauf mit einem „Ah, ich verstehe“ reagierte, überlegte er doch schon längst, wie ihm eine Besichtigung dennoch gelingen könnte. Bevor ihm allerdings eine geeignete Möglichkeit einfiel, hatten Sie bereits den Nordturm erreicht.
Hier wartete die nächste schlechte Nachricht auf Torben, denn Dr. Schreiber wollte ihm nicht gestatten, den Obergruppenführersaal zu betreten. Offensichtlich hatten Angehörige der rechten Szene in der Vergangenheit die Möglichkeit genutzt, sich im Raum in entsprechenden Posen gegenseitig abzulichten. Das Kuratorium der Gedenkstätte hatte deshalb beschlossen, den Zutritt generell wieder zu untersagen. Ausnahmegenehmigungen könne auch nur dieses Gremium beschließen, das erfahrungsgemäß nur alle acht Wochen zusammenkomme, wie der Direktor bemerkte.
Der Blick ins Innere war ihm lediglich durch eine verschlossene Gittertür aus Metall möglich, welche verhinderte, dass er näher als zehn Meter an das Sonnenrad herankam. Ein intensives Absuchen des Raumes, wie er es beabsichtigt hatte, war auf diese Weise überhaupt nicht möglich. Die glatten, weiß getünchten Säulen, die Wände und den Fußboden ohne Erfolg mit Blicken abtastend, verfluchte er innerlich die verfahrene Situation. Selbst sein viel gerühmter Charme, der Torben schon in der Schulzeit mehr als einmal geholfen hatte, konnte den Direktor nicht von seinen Prinzipien abbringen. Wie er feststellen musste, bewirkten Torbens diesbezügliche Versuche bei Dr. Schreiber eher das Gegenteil, da er zunehmend Anzeichen einer leichten Verstimmung zeigte.
Torben blieb nichts anderes übrig, als seinen Ärger hinunterzuschlucken. Er versuchte, so gut es von seinem Standort aus ging, einige Fotos vom Inneren des Saals und den Säulen zu fertigen. Zu guter Letzt fotografierte er noch einige alte Aufnahmen, die im Treppenhaus aushingen und den Raum unmittelbar nach Kriegsende in einem erheblichen Zerstörungsgrad zeigten.
Die sogenannte Gruft unterhalb des Saals wiederum durfte er zu seinem Erstaunen betreten. Wohl auch, weil fast nichts hier daran erinnerte, in welchem Gebäude man sich gerade befand oder welchem Zweck die Gruft diente. Sie war ein schmuckloser, wenn auch riesiger, gewölbeartig angelegter runder Kellerraum aus freiliegenden Backsteinen, der keinerlei Motive und nach Torbens Ansicht auch keine Hinweise für seine Suche bot. Lediglich in der Mitte des Deckengewölbes konnte er bei genauerem Hinsehen ein Hakenkreuz erkennen. Sicherheitshalber machte er dennoch auch hier einige Fotoaufnahmen. Vielleicht würde der Professor etwas Ungewöhnliches darauf entdecken.
Bei ihrer Rückkehr ans Tageslicht wurde der Direktor im Innenhof bereits von einer Dame mittleren Alters erwartet, die er Torben als seine persönliche Sekretärin vorstellte. Ihre kühle Begrüßung machte Torben deutlich, dass Dr. Schreibers Anwesenheit auch im normalen Geschäftsbetrieb erwünscht war. Er bedankte sich für die Zeit, die ihm der Museumsdirektor eingeräumt hatte, versprach ihm, den Artikel vor seiner Veröffentlichung zukommen zu lassen, und verabschiedete sich. Seine Entscheidung war wohl die richtige, denn Dr. Schreiber erwiderte sichtlich dankbar die Verabschiedung und ging umgehend mit seiner Sekretärin in sein Büro zurück.
Torben nutzte den Moment der neu gewonnenen Freiheit und kehrte, da ihm der Tresor Himmlers noch im Kopf herumspukte, noch einmal in den Westflügel zurück. Kinderlachen und Gekreische aus den oberen Etagen verrieten ihm, dass die Jugendherberge zurzeit belegt war.
Der Zugang zum Keller war schnell gefunden. Eine überraschend gut beleuchtete, steinerne Wendeltreppe führte in das darunterliegende Geschoss. Torbens Weg dahin endete jedoch alsbald am Fuß der Treppe an einer schweren, verschlossenen Holztür. Da sie sich trotz kräftigen Rüttelns nicht öffnen ließ, kehrte er missmutig und unverrichteter Dinge ins Erdgeschoss zurück.
Während er weiter durch den Korridor ging, dachte Torben nach: Wenn der Direktor die Wahrheit gesagt hatte, dann war der Keller in einem schlechten baulichen Zustand. Es war nur selbstverständlich, dass sein Eingang in einer Jugendherberge mit einer Vielzahl neugieriger Kinder, die nur zu gern das alte Gemäuer entdecken wollten und dafür auch Gefahren in Kauf nahmen, abgeschlossen war.
Er bemerkte erst, dass er den Weg zur Küche eingeschlagen hatte, als ihm der Geruch von altem Fett in die Nase stieg. Er folgte ihm und betrat kurz darauf einen mittelgroßen Raum, in dem etliche Tische und Bänke verrieten, dass er als Speiseraum fungierte. Im hinteren Teil gab es einen als Theke konzipierten Mauerdurchbruch zur eigentlichen Küche. Ursprünglich sehr wahrscheinlich nur zur Essensausgabe vorgesehen, diente der Tresen jetzt auch als Ablage für verschiedene Süßigkeiten, die offenkundig zum Verkauf standen. In einem Regal dahinter lagen weitere Snacks und Getränke zu ausnehmend moderaten Preisen. Offenbar sollten die Kids nicht allzu sehr ausgenommen werden.
Hinter der Theke lümmelte ein etwa achtzehnjähriger und sichtlich gelangweilter Jugendlicher, der dem Anschein nach zum letzten Jahrgang von Zivildienstleistenden gehörte und hier gerade seine Zeit absaß. Als er Torben erblickte, stellte er sich sofort aufrecht hin und fragte überaus höflich, ob er ihm etwas anbieten könne.
Torben, der nach einer letzten Möglichkeit suchte, doch noch in den Keller zu gelangen, warf einen schnellen Blick in die Küche, um festzustellen, ob der junge Mann allein war. Dem war so. „Ich würde einen Kaffee nehmen“, sagte er daher, „aber zu allererst brauche ich einen Verantwortlichen für die Jugendherberge. Ich habe nämlich gerade gehört, dass einige Kinder beabsichtigen, die Toiletten und Duschen unter Wasser zu setzen!“
Als sein Gegenüber das hörte, sprang dieser blitzschnell mit einem Satz über die Theke und rannte in Richtung Ausgang, nicht ohne höchst anstößig zu fluchen und ihm mitzuteilen, dass er die Gören dieses Mal erwischen würde.
Torben wartete noch nicht einmal, bis der andere außer Sicht war, und beugte sich schnell über die Theke, um unterhalb des Schanktisches nach einem Schlüssel Ausschau zu halten. Er hatte wirklich mehr Glück als Verstand, denn er erblickte einige Schlüssel, die an einem langen Band, augenscheinlich dem Werbegeschenk eines japanischen Autohauses, befestigt waren.
Sich innerlich rechtfertigend, dass er die Schlüssel ja nur kurz ausleihen und niemandem schaden wollte, ergriff er den Schlüsselbund und rannte in Richtung Keller zurück. Dort angekommen versuchte er mit schweißnassen Händen und außer Atem den passenden Schlüssel zu finden. Der vierte Versuch war erfolgreich und er konnte – während er ein Stoßgebet des Dankes gen Himmel richtete – die Tür öffnen.
Im Gegensatz zur Treppe war der dahinterliegende Flur überhaupt nicht beleuchtet. Nach einem Lichtschalter tastend, stolperte Torben über einige Getränkekisten. Er fing sich jedoch und rieb sich fluchend die schmerzenden Schienbeine. Während er bereits in den Gang trat, kramte er in seiner Tasche nach einer kleinen Lampe, die er nach den Erlebnissen in der Dammsmühle eingesteckt hatte. Als er sie endlich in Händen hielt, zeigte ihm ihr Lichtschein, dass der Direktor nicht gelogen hatte. Lediglich die ersten fünf Meter waren von Schutt geräumt. Im Rest des Gewölbes türmte sich das Geröll seit mehr als sechzig Jahren mindestens kniehoch auf.
Torben orientierte sich kurz und schlug dann instinktiv den Weg ein, der eine Etage höher in das ehemalige Arbeitszimmer Himmlers hätte führen können. In regelmäßigen Abständen tauchten Türöffnungen auf, in die er nur kurz hineinleuchtete, denn es zeigte sich sowieso immer das gleiche Bild: zerschlagene Ziegelsteine und Reste von Balken. Andere Gegenstände konnte er nicht erkennen.
Als er meinte, endlich den richtigen Raum vor sich zu haben, ging er hinein und sah, sich in seiner Annahme bestätigt. Die Freiräume zwischen den Rippen des Kreuzgewölbes im Raum ausnutzend, hatte man einen etwa einen Meter achtzig hohen Tresor in die hintere Wand einmauern lassen. Allerdings fehlte die Tür und Torben konnte sie in dem ganzen Bauschutt ringsum nicht entdecken, sosehr er auch danach suchte. Die Innenwände zeigten, dass der Tresor außerdem einmal Fächer besessen haben musste. Die Zwischenböden waren aber ebenfalls nicht mehr auffindbar. Torben, der sich trotz allem noch immer einen Hinweis erhoffte, trat näher heran und erkannte, dass der Tresor mit einer Tiefe und Breite von jeweils einem Meter durchaus geeignet gewesen wäre, einen erwachsenen Mann aufzunehmen.
Der Direktor hatte zwar davon gesprochen, dass der Geldschrank durch die US-Amerikaner aufgesprengt worden war, aber dennoch enttäuschte ihn der trostlose Anblick. Als er hineinleuchtete, bemerkte er, dass jemand mittig ein etwa dreißig mal dreißig Zentimeter großes Loch in den oberen Bereich der Rückwand geschnitten hatte, das den Blick auf einen Hohlraum zwischen Tresorwand und Mauerwerk freigab. Wer immer für dieses Loch verantwortlich war, das augenscheinlich mit einem moderneren elektrischen Werkzeug, wie einer Flex, in den Stahl getrieben worden war, musste gewusst haben, dass sich dahinter eine Art Versteck befand, in das Torben nun hineingriff. Die Öffnung abfühlend, stellte er nicht nur fest, dass sie so groß war wie vielleicht fünf übereinandergelegte Mauersteine, sondern auch vollständig leer.
Torben, der mittlerweile in der Dunkelheit jegliches Zeitgefühl verloren hatte und zunehmend fürchtete, dass man ihn entdecken könnte, suchte noch schnell die Innenwände des Tresors sowie die Mauern des Gewölbes erfolglos auf Gravuren oder Zeichen ab, machte wieder einige Fotos und rannte – oder besser stolperte – im Schutt einer untergegangenen Epoche in Richtung Ausgang zurück.
Verdreckt und verschwitzt, wie er inzwischen war, schlug er die Kellertür hinter sich zu, schloss schnell ab und eilte zur Küche zurück. Gottlob war der Raum noch immer menschenleer und der Hüter der Schlüssel noch nicht von seinen Ermittlungen zurückgekehrt.
Torben warf den Schlüssel regelrecht hinter den Tresen, durchquerte erneut fast rennend den Raum und bog nach links ab, wobei er sich zwang, seinen Schritt nun wieder zu verlangsamen, um nicht aufzufallen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er den jungen Mann eine der Treppen herunterkommen. Der rief ihm noch hinterher, dass er jetzt seinen Kaffee bekommen könne, aber Torben drehte sich nicht einmal mehr um, sondern verließ den Westflügel schnellen Schrittes und zufrieden lächelnd in Richtung Hauptportal. Dass ihn die Sekretärin Dr. Schneiders beim Überqueren des Innenhofes der Burg von ihrem Bürofenster aus beobachtete, bemerkte er schon gar nicht mehr.
VII
Auf dem Weg zu seinem Wagen ließ Torben noch einmal die letzten Stunden in der Wewelsburg gedanklich Revue passieren. Natürlich hatte er bei seinen Recherchen Rückschläge erlitten, so gab es das Arbeitszimmer Himmlers nicht mehr, den Obergruppenführersaal hatte er nicht durchsuchen können und der Tresor war zerstört. Angesichts der Erfahrungen in der Dammsmühle blickte Torben jedoch nicht zu pessimistisch in die Zukunft. Schließlich hatte er trotz aller Widerstände herausgefunden, dass vermutlich hinter dem Tresor durch Himmler oder einen seiner Vertrauten ein Versteck angelegt worden war, ein weiteres Rätsel, das es zu lösen galt. Außerdem hatte er genügend Fotoaufnahmen gemacht, die vielleicht den Professor zu Interpretationen verleiten konnten. Sollte dieser damit nicht weiterkommen, würde Torben seine Suche außerhalb der Burgmauern fortsetzen müssen. Vielleicht gaben ja auch die Brücken oder der Burgwall einige Hinweise. So schnell würde er jedenfalls nicht ans Aufgeben denken.
Beim Auto angekommen, nahm er einen Schluck aus einer Wasserflasche und setzte danach den Professor telefonisch von den neusten Entwicklungen in Kenntnis.
Professor Meinert schien, auf seinen Anruf wartend, den ganzen Tag vorm Telefon verbracht zu haben, denn schon nach dem ersten Klingeln nahm er ab und ließ sich alles bis ins kleinste Detail schildern. Torben spürte an seinen Bemerkungen, dass er bei manchen Äußerungen des Museumsdirektors wohl eine andere wissenschaftliche Meinung vertrat, aber der Professor hielt sich mit seiner Kritik, so schwer es ihm auch fiel, weitestgehend zurück.
Der Professor fand es natürlich ebenso schade, dass Torben keine Gelegenheit hatte, den Obergruppenführersaal genauer zu untersuchen, war aber schlichtweg begeistert und sprach von einer Sensation, als Torben auf den Hohlraum hinter dem Tresor zu sprechen kam. Er geriet aber sehr schnell ins Grübeln, warum die Museumsmitarbeiter diese Tatsache nicht längst selbst publiziert hatten.
Letztendlich vereinbarten sie, dass Torben die Nacht auf jeden Fall noch in Burgnähe verbringen solle, damit er seine Nachforschungen am nächsten Tag fortsetzen könne. Außerdem bat ihn der Professor, ihm schnellstmöglich die Fotos zu senden, eine Bitte, der Torben gerne nachkam. Professor Meinert versicherte im Gegenzug, sich sofort zu melden, wenn er einen Hinweis finden würde.
Der einsetzende Regen sorgte dafür, dass Torben die Suche nach einer Unterkunft stark verkürzte und mit dem Landgasthaus „Ottens Hof“ die erstbeste Gelegenheit einer Schlafstatt ergriff.
Vom Wirt, einem freundlichen und kräftigen Mittvierziger mit dichtem Vollbart, erfuhr er zur Geschichte des Hauses, dass es sich um einen 1631 errichteten Fachwerkhof handelte, der – fast vollständig verfallen – 1935 von der SS aufgekauft und wegen seiner zentralen Lage als Dorfgemeinschaftshaus umgestaltet wurde. Ab diesem Zeitpunkt diente er wohl als Begegnungsstätte zwischen den örtlichen Handwerkern, verschiedensten Vereinen und den in der Burganlage untergebrachten Militärangehörigen.
Torben gefiel der Gedanke sofort, bei seiner Jagd nach der Lösung eines alten Nazirätsels in einem solchen Gemäuer zu übernachten. Auf seiner Suche hätte er sich keine angemessenere Unterkunft vorstellen können.
Beeindruckt vom rustikal gestalteten Schankraum des Hauses, stellte er erstaunt fest, dass sich an den zum Innenraum gerichteten Seiten der Sitzbänke großflächige Schnitzereien befanden, die den Totenkopf der Waffen-SS oder das Hakenkreuz mitsamt Schwert und Kornähre zeigten, also Symbole, deren öffentliches Zeigen in Deutschland eigentlich verboten war. Der darauf angesprochene Wirt zuckte mit der Bemerkung „Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter“ nur lächelnd die Schultern und stellte Torben ein dunkles Bier hin, das „aufs Haus“ ging.
Es stellte sich heraus, dass dieses Gatzweiler Altbier recht wohlschmeckend und anscheinend appetitanregend war, denn Torben trank in den folgenden Stunden nicht nur etliche weitere, sondern verspeiste auch noch eine westfälische Kartoffelsuppe und die hauseigene, ausgezeichnete Filetpfanne mit Bratkartoffeln und Speckbohnen. Der einsetzende Abend sorgte dann dafür, dass die wenigen Touristen, die hier ein verspätetes Mittagessen eingenommen hatten, verschwanden und der Regen immer mehr Einheimische hereinspülte.
Torben, schon immer sehr gesellig und kommunikativ veranlagt, kam mit einigen von ihnen ins Gespräch und wurde sehr schnell mit dem neuesten Dorfklatsch und Begebenheiten aus dem Museum versorgt, denn die Burg war offensichtlich der größte Arbeitgeber im Ort. Für seine Suche Interessantes oder wirklich Neues war jedoch nicht dabei. Als die Einheimischen allerdings anfingen, ihm einen örtlichen Obstbrand auszugeben, wohl um festzustellen, wie trinkfest eine „Berliner Bulette“ ist, verabschiedete er sich und begab sich leicht angeheitert auf sein Zimmer. Weil er Handy und Laptop zurückgelassen und nicht mit einer so langen Abwesenheit gerechnet hatte, musste er nun feststellen, dass der Professor bereits zwölfmal versucht hatte, ihn zu erreichen. Augenblicklich wieder nüchtern rief er umgehend zurück.
Die Schelte des Professors, wo er denn gewesen sei, hielt sich in Grenzen, weil der Wissenschaftler viel zu euphorisch über seine eigene Entdeckung war. „Mein junger Schüler, ich weiß, was Sie morgen tun werden!“, enthüllte er Torben ungestüm.
„Sagen Sie bloß, Sie haben einen Hinweis gefunden?“, entgegnete er und setzte sich aufs Bett.
„Wenn Sie mich so fragen: Ja, ich denke, ich habe auf einem der Fotos etwas entdeckt! Haben Sie Ihr Notebook an?“, fragte der Professor.
„Ich fahre es gerade hoch! Von welcher Aufnahme sprechen Sie?“, erwiderte Torben interessiert. Jetzt war er es, der sich so aufgeregt fühlte wie vor seiner ersten Hochzeitsnacht, die wohl noch lange in den Sternen geschrieben stand.
„Es war richtig, dass Sie alles fotografiert haben“, antwortete der Professor und baute einen Spannungsbogen auf. „Zuerst habe ich mir natürlich die Aufnahmen vom Obergruppenführersaal und von der Gruft angesehen, danach die vom Kellergewölbe und vom Tresor. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich auf den anderen Bildern irgendetwas bemerkt hatte, das mir im Kopf herumspukte! Haben Sie den Ordner mit den Fotos jetzt geöffnet?“
„Ja, soeben! Welches meinen Sie?“, fragte Torben.
„Sie haben eine Aufnahme von einer alten Fotografie gemacht, die wohl im Nordturm aushing. Darauf sind zwei GIs zu sehen, die im zerstörten oder genauer im ausgebrannten Saal stehen. Haben Sie sie? – Ja? – Jetzt schauen Sie sich die Säule an, neben der sie stehen. Im Gegensatz zu den anderen weist sie kaum Brandspuren auf und wurde gewiss deshalb als Motiv gewählt. Im oberen Bereich trägt sie einen Schriftzug!“
Torben hatte die in Altdeutsch verfasste Schrift bislang nicht bemerkt. Während er sie heranzoomte, fragte er sich, wie der Professor es nur immer wieder anstellte, diese verborgenen Kleinigkeiten zu erfassen. Er musste zukünftig selbst wohl noch sorgfältiger und gründlicher sein.
Professor Meinert sprach mittlerweile weiter: „Ich weiß nicht, ob Sie alles erkennen können. Da ich die Inschrift bereits vergrößert und ausgedruckt habe, lese ich Sie Ihnen am besten vor: So knorrig wie de Eeken, so wörn use Ohl’n. Se woll’n nicht bög’n un breeken. Se woll’n to Wodan hol’n. Da dröp jem Dod un Ungemach. Bi Veern an dem Halsebach.“
Torben, der mit dem Text nichts anfangen konnte, war derjenige, der das darauffolgende Schweigen unterbrach: „George, hören Sie auf, mich zappeln zu lassen! Was bedeutet das Gedicht?“
„Ein wenig spannend muss ich es doch machen!“, antwortete Professor Meinert. „Es ist ein Hinweis auf das sogenannte Blutgericht von Verden. Der Autor benennt am Schluss selbst den Ort – Veern oder besser: die niedersächsische Stadt Verden am Halsebach. – Ich habe bereits recherchiert. Eigentlich war es nicht Verden, sondern genau genommen das Dorf Halsmühlen bei Verden, in dem während der Sachsenkriege 782 Karl der Große viertausendfünfhundert sächsische Geiseln hinrichten ließ. Das Rad einer Wassermühle soll mit scharfen Messern versehen worden sein, mit denen tagelang die Sachsen enthauptet wurden. Der das Mühlenrad antreibende Halsebach soll damals bis in den Fluss Aller blutrot gefärbt gewesen sein. Deshalb der Reim!“
„Ich versuche, Ihnen gedanklich zu folgen, aber es gelingt mir nicht“, sagte ein ratloser Torben.
„Entschuldigen Sie, ich vergesse immer, dass ich – und ich hoffe, es klingt nicht despektierlich – mit einem Laien spreche“, erwiderte der Professor und setzte zu näheren Erläuterungen an: „Die Sachsenkriege dauerten von 772 bis 805. Die Sachsen waren damals noch ein loser aber überaus stolzer germanischer Stammesverband und verehrten die alten Götter. Karl der Große, König des Fränkischen Reiches und ab 800 römischer Kaiser, richtete einen überaus brutalen Feldzug gegen sie aus, um sie nicht nur zu unterwerfen, sondern um sie vor allem zu christianisieren.
In den neu-völkischen Bewegungen des Nationalsozialismus wurde das Verhalten Karl des Großen stark kritisiert, der Todesstrafen für die Verunglimpfung seiner Kirche erließ oder Deportationen der heidnischen Sachsen veranlasste. Als einflussreichster Laienforscher ist hier wohl Wilhelm Teudt zu nennen, der seit 1933 engen Kontakt zu – Sie werden es erraten – Heinrich Himmler hatte. Teudt erforschte germanische Heiligtümer, gründete Organisationen für Volkskunde und seine Thesen zur germanischen Kultur beeinflussen noch heute neuheidnische Kreise. Im Wesentlichen ging Teudt davon aus, dass die Germanen neben den Römern eine eigenständige Hochkultur entwickelt hatten – was ja Himmler sehr zupasskam –, die mit der Christianisierung vernichtet wurde. Für die Sachsen heißt das, mit der Eroberung durch Karl dem Großen kam es zu einem Kulturbruch. Das Fehlen von Kunstdenkmälern der Germanen erklärte Teudt damit, dass sie eine Holzkultur gepflegt hätten, also bei der Herstellung ihrer Heiligtümer auf Holz zurückgriffen, das im Laufe der Jahrhunderte einfach modrig wurde und zerfiel. Seine Thesen zu Karl dem Großen gerieten allerdings ins Abseits, als sich die Nazis dessen Eroberungsdrang in Richtung Osten für ihre eigenen Feldzüge zunutze machen wollten. Sie führten ab diesem Zeitpunkt an, die Kolonisation des slawischen Raumes von Karl dem Großen fortzusetzen. Teudt – schon zu Lebzeiten nicht unumstritten – starb noch weit vor Ende des Krieges.
Aber zurück zum Gedicht: Offensichtlich wird darin die Aufopferungsbereitschaft der Sachsen und damit aller Germanen gelobt, die sich nicht haben ‚biegen‘ oder ‚brechen‘ lassen, eine Tugend, die auch in der SS als erstrebenswert galt. Die Inschrift im Obergruppenführersaal verwundert mich daher nicht im Geringsten. Darüber hinaus – und jetzt kommen wir zu Ihren zukünftigen Reiseplänen – ließ Himmler von 1934 bis 1936 noch ganz unter dem Einfluss von Teudt eine antichristliche Gedenkstätte namens Sachsenhain in Verden errichten, in die er viertausendfünfhundert Findlinge – einen für jeden von Karl dem Großen getöteten sächsischen Adligen – entlang eines zwei Kilometer langen Rundweges aufstellen ließ. Bei der Einweihungs- und gleichzeitigen Sonnenwendfeier war Himmler persönlich anwesend. Wenn Sie mich fragen, sollten Sie Ihre Suche dort fortsetzen! Einen besseren Hinweis finden wir nicht.“
Torben musste dem Professor zustimmen. „Sie haben recht, zumindest klingt es für mich plausibel. Folgen wir also der Spur, die Himmler uns gelegt hat. Mal sehen, wo sie uns letzten Endes hinführt.“
VIII
Torben, der auf besseres Wetter gehofft hatte, wurde am nächsten Morgen enttäuscht. Der Regen hatte sich zwar abgeschwächt, aber der Himmel war stark bewölkt und es nieselte unaufhörlich. Der Wetterbericht, den er später im Auto hören sollte, hatte bei Maximaltemperaturen von sieben Grad Celsius auch keine Änderung der Wetterlage anzukündigen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück und zwei Tassen Kaffee, die ihm erstaunlicherweise wieder der Wirt servierte, obwohl er bis nach Mitternacht hinter der Theke gestanden haben musste, kaufte er sich im Ort noch einen kleinen schwarzen Regenschirm und brach nach Verden zum Sachsenhain auf. Die Fahrt dorthin dauerte etwas mehr als zwei Stunden und führte auch an der Stadt Porta Westfalica, der Westfälischen Pforte, vorbei.
Er erinnerte sich, vor einigen Jahren etwas über neue archäologische Funde gelesen zu haben, die nun doch die Hoffnung der Einwohner nähren würden, Ort der Varusschlacht, besser bekannt als Schlacht im Teutoburger Wald, gewesen zu sein, in der Armin, ein cheruskischer Fürst, mit seinen Truppen die römischen Legionen schlug. Da er merkte, wie seine Gedanken abschweiften, zwang er sich, sich wieder auf eine ganz andere, bedeutend jüngere Zeitepoche zu konzentrieren.
Der Professor hatte ihm nachts noch einiges über den Sachsenhain erzählt. Offenbar waren die Bauern der Umgebung durch die SS verpflichtet worden, jeden Findling, den sie fanden, für den Bau des Sachsenhains bereitzustellen. Unter den abgegebenen Steinen wurden letztendlich sehr viele gefunden, die Einkerbungen oder Runen aufwiesen. Der Befehl der Nazis hatte anscheinend dazu geführt, dass eine größere Anzahl heidnischer Megalithgräber und Gedenkorte im Umland zerstört wurden.
Professor Meinert hatte das zum Anlass genommen, Torben so gut es in der Kürze der Zeit eben ging, Kenntnisse über Megalithbauweisen näherzubringen. Zumindest hatte er behalten, dass der Begriff Megalith aus dem Griechischen stammt und nichts anderes als großer Stein bedeutet. Aus solch großen und vor allem unbehauenen Steinen – Obelisken zählten beispielsweise nicht dazu – wurden durch heidnische Kulturen in ganz Europa Steingräber, Steinkreise oder einzeln stehende Monumente errichtet.
Um die mutmaßlichen viereinhalbtausend getöteten Sachsen zu ehren, deren hohe Anzahl Wissenschaftler inzwischen anzweifelten, wurden die größten Findlinge durch den damit beauftragten Reichsarbeitsdienst senkrecht entlang des Weges aufgestellt. Da die Anzahl der geeigneten Steine nicht ausreichte, wurden die verbliebenen Lücken im Anschluss mit großen Bruchsteinen gefüllt. Im Süden des Weges schuf man weiterhin einen Thingplatz, also eine Art Versammlungsplatz unter freien Himmel. Die Fläche soll auch zu Kampfspielen genutzt worden sein, was immer dies auch heißen mag, dachte sich Torben.
Außerdem hatten sie herausgefunden, dass sich der Sachsenhain seit 1950 im Eigentum der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover befand. Torben konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass es sicherlich nur in Deutschland möglich sei, die Pflege antichristlicher Gedenkstätten der evangelischen Kirche zu übertragen.
Aber der Rundgang war wenigstens öffentlich zugänglich, sodass er die Hoffnung hatte, dieses Mal – schon mit Blick auf das für Spaziergänger abschreckende Wetter – in aller Ruhe nach dem nächsten Zeichen suchen zu können. Der Professor riet ihm diesbezüglich, nach einem Stein Ausschau zu halten, der sich beispielsweise in Material, Stellung oder Größe von den anderen unterschied. Möglicherweise könnte auch eine Anordnung kleinerer Steine auf dem Thingplatz einen Hinweis geben. Die ursprüngliche Einweihung während einer Sonnenwendfeier ließ bei Professor Meinert außerdem die Vermutung aufkommen, dass die Sonne – als zentrales Symbol heidnischer Verehrung – oder eben das Licht, sprich Sonnenaufgang oder -untergang, eine Rolle spielen könne.
Mit diesen Ratschlägen im Gepäck näherte er sich jetzt von Norden dem Stadtrand, nachdem ihn sein Navigationsgerät zuerst über die Autobahn an Verden vorbeigeführt hatte. Verschiedene Schilder wiesen recht schnell auf den Evangelischen Jugendhof Sachsenhain hin. Offenbar hatte sich die Kirche dazu entschlossen, das Gelände in ihrem Sinne zu nutzen. Mit Blick auf das Tiefdruckgebiet, das einfach nicht an Einfluss verlor, ging Torben aber nicht davon aus, dass ihn irgendwelche aufgeweckten Jugendlichen bei der Suche stören würden. Die letzten Meter legte er sogar auf einer Straße mit dem Namen „Zum Thingplatz“ zurück. Zumindest konnte er dadurch sicher sein, sich nicht verfahren zu haben.
Der Jugendhof bestand aus einigen Fachwerkhäusern, die im Dritten Reich ursprünglich wohl einem anderen Zweck gedient hatten. Er parkte den VW am Straßenrand, schloss seine Jacke, zog die Kapuze über den Kopf und prüfte, ob Handy und Kamera sicher, das heißt trocken, verstaut waren. Nach dem Aussteigen öffnete Torben zusätzlich seinen Schirm und ging in Richtung einer Parkanlage, die, so verhießen es etliche Wegweiser, der gesuchte Sachsenhain war.
IX
Der Übergang zwischen Park und Rundgang war fließend, denn die Anlage wurde überwiegend durch den steinbesäumten Weg dominiert.
So oder so ähnlich hatte er sich den Sachsenhain auch vorgestellt. Links und rechts eines fünf Meter breiten Kiesweges waren die Findlinge senkrecht nebeneinander aufgestellt. Sie standen an manchen Stellen so eng, dass sich die Steine gegenseitig abstützten. Die meisten von ihnen waren aber offensichtlich nicht unerheblich ins Erdreich eingesunken, denn so waren sie in der Lage, auch frei zu stehen. In Größe und Material variierten die Findlinge. Zum Teil ragten sie nur achtzig Zentimeter aus dem Boden, in anderen Abschnitten entlang des Weges aber bedeutend mehr. In der Regel bewegten sie sich bei einer sichtbaren Größe von einem Meter, waren moosbedeckt und gewiss tonnenschwer. Hinter den Steinen waren Laubbäume, wie Buchen, Eichen, Linden oder Birken, gepflanzt worden. Zum Teil hatten sie sich wohl auch selbst vermehrt, weil kleinere Exemplare mittlerweile zwischen den Findlingen wuchsen. Die meisten Bäume waren indes gut und gerne zwanzig Meter hoch und ihre Stämme hatten in den letzten acht Jahrzehnten einen beträchtlichen Umfang erreicht. An einigen Stellen standen sie zu nah an den Steinen, denn sie umschlangen manchmal die Findlinge regelrecht und ließen sie so Teil ihres Stammes werden.
Torben hatte vor, den Weg erst einmal komplett abzulaufen, es sei denn, ihm würde ein Hinweis, oder besser gesagt ein Stein, sofort ins Auge springen. Er überquerte eine Brücke und schaute sich den Thingplatz an. An dessen Rand war aus vielen kleineren Findlingen, faustgroß und größer, eine etwa fünfzehn Meter breite Plattform gebaut worden, die über fünf Stufen zu erreichen war. Eine Hinweistafel wies die Stelle als sogenannte Redekanzel aus. Sie ermöglichte nicht nur den Blick ins Innere des Thingplatzes, sondern auf der anderen Seite auch ins dahinterliegende Tal.
Für den kompletten Rundweg benötigte er mit einigen Unterbrechungen an besonders auffälligen Steinen fast eine Stunde. Langsam krochen ihm die Nässe und die Kälte in die Glieder und dabei hatte er noch keinen einzigen Anhaltspunkt gefunden. Als er zum Thingplatz zurückkehrte, rief er den Professor an und bat ihn um Rat.
Professor Meinert ließ sich einzelne Steine beschreiben oder riet, die Redekanzel und deren Stufen zu untersuchen. Das erwies sich zwar als falsche Spur, letztlich kam Torben dort aber die rettende Idee.
Den Hinweisen und Fragen des Professors am Telefon nur noch halbherzig lauschend, schweiften seine Gedanken ab und er stellte sich Himmler vor, wie er von dort oben bei einer mit Fackeln erleuchteten Sonnenwendfeier zu seinen Jüngern sprach. Als er auf den Thingplatz blickte, kam ihm der Gedanke, dass Himmler stets die Hinweise sichtbar vor Augen hatte – die Schwarze Sonne im Arbeitszimmer oder das Gedicht im Obergruppenführersaal. So musste es auch an dieser Stelle sein. Die Zeichen waren hier, er musste sie nur finden. Er blickte die im Kreis aufgestellten Steine an. Einer von ihnen musste einen Anhaltspunkt tragen. Er versprach, den Professor zurückzurufen, und beendete das Gespräch.
Material, Stellung oder Größe des Steins könnten Hinweise sein, erinnerte er sich. Es gab etliche Steine, die ihre Nachbarn überragten. Er überlegte, welcher von ihnen der gesuchte sein könnte, und stellte fest, dass es wenigstens zehn, wenn nicht mehr waren, die infrage kamen. Er zählte sie durch und kam auf zwölf Megalithen, nicht irgendwelche Bruchsteine, die hilfsweise herangeschafft wurden, sondern zwölf riesige Megalithen, die möglicherweise einmal als Grabsteine gefallener germanischer Fürsten dienten. Er schaute sich um, keiner der anderen Steine auf dem Thingplatz oder auf dem Weg, den er gegangen war, hatte deren majestätisches Aussehen.
Einer von diesen zwölf musste einfach ein besonderes Kennzeichen aufweisen. Plötzlich fiel ihm der Museumsdirektor ein. Dr. Schreiber hatte doch von der magischen Bedeutung der Zahl Zwölf gesprochen, die sich durch alle Kulturkreise zog.
Torben war nicht mehr zu halten, der Regen, den ihm der kalte Wind ins Gesicht schleuderte, schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken, als er auf den ersten der Steine auf der linken Seite zu rannte. Als er wenige Augenblicke später vor ihm stand, bemerkte er erst, wie groß der Findling war. Er überragte Torben um ein beträchtliches Maß und nur wenn er Glück hatte, würden seine Hände das obere Ende umfassen können, um sich an ihm hochzuziehen; aber so nass, wie der Megalith war, nahm Torben von dem Gedanken erst einmal Abstand.
Er umrundete den Stein und suchte nach einem Hinweis. Der Fels war sicherlich Millionen Jahre alt, die Gletscher der Eiszeit hatten ihn aus Skandinavien bis hierher getragen und Germanen und später Anhänger eines nationalsozialistischen Glaubens hatten ihn für ihre Zwecke mit purer Muskelkraft bewegt.
Aber Torben – sosehr er sich auch bemühte – fand an der Oberfläche weder eine Kerbung noch irgendein Zeichen, das eine, wenn auch noch so abstrakte, Interpretation ermöglicht hätte. Die daneben platzierten Steine erklimmend, nahm er den Megalithen von oben in Augenschein. Als auch das nicht erfolgreich war, sprang er wieder herunter. Beim Sprung in das aufgeweichte Erdreich sank er ein. Dabei kam ihm der Gedanke, dass es dem Stein durch jahrzehntelangen Regen und Schmelzwasser genauso ergangen sein konnte. Mit den Fingern riss er die Grasnarbe am Fuß des Steins auf und grub mit bloßen Händen in der feuchten und kalten Erde.
Keuchend und schwitzend von der Anstrengung, hatte er etwa eine Handbreit unterhalb der Oberfläche plötzlich den Eindruck, in der Außenseite des Steins eine Vertiefung oder zumindest einige zusammenhängende Rillen zu fühlen. Er versuchte, die Erde wegzuscharren und den Stein sauber zu wischen, aber mit seinen klammen Händen wollte es ihm nicht gelingen. Er brauchte etwas, um den Dreck wegzuspülen. Kurzerhand drehte er seinen Regenschirm um und nutzte ihn als Auffangbecken für das Regenwasser, was allerdings dazu führte, dass er nur noch schneller durchweichte und auskühlte.
Nach einigen Minuten hatte er genügend Wasser zusammen, um damit die Rillen auszuspülen. Nachdem er den Schmutz tatsächlich beseitigt hatte, überwältigte ihn ein freudiges Gefühl, denn er konnte nicht nur ein Symbol erkennen, sondern sogar eine Inschrift lesen, das lateinische Wort „Truncum“.
Um sicherzugehen, dass sich kein weiterer Hinweis auf dem Stein befand, nahm er an beiden Seiten und unterhalb der Buchstaben noch etwas Erde weg. Je tiefer er dabei kam, umso schwieriger wurde es für ihn. Durch die Anstrengung schmerzten seine Finger, sie wurden taub und steif. Weitere Inschriften fand er freilich nicht. Als er sich sicher war, nichts übersehen zu haben, machte er ein Foto, atmete tief durch und ging zum nächsten Megalith.
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