Kitabı oku: «Germanias Vermächtnis»

Yazı tipi:

SWEN ENNULLAT


Thriller

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

Information

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

Impressum

Figuren und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig.

I

Pattaya war kein Ort, den jemand, der irgendwann eine Nacht hier verbracht hatte, je wieder mit einem typischen Familienurlaub in Verbindung bringen würde. Aber Torben war auch nicht nach Kinderlachen oder überdrehten Animateuren zumute. Er reiste allein und war froh, endlich in die Anonymität dieser Stadt abtauchen zu können. Ein Riss ging durch seine ehemals so heile Welt und teilte sein altes, sorgenfreies Leben von den Trümmern seines jetzigen Daseins. Er hatte schreckliche Dinge gesehen und erlebt, hatte Freunde verloren und dem Tod ins Auge gesehen. Sobald er sich daran erinnerte, nahm die Angst wieder Besitz von ihm, Panik stieg in ihm auf und nahm ihm die Luft zum Atmen. Regelrecht verzweifelt suchte er nach einer Möglichkeit, die Gedanken daran endlich auszulöschen. Und es war ihm völlig egal, ob ihm dies in Pattaya oder einer anderen von Gott verlassenen Stadt gelingen würde.

Idyllisch an der Ostküste des Golfs von Thailand gelegen, vereinigte Pattaya zwar mit seinem tropischen Klima, den weiten Ebenen und den langen weißen Sandstränden die Vorzüge eines Badeortes mit den Möglichkeiten zu tauchen oder Golf zu spielen, allerdings war es noch immer eher für sein ausschweifendes Nachtleben berühmt. Alle Versuche, den Sextourismus einzudämmen, der in erster Linie durch eine riesige Anzahl minderjähriger Prostituierter beiderlei Geschlechts gestützt wurde, waren bislang kläglich gescheitert, wohl auch, weil das entsprechende Publikum weiterhin vehement nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse verlangte.

Obwohl die konservativen Pauschalurlauber meist mit Phuket und Ko Samui auf andere Touristenzentren des Landes auswichen, fanden so trotzdem mehr als fünf Millionen Besucher aus aller Welt jährlich ihren Weg nach Pattaya und mit ihnen Milliarden an Dollar, die sie hier großzügig ausgaben.

Auf der Suche nach Erholung oder dem schnellen Sex ließen sie sich nicht einmal von Tsunamis oder sozialen Unruhen abschrecken.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte die Bucht nur aus einer Handvoll Dörfer bestanden. Der Vietnamkrieg führte jedoch dazu, dass GIs, die in der Nähe stationiert waren, die sauberen Strände und das kristallklare Wasser für sich entdeckten. Die erstklassigen Bedingungen, die sie vorfanden, sprachen sich schnell herum. Und so folgten den Soldaten bald Touristen. Kleine Hotels und Pensionen, aus denen später die Ableger der großen Hotelketten hervorgingen, schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Einwohnerzahlen verdoppelten sich in der Folge nahezu jährlich und lagen mittlerweile bei mehr als einhunderttausend Menschen. Vor allem junge Leute zog es mit der Aussicht auf ein neues und besseres Leben vom Land in die schillernde Welt der Großstadt, einer Hoffnung folgend, die aber nur in den seltensten Fällen erfüllt wurde. Die meisten von ihnen landeten in einer Welt von brutaler Gewalt und schmutzigem Sex, die oft nur durch den Missbrauch aller erdenklichen Arten von Drogen zu ertragen war. Wahre Liebe, kindliche Unschuld oder einfach nur Seelenheil suchte man in Pattaya vergeblich.

Torben starrte gedankenverloren in das halbvolle Bierglas, das vor ihm stand, und blickte nur kurz auf, um ein zierliches, leichtbekleidetes und stark geschminktes Thaimädchen, das ihm auf Englisch ein ziemlich eindeutiges Angebot gemacht hatte, mit einem Kopfschütteln und einer abwehrenden Handbewegung wegzuschicken. Unschlüssig, ob sie sofort aufgeben sollte, spähte sie an ihm vorbei zu einem schmierigen Typen mit rosafarbenem Hawaiihemd und Sonnenbrille, der im Halbdunkel im hinteren Bereich der Bar wartete. Offenbar gab er ihr ein Zeichen, dass sie keine weiteren Mühen in diese armselige Gestalt investieren sollte, denn sie schenkte Torben nur noch ein mitleidiges Lächeln und versuchte ihr Glück danach bei zwei übergewichtigen dänischen oder holländischen Touristen einige Stühle weiter. Die wiederum konnten es offensichtlich kaum fassen, von einer hübschen, jungen Frau angesprochen zu werden, und so schien es für die Kleine oder besser ihren Zuhälter doch noch ein erfolgreicher Abend zu werden.

Als Torben sah, wie die Hände eines der beiden Freier gleich hier in der Bar begannen, gierig ihren zarten, kindlichen Körper zu erkunden, wandte er sich angewidert ab und stürzte den Rest seines Singha-Biers hinunter. Es gab Dinge, die konnte er nicht ändern, ob er es nun wollte oder nicht, eine Einsicht, die er schmerzhaft gewonnen hatte.

Kaum mit seinem Bier fertig, orderte er das nächste bei der pummligen Barfrau, einer Endvierzigerin mit zu viel Make-up im Gesicht und dem deutlichen Ansatz eines Damenbarts. Als er sie so ansah, versuchte er sich zu erinnern, ob er vorher schon einmal hier gewesen war, schließlich trieb er sich bereits seit einer Woche in Pattayas Spelunken herum. Aber die Tage und die Erlebnisse zerflossen in seinem Kopf zu einer großen gallertartigen Masse. Einzelne Erinnerungen darin wiederzufinden war derzeit schier aussichtslos. Er trieb wie ein manövrierunfähiges Schiff ziellos umher und es scherte ihn nicht einmal.

Dass er sich jetzt in Thailand und nicht irgendwo anders auf der Welt befand, war purer Zufall. Eine Laune des Schicksals hatte dafür gesorgt, dass sein Flieger aus Vietnam kurz nach Erreichen der offiziellen Flughöhe wegen eines technischen Defektes der Klimaanlage zwischenlanden musste.

Der Zwangsstopp und eine spontane Eingebung sorgten für seinen Entschluss, das Flugzeug zu verlassen und noch etwas Zeit in Thailand zu verbringen. Es zog ihn ohnehin nichts nach Hause. Die vierwöchige Reise als Rucksacktourist durch Vietnam, die nur ein weiterer Versuch gewesen war, einige Dinge für sich selbst zu verarbeiten, hatte sowieso nicht einmal ansatzweise zum gewünschten Erfolg geführt.

Eigentlich hatte er die Absicht, einen Reisebericht über die weltberühmten Pagoden, die artenreichen Nationalparks oder einfach nur über die Menschen des Landes zu schreiben. Er wollte sich Zeit nehmen und treiben lassen, um so viele Eindrücke wie möglich in sich aufzusaugen und seinen Lesern ein getreues Bild der Lebenswirklichkeit abzuliefern.

Bei der offenen und freundlichen Art der Einheimischen war es ihm sehr leicht gefallen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und etwas über ihr Leben, ihre Ängste und Sorgen zu erfahren. Die meisten Häuser der einfachen Leute besaßen keine Küche. Man bereitete die Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie oder Freunden auf der Straße zu und aß auch zusammen. Es war selbstverständlich, Reisende wie ihn zum Essen einzuladen, der schon durch seine Größe von mehr als ein Meter achtzig, der hellen Haut und den dunkelblonden, verwuschelten Haaren auffiel. Aber je länger er blieb und umso weiter er sich ins Landesinnere bewegte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass die Menschen große und gastfreundliche Gemeinschaften bildeten, die ihn zwar für eine gewisse Zeit aufnahmen, in denen er aber dennoch stets ein Fremdkörper blieb.

Sein Gefühl von Einsamkeit, das er gehofft hatte, durch die Reise zu verlieren oder zumindest zu verdrängen, verstärkte sich noch, und die Lust, seine Erlebnisse zu notieren, wurde mehr und mehr von einer tiefen Gleichgültigkeit verdrängt.

Notizbuch, Fotoapparat und Laptop, die drei wichtigsten Arbeitsmittel eines modernen Journalisten, verblieben zunehmend im Rucksack. Dafür fand er mit den selbstgebrannten Reisschnäpsen neue Freunde, die ihn anfangs nur abends, zunehmend aber auch viel früher am Tag besuchten. Irgendwann war ihm jeder noch so kleine Anlass recht, zur Flasche oder – um exakt zu sein – zum irdenen Krug zu greifen.

In Thailand war es nun noch schlimmer geworden. Sicher, er hatte schon immer mehr als gemeinhin üblich getrunken; jetzt schien er aber langsam die Kontrolle zu verlieren. Weil er andere Rauschgifte, die ihm ständig in den Bars oder den Straßen angeboten wurden, auch weiterhin kategorisch ausschlug, verleugnete Torben sein Suchtproblem vor sich selbst. Noch immer vertrat er die Meinung, wenn er nur den ernsten Vorsatz hätte, könnte er jederzeit mit dem Trinken aufhören.

Auch heute war er erst gegen Mittag aufgestanden. Sein Schädel schmerzte noch von den Erlebnissen der letzten Nacht, und er brauchte eine Weile, bevor sich die Übelkeit legte. Trotzdem zog es ihn bald wieder – wie die Tage zuvor – nicht zum Strand sondern zu einer der vielen grob zusammengezimmerten Blechbuden in Südpattaya, die an jeder Straßenecke zu finden waren. Sie nannten sich zwar selbst ‚Bierbars‘, aber eigentlich bestanden sie nur aus einigen Tischen und Kühlschränken. Mit dem Einbruch der Dämmerung versiegten diese Quellen und er musste gezwungenermaßen in einer der größeren Kaschemmen der Walking Street einkehren, quasi dem Vergnügungsviertel der Stadt.

Er hatte sich gleich für die erstbeste Kneipe entschieden. Es war sowieso egal, wo er zechte. Das Bier und der Schnaps waren überall von der gleichen minderen Qualität.

Er überlegte gerade, was er heute schon alles getrunken hatte, als mit einem Schlag wieder die Erinnerungen zurückkehrten, vor denen er eigentlich auf der Flucht war.

Für Außenstehende gab er spätestens jetzt das Bild eines typischen Alkoholikers ab: Trotz der Klimaanlage, die schräg hinter ihm unter der Decke angebracht war, begann er zu schwitzen und seine Hände zitterten. Es war aber nicht das Gift in seinen Adern, das diese Symptome auslöste, sondern der Gedanke an die Erlebnisse der letzten Monate.

Torben wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und bestellte bei Miss Damenbart, wie er sie wenig charmant in Gedanken nannte, hastig einen Lao Khao, einen einheimischen weißen Schnaps. Als sie die Flasche nach dem Eingießen wieder mitnehmen wollte, sorgte ein Zwanzigdollarschein dafür, dass sie achselzuckend von diesem Vorhaben wieder Abstand nahm und den Fusel vor ihm stehenließ.

Nach dem zweiten großzügig eingegossenen Schnaps schien die Last der Welt, die er auf seinen Schultern trug, für einen Moment wieder etwas leichter zu werden, dann brachen sich die Erinnerungen und Gefühle jedoch umso gewaltiger ihren Bann und er gab es auf, sich dagegen zu wehren.

Ihm kamen die Worte von seinem Freund Doktor George Meinert in den Sinn, einem Professor für Geschichte des 20. Jahrhunderts, dessen Wissen über die Zeit des deutschen Nationalsozialismus sie vor einigen Monaten zusammengeführt hatte.

Meinert hatte ständig gesagt, dass etwas in Alkohol zu ertränken nicht funktionieren würde, da Alkohol konserviere. Aber, was wusste er denn schon! Er hatte auch gesagt, dass sie alle gesund aus dieser Sache herauskommen würden. Aber jetzt war Torbens Mutter tot! Und nicht nur sie, auch andere unschuldige Menschen hatten ihr Leben verloren.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Er hatte im Nachlass seines Großvaters, Hans Schauweiler, eine Ausgabe des Hitler-Manifests ‚Mein Kampf ‘ mit einer persönlichen Widmung gefunden, die auf den Todestag des Führers datiert war. Selbstverständlich kannte er sie auswendig: „Die Zukunft des Großdeutschen Reiches liegt in Ihren Händen! Adolf Hitler, Berlin d. 30. 04. 1945 – Ich stehe so tief in Ihrer Schuld, wie es ein Mann nur tun kann!“

Aus Neugier, eine für ihn als freischaffenden Reisejournalisten notwendige Eigenschaft, und um etwas Licht in diese geheimnisvolle Widmung zu bringen, hatte Torben nicht nur Kontakt zu dem Professor hergestellt, sondern auch einen alten Kameraden seines Großvaters namens Konrad Reiher zu den Geschehnissen der letzten Kriegstage befragt. Durch dessen Aussage und seine eigenen Recherchen erfuhr er, dass beide Soldaten unmittelbar vor Ende des Krieges im Führerbunker im Zentrum Berlins jeweils verschiedene Sonderaufträge erhalten hatten.

Reiher musste demnach einen Brief und ein kleines Päckchen aus der von den russischen Truppen vollständig eingeschlossenen Hauptstadt schmuggeln.

Die Aufgabe seines Großvaters war ähnlich und doch ungleich bedeutender. Er bekam kurz vor der endgültigen Kapitulation des Großdeutschen Reichs die Anweisung, eine schwangere und frisch vermählte Eva Hitler, geborene Braun, in Sicherheit zu bringen. Auf für Torben unbekannten und geheimnisvollen Wegen war Hans Schauweiler dieses Wagnis gelungen, und die Gerettete tauchte für immer unter, während sein Großvater die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Tod ein bescheidenes Leben im Berliner Umland führte.

Als wenn diese Geschichte nicht schon spektakulär genug gewesen wäre, stieß Torben bei seinen Nachforschungen darauf, dass Eva Braun womöglich eine Vertreterin eines geheimen uralten Ordens von Priesterinnen gewesen war, die nicht nur ihr spirituelles Wissen seit alt-germanischen Zeiten von Generation zu Generation weitergaben, sondern offenbar auch stets aktiven Einfluss auf die deutsche und womöglich sogar zum Teil auf die internationale Politik ausübten.

Der Orden bemerkte jedoch Torbens Interesse an ihm, bevor er selbst erkannte, in welches Wespennest er gestoßen hatte, und ging konsequent und mit aller Härte gegen ihn und seine Freunde vor.

Schon der Gedanke daran sorgte dafür, dass sich der nächste Drink brennend den Weg durch Torbens Kehle suchte, ihm kurz die Luft nahm und die Tränen in die Augen trieb. Die Erinnerungen ließen sich freilich damit nicht aufhalten.

Die Schergen des Ordens hatten zuerst Torbens Auto von der Straße abgedrängt und mit erfundenen Vorwürfen einen Haftbefehl gegen ihn erwirkt, sodass er sich wegen des Anschlags auf sein Leben nicht ohne Weiteres an die Polizei wenden konnte. Danach töteten sie Reiher in seinem Pflegeheim und ließen den Mord nach einem Suizid aussehen.

Da die Priesterinnen wussten, dass noch immer ein geheimes Dossier über ihre Machenschaften existierte, das im Dritten Reich auf Anweisung ihres damaligen Verbündeten Heinrich Himmlers entstanden war, zwangen sie anschließend den Professor und Torben gemeinsam mit seinen alten Schulfreunden Michael und Julia, die er ebenfalls um Hilfe gebeten hatte, danach zu suchen.

Julia lebte zwar seit etlichen Jahren mit Michael zusammen, war vorher jedoch mit Torben liiert gewesen.

Als offenkundig wurde, dass zwischen Julia und Torben noch mehr als nur rein freundschaftliche Gefühle bestanden, nutzte der Orden das aus und zog den eifersüchtigen Michael unbemerkt und im Geheimen durch manipulierte Beweise langsam auf seine Seite. Nachdem sie die gesuchten Dokumente dann tatsächlich nach Aufenthalten in Posen, Bad Mergentheim und Wien, wo sie versteckten Hinweisen nachgegangen waren, in einer unentdeckten, geheimen Bunkeranlage in Thüringen fanden, eskalierte die Situation. Zwar kamen Torben, Julia und der Professor letztendlich mit dem Leben davon, weil ihre Recherchen auch den israelischen Geheimdienst, den Mossad, in Gestalt zweier Außendienstagenten auf den Plan gerufen hatten; Michael starb jedoch durch die Hand einer ihrer größten Widersacherinnen und auserwählten Handlangerin des Ordens namens Nicole, nachdem er ihnen seinen Verrat gestanden und Julia die Schuld dafür gegeben hatte.

Während der Mörderin die Flucht gelang, opferte sich ihre Auftraggeberin Rema, eine der einflussreichsten Meisterinnen des geheimen Zirkels, indem sie sich mitsamt dem gesuchten Bunker voll wertvoller Dokumente in die Luft sprengte.

Von dem Wunsch nach Rache besessen, initiierte die auf der Flucht befindliche Nicole jedoch im Gegenzug noch einen tödlichen Verkehrsunfall, dem Torbens ahnungslose Mutter, seine letzte noch lebende Familienangehörige, zum Opfer fiel.

Wie in den vergangenen Wochen ließ der Gedanke daran in ihm Angstzustände aufsteigen, er begann zu keuchen und hatte den Eindruck, keine Luft mehr zu bekommen. Dabei erdrückten ihn nicht nur die Schuldgefühle, er fühlte sich einfach wahnsinnig einsam. Vielleicht gab es wirklich niemanden mehr, dem es noch etwas bedeutete, ob er tot oder lebendig war. Mit einfachen Worten, er hatte sein Leben vergeudet! Er war weit über dreißig Jahre alt und hatte es nicht einmal geschafft, den kleinsten Grundstein für eine Familie zu legen, und jetzt war er völlig entwurzelt.

Die Barfrau tauchte erneut vor ihm auf und wies lächelnd in Richtung einer kleinen Bühne oder besser eines Kampfringes, denn dazu war sie zwischenzeitlich umfunktioniert worden, in dem sich jetzt zwei etwa zwanzigjährige und nur mit farbigen Seidenshorts bekleidete Männer gegenüberstanden, um aufeinander einzuprügeln.

Als Torben abwinkte, weil ihm Thaiboxen in diesem Moment so gleichgültig war, wie der ganze jämmerliche Rest seines Lebens oder dieser – von ihm so empfundenen – elenden Welt, prüfte sie nur, ob die Flasche ihres Gastes noch etwas Inhalt aufwies, denn schließlich wollte sie sich ein gutes Geschäft nicht durch die Lappen gehen lassen. Solange Torben trank, sich ruhig verhielt und vor allem auch bezahlte, konnte er bleiben.

Indessen bekam er in seinem Rausch weder den Kampf noch sein schnelles Ende mit. Irgendwann stand jedoch ein hagerer, schweißnasser und merklich lädierter Junge vor ihm und wollte anscheinend etwas Geld. Torben brauchte einen Moment, bevor er begriff, dass es sich um einen der Kontrahenten handelte, der scheinbar den Sieg davon getragen haben musste und nun darauf hoffte, sein Publikum gut unterhalten zu haben. Er nickte nur, steckte ihm ein paar Dollar zu und widmete sich erneut der ungemein wichtigen Aufgabe, die er sich selbst gesteckt hatte: Den letzten Rest Achtung vor sich selbst zu vernichten!

Er war gerade dabei, sein Glas wieder abzusetzen, als er über dessen Rand plötzlich ein vertrautes Gesicht sah. Er musste sich täuschen, seine Sinne schienen ihm einen Streich zu spielen, er presste die Augen zusammen und schlug das leere Glas so laut auf das Holz der Theke, dass Miss Damenbart sich von einigen anderen Gästen abwandte und missmutig in seine Richtung schaute, um festzustellen, ob alles in Ordnung war.

Als Torben seine Augen wieder öffnete, wurde das Trugbild zu einer realen Gestalt und konnte sogar sprechen: „Hallo Trebesius, bekomme ich auch einen?“

Seine Überraschung überspielend, zuckte er kurz mit den Schultern und entgegnete gelangweilt: „Von mir aus, aber erlaubt Ihnen denn der Mossad in der Öffentlichkeit oder gar im Dienst Alkohol zu trinken?“

„Touché, mein Freund! Ich mag Ihre direkte Art. So gesehen haben Sie Recht, lassen wir den Drink, deshalb bin ich nicht hier.“

„Das kann ich mir schon denken, Levitt!“, entgegnete Torben. „Also, was wollen Sie noch von mir und wie haben Sie mich überhaupt gefunden?“

Eigentlich hätte Torben höflicher zu ihm sein müssen, denn Levitt war der Agent, der sein Leben in Thüringen gerettet hatte. Ohne ihn wäre er durch Nicoles Hand ermordet worden. Aber Levitt war auch derjenige, der die Schutzmaßnahmen für ihre Familien veranlassen sollte. Obwohl Torben längst wusste, dass eigentlich die deutschen Sicherheitsbehörden versagt hatten, weigerte er sich beharrlich, diese Tatsache zuzugeben. Da Levitt hier vor ihm stand, hatte er endlich jemanden, dem er eine Mitschuld am Tod seiner Mutter geben konnte.

„Ihre Flugroute nachzuvollziehen war eine der leichteren Aufgaben; Ihr Hotel oder sagen wir besser: Ihre Absteige zu finden war schon ungemein schwieriger. Sie sind anscheinend kein Freund eines guten Zimmerservice. Mit wie vielen Käfern und Wanzen teilen Sie sich denn Ihre Matratze?“ Die letzte Bemerkung – begleitet von dem Ansatz eines Lächeln – sollte das Eis brechen, Torben reagierte darauf aber nur mit Gleichgültigkeit und so setzte Simon Levitt gezwungenermaßen fort: „Na ja, letztendlich half uns der Fahrer des Taxis weiter, das Sie am Flughafen genommen hatten.“

Torben nickte zwar gedankenverloren, fragte aber sofort in spürbar abweisender Tonlage nach: „Und die thailändischen Behörden stört es überhaupt nicht, dass der Mossad in ihrem Land Ermittlungen durchführt?“

Levitt schien sich von seinem Benehmen nicht irritieren zu lassen und antwortete mit ruhiger und sonorer Stimme: „Nun ja, seitdem der Iran durch die Hisbollah das Land zum Austragungsort seines Kampfes gegen israelische Staatsbürger auserkoren hat, haben sich unsere Beziehungen – sozusagen notgedrungen und über Nacht – bedeutend verbessert. Thailand sorgt sich um seinen guten Ruf als sichere Pilgerstätte der ausländischen Touristen und kooperiert deshalb mit uns. Es geht also letztendlich wie immer um Geld, wahrscheinlich sehr viel Geld. So einfach ist das!“

„So einfach ist das, ja?“, wiederholte Torben langsam und wandte sich angewidert von Levitt ab.

„Trebesius, wir …“

Weiter kam er nicht, denn Torben fuhr ihm ins Wort und schrie ihn an: „Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß! Und was haben Sie für mich getan? Nichts! Gar nichts! Ich hatte Sie nur um einen einzigen Gefallen gebeten! Erinnern Sie sich? Sie sollten meine Mutter schützen! Mehr nicht! Und trotzdem haben Sie dabei versagt! Ich bin fertig mit Ihnen! Haben Sie verstanden? Fertig! Und jetzt verschwinden Sie endlich!“

Sein Geschrei hatte die Aufmerksamkeit etlicher Gäste erregt, Touristen und zwielichtige Gestalten gleichermaßen starrten nun neugierig in Torbens und Levitts Richtung. Der Mossad-Agent drehte sich tatsächlich – vermutlich wegen der ungewollten Aufmerksamkeit durch Torbens Gefühlsausbruch – ohne ein weiteres Wort zu verlieren um und drängelte sich durch eine gerade hereinkommende und lärmende Gruppe junger Leute nach draußen. Torben, perplex, dass er sich so schnell bei seinem Gesprächspartner durchsetzen konnte, verlor ihn schon nach wenigen Sekunden aus den Augen und blieb mit einem noch größeren Gefühl der Leere als zuvor zurück, das er nun wieder mit Lao Khao würde bekämpfen müssen.

Halb betrunken wie er war, versuchte er sich dennoch, etwas zu sammeln und die gerade erlebte Szene zu verarbeiten.

Levitt hatte ihn in einer schäbigen Hinterhofkneipe im tiefsten Thailand aufgespürt, um mit ihm zu sprechen. Und trotz der Mühen, die er sich gemacht haben musste, ließ er sich so einfach von ihm wegschicken? Dahinter musste noch etwas anderes stecken. Torben bemühte sich redlich, sich auf die Beantwortung dieser Frage zu konzentrieren, aber der Schnaps entfaltete längst seine Wirkung und seine Gedanken und Erinnerungen vermischten sich mit den Gerüchen und Geräuschen der Bar zu einer surrealen Traumwelt, in der er Fiktion und Realität nicht mehr trennen konnte.

War Levitt wirklich hier gewesen oder hatte ihm seine Phantasie einen Streich gespielt?

Sein Kopf dröhnte und ihn überfiel ein Gefühl von Übelkeit und Schwindel. Niemand in seiner Nähe nahm davon Kenntnis, als er sich, um nicht vom Hocker zu fallen, so an die Bar klammerte, dass seine Fingerknöchel schon weiß hervortraten. Nach Levitts Abgang, der die Aussicht, in den Genuss einer Barschlägerei zu kommen, abrupt beendet hatte, war er für alle anderen Gäste längst wieder uninteressant geworden.

Der Kampfring war mittlerweile zur Bühne zurückgebaut, eine Leinwand und eine Karaoke Anlage aufgestellt worden. Die jungen Leute, die als Letzte gekommen waren, erkoren aus ihrer Mitte einen rothaarigen Halbwüchsigen mit einem gefährlich aussehenden Sonnenbrand im Gesicht zum ersten Gesangsstar des Abends. Mit einer grauenhaften Version von U2 s „With or without you“ erklang ein Lied, das noch mehr längst vergessene Dämonen in Torben weckte und ihn noch tiefer in seine Trugbilder und Tagträume schleuderte.

Aber plötzlich war sie da, eine sanfte und vertraute Stimme, ganz nah an seinem Ohr, und eine warme Hand, die sich behutsam auf seinen Unterarm legte. Er konnte die Worte zuerst nicht verstehen und fragte wie in Trance: „Was … Was ist los?“

Aus dem Gemurmel wurden klare Sätze, die zu ihm durchdrangen: „Ich sagte, dass du unseren Song selbst in deinem jetzigen Zustand tausendmal besser singen würdest.“

Er blickte auf den Mund, aus dem die Worte kamen und versank, wie schon hunderte Male zuvor, in den darüber liegenden grünen Augen. Er sagte sich, dass sie nicht real sein konnte! Sie war nicht hier! Sein Verstand musste ihm einen noch übleren Streich spielen! Die langen, schwarzen Haare, die wunderschönen Lippen, all das bildete er sich nur ein. Ganz klar, er wurde verrückt!

Sie erkannte offenbar sogar in seinem glasigen Blick, was in ihm vorging und sprach weiter: „Torben, hörst du mich? Ich bin es, Julia!“

„Julia?“, die Schleier seines Rausches lüfteten sich ein klein wenig, „Julia, bist du es wirklich? Erst Levitt, dann du … Was machst du hier?“

Sie stöhnte auf und er bemerkte, wie erschöpft sie aussah, aber trotzdem schenkte sie ihm ein wundervolles Lächeln. „Na ja, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen. Und jetzt komm mit, ich bringe dich hier raus.“

Die halbvolle Flasche Schnaps auf der Theke zurücklassend, ließ sich Torben von ihr widerstandslos aus der Bar führen, weil es sich in diesem Moment wie das einzig Richtige anfühlte. Die Menschen um ihn herum nahm er längst nicht mehr wahr. Julia musste ihn unterwegs mehrfach stützen, denn seine Beine versagten ihm zunehmend den Dienst, er strauchelte und lief ständig Gefahr, in die Gosse zu stürzen. Unter großer Anstrengung gelang es ihr aber, ihn unbeschadet durch die Massen an Feierfreudigen zu schleusen und wenig später auf die Rückbank eines am Straßenrand abgestellten Toyotas zu wuchten. Während sie ebenfalls einstieg und die Tür hinter sich schloss, sah der noch immer benommene Torben plötzlich Levitts Hinterkopf vor sich. Als dieser sich umdrehte und fragend Julia anblickte, drückte sie gerade Torbens Hand und flüsterte ihm zu: „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Ich pass auf, dass dir nichts geschieht.“

Während der Betrunkene nur stumm nickte, brummte Levitt: „Sind Sie sicher, dass wir ihn wirklich brauchen? Er wird nur Ärger machen! Schauen Sie sich ihn doch nur einmal an! Ich habe schon Penner gesehen, die im Vergleich zu ihm wie Top-Manager wirkten.“

Julia schüttelte den Kopf: „Sie haben keine Ahnung, was in ihm steckt! Wir haben Dinge erlebt und gesehen, die die meisten Menschen nie erleiden müssen. Es ist nur verständlich, dass ihn das mitgenommen hat. Ich habe zugestimmt, Ihnen zu helfen, weil ich die Sache für mich zu Ende bringen möchte. Aber das kann ich nur mit ihm an meiner Seite! Also fahren Sie endlich los und bringen Sie uns hier weg!“

„Meinetwegen“, seine Stimme klang immer noch etwas knurrig, „aber ich fürchte, sobald er wieder nüchtern ist, wird er wohl erneut auf unsere Gesellschaft verzichten wollen. Ich glaube, er hat sich entschieden, sich einfach selbst zu Grunde zu richten.“

„Nein“, Julias Stimme war zwar leise, weil Sie Torben, der mittlerweile neben ihr weggenickt war, nicht aufwecken wollte, aber sie klang fest und entschlossen, „er hat nur versucht, alleine mit seinen Schuldgefühlen fertig zu werden, und das ist ihm nicht gelungen. Ich war zu hart zu ihm, und es war mein Fehler, ihn gehen zu lassen. Ich weiß, dass wir einander brauchen, um uns gemeinsam unseren Ängsten zu stellen, und er weiß es jetzt auch! Da bin ich mir ziemlich sicher!“

Levitt brabbelte noch eine Antwort, die wie ein sarkastisches „Na, wenn Sie es sagen!“ klang, und fuhr los. Julia hörte aber schon längst nicht mehr zu, sondern sah den schlafenden Torben lange an und flüsterte ihm zu: „Ich werde alles tun, um dir zu helfen!“ Es wirkte aber fast, als sagte sie das eher zu sich selbst.

II

Torben bezog gemeinsam mit Julia, Levitt und einem weiteren, jüngeren Mossad-Agenten namens Mosche Shalev, den er ebenfalls bereits kannte, ein paar nebeneinander liegende Zimmer in der zweiten Etage eines schäbigen Motels. Mosche wurde, seitdem er ihre kleine Truppe am Hamburger Flughafen in Empfang genommen hatte, die Rolle des Fahrers zuteil. Und Levitt? Ja, Levitt schien irgendwie zum Anführer ihrer Gruppe aufgestiegen zu sein. Er fällte mittlerweile nahezu alle Entscheidungen, ob nun wichtig oder nicht.

Torben versuchte, sich an möglichst viel zu erinnern, was in den letzten Stunden geschehen war.

Thailand lag noch nicht einmal zwei Tage zurück, und doch kam es ihm so vor, als sei eine kleine Ewigkeit vergangen. Julia hatte nicht gelogen, als sie davon sprach, ihn nach Hause bringen zu wollen, wenn man den Begriff Zuhause etwas weiter definierte und damit lediglich das Heimatland meinte, denn in Deutschland waren sie schon mal.

Er konnte sich durch seinen letzten Rausch nicht an jedes Detail ihrer Reise erinnern. Nachdem sie ihn in der Bar aufgelesen hatten, brachten sie ihn wohl gleich in sein Hotel und stellten ihn unter eine kalte Dusche, die ihn in die Lage versetzte, zumindest für die nächsten Stunden halbwegs auf den Beinen zu bleiben. Levitt und Julia packten – von seinen Flüchen und Verwünschungen begleitet, als das eiskalte Wasser auf ihn niederprasselte und sich in seinem Kopf wie tausend kleine Nadeln bohrte – eilig seine Sachen zusammen und beglichen die offenen Rechnungen. Als das erledigt war, verfrachteten sie ihn wieder in den Toyota und kündigten ihm an, dass ihr nächstes Ziel der Flughafen Bangkok sei. Torben, noch halb betrunken, hatte nur mit den Schultern gezuckt, was von beiden als Zustimmung aufgefasst wurde. Von der eigentlichen zweistündigen Fahrt bekam er nicht viel mit, weil er tief und fest schlief. Am Flughafen wurde er dann auch recht grob von Levitt geweckt, weil es Julia einfach nicht gelingen wollte.

Verschlafen und verkatert, wie er war, registrierte er kaum, dass sie ein uniformierter Flughafenbeamter am Zoll und allen anderen Kontrollen vorbei hastig zu einer Linienmaschine brachte. Sie hatten kaum ihre Sitze in der Business Class eingenommen, da rollte der Flieger auch bereits auf die Startbahn. Torben war mittlerweile sowieso alles egal, denn die Trunkenheit oder genauer die Betäubung seiner Nervenbahnen ließ langsam nach. Während Julia und Levitt ihre Sitze in Liegepositionen brachten, um sich auszuruhen, übergab er sich mehrfach auf der Flugzeugtoilette und fühlte sich hundeelend. Erst nach einigen Stunden, in denen er im Halbdunkel ständig und fast schon zwanghaft Julia in ihrem unruhigen Schlaf beobachtete, klangen die schmerzhaften Magenkrämpfe ab, und die Müdigkeit überwältigte ihn. Er wachte erst auf, als sie im Landeanflug auf Frankfurt am Main waren.

Julia schien genauso wie er noch ziemlich verschlafen zu sein. Sie lächelte ihm müde aber aufmunternd zu. Im Gegensatz zu ihnen beiden wirkte Levitt erstaunlich frisch. Irgendwie war es dem Mossad-Agenten sogar gelungen, sich zu rasieren. Als Torben das bemerkte, strich er sich unbewusst über seine langen Bartstoppeln. Er konnte sich nicht einmal mehr an seine letzte Rasur erinnern.

Die Temperaturen waren in Deutschland zwar bedeutend niedriger als in Thailand, aber eine strahlende Sonne verkündete, dass es ein angenehmer Frühsommertag werden würde.

Zeit, das schöne Wetter zu genießen, blieb nicht, denn Levitt drängte schon wieder zum Aufbruch, da sie ihre Reise mit einem innerdeutschen Flug nach Hamburg fortsetzen sollten. Und so bestand Torbens Frühstück dann auch lediglich aus einem Coffee to go in der Ankunftshalle, den er unbemerkt von seinen Begleitern mit etwas Cognac aus einer kleinen Schluckflasche aus einem Duty-Free-Shop aufpeppte.

Leidlich wiederhergestellt und am Nachmittag endlich in der Lage, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen, erfuhr Torben erst in der Hansestadt, wo sie auf einen breit grinsenden Mosche trafen, warum sie so in Eile waren. Es war Julia, mit der er bisher kaum ein offenes Wort wechseln konnte, die ihn jetzt in einem kleinen Zimmer eines bestenfalls zweitklassigen Hotels darüber aufklärte.

Es war das erste Mal auf diesem Trip, dass sie wirklich allein waren und Torben erinnerte sich, dass ein ähnlicher Moment bereits mehr als zwei Monate zurücklag. Sie waren sich in Wien nähergekommen, obwohl Michael zu jener Zeit noch am Leben war, der, damals wie heute, wie eine riesige Mauer zwischen ihnen stand.

Julia brach als erste das Schweigen: „Torben, wie geht es dir? Ist soweit alles okay?“

Während sie bei ihrer Frage an der Tür stehen blieb, bewegte sich Torben in Richtung Bett, ließ sich darauf fallen und antwortete etwas scherzhaft: „Ich fühle mich so, wie ich aussehe! Die nächsten Tage sollte ich wohl lieber auf Alkohol verzichten.“

„Kannst du das denn?“ Die Bemerkung klang beiläufig, sollte ihn aber trotzdem direkt treffen.

Er ignorierte die Anspielung und stellte selbst eine Frage: „Okay, was um alles in der Welt machen wir hier?“

Sie seufzte, setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und sagte leise: „Ganz einfach – ich möchte, dass diejenigen, die für den Tod deiner Mutter und Michaels verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Aber, das ist …“ Weiter kam Torben mit seiner Antwort nicht, denn Julia schnitt ihm sofort das Wort ab und entgegnete energisch: „Kein Aber! Das sind wir ihnen schuldig! Es geht mir nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit!“

Kopfschüttelnd erwiderte Torben darauf: „Was wir wollen spielt keine Rolle! Julia, diese Geschichte ist zu groß für uns! Begreifst du das noch immer nicht? Diese Leute sind zu allem fähig! Gerade du müsstest das am besten wissen!“

„Das brauchst du mir nicht zu sagen“, ihre Stimme wurde leiser, „sobald ich meine Augen schließe, sehe ich Michaels entstellten Leichnam vor mir.“

Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach: „Torben, ich muss mich dieser Sache stellen, um wieder ein normales Leben zu führen.“ Ihr Händedruck wurde stärker. „Und ich weiß, dass es dir genauso geht. Bevor wir beide damit nicht abgeschlossen haben, wird es auch keine gemeinsame Zukunft für uns geben.“ Torben schlug der Puls plötzlich bis zum Hals. Sie sprach von einem gemeinsamen Leben mit ihm, wovon er nicht mehr zu träumen gewagt hatte, denn er hatte sie nicht nur einmal enttäuscht. Nicht genug, dass er es war, der sich vor mehr als zehn Jahren von ihr getrennt hatte, er hatte sie auch allein gelassen, als es um die Organisation von Michaels Beerdigung ging, und er hatte ihr nicht beigestanden, als sie sich den Fragen der trauernden Verwandten stellen musste, ein weiteres Versäumnis, das er sich vorwerfen musste.

Julia wiederum hatte trotz allem an der Beerdigung seiner Mutter teilgenommen und ihm dadurch die nötige Kraft gegeben, diesen Tag durchzustehen.

Ihr Erscheinen verstand er aber im Nachhinein – so redete er es sich seit Wochen ein – nur noch als rein freundschaftliche Geste, da sie sich danach lediglich zweimal kurz sahen und während Torbens Vietnamreise weniger als ein halbes Dutzend Mal miteinander telefonierten. Und nach jedem dieser – in seinen Augen – unpersönlichen Telefonate hatte er sich schlechter gefühlt als vorher. Sie wurden dadurch nur zu weiteren willkommenen Anlässen, um zur Flasche zu greifen.

Aber vielleicht hatte sie ja nur etwas Zeit gebraucht, um – genauso wie er – etwas Abstand zu gewinnen und ihre Gefühle zu ordnen. Tief in seinem Inneren begann wieder ein Funke zu glimmen, sein Widerstand brach und er hörte sich selbst die Frage stellen: „Levitt und du, wie wollt ihr denn vorgehen?“

Ihr Händedruck löste sich, sie stand auf und lief in dem kleinen Zimmer langsam auf und ab.

„Wir haben eine Spur gefunden, die vielleicht zum Orden führen könnte. Sie hängt offenbar mit den Finanzgeschäften dieser Stiftung in Bad Mergentheim zusammen, die als Tarnung für die Priesterinnen gedient hatte.“

Torben erinnerte sich, sie waren damals bei ihren Nachforschungen auf das Deutschordensschloss in Bad Mergentheim gestoßen. In Unkenntnis, dass dort tatsächlich just zu diesem Zeitpunkt eines der wichtigsten Treffen des Ordnens stattfand, hatte Torben die Veranstaltung gestört, was dazu führte, dass seine Freunde und er gefangen genommen wurden. Es stellte sich heraus, dass die im Schloss ansässige Stiftung für Demografie und Pflege der deutschen Kultur eine der vielen Tarnorganisationen der Priesterinnen war. Nach ihrer Entdeckung hatten die Ertappten jedoch unverzüglich begonnen, die dort unterhaltenen Büros zu räumen und alle Spuren zu verwischen.

In Torben fing es zu arbeiten an. Julia könnte Recht haben. Obwohl der Orden unbeschreiblich mächtig und einflussreich war, hatten es seine Repräsentanten sicherlich dennoch nicht mehr geschafft, alle Unterlagen zu vernichten, die zum Beispiel in deutschen Finanzämtern oder den zuständigen Ministerien zu der Stiftung lagerten. So sehr sich die Priesterinnen auch anstrengt hatten, dieses Mal hinterließen sie bestimmt Brotkrumen, denen man folgen könnte.

Julia sprach bereits weiter: „Mosche hat die Ermittlungen der deutschen Behörden begleitet. Ihm ist der Vorname einer Person aufgefallen, die die Prokura besaß, die Finanzgeschäfte der Stiftung abzuschließen, nicht nur, weil er in seinen Ohren ziemlich ungewöhnlich klang, sondern auch, weil er ihn bei deiner Aussage, die du damals machen musstest, schon einmal gehört hatte. Er lautet Margot. Du weißt schon, Meisterin Margot! Das könnte eine gute Spur sein, glaubst du nicht?“

Torben dachte nach. Margot war nicht eine x-beliebige Vertreterin des Ordens. Sie wollte ihm damals zur Flucht verhelfen und hatte ihm gestanden, dass die Schwester seines Großvaters namens Hilde Schauweiler nicht im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen war. Sie war vielmehr der Trumpf gewesen, mit denen sein Vorfahr zur Zusammenarbeit mit dem Geheimzirkel genötigt und zu Höchstleistungen motiviert worden war.

Margots Familie wurde nach Kriegsende vom Orden auserwählt, Hilde an Kindes statt großzuziehen. Und so kam es, dass beide Frauen wie Schwestern aufwuchsen. Die Gefühle, die sie verbanden, hatten aber, je älter sie wurden, irgendwann nichts mehr mit Geschwisterliebe gemein. Margot hatte ihm erzählt, dass sie bis zu Hildes Tod nicht nur gemeinsam dem Orden dienten, sondern über all diese Jahrzehnte auch eine Liebesbeziehung pflegten.

Dennoch zweifelte er: „Julia, ich weiß nicht, ist das nicht alles etwas weit hergeholt? Sicherlich ist der Name Margot heute nicht mehr so geläufig, aber vor siebzig, achtzig Jahren war es keineswegs ungewöhnlich, sein Kind so zu nennen.“

„Ich bin noch nicht fertig!“, setzte Julia schnell fort, die spürte, wie Torbens Neugier erwachte. „Der komplette Name lautet Margot Wiese. Es gibt zwar keine Adresse zu ihr, aber wir sind in den Unterlagen auf eine weitere Frau namens Hilde Wiese gestoßen, für die die Stiftung Beiträge an die Rentenversicherungsanstalt abgeführt hat. – Verstehst du, zwei Schwestern, die beide für die Stiftung arbeiteten und laut den Unterlagen auch noch ungefähr gleich alt waren! Dazu die Vornamen Margot und Hilde! Es passt alles zusammen, meinst du nicht auch?“

Selbst Torben musste zugeben, dass dies ein erstaunlicher Zufall war und fragte gespannt: „Was habt ihr noch?“

In diesem Moment erkannte Julia, dass sie ihn am Haken hatte. Und Torben wusste es auch. Sie setzte sich wieder neben ihn. „Die Zahlungen der Stiftung an Hilde wurden vor fast neun Jahren eingestellt. Das könnte auf zwei Möglichkeiten deuten, zum einen, dass sie sich einen anderen Arbeitgeber gesucht hat oder zum anderen, dass sie …“

„ … verstorben ist“, beendete Torben den Satz.

Julia nickte.

„Mosche hat in den letzten Wochen unzählige Sterbeanzeigen durchforstet und Bestattungslisten eingesehen. Offenbar gibt es kein einheitliches Sterberegister in Deutschland. Du erinnerst dich vielleicht an den letzten Zensus. Dieser wurde ja auch mit fehlenden oder ungenauen Strukturdaten begründet. Auf jeden Fall hat er etwas gefunden.“

„Du sprichst sehr oft von diesem Mosche“, bemerkte Torben beiläufig und mit dem Versuch eines Augenzwinkerns.

„Was? Was soll das denn jetzt?“ Julia schüttelte ungläubig den Kopf. „Nichts weiter, es fiel mir nur auf. Ich wusste nicht, dass du so engen Kontakt zum Mossad hast. Also, auf was ist er gestoßen?“

„So intensiv war der Kontakt nicht. Ich glaube, sie wollten eher mit dir reden, aber du hast dich ja völlig abgekapselt. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, über mich an dich heranzukommen. Offensichtlich lagen sie da nicht ganz daneben.“ Dieses Mal blinzelte sie ihm zu.

„Aber weiter, in dem Monat, in dem die letzte Einzahlung erfolgte, wurde die Urne einer Frau Hilde Wiese anonym, ohne Grabstelle auf einer extra für diese Fälle vorgesehenen Fläche eines Friedhofs in einem kleinen Ort namens Meldorf an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste beigesetzt.“

„Also deshalb sind wir hier. Aber wie kommt ihr darauf, dass uns das weiterbringt?“

„Weil sich ihr Todestag morgen jährt!“

III

Torben saß auf der Rückbank einer dunklen Mercedes Limousine. Julia, die ihre Augen geschlossen hatte, befand sich nicht einmal eine Armlänge entfernt und er hätte sie so gerne berührt. Aber soweit waren sie noch lange nicht.

Ihr Gespräch am gestrigen Abend hatte, nachdem sie ihm das Sterbedatum seiner Tante mitgeteilt hatte, nur noch einige Minuten gedauert. Sie hatte ihm lediglich noch eröffnet, dass sie hofften, heute Margot auf dem Friedhof zu stellen, falls sie an das Grab ihrer verstorbenen Geliebten zur Andacht kommen sollte. Danach hatte sie ihn mit Verweis auf ihre Jetlag-bedingte Müdigkeit allein in seinem Zimmer zurückgelassen.

Unter der Dusche waren seine Selbstzweifel zurückgekehrt. Doch er hatte auch so etwas wie einen Funken Hoffnung gespürt, eine Zuversicht seine Beziehung zu Julia betreffend. Er kannte sie schon seit seinem siebzehnten Lebensjahr. Vor zehn Jahren hatte er sich aus rein egoistischen Gründen von ihr getrennt. Heute wusste er, dass er damit vermutlich den größten Fehler seines Lebens begangen hatte. Aber vielleicht bekam er jetzt eine zweite Chance.

Als er wenig später mit der Hand das Kondenswasser vom Badezimmerspiegel wischte, um sich endlich wieder einmal zu rasieren, fühlte sich das beinahe wie ein kleiner Neuanfang an. Es war fast, als trennte er sich mit den Bartstoppeln von einem Teil seines alten Lebens. Unbewusst verzichtete er danach – das erste Mal seit Wochen – sogar auf seinen abendlichen Schlummertrunk und ging gleich zu Bett.

Er wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Levitt und Mosche kehrten zurück und stiegen ins Auto ein. Das Zuschlagen der Türen sorgte dafür, dass Julia ihre Augen wieder öffnete und sich aufrecht hinsetzte.

Levitt wandte sich ihnen zu: „Sehen Sie das dunkelgrüne Eisentor, auf der rechten Seite?“ Torben und Julia nickten. „Es ist der einzige Eingang zum Friedhof. Es wurde gerade aufgeschlossen. Der Friedhof hat jetzt bis 19 Uhr geöffnet. Also stellen Sie sich schon mal auf eine längere Wartezeit ein, und machen Sie es sich bequem. Hoffen wir, dass die Priesterinnen sentimentaler sind, als man ihnen auf den ersten Blick zutrauen würde. – Und Torben, Sie sind der Einzige von uns, der Margot kennt. Das heißt …“

„Ich weiß, was das heißt!“

Mit Torbens ruppiger Bemerkung endete auch das Gespräch. Offensichtlich war keinem von ihnen nach weiterem Reden zumute. Es war 8.03 Uhr morgens.

Während Torben sich gerade ausmalte, wie er Margot stellen und was er ihr sagen würde, vertrat sich Julia wenig später mit Mosche die Beine. Als Torben sie mit einigen Croissants sowie gefüllten Kaffeebechern zurückkehren sah und bemerkte, wie ungezwungen sich der junge Mossad-Agent mit ihr unterhielt, ja fast schon flirtete, und es sogar schaffte, sie zum Lachen zu bringen, spürte er erst, welch langer Weg noch vor ihnen lag. Julia und er waren weit davon entfernt, wieder unbefangen miteinander umzugehen.

Die Sonne kletterte langsam aber stetig immer höher und sorgte dafür, dass sich der Innenraum der Limousine zunehmend aufheizte, sodass sie bald alle Fenster öffneten, um zumindest etwas kühlenden Luftzug zu haben. Etwa ab 9 Uhr besuchten die ersten Menschen den Friedhof. Meist waren es ältere und vom Leben gebeugte Männer und Frauen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad kamen. Torben stellte sich jeden einzelnen von ihnen vor, wie sie anschließend an den Gräbern ihrer Lieben standen und im Stillen zu ihnen sprachen.

Gerade als seine Gedanken zu seiner Mutter abschweifen wollten, stieß ihn Julia leicht von der Seite an und zeigte auf einen ankommenden dunkelblauen Audi A6, der dreißig Meter von ihnen entfernt einparkte. Levitt und Mosche bemerkten ihn auch und Letzterer begann unruhig auf seinem Sitz hin und her zu rutschen.

Der Fahrer verließ kurz darauf den Wagen, öffnete eine der hinteren Türen und half einer Frau in einem dunkelgrauen Kostüm beim Aussteigen. Noch bevor sie ihr Gesicht sehen konnten, wusste Torben, dass es tatsächlich Margot war. Er sagte: „Ihr hattet Recht! Das ist sie!“

„Sind Sie sich vollkommen sicher, Torben? Vielleicht sollten wir sie näher herankommen lassen!“, zweifelte Levitt.

„Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher! Das ist Meisterin Margot!“, antwortete er mit einem grimmigen Ton in seiner Stimme. „Und sie wird uns jetzt zum Orden führen!“

„Nicht so schnell! Sehen Sie, der Chauffeur begleitet sie auf den Friedhof!“, gab Mosche rasch zu bedenken.

Torbens Hand lag jedoch bereits auf dem Türöffner der Wagentür und er erwiderte: „Das ist mir egal! Ich spreche sie einfach an! Was will sie schon machen, mich am helllichten Tage erschießen und wegrennen? Sie wird mit mir reden müssen!“

„Dann sollten Sie wenigstens eine Schutzweste tragen! Wir haben welche im Kofferraum!“, forderte ihn Levitt auf.

Torbens Antwort bestand nur aus zwei Worten: „Zu spät!“ Noch während er diese aussprach, entriegelte er die Tür, trat auf die Straße und ließ Julia mit zwei derb fluchenden Mossad-Agenten hinter sich zurück.

Margot hielt einen Strauß weißer Dahlien in der Hand und betrat mit ihrem Fahrer, einem circa einen Meter neunzig großen, athletisch wirkenden Mann mit dunklem Teint und nach hinten gegeltem Haar, den Friedhof. Torbens Abstand zu ihr betrug weniger als dreißig Meter und er folgte ihr zügig, um die Entfernung nicht noch größer werden zu lassen. Als er sah, wie sie einen kleinen Weg auf der rechten Seite einschlug, der unter einigen alten und schattenspendenden Platanen hindurchführte, beschleunigte er seine Schritte noch mehr. Links und rechts des Pfades reihten sich moderne Grabsteine genauso wie verwitterte Putten und brüchige Steinkreuze, aber nichts davon konnte jetzt sein Interesse wecken oder ablenken. Er wollte nur noch eines: Margot stellen und dazu zwingen, ihm seine Fragen zu beantworten. Und je näher er diesem Ziel kam, umso mehr Adrenalin strömte durch seine Adern.

Das Knirschen des Sandes unter seinen Füßen, das seinen schnellen Schritt verriet, erregte wenig später die Aufmerksamkeit von Margots Begleiter. Er drehte sich zu ihm um, aber Torben war bereits zu nah und drängte einfach an ihm vorbei. Bevor der Leibwächter reagieren oder etwas sagen konnte, umrundete er auch Margot und stellte sich der sichtlich überraschten Priesterin in den Weg und begrüßte sie mit einem: „So schnell sieht man sich wieder!“

Der Bodyguard wollte Margot sofort von Torben wegziehen, aber seine Schutzperson überwand sehr schnell ihren ersten Schock, erhob die Hand und sagte: „Schon gut, Tim! Ich kenne diesen Mann!“

Der so Angesprochene schien trotzdem unschlüssig, wie er sich verhalten sollte. Er musterte Torben offen feindselig und antwortete: „Madam, wollen Sie wirklich mit ihm reden? Ich könnte …“

„Nein, nein, es ist schon gut! Es ist ein alter Bekannter, den ich lange nicht gesehen habe. Ich war nur etwas überrascht, ihn hier anzutreffen. Wir werden ein Stück gemeinsam gehen, um uns ungestört zu unterhalten. Sie können uns ja mit etwas Abstand folgen.“ Widerwillig nickte Tim und zog sich einige Meter zurück. Aus den Augenwinkeln heraus sah Torben, wie er aus der Innentasche seines Jacketts ein Handy zog und eine Nummer wählte.

Margot ergriff Torbens Arm und zog ihn weg. Sie sagte mit einem Seufzen: „Zwar wüsste ich gerne, wie Sie mich gefunden haben, aber für die Beantwortung dieser Frage wird keine Zeit bleiben.“ Sie deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung ihres Kopfes in Tims Richtung und sprach weiter: „Er wird die anderen informieren. Wir müssen uns also beeilen.“

Während des Gehens musterte sie von der Seite kurz sein Gesicht. „Das erinnert mich an unsere letzte Begegnung. Offenbar haben wir nie viel Zeit für unsere Gespräche.“ Sie lächelte. „Es ist schön, dass Sie noch am Leben sind!“

„Das habe ich nicht dem Orden zu verdanken!“, knurrte Torben wenig charmant zurück. Die fast schon liebenswürdige Reaktion seiner Kontrahentin irritierte ihn, sorgte jedoch dafür, dass sich seine Nerven etwas beruhigten und seine Anspannung von ihm abfiel. Zumindest war sie bereit, mit ihm zu sprechen.

Derweil nickte Margot und führte ihn weiter. „Ich kann Sie verstehen. Dann lassen Sie es mich so formulieren: Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal begegnen würden, aber ich freue mich umso mehr, Sie zu sehen!“

Wie zur Bekräftigung ihrer Aussage spürte Torben, wie sich ihr Händedruck auf seinem Arm kurz verstärkte.

„Sie freuen sich? Tatsächlich? Das ist gut, denn Sie werden mir eine Menge Fragen beantworten müssen!“

„Sie wissen, dass ich das nicht kann!“

Torben blieb stehen und zwang Margot dadurch, das Gleiche zu tun. „Hören Sie endlich auf, an diesem Punkt waren wir doch bereits einmal! Seitdem habe ich eine Menge selbst herausbekommen! Ich weiß zum Beispiel von der Flucht der schwangeren Eva Braun aus dem eingeschlossenen Berlin! Mein Großvater hat dieses Entkommen erst möglich gemacht, nicht wahr? Ich habe eine Vermutung und möchte wissen, ob sie der Wahrheit entspricht!“ Er machte eine Pause, bevor er mit gedämpfter Stimme fragte: „Also, Meisterin Rema, die mit aller Macht meinen Tod wollte, bevor sie in diesem Bunker in Thüringen umkam, war sie die gemeinsame Tochter von Eva Braun und Adolf Hitler?“

Margot ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Torben wollte gerade noch eindringlicher nachfragen, als sie seine Vermutung doch noch mit einem kurzen Kopfnicken bestätigte und leise ergänzte: „Das werden Sie aber nie beweisen können!“

„Wieder falsch! Sie werden es bezeugen! Mit Ihrer Aussage bringe ich den Orden zu Fall und jeden, der an dem Tod meiner Mutter und von Michael Anteil trägt! Man wird Sie alle verhaften!“, triumphierte Torben.

„Glauben Sie wirklich, Sie könnten dem Orden drohen oder ihn gar zerschlagen? Haben Sie immer noch nichts über Die Gemeinschaft gelernt?“

„Die Gemeinschaft? So nennen Sie sich also?“

Margot nickte erneut. „Einige wenige, zu denen ich selbst zähle, sprechen meist nur von Der Gemeinschaft. Andere nennen den Orden auch Die Hüterinnen oder Die Bewahrerinnen. Letztendlich haben wir viele Namen.“ Sie setzte erneut zum Weiterlaufen an und zog ihn wieder mit sich.

Torben wusste bereits, dass Margots Gemeinschaft von einem zwölfköpfigen Ältestenrat namens Die Oberen geführt wurde, dem die Meisterin aufgrund ihrer herausragenden Stellung selbst angehörte.

Er ging weiter und bemerkte, dass der hinter ihnen befindliche Tim zwar nicht mehr telefonierte, sie aber keinen Moment aus den Augen ließ. Torben würde also weiterhin ganz genau aufpassen müssen, was um ihn herum passierte. Verstärkung, sollte sie denn gerufen worden sein, wäre aber sicherlich nicht innerhalb von wenigen Minuten hier. Außerdem gäbe es dann noch Levitt und Mosche, die ihm sicherlich zu Hilfe eilen würden.

Und so ging er langsam mit der Meisterin, als wären sie enge Verwandte oder gute Bekannte, die sich bei einem schweren Gang gegenseitig stützten, durch die schmale Allee in Richtung einer kleinen, vom Sonnenlicht hell erleuchteten Lichtung, die von einer Ginsterhecke umgeben wurde. Als sie die Wiese betraten, blieb die Meisterin nach einigen Schritten stehen und legte vorsichtig die Dahlien ab. Sie senkte kurz den Kopf und flüsterte: „Hilde, ich bin hier und ich habe deinen Neffen mitgebracht!“

Torben zögerte. Hier war also die Asche seiner Tante beigesetzt worden. Er war etwas durcheinander und wusste in diesem Moment nicht, was er sagen sollte. Obwohl er damit hätte rechnen müssen, in genau so eine Situation zu geraten, fehlten ihm schlichtweg die Worte.

Dafür setzte Margot das Gespräch fort: „Ich wusste, dass ein gewisses Risiko bestand, heute hier zu erscheinen. Aber in den letzten acht Jahren war ich an jedem ihrer Todestage hier und nichts in der Welt hätte mich davon abhalten können, auch heute herzukommen.“

Ein Windstoß fuhr ihr durch die Haare, und sie schloss kurz die Augen, als verbinde sie dies mit einer alten Erinnerung.

Als sie Torben wieder ansah, lächelte sie und erzählte weiter: „Sie müssen wissen, Hilde und ich, wir liebten beide die Nordsee. Dieser regelmäßige Wechsel von Ebbe und Flut, diese unbändige Kraft; Zeiträume, in denen man Dinge sehen kann, die kurz darauf wieder unter der Oberfläche für alle Blicke verborgen sind.

Es war wie mit uns. Gefühle, die wir sonst vor aller Welt versteckten, konnten wir hier zumindest teilweise ausleben. Wir haben unsere schönsten gemeinsamen Stunden an diesem Ort verbracht.“

Margot blinzelte kurz in die Sonne, bevor sie weitersprach: „Auf Meldorf sind wir eher zufällig gestoßen. Der Orden war gerade nach dem Krieg sehr stark im Norden der Republik, besonders in der Region um Neustadt in Holstein. Die Kureinrichtungen boten sich regelrecht dafür an, dass die Anhänger der Gemeinschaft dort arbeiten und untertauchen konnten. Eine Zeitlang lebten wir auch dort. Alle Freunde und Bekannte, die wir damals hatten, zog es in ihrer Freizeit natürlich an die nahegelegene Ostseeküste, Sie wissen schon, zum Baden und Faulenzen an die langen Sandstrände.

Von unserer Liebesbeziehung durfte natürlich keiner etwas wissen. Das hätte man im Orden nie geduldet und uns unverzüglich voneinander getrennt. Offiziell war Hilde mein Leben lang immer nur meine Schwester und Assistentin, obwohl manche sicherlich etwas ahnten. Grundsätzlich waren wir aber sehr vorsichtig. Wir trafen uns manchmal sogar mit Männern oder flirteten unter aller Augen mit Geschäftspartnern.

Um uns wenigstens einmal unbeobachtet und ungezwungen bewegen zu können, fuhren wir eines Tages aus einer Laune heraus einfach Richtung Westen, weit weg von der Ostsee und dem Korsett, das uns einzwängte. Nach einhundert Kilometern fühlten wir uns relativ sicher, nicht zufällig auf einen unserer Freunde zu treffen. Wir fanden uns in Meldorf wieder und sahen uns das alte Marienkloster an. Wahrscheinlich haben wir uns sofort in die Ruhe und vor allem die Abgeschiedenheit des Ortes verliebt. Im Laufe der Jahre kamen wir immer wieder hierher. Es war nur selbstverständlich, Hilde hier zur letzten Ruhe zu betten.“

Etwas gefiel Margot nicht an dem Dahlienstrauß, und so bückte sie sich und ordnete die Blumen neu.

Zufrieden mit dem Ergebnis war wieder Zeit, das Gespräch mit ihrem Begleiter fortzusetzen. „Wissen Sie, Torben, an der Küste werden sie manchmal auf sogenannte Friedhöfe der Namenlosen stoßen, alte Begräbnisstätten für Menschen, die bei Sturm durch das aufgewühlte Wasser von Bord ihrer Schiffe gerissen und tot an Land gespült wurden. Wenn man die Leichen fand, setzten die Küstenbewohner sie zwar bei, ihre Namen blieben aber in der Regel für alle Zeiten unbekannt.

Hilde hat sich manchmal mit diesen armen Seelen verglichen. Sie war von ihrer wahren Familie getrennt, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Nach dem Tod meiner Mutter wusste außer mir niemand mehr, wie sie wirklich hieß oder woher sie stammte. Dieser Umstand bedrückte sie sehr. Nur deshalb habe ich sie hier anonym beerdigen lassen. Ich wollte nicht, dass auf ihrem Grabstein bis in alle Ewigkeit eine Lüge steht. Es reicht schon, dass sie ihren richtigen Namen in dieser Welt nicht tragen konnte.“

Margot stöhnte auf, und Torben sah das Schimmern in ihren Augen. Sie fing sich jedoch rasch, streckte ihren Rücken durch und sagte: „Genug davon! Deshalb sind Sie nicht hier! – Also Torben, was wollen Sie wissen? Für mich ist es jetzt sowieso vorbei und ich werde vermutlich bald vor meine Schöpferin treten.“

Torben hatten Margots Worte, als sie von seiner Tante gesprochen hatte, tiefer bewegt, als sie vielleicht vermuten würde. Ihre Trauer war – genauso wie seine eigene über den Verlust seiner Mutter – aufrichtig und in ihrer Stimme hatten Liebe und Wärme geklungen. Er fühlte sich ihr fast verbunden. Sie beide hatten Menschen geliebt, die zur selben Familie gehörten.

Er musste sich daher regelrecht zwingen, erneut seine Fragen zu stellen. Aber nach einem kurzen Räuspern begann er endlich, zum ursprünglichen Thema zurückzukehren: „Rema war Eva Brauns Tochter und hat den Orden quasi geführt, richtig?“

„Grundsätzlich kann ich Ihnen zustimmen, der Orden wird aber nicht von einer Einzelperson beherrscht.“

„Gut, dann formuliere ich es anders: Sie haben damals angedeutet, dass eine der Meisterinnen alle anderen gegen mich aufgebracht hat. War das Rema?“, präzisierte Torben seine Frage.

„Ja, das stimmt! Die meisten von uns sehen uns nicht in der Tradition von Racheengeln und bevorzugen, wie Ihnen sicherlich nicht verborgen geblieben ist, eine Form des Agierens, die keinerlei Aufsehen erregt!“

„Also war letztendlich Rema für das Töten verantwortlich – Konrad Reiher, Michael, meine Mutter und alle anderen? Sie hat Nicole beauftragt?“

Margot nickte.

„Dann ist es vorbei!“, resümierte er erleichtert, wenn auch etwas ungläubig.

Dieses Mal schüttelte die Meisterin allerdings den Kopf und sagte: „Ich bedauere, ganz das Gegenteil scheint der Fall zu sein.“

„Wie meinen Sie das? Rema ist tot, alle anderen Mitglieder des Ordens wollten die Gewalteskalation nicht! Das haben Sie doch eben gesagt!“

„Ich sprach nur von den Ältesten. Wobei das Wort Älteste nur die Stellung, nicht das Lebensalter meint. Aber ja, es stimmt, wir lehnen gewaltsame Lösungen grundsätzlich ab, sehen sie meist nur als letzten Ausweg. Ich habe Ihnen aber in Bad Mergentheim auch erzählt, dass etwas in Gang gesetzt wurde, dass niemand mehr aufhalten oder verhindern kann, eine Entwicklung, die durch Remas Tod nur noch beschleunigt wurde!“

„Wie meinen Sie das?“ Torbens Beunruhigung wuchs wieder.

„Remas Nachfolge ist bereits geregelt. Sie hatte eine Tochter, die seit Jahren auf diese Rolle vorbereitet wurde. Ihr Name ist Riva. Sie hat jetzt die Führung des Ordens übernommen. Und auch sie ist von Rache beseelt!“

Torbens Magen verkrampfte sich. Hinter ihm klingelte ein Handy. Es gehörte Tim, der offenbar einen Anruf bekam. Torben konnte dem aber im Moment keine weitere Beachtung schenken und hakte stattdessen bei der Meisterin nach: „Also rüstet Riva, das war doch ihr Name, jetzt zu einer Art Gegenschlag? Will sie meinen Tod? Wird sie auch Julia und den Professor jagen oder die Familien unserer Freunde?“

Margot schüttelte energisch den Kopf: „Nichts dergleichen! Sie haben es immer noch nicht verstanden! Den Orden zeichnen zwei Prinzipien aus. Das erste besteht darin, unauffällig im Hintergrund zu bleiben, im Verborgenen zu agieren. Und das zweite ist, alles für eine Herrschaftsform, ein staatliches Machtgefüge, zu tun, das unseren Interessen dient und sie gleichzeitig schützt. Bei beiden Zielen spielen Sie und Ihre Freunde keine Rolle!“

„Soll das heißen, ich bin Ihnen egal?“ Torben war verwirrt.

„So würde ich das nicht ausdrücken. Riva werden Sie nicht gleichgültig sein. Aber sie stellt Sie vorerst hinter andere, wichtigere Entwicklungen zurück.“

„Oh, wie großzügig!“, bemerkte Torben sarkastisch und fragte Margot: „Und was verdrängt den Wunsch, mich tot zu sehen?“

„Ganz einfach“, antwortete die Meisterin und taxierte fest seinen Blick, „die Aussicht auf ein neuerliches Erstarken unserer Macht, in einer Form, die keines von den jetzt lebenden Mitgliedern je gekannt hat.“

„Was soll das nun wieder heißen?“, tadelte Torben. „Sie sprechen in Rätseln!“

Margot zeigte ein geheimnisvolles Lächeln und antwortete: „Ich rede von der Einleitung eines politischen Umsturzes! – Da wir nach der ganzen Aufregung um Ihre Person und den Ereignissen im Leinawald in Thüringen vermutlich kein wirkliches Geheimnis mehr sind, ist es für uns an der Zeit, gemeinsam mit unseren Verbündeten für unsere Sache aktiv zu werden!“

„Reden Sie von einer Revolution? In Deutschland?“ Torben zweifelte.

„Ich rede von einer Verschiebung der Macht!“, antwortete Margot und ergänzte: „Wie Sie wissen, haben wir germanische Wurzeln. Deutschland gilt dadurch natürlich unser besonderes Interesse. Es geht aber über die derzeitigen exakten Staatsgrenzen hinaus.“

„Langsam, langsam! Bevor wir zu den Staatsgrenzen kommen, bleiben wir bitte zuerst bei den Verbündeten! Wer sollen die sein?“ „Ganz einfach, Menschen und Organisationen, die ebenso wie wir im Verborgenen ihre Wunden geleckt haben und langsam wieder erstarkt sind!

Eine dieser Gruppen haben wir ganz besonders an uns gebunden, denn sie wird mittlerweile von Rivas Zwillingsbruder, Ruben, geführt! – Sie haben richtig gehört, Rema hatte zwei Kinder, Zwillinge! Beide sind die direkten Nachkommen Adolf Hitlers! Sie sind genetisch nahezu identisch, gezeugt von einem extra dafür ausgewählten deutschen Mann und geboren von einer germanischen Priesterin! Sagt Ihnen das Lebensborn-Projekt etwas?“

Torben schüttelte kurz den Kopf.

„Nein? – Egal!“, Margot winkte ab. „Was würden Sie sagen, wenn diese Kinder vielleicht kurz davor stehen, wieder die Macht in Deutschland zu übernehmen?“

„Dann würde ich sagen, wir sollten schnellstens aus der Sonne gehen! Ich glaube, Sie halluzinieren von imperialen Großreichsphantasien! Und Ihr gesamter Orden anscheinend auch!“

Als Antwort auf seine Bemerkung schenkte ihm die Meisterin nur ein mildes Lächeln. Plötzlich verengten sich ihre Augen, und sie starrte irgendjemanden oder irgendetwas über Torben hinweg an. Ihr Mund öffnete sich und sie rief: „Tim, nein …“

Torben spürte den Luftzug des Projektils im gleichen Moment als er den Knall des Schusses hörte. Die Kugel schlug in Margots Oberkörper ein und riss sie abrupt von ihm weg. Als er sah, wie sie leblos zu Boden stürzte und dabei die Dahlien unter sich begrub, drehte er sich wie in Trance zu dem Schützen um. Er konnte erkennen, wie Tim die Pistole in seine Richtung schwenkte. Gelähmt vor Angst und unfähig zu reagieren, sah Torben sein Leben an seinem inneren Auge in einem Sekundenbruchteil buchstäblich vorbeiziehen: eine lachende, vielleicht achtzehnjährige Julia, seine Mutter beim Kuchenbacken, ein Schulausflug in einen Tierpark, Camping mit seinen Eltern, Freddy, sein kleiner, schwarzer Kater, den er als Siebenjähriger sein Eigen nannte, und einige Momentaufnahmen mehr.

Zu seiner großen Überraschung brach aber nicht er getroffen zusammen, sondern Tim wurde, bevor er die Waffe erneut abfeuern konnte, regelrecht in die Ginsterhecke am Wegesrand geschleudert. Plötzlich sah Torben Levitt und Mosche vor sich und begriff, dass sie ihrer kleinen Gruppe nicht nur unentdeckt gefolgt waren, sie hatten zielgerichtet das Feuer erwidert und dadurch sein Leben erneut gerettet.

Noch immer war er aber wie erstarrt und hatte den Eindruck, dass er das ganze Geschehen als Zuschauer und körperloses Wesen außerhalb seines Leibes verfolgte. Er sah zu, wie Mosche angerannt kam, sofort Tims Knöchel packte und den Körper aus der Hecke zog, um kurz darauf in Richtung seines Kollegen den Kopf zu schütteln. Er sah auch, wie Levitt danach seine Waffe wegsteckte, die er bis dahin noch immer im Anschlag gehabt hatte, und auf Torben zuging. Er baute sich vor ihm auf, fasste seine Schultern und fragte betont ruhig: „Torben, hören Sie mich? Sind Sie verletzt?“

Das sorgte endlich dafür, dass der sich aus seiner Starre löste und den Kopf schüttelte. „Nein … Ich glaube nicht …“

„Gut!“ Levitts Stimme verlor ihren angenehmen Klang. Er ließ ihn los. „Und genau für diese Fälle verlange ich von Ihnen, dass Sie eine Schutzweste tragen! Haben Sie das endlich begriffen? Das nächste Mal tun Sie das, was ich Ihnen sage! Verstanden?“

Torben stieß zwar ein kehliges „Ja, ja“ aus, beachtete aber den Mossad-Agenten nicht weiter, sondern wandte sich Margot zu. Mosche kniete schon bei ihr und öffnete ihr Blouson. Ein sich schnell auf ihrem Bauch ausbreitender dunkelroter Fleck und ihre weiße Gesichtsfarbe ließen nichts Gutes verheißen. Als Torben ihre Hand ergriff, merkte er förmlich, wie das Leben langsam aus ihrem Körper entwich. Suchend wandte er sich an Mosche, aber dieser schüttelte nur mitfühlend mit dem Kopf. – Oh Gott, wie er dieses Kopfschütteln hasste! – Hinter sich hörte er, wie Levitt mittlerweile telefonierte und jemandem am anderen Ende der Leitung die Art der Verletzung beschrieb. Torben ahnte jedoch insgeheim längst, dass der Rettungsdienst zu spät eintreffen würde.

Als er Margot genauer ansah, gewann er den Eindruck, als lächelte sie. Es war verrückt, aber fast schien es, als wäre sie zufrieden. Ihre Lippen formten offenbar Wörter und er rückte näher an sie heran, um sie zu hören. Als er sie immer noch nicht verstehen konnte, beugte er seinen Kopf soweit über ihr Gesicht, dass sein linkes Ohr schon fast ihren Mund berührte. Erst jetzt vernahm er ihre leise, zerbrechliche Stimme. „ … alles gut mein Junge … bin bei Hilde … bester Ort zu … will auch hier …“

Das Sprechen zog ihr noch schneller die Kraft aus dem Körper. Torben gestand sich ein, dass dies wahrscheinlich die letzten Augenblicke in Margots Leben waren, und ob nun Angehörige des Ordens oder nicht, sie sollte friedvoll einschlafen, einen würdigen Tod finden. Er legte ihr die Hand auf die Brust und hielt sie gleichzeitig fest. „Alles ist gut! Ich werde dafür sorgen, dass Sie auch hier beerdigt werden, sodass Sie neben Hilde liegen. Sie werden für immer zusammen sein.“

Als Margot das hörte, schloss sie kurz ihre Augen und deutete ein Nicken an, als Zeichen, dass sie verstand.

Ihr Gesicht wirkte zunehmend fahler, aber plötzlich bewegte sie erneut ihre Lippen. Torben versuchte abermals, die Wörter zu verstehen, aber es waren nur noch wenige Silben, die sie ihm als Vermächtnis hinterließ, bevor sie in das nächste Leben hinüberglitt.

IV

„Was hat Sie noch zu dir gesagt?“ Julia sprach in normaler Lautstärke mit Torben, aber im Vergleich zu der brüchigen Stimme der sterbenden Margot wirkte sie unglaublich laut.

Levitt hatte der Polizei eine abgewandelte Version des Geschehens erzählt und Torbens Anwesenheit gar nicht erwähnt. Demnach hatten die beiden Mossad-Agenten, als sie die Gräber einiger jüdischer Verwandter besuchten, zufällig den Mord an Margot beobachtet und sich entschlossen, den Täter zu stellen, wobei dieser aber aufgrund seiner Gegenwehr von ihnen erschossen wurde. Der Mitschnitt des Notrufs und die vagen Aussagen einiger anderer Besucher des Friedhofs, denen Torben nicht weiter aufgefallen war, unterstützten diese Darstellung. Ihre diplomatische Immunität sollte – falls alles nach Plan verlief – im Weiteren dafür sorgen, dass die Agenten nicht festgehalten würden.

Torben und Julia hatten indessen an der Haltestelle in der Nähe des Friedhofs den erstbesten Linienbus bestiegen, mit dem sie einen Taxistand erreichten. Mit einem der dort wartenden Wagen kehrten sie in das Hamburger Hotel zurück, wo sie jetzt dem Eintreffen ihrer Begleiter entgegensahen. Noch während der Fahrt hatte Torben Julia in groben Zügen über den Inhalt seines Gesprächs mit Margot in Kenntnis gesetzt, ihre letzten Worte aber bislang für sich behalten.

„Torben, hörst du mir zu? Was hat sie dir noch gesagt?“

„Entschuldige“, Torben ließ sich auf den Rand des durchgelegenen Bettes sinken und blickte zu Julia auf, „aber es kam gerade alles wieder hoch, der Schusswechsel, die beiden Leichen … Ich dachte wirklich für einen Moment, dass ich auch sterbe … Es war, als würde ich es gerade nochmals erleben.“

Julia streichelte längst seine Haare und ließ sich vor ihm auf die Knie sinken. Ihre Hände umfassten seinen Nacken und zogen seinen Kopf zu ihrem. Kurz drauf spürte er ihre weichen und warmen Lippen auf den seinen. Es war kein leidenschaftlicher Kuss, sondern nur eine kurze, zärtliche Berührung, als wollte sie ihm dadurch Kraft und inneren Frieden schenken. Schon entfernte sich Julia wieder etwas von ihm und strich sich leicht verlegen eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, hinter das rechte Ohr und sagte: „Es tut mir leid! Ich bin an allem schuld!“

Er hielt sie aber noch immer umschlungen und spürte ihren gleichmäßigen Herzschlag.

„Das muss es nicht, so schlecht küsst du nun auch wieder nicht!“ Torben versuchte es mit seiner alten Schlagfertigkeit, obwohl die Wärme und die Geborgenheit, die ihm der Kuss gegeben hatte, für einen Moment den Schmerz in seiner Brust betäubt hatten.

Leicht verblüfft von der Antwort löste sich Julia völlig aus seinen Armen und boxte ihn leicht in die Seite. Sie setzte sich wieder neben ihn, bevor sie antwortete: „Idiot, hör auf, den starken Mann zu spielen! Ich kenne dich gut genug, dass ich merke, wenn du mit deinen Witzen nur deine wahren Gefühle überspielen willst.“

Torben ließ sich mit der Antwort einen Moment Zeit. „Es liegt nicht nur daran, dass wir das alles noch einmal durchleben müssen, sondern, dass wir erneut die Aufmerksamkeit des Ordens auf uns gezogen haben und nun wieder im Fokus stehen. Gut, wir haben dieses Mal mit dem Mossad einen starken Verbündeten an unserer Seite und können auch auf die Hilfe der deutschen Sicherheitsbehörden hoffen, aber der große Vorteil unserer Gegner besteht darin, dass wir sie nicht genau kennen! Sie sind und bleiben vage Schatten.“

„Dann müssen wir sie ins Licht ziehen!“, bemerkte Julia eigensinnig.

Trotz eines angedeuteten Nickens zweifelte Torben: „Das ist weder einfach noch ungefährlich. Ich habe dich gerade erst wiedergefunden. Ich mag gar nicht daran denken, was mit mir geschieht, falls dir etwas passiert. Die letzten Wochen stand ich bereits am Abgrund und du hast genauso nach Michaels Tod gelitten!“

„Hör auf!“ Ihre Hand suchte die seine. „Mach dir keine Gedanken! Alles wird gut! Diesmal bestimmen wir Tempo und Richtung unserer nächsten Schritte!“

Er küsste kurz ihre Hand und antwortete: „Ich hoffe, du hast Recht! Margot hat tatsächlich noch etwas gesagt. Es waren nur wenige Worte. Wenn ich sie richtig verstanden habe, lauteten sie: ‚Such in Quedlinburg‘.“

„Kannst du damit etwas anfangen?“, fragte Julia.

Er überlegte. „Ein Hinweis, ganz klar … Quedlinburg ist eine Stadt im Harz. Ich soll dort offenbar mit irgendwelchen Nachforschungen beginnen. Aber wo? – Irgendwelche Ideen?“

„Nein, da fragst du eindeutig die Falsche. Der Professor und du seid die Experten. Ich bin eigentlich nur für die Fotos zuständig. Allerdings dachte ich bislang, der Orden hätte nach dem Krieg nur in Westdeutschland weiter existiert und dort seine Macht gefestigt. Quedlinburg lag in der DDR. Meinst du, dort befindet sich – wie in Altenburg – ein weiteres, unbekanntes Versteck oder ein verschollener Bunker mit einem Geheimnis des Ordens, das es zu lüften gilt?“

Torben streckte sich etwas. „Ich weiß nicht, was es sein könnte, aber es ist offensichtlich so wichtig, dass es Margot mit ihrem letzten Atemzug erwähnen musste. Aber ich kann mir vorstellen, wer uns bei der Beantwortung unserer Fragen behilflich sein kann.“

„Der Professor?“, mutmaßte Julia.

„Richtig, der Professor! Aber um ihn zu besuchen, müssen wir vorher auf unsere israelischen Freunde warten.“

V

Die Nacht hätte für Torben nicht schrecklicher sein können. Nicht weil er allein schlief, da Julia das so wollte, sondern er hatte einfach keine Ruhe gefunden. Alle waren sie ihm wieder erschienen: Michael, wie er ihn mit einer Pistole bedrohte und dann selbst starb; Margot, in ihrem Blut auf dem Friedhof; seine Mutter, wie sie ihn auf dem Totenbett anlächelte; Tim, der ihn auch hatte töten wollen; und viele andere mehr. Keuchend und schweißnass war er schließlich aufgewacht und hatte sich danach mit grimmiger Entschlossenheit der Minibar gewidmet.

Am nächsten Morgen konnte er das rückblickend nur als Fehler bezeichnen, denn sein Kopf brummte schon wieder und eine mittelschwere Übelkeit verdarb ihm den Appetit, als er am Frühstücksbüfett des hoteleigenen Restaurants stand. An einem Tisch im hinteren Bereich konnte er Mosche und Levitt entdecken. So entspannt, wie sie aussahen, schien es zu keinen großen Verwicklungen mit den deutschen Ermittlungsbehörden gekommen zu sein.

Levitt begrüßte ihn kurz und fragte höflichkeitshalber nach Julia. Torben erklärte ihm, dass sie noch etwas schlafen wolle. Sein Gesprächspartner nickte kurz und berichtete dann kühl, dass die „Küstenpolizisten“, wie er die Ermittler des gestrigen Tages nonchalant nannte, zwar nett, aber zweifellos überfordert gewesen waren. Sie hatten tatsächlich die Absicht gehabt, die Mossad-Agenten trotz Diplomatenstatus festzunehmen. Erst ein junger Staatsanwalt hatte sie von dieser selbstzerstörerischen Idee wieder abbringen können.

Levitt versicherte Torben, dass er trotz oder gerade wegen dieses Vorfalls noch immer die volle Unterstützung seiner Regierung hätte, weil der Mord an Margot erneut gezeigt hatte, wie skrupellos der Orden noch immer agierte. Er wurde als ernstzunehmende Bedrohung der Interessen des israelischen Volkes eingeschätzt, ehrlicherweise allerdings vielleicht nur, weil man so wenig von ihm wusste.

Torben erfuhr weiter, dass es am heutigen Tage ein Treffen im Auswärtigen Amt in Berlin gäbe, wo man in dieser Sache das Gespräch mit den deutschen Nachrichtendiensten führen würde. Über das Ergebnis würde man Levitt danach in Kenntnis setzen. Dieser rechnete ganz fest damit, dass man Mosche und ihm weiterhin freie Entscheidungsbefugnis lassen würde.

Levitt hielt im Sprechen inne, als ein Kellner an den Tisch trat und allen Kaffee anbot. Während die Mossad-Agenten ablehnten, stimmte Torben zu und war wenig später froh darüber, da das heiße Getränk langsam seine Lebensgeister weckte.

Nachdem sie wieder allein waren, wusste Mosche zu berichten, dass er den getöteten Tim vor Ankunft der Polizeibeamten noch durchsuchen konnte und dabei die Brieftasche gefunden hatte, die zumindest eine Auskunft über dessen Identität gab.

Offensichtlich hieß Tim mit vollem Namen Tim Burmann, war zum Zeitpunkt seines Todes seit drei Monaten achtunddreißig Jahre alt, in Freiburg im Breisgau geboren und arbeitete für eine Firma namens PRAETORIUS aus Bern, wie eine Visitenkarte verriet und deren Anschrift und Telefonnummer der Agent schnell notiert hatte. Eine aktuelle Adresse von Burmann hatte er allerdings nicht finden können.

Bei Tims Waffe handelte es sich laut Mosche um ein Standardmodell der Marke Sig Sauer, neun Millimeter Parabellum; nichts Ungewöhnliches, eine auch bei deutschen Sicherheitsbehörden weit verbreitete Waffe.

Überdies wurde bei der Schießerei durch eines der Projektile leider Tims Handy zerstört, mit dem er vor dem Mord an Margot noch telefoniert hatte. Es wäre zwar möglich gewesen zu versuchen, trotzdem einige Daten auszulesen. Das Risiko, das Telefon oder Teile von ihm, wie die Speicherkarten, vom Tatort illegal zu entfernen, war den Agenten aber dann doch zu groß. Die Polizei hätte anhand der Spurenlage festgestellt, dass sie das Mobiltelefon mitgenommen hatten, und womöglich Verdacht geschöpft, dass Tims Tod doch kein Zufall gewesen war. So blieb also erst einmal im Dunkeln, wer dem Mörder den vermeintlichen Auftrag erteilt hatte, die Meisterin zu töten, als sie mit Torben sprach.

Tims Schweizer Arbeitgeber war vorläufig der einzige Anhaltspunkt, den sie weiter verfolgen konnten. Auf ihn war auch der Audi zugelassen, mit dem Margot am Friedhof angekommen war. Eine Durchsuchung des Autos war den Agenten allerdings auch nicht mehr gelungen. Levitt erklärte ihm, dass aber zumindest die Nachforschungen zu PRAETORIUS bereits veranlasst seien.

Im Gegenzug berichtete Torben danach ausführlich, was Margot ihm erzählt hatte, und seine beiden Zuhörer machten sich dazu einige Notizen. Sie stimmten ihm nicht nur zu, dass eine Nachfrage bei Professor Meinert sinnvoll sei, sondern klärten ihn auch darüber auf, dass Levitt seit ihrer Begegnung in Thüringen ständig in Kontakt zum Professor stehe. Überrascht das zu hören, weil er bislang geglaubt hatte, dass Professor Meinert das teilweise recht brutale Vorgehen des Mossads kategorisch ablehnte, erfuhr Torben weiter, dass im Gegenzug dafür ein aktuelles Vorhaben des Professors von staatlicher Seite aus unterstützt wurde. Seine Nachfragen, worum es sich dabei handele, tat Levitt mit einer Handbewegung und den Worten ab: „Das kann er Ihnen selbst erzählen!“

VI

Die Erste, die Torben und Julia freudig begrüßte, war Gertrud, der kleine Chihuahua des Professors, der ihnen schwanzwedelnd und laut kläffend entgegeneilte.

Torben schien dabei ihr besonderer Liebling zu sein, denn nachdem sie kurz seine Schuhe beschnüffelt hatte, zwackte sie ihn ein paar Mal in die Waden. Die offensichtliche Aufforderung zum Spielen war wegen ihrer kleinen, spitzen Zähne allerdings nicht ganz so spaßig, und Torben sah sich genötigt, den kleinen Racker auf den Arm zu nehmen, um sich dem Stöckchen werfen oder Herumtollen zu entziehen. Julia fand Gertrud natürlich sofort „herzallerliebst“ und kündigte an, sie selbst behalten zu wollen.

Das Bellen des kleinen Hundes, das die Ankunft von Fremden ankündigte, hatte längst die Aufmerksamkeit von einem guten Dutzend junger Leute erregt, die auf der kleinen Ausgrabungsstätte zwischen den riesigen Laubbäumen unterhalb der Burgruine arbeiteten. Neugierig geworden und den Anlass als willkommene Pause nutzend, klopften sie den Dreck von ihren Knien, kurzen Hosen und T-Shirts ab und blickten in ihre Richtung.

Levitt war anscheinend schon einmal hier gewesen, denn zielsicher schritt er, die interessierten Blicke ignorierend, auf ein etwas abseits im Schatten stehendes Wohnmobil zu, nicht ohne zuvor Torben und Julia zu bedeuten, ihm zu folgen.

Unter dem Vorzelt standen ein paar Klappstühle, halbvolle Getränkekisten und zwei Tische, die mit Kaffeebechern, Notizen und etlichen – historisch anmutenden – Karten, Luftbildaufnahmen und Büchern bedeckt waren. An der Tür des Campers angekommen, schlug Levitt mit der Faust zwei Mal kräftig gegen das Blech und sorgte so dafür, dass der Bewohner der Behausung kurz darauf seinen Kopf ins Freie steckte.

Es war dann auch Professor Meinert, der sie ähnlich herzlich wie sein kleiner Hund begrüßte. Nachdem er die beiden Stufen zu ihnen regelrecht heruntergesprungen war, um zuallererst Julia an sich zu reißen und innig zu drücken, wandte er sich Torben zu, ignorierte dessen ausgestreckte Hand und sagte: „Mein junger Freund, es ist so schön, Sie wieder zu sehen! Ich habe mir solche Sorgen um Sie gemacht! Nun kommen Sie her und umarmen Sie Ihren väterlichen Freund!“

Torben kam der Aufforderung gerne nach und hielt den mehr als siebzig Jahre alten Mann für einen Moment in seinen Armen. Er spürte, dass trotz des Lebensstils seines Besitzers der Körper noch immer kräftig – wenn auch im Bereich des Bauches wohl zu kräftig – war. Bei einem Pferd würde man sagen, es stehe gut im Futter und bräuchte dringend Bewegung. Der Professor trug sein Übergewicht aber mit Würde. Es passte zu ihm und der Lebensfreude, die er ausstrahlte.

Professor Meinert forderte sie sogleich auf, ihm ins Wohnmobil zu folgen, das trotz der Nachmittagshitze noch angenehm temperiert war.

Im Innenraum dominierten Beigetöne und durch die großen Fenster wirkte das Fahrzeug hell und freundlich. Einige der auch hier herumliegenden, handschriftlichen Aufzeichnungen und Folianten warf der Professor kurzerhand in die Spüle und mehrere Tablettenpackungen landeten achtlos in einer Schublade, um für seine Gäste ausreichend Platz zu schaffen. Fünf Erwachsene gleichzeitig aufzunehmen, stellte für das Wohnmobil nämlich eine größere Herausforderung dar. Und so presste sich wenig später Torben gemeinsam mit Julia, Levitt und dem Professor in die enge Sitzbank neben der Kochnische. Mosche hatte inzwischen die Aufgabe übernommen, Gertrud zu verwöhnen, und setzte sich mit ihr auf die Liegefläche eines der schmalen Betten, wo er trotzdem noch bedeutend mehr Platz als die anderen hatte. Torben schien die Enge aber wenig zu stören, nicht nur, weil es ein guter Vorwand war, sich an Julia zu schmiegen, sondern auch, da er sich so sehr freute, den Professor wiederzusehen.

„Zuallererst George, was um aller Welt machen Sie hier?“ Während er fragte, deutete Torben mit einer Hand durch die Fenster nach draußen.

Professor Meinert lachte: „Sie wollen wissen, was ich schon wieder in Thüringen suche?“

Torben nickte. Ihr Weg hatte sie tatsächlich erneut in das ostdeutsche Bundesland geführt. Als ihm Levitt das angekündigt hatte, glaubte er für einen kurzen Moment, dass der Professor vielleicht versuchen würde, doch noch in den ausgebrannten Bunker im Leinawald vorzudringen, in dem damals Meisterin Rema ums Leben gekommen war. Hier irrte er jedoch gewaltig, denn der Eingang zum Bunker war nicht nur längst verschlossen, sie befanden sich mittlerweile mehr als hundert Kilometer östlicher in einer kleinen Talsohle am Fuße der Burg Gleichen, einer mittelalterlichen Burgruine bei Wandersleben südöstlich von Gotha. Gemeinsam mit den wenige Kilometer entfernten Burganlagen Veste Wachsenburg bei Holzhausen und der Mühlburg bei Mühlberg gab sie einem bekannten mittelalterlichen Burgenensemble seinen Namen. Die sogenannten Drei Gleichen ragten aus dem Hügelland des Thüringer Beckens nicht nur weit sichtbar heraus, sie schienen auch die Spitzen eines riesigen Dreiecks zu bilden.

„Genauso wie Sie, mein Freund“, sprach der Professor inzwischen weiter, „brauchte ich nach unseren letzten Erlebnissen – sagen wir einmal – etwas Ablenkung. Und da uns ja die Behörden aus Gründen der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zum Stillschweigen verpflichtet haben, was nicht heißt“, er flüsterte den nächsten Teil des Satzes, „dass ich nicht trotzdem alles aufschreibe, um es vielleicht später einmal zu veröffentlichen, habe ich unseren Freund Levitt um eine kleine Gefälligkeit gebeten.“

„Kleine Gefälligkeit ist gut!“, warf der Mossad-Agent daraufhin ein. „Ich musste einen erbitterten Kampf mit dem deutschen Verwaltungsapparat führen.“

„Aus dem Sie als strahlender Sieger hervorgegangen sind!“, erwiderte der Professor anerkennend und wieder mit lauterer Stimme. „Denn normalerweise benötigt man mehrere Jahre, nicht einige Wochen, um die erforderlichen Erlaubnisse und behördlichen Genehmigungen für archäologische Ausgrabungen in Deutschland zu erhalten. Von der Frage der Finanzierung will ich gar nicht sprechen. Vielen Dank nochmals!“

Just in diesem Moment ging die Tür des Wohnmobils auf und eine schlanke junge Frau in kurzer Khaki-Hose und eng anliegendem T-Shirt kam herein. Ihr Erscheinen sorgte dafür, dass Mosche wieder sein mittlerweile berühmtes strahlend-weißes Lächeln zeigte, das jeden dafür verantwortlichen Zahnarzt mit Stolz erfüllt hätte, sich aufrecht hinsetzte und Gertrud für ihn augenblicklich uninteressant wurde.

Eine ähnlich freudige Erregung ergriff den Professor und er sagte: „Ah, da bist du ja! – Darf ich vorstellen, Annabell Siewert, meine Tochter! – Anna, das sind meine Freunde, von denen ich dir erzählt habe – Julia Hartwig, Torben Trebesius, Simon Levitt und Mosche Shalev.“

Mit einem freundlichen „Hallo“ nickte sie jedem kurz zu und setzte sich dann neben den nun noch breiter grinsenden Mosche auf das Bett. Torben schätzte sie auf Mitte zwanzig. Der Professor musste sehr spät Vater geworden sein. Sie trug ihre blonden Haare modisch kurz und hatte eine kleine Stupsnase, auf der sich etliche Sommersprossen abzeichneten, mit denen sie irgendwie frech wirkte. Sie war Torben sofort sympathisch.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Tochter haben, George. Und dann noch eine so hübsche!“, wandte er sich dem Professor augenzwinkernd zu, was ihm erneut von Julia einen kleinen Stoß in die Nierengegend einbrachte.

„Ich stamme aus seiner dritten Ehe. Meine Mutter und er …“

Weiter kam Annabell nicht, denn ihr Vater unterbrach sie: „Ach, wen interessiert das schon. Wo war ich vorhin? – Ach ja, mein kleines Ausgrabungsvorhaben.“

„Unser kleines Ausgrabungsvorhaben!“, verbesserte ihn seine Tochter sanft.

„Ja, ja, natürlich unsere Expedition. Du hast ja Recht. – Sie müssen wissen, Anna ist das schwarze Schaf der Familie und hat darauf bestanden, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Allerdings interessiert sie sich mehr für das Mittelalter.“

Anna präzisierte: „Frühmittelalter, um genau zu sein.“

„Von mir aus auch Frühmittelalter!“ Der Professor konnte es augenscheinlich überhaupt nicht leiden, ständig unterbrochen zu werden, und bedachte seine Tochter mit einem tadelnden Blick. Sie ignorierte dieses Zeichen jedoch und sprach längst weiter: „Man kann sagen, dass das Frühmittelalter im späten 6. Jahrhundert mit dem Ende der Völkerwanderung beginnt. Es ist von der Christianisierung und dem Aufstieg und Fall des Frankenreichs geprägt. Sie werden es vermutlich mit den Adelsgeschlechtern der Merowinger und Karolinger verbinden. Es endet etwa Anfang des 10. Jahrhunderts.“

„Danke, Annabell!“ Die Stimme des Professors klang mittlerweile etwas gereizt. Ein Lächeln seiner Tochter ließ den alten Mann aber schnell wieder dahinschmelzen und sein aufkeimender Unmut verflog. Torben vermutete, dass sie ganz genau wusste, wie weit sie bei ihrem Vater gehen konnte, ohne dass er tatsächlich böse auf sie wurde.

Julia schien an der Szene viel Spaß zu haben und hakte beim Professor nach: „Und was machen Vater und Tochter hier gemeinsam in dieser Einöde?“

Diesmal gelang es dem Professor tatsächlich, vor seiner Tochter zu antworten, denn er erklärte schnell: „Ganz einfach, wir suchen die Heilige Lanze! – Sie brauchen gar nicht so ungläubig zu schauen. – Erinnern Sie sich bitte! Als wir in Wien waren und nach einem weiteren Hinweis auf den Orden dieser elenden Priesterinnen gesucht haben, wurde uns zwar die Heilige Lanze mitsamt dem Reichskreuz, in dem sie früher transportiert wurde, vorgelegt, gleichzeitig haben wir jedoch auch erfahren, dass es sich dabei nur um eine Nachahmung handelte. Laut metallurgischen Untersuchungen konnte die in der Hofburg ausgestellte Lanze erst im 8. Jahrhundert angefertigt worden sein. Im Übrigen ist sie ja die Spitze einer karolingischen Flügellanze ohne Schaft, wie sie im Frühmittelalter bis etwa 1200 verwendet wurde. Verstehen Sie? Im Frühmittelalter!“

„Dann suchen Sie die Originallanze?“ Torbens Überraschung war nicht gespielt. „Und Sie vermuten sie hier?“

„Ganz recht, mein Freund! Was ich nicht wusste war, dass sich Anna schon während ihres Studiums intensiv mit diesem Thema beschäftigt hatte. Als ich von unserem letzten Abenteuer zurückkehrte und ihr verbotenerweise davon berichtete, wurde sie sofort hellhörig. Sie konnte mich davon überzeugen, dass das Originalrelikt wahrscheinlich hier verloren ging. Die Zeit war günstig, die Behörden, unter Zuhilfenahme von dem guten Levitt hier, um einen Gefallen zu bitten. Und so haben wir vor zwei Wochen mit etwas mehr als einem Dutzend Freunden, Studenten und wissenschaftlichen Hilfskräften angefangen, im Dreck zu wühlen.

Sie haben bestimmt die anderen zwei Burgen auf ihrer Anreise gesehen. Gemeinsam mit der Burg Gleichen, an deren Fuß wir uns gerade befinden, wurden alle zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert errichtet. Sie waren aber immer in der Hand unterschiedlicher Besitzer. Der Begriff, die Drei Gleichen, soll im Übrigen auf den Einschlag eines einzigen Kugelblitzes im Jahre 1231 zurückgehen, der alle drei Burgen gleichzeitig in Brand gesetzt haben soll.

Aber zurück zur eigentlichen Frage: Die Heilige Lanze begleitete als kaiserliches Insigne den jeweiligen Monarchen nicht nur auf Reisen, sondern gerade auf Kriegszügen, da sie dem Besitzer den Erfolg in der Schlacht sichern sollte. Ein unversöhnlicher Gegner von Kaiser Heinrich dem Vierten war der Markgraf Ekbert von Meißen der Zweite, der sich als Führer der sächsischen Adelsopposition 1088 zum Gegenkönig ausrufen ließ. Heinrich der Vierte ging deswegen gegen ihn vor und stellte ihn noch im selben Jahr mit seinen Truppen hier in der gerade neu errichteten Burg Gleichen, oder damals Gliche, was im Keltischen so viel wie Fels bedeutet.

Die Belagerung, die auch die Mühlburg umfasste, dauerte achtzehn Wochen und endete erst am Weihnachtsabend, als Ekbert der Zweite überraschend einen Ausfall mit seinen Männern machte und dadurch den Belagerungsring sprengte. Bei diesem Ausbruch kamen der Erzbischof von Köln namens Siegwin sowie Burkhard und Otto von Regensburg, die damaligen Bischöfe von Lausanne, ums Leben. Das ist insoweit von Bedeutung, weil in der historischen Überlieferung der Bischof von Lausanne das Amt des Lanzenträgers inne gehabt haben soll. Zwar teilten sich zu diesem Zeitpunkt offensichtlich zwei Brüder das Amt, da sie aber beide fielen und in dem Durcheinander der Schlacht und der anschließenden Flucht der kaiserlichen Truppen niemand an die Heilige Lanze dachte, vermuten wir, dass sie möglicherweise tatsächlich noch hier zu finden ist.

Denken Sie nur einmal, wie es hier ausgesehen haben muss: Der von der langen Belagerung aufgewühlte, sicherlich feuchte, vermutlich sogar schlammige Boden, in dem alles in der Dunkelheit hätte unbemerkt einsinken können. – Wäre die Lanze entdeckt worden, hätte Ekbert sie gewiss in seinem Sinne instrumentalisiert. Das blieb aber aus, und so tauchte erst Jahrzehnte später ein Duplikat wieder auf.“

Torben nickte anerkennend und sagte: „Das klingt wirklich außerordentlich spannend. Ich traue mich gar nicht, Ihnen zu sagen, warum wir eigentlich hergekommen sind.“

„Warum sollten Sie schon hier sein?“ Der Professor winkte ab. „Das ist doch offensichtlich! Sie haben zwei Agenten des Mossad im Schlepptau. Das sagt doch alles! Es geht wieder los! Sie haben sich endlich dazu entschlossen, den Orden zur Strecke zu bringen und ihn für seine Taten sühnen zu lassen. Und da Sie zu mir kommen, wird anscheinend mein helles Köpfchen gebraucht. – Nicht, dass Sie keines hätten, meine Liebe.“ Er tätschelte zärtlich Julias Unterarm, was diese mit einem kurzen Lidschlag beantwortete. „Um die Sache abzukürzen, Sie können auf mich zählen!“

„Vielen Dank für das Angebot, Professor“, antwortete Torben und ergänzte: „Das können wir aber nicht annehmen. Zwar hatten wir ursprünglich vor, Sie darum zu bitten, aber Ihre Anwesenheit wird hier gebraucht. Sie leiten eine Ausgrabung …“

„Die erst durch Einflussnahme des israelischen Staates ermöglicht wurde“, schaltete sich Levitt kurz in das Gespräch ein.

„Na, na, mein eiskalter Freund“, der Professor wandte sich dem Agenten zu, „Sie wollen mir doch nicht drohen?“

„Das würde mir nie in den Sinn kommen.“

„Braucht es auch nicht!“ Professor Meinert schlug mit der geballten Faust kurz auf den Tisch, der darunter gefährlich ächzte, und verkündete: „Die Lanze kann warten! Das tut sie ja schon seit Jahrhunderten! Natürlich bin ich wieder mit von der Partie.“

„Und ich auch!“ verkündete Anna mit fester Stimme.

Der Professor sah, wie Torben Widerspruch äußern wollte, hob deswegen kurz die Hand und bemerkte in seine Richtung: „Vergessen Sie es! Wenn sie sich einmal etwas in ihren hübschen Dickkopf gesetzt hat, kann sie niemand mehr davon abbringen. Das können Sie mir glauben! Ich weiß gar nicht, von wem sie diese Eigenschaft geerbt hat.“ Er grinste. „Außerdem habe ich ihr die ganze Geschichte erzählt. Sie stand selbst bis vor kurzem unter Polizeischutz, als der Orden die Leben unserer Familien bedrohte. So oder so wissen die Priesterinnen von ihrer Existenz. Lieber habe ich sie bei mir, als sie irgendwo ungeschützt in der Wildnis zu wissen. Außerdem kann sie uns helfen, wenn das Gedächtnis eines alten Mannes versagt. – Also, was haben Sie für mich?“

VII

Torben berichtete dem Professor und seiner Tochter in aller Kürze von den letzten Ereignissen in Meldorf an der Nordseeküste. Als er von Margots Tod und dem Schusswechsel mit Tim berichtete, sah er, wie Anna kurz die Farbe aus dem Gesicht wich, und er fragte sich, ob sie wirklich wusste, worauf sie sich da einließ.

Geduldig beantwortete er dem wissbegierigen Professor im Anschluss einige Nachfragen und endete mit: „Das ist alles, was wir Ihnen mitteilen können. Hilft es Ihnen weiter?“

Professor Meinert rieb sich das Kinn, bevor er antwortete. „Vielleicht das Unwichtige zuerst.“ Er blickte Levitt an. „Ihre Leute versuchen ja gerade, Informationen zu dieser Firma PRAETORIUS aus Bern herauszubekommen. Es dürfte nicht unerheblich sein, dass ich glaube, dass dieser Name nicht zufällig gewählt wurde.“

„Wie kommen Sie darauf, Professor?“, fragte Julia.

„Nach unseren Erlebnissen mit den Priesterinnen habe ich mich etwas mit Heidentum, Esoterik und Hexenkult in Deutschland beschäftigt. Offensichtlich gab es Ende des 16. Jahrhunderts einen protestantischen Pfarrer namens Anton Praetorius, der sich der Hexenverfolgung und vor allem der Folter widersetzte, mit der die Geständnisse erpresst wurden. Es versteht sich von selbst, dass sein Leben dadurch in Gefahr geriet und er das Land verlassen musste. Seine Überzeugungen fasste er in einem Buch zusammen, das als Plädoyer gegen grausame Hexenprozesse gilt und schon damals in mehreren Auflagen erschienen ist.

Die Namensgleichheit lässt bei mir die Vermutung aufkommen, dass das Sicherheitsunternehmen möglicherweise nicht nur den Auftrag hatte, Margot zu schützen, sondern auch für die Sicherheit weiterer Hexen oder Priesterinnen, wenn nicht gar für den gesamten Orden, verantwortlich sein könnte. Möglicherweise haben wir den ausführenden Arm des Zirkels gefunden, diejenigen, die die schmutzige Arbeit für die Priesterinnen machen.

Die Ansiedlung in Bern wiederum kann rein praktische Ursachen haben, die in der Versorgung mit Finanzmitteln zu suchen sind. Wir haben uns schon damals gefragt, wie der Orden es schafft, sein vermutlich beträchtliches Vermögen zu verbergen. Die Diskretion der Schweizer Banken könnte eine Erklärung liefern. Noch immer sollen dort beispielsweise Konten von Altnazis existieren, bei denen die Herkunft des Geldes nie geklärt wurde. Von den Einlagerungen der heutigen afrikanischen oder arabischen Diktatoren und Kriegsherren will ich gar nicht sprechen. Über ein ähnliches Konto könnte auch PRAETORIUS finanziell gespeist werden.“

„Das sind wichtige Information, Professor.“, bedankte sich Levitt, der sich nebenbei einiges notiert hatte. „Ich werde sie nachher gleich weitergeben.“

„Tun Sie das.“, stimmte Professor Meinert ihm zu.

Anna war währenddessen an den Kühlschrank gegangen und verteilte nun an alle ein paar Softdrinks.

Der Professor trank einen Schluck, bevor er weitersprach: „Wenn keiner etwas dagegen hat, würde ich gleich fortsetzen.

Als nächstes haben wir das Lebensborn-Projekt, von dem Margot sprach, oder die Idee dahinter, die zur Zeugung der beiden Kinder geführt haben soll. Wie hießen sie gleich, Ruben und Riva?“

Torben nickte zur Bestätigung.

„Es handelt sich beim Lebensborn um einen ehemaligen eingetragenen Verein der Waffen-SS des Dritten Reichs, der auf Heinrich Himmler, dem Reichsinnenminister und Reichsführer-SS, zurückgeht und ihm direkt unterstellt war. Der Begriff leitet sich von dem altdeutschen Wort ‚born‘ für ‚ Brunnen‘ oder ‚Quelle‘ ab.

Um den Zweck dieses Vereins zu verstehen, muss ich etwas ausholen: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Deutschland einen starken Einbruch in der Geburtenrate, weil es durch den Feldzug bedeutend mehr Frauen als Männer gab. Erschwerend kam hinzu, dass im Gegensatz zur heutigen Zeit die Institution Ehe noch eine herausragende Bedeutung hatte und uneheliche Kinder in der Gesellschaft verpönt waren.

Die Nazis suchten nun nicht nur nach Möglichkeiten, diese Rate wieder zu steigern, sondern präferierten aus Gründen ihrer angestrebten „Rassenhygiene“ ausschließlich die Geburt „arischer“ Kinder, um die „nordische Rasse“ zu stärken. Als erstrebenswert galt darüber hinaus, den Nachwuchs „qualitativ“ zu verbessern.“

Julia schüttelte ungläubig den Kopf, und der Professor kommentierte das, indem er weitererzählte: „Anfangs schien der Verein durchaus Positives zu bewirken. In den ersten gut ein Dutzend Heimen wurden ledige Mütter aufgenommen, die anonym ihre Kinder gebären konnten, die dann meist sofort an Familien von SS-Angehörigen vermittelt wurden. Offiziell wurde dies damit begründet, dadurch illegale Abtreibungen zu vermeiden. Dem Standesamt in der Heimatgemeinde der Mutter wurde nämlich nie mitgeteilt, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hatte. Sie brauchte also später keine Nachteile, keine gesellschaftliche Ächtung mehr fürchten.

Sehr schnell wurde allerdings klar, dass nur diejenigen Frauen mit offenen Armen aufgenommen wurden, bei denen die Väter der ungeborenen Kinder und sie selbst den „rassenhygienischen“ Ansprüchen der Nazis entsprachen.

So mussten sie den „großen Abstammungsnachweis“, im Volksmund „Ariernachweis“ genannt, vorlegen. Hier hatte man seine direkten Vorfahren rückblickend bis zum 1. Januar 1800 nachzuweisen. Außerdem wurde bereits im Vorfeld darauf geachtet, dass die Gefahr von Erbkrankheiten weitgehend ausgeschlossen war.

Himmler selbst ging bei der angestrebten Steigerung der Geburtenrate sogar soweit, dass er seine SS-Männer mit Verweis auf ihre „völkische Verpflichtung“ explizit dazu aufforderte, mit ledigen Frauen, die den nötigen Abstammungskriterien entsprachen, sexuelle Beziehungen einzugehen und Kinder zu zeugen.

Mit dem einsetzenden Krieg und weil die Anzahl der Geburten noch immer nicht seiner Vorstellung entsprach, erließ er die Order, in den besetzten Gebieten jedes „arisch“ aussehende Kind, sprich blond und blauäugig, von seiner Familie zu trennen und den Lebensborn-Vereinen zuzuführen. Dort erhielten sie einen neuen Namen und mussten die deutsche Sprache lernen, bevor sie weitervermittelt wurden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Arisierung, obwohl es nichts anderes als ein verabscheuungswürdiger Menschenraub war.

Besonders erwähnenswert ist hierbei auch die Besetzung Norwegens durch die deutschen Truppen. Da die Frauen des Landes in besonderem Maße den Vorstellungen Himmlers von der nordischen Rasse entsprachen, wurden dort etliche neue Lebensborn-Heime eingerichtet und die deutschen Soldaten erneut ermutigt, Liebesbeziehungen – diesmal zu den Einheimischen – einzugehen. Insgesamt spricht man allein in Norwegen von etwa zwölftausend Kindern, die in der Folge geboren wurden.“

„Und wie viele waren es insgesamt?“, fragte Julia wieder nach.

„Schwer zu sagen … In allen Heimen? Etliche Zehntausend vielleicht. Exakte Aufzeichnungen gibt es nicht.“

„Und was geschah mit Kindern, die mit einer Behinderung geboren wurden? Sie entsprachen doch bestimmt nicht Himmlers Vorstellung von der Herrenrasse.“ Ihre Stimme stockte kurz bei dieser Frage.

„Diese Kinder wurden als lebensunwert betrachtet, als Laune der Natur, und …“, jetzt zögerte selbst Professor Meinert bei der Antwort, „ … getötet.“

„O mein Gott …“, schluchzte Julia, und Torben nahm sie tröstend in den Arm.

„Nun gut“, führte der Professor weiter aus, „wenn Margot tatsächlich die Wahrheit gesprochen hat, wäre das nicht einfach eine Sensation, es wäre ein folgenschweres, politisches Erdbeben, das können Sie mir glauben!“

„Übertreiben Sie da nicht etwas?“ Torben zweifelte.

„Nicht im Geringsten mein Freund! Überlegen Sie nur einmal, es gibt wahrscheinlich nicht nur direkte Nachfahren Adolf Hitlers, sie wurden offenbar regelrecht gezüchtet. Im Rückschluss vereinen sie nun in den Augen ihrer Anhänger in sich die besten Eigenschaften unseres germanischen Erbes.

Für nationalsozialistische Kreise wären Sie die Übermenschen, die Begründer einer neuen Herrenrasse.

Können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, was das für ein Brandbeschleuniger in ganz Europa wäre? – Rechte Organisationen existieren nicht nur in Deutschland. Denken Sie an Frankreich, Belgien, Holland, Polen, Österreich oder Italien. In den letzten Jahren haben die Ressentiments gegen Ausländer und Juden überall in der EU zugenommen. Ich sage nur Islamophobie und Organisationen wie PEGIDA. Erzkonservative Gruppen haben ausnahmslos Zulauf. Und eines haben alle gemein: Sie sehnen sich nach einem starken Führer.

Dieser Führer, würde er über eine natürliche Legitimation, wie einen entsprechen Stammbaum verfügen, hätte die Macht, unzählige aus- und inländische Organisationen sicher zu einer einzigen gewaltigen Streitmacht zu vereinen.“

Der Professor hatte sich regelrecht in Rage geredet und musste erst einmal eine Pause machen, um Luft zu holen. Das nutzte Levitt und sagte: „Meisterin Margot sprach vor ihrem Tod von einem politischen Umsturz und davon, dass der Orden erneut die Macht in Deutschland übernehmen würde? Was muss ich mir konkret darunter vorstellen?“

„Tut mir leid, das weiß ich nicht genau“, antwortete Professor Meinert kopfschüttelnd und noch immer etwas atemlos. „Die Mitgliederzahlen der größten rechtsextremistischen Partei in Deutschland gehen nicht nur zurück, weil man mit den Funktionären an der Spitze unzufrieden ist, derzeit wird sogar von staatlicher Seite mal wieder über ein Verbot diskutiert. Was die Arbeit sicherlich erschweren würde.

Anderen konservativen Vereinigungen wird auch kein Vertrauen mehr geschenkt und das Ansehen der politischen Führung schwindet in der Gesamtbevölkerung mehr und mehr. Allein dadurch wäre das Bevölkerungspotential sicher enorm, das man mit seinen eigenen radikalen Ideen für sich gewinnen könnte. Aber ich habe Zweifel, dass die Priesterinnen einen demokratischen Weg beschreiten und sich mit ihrer neuen Bewegung den regulären Wahlterminen stellen werden. Sie werden eine andere Möglichkeit suchen oder haben sie bereits gefunden.“

„Nun gut“, Levitts Stimme klang trotz allem entspannt, „wir sollten unsere nächsten Schritte planen. – Ich denke, wir haben zwei erfolgversprechende Spuren, denen wir folgen können: die Firma PRAETORIUS in Bern und Margots Hinweis auf die Stadt Quedlinburg. Vielleicht ist sie eine Hochburg des Ordens.“

„Das glaube ich kaum!“ Der Professor nahm dem Agenten schnell diese Hoffnung. „Unseren Priesterinnen ging es immer um Macht und Profit, beides Dinge, die sie im Arbeiter- und Bauernstaat nicht wirklich erreichen konnten. Die permanente Gefahr der Entdeckung durch die Staatssicherheit brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass sie – zumindest organisiert – in der DDR lebten und agierten.“

„Also sollen wir unsere Suche nicht in Quedlinburg fortsetzen, George?“, fragte Torben nach.

„Doch, natürlich! Die Stadt befindet sich nicht einmal zwei Fahrstunden entfernt. Wir können sie heute noch erreichen. Sie ist ein hervorragender Ort, um mit unseren Nachforschungen zu beginnen. Ich vermute eben nur, dass die Hinweise auf die Priesterinnen nicht sehr aktuell sind.“

Die Antwort schien Torben nicht zu stören und er erklärte: „Wir sind es doch mittlerweile gewohnt, im Kaffeesatz der Geschichte zu lesen. Also, was machen wir noch hier, lasst uns endlich aufbrechen!“

VIII

Der Professor und seine Tochter brauchten dann doch noch fast zwei Stunden, um auf der Baustelle die wichtigsten Dinge zu regeln. Als Entscheidungsträger während ihrer Abwesenheit und als Hundesitter für Gertrud benannten sie einen schmalen, blassen Studenten, der bei jeder ihrer Erklärungen, was er denn in den nächsten Tagen zu tun hätte, immer weiter in sich zusammensank. Als auch noch das Wort „Wochen“ fiel, bekam es selbst Torben langsam mit der Angst zu tun, dass er gleich in Ohnmacht fallen würde. Aber mit ihrer sympathischen Art schaffte es Anna zum Schluss dann doch, das Selbstbewusstsein des armen Kerls soweit wieder aufzubauen, dass er sich der Aufgabe gewachsen fühlte und stolz und erhobenen Hauptes tapfer seinen neuen Untergebenen entgegentrat.

Annabell präsentierte ihnen danach sichtlich stolz einen bullig wirkenden schwarzen Pkw MINI mit roten Rallyestreifen. Dabei handelte es sich allerdings um das neue Modell von BMW, das rein gar nichts von dem Charme der älteren Version des englischen Kleinwagens besaß. Torben vermutete, dass Anna ihre Begeisterung für ungewöhnliche Autos von ihrem Vater geerbt hatte. Wenigstens würden sie alle in nunmehr zwei Autos genügend Platz haben.

Mosche kümmerte sich derweil um eine Übernachtungsmöglichkeit in Quedlinburg und Levitt hielt mit Tel Aviv oder sonst wem Rücksprache. Julia war offenbar froh, nicht mehr die einzige Frau in ihrer Gruppe zu sein und suchte den Kontakt zur fast zehn Jahre jüngeren Anna. Ihr gemeinsames Gekicher zeigte Torben wenig später, dass sich die beiden trotz des Altersunterschiedes wohl auf Anhieb sympathisch fanden.

Er dagegen passte den Professor ab, als dieser gerade beabsichtigte, noch eine letzte Runde über die Ausgrabungsstätte zu machen und schloss sich ihm kurzerhand an. Froh, endlich von den anderen etwas abgesetzt zu sein, sagte er zu ihm: „George, ich brauche Ihren Rat!“

„Nur zu, mein Junge! Also, wenn Sie mich fragen, müssen Sie dieses Mal den ersten Schritt wagen. Sie kam Ihnen schon bei der Beerdigung Ihrer Mutter entgegen, obwohl Sie ihr nicht bei Michaels Beisetzung beigestanden haben, hat sie Ihnen verziehen und …“

„Nein, nein“, unterbrach ihn Torben, „es geht nicht um Julia und mich.“

„Nicht? Ich dachte!“ Der Professor schien verblüfft.

„Es ist etwas völlig anderes.“ Torben zögerte. „Es geht um die Jagd nach dem Orden. Levitt sprach von zwei Spuren, denen wir folgen können. Ich denke, es sind sogar drei!“

„Drei? Wie kommen Sie darauf?“ Professor Meinert blieb stehen und blickte ihm direkt in die Augen.

„Nun ja, wir haben PRAETORIUS und Quedlinburg. Das stimmt schon. Aber ich kenne vielleicht noch einen weiteren Hinweis, dem wir folgen sollten.“ Er dämpfte seine Stimme. „Können Sie sich erinnern, als wir im Deutschritterschloß in Bad Mergentheim von den Handlangern des Ordens gefangengenommen wurden?“

Der Professor nickte.

„Damals bin ich ja aus Versehen in eine Versammlung der Priesterinnen geplatzt. Das geschah alles nur, weil ich in einem Flur eine Frau gesehen habe, die mich an eine bekannte Politikerin erinnerte. Aus Neugier folgte ich ihr, traf auf Nicole, wurde niedergeschlagen und den Rest kennen Sie.“

„Soll das heißen, Sie wissen mittlerweile, wer sie ist?“ Die Überraschung in seiner Stimme war echt.

„Nicht so laut George!“ Torben vergewisserte sich, dass niemand in ihrer Nähe war, bevor er weitersprach: „Ich glaube, ja! In Vietnam und Thailand habe ich alle Ereignisse wieder und wieder in Gedanken durchlebt, versucht, mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Irgendwann sah ich auch ihr Gesicht wieder vor mir und ich kam nicht mehr aus dem Grübeln heraus, woher ich es kennen könnte.“

„Und, ist es Ihnen mittlerweile eingefallen?“

„Ganz recht! Wahrscheinlich habe ich die Person bereits einige Male unbewusst wahrgenommen. Ich kann mich außerdem ziemlich genau an einen Fernsehbeitrag erinnern, der noch nicht einmal sehr lange zurückliegt. Es ging darin um die Festlegung gesetzlicher Frauenquoten in deutschen Führungsetagen. Unsere – nennen wir sie einfach einmal – mögliche Verdächtige kam darin mehrmals zu Wort. Ihren Namen hatte ich mir natürlich nicht gemerkt. Also bin ich in ein schäbiges Internetcafé eingekehrt und habe recherchiert. – Um die Geschichte abzukürzen, ich glaube, es könnte sich um eine Europaabgeordnete einer konservativen Partei handeln. Anfang Fünfzig, geschieden, kein Name, den man kennen müsste, Hinterbänklerin, wie man so schön sagt. Mäßiges Engagement für die politische Bühne, aber auch niemand, dessen Karriere man leichtfertig mit einer Behauptung, er gehöre einer uralten germanischen Kaste von größenwahnsinnigen Priesterinnen an, zerstören sollte, erst recht nicht, wenn man mit dem Mossad im Bunde ist.“

Der Professor stimmte ihm zu: „Das versteht sich von selbst! Wie sicher sind Sie sich?“

„Vielleicht zu achtzig Prozent! Mehr aber definitiv nicht, zu wenig, um jemanden an den Pranger zu stellen oder verhaften zu lassen.“ „Torben, da Sie mich fragen, mein Vorschlag wäre, wir schauen erst einmal, ob wir in Quedlinburg weiterkommen. Falls ja, brauchen wir Ihre Spur vorerst nicht weiter zu verfolgen. Falls nicht, können Sie sich immer noch Levitt offenbaren. Okay?“

Torben nickte: „So machen wir es!“

„Ach, noch etwas, mein junger Freund“, der Professor zögerte mit dem Weitergehen, „vielleicht sollten Sie mir trotzdem den Namen der Unbekannten sagen. Nur für alle Fälle!“

„Ingrid Schulte! Die Dame heißt Ingrid Schulte!“

IX

Ob man es nun wollte oder nicht, Quedlinburgs Schönheit beeindruckte einfach jeden. Fast konnte man glauben, man sei in der Zeit zurückgereist. Mit dem historischen Straßenpflaster und den engen Gassen, in denen sich an die eintausenddreihundert Fachwerkhäuser eng aneinander schmiegten, glich der Stadtkern einem riesigen, mittelalterlichen Denkmal.

Der Professor schien wohl, wie man seinen Äußerungen bei ihrer Ankunft entnehmen konnte, sonst sehr kritisch zu den Entscheidungen der UNESCO, dem wissenschaftlichen und kulturellen Arm der Vereinten Nationen, eingestellt zu sein. In diesem konkreten Fall erläuterte er allerdings, dass sie recht daran getan hatten, die Stadt zum Weltkulturerbe zu erklären.

Das Hotel, das Mosche gebucht hatte, trug den Namen „Zum Bär“ und befand sich – entsprechend ihrer vermutlich historischen Mission – seit dem Jahre 1748 direkt am zentralen Marktplatz, schräg gegenüber dem eindrucksvollen Rathaus im Renaissance-Stil und der davor befindlichen Roland-Statue, einem der Wahrzeichen der Stadt. Für Torben war es mehr als ein Symbol, für ihn war es die Bestätigung, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden, denn schon früher hatten ihm die Roland-Figuren, egal ob aus Holz oder Stein, den Weg zu den Geheimnissen des Ordens gewiesen.

Jedem von ihnen stand ein komfortables Einzelzimmer im Landhausstil zu Verfügung, das keine Wünsche offen ließ. Die Betten waren sogar groß genug, notfalls zwei Menschen aufzunehmen. Torben schloss es fürs Erste aber eher aus, dass Julia den Weg zu ihm finden würde. Eine Vermutung, mit der er Recht behalten sollte.

Zumindest aßen die Mitglieder ihrer kleinen Reisegruppe später im hoteleigenen Restaurant gemeinsam zu Abend, um gleich danach wieder auseinander zu gehen.

Von der Reise ermüdet, zogen die Frauen nämlich prompt ihre Betten vor, wobei Anna sich zuvor in einem Schaumbad entspannen wollte, da ihr dieser Luxus auf der Ausgrabungsstätte gefehlt hatte. Die Mossad-Agenten mussten noch in Erfahrung bringen, zu welchen Ergebnissen die Beratungen in Berlin geführt hatten, sowie Tagesreport bei ihren Vorgesetzten ablegen, sodass Torben und der Professor allein zurückblieben und sich die Möglichkeit ergab, dem Weingeist ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Julia legte Torben allerdings im Weggehen zumindest für einen kurzen Moment behutsam ihre Hand auf die Schulter und lächelte ihn an, für ihn ein Zeichen, dass er ihr nicht böse sein sollte, und er nickte ihr daher verständnisvoll zu. Nachdem sie verschwunden war, wandte er sich seinem alten Freund zu und berichtete ihm von den Erlebnissen der vergangenen Wochen in Südostasien. Professor Meinert ließ ihn gewähren und lauschte andächtig. Erst Tage später sollte Torben auffallen, dass es für den Professor eher ungewöhnlich war, andere Menschen längere Zeit ausreden zu lassen, ohne sie zu unterbrechen sowie eigene Bemerkungen und Anekdoten zum Besten zu geben. An diesem Abend bemerkte er es freilich nicht, wohl auch, weil seine Gedanken eigentlich Julia galten.

Von der Schweigsamkeit des Professors, sollte es sie tatsächlich gegeben haben, war am nächsten Morgen nichts mehr zu bemerken.

Als Erster bekam das ein Fremdenführer zu spüren, der sie auf eine Entdeckungstour durch die Stadt begleitete.

Professor Meinert und seine Tochter verfügten zwar über ein profundes geschichtliches Fachwissen, gleichwohl hatte Torbens Vorschlag einer einführenden Stadtführung von allen Zustimmung erfahren. Sich auf der Suche nach einem neuen Rätsel oder alten Geheimnis des Ordens eine erste, grobe Orientierung in Quedlinburg zu verschaffen, konnte zumindest nicht schaden.

Ursprünglich hatten sie bei ihrem Rundgang vor, sich allen bedeutenden und in erster Linie sakralen Baudenkmälern der Stadt zu widmen. Zu den gotischen und neugotischen Kirchen kamen sie aber gar nicht mehr, weil sie die Führung bereits in der romanischen Stiftskirche St. Servatius abbrachen.

St. Servatius wurde – obwohl nie Bischofskirche – auch als der Dom Quedlinburgs bezeichnet und war lediglich zehn Gehminuten von ihrem Hotel entfernt. Er thronte weithin sichtbar fünfundzwanzig Meter über der Stadt auf dem Schlossberg, einem steilen Sandsteinfelsen, wo er gemeinsam mit den Wohngebäuden des ehemaligen Frauenstiftes ein eindrucksvolles Bauensemble bildete. Ihr Führer, ein Mann von Mitte fünfzig mit graumeliertem, schon lichtem Haar, Nickelbrille und nach oben gerichteter Nase, was ihm – wie Torben fand – einen leicht arroganten Ausdruck gab, hatte sich ihnen als Herr Semmler vorgestellt und mit stolz geschwellter Brust erklärt, ein Kind Quedlinburgs zu sein und die Stadt noch nie länger als drei Monate verlassen zu haben.

Anerkennend musste Torben zugeben, dass er seine Sache recht gut machte. Semmler war keine dieser Aushilfen, die aus Geldmangel oder Selbstüberschätzung jeden nur denkbaren Job annahmen. Er liebte seine Stadt, kannte jede noch so verwinkelte Ecke und war in der Geschichte des Ortes ziemlich bewandert.

Auf dem Burgberg, im Schatten der beiden riesigen quadratischen Türme der Kirche erzählte ihnen Semmler, dass Quedlinburg im 8. Jahrhundert Sitz der Liudolfinger, auch Ottonen genannt, einem sächsischen Adelsgeschlecht war, aus dem unter anderem König Heinrich der Erste hervorging. Dieser war es auch, der die Stadt Anfang des 10. Jahrhunderts zur einflussreichsten Pfalz des Reiches ausbaute, nicht zuletzt, weil er sie regelmäßig zum bedeutenden Osterfest besuchte.

Torben und seine Freunde erfuhren, dass der König nach seinem Tod im Jahre 936 sogar hier beigesetzt wurde. Zu seinen Ehren gründeten seine Witwe Mathilde und sein Sohn, der später zum Kaiser gekrönte Otto der Große, an der Grabstätte noch im gleichen Jahr das Damenstift St. Servatius.

Aus seinen früheren Abenteuern wusste Torben, dass Mathilde nicht nur Nachkommin eines alten germanischen Fürstengeschlechts, sondern wahrscheinlich auch Angehörige des ihnen feindlich gesinnten Ordens war, und dass sie Heinrich dem Ersten bewusst zugespielt wurde, um ihn mit der jugendlichen Unschuld eines dreizehnjährigen Mädchens zu verführen, ein Vorhaben, was letztendlich gelang. Der wesentlich ältere König ließ die Ehe zu seiner ersten Ehefrau annullieren und wandte sich Mathilde zu.

Semmler sprach derweil weiter und berichtete, dass es in den folgenden Jahrhunderten Brauch wurde, dass die ottonischen Herrscher das Osterfest in St. Servatius begingen und dort ihrer Vorfahren gedachten. Die eigentliche Stiftskirche entstand aus der Burgkapelle der Königspfalz. Nach einer Bauzeit von vierundzwanzig Jahren wurde dieses Kleinod – wie ihr Führer sich ausdrückte – hochromanischer Baukunst 1021 fertiggestellt und im Beisein des Urenkels Heinrich des Ersten, des Kaisers Heinrich des Zweiten, geweiht.

Spätestens ab hier wurde es für Semmler zunehmend anstrengend, wenn nicht gar unangenehm, denn die Einwürfe des Professors und seiner teilweise noch besser in dieser Zeitepoche bewanderten Tochter Annabel ließen ihn schnell die Grenzen seines Wissens erkennen und so führte er seine Kunden zügig in das Innere der Kirche, um weitere Nachfragen zu umgehen.

Torben hatte sich indes, schon als sie vor dem Sakralbau standen, vielmehr für die Architektur der Kirche als für die Ausführungen des Guide interessiert und ihre schlichte und doch erhabene Form bestaunt. Jetzt im Mittelschiff stehend, erkannte er, dass zu beiden Seiten jeweils noch ein Seitenschiff angrenzte. Als trennende Stütze folgte jeweils auf zwei Säulen immer ein Pfeiler. Torben hörte Semmler gerade noch so viel zu, dass er erfuhr, dass diese regelmäßige Abfolge niedersächsischer Stützenwechsel genannt werde.

Da der Professor ausnahmsweise bei diesen Ausführungen nicht protestierte, fasste ihr Führer neuen Mut und kam noch einmal auf die Geschichte des Bauwerks zurück. Zwar konnte er bis zu der Ära der französischen Besatzung Quedlinburgs überzeugen, die exakte Geschichte St. Servatius’ im Dritten Reich oder genauer die diesbezüglichen Fragen des Professors überforderten ihn dann aber doch, wie sein mittlerweile hochrotes Gesicht verriet.

Daraufhin erläuterte Professor Meinert ihrer Gruppe: „Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und in den letzten Kriegsjahren Reichsinnenminister, der sich als Wiedergeburt von Heinrich dem Ersten betrachtete, erkannte sehr schnell, wie sehr er die Figur des deutschen Königs im politischen Alltag des Dritten Reichs vermarkten konnte. Heinrich der Erste hatte nicht nur das fränkische Reich geeint und die Ungarn zurückgeschlagen, er hatte auch mit der Osterweiterung seines Reiches begonnen, eine Expansion, die den Nazis sehr zupasskam.

1938 funktionierte Himmler nicht nur die Stiftskirche kurzerhand zur „Weihestätte“ der SS um, sondern machte bereits drei Jahre zuvor die Stadt Quedlinburg anlässlich des tausendsten Todestages des großen deutschen Königs zur alleinigen Trägerin der Feierlichkeiten. Das ihm unterstellte Ahnenerbe beauftragte er zeitgleich damit, Nachforschungen zum Leben Heinrich des Ersten anzustellen und Grabungen mit dem Ziel aufzunehmen, die verschollenen Gebeine des Königs wieder aufzufinden. Dies gelang angeblich tatsächlich und so ließ er im Jahre 1937 diverse Knochenreste, die am Schlossberg gefunden wurden, neben Heinrichs Frau Mathilde beisetzen.“

Plötzlich lächelte Semmler wissend und sagte mit offenbar tiefer Genugtuung betont langsam zum Professor: „Was Sie da erzählen, ist falsch. So hat es sich nicht zugetragen.“

Professor Meinert zögerte: „Wie meinen Sie das? Ich verstehe nicht?“ Seine Verblüffung war nicht gespielt.

„Was Sie über Himmler erzählen, stimmt nicht.“ Semmler blickte in die Runde und wurde konkreter: „Na ja, die meisten Sachen sind schon richtig. Die Begebenheiten im Zusammenhang mit St. Servatius als nationalsozialistischer Weihestätte – von denen Sie sprachen – sind hinreichend belegbar, da haben Sie Recht. Altar, Kanzel und Gestühl ließ man beispielsweise aus der Kirche entfernen und den gotischen Chor“, er zeigte hinter sich, „mauerte man einfach zu. – Soweit scheint alles klar zu sein. Aber Heinrich den Ersten hat man höchstwahrscheinlich nie hier begraben!“

„Woher wollen Sie das so genau wissen?“, der Professor war skeptisch. „Die Unterlagen, die ich kenne, werfen diesbezüglich lediglich einige Fragen auf.“

„Vielleicht haben Sie die falschen Dokumente eingesehen. Denn nur von ‚Fragen aufwerfen‘ kann keine Rede mehr sein.“

„Hören Sie zu, guter Mann“, Professor Meinert war trotz der Kritik, die an ihm geübt wurde, erstaunlich verträglich, „wenn Sie etwas wissen, erzählen Sie es uns. Ich bin bei Weitem kein Laie, aber wenn ich in meinem Alter noch etwas lernen kann, bin ich immer darüber erfreut.“

Semmler bemerkte anscheinend, dass er nicht näher an eine Entschuldigung des Professors für das permanente Unterbrechen seiner Führung herankam und fing daher an, zu berichten: „Es ist offensichtlich, dass vor allem Sie beide“, er blickte Professor Meinert und seine Tochter an, „ausgesprochen gut in geschichtlichen Fragen bewandert sind. Ich für meinen Teil bin gelernter Stellmacher und habe erst vor wenigen Jahren mein Hobby zum Beruf gemacht. Mein Wissen ziehe ich also – gerade für den neueren Teil der deutschen Geschichte – aus eigenem Erleben oder den Gesprächen mit Zeitzeugen. Wussten Sie zum Beispiel, dass in Quedlinburg im Verhältnis zur Einwohnerzahl nirgendwo sonst in der DDR in der Wendezeit des Jahres 1989 mehr Menschen auf die Straße gegangen sind und für ihre Rechte demonstriert haben? – Nein? Interessant, nicht wahr? Ich sollte aber nicht abschweifen, zurück zu Heinrich dem Ersten.

Natürlich hat Himmler das angebliche Auffinden der verlorenen sterblichen Überreste des deutschen Königs propagandistisch verwertet. Warum auch nicht, allein schon der tausendste Todestag Heinrich des Ersten war quasi ein Glücksfall für das „Tausendjährige Reich“. Man widmete dem König prompt Sonderhefte, Postkarten und eine SS-Gedenkplakette. Die Entdeckung seines Leichnams machte die Geschichte quasi perfekt, zu perfekt, wie ich Ihnen jetzt berichten werde.“

Selbst die Mossad-Agenten hörten Semmler nun aufmerksam zu und Torben bemerkte, dass Julia regelrecht an seinen Lippen hing. „Die Nazis waren nicht die Ersten, die nach den sterblichen Überresten gegraben haben“, fuhr Semmler in ihrer Mitte stehend fort. „Bereits bei einer Grabung im Jahre 1756 hat man in der Ruhestätte von Königin Mathilde überzählige Knochen gefunden. Schon damals wurde vermutet, dass es die ihres Gemahls sein könnten. Himmler ließ den Sarg 1936 daher erneut öffnen und eben diese Gebeine anthropologisch untersuchen. Das Ergebnis fiel jedoch nicht wie gewünscht aus, und so wurden sie fortan lediglich als Reliquienknochen bezeichnet.

Die Suche ging also weiter und die vom Reichsinnenminister beauftragten Mitarbeiter der Abteilung Vorgeschichte standen von Anfang an bei ihrer Arbeit unter enormem Erfolgsdruck. Ein Scheitern wäre von Himmler sicherlich nicht ohne Konsequenzen für sie und ihre Karrieren, schlimmstenfalls sogar für ihre Familien hingenommen worden. Glücklicherweise und zu ihrem eigenen Erstaunen konnten sie aber alsbald verkünden, bei Grabungen im Untergrund der bislang leeren Grabstätte des Königs ein weiteres Skelett und verschiedene Grabbeigaben gefunden zu haben, die die berechtigte Vermutung zuließen, dass es Heinrich der Erste sein könnte.“

Der Professor unterbrach Semmler daraufhin: „Das sage ich doch die ganze Zeit! – Bislang erzählen Sie nichts Neues! – Ich weiß, dass jeder Wissenschaftler, der das Ergebnis damals anzweifelte und so die Nazi-Propaganda störte, mundtot gemacht wurde. Ich will Ihnen aber zu Gute halten, dass nach dem Krieg ein DDR-Forscher herausbekommen haben will, dass die Knochen viel zu jung sein sollen. Man müsste sie heute erneut und gründlich untersuchen. Vielleicht meinten Sie das vorhin mit Ihrer Bemerkung.“ Er winkte gönnerhaft ab.

Derweil schien Annabells weibliche Intuition anzuschlagen und sie sah Semmler durchdringend an. Irgendetwas schien sie misstrauisch zu machen und sie sagte: „Moment, George“, sie sprach ihren Vater bewusst mit seinem Vornamen an, um sich seiner Aufmerksamkeit sicher zu sein, „nicht so schnell! Unser Stadtführer weiß noch mehr über die Sache. Stimmt’s?“

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht nickte Semmler kurz und erklärte in Richtung des Professors: „Ihre Tochter hört genauer hin als Sie.“ Er räusperte sich kurz. „Normalerweise erzähle ich den Touristen die offizielle Version, weil alles andere zu phantastisch klingt. Für Sie mache ich aber heute eine Ausnahme. – Sie hatten Recht mit den Untersuchungen zu DDR-Zeiten. Genaugenommen war es bereits Ende der Fünfzigerjahre! Und Sie werden nie glauben, zu welchen Ergebnissen diverse anthropologische Untersuchungen und Nachforschungen in dutzenden Heimatarchiven und Kirchenbüchern kamen.“

Er machte eine bedeutungsschwangere Pause, bevor er leicht theatralisch fortsetzte: „Die Gebeine, die Himmler unter großen Pomp beisetzen ließ, sind nicht nur mehrere hundert Jahre zu jung, sie stammen auch von einer … Frau.“

Torben spürte plötzlich Julias Hand auf seinem Arm.

„Und es kommt noch besser“, Semmler genoss es, endlich die ihm zustehende Wertschätzung zu erfahren, „es sind die Gebeine einer Hexe!“

Julias Händedruck wurde stärker und Torbens Blick traf sich mit dem des Professors. Beim Nicken Professor Meinerts wurde ihm klar, dass vor ihnen die Spur lag, die zu finden sie gehofft hatten. Er versuchte daher schnell, Semmler noch weitere Informationen zu entlocken: „Woher wissen Sie das mit der Hexe?“

Ihr Stadtführer zuckte mit den Schultern „Ein paar alte Aufsätze verschiedener Wissenschaftler, ein kaum bekanntes Buch eines regionalen Heimatforschers aus dem 18. Jahrhundert und diverse vergilbte Urkunden und Aufzeichnungen in den Stadtarchiven. Wenn man die Zeit hätte, alle Quellen ausführlich zu prüfen, könnte man es sicherlich mit ausreichenden Beweisen belegen. So aber müssen Sie mir im Moment in dieser Hinsicht vertrauen.“

„Aber Sie wissen, wer die Frau war?“, fragte Annabell trotzdem nach.

„Bei ihrem Namen müsste ich nochmal nachschauen. Der ist mir entfallen. Aber es war auf jeden Fall eine neunzehnjährige Magd, die unter dem Einfluss der Folter gestanden hat, eine Priesterin der schwarzen Magie zu sein, und dafür erdrosselt wurde. Weil sie vor ihrer Hinrichtung glaubhaft bereute und ihren Irrglauben widerrief, machte man sozusagen eine Ausnahme und bestattete sie trotz ihrer Verfehlungen auf heiligem Boden, allerdings möglichst nah an den Reliquien der Kirche, die eine göttliche und reinigende Macht ausstrahlen sollten. – Wahrscheinlich wurden ihre Gebeine nur deshalb zufällig bei den Ausgrabungen gefunden.

Himmler pochte derweil vehement auf einen Erfolg. Was also lag näher, als ihm ein gut erhaltenes Skelett als deutschen König zu präsentieren?“

Semmler schien für den Professor plötzlich nicht mehr interessant.

Er wandte sich Torben zu und sagte: „Es passt alles zusammen. Können Sie sich an Nordhausen erinnern, wo uns ebenfalls eine Rolandsstatue den Weg wies? Auch dort hatte Mathilde ein Stift gegründet, als ihr Heinrich der Erste die Stadt schenkte. Jetzt ist es also Quedlinburg in dem aller Voraussicht nach die Hexen im Geheimen die Geschicke der Stadt geführt haben.“

Semmler, verblüfft, dass er schon wieder nicht mehr beachtet wurde, räusperte sich hörbar und meldete sich nochmals zu Wort: „Was meinen Sie mit ‚Hexen‘ und ‚die Geschicke der Stadt führen‘? Dass die Reste einer Hexe in Heinrichs Grab liegen, heißt doch nicht, dass sie die Stadt regiert hat. Man hat die Gebeine lediglich verwechselt. Eigentlich müsste man jetzt weiter nach dem Grab des deutschen Königs suchen.“

„Wie Sie meinen.“ Der Professor wirkte nun doch leicht überheblich. Der Stadtführer war ihm ab jetzt offensichtlich egal.

Torben versuchte zu vermitteln und gleichzeitig vom Thema abzulenken: „Herr Semmler, manchmal hat Professor Meinert eben verrückte Ideen.“ Er lachte gekünstelt. „Was mich vielmehr interessieren würde – wo Sie doch so gut in der Geschichte Quedlinburgs bewandert sind – fällt Ihnen etwas Besonderes im Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dieser Kirche hier oder der Stadt ein? Irgendetwas, was vielleicht – sagen wir einmal – ungewöhnlich ist?“

„Ich weiß nicht.“ Der Stadtführer war anscheinend für Torbens Schmeichelei anfällig und überlegte. „Quedlinburg wurde fast kampflos von den US-Amerikanern eingenommen. – Gott sei Dank muss man an dieser Stelle sagen, nur dadurch wurde die Altstadt, die Sie heute noch bewundern können, nicht zerstört.“

„Wieso kampflos?“ Levitt schaltete sich ins Gespräch ein. Alles Militärische schien ihn besonders zu interessieren.

„Ganz einfach, Quedlinburg war quasi eine Lazarettstadt. In dutzenden Villen, Sporthallen und Kirchen wurden in Notlazaretten seit 1943 Verwundete versorgt. Zeitweilig waren es an die achttausend Personen. Schon mit Hinblick auf das Schicksal der Verletzten war ein verbissener Verteidigungskampf nicht möglich.“

„Sie sprechen von Tausenden Menschen. Für so viele Patienten war doch auch zusätzliches Pflegepersonal notwendig, nicht wahr?“, fragte Julia.

„Natürlich“, antwortete Semmler, „die Ärzte und vor allem Krankenschwestern kamen aus ganz Deutschland.“

Torben blickte wieder zum Professor und sagte nur „Bad Mergentheim“. Sein Freund nickte.

„Bitte, was meinten Sie?“ Semmler schaute Torben an.

„Ach, nichts Besonderes. – Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Reden Sie ruhig weiter.“

Der Stadtführer versuchte, den letzten Gedanken wieder aufzunehmen und erzählte: „Das Aufregendste am Kriegsende war der Verlust unseres Domschatzes und Jahrzehnte später seine glückliche Rückkehr!“

„Ich kenne die Geschichte. Sie ging schon vor zwanzig Jahren durch die Medien und wird regelmäßig aufgewärmt. Jeder Archäologe träumt von solch einem Fund“, bemerkte Annabell.

Leicht flapsig erwiderte Torben darauf: „Okay, kann mich trotzdem mal jemand aufklären?“

„St. Servatius verfügt über einen der bekanntesten und kostbarsten Kirchenschätze des Mittelalters, Reliquien gefertigt aus Gold, Edelsteinen und Elfenbein, Geschenke an das mächtige Damenstift“, erklärte Semmler und behielt bei seinen Ausführungen den Professor im Auge. „Bereits 1943 hatte man den Domschatz in einen unterirdischen Stollen unter der Altenburg ausgelagert, nicht sehr weit von hier entfernt. Als die US-Amerikaner die Höhle fanden, entwendete einer ihrer Soldaten zwölf der wichtigsten Stücke und schickte sie seiner Familie per Feldpost nach Hause. Nach dem Tod des GI versuchten seine Erben Anfang der Neunzigerjahre, die Stücke auf dem internationalen Kunstmarkt zu verkaufen. Nachdem deutsche Millionen flossen und nach einem langen juristischen Tauziehen kehrte der Schatz oder zumindest der größte Teil davon, zwei Stücke blieben nämlich unauffindbar, 1993 auf seinen angestammten Platz zurück. Sie können ihn gerne in der Domschatzkammer wenige Meter von hier bewundern.“ Er streckte seinen rechten Arm nach hinten aus und wies damit in Richtung einer Ausstellung.

„Eine wirklich interessante Geschichte.“ Torbens Bemerkung war ernst gemeint. „Aber Sie erzählen sie doch sicherlich nicht ohne Grund. Ich hatte nach etwas Ungewöhnlichem gefragt, nach etwas, was die wenigsten Menschen wissen können! Wieso gerade diese Geschichte, wenn alle Medien bereits darüber berichtet haben?“

Sein Nachbohren war erfolgreich, denn Semmler nickte geheimnisvoll und sagte: „Dass der Schatz wieder auftauchte, war eine Sensation, gewiss. Das Ungewöhnliche ist jedoch, dass gerade zwei Gegenstände verschwunden blieben, von denen ich glaube, dass sie eine besondere Bedeutung haben müssen.“

„Ich versteh nicht recht, was Sie uns damit sagen wollen?“ Professor Meinert war skeptisch.

Ihr Führer jedoch blieb rätselhaft und erwiderte: „Ich kenne jemanden, dem es eher zusteht, diese Geschichte zu Ende zu erzählen. Zwar könnte ich es auch, weil ich sie schon etliche Male gehört habe, noch kann sie es aber selbst.“

„Sie?“, fragte Julia.

„Ja, meine Tante. Ihr Name ist Frieda Kern. Ich kann Sie miteinander bekannt machen, wenn Sie möchten. Allerdings“, Semmler blickte reihum, „sollten wir Ihre Gruppe wohl etwas verkleinern. Ich will nicht, dass sie sich zu sehr aufregt.“

X

Wie die gekreuzten blauen Schwerter belegten, war die Teetasse aus echtem Meissener Porzellan und Torben stellte sie vorsichtig – darauf bedacht, sie nicht zu zerbrechen – neben seinem aufgeschlagenen Notizbuch ab.

Obwohl er schwarzen Tee nicht mochte, hatte er es nicht übers Herz gebracht, das Angebot der alten Dame, die ihm und dem Professor gegenüber saß, auszuschlagen. Während sie Milch bevorzugte, hatte Torben das heiße Getränk mit viel Zucker für sich genießbar gemacht.

Natürlich hatten sie Semmlers Angebot sofort angenommen, seine Tante und offensichtliche Zeitzeugin der Kriegsjahre kennenzulernen. Spätestens als er erfahren hatte, dass Mathildes Quedlinburg im Zweiten Weltkrieg auch nichts anderes als ein riesiges Krankenhaus gewesen war, wusste Torben, dass die Priesterinnen die Stadt – wie Bad Mergentheim – ebenfalls dazu genutzt hatten, um erneut in einer Menge medizinischen Personals unterzutauchen. Schließlich musste es ihr innerer Antrieb gewesen sein, das Wissen anzuwenden, das sie über Jahrhunderte über das Heilen von Krankheiten und Verletzungen gesammelt und von Generation zu Generation weitergegeben hatten.

Schon der Hinweis der sterbenden Margot hatte in ihm den Verdacht aufkommen lassen, dass das Geheimnis, dem sie nachspürten, auch mit den letzten Kriegstagen in Verbindung stehen könnte. Insoweit gab es nichts Besseres, als mit jemandem zu sprechen, der diese Zeit noch selbst hautnah erlebt hatte. Semmlers Hinweis aufnehmend, hatte Torben vorgeschlagen, lediglich gemeinsam mit dem Professor dessen Tante aufzusuchen. Auch wenn zumindest Levitt sie augenscheinlich gerne begleitet hätte, kam von niemandem Widerspruch. Offenbar hatten beide in ihrer Gruppe noch immer so etwas wie ein Exklusivrecht, einen Bonus, weil sie es waren, die vor einigen Monaten zuerst die Tore zur Geschichte weit aufgestoßen hatten.

Frieda Kern erwies sich als zähe, kleingewachsene Frau, deren Lederhaut verriet, dass sie ihr ganzes Leben im Freien verbracht hatte. Das Fehlen jeglicher Fettpolster und ihr sehniger Körperbau zeigten, dass dieses Leben vermutlich mit harter körperlicher Arbeit verbunden gewesen war.

Nun lebte sie am Rande Quedlinburgs allein in einer kleinen Zweiraumwohnung, welche die Masse der Andenken an die verschiedenen Stationen ihres Lebens kaum fassen konnte. Umrahmt von Fotografien, kleinen Schnitzereien, Figuren, Muscheln und einer Vielzahl anderer billiger Souvenirs stand dabei die Schwarzweißaufnahme eines Mannes im reiferen Alter quasi im Zentrum der Erinnerungsstücke. Frieda Kern hatte ihnen bereits erzählt, dass es sich dabei um ein Foto ihres vor einigen Jahren verstorbenen Ehemannes handelte. Sie erklärte ihnen auch ihr genaues Verwandtschaftsverhältnis zu Semmler, dem Fremdenführer und Neffen der alten Dame, der sie einander vorgestellt hatte, jetzt aber wieder anderen Geschäften nachging.

Torben hörte an dieser Stelle möglicherweise nicht mit der gebotenen Aufmerksamkeit zu, beobachtete aber umso genauer.

Er schätzte Frieda Kerns Alter auf circa achtzig Jahre, ihre verkrümmten Finger schienen ein sicheres Anzeichen von Arthrose und mit der getrübten Linse des rechten Auges sah sie sicherlich nicht mehr viel. Dennoch wirkte sie agil und besaß noch immer einen wachen Verstand. Schon allein aufgrund ihres Alters erinnerte sie ihn an seine Großmutter. Er mochte sie auf Anhieb, fühlte sich auf der eigentlich viel zu weichen Couch inmitten ihres Plunders ausgesprochen wohl und war gespannt, was sie zu berichten hatte. „Sie wollen also etwas über den Domschatz und sein Verschwinden hören“, begann Frieda Kern kurz darauf.

„Das Verschwinden, das Wiederauftauchen, alles was nicht in irgendwelchen Zeitungen stand.“ Torbens offenes Lachen war ehrlich gemeint und öffnete das Herz der alten Dame. Sie seufzte. Mit Blick auf das Foto ihres verstorbenen Mannes begann sie zu erzählen.

„Mein lieber Willi, Gott hab ihn selig, war ein ausgesprochen treuer und liebevoller Mann. Aber manchmal“, sie lächelte verschmitzt, „mögen Frauen eben auch das blanke Gegenteil. Schroffheit und Desinteresse können auch sehr anziehend sein.

Zum Kriegsende im Frühjahr 1945 war ich gerade einmal dreizehn Jahre alt und unsterblich in einen zwei Jahre älteren Jungen verliebt, der natürlich nichts von seinem Glück wusste. Natürlich war Krieg, aber wir waren auch Kinder. Wir sprühten vor Energie und Lebensfreude trotz all dem Leid um uns herum.

Ich versuchte natürlich, die Aufmerksamkeit des Jungen zu erregen. Aber was ich auch machte, nichts wollte klappen. Rückblickend ist das auch nicht verwunderlich, denn meine Mutter verhalf mir jeden Morgen zu schrecklich bieder aussehenden Zöpfen, und von weiblichen Rundungen war bei mir noch nichts zu sehen. Vermutlich sah ich eher wie eine Elfjährige aus, ein Umstand, der wenig später bei der Vielzahl stationierter amerikanischer und danach russischer Soldaten gar nicht schlecht war. Als junges Mädchen nicht aufzufallen, war damals eindeutig ein großer Vorteil, denn es gab immer wieder Fälle, wo sich die ausgehungerten Männer gewaltsam nahmen, was sie begehrten.

Kurzum, es gab also diesen Jungen. Sein Name war Carl, und ich suchte auf plumpe Art und Weise ständig seine Nähe. Wenn er mit seinen Freunden auf der Straße Fußball spielte, schaute ich – natürlich betont desinteressiert – zu. Wenn er mit seinen Eltern sonntags in der Kirche war, drängte ich in seine Richtung. Jeden Abend vor dem Schlafengehen galten meine letzten Gedanken ihm und unserer gemeinsamen Zukunft. Alles andere war mir egal.

Carl besaß ein gewisses zeichnerisches Talent. Es kam dabei schon einmal vor, dass er jemanden für einen Groschen mittels Bleistift porträtierte. Obwohl ich wochenlang ein solches Geldstück bei mir trug, habe ich ihn natürlich nicht gefragt, ob er mich auch einmal malen könnte. Zu groß war meine Angst, dass er mich auslachen oder abweisen würde.

Plötzlich erreichte der Krieg aber auch unsere Stadt und das Leben änderte sich über Nacht. Die Amerikaner rückten ein, durchsuchten jedes Haus, jeden Schuppen, jede Scheune und jeden Keller. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Gesichter der beiden Soldaten, die das Haus meiner Eltern kontrolliert haben, noch immer vor mir, solche Angst hatten wir damals, dass sie uns ausrauben und erschlagen würden. Im Großen und Ganzen verhielten sie sich aber den Umständen entsprechend höflich, wohl auch, weil meine Mutter ihnen ein paar Gläser eingemachtes Obst schenkte.

Wer den Alliierten allerdings suspekt vorkam, allen voran Männer im wehrfähigen Alter, in denen man Wehrmachtssoldaten oder SS-Angehörige vermutete, wurde in Gewahrsam genommen und verhört. So erging es dann auch dem Ehemann von Carls Schwester, der eigentlich nur wegen einer in Russland erlittenen Handverletzung nicht mehr an die Front zurückkehren musste. Er wurde sofort in das Gemeindehaus gebracht, das kurzerhand zum Gefängnis umfunktioniert worden war.

Carl suchte natürlich einen Weg, seinen Schwager zu befreien und trieb sich deshalb in der Nähe der GIs herum. Er muss sehr schnell bemerkt haben, dass einige höherrangige Soldaten im Besitz von sogenannten Entlassungsscheinen waren, in denen lediglich der Name der freizulassenden Person eingetragen werden musste. Um an ein solches Dokument zu gelangen, wählte er sich auf dem Marktplatz einen jungen Offizier mit weichen Gesichtszügen aus, und über sein zeichnerisches Talent – er bot ihm an, ihn zu porträtieren – konnte er mit ihm in Kontakt treten.“

„Ich vermute, das war Joe Thomas Meador, nicht wahr, mein Liebe?“, dem Professor fiel es wieder einmal schwer, stillschweigend zu lauschen.

„Ja, sein Name war Meador. Sie haben also von ihm gelesen?“

Professor Meinert nickte, und Torben, der sich nebenbei die eine oder andere Notiz gemacht hatte, schloss die Frage an: „Muss mir dieser Name etwas sagen?“

Der Professor blickte in Frieda Kerns Richtung, als wolle er sich die Erlaubnis für seine Antwort holen. Ihren angedeuteten Lidschlag verstand er als Einwilligung und erklärte Torben: „Wir sagten Ihnen doch bereits, dass jeder Historiker die Odyssee des Domschatzes kennt. Meador war für sie verantwortlich!

Er war Oberleutnant des 87. US-Artillerie Bataillons. Er war knapp dreißig Jahre alt, als er ab 1944 in Europa gegen die Nazis kämpfte. Von Bedeutung ist, dass er vor dem Krieg Kunstgeschichte studiert hatte und dadurch, im Gegensatz zu seinen Kameraden, – sagen wir einmal – besonderes Augenmerk auf historische Gebäude und Artefakte legte. Oder, um es anders auszudrücken, er brachte alles, was von Wert sein könnte, in seinen Besitz und schickte es gut gepolstert und sorgfältig verpackt per Feldpost an seine Familie nach Texas, egal ob nun Silberbestecke, Porzellan oder Ölgemälde. Nicht nur einmal wurde er deshalb von seinen Vorgesetzten gerügt. Ich erinnere mich dunkel, dass er deshalb auch vor einem Kriegsgericht gestanden hat. Das hielt ihn natürlich nicht von seinen Beutezügen ab, vielmehr wurde er nur vorsichtiger, darauf bedacht, künftig nicht mehr ertappt zu werden. Und er war selbstverständlich kein Einzelfall. Viele andere alliierte Soldaten taten es ihm überall in Europa gleich. Das ist ganz typisch für Kriege, erinnern Sie sich bitte nur einmal an die US-Invasion im Irak des Sadam Hussein und die Kunstgegenstände, die dort abhandenkamen.

Aber genug davon und zurück zu dem Jungen, von dem Frau Kern gerade sprach. Ihm ist es jedenfalls tatsächlich gelungen, eben diesem Meador einen Entlassungsschein zu entwenden. Der hat es nicht einmal bemerkt. Für ihn war nur wichtig, dass er endlich jemanden gefunden hatte, der sein künstlerisches Interesse teilte oder zumindest ein gewisses Talent für Malerei besaß. Also freundete er sich mit Carl an. Vielleicht war er es sogar, der Meador einen geheimen Zugang zu den Altenburger Höhlen gezeigt hat, in denen der Domschatz einige Jahre zuvor eingelagert worden war. Selbstverständlich hatten die Amerikaner das Versteck schon gefunden, allerdings bewachten sie nur den Haupteingang, weil sie dachten, es gebe nur einen Weg ins Innere.

Meador gelangte aber trotzdem unbemerkt hinein und stahl die wertvollsten zwölf Artefakte der Stiftskirche aus dem Bergstollen. Auch diese schickte er wieder zu seiner Mutter in die Staaten. Als er Monate später selbst nach Hause zurückkehrte, verkaufte er die Stücke jedoch nicht, sondern behielt sie selbst. Erst Jahrzehnte später, Jahre nach seinem Tod, versuchten seine Erben in den Achtzigerjahren, die Relikte nach und nach auf dem internationalen Kunstmarkt zu veräußern. Natürlich erregten sie Aufsehen, deutsche Behörden schalteten sich ein, anfangs flossen Millionen in Richtung der Verkäufer, es gab Prozesse und man überschüttete sich gegenseitig mit Vorwürfen.“

„Letztendlich kehrten aber zehn Reliquien auf ihren angestammten Platz zurück, nicht wahr?“, fragte Torben nach.

„Ganz richtig, mein Sohn“, meldete sich auch Frau Kern nun wieder zu Wort. „Das sogenannte Bergkristall-Reliquiar und ein Umhängekreuz fehlen allerdings bis heute.“ Sie lächelte geheimnisvoll. Torben spürte förmlich, dass sie genau wegen dieses Umstandes hier waren. Er fragte sie ganz direkt: „Spannen Sie mich bitte nicht weiter auf die Folter. Was wissen Sie darüber?“

„Über die Umstände des letztendlichen Verschwindens in den Vereinigten Staaten weiß ich gar nichts. In den Zeitungen stand nur, dass beide Gegenstände in Dallas abhandengekommen sein sollen. Mehrere Zeugen berichteten, sie weit nach Kriegsende noch im Besitz von Meador gesehen zu haben. – Allerdings“, ihr spitzbubenhaftes Lächeln kehrte zurück, „habe ich als junges Mädchen eine Beobachtung gemacht, die mit eben diesen beiden Gegenständen in Verbindung stehen könnte.“

Bedeutungsvoll nahm Frieda Kern noch einen Schluck aus der Teetasse und begann danach zu erzählen: „Natürlich sprach es sich sehr schnell herum, dass Carl viel Zeit mit einem US-amerikanischen Offizier verbrachte. Während einige ihn für diesen Umgang mit dem Feind verachteten oder wieder andere ihn um seine neuen, guten Beziehungen beneideten, überwältigte mich ein völlig anderes Gefühl, nämlich Eifersucht! Was treibt wohl ein erwachsener Mann mit einem zarten Jungen, der halb so alt wie er selbst ist? Wieso verbringt er seine Freizeit mit ihm? Auch wenn es Carl nicht gemerkt hat, ich habe gespürt, welche Neigungen Meador hatte.

Es machte mich zu dieser Zeit jedenfalls völlig verrückt, mir vorstellen zu müssen, was Meador mit meinem Carl jeden Nachmittag, wenn sie verschwanden, anstellte. Also passte ich sie eines Morgens ab und verfolgte ihren Jeep mit meinem alten und viel zu großen Damenrad. Glücklicherweise schien es Meador nicht eilig zu haben und mir gelang es dadurch, an ihnen dranzubleiben. Natürlich wurde der Abstand zwischen uns immer größer und irgendwann verlor ich sie gänzlich aus den Augen.

Außer Atem wie ich war und völlig betäubt von dem Gedanken an meine Jugendliebe, kam mir aber Aufgeben nicht einmal ansatzweise in den Sinn. Ich folgte der Straße, einem ungepflasterten Feldweg, immer weiter. An Kreuzungen versuchte ich anhand von frischen Fahrspuren, die richtige Richtung zu erahnen und drang dabei in den Wald über den Altenburger Höhlen vor, viel weiter, als jemals zuvor. Ich wusste, dass es Gerüchte gab, dass sich hier noch versprengte deutsche Soldaten aufhalten sollten, die unter anderem Waffendepots bewachten. Mein Sinn für Gefahr kehrte allmählich zurück, und ich begann langsam, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Gerade als ich umkehren wollte, erblickte ich jedoch in einiger Entfernung Meadors Wagen und schöpfte wieder neuen Mut. Er stand, abwärts des Weges geparkt, nur einhundert Meter von mir entfernt. Meador war außerhalb des Autos, und Carl konnte ich hinter der Frontscheibe im Inneren entdecken. Es schien, als wäre er in ein Buch vertieft. Er nahm nichts von seiner Umgebung wahr.

Zu meiner völligen Überraschung lief aber Meador plötzlich und scheinbar zielgerichtet los. Über der Schulter hing ihm lose ein Rucksack, der offensichtlich leer war. Ich konnte erkennen, wie er langsam den kleinen Hang des Hügels hinaufkletterte. Ab und an stützte er sich dabei an einem Baum ab. Bei diesen Gelegenheiten blickte er sich regelmäßig um, als ob er sicher gehen wollte, nicht verfolgt zu werden.

Ich war damals völlig verwirrt, weil ich mich wohl getäuscht hatte und gleichzeitig doch unendlich erleichtert, dass Meador mit meinem geliebten Carl gar kein geheimes Schäferstündchen verbrachte. Aber was machte er dann mitten in dieser Einöde?

Um der Frage nachzugehen, versteckte ich schnell mein Fahrrad in einem Graben hinter einem Gebüsch und folgte Meador vorsichtig. Das war übrigens nicht so einfach, wie es sich jetzt vielleicht anhört. Ich nutzte dafür umgestürzte Baumstämme, Gestrüpp und Bodensenken, immer darauf bedacht, dass er mich nicht sah oder hörte. Plötzlich – ich war vielleicht sechzig Meter von ihm entfernt – blieb er in einer kleinen Vertiefung, ähnlich einem Trichter, stehen. Er hantierte kurz an irgendetwas herum und war einen Moment später wie vom Erdboden verschluckt.

Als ich auf diese Stelle zu robbte, schlug mir das Herz bis zum Hals, da Meador ja jederzeit wieder auftauchen konnte. Aber nichts dergleichen geschah und so erreichte ich …“

Frau Kern brach mitten im Satz ab und griff erneut zur Tasse.

Torben, ungeduldig wie immer, fragte sofort nach: „Was erreichten Sie?“

„Was glauben Sie denn, was sie gefunden hat?“ Der Professor lächelte, als er das sagte. „Sie wird den geheimen Zugang zu den Altenburger Höhlen gefunden haben, den Meador genutzt hat, um nach und nach den Domschatz zu stehlen, während der Haupteingang von seinen Kameraden bewacht wurde. Nicht wahr, meine Liebe?“

„Ganz recht!“, bestätigte Frau Kern schmunzelnd die Vermutungen Professor Meinerts. „Ich fand damals einen Belüftungsschacht, der vermutlich künstlich in den Berg getrieben worden war, weil man ja die Höhlen auch als Luftschutzbunker nutzen wollte. Eigentlich war dieser Zugang mit einem schweren Eisengitter verschlossen, aber das stand jetzt offen und selbst ein Schloss konnte ich nirgends sehen. Der Schacht war schmal, gerade breit genug, dass sich ein erwachsener Mann noch durchzwängen konnte. Und Meador war genau dies offensichtlich gelungen.

Zufrieden mit meiner Entdeckung zog ich mich wieder zurück und versteckte mich in der Nähe hinter einigen mit Moos überzogenen Felsen. Ich brauchte Geduld, denn erst etwa eine Stunde später sah ich von dort, wie zunächst Meadors Kopf aus dem Loch hervorschaute und kurz darauf der restliche Körper folgte. Ich beobachtete ihn, wie er das Gitter wieder schloss und mit einigen Zweigen und Laub tarnte. Sein Rucksack schien mir jetzt prall gefüllt zu sein. Er zündete sich eine Zigarette an und machte sich offensichtlich gut gelaunt auf den Rückweg zu seinem Auto.

Ich folgte ihm wieder genauso vorsichtig und mit einigem Abstand. Wenig später sah ich, wie Meador, nachdem er seine Beute im Kofferraum verstaut hatte, gemeinsam mit Carl wegfuhr. Als ich mir relativ sicher war, dass sie nicht doch umdrehten, lief ich zum Lüftungsschacht zurück.

Dort angekommen, gelang es mir mit viel Mühe, das Gitter aufzudrücken. Ich blickte in die Dunkelheit, und mir schlug kühle und leicht modrige Luft entgegen, die mich frösteln ließ. Ich wollte unbedingt wissen, was dort unten war. An Ungeheuer und Monster glaubte ich sowieso nicht – nicht nach diesem Krieg – und Meador war wieder weggefahren. Vor wem sollte ich also Angst haben? Und so kletterte ich langsam die in die Felswand getriebenen Eisensprossen hinunter, die schon mit einer Rostschicht überzogen waren, immer darauf bedacht, auf dem nassen Metall nicht auszugleiten.

Es war ein schöner Frühlingstag Anfang Mai, sodass mir die mittlerweile hoch am Himmel stehende Sonne halbwegs Licht spendete. Außerdem sagte ich mir, sollte es zu dunkel werden, würde ich eben einfach umdrehen. Aber ich hatte Glück, als ich nach etwa zehn Metern wieder festen Boden spürte, stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, der mit einem leisen, metallischen Klicken zur Seite rollte. Ich tastete danach und konnte es kaum fassen. Es war eine Taschenlampe! Meador musste sie zurückgelassen haben, vielleicht für seinen nächsten Besuch.

Sie funktionierte, und so konnte ich mich umsehen. Der Gang, in dem ich mich befand, war nur wenig größer als der Schacht über mir. Einige der Flächen erschienen unnatürlich glatt. Wahrscheinlich hatte man für die Belüftung der Höhlen, um sie als Bunker zu benutzen, einfach einen Felsspalt vergrößert. Der Gang verlief nahezu waagerecht und führte mit einer Rechtsbiegung von mir weg, sodass ich nur die ersten Meter ausleuchten konnte.

Selbstverständlich war ich unglaublich aufgeregt. Aber Umdrehen kam für mich damals nicht in Frage, zu groß war meine Neugier, was sich am Ende des Ganges verbergen könnte. Ich wollte es unbedingt wissen! Also drang ich mit Hilfe der Taschenlampe immer tiefer in die Höhle vor.

Ich war etwa dreißig Meter gegangen, da vernahm ich Geräusche. Ich schaltete das Licht so schnell ich konnte aus und hoffte, dass mich bislang niemand bemerkt hatte. Plötzlich fiel mir ein, dass es Meador sein könnte, der doch noch einmal zurückkehrte und sich mir nun von hinten näherte. Ich stellte mir vor, wie er längst das geöffnete Abdeckgitter und die fehlende Taschenlampe entdeckt hatte und jetzt den Eindringling mit gezogener Waffe jagte, bereit ihn zu töten. Schon spürte ich seinen starken Griff an meinem Hals. Ich bekam trotz der Kühle unter der Erde einen Schweißausbruch und Panik stieg in mir hoch. Was sollte ich nur machen? Er würde mich sicherlich jeden Moment ermorden, weil ich sein Geheimnis entdeckt hatte.“

Frieda Kern machte erneut eine Pause, blickte ihre Besucher an und fragte: „Noch etwas Tee?“

Torben prustete regelrecht los, so musste er lachen: „Tee? Sie fragen an der spannendsten Stelle der Geschichte, ob wir noch etwas Tee trinken möchten? Ich wage kaum zu atmen, damit ich alles, was Sie erzählen, auch ganz genau höre! Sie sind einfach unglaublich, meine Liebe!“

Frieda Kern lächelte und antwortete mit einem Augenzwinkern: „Ich weiß! Ich wollte ja nur feststellen, ob Sie mir noch zuhören.“

„Natürlich tun wir das. Und nun erzählen Sie schon, was passierte weiter?“, forderte Torben sie auf.

„Da ich vor Ihnen sitze, liegen Sie mit Ihrer Vermutung richtig, dass es nicht Meador war, der sich gemeinsam mit mir in der Höhle befand.“

Sie nippte erneut an ihrer Tasse und Torben lächelte in sich hinein. Ihre Gastgeberin verstand es wirklich, sich ihre Aufmerksamkeit zu sichern. Er hätte sie gern in jüngeren Jahren kennengelernt. Er konnte sie sich gerade sehr gut als verwegenes dreizehnjähriges Mädchen vorstellen.

Sie sprach nun doch endlich weiter: „Da kein nach Blut lechzender Meador in der Dunkelheit auftauchte, beruhigte ich mich langsam und konzentrierte mich auf die Geräusche, die ich hörte. Sie kamen weder näher noch aus Richtung meines Einstiegs. Ihre Quelle lag also vor mir. Kurzerhand steckte ich mir die Taschenlampe in den Hosenbund, damit ich sie nicht aus Versehen gegen die Felsen schlug und tastete mich danach langsam und vorsichtig in der Dunkelheit weiter nach vorn. Nach einiger Zeit konnte ich die Wände und Konturen des Schachts wieder schemenhaft erkennen. Vor mir gab es also eine Lichtquelle. Außerdem wurden aus den unverständlichen Geräuschen langsam aber sicher mehrere Stimmen und kratzende beziehungsweise schlagende Laute.

Da ich wieder mehr sah, kam ich auch schneller vorwärts, und nach wenigen Minuten stieß ich auf eine geräumige Höhle. Sie lag etwa zwei Meter unterhalb meines Spalts, der durch einen Vorsprung in der Wand von unten sicherlich kaum zu erkennen war.

Ich legte mich auf den Bauch und kroch zum Ende meines Ganges. Vorsichtig spähte ich nach unten.

Ich sah dutzende große und kleine Kisten, provisorisch aus alten Brettern oder neuem, unbehandelten Bauholz gefertigt, die in der Mitte einer wahrlich riesigen Höhle lagerten. Ich wusste sofort, dass ich auf den Schatz der Quedlinburger Kirchen gestoßen war. Als durch die Bombenangriffe der Engländer die ersten historischen Gebäude in Deutschland brannten, hatten unsere Stadtoberhäupter nämlich beschlossen, vorsichtshalber alle wertvollen Gegenstände auszulagern, damit uns nicht das Gleiche widerfahren konnte. Nur wenige Eingeweihte wussten damals, wo die Sachen deponiert worden waren.

Wir Kinder träumten natürlich davon, zufällig auf diesen Schatz zu stoßen und plötzlich unermesslich reich zu sein. Mir war es offensichtlich gelungen! Und Meador auch! Plötzlich wurde mir klar, dass er nach und nach wie ein Grabräuber im alten Ägypten die historischen Artefakte plünderte.

Aber es gab auch noch andere, die von dem Aufenthaltsort wussten, denn von meiner vermutlich sicheren Position aus konnte ich zwei mir nicht bekannte Frauen beobachten, die sich im Lichte einer Petroleumlampe ebenfalls an einer der Kisten zu schaffen machten.“

Torben machte sich eifrig Notizen, und Frieda Kern wartete kurz, damit er mit dem Schreiben hinterherkam.

„Die ältere von beiden, sie trug eine zu große Männerjacke und eine graue Schirmmütze, gab Anweisungen, und die jüngere durchkramte den Behälter. Ab und an hielt sie einen funkelnden Gegenstand hoch. Doch jedes Mal schüttelte die Alte den Kopf. Das jeweilige Objekt wurde danach wieder sorgfältig in Papier, Lumpen oder Holzspäne verpackt.

Beide Frauen waren sehr erregt, und ich hörte, wie sie offensichtlich über jemanden schimpften, ihn gar fast schon verfluchten. Sie sprachen von dem ‚elenden Hund, der das Kreuz und den Flakon‘ mitgenommen hätte. Sie sagten, dass es besser gewesen wäre, ihn gleich zu töten. Außerdem wäre es ‚eine verrückte Idee‘ gewesen, die Hinweise in den Gegenständen zu verstecken. Ich nehme an, dass sie Meador meinten.“

„Moment, bitte nicht so schnell! Wenn Sie erlauben? Ich habe gleich an dieser Stelle ein paar Nachfragen“, unterbrach der Professor, und Frieda Kern reagierte mit einem kurzen Kopfnicken.

Professor Meinert setzte an: „Sie haben also vermutlich in der Altenburger Höhle, in der der ausgelagerte Domschatz lagerte, zwei Frauen überrascht?“

„Genau, das sagte ich.“

„Aber, wie kamen die beiden in die Höhle?“

„Sie wussten offensichtlich genauso wie Meador von den Belüftungsschächten. Ich sah, wie sie die Höhle etwas später durch einen anderen auf der gegenüber liegenden Seite verließen.“

„Also gab es mehrere davon?“

„Offensichtlich!“

„Ist Ihnen an den beiden Frauen irgendetwas Besonderes aufgefallen? Sprachen Sie sich mit Namen an?“, erkundigte sich der Professor weiter.

„Ihre Gesichter konnte ich kaum erkennen. Die Ältere war vielleicht um die sechzig. Die andere halb so alt. Sie trugen Hosen. Aber das war nichts Ungewöhnliches. Das taten schon damals viele Frauen, weil es einfach zweckmäßig war. Die Kleidung war hochwertig, aber stark verschmutzt, als ob sie länger nicht gewechselt worden war. Es fielen weder Namen, noch kann ich mich sonst an irgendetwas Besonderes erinnern. Es tut mir leid.“

Torben gefiel nicht, wie der Professor die alte Dame regelrecht vernahm. Er schaltete sich wieder ins Gespräch ein: „Frau Kern, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Was Sie uns erzählt haben, hilft uns wirklich weiter. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, suchten die beiden Frauen nach zwei Gegenständen, die Sie ‚Kreuz‘ und ‚Flakon‘ nannten. Wurden sie noch fündig?“

„Nein, und das verärgerte sie ungemein. Sie beratschlagten, was sie tun könnten. Ich hörte, dass sie darauf hofften, dass die Gegenstände vielleicht irgendwo zum Kauf angeboten würden. In ihren Augen könnte der Soldat – sie kannten Meadors Namen ja nicht – die ganzen Sachen nicht ständig mit sich herumtragen.“

„Sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass er sie per Feldpost nach Hause schicken würde“, brummte der Professor.

„Vermutlich“, pflichtete ihm ihre Gastgeberin bei.

„Und diese beiden Gegenstände, von denen wir gerade sprechen, Sie meinen, das könnten die beiden noch immer verschollenen Artefakte des Domschatzes sein?“, fragte Torben.

„Nach allem, was ich gelesen habe, fehlt noch immer von einem Bergkristallreliquiar in Form einer Bischofsmütze – das könnte der ‚Flakon‘ sein – und einem aufklappbarem Kruzifix – also nichts anderem als einem Kreuz – jede Spur! Meine Antwort lautet also: Ja!“ Torben bohrte nach: „Und Sie haben ganz genau gehört, dass in diesen Artefakten Hinweise versteckt gewesen sein sollen?“

„Ja, mein Sohn! Das sagte ich bereits!“, antwortete Frieda Kern freundlich und lehnte sich zufrieden zurück.

Mit der Bemerkung „Unglaublich“ tat Torben das Gleiche.

Professor Meinert hatte jedoch noch weitere Fragen und wandte sich nochmals an Frau Kern: „Haben Sie sich die Kisten genauer angeschaut?“

„Nein, das habe ich nicht. Ich hatte Angst, dass ich es vielleicht nicht schaffen würde, an der glatten Wand wieder in meinen Schacht hochzuklettern.“

„Meador ist es doch auch gelungen?“, wandte der Professor ein.

„Ja, er war aber auch ein erwachsener Mann und ich nur ein halbwüchsiges Mädchen!“, konterte ihre Gastgeberin. „Ich wartete noch einige Minuten in der Dunkelheit, bis die beiden Frauen, die wirklich unglaublich wütend darüber waren, dass ausgerechnet diese beiden Stücke ebenfalls entwendet worden waren, in ihren Felsspalt verschwanden. Danach trat ich ebenfalls den Rückweg an und kletterte nach einer knappen Viertelstunde aus dem Loch ins Freie.

Die Taschenlampe hatte ich zuvor selbstverständlich wieder an die Stelle gelegt, wo ich sie gefunden hatte, damit Meador bei einer eventuellen Rückkehr keinen Verdacht schöpfte. Das Lüftungsgitter schloss ich ebenfalls und tarnte es wieder mit Moos und Ästen. Als ich zu meinem Fahrrad ging, hielt ich nach den beiden Frauen Ausschau, schließlich mussten sie kurz vor mir an die Erdoberfläche zurückgekehrt sein, wenn auch an anderer Stelle. Sie hatten allerdings offenbar einen mir unbekannten Weg eingeschlagen, denn ich konnte sie nirgends entdecken.

Als ich endlich wieder auf meinem Rad saß, folgte ich einer spontanen Eingebung und radelte den Weg noch einen halben Kilometer weiter. Dabei umrundete ich quasi den Altenburger Berg. Plötzlich tauchten vor mir in einiger Entfernung ein Fahrzeug der US-Armee und zwei Armeezelte auf. Ich sah, dass einige GIs gelangweilt im Schatten einiger Bäume Karten spielten oder schliefen. Im Hintergrund konnte ich eine Felswand erkennen. Zufrieden, dass ich jetzt den Haupteingang zum Höhlensystem gefunden hatte, der tatsächlich wie vermutet von den Alliierten bewacht wurde, drehte ich um und kehrte nach Hause zurück.“

„Haben Sie damals irgendjemandem von Ihren Erlebnissen berichtet?“, wollte Torben wissen.

„Um Himmels willen, nein, natürlich nicht!“, lachte Frieda Kern. „Was glauben Sie denn, was mein Vater mit mir gemacht hätte? Er hätte mich für meinen Leichtsinn grün und blau geschlagen! Ich habe es schön für mich behalten und bin auch nie wieder dorthin gefahren.

Im Laufe der Zeit habe ich das Erlebte einfach vergessen. Andere Sachen in meinem Leben waren wichtiger. Familie, Beruf, Freud und Leid. Erst als der Schatz wiederentdeckt wurde und nach Quedlinburg zurückkehrte, erinnerte ich mich daran. Als dann auch noch von zwei fehlenden Gegenständen berichtet wurde, die just in meine Geschichte passten, erschien mir das sehr ungewöhnlich, sodass ich mit Verwandten oder Freunden – so wie jetzt mit Ihnen – darüber gesprochen habe.

Vorher hatte ich dies nicht ein einziges Mal getan. Damals genügte mir mein Wissen, dass Carl nicht Meadors Liebhaber war.

Er hatte ihn wahrscheinlich lediglich zur Höhle oder den Belüftungsschächten geführt. Vielleicht kannte Carl die Gegend von den Kriegsspielen und Manövern, die die Hitlerjugend immer dort abgehalten hatte und bei denen er möglicherweise zufällig auf die Zugänge gestoßen war.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
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471 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783954626335
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