Kitabı oku: «Haiti – Teuflische Entscheidung»
Haiti
Teuflische Entscheidung
SWEN REINHARDT
Impressum
Š Swen Reinhardt
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-7391-5
All rights reserved
Nachdruck, auch auszugsweise, Übersetzung und jede Art der Vervielfältigung oder Wiedergabe nur mit Quellenangabe und schriftlicher Genehmigung der Verfasser.
Ganz langsam schob sich die Sonne über die Gipfel des gewaltigen Bergmassivs und schickte erste wärmende Strahlen auf die kleinen Bambushütten, die zu Fuße des Morne Saint-Hilaire im Hinterland Haitis lagen. Verschlafen blinzelte Loransya in das dunkle Innere ihres bescheidenen Zuhauses. Ihre Mutter kniete bereits auf dem lehmigen Boden vor der kleinen Kochstelle und rührte den Frühstücksbrei für die ganze Familie an. Das kleine Mädchen liebte es, ihrer Mutter allmorgendlich dabei zuzusehen wie sie den neuen Tag mit einem Lied auf den Lippen begrüßte und beobachtete sie eine ganze Weile, ehe sie sich gähnend von ihrer Strohmatte erhob und ihr hartes Schlaflager gegen den weichen Schoß der Mutter eintauschte.
Loransya, mein Mädchen! Hast du gut geschlafen?
Das sechsjährige Mädchen beantwortete die Frage wie jeden Morgen mit einem Nicken und drückte sich noch enger an die Mutter heran. Eine ganze Weile rührten sie gemeinsam im klebrigen Bananenbrei und sangen dabei haitianische Volkslieder vor sich hin, ehe ihr Vater zusammen mit Loransyas beiden größeren Brüdern nach Hause kam.
Die Mangos sind endlich reif, es wird Zeit für die Ernte!, begrüßte er sie ruppig, gab Loransya einen Kuss auf die Wange und ließ sich ebenfalls auf dem lehmigen Fußboden der kleinen Bambushütte nieder. Schweigend teilten sie sich die winzige Portion Brei, wohl wissend, dass keiner von ihnen davon wirklich satt werden würde.
Kaum eine halbe Stunde später stand die ganze Familie auf dem kleinen Mangofeld, das den Lebensunterhalt der Familie sicherte. Der spärliche Ernteertrag reichte auch in guten Jahren kaum dazu aus, die fünfköpfige Familie zu ernähren. Die Temperaturen waren zwischenzeitlich stark angestiegen und über dem Feld breitete sich eine quälende Hitze aus, wenn sie auch im Schatten der Mangobäume um einiges besser zu ertragen war. Jean und Gerárd, die älteren Brüder von Loransya, die im Laufe der Jahre eine gewisse Routine in der Landwirtschaft entwickelt hatten, kletterten die Mangobäume empor und begannen mit der Ernte, während das Familienoberhaupt am Boden stand und die reifen Früchte in Empfang nahm. Die Aufgabe von Loransyas Mutter bestand darin, die Mangos in großen Körben zu einem etwa zwei Kilometer entfernten Holzverschlag zu transportieren, wo die Früchte bis zu ihrem Verkauf auf dem Markt gelagert wurden. Selbst die kleine Loransya bemühte sich, ihre Familie nach Kräften zu unterstützen und füllte sich einen kleinen Korb mit Früchten, den sie auf dem Kopf zur Lagerstelle trug. Nachdem sie den langen, beschwerlichen Weg einige Male auf sich genommen hatte, schwanden ihre Kräfte dahin und es gelang ihr beinahe nicht mehr, das holprige Stück zum Feld zurückzulegen. Natürlich blieb das von ihrer Mutter nicht unbemerkt.
Loransya, komm zu mir!
Liebevoll nahm sie ihre Tochter auf den Arm, band sie sich mit einem großen, bunten Leinentuch an den Körper und trug sie ungeachtet ihres Alters wie einen Säugling mit sich. Sofort durchströmte das kleine Mädchen ein Gefühl der Zuneigung und Geborgenheit. Den Kopf ganz eng an die geliebte Mutter geschmiegt, war Loransya schon nach wenigen Minuten tief und fest eingeschlafen.
Wie lange sie die Mangoernte verschlafen hatte, bemerkte Loransya erst, als sie die Augen wieder aufschlug und die Sonne langsam am Horizont verschwinden sah. Noch immer trug ihre Mutter sie ganz nah an ihrem Herzen, allerdings war die Familie bereits dabei, sich auf den Rückweg in ihre Bambushütte zu machen. Obwohl Loransya mit ihren sechs Jahren noch nicht wirklich viel von der Welt wusste, so reichte ein Blick in das sorgenvolle Gesicht ihres Vaters doch aus, um zu wissen, dass die diesjährige Ernte nicht dazu ausreichte, die hungrigen Münder ihrer fünfköpfigen Familie zu stopfen.
Wir müssen uns etwas einfallen lassen, sonst verhungern wir alle fünf elend!, stieß er immer wieder zwischen seinen fest zusammengepressten Lippen hervor.
Vielleicht kann uns doch dein Onkel
, begann Loransyas Mutter vorsichtig, doch ihr Vorschlag wurde bereits im Keim erstickt.
Halte den Mund!, fuhr der Vater sie wutentbrannt an und sie wagte nicht mehr, seinem Gejammer etwas entgegen zu setzen, sondern machte sich stattdessen an die Arbeit, der Familie einen Mango-Reis-Brei zuzubereiten.
Es war bereits stockdunkle Nacht, als Loransya neben den gleichmäßigen Atemgeräuschen ihrer Brüder Jean und Gerárd die Fetzen einer Auseinandersetzung ihrer Eltern, die sich wie jeden Abend vor die Bambushütte zurückgezogen hatten, wahrnahm.
Wir haben nur eine Möglichkeit und die heißt Restavčk!, zischte ihr Vater. Oder willst Du etwa, dass wir alle verhungern? Glaub mir, ihr wird es dort besser gehen. Sie kann eine Schule besuchen und muss nicht mehr hungern!
Loransya hatte zwar keine Ahnung was Restavčk bedeuten sollte, aber sie spürte intuitiv, dass es nichts Gutes war und dieser unbekannte Begriff große Angst und Unsicherheit in ihr auslöste. Dieses Gefühl sollte sich in den kommenden Tagen und Wochen noch mehr verstärken, denn wann immer Loransya ihre Ohren spitzte, das Wort Restavčk fiel ständig und in dem kleinen Mädchen machte sich mehr und mehr die Sicherheit breit, dass sie der Gegenstand der vielen Diskussionen war. Die quälende Ungewissheit sorgte dafür, dass ihr kleiner Bauch mehr schmerzte, als es dem Hunger jemals gelingen würde, ihr zuzusetzen. Dieser Zustand ließ nur nachts ein wenig nach, wenn sie eng an ihre Mutter gekuschelt auf der Strohmatte lag und den beruhigenden Schlag ihres Herzens spüren konnte.
Einige Wochen später kehrte ihr Vater am frühen Nachmittag vom Markt in Jacmel zurück, auf dem er tagtäglich verzweifelt versuchte, die geernteten Mangos für wenige Gourde zu verkaufen. Auch heute wirkte er niedergeschlagen und brachte beinahe alle Früchte wieder mit nach Hause. Allerdings war er heute nicht alleine in das kleine Bergdorf zurückgekehrt, sondern befand sich in Begleitung einer für haitianische Verhältnisse sehr gut bekleideten Frau. Loransya saß gerade auf dem Schoß ihrer Mutter vor der Hütte und half ihr dabei, das Abendessen zuzubereiten, als sie den ungewöhnlichen Gast entdeckte. Die Unsicherheit seiner Familie wohl bemerkend setzte ihr Vater ein gequältes, künstliches Lächeln auf.
Mariana, das ist Tante Lucia. Ich habe dir von ihr erzählt, wandte er sich an seine Frau.
Die Reaktion der Mutter ließ Loransya erstarren. Normalerweise war ihre Mutter das freundlichste Wesen, das das Mädchen in seinem jungen Leben überhaupt kennen gelernt hatte, und allen Fremden gegenüber stets sehr aufgeschlossen. Doch statt den unbekannten Gast wie üblich freundlich willkommen zu heißen, schlang ihre Mutter die Arme noch fester um Loransya.
Mariana, wir haben keine andere Wahl!
Die dunklen Augen ihres Vaters funkelten bedrohlich und seine Stimme machte deutlich, dass er in dieser Angelegenheit nicht bereit war, länger mit sich reden zu lassen und eine unwiderrufliche Entscheidung gefällt hatte.
Restavčk, schoss es der kleinen Loransya durch den Kopf und sofort füllten sich ihre Augen mit Tränen. Plötzlich war ihr die Bedeutung dieses Begriffs erschreckend klar: Die Frau war gekommen, um sie zu holen, wegzuholen von ihrer geliebten Mama, ihren Brüdern, ihrer Familie, ihrem Zuhause! Ängstlich klammerte sie sich an ihrer Mutter fest und, obwohl sie ihren Kopf tief in ihren Busen vergaben hatte, sah sie im Augenwinkel wie Jean mit der einzigen Tasche, die die Familie besaß, aus der Bambushütte trat. Sie wollte nicht weg, sie hatte Angst vor dieser Frau!
Ganz langsam wich die Härte aus dem Blick des Familienoberhaupts und stattdessen füllten sich seine Augen mit Tränen. Hilflos ließ er sich neben seiner Frau auf dem Boden nieder und streichelte seiner Tochter ungeschickt über den Kopf.
Loransya, wir werden dich immer in unserem Herzen tragen, stieß er stotternd und mit bebender Stimme hervor, aber wir werden sonst alle verhungern. Du wirst es gut haben bei deiner neuen Familie!
Über die vernarbten Wangen des schwarzen Mannes rannen jetzt Tränen.
Es ist Zeit Abschied zu nehmen, schluchzte er aus tiefstem Herzen und drückte sein kleines Mädchen ganz nah an die Brust. Lebe wohl, Loransya, flüsterte er ihr kaum hörbar zu.
Loransya weinte jetzt nicht mehr, sondern bettelte nach ihrer Mutter und flehte inständig darum, nicht weggeschickt zu werden, als Jean sie auf die Ladefläche eines alten Geländewagens hob. Schlagartig begriff ihr kleines Herz, dass sie ihr Zuhause, ihre Mutter, ihren Vater und ihre Brüder für immer hinter sich lassen musste, ohne dass sie jemals nach ihrer Meinung gefragt wurde. Im harten Kampf ums Überleben opferte ihre Familie einfach das schwächste Glied die kleine erst sechsjährige Loransya.
Mama, lass mich bei dir bleiben!
Aber niemand schien die Bitten des Mädchens erhören zu wollen; ihre Mutter wandte sich um und verschwand in der Hütte, während Vater und Brüder mit ausdruckslosen Blicken durch sie hindurch blickten als wäre sie aus Glas. Die fremde Frau, die Loransya als Tante Lucia vorgestellt worden war, hatte sich bis jetzt im Hintergrund gehalten, nahm aber schließlich ihren Vater beiseite und besprach mit ihm etwas, was das kleine Mädchen nicht verstehen konnte. Loransyas Herz klopfte wie verrückt vor Angst und sie fühlte sich, als würde ihre die ganze Familie dabei zu sehen, wie sie im tiefen Meer von den rauschenden Fluten nach unten gerissen wurde.
Jean, Jean!, hörte sie ihre Mutter aus dem Inneren der Bambushütte rufen, wo ist Loransyas Puppe?
Unwillig wandte sich der ältere Bruder ab und schlürfte zu seiner Mutter, während Gerárd nach Loransyas Hand griff und versuchte, seine kleine Schwester zu beruhigen.
Du wirst sehen, alles wird gut! Du wirst es besser haben als wir!
Obwohl er sich bemühte, seiner Stimme einen möglichst zuversichtlichen Klang zu verleihen, so spürte Loransya doch, dass auch ihr Lieblingsbruder nicht von seinen Worten überzeugt war. Schweigend hielt er ihre Hand fest gedrückt, als Jean und die Mutter wieder aus der Hütte traten.
Wo ist deine Puppe, Loransya?, fragte Jean und musterte sie missbilligend.
Sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich zusehends, als das kleine Mädchen nur mit den Schultern zuckte.
Siehst du, wandte er sich an die Mutter, dann hat sie auch keine Puppe verdient!
Wortlos ließ Gerárd die Hand der kleinen Schwester los, rannte in die Hütte und kehrte mit seiner eigenen Puppe zurück zum Geländewagen.
Ich gebe dir meine, flüsterte er liebevoll und reichte Loransya die Puppe nach oben.
Jedes der drei Kinder der Familie hatte zum letzten Weihnachtsfest eine hübsche, von der Mutter in liebevoller Kleinstarbeit selbst genähte Puppe geschenkt bekommen. Loransya konnte sich noch ganz genau an den Weihnachtsabend erinnern. In der Mitte des kleinen Raumes brannte eine Kerze und zur Feier des Tages bekam jeder ein winziges Stück Fleisch. Der feierliche Höhepunkt des Weihnachtsfestes war jedoch der Moment, indem die Mutter jedem Kind ein in Packpapier gehülltes Geschenk überreichte. Loransya konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, jemals etwas geschenkt bekommen zu haben und so war schon die Tatsache an sich, ein Weihnachtsgeschenk zu erhalten, etwas ganz Besonderes. Wie endlos glücklich war sie erst, als sie das Geschenk ausgepackt hatte und die wunderschönste Puppe, die das kleine Mädchen jemals gesehen hatte, in ihren Händen lag. Die Puppe war aus den Überresten eines alten Sacks genäht und mit Baumwolle gefüllt worden. Für die Augen waren zwei alte Knöpfe in das Gesicht der Puppe genäht worden, Mund und Nase waren fein säuberlich gestickt. Damit der Kopf der Puppe nicht kahl blieb, hatte ihre Mutter die eigenen Haare abgeschnitten und am Puppenkopf befestigt.
Mit einem durchdringenden Räuspern kündigte die unbekannte, fremde Tante Lucia die Abfahrt in Loransyas neues Leben - ein Leben fern von Liebe und Geborgenheit - an. Das kleine Mädchen wollte gerade die Arme nach ihrer Mutter ausstrecken, als sich bereits der alte Geländewagen in Bewegung setzte und über den holprigen Bergweg rollte.
Mama! Mama! Gerŕrd!
Loransya brüllte aus Leibeskräften, aber keiner kam um sie zu holen. Der letzte, verschwommene Blick, der sich dem kleinen Mädchen auf die Heimat bot, war ihre Familie, die vor der kleinen Bambushütte stand und ihr schweigend hinterher winkten. Nach der nächsten Kurve waren sie verschwunden.
Die Fahrt ging über schlechte Straßen, die sich durch das haitianische Gebirge schlängelten und an einigen Stellen beinahe unpassierbar waren. Loransyas kleiner Körper wurde in jeder Kurve unbarmherzig auf die harte Ladefläche des Geländewagens geschleudert. Es waren erst wenige Stunden vergangen seit sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte, doch erst jetzt schien das kleine Mädchen zu begreifen, dass alles Weinen, Betteln und Jammern ungehört im Hochland verschallte. Keiner war hier um sie zu trösten, und weder Mutter noch Gerárd schlossen sie wie gewohnt in die Arme, um ihre Tränen zu trocknen.
Mama, Mama,
, wimmerte sie beinahe lautlos, während sie die kleine Puppe ganz nah vor ihre Nase gedrückt hielt und den Geruch der Heimat in sich aufsog.
Zwischenzeitlich setzte bei Loransya ein beinahe apathischer Zustand ein wie sie so zusammengekauert auf der Ladefläche lag und vor sich hin weinte. Nicht einmal mehr die Nässe der kleinen Lache Urin, den sie vor lauter Angst nicht mehr halten konnte, und der das braune Baumwollkleid des Mädchens unangenehm feucht durchtränkte, störte sie mehr. Irgendwann bei Einbruch der Dämmerung fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf und wurde erst wieder wach, als sich der Wagen durch die hektischen Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince schob.
Loransya war noch nie außerhalb ihres kleinen Bergdorfs gewesen. Die vielen unbekannten Menschen, die sich zwischen Autos, Mofas und Marktständen über die breiten Straßen schoben, verängstigten sie. Allein die Bauweise der Gebäude war ihr unbekannt. Zuhause war es normal, dass die Menschen in einfachen Bambushütten lebten. Hier waren die Häuser nicht nur aus Steinen gefertigt, sondern auch so hoch wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Jedes der Gebäude war direkt an das nächste gebaut, kein Meter Gras ließ sich dazwischen finden. Für Loransya war das sehr ungewöhnlich. Zuhause war zwischen den einfachen Hütten der Bauern genügend Platz, um über die grünen Wiesen zu toben. Überhaupt fiel ihr auf, dass sie noch kein einziges Kind auf der Straße gesehen hatte. An der nächsten Straßenecke lag ein derart beißender Gestank in der Luft, der ihr beinahe den Atem nahm. Ein riesiger Müllberg war vor einer Hausreihe auf der Straße aufgetürmt, herrenlose Hunde suchten sich dort ihr Abendmahl. Daheim in ihrem Bergdorf wurde der Müll weit abseits der bescheidenen Behausungen in einem Loch vergraben. Niemand würde jemals im Traum daran denken, den Abfall vor der Hütte liegen zu lassen. Am meisten erstaunte Loransya jedoch, dass zwischen den Häusern dicke Schnüre gespannt waren, an denen merkwürdige Kästchen hingen, die schlagartig anfingen zu leuchten. Selbst an einigen Hauswänden blinkten sonderbare Schilder.
Das kleine Mädchen kauerte sich schutzsuchend zusammen und hielt sich die Puppe vor die Augen. Sie wollte nach Hause in ihr kleines überschaubares Dorf, wo sie beinahe jeden Grashalm kannte, und sich in die schützenden Arme ihrer Mutter kuscheln. Obwohl sie sich zu Beginn schon ein wenig neugierig umgesehen hatte, so wurden ihr jetzt doch all die neuen Eindrücke zuviel.
Eine knappe Viertelstunde später änderte sich das Straßenbild und statt der Häuser aus Stein und Beton befand sich der Wagen jetzt in einer deutlich ärmeren Gegend. Links und rechts säumten den staubigen Weg kleine, schäbige Wellblechhütten den Weg soweit das Auge reichte. Die wenigen freien Flächen waren von mannshohem Müll bedeckt und statt Hunden wühlten sich hier Schweine durch die Abfälle. Loransya wagte einen vorsichtigen Blick über die Bordwand. Natürlich war ihr der einfachere Baustil vertrauter, aber diese Enge wirkte eben nur erdrückend auf das freiheitsliebende und naturverbundene Mädchen. Zuhause beruhigte sie die Stille und Finsternis der Nacht, aber hier hatte sie das Gefühl, dass die Dunkelheit die Siedlung in eine Geisterstadt verwandelte. In Loransya kroch die Angst immer höher. Es befiel sie eine derartige Panik, dass sie anfing den kleinen Kopf mit aller Kraft gegen die Ladebordwand des Geländewagens zu schlagen. Der körperliche Schmerz, den sie dabei empfand, als sich die klaffende Platzwunde quer über ihrer Stirn auftat, ließ sie wenigstens einen kurzen Moment ihre seelischen Qualen vergessen. Um sich von den bohrenden, existenziellen Zukunftsängsten abzulenken, versuchte Loransya eine Weile sich darauf zu konzentrieren, wie das hellrote Blut langsam auf das braune Baumwollkleid tropfte und der Stoff sich immer mehr verfärbte.
Mama, hat mir versprochen, dass es mir besser gehen wird, versuchte sich das kleine Mädchen im Vertrauen auf die Aussage ihrer Mutter selbst zu beruhigen,
sie hat es versprochen! Sie schluchzte tief auf. Aber Mama, wie soll es mir ohne dich besser gehen?
Gerade als Loransya fast schon selbst daran glaubte, dass alles gut werden würde, stoppte der Geländewagen so abrupt vor einer ziemlich großen Wellblechhütte, dass sich das Mädchen wieder, diesmal allerdings unfreiwillig, den Hinterkopf anstieß. Loransya kauerte sich eng zusammen, hielt ihre Puppe fest an sich gepresst und wagte kaum noch zu atmen. Sie zitterte am ganzen Körper, als sich durch das durchdringende Quietschen der Autotüre das Kommen von Tante Lucia ankündigte. Der Gesichtsausdruck der Fremden hatte sich deutlich verhärtet und das aufgesetzte Lächeln, das sie ihrer Familie im kleinen Bergdorf bei der Abfahrt geschenkt hatte, war vollends verschwunden. Sie musterte Loransya geringschätzig, öffnete die Ladeklappe und befahl ihr knapp auszusteigen. Das kleine Mädchen tat wie ihr geheißen wurde und stieg mit zitternden Knien umständlich vom Geländewagen. Die Fremde ließ ihren eiskalten Blick kurz zwischen der Ladefläche und Loransya hin-und herschweifen, holte unvermittelt aus und versetzte dem Mädchen einen derart harten Schlag ins Gesicht, dass sie taumelnd zu Boden ging. Loransya wusste gar nicht wie ihr geschah, als die Frau sie grob am Arm packte und wieder auf die Beine zog.
Mama, Mama, wimmerte sie leise, hielt aber sofort den Mund, als die Frau gerade wieder ihre Hand erheben wollte.
Du elender kleiner Neger, schnauzte sie auf Loransya ein, wie kannst du es wagen? Wegputzen sofort!
Sie deutete auf die Urinpfütze, die das kleine Mädchen auf der Ladefläche des Geländewagens hinterlassen hatte. Hilflos blickte sich Loransya um. Womit sollte sie das nur aufputzen?
Beweg deinen Arsch!, brüllte die Frau mit gefährlich geweiteten Augen auf sie ein. Zitternd kletterte Loransya nach oben und zog aus Angst vor weiteren Schlägen ihr blutdurchtränktes Baumwollkleidchen aus, um damit die Pfütze aufzuwischen.
Tante Lucia stand währenddessen mit verschränkten Armen vor dem Geländewagen und beobachtete mit sichtlicher Genugtuung, dass der kleine Neger weniger Widerstand leistete, als die meisten der anderen Restŕveks, die sie in guten Zeiten zweimal pro Woche aus den entlegensten Dörfern des Landes nach Port-au-Prince brachte. Einen Augenblick zog sie in Erwägung, den Preis für das Mädchen um ein paar Dollar zu erhöhen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder, da sie eigentlich keine Lust hatte, ihre Energien darauf zu verschwenden, das erbarmungswürdige Kind wieder in einen halbwegs passablen Zustand zu bringen.
Loransya war gerade damit fertig geworden, die Ladefläche trocken zu wischen und stand jetzt nur mit ihrer alten, durchlöcherten Unterhose bekleidet auf dem Wagen, während sie Tante Lucia hilflose, fragende Blicke zuwarf.
In Ordnung! Ich rate dir, bei deiner Familie nicht mehr überzulaufen!, spottete sie zynisch und deutete auf das blutverschmierte Gesicht des Mädchens. Wisch dich ab! Nass genug ist der Lappen jetzt wenigstens!
Sie lachte höhnisch auf und trat zur Fahrgastzelle des Wagens, indem sie die Reisetasche des Mädchens verstaut hatte. Obwohl sich nur wenige brauchbare Kleidungsstücke darin befanden, zog sie schließlich doch ein schlichtes, blau gestreiftes Kleidchen heraus, das sie Loransya mit spitzen Fingern übergab.
Zieh das über und pack den verpinkelten Fetzen in die Tasche!, befahl sie ungeduldig. Loransya nutzte den kurzen Moment, als sich Tante Lucia abwandte und in Richtung Wellblechhütte abmarschierte, um ihre Puppe ganz weit unter ihren wenigen Habseeligkeiten zu verstecken. In ihr keimte der Verdacht auf, dass diese gehässige Frau, ihr sonst noch das einzige Stückchen Heimat, das ihr noch geblieben war, wegnehmen könnte.
Komm jetzt endlich, du kleiner Neger! Tante Lucia wandte sich abrupt zu ihr um und wartete, bis das kleine Mädchen auf ihrer Höhe angekommen war, packte sie an der Hand und klopfte an die schiefe Türe der Wellblechhütte. Aus dem Inneren der Behausung drangen laute Geräusche nach außen, bis sich endlich die Türe öffnete. Vor Loransya stand ein etwa 35-jähriger Mann. Sein Gesicht wirkte eingefallen und die Augen lagen in großen dunklen Höhlen. Die wenigen Haare, die noch aus der schuppigen Kopfhaut wuchsen, trug er zu kleinen Rastazöpfen geflochten. Sein ziemlich flacher Bauch jedoch ließ sie sofort erkennen, dass diese Familie zwar bestimmt nicht reich war, sich aber immerhin nicht dem tagtäglichen Kampf gegen den Hunger stellen musste. Der Mann schüttelte Tante Lucia freundlich die Hand, wechselte ein paar Worte mit ihr und rief in die Hütte hinein, ohne Loransya überhaupt wahrgenommen zu haben: Unser Restávek ist da!
Wenig später erschien eine kleine, etwas untersetzte Frau an der Türe. Ihr Rückgrat war so stark gekrümmt, dass sie sich selbst im Stehen auf einen Stock stützen musste. Sofort regte sich in dem kleinen Mädchen Mitleid für die unbekannte Frau. Doch wenn auch Loransya ihr Herz auf dem richtigen Fleck trug, so wandte sich auch die Mutter der Familie sofort Tante Lucia zu und schenkte ihr ebenfalls keine Beachtung.
55 Dollar sollte die Kleine schon wert sein!, verlangte die Menschenhändlerin bestimmt und eröffnete damit die hitzigen Preisverhandlungen für das junge Menschenleben.
Jung, gesund und unverbraucht!
Erst jetzt nahm die Familie Loransya wahr und musterte sie geringschätzig von oben bis unten. Das kleine Mädchen fühlte sich wie eine Ziege auf dem Markt und erinnerte sich daran, wie sie mit ihrem Vater bei dem Ziegenhändler Olivier stets um den besten Preis gefeilscht hatte.
Bei Nadine bekomme ich ein älteres Restŕvek für 40 Dollar, schrie das Familienoberhaupt wutentbrannt und bekam von seiner Frau energische Unterstützung, indem sie ihren Stock hob und damit abwertend gegen Loransyas Platzwunde tippte, um die Menschenhändlerin auf den offensichtlichen Mangel des Kindes aufmerksam zu machen und eine Preisvergünstigung zu begründen. Das kleine Mädchen spürte einen stechenden, pulsierenden Schmerz in der Stirn und sah noch das hellrote Blut, das wie eine Fontäne in alle Richtungen spritzte. Dann wurde es ihr plötzlich schwarz vor Augen und sie ging taumelnd zu Boden. Wie lang sie auf dem staubigen Boden vor der Wellblechhütte lag, bis sie wieder zu Bewusstsein kam, konnte Loransya nicht einschätzen. Die Preisverhandlungen waren offensichtlich zu Ende geführt worden, ohne dass ein Mensch Notiz von dem verletzten Mädchen genommen hätte. Verschwommen nahm sie wahr wie das Familienoberhaupt Tante Lucia einen 50-Dollar-Schein übergab, sich verabschiedete und mit ihrem Geländewagen davon brauste. Loransya fühlte sich noch immer noch benommen, versuchte aber dennoch sich hochzurappeln und wieder auf die Beine zu kommen. Die Eltern der Familie hatten sich bereits abgewandt und waren wortlos nach drinnen verschwunden. Das kleine Mädchen fühlte sich in diesem Moment so einsam und verlassen, dass sie ihre Tränen nicht mehr länger zurückhalten konnte.
Mama, du hast es mir versprochen!, schoss es ihr immer wieder durch den Kopf. Wie gerne würde sie jetzt ihre Puppe aus der Tasche hervorholen, ihre Nase tief darin vergraben, die Augen schließen und einen Moment daran glauben, sich zuhause in ihrer Bambushütte in Virol zu befinden.
Petite Nčgre!
Die dröhnende Stimme des Familienoberhaupts riss sie aus ihrer tiefen Traurigkeit und ließ ihr eiskalte Schauer über den Rücken fahren. Wie angewurzelt blieb Loransya an der Türschwelle ihres neuen Heims stehen und war nicht fähig, einen Schritt weiter zu gehen. Obwohl sie ihren Beinen befahl sich fortzubewegen, wollten ihr die Gliedmaßen doch nicht gehorchen.
Petite Nčgre, hast du es auf den Ohren?
Hatte die Stimme des Mannes bereits vorher angsteinflössend und gefährlich auf das kleine Mädchen gewirkt, so bestand jetzt kein Zweifel mehr daran, dass sie ihm schnellstens gehorchen musste. Wackelig ging Loransya die ersten Schritte in ihr neues Leben und sah sich zurückhaltend in der Hütte um. Vor einem Fernsehgerät die elektrische Neuheit kannte sie bisher nur aus Erzählungen ihres großen Bruders und hatte ein solches Gerät selbst noch nie zuvor gesehen - saßen die drei Kinder der Familie und betrachten interessiert die bunten, ständig wechselnden Bilder, die über den Schirm flimmerten. Die zwei Söhne der Familie, beides große, starke Kerle, waren bestimmt zehn Jahre älter als sie selbst, und hatten es sich auf einer schäbigen, braunen Coach gemütlich gemacht ,während die kleine Schwester der beiden auf einer Decke am Boden kauerte. Ihr zauberhaftes, langes Haar war zu einem französischen Zopf geflochten und sie trug ein Kleid, wovon Loransya schon immer heimlich geträumt hatte.
Vielleicht können wir Freunde werden und gehen gemeinsam in eine Schule, hoffte Loransya insgeheim und in ihr keimte das zarte Pflänzchen der Hoffnung auf ein besseres Leben, immerhin dürften wir fast dasselbe Alter haben.
Sie ließ ihren Blick weiter durch den Raum schweifen. In einer Ecke des Zimmers stand ein richtiges Doppelbett mit einem Gestell, auf dem echte Matratzen und einer Unmenge von Kissen und Decken lagen. Der einzige in ihrem kleinen Bergdorf, der ein solches Bett besaß, war ein weitläufiger Cousin eines amtierenden Regierungsmitglieds. Alle anderen Dorfbewohner waren es gewohnt, auf einfachen Strohmatten auf dem harten Boden zu schlafen. In dem kleinen Mädchen machte sich die freudige Erwartung breit, auch endlich einen Platz in einem richtigen Bett gefunden zu haben und sie freute sich darüber, dass sich bereits die Dämmerung der Nacht über die Hauptstadt gelegt hatte.
Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht erst mitbekam, wie der Familienvater zwischenzeitlich am Ende seiner Geduld angelangt war und erschrocken zusammenzuckte, als er plötzlich ganz nah vor ihr stand.
Wir haben dich nicht zum Rumstehen gekauft, zischte er wutentbrannte und zerrte Loransya hinter sich her in einen etwas abgetrennten Teil des Raumes, indem sich die Kochstelle befand. Er deutete auf einen abgenutzten Tisch, auf dem Reis, Pilze und ein totes Huhn bereit lagen und darauf warteten, in eine leckere Mahlzeit verwandelt zu werden.
Wir haben Hunger!, tobte er und sein düsterer Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht gewillt war, noch lange auf sein Essen zu warten.
Loransya war verunsichert, obwohl sie es von zuhause gewohnt war, ihrer Mutter beim Kochen zu helfen. Allerdings konnte sich das kleine Mädchen nicht daran erinnern, jemals ein Huhn gegessen zu haben, geschweige denn den Hauch einer Ahnung davon zu haben, wie man es richtig zubereitete. Trotzdem war die Angst, die sie vor dem Mann mit den eiskalten Augen hegte, zu groß, um zuzugeben, dass sie ein derartiges Mahl noch nie zuvor gekocht hatte. Stattdessen nickte sie unterwürfig und beeilte sich, nach dem Huhn zu greifen. Die Federn mussten weg, das war ihr wenigstens klar, und so setzte sie sich etwas mutlos auf den Boden und begann damit, das Huhn zu rupfen. Während sie das Huhn ungeschickt Feder für Feder rupfte, überschlug sich in ihr die Frage, warum sich die einzelnen Federn mehr schlecht als recht entfernen ließen. So sehr sich Loransya auch plagte, es wollte ihr einfach nicht gelingen, die Federn ordentlich zu entfernen. Noch hörte sie die Eltern, wie sie sich vor dem Fernseher mit ihren Kindern unterhielten, doch da näherten sich auch schon langsame Schritte. In dem kleinen Mädchen kroch die Angst höher. Instinktiv zog sie den Kopf ein, da sie schon ahnen konnte, dass sie für ihre Arbeit kein Lob erwarten konnte sondern vielmehr mit Schlägen rechnen musste. Die Mutter der Familie stand jetzt neben ihr, beobachtete sie eine Weile schweigend und griff dann zu dem verbeulten Topf, der mit Wasser gefüllt auf der Kochstelle bereit stand, um den kochenden Inhalt ungerührt über das Huhn in Loransyas Händen zu schütten. Schmerzerfüllt kreischte das kleine Mädchen auf, achtete aber trotz der massiven Verbrennungen ihrer Hände darauf, die fleischige Mahlzeit der Familie nicht herunter fallen zu lassen. Die fremde Frau lachte voller Genugtuung auf.
Das Huhn war klüger als du!, spottete sie und riss ihr das Geflügel aus der Hand, um die Federn in Windeseile zu rupfen und wenig später das Huhn geschickt zu zerlegen. Die Hände des kleinen Mädchens zeigten deutliche Verbrühungsmerkmale. Die Haut war bereits überzogen mit eiergroßen Brandblasen, die wie tausend kleine Nadelstiche brannten.
Loransya bedachte die Frau mit einem hasserfüllten Blick, als sie sich zu ihrem Ehemann umwandte, der wissen wollte, wann er nun endlich mit seiner Mahlzeit rechnen könne.
Dieses nutzlose Negerkind ist keine 20 Dollar wert! Wenn man bedenkt wie viel Arbeit wir mit ihr noch haben werden, sollten wir Geld zurückverlangen!
Das kleine Mädchen wurde das Gefühl nicht los, dass sie in dieser Familie alles andere als willkommen war. Nur verstehen konnte sie nicht, warum sich die Leute überhaupt zur Verfügung stellten, um einem armen Kind den Schulbesuch zu ermöglichen und es vor einem qualvollen Hungertod zu bewahren. Loransya zwang sich ihre Tränen herunterzuschlucken und sich nicht der Sehnsucht nach ihrer eigenen, heiß geliebten Mutter hinzugeben.
Mittlerweile war das Oberhaupt der fremden Familie wieder an die Kochstelle getreten. Unwillkürlich zog das kleine Mädchen aus Angst davor für ihre Unfähigkeit gestraft zu werden, den Kopf ein. Doch statt sie zu schlagen, reichte er ihr wortlos einen Reisigbesen, mit dem sich Loransya daran machte, die Behausung zu fegen. Die Kinder der Familie saßen noch immer vor dem Fernseher und nahmen noch nicht einmal Notiz von ihr, als sie um das Sofa herum wirbelte. Ihre verbrühten Hände schmerzten so unendlich und es gelang ihr nur mit Mühe, allen Staub und Schmutz, der sich in der Behausung angesammelt hatte, auf einen Haufen zu kehren. Nachdem sie mit ihrer Arbeit fertig war, nickte die Mutter zufrieden und Loransya blieb in Mitten des Raumes stehen, weil sie nicht genau wusste, wie sie sich verhalten sollte, um keinen Ärger auf sich zu ziehen.
Erst als durch die kleine Wellblechhütte, der leckere Duft des warmen Hühnchens zog, bemerkte das kleine Mädchen wie hungrig sie eigentlich war. Seit ihrer Abreise in Virol hatte sie weder zu essen noch zu trinken bekommen. Obwohl Loransya es gewohnt war, oft tagelang nichts zu sich zu nehmen, so zog sich ihr heute doch der Magen vor Hunger zusammen.
Das Essen ist dann soweit!
Die Mutter war gerade dabei, fünf Teller bereit zu stellen und Hühnchen mit Reis und Pilzen darauf zu verteilen, als sich das erste Mal der älteste Sohn der Familie an Loransya wandte.
Dann zeige ich unserem Rčstavek mal, wo sie schlafen soll!
Das Familienoberhaupt nickte zustimmend und das kleine Mädchen folgte dem großen, kräftigen Jungen mit gebührendem Abstand nach draußen. In ihren Augen standen Tränen, die sie nicht mehr länger zurückhalten konnte, als der Junge sie unweit der Blechhütte zu einem kleinen, erbarmungswürdigen Verschlag führte, den Loransya bei ihrer Ankunft für eine Hundehütte gehalten hatte.
Hier schläfst du!, befahl er und deutete auf ein Stückchen Pappkarton, der auf dem dreckigen Boden des stinkenden Verschlags lag. Mehr Worte wollte er offensichtlich nicht an das kleine Mädchen verschwenden, er wandte sich ab und verschwand wieder im Inneren der Hütte. Loransya starrte ihm fassungslos hinterher, bis sie endlich begriff, dass sie hier soweit weg von der Liebe und Geborgenheit Virols war wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Mutlos kroch sie in den niedrigen Verschlag und legte sich auf den kalten Boden. Ausstrecken konnte sie hier ihre kurzen Beine nicht, da die Familie den Verschlag offenbar auch als Lagerraum nutzte. Zu ihren Füßen lag ein weicher Gegenstand, den sie versuchte etwas beiseite zu schieben, der sich aber so hartnäckig verweigerte, dass sie sich seufzend umdrehte und danach griff. Erst auf den zweiten Blick fiel Loransya auf, dass es sich bei dem Gegenstand um ihre eigene Tasche handelte. Ihre verbrannten kleinen Finger schmerzten so sehr, dass es ihr nicht gelang die Kraft aufzubringen, um den verschlossenen Reißverschluss zu öffnen. Wieder und wieder versuchte Loransya schmerzerfüllt die Reisetasche zu öffnen, aber alle Mühen blieben erfolglos. Wenn sie wenigstens ihre Puppe im Arm halten könnte, dann würden sich all die Sorgen und Schmerzen besser ertragen lassen, die Nase ganz tief darin vergraben. In dem kleinen Mädchen machte sich bitterliche Verzweiflung gepaart mit einem ihr unbekannten Gefühl der Ohnmacht breit. All die Hoffnungen, die sie auf das Versprechen ihrer Mutter gesetzt hatte, waren dahin. Der Hunger quälte sie hier in der Hauptstadt Port-au-Prince ebenso wie zuhause in Virol, nur waren die Magenkrämpfe in den geborgenen Armen ihrer Mutter bei weitem besser zu ertragen, als hier in der Einsamkeit der Fremde. Über die knochigen Wangen des Mädchens liefen die Tränen in Sturzbächen hinunter und sie klammerte sich voller Verzweiflung an ihrer Tasche fest. Die Einsamkeit der kühlen Nacht, die qualvollen Schmerzen an Händen und Stirn gepaart mit dem Hunger ließen ihren kleinen Körper erschauern. Je mehr Ruhe sich über das Armenviertel der Hauptstadt legte und je weniger Menschen vor den ärmlichen Wellblechhütten ihre abendlichen Gespräche führten, umso mehr versetzte sich Loransya in einen apathischen Zustand. Sie kauerte auf dem harten, kalten Boden, wippte mit der Reisetasche im Arm hin und her und schluchzte im Takt verzweifelt dazu.
Wenn es einen Gott gibt, so wird er mich heute Nacht zu sich holen!
Das war der letzte Gedanke des kleinen Mädchens an diesem Abend, ehe sie in einen unruhigen Schlaf fiel, der sie wenigstens im Traum zurück in die Arme ihrer Mutter führte.
***
Marina Courtons war in Virol bereits seit dem Sonnenaufgang damit beschäftigt, einen Teil der reifen Mangos auf einen Leiterwagen zu stapeln. Die Nacht, die hinter ihr lag, war grauenvoll gewesen und auch heute Morgen fühlte sie sich nicht besser. Gestern noch war hier über die grünen Wiesen des Bergdorfs ihr kleines Mädchen getobt. Wenn sie die Augen ganz fest schloss, dann konnte sie Loransya sehen und beinahe ihre Stimme hören. Obwohl Marina Courtons sich durchaus dessen bewusst war, dass es eine vernünftige Entscheidung im Interesse ihres Kindes war, sie zu fremden Leuten in die Hauptstadt zu schicken, die ihr einen Schulbesuch ermöglichten und genügend Nahrung bieten konnten, so vermisste sie ihre Jüngste so sehr, dass ihr die Trennung das Herz gebrochen hatte.
Ein, vielleicht zwei Mangos fanden noch Platz, ehe sie den langen beschwerlichen Weg über die steile Bergstraße in die nächst größere Stadt auf sich nehmen und darauf hoffen musste, dass sie ohne Früchte, aber dafür mit einigen Gourdes in der Tasche, zurück nach Virol kehren würde. Seufzend öffnete die vom Leben gezeichnete Frau die Tür des kleinen Lagerschuppens. Beinahe die ganze Ernte war schon verbraucht oder verkauft worden, nur in der hintersten Ecke der Hütte fanden sich noch einige Früchte. Wie die Familie nur die lange Zeit bis zur nächsten Ernte überleben sollte, wusste sie nicht und der Gedanke an die bevorstehende schwere Zeit trieb ihr tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Mutlos griff Marina Courtons nach der letzten Mango, die sie mit auf den Markt nehmen wollte und hielt plötzlich einen Moment inne. In der hintersten Ecke des Lagerschuppens inmitten von Staub und Dreck lag die vermisste Puppe ihres kleinen Mädchens. Marina Courtons bückte sich danach, entfernte den Schmutz großflächig und drückte die Puppe ganz nah an ihr Herz. Todunglücklich ging sie auf die Knie, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und konnte die Tränen nicht mehr länger zurückhalten. Wie sehr vermisste sie nur ihre Kleine und wie hatte sie sich jemals darauf einlassen können, ihr Kind zu fremden Menschen zu geben? Doch dann schweifte ihr verschwommener Blick durch den leeren Lagerraum, in dem sich nur noch ein paar, wenige Mangos befanden.
Loransya, meine Kleine! Glaub mir, du wärst hier verhungert. Schau dich nur um!
Marina Courtons hielt die Puppe nun so, dass ihr Gesicht in die Richtung des leeren Lagerraums zeigte. Ihre abgearbeiteten, zittrigen Hände streichelten sanft über den Kopf der Puppe.
Dir wird es einmal besser gehen, wenn du erst lesen, schreiben und rechnen kannst!
Sie schloss die Augen für einen kurzen Moment und küsste die Puppe liebevoll auf den Hinterkopf.
Und vergiss nie, mein Mädchen: Ich liebe dich von ganzem Herzen!
Dann packte sie die Puppe tief in die Brusttasche ihres hellblauen Kleides, wischte sich die Tränen aus den Augen und verließ den Lagerraum, um sich auf den Weg zum Markt zu machen.
***
Mitten in der Nacht war Loransya vollkommen durchgefroren erwacht. Irgendwie war es ihr gelungen, die Reisetasche doch noch zu öffnen und ihre einzige, zerschlissene Jacke überzuziehen. Mit ihrer Puppe im Arm konnte sie sofort wieder einschlafen. Erst nachdem die Sonne aufgegangen war, blinzelte sie vorsichtig in die Umgebung. Im Traum war sie zuhause in Virol und hatte die Mangoernte geborgen auf dem Arm der Mutter verschlafen. Dem kleinen Mädchen war ganz elend zumute, als sie feststellte, dass sie sich immer noch in dem erbarmungswürdigen Bretterverschlag in Port-au-Prince befand und auch Gott sie nicht hatte zu sich holen wollen. Sie hielt ihre Puppe ganz nah vor ihr Gesicht und begann leise mit ihr zu reden.
Guten Morgen, Mama! Ich vermisse dich so sehr!, schluchzte sie und war vollkommen überrascht, als sie plötzlich das warme, sichere Gefühl der Liebe durchströmte. Ihre Mutter dachte gerade an sie, das spürte Loransya ganz tief in ihrem kleinen Herzen. Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht und bemerkte, dass dieses Gefühl eine Veränderung ihrer Denkweise herbeigeführt hatte. Für ihre Familie, vor allem für Mama und Gerárd, würde sie lesen, schreiben und rechnen lernen und dann eine gute Anstellung finden, mit der sie dafür sorgen konnte, dass alle satt werden. Auch wenn es von ihr das Opfer erforderte, bei der Familie zu bleiben, die sie schlecht behandelte - sie wollte kämpfen!
Etwas verschlafen kroch Loransya aus der Hütte, gähnte herzhaft und streckte sich in alle Richtungen. Dann überprüfte sie, ob ihre Puppe auch tief genug in der Tasche der roten Hose steckte, um auch ja nicht verloren zu gehen. Der Schmerz in ihren Händen war einem tauben Gefühl gewichen; den Hunger nahm sie im Augenblick nicht wahr. Unentschlossen blieb sie zunächst vor der Wellblechhütte der Familie stehen, wagte es aber nach einer Weile doch, leise gegen die Türe zu klopfen.
Das Familienoberhaupt öffnete ihr nur mit einer Unterhose bekleidet. Seine Rastazöpfchen standen zerzaust in alle Himmelsrichtungen ab und über sein Gesicht huschte sogar der Anflug eines sanften Lächelns.
Petite Nčgre!, begrüßte er sie knapp.
Schüchtern folgte ihm Loransya in das noch vollkommen verdunkelte Innere der Behausung. Der Fernseher lief noch immer, was den Vorteil mit sich brachte, dass wenigstens der Wohnraum ab und zu etwas erhellt wurde. Hilflos blieb das kleine Mädchen stehen und wartete darauf, neue Befehle entgegenzunehmen. Der Vater der fremden Familie schien jedoch keinerlei Notiz von ihr nehmen zu wollen und ließ sich gähnend auf das verschließene Sofa fallen. Der Rest der Familie schien noch zu schlafen, was das leise, regelmäßige Schnarchen aus der Ecke des Raumes verriet. Nach einer halben Ewigkeit drehte sich der Mann schließlich zu ihr um.
Geh Wasser am Brunnen holen!, murrte er miesepetrig und deutete mit dem Finger neben die Kochstelle. Der Wassereimer steht da!
Natürlich war diese Aufgabe Loransya nicht fremd, schließlich hatte sie in Virol auch täglich mit ihrer Mutter das Wasser vom Brunnen geholt. Aber wie um Himmels Willen sollte sie in dieser großen, unübersichtlichen Stadt den nächstgelegenen Brunnen überhaupt finden? Ihr fragender Blick sprach offenbar Bände, zumindest schob das Familienoberhaupt noch hinterher:
Gleich wird dich das Restavčk von Fabienne abholen und dir zeigen, was du wissen musst!
Das kleine Mädchen hatte zwar keine Ahnung, wer Fabienne sein sollte, gab sich aber dennoch mit der Antwort zufrieden, zumal sich das Rätsel ohnehin bald lösen würde.
Wenig später klopfte es auch schon an der Tür.
Geh schon!, befahl das Familienoberhaupt ungnädig und Loransya beeilte sich, die Türe so schnell wie möglich zu öffnen. Vor ihr stand ein etwas schief lächelndes Mädchen, das etwa acht Jahre alt war. Ihr kahler Schädel schimmerte feucht und der Blick aus ihren Augen war verklärt. Den mageren Körper, der bis auf einen deutlich geblähten Bauch, nur aus Haut und Knochen bestand, hatte sie in ein schäbiges, zerschlissenes Kleid gehüllt.
Sie nickte ihr nur aufmunternd zu ohne ein Wort zu sagen. Loransya begriff, die stumme Aufforderung sofort, holte sich den Wassereimer von der Kochstelle und trat hinter dem Mädchen aus dem Haus. Schweigend liefen die beiden Mädchen den langen, staubigen Weg vorbei an Wellblechhütten und knietiefen Müllbergen und Loransya fragte sich insgeheim, ob das Mädchen womöglich stumm war oder es einfach nur unüblich war, unter Restavčks zu sprechen. Nachdem sie gute zehn Minuten gelaufen waren ohne ein Wort miteinander zu sprechen, blieb Loransya unvermittelt stehen. Das bedrückende Schweigen, das ihr Leben seit ihrer Ankunft in Port-au-Prince überschattete, war für sie unerträglich und der Wunsch nach einem Gesprächspartner ließ das kleine Mädchen über ihren Schatten springen.
Ich heiße übrigens Loransya, wisperte sie leise und kaum hörbar.
Das fremde Mädchen hielt eine Weile inne und strahlte sie mit einem breiten Lächeln an.
Ich bin Jocelyn, das Restavčk von Fabienne, der Nachbarin, erklärte sie und ihr Blick wanderte gedankenverloren an Loransya vorbei.
Komisch, ich habe meinen Namen schon so lange nicht mehr gesagt, dass ich ihn beinahe vergessen habe, fügte sie noch nachdenklich hinzu.
Obwohl Loransya sich darüber wunderte, dass Jocelyn ihr eigener Name so wenig geläufig war, wagte sie es dennoch nicht nachzufragen. Irgendwann würde sie es von sich aus erzählen.
Wir müssen weiter!
Fast schon panisch setzte sich Jocelyn wieder in Bewegung. Loransya gelang es nur mit großer Mühe Schritt zu halten. Endlich war in der Ferne eine Gabelung des staubigen Wegs zu erkennen, die in eine geteerte Straße mündete. Das Straßenbild hatte sich zwischenzeitlich deutlich verändert und war statt Wellblechhütten und Müllbergen jetzt von Häusern, Autos und Mofas geprägt. Hier mussten offensichtlich die reicheren Haitianer leben, die es sich leisten konnten, ein Haus aus Steinen zu errichten. Die Mädchen waren nur ein kurzes Stück die Hauptverkehrsstraße entlanggelaufen, bis Jocelyn in eine schmale, miefige Gasse nach rechts einbog. An einer langen Hausmauer im Schatten des Gemäuers saß eine Unmenge von Kindern. Auf dem schmutzigen Asphalt um sie herum lagen die wenigen Habseeligkeiten verteilt, die sie besaßen und gerade nicht am Leib trugen. Vage erinnerte sich Loransya an die Erzählung ihres großen Bruders Jean, der nach einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Port-au-Prince von dem Schicksal der vielen Straßenkinder berichtet hatte. Die heimatlosen Kinder taten Loransya sehr leid, auch wenn es ihr selbst nicht wesentlich besser erging. Nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit einem Schulabschluss und der Chance auf Arbeit gaben ihr ein wenig Kraft in dieser auswegslosen Situation. Jocelyn eilte vollkommen abgebrüht weiter durch die enge Gasse. Das Leid der obdachlosen Kinder schien sie gar nicht wahrzunehmen.
Warte, Jocelyn!, brüllte Loransya ihr nach, während sie die enge Gasse rennend hinter sich ließ und endlich wieder den Anschluss an das Mädchen bekam.
Jocelyns Gesichtszüge hatten sich verdunkelt und sie schien alles andere als erfreut darüber zu sein, dass Loransya sie in der Verrichtung ihrer täglichen Arbeit aufhielt.
Tut mir Leid, entschuldigte sich Loransya und fügte kleinlaut hinzu, ich war noch nie in einer so großen Stadt und staune darüber, was es hier alles zu sehen gibt!
Diese Bemerkung quittierte Jocelyn mit einem abwertenden Seufzer.
Du wirst noch öfter hier vorbeikommen, als dir lieb ist. Ich gehe fünfmal täglich zum Brunnen!
Langsam wurde das fremde Mädchen etwas gesprächiger, wenn auch Loransya spürte, dass noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war, um ihr all die Fragen zu stellen, die ihr so unter den Nägeln brannten.
Vor den Mädchen lag jetzt eine steile Treppe. Die schiefen Stufen waren vom satten Grün der Natur eingenommen und derart verwuchert, dass sie sich im Laufe der Jahre zu einer echten Stolperfalle entwickelt hatten. Vorsichtig setzte Loransya einen Fuß vor den anderen und konzentriert sich sehr darauf, nicht ins Wanken zu geraten. Unendlich lange kämpften sie sich nun schon den Berg hinab, aber noch immer war kein Ende der Treppe in Sicht.
Schwer atmend hielt das kleine Mädchen kurz inne, um einen kleinen Moment zu verschnaufen.
Wann sind wir denn endlich am Brunnen?, stieß sie atemlos zwischen den Zähnen hervor.
Jocelyn zuckte ungerührt mit den Schultern.
473 Treppenstufen sollen es sein, antwortete sie und ließ ihren Blick abschätzend nach oben wandern, wir haben jetzt vielleicht die Hälfte geschafft!
Damit nahm sie den Eimer wieder auf und stapfte unermüdlich Stufe für Stufe hinab durch die verwinkelten, steilen Gassen bis sich schließlich der Brunnen wie eine Oase in der Wüste vor ihnen auftat. Vor der Wasserstelle standen bereits vier andere Mädchen, die geduldig darauf warteten, endlich an die Reihe zu kommen, um Bottiche und Eimer befüllen zu können. Ein paar Meter weiter hatte sich eine Gruppe Frauen auf dem staubigen Boden niedergelassen und boten ihre Waren zum Verkauf an. Mangos, Hühner, Holzkohle, Muscheln das Angebot war nicht nur bunt gemischt, sondern auch kaum gefragt. Nur eine Handvoll Käufer schlenderten über den Markt. Die Verkäuferinnen indessen vertrieben sich die Langeweile mit einem kleinen Schläfchen in der wärmenden Sonne. Endlich war die Wasserstelle frei für die beiden Mädchen. Jocelyn befüllte ihren Eimer routiniert mit Wasser, hievte ihn auf den Kopf und deutete Loransya, es ihr gleich zu tun. Sie war erstaunt darüber, welche Größe der Brunnen im Vergleich zu der bescheidenen Wasserstelle ihres Bergdorfes hatte, trotzdem war das Prinzip dasselbe. Pumpen, pumpen, pumpen! Erst als der Eimer bis kurz unter den Rand gefüllt war, zerrte ihn Loransya zur Seite. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, es fehlte ihr die Kraft, um den schweren Eimer auf Kopfhöhe anzuheben. Hilfesuchend blickte sie umher. Zuhause in Virol half ihr immer Jean, aber hier konnte sie allenfalls auf Jocelyn setzen.
Du stellst dich aber auch ungeschickt an, schimpfte das ältere Mädchen.
Sie schnaufte entnervt durch, stellte aber dennoch ihren Wassereimer wieder zu Boden und wuchtete Loransya die Last auf den Kopf. Im ersten Augenblick geriet sie ins Straucheln und es fiel ihr schwer, die Balance zu finden, schließlich stand sie aber wieder sicher auf ihren Beinen. Ein Problem blieb trotzdem bestehen: Loransyas dünne Arme waren einfach noch zu kurz, um den Rand des Plastikeimers zu erreichen, sodass der Wasserbehälter nicht sehr sicher auf ihrem Kopf platziert war.
Komm jetzt endlich!, zischte Jocelyn mahnend und wohl wissend, dass sie sich jede Menge Ärger einhandelte, wenn sie ihrer Arbeit in der Hütte allzu lange fernblieb.
Ohne weiter auf Loransya zu warten, machte sie sich auf den beschwerlichen Weg. 473 Treppenstufen bergaufwärts lagen vor ihnen. Schon ohne Last wäre der Anstieg ein kräftezehrendes Unterfangen gewesen - wie anstrengend war es jedoch mit zehn Litern Wasser auf dem Kopf! Immer wieder geriet das kleine Mädchen ins Wanken und konnte den Behälter gerade noch halten. Trotzdem hatte sie einiges an Wasser verschüttet, ehe sie oben angekommen war. Jocelyn hetzte durch die Gassen wie ein gejagtes Tier. Ihre längeren Beine waren von deutlichem Vorteil, sodass Loransya erst an der Wellblechhütte der Familie angekommen war und schwer atmend gegen die Türe klopfte, als Jocelyn sich bereits nicht mehr in Sichtweite befand. Ihr Kommen wurde bereits erwartet: Das Familienoberhaupt riss im gleichen Augenblick die Türe auf und warf einen kontrollierenden Blick in den Wasserbehälter.
Du verdammter Neger!, tobte er ungehalten und nahm ihr den Eimer vom Kopf, um sie grob an den Haaren knapp über das Wasser zu drücken. Er holte tief Luft, was sich als untrügliches Zeichen dafür herausstellte, dass der Ausbruch noch nicht vorüber war. Loransyas Herz schlug ihr bis zum Hals und die Angst lähmte sie einen kurzen Augenblick.
Denkst du, die Pfütze hier reicht? Denkst du das etwa, du dummes Ding?
Das kleine Mädchen beeilte sich den Kopf unterwürfig zu schütteln und hoffte, dass das Gewitter schnell an ihr vorüberzog. Aber der Griff des Familienoberhaupts um den schmalen Nacken des Kindes wurde immer fester und Loransya hatte das untrügliche Gefühl, dass er in der Lage war, ihr das Genick mit bloßen Händen zu brechen.
Du wirst deinen kleinen Arsch gleich noch mal zum Brunnen bewegen!
Sie zitterte vor Angst und konnte die Tränen nicht mehr länger zurückhalten.
Vorher werde ich dir aber noch eine Lektion erteilen, du verdammter Neger, die du so schnell nicht vergessen wirst!, hörte sie den Mann wie durch einen Nebel brüllen.
Damit drückte er ihr den Kopf brutal in den Wassereimer. Loransya prustete und schlug wie wild mit Armen und Beinen um sich. Aber sie war zu schwach, um sich gegen seinen festen Griff zur Wehr zu setzen. Das panische Gezappel ihrer Gliedmaßen im Angesicht des Todes wurde bereits nach kurzer Zeit deutlich schwächer.
Gott hat meine Bitte erhört, er kommt und holt mich zu sich!, schoss es ihr noch durch den Kopf. Vor ihrem geistigen Auge zogen Bilder der Eltern und Geschwister vorbei, auch die Bambushütte in Virol sah sie ganz klar vor sich. Plötzlich wurde es dunkel um sie herum.
In der Ferne vor ihr nahm sie das unruhige, verschwommene Flackern eines grellen Lichts wahr.
Vor mir muss das Paradies liegen, redete sich das kleine Mädchen glückselig ein und war froh, dass vermeintlich alle Qualen und Leiden hinter ihr lagen.
Wenig später jedoch holte sie die grausame Realität wieder ein. Loransya musste widerwillig erkennen, dass es nicht das Strahlen der göttlichen Himmelspforte war, die sie erwartete, sondern die brennende Sonne, die zur Mittagszeit unbarmherzig über dem Armenviertel von Port-au-Prince glühte. Wie lange Loransya bewusstlos war, konnte sie nicht sagen. Als sie allmählich wieder zu sich kam, befand sie sich im Staub vor der Hütte, abgelegt im Schmutz wie ein Stück Unrat. Das Gesicht ihres Peinigers war direkt über sie gebeugt. Sie konnte seinen widerlichen, verfaulten Atem riechen und verspürte eine tiefe Abscheu gegen dieses Ekel. Das erste Mal in ihrem jungen Leben überfiel sie ein Gefühl inbrünstigen Hasses gerichtet gegen den Mann, der ihr schon nach wenigen Tagen in seiner Obhut das alles angetan hatte. Er lächelte schief, deutete auf den Eimer und verschwand im Inneren der Hütte. Loransya blieb erst einmal fassungslos im staubigen Dreck zurück. In Virol, ihrer Heimat, ging man sogar mit Tieren besser um! Vorsichtig zog das kleine Mädchen ihre Puppe aus der Tasche hervor und blickte sich um.
Mama, hol mich zurück!, flehte sie bitterlich. Ihr kleines Herz war schon nach ein paar Tagen bei der fremden Familie gebrochen. So einsam und verlassen konnte sie nicht länger leben, wie sollte sie nur all die Demütigungen und Qualen, die man ihr zufügte, überstehen?
Mama, bitte, ich brauche dich!
***
Die Geschäfte auf dem Markt liefen auch heute wieder nur sehr schleppend. Gegen Mittag hatte Marina Courtons lediglich drei Mangos an die Tochter des ortsansässigen Priesters verkaufen können. Alle anderen Früchte würde sie am Spätnachmittag wohl wieder quer über die Hügel der Sierra de Bahorucou nach Hause transportieren müssen.
Marina Courtons warf einen prüfenden Blick in ihre Schürzentasche. Die paar Gourdes reichten bei weitem nicht aus, ihre Familie zu ernähren - zumal die Lebensmittelpreise auf Haiti durch die hohe Inflation stark angestiegen waren. Sogar die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais waren für eine arme Bauernfamilie wie die Courtons schier gar unerschwinglich hoch. Seufzend schob Marina Courtons das Geld wieder zurück in die Tasche und zog stattdessen die kleine Puppe ihrer Tochter hervor, die sie liebevoll streichelte und küsste.
Wir hätten das Mädchen niemals satt bekommen, niemals!, versuchte sie ihr zerrissenes Mutterherz wieder zu beruhigen.
Trotzdem wollte es Marina Courtons nicht gelingen, sich mit der Entscheidung ihres Mannes abzufinden. Sicherlich liebte sie die Jungen auch, aber ihre kleine Nachzüglerin hatte eben einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen eingenommen.
In der Ferne näherte sich der Bus der Haltestelle am Marktplatz, die einzige tägliche Verbindung, mit der man von hier aus durch die Berge Richtung Port-au-Prince fahren konnte. Marina Courtons dachte einen kurzen Augenblick daran, die Mangos einfach zurückzulassen und ihrem Impuls zu folgen, den Bus in die Hauptstadt zu nehmen, doch im selben Augenblick wurde ihr klar, dass dies eine folgenreiche Entscheidung wäre. Sie brauchte einen hieb-und stichfesten Vorwand, den ihr Mann und Söhne ohne weiters abnahmen, um ihre Tochter zu suchen. Zärtlich strich sie über die Puppe.
Mein kleines Mädchen, ich komme dich zu holen, versprochen!, wisperte sie mit glasigen Augen und steckte dann die Puppe zurück in ihre Tasche.
***
Taumelnd rappelte sich Loransya auf und klopfte den gröbsten Staub von ihrer Kleidung. Die brennenden, reißenden Schmerzen im gesamten Nackenbereich fühlten sich an wie tausend Nadelstichen. Seufzend nahm das kleine Mädchen den Eimer wieder hoch und machte sich erneut auf den langen, beschwerlichen Weg zur Wasserstelle. Die meisten Bewohner des Armenviertels saßen um die Mittagszeit vor ihren Hütten im Schatten und betäubten Elend und Armut, das sie tagtäglich umgab, mit einem Schluck Barbancourt, dem landestypischen Rum. Nur die Restáveks der Familien verrichteten ungeachtet der gleißenden Mittagshitze die beschwerlichen Arbeiten, die ihnen tagtäglich aufgebürdet wurden. Obwohl dem kleinen Mädchen schwindlig war, schleppte sich Loransya Meter für Meter weiter über den staubigen Weg. Die Sonne blendete ihr in den Augen und von ihrer Stirn tropfte der Schweiß.
Weiter laufen, ein Fuß vor den anderen, befahl sie sich streng.
Ihr kleiner Körper jedoch schien nicht mehr länger durchhalten zu können und sendete ihr bald so deutliche Signale, dass sie einen Moment verharren musste, um sich eine Weile an Ort und Stelle auf dem Boden niederzulassen. Direkt hinter ihr wühlten sich vom Dreck verschmutzte Schweine deren Färbung bereits pechschwarz war, zufrieden grunzend durch einen kniehohen Müllberg.
Wenigstens die Schweine werden satt, schoss es Loransya durch den Kopf.
Erst jetzt machte sich wieder der quälende Hunger bemerkbar und trieb das kleine Mädchen in ihrer Verzweiflung dazu, es den Schweinen gleich zu tun. Schließlich war es alles andere als sicher, ob und wann die Familie ihr etwas zu essen geben würde. Selbst der widerliche Gestank des Müllhaufens oder die merkwürdigen Blicke der vorbei eilenden Bewohner des Armenviertels konnten sie nicht mehr davon abhalten, in den Abfällen zu wühlen. Lebensmittelverpackungen, alte Batterien, abgenagte Hühnerkochen, Plastiktüten.
Schweine sind intelligente Wesen!
Diesen Spruch pflegte Loransyas Mutter stets zu sagen und die Redenswendung fiel ihr gerade jetzt auf der Suche nach etwas Essbarem wieder ein. Folgerichtig setzte sie ihre Jagd nach Nahrung inmitten der Schweine fort, die panisch grunzend auseinander stoben. Bereits der erste Griff erwies sich als ein voller Erfolg und Loransya zog eine Staude Bananen heraus. Sicherlich war das Obst nicht mehr knackfrisch, sondern die Schale von einer dunklen Färbung überzogen, die eigentlich darauf hindeutete, dass die Bananen verdorben waren. Dennoch: Der Hunger trieb das Mädchen dazu, beinahe alles zu essen, um das schmerzende Loch in ihrem Magen irgendwie zu stopfen. Gierig entfernte sie die Schale und schob sich den matschigen Bananenbrei in den Mund. Der eigenwillige Geschmack würgte sie etwas. Gleichwohl wirkte der Brei wie ein lindernder Balsam gegen die quälenden Magenschmerzen. Endlich fühlte sich Loransya gestärkt genug, um weiterlaufen zu können. Die vielen Menschen, die immer wieder ihren Weg säumten, schien sie gar nicht wahrzunehmen, zu sehr hing sie ihren eigenen Gedanken nach. Die Hoffnung heute endlich eine richtige Schule besuchen zu dürfen und all das zu lernen, was Grundlage ihres zukünftigen Berufslebens werden sollte, hatte sich bereits am frühen Morgen zerschlagen. Die Kinder der Familie waren schon unterwegs zur Schule gewesen, als Loransya von der Wasserstelle zurückkam. Die bittere Enttäuschung des Mädchens geriet durch den massiven körperlichen Angriff des Familienoberhaupts erstmal etwas ins Abseits, kehrte aber in demselben Augenblick wieder zurück, als sie allein den staubigen Weg entlanglief. Auf der anderen Straßenseite saßen zwei Jungen kichernd über ein Buch gebeugt. Zweifellos gehörten sie zu den wenigen Privilegierten Haitis, die lesen und schreiben konnten. Seufzend wandte Loransya ihren Blick ab und schloss mit sich das Abkommen, spätestens Morgen den Mut aufzubringen, bei der Familie ihren Schulbesuch zu erbitten. Zwischenzeitlich passierte Loransya das schmale Gässchen, das sich im Laufe der Jahre zur Heimat zahlloser Straßenkinder entwickelt hatte. Im Augenwinkel sah sie Kinder, die in einer kleinen Gruppe zusammen saßen und ihre Nasen über eine kleine Dose Kleber hielten und die giftigen Stoffe schnüffelten. Wie gefährlich das sein konnte, wusste sie von ihrem großen Bruder Jean, der immer großen Wert darauf gelegt hatte, seiner kleinen Schwester wesentliche Teile seines bescheidenen Wissens weiterzugeben. Wenn er auch über keine gute Allgemeinbildung verfügte und noch nie eine Schule besucht hatte, so hatte er doch einiges mehr im Kopf als so manch gebildeter Haitianer.
Ohne Jocelyn an ihrer Seite fühlte sie sich in dieser Gegend sehr unwohl, sodass sie ihren Schritt deutlich beschleunigte und den Blick auf den Boden senkte. Das Ende der dunklen Gasse war schon in Sichtweite, als sich ein Junge vom Straßenrand erhob und ihr plötzlich den Weg verstellte. Er war etwa einen halben Kopf größer als Loransya und trug ungewöhnlich saubere Kleidung für die bitterarmen Verhältnisse, die ihm sein Schlafquartier auf dem Bürgersteig, nur von einer alten, zerlöcherten Plastikplane etwas geschützt, bot. Vollkommen verunsichert was er nur von ihr wollte, blieb sie zögerlich stehen.
Hallo, lächelte er ihr freundlich entgegen.
Hatte das Mädchen im ersten Augenblick einen Anflug von Angst verspürt, so schwand sie durch sein charmantes Lächeln dahin.
Hallo, gab Loransya zurück und deutete auf den Wassereimer.
Ich muss zum Brunnen!
Sofort zog er sein Bein zurück und folgte ihr auf dem Fuß.
Du siehst so aus, als könntest du Hilfe gebrauchen.
Sie war ehrlich überrascht darüber, dass man ihr ansah, wie schwer es ihr fiel, sich in dem Großstadtdschungel von Port-au-Prince zurecht zu finden und zuckte mit den Schultern. Ein derart freundliches Wort hatte sie seit ihrer Ankunft in der Fremde nicht mehr gehört und sie wusste im Moment auch gar nicht wie sie damit umgehen sollte, zumal sie sich ihrer selbst schämte, von ihrer Familie verstoßen worden zu sein. Ohne den Jungen länger zu beachten, stapfte sie weiter die Treppe hinunter.
Jetzt warte doch mal!
Sie hielt einen kurzen Moment inne und blieb schließlich auf den Stufen stehen, bis der Junge auf ihrer Höhe angekommen war.
Ich habe es verdammt eilig, verstehst du?, stieß sie barsch zwischen den Zähnen hervor und hastete weiter. Fast erschrak sie selbst über den harten Klang ihrer Stimme. Doch der Junge ließ sich nicht so einfach abschütteln und nahm mehrere Stufen gleichzeitig, um mit ihr Schritt zu halten.
Du bist nicht aus Port-au-Prince, stimmts?
Seine dunklen Augen strahlten ihr offen entgegen.
Nein, Virol, antworte Loransya knapp.
Wo liegt das denn? Verwundert zog er seine Augenbrauen nach oben.
Natürlich konnte sie es ihm nicht übel nehmen, dass er das kleine Bergdorf Virol inmitten der Sierra de Bahorucou mit seinen knapp einhundert Einwohnern nicht kannte, aber der spöttische Tonfall der Frage missfiel ihr.
Sierra de Bahorucou, und jetzt lass mich einfach meine Arbeit machen, okay?
Loransya funkelte den unbekannten Jungen so böse an, dass er entsetzt einen Schritt zurückwich. Die unzähligen Treppenstufen schienen nicht enden zu wollen, zumindest kam ihr der Weg unendlich lang vor.
Lass mich raten, er schien seine Fassung wieder gefunden zu haben, du bist als Réstavek hier in Port-au-Prince!
Und du als Straßenkind!, giftete sie wutschnaubend zurück und fragte sich, wer ihm wohl das Recht dazu gab, sich in ihr Leben einzumischen.
Zu ihrer Überraschung lachte der fremde Junge nur und nickte dann etwas nachdenklicher.
Ja, ich lebe auf der Straße! Aber angefangen hat alles wie bei dir!
Das Mädchen horchte gespannt auf. Endlich ein Leidensgenosse, der kein Problem damit zu haben schien, über seine Geschichte zu sprechen. Ganz anders als Jocelyn, über deren Lippen kein Wort über ihre persönliche Situation kommen wollte. Indessen waren die beiden an der Wasserstelle angekommen. Um die Mittagszeit wirkte der Marktplatz wie ausgestorben. Herrschte hier vor einer Stunde noch das rege Durcheinander der vielen Händlerinnen, die darum bemüht waren, den wenigen Kunden Holzkohle oder Süßkartoffeln zu verkaufen, so zeugte jetzt nur noch ihre Hinterlassenschaft von Unrat und Müll von dem vorangegangenen bunten Treiben. Während Loransya den Eimer voll Wasser pumpte und peinlich genau darauf achtete, auch keinen Tropfen zu wenig einzufüllen, musterte sie den Jungen unverhehlt. Natürlich war auch bei ihm die chronische Unterernährung deutlich ausgeprägt, aber der Blähbauch spiegelte den typischen Körperbau haitianischer Kinder wieder. Seine lockigen Haare umspielten die weichen Gesichtszüge. Heimlich bewunderte sie die Größe seiner dunklen, schönen Augen, die von unglaublich langen, vollen Wimpern umrandet waren.
Wie ist es dazu gekommen?, fragte sie schließlich und konnte sich nur mit Mühe von seinem Anblick losreißen, gerade vor das Wasser überlief.
Kameradschaftlich zwinkerte er und nahm ihr wie selbstverständlich den Eimer ab, den er routiniert auf seinen Kopf stellte.
Das ist eine verdammt lange Geschichte. Aber ich fürchte, soviel Zeit hast du nicht, gab er zurück und schwieg einen Moment nachdenklich.
Ich bin auch nicht aus Port-au-Prince, sagte er deutlich leiser, sondern aus Port-de-Paix, Nord-Ouest.
Augenblicklich schämte sich Loransya dafür, dass sie derart ungebildet war, dass sie nicht einmal sagen konnte, in welchem Bezirk Virol lag, geschweige denn eine ungefähre Ahnung davon hatte, in welcher Himmelsrichtung sich Nordwest befand.
Mein Name ist übrigens Bernard.
Loransya griff nach der Hand, die er ihr entgegenstreckte und drückte sie einen Augenblick.
Loransya!
Das kleine Mädchen erahnte mit beinahe beängstigender Gewissheit, dass sich ihre Wege nicht das letzte Mal gekreuzt hatten und es sich um eine schicksalhafte Begegnung zwischen den beiden handeln sollte. Natürlich äußerte sie diesen Gedanken nicht, sondern stapfte Bernard schweigend nach.
Wie bist du dann in die Hauptstadt gekommen?
Loransya konnte ihre Neugierde nicht mehr länger zurückhalten. Ganz im Gegensatz zu der Begegnung mit Jocelyn überkam sie bei Bernard merkwürdiger Weise ein vertrautes Gefühl, beinahe als wären sie Geschwister, obwohl sie sich doch erst seit wenigen Minuten kannten.
Bernard lachte bitter auf und warf ihr einen Blick aus den Augenwinkeln zu.
Ich bin vor einiger Zeit, wie lange das her ist, weiß ich nicht mehr, von einer Tante nach Port-au-Prince gebracht worden. Zu meiner neuen Familie!
Er stapfte energisch weiter. Loransya entging es aber nicht, wie sich seine Gesichtszüge schlagartig verfinsterten.
Leider ging es dem Hund der Familie besser als mir.
Bernard verzog sein Gesicht, die Erinnerung schien ihm qualvoll.
Schläge, nichts als Schläge, Beleidigungen und Demütigungen, seufzte er.
Loransya hing gebannt an seinen Lippen und hätte ihm gerne noch länger zugehört, doch mittlerweile waren sie wieder in der dunklen Gasse, die Bernard seit damals sein Zuhause nannte, angelangt. Die Unterhaltung wurde jäh unterbrochen, als ein beinahe erwachsener Junge freudig auf ihre neue Bekanntschaft zutrat.
Salut Bernard!, begrüßte er ihn beschwingt.
Es folgte eine lange, ausgeschmückte Gesichte über seinen Besuch bei der Familie in Cap-Haitien, von der er eben zurückgekehrt war.
Leider fehlte Loransya die Zeit nutzlos in der Gegend herumzustehen, zu sehr fürchtete sie eine drohende Bestrafung, falls sie sich verspäten sollte.
Ich muss weiter, Bernard!, verabschiedete sie sich freundlich und nahm den Wasserkübel in Empfang, den er ihr hilfsbereit auf den Kopf stellte.
Ich schätze, wir werden uns sehen!, flüsterte er. Du kennst doch zwischenzeitlich meinen Palast!
Er grinste breit und sah ihr nach, wie sie sich immer weiter entfernte, schließlich um die Ecke bog und dann ganz verschwunden war.
Seltsam leichtfüßig legte Loransya den Rest des Weges bis zur Hütte zurück. Das kurze Gespräch mit Bernard hatte sie sehr genossen. Zu lange war es für ihre empfindliche Seele nun schon her, dass sie wie ein Mensch behandelt worden war. Die Mutter der Familie saß auf einem kaputten Korbstuhl vor der Behausung und erwartete sie bereits ungeduldig, als sie von der Wasserstelle zurückkam. Der Boden um sie herum war von einem knöcheltiefen Haufen aus Bauschutt, Unrat und Müll bedeckt, der in der Mittagshitze bestialisch stank. Gelegentlich huschte eine Ratte vorüber. Wortlos zeigte ihr Loransya den Inhalt des Eimers, wartete auf ein zustimmendes Nicken der Frau und hievte den Wasservorrat zu der behelfsmäßig eingerichteten Waschgelegenheit in einer Ecke der Hütte.
Jocelyn ist da!, brüllte sie hinter dem Mädchen her. Die Wäsche muss gewaschen werden!
Erschrocken zuckte Loransya zusammen. Bereits der Klang ihrer Stimme genügte, um dem Mädchen Gänsehaut über den Körper zu jagen. Eingeschüchtert suchten ihre Augen den dunklen Raum nach der Wäsche ab, zu fragen wagte sie nicht. Vor dem Bett türmte sich ein Haufen Schmutzwäsche, daneben lag ein Baumwollsack. Hektisch warf sie die Kleidung in den Sack, schulterte ihn und beeilte sich vor die Hütte zu treten. Schwer atmend rappelte sich die Alte in die Höhe und humpelte auf ihren Stock gestützt auf Loransya zu.
Dummer Neger, zischte sie und starrte das Mädchen hasserfüllt an. Wie willst du ohne Kernseife die Flecken herausbekommen?
Das Blut stieg ihr pulsierend in den Kopf, als sie auf dem Absatz kehrt machte und nach drinnen verschwand.
Wo ist nur die Kernseife, verdammt, wo ist sie?, schoss es ihr bang durch den Kopf, als sie nervös jede Ecke der Hütte absuchte und gleichzeitig lauschte, ob sich ihre Schritte näherten. Sie war den Tränen schon nahe, als sie das dumpfe, aufschlagende Geräusch des Gehstocks hinter sich hörte.
In der Küche!
Mehr sagte sie nicht. Tatsächlich lag in dem einzigen Regal der Hütte die Reste eines abgenutzten, schmutzigen Stückchens Kernseife. Schnell griff sie danach, schulterte den Wäschesack und fühlte sich, als wäre eine dunkle, schwere Last von ihrer kindlichen Seele abgefallen, als sie endlich durch die Tür nach draußen in den strahlenden Sonnenschein trat.
Endlich! Jocelyn hatte ihre Stirn in tiefe Falten gelegt und schien auch jetzt nicht besonders glücklich darüber zu sein, dass ausgerechnet sie von ihren Alltagspflichten abgehalten wurde, um dem dummen Réstavek der Filles alles zu zeigen.
Ich habe keine Lust schon wieder wegen dir Ärger zu bekommen!, erboste sie sich und griff geladen nach ihrer Wäsche. Ab morgen musst du schon alleine zurecht kommen!
Dieser Satz fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Eindeutiger hätte sie wohl nicht sagen können, dass ihr an einer Freundschaft mit dem Réstavek der Nachbarn nicht gelegen war. Enttäuscht und tieftraurig trottete Loransya ihr hinterher. Aus diesem Mädchen wurde sie nicht schlau. Sie trug überhaupt nichts Freundliches, Offenes in sich, sondern wirkte so verbissen wie ein altes, bösartiges Weib.
Schweigend liefen sie nebeneinander her bis hinunter ins Tal. Vor ihnen lag ein schmutziger Bachlauf. Unzählige Frauen und Kindern saßen bereits am Ufer, um die Wäsche der letzten Tage zu reinigen. Jocelyn suchte sich einen Platz neben zwei anderen Mädchen, ließ sich auf dem lehmigen Boden nieder und begann zu Loransyas Überraschung eine freundliche Plauderei mit den beiden. Ihr selbst aber war es unwohl. Die musternden, neugierigen Blicke lagen auf ihr; trotzdem machte sie sich sofort an die Arbeit. Die meisten Wäschestücke der Familie waren übersät von fettig-glänzenden Motorölflecken, die sich bereits tief in den Stoff hineingefressen hatten. Schwitzend bearbeitete Loransya nun schon seit einer Viertelstunde ein hellblaues Hemd. Das Stückchen Kernseife, das man ihr mitgegeben hatte, würde nicht ausreichen, um den Fleck zu beseitigen und der Wäschesack war auch noch prall gefüllt mit anderen Wäschestücken. Obwohl es nicht ihre Schuld war, dass es mangels Kernseife nicht zu schaffen war, alles rein und sauber zu waschen, so befürchtete Loransya doch Schläge. Verzweifelt setzte sie all ihre Hoffnung auf Jocelyn.
Ich habe zu wenig Kernseife mitbekommen. Kann ich ein wenig von dir abhaben?
Nur einen kurzen Moment unterbrach Jocelyn ihr Geschwätz mit den anderen Mädchen und schüttelte den Kopf entschieden.
Das ist doch wohl dein Problem!
Damit war das Gespräch für sie beendet und sie wandte sich wieder den anderen zu.
Eine erste Träne kullerte über Loransyas Wange. Das kleine Mädchen legte die Wäsche zur Seite und griff instinktiv nach ihrer Puppe, die sie hervorholte und sich schützend vor die Augen presste. Was würde sie nur dafür geben, endlich wieder bei ihrer Mutter in der kleinen, beschützten Welt von Virol sein zu dürfen!
Ach, wie niedlich! Die Kleine heult nach ihrer Mama!, hörte Loransya durch ihren Tränenschleier eines der Mädchen spotten, die mit Jocelyn befreundet waren.
Auch die beiden Anderen amüsierten sich prächtig und lästerten weiter, als wäre Loransya gar nicht erst anwesend.
Trotzig drückte Loransya ihre Puppe noch fester an sich. Wenn die Mädchen mit ihrer Arbeit zufrieden waren, war das schön. Doch sie wollte lernen, um ihre eigene Familie durch bezahlte Arbeit über Wasser zu halten.
Hey Kleine!, rief die Größte der Mädchen und kniete sich neben Loransya. Steck die Puppe weg oder noch besser: Werfe sie auf einen Müllberg!
Am liebsten hätte ihr Loransya die Augen ausgekratzt. Wie konnte sie es wagen, so von dem Einzigen und Liebsten, was ihr noch geblieben war, zu sprechen!
Angetrieben von dem höhnischen Lachen der anderen Mädchen schoss sie noch einen weiteren Giftpfeil ab.
Deine Eltern haben dich weggeben! Verstoßen! Sie wollen dich nicht! Kapierst du das nicht?, höhnte sie in einer Lautstärke weiter, die es beinahe allen Leuten, die sich am belebten Flussufer aufhielten, ermöglichte mitzuhören.
Loransya sprang auf, nahm ihre Puppe und rannte wie ein gehetztes Tier davon. Unterschlupf fand sie erst hinter einem kleinen Haus, das unweit des Bachlaufs gelegen war. Heulend bettelte sie verzweifelt nach ihrer Mutter und sank irgendwann bebend und zitternd auf die Knie.
Warum nur Mama? Lieber wäre ich in Virol verhungert, als das hier alles erleben zu müssen! Wann darf ich wieder zu dir?
Im nächsten Moment zuckte sie zusammen. Eine Hand hatte sich von hinten auf ihre Schulter gelegt. Erschrocken wandte sich das Mädchen um. Hinter ihr stand eine alte Frau, die sie verständnisvoll anlächelte und wortlos in ihre Arme zog.
Man wirft keine Steine auf unreife Mangos, flüsterte sie leise und Loransya verstand nicht genau, was sie damit sagen wollte. Trotzdem wirkte der Trost der alten Frau ungeheuer beruhigend auf sie. Langsam richtete sie sich auf und wischte die Tränen aus dem Gesicht.
Komm mit, du musst essen!
Damit zog die alte Frau Loransya hinter sich her in das Innere des Hauses. Staunend blickte sich das Mädchen um. Sie war noch nie in einem Haus gewesen, das aus richtigen Steinen gebaut worden war. Sogar die Einrichtung war geschmackvoll ausgewählt und an der Wand hingen selbst gemalte Bilder, die die Schönheit der karibischen Strände darstellten. Das Mädchen fühlte sich wie in einer anderen Welt und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Statt einer Feuerstelle gab es hier sogar einen richtigen Ofen. Die Frau musste wohl unheimlich reich sein, das stand für Loransya fest. Ihr Blick blieb schließlich an einem Ölgemälde hängen, auf dem ein kleiner Junge abgebildet war, der an einem lang gezogenen Strandabschnitt glücklich im Sand buddelte.
Das war mein Sohn Olrich vor 20 Jahren.
Die alte Frau stockte einen kurzen Augenblick.
Leider lebt er nicht mehr. Sie atmete tief durch und fügte mit zittriger Stimme hinzu: Er ist kurz nach diesem Ausflug gestorben.
Voller Mitgefühl strich Loransya über die alte, faltige Hand, doch da fand die Frau ihre Fassung bereits wieder und lächelte tapfer.
Magst du Huhn in Orangensauce? Ich war gerade am Kochen, als ich dich weinen hörte.
Dankbar nickte das Mädchen und machte sich bereits wenig später über das leckere Essen her. Mitten unter dem Kauen hielt sie plötzlich wie vom Donner gerührt inne und sprang auf.
Meine Wäsche, oh Gott, ich habe die Wäsche am Fluss liegen lassen!, stotterte sie und wurde im selben Moment kreidebleich. In Haiti, einem bettelarmen Land, konnte man sein Hab und Gut doch keinen Moment aus den Augen lassen, ohne dass sich nicht irgendjemand fand, der es gebrauchen konnte.
Geh und hole die Wäsche einfach her, beruhigte sie die gutmütige Alte.
Ich komme sofort wieder!, schrie Loransya und rannte wie von der Tarantel gestochen die wenigen Meter bis zum Bachlauf. Noch immer saßen Jocelyn und die anderen Mädchen am Ufer und blickten überrascht von ihrer Arbeit auf, als sich Loransya näherte.
Du solltest wissen, dass es sich kein Réstavek leisten kann, seine Zeit mit sinnloser Heulerei zu vergeuden!, belehrte sie Jocelyn sofort, verstummte aber in dem Augenblick, als Loransya die Wäsche zusammen sammelte und wortlos wieder verschwand. Kopfschüttelnd blickten ihr die Mädchen hinterher. Das Réstavek aus den Bergen würde noch viel zu lernen haben, darüber waren sie sich einig!
Die alte Frau hatte ihr lächelnd hinterher gesehen und wartete an den Türrahmen gelehnt. Sie mochte das kleine Mädchen auf Anhieb, obwohl sie sich sonst nicht sonderlich viel aus dem Leid der Réstaveks und Straßenkindern machte, die es zu unzähligen in der Hauptstadt gab. Um in Haiti überleben zu können, musste man abstumpfen - der Prozess war bei ihr spätestens seit dem grausamen Tod ihres Jungen eingetreten. Trotzdem gefiel ihr die naive Art des Mädchens, das sie vor wenigen Minuten weinend vor ihrer Haustüre aufgefunden hatte, ihren ganzen Schmerz in die Welt hinauszubrüllen. Im Grunde verkörperte die kleine Loransya einen gefühlsmäßigen Vulkanausbruch. Eine Regung, die sie so gerne selbst in sich spüren wollte, auch wenn sie erkennen musste, dass es mit ihren 62 Jahren wohl zu spät dafür war, Zugang zu ihrer abgestumpften Seele zu finden.
Gib mir die Wäsche, ich kümmere mich darum!, lächelte sie und deutete auf den dampfenden Teller. In der Mitte des Raumes hatte sie bereits einen Waschzuber mit einer Kernseifenlauge befüllt. Dankbar nickte Loransya, obwohl sie es ein wenig beschämte, der alten Frau dabei zuzusehen wie sie mit geschickten Händen die Wäsche schrubbte, während sie selbst gemütlich am Tisch saß und sich das leckere Essen schmecken ließ.
Die alte Frau beobachtete sie und dachte bei sich, dass das Mädchen wohl schon lange nichts mehr zu essen bekommen hatte. Auch die prall gefüllten Brandblasen an den Händen des kleinen Gastes entgingen ihr nicht und das erste Mal seit sie in Port-au-Prince lebte fragte sie sich, wie viel Leid sich vor der eigenen Haustüre abspielte.
Was ist mit deinen Händen?
Loransya merkte wie ihr das Blut in den Kopf schoss.
Heißes Wasser, stotterte sie etwas verlegen und schob eine Gabel Hühnchen in den Mund.
Die alte Frau nickte nachdenklich, zog das letzte gewaschene Hemd aus dem Zuber und setzte sich neben Loransya.
Deine Familie?, flüsterte sie leise.
Tränen schossen dem Mädchen in die Augen, die sie versuchte zu verbergen, indem sie ihren Kopf etwas zur Seite trete.
Meine Familie lebt in den Bergen, stieß sie trotzig hervor.
Das ist mir durchaus klar, erwiderte die alte Frau, ich wollte damit auch sagen, die Familie, bei der du jetzt lebst.
Die vielen Jahren der Einsamkeit machen sich im zwischenmenschlichen Umgang bemerkbar, man wird immer sonderbarer, dachte sie im Stillen und erinnerte sich daran, dass sie in ihrem frühen Erwachsenenleben durchaus stolz darauf war, als einfühlsamer Mensch zu gelten.
Das kleine Mädchen holte eine etwas mitgenommene, schmutzige Puppe aus der Tasche hervor, die sie vor ihr auf den Tisch legte. Vorsichtig griff die alte Frau danach und erkannte sofort, welchen Wert das Püppchen für das Kind haben musste.
Das ist eine wunderschöne Puppe.
Loransya nickte traurig.
Denkst du, sie will auch gebadet werden?
Die alte Frau deutete mit dem Kinn auf den Wäschezuber, der noch immer mitten im Raum stand. Die Puppe sah nach den wenigen Tagen in der Hauptstadt wirklich schon ziemlich verdreckt aus. Loransya erinnerte sich daran, wie sie mit ihrer Mutter zuhause stets einen Tag vor Weihnachten die Puppe in einer alten Teigschüssel gebadet hatte.
Ja!
Die Augen des kleinen Mädchens leuchteten begeistert auf. Gemeinsam knieten sie sich vor den Zuber.
Da fällt mir ein: Ich habe etwas ganz Besonderes für die Haare deiner schönen Puppe!
Die alte Frau stand auf und ging zu einer Kommode, die neben dem Esstisch stand. Sie öffnete die oberste Schublade und holte ein kleines Fläschchen hervor.
Echtes Shampoo aus Amerika, flüsterte sie verschwörerisch und öffnete das Fläschchen, um Loransya daran riechen zu lassen. Ein wunderbar zarter Rosenduft entfaltete sich im Raum.
Ich gebe dir etwas auf die Hand, dann kannst du ihr die wunderschönen Haare waschen.
Wieder füllten sich die Augen des kleinen Mädchens mit Tränen - diesmal allerdings aus Dankbarkeit - denn sie war sich durchaus dessen bewusst, was für ein großes Opfer es für die alte Frau war, etwas von dem wertvollen Shampoo für ihre Puppe abzugeben.
***
Die Zeit war wie im Flug vergangen. Weder Loransya noch die alte Frau hatten bemerkt, wie lange sie schon zu Besuch in ihrem Haus war. Jetzt konnte das kleine Mädchen nur hoffen, dass der Familie ihr Fernbleiben noch nicht aufgefallen war.
Die Augen auf den Boden gesenkt klopfte sie wenig später verängstigt an die Tür der Wellblechhütte. Zu ihrer Überraschung öffnete der älteste Sohn Wilton. Der Rest der Familie war ausgeflogen. Sein musternder Blick lag lange und durchdringend auf ihr.
Es wird langsam Zeit, dass wir uns näher kennen lernen!
Damit griff er nach ihrer Hand und zog sie unsanft hinter sich her.
Setz dich!, befahl er.
Der Klang seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er keinen Widerspruch duldete und es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich neben ihm auf dem durchgesessenen Sofa niederzulassen.
Hattest du schon einen Mann?
Die Frage fand Loransya außerordentlich merkwürdig. Sie fragte sich, warum er sie dazu zwang, über Themen zu sprechen, die so beschämend und peinlich waren und für die sie die späteren Tage ihres zukünftigen Erwachsenenlebens reserviert hatte - soweit die Planung ihres Lebens überhaupt in ihren eigenen Händen lag.
Nein, antwortete sie leise und rutschte ein Stück weiter weg.
Das kleine Herz schlug ihr bis zum Hals, als der beinahe erwachsene Junge seine kräftige Hand auf ihr Knie legte. In Loransya schrillten alle Alarmglocken auf.
Ich muss Wasser holen!, stieß sie hervor und wollte aufstehen.
Du bleibst hier!, brüllte der Älteste der Familie, von dem Loransya glaubte zu wissen, dass er auf Namen Wilton hörte, und riss sie grob zurück.
Dem Mädchen drehte sich der Magen um, ihr war auf einmal speiübel.
Seine Hand strich jetzt immer fordernder ihre Oberschenkel entlang, die sie panisch zusammenkniff. Im Gesichtsausdruck des jungen Mannes lagen animalische Züge, die nicht verbergen konnten, was er im Schilde führte
Nein, bitte lass mich!
Unvermittelt schlug er ihr derart hart ins Gesicht, dass Loransya für einen Moment Sternchen sah. Diesen kurzen Augenblick nutzte er aus und machte sich an ihrem Slip zu schaffen, den er ihr grob vom Leib riss. Das Mädchen wagte nicht mehr zu widersprechen. Tränen rannen ihre Wangen hinunter und sie betete zu Gott, dass er endlich von ihr ablassen würde. Die Hoffnung zerschlug sich, als plötzlich ein stechender Schmerz ihren Unterleib durchzuckte und Wilton seine Finger gierig in ihre Körpermitte einführte.
Ich will das nicht! Hör auf!
Sie nahm noch einmal ihren ganzen Mut und all ihre Kraft zusammen und stieß ihn energisch von sich. Einen Augenblick lang war er etwas verwundert, dann aber wurde er sehr wütend, packte sie an den Haaren und versetzte ihr Fußtritte in Bauch und Oberkörper.
Du verdammte Hure, wir haben dich gekauft, la-pou-sa-a !
Heulend und schluchzend rollte sich Loransya zusammen und hoffte, dass sie ihren Peiniger wenigstens für den Moment losgeworden war. ´
Verdammt, warum beschützt ihr mich nicht vor diesem Monster?, dachte sie und verfluchte insgeheim die eigene Familie, der sie diese auswegslose Situation zu verdanken hatte, und die sie diesen brutalen Ungeheuern schutzlos ausgeliefert hatte. Wimmernd lag sie auf dem Boden. Die körperlichen Schmerzen der unzähligen Misshandlungen spürte sie schon fast nicht mehr, aber die seelischen Qualen waren kaum mehr auszuhalten.
Doch Wilton war noch lange nicht bereit dazu, von ihr abzulassen. Plötzlich schlang er ein dickes Tau um sie und schleifte sie wie ein Schlachtvieh hinter sich her zum Bett, wo er sie an Armen und Beinen am Bettgestell fesselte. Jetzt war sie ihm ausgeliefert, es gab keine Chance mehr vor ihm zu fliehen! Loransyas Herz schlug bis zum Hals und sie wünschte sich, doch endlich sterben zu dürfen und all das Leid und die Schmerzen hinter sich zu lassen. Mit schreckerfüllten Augen beobachtete sie den jungen Mann wie er sich vollständig vor ihr entblößte. Sein erigiertes Glied von erschreckender Größe ließ keinen Zweifel daran, was er nun mit ihr vorhatte. Nackt legte er sich neben Loransya auf das Bett und strich ihr über die noch nicht entwickelte Brust und weiter hinunter zwischen ihre Schenkel.
Bitte, lass mich gehen, ich bitte dich, flüsterte sie leise und hoffte inständig, dass er ihr Betteln erhören würde.
Mit spöttischem Gelächter quittierte der Sohn die Bitten des kleinen Mädchens und legte sich auf sie. Das Gewicht seines Körpers brach ihr beinahe die Rippen. Schweratmend schnappte Loransya nach Luft, schrie aber im nächsten Moment vor Schmerz auf, als er seinen Penis brutal und allem Widerstand zum Trotz in sie einführte. Jede seiner schnellen Stöße fühlte sich an, als würde jemand dem kleinen Mädchen einen Dolch in den Unterleib rammen.
Bitte, hör auf!, jammerte Loransya, bitte, lass mich gehen!
Wilton wollte nichts mehr hören, presste ihr die Hand fest auf den Mund und bewegte sich immer heftiger in ihr, bis er plötzlich stöhnend und schwitzend auf dem kleinen Körper seines Opfers zusammensackte. Einen kurzen Augenblick verharrte er so.
Nun kannst du Wasser holen gehen!
Damit sprang er auf, löste die Fesseln und zog sich T-Shirt und Hose über als wäre nichts geschehen. Loransya blieb benommen von dem Unrecht, das ihr gerade widerfahren war, liegen und starrte apathisch in den Raum. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt. In ihrem Unterleib pochte es schmerzhaft. Sie spürte das warme Blut, das langsam und pulsierend über ihre Schenkel floss und sich als tiefroter Fleck in das helle Laken fraß.
Steh auf!, forderte Wilton grimmig und versetzte ihr einen kräftigen Tritt in den Oberschenkel. Daran wirst du dich wohl gewöhnen müssen!
Schwerfällig rappelte sich Loransya hoch und griff zitternd nach ihren auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücken. Nur sehr mühsam gelang es ihr, in den Slip zu schlüpfen und das Kleid wieder überzuziehen. Sie hatte das dringende Bedürfnis sich zu waschen und all den Scham und Ekel von ihrem Körper zu schrubben. Also ging sie, um sich den Wasserbehälter zu holen, in den hinteren Teil der Hütte. Wilton stellte sich ihr in den Weg und packte sie mit beiden Händen am Hals.
Du wirst niemanden davon erzählen, drohte er ihr mit funkelnden Augen, Sonst werde ich dich auf dem Müllberg vergraben!
Loransya nickte nur, dachte aber bei sich, lieber auf dem Müllberg zu verwesen, als dieses Martyrium noch einmal über sich ergehen zu lassen.
Mit einem Mal wurde die Türe der Hütte schwungvoll geöffnet. Der Vater betrat den Raum und mit ihm zog ein erfrischender Luftzug durch die Behausung. In seinem Blick lag etwas Kummervolles - offenbar quälten ihn große Sorgen.
Der Hurrikane wird nicht mehr lange auf sich warten lassen!, brummte er in die unangenehme Stille hinein.
Wilton trat hinaus und beobachtete eine Weile die dunkle Wolkenwand, die sich über den Straßen von Port-au-Prince immer mehr aufbaute. Die Menschen hier hatten gelernt, dass sie die übermächtige Gewalt der Natur nicht beugen konnten und sich im Laufe der Zeit damit abgefunden, dass immer wieder ein tropischer Wirbelsturm gnadenlos über ihr Land fegte und eine Flut der Zerstörung und manchmal auch des Todes zurückließ. Bis jetzt allerdings gehörte die Familie Filles zu den wenigen, glücklichen Verschonten der Insel, die bis auf ein zerstörtes Dach, noch keine größeren Opfer zu beklagen hatten.
Die Regenzeit beginnt langsam, wir haben Anfang April!, urteilte Wilton und belächelte im Stillen die alljährlichen Sorgen, die den alten Herren quälten, sobald eine Wetterwand vom Meer her hochzog.
Bisher hatte Loransya der Unterhaltung zwischen Vater und Sohn schweigend beigewohnt, nun aber drängte es sie, die beklemmende Enge der Behausung zu verlassen.
Ich gehe dann Wasser holen, murmelte sie leise und griff nach dem Wasserbehälter.
Nirgendwo gehst du hin, stieß Raoul barsch hervor, Erst werden wir hier zu arbeiten haben, dann kannst du noch zum Markt laufen! Wir brauchen Vorräte!
Wilton lachte spöttisch auf, erntete aber von seinem Vater einen derart strengen Blick, dass er sofort wieder schwieg.
Wir müssen das Haus auf das Unwetter vorbereiten! Wilton, du kletterst auf das Dach und überprüfst, ob alles niet-und nagelfest ist! Und du, damit wandte er sich wieder an Loransya, wirst alles reinholen, was draußen noch rumsteht!
Das kleine Mädchen war ehrlich überrascht. In den wenigen Tagen, die sie hier bei der Familie Filles lebte, hatte keiner der Sprösslinge auch nur einen Finger im Haus krumm gemacht, sondern sich die Zeit mit Schule, Fernsehen und Kartenspielen vertrieben oder sich überlegt, wie sie ihr Réstavek am besten peinigen und erniedrigen könnten. Mit einem befriedigenden Lächeln auf den Lippen ging Loransya nach draußen und sammelte die wenigen Habseeligkeiten der Familie ein. Über die Staubpiste des Armenviertels wehte schon jetzt jede Menge unbrauchbarer Müll und die Plastikverpackungen tanzten im Sturm auf und ab. Der Wind hatte bereits ziemlich aufgefrischt, als Wilton dem Befehl seines Vaters gehorchte und auf das Dach der bescheidenen Hütte kletterte. Im Augenwinkel beobachtete das Mädchen jede Bewegung ihres Peinigers und wunderte sich noch darüber, wie unvorsichtig er auf dem Dach zu Werke ging. Doch bereits die nächste starke Windböe erfasste seinen Körper. Er geriet ins Straucheln und ruderte mit den Armen, doch gegen die Gewalt der Natur kam er nicht an. Unsanft stürzte er nach hinten um und prallte direkt vor Loransyas Füssen auf den Boden. Voller Genugtuung beobachtete sie erst das schmerzverzerrte Gesicht des jungen Mannes und dankte dann Gott, für die besondere Art der Gerechtigkeit, für die zweifellos seine höhere Macht zuständig war. Betont langsam wandte sie sich ab und schlenderte nach drinnen.
Raoul, Wilton hat sich verletzt!
Mehr Worte gebrauchte sie für diesen Widerling nicht, stattdessen machte sie sich innerlich triumphierend und vollkommen unbeirrt an die Arbeit.
Außer sich vor Sorge eilte das Familienoberhaupt aus der Hütte und kniete neben seinem verletzten Sohn auf dem staubigen Boden nieder. Loransya genoss den lädierten Anblick Wiltons und war sich jetzt ganz sicher, dass es die Art von höherer Gerechtigkeit gab, an die sie immer geglaubt hatte. Unbeteiligt trug sie von den Wehlauten des Sohnes begleitet weiter Plastikstühle und Kerosinlampen in das Haus.
Petit Nčgre!
Das Gebrüll des Vaters zerstörte die Magie dieses triumphalen Moments. Dennoch blieb Loransya nichts anderes übrig, als zu gehorchen und zu ihm zu gehen. Wilton lag noch immer auf dem Rücken. Die Schmerzschreie des jungen Mannes hallten durch das Armenviertel und hatten bereits erste neugierige Nachbarn auf den Plan gerufen. Umrandet von einer kleinen Gruppe Schaulustigen kniete Raoul vor seinem Sohn und betete lauthals um Gnade.
Ja? Loransya zog fragend die Augenbrauen nach oben, als es ihr endlich gelungen war, sich durch die kleine Menschenmenge zu kämpfen.
Los, geh zum Markt und sage Sealon, was passiert ist. Sie soll den Voodoo-Priester mitbringen!
Obwohl sie schon wie mechanisch nickte, sobald ihr eine Anweisung gegeben wurde, fehlten ihr dennoch die Ortskenntnisse um zu wissen, wo sich der Markt überhaupt befand.
Hau ab! Raouls Augen starrten sie derart hasserfüllt an, dass sie es nicht wagte danach zu fragen. An der Wasserstelle waren einige Marktfrauen, daran erinnerte sie sich, doch sicherlich gab es in dieser Millionenstadt unzählige Marktplätze. Dennoch wollte sie zunächst versuchen, die Mutter der Familie dort aufzutreiben. Das sonst so lebendige Armenviertel wirkte jetzt wie ausgestorben. Alle Bewohner hatten sich aus Angst vor einem Hurrikan in ihren Hütten verschanzt, sogar die pechschwarzen Schweine wühlten sich nicht mehr durch den Müllberg, sondern waren verschwunden. Die dunkle Wetterfront stand jetzt direkt über Loransya am Himmel. Seltsamerweise verspürte sie keinerlei Angst, sondern war fasziniert von der tiefschwarzen Färbung des Himmels und der fast schon mystischen Stille. Der Staub tänzelte über den Weg und die Luft war beinahe so klar wie zuhause. Der Gestank nach Müll, Fäkalien und Abgasen, der stetig über der Hauptstadt schwebte, war gewichen.
Die schmale Gasse und das Zuhause vieler Straßenkinder lag jetzt unmittelbar vor Loransya. Die Kinder waren gerade dabei, sich mit Hilfe unzähliger Plastikplanen einen Schutz vor dem bald nahenden Regenschauer zu bauen. Gegen einen Hurrikane freilich konnten diese einfachen Mittel wohl nichts ausrichten. Verzweifelt hielt Loransya Ausschau nach Bernard, doch sie konnte den Jungen nirgendwo entdecken. Natürlich wollte sie ihm nicht erzählen, welch beschämendes Unrecht ihr heute widerfahren war, aber seine angenehme Nähe, auf die sie insgeheim gehofft hatte, fehlte ihr im Augenblick unsagbar. Gemütlich und ohne Hektik ließ sie jetzt die Gasse hinter sich und stieg die unzähligen Treppenstufen hinunter auf den Marktplatz. Auch hier war das hektische Treiben beinahe zum Erliegen gekommen, und nur vereinzelt standen noch ein paar Marktfrauen herum, die sich beeilten, ihr Hab und Gut zusammenzupacken. Loransya steuerte direkt auf eine der Frauen zu.
Entschuldigung, ich suche Sealon. Sealon Fille!
Die junge Frau blickte kurz auf, deutete auf einen heruntergekommenen Verschlag und machte sich dann wieder an die Arbeit.
Danke!, gab Loransya höflich zurück und überquerte den Platz. Schon von außen konnte sie das laute Stimmengewirr der vielen Marktfrauen hören, die sich in dem kleinen Verschlag drängten und sich um die besten Regen geschützten Lagerplätze für ihre Waren stritten. Ohne zu zögern öffnete sie die Türe und presste sich in den engen, miefigen Raum hinein. Hier war kein Durchkommen, das sah sie auf den ersten Blick. Keiner schien von ihr Notiz nehmen zu wollen, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als mit lauter fester Stimme nach Sealon zu rufen. Einen kleinen Moment dauerte es, ehe sich die untersetzte Frau durch die Menschenmasse schob und Loransya verwundert musterte.
Was willst du? Hast du keine Arbeit?, herrschte sie das Mädchen zur Begrüßung an.
Doch natürlich!, gab Loransya unterwürfig zurück. Ich bin geschickt worden, um Ihnen zu sagen, dass Wilton vom Dach gestürzt ist. Ihr Mann sagt, Sie sollen nach Hause kommen und den Voodoo-Priester mitbringen.
Die Mutter der Familie brach in ein lautes Gejammer und Geheule aus, in das die anderen Marktfrauen augenblicklich einstimmten. Erst dann setzte sie sich schwerfällig in Bewegung und verließ in Begleitung von Loransya den Verschlag. Wenn das Mädchen erwartet hatte, dass sie Sealon nun Rede und Antwort stehen musste, wie es zu dem Unfall gekommen war, so hatte sie sich gründlich getäuscht. Laut jammernd und klagend schleppte sich Sealon eine Treppenstufe nach der anderen hoch und sprach dabei kein einziges Wort mit Loransya.
***
Marina Courtons ließ ihren sorgenvollen Blick Richtung Küste streifen. Die dunkle Wetterfront durfte jetzt ziemlich genau über der Hauptstadt stehen. Es war in Haiti nichts ungewöhnliches, dass sich der Beginn der Regenzeit mit einem tropischen Wirbelsturm ankündigte. Hier in den hoch gelegenen Bergen der Insel bekam man zwar höchstens noch kleine Ausläufer der Stürme ab, die sich weit über dem Meer zusammenbrauten, aber wie es in den küstennahen Slums von Port-au-Prince aussah, das wollte sich Marina Courtons gar nicht erst ausmalen. Die Ängste, die sie um ihr kleines Mädchen quälten, waren von Tag zu Tag schlimmer geworden und tief in ihrem Herzen wusste sie ganz genau, dass es der kleinen Loransya nicht gut ging. Natürlich konnte die gebrochene Frau nicht ahnen, wie schlimm es ihrer Tochter seither wirklich ergangen war. Trotzdem hatte sie ihren Plan, Loransya nach Hause zu holen, noch nicht aus den Augen verloren. Dieser Entschluss forderte Opfer von ihr, das war ihr spätestens seit dem gestrigen Familienrat klar. Weder Loransyas Vater noch ihr älterer Bruder Jean waren bereit dazu, ihre eigenen Nahrungsmittel einzuschränken oder im schlimmsten Fall sogar einen Hungertod zu sterben, nur um die jüngste Tochter vor den Gefahren der Hauptstadt, wie Marina Courtons die stetig an ihr nagende Angst um Loransya vorsichtig bezeichnete, zu retten.
Wenn du nicht hören willst, wird dir die Tür zu meinem Haus auf ewig verschlossen bleiben!
Die erpresserische Drohung ihres Mannes hatte Marina Courtons die letzten Tage schon viel zu oft gehört, als dass sie darauf noch einen Deut geben würde. Der Einzige, von dem sie sich in dieser ausweglosen Situation Rückhalt und vielleicht sogar Hilfe versprechen konnte, war Loransyas Bruder Gerárd. Auch ihm ging das ungeklärte Schicksal seiner kleinen Schwester an die Nieren, und er konnte die Mutter nur zu gut in ihrem Vorhaben das Mädchen zurückzuholen verstehen. Obwohl sie schon einige Gourdes zur Seite gelegt hatte, so reichte das Geld bei weitem noch nicht für eine Hin-und Rückfahrt in die Hauptstadt aus. Marina Courtons war auf die Hilfe ihres Mannes so dringend angewiesen. Sie wollte nicht aufgeben, auch wenn ihre Chancen schlecht standen und sie immer wieder auf Granit biss. Er war und blieb einfach davon überzeugt, dass seine Tochter in der Hauptstadt ein besseres Leben führte. Die mütterliche Intuition seiner Frau scherte ihn einen Teufel, aber Marina Courtons wusste ganz genau, dass auf ihre Gefühle schon immer Verlass war.
Sie warf einen letzten Blick in Richtung Küste, drückte die Puppe fest an sich und gab ihr einen liebevollen Kuss.
Ich vergesse dich nicht, mein Mädchen! Niemals!, flüsterte sie, steckte die Puppe weg und ging zurück zur Hütte.
***
Der Regen kam, aber der befürchtete Hurrikan blieb den Bewohnern Haitis an diesem Junitag wenigstens erspart. Der Niederschlag prasselte unbarmherzig auf das löchrige Dach der Wellblechhütte und sammelte sich in riesigen Pfützen mitten im Wohnraum. Die kraftraubende Aufgabe des Mädchens, mit der sie die meiste Zeit des Tages beschäftigt war, bestand darin das Wasser aus der Hütte zu schöpfen. Dass ihr eigener erbarmungswürdiger Verschlag ebenso wenig wasserdicht war, schien niemanden zu interessieren, genauso wenig wie sich jemand darum scherte, dass Loransya jede einzelne Nacht frierend im Nassen verbringen musste.
Viel schlimmer als der Regen und die andauernde Feuchtigkeit war jedoch der Umstand, dass sich Wilton bei seinem Sturz vom Dach mehrere Rippen und Wirbel gebrochen hatte und seine Frakturen mehrere Wochen liegend ausheilen mussten. Natürlich war kein geringerer als Loransya für die Pflege ihres schlimmsten Peinigers zuständig. Die anderen Familienmitglieder verbrachten den Tag schließlich in der Schule oder auf dem Markt. Die ersten Tage war Wilton von den Schmerzen noch ziemlich mitgenommen, sodass er beinahe den ganzen Tag schlief und erst am Abend wieder erwachte, als die restliche Familie schon wieder anwesend war. Doch mit der Zeit wurde sein Schlafbedürfnis weniger und Loransya spürte seine lüsternen Blick auf sich ruhen, wann immer sie das Wasser auf allen Vieren kniend aus der Hütte schöpfte.
La-pou-sa-a, raunte Wilton ihr eines Nachmittags zu.
Das Mädchen spürte wie die beschämende Erinnerung an die Vergewaltigung ihr Herz ergriff und überhörte die quälende Bemerkung. Stattdessen griff sie zu dem abgenutzten Holzbesen und kehrte laut pfeifend die Hütte.
Ich habe Durst!, forderte der Patient daraufhin lautstark.
Loransya ging in die Küche, goss ihm etwas Trinkwasser in einen roten Plastikbecher und reichte ihm das Getränk, ohne aber den Besen aus der Hand zu legen.
Sicher ist sicher, dachte sie sich, obwohl sie ihm rein körperlich in seiner angeschlagenen Lage deutlich überlegen sein musste.
Setz dich!
Wilton klopfte neben sich auf den Rand des Bettes, wo sich Loransya äußerst widerwillig niederließ, und den Besen fest umklammert.
Du musst mich waschen, befahl er und unterstrich sein Verlangen mit einem obszönen Griff in den Schritt.
Ich werde dir später Wasser bringen!, gab Loransya zurück, stand auf und kehrte äußerlich unbeeindruckt an ihre Arbeit zurück.
Aber Wilton war ein autoritärer Mensch mit stark ausgeprägter diktatorischer Neigung, der es absolut nicht dulden konnte, wenn es jemand wagte, sich ihm zu widersetzen. Schon gar kein kleines, nichtsnutziges Réstavek!
Wutschäumend setzte er sich im Bett auf und verfluchte, dass seine Brüche ihn daran hinderten, sich wie gewohnt das zu nehmen, was er wollte.
Du wirst mich waschen! Sofort!, brüllte er ihr hasserfüllt nach, doch Loransya stand bereits an der Tür zum Gehen bereit.
Ich gehe jetzt zum Markt und werde dir später Wasser bringen!, stammelte sie noch einmal und beeilte sich, die Hütte schnell zu verlassen. Draußen sog sie erleichtert die feuchtwarme Luft in die Lungen ein, die der Regenschauer hinterlassen hatte.
Bepackt mit Süßkartoffeln, Reis und Bohnen beeilte sich Loransya schnell wieder zurückzukehren, ehe Raoul und Sealon mit den anderen Kindern, Bill und Teanne, nach Hause kamen. Viel Zeit für die Zubereitung des Abendessens blieb ihr jetzt nicht mehr! Die tiefstehende Sonne, die langsam blutrot hinter dem Horizont verschwand, verriet Loransya, dass sich der Tag langsam dem Ende neigte.
Statt abendlicher Harmonie allerdings erwartete sie Raoul und Sealon.
Du willst meinen Sohn nicht waschen?
Der Vater warf ihr einen verachtenden Blick zu, und Loransya wusste sofort, was geschehen war. Wilton inszenierte gerade den armen Patienten, der von ihr schlecht gepflegt wurde und sein Vater glaubte ihm.
Sie senkte ihren Blick zu Boden und schwieg.
Wieder stellte Raoul die gleiche Frage, diesmal allerdings in einem noch schärferen Ton. Er war von dem einzigen weißen Plastikstuhl, der zum Mobiliar der Hütte gehörte, aufgestanden und klopfte nun drohend mit einem dicken Bambusstab in der rechten Hand auf den Boden. Bereits seinen durchdringenden, bohrenden Blick empfand Loransya als unangenehm quälend.
Doch, beeilte sie sich zu sagen und schob noch ganz leise und kaum hörbar hinterher: Aber er tut mir doch so weh!
Mit einem Satz sprang Raoul auf sie zu. Seine Lippen zitterten vor Erregung und die weit aufgerissenen Augen ließen seinen Ärger erahnen. Eingeschüchtert trat Loransya einen Schritt zurück.
Du gehörst uns, wir haben für dich jede Menge Geld ausgegeben!
Schon jetzt bereute Loransya bitter was sie gesagt hatte und sank zitternd auf dem Boden nieder. Der Patient Wilton lag derweil selbstgefällig im Bett und genoss es sichtlich, den Vater von seiner Darstellung überzeugt zu haben und ihn auf seiner Seite zu wissen.
Du wirst ihn jetzt waschen!
Das kleine Mädchen erhob sich angstbebend und war gerade im Begriff Wasser zu holen, als Raoul sie hart an der Schulter packte und zurückriss.
Du brauchst kein Wasser! Jetzt wirst du deine Spucke dafür verwenden!
Sie verstand nicht, was er meinte und blieb verängstigt stehen. Doch da prasselten schon die ersten Schläge auf ihren Rücken. Eingeschüchtert trat sie an Wiltons Bett und setzte sich auf den Bettrand. Sie wollte weglaufen, aber der Weg nach draußen war versperrt. Sie schloss einen kurzen Augenblick die Augen und dachte an ihre Mutter.
Mach schon, du sollst mich sauber waschen!, hörte sie da Wilton fauchen und als sie die Augen wieder öffnete, hatte er bereits sein erigiertes Glied freigelegt. Das Mädchen schluckte und empfand einen derartigen Ekel, dass sie seinem Befehl nicht gehorchen konnte. Nie im Leben wollte sie seinen Penis in den Mund nehmen, lieber würde sie sich grün und blau schlagen lassen oder noch besser ihren Tod in Kauf nehmen, den sie manchmal so bitterlich herbeisehnte.
Plötzlich legte sich etwas von hinten um ihren Hals und es dauerte eine Weile, ehe sie begriff, dass Raoul ihr einen kalten Ledergürtel um die Kehle gelegt hatte.
Du bist nichts wert!, zischte das Familienoberhaupt dem Mädchen ins Ohr. Du bist unser Besitz!
Zitternd nickte Loransya. Ihr Mund war ganz trocken.
Raoul zog den Gürtel um ihre Kehle fester. Das kleine Mädchen überfiel eine derartige Todesangst, gleich ersticken zu müssen, dass sie sich widerwillig beugte und tat, was von ihr verlangt wurde. Der Ekel ließ sie aufwürgen.
Es reicht!, damit zog sie das Familienoberhaupt am Gürtel zurück. Der kranke Wilton teilte die Meinung seines Vaters ganz und gar nicht, deckte aber dennoch sein unbefriedigtes Geschlechtsteil wieder zu.
Zitternd stand das kleine Mädchen vor Raoul. Der Gesichtsausdruck des Mannes zeigte nicht die geringste Spur von Mitleid, eher spiegelte er wider, dass ihm daran gelegen war, Loransya die Besitzverhältnisse deutlich vor Augen zu führen und das Mädchen zu erniedrigen.
Knie dich auf den Boden! Du sollst wissen, wessen Eigentum du bist!
Die Schläge prasselten auf den Rücken des kleinen Mädchens nur so nieder. Hart und unbarmherzig knallte der Lederriemen einer Peitsche wieder und wieder auf den Rücken des Réstaveks. Loransya konzentrierte sich auf das warme Blut, das an ihr hinunter lief, und blendete die Schmerzen aus. Sie spürte sich nicht mehr, was ihr ein wenig Angst bereitete - ihren Körper gar nicht und ihre Seele auch fast nicht mehr. Nach einer Weile hielt Raoul inne und nahm den Gürtel von ihrem Hals ab.
Das sollte genügen, raunte er mit einem gönnerischen Unterton, du hast verstanden, was du bist?
Das Mädchen beeilte sich zu nicken.
Unser Besitz! Er lachte hämisch auf und deutete auf die Blutlache, in der das kleine Mädchen kniete. Aufputzen! Danach wirst du dich daran machen, unser Essen zuzubereiten!
Die Stille der Nacht wurde nur ab und zu durch den auffrischenden Wind durchbrochen, der um die wenigen Habseeligkeiten der Bewohner des Armenviertels pfiff. Loransya saß auf dem Boden ihres Verschlags und blickte hinaus in die dunkle, düstere Nacht. An Schlaf war nicht zu denken. Die blutigen, frischen Wunden auf ihrem Rücken schmerzten viel zu sehr, als dass sie sich auf den harten Pappkarton hätte legen können und ihre Seele wurde von der unendlichen Sehnsucht nach ihrer Mutter gequält. Endlich war sie allein und konnte ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Die Nase fest an die Puppe gedrückt, schluchzte Loransya hemmungslos. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum sich ihr Leben von einem auf den anderen Tag so drastisch hatte verändern können. Eben war sie noch das arme, aber glückliche Bauernkind gewesen, das trotz einem gelegentlichen Nahrungsmittelengpass eine schöne Kindheit erleben und die Geborgenheit im Schosse der Familie genießen durfte. Jetzt war sie ganz allein auf sich gestellt in dieser fürchterlichen Großstadt und musste erkennen, dass ihr Leben hier in Port-au-Prince offenbar keinerlei Wert hatte und als nutzlos abgestempelt war. Schläge, Vergewaltigungen, Demütigungen und harte Arbeit waren Begriffe, die das kleine Mädchen in dem geschützten Bergdorf nicht kannte. Obwohl Loransya genau wusste, dass es ein fürchterliches Unrecht war, das ihr hier widerfuhr, so gewöhnte sie sich doch überraschend schnell daran, so menschenunwürdig wie ein Stück Vieh gehalten zu werden und all ihrer Rechte entledigt worden zu sein. Wäre die Welt des Mädchens nicht so klein, so würde sie Gefallen daran finden, abzuhauen und sich weit weg von der Familie Filles alleine durch das Leben zu schlagen, um vielleicht sogar irgendwann wieder nach Hause fahren zu können. Ohne Geld war es allerdings ein Ding der Unmöglichkeit zurück nach Virol zu kommen. Da dachte Loransya an den Blick ihres Vaters, als Tante Lucia gekommen war, um sie mitzunehmen. Obwohl er einen kurzen Augenblick ein bisschen traurig gewirkt hatte, so ließ sein entschiedener Gesichtsausdruck keinerlei Zweifel daran, dass er zu seiner Meinung stand und seine einzige Tochter nicht mehr bei sich in Virol wissen wollte. Die einzige Alternative, die es also für das kleine Mädchen zu den Misshandlungen der Filles gab, wäre also ein Leben auf der Straße. Aber konnte sie sich wirklich vorstellen so wie Bernard zu leben und noch nicht einmal den Hauch einer Chance zu haben, jemals eine Schule besuchen zu werden? Einen winzigen Keim der Hoffnung trug sie noch in sich, dass ihr die Filles eines Tages doch erlauben würden, die Schule zu besuchen, wenn sie nur ihre Arbeit gut genug erledigte.
Ach Mama, ich hab dich so lieb!, seufzte Loransya unwillkürlich, nahm die Puppe fest in den Arm und fiel auf der Seite gerollt in einen unruhigen Schlaf.
*****
Die Geschäfte liefen heute Vormittag gut und Marina Courtons war bestens gelaunt, als sie heimlich einige Gourdes von dem Verkaufserlös abzwackte und in ihrem Büstenhalter verschwinden ließ. Wenn sich die Mangos weiterhin so gut verkauften wie an diesem schwülwarmen Junitag, dürfte es nur noch ein paar Wochen dauern, ehe sie das Geld für eine einfache Fahrt in die Hauptstadt zusammen hatte. Realistisch gesehen war ihr aber durchaus klar, dass sie ein Vielfaches mehr an Geld benötigte, um ihre Tochter wieder zu bekommen.
Plötzlich entdeckte Marina in der Unmenge von Menschen, die sich heute wie Ameisen über den Marktplatz drängten, eine alte Freundin aus Kindertagen.
Fabienne, Fabienne!, rief sie begeistert winkend.
Wie lange es her war, als sie Fabienne das letzte Mal gesehen hatte, konnte sie nicht mehr sagen, aber auf alle Fälle war Jean, ihr Ältester, gerade erst geboren worden. In ihrer eigenen, lange zurückliegenden Kindheit waren Marina und Fabienne nicht nur Nachbarinnen gewesen, sondern vor allem allerbeste Freundinnen. Leider wurde der Kontakt immer weniger, als Fabienne mit gerade mal 17 Jahren heiratete und dem Dorf den Rücken kehrte. Einige Jahre später hatten sich die beiden Frauen dann vollkommen aus den Augen verloren.
Marina! Auch Fabienne erkannte in Marina auf den ersten Blick
ihre alte Freundin wieder. Eine Weile lagen sie sich glücklich in den Armen, ehe Marina Fabienne etwas von sich wegschob, um sie besser betrachten zu können. Fabienne sah für ihr Alter wirklich noch sehr frisch und jung geblieben aus, aber was Marina sofort ins Auge stach, war die ungewöhnlich schicke, hochwertige Garderobe, die ihre Freundin am Leib trug.
Du hast wohl gut geheiratet!
Aber nein!
Fabienne lachte bitter auf und schüttelte dann den Kopf entschieden.
Wo denkst du hin? Mein Mann ist vor beinahe drei Jahren gestorben. Da bot mir das Leben leider nicht allzu viele Alternativen.
Marina biss sich auf die Lippen für diesen unbedachten Kommentar und verfluchte innerlich ihre schlechte Eigenschaft in jedes Fettnäpfchen zu treten, das sich ihr nur bot.
Entschuldige, das war dumm von mir!, schob sie versöhnlich hinterher.
Wäre ja auch nahe liegend!, wehrte die alte Freundin schnell ab. Ich hatte nur zwei Alternativen entweder ich verhungere elend oder ich mache mich auf die Suche nach Arbeit!
Gespannt lauschte Marina der Erzählung. In dieser gottverlassenen Gegend Haitis war es noch um ein Vielfaches schwieriger eine halbwegs einträgliche Arbeit zu finden als in der Hauptstadt und selbst dort waren beinahe Dreiviertel der Menschen arbeitslos. Hier auf dem Land war es üblich, dass die Bauern ihre kleinen Felder selbst bestückten und die wenige Ernte, die nach dem Eigenverzehr noch übrig blieb, für ein paar Gourdes auf dem Markt zum Verkauf anboten.
Wo arbeitest du?, wollte Marina neugierig wissen.
Doch Fabienne wollte erst nicht so recht damit herausrücken und zuckte nur mit den Schultern.
Bitte!, hakte Marina nach, Ich muss das wissen!
Etwas leiser schob sie noch die Erklärung nach, dass sie ihre Tochter als Réstavek nach Port-au-Prince schicken mussten und sie selbst vor lauter Kummer zerbrach, wenn sich in nächster Zeit keine Lösung finden ließ, um sie wieder nach Hause zu holen.
Also gut! Aber das bleibt unter uns, gab Fabienne schließlich nach und senkte ihre Stimme. Du hast sicherlich schon von dem All-Inclusive-Club für Touristen gehört, der ziemlich neu im Dorf ist. Du weißt schon, die Neureichen aus Amerika und Europa!
Fragend zuckte Marina mit den Schultern. Obwohl sie sich ziemlich viel mit den anderen Marktfrauen unterhielt, wusste sie dennoch nicht, wovon Fabienne eigentlich genau sprach genauso wenig, wie sich die Mangobäuerin niemals zuvor mit Tourismus beschäftigt hatte.
Ist auch egal!, fuhr Fabienne tuschelnd fort, Auf jeden Fall gibt es ein Hotel mit vielen Urlaubern und vor dem Hotel eine Bar, in die die Touris massenhaft strömen!
Gespannt lauschte Marina Fabiennes Erzählung.
In dieser Bar arbeite ich.
Fabienne macht eine kurze Pause.
Als Nackttänzerin und mehr, wenn du verstehst, was ich meine!
Natürlich verstand Marina sofort, was Fabienne meinte. Prostitution war in Haiti nichts Außergewöhnliches. Im Gegenteil die Straßen der Hauptstadt waren voll mit den unterschiedlichsten schlüpfrigen Angeboten. Aber in der abgelegenen Region der Sierra de Bahorucou hätte Marina Courtons niemals damit gerechnet, dass es Prostitution hier überhaupt gab geschweige denn einen Markt dafür.
Jetzt bist du wohl entsetzt, mein kleiner Moralapostel, neckte Fabienne die alte Freundin und zwinkerte ihr schelmisch zu.
Ganz von der Hand zu weisen, war dieser kleine Einwurf nicht. Marina Courtons war eine Frau, die in der Vergangenheit eine genau definierte Vorstellungen von Moral und Werten pflegte, nach deren Vorgaben sie sich bemühte zu leben.
Allerdings hatte sie damit gebrochen, spätestens in dem Augenblick, als ihr Mann in seiner Funktion als Familienoberhaupt beschloss, Loransya wegzugeben und sie machtlos zusehen musste.
Das war mal! Wie viel verdienst du damit?
Fabienne verstand die Welt nicht mehr. Hätte sie Marina noch vor einigen Jahren in ein derart intimes Geheimnis eingeweiht, wäre sie aus allen Wolken gefallen. Jetzt aber bewertete sie die Arbeit noch nicht einmal nach moralischen Gesichtspunkten, nein, sie erkundigte sich ganz einfach nach dem Verdienst!
Du bist sehr verzweifelt, stimmts? Fabienne legte den Arm verständnisvoll um die Schulter ihrer alten Freundin.
Schweigend nickte Marina und ließ ihren Blick über das bunte Treiben um sich herum schweifen. Noch kämpfte sie erfolgreich gegen die Tränen, da aber floss schon die erste ihre Wange hinunter.
***
Bereits vor Sonnenaufgang hatte sich Loransya auf den Weg zum Brunnen gemacht, um Wasser für die Familie zu holen. Anschließend hatte sie für ihre Herren Maisbrei zubereitet und während des Frühstücks damit begonnen, den Fußboden der Hütte sauber zu fegen.
Du bringst Teanne heute zur Schule!, unterbrach sie Sealon in ihrer Tätigkeit und ahnte dabei vermutlich gar nicht, welche Freude sie dem Mädchen mit diesem Befehl bereitete. Endlich konnte Loransya eine Schule sehen, wenn es auch nur das Gebäude von außen zu bewundern galt, aber immerhin!
Anschließend gehst du zum Fluss Wäsche waschen, allerdings musst du vorher noch etwas Kernseife am Markt besorgen! Hier hast du ein paar Gourdes!
Missgelaunt warf Sealon einige Münzen vor Loransya auf den Boden und wandte sich dann wieder ihrem Frühstück zu. Das Mädchen legte Bürste und Eimer beiseite, sammelte die Groschen auf und machte sich daran, die Wäsche zusammenzupacken.
Wenig später war auch Teanne endlich bereit dazu, sich auf den Weg zu machen.
Nimm meine Tasche!, fauchte die jüngste Tochter Loransya an, kaum dass sie sich auf dem staubigen Weg vor der Hütte befanden. Obwohl sie schon die allergrößte Mühe damit hatte, überhaupt den schweren Wäschesack zu schultern, griff sie widerspruchslos nach der abgenutzten Ledertasche, die ihre Teanne ganz selbstverständlich reichte. Spätestens seit dem gestrigen Tag war ihr bewusst, welche Strafe ihr drohte, sollte sie es wagen, sich dem Befehl eines der Kinder zu widersetzen. Schweigend liefen die Mädchen nebeneinander her. Obwohl es das erste Mal war, dass Loransya mit der etwas jüngeren Teanne alleine war, so wollte es doch kaum gelingen, mit dem Mädchen ins Gespräch zu kommen.
Da vorne ist es!, raunte Teanne ihr nach einem etwa zehnminütigen Fußmarsch zu und deutete auf ein etwas heruntergekommenes Gebäude. Die zweistöckige Schule lag unmittelbar an einer Hauptverkehrsstraße und erinnerte durch einen an der Grundstücksgrenze verlaufenden Stacheldrahtzaun ein wenig an das örtliche Gefängnis. Durch das schmiedeeiserne Tor, über dem ein dunkelblaues Schild mit der weißen Aufschrift School of Haiti angebracht war, strömten jetzt aus allen erdenklichen Himmelsrichtungen der Stadt die Schüler herbei. Allesamt trugen eine Schuluniform, die Mädchen einen dunkelblauen Rock und eine weiße Bluse dazu, die Jungen eine Hose und ein Hemd, ebenfalls in den Schulfarben blau und weiß gehalten. Der Kragen war geziert mit demselben Emblem oberhalb, das sich auch dem Tor wieder fand, und versehen mit dem geschwungenen Namenszug der Schule. Die meisten der Kinder wirkten auf Loransya schlecht gelaunt und ziemlich grimmig, was sie absolut nicht verstehen konnte. Was würde sie nur darum geben, auch nur einen einzigen Tag in der Schule verbringen zu dürfen!
Okay, ich muss rein!, verabschiedete sich Teanne und nahm Loransya die Tasche ab, Du gehst zurück und wirst mich um vier wieder abholen!
Loransya nickte nur. Eine Weile blickte sie ihr noch gedankenverloren hinterher, dann aber beschloss sie, sich auf einem kleinen Mäuerchen gegenüber der Schule niederzulassen und dem bunten Treiben einfach nur zuzusehen. Wenn sie schon nicht den Unterricht besuchen durfte, so hatte sie hier etwas abseits wenigstens ein klein bisschen das Gefühl, dazu zu gehören. Die Fenster des Schulgebäudes waren mit selbst bemalten Buchstaben und Zahlen geschmückt. Loransyas sehnsüchtiger Blick blieb eine ganze Weile daran hängen. Dieser Anblick drückte in den Augen des Mädchens all die Freude und den Spaß aus, den die Schüler wohl am Lernen empfinden mussten. Waren aus dem Schulhaus bis jetzt muntere Gespräche und das helle Lachen der Kinder geklungen, so beendete ein dumpfer Gongschlag sämtliche Unterhaltungen und es wurde sehr ruhig um das Gebäude. Zwischenzeitlich kamen auch keine Kinder mehr. Nur eine alte Nonne erschien auf der Bildfläche, die mit einem riesigen Schlüsselbund das Tor schwerfällig von innen verschloss. Seufzend riss sich Loransya los und packte ihren Sack Wäsche, um zurück über die holprige Sandstraße zu schlendern. Beim nächst besten Straßenhändler, der ihr über den Weg lief, kaufte sie ein kleines Stück Kernseife und war wenig später am Flussufer angelangt. An diesem frühen Vormittag waren nur zwei Mütter mit ihren Kindern hier, die munter plaudernd ihre Wäsche reinigten. Obwohl Loransya natürlich im Hinterkopf hatte, die alte Frau zu besuchen, so wollte sie dieses Mal doch vorher ihre Arbeit erledigt wissen. Schnell machte sie sich an das Werk und schrubbte so lange über die Kleidungsstücke, bis ihre Knöchel feuerrot waren, aber die Wäsche dafür in sauberer Reinheit erstrahlte. Natürlich hing sie während der harten Arbeit ihren Gedanken nach. Der Wunsch Lesen und Schreiben zu lernen ließ sie nicht mehr los, auch wenn sie wusste, dass ihr weder Sealon noch Raoul jemals erlauben würden, eine Schule zu besuchen. Bisher hatte ihr allerdings auch der Mut gefehlt, sie danach zu fragen. Aber Loransya war trotz all ihrer Träume Realistin genug, um zu wissen, dass sie sich diese Frage getrost sparen zu konnte.
Du bist nichts wert!, schoss es ihr durch den Kopf.
Wie oft hatte sie diesen demütigenden, abwertenden Satz in den letzten Tagen gehört? Auf jeden Fall oft genug, um beinahe schon selbst daran zu glauben. Seufzend steckte das Mädchen das letzte Hemd in ihren Wäschebeutel, packte die Kernseife in das Stückchen Papier zurück und ging zögerlich auf das Haus der alten Frau zu. In ihr nagte der Zweifel, womöglich gar nicht willkommen zu sein, und so klopfte sie etwas schüchtern an die Holztüre und lauschte den knarrenden Schritten, die sich wenig später näherten. Die alte Frau schien über den unerwarteten Besuch kein bisschen verblüfft zu sein.
Hallo!, rief sie erfreut und deutete Loransya einzutreten.
Zögerlich folgte das Mädchen ihrer Aufforderung und blieb etwas verloren im Raum stehen.
Wir haben uns das letzte Mal gar nicht vorgestellt, lächelte die alte Frau, Ich finde, wir sollten das unbedingt nachholen. Mein Name ist Tamara.
Damit streckte sie dem Mädchen die Hand entgegen.
Ich heiße Loransya!
Die alte Frau lächelte freundlich und deutete auf die beiden Stühle.
Komm wir setzen uns! Du hast doch bestimmt Hunger!
Tamara zwinkerte und begann ohne die Antwort des Mädchens abzuwarten, sofort damit den Tisch zu decken. Brot, Maisbrei, sogar Wurst und Käse wurden ihr hier angeboten. Die Gastfreundschaft der alten Frau beschämte Loransya ein wenig, aber noch unangenehmer empfand sie die Tatsache, dass man ihr Hunger und Unterernährung so deutlich ansehen konnte.
Wie geht es denn deiner Puppe? Duften die Haare noch immer?
Loransya strahlte Tamara an und nickte begeistert.
Ja, ein wenig kann ich die Rosen noch riechen.
Die alte Frau füllte Loransyas Teller mit Maisbrei und reichte ihr ein belegtes Brot. Dann setzte sie sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch und griff selbst zu.
Weißt du, wenn man alt und einsam ist, dann freut man sich über ein wenig Gesellschaft bei den Mahlzeiten!
Damit war es Tamara einfühlsam gelungen, die Peinlichkeit der Situation für Loransya in das angenehme Gefühl eine gute Tat vollbracht zu haben umzukehren. Mit einem Mal fand sie es vollkommen in Ordnung, sich hier auf Kosten der alten Dame satt zu essen.
Mit voll gestopftem Mund berichtete Loransya von dem harten Alltag, den sie bei der Familie Filles erlebte, auch wenn sie es vermied, von Vergewaltigung, Misshandlung und quälendem Hunger zu erzählen.
Warst du auf einer Schule?, fiel ihr an der Stelle ein, als sie Tamara berichtet, wie sie heute Morgen die Tochter der Familie begleiten durfte, Ich meine, kannst du richtig lesen, schreiben und rechnen?
Ja, ich war in der glücklichen Lage. Tamara nickte und schob mit einem Blick auf das traurige Mädchen hinterher: Wenn du möchtest, kann ich dir etwas beibringen
Loransyas Augen leuchteten vor Begeisterung, doch im selben Moment fiel ihr ein, dass es wohl fast unmöglich war, hier bei Tamara zu lernen, ohne dass es die Familie Filles mitbekam.
Wie gerne würde ich das, gab sie traurig zurück, aber ich glaube nicht, dass man mir das erlaubt!
Die alte Dame überlegte eine Weile schweigend, ehe ihr etwas einfiel.
Sie müssen es ja nicht wissen, flüsterte sie verschwörerisch, wir machen das, wenn du Wäsche waschen sollst! Die geben wir meiner Nachbarin und wir beide, sie machte eine kunstvolle Pause und deutete mit dem Finger hin und her, lernen währenddessen fleißig!
Loransya spürte Tränen der Dankbarkeit in sich aufsteigen. Noch nie hatte sich ein Mensch, der nicht zu ihrer Familie gehörte, so für sie eingesetzt. Wortlos fiel sie Tamara um den Hals und umarmte sie lange. Glück, dieses Gefühl hatte sie schon lange nicht mehr gespürt!
Leider hielt das Hochgefühl in Loransya nicht allzu lange an, sondern verflüchtigte sich schon, als sie wenig später wieder zuhause in der Hütte eintraf. Sealons dunkler Gesichtsausdruck ließ das Mädchen sofort erkennen wie verärgert sie war.
Petit negré!, schrie die giftige Alte Loransya entgegen, Wo warst du so lange? Ich muss zum Markt und du, nichtsloses Ding, solltest wissen, dass Wilton nicht lange alleine bleiben kann!
Sealons Stimme erhob sich immer lauter und wurde schließlich so grell, dass sie ein schmerzhaftes Klingeln im Ohr verursachte. Sie redete sich immer mehr in Rage und war schließlich so aufgebracht, dass sie Loransya eine schallende Ohrfeige verpasste.
Dir dummem Ding werden wir es noch zeigen!, kreischte sie wütend, Wo warst du?
Ich war am Fluss Wäsche waschen!, stammelte Loransya bang und hielt sich mit einer Hand die schmerzende Wange, immer darauf gefasst, gleich wieder geschlagen zu werden.
Wäsche waschen? Du kannst gleich Wasser holen gehen, aber vorher wird hier sauber gemacht!
Das kleine Mädchen nickte untergeben und war im ersten Augenblick froh darüber, als Sealon wutentbrannt davon rauschte. Doch dann fiel ihr Blick auf Wilton, der selbstgefällig grinsend im Bett lag und die Szene amüsiert verfolgte.
Ich werde zum Brunnen gehen!, stieß Loransya hervor und war ehrlich überrascht darüber, dass von Wilton keine Widerworte zu hören waren.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und die Hitze staute sich unerträglich über den staubigen Wegen des Armenviertels. Der Gestank von Fäkalien und Müll lag beißend in der Luft und wurde nur ab und zu von einer Brise Meeresluft aufgefrischt. Die meisten Haitianer hatten sich in ihre schattigen Hütten zurückgezogen, um Schutz vor der Mittagssonne zu suchen und nur vereinzelt kreuzte ein menschliches Wesen ihren Weg. Doch Loransya störte dieser Umstand nicht besonders. Hauptsache sie war weit genug weg von den Familienmitgliedern der Filles. Ihre Zukunft lag vor ihr, sie hatte dank Tamara endlich wieder eine kleine Perspektive, die sie stolz in sich trug. Wenn sie erst schreiben, lesen und rechnen konnte, dann würde sie Haiti erobern und was natürlich am Allerwichtigsten für das kleine Mädchen war, sie konnte zurück zu ihrer Familie kehren. Obwohl sie sich zwischenzeitlich schon etwas in Port-au-Prince eingelebt hatte und ihr die Hauptstadt nicht mehr ganz so fremd erschien, so nagte an ihrer kleiner Seele doch das quälende Heimweh schmerzhaft und die unendliche Sehnsucht nach der sicheren Geborgenheit und der unendlichen Liebe, die das kleine Mädchen nur im Arm der Mutter verspürte.
Hey, Loransya!, riss es das Mädchen aus ihren Gedanken.
Hinter ihr am Brunnen stand Bernard, der ihr breit entgegen grinste.
Hallo Bernard, gehts dir gut?, begrüßte Loransya den Straßenjungen. Bei seinem Anblick fiel ihr sofort auf, dass von seiner Stirn bis quer über die Wange eine Blut verkrustete, eitrige Wunde klaffte.
Was ist passiert?
Bernard setzte ein gequältes Lächeln auf und zwang sich tapfer zu bleiben.
Wir sind in der Nacht überfallen worden, aber es geht schon!
Das Los der Straßenkinder war offensichtlich nicht wesentlich besser, als das eines Réstaveks. Misshandlungen, Schläge und Gewalt waren in jeder Lage an der Tagesordnung.
Du musst das sauber machen!
Loransya betrachtete die entzündete Wunde und riss kurz entschlossen einen Fetzen von ihrem ohnehin schon ziemlich durchlöcherten Baumwollkleid ab.
Setz dich dahin!
Sie deutete auf den Brunnenrand, befeuchtete den Fetzen und tupfte vorsichtig Blut und Eiter von der Wunde. Bernard hielt währenddessen ganz still und bedankte sich nach Abschluss der Behandlung überschwänglich bei seiner Helferin.
Komm, dafür schleppe ich dir das Wasser die Treppen hoch!
Gemeinsam stiegen die Beiden Stufe für Stufe die steile Treppe empor.
Dir geht es nicht gut, oder?
Bernard hielt kurz inne und warf einen fragenden Blick auf das Mädchen.
Nein, gab Loransya sofort zu, du kennst das ja
Der Straßenjunge seufzte. Leider ja, aber ich bin kein Mädchen!
Sie wusste sofort, worauf er eigentlich hinaus wollte, sagte daraufhin aber erst einmal nichts und hoffte, dass Bernard schnell das Thema wechselte. Zu peinlich und beschämend war die Erinnerung an die Vergewaltigung.
Haben sie dich schon angefasst?, er stockte kurz, Ich meine nicht nur geschlagen, sondern noch Schlimmeres mit dir gemacht?
Loransya beeilte sich, den Kopf zu schütteln, aber sie sah Bernard dennoch an, dass er ihr nicht glaubte.
Wer? Der Vater oder der Sohn, oder alle beide?
Sein Blick war jetzt so durchdringend, dass das Mädchen sich sicher war, dass er in ihr lesen konnte wie in einem offenen Buch.
Ich möchte nicht darüber sprechen, wehrte sie zaghaft ab.
Das solltest du aber!, widersprach ihr Bernard. Du brauchst Menschen mit denen du reden kannst und denen du Vertrauen schenkst.
Etwas leiser fügte er hinzu: Sonst geht nicht nur dein Körper kaputt, sondern früher oder später auch deine Seele. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche!
Das ist schon passiert, wisperte Loransya tränenerstickt und fühlte in diesem Augenblick, dass Bernard ihr Vertrauen verdient hatte, der Sohn.
Wortlos stellte er den Wassereimer auf einer Treppenstufe ab und zog sie in seine Arme. Liebevoll streichelte er über ihren Kopf und aus Loransya sprudelten die Worte nur so hervor. Sie erzählte ihm von den Schlägen, den Beleidigungen und Demütigungen und sogar von der Vergewaltigung. Sie sprach von der tief sitzenden Angst, die sie überkam, sobald sie die Hütte der Familie Filles auch nur betrat und der stetigen Panik, dass Wilton sich wieder an ihr verging. Auch die Reaktion des Familienoberhauptes auf ihre deutliche Anspielung ließ sie nicht aus. Außerdem weihte sie Bernard in den geheimen Pakt ein, den sie mit Tamara geschlossen hatte und die tiefe Hoffnung, die sie daran knüpfte.
Der Straßenjunge hatte bis jetzt schweigend zugehört.
Nutze deine Chance, die dir die alte Frau bietet, um vielleicht wirklich irgendwann ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit führen zu können! Nutze sie, nicht jeder bekommt eine solche Gelegenheit!
Das kleine Mädchen fühlte sich erleichtert und war verblüfft darüber wie gut es ihr tat, sich endlich das ganze Martyrium, das sie tagtäglich durchleben musste, von der Seele zu reden. In Bernard hatte sie einen Verbündeten gefunden und sie wusste, dass er ihr Vertrauen verdient hatte obwohl sie ihn erst das zweite Mal in ihrem Leben gesehen hatte.
***
Unter dem Schatten des Mangobaums ließ sich die schwülwarme Luft dieses heißen Sommertages gut aushalten. Marina Courtons und Fabienne hatten sich dort auf einer Strohmatte in unmittelbarer Nähe der Hütte niedergelassen und tuschelten schon seit einer Weile geheimnisvoll miteinander. Jean beobachtete seine Mutter schon eine ganze Zeit lan und irgendetwas missfiel ihm an der unbekannten alten Freundin. Sie passte kein bisschen in diese ländliche Region Haitis. Ihr Kleidungsstil war auffällig und außerdem trug sie einen für seinen Geschmack viel zu roten Lippenstift. Obwohl er nicht mitbekam, worüber die beiden Frauen sprachen, so merkte er doch, dass es etwas war, das nicht für seine Ohren bestimmt war und kein anderer hören sollte. Besuche in Virol waren ohnehin etwas eher Ungewöhnliches. Wenn einmal jemand vorbeikam, waren es höchstens Frauen aus der Nachbarschaft oder bestenfalls der Priester aus dem Nachbarort. Aber eine alte Freundin seiner Mutter war noch nie im Dorf gewesen seit Jean denken konnte. Argwöhnisch warf der beinahe erwachsene Junge einen letzten Blick auf das ungewöhnliche Frauenpaar, dachte bei sich, er werde später mit dem Vater darüber noch mal sprechen müssen und machte sich dann aber doch auf den Weg zum Feld.
Im selben Moment warf Marina die letzten moralischen Bedenken über Bord. Ihr Entschluss stand unerschütterlich fest: Sie würde alles geben, was in ihrer Macht stand, um ihr kleines Mädchen wieder zu bekommen. Notfalls nahm sie sogar das Opfer in Kauf, zukünftig ihr Leben als allein erziehende Mutter in die Hand zu nehmen und auf ihren sturen, uneinsichtigen Ehemann zu verzichten.
Ja, flüsterte sie, ich machs! Aber erst einmal nur als Tänzerin!
Fabienne war vom ersten Augenblick ihres Wiedersehens an klar, dass sich ihre alte Freundin verändert hatte, aber wie sehr, wurde ihr erst jetzt bewusst.
Bist du dir sicher?
Marina Courtons nickte entschlossen. Sie war sich sicher, dass sie jedes auch nur erdenkliche Opfer auf sich nehmen würde, um wieder gut zu machen, was sie ihrer Tochter angetan hatte. Selbst in der stickigen, engen Hauptstadt Port-au-Prince würde sie bleiben, um Loransya nicht aus der Schule nehmen zu müssen. Ihre kleine Tochter sollte sich nie mehr allein und verlassen fühlen, das schwor sich Marina Courtons an diesem Sommertag im Schatten des Mangobaums.
Gut, dann werde ich mich um alles kümmern. Heute Abend spreche ich mit dem Chef des Ladens und versuche mein Möglichstes, einen anständigen Lohn für dich auszuhandeln!
Fabienne drückte ihre alte Freundin kurz an sich, da fiel ihr noch etwas ein.
Du solltest tanzen üben!
Sie ließ ihren Blick zurück zu der bescheidenen Hütte der Familie Courtons schweifen und schüttelte dann entschlossen mit dem Kopf.
Aber ich glaube nicht, dass das hier möglich ist, ohne dass es jemand bemerkt. Komm doch einfach morgen zu mir, am besten nachmittags!
Natürlich hatte Fabienne Recht. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, sich in einer
10 Quadratmeter großen Hütte im erotischen Nackttanz zu üben, ohne von Mann oder Söhnen dabei erwischt zu werden.
Morgen ist sowieso Markttag, da bin ich im Dorf, antwortete Marina schnell, holst du mich am Marktplatz ab?
Fabienne nickte und erhob sich dann langsam von der Strohmatte.
Dann bis morgen, Marina!
***
Über Wiltons Gesicht huschte ein widerliches Grinsen, als er beobachtete wie Loransya sich wenig später damit abmühte, das schwere Wasser in die Hütte zu schleppen. Das Mädchen hielt es für die beste Taktik, den abscheulichen Widerling so zu behandeln, als wäre er aus Luft und befüllte eine zerschlissene Plastikwanne mit Wasser. Wie jeden Tag standen die fünf Teller und Tassen der Familie vom Frühstück noch unberührt auf dem alten Tisch. Die Familie Filles besaß nicht mehr Geschirr und für das kleine Mädchen gab es weder einen Teller noch eine Tasse. Natürlich war das in den Augen ihrer Herren auch gar nicht nötig. Schließlich konnte das Réstavek froh darüber sein, dass ab und an ein paar Speisereste übrig blieben, die die Filles dann nicht den Schweinen verfütterten, sondern an sie abgaben. Seufzend machte sich Loransya daran, das benutzte Geschirr in die Wanne zu stapeln und mit Hilfe einer abgenutzten Spülbürste die eingetrockneten Maisbreireste abzuschrubben. Sonst kratzte das Mädchen in einem unbeobachteten Moment vorher über die Teller und verschlang die Lebensmittelreste gierig, um den stetig quälenden Hunger wenigstens für einen kurzen Moment stillen zu können. Aber heute war das dank Tamara anders. Sie war satt und gut gelaunt, hatte die alte Frau ihr doch Hoffnung für die Zukunft geschenkt!
Wenig später war die Arbeit erledigt und Loransya trat nach draußen, um das schmutzige Abwaschwasser vor der Hütte auszuschütten. Die schwülwarme, drückende Luft war geschwängert von einem beißenden Gestank aus Fäkalien und in der Hitze langsam verrottenden Mülls. Tausende Moskitos tanzten in Schwärmen tief über den Dächern der Wellblechhütten und kündigten einen bald nahenden Regenschauer an. Die Regenzeit machte die Arbeit eines Réstaveks nicht unbedingt leichter. Zu den vielen Stunden ermündender Hausarbeit kam nun auch noch das Schöpfen des Regenwassers aus den undichten Hütten. Loransya warf noch einen letzten Blick nach oben auf die sich nahende Wetterfront und wandte sich dann wieder nach drinnen ab.
Ich möchte aufstehen!, meldete sich jetzt Wilton erstmals zu Wort, kaum dass Loransya wieder eingetreten war. Hilf mir!
Das Mädchen zögerte zunächst etwas. Ich weiß nicht, du solltest liegen bleiben, dein Rücken ist gebrochen!
Eigentlich war es ihr egal, von ihr aus könnte er sich ruhig auch noch den Hals brechen, aber die drohende Strafe der Filles, sollte ihrem Stammhalter etwas zustoßen, wollte sie sich gar nicht erst ausmalen.
Hast du nicht gehört, du dummer Neger?, brüllte Wilton erbost über so viele Widerworte, Ich möchte aufstehen!
Loransya zuckte gelangweilt mit den Schultern.
Bitte, wie du willst!
Damit ging sie auf sein Bett zu, reichte ihm die Hände und zog ihn kräftig hoch. Das erste Stückchen schien es beinahe, als wäre es für Wilton kein allzu großes Problem aufzustehen, doch plötzlich hielt er inne und schrie Schmerz gequält auf.
Bist du wahnsinnig?, johlte er, obwohl das Mädchen sofort aufgehört hatte, an ihm zu zerren.
Du solltest eben liegen bleiben, versuchte Loransya den aufgebrachten Wilton etwas zu besänftigen.
Du ungeschickter Neger!, tobte er unverhohlen weiter. Dich kann man eben nur für eines brauchen! Damit packte Wilton grob nach ihrer Hand und legte sie auf sein Geschlechtsteil.
Ich warne dich, zischte er und mehr war gar nicht nötig, um Loransya einzuschüchtern und gefügig zu machen. Die eitrigen Wunden auf ihrem Rücken hatten sich entzündet. Es würde wohl noch lange Zeit dauern, ehe sie ganz verheilt waren. Die Erinnerung an die brutalen Schläge des Familienoberhaupts jedoch hatte sich tief in die kindliche Seele gebrannt.
Das kleine Mädchen zitterte am ganzen Körper, wagte es aber dennoch nicht, ihre Hand wegzunehmen.
Bitte, lass mich gehen, stammelte sie unter Tränen. Ich muss doch arbeiten!
Wilton lachte spöttisch auf und machte sich an seiner Hose zu schaffen, die er mühevoll herunterzog.
Natürlich! Er deutete auf sein erigiertes Glied. Mach dich an die Arbeit!
Wie erstarrt saß Loransya auf dem Bettrand und hatte keine Ahnung, was er eigentlich von ihr wollte. Der ungeheuere Ekel, den sie vor Wiltons Genitalien empfand, krampfte ihren Magen schmerzhaft zusammen.
La-pou-sa-a, du wirst es mir besorgen! Und zwar jetzt!
Seine eiskalte Stimme drang ihr durch Mark und Bein. Sie hatte keine andere Wahl, als seinen Worten zu folgen, nur hatte sie überhaupt keine Ahnung, was er eigentlich von ihr erwartete.
Wilton musterte sie noch einen Moment, dann packte er ihren Kopf gebieterisch und drückte ihn fest zwischen seine Beine.
Los, nimm ihn in den Mund, du Negerschlampe!
Loransya spürte seine kräftige Hand in ihrem Nacken liegen und öffnete nur widerwillig die Lippen. Stöhnend rammte ihr Wilton sein Geschlechtsteil in den Rachen. Der penetrant bittere Geschmack seines Penis, der sich augenblicklich in ihrem ganzen Mund verteilte, war so widerlich, dass sie aufwürgte und nur mit Mühe verhindern konnte zu erbrechen. Der Griff seiner Hand wurde immer stärker und er drückte ihr Gesicht jetzt so tief nach unten, dass Loransya ihren Würgereflex nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. In einem warmen Schwall ergoss sich da ihr Mageninhalt über Wiltons Unterleib und sickerte über sein Becken hinunter auf die Matratze. Zuerst schien er das Malheur noch gar nicht zu bemerken, erst als Loransya schnappend nach Luft rang, packte er sie grob an den Haaren und zog sie auf seine Gesichtshöhe. Die dunklen Augen des Jungen funkelten Loransya bedrohlich an und das Mädchen zittert aus Angst vor der Bestrafung, die sie jetzt zu erwarten hatte.
Du kleine Schlampe, flüsterte er bedrohlich leise.
Es tut mir Leid, ich mache das sofort sauber!, bettelte Loransya unterwürfig.
Leid? Seine Stimme wurde immer lauter. Der Schlampe tut das Leid! Du wirst gleich sehen, wie Leid es dir tut!
Damit holte er aus und schlug dem Mädchen schallend links und rechts mitten ins Gesicht.
Bitte, lass mich gehen!, flehte Loransya panisch, bitte, Wilton!
Es war das erste Mal, dass sie den Jungen beim Namen genannt hatte, weil sie hoffte, damit besser an sein Mitgefühl appellieren zu können.
Du dreckige Hure, wagst es meinen Namen in den Mund zu nehmen?, wütete er weiter. Zieh Rock und Unterhose aus, sofort!
Die wahnsinnigen Züge, die in seinem Gesicht aufblitzten, machten dem kleinen Mädchen noch mehr Angst. Sie war sich jetzt ganz sicher, dass er auch nicht davor zurückscheuen würde, sie umzubringen, sollte sie sich nicht seinem Willen unterwerfen. Zitternd folgte Loransya dem Befehl und legte ihre Kleidungsstücke ab.
Leg dich hin und nimm die Beine auseinander!
Wilton deutete auf das freie Stück Matratze neben ihm. Das Mädchen gehorchte ihm angstbebend. Sie schloss die Augen und versuchte ganz intensiv an Zuhause zu denken, um die bevorstehenden Qualen irgendwie erträglicher zu machen. Sie konnte fast schon den vertrauten Geruch ihrer Mutter riechen, als sie der stechende Schmerz in ihrem Unterleib wieder quälend in das Hier und Jetzt zurückversetzte. Die Wirbelfraktur hinderte Wilton nicht daran, derart brutal in ihren Unterleib zu stoßen, dass es sich anfühlte, als schneide ihr jemand mit einem scharfen Messer die Innereien aus dem Körper. Ihr war schwindelig und die Hütte um sie herum, begann sich zu drehen. Endlich stöhnte Wilton wie ein brunftiger Stier, rollte von ihr hinunter und ließ sich schweißgebadet neben sie auf die Matratze fallen. Panisch sprang das Mädchen sofort auf, griff nach ihren Kleidungsstücken und verschwand in einer dunklen Ecke der Hütte, um sich wieder anzuziehen. Sie wollte weinen, aber keine einzige Träne kam ihr aus den Augen. Das Mädchen fühlte sich leer, ausgebrannt und benutzt wie ein Stück Vieh.
Mach das Bett sauber, du Negerschlampe!, hörte sie da Wilton poltern und ging wie mechanisch auf ihn zu. Wortlos nahm sie das schmutzige Bettlaken ab, legt ein neues auf und ging dann zum Fluss, um es zu waschen.
***
Marina Courtons ließ ihren Blick traurig über die vielen Mangos schweifen, die heute auf dem Markt mal wieder keine Abnehmer finden wollten, und dachte an ihr kleines Mädchen. Wie oft hatte sie in den letzten Wochen ein Gebet gesprochen und Gott darum gebeten, auf ihre kleine Tochter aufzupassen? Auch jetzt begann sie leise vor sich hinzumurmeln und die göttliche Gnade zu erbitten, als sie in der Ferne Fabienne auf sich zuschlendern sah. Schon von Weiten erkannte Marina, dass ihre Freundin heute Nachmittag bei allerbester Laune war.
Hallo Marina! Es hat geklappt!, schrie sie ihr so laut entgegen, dass die Hälfte der Marktfrauen von ihren Waren aufsahen und Fabienne neugierig musterten.
Hallo Fabienne!
Absichtlich ging Marina nicht auf die Bemerkung ihrer Freundin ein, sondern machte sich daran, ihr weniges Hab und Gut zusammenzusuchen, das um sie herum auf dem Boden verteilt lag.
Wie sind die Geschäfte gelaufen?
Schulterzuckend deutete Marina auf die vielen, übrig gebliebenen Früchte.
Nicht besonders, wie du siehst. Wir können gehen!
Munter plaudernd liefen die beiden Frauen über den Marktplatz die Hauptverkehrsstraße entlang, bis sich in einer Nebenstraße vor ihnen endlich in ein ruhiges Wohngebiet auftat. Marina war fasziniert von den kleinen, gemauerten Häusern und dachte bei sich, dass wohl beinahe jeder Haitianer in besseren Verhältnissen lebte, als es sich ihre Familie in Virol jemals leisten konnte.
Da vorne, in dem kleinen blauen Häuschen, da wohne ich!
Fabienne deutete die Straße entlang. Links und rechts der geteerten Gasse reihten sich bunte, kleine Häuschen aneinander, die das herrliche karibische Flair längst vergangener Kolonialzeiten versprühten. Jedes der Häuser verfügte über eine Terrasse und ein winziges Stück Garten. Sogar der Rasen erstrahlte in einem satten Grün, was für ein Land, indem tagtäglich tausende Menschen an Wassernot und Durst litten, für Marinas Geschmack etwas zu verschwenderisch war. Für die Sicherheit der Bewohner sorgte eine strahlend weiße Mauer, auf der oben eine Stacheldrahtrolle angebracht war, die auch sicher verhindern sollte, dass kein Unbefugter darüber kletterte. Einen kurzen Augenblick überkam Marina ein Anflug von Neid, den sie aber schnell wieder beiseite schob.
Das ist schön hier!, lobte sie stattdessen.
Nickend pflichtete Fabienne ihr bei.
Ich wohne hier noch nicht so lange, erst seit ich meine Arbeit habe.
Wenn es tatsächlich möglich war, durch die Arbeit in dem Nachtklub soviel zu verdienen, dass man sich ein für haitianische Verhältnisse so komfortables Haus leisten konnte, dann sollte es doch wohl auch Marina gelingen, ihre Tochter mit dem Geld zurückzuholen.
Schweigend betraten die beiden Frauen das Grundstück durch ein schmiedeeisernes Tor und folgten einem geschlängelten Kiesweg, der über die Veranda zur Haustüre führte. Staunend schaute sich Marina um. Es schien fast so, als wäre es Fabienne gelungen, hier ein Paradies auf Erden zu schaffen.
Nun, komm schon rein!
Fabienne hatte die dunkelblaue Haustüre bereits aufgeschlossen und wartete ungeduldig auf der Schwelle.
Du hast sogar eine Türe! Wahnsinn!
Die Hausbesitzerin lachte kurz auf.
Ja! Marina, du musst lernen, dass es auch eine Welt außerhalb deines Bauerndorfs gibt. Sie hielt kurz inne und zog den Schlüssel ab. Allerdings kann ich dir nicht versprechen, ob diese Welt hier besser ist. Einiges ist es ganz bestimmt, aber es gibt sicherlich Schattenseiten, von denen du noch nicht einmal etwas ahnst.
Einen Moment lang war Marina etwas verärgert. Sicherlich kannte sie nur das einfache Leben in ihrem kleinen Bergdorf. Aber immerhin ging sie mehrmals in der Woche in den Nachbarort auf den Markt und bald, da war sie sich sicher, würde sie ihre Tochter in der Hauptstadt Port-au-Prince, die auch sie nur aus Erzählungen kannte, in die Arme schließen.
Das Innere des Hauses wirkte gespenstisch und stand im krassen Gegensatz zu der viel versprechenden Außenfassade. Obwohl genügend Raum zur Verfügung stand, hatte sich Fabienne damit begnügt, nur wenige Möbelstücke aufzustellen. In einer Ecke des Raumes lag ihre Matratze auf dem Boden. Daneben stand ein einfacher Kleiderständer, auf dem Fabiennes glitzernde Kleider in Reih und Glied aufgehängt waren. Gegenüber hing ein Spiegel, der so groß war, dass er beinahe die ganze Wandlänge einnahm und im anderen Teil des Raumes befand sich nur ein runder Bistrotisch und zwei einfache Metallstühle.
Komm, lass uns erst einmal ein Kleid für dich auswählen!
Fabienne schob die Kleiderbügel suchend hin und her und zog schließlich ein satinrotes, kurzes Minikleid mit einem tiefen V-Ausschnitt hervor.
Gefällt dir das?
Marina nickte angetan und erinnerte sich genau an einen Tag in ihrer Kindheit, als sie von der Frau eines Regierungsabgeordneten ein altes Modemagazin geschenkt bekommen hatte. Stundenlang blätterte sie sich durch die Seiten, versank in ihrer Phantasiewelt und malte sich aus, wie es wohl wäre, selbst ein solch schönes Kleid zu besitzen.
Dann probier es doch gleich mal an.
Fabienne ging zu dem kleinen Tisch und zog darunter einen großen Plastiksack hervor. Natürlich brauchen wir auch noch Schuhe, deine passen nicht dazu!
Sie warf einen geringschätzigen Blick auf Marinas abgelaufene Flipflops und zog ein Paar dunkelroter Stöckelschuhe hervor. Noch nie zuvor hatte Marina einen solch schönen Schuh gesehen. Ehrfürchtig bewunderte sie ihn von allen Seiten, bis Fabienne sie zurück in die Realität holte.
Los jetzt, anziehen! Wir müssen proben!
Wenig später war aus der einfachen Bäuerin und Marktfrau Marina Courtons die glamouröse Diva Marina geworden. Von ihrem Anblick restlos begeistert drehte und wendete sie sich vor dem Spiegel hin und her und konnte gar nicht genug von ihrem Anblick bekommen.
So, dann werde ich dir mal zeigen, was von dir erwartet wird!
Auch Fabienne war in der Zwischenzeit in Highheels geschlüpft. Das bunte Sommerkleid hatte sie gegen ein eng anliegendes, schwarzes Kleid ausgetauscht und legte nun eine Kassette in das große Transistorradio ein. Laut dröhnend schallte der rhythmische Klang von “Kiliboi” - Coupé Cloués Song über den legendären Urwald - der früher einmal fast die gesamte Insel bedeckt hatte aus den Boxen und Fabienne begann sofort, sich ekstatisch zu der Musik zu bewegen.
Komm Marina, forderte sie die Freundin auf, stell dich neben mich und mach mit.
Die Bäuerin tat wie ihr geheißen wurde und stellte sich neben Fabienne auf. Obwohl es so einfach aussah, war es alles andere als leicht, sich zu der Musik zu bewegen und dabei auch noch gut auszusehen.
Das war doch schon mal sehr gut, lobte Fabienne. Jetzt wollen wir einen Schritt weiter gehen und uns möglichst erotisch entblättern.
Marina seufzte beim Anblick von Fabiennes schlankem, makellosem Körper. Sie selbst war von Mutter Natur leider nicht so reichlich beschenkt worden, hoffte aber trotzdem, dass ihr Körper dennoch ausreichen würde, um die Touristen heiß zu machen. Fabienne war nur noch mit einem String bekleidet und räkelte sich jetzt lasziv vor ihr auf dem Boden.
Gut! Damit sprang sie auf und warf Marina einen erwartungsvollen Blick zu.
Jetzt bist du dran!
Unsicher stand Marina Courtons vor dem Spiegel und striff den Träger ihres Kleides langsam von der Schulter.
Ja, du machst das gut!, motivierte Fabienne sie. Jetzt lass die Hüllen fallen!
Zögerlich schaute sie zwischen dem Spiegel und ihrer Freundin hin und her. In diesem Augenblick dachte sie an Loransya. Übermäßige Scham konnte sie sich nicht leisten, das war sie ihrer Tochter schuldig. Entschlossen zog sie das Kleid tänzelnd über Busen und Hüften und ging auf den Boden ganz so wie ihr es Fabienne eben gezeigt hatte.
War es so richtig?
Super! Für das erste Mal wirklich perfekt! Fabienne war stolz auf ihre Fähigkeiten als Lehrerin und strahlte über das ganze Gesicht und auch Marina war zuversichtlich. Natürlich war es ein enormer Unterschied, ob man sich vor einer Meute gieriger Touristen auszog oder vor der eigenen Freundin. Aber Marina hatte ihr Ziel klar vor Augen und sie würde sich von nichts und niemanden mehr stoppen lassen weder von ihrem Mann noch von einer Gruppe Touristen!
Gut! Wir trainieren noch ein paar Mal und am Samstag hast du deinen großen Auftritt!
Das Herz der einfachen Bäuerin schlug vor Aufregung, aber da fiel ihr ein, dass sie die allerwichtigste Frage noch gar nicht besprochen hatten.
Wie viel Geld bekomme ich eigentlich pro Auftritt?
Fabienne legte den Arm um die Schulter ihrer Freundin und wünschte sich wie so oft in den letzten Wochen, dass sich die Wege der alten Freundinnen nur schon viel früher gekreuzt hätten. Soviel Leid und Qualen wären Marina erspart geblieben!
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