Kitabı oku: «Der Clan vom Berg»














Vorwort
Als Kind habe ich meine vielen Tanten und Onkel als eigenwillig, etwas ruppig und manchmal auch als ziemlich direkt wahrgenommen. Obwohl sie an diversen Orten im Wallis, in der Waadt, in der Deutschschweiz und sogar in Amerika lebten, traf ich sie häufig in dem von der Familie betriebenen Weinkeller an, in welchem mein Vater Alfons als Kellermeister arbeitete. Dort tranken sie ein Glas Wein und diskutierten mit Kundinnen und Kunden oder mit Mitgliedern der grossen Familie, wobei der Lärmpegel zu vorgerückter Stunde anstieg und die Diskussionen angeregter wurden. An Familienfesten sassen die Geschwister zusammen, gönnten sich ein paar Flaschen Wein und fingen ohne grosse Worte an zu lachen. Laut, ansteckend, salvenartig und nicht enden wollend. Etwas Unausgesprochenes verband sie miteinander, das wir Nachkommen nicht wirklich nachvollziehen konnten und weswegen wir uns etwas ausgeschlossen fühlten.
Ich möchte in diesem Buch den Ursachen dieser geschwisterlichen Verbundenheit auf den Grund gehen. Erzählt wird die Familiengeschichte meiner Grosseltern Oktavia Bayard-Marty und Jeremias Bayard und ihrer elf Kinder in den ersten 70 Jahren des letzten Jahrhunderts in Varen im Oberwallis. Als unabhängige Selbstversorger praktizierten sie das jahrhundertealte System der Stufenwirtschaft, wurden aber zunehmend mit den Auswirkungen von Industrialisierung und Modernisierung konfrontiert. Anhand der Kindheits- und Jugenderinnerungen meiner Tanten und Onkel soll die Alltags- und Sozialgeschichte des damaligen bäuerlichen Lebens wiedergegeben werden, wohlwissend, dass viele Walliser Familien zu jener Zeit unter ähnlichen Bedingungen lebten. In einem langsam erodierenden System von Agrarwirtschaft, Katholizismus und Clanwesen gingen die grossen gesellschaftlichen Veränderungen im Wallis in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Erleichterungen im Arbeitsalltag, mit neuen Handlungsfreiheiten, aber auch mit veränderten Verantwortlichkeiten einher. Oktavia, Jeremias und die elf Kinder sind mit diesen Entwicklungen auf unterschiedliche Art und Weise umgegangen, wobei auch Faktoren wie Geschwisterreihenfolge oder Geschlecht eine Rolle spielten.
Grundlage dieses Buchs sind Gespräche, die ich in den letzten Jahren mit meinem Vater und seinen Geschwistern geführt habe. Da meine Tante Silvie leider schon verstorben ist, sprach ich stattdessen mit einem ihrer Söhne. Näheres zu Theodor, dem Bruder von Jeremias, erzählte mir dessen Tochter Steffi Dutli-Bayard. Falls nicht anderweitig erwähnt und zitiert, basieren alle Ausführungen auf diesen Interviews. Aus inhaltlichen Gründen ist die Reihenfolge der Kapitel nicht strikt chronologisch nach dem Geburtsjahr der Kinder. Die in den USA oder in der Westschweiz lebenden Geschwister wechselten während der Gespräche häufig zwischen dem Englischen beziehungsweise dem Französischen und dem Walliserdeutschen hin und her, was sich mittels eingefügter Begriffe in den entsprechenden Texten widerspiegelt. Auch wiedergegeben wird an gewissen Stellen eine sprachliche Eigenheit des Varner Dialekts, das Zusammenfallen von Akkusativ und Dativ bei Personalpronomen («Das war für mir wichtig»). Immer wieder werde ich von den Geschwistern direkt angesprochen. Darin spiegelt sich die Gesprächssituation, in der die Interviews stattgefunden haben. Einblicke in Oktavias Alltag boten zwei Haushaltsbüchlein, die sie vor beziehungsweise nach ihrer Hochzeit minutiös geführt hat. Die eingefügten Fotografien wurden häufig von den nach Amerika ausgewanderten Familienmitgliedern oder deren Nachkommen aufgenommen und zeigen eine externe Sichtweise. Auch Norberts Gotte, die Ordensschwester Paula, nahm bei ihren Besuchen in Varen und in der Weid, der Voralpe in der Nähe von Leukerbad, viele idyllische Bilder der Kinder vor Bergkulisse auf. Hierfür wurde meist das beste Sonntagsgewand hervorgeholt.
All diese Quellen sollen helfen, ein möglichst genaues Bild des Lebens in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zu zeichnen. Zum besseren Verständnis der damaligen Situation im Wallis stütze ich mich zudem in einzelnen Kapiteln auf die Fachliteratur. Trotzdem ist das Buch nicht ein Spiegel der damaligen Realität. Im Mittelpunkt steht die subjektive Sicht der elf Geschwister auf ihre Kindheit und Jugend. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, die weit entfernt scheint, obwohl sie noch gar nicht so lange vergangen ist.
Inhalt
Prolog
An der Schwelle zur Moderne
Das Wallis im Wandel
Familiengründung
Oktavia zieht es in die Welt hinaus
Jeremias führt die Tradition fort
Ein eigenes Haus und viele Kinder
Familienleben
Hedy, *1927
Marie, *1929
Das Stufensystem – Varen, Bodmen, Weid, Varneralp
Blutküchlein mit Äpfeln und die beste Polenta der Welt
Franz, *1932
René, *1933
Silvie, 1934–2009, aus der Sicht eines Sohnes
Politik – die Schwarzen und die Gelben
Dauerbelastungen und ein Zusammenbruch
Arnold, *1943
Norbert, *1943
Alfons, *1941
«Du weisst nicht, wie das Fegefeuer ist»
Kein unbeschwerter Ruhestand
Anny, *1936
Markus, *1938
Erich, *1939
Blick in die Gegenwart
Epilog
Nachwort
Dank
Anmerkungen
Bildnachweis und Quellenangaben
Autorin
Prolog
Kurz vor ihrer Hochzeit mit Jeremias Bayard im Herbst 1926 begleitete Oktavia Marty ihre Schwägerin Josephine im Zug nach Le Havre an die nordfranzösische Küste. Josephine war die Frau von Oktavias Bruder Ignaz. Mit ihren vier Töchtern, die zwischen drei und zehn Jahre alt waren, wollte sie mit dem Schiff nach New York auswandern, wie Tausende von Walliserinnen und Wallisern in den Jahrzehnten zuvor.1 Ignaz hatte das Wallis bereits vor einem Jahr Richtung Amerika verlassen und holte nun die Familie nach. Ganz freiwillig war er damals nicht gegangen. Ignaz war draufgängerisch, ganz anders als seine Schwester Oktavia, ein Luftibus mit unzähligen Ideen, der vieles ausprobierte und das Abenteuer liebte. Die Martys, so hiess es im Oberwalliser Dorf Varen, seien gescheite und unternehmungslustige Leute. Bevor er auswanderte, arbeitete Ignaz als Schreiner und führte drei Bäckereien in Varen, Leuk und Leukerbad. Die Räder seiner Mühlen baute er selbst. Das Mühlenrad im Nachbardorf Salgesch diente ihm dafür als Modell. Er war auch der Erste in Varen, der ein Auto besass. Misswirtschaft sei es gewesen, die zu Schulden im Umfang von 10 000 Franken und zum Bankrott geführt haben soll. Deshalb wanderte er 1925 in die USA aus, liess sich auf Long Island bei New York nieder und fand eine Anstellung als Schreiner. Er konnte sich schnell etablieren und erhielt als erster Zahltag einen Dollar in Gold. Mit den Jahren baute er sich auf Long Island ein Schreinerunternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitenden auf und war zeitlebens einer der Einzigen, der in New York Wendeltreppen bauen konnte. Nach einem Jahr war er bereits so gut situiert, dass er einen Teil seiner Schulden zurückzahlen und Frau und Kinder nach Amerika nachholen konnte. Josephine fühlte sich jedoch nie wohl in den USA, war sehr eifersüchtig und lernte nie Englisch. Sie starb früh, geistig verwirrt.
Die damals 29-jährige Oktavia begleitete die Familie auf ihrer Reise nach Le Havre, denn die aus dem Saastal stammende und in Susten aufgewachsene Josephine hatte wenig Reiseerfahrung. Ganz im Gegensatz zu Oktavia, die aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit im Gastgewerbe mit häufigen Stellenwechseln schweizweit schon ziemlich herumgekommen war. Wie im Haushaltsbüchlein vermerkt, in dem Oktavia ab 1915 auf den Rappen genau und mit präziser Datumsangabe ihre Ein- und Ausgaben festhielt und dessen erste Seite sie mit «Spare in der Zeit, so hast du in der Not» überschrieb, kostete die Fahrt nach Le Havre und zurück 100 Franken. Auch einen Handkoffer für 65 Franken schaffte sie sich für die Reise an. Als das Schiff mit Josephine und den vier Kindern an Bord den Hafen von Le Havre Richtung New York verliess, stieg Oktavia wieder in den Zug und kehrte in die Schweiz, nach Varen, zurück. Sie trat die Rückreise nicht ohne eine gewisse Wehmut an, denn am liebsten wäre sie nach Amerika mitgefahren. Sie fühlte sich jedoch Jeremias Bayard verpflichtet, dem sie die Hochzeit versprochen hatte. Oktavias weiterer Lebensweg wäre wohl anders verlaufen, hätte sie sich zusammen mit ihrer Schwägerin auf den Weg über den Atlantik gemacht. Doch sie kehrte ins Wallis zurück, wurde Mutter von elf Kindern und führte zusammen mit ihrem Mann Jeremias ein Leben als Selbstversorger.
An der Schwelle zur Moderne
Das Wallis im Wandel
Varen befindet sich nahe der Sprachgrenze zwischen dem Ober- und dem Unterwallis, offiziell durch den Bach La Raspille getrennt, am Südhang des Tals auf 750 Metern über Meer. Ein Bergsturz in prähistorischer Zeit am rechten Rhoneufer formte den fast kahlen Hang mit steppenartiger Vegetation.2 Die Gegend ist geprägt durch ein südliches Klima mit sehr geringen Niederschlagsmengen. Das Dorf thront auf einer Terrasse oberhalb des Pfynwalds, einer der grössten zusammenhängenden Föhrenwälder der Alpen. Dort sucht sich die Rhone, umgangssprachlich auch «der Rotten» genannt, ihren Weg frei durch den Talboden. Die Kirche Maria Sieben Schmerzen befindet sich, abgesetzt vom Dorfkern, am südlichsten Punkt auf einem Felsvorsprung, von welchem der Hang rund 200 Höhenmeter gegen das Bahngeleise und den Rotten im Talgrund abfällt. Das 500-Seelen-Dorf3 war Anfang des letzten Jahrhunderts von Westen her über Salgesch erreichbar, wobei sich die Landstrasse durch Wiesen, Nussbäume und Weinberge den Hang hochschlängelte und die Sicht über die sanften Hügel des Mittelwallis bis ins Unterwallis freigab. Von Osten her führte der Weg von Susten im Talgrund über das oberhalb gelegene mittelalterliche Städtchen Leuk hinunter zur Dalabrücke mit dem Dalaturm aus dem 13. Jahrhundert. Die imposante Dalaschlucht im Rücken, stieg der Weg auf der anderen Seite zuerst steil, dann abflachend durch Wiesen und Weinberge hoch nach Varen.
Das Oberwallis war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein geografisch und sprachlich isoliertes Randgebiet. Im ausgesprochenen Agrarland mit als Selbstversorger lebenden Kleinbauern arbeiteten im Jahr 1888 79 Prozent (schweizerischer Durchschnitt: 40%) und im Jahr 1910 noch 61 Prozent der Bevölkerung (schweizerischer Durchschnitt: 29%) hauptberuflich in Landwirtschaft, Minen und Wald.4 Dabei verteilten sich die Landwirtschaftsbetriebe auf mehrere Talstufen und waren aufgrund der erbrechtlichen Realteilung, das heisst der gleichmässigen Aufteilung des Erbes auf die Kinder, in zahlreiche Parzellen aufgesplittet. So war ein Hektar Walliser Rebland im Jahr 1916 durchschnittlich in 38 Parzellen aufgeteilt.5 Die Industrialisierung fand im Vergleich zu anderen Schweizer Regionen relativ spät statt und war vor allem auf die Entsumpfung der Rhoneebene durch die erste Rhonekorrektion (1863–1894) und die Verbreitung der Eisenbahn zurückzuführen. Dabei war die Entwicklung in den Jahren nach der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Sitten – Brig (1878) zunächst eher zögerlich.6 Dies änderte sich in den 1890er-Jahren, als die Nutzung der Elektrizität der Industrie ungeahnte Energiequellen eröffnete und neue Investitionen in bisher eher peripheren Gebieten zur Folge hatte. So wurde im Jahr 1908 die Aluminiumhütte der Aluminium Industrie AG (AIAG, auch Alusuisse genannt) in Chippis bei Siders eröffnet. Im selben Jahr nahm das Chemiewerk Lonza in Visp seine Produktion auf. Obwohl eine zunehmende Anzahl Personen im Oberwallis in der Folge in den Fabriken arbeitete, gaben sie ihr bäuerliches Leben nicht auf. Als sogenannte Arbeiterbauern führten sie mit der Hilfe der Familienmitglieder den familiären Landwirtschaftsbetrieb fort, was für die Unternehmer den Vorteil hatte, dass die Löhne tief gehalten werden konnten.7 Das mit der Eröffnung des Simplontunnels (1906) und der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Frutigen – Brig (1913) weiter vorstossende Eisenbahnnetz, das langsame Aufkommen des motorisierten Verkehrs und die besseren Strassenverbindungen – hier hinkte das Oberwallis bis zum Ersten Weltkrieg dem Unterwallis hinterher – führten weiter dazu, dass sich der seit Mitte der 1850er-Jahre aufkommende Fremdenverkehr deutlich verstärkte. Dies zeigte sich in einer Ausweitung des Angebots an Betten auch in den Seitentälern des Wallis. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Bauernkultur und Tourismus im Oberwallis jedoch zwei verschiedene Welten, die kaum miteinander in Kontakt kamen.8
Wie andere ländliche Gegenden der Schweiz war auch das Wallis stark vom Katholizismus geprägt. Auf nationaler Ebene war jedoch die Kultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vorwiegend protestantisch-liberal dominiert und durch Technik und Industrie bestimmt.9 Die ländlichen, katholisch-konservativen Gebiete, die gesamtschweizerisch eine Minderheit darstellten, waren wirtschaftlich weitgehend von den durch Liberalismus und Protestantismus geprägten, dynamischen Industriezentren des Mittellands abhängig. So arbeiteten zum Beispiel viele Dienstboten und Mägde für das reformierte Stadtbürgertum. Es gab jedoch auch stärker industrialisierte katholisch-konservative Gebiete wie der Kanton Solothurn, der 1847 im Sonderbundskrieg eindeutig aufseiten der Liberalen stand.10 Auch der Kanton St. Gallen, wo sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stickereiindustrie etablierte, war konfessionell gespalten.11 Da der liberale Staat 1848 gegen den Widerstand der katholisch-konservativen Minderheit gegründet worden war, betrachteten die liberalen Kreise die Katholiken aus den ländlichen Regionen als rückständige Vertreter des Christentums und als unzuverlässige Patrioten. Die Katholisch-Konservativen auf der anderen Seite fühlten sich im modernen Staat nicht wohl. Sie kapselten sich gegen aussen ab, sahen ihre Identität bedroht und standen dem industriellen Fortschritt und den mittelländischen Zentren misstrauisch gegenüber. Den sozialen Wandel, den die moderne Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auslöste, empfanden die Katholisch-Konservativen in den ländlichen Gebieten als fremdbestimmt. Auch gegenüber der liberalen Bildung verhielt sich ein Grossteil der katholischen Bevölkerung zurückhaltend. Die Bauern und Arbeiter hatten Angst, dass Bildung ihre Söhne und Töchter intellektuell und sozial den gewohnten Verhältnissen der Familie und des Dorfs entfremden würde.
Die katholischen Kirchenkreise reagierten defensiv auf die moderne Entwicklung, betonten die religiösen und ethischen Werte des eigenen Weltbilds und beschworen die vormodernen Gesellschaftsverhältnisse.12 Die Konfession erhielt damit einen wichtigen Stellenwert im Kampf gegen die andersdenkende Mehrheit. So versuchte die katholische Führung, ihre Gläubigen von den Bedrohungen der modernen Zeit so weit als möglich abzugrenzen und die kulturelle Identität des Katholizismus zu erhalten. Nach aussen wurden die Gläubigen in einem engmaschigen Netz von Kongregationen, Freizeitclubs und Vereinen abgeschirmt. Der gute Katholik besuchte katholische Schulen, nahm katholische Spitäler in Anspruch, war Mitglied katholischer Krankenversicherungen und katholischer Sparkassen und las katholische Tageszeitungen. Diese Abschottung hatte zur Folge, dass innerkatholische Unterschiede ausgeebnet und Spannungen zwischen den sozialen Schichten vermieden wurden. Sie verhinderte zum Beispiel die Abspaltung der katholisch organisierten linken Arbeiter und Angestellten in den industrialisierten Gebieten und kettete sie an den angestammten Bauern- und Gewerbeflügel in den ländlich geprägten Stammgebieten. Gegenüber den anderen beiden grossen politischen Subkulturen, dem Freisinn und der Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Sozialdemokratie, wurden die Interessen der Kirche durch den kirchen- und papsttreuen Flügel des Schweizer Katholizismus mit katholischen Volksorganisationen, Parteien und Vereinen vertreten. Die Katholisch-Konservative Partei nahm innerhalb des katholischen Organisationswesens die wichtigste Rolle ein, um die Leitvorstellungen der katholischen Weltanschauung in der Gesellschaft zu verbreiten. Dies gab den im Modernisierungsprozess zu kurz gekommenen Menschen und den wirtschaftlich zurückgebliebenen, katholisch geprägten Landregionen eine Stimme und führte sie an die Politik heran.13
Unter Einbezug der modernen Kommunikations- und der Transportmittel, die ihrerseits den sozialen Wandel vorantrieben, schuf der Katholizismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine organisierte katholische Massenreligiosität.14 Es entstanden neue Kultformen wie Andachten und Prozessionen, Wallfahrten und Heiligenfeste. Der Marienkult erlebte einen Aufschwung. Jegliches Verhalten gegen die geltenden Sitten wurde auf Fehlkonstruktionen der modernen Gesellschaft zurückgeführt.15 Die Geistlichen hielten die Gläubigen mit einem Moralismus, der mit Schuld, Fegefeuer, Hölle und Verdammnis drohte, in Schuldgefühlen gefangen. Sie intensivierten den Aufruf an die Familien und Schulen, die Heranwachsenden vor den sittlichen Gefahren der modernen Gesellschaft zu beschützen. So beinhalten die bischöflichen Hirtenbriefe der Schweiz, die in der Familie die erste und wichtigste Erziehungsinstitution sahen, zu jener Zeit vermehrt Gebote zu Enthaltsamkeit, sittlicher Kleidung, adäquater Lektüre und Gebet, was die Sorge vor weltlichen Vergnügen und dem zunehmenden Freizeitangebot der modernen Arbeitswelt zum Ausdruck brachte.16 Die Eltern sollten alles unternehmen, um die Kinder schon früh mit gutem Beispiel und durch Förderung der religiösen Erziehung im Glauben zu stärken. Die Bischöfe forderten vor allem die Mütter in vielen Schreiben auf, auf eine zurückhaltende Kleidung der Kinder zu achten und auch sich selbst ehrbar zu kleiden. So druckte der Walliser Bote im September 1930 das Mahnwort der Schweizer Bischöfe zum Bettag ab: «Die moderne Frauenmode entspricht dem christlichen Geiste vielfach nicht. Das Frauengewand soll reichen bis zum Hals, über die Knie und die Ellbogen. Durchsichtige Stoffe sind zu meiden. Diese Forderungen gelten allgemein. – Katholische Frauen, machet euch nicht zu Sklavinnen einer Mode, die nicht aus christlich gesinnten Kreisen stammt. Bedenkt die Verantwortung vor dem ewigen Richter, wenn ihr Ärgernisse ausstreut. ‹Wehe der Welt um der Ärgernisse willen›.»17 Bischof Bieler von Sitten konnte auch vielen Freizeitvergnügen wie Tanzen, Kino- und Theaterbesuchen nur Negatives abgewinnen, da diese die Gläubigen von der Sonntagsheiligung abhielten. «Wie viele Sünden», fragte er, «werden bei solchen nächtlichen Belustigungen begangen, wie manche Unschuld wird da zu Grabe getragen? [Man muss] die Beschlagnahme des Samstagabends […] geradezu teuflisch nennen.»18
Damit sich die katholischen Laien im öffentlichen Leben vermehrt in den Dienst der Kirche stellten, vereinigte Papst Pius XI. in den 1920er- und 1930er-Jahren alle katholischen Laienbewegungen unter dem Dach der «Katholischen Aktion». Damit wollte er ein Gegengewicht zu den damals sehr starken säkularen Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung schaffen. Wichtige Elemente der Laienbewegungen waren neben dem Kampf gegen die Kommunisten und die «Gottlosen» die Thematisierung von Fragen wie Keuschheit, negativer Einfluss der Filmindustrie und «Auswüchse» der Frauenmode.19 Auch im Ober- und Unterwallis wurden Zellen der «Katholischen Aktion» mit dem Ziel geschaffen, die möglichen kommunistischen Aktivitäten zu überwachen. Obwohl es damals im Wallis keine offizielle Kommunistische Partei gab, sah Bischof Bieler in der Zerstrittenheit der katholisch-konservativen Parteien in seinem Kanton eine grosse Gefahr, die es den sozialistischen und kommunistischen Bewegungen erlauben würde, die Aufmerksamkeit der Bauern und Arbeiter auf sich zu lenken.20
In alpinen Regionen wie dem Wallis verbündete sich die katholische Kirche mit den Gemeinden als politischen Hauptakteuren, denn wesentliche Tätigkeiten der Landwirtschaft und der Viehzucht waren bis weit ins 20. Jahrhundert kollektiv organisiert und durch die Gemeinden kontrolliert.21 Dabei war die kirchliche Struktur in den Gemeinden meist nicht eindeutig von der politischen zu unterscheiden. Die Ausgaben für die Besoldung der Priester, den Unterhalt des Pfarrhauses oder für religiöse Feste gehörten zu den wichtigsten kommunalen Aufwendungen. Die katholischen Rituale sollten auch dazu dienen, Krankheiten oder Missernten fernzuhalten und den geregelten Ablauf der Jahreszeiten zu begleiten. Durch die Verbundenheit mit den autonomen Gemeinden, den Widerstand gegen die Reformbestrebungen der weltlichen Behörden und die Verhinderung der Bildung einer effektiven Zentralgewalt versuchte die katholische Kirche, ihre Macht und ihre Privilegien zu erhalten. Auf diese Weise trug sie dazu bei, erfolgreicher als anderswo die Grundstrukturen einer bäuerlichen und dezentralen, von den lokalen Organen kontrollierten Wirtschaft aufrechtzuerhalten.
Der Rückstand der Katholiken und ihre Konzentrierung auf die ländlichen Gegenden änderten sich mit den Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs und dem enormen Wirtschaftsaufschwung der 1950er- und 1960er-Jahre. Das Wallis verzeichnete in den Jahren 1950 bis 1970 denn auch ein überdurchschnittliches industrielles Wachstum, während die Beschäftigung in der Landwirtschaft markant abnahm.22 Ein ausgesprochener Wohlstand breitete sich aus: Die meisten Schweizerinnen und Schweizer schafften sich bis in die 1970er-Jahre neben dem Auto ein Telefon und einen Fernsehapparat an.23 Dank Arbeitszeitverkürzungen verfügten die Menschen über immer mehr freie Zeit. Ferien wurden auch für die Arbeiter- und Angestelltenklasse erschwinglich. Der soziale Wohlfahrtsstaat wurde fortwährend ausgebaut. Nicht nur die öffentlichen Verkehrsmittel, sondern auch die private Motorisierung ermöglichten eine zunehmende Mobilität. Die aufkommende Freizeit- und Konsumgesellschaft führte dazu, dass der Sonntag vermehrt dazu genutzt wurde, Freizeitaktivitäten auszuüben und sich von der Arbeit zu erholen. Der Sonntag wurde verweltlicht und entglitt der Kontrolle der Kirche. Die Katholiken holten ihr wirtschaftliches Manko auf und gaben dabei grundlegende Werte der traditionellen katholischen Kultur auf. Die katholische Weltanschauung verlor ihren Absolutheitsanspruch. Die Modernisierung veränderte die hergebrachten Lebensweisen und die mit bäuerlichem Schaffen verbundenen Volksbräuche. Dabei kam es nicht plötzlich zu einer totalen Umkehrung der Werte, sondern zu einer Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem. Während sich die technischen und wirtschaftlichen Lebensstrukturen rasch änderten, blieben die religiösen Volksbräuche eine Zeit lang weiterbestehen. So waren die Veränderungen der religiösen Praxis in den 1940er-Jahren zuerst unterschwellig, ab den 1960er-Jahren verliefen sie dann offensichtlich.
Familiengründung
Oktavia zieht es in die Welt hinaus
D’Chachlini wurde Oktavias Familie in Varen genannt. Der Ausdruck bezeichnet Personen, denen schnell etwas kaputtgeht oder die leicht an andere Personen geraten. Oktavias Vater Theophil verdiente Geld mit Schreinerarbeiten, die er im Erdgeschoss des Wohnhauses im Ortsteil z’oberst Dorf in Varen ausübte. Mutter Barbara, geborene Jaggi, arbeitete als Weberin in Heimarbeit, wobei sich der grosse Webstuhl in einem Lokal im selben Haus befand. Daneben hielt die Familie Marty Nutztiere und war im Weinbau tätig. Als fünftes Kind im Jahr 1897 geboren, wuchs Oktavia mit ihren sechs Geschwistern Serafine, Theodul, Céline, Marie, Ignaz und Anna auf. Marie trat als 19-Jährige ins geschlossene Kloster von Gerunden in Siders ein und hiess nach dem Ablegen des Ordensgelübdes Schwester Ursula. Céline verstarb 1910 als 25-Jährige an Lungenkrebs. Drei Jahre später verstarb ihr Vater Theophil 54-jährig ebenfalls an Krebs. In Gesprächen mit ihren eigenen Kindern erwähnte Oktavia später ihren Vater nur selten. Ihre Mutter war ihr hingegen sehr wichtig. Nach dem Tod von Barbara liess Oktavia jedes Mal, wenn sie von ihr träumte, ihr zu Ehren eine Messe lesen.24
Wie für die meisten Mädchen im Wallis zu Beginn des letzten Jahrhunderts endete die obligatorische Schulpflicht für Oktavia mit zwölf Jahren. Bis weit in die 1950er-Jahre hinein hatte der Kanton den Frauen nur spärliche Ausbildungsmöglichkeiten anzubieten: Sehr wenige Töchter aus Berggemeinden besuchten ein von Klosterfrauen geführtes Pensionat, eine Mädchenhandelsschule oder ein Lehrerinnenseminar.25 In der oberen sozialen Schicht war die Abwehrhaltung gegen jegliche Berufstätigkeit der Frau allgemein verbreitet. In gewerblichen Kreisen wie dem Detailhandel, dem Gastgewerbe oder der Hotellerie war die Mitarbeit der Töchter und Ehefrauen im Rahmen des Familienbetriebs hingegen selbstverständlich. Eine Notwendigkeit war der Einsatz der Frauen bei den Arbeiterbauern, sie mussten einen Grossteil der landwirtschaftlichen Tätigkeiten im familiären Betrieb übernehmen.26 Bei den als Selbstversorger lebenden Bauernfamilien stellte der zusätzliche Einsatz der Frauen in Heimarbeit, im Hausdienst oder im Gastgewerbe ein kleines Erwerbseinkommen dar. Dabei herrschten teilweise prekäre Arbeits- und Lohnverhältnisse, obwohl die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften, insbesondere Dienstbotinnen, zu jener Zeit im Wallis gross war. Im Gegensatz zu anderen Kantonen wie Tessin oder Uri, wo die Frauen in der Textilindustrie einen wesentlichen Teil der Arbeiterschaft stellten, waren Frauen in den von der Schwerindustrie geprägten Betrieben des Wallis hingegen nur selten anzutreffen.27

Auch Oktavia war als junge Frau zuerst im Hausdienst und anschliessend im Gastgewerbe tätig. In ihrem Haushaltsbüchlein sind all ihre Arbeitsstellen mit den entsprechenden Einnahmen und Ausgaben festgehalten. Als Erstes war sie als Haushaltshilfe bei der verarmten Adelsfamilie von Werra im Nachbardorf Leuk angestellt. Als sie dort im Sommer 1915 mit ihrer Buchführung begann, war sie 18 Jahre alt. Oktavia und Jeremias kannten sich zu jener Zeit bereits. Jeremias neckte Oktavia auch später noch gerne. Immer, wenn sie damals von Varen nach Leuk gelaufen sei, so meinte er, habe man bis weit hinunter Richtung Dalaschlucht den Hintern wackeln sehen.
Neben einem grossen Landwirtschaftsbetrieb gehörten der Familie von Werra bis 1912 auch zwei Schlösser, eines im Talgrund in Susten und ein kleineres für die Wintermonate am Sonnenhang in Leuk.28 Damit war die Familie die grösste Arbeitgeberin der Region. Der Notar, Grossrat und stellvertretende Regierungsstatthalter Leo von Werra war in der Region für seine Grosszügigkeit bekannt. Seine Frau Henriette, geborene de Wolff, stammte aus dem französischsprachigen Sitten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das familiäre Vermögen aufgebraucht. Nicht nur die Versuche, die Landwirtschaft rentabler zu machen, sondern auch Leo von Werras Projekte als Unternehmer und Erfinder scheiterten. Dies führte den stark verschuldeten Baron in einen juristisch umstrittenen Konkurs, und er verlor 1912 seinen gesamten Besitz. Das Schloss in Susten wurde zwangsversteigert. Es beherbergt seither ein Alters-, Pflege- und Behindertenheim. Die Familie von Werra mit ihren acht Kindern musste dauerhaft in ihre Winterresidenz nach Leuk ziehen und war in den darauffolgenden Jahren in grosser finanzieller Bedrängnis.
Oktavia verdiente in Leuk einen für damalige Verhältnisse geringen Lohn von 25 Franken im Monat, der manchmal durch ein paar wenige Franken Trinkgeld aufgebessert wurde. Sie fühlte sich bei der Familie von Werra jedoch sehr wohl und sprach immer positiv von der Zeit in Leuk. Henriette von Werra sei eine flotte Frau gewesen. Bei ihr lernte sie nicht nur Französisch, auch ihre Kochkünste eignete sie sich dort an. Kochen und Sparen lerne man bei reichen Leuten, so sagte sie. Omeletten mit Holderblüten war eines der Gerichte, das sie in Leuk lernte und später für ihre Familie zubereitete.
Im Oktober 1915, als sie erst ein paar Monate bei der Familie war, begleitete Oktavia die fast vierjährige Emma und den 15 Monate alten Franz von Werra von Leuk hinunter zum Bahnhof Susten, von wo aus sie mit dem Zug zu Adoptiveltern nach Süddeutschland gebracht wurden. Aufgrund der grossen materiellen Not hatten sich Leo von Werra und seine Frau Henriette dazu entschieden, zwei der insgesamt acht Kinder nach Deutschland zur Adoption freizugeben. Die Kinder wuchsen bei einer süddeutschen Adelsfamilie in Beuron auf, die allerdings in den 1930er-Jahren ebenfalls verarmte. Die scheue und introvertierte Emma kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Leuk zurück und lebte dort bis zu ihrem Tod. Der Draufgänger Franz hingegen trat 1935 in die deutsche Luftwaffe ein. Während des Kriegs wurde er über England abgeschossen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Während eines Gefangenentransports in Kanada sprang er vom fahrenden Zug und floh über den Sankt-Lorenz-Strom in die damals neutralen USA. Diese Geschichte machte ihn zum gefeierten Helden, und bei seiner Rückkehr wurde er von Adolf Hitler und Hermann Göring empfangen. Im November 1941 kam Franz bei einem Übungsflug über der Nordsee ums Leben.29

Auszug aus Oktavias Haushaltsbüchlein, Leuk ( 1916).
Nach dem Ende der Anstellung bei der Familie von Werra im Sommer 1917 arbeitete Oktavia gemäss den Angaben im Haushaltsbüchlein neun Jahre lang im Gastgewerbe an verschiedenen Orten in der Schweiz. Die Stellen fand sie entweder über ein Stellenvermittlungsbüro oder über Zeitungsannoncen. Nach eineinhalb Jahren in Brig wechselte sie 1919 nach Leysin, welches zu jener Zeit neben Davos ein international bekanntes Zentrum zur Behandlung von Knochentuberkulose war. Der therapeutische Ansatz basierte auf guter Ernährung, dem Aufenthalt im Freien und kalten Wassergüssen. Auguste Rollier, der 1903 in Leysin ein Sanatorium für Kinder mit Tuberkulose errichtete und bis 1940 rund 40 Sanatorien ausbaute, setzte zudem auf die heilende Kraft der Sonne.30 In Leysin wird sich Oktavia möglicherweise einen Teil ihres medizinischen Wissens angeeignet haben, mit dem sie später nicht nur ihren Kindern, sondern auch den Dorfbewohnern in Krankheitsfällen behilflich war. 1920 kehrte sie nach Varen zurück und führte elf Monate lang das Café de la Poste, eine der drei Gaststätten im Dorf. Jeweils am Sonntagabend stattete ihr Jeremias dort einen Besuch ab. Er blieb allerdings immer nur bis zehn Uhr. Das sei seine Zeit gewesen, um heim ins Bett zu gehen. Oktavia gefiel diese Arbeit, und am liebsten hätte sie die Gaststätte gleich übernommen. Für Jeremias kam das aber nicht infrage.
Auch in Varen führte sie Buch über ihre Einnahmen und ihre Ausgaben für Bier, Wein, elektrisches Licht, das Patent oder die Zeitung. Danach zog sie weiter nach Mariastein (1921), Onex bei Genf und Genf (1922/23), wobei sie jeweils mit dem Zug von Varen zu den Arbeitsstellen pendelte, bevor sie im Juni 1923 für die Sommersaison auf die Fiescheralp ins Hotel Jungfrau-Eggishorn wechselte, einem Grandhotel am Fuss des Eggishorns. Sie fühlte sich wohl dort und stand in einem guten Verhältnis zur Besitzerfamilie Cathrein, die auch verschiedene Hotels auf der Riederalp führte. Die Fotografie aus jener Zeit zeigt eine elegante Frau mit dunklem Rock, Bluse, Jacke, Hut mit breiter Krempe, passenden Schuhen und Unterarmtasche, die selbstbewusst in die Kamera blickt.
Nicht nur wegen ihres Einstiegs ins Gastgewerbe nahm Oktavias Lohn zu jener Zeit sprunghaft zu. Die Hotellerie erholte sich damals auch langsam vom Schock des Ersten Weltkriegs.31 Während sie 1921 in Mariastein 80 Franken Lohn und bis zu 60 Franken Trinkgeld im Monat verdiente, erhielt sie 1923 im Hotel Jungfrau-Eggishorn auf der Fiescheralp neben einem bescheidenen Lohn von 15 Franken bis zu 440 Franken Trinkgeld. Dies war allerdings ein saisonaler Arbeitsplatz, der während zweier bis dreier Monate einen überaus hohen Einsatz erforderte. Im Gegensatz zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als sich die Kundschaft der herrschaftlichen Gebirgshotels vorwiegend aus dem vermögenden europäischen Grossbürgertum zusammensetzte, dürfte Oktavia im Hotel Jungfrau-Eggishorn während der Zwischenkriegszeit aufgrund des Aufkommens des Inlandtourismus überwiegend mit wohlhabenden Schweizer Gästen in Kontakt gekommen sein.32 Der Luxus des Berghotels kontrastierte dabei auch in der Zwischenkriegszeit mit der Lebenswelt der Bergbauern. Während sich die Bauern auf der Alp in der Aletschregion bis weit ins 20. Jahrhundert vorwiegend von Schpiis [kalten Speisen wie Roggenbrot, Käse und getrockneten Fleischwaren] ernährten, wurde den Gästen im Hotel Jungfrau-Eggishorn Sardinen, Spargeln, Artischocken oder Safran und die Getränke in eigens dafür vorgesehenen Wasser-, Wein-, Champagner-, Vermouth-, Liqueur-, Absinth-, Bier- und Milchgläsern serviert. Auch die Ausstattung war sehr differenziert. Dazu gehörten Fumoir, Salon, Hotelhalle, Speisesaal und Gaststube. In weiteren Gebäuden befanden sich ein Postbureau, zwei Kapellen, ein Verkaufsbazar und anliegend ein Tennisplatz.33

Oktavia als junge Frau (undatierte Aufnahme).
Das verdiente Geld gab Oktavia in den ersten drei Jahren ihrer Buchführung fast ausnahmslos der Mutter. Es war für ihre Eltern ein dringend benötigter finanzieller Zustupf. Als ihr Lohn in den 1920er-Jahren stieg, gab sie ihren Eltern einen Teil des Lohns und überwies den Rest auf ein eigenes Bankkonto. Sie selbst lebte sehr sparsam. Geld gab sie nur für das Notwendigste aus: für Strümpfe, Unterröcke, Flickarbeit und Stoffe, für Briefmarken und Briefpapier, Haarkämme und Haarwasser, für Fotografien und für die Reisen von und zu ihren Arbeitsstellen. Genussmittel wie Schokolade, Kaffee oder ein Glas Wein beziehungsweise Freizeitaktivitäten wie eine Schifffahrt leistete sie sich nur ausnahmsweise. Ein einmaliger Besuch in einem Theater und in einem Schwitzbad in Bern im Jahr 1925 kostete je fünf Franken Eintritt. Hingegen liess sie ab 1924 für zwei bis fünf Franken regelmässig Messen für ihre verstorbenen Vorfahren lesen. Wegen fehlender Krankenversicherung übernahm sie die Arzt- oder Zahnarztkosten von 30 bis 70 Franken jeweils selbst.
Nach Abschluss der Sommersaison 1923 auf der Fiescheralp arbeitete Oktavia an drei Orten am Genfersee, in Lausanne, in Saint- Cergue bei Nyon und in Chexbres bei Lausanne, bevor sie nach Varen zurückkehrte und erneut im Café de la Poste servierte. Im Mai 1924 reiste sie nach Lourdes zur Wallfahrt. In der Sommersaison 1924 arbeitete sie wiederum auf der Fiescheralp und wechselte für die Wintersaison 1924/25 nach Grenchen. Die nächsten Stationen waren La Chaux-de- Fonds, Laufenburg, Zürich, Varen, Grindelwald, Bern und Montana, wo sie jeweils nur wenige Wochen oder Monate blieb. Ohne zugesicherte Stelle reiste sie danach ins Tessin und kam dort mit nur fünf Franken in der Tasche an. Als Erstes ging sie in eine Kirche und liess für einen ihrer Vorfahren eine Messe lesen. Kurz darauf fand sie dann die Stelle im Kurhaus Cademario mit Blick auf den Luganersee. Ihre Tochter Anny erinnert sich noch heute, dass diese Geschichte sie als Kind sehr beeindruckte: Da kann man eine Messe lesen lassen und erhält dann eine Stelle.
Wie schon in Leysin kam sie im Kurhaus im Tessin mit den damaligen modernen medizinischen Behandlungen in Kontakt. Der aus der Ostschweiz stammende Arzt Adolf Keller-Hoerschelmann vereinte in der neu gebauten Naturheilanstalt im sonnigen Süden alternative Heilmethoden im Bereich des Sports, der Diät, der Atmungstechniken und der Suggestion zu einem eigenen reformistischen Ansatz. Die natürliche Lebens- und Heilweise mit Bewegung, Entspannung, Licht, Luft und Sonne sollte zur Heilung wie auch zur Vorbeugung von krankhaften Störungen beitragen. In den 1920er-Jahren ging das Kurhaus auch in Sachen Ernährung neue Wege. So wurden Fastentage und Rohkosttage durchgeführt und den Gästen gedämpftes, salzloses Gemüse angeboten.34
Nach ein paar Monaten in Cademario und der Reise nach Le Havre kehrte Oktavia ins Wallis zurück, um im November 1926 Jeremias Bayard zu heiraten. Schon im Vorjahr hatte sie mit den Vorbereitungen für ihre Hochzeit begonnen und sich in regelmässigen Abständen Teile ihrer Aussteuer gekauft: Zweimalig erwarb sie 1925 in einem Warenhaus in Bern Leintücher, Kissen, Kissenbezüge, Duvets, Türvorlagen, Moltons, Tischtücher, Stoff und Geschirr. Von ihrer Mutter erhielt sie selbst gewobene, robuste und sehr langlebige Bettwäsche. Sie liess in Lausanne für 50 Franken Fotografien von sich anfertigen, während Ringe und Ringsiegel 125 Franken kosteten. Zum Zeitpunkt der Hochzeit war Oktavia 29 und Jeremias 31 Jahre alt, ein damals übliches Heiratsalter, denn die jungen Leute mussten in bäuerlichen Gegenden oftmals zuwarten, bis sie genügend Geld für den Ehestand verdient hatten oder ihnen ein Teil des elterlichen Erbes zukam.35 Wie sie selbst notierte, hatte Oktavia in den elf Jahren insgesamt 10 710 Franken gespart, welche sie in die Ehe einbrachte. Davon hatte sie zu jenem Zeitpunkt 3000 Franken ihrer Schwester Serafine und 1089 Franken ihrem Bruder Theodul geliehen, wobei sie von beiden regelmässigen Zins erhielt. Der Rest lag auf verschiedenen Bankkonten. Jeremias hingegen verfügte zum Zeitpunkt der Hochzeit über kein eigenes Geld. Er brachte jedoch eine recht ansehnliche Anzahl Güter in die Ehe ein.

Aussteuerrechnung Oktavias (1926).
Jeremias führt die Tradition fort
Jeremias, auch Mias oder ds’Miji genannt, wuchs zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Theodor in der oberen Wohnung eines schmalen Hauses am Kegelplatz auf, einem etwas von der Hauptgasse zurückversetzten Platz im Zentrum von Varen. Die Familie lebte von der Landwirtschaft und vom Rebbau. Seine Mutter Leonie, geborene Varonier, zog die Buben allein auf, denn 1897, als Jeremias zweijährig war, starb sein Vater an Auszehrung, eine damals übliche Bezeichnung für eine durch Krankheiten wie Krebs oder Tuberkulose verursachte Abmagerung. Auf diesen Schicksalsschlag folgten gleich zwei weitere: Innerhalb eines Jahres verlor die Mutter nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre beiden Töchter. Da Leonie die Rebarbeiten nicht allein bewältigen konnte, griff sie nach dem Tod ihres Mannes auf die Hilfe von Tagelöhnern zurück. Auch Jeremias und Theodor mussten der Mutter schon sehr früh bei der Bewirtschaftung des familiären Guts helfen, weshalb Jeremias auch keinen Militärdienst verrichtete.
Jeremias’ Kindheit war durch tägliches, intensives Beten geprägt. Während Mutter Leonie im Winter ein paar Wochen lang mit dem Vieh im Maiensäss in Bodmen weilte, wohnten Jeremias und sein Bruder bei einer Tante im Dorf, die als Pfarrhaushälterin arbeitete. Dort mussten sie jeden Abend den Rosenkranz, die fünf Wunden, den englischen Gruss und den Psalter beten. Wegen der nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Gebeten versuchte Jeremias, die wiederkehrenden zehn Ave-Maria des Rosenkranzes auf neun, acht oder sogar sieben Gebete abzukürzen, bis die Tante dies merkte und ihn ermahnte. Er habe während seiner Kindheit genug gebetet, erzählte er seinen eigenen Kindern später gerne.
Die beiden Brüder waren von ganz unterschiedlicher Statur: Der grosse und schlanke, ja schon hagere Jeremias glich eher dem Vater, während Theodor mit dem grossen, runden Kopf, dem stämmigen Körperbau und der eher geringen Grösse von 1,65 Metern der Mutter ähnelte. An seiner linken Hand besass Jeremias nur vier Finger. Als Jugendlicher verlor er seinen kleinen Finger beim gemeinsamen Holzspalten mit Theodor. Während Jeremias d’Misilju [das Stammteil] hielt, wollte Theodor dieses mit der Axt in Holzscheite schlagen und erwischte versehentlich Jeremias’ kleinen Finger. Da kein Arzt in der Nähe war, schnitt der Pfarrer, der vor dem Theologie- ein Medizinstudium begonnen hatte, die Reste der Haut ab, desinfizierte den Stumpf mit Schnaps und nähte die Wunde anschliessend zusammen. Jahre später wiederholte sich fast dasselbe Missgeschick bei Theodor. Er lebte bereits in Solothurn, als er sich mit dem noch drehenden Messer seines Rasenmähers rund drei Zentimeter seines Daumens abschnitt, welcher von einer Katze geschnappt und gefressen wurde. Er band ein Taschentuch um den Stumpf und wollte zuerst weitermähen, ging dann aber auf Anraten seiner Familie trotzdem ins Spital. Auf die Frage des Arztes, wo denn der abgeschnittene Daumen sei, erwiderte er, eine Katze hätte ihn gefressen.

Als junger Erwachsener erkrankte Jeremias an Tuberkulose. Zu jener Zeit war in Leuk ein Wagen des Kantons stationiert, in dem die Bevölkerung ihre Lungen kontrollieren lassen konnte. Deshalb begleitete Oktavia ihren Mann dorthin zur Kontrolle. Der versprochene Bericht liess allerdings auf sich warten. Auf ihre Nachfrage hin hiess es, Jeremias solle wegen der Lungenblutungen zur Kur nach Montana, die Höhenluft fördere deren Genesung. Da Jeremias wegen der vielen im Frühsommer anstehenden Arbeit zu Hause bleiben wollte, rieten sie Oktavia, ihrem Mann in Bodmen Sorge zu tragen. Sie leistete Folge und sorgte dafür, dass er sich nicht übermässig belastete. Die nächste Kontrolle zeigte in der Tat einen besseren Befund. Jahre später kam es dann zu einem Blutsturz, einer plötzlichen Blutung aus der Lunge. Der Klinikaufenthalt war nun unvermeidbar, obwohl Jeremias glaubte, dass man von Montana nicht mehr zurückkehre. Tochter Anny begleitete ihren Vater in die Klinik nach Montana, wo er rund zwei Monate verbrachte. Unerwartet früh stand er eines Tages wieder vor der Haustüre, sodass Oktavia ihn fragte, was er denn schon wieder zu Hause mache. Die Lungenprobleme und der ständige Husten begleiteten ihn jedoch sein Leben lang.
Jeremias wurde Landwirt und Weinbauer und lebte wie schon seine Vorfahren als Selbstversorger. Rare Geldquellen waren der Verkauf von Trauben oder Wein oder eines Tiers. Die Aluminium Industrie AG führte zwar ab 1908 in Chippis bei Siders eine Aluminiumhütte, expandierte kräftig und ermöglichte vielen Varnern in der Folge ein regelmässiges Einkommen als Arbeiterbauern. Jeremias entschied sich jedoch gegen die Fabrik, da die Familie relativ viel Gut besass, der Besitz an Boden und Vieh ein wichtiges Element des sozialen Status war und Lohnarbeit in dieser auf Selbstständigkeit ausgerichteten Wirtschaft als Zeichen der Abhängigkeit und Armut galt.36 So gingen auch eher diejenigen in die Fabrik arbeiten, die selbst wenig Gut besassen. Aus demselben Grund arbeiteten nur wenige Personen im Oberwallis hauptberuflich als Handwerker. Wegen der hohen Unfallgefahr und dem langen Arbeiten in Hitze und Lärm hatte die Fabrik einen schlechten Ruf. So meinte Jeremias, er gehe nicht in die Fabrik arbeiten, weil dort alle krank würden. Auch die Niederschlagung eines Streiks im Jahr 1917 und die Entlassung von mehr als 1000 Arbeitern aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 trugen zur schlechten Reputation bei.37 Darüber hinaus zeigten sich nach Inbetriebnahme der Aluminiumhütte Umweltschäden an Reben, Aprikosenbäumen, Wäldern und Kühen in der Umgebung, welche von den Betroffenen auf die Fluoremissionen zurückgeführt wurden, die bei der Elektrolyse des Metalls in die Atmosphäre entwichen.38 In den Jahren von 1918 bis 1928 führte dies zum ersten «Fluorkrieg», in dem die Aluminium Industrie AG durch das Aufmarschieren zahlreicher Experten, die die Abgase für unschädlich erklärten, schliesslich einen Vergleich mit den betroffenen Bauern erreichte.39

Jeremias mit Mutter Leonie und Bruder Theodor (undatierte Aufnahme).
Sein Bruder Theodor schlug hingegen eine akademische Laufbahn ein. Auf Anraten eines verwandten Priesters und mit dessen finanzieller Unterstützung besuchte der intelligente Jugendliche von 1904 bis 1911 das Kollegium in Brig mit dem Ziel, Priester zu werden, ein Amt, das zu jener Zeit mit grossem sozialen Ansehen verbunden war. Gemäss dem Jahresbericht des Kollegiums Brig von 1912 wurde damals jeder vierte Briger Student Priester.40 Wer kein Theologiestudium in Angriff nahm, wurde Notar, Advokat oder Arzt. Frauen war der Zutritt zum Kollegium bis ins Jahr 1967 verwehrt.41 Die Absenz Theodors führte dazu, dass der daheim gebliebene Jeremias noch stärker anpacken musste, um die Güter und das Vieh zu bewirtschaften und dem Bruder das Studium zu ermöglichen. Als einer der wenigen im Dorf, die das Kollegium absolvierten, leitete Theodor während der Jahre am Gymnasium die Theatergruppe Varen, in der auch Jeremias mitspielte. Die Matura konnte Theodor zu jener Zeit jedoch nicht in Brig absolvieren, sondern musste das Gymnasium mit einem einjährigen Cours technique am Lycée cantonal in Sitten abschliessen.42 Das Walliser Schulsystem gab damals schweizweit zu Klagen Anlass, was auf das Zusammenlegen von jeweils zwei Jahrgängen und die mangelnde Qualifikation der Lehrer beziehungsweise deren erbärmliche Besoldung zurückzuführen war.43 1906 erliess die Eidgenossenschaft ein Maturitätsreglement, welches das Wallis zu Anpassungen zwang, wollte man eine anerkannte Maturität und somit den prüfungsfreien Eintritt in die Universitäten. Staatsrat Burgener wollte deshalb während Theodors Gymnasialzeit die letzten zwei Gymnasialklassen nach Sitten verlegen, wogegen im Oberwallis heftige Opposition entstand. Nach langen und harten Kämpfen und nachdem die naturwissenschaftlichen Fächer gestärkt wurden, erteilte man in Brig im Sommer 1911 erstmals die eidgenössische Matura.
Je näher die Matura rückte, umso klarer wurde es für Theodor, dass er nicht in den Dienst der Kirche eintreten wollte. Dies stellte für seine Mutter eine Riesenenttäuschung dar. Stattdessen begann der mathematisch Begabte im Herbst 1912 als 21-Jähriger ein Studium zum Maschineningenieur an der ETH in Zürich. Dies war aussergewöhnlich, denn trotz der grossen Industriewerke studierte zu Beginn des Jahrhunderts kaum ein Walliser an der ETH und wurde Ingenieur oder Chemiker, was wohl auch mit der schlechten Ausbildung in den naturwissenschaftlichen Fächern zusammenhängen dürfte. Theodor wohnte bei Jesuiten, die den Studenten aus Bergkantonen halfen, sich in der Stadt und an der Universität zurechtzufinden und sich angemessen zu kleiden. Zudem war Theodor alias «Knurr» Mitglied der katholischen Studentenverbindung der Kyburger (Akademische Kommentverbindung Kyburger), die 1912 als Tochterbewegung der Akademischen Verbindung Turicia gegründet wurde und neben der Pflege der Geselligkeit auch die Rechte der damals noch kleinen katholischen Minderheit in Zürich wahren und vergrössern sollte.44
Obwohl er zu den Übungen der höheren Semester zugelassen war, brach er sein Studium nach zwei Semestern im Frühling 1913 ab und kehrte ins Wallis zurück, wo er wieder bei seiner Mutter und seinem Bruder wohnte.45 Während sechs Monaten absolvierte er anschliessend ein Praktikum bei der Firma Brown Boveri & Cie. im Zweiggeschäft in Münchenstein bei Basel. Im zweiten Anlauf begann er im Oktober 1915 an der ETH in Zürich die Ausbildung zum Elektroingenieur. Er fiel jedoch zweimal bei der zweiten Vordiplomprüfung durch, sodass eine weitere Zulassung verwirkt war.46 Noch während seines Studiums lernte er in Zürich die Solothurnerin Frieda Maria Luterbacher kennen, Tochter des wohlhabenden Solothurner Uhrenfabrikanten Josef Luterbacher. Frieda hatte, wie bei Töchtern der Elite in katholischen Kantonen üblich, die Matura am Mädchengymnasium Académie Sainte-Croix in Freiburg absolviert.47 Wohl wegen der liberalen Gesinnung ihres Vaters studierte sie anschliessend Italienisch und Französisch an der Philosophischen Fakultät in Zürich und nicht an der katholischen Universität Freiburg. An Weihnachten 1918, anlässlich eines Besuchs bei der Familie im Wallis, schickte der 27-jährige Theodor seiner sechs Jahre jüngeren Frieda eine Postkarte, auf der eine Aufnahme des verschneiten Dorfs Varen zu sehen ist.

Liebe Friedy
Bin glücklich und ohne Unglück heimgekehrt. Bei uns liegt alles im tiefen Winter, auf diesem Bild kannst du dir einen Begriff machen vom Dorfe Varen. Siehst wie es hier im Wallis zwar idyllisch aber doch immerhin abgestorben aussieht. Auf alle Fälle fühle ich mich heimisch im Kreise meiner Angehörigen […].
Theodor verliess die ETH im Frühling 1919 ohne Diplom und bekundete grosse Mühe beim Finden einer Arbeitsstelle. Um Arbeitserfahrung sammeln zu können, bezahlte er sogar für eine Praktikumsstelle in Oerlikon. Er hätte das kleine Dalakraftwerk im Tal gegen Leukerbad leiten können, dafür konnte sich Frieda allerdings überhaupt nicht begeistern. So wohnte er immer wieder und während längerer Perioden zu Hause bei seiner Mutter und seinem Bruder, ohne ihnen aber bei den Arbeiten in der Landwirtschaft unter die Arme zu greifen. Obwohl sie sich bereits 1918 verlobten, kehrte Frieda nach Studienabschluss ins elterliche Heim nach Solothurn zurück. Ihr Vater Josef Luterbacher verbot die Hochzeit, solange Theodor keinen Studienabschluss vorweisen konnte und finanziell nicht eigenständig war. Josef Luterbacher hatte im Jahr 1926 seine Firma Luterbacher & Co. an die neu gegründete Ebauches SA verkauft, einen Zusammenschluss wichtiger Rohwerkehersteller der Schweizer Uhrenindustrie. Für ihren Bruder Max Luterbacher, der nach dem Verkauf der Firma als kaufmännischer Direktor des Zentralbüros bei Ebauches tätig war, machte Frieda in Solothurn hin und wieder Übersetzungsarbeiten ins Französische oder Italienische. Wegen seiner unsicheren finanziellen Lage und der fehlenden Einwilligung des Schwiegervaters musste Theodor den Zeitpunkt seiner Vermählung immer wieder hinausschieben.

Frieda Maria und Theodor (undatierte Aufnahme).
Im Gegensatz zu Theodor und Frieda fassten Oktavia und Jeremias bereits Mitte der 1920er-Jahre den Beschluss, zu heiraten. Da der Schwiegervater nicht mehr lebte, hielt Jeremias bei seiner Schwiegermutter um die Hand Oktavias an. Diese erwiderte auf seine Anfrage hin, er müsse sich in Acht nehmen, Oktavia sei dann eine Böse. In seiner gelassenen Art entgegnete Jeremias, wenn die Schwiegermutter es offensichtlich mit Oktavia ausgehalten habe, so werde auch er es mit ihr aushalten. Ihren Kindern erzählte Oktavia später, sie habe Jeremias aus Mitleid geheiratet. Er habe so für seinen Bruder arbeiten müssen, damit dieser studieren konnte. Sie habe nicht anders gekonnt, sie habe ihn heiraten müssen. Dabei trafen unterschiedliche Welten aufeinander: sie, die mehr als zehn Jahre lang in der Fremde gearbeitet und regelmässigen Lohn erhalten hatte, mit verschiedenen Kulturen und sozialen Schichten in Kontakt gekommen war und in den industriell entwickelten Gebieten die Errungenschaften der Moderne kennengelernt hatte. Er, der noch nie länger weggewesen war, im Rhythmus der Jahreszeiten und der Tiere lebte und als Selbstversorger kein Einkommen erzielte. Als sie zusammen in der Varnerfluh, einem felsigen, gegen die Dalaschlucht abfallenden Hang auf dem Weg nach Leukerbad spazieren gingen, musste sie ihm zeigen, wie man ein Bonbon isst, denn er hatte noch nie eines gesehen und spuckte es wieder aus.
Sie heirateten am 30. November 1926 in der Kirche von Varen, Oktavia im damals üblichen schwarzen Kleid, da Todesfälle sehr häufig waren, nach Todesfällen ein Jahr lang schwarz getragen wurde und sich die Hochzeit in Schwarz deshalb eingebürgert hatte. Jeremias trug einen Anzug mit satt sitzender, gestreifter Krawatte und hatte die Haare streng zur Seite gekämmt. Wie so häufig in Varen wehte am Hochzeitstag ein starker Wind. Eine windige Hochzeit hätten sie heute, meinte Pfarrer Schmid zum Brautpaar. Die anschliessende Hochzeitsreise führte nach Zürich und kostete gemäss Haushaltsbüchlein 200 Franken. Jeremias lief immer hinter Oktavia her und fragte sich, wie diese Frau in der grossen Stadt bloss zurechtkommt. Oktavia kannte Zürich von früheren Anstellungen. Sie hatte unter anderem im Restaurant Albisgütli serviert. Nach der Rückkehr ins Wallis verbrachten sie eine zusätzliche Flitterwoche in Bodmen, dem Varner Maiensäss bei Leukerbad.

Hochzeitsbild von Oktavia und Jeremias (1926).
Ein eigenes Haus und viele Kinder
Während der ersten Ehejahre wohnten Oktavia und Jeremias am Kegelplatz bei Leonie, der Mutter von Jeremias. Auch Bruder Theodor wohnte zeitweise in der unteren Wohnung im selben Haus. Die Wohnung, in der Jeremias bereits seine Kindheit verbracht hatte, setzte sich aus einer Stube, einer Kammer und einer kleinen Küche zusammen. Da es kein fliessendes Wasser gab, musste dieses vom nahen Brunnen geholt werden. Die Trockentoilette befand sich auf einem kleinen Balkon hinter dem Haus. Da Leonie in der grossen Stube schlief, mussten sich Oktavia und Jeremias als Verheiratete mit der kleinen Kammer begnügen, woran sich Oktavia störte. Die klein gewachsene, rundliche Leonie litt an starkem Rheuma und ihre verkrüppelten Gelenke bereiteten ihr starke Schmerzen. Oktavia pflegte ihre Schwiegermutter, hob sie auf den Stuhl und wusch sie im Bad, das sie auf der Rückfahrt ihrer Hochzeitsreise im Warenhaus Loeb in Bern gekauft hatte. Leonies Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, bis sie sich kaum mehr bewegen konnte. Im Jahr 1929, drei Jahre nach der Hochzeit von Oktavia und Jeremias, verstarb sie. Die Ausgaben von 260 Franken für das Begräbnis und das Seelenheil, von dem man sich die Erlösung der Sünden und das ewige Heil für die Verstorbene erhoffte, trug Oktavia in ihr Haushaltsbüchlein ein.
Bereits im Jahr nach der Hochzeit setzte bei Oktavia und Jeremias ein wahrer Kindersegen ein. 1927 brachte die 30-jährige Oktavia im Haus am Kegelplatz ein Mädchen namens Hedy zur Welt. Zwei Jahre später folgte das zweite Mädchen, das auf den Namen Marie getauft wurde. Die Angst, dass es nach Hedy und Marie bei Mädchen bleiben würde, war unbegründet, denn 1932 folgte Franz und 1933 René, die beide auch im Haus am Kegelplatz geboren wurden. Hedy erinnert sich, wie sie in ihrem Bettchen in der Stube lag und ihr Onkel Theodor, der auf dem Sessel am anderen Ende der Stube sass, sie mit seinen dunklen Kugelaugen streng anschaute. Sie fürchtete sich so sehr, dass Oktavia ihn schliesslich anwies, dies zu unterlassen. Oktavia störte sich auch zunehmend daran, dass Theodor ohne Arbeit und untätig zu Hause war. Sie gelangte immer mehr zur Einsicht, der arme Jeremias müsse sich zu Tode arbeiten und sein Bruder liege nur auf der faulen Haut. Dass Theodor darüber hinaus nach dem Tod von Leonie seinen Anteil an den Reben nicht dem Bruder, sondern einer Familie im Dorf verkaufte, zu denen sie wegen eines Erbstreits der vorherigen Generation ein gespanntes Verhältnis hatten, verärgerte vor allem Oktavia sehr. So warf sie ihn eines Tages aus dem Haus. Er zog dann nach Brig, wo er zusammen mit einem Partner einen Handel mit Futtermittel aufbaute. 1933 heirateten Frieda und Theodor, 15 Jahre nach ihrer Verlobung und drei Monate nach dem Tod von Friedas Vater. Auf den Wunsch von Friedas Familie hin lebten sie in Gütertrennung. Gemeinsam bezogen sie eine Wohnung bei der Post in Brig. 1934 kam ihre Tochter Stephanie, auch Steffi genannt, zur Welt. In Brig erhielt Frieda eines Tages Besuch von Oktavia, welcher wegen Geldforderungen Oktavias im Streit endete. Von diesem Tag an sahen sich die beiden Frauen nie wieder.
Wegen angeblicher Schummeleien seines Geschäftspartners ging es Theodors Handel mit Futtermittel nach drei Jahren finanziell so schlecht, dass Friedas Familie eine grosse Geldmenge einschiessen musste. Da zog die Familie Luterbacher in Solothurn einen Schlussstrich unter das «Experiment Wallis». Die kleine Familie zog in das zentrumsnahe Elternhaus in Solothurn, unter die Obhut des Luterbacher-Clans, welcher auch dafür sorgte, dass Theodor innerhalb der Ebauches SA, wo Friedas Bruder als Direktor tätig war, auf eine Stelle platziert wurde. Zuvor absolvierte Theodor aber noch eine zweijährige Ausbildung zum Uhreninstrumentenentwickler in einer Schule in Frankreich. Während über 20 Jahren arbeitete er danach bei der an der Ebauches SA beteiligten Firma Technica AG in Grenchen und baute dort eine Forschungsabteilung auf. Gerne an Problemen tüftelnd, konnte er sich aber nur schlecht für seine Ideen einsetzen und verlor die Rechte der von ihm entwickelten Bestandteile mangels Patentierung an andere. Lieber erklärte er seiner Tochter und ihren Klassenkameradinnen und -kameraden Mathematik und half einem in Solothurn wohnhaften Gymnasiallehrer beim Erstellen von Mathematikprüfungen. Obwohl er mit seinem Schwager Max Luterbacher gut auskam, wurde wegen der unterschiedlichen politischen Gesinnungen bei Luterbachers nie politisiert. Während Theodor katholisch-konservativ war, gehörten sowohl Theodors Schwiegervater Josef als auch sein Schwager Max als Unternehmer den Freisinnigen an. Freisinnige und Katholisch-Konservative lebten in getrennten Welten, was sich auch darin äusserte, dass sie bei Wahlen in unterschiedlichen Schulhäusern ihre Wahlcouverts einwarfen. So begleitete Steffi an Wahlsonntagen zuerst ihren Onkel zur Wahlurne, um kurz darauf nochmals mit ihrem Vater mitzugehen. Als Freisinnige blieben Friedas Vater und ihr Bruder der Kirche eher fern. Umso katholischer waren die Frauen, die sehr oft beteten und alles versuchten, um ihre Männer zum katholischen Glauben zu bekehren. Theodor litt unter der dominanten und machtbewussten Schwiegermutter, mit der er unter einem Dach lebte. Auch gegenüber seiner ebenfalls gebieterischen Frau, die viel Wert auf standesgemässes Auftreten und den familiären Ruf legte, musste er sich gefügig zeigen. Als Heimweh-Walliser erzählte er seiner Tochter, die ihn als sehr herzlichen Vater in Erinnerung hat, oft von seiner Jugend im Wallis. Seine Reisen nach Varen unternahm er allerdings immer ohne seine Familie, sodass Steffi ihre Walliser Verwandten gar nicht kannte. Dabei wohnte er bei Leo Roten in Varen oder ferienhalber in einem Hotel im Turtmanntal, wo Jeremias ihn jeweils besuchte. So lernten auch die Kinder in Varen ihren Onkel nicht kennen.

Theodor mit Tochter Steffi (1934).
Mit den vier kleinen Kindern wurde die Wohnung am Kegelplatz langsam zu klein. Im Herbst 1933 begann die Familie am westlichen Ende des Dorfes, wo Jeremias eine Landparzelle geerbt hatte, mit dem Bau eines allein stehenden, etwas von der Dorfstrasse zurückversetzten Hauses. Die Bauarbeiten wurden von Jeremias mithilfe seines Schwagers Theodul und weiteren Arbeitern und Handlangern ausgeführt. Oktavia hielt alle Arbeiten und Ausgaben in ihrem Haushaltsbüchlein fest, fein säuberlich getrennt nach Material- und Personalkosten, wobei sich der Tagessatz für einen Arbeiter auf 5.50 Franken belief. Im Sommer 1934 war der damals noch von Bäumen und Büschen umgebene Bau fertiggestellt. Als die Familie am Ende des Sommers mit Kuh und Wagen von Bodmen zurückkam, wollte Hedy zum alten Haus am Kegelplatz einbiegen. Vater Jeremias wies sie jedoch an, weiter geradeaus zum neuen Haus zu laufen. Die damals sechsjährige Tochter Hedy hatte vom Hausbau somit nichts mitbekommen.

Varen mit dem sich im Bau befindenden Haus in der Mitte des unteren Bildrands (1933).
Die gesamten Kosten des Hausbaus beliefen sich gemäss Haushaltsbüchlein auf 15 150 Franken. Das Haus war durch Oktavias Ersparnisse finanziert worden und bestand aus einem Erdgeschoss mit Keller, wo Hammu [Rohschinken] und Käse aufgereiht gelagert wurden, einem Weinkeller und einer Waschküche. Der an der Hangseite gelegene Hauseingang führte in das ausgebaute erste Stockwerk. Darüber befanden sich zwei im Rohbau belassene Stockwerke. Der grosse Raum unmittelbar oberhalb der Wohnung wurde als Massenlager für die Kinder genutzt. Das unter der Dachschräge gelegene oberste Stockwerk diente nicht nur als Trocknungsraum für die Wäsche, sondern auch als Lagerraum für die bis zu 50 Kilogramm schweren Polenta-, Mehl- oder Zuckersäcke. Auch Früchte, selbst gemachte Hauswürste oder Hammu wurden dort getrocknet.
Das Haus bot nicht nur in Bezug auf die zur Verfügung stehenden Flächen und Räumlichkeiten auf verschiedenen Stockwerken einen ziemlichen Kontrast zur Wohnung am Kegelplatz. Für die damaligen Walliser Wohnverhältnisse, insbesondere in den Bergregionen, war das Haus mit modernen Neuerungen ausgestattet. Es verfügte über fliessendes Wasser, ein Badezimmer mit Toilette und Badewanne und eine Art Zentralheizung mit Radiatoren in den drei Zimmern des ersten Stockwerks. Ein Standard, der bis 1950 im Oberwallis eine Seltenheit war.48 Als Tochter Hedy Anfang der 1940er-Jahre bei einer Familie in Sitten arbeitete und einer anderen Oberwalliser Angestellten erzählte, sie wohne in einem Haus mit Badezimmer, wurde sie prompt als Lügnerin bezeichnet.

Einzug in das neue Haus (1934).
Mit dem in der Küche stehenden Holzofen konnte nicht nur gekocht, sondern auch das Badewasser gewärmt und die Radiatoren geheizt werden. Dazu entfachte man im oberen Teil des Ofens ein Feuer, das mittels Erhitzung der Heizplatte zum Kochen diente. Zog man an einem Haken in der Mitte des Ofens, so öffnete sich der Zwischenboden und das Feuer fiel in den unteren Teil des Ofens, wo es die dort durchlaufende Wasserspirale erhitzte, welche mit dem Badezimmer und den Räumen im ersten Stockwerk verbunden war. Damit konnten entweder das Badewasser gewärmt oder die Heizkörper in den Zimmern temperiert werden.
Der Schlafort der Kinder variierte in Abhängigkeit ihres Alters. In den ersten drei Lebensjahren schliefen sie in einem grossen Bett im Elternschlafzimmer. Danach wechselten sie in das kleine Zimmerchen neben dem Elternschlafzimmer, in dem sich nebeneinander zwei Betten befanden. In jedem dieser Betten schliefen je zwei Kinder, zu Beginn Hedy und Marie beziehungsweise Franz und René, später dann die jüngeren Kinder. Silvie war im Sommer 1934 in Bodmen zur Welt gekommen, kurz vor dem Umzug ins neue Haus. Als erstes Kind wurde Anny im Jahr 1936 im neuen Haus geboren. Von den vier Kindern in den beiden Betten lagen jeweils zwei in die eine und zwei in die andere Richtung. Diese Nähe verlockte die Kinder dazu, den Nächstliegenden zu necken und in den Hintern zu zwicken, sodass Oktavia abends vielfach Einhalt gebieten musste.

Familienbild vor dem Hauseingang (um 1935).
Als die Kinder älter wurden, wechselten sie in das obere Stockwerk. Dort hielten sie sich gerne auf, denn sie fühlten sich freier. Mit Ausnahme eines kleinen abgetrennten Zimmers war der Raum offen und bestand aus rohen Hausmauern ohne elektrisches Licht. Das Mobiliar setzte sich aus acht in Reih und Glied angeordneten Betten zusammen. Da den Kindern kein fixes Bett zugeteilt war, schliefen sie einmal im einen, dann im anderen Bett. Im Winter war es dort sehr kalt und es bildeten sich Eiszapfen an den Fenstern. Sie schliefen deshalb in Schafspelzen, die der Vater eingesalzen hatte. Ein Fell legten sie direkt auf die Matratze, ein weiteres Fell und eine Decke sorgten für angenehme Wärme. Im Sommer legten sie die Pelze beiseite.
Zwei oder drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Hauses errichteten sie hangseitig hinter dem Haus einen grossen Stall, in dem die Rinder, Kühe und Kälber untergebracht wurden, eine stattliche Scheune und einen direkt angrenzenden kleineren Stall für die Schweine, Geissen und Schafe. Die Möglichkeit der Aufbewahrung grösserer Mengen Heu und Stroh und die Nähe zum Vieh erleichterten das Hirten [Füttern, Pflegen und Melken der Tiere] und verminderten den Aufwand während des Winters, da das Heu weniger häufig von verschiedenen, verstreut liegenden Scheunen zum Vieh transportiert werden musste.
Nachdem sie das erste Heu eingebracht hatten, wässerte Jeremias eines Nachts in den Duden, einem Gebiet in Richtung Leuk, eine Wiese. Weiter oben gegen die Varnerfluh besass die Familie zwei weitere Wiesen. Während des Wässerns sah er in einer dieser Wiesen ein Feuer brennen. Er ging davon aus, dass der Stapel Fallholz brannte, den er dort für den Winter aufgetischt hatte. Jetzt hat er kein Holz mehr für den Winter, sagte er sich. Er ging hoch, um nachzuschauen, fand das Holz aber unversehrt vor und fragte deshalb im Dorf nach, ob jemand in der Gegend ein Feuer gesehen hatte. Niemand konnte ihm dies jedoch bestätigen. Zwei Tage später wollten Franz und René am Nachmittag bei der Scheune mit einem Feuerzeug ein Feuer anzünden. Es regnete leicht und das Feuer brannte nicht so richtig, sodass sie näher zum Gebäude rückten und es erneut versuchten. Das Feuer griff auf die nahe gelegene Scheune über und breitete sich wegen des frisch eingebrachten Heus rasch aus. Die Scheune und der anliegende Stall gingen in Flammen auf und brannten nieder. Für die Familie stellte dies ein schrecklicher Schlag dar. Jeremias sass auf der Treppe vor dem Eingang des Hauses, umringt von den Kindern, und hielt seinen Kopf in den Händen. Statt seine Söhne mit Vorwürfen einzudecken, schaute er nur auf und sagte mit trauriger Stimme zu Franz, er solle schauen, was er gemacht habe. Das war seine einzige Reaktion. Glücklicherweise halfen ihnen Jules Bayard, den die Kinder als Gottu [der Familie nahestehenden Mann] bezeichneten, und Leo Roten, zwei Verwandte väterlicherseits, mit Heu aus, denn der Brand hatte ihnen einen Grossteil ihres Heus für den Winter genommen. Dass er das Feuer in der Nacht zuvor in seiner Wiese brennen sehen hatte, betrachtete Jeremias als Zeichen des bevorstehenden Unglücks.
Familienleben
Hedy, *1927
Im Jahr nach der Hochzeit von Oktavia und Jeremias wird Hedy geboren. Als Erstgeborene muss sie früh viel Verantwortung übernehmen. Sie liest gerne und würde am liebsten eine Bürolehre machen, aber eine Berufsausbildung kommt für sie wegen des zu bezahlenden Lehrgelds nicht infrage. Sie beginnt im Gastgewerbe zu arbeiten, heiratet, zieht nach Montreux und bekommt vier Kinder. Ihr Mann stirbt früh und sie ist sehr froh, dass sie in dieser schwierigen Situation auf ihre Brüder und Schwestern zählen kann.
Ich war am liebsten mit dem Vater in den Reben oder auf dem Feld. Er war ein Flotter, ein Feiner. Mit ihm hatte man die Ruhe. Wir konnten miteinander reden, da war es mir wohl. Mama war immer nervös und müde. Kein Wunder, bei dieser Belastung. Er war eine Art Ausgleich. Zu Hause waren die vielen Kinder, die viele Arbeit. Als Älteste musste ich anpacken. Es hiess, du bist das Erste, du musst dies und du musst das. Überall, wo sie jemanden brauchten, sprang ich ein, das ist ja klar. Spielen war Zeitverlust. Du musstest lernen, du musstest arbeiten, was konntest du anderes machen? Ich liebte es, zu lesen. Für die Mutter war das verlorene Zeit. Darum las ich im Versteckten, im Bad oder sonst wo. Und heute sagt man, die Kinder sollen lesen. Ich ging auch gerne in die Kirche. Da hatte ich wenigstens die Gelegenheit, jemanden ausserhalb der Familie zu sehen. Religion war selbstverständlich. In dieser Zeit musste ich zumindest nicht arbeiten.
Mary, die Zweitgeborene, war das genaue Gegenteil von mir. Sie war lustig und übermütig. Ich durfte nicht. Ich war die Stille und Seriöse. Als Erstgeborene musste ich das Beispiel für die anderen sein, das drillen sie dir ein. Ich konnte es der Mutter auch nicht recht machen, ich war ihr zu wenig aktiv, zu ruhig, glaube ich. Vielleicht ging ich ihr auch speziell auf die Nerven, weil ich nicht aus mir herauskam. Das ist schon möglich, das weiss ich nicht. Tante Anna hatte ein Radio. Sie sagte zu meiner Mutter: «Das müsst ihr auch anschaffen.» Meine Eltern kauften sich noch während des Kriegs ein Radio. Dazu musste aber erst eine Antenne montiert werden. Ich hörte gerne den Radiosender «Die Stimme Amerikas»49. Während des Kriegs wurde dort Propaganda gesendet, und ich interessierte mich für die Informationen. Mary hingegen wollte immer Musik hören.

Als der Krieg losging, waren wir in unserem Maiensäss in Bodmen. Als wir zurück nach Varen kamen, sagte die Mutter zu mir, wir hätten keine Polenta mehr. Wir assen fast jeden Tag Polenta. Ich solle doch in den Konsum welche holen gehen. Dazumal kauften wir ganze Säcke, die wohl um die 50 Kilo schwer waren. Im Konsum sagten sie mir, man könne Polenta nur noch kaufen, wenn man die entsprechenden Coupons erhalten habe. Das war schlimm für uns, denn wir hatten zu wenig Polenta-Coupons, und ohne Polenta konnten wir nicht leben. Da wir Wein produzierten und Bienen hatten, bekamen wir während des Kriegs Extra-Zuckerrationen. Das war allerdings kein normaler Zucker, sondern ein spezieller. Statt ihn für den Wein oder die Bienen zu brauchen, verwendeten wir einen Teil für uns selbst. Die übrig gebliebenen Zucker-Coupons schickte meine Mutter nach Genf zu Leuten, mit denen sie oft Kontakt hatte. Im Gegenzug schickten die Genfer uns ihre Polenta-Coupons. So hatten wir während des Kriegs genug Polenta. Meine Mutter wäre eine gute Geschäftsfrau geworden. In den späten Kriegsjahren nahmen sie abgetrennte Coupons im Konsum nicht mehr an, da sie wussten, dass sie von woanders herstammten. Da war ich 14 oder 15 Jahre alt und empfand das als grosse Ungerechtigkeit. Der Übername unserer Familie, di Gfrornu [die Gefrorenen], stammt auch aus dieser Zeit. Während eines Frühjahrs gefroren Reben und Fruchtbäume, sodass Entschädigungen bezahlt wurden, damit die Bauern überleben konnten. Da wir viele Kinder waren und relativ viele Reben und viel Gut besassen, erhielten wir auch eine entsprechende Entschädigung. Das rief Neid hervor. Ich nahm es auf jeden Fall so wahr. Seither sind wir di Gfrornu im Dorf.
Den Krieg nahmen wir nur indirekt wahr. Als Flugzeuge abends den Himmel Richtung Süden passierten, sagte der Vater: «Schau, jetzt sind die Flieger ganz schwer. Wenn sie in der Nacht oder am nächsten Morgen zurückkommen, sind sie dann ganz leicht.» Und in der Tat, am nächsten Morgen überflogen die Flugzeuge das Wallis ohne Ladung. In der Zeitung stand dann, sie hätten diese oder jene Gegend bombardiert. Am Abend hiess es auch immer, man solle die Fenster verdunkeln. Am Himmel hörte man das Surren der Flieger. Da mein Vater keinen Militärdienst geleistet hatte, wurde er während des Zweiten Weltkriegs nicht eingezogen. Wie oft half er anderen Frauen, deren Männer eingezogen wurden oder die ihren Mann verloren hatten! Er ging mähen und half, das Heu in die Schiir [Scheune] einzubringen. Der Vater sagte oft: «Helft einander». Das haben wir gemacht, alle. Um die Produktion anzukurbeln, wurden die Waren während des Kriegs etwas besser bezahlt. Man erhielt mehr Geld, wenn man Wein oder ein Tier verkaufte. So ging es den Leuten auch mit Selbstversorgung allmählich etwas besser. Nach dem Krieg sagte die Mutter: «Jetzt geht es dann wieder zurück mit den Preisen.» Sie gingen aber nie mehr anhaltend zurück. Nach dem Krieg verbesserte sich das Leben im ganzen Land.
Ganz früher hatten wir wenig Kontakt zu den anderen im Dorf. Wir waren ja selbst eine grosse Familie. Jede Familie war für sich. Als Kind lernte ich: Du darfst nichts erzählen. Was in der Familie passiert, das geht die anderen nichts an. Jeder musste für sich schauen, sonst ging man unter. Wenn das Misère [Unglück] da ist, dann schaut jeder zuerst für sich. Das ist normal. Und wenn alle genug haben, dann kannst du teilen. Verstehst du? Das kannst du nicht anders machen. Du schaust für dich, du musst, sonst überlebst du nicht.
Mit den Verwandten hatten wir Kontakt. Die Buben arbeiteten manchmal für Onkel Theodul, den Bruder meiner Mutter. Tante Serafine, die Schwester meiner Mutter, sahen wir oft. Wir halfen einander. Sie half uns beim Rebenbinden und wir gingen ihr Heuen. Wir gingen auch oft zu Tante Serafine und tauschten uns mit ihr aus. Ich weinte mich auch hin und wieder bei ihr aus, wenn ich grossen Kummer hatte. Oder ich ging zu meiner Lieblingskuh, dem Hasu, einer weissen Kuh mit geraden Hörnern. Schon als kleines Mädchen durfte ich den Hasu führen, wenn wir mit dem Vater aufs Feld gingen. Die Kuh war immer da, wenn wir sie brauchten. Sie gehörte zur Familie, sie teilte Freud und Leid mit uns. Nach getaner Feldarbeit hirtete ich sie. Ich war dadurch oft mit ihr alleine, was ich sehr schätzte. Einmal gingen Mary und ich sie hüten und sagten zueinander, dass wir doch auch auf ihr reiten könnten. Gesagt, getan. Ich führte die Kuh gegen eine Mauer, Mary stieg auf und wir liefen gemeinsam ein Stück. Da bekam ich Angst und sagte zu ihr, sie solle heruntersteigen. Als wir abends nach Hause zurückkehrten, gab es ein Donnerwetter. Jemand hatte uns beobachtet und es dem Vater erzählt. Man könne auf einer Kuh nicht reiten, dafür seien die Pferde da, so sagte er. Um Heu von der Scheune in den Pflanowinien nach Varen zu transportieren, musste man entweder das Heu selbst tragen oder ein Pferd mieten. Aufgrund unseres Experiments kam der Vater jedoch auf die Idee, dass die Kuh, wenn sie ein Kind tragen könne, auch Heu müsse tragen können. So versuchte er es, und in der Tat trug der Hasu das Heu hoch nach Varen. Das kam sehr gelegen, denn es war Krieg und die Pferde waren für das Militär eingezogen worden. Später schleppte der Hasu sogar Baumaterialien und Zementsäcke von Birchen hoch in die Weid, als der Vater dort umbaute, um die Küche mit dem Zimmer zu verbinden. Als der Hasu alt war, ging der Vater mit ihm nach Leuk auf den Markt. Mir tat das Herz weh und ich hoffte, er könne ihn nicht verkaufen. Vater kam jedoch alleine zurück und ich war todunglücklich.
Später arbeitete ich bei Tante Anna, einer weiteren Schwester meiner Mutter, kurz vor ihrem Tod. Als ihre drei Kinder noch ganz klein waren, starb Anna an Magenkrebs. Während der Krankheit half ich ihr und machte die Haushaltung. Auch bei Kriegsende war ich noch bei ihr. Überall läuteten die Glocken. Das weiss ich noch gut, alle freuten sich, jetzt ist Frieden, der Krieg ist fertig. Als Anna dann starb, kehrte ich wieder nach Hause zurück. Ich sah Annas Mann Pius viel später einmal, da konnte er schon fast nicht mehr laufen. «Du hast mir doch dazumal geholfen», meinte er, «als ds’Anny krank war. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, weil ich dich zu wenig entlohnt habe.» Ich erwiderte: «Das ist apa [wahrscheinlich] schon richtig gewesen.» Aber es stimmt schon, er gab mir nichts. Und ich erinnere mich, dass auch der Vater sagte, das sei eigentlich schon haarig, da gebe man das Mädchen und erhalte nicht einmal ein Merci. Mir war das egal, ich brauchte ja auch nichts. Man muss aber schon sagen, im Dorf hatte niemand Geld, ausser denjenigen, die in der Alusuisse in Chippis arbeiteten. Das Leben hat sich so geändert seither. Die Leute früher haben alle so gelebt, während Jahrhunderten. Alle Annehmlichkeiten des heutigen Lebens gab es dazumal nicht.
Man hatte noch keine Sekundarschule dazumal. René war der Erste, der nach sechs Jahren Primarschule dorthin ging, nachdem sie Mitte der Vierzigerjahre in Leuk die Schule aufgemacht hatten. Ich musste stattdessen drei Jahre in die gleiche Klasse. Den Grund hierfür weiss ich nicht. Der Vater sagte, das gehe doch nicht. So haben sie mich abgemeldet. Meine Tante Marie, die Klosterfrau in Ingenbohl, sagte: «Schick sie mir doch, ich nehme sie schon.» Sie arbeitete dort als Lehrerin. Dann wohnte ich in zwei verschiedenen Familien in Brunnen und Ingenbohl und musste von Brunnen hinauf zur Schule laufen. Als ich manchmal bei Tante Marie übernachtete, machte sie immer die Läden zu. Ich war nicht offiziell bei ihr. Ich war nicht gerne dort, denn gelernt habe ich nichts. Am Schluss hat sie mir aber nur Einser ins Notenbüchlein geschrieben. Das war dazumal die beste Note.
Die Mutter wollte, dass alle Kinder, auch die Mädchen, etwas Richtiges lernen. Dass Mädchen eine Lehre machten, war in Varen zu jener Zeit nicht häufig der Fall. Im Dorf sagten sie, da habe man zu Hause so viel zu tun, da gebe man doch die Mädchen nicht weg. Aber meiner Mutter war das wichtig. Es war sie und nicht der Vater, die wollte, dass wir in die Fremde gingen. Das ist ihr hoch anzurechnen. Ich hätte gerne im Büro gearbeitet. Da ging ich nach Siders in ein Büro und fragte, ob ich dort die Lehre machen könne. Sie sagten mir, das sei möglich, ich müsse aber einen gewissen Betrag pro Monat dafür bezahlen. Kannst du dir das vorstellen, Geld zu bezahlen, ich als Erstgeborene! Da gab ich die Idee wieder auf. Ich bin die Einzige ohne Lehre, mit Ausnahme von Markus machten alle eine Ausbildung. Die Mutter hätte es mir bezahlt, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihr das zu sagen, verstehst du. Onkel Pius meinte, ich hätte Lehrerin werden sollen, ich war gut in der Schule.
Als das mit der Büroarbeit nicht klappte, ging ich in die Stellen, ich ging servieren. Das war das Einzige, das man ohne Lehre machen konnte. Zuvor arbeitete ich aber noch in Sitten bei einer Familie mit vier Kindern, um Französisch zu lernen. Da war ich 16 Jahre alt. Dort verdiente ich 35 Franken im Monat. Die Mutter meinte, für die viele Arbeit von morgens bis abends sei das doch etwas zu wenig. Das sagte ich der Patronne [Chefin], die mir prompt den Lohn auf 40 Franken erhöhte. Das Jahr beendete ich aber trotzdem nicht, denn der Vater sagte: «Komm’ doch nach Hause, wir haben hier Arbeit für dich.»
Die erste richtige Stelle trat ich im Tearoom Singerhaus am Basler Marktplatz an. Kurz nach dem Krieg servierte ich dort Patisserie. Die Grenzen waren aufgegangen und die Leute aus Mulhouse strömten herbei. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Patisserie die assen, tellerweise verkaufte ich. C’était incroyable! [Das war unglaublich!] Das war etwas Spezielles für die, die hatten doch jahrelang keine mehr gegessen. Später fragte ich die Patronne, ob ich nicht nur Patisserie verkaufen, sondern auch Kaffee servieren könne. Da durfte ich servieren. Als ich 20 war, machte ich im Hotel St. Georges in Montana zwei Jahre lang den Saal. Franz und Mary arbeiteten im selben Hotel. Nach Montana war ich in Siders im Hôtel Bellevue. Danach in Zermatt im Hotel Seilerhaus, dort servierte ich auch Essen. So bin ich immer ein bisschen aufgestiegen. In Zermatt waren es Saisonstellen, da war ich zwei oder drei Mal. Ich erinnere mich, dass ich dort Fisch ausnehmen musste. Das hatte ich aber vorher noch nie gemacht. Der Patron [Chef] machte mir anschliessend ein Kompliment. Ich dachte, wenn der wüsste, dass ich das erste Mal Fisch ausgenommen hatte. Meine Mutter sagte immer: «Du musst mit den Augen lernen. Schauen.»
Danach war ich zwei Jahre im Restaurant Walliserkeller in Bern, da ich gehört hatte, dass es dort gute Arbeitsstellen gibt. Ich erhielt zwar keinen Lohn und das Zimmer musste ich selbst organisieren. Das Trinkgeld war aber grosszügig und so verdiente ich trotzdem relativ gut. Ich behielt nie einen Rappen selbst, sondern schickte immer alles heim. Da muss ich meiner Mutter ein Kompliment machen. Meine Eltern benötigten das Geld zwar, aber die Mutter legte immer einen Teil auf die Seite. An meiner Hochzeit gab sie mir ein Bankbüchlein. Das fand ich nett.
Ich wollte nach England gehen, um Englisch zu lernen. Da es in Zermatt viele englischsprachige Gäste gab, musste man dort Englisch sprechen. Meine Mutter machte aber ein Drama. Sie wollte nicht, dass ich weggehe. Sie sagte, es gebe eine Englischschule in Oertlimatt bei Interlaken, ich solle dort Englisch lernen, mein Bruder Franz gehe auch dorthin. «Du gehst nicht nach England, das ist überhaupt nichts.» So besuchte ich diese Schule in Interlaken. Es fuchste mich jedoch, dass ich nicht nach England gegangen war, denn sie hatten mir dort schon eine Stelle zugesichert, die ich absagen musste. In Interlaken lernte ich meinen Mann Désiré kennen, ein Wink des Schicksals. Danach bereute ich es nicht mehr. Er lernte Englisch, weil er nach Kanada wollte, um dort zu arbeiten. Weil er anschliessend aber in Zürich arbeitete, nahm ich eine Stelle in Bern an. Dort war ich in der Mitte zwischen seinem Arbeits- und seinem Heimatort Montreux. Auf dem Weg nach Hause kam er mich in Bern besuchen. Später fand er eine Stelle in Yverdon und wollte mich in seiner Nähe haben. Aber das war mir ein bisschen zu nahe, denn dazumal musste man aufpassen, wenn man zusammen war. Darum ging ich nach Genf, nicht allzu nahe, dann nach Lausanne. Immer ein bisschen näher. Dann heirateten wir. Bon, voilà.
Früher heiratete man in Varen im Deuxpièces in Schwarz. Ich wollte aber unbedingt in Weiss heiraten. Ich war die Erste im Dorf. Danach heirateten die anderen auch in Weiss. Dasselbe war mit den Hüten, die die Mädchen und Frauen zu jener Zeit am Sonntag immer tragen mussten, wenn sie zur Messe gingen. Ich arbeitete in Sitten und hatte gesehen, dass sie dort keinen Hut trugen. Ich hasste den Hut. So ging ich ohne Hut zur Messe. Das war skandalös. Meine Mutter schämte sich und ging stattdessen in die Frühmesse. Das nächste Mal, als ich in Varen zur Messe ging, waren schon drei ohne Hut. Beim dritten Mal hatte kein Mädchen mehr einen Hut auf. Ich war halt weg gewesen und hatte gesehen, dass es anders sein konnte.
Anfang der Sechzigerjahre baute uns mein Bruder Alfons in Montreux das neue Haus. Kaum aus der Maurerlehre war er, stell dir das einmal vor. Er hatte einen Handlanger, der den Zement mischte und anrührte. Auch die Brüder Arnold und Markus kamen manchmal am Samstag helfen. Zwei Sommer lang dauerten die Bauarbeiten. Nach dem ersten Sommer war der erste Stock fertig. Dazwischen machte Alfons in St. Gallen die Ausbildung zum Polier. Und wie er das gebaut hat, das ist so ein gutes Haus. Wir hatten zum Glück einen guten Architekten. Mein Mann hatte gerne moderne Architektur, es ist ein modernes Haus. Mary, Anny und auch Franz liehen uns Geld. Jeder gab so viel, wie er konnte. Darum mussten wir weniger Geld aufnehmen. Der Zins war dazumal sehr hoch.

Hedys Haus in Montreux kurz nach der Fertigstellung (undatierte Aufnahme).
Als Désiré kurz nach Abschluss der Bauarbeiten starb, da hatte ich nie Angst. Er kam bei einem Unfall mit Starkstrom am Arbeitsplatz ums Leben. Der Strom war nicht abgestellt, als er etwas flicken wollte. Daniel, das jüngste unserer vier Kinder, war dazumal zwei Jahre alt. Auch meine beiden Grossväter starben früh. Das liegt in der Familie, das frühe Sterben der Väter. Ich hatte immer Angst, dass dies weitergeht, dass die Väter sterben, wenn ihre Kinder noch ganz klein sind. Auch meine Schwiegermutter verlor ihren Mann früh wegen einer Krankheit. Zu jener Zeit hatten sie jedoch noch keine Versicherung. Désiré hatte zum grossen Glück Versicherungen abgeschlossen. So hatte ich auch als Hausfrau und Mutter mein Auskommen. Du weisst nicht, wie froh ich drum war.
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