Kitabı oku: «Redeflüssigkeit und Dolmetschqualität»

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Sylvi Rennert

Redeflüssigkeit und Dolmetschqualität

Wirkung und Bewertung

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8281-2 (Print)

ISBN 978-3-8233-0115-8 (ePub)

Inhalt

  1 Einführung

 2 Begriffsbestimmung2.1 Qualität2.1.1 Qualität für wen?2.1.2 Zur Definition des Qualitätsbegriffes2.1.3 Operationalisierung des Qualitätsbegriffs2.2 Redeflüssigkeit2.2.1 Problematik der Definition2.2.2 Flüssigkeit als Funktion temporaler Variablen

 3 Flüssigkeit in der Dolmetschwissenschaft: Ein Forschungsüberblick3.1 Flüssigkeitsmerkmale in Ausgangs- und Zieltext3.1.1 Alexieva (1988)3.1.2 Pöchhacker (1997)3.1.3 Cecot (2001)3.1.4 Tissi (2000)3.1.5 Ahrens (2004)3.2 Flüssigkeit in der Qualitätsforschung: Erwartungen und Bewertungen3.2.1 Erwartungen und Bewertungen: Qualitätskriterien aus Sicht von DolmetscherInnen und NutzerInnen3.2.2 Experimentelle Qualitätsstudien: Erhebung von Erwartungen und Bewertungen unter kontrollierten Bedingungen3.2.3 Methodische Überlegungen zu Bewertungen und Erwartungserhebungen3.3 Messung der kognitiven Wirkung: Die Verständlichkeit von Dolmetschleistungen3.3.1 Shlesinger (1994)3.3.2 Grübl (2010)3.3.3 Lenglet (2015)

 4 Versuch: Einfluss der Redeflüssigkeit auf die Dolmetschqualität4.1 Forschungsfragen4.2 Forschungsdesign4.3 Versuchspersonen4.3.1 Auswahl der Versuchspersonen4.3.2 Parallelisierung und Randomisierung4.4 Ausgangstext4.5 Versuchsmaterial4.5.1 Vorüberlegungen zum Versuchsmaterial4.5.2 Erstellung und Beschreibung der Dolmetschung4.5.3 Analyse und Annotation des Ausgangsmaterials4.5.4 Bearbeitung des Materials4.5.5 Validierung des Versuchsmaterials4.5.6 Erstellung der flüssigen Version DF4.5.7 Erstellung der unflüssigen Version DU4.6 Fragebogen4.6.1 Fragebogendesign4.6.2 Teil A4.6.3 Teil B4.6.4 Scoring und Kodierung4.7 Setting und Versuchsablauf

 5 Ergebnisse5.1 Versuchspersonen5.2 Gesamtscore (Hörverständnistest)5.2.1 Einflussfaktor Muttersprache5.2.2 Einflussfaktor Geschlecht5.2.3 Einflussfaktor Alter5.2.4 Einflussfaktor Tag des Versuchs5.2.5 Einflussfaktor Hintergrundwissen5.2.6 Einflussfaktor Erfahrung mit Dolmetschungen5.3 Subjektive Bewertung5.3.1 Redeflüssigkeit (Frage 14)5.3.2 Intonation (Frage 15)5.3.3 Wiedergabe des Inhalts (Frage 13)5.3.4 Gesamtbeurteilungsscore5.3.5 Subjektives Verständnis (Frage 12)

 6 Diskussion und Schlussfolgerungen6.1 Forschungsfragen und Antworten6.2 Kritische Fragen zur Methode und Inferenzierbarkeit6.2.1 Gedächtnis6.2.2 Versuchspersonen6.3 Schlussfolgerungen6.3.1 Bedeutung von Flüssigkeit beim Dolmetschen in der Praxis6.3.2 Bedeutung für die Dolmetschdidaktik6.3.3 Bedeutung für die Wissenschaft

  Bibliografie

 AnhangTranskription Versuchsmaterial flüssigTranskription Versuchsmaterial unflüssigInstruktionenTeil 1 (vor Abspielen des Videos)Teil 2 (nach Abspielen des Videos)

1 Einführung

Wie in vielen anderen Bereichen auch ist das Schlagwort Qualität in der Dolmetschwissenschaft heute allgegenwärtig. Die Frage danach, was Qualität ist und wie man diese beeinflussen und garantieren bzw. womöglich sogar als Norm festhalten kann, beschäftigt diese Disziplin seit Jahrzehnten. Umso mehr verwundert es, dass viele der – oft sehr unterschiedlichen – Definitionen nicht näher darauf eingehen, wie diese Qualität zu messen sei. Trotz aller Heterogenität der Definitionen findet sich jedoch ein Grundsatz in der dolmetschwissenschaftlichen Literatur immer wieder, den bereits die Pioniere des Konferenzdolmetschens und der Dolmetschwissenschaft betonten: die Wichtigkeit des gleichen Inhalts bzw. der gleichen kognitiven Wirkung von Ausgangs- und Zieltext (AT, ZT) auf das Publikum. Diese Forderung, die oft auch als „Verständlichkeit“ der Dolmetschung ausgedrückt wird, findet sich sowohl in theoretischen als auch in praxisorientierten Werken zum Dolmetschen und ist wohl eines der wenigen Prinzipien, mit dem alle übereinstimmen; gleichzeitig wird sie aber selten als Qualitätsdefinition operationalisiert. Es ist zwar nicht möglich, den Verstehensprozess selbst zu beobachten, das kognitive Endergebnis (Verständnis der ZuhörerInnen) kann aber über Hörverständnistests gemessen werden, um so einen Einblick in die kognitive Wirkung bzw. Verständlichkeit als Eigenschaft der Dolmetschung zu erhalten. Hörverständnistests wurden bislang in der Untersuchung lautsprachlicher Dolmetschungen jedoch nur selten eingesetzt.

Die vorliegende Studie soll einen Beitrag zur systematischen Erforschung von Qualitätsparametern in der Dolmetschwissenschaft leisten. Das hierin beschriebene Forschungsvorhaben wurde im Rahmen des vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderten Projekts „Qualität beim Simultandolmetschen (QuaSI)“ unter der Leitung von A.o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Franz Pöchhacker am Zentrum für Translationswissenschaft (ZTW) der Universität Wien umgesetzt. QuaSI wurde von 2008 bis 2010 am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien durchgeführt und bestand aus vier Teilprojekten, die sich mit verschiedenen Aspekten der Dolmetschqualität beschäftigten: einer Fragebogenstudie zum Qualitäts- und Rollenverständnis von KonferenzdolmetscherInnen (Zwischenberger 2013) sowie drei Experimenten, in denen die Verständlichkeit von Dolmetschen vs. Englisch als Lingua Franca (Reithofer 2014), der Einfluss von Intonation auf die kognitive Wirkung einer Dolmetschung (Holub 2010) sowie der Einfluss von Redeflüssigkeit auf die kognitive Wirkung (Rennert 2010, 2013, vorliegende Arbeit) untersucht wurden.

Qualität als gleiche kognitive Wirkung, gemessen mittels Hörverständnistests, ist der zentrale Ansatz, der der vorliegenden Arbeit zu Grunde liegt; gleichzeitig wird aber auch die beim Dolmetschen – wie bei anderen Dienstleistungen – so wichtige subjektive KundInnenperspektive nicht vernachlässigt. Diese beiden Perspektiven werden hier verbunden, indem untersucht wird, ob Redeflüssigkeit einen Einfluss auf die kognitive Wirkung einer Dolmetschung einerseits und die subjektive Wahrnehmung der Dolmetschqualität durch die Zuhörer andererseits hat. Dieser im Zuge des QuaSI-Projekts entwickelte Forschungsansatz liegt auch den anderen QuaSI-Experimenten (Holub 2010, Reithofer 2014) zu Grunde.

In der vorliegenden Arbeit wird ein detailliertes Bild der Qualität aus NutzerInnensicht und der Qualität aus DolmetscherInnensicht gezeichnet. Daraus ergibt sich einerseits das obengenannte Verständnis von Qualität als gleicher kognitiver Wirkung, die sowohl von NutzerInnen als auch DolmetscherInnen und DolmetschwissenschaftlerInnen gefordert wird, und andererseits die subjektive Wahrnehmung der Dolmetschqualität durch die KundInnen, die individuell variiert. Die Auswirkungen von Redeflüssigkeit sowohl auf die mittels Hörverständnistest gemessene kognitive Wirkung als auch die subjektive Bewertung der Dolmetschung durch das Publikum werden empirisch untersucht.

Dazu werden in Kapitel 2 zunächst die für die Arbeit zentralen Begriffe definiert: In 2.1 werden verschiedene Qualitätsbegriffe und -perspektiven besprochen und Qualität als Wirkungsäquivalenz definiert. In Abschnitt 2.2 wird nach einem Überblick über verschiedene Definitionen von Redeflüssigkeit diese als Funktion temporaler Variablen bestimmt und die konstituierenden Variablen werden im Detail beschrieben.

Aufbauend darauf bietet Kapitel 3 einen Überblick über den Forschungsstand zur Redeflüssigkeit in der Dolmetschwissenschaft. Dabei wird ein Bogen von Untersuchungen und Experimenten, die sich mit der Verteilung von Flüssigkeitsmerkmalen in AT und ZT befassen, über Erhebungen von Qualitätserwartungen und Beurteilungsexperimente bis hin zur Erforschung der kognitiven Wirkung gespannt. Die in Kapitel 2 angesprochenen Unterschiede zwischen Qualitätserwartungen und Beurteilungen einerseits und Unterschiede in den Erwartungen und Beurteilungen verschiedener Zielgruppen andererseits werden hier anhand von Forschungsergebnissen illustriert und die verwendeten Forschungsmethoden werden kritisch beleuchtet.

Diese Methodendiskussion bildet die Grundlage für den empirischen Teil, der ab Kapitel 4 im Detail beschrieben wird. Im Anschluss an die Forschungsfragen in Abschnitt 4.1 wird in Abschnitt 4.2 das im Rahmen des QuaSI-Projekts entwickelte Forschungsdesign beschrieben. Beim Design wurde Wert darauf gelegt, so viele Faktoren wie möglich zu kontrollieren, gleichzeitig aber den Eindruck einer echten Dolmetschung zu erwecken. Daher wurde eine realistische Dolmetschsituation simuliert, indem am Versuchsort zwei mobile Dolmetschkabinen aufgestellt wurden und die ProbandInnen wie bei einer realen Simultandolmetschung Kopfhörer bekamen. Über diese wurden zwei verschiedene im Vorfeld manipulierte Versuchstexte eingespielt, was den ProbandInnen aber nicht bewusst war, da in jeder der Kabinen eine Dolmetscherin saß, die eine der Versionen nachsprach. Danach wurden die ProbandInnen gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, der aus einem Hörverständnistest, einigen subjektiven Bewertungsfragen sowie Fragen zur Erfassung von Hintergrundvariablen bestand. Die Wahl der Versuchspersonen und deren Randomisierung wird in Abschnitt 4.3 beschrieben, die Wahl des Ausgangstextes für den Versuch in Abschnitt 4.4. Um das oben erwähnte Versuchsmaterial zu erhalten, wurde eigens für dieses Projekt eine Methode zur apparativen Manipulation von Redeflüssigkeit entwickelt, die es ermöglicht, zwei bis auf die Redeflüssigkeit identische Versionen einer Dolmetschung zu erzeugen. Diese Methode und die Veränderungen, die beim Erstellen des Versuchsmaterials vorgenommen wurden, werden in Abschnitt 4.5 ausführlich beschrieben. Der Fragebogen und dessen Erstellung werden in Abschnitt 4.6 besprochen. Abschnitt 4.7 schließlich beschreibt das Setting und den Ablauf des Versuchs.

Die Ergebnisse des Versuchs werden in Kapitel 5 vorgestellt. Nach einer detaillierten Beschreibung der Versuchspersonen in Abschnitt 5.1 werden in Abschnitt 5.2 die Ergebnisse des Hörverständnistests beschrieben. Diese Ergebnisse werden anhand verschiedener unabhängiger Variablen analysiert, um festzustellen, ob der Grad der Redeflüssigkeit oder andere Faktoren einen Einfluss auf die kognitive Wirkung des Versuchsmaterials hatten. In 5.3 werden die Ergebnisse der subjektiven Beurteilungen im Detail ausgewertet und den Ergebnissen des Hörverständnistests gegenübergestellt. So kann festgestellt werden, ob ein Zusammenhang zwischen den Ergebnissen des Hörverständnistests und der Einschätzung der Flüssigkeit und Intonation des Versuchsmaterials, der subjektiven Bewertung der Leistung der Dolmetscherin bzw. der Einschätzung des eigenen Verständnisses besteht.

In Kapitel 6 schließlich werden in 6.1 die gestellten Forschungsfragen beantwortet. Nach einer Betrachtung der methodischen Einschränkungen des Versuchs in 6.2 werden in 6.3 aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen für Forschung, Praxis und Lehre gezogen.

Insgesamt zielt diese Arbeit darauf ab, einen Beitrag zur Erforschung der Dolmetschqualität zu leisten und dabei erstmals unter Ausschluss aller Störvariablen zu untersuchen, welche Rolle Redeflüssigkeit dabei tatsächlich spielt.

2 Begriffsbestimmung

In diesem Kapitel sollen die für die vorliegende Arbeit zentralen Begriffe Qualität und Redeflüssigkeit definiert werden, was bei Begriffen, die beide von verschiedenen ForscherInnen wiederholt als „elusive“ bezeichnet wurden, keine leichte Aufgabe ist.

In den folgenden Abschnitten werden die Problematik der Definition sowie unterschiedliche Ansätze und Perspektiven beleuchtet und es wird dargelegt, wie die dieser Arbeit zugrundeliegenden Definitionen von Qualität als Wirkungsäquivalenz und Flüssigkeit als Funktion temporaler Variablen zustande kommen. Als erstes wird in Abschnitt 2.1 der Begriff der Qualität definiert. Dazu wird zunächst in 2.1.1 besprochen, aus wessen Perspektive die Qualität von Dienstleistungen im Allgemeinen und Dolmetschleistungen im Besonderen zu definieren ist. Darauf folgt in 2.1.2 ein Überblick über Qualitätsdefinitionen und 2.1.3 schließlich widmet sich der Operationalisierung der Qualitätsbegriffe für die Forschung. Anschließend wird in Abschnitt 2.2 die Redeflüssigkeit definiert, wobei auch hier zunächst in 2.2.1 ein Überblick über Definitionen geboten wird. In 2.2.2 werden die wichtigsten temporalen Variablen, aus denen sich Redeflüssigkeit nach der gewählten Definition zusammensetzt, beschrieben: Pausen, Unflüssigkeiten und Sprechgeschwindigkeit ist jeweils ein eigener Abschnitt gewidmet.

Aufbauend auf diesen Definitionen bietet Kapitel 3 einen Überblick über den Stand der Forschung zur Redeflüssigkeit beim Dolmetschen und die Qualitätsforschung in der Dolmetschwissenschaft, wobei vor allem die Überscheidungen dieser beiden Gebiete beleuchtet werden.

2.1 Qualität

Obwohl sich die Translationswissenschaft seit gut drei Jahrzehnten mit dem Thema Dolmetschqualität auseinandersetzt, gibt es dafür keine einheitliche Definition – und wie Garzone (2003: 23) feststellt, hat sich diese Schwierigkeit im Laufe der Zeit durch das Hinzukommen neuer, ganzheitlicher Betrachtungsweisen der Dolmetschsituation als Hypertext oder als Ergebnis der Interaktion vieler externer Faktoren sogar erhöht (vgl. Pöchhacker 1994a, Kalina 2009, Grbić 2015). Gerade in dieser erweiterten Betrachtungsweise liegt jedoch auch der m.E. vielversprechendste Ansatz zur Beantwortung der Frage nach Dolmetschqualität.

Lange Zeit galt Qualität in der Dolmetschwissenschaft als „that elusive something which everyone recognizes but no one can successfully define“ (AIIC 1982: 1), wobei sich in der Folge zeigen wird, dass der erste Teil dieses Zitates – dass jeder Qualität erkennen könne – nicht unbedingt für alle Beteiligten gleichermaßen gilt. In einem im AIIC-Mitteilungsblatt Communicate! veröffentlichten Artikel fasst Kahane (2000) unter Bezugnahme auf Shlesinger (1997: 123), die Qualität als „an elusive concept, if ever there was one“ bezeichnet hatte, die Problematik treffend zusammen:

The amazing thing is that there is no such consensus. Granted, users and interpreters agree on certain quality criteria, but significant differences remain as to nuances, and especially as to the very essence of the elusive concept of quality; quality for whom, assessed in what manner? (Kahane 2000: 1)

Pöchhacker (2013: 34) hält dagegen, dass Qualität weniger „elusive“ als vielmehr komplex und mehrdimensional sei und daher naturgemäß mehr als eine Definition zulasse. Grbić bezeichnet Qualität als „fuzzy concept“, das aufgrund der zahlreichen unabhängigen Variablen nur schwer exakt zu definieren sei (Grbić 2008: 238). Die Sichtweise von Qualität als komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren wird u.a. auch von Collados Aís et al. (2007, 2011) und Kalina (2004, 2005, 2009) vertreten. Damit stellt sich die Frage nach den Kriterien und der Perspektive, die einer solchen Definition zugrunde liegen sollen, die bereits Shlesinger (1997: 123) stellt: „Quality according to what criteria? Quality for whom?“ Diese Frage ist allerdings nicht auf den Bereich der Dolmetschwissenschaft beschränkt, sondern stellt sich auch im Zusammenhang mit anderen Dienstleistungen. Im nächsten Abschnitt wird daher zunächst besprochen, aus wessen Sicht Qualität definiert werden kann oder soll, bevor in 2.1.2 auf Definitionen und Qualitätskriterien und in 2.1.3 auf deren Operationalisierung eingegangen wird.

2.1.1 Qualität für wen?

DolmetscherInnen und DolmetschnutzerInnen haben oft unterschiedliche Vorstellungen von Qualität (siehe 3.2.1), weshalb sich beim Versuch, diese zu definieren, die Frage stellt, wer bestimmen soll, was Qualität ist. Sind es die DolmetscherInnen als ExpertInnen, aber eben auch DienstleisterInnen? Oder sind es die RezipientInnen des Zieltextes (ZT) als NutzerInnen bzw. KundInnen, die RednerInnen, deren Ausgangstext (AT) verdolmetscht wird und die somit auch KundInnen sind, oder gar KonferenzveranstalterInnen als eigentliche AuftraggeberInnen? Darüber herrscht bei weitem keine Einigkeit. Chiaro & Nocella (2004) stellen fest:

… there appears to be little harmony concerning which perspective to take when undertaking research: whether it is best to explore the success of an interpretation from the perspective of the interpreter or from that of the user is a debateable issue. Ideally, of course, both standpoints should be considered simultaneously … (Chiaro & Nocella 2004: 279)

Wie einleitend erwähnt ist die Schwierigkeit der Definition des Qualitätsbegriffes nicht auf die Translationswissenschaft beschränkt; auch in vielen anderen Bereichen – vor allem im Dienstleistungssektor – gibt es kein allgemein akzeptiertes Qualitätsverständnis, wie Bruhn (2016: 29) feststellt. Bei Dienstleistungen gibt es dabei laut Bruhn (2016: 29f.) zwei zentrale Ansätze, nämlich den produkt- und den kundenbezogenen Qualitätsbegriff. Beim produktbezogenen Qualitätsbegriff steht die Qualität als Summe oder Niveau vorhandener Eigenschaften im Vordergrund, wobei Bruhn diese Kriterien als objektiv bezeichnet aber auch einräumt, dass diese Kriterien im Dienstleistungsbereich schwer beobachtbar sind. Der kundenbezogene Qualitätsbegriff hingegen bezieht sich auf die „Wahrnehmung der Produkteigenschaften bzw. Leistungen durch den Kunden“ (Bruhn 2016: 29), was bedeutet, dass hier keine rein objektive, sondern vielmehr eine weitgehend subjektive Bewertung der aus KundInnenperspektive wichtigen Qualitätsmerkmale stattfindet. Die Anforderungen aus Kundensicht können sich dabei auf Potenzial, Prozess und Ergebnis der Dienstleistung beziehen. (Bruhn 2016: 30) Bei der Dienstleistung Dolmetschung könnten sich die Erwartungen beispielsweise auf verfügbare Sprachen und Dolmetschtechnik (Potenzial), angenehme und flüssige Vortragsweise, Akzent, inhaltlich korrekte und gut verständliche Dolmetschung (Prozess) sowie geglückte Kommunikation (Ergebnis) beziehen (für weitere Erwartungen von NutzerInnen siehe 3.2.1).

Zu Problemen kommt es vor allem dann, wenn die beiden Perspektiven stark auseinandergehen (Bruhn 2016: 29f.). Allerdings macht Bruhn (2016: 30) auch darauf aufmerksam, dass trotz der Bedeutung, die die KundInnenperspektive im Dienstleistungsbereich hat, die Qualitätskriterien nicht einseitig aus KundInnensicht festgelegt werden dürfen, sondern auch die Unternehmensperspektive berücksichtigt werden muss.

Bruhn spricht sich daher für eine Kombination der beiden aus und definiert den Begriff der Dienstleistungsqualität wie folgt:

Dienstleistungsqualität ist die Fähigkeit eines Anbieters, die Beschaffenheit einer primär intangiblen und der Kundenbeteiligung bedürfenden Leistung gemäß den Kundenerwartungen auf einem bestimmten Anforderungsniveau zu erstellen. Sie bestimmt sich aus der Summe der Eigenschaften bzw. Merkmale der Dienstleistung, bestimmten Anforderungen gerecht zu werden. (Bruhn 2016: 32)

Ein absoluter Qualitätsbegriff, der Qualität als Maß der Güte einer Leistung angibt (Bruhn 2016: 30), sei im Dienstleistungssektor nicht zielführend, da die Erwartungen an das Leistungsniveau aus Sicht des Leistungsempfängers, also der KundIn, festgelegt werden, womit subjektive und auch relative Einzelanforderungen ins Spiel kommen; vielmehr sei bei der Messung der Dienstleistungsqualität die Verknüpfung der beiden Qualitätsperspektiven sinnvoll (Bruhn 2016: 32). Schließlich nützt es wenig, wenn die Dienstleistung aus DienstleisterInnensicht von hoher Qualität ist, wenn die KundInnen dies nicht so sehen. (Bruhn 2016: 30ff.) Die wahrgenommene Dienstleistungsqualität wird durch die Erwartungen an die Dienstleistung einerseits und die gelieferte und wahrgenommene Dienstleistung andererseits bestimmt, wobei die Wahrnehmung individuell unterschiedlich sein kann (Bruhn 2016: 34).

Auf die Dienstleistung Dolmetschen umgelegt würde dies bedeuten, dass bei der Bestimmung von Dolmetschqualität sowohl die Perspektive der DienstleisterInnen (der DolmetscherInnen) als auch jene der KundInnen (ZT-RezipientInnen und andere obengenannte KundInnengruppen) berücksichtigt werden sollten. Diese klaffen aber nicht nur, wie erwähnt, häufig weit auseinander; auch innerhalb dieser beiden Gruppen herrscht keine Einigkeit über die zu verwendenden Kriterien. Deshalb kann beim Dolmetschen auch bei der produktbezogenen Perspektive (Bruhn 2016: 29) nicht von tatsächlich objektiven Kriterien die Rede sein. Gleichzeitig stellen DolmetscherInnen oft in Frage, ob KundInnen Dolmetschqualität (dabei meist im Sinne von inhaltlicher Richtigkeit und AT-Treue verstanden) überhaupt beurteilen könnten. Dies spiegelt sich auch in der etwas polemischen Frage von Shlesinger (1997: 126) wider: „Do our clients know what’s good for them?“ Grbić weist darauf hin, dass KundInnenorientierung wichtig sei, warnt aber davor, den KundInnen zu viel zuzumuten oder sich an einer idealen KundIn zu orientieren (Grbić 2008: 248). Déjean Le Féal hingegen ist der Meinung, dass neben Zielen wie dem gleichen Inhalt und der gleichen kognitiven Wirkung (vgl. 2.1.2) auch solche NutzerInnenerwartungen, die DolmetscherInnen oft nicht so wichtig seien, erfüllt werden sollten, etwa eine angenehme Stimme oder das Vermeiden von Pausen in der Dolmetschung, die nicht im Original vorhanden sind und die von ZuhörerInnen als Informationsverlust interpretiert werden können: „Rightly or wrongly, they assume that any such silence reflects a loss of information.“ (Déjean Le Féal 1990: 155) Damit führt sie die DolmetscherInnenperspektive mit jener der RezipientInnen zusammen und stellt fest: „Although we may not share their views on the last point, we should take their wishes into account insofar as possible. Indeed, our ultimate goal must obviously be to satisfy our audience.“ (Déjean Le Féal 1990: 155)

Der produktbezogene Qualitätsbegriff soll auch in der vorliegenden Arbeit verwendet werden, wobei hier „Produkt“ nicht im Sinne einer Aufnahme oder Transkription der Dolmetschung verstanden wird, sondern im Sinne des Ergebnisses, wie es weiter oben auch bei den KundInnenanforderungen dargestellt wurde. Für die vorliegende Arbeit wird „Verständlichkeit“ als Produkteigenschaft aufgefasst, die sowohl aus NutzerInnensicht als auch aus dolmetschwissenschaftlicher Sicht gefordert wird (vgl. 2.1.2). Verständlichkeit unterscheidet sich begrifflich vom Verstehensprozess als NutzerInnenleistung. Obwohl dieser produktbezogene Qualitätsbegriff nicht als objektiv angesehen werden kann, ist zumindest die Messung der kognitiven Wirkung möglich (vgl. 2.1.3). Die Produkteigenschaft der Verständlichkeit und inhaltlichen Richtigkeit wird auch von KundInnen gefordert, weshalb in diesem Fall der produktbezogene Qualitätsbegriff DienstleisterInnen- und KundInnenerwartungen in sich vereint. Im Gegensatz zu anderen Dienstleistungen ist es KundInnen bei Dolmetschungen üblicherweise nicht möglich, die gelieferte Leistung zu beurteilen, sondern es wird lediglich die wahrgenommene Leistung beurteilt. Daher soll hier statt des kundInnenbezogenen Qualitätsbegriffs von der subjektiven Bewertung bzw. Wahrnehmung durch die NutzerInnen gesprochen werden.

Im nächsten Abschnitt soll nun die für diese Arbeit herangezogene produktbezogene Qualitätsdefinition erarbeitet werden, die dann im Experiment (ab Kapitel 4) gemeinsam mit der subjektiven Bewertung durch die KundInnen untersucht und mit ihr verglichen wird.

2.1.2 Zur Definition des Qualitätsbegriffes

Trotz der obengenannten Einschränkungen haben verschiedene PraktikerInnen und ForscherInnen den Versuch unternommen, Dolmetschqualität zu definieren. Einen Überblick über die verschiedenen Qualitätsansätze in Ausbildung, Praxis und Forschung bietet Grbić (2008). Alle hier zu besprechen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, daher soll in diesem Abschnitt eine kleine Auswahl der Ansätze vorgestellt werden und gezeigt werden, wie die für die vorliegende Arbeit verwendete Definition von Qualität als kognitive Wirkungsäquivalenz zustande kommt. Für eine ausführliche Darstellung des Qualitätsbegriffs im Allgemeinen und von Qualitätskonzepten in der Dolmetschwissenschaft im Speziellen sei an dieser Stelle auf Zwischenberger (2013) verwiesen.

Geschichtlich hat sich die Qualitätsforschung im Bereich der Dolmetschwissenschaft von der rein textuellen Ebene, bei der Transkriptionen von Dolmetschungen auf von den ForscherInnen selbst bestimmte Fehlerkategorien hin untersucht wurden (Barik 1973, Gerver [1969]/2000), über die Erhebung von Erwartungen von DolmetscherInnen und NutzerInnen sowie Bewertungen von Dolmetschleistungen (z.B. Bühler 1986, Kurz 1989, 1993, Vuorikoski 1993, 1998; siehe 3.2.1) hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Dolmetschung in ihrem jeweiligen situativen Kontext entwickelt (z.B. Kalina 2004, 2005, 2009, Pöchhacker 1994a, 1994b, 2001, 2012, 2013, Viezzi 1996, 1999). Ein großer Teil der Qualitätsstudien enthält dabei keine Definition von Qualität im engeren Sinne, sondern versucht sich über eine Reihe von Qualitätskriterien an den Begriff der Qualität heranzuarbeiten (vgl. Mack & Cattaruzza 1995: 37). Dies ist, wie Garzone (2003: 23) feststellt, vor allem auf die Komplexität der Materie und die daraus resultierende Schwierigkeit einer eindeutigen Definition zurückzuführen.

Neben dem textbasierten Vergleich von AT und ZT wie bei Barik (1973) und Gerver ([1969]/2000) kommen in der Qualitätsforschung in der Dolmetschwissenschaft vor allem Erwartungserhebungen, Beurteilungen von Dolmetschungen durch verschiedene Zielgruppen sowie Messungen der Verständlichkeit des ZT zum Einsatz. Vor allem bei der Untersuchung lautsprachlicher Dolmetschungen sind Erwartungserhebungen und Bewertungen am häufigsten. Bei diesen wird meist eine Reihe von Qualitätskriterien verwendet. Dabei gibt es zwar Variationen in Umfang und Nomenklatur, allgemein herrscht aber Einigkeit darüber, dass neben der inhaltlichen Korrektheit und Vollständigkeit (Treue zum Original) verschiedene sprachliche (z.B. Terminologie, Stil, Präzision des Ausdrucks) und außersprachliche (z.B. Akzent, Intonation, Flüssigkeit) Faktoren eine Rolle spielen. (z.B. Bühler 1986, Kurz 1989, 1993, Moser 1995, Collados Aís et al. 2007, Zwischenberger 2013; für einen Forschungsüberblick siehe 3.2).

Wie genau diese Kriterien zu definieren sind und wie sie zusammenwirken, wird allerdings selten näher ausgeführt. Häufig sind Studien zu finden, in denen Kriterien von verschiedenen NutzerInnengruppen oder auch DolmetscherInnen nach ihrer Wichtigkeit bewertet werden oder Dolmetschungen nach diesen Kriterien beurteilt werden. Grundsätzlich zeigt sich dabei, dass unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliche Vorstellungen von Qualität haben. So sind DolmetscherInnen andere Aspekte wichtig als NutzerInnen, und auch unterschiedliche NutzerInnengruppen legen auf unterschiedliche Merkmale Wert. Hinzu kommt häufig eine Diskrepanz zwischen den Qualitätsmerkmalen, die bei a priori-Befragungen als wichtig bezeichnet werden, und jenen, die bei einer Bewertung einer tatsächlichen Dolmetschung als relevant empfunden werden. Dies liegt zum Teil daran, dass zumindest NutzerInnen wohl oft nur eine recht abstrakte Vorstellung davon haben, was ihnen bei einer Dolmetschung wichtig ist, und bei der Bewertung einer konkreten Dolmetschung oft auf ganz andere Faktoren Wert legen, kann teilweise aber auch darauf zurückzuführen sein, dass in den Befragungsbögen abstrakte oder schwer greifbare Begriffe wie „Qualität“ oder „Redeflüssigkeit“ nicht definiert werden und daher nicht sichergestellt werden kann, dass tatsächlich alle Befragten bei der Beantwortung von derselben Definition ausgehen (vgl. Collados Aís 2015: 337f.). Schließlich kommen mögliche unterbewusste Einflussfaktoren hinzu, z.B. der erste Eindruck der NutzerInnen, der Auswirkungen auf die Bewertung der Dolmetschung haben kann (vgl. García Becerra 2011), sodass z.B. eine unflüssige Dolmetschung womöglich als inhaltlich schlechter eingeschätzt wird als eine inhaltlich identische flüssige Dolmetschung (vgl. Garzone 2003). Auf diese und andere methodische Schwierigkeiten wird in 3.2.3 näher eingegangen.

Trotz all dieser Einschränkungen lässt sich allerdings feststellen, dass sowohl DolmetscherInnen als auch RezipientInnen die Übereinstimmung des ZT mit dem AT als wichtigstes Merkmal betrachten. Dieses Merkmal wird wahlweise als „accuracy“, „fidelity“ oder auch „sense consistency with the original“ bezeichnet, grundsätzlich ist damit aber stets gemeint, dass der Zieltext den Ausgangstext möglichst getreu wiedergeben soll. Ebenfalls häufig genannt wird „clarity“, was sich eher auf die Kohärenz und Nachvollziehbarkeit des ZT bezieht (Pöchhacker 2001: 413). Merkmale, die sich auf die sprachliche Form, prosodische Elemente und außersprachliche Faktoren beziehen, werden im Vergleich zu den inhaltsbezogenen Merkmalen meist als weniger wichtig eingeordnet, unter diesen wird jedoch der Redeflüssigkeit meist die bei weitem höchste Wichtigkeit eingeräumt (vgl. Collados Aís 2015: 337, Pradas Macías 2015: 166).

Neben der Literatur zu Qualitätsparametern gibt es auch eine Reihe von Qualitätsmodellen und -definitionen, die von einem eher holistischen Ansatz ausgehen, bei dem nicht nur Merkmale des Zieltextes, sondern auch Merkmale des Ausgangstextes sowie externe, kontextabhängige Faktoren wie Vorbereitung, Publikum oder Dolmetschsituation zur Qualität beitragen.

So schlägt Kopczyński (1994: 189f.) vor, bei Dolmetschungen zwischen sprachlicher und pragmatischer Qualität zu unterscheiden. Die sprachliche Qualität sieht er dabei als „a set of rigid standards of equivalence in content and form between the spoken messages in L1 and L2“ (Kopczyński 1994: 189), während in der pragmatischen Sichtweise Qualität keine absolute Größe sein könne, da sie durch kontextabhängige Variablen wie die RednerIn, die ZuhörerInnen, deren Intentionen und die Dolmetschsituation beeinflusst werde. Moser-Mercer (1996) prägt den Begriff „optimum quality“, den sie wie folgt definiert:

Optimum quality in professional interpreting implies that an interpreter provides a complete and accurate rendition of the original that does not distort the original message and tries to capture any and all extralinguistic information that the speaker might have provided subject to the constraints imposed by certain external conditions. (…) Optimum quality is the quality an interpreter can provide if external conditions are appropriate. (Moser-Mercer 1996: 44)

In beiden Fällen wird externen Faktoren ein Platz eingeräumt, weder Moser-Mercer (1996) noch Kopczyński (1994) definieren dabei allerdings, was eine vollständige, korrekte oder treue Dolmetschung im Detail ausmacht. Zudem sieht Moser-Mercer Fehlerkategorien für die Bewertung von Dolmetschqualität als unabdingbar an (1996: 51).

Mack & Cattaruzza (1995) gehen von einer eher rezipientInnenorientierten Sichtweise aus, bei der Qualität als die Erfüllung von NutzerInnenerwartungen betrachtet wird:

As is the case for many other products or services, quality of conference interpretation could be defined as the interpreter’s capability to perform the function offered or required. An important aspect of quality would thus be the degree to which customers’ needs are met. (Mack & Cattaruzza 1995: 38)

Auch laut Kurz (2001) sollte für DolmetscherInnen als DienstleisterInnen die Erfüllung der KundInnenerwartungen im Vordergrund stehen, wobei sie aber auch betont, dass im Fall von falschen Vorstellungen der KundInnen die DolmetscherInnen diese informieren können und sollen.

Eine Kombination aus RezipientInnen- und RednerInnenorientierung wird bei Shlesinger (1997) als mögliches Qualitätsmaß besprochen, allerdings durchaus kritisch. So wird darauf hingewiesen, dass ZuhörerInnen allein die Qualität einer Dolmetschung nicht beurteilen könnten, da sie einerseits den AT nicht verstehen, andererseits (wie bereits oben erwähnt) keine homogenen Erwartungen haben. Zudem merkt sie unter Bezugnahme auf Viezzi an: „quality is a feature of an interpreter’s performance even when nobody is listening“ (Shlesinger 1997: 127).

Kalina (2004, 2005, 2009) wendet sich von der ausschließlich rezipientInnenorientierten Perspektive ab, da Dolmetschqualität ihrer Ansicht nach „nicht allein das ist, was von Zuhörern als solche wahrgenommen wird“ (Kalina 2009: 172). Vielmehr gilt für sie ein prozessorientierter Ansatz, in dem Qualität „der gelungene Einsatz von Dolmetschstrategien zur Lösung von Problemen im Verstehensvorgang, zur Erreichung translatorischer Lösungen und zur erfolgreichen Produktion des ZT“ ist (Kalina 2009: 171). Dabei ist für sie nicht die DolmetscherIn allein für Qualität zuständig (Kalina 2004: 6). Vielmehr ist Qualität beim Dolmetschen ihrer Ansicht nach von einer Vielzahl von Faktoren wie Erfordernissen und Präferenzen der KommunikationsteilnehmerInnen, der Situation, der Qualität des AT und der Vortragsweise der RednerIn abhängig, sodass man nicht von einer festgelegten Qualitätsnorm sprechen könne, die immer erreichbar sei, sondern die Definition von Qualität stets an die Bedingungen der jeweiligen Dolmetschsituation geknüpft sei (Kalina 2009: 177).

Ähnlich sehen es Chiaro & Nocella (2004), die zum Abschluss ihrer Erhebung von Qualitätskriterien unter DolmetscherInnen feststellen, dass sich zwar einige Kriterien festmachen ließen, die die Grundlage für eine Qualitätsdefinition darstellen könnten, diese Kriterien aber nicht allein von den DolmetscherInnen beeinflusst werden könnten:

There appears to be an element of uncontrollability inherent to the interpretative process that is obviously linked to the ‘speaker-interpreter-environment’ triad. This triad, according to us, appears to generate both technical and personal difficulties as well as variables that are highly dependent on the context of the situation. None of these elements are easy to postulate a priori. In conclusion, the absence of quality standards that characterises the work of professional interpreters appears to be linked to the uniqueness of the interpreting process itself. (Chiaro & Nocella 2004: 291)

Die Bedingungen, unter denen eine Dolmetschung entsteht, sind auch für Garzone (2003) für die Qualitätsdefinition von Bedeutung. Für sie muss die Beurteilung von Qualität durch die ZT-ProduzentInnen und RezipientInnen stets ein Kompromiss zwischen der Vorstellung einer „idealen“ Dolmetschqualität und den realistischeren Erwartungen, die unter den tatsächlichen Bedingungen angemessen sind, bleiben (Garzone 2003: 24). Sie stellt fest:

Of course, in professional practice interpreters try to live up to those ideal quality standards, but in general they work in a situation of continuous emergency due to severe time constraints, to cognitive overload (…). Thus, in order to meet the best possible quality standards the interpreter’s behaviour has to incorporate a whole range of emergency procedures: ultimately, the quality of a SI performance is the result of a compromise between abstract standards and the constraints imposed by the real conditions under which it is performed. (Garzone 2003: 24f.)

Eine produktorientierte Betrachtungsweise der Dolmetschung als „Text“, der sowohl akustische als auch visuelle Elemente enthält und als Ganzes eingebettet in ein Verständnis der Konferenz als Hypertext betrachtet werden sollte, findet sich bei Pöchhacker (1994a, 1994b), der sich für eine sorgfältige Dokumentation nicht nur der Dolmetschung sondern auch der Begleitumstände zur Beurteilung einer „quality under the circumstances“ (Pöchhacker 1994b: 242) ausspricht. Wie Moser-Mercer (1996) und Kalina (2009) sieht er Qualität also nicht als absolute Größe, sondern als von den jeweiligen Bedingungen beeinflusst.

Viezzi (1996, 1999) stellt ein Qualitätsmodell auf, in dem Qualität als der Erfüllungsgrad der vier Ziele equivalenza, accuratezza, adeguatezza und fruibilità definiert ist (Viezzi 1996: 79). Dabei betont er, dass unter equivalenza (Äquivalenz) nicht eine völlige Übereinstimmung zu verstehen sei, sondern vielmehr die Gleichwertigkeit zweier unterschiedlicher Elemente. Er verortet sie auch nicht auf der rein sprachlichen Ebene, sondern vielmehr im Bereich der kommunikativen Funktion, der soziokommunikativen Werte und der globalen Bedeutung des Textes. Das Ziel der Äquivalenz ist demnach die Produktion eines ZT, der die gleiche kommunikative Wirkung hat wie der AT und der zur Kultur der Zielsprache im gleichen Verhältnis steht wie der AT zur Kultur der Ausgangssprache. (Viezzi 1999: 146f.) Das Ziel der Äquivalenz ist eng mit den anderen drei verbunden: accuratezza (Präzision) bezieht sich auf die sprachliche Ebene, wobei auch hier keine absolute Übereinstimmung postuliert wird, adeguatezza (Angemessenheit) bezieht sich auf notwendige Anpassungen an die Zielkultur sowie das Sprachregister, und fruibilità (Verwertbarkeit) zielt darauf ab, den Zieltext für die RezipientInnen so gut verwertbar bzw. verständlich zu machen wie möglich, wozu neben einer klaren Ausdrucksweise auch prosodische Merkmale wie Intonation, Pausen, Stimmqualität, Häsitationen und Selbstkorrekturen zählen. (Viezzi 1999: 147–150)

Déjean Le Féal (1990) ist der Meinung, dass eine professionelle Dolmetschung den gleichen kognitiven Inhalt und die gleiche Wirkung auf die ZuhörerInnen haben sollte wie der Ausgangstext:

What our listeners receive through their earphones should produce the same effect on them as the original speech does on the speaker’s audience. It should have the same cognitive content and be presented with equal clarity and precision in the same type of language. Its language and oratory quality should be at least on the same level as that of the original speech, if not better, given that we are professional communicators, while many speakers are not, and sometimes even have to express themselves in languages other than their own. (Déjean Le Féal 1990: 155)

Sowohl Déjean Le Féal (1990) als auch Kalina (2009) sprechen sich für den Vergleich der Wirkung auf AT- und ZT-RezipientInnen aus, was in 2.1.3 näher ausgeführt wird.

Bereits Jean Herbert (1952) legte großen Wert auf die gleiche Wirkung und den gleichen Inhalt von AT und ZT: Die zentrale und unmittelbare Aufgabe von DolmetscherInnen bestand für ihn darin, „to enable his audience to know accurately what the speaker intended to convey, and to make on the audience the impression which the speaker wishes to be made“ (Herbert 1952: 23).

Ähnlich, wenn auch ohne Hinweis auf die Wirkung, formuliert es Seleskovitch (1988), die schreibt:

Ziel des Dolmetschers ist es, seinen Zuhörern die Aussage absolut getreulich weiterzuvermitteln, das heisst, sie ihnen ebenso gut verständlich zu machen, wie sie von denen verstanden worden ist, die sich den Redner im Original anhören. (Seleskovitch 1988: 101)

Auch Vuorikoski ist der Meinung, die Dolmetschung solle den ZuhörerInnen einen Eindruck der Rede vermitteln „which is equal to the one they would have created had they been listening to the original speech directly“ (Vuorikoski 2004: 71), analysiert dies aber über einen Vergleich des AT und ZT. Sie schlägt eine Neuformulierung der oben zitierten Qualitätserwartung von Déjean Le Féal vor:

What the listeners receive through interpreters should convey the same arguments as expressed by the speaker. The genre, register, and illocutionary point should remain the same. In other words, the speaker’s logos, pathos and ethos should be conveyed to the listeners. (Vuorikoski 2004: 250)

Das Prinzip der gleichen kommunikativen bzw. kognitiven Wirkung sieht auch Pöchhacker (2012: 23) als Qualitätsanspruch für Dolmetschungen. Bereits 1997 fordert Pöchhacker die Untersuchung des kognitiven Endergebnisses der Dolmetschung als Instrument der Qualitätsbeurteilung (Shlesinger 1997: 130). Gerade aufgrund der großen Bandbreite von Einsatzbereichen und Situationen spricht er sich gegen eine rein sprachliche Betrachtung von Qualität aus:

(T)he concept of quality cannot be pinned down to some linguistic substrate but must be viewed also at the level of its communicative effect and impact on the interaction within particular situational and institutional constraints. (Pöchhacker 2001: 421)

Kalina (2005: 774) stellt allerdings die kritische Frage, ob es zwischen den ZuhörerInnen des AT und ZT nicht auch aus kulturellen oder anderen Gründen zu einer unterschiedlichen Wirkung kommen könne, die nicht unbedingt auf die Dolmetschung zurückzuführen sei. Wie Reithofer (2014: 30) anmerkt, stellt sie damit auch die Forderung nach Äquivalenz in Frage – ein Begriff, der, anders als in der Übersetzungswissenschaft, in der Dolmetschwissenschaft bisher kaum kritisch hinterfragt wurde. In Anbetracht der von DolmetscherInnen wie NutzerInnen häufig gestellten Forderung nach „sense consistency“, die als „Forderung nach Aktivierung des gleichen kognitiven Inhalts bei AT- und ZT-Publikum“ (Reithofer 2014: 30) verstanden werden könne, sei die Verwendung des Äquivalenzbegriffs jedoch gerechtfertigt. Auch bei den im Rahmen des QuaSI-Projektes von Zwischenberger (2013) durchgeführten großangelegten Befragungen von Mitgliedern des internationalen Dolmetscherverbandes AIIC und des deutschen Verbands der Konferenzdolmetscher (VKD) ging „sense consistency with the original“ bzw. „Sinnübereinstimmung mit dem Original“ als wichtigstes Kriterium hervor (Zwischenberger 2013: 199f.). Daher wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff der kognitiven Wirkungsäquivalenz verwendet.

Der Begriff kognitive Wirkung ist in der vorliegenden Arbeit der Wirkung der „Botschaft“ der Dolmetschung vorbehalten (vgl. Pöchhacker 2013: 41), während der allgemeinsprachliche Begriff Verständlichkeit in Fällen verwendet wird, in denen die zitierten AutorInnen nicht explizit von kognitiver Wirkung sprechen und somit nicht gesichert ist, dass in den entsprechenden Arbeiten diese Definition angewandt wurde. Die kognitive Wirkung bzw. Verständlichkeit als Eigenschaft der Dolmetschung muss auch vom Verstehen als kognitiver Leistung der RezipientInnen abgegegrenzt werden. Das kognitive Endergebnis bzw. Verständnis wiederum ist das Resultat des Verstehensprozesses. Im in der vorliegenden Arbeit beschriebenen Experiment wird das kognitive Endergebnis mittels Hörverständnistest gemessen und die ProbandInnen werden nach der subjektiven Einschätzung des eigenen Verständnisses gefragt, wofür in der Auswertung auch der Begriff subjektives Verständnis verwendet wird.

Nachdem in diesem Abschnitt der Qualitätsbegriff für die vorliegende Arbeit herausgearbeitet und die dazugehörige Terminologie erklärt wurde, wird im nächsten Abschnitt dessen Operationalisierung besprochen.

2.1.3 Operationalisierung des Qualitätsbegriffs

In der wissenschaftlichen Diskussion muss zwischen einem theoretischen Konstrukt und dessen Operationalisierung unterschieden werden. In den vorhergehenden Abschnitten wurde das Konstrukt der Qualität herausgearbeitet: In 2.1.1 wurde festgestellt, dass zur Bestimmung der Qualität der Dienstleistung Dolmetschung sowohl der produktbezogene Qualitätsbegriff als auch die subjektive Bewertung durch die KundInnen (ZT-RezipientInnen) berücksichtigt werden sollten. Aufbauend darauf wurde in 2.1.2 Dolmetschqualität für die Zwecke der vorliegenden Arbeit als kognitive Wirkungsäquivalenz definiert, die hier als produktbezogener Qualitätsbegriff betrachtet werden soll. Bis auf die stets als sehr wichtig eingestufte Sinnübereinstimmung mit dem Original, die bereits im produktbezogenen Qualitätsbegriff enthalten ist, variieren KundInnenerwartungen, wie bereits erwähnt, unter verschiedenen Zielgruppen sehr stark (siehe auch 3.2.1). Man kann also nicht von einer allgemeingültigen, homogenen Definition von Qualität für DolmetschnutzerInnen ausgehen. Vielmehr ist es sinnvoll, die wahrgenommene Dienstleistungsqualität für die jeweiligen NutzerInnen individuell zu erheben. In diesem Abschnitt soll nun festgelegt werden, wie diese Aspekte messbar gemacht, also operationalisiert, werden sollen.

Wie in 2.1.2 gezeigt wurde, postulieren verschiedene Dolmetschwissen­schaft­lerInnen und PraktikerInnen (z.B. Herbert 1952, Seleskovitch 1988, Déjean Le Féal 1990), dass AT und Dolmetschung die gleiche Wirkung auf ihre jeweiligen RezipientInnen haben sollten; Methoden zur Messung der Erreichung dieses Ziels werden jedoch nicht immer besprochen. In der Skopostheorie (Vermeer 1978: 101) gilt eine Translation als erfolgreich, wenn vom Empfänger kein Protest eingelegt wird. Dies lässt sich jedoch schwer messen und Protest von RezipientInnen kommt in der Praxis zumindest in nicht-dialogischen Dolmetschsettings wohl kaum vor. Déjean Le Féal merkt an, dass man bei Diskussionen auch das Funktionieren der Kommunikation als Zeichen einer geglückten Dolmetschung ansehen könne, was aber nicht mit der Erfüllung der Qualitätsstandards gleichgesetzt werden dürfe (Déjean Le Féal 1990: 156). Sie schlägt daher zur Beurteilung der Verständlichkeit einer Dolmetschung vor, das Verständnis einer „typischen“ DolmetschrezipientIn mit jenem einer vergleichbaren RezipentIn des AT zu vergleichen (Déjean Le Féal 1990: 159). Auch Kalina (2009) spricht sich für einen Vergleich von AT- und ZT-Wirkung aus, da Beurteilungen des ZT durch die RezipientInnen lediglich der Überprüfung der ZT-Rezeption dienen könnten (Kalina 2009: 172):

Dieser Vergleich wäre jedoch eine wichtige Größe für die Bestimmung des Erfolgs der Wirkung des ZT, da die intendierte Wirkung des Originals auf die AT-Rezipienten für die mit der ZT-Produktion intendierte Wirkung eine Rolle spielt (…). Wenn die Relation zwischen ZT und Rezipienten im Mittelpunkt steht, so sind die Verstehensprozesse der Rezipienten einzubeziehen. (Kalina 2009: 170)

Eine tatsächliche Operationalisierung im Bereich des Lautsprachdolmetschens erfolgt zunächst allerdings nur durch Gerver (1972), der die Verständlichkeit verschiedener Dolmetschmodi mittels Hörverständnistests vergleicht, sowie über zwei Jahrzehnte später durch Shlesinger (1994). Sie setzt Hörverständnistests ein, um die Verständlichkeit von Dolmetschungen und vorgelesenen Transkripten derselben Dolmetschungen zu messen (siehe 3.3.1).

Im Bereich des Gebärdendolmetschens ist die Verwendung von Tests zur Beurteilung der Verständlichkeit von Dolmetschungen jedoch wesentlich weiter verbreitet (siehe 3.3). Bereits seit den 1970er-Jahren wurden hier einerseits verschiedene Dolmetschmodi (z.B. Murphy & Fleischer 1977, Cokely 1990, Livingston et al. 1994) oder Dolmetschungen von muttersprachlichen vs. nichtmuttersprachlichen GebärdensprachdolmetscherInnen (z.B. Llewellyn-Jones [1981]/2015) untereinander verglichen, andererseits wurde auch untersucht, ob gehörlose Personen die gebärdete Dolmetschung gleich gut verstehen wie hörende Personen die in Lautsprache gesprochenen Inhalte (z.B. Marschark et al. 2004, Napier & Spencer 2008, Rodríguez Ortiz & Mora Roche 2008).

Im Bereich des lautsprachlichen Dolmetschens wird die Messung der Verständlichkeit der Dolmetschung erst 15 Jahre nach Shlesinger (1994) an der Universität Wien wieder aufgegriffen, wo Hörverständnistests als Teil des im Rahmen des QuaSI-Projekts entwickelten funktional-kognitiven Ansatzes zur Bewertung von Dolmetschqualität (vgl. Pöchhacker 2012) zum Einsatz kommen.

In einem Pilotversuch untersucht Grübl (2010) den Einfluss der Stimmlage auf die Verständlichkeit von Dolmetschungen und vergleicht das Verständnis der Dolmetschungen mit dem des AT (siehe 3.3.2). Diese Methodik wird im QuaSI-Projekt weiterentwickelt und für die Studie zu Simultandolmetschen vs. Englisch als Lingua Franca (Reithofer 2014) sowie die Untersuchung des Einflusses der Parameter Intonation (Holub 2010) und Flüssigkeit (Rennert 2010, 2013, vorliegende Arbeit) auf die kognitive Wirkung der Dolmetschung verwendet.

Wie besprochen soll zusätzlich zu diesem produktbezogenen Qualitätsbegriff auch die kundInnenseitig wahrgenommene Qualität erhoben werden. Beim im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführten Experiment ist ein Ratingformat gut geeignet, um die subjektive Bewertung des Versuchsmaterials durch die ProbandInnen zu erheben. Die Ratingfragen können ebenso wie der Hörverständnistest in schriftlicher Form administriert werden. Diese subjektiven Bewertungen können dann den Ergebnissen des Hörverständnistests gegenübergestellt werden, um so ein mehrdimensionales Bild der Qualität zu erhalten und gleichzeitig festzustellen, ob und in welcher Weise die beiden Qualitätsperspektiven auseinandergehen.

Beispiele für die hier besprochenen und andere Methoden der Qualitätsforschung in der Dolmetschwissenschaft finden sich in Kapitel 3, in dem ausgewählte Studien vorgestellt werden, die sich mit Redeflüssigkeit als Qualitätsmerkmal befassen. Der Begriff der Redeflüssigkeit wird nachfolgend definiert.

2.2 Redeflüssigkeit

Wie bei der Qualität ist auch die Definition von Redeflüssigkeit nicht einfach. Bei der Bewertung von Gesprochenem – seien es Dolmetschungen, öffentliche Ansprachen oder der Fremdsprachenunterricht – wird häufig die Flüssigkeit der Rede als wichtiges Kriterium genannt, das die Qualität der Darbietung mit ausmacht. Angesichts der großen Bedeutung, die der Flüssigkeit in vielen Bereichen beigemessen wird, erscheint es erstaunlich, dass eine eindeutige und allgemein anerkannte Definition des Begriffes bislang ausständig ist. Zwar wird der Begriff in der Fachliteratur vieler Disziplinen häufig verwendet, oft jedoch ohne nähere Definition. Auch wenn die meisten Menschen sagen können, ob sie etwas Gehörtes als „flüssig“ oder „unflüssig“ empfinden, so sind diese Einschätzungen keinesfalls einheitlich, sodass der Begriff der Flüssigkeit nicht als allgemein eindeutig definiert vorausgesetzt werden kann.

Dieser Abschnitt widmet sich daher zunächst in 2.2.1 eingehend der Problematik der Begriffsbestimmung. Danach werden in 2.2.2 verschiedene Ansätze besprochen und es wird eine Definition von Flüssigkeit für den Bereich der Dolmetschwissenschaft aufgestellt, deren Komponenten anschließend näher beschrieben werden. Die Begriffe Flüssigkeit und Redeflüssigkeit werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet.

2.2.1 Problematik der Definition

Eine grundsätzliche Schwierigkeit liegt in den vielfältigen Bedeutungen und vor allem auch in der alltagssprachlichen Verwendung des Begriffs (vgl. Aguado Padilla 2002: 14, Guillot 1999: vii, Koponen & Riggenbach 2000: 19). Sowohl die deutschen Ausdrücke „Flüssigkeit der Rede“, „Sprechflüssigkeit“, „Redeflüs­sigkeit“ oder „fließend“ als auch das englische „fluency“ bzw. „fluent“ haben in unterschiedlichen Disziplinen verschiedene Bedeutungen.

Zu den Disziplinen, die sich unter diversen Gesichtspunkten mit Flüssigkeit beschäftigen, zählen u.a. Psychologie, Psycholinguistik, Soziolinguistik, Sprachpathologie und Fremdsprachendidaktik (vgl. Aguado Padilla 2002: 12f.). Diese enorme Bandbreite an verschiedenen Perspektiven und unterschiedlichen Weisen, in denen „Flüssigkeit“ verstanden wird, erklärt zum Teil das Fehlen einer einheitlichen Definition. Doch auch innerhalb der einzelnen Fachgebiete hat sich bislang keine allgemein akzeptierte Definition herausgebildet, und es herrscht allenfalls Einigkeit darüber, dass es sich um ein komplexes Phänomen handelt, für das es keine einheitliche Definition gibt (vgl. Aguado Padilla 2002: 14, Freed 2000: 245, Guillot 1999: vii, Koponen & Riggenbach 2000: 19). Guillot (1999: vii) stellt fest, dass der Begriff der Flüssigkeit trotz des Fehlens einer klaren Definition von ExpertInnen wie auch Laien mit einer Selbstverständlichkeit verwendet wird, die angesichts der intuitiven Herangehensweise kaum gerechtfertigt erscheint:

Fluency is an elusive notion. It has a foot in almost every language-related discipline, without being the province of any one in particular, and crosses over boundaries in a way which has made it resistant to analysis and rationalisation, even within applied linguistics. Yet it is peculiarly available to all, language specialists and non-specialists, as a measure of oral performance, and is used with a confidence which hardly seems justified in view of the scarcity of accounts governed by anything other than intuition. (Guillot 1999: vii)

Allgemeinsprachlich wird der Begriff der Flüssigkeit vor allem im Zusammenhang mit der Beherrschung von Fremdsprachen verwendet, etwa in „fließend Französisch sprechen“. In diesem Sinne ist Flüssigkeit das höchste erreichbare Niveau auf einer Skala, die aus Abstufungen wie „Grundkenntnisse“, „gute Kenntnisse“ und „fließend in Wort und Schrift“ besteht. (vgl. Lennon 1990: 389) Flüssigkeit wird aber manchmal auch mit Eloquenz, geistreicher oder witziger Konversation oder auch Geschwätzigkeit gleichgesetzt (vgl. Fillmore 1979: 93). Andere wiederum sehen grammatikalische Korrektheit als Bestandteil flüssiger Rede an (vgl. Freed 2000: 254), während vor allem im englischen Sprachraum im Bereich der Fremdsprachendidaktik „fluency“ (im Sinne von „ohne Unterbrechungen sprechen“) in Opposition zu „accuracy“ gestellt wird (vgl. Brumfit 2000, Freed 2000: 244).

Neben dieser allgemeinen Ebene gibt es das engere Verständnis von Flüssigkeit als Komponente der mündlichen Sprachkompetenz. Dies ist vor allem im Fremdsprachunterricht der Fall, wo mündliche Leistungen nach Kriterien wie Aussprache, Grammatik, Wortschatz, idiomatischer Ausdruck und Flüssigkeit der Rede beurteilt werden. Hier gibt es oft auch verschiedene Abstufungen von „Flüssigkeit“. (vgl. Lennon 1990: 389) Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen etwa beschreibt Flüssigkeit allgemein als „the ability to articulate, to keep going, and to cope when one lands in a dead end“ (COE 2000: 128). Flüssigkeit ist dort in eine 6-stufige Skala unterteilt, deren höchste Stufe lautet: „Can express him/herself at length with a natural, effortless, unhesitating flow. Pauses only to reflect on precisely the right words to express his/her thoughts or to find an appropriate example or explanation“ (COE 2000: 129).

Neben diesen zwei Bedeutungen, die sich vor allem auf die Sprachbeherrschung und die Ausdrucksweise beziehen, ist Flüssigkeit aber auch ein prosodisches Merkmal der gesprochenen Sprache, das wie Intonation, Lautstärke und Rhythmus jede Äußerung begleitet und prägt (vgl. Ahrens 2004: 76f.). In diesem Sinne, in dem sie vor allem in der Linguistik und in jüngerer Zeit auch in der Dolmetschwissenschaft behandelt wird, soll Flüssigkeit in der vorliegenden Arbeit verstanden werden.

2.2.2 Flüssigkeit als Funktion temporaler Variablen

Wie bereits einleitend erwähnt, ist Flüssigkeit aufgrund der Vielfalt an Bedeutungen ein schwer fassbarer Begriff. Problematisch ist dabei nicht nur, dass es sehr viele verschiedene Definitionen gibt, sondern auch, dass oft überhaupt auf eine nähere Definition verzichtet wird oder diese implizit vorausgesetzt wird, wie Guillot (1999) feststellt:

[W]hile references to it in applied linguistics are frequent, attempts to circumscribe it and get to grips with what is involved are few, in a field otherwise so punctilious in defining its concepts.(…) Although the question of fluency is sometimes signalled as a problem area (…), its meaning on the whole tends to be simply assumed, taken for granted, or elusively defined – explicitly or implicitly – as something like ‘ease of communication’ or ‘smoothness of expression’, that is to say in ways reminiscent of general dictionary definitions. (Guillot 1999: 3)

Nicht selten wird von einem intuitiven Gefühl für Flüssigkeit ausgegangen (vgl. Aguado Padilla 2002: 14), oder es werden „schwer zu operationalisierende, subjektive und intuitive Begriffe“ (Aguado Padilla 2002: 13) ins Treffen geführt, wie hier von Ejzenberg, die von „unnatürlichen“ Unterbrechungen des Redeflusses spricht:

Oral fluency is here described as a component of overall language ability or proficiency that indicates the degree to which speech is articulated smoothly and continuously without any ‘unnatural’ breakdowns in flow. (Ejzenberg 2000: 287)

Andere hingegen gehen eher von einem Zusammenspiel von temporalen Variablen und anderen, weniger greifbaren, Faktoren wie Stimmqualität, Sicherheit beim Sprechen und Aussprache aus (vgl. Freed 2000: 261).

Auf der Suche nach objektiven, quantifizierbaren Parametern, über die Flüssigkeit wissenschaftlich bestimmt werden kann, fällt die Wahl schließlich bei einem großen Teil der AutorInnen in Linguistik, Dolmetschwissenschaft und auch Zweitspracherwerb auf temporale Variablen wie Pausen, Sprechrate und Häsitationen. Zwar gibt es Unterschiede bei der Anzahl der berücksichtigten Teilparameter und deren Klassifizierung, doch gibt es auch einige zentrale Begriffe, die sich in zahlreichen Definitionen wiederfinden (vgl. Aguado Padilla 2002).

Lennon (2000) unterscheidet zwischen „higher-order fluency“, der Sprachbeherrschung im weiteren Sinne, und „lower-order fluency“, die über temporale Variablen wie z.B. Sprechgeschwindigkeit, Pausen, Fehlstarts und Häsitationen gemessen werden kann:

Lower-order fluency can be measured both impressionistically and instrumentally by speech rate and by such dysfluency markers as filled and unfilled pauses, false starts, hesitations, lengthened syllables, retraces, and repetitions. (Lennon 2000: 25)

Bei Hedge (1993: 275) finden sich „frequent pauses, repetitions, and self-corrections“ als Merkmale unflüssiger Sprachproduktion bei Nicht-Muttersprachlern, während Chambers (1997) ihr Augenmerk vor allem auf Pausen und Häsitationen richtet. Nicht nur diese Phänomene selbst sind dabei allerdings von Bedeutung, sondern auch deren Dauer und Häufigkeit:

The presence, length and frequency of silences and hesitations affect the listener’s perception of an interlocutor’s fluency. (Chambers 1997: 538)

Für Laver (1994: 537) ist auch die Position der Pausen wichtig; er unterscheidet folglich zwischen „continuous, fluent speech“ ohne jegliche Pause und „non-continuous but fluent speech“, in der zwischen einzelnen Intonationseinheiten durchaus ungefüllte Pausen vorkommen können, nicht aber innerhalb der Intonationseinheiten.

Im Bereich der Dolmetschwissenschaft sehen Kurz & Pöchhacker (1995) Flüssigkeit ebenfalls als ein Zusammenwirken verschiedener temporaler Faktoren, wie Sprechgeschwindigkeit, Häsitationen, Pausen und Fehlstarts, merken aber auch an, dass nicht bekannt sei, welchen Beitrag die einzelnen Faktoren zum Eindruck der Flüssigkeit leisten:

What is conveniently labeled fluency of delivery for the purpose of user expectation surveys is actually a highly complex paralinguistic criterion which relates to such interdependent features as speaking speed, pauses, voiced hesitation, and false starts. While the relative weight of these factors in shaping judgments on the fluency of a simultaneous interpretation is not clearly understood, these paraverbal and textual parameters are at least amenable to quantitative analysis. (Kurz & Pöchhacker 1995: 354, Hervorhebung im Original)

Mead (2005: 45) berücksichtigt in seiner Bewertung der Flüssigkeit von Konsekutivdolmetschungen die temporalen Variablen Sprechrate (Wörter bzw. Silben pro Minute), Pausendauer, Anteil der Sprachproduktion an der Gesamtredezeit, Artikulationsrate (Wörter bzw. Silben pro Minute reiner Redezeit, abzüglich der Pausen) sowie die durchschnittliche Länge (in Wörtern oder Silben) von Redeabschnitten zwischen zwei Pausen. Andere Unflüssigkeiten wie Fehlstarts oder Wiederholungen schließt er hingegen von der Beurteilung aus:

Other disfluencies such as false starts and repetitions (…) are related as much to content as to rhythm and will thus not be examined in this initial exploration of interpreters’ fluency. (Mead 2005: 46)

Tissi (2000) verwendet für ihre Untersuchung von ungefüllten Pausen und Unflüssigkeiten beim Simultandolmetschen ein detailliertes Analyseschema, in dem die Oberkategorie „non-fluencies“ in „ungefüllte Pausen“ und „Unflüssigkeiten“ („disfluencies“) unterteilt wird, wobei letztere Kategorie in „gefüllte Pausen“ und „Unterbrechungen“ geteilt ist. Bei den ungefüllten Pausen wird zwischen Pausen mit grammatikalischer oder kommunikativer Funktion und ungrammatikalischen Pausen unterschieden. Gefüllte Pausen unterteilt sie in Häsitationen und Lautdehnungen, die Unterbrechungen wiederum in Wiederho­lungen, Strukturänderungen und Fehlstarts (vgl. Tissi 2000: 112).

Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit soll Flüssigkeit als eine Funktion verschiedener temporaler Variablen definiert werden. Die komplexe Interaktion der Variablen Pausen, Häsitationen, Fehlstarts, Selbstkorrekturen und Sprechgeschwindigkeit erweckt den Eindruck einer flüssigen oder unflüssigen Rede. Die einzelnen Variablen sollen nun im Folgenden genauer beleuchtet werden.

2.2.2.1 Pausen

Unter Pausen versteht man Unterbrechungen des Redeflusses bzw. „eine Unterbrechung im akustischen Signal des geäußerten Lautkontinuums“ (Ahrens 2004: 102). Diese Unterbrechung kann aus einer ungefüllten (auch stille oder stumme Pause genannt) oder einer mit Häsitationslauten oder anderen Unflüssigkeiten wie Lautlängungen gefüllten Pause bestehen (siehe Abschnitt 2.2.2.2).

Eine Definition rein über das akustische Signal ist allerdings problematisch, da Pausen von ZuhörerInnen auch an Stellen wahrgenommen werden können, an denen es gar nicht zu einer tatsächlichen Unterbrechung des akustischen Signals kommt, beispielsweise beim Reset der Grundfrequenz zu Beginn einer neuen Intonationseinheit (vgl. Ahrens 2004: 102) oder bei der Dehnung von Lauten vor oder als Ersatz für eine Pause (vgl. Pompino-Marschall 1995: 237). Diese sogenannte präpausale Längung ist laut Pompino-Marschall (1995: 237) eine „lokale Verlangsamung der Sprechgeschwindigkeit“, durch die sich die Dauer der betroffenen Lautsegmente erhöht und die zur auditiven Wahrnehmung einer Pause führt, selbst wenn keine echten Signalpause vorliegt (vgl. Pompino-Marschall 1995: 238). Andererseits kommt es wiederum bei bestimmten Lauten (stimmlosen Verschlusslauten) zu einer Pause im akustischen Signal, die sogar länger sein kann als manche wahrgenommene Pausen, aber nicht als solche empfunden wird (vgl. Ahrens 2004: 102, Laver 1994: 536, Pompino-Marschall 1995: 174).

Viele AutorInnen geben eine Mindestlänge für Pausen an, die allerdings stark variiert: Während Goldman-Eisler (1968: 12) 0,25 Sekunden als Minimalwert betrachtet um artikulationsbedingte Unterbrechungen (z.B. durch aufeinander treffende Verschlusslaute) auszuschließen, stellen Hieke et al. (1983) fest, dass viele Pausen im Bereich zwischen 0,13 und 0,25 Sekunden eine kognitive Funktion haben, weshalb sie eine Mindestlänge von knapp über 0,10 Sekunden vorschlagen. Eine eindeutige Untergrenze für Pausen ist auch deshalb schwer festzulegen, weil die Länge, ab der eine Pause wahrgenommen wird, stark von ihrer Position abhängig ist. Butcher (1981) stellt fest, dass Pausen an syntaktischen Positionen von den meisten ZuhörerInnen erst ab einer Länge von 220 ms wahrgenommen werden, an nichtsyntaktischen Positionen aber bereits ab rund einem Drittel dieses Wertes:

… whereas breaks between tone groups are not heard by 75 % of listeners until they are approximately 220 ms long, breaks within tone groups are heard by the same proportion of listeners when only 80 ms long. (Butcher 1981: 205)

Obwohl Unterbrechungen des Sprachsignals mit moderner Audiobearbeitungssoftware leichter identifiziert werden können, ist es nicht immer möglich, zwischen einer sehr kurzen Pause und einer kurzen physiologisch bedingten Unterbrechung des Sprachsignals zwischen zwei Lauten zu unterscheiden (Pradas Macías 2015: 166).

Pausen können nach ihrer Funktion oder Position unterschieden werden, wobei diese beiden Faktoren häufig zusammenhängen. So trifft etwa Laver (1994: 537) die funktionelle Unterscheidung zwischen „hesitation pauses“ und „juncture pauses“ danach, ob sie innerhalb oder zwischen Intonationseinheiten liegen. Eine ähnliche, auf der Position basierende Einteilung sind die „tentative and final pauses“ (Pike 1967: 31), also Pausen innerhalb oder am Ende von grammatikalischen Einheiten. Ihrer Funktion nach können Pausen physiologisch, kognitiv oder semantisch bzw. grammatikalisch bedingt sein. So fallen etwa Atempausen und Artikulationspausen in die Kategorie der physiologischen Pausen, während kognitiv bedingte Pausen vornehmlich der Sprachplanung dienen (Goldman-Eisler (1968: 12) bezeichnet diese als „hesitation pauses“). Pausen semantischer bzw. grammatikalischer Natur treten beispielsweise auf, wenn sie der Abgrenzung einzelner Redeteile voneinander bzw. der Strukturierung der Rede dienen (vgl. Butcher 1981: 209f., Goldman-Eisler 1968). Sowohl in spontaner als auch in gelesener Sprache stehen Atempausen häufig in syntaktischen Positionen (vgl. Ahrens 2004: 186–187, Butcher 1981: 112, Chambers 1997: 539, Schmitz 2008: 19), da in der normalen Sprechplanung physiologische und kognitive Prozesse aufeinander abgestimmt werden können. Da beim Dolmetschen aufgrund der Abhängigkeit von der ProduzentIn des Ausgangstextes (AT) die Planung nicht immer autonom möglich ist, ist dies laut Ahrens (2004: 187) eine mögliche Erklärung für die manchmal nicht-syntaktische Positionierung von Pausen im ZT.

Die Position entscheidet nicht nur darüber, ab welcher Länge eine Pause als solche wahrgenommen wird, sondern auch darüber, ob sie für die Verarbeitung durch die ZuhörerInnen hilfreich oder störend ist. Pausen können eine kommunikative Wirkung haben, etwa wenn sie die Aufmerksamkeit auf das nachfolgende Wort lenken (vgl. Lindner 1969: 211), und auch rhetorisch wirkungsvoll eingesetzt werden. Pausen zwischen Intonations- bzw. Informationseinheiten grenzen diese voneinander ab und erfüllen somit eine wichtige Funktion bei der Segmentierung des Sprechflusses (vgl. Ahrens 2004: 104f., Goldman-Eisler 1968: 13). Ahrens (2004) unterscheidet daher auch sinnunterstützende und störende Pausen nach ihrer Position:

Sinnunterstützend sind Pausen, die zum Beispiel am Ende von Phrasen oder Sätzen auftreten. Pausen, die innerhalb einer grammatischen Struktur gemacht werden, in der üblicherweise keine Pausen vorkommen, können dagegen den Verstehensprozess der Zuhörer eher behindern. (Ahrens 2004: 159f.)

Auch Chambers (1997) weist auf die Bedeutung der Pausenpositionierung hin und stellt fest, dass Pausen zwischen Satzteilen oder nach semantischen Einheiten als natürliche Atempausen akzeptiert werden, während Pausen an anderen Stellen als Zögern interpretiert werden:

Although listeners accept pauses in their native language, not all pauses are acceptable, hence the differentiation between ‘natural’ and ‘unnatural pauses’. Natural pauses, allowing breathing space, usually occur at some clause junctures or after groups of words forming a semantic unit. Pauses appearing at places other than these are judged as hesitations, revealing either lexical or morphological uncertainty. (Chambers 1997: 539)

Das Vorhandensein von Pausen allein verringert die Flüssigkeit also nicht; vielmehr ist es die Position, die darüber bestimmt, ob eine Pause als störend und die Flüssigkeit behindernd oder als unterstützend empfunden wird.

2.2.2.2 Unflüssigkeiten

Als Unflüssigkeiten können alle Arten von Phänomenen bezeichnet werden, die den Redefluss unterbrechen (vgl. Fox Tree 2003: 983). Während manche AutorInnen auch ungefüllte Pausen zur Kategorie der Unflüssigkeiten zählen, erscheint diese Einteilung für die Zwecke der vorliegenden Arbeit nicht konsequent, da ungefüllte Pausen, wie in Abschnitt 2.2.2.1 beschrieben, verschiedene Funktionen erfüllen können und daher nicht immer als Unflüssigkeit empfunden bzw. bisweilen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Gefüllte Pausen hingegen fallen klar in die Kategorie der Unflüssigkeiten, da sie immer eine Unterbrechung des Redeflusses darstellen.

Gefüllte Pausen sind meist mit Häsitationslauten („ääh“, „hmm“, „ähm“) oder in die Länge gezogenen Lauten gefüllt. Im Gegensatz zur im vorigen Abschnitt erwähnten präpausalen Längung, die als ungefüllte Pause wahrgenommen wird, sind diese Dehnungen als Unflüssigkeiten wahrnehmbar. Diese Phänomene sind typisch für spontane Rede und treten in vorgelesenen Texten kaum auf (vgl. Henderson et al. 1966), da sie ein Anzeichen für spontane Sprachplanungsprozesse sind und meist eingesetzt werden, um Zeit für die Planung der Rede zu gewinnen (vgl. Arnold & Tanenhaus 2011; Clark & Wasow 1998; Hieke 1981). Es gibt Hinweise darauf, dass ZuhörerInnen nach Unflüssigkeiten eher einen neuen oder schwierigen Begriff erwarten als einen bereits genannten, was darauf hindeuten würde, dass wir auch beim Zuhören diese Planungsfunktion zumindest unbewusst erkennen (Arnold & Tanenhaus 2011; Brennan & Schober 2001).

Ebenfalls zu den Unflüssigkeiten gehören verschiedene Arten von Unterbrechungen. Dazu zählen Wiederholungen, Fehlstarts und Selbstkorrekturen. Zu den ersten gehört das Wiederholen von Wörtern, Silben oder Satzteilen, soweit dies keine rhetorische Funktion erfüllt (Tissi 2000: 114). Fehlstarts entstehen, wenn ein Satz abgebrochen und stattdessen ein neuer angefangen wird, ohne den vorherigen zu korrigieren. Zu den Selbstkorrekturen zählt sowohl die Korrektur von Versprechern als auch von grammatikalischen, strukturellen, inhaltlichen oder stilistischen Fehlern. Manche Planänderungen, bei denen innerhalb eines Satzes die Struktur geändert wird, können ebenfalls zu den Selbstkorrekturen gezählt werden (vgl. Pöchhacker 1994a: 135f., Tissi 2000: 114). Im Gegensatz zu Häsitationslauten und Lautdehnungen dienen diese Arten von Unflüssigkeiten meist nicht der Verzögerung und Sprachplanung, sondern der Korrektur von Fehlern (Selbstkorrekturen) bzw. sind das Ergebnis bewusster oder unbeabsichtigter Planänderungen oder Versprecher (Fehlstarts). Wortwiederholungen können zwei verschiedene Funktionen erfüllen: Sie können einerseits der Verzögerung und damit der Sprachplanung dienen, andererseits kann die Wiederholung des letzten vor einer Pause geäußerten Wortes der Anknüpfung an das zuvor Gesagte dienen. (vgl. Hieke 1981: 152ff.)

2.2.2.3 Sprechgeschwindigkeit

Auch bei der Sprechgeschwindigkeit herrscht keine Einigkeit darüber, wie sie zu messen sei. Sie wird häufig in Silben pro Zeiteinheit gemessen (vgl. Goldman-Eisler 1958: 61, Möhle 1984: 27), was gegenüber der Messung in Wörtern pro Zeiteinheit vor allem bei sprachübergreifenden Untersuchungen den Vorteil hat, dass es den Vergleich verschiedener Sprachen unter Berücksichtigung ihrer strukturellen und morphosyntaktischen Unterschiede ermöglicht und somit eine objektivere Messgröße darstellt (vgl. Ahrens 2004: 141, Pöchhacker 1994a: 131f.). Pfitzinger (2001) plädiert allerdings für eine differenziertere Messung und weist darauf hin, dass Wort-, Silben- und Phonrate sich voneinander unterscheiden (Pfitzinger 2001: 129):

Zweifellos werden hohe Sprechgeschwindigkeiten vorwiegend von überdurchschnitt­lichen Wort-, Silben- und Phonraten begleitet und niedrige Sprechgeschwindigkeiten eher von unterdurchschnittlichen Raten. Diese oft beobachtete Kovariation führte in der phonetischen Forschung zu der weit verbreiteten Praxis, Sprechgeschwindigkeit durch eine beliebige dieser drei Raten zu kennzeichnen. (Pfitzinger 2001: 123)

Unabhängig davon, welche sprachliche Einheit verwendet wird, wird in der Literatur häufig zwischen Sprechrate und Artikulationsrate unterschieden. Die Sprechrate ist die durchschnittliche Anzahl von Einheiten pro Minute (oder Sekunde) der Gesamtzeit inklusive Pausen, während für die Artikulationsrate nur die reine Redezeit, also abzüglich der ungefüllten Pausen aber einschließlich Häsitationen und gefüllter Pausen, berücksichtigt wird (vgl. Ahrens 2004: 101, Goldman-Eisler 1958: 61, Laver 1994: 539, Möhle 1984: 27). Diese Unterschei­dung ist notwendig, weil in Reden mit vielen Pausen zwar die Sprechrate niedrig ist, die Abschnitte zwischen den Pausen aber dennoch sehr schnell artikuliert sein können (vgl. Ahrens 2004: 101). Dies macht die Artikulationsrate gerade auch in der Dolmetschforschung zu einem wichtigen Analysewerkzeug, da es bei Simultandolmetschungen durch das Warten auf den Ausgangstext zu längeren Pausen, gefolgt von dichten, schnellen Redeabschnitten, kommen kann (vgl. Goldman-Eisler 1972: 128f., Kurz & Pöchhacker 1995: 355). Für diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten eignet sich für die Analyse die Unterscheidung in globale und lokale Sprechgeschwindigkeit: Die globale Sprechgeschwindigkeit (in Einheiten pro Sekunde) wird als Durchschnitt der gesamten Rede berechnet, während die lokale Sprechgeschwindigkeit in gleichmäßigen Abständen über den ganzen Text gemessen wird, um so eine Sprechgeschwindigkeitskurve zu ermitteln (vgl. Pfitzinger 2001: 13).

Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass die gemessene Geschwindigkeit nicht unbedingt mit der wahrgenommenen überstimmt. So stellte Pfitzinger (2001: 203ff.) in einer Reihe von Experimenten fest, dass sowohl die lokale Silben- als auch Phonrate nur schlecht dazu geeignet sind, die wahrgenommene Sprechgeschwindigkeit vorherzusagen. Die genaue Kombination von akustischen Merkmalen, die die wahrgenommene Sprechgeschwindigkeit (perzibierte lokale Sprechgeschwindigkeit) bestimmen, ist noch unbekannt (vgl. Pfitzinger 2001: 218ff.).

Einige AutorInnen verwenden auch die Länge von Redeabschnitten (in Silben oder Wörtern) zwischen zwei Pausen als weitere Variable zur Bestimmung der Flüssigkeit (vgl. Lennon 1990: 404, Möhle 1984: 27). Für die vorliegende Arbeit erscheint dieser Parameter für sich genommen allerdings nicht sinnvoll, da der Eindruck von Flüssigkeit vermutlich weniger vom Abstand zwischen den einzelnen Pausen als von der Position und Länge der Pausen abhängt (vgl. Pfitzinger 2001: 140ff.). Wenngleich es in extremen Fällen (nur wenige Wörter zwischen den Pausen) durchaus aufschlussreich sein könnte, sei an dieser Stelle auf die Untersuchung von Goldman-Eisler (1968: 17) hingewiesen, bei der selbst beim höchsten Grad von Flüssigkeit (mehrfache Wiederholung der Aufgabe mit entsprechendem Lerneffekt) 65 % der (halb)spontanen Redeabschnitte aus höchs­tens fünf Wörtern bestanden. Eindeutige Rückschlüsse von der Länge von Redeabschnitten auf wahrgenommene Flüssigkeit lassen sich also nicht zwangsläufig ziehen.

Für die vorliegende Arbeit werden trotz der besprochenen Unzulänglichkeiten die globale Sprechrate in Silben bzw. anderen Lauten (z.B. Häsitationen) pro Sekunde der Gesamtzeit (einschließlich Pausen) und die globale Artikulationsrate in Silben bzw. anderen Lauten pro Sekunde der reinen Redezeit (Gesamtzeit abzüglich Pausen) verwendet. Die Silbenzahl wird dabei nicht wie in der Phonetik und Dolmetschforschung meist üblich über die kanonische Form (also die Transkription) bestimmt, sondern es werden die tatsächlich artikulierten Silben gezählt. Verschmelzen zwei Silben zu einer, wird dies also nur als eine Silbe gezählt (vgl. Pfitzinger 2001: 140).

3 Flüssigkeit in der Dolmetschwissenschaft: Ein Forschungsüberblick

Qualitätsforschung und Redeflüssigkeit sind in der Dolmetschwissenschaft eng miteinander verknüpft. Gerade im Bereich des Simultandolmetschens haben zahlreiche Erwartungserhebungen und Beurteilungsstudien gezeigt, dass sowohl DolmetscherInnen als auch ZuhörerInnen Flüssigkeit als wichtiges Qualitätsmerkmal sehen. Neben diesen Studien gibt es auch verschiedene experimentelle Ansätze, die sich aus diversen Gesichtspunkten mit Flüssigkeit bzw. ihren Teilaspekten, etwa Pausen, beschäftigen. Auf den ersten Blick könnte man also vermuten, dass dies ein bereits gut untersuchtes Forschungsgebiet darstelle. Da es jedoch, wie in Kapitel 2 dargelegt wurde, weder für Qualität noch für Flüssigkeit eine einheitliche Definition gibt, ist bei vielen Forschungsarbeiten keine Vergleichbarkeit gegeben, da von unterschiedlichen Begriffen ausgegangen wird. Dennoch soll in diesem Kapitel ein Überblick über den Stand der Forschung zum Thema Redeflüssigkeit sowie deren Überschneidungen mit der Qualitätsforschung geboten werden.

In Abschnitt 3.1 wird der Blick auf Flüssigkeitsmerkmale in Ausgangs- und Zieltext gerichtet. Dabei geht es – im Gegensatz zu den darauffolgenden Abschnitten – weniger um den Aspekt der Qualitätsbeurteilung als um die Inzidenz von (Un)flüssigkeitsmerkmalen in AT und ZT sowie mögliche Zusammenhänge. In der Qualitätsforschung im Bereich der Dolmetschwissenschaft hat das Thema Flüssigkeit bisher hauptsächlich im Rahmen von Erwartungserhebungen und Qualitätsbeurteilungen Beachtung gefunden, weshalb Abschnitt 3.2 verschiedenen Ausprägungen dieser Art von Studien gewidmet ist. Zunächst werden in 3.2.1 Studien vorgestellt, in denen die Erwartungen verschiedener Zielgruppen erhoben oder Dolmetschungen in authentischen Situationen durch verschiedene Zielgruppen beurteilt wurden. 3.2.2 ist experimentellen Qualitätsstudien gewidmet, bei denen Dolmetschungen unter kontrollierten Versuchsbedingungen bewertet werden, wobei hier im Gegensatz zum vorigen Abschnitt z. T. auch auf Teilparameter der Flüssigkeit, vornehmlich Pausen, eingegangen wird. Anschließend werden in Abschnitt 3.2.3 einige methodische Überlegungen zu den beschriebenen Studien angestellt. Abschnitt 3.3 schließlich widmet sich der Bewertung der kognitiven Wirkung, wobei sich in diesem Bereich keine Arbeiten direkt mit dem Thema Flüssigkeit auseinandersetzen, weshalb ein kleiner Einblick in andere dolmetschwissenschaftliche Arbeiten zur kognitiven Wirkung geboten wird, die für die vorliegende Arbeit relevant sind.

3.1 Flüssigkeitsmerkmale in Ausgangs- und Zieltext

Die Frage nach der Bedeutung von Pausen im Ausgangstext (AT) für das Simultandolmetschen beschäftigte schon Goldman-Eisler (1968) und Barik (1973). Die Annahme Goldman-Eislers, DolmetscherInnen würden bewusst die Redepausen im Ausgangstext für die Zieltextproduktion nutzen, um die Belastung durch das gleichzeitige Hören und Sprechen zu minimieren (vgl. Goldman-Eisler 1968: 88) – eine Einschätzung, der sich auch Barik (1973: 267) anschloss – wurde inzwischen widerlegt (vgl. Ahrens 2004: 121). Dennoch bleiben Pausen – ebenso wie andere prosodische Merkmale – des AT nicht ohne Einfluss auf den Zieltext. Eine Reihe von Studien widmet sich daher eben diesem Verhältnis sowie der Beurteilung der Flüssigkeit von Dolmetschleistungen.

3.1.1 Alexieva (1988)

Für die Analyse des Outputs von Simultandolmetschungen stellt Bistra Alexieva (1988) vier Kategorien von Parametern auf, die neben sprachlichen (Morphologie, Syntax, Lexik) auch temporale Phänomene, zielsprachenspezifische Sprechphänomene (Phonologie, Prosodie, extralinguistische und paraverbale Faktoren) und die Semantik größerer Einheiten (Sätze, Satzsegmente) mit einschließen. Pausen und ihr Bezug zu einigen der semantischen Parameter werden von ihr näher untersucht.

Alexieva stellt die These auf, dass die Anzahl und Dauer von Pausen in Simultandolmetschungen geringer sind als im jeweiligen Ausgangstext. Sie begründet dies damit, dass es „large amount of data confirming the hypothesis“ (Alexieva 1988: 485) gebe, nähere Angaben über diese Daten bleiben leider aus. Sie ist allerdings nicht, wie Goldman-Eisler (1968) und Barik (1973), der Auffassung, dies sei darauf zurückzuführen, dass DolmetscherInnen bewusst versuchten, die Pausen im AT für die ZT-Produktion zu nutzen, um das gleichzeitige Hören und Sprechen möglichst gering zu halten, sondern geht vielmehr davon aus, dass das Dolmetschen in den AT-Pausen an der Struktur und Art der Dolmetschtätigkeit selbst liege.

Für Alexieva ist nicht lediglich die Anzahl, Länge und Position, sondern auch die Funktion von Pausen von Bedeutung, und sie unterscheidet daher in ihrer Analyse zwischen Pausen mit segmentierender Funktion, die das Ende einer Informationseinheit signalisieren, und Häsitationspausen. Sie führte ein Experiment mit DolmetschstudentInnen durch, die zwei Versionen eines Textes vom Englischen ins Bulgarische dolmetschen sollten, die sich in ihrer Pausenstruktur unterschieden. Dabei stellte sie fest, dass Pausen an semantisch sinnvollen Stellen für die Dolmetschung genutzt werden konnten, ist aber der Ansicht, dass dies nicht auf eine bewusste Strategie zurückzuführen sei, sondern vielmehr eine logische Folge dessen sei, dass solche Pausen das Ende einer Sinneinheit kennzeichnen. Es sei also nur natürlich, kurz vor oder zu Beginn einer solchen Pause mit der Dolmetschung zu beginnen. Die Anzahl und Länge der Pausen in den ZT war wesentlich geringer als im AT.

In einem weiteren Schritt veränderte sie die Struktur des AT derart, dass bei der Dolmetschung ins Bulgarische kaum Umstrukturierungen notwendig waren. In diesem Fall glich die Anzahl und Dauer der Pausen im ZT jener des AT. Alexieva geht daher davon aus, dass die Pausenstruktur von Simultandolmetschungen von Inhalt und Struktur des ZT abhängt, also davon, wie viel in der Dolmetschung umformuliert oder explizit verbalisiert werden muss. Auch das Sprachenpaar könne aus diesem Grund einen Einfluss auf die Pausen haben. Sei eine große Anzahl von expliziten Verbalisierungen notwendig oder falle es der DolmetscherIn schwer, implizite und zeitsparende Formulierungen zu finden, komme es im ZT zu einer höheren Sprechrate und starken Schwankungen des Sprechrhythmus mit sehr schnellen Redeabschnitten. Gelinge es der DolmetscherIn hingegen, die Informationen zeitsparend und verständlich zu verdichten, werde Zeit gewonnen, um die Intonation und den Rhythmus angenehm und sinnunterstützend zu gestalten. (vgl. Alexieva 1988: 487)

Die von Alexieva getroffene Unterscheidung der Pausenarten und die Analyse ihrer Funktionen ist für die genauere, über die rein quantitativen Zählungen früherer ForscherInnen hinausgehende Untersuchung von Pausen in Simultandolmetschungen und den Einfluss von AT-Pausen auf den ZT von großer Bedeutung. Während die These, Simultandolmetschungen enthielten zahlenmäßig weniger und kürzere Pausen als die jeweiligen Ausgangstexte, beispielsweise von Ahrens (2004, siehe Abschnitt 3.1.5) nicht bestätigt werden konnte, mag dies auf die von Alexieva angesprochene Abhängigkeit vom Sprachenpaar zurückzuführen sein.

3.1.2 Pöchhacker (1997)

Eine Fallstudie zur Flüssigkeit findet sich in Pöchhacker (1997). Bezugnehmend auf die in Kurz (1989, 1993) sowie Kurz & Pöchhacker (1995) (siehe 3.2.1.2) erhobenen sehr hohen Anforderungen an Dolmetschungen im Fernsehen im Bezug auf Stimme, Akzent und Flüssigkeit wird in dieser Studie eine authentische Fernsehdolmetschung im Hinblick auf das Qualitätskriterium Flüssigkeit untersucht. Dazu wurde die Dolmetschung einer Rede des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton in Berlin am 12. Juli 1993 aus dem Englischen ins Deutsche, die live im Österreichischen Rundfunk (ORF) übertragen wurde, analysiert und mit der Originalrede verglichen.

Die verwendeten Parameter waren: Gesamtlänge, Silbenanzahl, Silben pro Sekunde (Durchschnitt), Zahl der Pausen (≥ 2 Sekunden), Gesamtlänge der Pausen, Sprechgeschwindigkeit (in Silben pro Minute, abzüglich der Pausen), Häsitationen und Fehlstarts.

Die Silbenzahl pro Sekunde beträgt in der Originalrede 2,01 und in der Dolmetschung 2,65. Werden die Pausen von der Gesamtredezeit (jeweils ca. 9 Minuten) abgezogen, ergibt sich eine Artikulationsrate von 154 Silben pro Minute im Original und 202 Silben pro Minute in der Dolmetschung. Die höhere Artikulationsrate und die um ca. 20 % höhere Silbenzahl ist zumindest teilweise durch die lexikalischen und strukturellen Unterschiede der beiden Sprachen erklärbar. Durch die gleichzeitig um ein Drittel längere Pausenzeit in der Dolmetschung ergeben sich sehr schnelle, dichte Redeabschnitte. (vgl. Pöchhacker 1997: 210)

Ein Vergleich der Pausenmuster zeigt, dass 12 der 13 Pausen im Original, die eine Länge von ≥ 2 Sekunden aufweisen, eine Entsprechung in der Dolmetschung haben, die meist ca. 0,5 Sekunden länger ist. Zu diesen 13 Pausen im Original kommen in der Dolmetschung 12 Pausen hinzu, die keine Entsprechung im Original haben. Diese Pausen haben eine Länge von 2–3,5 Sekunden und können größtenteils mit dem time lag erklärt werden. Nur etwa ein Drittel dieser Pausen ist eindeutig als Anzeichen von Zögern erkennbar. Allerdings kommen keine der Pausen innerhalb von syntaktischen Einheiten vor, sondern sind an Stellen angesiedelt, an denen üblicherweise Planungspausen vorkommen. In der gesamten Dolmetschung kommen keinerlei Fehlstarts und nur ein Häsitationslaut vor. (vgl. Pöchhacker 1997: 211)

Auf Grundlage dieser Analyse wird die untersuchte Dolmetschung von Pöchhacker als sehr flüssig eingestuft: „All things considered, the degree of fluency and smoothness of the interpretation under study seems to be as close to the ideal as it could possibly be.“ (Pöchhacker 1997: 212)

An dieser Analyse einer authentischen Dolmetschung ist begrüßenswert, dass nicht nur die Länge, sondern auch die Position der Pausen berücksichtigt wird. Interessant ist auch das Ergebnis, dass sich scheinbar beinahe alle Pausen des Originals in der Dolmetschung wiederfinden. Leider stellt die Studie insofern eine Ausnahme unter den Flüssigkeitsstudien dar, als solche Untersuchungen oft nicht nur unter Laborbedingungen stattfinden, sondern auch häufig mit DolmetschstudentInnen als Versuchspersonen durchgeführt werden.

3.1.3 Cecot (2001)

Das Verhältnis von Pausen in AT und ZT ist auch das Thema der Studie von Michela Cecot (2001). Sie wählte für ihr Experiment elf professionelle DolmetscherInnen (sechs Frauen, fünf Männer) als Versuchspersonen, die zwei mit unterschiedlicher Sprechgeschwindigkeit vorgetragene englische AT simultan ins Italienische dolmetschen sollten. Cecot verglich die Verteilung, Länge und Funktion von Pausen in den AT und ZT und analysierte auch das Vorkommen von Pausen in den Simultandolmetschungen in Abhängigkeit von der Sprechgeschwindigkeit. Abschließend wurden die Ergebnisse mit der subjektiven Einschätzung der DolmetscherInnen verglichen.

Cecot untersucht dabei nicht nur ungefüllte Pausen, sondern alle Arten von Unflüssigkeiten, einschließlich Selbstkorrekturen, Fehlstarts, langgezogenen Lauten etc. Auch die ungefüllten Pausen unterteilt sie nach ihrer Position und ihrem kommunikativen Wert in verschiedene Kategorien (Segmentierungspausen, rhetorische Pausen und Häsitationspausen).

Der erste Text wurde mit 263,3 Silben/Minute vorgetragen, der zweite mit 204 Silben/Minute. Im Anschluss an die Dolmetschungen erhielten die DolmetscherInnen einen Fragebogen, in dem sie nach ihrer Einschätzung der Bedeutung verschiedener Arten von Pausen in Dolmetschungen gefragt wurden. Fünf der elf Versuchspersonen waren der Meinung, dass Häsitationspausen vor allem quantitativ eine große Rolle spielten und ihre Anzahl mit steigendem Tempo wachse. Die meisten betrachteten rhetorische Pausen als wichtig, gaben aber an, diese bei hohem Redetempo seltener anzuwenden. Neun DolmetscherInnen erinnerten sich noch an einige der Pausen, die sie gemacht hatten. Häsitationspausen schienen leichter in Erinnerung zu bleiben, da sie mit Problemen bei der Dolmetschung zusammenhingen. Die meisten gaben auch an, Pausen eher automatisch zu verwenden. (vgl. Cecot 2001: 75)

Der Vergleich der AT mit den ZT zeigte, dass es beim schnelleren AT weniger Pausen und Unflüssigkeiten gab. Cecot verglich auch die Pausenmuster in AT und ZT, indem sie die Zahl der ungefüllten Pausen in den ZT, die eine Entsprechung im AT hatten, in Bezug zur Gesamtzahl der Pausen im jeweiligen ZT setzte. Beim schnelleren AT hatte ca. die Hälfte der Dolmetschungen mehr als 50 % Pausen mit Entsprechung im AT, die andere Hälfte weniger als 50 %. Beim langsameren Text hatten sieben von elf Dolmetschungen weniger als 50 % Pausen mit Entsprechung im AT. Da in den AT keine Häsitationen vorkamen, hatten die Häsitationen in den ZT keine Entsprechungen im AT. Bei beiden Texten kamen in den Dolmetschungen mehr Unflüssigkeiten als ungefüllte Pausen vor.

Ein Vergleich nach Geschlechtern zeigte, dass Frauen mehr gefüllte und Männer mehr ungefüllte Pausen verwendeten. Bei den Männern gab es weiters eine längere Pausendauer, d.h. sie sprachen langsamer und machten mehr Pausen.

Cecot sieht in dieser Studie einen wichtigen Beitrag zum Nachweis der Bedeutung von Pausen beim Simultandolmetschen und stellt fest, dass, obgleich die rhetorische Funktion von Pausen von den meisten Versuchspersonen betont wurde, die meisten ungefüllten Pausen nicht rhetorisch eingesetzt wurden, sondern Segmentierungs- oder Häsitationspausen waren. Außerdem gab es viele Unflüssigkeiten, die die Zuhörer stören könnten. Durch die Analyse könnten DolmetscherInnen auf ihre Pausen aufmerksam gemacht werden und so ihre Leistung bewusst verbessern. (vgl. Cecot 2001: 80)

Wenngleich die genaue Bestimmung des Pausentyps nicht immer möglich ist, wie auch Cecot (2001: 74) selbst anmerkt, so ist dennoch der Ansatz der Analyse der Funktionen der von DolmetscherInnen verwendeten Pausen nützlich. Auch der Vergleich mit der subjektiven Wahrnehmung der DolmetscherInnen ist vor allem aus didaktischer Perspektive interessant, zumal eine Sensibilisierung für störende Pausen zu einer Verbesserung der Dolmetschleistung führen könnte.

3.1.4 Tissi (2000)

Von Benedetta Tissi (2000) stammt eine Untersuchung zum Einfluss von Pausen, Häsitationen und Unterbrechungen in einem Ausgangstext auf das Verständnis und die Leistung von zehn DolmetschstudentInnen.

Zwei Ausschnitte aus einem frei gehaltenen Redebeitrag, die Pausen, Häsitationen und Unterbrechungen aufwiesen, wurden von den ProbandInnen simultan aus dem Deutschen ins Italienische gedolmetscht. Tissi wählte bewusst StudentInnen, da sie davon ausging, dass deren Dolmetschungen näher am AT wären und sie somit von den Unflüssigkeiten stärker beeinflusst würden als professionelle DolmetscherInnen. Zum Vergleich wurde das Versuchsmaterial von einer weiteren Versuchsperson mit dreijähriger Berufserfahrung gedolmetscht.

Anschließend wurden die Dolmetschungen transkribiert, die Sprechrate (in Silben/Minute) und Pausenlängen gemessen sowie die Unflüssigkeiten (gefüllte Pausen, Unterbrechungen) gezählt und mit denen des AT verglichen.

Beim Vergleich zeigte sich, dass die durchschnittliche Dauer der Dolmetschungen etwa jener des jeweiligen AT entsprach, die Dolmetschungen aber eine niedrigere Sprechrate und eine längere Gesamtdauer der Pausen aufwiesen. Trotz der größeren Gesamtlänge der Pausen enthielten die Dolmetschungen aber weniger Pausen als die AT, die einzelnen Pausen waren also durchschnittlich länger. Der Unterschied in den Sprechraten könnte laut Tissi (2000: 115) zumindest teilweise auch auf die Unterschiede zwischen Ausgangs- und Zielsprache zurückzuführen sein. Die durchschnittliche Pausenrate (Pausen pro Minute) war in den Dolmetschungen beider Texte sehr ähnlich, während AT 2 wesentlich mehr Pausen enthielt als AT 1. Tissi (2000: 116) erklärt die hohe Pausenanzahl in den AT damit, dass es sich um spontane Reden mit entsprechenden Planungspausen handelte.

Die Pausenlänge schwankte zwischen den einzelnen Dolmetschungen sehr stark und erreichte Maximalwerte von bis zu 12,6 Sekunden. Diese stellten allerdings die Ausnahme dar; der Großteil der Pausen lag sowohl in den AT als auch in den Dolmetschungen zwischen 0,25 und 1,25 Sekunden. Tissi (2000: 117) schließt daraus, dass normale Pausen sowohl bei spontaner Rede als auch bei Simultandolmetschungen eine Dauer von 0,25–1 Sekunden haben. Die hohe Anzahl längerer Pausen in den Dolmetschungen führt sie auf die spezifischen Schwierigkeiten des Simultandolmetschens sowie die Tatsache zurück, dass es sich um StudentInnen handelte, die noch Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und dem Verständnis hatten.

Ein Vergleich der Pausenpositionen zeigte, dass der Anteil von Pausen in syntaktischen Positionen in den Dolmetschungen etwas, wenn auch nicht erheblich, geringer war als in den AT, was Tissis Meinung nach auf die für Simultandolmetschungen typische geringere Kontrolle über die Textproduktion zurückzuführen sein könnte (vgl. Tissi 2000: 117).

Bei Häsitationslauten und Lautlängungen gibt es starke individuelle Unterschiede zwischen den DolmetscherInnen, wobei die einzelnen ProbandInnen in beiden Dolmetschungen ähnliche Trends aufwiesen. Es schien sich hier also um ein individuelles Phänomen zu handeln. Da es sich bei den AT um spontan gehaltene Reden handelte, enthielten sie ebenfalls Häsitationslaute, allerdings kaum Lautlängungen. In einigen der Dolmetschungen kamen sogar weniger Häsitationslaute vor als im Original. (vgl. Tissi 2000: 118)

Die Dolmetschungen wiesen erheblich weniger Wiederholungen auf als die Ausgangstexte, was Tissi auf Planungsprozesse im spontanen Diskurs bei der Produktion der AT zurückführt. Während die Dolmetschungen natürlich auch Planungsprozesse aufwiesen, könnten durch den time lag Wiederholungen im AT erkannt und deren Übernahme in den ZT vermieden werden. (vgl. Tissi 2000: 118)

Selbstkorrekturen bzw. Planänderungen kamen sowohl in den AT als auch in den Dolmetschungen vor, wobei es keinen Zusammenhang zwischen ihrem Auftreten in den AT und in den ZT gab. Fehlstarts kamen am seltensten vor. In den AT gab es keine Fehlstarts, und in den ZT maximal zwei pro Dolmetschung, wobei nur drei ProbandInnen bei AT 1 und vier bei AT 2 überhaupt Fehlstarts aufwiesen. Nur eine der ProbandInnen hatte in beiden Dolmetschungen einen Fehlstart.

Während grundsätzlich ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Pausen und Unflüssigkeiten in AT und ZT beobachtet werden konnte, war dieser nicht so direkt wie von Tissi ursprünglich angenommen. Vor allem bei den Unflüssigkeiten konnte kein systematischer Zusammenhang beobachtet werden. Es gab große individuelle Unterschiede und in vielen Fällen waren die Unflüssigkeiten und Pausen in den Dolmetschungen darauf zurückzuführen, dass es sich bei den ProbandInnen um StudentInnen handelte. Tissi fand auch Hinweise darauf, dass eine Art von Unflüssigkeit im AT sich in anderer Form im ZT niederschlagen könnte. (vgl. Tissi 2000: 121)

Während Tissi ihre Wahl von StudentInnen als Versuchspersonen damit begründet, dass diese näher am AT wären und daher eher von Pausen und Unflüssigkeiten beeinflusst werden könnten, ist anzumerken, dass dadurch keine Rückschlüsse auf professionelle DolmetscherInnen gezogen werden können. Die starken individuellen Unterschiede zwischen den ProbandInnen erlauben auch keine Verallgemeinerung der Daten für Studierende, da auf Grundlage des zur Verfügung stehenden Datenmaterials von erheblichen Unterschieden im Können der Versuchspersonen ausgegangen werden kann. Die erwähnte Vergleichsdolmetschung durch eine erfahrenere DolmetscherIn wird leider nicht analysiert oder mit den Ergebnissen der Studierenden verglichen. Die genaue Analyse der einzelnen Kategorien von Unflüssigkeiten und der Positionen von Pausen macht diese Arbeit dennoch aus methodischer Sicht interessant.

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