Kitabı oku: «Am Ende fügt sich alles»
T. R. Schiemann
Am Ende fügt sich alles
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Südspanien, 2009
Kapitel 2: Rovaniemi, Finnland, 1976
Kapitel 3: Südspanien, 2009
Kapitel 4: Mexico City, 1972
Kapitel 5: Südspanien, 2009
Kapitel 6: Hamburg, 1983
Kapitel 7: Südspanien, 2009
Kapitel 8: Nordmexiko, 23. Juli 1994
Kapitel 9: Südspanien, 2009
Kapitel 10: Texas und Mexiko, 1988
Kapitel 11: Südspanien, 2009
Kapitel 12: Claudia, 1983
Kapitel 13: Südspanien, 2009
Kapitel 14: Hamburg, 1983
Kapitel 15: Südspanien, 2009
Kapitel 16: Hamburg, 1983
Kapitel 17: Südspanien, 2009
Kapitel 18: Hamburg, 1983
Kapitel 19: Südspanien, 2009
Kapitel 20: Hamburg, 1983
Kapitel 21: Padre Island, Texas, 1987
Kapitel 22: Südspanien, 2009
Kapitel 23: Sobbs
Kapitel 24: Südspanien, 2010
Kapitel 25: Hamburg, 1984
Kapitel 26: Südspanien, 2010
Kapitel 27: Nordmexiko, 21. Februar 2003
Kapitel 28: Hamburg, 1984
Kapitel 29: Arizona, 1987
Kapitel 30: Südspanien, 19. März 2010
Kapitel 31: Hamburg, 1984
Kapitel 32: Mexiko, Nordosten, ab 1989
Kapitel 33: Südspanien, 2010
Kapitel 34: Hamburg, 17. September 1984
Kapitel 35: Südspanien, 2010
Kapitel 36: Mexico City, Frühjahr 1985
Kapitel 37: Südspanien, 2010
Kapitel 38: Hamburg, 25. Juli 1994
Kapitel 39: Mexico City, Sommer 1985
Kapitel 40: Mexiko, Nordosten, 18. Januar 2004
Kapitel 41: Südspanien, 2010
Kapitel 42: Diego
Kapitel 43: McAllen, 28. Mai 1988
Kapitel 44: Südspanien, Herbst 2010
Kapitel 45: Hamburg, Winter 2010
Kapitel 46: Südspanien, Sommer 2011
Kapitel 47: 16. Juli 2011
Impressum neobooks
Kapitel 1: Südspanien, 2009
Mein Onkel Erik kam auf seltsame Weise ums Leben. Er rutschte in der Dusche aus, als niemand zu Hause war. Im Fallen riss er wohl noch den Hebel der Mischbatterie herum, sodass stundenlang kochend heißes Wasser auf seinen nackten Körper platschte. Meine Familie reagierte entsetzt, denn eigentlich war Erik immer ein Glückspilz gewesen, es passte nicht zu ihm, so schrecklich und unter fürchterlichen Qualen zu sterben. Als meine Tante Bertha ihn fand, lag er knallrot und durchgekocht wie eine Garnele in der Duschwanne. Wir mochten uns gar nicht vorstellen, wie lange es gedauert haben musste, bis er endlich tot war.
Erst im Nachhinein fand man heraus, dass ihn wahrscheinlich sofort ein Herzinfarkt dahingerafft und er bestimmt nicht gelitten hatte.
Meine Mutter sprach bei seinem Begräbnis erleichtert aus, was alle dachten:
Das Glück hatte Onkel Erik bis zum Schluss nicht verlassen.
Natürlich war es meinem Onkel im Lauf seines Lebens alles andere als gut gegangen. Beruflich hatte er nie Erfolg gehabt und auch später, als er sich selbständig machte, verliefen seine Geschäftsideen meist im Sand, und doch hielt sich hartnäckig das Gerücht, der Mann sei ein Lebenskünstler, ein Bonvivant. Sein ständiges Betteln um Geld wurde ihm als Pfiffigkeit ausgelegt, seine besoffenen Eskapaden lieferten den Stoff für lustige Anekdoten.
Dies ist vielleicht die auffälligste Eigenschaft meiner Familie: die Fähigkeit, die Realität stets so zu verbiegen, dass man einfach durch sie hindurch gleiten kann.
Mein Onkel hatte als er selbst keine Chance.
Jetzt, da ich beschlossen habe, mir ein paar Notizen zu machen, vielleicht auch ein wenig ausführlicher über einige Ereignisse aus meinem Leben zu berichten, frage ich mich, ob auch auf mir dieser Fluch der Selbsttäuschung und Verzerrung lastet. Ob ich vielleicht deswegen nie wirklich irgendwo angekommen bin.
Bin ich es jetzt? Ich will es vermuten. Tatsache ist nur, dass mein Weg mich hierher geführt hat, dass ich in diesem Zimmer an diesem Tisch sitze und die heiße Luft spüre, die durch die Balkontür herein weht.
Unten auf der Straße knattert ab und zu ein Moped vorbei, ansonsten ist es still. Es riecht nach Sonne, nach glühendem Asphalt und Meer. Ich schaue auf das Gebäude gegenüber, auf die grelle, weiße Wand, und dann wieder auf den Bildschirm meines Computers. Meine Freunde haben mich immer wieder gedrängt, doch einmal aufzuschreiben, was ich ihnen manchmal bierselig erzähle. Aber das ist letztendlich egal und auch nur ein kleiner Anstoß. Vielmehr möchte ich mir über die Vergangenheit noch einmal Gedanken machen können. Besser gesagt, ich glaube, ich möchte sie noch einmal erfühlen, zu mir holen. Dieses Bedürfnis drängt sich immer deutlicher auf. Es ist ein unterschwelliges unangenehmes Summen. Ich fing also an, Stichworte auf allerlei Zettel zu kritzeln. Und die liegen nun vor mir. Einige kann ich nicht mehr entziffern. Auf anderen wiederum stehen kryptische Sätze. Auf vielen jedoch fing ich mir wichtig Gewesenes wieder ein. Daran werde ich mich erst einmal halten. Es ist schon merkwürdig, was mir da alles eingefallen ist, was für Erinnerungsfetzen plötzlich auftauchten. Erinnerungen, die jetzt immer wiederkehren und die gleichsam an Bedeutung gewinnen. Wie die Sache mit Onkel Erik. Da war ich acht.
Ich will das alles erstmal nicht streng chronologisch ordnen, sondern eher grob in Richtung Gegenwart schreiben und sehen, was dabei entsteht.
Ich weiß nicht wo mich das hinführt. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich mich herantaste, assoziativ vorgehe.
Heute aber werde ich warten, bis die Hitze nachlässt, später noch einmal in der „Botica“ etwas trinken, meine Freunde treffen, Zeit verbringen, bis Adriana von der Arbeit kommt.
Morgen geht es dann richtig los. Höchstwahrscheinlich.
Kapitel 2: Rovaniemi, Finnland, 1976
Also, es ist soweit, ich schreibe:
Hinter dem Hotel fing gleich der Wald an. Ein enger Pfad zwängte sich zwischen Erlen und Birken hindurch, und es war dann auch gleich dämmerig und kühler. Da es sich an diesem heißen Tag angenehm anfühlte, ging ich weiter. Hinein in flirrendes, grünliches Licht, in den Geruch nach feuchter Erde. Hörte meine Schritte im Unterholz. Atmete tief durch. Ziemlich bald stieß ich auf eine Lichtung. Mittendrin stand, in warmes Sonnenlicht getaucht, eine kleine, roh gezimmerte Holzkapelle. Beim Näherkommen fiel mir auf, dass der Bau unfertig wirkte, eher wie eine dreidimensionale Skizze. Statt einer Tür gab es nur ein rechteckiges Loch in der Vorderseite. Ich ging näher heran und vernahm ein unterschwelliges Grollen, gefolgt von leisem metallischen Klirren. Fast im gleichen Augenblick sah ich ein großes gelbes Etwas auf mich zu rasen. Ohne nachzudenken drehte ich mich um und floh. Erst im Schutz der Bäume schaute ich zurück. Ein Untier bäumte sich dort auf. Die mächtigen Hinterläufe in den Boden gestemmt. Ich dachte sofort: ein Bär, und mir wurde übel. Ich wollte gerade weiterlaufen, als ich erkannte, dass ich gar nicht mehr verfolgt wurde. Vorsichtig, halb verdeckt von einem Baumstamm, wagte ich einen erneuten Blick. Kein Bär. Es war ein furchteinflößender, kraftstrotzender Hund. Soweit ich es aus dieser Entfernung beurteilen konnte, hing er an einer langen Kette, die sich um seinen Hals zuzog. Er fiel nach hinten, zerrte, jaulte und versuchte, sich zu befreien, vermutlich, um mich zu töten. Er drehte sich rasend vor Mordlust im Kreis, und ich konnte im Gegenlicht den Sabber erkennen, der ihm aus den Lefzen flog. Die Zunge hing ihm wie ein nasser roter Lappen aus dem Maul. Sein rasselndes Keuchen klang zu mir herüber. Mein Atem hingegen ging jetzt etwas ruhiger; ich empfand sogar eine kleine, fast grausame Genugtuung, weil sich das Tier so ergebnislos abstrampelte. Irgendwie siegreich trat ich den Rückzug an.
Also, warum ich nach so langer Zeit gerade daran denken muss, ist mir nicht ganz klar. Ich könnte auch keinen stichhaltigen Grund nennen, warum ich diese Episode an den Anfang dieser Aufzeichnungen stelle. Vielleicht ist es ein Gefühl, das immer noch undeutlich nachhallt. Und ein Erklärungsversuch. Über die Jahre flackerte diese Erinnerung immer im Hintergrund. Ich schreibe sie einfach ebenso holprig auf, wie ich sie wachrufe.
Ich war damals in jenem Sommer mit meinen Eltern unterwegs. Tage zuvor in Helsinki hatten wir uns bei ungeheurer Hitze die Stadt angeschaut. Es wurde nie dunkel. Im matten Schein der Mitternachtssonne lagen Betrunkene in Parks und auf Uferböschungen herum wie fallengelassene Puppen. Wir fuhren auch nach Leningrad. Wir besuchten die Eremitage. Schlenderten unter ständiger Aufsicht die Neva entlang. Bestaunten irgendwelche Prachtbauten.
Ich weiß noch, da war ein kleiner Platz mit spärlichen Grünflächen, einer Kinderschaukel, einem bronzenen Leninkopf auf einem Sockel. Hin und wieder ertönten Politparolen aus öffentlichen Lautsprechern und dann, plötzlich und fremd, „Eleanor Rigby“ von den Beatles. Niemand horchte auf oder unterbrach sein Tun.
Ich weiß noch, dass ich mich darüber wunderte.
Mir geht es jedoch um diese Sache in Rovaniemi.
Zurück im Hotel. Noch ein wenig zittrig. Ich ging durch die üppig mit Marmor ausgestattete Lobby und sah sie hinten schon auf ihren Barhockern. Sie wirkten angetrunken und alt und auch nicht besonders sympathisch. Meine Eltern. Kultivierte Großbürger. Ruhten in ihrem Selbstverständnis. Ich wollte plötzlich nicht mehr zu ihnen. Obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht verabscheute.
Sie schritten vorgeblich sorgenfrei durchs Leben. Mein Vater musste nicht wirklich arbeiten. Zu verabredeten Terminen erschien er bei irgendwelchen Sitzungen und leistete seine Unterschrift. Er tat immer so, als hätte er das Sagen.
Meine Mutter war zufrieden. Sie malte riesige Bilder. Sie liebte es, in ihrem Atelier zu stehen, viel Chablis zu trinken und meinen Vater bei sich zu haben. Alles ziemlich normal.
Das dachte ich damals wirklich. Ich lag falsch.
An jenem Tag in Rovaniemi aber lenkte mich Eva von meinen Eltern ab. Sie saß weiter hinten in der Lobby in einem tiefen Ohrensessel. Ihre Familie war in unserer Reisegruppe. Eva. Sie sah wirklich gut aus mit ihren kurzen, rötlichen Haaren, den Stirnfransen. Ein ebenmäßiges Gesicht und Jeanne-Moreau-Lippen. Mir gefiel ihre lässige Art. Sie winkte mir zu. Einer merkwürdigen Eingebung folgend, fragte ich Eva, ob sie Lust hätte, mit mir spazieren zu gehen. Ihr Lächeln war Antwort genug. Erwartungsvoll nahm ich sie mit hinaus in den heißen Nachmittag.
Ohne groß zu zögern, ging ich wieder um das Hotel herum in den Wald und bog in den kleinen Weg ein, den ich vor nicht einmal zehn Minuten verlassen hatte. Eva hängte sich bei mir ein, doch zwischen den Bäumen war der Pfad wirklich sehr schmal. Vorsichtig löste ich ihren Arm von meinem und ließ sie vorgehen. Wieder war ich von der zwielichtigen Kühle angetan. Ich erlebte den feuchten Waldgeruch noch intensiver als vorher. Ich blieb dicht hinter ihr. Sie trug Jeans mit weitem Schlag, einem kleinen roten Stoffsaum und tief um die Hüfte einen breiten Ledergürtel. Ihr eng gehäkeltes rotes Top wurde hinten von einem Bändchen zusammengehalten und ließ ihren ganzen Rücken frei.
Dann standen wir auf der Lichtung.
Ich tastete nach Evas Hand. Sie war ein wenig erstaunt. Ich war sehr wachsam, sehr bei mir. Vor uns die Holzkapelle, hell im einfallenden Licht.
Sie sagte mir, wie schön sie diesen Ort fände, und ich ging darauf ein und tat so, als wäre das alles neu für mich. Genau am richtigen Punkt hielt ich an, und wie auf ein Zeichen kam der geifernde Hund herausgeschossen. Eva schrie und wollte instinktiv wegrennen. Ich warf mich schützend auf sie. Erwartungsgemäß hängte sich das Tier etwa zwei Meter von uns entfernt in seine Kette. Das Würgen und Schnauben bedrohlich nah. Ich war erleichtert, stolz, die Distanz richtig eingeschätzt zu haben. Mir ging es großartig, während ich das zitternde und ängstliche Bündel Mensch unter mir umklammerte.
Die nächsten Tage verschwimmen. Ich saß wohl im Bus jetzt immer neben ihr. Ich fühlte mich sicher, vielleicht unverletzlich. Und hauptsächlich träge.
Ich hätte die Sache mit dem Hund ausnützen können. Als sie mich aber einmal gegen Ende der Reise in Hammerfest mit auf ihr Zimmer nahm, blieb ich tatenlos. Wir tranken Bier auf ihrem Balkon. Wir hörten fünfmal hintereinander „Joan of Arc“ von Leonard Cohen. Es war schön. Sie erwartete offensichtlich einen Kuss von mir. Erwartete eine Geste. Ich ließ es vorbeigehen. Warum, weiß ich nicht mehr. Ich bin überzeugt, ich hätte in jener taghellen Nacht mit ihr schlafen können. In ihren Augen war ich ja so etwas wie ein Held gewesen.
Wir verbrachten danach noch einen Tag in Hammerfest. Es gab dort nicht wirklich viel Aufregendes zu besichtigen. Die müden Reisenden scharten sich um den phallusförmigen Meridianstein. Hier hatten Russen, Schweden und Norweger im Jahr 1816 gemeinsam etwas vermessen. Ich stand mit Eva im Hintergrund. Sie hatte den Arm um mich gelegt. Mir nah. In gewisser Weise freute mich das. Danach marschierten wir auf einen Hügel und schauten von dort aus auf das kleine Fischerdorf und auf den Nordatlantik. Uns wurde bewusst, dass wir hier fast am Ende der Welt standen. Es war schon komisch.
Am nächsten Morgen wehte ein kalter Wind über das Flugfeld. Auf uns wartete eine kleine zweimotorige Propellermaschine, die uns nach Oslo bringen sollte. Eva hasste das Fliegen, und als wir uns endlich in die engen Sitze gezwängt hatten, ließ sie sich von mir trösten. Ich versicherte ihr, dass Flugzeuge nur höchst selten abstürzten und dass Turbulenzen völlig ungefährlich wären. Es lief gut. Als wir in Oslo landeten, war Eva an meiner Schulter eingeschlafen. Kurz darauf trennten sich unsere Wege, sie musste an ein anderes Gate. Da waren wir nun, hielten uns an den Händen, tauschten Adressen aus. Sie hielt meinen Kopf, zog mich zu sich und berührte mit ihren wunderschönen Lippen meinen Mund.
Hey, Federico, sagte sie und es klang wie eine Anerkennung.
Dann ging sie, drehte sich noch einmal um und winkte. Ich blieb einfach stehen, ein wenig verwirrt. Ich fragte mich, für wen sie mich gehalten hatte.
Bald darauf wurde unser Flug nach Hamburg aufgerufen.
Kapitel 3: Südspanien, 2009
Gut. Ich habe angefangen. Ich habe etwas niedergeschrieben. Der Text liegt ausgedruckt und wie ein stiller Vorwurf auf dem Schreibtisch. Bedauerlicherweise ist das mehrere Tage her. Seitdem habe ich die wenigen Zeilen immer wieder überarbeitet. Ich kenne die Worte auswendig. Aber ich habe kein Vertrauen mehr in ihre Aussagekraft. Bin ich erkennbar? Seht her, das bin ich, Federico Henschel. Oder besser: So war ich. Es ist noch zu undeutlich.
Ich streiche jeden Tag um den Computer herum und erstarre meistens, wenn es darum geht weiterzumachen. Weiter. Wohin? Ich schiebe meine Notizen hin und her. Auf einigen Zetteln stehen Namen. Neulich habe ich ganz wichtig Eva durchgestrichen. Da, sieh her, geschafft! Aber das war es auch schon. Meine Kreativität erschöpft sich mittlerweile in Vermeidungsstrategien. Ich gehe einkaufen, gehe Kaffee trinken, gehe aufs Klo. Jetzt habe ich mir eine Routine auferlegt. Ich stehe zusammen mit Adriana auf, und während sie duscht, mache ich ihr Frühstück. Dann checkt sie kurz ihre E-Mails, und ich wasche das Geschirr vom Vortag ab. Wir unterhalten uns wenig, denn Adriana ist morgens sehr konzentriert, tastet in Gedanken schon den Tag nach Unebenheiten ab. Mir ist das recht, ich möchte sie nicht stören. Im Gegenteil, ich mag ihren Gesichtsausdruck. Entschlossenheit, die sich langsam aus den weichen Konturen einer vergehenden Schläfrigkeit herausschält. Dann verlässt sie die Wohnung, und ich höre, wie sie das Auto aus der Garage fährt, und dann ist es still. Meistens schlafe ich noch ein, zwei Stunden. Oder ich lese. Zur Zeit Somerset Maugham, von dem Adriana behauptet, er sei ihr zu verschachtelt, zu altmodisch.
Nun ja, sie wird es wohl wissen.
Früher oder später fühle ich mich gezwungen, den Computer einzuschalten, und sei es auch nur, um sein leises, elektronisches Sein im Hintergrund zu wissen.
Ich bin dann gerne in der Küche, wir haben so eine offene amerikanische, mit einem Tresen, zwei Barhockern und dann gleich das Esszimmer mit der Schiebetür, die auf den riesigen Balkon geht. Und dahinter das Meer und an guten Tagen der Blick bis nach Afrika. Ich kann mich da verlieren. Stundenlang. Mit einer Flasche Bier in der Hand. Diese ganze Idee mit dem Schreiben ist vielleicht doch nicht so gut. Ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt zurückzuschauen. So wie ich immer auf das Meer schaue. In die verschwommene Ferne eines Lebens.
Wenn ich mal arbeite, dann im Gästezimmer. Von dort sieht man nur die Wand des Hauses nebenan. Es droht, was den Blick angeht, keine Ablenkung.
Natürlich versuche ich mich zu konzentrieren. Ich verlasse die Wohnung so wenig wie möglich. Aber das hilft nicht wirklich. Ich stöbere stattdessen in Adrianas Sachen herum. In ihrer Unterwäsche. Im Schrank entdecke ich dann einen kurzen Rock oder ein ausgeschnittenes Kleid und stelle mir vor, wie sie darin aussah und versuche mich daran zu erinnern, wann sie es das letzte Mal anhatte.
Was sonst? Ich gehe auf und ab.
In einer Vitrine im Wohnzimmer haben wir allerhand Nippes herumstehen. Kristallschälchen. Porzellanfigurinen (nicht meine). Kästchen. Ein Foto von Adrianas Eltern in so einem Goldrahmen. Die Mutter, eine untersetzte Frau mit krausen grauen Haaren, sitzt kerzengerade auf einem unbequem aussehenden Stuhl. Der Vater steht hölzern dahinter, dicklich, dreiteiliger Sonntagsanzug. Menjoubärtchen, unzeitgemäß korrekt, würdevoll.
Im Esszimmer hängt ein Druck an der Wand. Es ist Adrianas Lieblingsbild. Ich stehe oft davor und betrachte es eingehend.
Im Gästezimmer läuft der Computer ohne mich weiter.
Das Bild ist von Georges Seurat: „ein Sonntagnachmittag auf der Insel Grande Jatte“. Ich liebe das Licht, das von links auf die Uferböschung der Seine fällt und auf die Menschen, die, eingefroren in der Bewegung, eine hellgrüne Rasenfläche bevölkern. Der vordere Bereich liegt im Schatten. Der Betrachter hat das Gefühl, von seinem kühlen Plätzchen aus in die Hitze des Tages zu schauen. Wenn ich ganz nah herangehe, fällt mir auf, dass Seurat nur Pünktchen nebeneinander auf die Leinwand getupft hat. Reine Farben, ungemischt. Der Betrachter vollendet die Mischung in seinem Kopf. Aus winzigen Teilchen entsteht ein komplexes Ganzes. Das Bild strahlt eine wunderschöne Ruhe aus. Es ist praktisch eine Karikatur der Ruhe. Ich bin eigentlich glücklich, eine Frau an meiner Seite zu wissen, die so ein Bild schön findet.
Heute sitze ich wieder entschlossen am Schreibtisch.
Wie soll das weitergehen?
Da spukt noch ein von den Jahren fast verschüttetes Erlebnis in meinem Kopf herum. Vielleicht sollte ich diese frühe Episode aus meinem Leben einfach einmal aufschreiben, um Klarheit zu gewinnen. Vielleicht muss das so sein.
Also Eva und jetzt diese Geschichte mit Walter, das ist doch ein Ansatz. Und von dort aus: mal sehen.
Kapitel 4: Mexico City, 1972
Mein bester Freund hieß Walter. Eigentlich war Walter mir nicht wirklich ähnlich. Er war strebsam und korrekt und bedächtig in allem, was er tat. Er war ein alt wirkendes Kind, und seine Mutter zog ihn auch entsprechend an. Nach einem langen Schultag sah er nicht verdreckt, ja, derangiert aus wie wir anderen Kinder, sondern eher wie ein Messdiener in seinen gestärkten, kurzärmligen, bis zum Hals zugeknöpften Hemden. Die Hosen hatten messerscharfe Bügelfalten und waren meistens zu kurz geschnitten; dadurch wirkten seine Füße im Verhältnis zum übrigen Körper — er war klapperdürr — viel zu groß. Walter stach aus der Masse der Kinder hervor. In erster Linie durch seine Erscheinung, aber, wichtiger noch, durch seine Intelligenz und seinen wachen Geist. Warum wir damals beste Freunde wurden, weiß ich nicht mehr. Vielleicht handelte es sich um eine Art Zweckgemeinschaft. Ich war in der Klasse einigermaßen beliebt und hielt meine schützende Hand über Walter, der sonst das Opfer ständiger Sticheleien gewesen wäre, und daraus zog er bestimmt seinen Nutzen. Man ließ ihn in Ruhe, weil wir als unzertrennlich galten. Was aber hatte ich von unserer Freundschaft? Wenn ich ehrlich bin, ging es mir darum, von ihm abzuschreiben. Außerdem erledigte er für mich die eine oder andere Hausaufgabe. Es erwies sich in jeder Hinsicht als vorteilhaft, einen Streber an seiner Seite zu haben. Die Lehrer redeten plötzlich von seinem positiven Einfluss, und die Eltern zeigten sich erfreut, dass ich mich nicht mehr so oft mit den schlimmsten Elementen der Klasse zusammentat. Walters Eigenschaften färbten ganz vortrefflich auf mich ab. Letztendlich jedoch mochte ich seine ruhige und ausgleichende Art, und ich war auch ein wenig stolz darauf, dass seine Noten unter meinem Einfluss ein wenig litten.
Irgendwann machte es mir sogar Spaß, gemeinsam mit ihm Schulprojekte durchzuführen. Ich versuchte, das vor den anderen nicht an die große Glocke zu hängen und beteuerte, zu den Klassenarbeiten gezwungen worden zu sein. Ich gab mich gelangweilt und machte mich sogar über Walters Ernsthaftigkeit lustig. Ich boykottierte geradezu unsere gemeinsame Arbeit vor der Klasse. Selbstverständlich war ich mir darüber im Klaren, dass ich da unsere Freundschaft verriet. Deshalb versuchte ich, wenn wir alleine waren, und das mochte ich am liebsten, mit großer Begeisterung bei der Sache zu sein. Walter ignorierte meinen Mangel an Loyalität und nahm ihn als kleineres Übel in Kauf. Immerhin besser, als ohne Grund verprügelt zu werden. So dachte ich. Ich war noch zu jung, um meinem inneren Konflikt die nötigen Konsequenzen folgen zu lassen, und wenn ich es recht bedenke, bezweifle ich, dass ich es heute besser könnte.
Einmal lud mich Walter zu sich nach Hause ein. Seine Eltern stammten aus Sachsen und waren wohl sehr früh ausgewandert. Der Vater besaß eine gut gehende Textilfabrik, und so wohnte die Familie in einem beeindruckenden Haus aus der Kolonialzeit.
Ja, klar, in diesem Haus bin ich viele Jahre später und unter ganz anderen Umständen noch einmal gewesen. Und auch da aus dem Gefühl heraus, dass sich dort etwas für mich entscheidendes und dennoch schwer zu fassendes abgespielt hat.
Aber zurück.
Bei meinem ersten Besuch war nur die Mutter da. Ein blasses Wesen mit streng zurückgekämmtem Haar und rötlichen Pickeln in einem teigigen Gesicht. Sie lief hastig in dem riesigen Haus herum, lächelte grundlos, wenn sie uns begegnete und schaffte es, mir ein klein wenig Angst einzujagen. Dann blieb sie urplötzlich vor mir stehen und fragte mich mit schriller Stimme, ob ich ein Stück Kirschtorte haben wolle. Sie zuckte mit dem Kopf nach vorne und riss die Augen auf. Ich erinnere mich noch genau daran, dass Walter mir beruhigend seine Hand auf die Schulter legte und ich mich erstaunt zu ihm umdrehte. In seinem Blick lag eine Bestimmtheit, die ich noch nie an ihm bemerkt hatte.
Ich besuchte Walter von da an öfter und lernte mit der Zeit auch die übrigen Familienmitglieder kennen. Der Vater war ein hochaufgeschossener Mann, ebenso dürr wie sein Sohn und von gelblich-fahler Gesichtsfarbe. Er sprach sehr selten und wenn es doch manchmal geschah, dass er den Mund aufmachte, konnte ich sein genuscheltes Sächsisch kaum verstehen. Die übrige Familie kicherte jedoch meistens, woraus ich schloss, dass er Humor hatte. Walters Bruder jedenfalls zitterte förmlich vor Vergnügen und murmelte seinerseits Unverständliches vor sich hin. Er hieß Peter, war ein paar Jahre älter als wir, und es fällt mir schwer, mich an ihn zu erinnern, Ich weiß noch, dass er die Angewohnheit hatte, unvermittelt aufzuspringen und geheimnisvoll zu verschwinden, wobei ihn nie jemand fragte, wo er hinwollte. Zum Glück fand die Familie selten zusammen, sodass Walter und ich uns selbst überlassen blieben. Wir verbrachten viel Zeit in einer Art Unterstand, den Walter sich im hinteren Teil des Hauses in einem selten benutzten Zimmer eingerichtet hatte. Dabei hatte er ein schweres und großes Tuch über einen Tisch geworfen und sich so eine kuschelige Höhle geschaffen, die, ausgelegt mit Kissen und bestückt mit allerlei besonderen Spielsachen, zu seinem Rückzugsgebiet wurde. Erst später erkannte ich, wie viel Walter eine derartige Enklave bedeutete. Die Tatsache, dass er mir diesen Ort zeigte, dass er durch diesen Vertrauensbeweis einen anderen, verborgenen Teil von sich preisgab, wurde von mir nie entsprechend gewürdigt.
Eines Nachmittags, wir studierten gerade das winzige, grüne Blatt, das aus einer in nasser Watte gezüchteten Mungobohne gesprossen war, steckte die Mutter überraschend ihren Kopf in unsere Höhle. Ich erschrak, Walter jedoch schrie kurz auf, sein Arm zuckte hoch, und ich dachte sofort, er würde jetzt zuschlagen, als der Augenblick auch schon wieder vorbei war. Die Mutter zog sich zurück, und Walter kroch wortlos aus unserem Versteck. Es dauerte lange, bis er wieder auftauchte und das kleine Pflänzchen in die Hand nahm, als sei nichts gewesen. An dem Tag erfuhr ich von dem verborgenen Zimmer.
Natürlich war mir schon früher aufgefallen, dass wir beim Herumtoben und Spielen einen bestimmten Bereich des Hauses mieden. Von außen gesehen war es ein Erker, der sich über beide Stockwerke erstreckte und der hinten wie ein Anhängsel des Hauses in den Garten ragte. Im unteren Teil versperrten stets geschlossene Jalousien den Blick ins Innere. Oben jedoch, im ersten Stock, hatte man die Fenster offensichtlich vergrößert und so einen großen halbkreisförmigen Glasturm geschaffen. Die Konstruktion hatte mich von Anfang an beeindruckt, zumal sie die Architektur des Hauses zugleich störte und bereicherte. Es war schwer zu erklären, aber mein Blick wanderte wie unter Zwang in die Höhe, sobald wir im Garten herumliefen. Ich glaube, ich fragte Walter immer wieder, was es mit dem Turm denn auf sich hätte, und immer wieder bekam ich eine ausweichende Antwort. Manchmal lächelte er verschwörerisch und murmelte etwas über ein geheimes Zimmer seines Vaters. Damals stellte ich mir dann vor, der Alte würde dort irgendwelche Experimente durchführen, irgendetwas Gruseliges, und ich sah ihn förmlich vor mir, wie er hinter einem riesigen Schreibtisch saß und mit seinen knochigen, braungefleckten Händen kleine Figuren aus Wachs formte, die er nachts zum Leben erweckte. Ich wollte dort hinein, doch Walter ließ sich nicht erweichen, er reagierte im Gegenteil immer unwirscher, wenn ich ihn drängte, doch endlich die Tür aufzuschließen. Die Tür blieb zu. So groß war meine Neugier, dass ich sogar meinen Eltern davon erzählte. Und da geschah etwas ganz Seltsames: Sie drucksten herum und versicherten mir, die Angelegenheit wäre harmlos, und es gäbe bestimmt eine einfache Erklärung für das Zimmer und auch für Walters Verhalten, und ich sollte mich nicht weiter in Sachen einmischen, die mich nichts angingen. Da dämmerte es mir, dass auch meine Eltern etwas verheimlichten.
An jenem Tag also legte Walter vorsichtig die winzige Sprosse in ihre kleine Nische in das Licht einer wärmenden Glühbirne zurück, und ich erfuhr mehr, als mir lieb war. Zuerst sagte er gar nichts. Er schaute mich bloß abschätzend an, kniff die Augen zusammen und fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Er kam mir fremd vor, versunken in Gedankengänge, an denen ich nicht teilhaben sollte, und trotzdem fühlte ich mich diesem Menschen plötzlich viel näher als sonst. Das verwirrte mich. Dann straffte sich Walters Körper, er griff sich entschlossen meine Hand und zog mich eilig aus dem Unterstand. Ich wusste sofort, wohin er mich da zerrte, als könne er es nun gar nicht mehr erwarten, meinem Gedränge nachzugeben. Seine Hand zitterte, als er die Tür aufschloss. Ich trat hinter ihm ein. Zuerst war es sehr hell, die Nachmittagssonne ergoss sich durch die riesige Glasfront in das Zimmer, dann sah ich vor mir ein Gestänge, wie das Klettergerüst auf unserem Spielplatz. Ich konnte mir das nicht erklären. An der Decke hing ein überdimensioniertes Zahnrad, und ich glaubte, auch eine Kurbel zu erkennen und zwei kranartige Greifarme, die an einem Bettrahmen befestigt waren. Ein Bettrahmen. Ein Bett! Ich wagte nicht hinzugucken; es lag tatsächlich jemand auf einer Matratze. Da wusste ich es mit einem Mal: Vor mir stand eines jener komplizierten hoch gebauten Krankenhausbetten. Aber wer lag da drin? Klein. Kein Erwachsener. Und auch keine vertraute Form. Zwei dünne Ärmchen, die mit Lederschlaufen fixiert waren. Es war ein kleines Kind, das dort gefesselt lag und das sich schlangengleich, flüssig unter einem Bettlaken hin und her bewegte. Mir wurde flau im Magen. Ich wollte mich schon wegdrehen und wieder raus, aber Walter versperrte mir den Weg. Er sah mich an, doch ich konnte seinen Blick nicht deuten. Dann packte er mich und zwang mich, wieder in Richtung Kind zu schauen. Seine Hände bohrten sich in meine Oberarme, und ich spürte eine wütende Kraft, die keinen Widerstand duldete. Ich leistete auch keinen. Ich war zu erstaunt, so voller Fragen, die ich im Augenblick gar nicht stellen konnte. Ich ergab mich seinem Willen und starrte erschrocken auf das verschrumpelte und verformte Köpfchen. Es war kein Ekel, den ich empfand, keine Furcht, es war Scham über mein Unvermögen, mich dieser Situation zu stellen. Ohne recht zu wissen warum, fühlte ich mich gedemütigt. Und Walter stand unmittelbar hinter mir, bedrohlich und erwartungsvoll. Was wollte er von mir? Ich nahm Einzelheiten in mich auf. Die Händchen, die sich ununterbrochen zu Fäusten ballten und wieder öffneten. Eine hellblaues Laken, hochgezogen bis an die Brust. Die Matratze mit einem gummiartigen Bezug, abweisend, klinisch, eingerahmt von diesem weißen, metallischen Gitter. Schließlich hörte ich das Kind wimmern, ganz leise, aber da war kein Schmerz, keine Verzweiflung in dem Geräusch, da war nur der Ton, so unmenschlich wie das Pfeifen aus einem erhitzten Wasserkessel. Ich ging näher heran, auch in der Annahme, dass Walter dies jetzt von mir erwartete. Ich beugte mich fasziniert über das Gesicht, getragen und gleichzeitig erregt von meinem plötzlichen Wagemut. Es wirkte friedlich, flach und seltsam konturlos, als wäre es auf den Kissenbezug gemalt worden. Ich verspürte den Drang, es zu berühren und war wohl gerade dabei, darüber zu streichen, als Walter mich grob zurückhielt, um mich gleich darauf eilig aus dem Zimmer zu bugsieren. Er schloss die Tür hinter sich, nun wieder bedachtsam und unaufgeregt, wie es seine Art war. Er lächelte mich sonderbar an und sagte mir, das sei sein kleiner Bruder, man könne sich das nicht vorstellen aber er sei wohl glücklich. Ja, wiederholte Walter mit verstellter, dröhnender Stimme, der sei glücklich. Ich stellte keine weiteren Fragen. Wir gingen herunter in die Küche, das heißt, ich folgte Walter etwas benommen, als er entschlossen vorging. Unten werkelte die Mutter. Der Geruch nach gekochtem Essen stieg mir unangenehm in die Nase. Sie stand mit dem Rücken zu uns, und ich sehe noch jetzt, nach all den Jahren, ihren straffen Dutt, die Bluse und den halblangen braunen Rock vor mir, die Schleife der Kochschürze, die blickdichten Strumpfhosen und die abgetretenen flachen Schuhe. Ich weiß das alles noch so genau, weil es im Nachhinein gesehen bloß der Vorspann zu einer denkwürdigen Szene war: Die Mutter drehte sich um, als wir bereits einige Sekunden im Raum standen. Sie lächelte. Doch ihr Lächeln erstarb, als sie Walters Gesichtsausdruck bemerkte. Das glaubte ich zumindest, da ich ja hinter ihm stand. Jedenfalls riss sie dann die Augen auf, fuhr sich in einer Geste schieren Entsetzens mit der Hand an den Mund, vielleicht, um einen Schrei zu verhindern und stürmte an uns vorbei aus der Küche. Erst dann wandte Walter sich mir zu. Mit einem bösartigen, fast triumphalen Grinsen und einer Gehässigkeit, die mich irgendwie mit einschloss, fragte er mich, ob ich eine Cola wolle. Wir verbrachten den restlichen Tag unter dem Tisch und redeten über alles andere. Ganz so, als sei nichts gewesen. Irgendwann holten mich meine Eltern ab, und ich schwieg die ganze Fahrt über. Was ihnen aber auch nicht wirklich auffiel.
In den darauffolgenden Wochen lud mich Walter nicht mehr so oft zu sich nach Hause ein. Vielleicht zwei, drei Mal, ich weiß es nicht mehr, aber ich fühlte mich dort nicht mehr wohl. Den Vater und Walters Bruder Peter sah ich nie wieder, die Mutter grüßte mich mit flüchtiger Unfreundlichkeit. Und sowohl Walter als auch ich sahen ein, dass hier etwas unwiderruflich vorbei war. Im Nachhinein glaube ich jedoch, dass wir damals gar nicht ermessen konnten, was an jenem Tag wirklich geschehen war, und auch nach all den Jahren fällt es mir schwer, unsere Gefühle zu verstehen. Eines weiß ich jetzt aber sicher: In mein unbekümmertes, kindliches Leben hatte sich die unangenehme, ja, dunkle Erkenntnis geschlichen, dass nicht alles gut ist.
In der Schule blieb anscheinend fast alles beim Alten. Ich schrieb weiterhin von Walter ab, und er kam unter der schützenden Hand meiner Freundschaft unbelästigt über die Tage. Aber eigentlich war das nicht mehr wirklich so. Man hatte sich langsam an Walter gewöhnt. Es gab kaum noch jemanden, der es lustig gefunden hätte, ihn zu hänseln, und als das Schuljahr sich langsam dem Ende zu neigte, sah ich seine magere, schlecht gekleidete Gestalt manchmal mit anderen in der Gruppe stehen; ganz so, als gehörte er dazu. Ich musste mir eingestehen, dass wir irgendwann nicht mehr unzertrennlich waren. Unsere Wege im Schulhof führten immer öfter in verschiedene Richtungen, und ich ertappte mich dabei, wie ich anfing, ihn mit Blicken zu verfolgen. Manchmal lief ich in seiner Nähe vorbei, in der Hoffnung, den einen oder anderen Gesprächsfetzen aufzuschnappen, wenn er sich unterhielt. Walter änderte sein Verhalten mir gegenüber, er wirkte stärker und nicht mehr so eckig, mit neuem Selbstbewusstsein erfüllt. Dann wich er mir absichtlich aus. Es kam auch vor, dass er einfach durch mich hindurch sah, mich nicht wahrnahm, mir nicht zuhörte. Aber nicht nur ich suchte verstärkt seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, seltsamerweise wurde er auch von anderen Klassenkameraden häufiger angesprochen. Er lachte mit ihnen, anders, als er mit mir gelacht hatte. Ich fühlte mich betrogen. Was wussten die anderen schon über sein Leben, über seinen kranken Bruder oder über das Turmzimmer? Er hatte es schließlich mir gezeigt. Ich war sein Freund!
Es gab Tage, da interessierte es mich nur noch, ob und wann Walter mich wieder zu sich nach Hause einladen würde. Ich verstand diese neue Situation nicht mehr, Warum verhielt er sich so abweisend, so unnahbar? Und wieso bestimmte er das? Zum Glück saßen wir im Klassenzimmer nebeneinander, und ich nutzte die Zeit, mit ihm ins Gespräch zu kommen, zwanglos und locker wie immer. Aber auch da wollte er nicht mehr so richtig, und schließlich setzte er sich sogar weg. Ich blieb alleine, sprachlos und enttäuscht.
Langsam wurde ich wütend. Ich sann auf Rache und strafte Walter von nun an mit Verachtung, tat so, als wäre er Luft für mich. Und das ging eine Zeitlang. Ich rempelte ihn sogar, unter den verwunderten Blicken meine Mitschüler, einmal an. Ich machte mir den Spaß, Schlamm in seinen Ranzen zu füllen. Doch Walter reagierte nicht. Schließlich tat ich etwas sehr Schlimmes: Ich erzählte es überall herum. Ich machte mich lustig über den kleinen verwachsenen Bruder in dem gruseligen Zimmer. Ich beschrieb das Gestänge und die Kurbeln und das komische Krankenbett. Ich machte mich lustig über das platte Gesicht, das zufriedene Sabbern und beschrieb genüsslich das anhaltende, schrille Wimmern des zuckenden Wesens. Ich lästerte über den geisterhaften Bruder und die hässliche Mutter und ihr verpickeltes Gesicht. Ich beschrieb in allen Einzelheiten die kleine Höhle unter dem Tisch und entlarvte sie in ihrer ganzen einfältigen Kindlichkeit. Ich genoss das etwas betretene Gelächter meiner Zuhörer. Ich lachte, weil ich Walter verletzen konnte, weil ich mich befreit fühlen wollte. Aber in mir loderte nur der verzweifelte Wunsch, zurückkehren zu dürfen in die Wärme einer Freundschaft, von der ich wusste, dass sie nie mehr sein würde.
Am letzten Schultag stürmte Walter in der großen Pause auf mich zu. Im Schlepptau hatte er drei oder vier seiner neuen Kumpels. Sie alle vermittelten den Eindruck von Ernst und Entschlossenheit. Mir war mulmig zumute, und gleichzeitig, für einen Sekundenbruchteil, wurde mir etwas schmerzlich klar: Walter war der Anführer der Gruppe. Mein ungläubiges Staunen fand ein jähes Ende, als mich der erste Faustschlag ins Gesicht traf. Es folgten weitere Schläge, Tritte, und ich war auf einmal hilflos einer furchtbaren Kraft ausgeliefert. Automatisch fing ich an, mich zu wehren, zurückzuschlagen. Wie von fern hörte ich das Gejohle der Schüler, die mittlerweile einen Kreis um uns gebildet hatten. Walter nahm mich in den Schwitzkasten. Seine Nase blutete. Ich sah die großen, roten Tropfen auf den Asphalt des Hofes platschen. Dann fiel ich, und Walter landete auf mir. Er schnürte mir die Luft ab. Japsend versuchte ich, mich zu befreien, aber ich schaffte es nicht. Ich hatte Angst und bot all meine Kräfte auf. Vergeblich. Er hatte mich fest im Griff, und ich schlug mit der flachen Hand auf den Boden. Ich wollte mich ergeben, wollte, dass es aufhört, Walters Blut ganz dicht vor mir. Er stieß mich förmlich mit der Nase hinein, ich hörte ihn keuchen, sein Unterarm bohrte sich erbarmungslos unter mein Kinn, und dann plötzlich ließ er los. Er stand auf, drehte sich einfach um und bahnte sich seinen Weg durch die Menge Schaulustiger.
Walter wechselte im nächsten Jahr die Schule und verschwand aus meinem Leben.
Kapitel 5: Südspanien, 2009
„Lass mich einmal nachdenken“, sagt Adriana. Sie sieht aus dem Fenster. Draußen über dem Meer haben sich, unüblich für diese Jahreszeit, einige dunkle Wolken gebildet.
„Ich glaube, was ich da vor mir sehe, sind Dielen.“
„Holzdielen?“, frage ich.
„Ja, schmal, alt und nicht mehr ganz poliert. Sie waren rau. Ich spielte irgendwas. Auf jeden Fall war es mit irgendwelchen kleinen Figuren.“
Adriana konzentriert sich. Schiebt mit der Fingerkuppe ein paar Krümel auf ihrem Teller zusammen. Es ist Sonntagmorgen, wir trinken Kaffee und essen dazu Brötchenhälften mit Olivenöl.
„Komisch, da ist vorher nichts. So sehr ich mich auch anstrenge, eine frühere Erinnerung aus meinem Gedächtnis zu holen, es gelingt mir nicht. Es ist fast so, als wäre man urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Oder wäre von einem anderen, dunklen Ort ohne Zeit in ein bewusstes Sein gebeamt worden.“
„Das stimmt“, sage ich. „Weißt du noch mehr?“
„Ja, ich weiß zwar nicht, ob es derselbe Tag war, aber meine Eltern saßen an einem runden Tisch. Da waren auch noch andere Leute. Ich kroch unter die schwere Tischdecke, die bis auf den Boden reichte und war dann zwischen den ganzen Beinen und Pantoffeln. Es war heiß. In der Mitte stand ein rundes Kohleöfchen. Dann zog mich jemand unsanft hervor und ich spüre bis heute, dass ich sehr verschreckt war, dass dieser Ort unter dem Tisch böse war. Voller Ungeheuer.“
„Hast du dich verbrannt?“, frage ich.
„Auf jeden Fall haben noch Jahre später alle in meiner Familie darüber gelacht. Warum reden wir überhaupt über erste Erinnerungen?“
„Ist das so unüblich?“, frage ich.
„Es häuft sich. Gestern gibst du mir Geschichten über zwei Leute zu lesen, und ich fand die auch ganz interessant. Diese Eva, das kann ich noch nachvollziehen: Unsicherheit, sexuelles Erwachen, pubertäres Imponiergehabe. Nett. Aber dieser Walter, geht es um den Verlust einer Freundschaft, um Schuld?“
„Ich weiß es nicht so genau“, sage ich. „Es geht wahrscheinlich um Verrat. Und es geht um Eigenschaften, die ich an mir nicht mag.“
„Aber vielleicht möchtest du dir auch nur selbst verzeihen, und du erteilst dir Absolution, indem du es aufschreibst und darüber reflektierst, um in Zukunft ein besserer Mensch zu sein.“
„Dein Scharfsinn ist eine Eigenschaft, die ich an dir liebe.“
„Eine von meinen vielen tollen Eigenschaften“, sagt sie.
„Selbstverständlich“, sage ich.
„Also, warum erste Erinnerungen?"
„Ich versuche, mich in dem Wust von Gedanken zurechtzufinden, in denen ich gerade wühle. Ich versetze mich in die Vergangenheit und beschreibe Ereignisse, von denen ich glaube, dass sie bedeutsam sein könnten.“
„Bedeutsam für wen?“
„Für mich. Für mein Leben.“
Adriana schweigt mich an. Zieht lediglich die Augenbrauen in die Höhe. Die Sonne fällt direkt auf unseren Tisch. Die Wolken werden nicht näher kommen.
„Verstehst du? Ich spüre mich irgendwie auf.“
„Aha!“, sagt sie.
„Aha, was?“
„Verwechselst du da nicht bedeutsam mit interessant? Was dir bedeutsam vorkommen mag, ist für andere vielleicht stinkend langweilig.“
„Du meinst die Leser?“
„Natürlich meine ich die Leser. Oder soll es keine geben?“
„So genau habe ich mir das noch nicht überlegt. Im Augenblick ist das eher so als würde ich in mich hineinschauen. Ich versuche das dann zu beschreiben.“
Adriana nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse. Sie lässt sich Zeit. Überlegt.
„Im Ernst, du musst dich entscheiden, für wen du schreibst, und ich will offen zu dir sein, ich hasse Menschen, die mir ihre Selbstfindung aufdrängen wollen. Es strengt mich zu sehr an, dauernd Interesse heucheln zu müssen.“
„Wow, du kannst einen wirklich ermutigen“, sage ich.
Adriana lächelt jetzt irgendwie liebevoll, und ich ärgere mich.
„Im Grunde ist es doch immer so, dass man sich ein Publikum vorstellt“, sage ich.
„Wirklich? Ist es nicht so, dass manch einer seinen Überzeugungen oder Taten mit der Feststellung Berechtigung erteilt, er tue das nur für sich, um jede mögliche Kritik von vorne herein zu entschärfen?“, fragt sie.
„Vermutlich.“
„Umso mehr sollte man sich immer im Klaren darüber sein, dass wichtig ist, was die Story voranbringt. Zum Beispiel die Kontinuität. Der Faden.“
„Frei nach Hemingway?“, sage ich.
„Wer hätte gedacht, dass auch du über eine gewisse Bildung verfügst. Jetzt erzähl schon deine erste Erinnerung“, sagt Adriana.
„Auch ich kroch auf dem Boden herum. Allerdings war es ein endlos langer Flur, so kam er mir jedenfalls vor. Ich spielte mit Murmeln. Weißt du noch, diese Glasmurmeln mit solchen farbigen Spiralen darin? Sie waren unterschiedlich groß. Was ich heute noch deutlich in mir vernehme, ist das Geräusch der Murmeln, die an der Fußleiste entlang über den Flur rollen. Das ist Wahnsinn: Ich höre tatsächlich noch, wie sie von mir wegkullern, leiser werden, der Ton immer heller, bis er plötzlich stoppt und ich noch eine Murmel hinterherschicke. Ich kroch durch den Flur, es war das erste Apartment meiner Eltern in Mexico City. Vorbei an zwei offenen Türen. Da war wohl ein Arbeitszimmer. Vom anderen Zimmer weiß ich nichts mehr. Der Flur mündete ins Wohnzimmer, und das kann ich genau beschreiben. Manchmal hob mich meine Mutter auf ein Sofa, das vor dem Fenster stand. Das Sofa war grün. Ich schaute genau auf die Kreuzung Insurgentes und Taxqueña und auf die Bushaltestelle, und es ist so erschreckend klar, dass ich heute Nacht fürchtete, ich könnte durch die schiere Kraft meiner Vorstellung in jene Zeit zurückgeschleudert werden und alles beginne wieder von dort an. Immer wieder.“
„Und wäre das so schlimm?“, fragt Adriana.
„Wenn ich dann wüsste, dass ich alles schon einmal durchlebt habe, wäre es phantastisch. Stell dir mal die Möglichkeiten vor. Die Fehler, die ich vermeiden könnte. Aber ahnungslos? Das Leben noch einmal?“
„Für dich wäre es ja immer das erste Mal“, sagt Adriana.
„Stimmt. Warum habe ich dann heute Nacht diese Furcht empfunden?“, sage ich.
„Vielleicht hattest du Angst, ausgelöscht zu werden, zurückgeführt in einen sehr elementaren Zustand. Das wäre wie der Tod, denn von dir bliebe nichts, du wärst auf diesem Sofa mit Blick auf diese Kreuzung wieder ein anderer.“
„Ja“, sage ich.
„Und weiter?“, fragt sie.
„Es sind wirklich meine ersten Erinnerungen, Ich muss drei oder vier gewesen sein. Da waren etwas später noch die Spaziergänge in einem kleinen Park vor dem Häuserblock. Nichts Besonderes: Ein grüner Fleck. Eingeklemmt zwischen drei großen Straßen. Meine Mutter ließ mich nicht aus den Augen. Um uns herum floss dieser unaufhörliche, laute Verkehr. An der Bushaltestelle gab es Stände, die gekochte Maiskolben anboten oder Gurkenstreifen mit Chilepulver. Ich weiß noch, dass ich immer ein Wassereis haben wollte, aber nie durfte. Und da war noch der Affe und die Hand von Alvaro Obregón.“
„Das musst du mir aber näher erklären“, sagt Adriana und gießt uns noch einen Kaffee ein.
„Der Reihe nach. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem winzigen Vorgarten stand ein runder Affenkäfig, und an manchen Tagen saß dort sogar einer drin. Es war ein kleines Äffchen, ein Kapuzineraffe. Er war zweifarbig. Vorne und um das Köpfchen herum gelb und am Hintern schwarz. Wenn ich Glück hatte, fraß er gerade ein Stück Obst. Ich konnte mich nicht sattsehen und fand es zum Lachen, wenn der Affe wie irrsinnig schrie und in dem Käfig hin und her turnte.“
„Das fandest du schön?“, fragt Adriana.
„Ja.“
„Und die Hand?“
„Es gab in der Nähe ein riesiges Monument mit einem gläsernen Kasten, in dem die verschrumpelte und abgeschossene Hand von Alvaro Obregón ausgestellt wurde.“
„Wer zum Teufel ist Alvaro Obregón?“
„Ein mexikanischer Präsident in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man errichtete das Monument an dem Ort, wo er ermordet wurde.“
„Und dabei die Hand verlor?“, fragt Adriana.
„Nein, die Hand verlor er Jahre zuvor in einer Schlacht.“
„Klingt einleuchtend.“
„Ich fand die Hand toll. Sie war noch blutverkrustet, und ein Stück Ärmel hing auch daran. Sie stand aufrecht im Kasten.“
„Noch etwas?“
„Es gab da noch ein kleines Wäldchen mit Nadelbäumen. Ich habe da öfter an einen Baum gepinkelt“, sage ich.
„Und?“
„Und, was?“
„Ist diese Geschichte nun bedeutsam oder nicht?“
„Das weiß ich noch nicht“, sage ich. „Aber sie klingt doch gut. Und ab jetzt schreibe ich, wie soll ich es sagen, richtungsorientierter.“
Kapitel 6: Hamburg, 1983
Sie sah aus, als wäre sie versehentlich auf der falschen Veranstaltung gelandet. Ich stand im Halbdunkel des Musikzimmers und beobachtete das Geschehen in der Großen Diele, in der sie alle jetzt etwas ratlos herumstanden und Grüppchen bildeten. Gloria, die Hausdame, nahm den eintreffenden Trauergästen die Mäntel ab und versuchte, sich auch sonst irgendwie nützlich zu machen. Allein ihre Geschäftigkeit genügte, um die betretene Atmosphäre etwas zu entkrampfen. Und da war noch dieses Mädchen, kaum älter als ich, in buntem Minikleid, eine Fackel inmitten der dunklen Schar. Hatte man die Arme nicht über den Anlass informiert? Offensichtlich litt sie Höllenqualen und versuchte, sich in einer Nische am Eingang möglichst unsichtbar zu machen. Es gelang ihr nicht. Ich wartete und versuchte herauszufinden, in wessen Gesellschaft sie eingetroffen war, aber es kümmerte sich keiner um sie. Das Gemurmel der Leute wurde etwas lauter, als meine Eltern Hand in Hand die geschwungene Treppe hinunterschritten. Sie liebten den großen Auftritt. Ich fragte mich, wie viele Gläser Chablis meine Mutter im Laufe des Morgens wohl bereits geleert hatte. Ihr schmales, hochmütiges Gesicht wirkte verschwommen, fast lieblich. Mein Vater hingegen sah so aus wie immer, hünenhaft, unverletzlich, braungebrannt und gutgelaunt. Er konnte nicht anders. Die Lachfältchen um seine grauen Augen, die nach oben gezogenen Mundwinkel. Um meinen Vater waberte stets eine Aura ungetrübten Optimismus, auf den sich alle nur allzu gern einließen. Jetzt nahmen meine Eltern die Beileidsbekundungen entgegen, wechselten mit manchen ein paar Worte, einen festen Händedruck, umarmten andere und lächelten tapfer. Ich wusste ja, dass sie ein sicheres Gespür für die formvollendete Etikette hatten. Sie waren so erzogen worden. Mein Vater hielt sich gut, aber das wunderte mich nicht, denn der Tod seines Vaters hatte ihn nicht besonders berührt. Das hatte er mir am Abend zuvor in einem Anfall von Vertrautheit und männlicher Zuneigung erzählt, und ich hatte verständnisvoll genickt. Bei mir löste Großvaters Dahinscheiden aus anderen Gründen eher Unbehagen aus.
Meine Mutter signalisierte mir mit Blicken, dass nun auch ich mich unter die Trauernden zu mischen hatte. Zuerst ging ich auf meine Tanten zu, die drei Schwestern meiner Mutter, die sich so sehr von ihr unterschieden, als kämen sie von einem anderen Planeten.
Ich begrüßte als erste Tante Bertha, die mich sogleich umarmte und meinen Kopf in ihren weichen, nach Milch duftenden Ausschnitt drückte. Ich spürte, wie ihr draller Körper förmlich um mich herumfloss, wie ihr Atem sich warm in meiner Ohrmuschel fing, und einen winzigen Augenblick lang war ich versucht einzuknicken. Aber ich befreite mich behutsam aus ihren Armen. Ich zitterte ein wenig. Ich mochte Bertha und wusste, dass sie zu echtem Mitgefühl fähig war. Eine Eigenschaft, die sie aus dem humorlos-protestantischen Familienverband herausragen ließ. Ihr gütiges Wesen war letztendlich auch der Grund für ihre Zurückgezogenheit. Von den Schwestern nicht ernstgenommen und als liederlich abgetan, war allen schon immer klargewesen, dass aus ihr nie etwas Anständiges würde. Am Ende hatte sie es wohl auch darauf angelegt und lebte nun in einem kleinen Häuschen an der Elbe, das man ihr freundlicherweise gekauft hatte. Meine Zuneigung ihr gegenüber war ebenso stark wie die Abneigung, die ich den anderen beiden, Zwillingsschwestern, entgegenbrachte. Da waren zwei Exemplare Mensch, die in einem großen, göttlichen Plan, sollte es diesen geben, nur erschaffen worden sein dürften, um ihre Mitmenschen zu belästigen. Eine Tätigkeit, der sie mit großem Erfolg nachgingen. Ich konnte sie nicht ausstehen, und das ging wirklich jedem so. Weder ihre Ehemänner, die armen Teufel, noch ihre Kinder mochten sie. Am erstaunlichsten war jedoch, dass sie sich auch untereinander hassten. Obwohl ich also am liebsten einen großen Bogen um sie gemacht hätte, kam ich heute nicht umhin, sie, wenn auch äußerst widerwillig, zu begrüßen. Sie standen zwar inmitten der anderen Trauergäste, aber irgendwie im Zentrum eines unsichtbaren Kraftfeldes, das eine spürbare Distanz schuf. Beide hatten blondes, glattes und halblanges Haar. Beide ein rundes Gesicht, einen schlanken Hals und einen hageren, sportgestählten Körper. Beide erweckten den Eindruck eines unverschämten, auf den Kopf gestellten Ausrufezeichens.
„Hallo, Sophie, hallo Julia“, sagte ich.
„Hallo, herzliches Beileid“, antworteten beide fast gleichzeitig.
Ich zuckte innerlich zusammen. Sie schienen seltsamerweise einer Meinung zu sein. Sie zwangen ein Lächeln auf ihre stets gelangweilten Gesichter.
Ich ging weiter und ließ mich von Leuten, die ich kaum kannte, freundlich ansprechen. Manchmal wurde ich umarmt oder nur leicht und behutsam berührt, wahrscheinlich in der Annahme, ich würde sonst erschrecken. Die leitenden Angestellten nickten mir unsicher zu, der Geschäftsführer und die Buchhalterin bauten sich vor mir auf. Er sah aus, als hätte er gerade für eine Managerzeitschrift Modell gestanden: teurer Anzug, teures Hemd, teure Seidenkrawatte, sehr teure Schuhe. Es war der Typ, der gerne um jeden Stuhl pinkelte. Er beäugte mich misstrauisch und sagte: Herzliches Beileid. Es ist für uns alle ein großer Verlust. Er meinte jedoch: Komm mir bloß nicht in die Quere, du kleiner Wicht. Er hielt meinen Blick gefangen, bis er sich ganz sicher war, dass ich seine Botschaft auch verstanden hatte. Die Buchhalterin wirkte neben dem eitlen Herrscher geradezu schmächtig. Ich ließ mich nicht täuschen. Vom Hörensagen wusste ich, sie war eine emotionslose Maschine.
„Es tut mir leid“, sagte sie kalt lächelnd.
Ich lächelte zurück und stellte mir vor, wie sie irgendwann vor mir kriechen würden.
Natürlich ist das nie geschehen.
Heute weiß ich, dass ich damals wirklich ein kleiner Wicht war, ein verwöhntes Bengelchen. Aber ich schätze, in dem Alter — ich war damals, glaube ich, vierundzwanzig — ist man von der eigenen Wichtigkeit restlos überzeugt. Ich sah mich in der Rolle des Erben, des zukünftigen Industriekapitäns, des unbezwingbaren Machers. Ich sah mich in holzgetäfelten Büros mit Messinglampen und Ledersesseln.
Um es kurz zu machen: Mein Großvater hatte für mich tatsächlich einen wichtigen Posten in der Familienstiftung vorgesehen. Natürlich verbunden mit einem entsprechenden finanziellen Anreiz. Allerdings, und das war nicht verhandelbar, erst nach Abschluss eines Wirtschaftsstudiums und nachweisbarem Talent in der Form exzellenter Noten. Dazu war ich vorerst nicht bereit. Ich bat um Bedenkzeit.
Nun ja, die wurde mir nicht gewährt. Ich reagierte trotzig und wurde so schnell ausgebootet, dass ich bereits eine Woche später mit einer auf fünf Jahre begrenzten, sehr üppigen monatlichen Zuwendung und einer noch festzulegenden und an Bedingungen gebundenen Abfindung nach Ablauf dieser Frist, am Anfang eines Lebens stand.
Dahin die Großmannsträume. Dämlicherweise hatte ich ohne nennenswerte Gegenwehr kapituliert, noch nicht mal mehr den Geschäftsführer oder die glitschige Buchhalterin zu Gesicht bekommen, sondern mich von Anwälten schwindelig reden lassen und, fatalerweise, unzählige Unterschriften geleistet. Zu guter Letzt und zu allem Übel musste ich noch ein geringschätziges Schulterklopfen meines Vaters und die weinselige Larmoyanz meiner Mutter ertragen. Ich hatte es nicht anders gewollt.
Am Tag der Trauerfeier jedoch konnte ich das alles noch nicht wissen und machte mich auf die Suche nach dem hübschen Mädchen.
Ich verließ den Salon Richtung Esszimmer, wo man das Buffet aufgebaut hatte, und dort war sie. Sie tunkte gerade ein Stück Kohlrabi in ein Schälchen, biss ab, und wiederholte den Vorgang.
„Zweimal dippen gilt nicht“, sagte ich laut.
Sie schaute erschrocken auf und versteckte das übriggebliebene Gemüsestück blitzschnell hinter ihrem Rücken. Ich fand ihre kindliche Reaktion und ihren schuldbewussten Gesichtsausdruck sofort sehr anziehend.
Als sie merkte, wie ihr ganzes Verhalten wohl gewirkt hatte, zog sie in einer übertriebenen Geste Augenbrauen und Schultern gleichzeitig hoch.
„Ich bin nicht immer so“, sagte sie.
„Wie?“
„Na ja, so verunsichert.“
„Ich habe Sie überrascht.“
„Aber das ist es nicht.“
„Nein?“
Sie sah mich direkt an und ließ sich Zeit zu antworten. Ganz so, als hinge von ihrem nächsten Satz der weitere Verlauf unseres Gespräches ab.
„Es ist das Haus, der Anlass. Vielleicht auch die Aussicht“, fügte sie hinzu und deutete mit einer theatralischen Armbewegung auf die großen Fenster, die den Blick auf eine abschüssige Grünfläche und weiter hinten auf die Elbe freigaben.
„Es ist tatsächlich beeindruckend“, sagte ich.
„Es ist fast schon …", sie suchte nach Worten.
„Pervers?“, half ich nach, wobei mir dieser Begriff im Augenblick wirklich zuzutreffen schien.
„Soweit würde ich nicht gehen.“ Sie drehte mir den Rücken zu, schaute hinaus und kaute auf dem Rest Kohlrabi herum. Ihr orangefarbener Rock war sehr kurz. Die weißen, halbhohen Stiefel nicht unbedingt geschmackvoll. Wieso war diese Frau wie für eine Discoparty gekleidet? Wieso erschien sie so auf einer Trauerfeier?
Sie sagte: „Es ist eher so, als wäre diese Aussicht, die riesige Villa erdacht.“
„Erdacht?“
„Ja, wie eine Vorstellung der Wirklichkeit, verstehen Sie?“
„Ein Bühnenbild?“
„Ja, genau, ja. Sehen Sie, da fährt auch noch ein Schiff vorbei!“ Sie wandte sich mir wieder zu und grinste: „Das ist wahnsinnig komisch, Entschuldigung.“
„Komisch?“, sagte ich etwas dümmlich. Es wurde zur Gewohnheit.
„Tut mir leid.“ Sie versuchte ernst zu klingen, aber das misslang ihr. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte.
Sie zeigte mit dem Finger auf mich, dann auf das meterlange Buffet: „Das ist ..., das ist …", stammelte sie.
In mir stieg langsam die Wut hoch: „Wer bist du überhaupt?“, fragte ich etwas zu laut.
Sie musterte mich mit provozierender Direktheit.
„Du siehst aus ... du siehst aus wie eine, eine Bardame!“
Jetzt lachte sie. Ich befürchtete, die anderen Gäste könnten von diesem unangemessenen Heiterkeitsausbruch etwas mitkriegen.
„Eine Bardame!“, sagte sie in gespielter Empörung. „Also, das ist wirklich eine schlimme Bezeichnung!“ Sie kam auf mich zu und legte mir die Hand auf den Arm.
„Eine Bardame“, sagte sie noch einmal kopfschüttelnd.
In meine Wut mischte sich jetzt ein wenig Unsicherheit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich lächerlich gemacht zu haben.
„Jetzt ist aber genug!“, sagte ich, und es klang wenig überzeugend.
„Es tut mir wirklich leid“, sagte sie, „mein Benehmen ist unentschuldbar.“
„So schlimm ist es auch wieder nicht.“
„Doch, doch, du hast völlig Recht. Ich sehe tatsächlich so aus, als käme ich direkt vom Straßenstrich.“ Sie senkte den Kopf ein wenig. „Ich schäme mich.“
„Das nehme ich dir nicht ab“, entgegnete ich noch etwas ungehalten.
„Na ja, schämen vielleicht nicht, aber unangenehm ist mir das Ganze doch.“
„Dann sag mir endlich, wer du bist und warum du so herumläufst. In der Reihenfolge. Vorher sagst du mir aber, was so lustig war.“
„Wenn du es selbst nicht merkst, kann ich es dir auch nicht erklären.“
„Versuch es!“
„Nein!“ Das klang bestimmt.
„Dann eben nicht.“
„Also, ich bin die Tochter des Portiers.“
Mein Ärger verflüchtigte sich vollends: „Des Portiers?“
Sie blickte mich aus allernächster Nähe neugierig an: „Ja, des Mannes, der an so einem Empfangstresen unten am Eingang sitzt.“
„Wirklich? Das ist ... sicher, das ist doch Herr …"
Ich hatte keine Ahnung wie der Mann hieß.
Sie stieß mich an, grinste. „Keine Angst, man kann ja nicht jeden kennen.“
„Ich habe ehrlich gesagt noch nie so darauf geachtet, und außerdem komme ich selten einmal vorbei“, sagte ich.
Sie lächelte: „Ehrlich? Also, ich heiße Claudia Herbst und erscheine in diesem Aufzug, weil mein lieber Vater mich ohne Ankündigung abgeholt und hierher verfrachtet hat. Das hat er übrigens so an sich.“
„Was?“
„Den Wunsch, mich zu demütigen.“
Ich schlug vor, ans Wasser zu gehen. Wir verdrückten uns durch den hinteren Terrasseneingang in den Garten und gingen einen mit hellem Sandstein gepflasterten Weg hinab zur Elbe. Es war ein windiger, aber erstaunlich warmer Herbsttag. Wolken zogen schnell und konstant über den blassen Himmel Richtung Dänemark. Wir schwiegen, was nicht weiter störte. Schließlich gelangten wir an eine kleine künstliche Bucht und einen Steg, an dem meine Jolle vertäut war.
„Donnerwetter“, sagte Claudia.
„Ja, nicht?“
„Siehst du, das meinte ich vorhin, das ist alles so klotzig. Privatanleger. Parkanlage vor der Villa. Segelyacht.“
„Segelyacht ist wohl übertrieben!“
„Es ist aber dennoch ein schönes Bötchen.“
„Das ist es in der Tat“, sagte ich und hatte weiterhin den Eindruck, dass sie mit mir spielte.
Wir schauten eine Weile auf die Elbe.
„Dort drüben ist Finkenwerder“, sagte ich.
Sie drehte ihren Kopf langsam in meine Richtung, kniff die Augen zusammen, runzelte die Stirn, als hätte sie sich verhört.
„Lass den Unsinn“, sagte sie.
„Unsinn?“
Sie ging nicht darauf ein. Stattdessen sagte sie: „Jetzt erzähle mir mal lieber, warum die ganze Feier hier?“
„Ich verstehe nicht ganz.“
„Soweit ich weiß, ist dein Großvater doch schon vor ein paar Wochen in Mexiko gestorben.“
„Vor drei Wochen“, bestätigte ich.
„Warum also die Veranstaltung hier?“
„Die Familie wollte es so.“ Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen.
„Was weiter?“, wollte sie wissen.
„Also, die Beisetzung im Familiengrab in Ohlsdorf.“
„Habt ihr die Leiche etwa tiefgefroren herschippern lassen, oder wie?“
Erstaunt über so viel Unverfrorenheit, blieben mir einfach die Worte weg.
Sie sah mich neugierig an, fast fordernd, und ich überlegte kurz, ob ich das Gespräch nicht einfach abbrechen sollte, antwortete jedoch.
„Natürlich nicht. Großvater wurde in Mexiko eingeäschert. Wir haben die Urne hier beigesetzt, und übrigens sind das wohl Privatangelegenheiten.“
„Privat kommt mir das alles nicht gerade vor.“
Ich spürte wieder Ärger in mir hochsteigen, und auch sie schien mir etwas aufgebracht.
„Hör mal, dies ist eine Gedenkfeier zu Ehren meines Großvaters.“
„Aber ihr habt doch Gott und die Welt eingeladen. Sogar meinen Vater, den Portier.“
Sie war laut geworden, zornig, der sarkastische Unterton wie weggefegt. Jetzt wurde ich neugierig.
„Stört dich irgendetwas?“
„Ja, doch!“
Ich blickte sie fragend an. Sie fuhr sich mit der Hand über die Haare und presste die Lippen zusammen. Ich beschloss abzuwarten. Mir war seltsam zumute. Warum stand ich mit dem Mädchen hier am Wasser? An diesem Steg? Ich wusste, dass die Jolle immer Eindruck schindete. Wollte ich vor ihr angeben? Sie war wirklich hübsch. Sie hatte jetzt die Arme vor der Brust verschränkt, drehte sich weg und ging ein paar Schritte den Steg aufs Wasser hinaus. Der Wind klebte den kurzen Rock an ihren Hintern. Ich hatte es darauf angelegt, und es hatte mir richtig gut getan, mich als so eine Art Großgrundbesitzer zu gerieren. Hatte sie das schon vor mir gemerkt? Peinlich. Ich ging zu ihr.
„Ich frage mich, warum mein Vater in diese erlauchte Gesellschaft geladen wurde. Das passt nicht.“
Sie sprach ruhig und konzentriert.
„Es sind über dreihundert Leute hier, sagte ich. Freunde, Verwandte, die Stiftung.“
„Es passt nicht“, wiederholte sie. „Es ist nicht gut für ihn, nicht gut für mich.“
„Warum?“ Aber ich konnte mir irgendwie vorstellen, warum.
„Er ist ein Idiot“, sagte sie. „Er wird sich wichtig fühlen. Er hat mich hierher geschleift, um mir etwas zu beweisen. Er ist ein Idiot. Wie ein Kind, dem man Bonbons hinwirft. Es bückt sich danach. Es kriecht auf dem Boden herum. Es ist ihm egal, wie das aussieht, und dann hält er triumphierend die Bonbons hoch und stolziert damit herum. Verstehst du. Das Schlimme ist, dass nicht alle aus der Stiftung eingeladen wurden. Warum er, verdammt!“
Ich musste mir eingestehen, ich wusste es nicht, und es sah meiner Familie auch nicht ähnlich, den Portier einzuladen.
„Es wird einen Grund geben“, sagte ich laut. „Vielleicht arbeitet er schon lange bei uns. Vielleicht hat er sich besonders hervorgetan, oder besondere Verdienste?“
„Als Portier? Das wüsste ich“, sagte sie. „Das wüssten alle, glaube mir.“
Ich versprach ihr, der Sache auf den Grund zu gehen.
„Würdest du das tun?“, fragte sie.
„Ja.“
Mir war gleichzeitig klar, dass ich bereit wäre, noch viel mehr für sie zu tun.
Dann sagte sie: „Erzähl mir von deinem Opa.“
Und das tat ich.
Kapitel 7: Südspanien, 2009
Wir stehen in La Botica an der Theke und beklagen uns.
„Alles geht zum Teufel“, sagt José Luís. Er nimmt Haltung an. Sein Körper ist erstaunlich durchtrainiert. Er hebt sein Glas wie zum Abschied.
„Ich sehe da keine Lösung“, sagt Manuel, „aus dieser Krise kommen wir nie wieder heraus.“
Manuel ist der Dorfsanitäter, ein kleiner Mann, etwas dicklich mit einem Topfhaarschnitt aus den Sechzigern. Und er sagt jeden Tag das Gleiche. Er wiederholt diese Behauptung gebetsmühlenartig. Anscheinend spendet sie ihm Trost. Er trinkt sein Bier und murmelt: Nie wieder.
Paco, dem die Pizzeria um die Ecke gehört, sagt: „Ich habe dich gewarnt, Manuel, wenn ich noch einmal das Wort Krise aus deinem Mund höre, gibt’s eine Ohrfeige.“ Er hebt drohend die Hand. Paco ist eine elegante Erscheinung. Er sieht ein wenig aus wie Tom Selleck.
„Hey“, fährt José Luís dazwischen, „lass ihn lieber eine Runde zahlen.“
„Der hat doch noch nicht mal Geld, um sein eigenes Bier zu zahlen, du hingegen …"
José Luís ist Marineoffizier im Ruhestand und wohl der einzige der Jungs, der einigermaßen entspannt in die Zukunft schauen kann.
„Ihr seid doch wirklich Arschlöcher. Was kann ich dafür, dass ich, im Gegensatz zu euch, einen anständigen Beruf hatte?“
„Anständig?“, murmelt unsere Freundin Estrella, die sich jeden Tag nach der Schule betrinkt und die jetzt, es ist kurz vor sieben, schon wieder bedenklich vor der Theke schwankt. Wir wissen, sie wird noch eine Weile durchhalten, und dann wird ihr einer von uns helfen, nach Hause zu kommen. Im Dorf ist es kein Geheimnis, dass Estrella trinkt, dass sie auch manchmal mit irgendeinem Touristen in ihrem Bett aufwacht oder im Sommer am Strand. Aber sie ist eine gute Lehrerin. Sie fühlt sich in die Kinder ein, spricht mit deren Eltern, schlichtet öfter Streitigkeiten als der Pfarrer und erwirkt sogar, wenn nötig, einen Kreditaufschub. Erwiesenermaßen verdanken ihr mindestens drei Familien im Dorf die Tatsache, dass die Bank sie noch nicht aus ihren Häusern geschmissen hat. Wichtig ist nur, dass man Estrella vor zwei Uhr mittags erwischt. Danach widmet sie sich mit derselben Leidenschaft, die alle ihre Handlungen bestimmt, dem Alkohol. Soweit ich weiß, und ich kenne sie seit Jahren, möchte sie es nicht anders.
„Anständig sind wir alle“, sagt Paco, „sogar der Ausländer hier.“
„Vielen Dank, wir Ausländer sind auch nur Menschen“, sage ich.
„Ihr habt uns den Euro gebracht und die Schulden“, sagt Manuel.
„Auch ich, der Ausländer, habe Schulden. Ich habe nur beschlossen, sie nie zurückzuzahlen.“
„Dann hast du dich aber nicht in Spanien verschuldet, sagt Paco, denn hier in diesem paradiesischen Land hätten sie dir schon längst dein Apartment weggenommen. Hier verjähren die Schulden nie, sie bleiben bis über den Tod hinaus bestehen. Du bist bestimmt woanders auf die Schnauze gefallen, hast dein Geld bei uns versteckt und genießt unsere Sonne.“
„Erwischt“, sage ich, froh darüber, dass sie meine wahre finanzielle Situation nicht kennen. In Wirklichkeit habe ich keinerlei Geldsorgen.
Manuel schaut auf eine Olive und sagt: „Trotzdem seid ihr Ausländer für diese Misere verantwortlich.“
„Wir brachten euch aber auch die moderne Welt.“
Alle lachen.
„Scheiß auf die Moderne“, murmelt Estrella und bestellt einen Gin-Cola.
„Will hier jemand behaupten, früher wäre es besser gewesen? Hat euch jemand ins Hirn gekackt?“, schreit Paco. „Früher war auch alles zum Kotzen, nur, wir haben es nicht gemerkt. Damals, damals, ich kack auf damals! Nur für José Luís war es besser, nicht, Kumpel, das Militär und Franco, wunderschön! Der Hurensohn vermisst bestimmt die verdammte Ordnung.“
„Leck mich doch am Arsch“, sagt José Luís und schiebt sich ein Stück Schinken in den Mund.
„No pasarán“, murmelt Estrella. „Jetzt kommt alles zurück, wie eine Welle aus Dünnschiss. Es lebe der Opus Dei.“
„Da kommen wir nie mehr raus, nie mehr“, sagt Manuel.
„Die Sozialisten haben das Geld in rauen Mengen verteilt, und wir wundern uns, dass nichts mehr da ist. Spanien ist am Arsch, glücklich werden wir hier nicht mehr“, sagt Paco. „Was meinst du, Ausländer?“
„Ich denke, Glück und Angst schließen sich nicht gegenseitig aus. Man kann glücklich und ängstlich zugleich sein.“
„Du spinnst“, sagt José Luís.
„Wie, Angst?“, fragt Manuel.
„Ausländer sind nun mal komisch, und ich werde nicht müde, das immer wieder zu unterstreichen“, sagt Paco.
Ich überlege und sage dann: „Ich werde versuchen, euch das zu erklären. Es gibt da ein französischen Film mit Jean Rochefort und dieser hübschen Schauspielerin, ich weiß nicht, wie sie heißt …"
„Kack auf die Franzosen!“, schreit José Luís.
„Nein, wirklich“, sage ich, „das ist jetzt ernst. Also der Film heißt ‚Der Mann der Friseuse‘, ist schon eine Weile her. Es geht um die große Liebe und um das Glück, das sich selbst genug ist. Eigentlich um das Glücklichsein, das so unendlich ist, so perfekt, dass es nicht übertroffen werden kann. Versteht ihr? Ein Glück so groß, dass danach nichts mehr kommt. Kein Wunsch, keine Illusion, keine Hoffnung auf mehr. Etwas jenseits der unmittelbaren Gegenwart ist schlicht unvorstellbar, die Zukunft birgt kein Versprechen mehr, keine Verheißung. Jetzt ist das alles umfassende Glück.“
„Die Hölle“, murmelt Estrella.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall ist da dieser Typ, Rochefort, der sich in eine Friseuse verliebt und sie sich in ihn. Fortan sitzt er den ganzen Tag in ihrem Salon, versteht ihr? Er tut nichts, außer ihr zuzusehen, wie sie den Leuten die Haare wäscht, sie schneidet. Er hört die Gespräche, den Klatsch, das ganze Leben in diesem Mikrokosmos, in dem er sich immer wohler fühlt, den er immer mehr beherrscht. Sie sieht ihn da sitzen auf einem der Kundenstühle, jeden Tag, vielleicht ein paar Jahre und liebt ihn immer mehr. Sie sehen sich manchmal an, sie reden nicht viel. Irgendwann ist ihnen diese kleine Welt genug. Sie verlassen sie nicht mehr. Über dem Salon ist die kleine Wohnung, in der sie kochen und leben. Einmal feiern sie ein Fest für sich. Sie betrinken sich an den Duftwässerchen und Lotionen und lachen. Es ist die schönste Szene. Ihre Liebe ist vollkommen und wunschlos.“
„Du meinst, die saufen das Parfüm wirklich?“, fragt Manuel.
„Ja, wirklich. Sie wachen am nächsten Morgen mit einem fürchterlichen Kater auf. Es geht immer so weiter. Er sitzt im Salon, liest vielleicht mal die Zeitung, unterhält sich mit den Stammkunden, erfährt ihr Leben, braucht nicht mehr. Und auch sie ist glücklich, aber …"
„Aber was?“, fragen meine Freunde.
„Aber dann kommt bei ihr die Angst, und das wollte ich euch klarmachen. Sie erkennt plötzlich, das dauert nicht lange, die Ausweglosigkeit der Situation. Was passiert, wenn das hier endet, wenn das hier aufhört, wenn es sich auch nur ändert, und sie weiß, es wird enden, so wie alles irgendwann einmal endet. Oder wenn es sich ändert, dann nur zum Schlechten. Sie stellt sich den ungeheuren Verlust vor, den Schmerz. Der Gedanke, ihm könnte womöglich etwas zustoßen, ist ihr unerträglich, bedroht ihr schieres Dasein. Sie trifft eine klare und unwiderrufliche Entscheidung. In einer stürmischen Nacht, sie hat gerade die Kasse abgerechnet, während er vor ihr sitzt, sie anschaut. Sie sagt irgendwas, ich weiß nicht mehr, ob sie sagt: ‚verzeih mir‘ oder ‚ich liebe dich‘. Sie stürzt aus der Tür, läuft die Straße entlang durch den heftigen Regen und springt in die tosenden Fluten eines Staudamms.“
„Sie bringt sich um?“, fragt Paco entsetzt, „warum?“
„Sie ist feige“, sagt Estrella plötzlich ganz klar.
„Ja, feige ist vielleicht richtig. Aber was mich interessiert, ist diese fürchterliche Angst vor der Glücklosigkeit. Sie zieht es vor zu sterben, um nicht in dem Bewusstsein leben zu müssen, einmal das größte Glück, die größte Liebe verloren zu haben. Versteht ihr, wenn man sehr glücklich ist, dann hat man doch auch gleichzeitig immer Angst, nicht mehr glücklich zu sein. Mir ging es auf jeden Fall einmal so. Das ist lange her.“
„Da verhindert sich das Glück doch selbst“, sagt José Luís. „Das ist doch absurd.“
„Das ist das jüdisch-christliche Joch der Schuld, das wir mit uns herumschleppen“, murmelt Estrella wieder.
„Ich glaube, das liegt außerhalb der Schuld. Die Angst im Glück ist eher ein Unvermögen, vielleicht mein Unvermögen.“
„Also, wenn ich das richtig verstehe, hast du keine Angst vor dem Glück, sondern der Zustand an sich erzeugt die Angst“, fragt José Luís nachdenklich.
„Ja, so ist es. So kommt es mir allmählich vor.“
„Und behindert es dich?“
„Ich denke nur oft an diesen Film. Aber jetzt hab ich Hunger.“
„Und was hat das Ganze mit Spanien zu tun?“, fragt Paco.
„Eigentlich nichts, sage ich. Es hat eher mit Glücklichsein zu tun.“
„Na dann“, sagt Manuel, „dann lass uns noch was trinken.“
Dann kommt Adriana zur Tür herein. Die Sonne steht tief, und es wird langsam kühler. Ich bestelle ihr ein Bier, gebe ihr ein Küsschen und trinke. Ob ich nun will oder nicht, es ist tatsächlich so etwas wie Glück.
Kapitel 8: Nordmexiko, 23. Juli 1994
Mein Vater starb am Tag, nach dem die Bruchstücke des Kometen Shoemaker-Levy in den Jupiter gestürzt waren. Ich erinnere mich genau an die Bilder im Fernsehen. Das Aufprallen. Die ringförmigen Explosionen. Ich stellte mir vor, wie die Trümmer in diesem Gasriesen verschwanden, hineintauchten in die wabernde Masse, in die unendlich fließenden Wolkenbänder, in die Nebelgeschwüre. Ein kurzes Aufflackern, weit entfernt, nichts weiter. Gut sichtbar war der rötliche Wirbelsturm, der seit Hunderten von Jahren tobt und der wahrscheinlich für immer toben wird. Und wäre die Erde getroffen worden? Ich ging schlafen und träumte von kilometerhohen Flutwellen, die auf mich zu rasten wie flüssig gewordene Bergketten. Mir stockte der Atem, ich wachte auf. Da war mein Vater wohl bereits tot.
Der Jupiter, so las ich am nächsten Morgen, ist so riesig, dass er fast eine Sonne geworden wäre. In das Loch, das der größte Brocken in die Atmosphäre riss, passte die Erde zweimal hinein. Auf dem Foto in der Zeitung sah man die Wunden in der südlichen Hemisphäre des Planeten. Dunkle Flecken, die bald darauf wieder verschwinden würden. Ich erfuhr, dass die Masse des Jupiters das Sonnensystem stabilisiert, dass wir ohne Jupiter schon längst von Asteroiden zerschossen worden wären, wir überhaupt nicht existierten.
Das Telefon klingelte, und ich hörte die Stimme meiner Mutter. Sie drang zu mir vom anderen Ende der Welt. Zuerst verstand ich nicht, was sie sagte. Sie nuschelte und schluchzte. Ich klemmte mir den Hörer unters Kinn und faltete meine Zeitung zusammen. Sie war wohl wieder betrunken.
„Papa ist tot“, sagte sie.
Ich schwieg und dachte an Steine, die kugelschnell durchs All schießen, bis sie auf ein Hindernis treffen.
„Papa ist tot.“
Was sollte ich sagen? Ich hatte plötzlich Angst, nichts zu empfinden.
Ich hatte Angst, meine Mutter würde merken, dass ich im Augenblick wirklich nichts empfand.
Auch keine Leere.
Ich fragte: „Wie denn?“
Aber eigentlich war sein Tod alles andere als überraschend. Er war angekündigt worden. Immer wieder, wochenlang. Ein Zustandsbericht, der sich hinzog, der sich abnutzte, sich wiederholte und der schließlich zu einer störenden, ewigen Leier verkam.
Nach Jahren der Stille, des vollständigen Bruchs mit ihr, fast jeden Tag die Klagen meiner Mutter. Es geht ihm schlecht und schlechter und wieder besser. Stundenweise.
Ein Sterben über Wochen. Wobei ich kein Mitleid spürte. Keine Sympathie, sondern in erster Linie Verantwortung und das ständige Bedürfnis zu agieren. Aber wohin?
Die Zeit, meine Zeit, wurde eingeteilt, zerrissen, zerbröselt. Ich wurde eingesperrt in ein Wartezimmer, in den Vorraum des Todes.
Immer in Erwartung.
Ich sah den Krebs vor mir. Wie er sich durch die Eingeweide meines Vaters fraß. Ich sah ihn in seinem Bett dahinsiechen, während mir meine Mutter pünktlich Bericht erstattete. Mir anschaulich darlegte, wie sie ihm die Windeln wechselten und er sich immer öfter nachts einschiss. Sie erzählte mir, dass er manchmal vor Schmerzen schrie. Jetzt haben wir einen Morphium-Dosierer, sagte sie. Sie sagte wir.
Ich folgte dem Verlauf der Krankheit, die irgendwie einen anderen befallen hatte. Nicht meinen Vater, mit dem ich nie mehr sprach, der nie nach mir fragte und der irgendwann zum Sujet meiner Mutter geworden war.
Jetzt hörte ich wieder ihre Stimme, ihr Weinen.
„Papa ist tot.“
Und ich dachte gar nichts. Legte auf.
Dann fing ich an, die beste Flugverbindung nach Hamburg herauszusuchen.
Später ließ ich das Telefon einfach klingeln. Ich hatte es mir verdient, nicht mehr abzunehmen.
Kapitel 9: Südspanien, 2009
Wir fahren an der Küste entlang Richtung Cadiz. Es ist wieder ein heißer, gleißender Tag. Die Air Condition läuft. Wir hören Musik von Peter Gabriel. Adriana hat ihren freien Tag und mich gedrängt, etwas mit ihr zu unternehmen. Ich fügte mich.
„Wie geht es mit deinen Notizen voran?“
„Besser als gedacht.“
„Wo bist du gerade?“
„Ich habe gestern an meinen Großvater gedacht und habe über den Tag seiner Beerdigung in Hamburg geschrieben.“
„Der Tag, an dem …"
„Genau, der Tag, an dem ich Claudia kennenlernte.“
Adriana beobachtet mich jetzt genau. Sie kennt mich und fragt nicht weiter.
Und über Claudia würde ich ihr auch nicht viel mehr erzählen. Es war schlimm genug, dass sie überhaupt von ihr erfahren hatte. Ich ärgerte mich immer wieder über meine betrunkene Geschwätzigkeit vor Jahren.
Vorne, auf der rechten Seite hat man Salz zu einem kleinen, etwa zwanzig Meter hohen Hügel aufgeschüttet. Ich mache Adriana darauf aufmerksam.
„Komisch, so ein greller weißer Zipfel mitten in der Landschaft, findest du nicht?“
„So sauber“, sagt sie.
„Ich wusste gar nicht, dass die noch so viel ernten.“
„Doch, doch“, sagt sie.
„Die sollten das wie die Franzosen vermarkten. Von oben abschöpfen und behaupten, es schmecke besser.“
„Tut es doch“, sagt sie. Gleich kommt die Abbiegung nach Puerto de Santa Maria.
„Wo fahren wir hin?“, frage ich.
„Geradeaus nach Cádiz. Lass uns Essen gehen.“
Nach einer Weile sage ich: „Ich denke an meinen Großvater. Das ist schon ewig her. Trotzdem glaube ich, es hat mehr mit mir zu tun als damals.“
„Und jetzt?“, sagt Adriana.
„Jetzt fallen mir Sachen ein.“
„Was zum Beispiel?“
„Wie ich ihn vor mir sehe, plötzlich ganz klar.“
„Du wirst alt“, sagt sie. „Du schaust zurück auf eine endlose Landschaft. Sie taucht hinter dir aus dem Nebel auf.“
„Tiefsinnig“, sage ich.
„So bin ich“, sagt sie. „Erzähl, wir haben noch Zeit, bis wir ankommen.“
„Also“, fange ich an. „Das erste, was mir einfällt, er saß immer im kleinen Frühstückszimmer, gleich neben der Küche. Es gab da eine Schwingtür mit einem runden Bullauge im oberen Drittel. Ich war zu klein, um dort hindurch zu gucken. Zwei oder dreimal flog mir die Tür schmerzhaft entgegen, wenn sie von der anderen Seite jemand schwungvoll aufstieß. Im wirklich sehr kleinen Zimmer stand ein runder Tisch. Eingerahmt wurde er von einer halbkreisförmigen Bank, wie in diesen amerikanischen Restaurants. Die Bank war mit grünem Kunstleder bezogen. Unter einem Fenster stand eine einfache Kommode aus hellem Holzfurnier.“
„Klingt scheußlich“, sagt Adriana.
„War es auch, und der Linoleumboden tat sein Übriges. Es war der kärglichste Raum im ganzen Haus, aber Großvater hielt sich dort am liebsten auf. Vielleicht hörte er gerne das Rumoren aus der Küche oder mochte die Gerüche, die zu ihm durchdrangen. Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass ich immer neben ihm auf der unbequemen Bank saß und in den Garten schaute.“
„Warst du öfter in Mexiko?“, fragt Adriana und bringt Peter Gabriel zum Schweigen.
Mittlerweile haben wir San Fernando umfahren. Die Landschaft ist flach, geprägt von Meerwassersalinen, von Becken, Gräben und trockenen Sträuchern. Ab und zu weißgekalktes, verwittertes Gemäuer. Ruinen, deren ursprünglicher Zweck längst vergessen ist.
„Meine ganze Kindheit. Ich bin erst als Jugendlicher mit meinen Eltern nach Hamburg gezogen. Ich bin praktisch im Haus meiner Großeltern aufgewachsen. Meine Oma ist früh gestorben, ich glaube an Typhus. Sie ist vollkommen aus mir verschwunden. Mein Großvater ist präsent. Stets korrekt gekleidet. Dunkler Anzug. Uhrkettchen. Hose mit Aufschlag. Wenn er aus dem Haus ging, trug er stets einen grauen Stetson, wie die Gangster in den Mafiafilmen der Fünfzigerjahre. Er ließ sich vom Chauffeur in seinem Chrysler in die Firma fahren. Manchmal durfte ich mit. Im Auto roch es nach aufgeheiztem Stoff, nach der Pappe der Hutablage und nach Vanille. Der Chauffeur trug Uniform und eine Schirmmütze.“
„Im Ernst?“
„Wenn ich es dir doch sage.“
„Weiter“, sagt sie.
„Noch eine Geschichte, die ich aber nicht selbst miterlebt habe. Mir wurde erzählt, dass er früher, lange vor meiner Zeit, gerne mit seinem Gewehr herumballerte. Er gab Warnschüsse ab, wenn mal ein Vertreter oder sonst jemand Unerwünschtes am Gartentor klingelte.“
„Offenbar ein Exzentriker“, sagt Adriana.
„Ich habe das Gewehr in der Hand gehabt.“
„Du hast damit geschossen?“
„Ja, Großvater bestand darauf. Es war eine Winchester 30/30, schwer und mit gewaltigem Rückstoß. Angeblich hat es ein mexikanischer Revolutionär meinem Großvater aus Dankbarkeit geschenkt.“
„Worauf hast du geschossen?“
„Wir fuhren aus der Stadt, aber nicht weit. Es gibt da einige Berge im Süden und Wälder, in denen man früher keinen Menschen traf. Mein Großvater jagte dort Hasen und sonstiges Kleingetier. Er nahm auch seine Hunde mit. Zwei Beagles. Ich durfte auch schießen, habe aber nie etwas getroffen.“
„Absichtlich?“
„Nicht absichtlich“, sage ich. „Ich habe mich damals sehr geschämt. Ich hätte sehr gerne etwas erlegt.“
„Und deine Eltern?“, fragt sie.
„Was soll mit denen sein?“
„Wo waren die? Sind die mitgekommen?“
„Eigentlich nicht. Mein Vater und mein Großvater, das war eher problematisch.“
„Inwiefern?“
„Mein Großvater war anderer Meinung als mein Vater. Politisch, und überhaupt. Sie haben nicht viel darüber geredet, und doch stand es immer im Raum, zumindest habe ich im Nachhinein den Eindruck. Ich glaubte lange, Vater sei das egal. Erst sehr spät schlich sich bei mir der Verdacht ein, dass er sich sich immer missverstanden fühlte. Aber da war er bereits tot. Die Abwendung voneinander liegt wohl in der Familie. Das Bedürfnis, mehr über meinen Vater und meinen Großvater zu wissen, hat mich schon vor fast dreißig Jahren aus der Bahn geworfen, um es gelinde zu sagen. Jetzt stehe ich vor der Aufgabe, es aufzuschreiben.“
„Das solltest du unbedingt. Du hast ja sonst nicht viel zu tun.“
„Und ich gehe dir auf die Nerven“, sage ich.
„Und du gehst mir auf die Nerven“, sagt Adriana.
Wir fahren über die enge Landzunge, die das Festland an der Bucht mit der Stadt Cadiz verbindet. Rechts der Hafen, links das offene Meer und ein unendlicher Sandstrand, der weit hinein in die Innenstadt ragt. Ich lasse mein Seitenfenster herunter und schalte die Klimaautomatik aus. Die Luft riecht nach Hitze, Salz und Meer.
„Hast du Hunger?“, fragt Adriana.
„Klar“, sage ich.
„Zuerst ein Bierchen?“
„Mindestens“, sage ich.
Kapitel 10: Texas und Mexiko, 1988
Auf der Main Street hatte man die Ampeln ausgeschaltet. Nur das Gelblicht blinkte warnend an den Kreuzungen.
„Halte dich bloß an die Geschwindigkeit“, sagte ich.
Rodrigo hielt es nicht für nötig zu antworten. Er gab ein bisschen Gas. Er wollte mich ärgern. Sollte er doch. Ich sah zu ihm herüber und dachte: Mit der dunkelhäutigen mexikanischen Fresse und den schulterlangen, schwarzen Haaren halten sie uns bestimmt an. Und dann dachte ich: Da ist es auch egal, wie schnell er fährt.
„Arschlöcher“, sagte er jetzt.
Er meinte wohl die Gruppe Chicanos, die neben ihren aufgemotzten Autos auf dem hellerleuchteten und leeren Parkplatz der Mall herumstanden und die förmlich darauf warteten, von der Polizei verscheucht zu werden. Vielleicht hatten sie sich aber auch dort versammelt, um von anderen trüben Geschäften in der Nähe abzulenken.
Ein paar Minuten später bogen wir in die Straße Richtung Flughafen ein. Es ging vorbei an einem kleinen Golfplatz, der um diese Zeit durch Rasensprenger bewässert wurde. Auf einer etwas abseits gelegenen eingezäunten Anlage übten einige Unverbesserliche ihre Abschläge im Flutlicht.
Bald darauf tauchte der Flughafen auf. Er war nicht groß. Ein flaches Terminal mit drei Schaltern, einem Gate, einem separaten Ankunftsbereich und einer Cafeteria. Wir ließen die Gebäude hinter uns und gelangten schließlich zu einer Toreinfahrt mit der Aufschrift: „Fracht — Nur Flughafenpersonal“. In einem kleinen Häuschen saß ein Wachmann. Als er uns bemerkte, kam er heraus, näherte sich vorsichtig und schaltete seine Taschenlampe ein. Sobald er sich vergewissert hatte, dass wir es waren, ging er zurück in sein Kabuff, drückte auf einen Knopf, und das Tor glitt auf.
Wir hatten den Kerl schon bestochen, als wir vor zwei Tagen das Zeug ins Flugzeug luden. Außerdem war er vermutlich mit Rodrigo in andere Geschäfte verwickelt. Aber wer konnte das schon so genau wissen. Er würde den Mund halten, soviel war sicher.
Wir befanden uns auf dem Vorfeld, fuhren an Privatmaschinen unterschiedlicher Größe vorbei zu den Hangars. Aus einem fiel Licht. Wir parkten das Auto in der Nähe und stiegen aus. Die Nacht war feucht und sehr warm. Ganz in der Nähe hörte ich lautes Zikadengeschrei. Dann schwoll es ab. Es roch leicht nach Kerosin und Teer. Mir wurde ein wenig schummrig, und ich stützte mich am Hangar ab. Die Wellblechwand kühlte meine Handfläche und vermittelte mir ein kurzes Gefühl von Wirklichkeit. Ich wusste nicht, ob ich das gut fand.
Rodrigo blieb stehen. „Was ist los? Musst du kotzen, oder was?“
Ich wollte keinesfalls Schwäche zeigen und sagte: „Fick dich.“
Er starrte mich an und ging dann weiter. Ich atmete tief durch. Der Schwindel verflog.
Als wir durch das riesige Schiebetor in den Hangar traten, war ich zunächst geblendet. Drei überdimensionale Scheinwerfer waren auf das Flugzeug gerichtet.
Ich blinzelte, gewöhnte mich an die Helligkeit. Da stand sie. Die alte DC3. Man hatte ihr vor Jahren einen schmutzig-braunen Anstrich verpasst und damit nur notdürftig die militärischen Tarnfarben überlackiert. Ich wollte gar nicht wissen, im welchem Krieg sie bereits geflogen war, vielleicht hatte sie ja auch als Rosinenbomber bei der Berliner Luftbrücke ihren Dienst geleistet.
Die Tür hinter dem Flügel stand offen. Davor, auf einem kleinen Metalltreppchen, hockte der Pilot und rauchte. Mein erster Eindruck bestätigte sich: Er sah irgendwie verwahrlost aus. Aber er war uns wärmstens empfohlen worden.
Ein paar Wochen zuvor hatten wir Kontakt aufgenommen. Das war nicht einfach gewesen. Nach zahllosen Telefonaten wurde ein Treffen mit einer Frau, die sich selbst „La Marinera“ nannte, vereinbart.
Das mexikanische Viertel von McAllen lag im Südosten der Stadt. Nur die auf Englisch durchnummerierten Straßenschilder gaben einem das Gefühl, noch in den USA zu sein. Ansonsten sah es genauso aus wie südlich der Grenze. Flache, höchstens zweistöckige Gebäude, vergitterte Fenster, bunt angemalte Häuserwände, Graffiti auf fast jeder verfügbaren Fläche. Unzählige kleine und kleinste Läden, in denen Kleidung, Spielzeug oder Haushaltswaren auslagen. Dazu Reparaturwerkstätten und Frisiersalons mit ihren charakteristischen blauweißen Figaro-Emblemen, Tortillerias, Bäckereien und eine nach vorne offene Metzgerei. Fettig glänzende Würste und Fleischteile, die aussahen wie abgerissene, blutige Gliedmaßen, hingen an Haken. Am Straßenrand Hot-Dog-Wägelchen und Eisverkäufer. Auffallend war noch, dass tatsächlich Menschen zu Fuß unterwegs waren, Kinder hin und her rannten, man hörte sie kreischen, lachen, hörte Gesprächsfetzen, Hundekläffen und Musik. Die stille Welt der Anglos am anderen Ende der Stadt war weit, weit entfernt.
An einer Ecke stand im Schatten einer Markise, so wie es uns gesagt worden war, La Marinera und verkaufte Lose. Wir fuhren langsam mit dem Auto heran. Sie war sehr alt. Ihr weiß-gelbliches Haar war zu zwei Zöpfen geflochten. Sie baumelten auf ihrer eingefallen Brust und einer ausgeblichenen rosa Rüschenbluse.
„Hey“, rief Rodrigo und hupte.
Die Alte schaute zwar in unsere Richtung, blieb aber stumm. Auf einem kleinen Holztisch lagen ausgebreitet ihre Lose.
„Hey“, rief Rodrigo noch einmal.
Die Alte hielt ein Los hoch und sagte: „La Suerte.“
„Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte ich Rodrigo.
„Nur die Marinera weiß, wo der Pilot ist, sagt mein Cousin.“
„Wieso?“
„Ich habe es dir schon vorhin gesagt. Es ist so“, sagte Rodrigo.
„La Suerte“, kam es diesmal etwas lauter von der Alten. „In einer halben Stunde“, sagte sie gleich darauf.
Ich fand das Ganze langsam lächerlich. Ich war müde, und die Straßenszene rollte zweidimensional vor mir ab. Der bläuliche Schatten der Markise auf dem Pflaster wie ein weicher Sumpf in der Sonnenfläche. Die Alte eine verschwommene Erscheinung weit außerhalb des heißen Autos. Den Grund unseres Hierseins war für mich plötzlich nicht mehr nachvollziehbar. Ich ekelte mich. Aber jetzt schnell woanders hin zu wollen, machte auch keinen Sinn. Meine Schläfen pochten. Mein Herz schlug. Ich atmete. Ich könnte die Luft anhalten. Einfach aufhören.
Ich spürte, dass Rodrigo anfuhr.
„Was ist los“, bemühte ich mich zu sagen.
„Ich glaube, es gibt hier eine Taqueria in der Nähe, die La Suerte heißt.“
„Ein Glück“, sagte ich.
Er saß am Tresen. Wir wussten, dass er unser Mann war, weil sich sonst keine anderen Gäste dort aufhielten. Wir nahmen auf den Barhockern neben ihm Platz. Die Bedienung wischte mit einem feuchten Lappen vor uns herum. Bevor wir etwas sagen konnten, bestellte er für uns geeistes Tamarindenwasser. Nun gut, dachte ich.
Der Mann drehte sich mitsamt Barhocker um 180 Grad und hob sein Glas. Wir tranken. Ich glaube, Rodrigo war genauso erstaunt wie ich. Wir sahen uns mit einer ausgemergelten Gestalt konfrontiert, deren Alter schwer einzuschätzen war. Der Kopf war auffallend klein, das Gesicht von unzähligen Falten durchfurcht und irgendwie länglich. Mit den großen Ohren und den buschigen Augenbrauen erinnerte es mich entfernt an Bert aus der Sesamstraße, aber mit blondem Haardeckel. Gekleidet war er in eine Militärjacke, die an seinen Schultern hing wie an einem Kleiderbügel. Seine Füße steckten in riesigen Kampfstiefeln, in die auch seine Khakis mündeten. Er leerte sein Glas, stellte es mit einer unendlich langsamen Bewegung hinter sich auf den Tresen und sagte:
„Ich bin Capitán.“
Bis auf vier oder fünf kümmerliche Exemplare waren ihm die Zähne ausgefallen. Er schnalzte mit der Zunge: „Ihr braucht einen Piloten, richtig?“
Rodrigo nickte.
Dann nickte ich auch.
Er muss uns damals wirklich überzeugt haben. Wir vertrauten ihm schließlich unser Leben an. Capitán. Ein Mann, der etliche Schlachten und Katastrophen überlebt hatte. Er wirkte mit seiner sehr ruhigen und klaren Art unverwundbar.
Er starb wenige Monate nach unserem Flug, als er in Mexiko in einen Hinterhalt geriet, an einer Schussverletzung.
Nach all den Jahrzehnten sehe ich ihn deutlich vor mir in jener Nacht in dem Flughangar in McAllen.
Er rauchte und kam uns grinsend entgegen. „Alles klar, Jungs?“, fragte er.
„Alles klar.“
„Kommt, helft mir, das Tor hier aufzuschieben.“
Es ging leichter, als ich dachte. In der Dunkelheit konnte ich die blauen Randfeuer an der Rollbahn erkennen. Dann stiegen wir in die Maschine. Bis auf eine Sitzbank auf der rechten Kabinenseite hatte man das Innere leergeräumt. In der Mitte, über die ganze Länge des Rumpfes verteilt, stapelten sich unsere festgezurrten Kisten.
Capitán ging gleich nach vorne durch ins Cockpit. Er setzte sich Kopfhörer auf und sprach über Funk mit dem Tower. Rodrigo stand noch unschlüssig herum. Ich hatte mich in einen der unbequemen Sitze an der Seite gezwängt. Wir warteten. Nach einer Weile ging ein kleiner Ruck durch die Maschine. Ich merkte, dass wir langsam aus dem Hangar gezogen wurden.
„Hey, einer von euch sollte mal seinen Hintern nach vorn bewegen“, rief Capitán.
Rodrigo zuckte gleichgültig mit den Schultern. Ich fragte mich, ob seine Gelassenheit wohl gespielt war, aber andererseits hatte er sich nie durch besonderes Temperament hervorgetan.
„Hier neben mich“, befahl Capitán. „Und lass die Finger von der Steuerung.“
„Ich werde den Teufel tun“, sagte ich und starrte auf die Instrumententafel. Mir fiel auf, wie eng es hier war. Ich versuchte, die Pedale im Fußraum nicht zu berühren. Ich hatte das Gefühl, in einem Kleinwagen mit gedrungener Motorhaube zu sitzen, die geteilte Windschutzscheibe unmittelbar vor mir. Aus dem Seitenfenster konnte ich den rechten Propeller sehen, der jetzt begleitet von zwei oder drei Fehlzündungen zum Leben erwachte.
„Schieb das Fenster ruhig auf und atme den köstlichen Duft ein“, schrie Capitán in den Krach der Motoren.
Der linke Propeller lief jetzt auch.
Das Fahrzeug, das uns herausgezogen hatte, entkoppelte und verschwand.
Capitán drückte sachte einen Hebel nach vorn und wir rollten. Es ging zügig, wir waren das einzige Flugzeug auf dem Rollfeld. Ich spürte jede Fuge im Beton. Es klapperte blechern. Capitán drehte an diversen Knöpfen. Dann sagte er noch etwas in sein Mikro, aber ich hörte nur ein immer lauter werdendes Dröhnen, als er den Hebel noch weiter vorschob und mit großem Schwung auf die Startbahn einlenkte.
Mir kam es endlos lange vor, bis die Maschine endlich die Nase hob und in den schwarzen Himmel eintauchte. Wir stiegen nicht steil hoch, eher in einem sehr flachen Winkel. Unter mir flogen Straßenlaternen und ein paar angestrahlte Werbeflächen bedrohlich nah vorbei. Ich konnte sogar Mezquitesträucher und Kakteen erkennen, die unsere Scheinwerfer für eine Sekunde aus der Nacht rissen.
Schließlich drosselte Capitán die Schubkraft. Der Höhenmesser zeigte 1200 Fuß.
Erstaunt bemerkte ich die heiße Luft auf meinem Gesicht und schloss das Seitenfenster. Es wurde sofort leiser. Capitán grinste mich zahnlos an und sagte:
„Wir fliegen jetzt westlich auf US-Territorium immer der Interstate 2 entlang Richtung Mission, La Joya und verabschieden uns pünktlich von dem Kontrollpunkt in Harlingen. Dann drehen wir südöstlich und überqueren die Grenze nach Mexiko, bis wir auf die Autobahn 40 Monterrey-Reynosa stoßen. Der folgen wir weiter südöstlich etwa eine Dreiviertelstunde mit 145 Knoten, bis wir das Funksignal empfangen. In McAllen habe ich als Zielflughafen Monterrey International angegeben. Sobald wir uns in mexikanischem Luftraum befinden, melde ich mich und sage wir wollen zu einem Sportflughafen in der Nähe von Monterrey. Ich glaube nicht, dass wir die besonders interessieren, zumal wir in unkontrolliertem Luftraum fliegen.“
„Wie hast du denn die Fracht deklariert?“, fragte ich.
„Gefälschte Papiere. Aber dicht an der Wahrheit. Elektrogeräte und so. Die Amerikaner kümmern sich nicht wirklich darum, was ihr Land verlässt. Umgekehrt ist das sehr viel schwieriger.“
Es war eine klare Nacht. Der fast volle Mond hing über der kargen Landschaft.
„Da ist sie ja schon“, sagte Capitán.
Die Interstate 2 war deutlich erkennbar als ein schnurgerades Band, dunkler als die blasse und sandige Erde zu beiden Seiten. Zwei Autos fuhren weiter vorne Richtung Westen. Es hatte etwas Beruhigendes, sie dahingleiten zu sehen. Kleine leuchtende Punkte, die sich beharrlich ihren Weg bahnten. Wir ließen sie schon bald hinter uns.
„Wir könnten uns jetzt eine Weile unterhalten“, sagte Capitán.
„Worüber?“
„Na über euch, ihr Clowns!“
„Wie meinst du das“, sagte ich und versuchte meiner Irritation Ausdruck zu verleihen, was bei dem hohen Geräuschpegel in der Kabine ziemlich schwierig war.
„Na, ihr seid nicht unbedingt die hartgesottenen Schmuggler.“
„Wir machen nur Geschäfte.“
„Das geht auch einfacher. Und seien wir einmal ehrlich, was bleibt euch denn nach Abzug aller Kosten noch? Ich und meine alte Kiste hier sind schließlich nicht billig.“
„Es bleibt genug“, sagte ich, obwohl ich es nicht wusste und es mir eigentlich völlig egal war. Rodrigo hatte auf mich eingeredet und praktisch dazu getrieben mit meinem kümmerlichen Rest an Geld hier mitzumachen. Ich kannte zwar den Inhalt der Kisten hinten, schließlich hatte ich ihn ja mitfinanziert, aber Rodrigo hatte mir nicht verraten, wer der Endabnehmer war. Angeblich zu meiner eigenen Sicherheit. Ich fragte nicht weiter nach. Aber das ging Capitán alles nichts an.
„Ich mach das ja nicht zum ersten Mal. Ich rechne das alles so für mich durch, und am Ende komme ich so auf zwanzig- bis dreißigtausend Dollar Reinverdienst.“
„Na und?“
„Der ganze Aufwand für so ein Trinkgeld? Wozu?“
„Schnell verdientes Geld“, sagte ich.
„Du siehst nicht so aus, als würdest du an Geldknappheit leiden.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich rieche das. Vielmehr gesagt, ich rieche Geld, und du stinkst schon fast danach.“
„Beschränke dich lieber auf das Fliegen“, sagte ich. Ich war das gebrüllte Gespräch leid. Ich wollte nicht über Antworten nachdenken müssen. Ich wollte nur, dass Dinge geschahen und Zeit vernichteten. Je schneller, desto besser. Aber Capitán redete weiter.
„Was ist mit deinem Geschäftspartner?“
„Er ist ein Freund.“
„Wie auch immer. Was ist mit ihm?“
„Nichts, verdammt.“ Ich wurde noch lauter. Capitán antwortete nicht, und ich merkte, dass wir nach links abdrehten. Vor uns die Lichter von vereinzelten Siedlungen.
Die Maschine ruckelte, als wir in leichte Turbulenzen gerieten. Capitán zog gleichzeitig nach oben, bis der Höhenmesser bei 1800 Fuß stehenblieb.
„Warum steigen wir?“, fragte ich.
„Ist besser an der Grenze. Hilf mir bei der Trimmung!“
„Spinnst du? Was ist Trimmung?“
„Beruhige dich, war bloß ein Scherz. Ich flieg das Ding schon alleine, obwohl …"
„Obwohl was?“
„Na ja, bei dem Wetter ist das kein Problem.“
„Und sonst?“
„Die Kleine hier wurde für zwei Besatzungsmitglieder konzipiert.“
„Beruhigend!“
Capitán lachte.
Ich schaute durch das Seitenfenster. Nur noch vereinzelte und flackernde Lichtpunkte.
„Und die Grenze?“, fragte ich.
„Die ist hier nur ein Zaun, kaum erkennbar. Aber wenn du Glück hast, siehst du die Mexis wie die Hasen durchs Unterholz hoppeln. Immer Richtung Norden, Amigos!“
„Ich bin auch Mexikaner“, sagte ich, und es klang in dem Augenblick selbst für mich unglaubwürdig.
„Na sicher“, sagte Capitán.
Ich dachte darüber nach, was ich jetzt, in diesem Augenblick, fühlen müsste. Jetzt, da wir in die mexikanische Nacht hineinflogen. In mein Zuhause sozusagen. Veränderte sich etwas? Die Konsistenz der Luft? Wurde die Dunkelheit undurchdringlicher, oder empfand ich Trost, Geborgenheit? Stiegen die aztekischen Gottheiten aus ihren Lava- und Obsidiankammern zu mir empor? Kamen sie mir nah mit ihren jahrtausendealten Fratzen? War der heiße Wind, der an der Außenhülle des Flugzeugs vorbeistrich, in Wirklichkeit ihr toter Atem? Hießen sie mich willkommen? Ich sah nur das leere, mondblasse und endlose Land unter uns. Ich hörte, wie Capitán unsere Position durchgab. Ich hörte die Motoren, deren Vibration in mich überging.
Aber wohin kehrte ich zurück? Was war hier noch von mir übrig? Von meinem anderen Leben? Ich konnte mir nichts vorstellen, und so sehr ich mich bemühte, blieben die Erinnerungen an meine Kindheit, an früher, hier fern und ohne Tiefe. Bilder, die ich kurz im Vorbeigehen betrachtete und deren Bedeutung sich mir verschloss. Nur Claudia blieb deutlich. Und unsere Zeit in Mexiko. Die paar Orte, die ich ihr gezeigt hatte. Einige Hotels und einige Restaurants. Viele Stunden im Auto. Straßen. In dunkelgrüne Vegetation gestanzte Dörfer. Vulkane. Täler und trockene Flussbetten und Felswände, in die sich die Sonne brannte. Und der Himmel, der immer weiter, mächtiger war als alles andere. Der Raum, in dem wir uns bewegten, hatte mich erfüllt. Ich war stolz gewesen, und auch meine Liebe hatte sich ausgedehnt in jede Schlucht, in jeden Stein. Das sah ich plötzlich vor mir: Steine am Wegrand, im Rückspiegel immer kleiner werdend, um schließlich ganz zu verschwinden. Und dann hörte ich auf, daran zu denken, wollte nicht mehr. Versuchte die Vorstellung von Claudia wegzudrängen. Ich riss die Augen auf, die ich wohl vor einer Weile unbewusst geschlossen haben musste und zwang ihr Gesicht in die beleuchtete Instrumententafel, in den länglichen Kopf von Capitán, zwang mich in die Gegenwart, bis das Gesicht verschwand.
Capitán öffnete, schloss den Mund, redete wohl.
„Was?“, fragte ich.
„Mexikaner. Ich habe es dir doch gerade gesagt, Mann, hörst du denn nicht zu?“
„Nein.“
„Also noch einmal. Ich hatte mal einen Co-Piloten, im Krieg, 69, saß hinter mir. Wir flogen so eine Maschine, eine Bronco, nagelneu. Kennst du die? Egal. Tolles Ding, zweimotorig, schnell, konntest unglaubliche Sachen mit ihr machen, Raketen abschießen, mit fast 300 Meilen pro Stunde knapp über die Baumkronen jagen und überall starten und landen. Wahnsinn, ganz anders als diese Mühle hier. So, die Bronco hatte wie gesagt zwei Sitze hintereinander. Und der Mexi saß hinter mir, und ich sagte immer zu ihm, ich müsste schon genug darauf achten, nicht von den verdammten Vietcong abgeschossen zu werden und könnte nicht auch noch einen beschissenen, bewaffneten Greaser hinter mir im Auge behalten. Treviño hieß er. Hat mir einmal das Leben gerettet, als ich eine Kugel einfing und im Cockpit ohnmächtig wurde. Brachte mich auf den Boden zurück. Hatte wirklich Eier, der Kerl.“
„Klar“, sagte ich. Mir ging Capitán mächtig auf die Nerven. Ich wollte sein Geschwätz nicht hören und wandte mich demonstrativ ab.
„Ist ja gut, ich halt ja schon den Mund. Ich muss schon sagen, ihr beide, du und dein wortkarger Kumpane, ihr seid wirklich schlechtgelaunte Vögel.“
„Wie auch immer“, sagte ich.
„Dort sieht man schon Monterrey flackern. Wir verlassen jetzt die Autobahn 40 und drehen nach Süden. Laut euren Positionsangaben müssten wir in ungefähr zwanzig Minuten den Zielort erreichen. Du gehst jetzt nach hinten, siehst zu, dass dein Kumpel sich anschnallt und kommst dann wieder nach vorne, kapiert?“
„Zu Befehl“, sagte ich und zwängte mich aus dem Sitz.
Rodrigo war erstaunlicherweise eingeschlafen. Ich tappte mit zwei Fingern auf seine Schulter. Ohne einen Muskel zu verziehen, wachte er auf. Vielmehr gesagt, wechselte er völlig bewegungslos von einem Zustand in den anderen. Seine schwarzen Augen schauten mich ausdruckslos an, und ich fragte mich, wie schon so oft, wie er mich wahrnahm. Wir kannten uns jetzt vielleicht etwas über ein Jahr. Was war ich für ihn, für seine Frau? Ein Freund? Eine zufällige Bekanntschaft? Nichts? Warum wollte er mich dabei haben?
„Wir sind bald da“, sagte ich.
„Gut“, sagte er.
Ich verschwand wieder ins Cockpit.
Dort spürte ich schon, dass die Maschine langsamer wurde und wir stetig absackten.
„Wir sind jetzt auf 500 Fuß“, sagte Capitán nach einer Weile. „Bald werden wir die Landebahn sehen.“
So sehr ich mich auch anstrengte und in die Nacht hinausstarrte, konnte ich außer einer fahlen Wüstenlandschaft nichts erkennen.
„Vorne links, du Idiot“, sagte Capitán.
Und da sah ich sie: Ein schnell näher kommende Lichtquelle, die sich bald als die Fernlichter mehrerer Autos entpuppte. Capitán schaltete nun seinerseits unsere Landescheinwerfer ein. Unten wurde kurz auf- und abgeblendet. Capitán verringerte die Höhe auf 250 Fuß. Auf beiden Seiten der improvisierten Landepiste flammten jetzt Signallichter auf. Offensichtlich würden wir auf nackter Erde ausrollen müssen.
„Ich drehe jetzt eine Platzrunde. Vergewissere mich, ob wir genügend Landestrecke haben und ob sonst alles in Ordnung ist“, sagte Capitán, drückte die Maschine noch weiter herunter und raste die Piste entlang. Dabei zählte er laut bis fünfzehn und zog nach dem letzten Signalfeuer hoch.
„Reicht höchstwahrscheinlich. Nach meiner Schätzung haben wir ungefähr tausendfünfhundert Meter.“
„OK“, sagte ich.
Nun flogen wir in einer weiten Linkskurve noch einmal über das Areal. Ich bemerkte Bewegung unten. Man hatte zwei Pick-Ups schräg positioniert, so dass sie jetzt den Anfang der Rollpiste mit ihren Scheinwerfern ausleuchteten.
Capitán bediente die Seitenruderpedale, zog und drehte gleichzeitig am Steuergriff und hantierte an den Schalterarmaturen, und ich wunderte mich, dass er dieses Flugzeug überhaupt alleine fliegen konnte. Einfach schien das jedenfalls nicht. War er während des bisherigen Fluges sparsam und kontrolliert in seinen Bewegungen gewesen, so wirkte er jetzt etwas hektisch. Ich hingegen kam mir reichlich nutzlos vor.
Dann wurde es wieder ruhig. Ich sah die Landebahn direkt vor uns.
„Ich lasse das Fahrwerk raus. In drei Minuten sind wir unten“, sagte Capitán.
Wir wurden noch langsamer. Ich hatte das Gefühl, in der Luft anzuhalten und hörte den Fahrtwind auf die Landeklappen treffen. Es sah so aus, als wollte Capitán direkt in die Autos krachen, ich spannte unwillkürlich die Nackenmuskeln an, dann setzten wir unsanft auf, prallten ab, bremsten so stark, dass ich in die Sicherheitsgurte gedrückt wurde, und rollten schließlich holpernd bis zum Stillstand.
Rodrigo hatte schnell die Tür hinten geöffnet. Ein kurzer Sprung aus dem Flugzeug, und wir standen da in dieser leeren, schwülen Nacht. In der Luft noch salzige Spuren des nahen Golfes. Wir warteten. Capitán lehnte lässig am Rumpf und zündete sich eine Zigarette an. Wir schwitzten. Zwei Pick-Ups und ein Kleinlaster näherten sich mit großer Geschwindigkeit, stoppten kurz vor uns und hüllten uns in eine Staubwolke. Sechs Männer sprangen von den Ladeflächen. Zwei von ihnen trugen Gewehre. Dann stieg offensichtlich der Boss der Crew aus.
„Ich bin Cuadrón“, stellte er sich vor. „Meine Männer laden jetzt das Zeug aus und kontrollieren die Ware. Wenn alles stimmt, bekommt ihr dann euer Geld.“
Der Kerl sprach langsam. Er sah uns abfällig an. Sein Auftreten, seine ganze arrogante Art gefielen mir nicht.
„Ich will das Geld sehen“, sagte ich gereizt und spürte Rodrigos Hand auf meiner Schulter.
„Alles zu seiner Zeit“, sagte der Kerl. Er wirkte im Licht der Autoscheinwerfer, die ihn von hinten anstrahlten und uns blendeten, größer, als er vermutlich war. Er trug ein weißes langärmeliges Hemd, das ihm über die Hose hing. Ich erkannte sein Gesicht nur undeutlich, mir fiel jedoch der Schnurrbart auf, der sich im Stil mongolischer Kriegerfürsten an den Mundwinkeln nach unten bog. Und überhaupt sah der Kerl asiatisch aus.
„Jetzt oder gar nicht“, sagte ich, um ihn zu ärgern.
„Es ist schon in Ordnung. Es war so ausgemacht, er inspiziert das Zeug, wir kassieren, wir hauen ab“, sagte Rodrigo. Der Druck seiner Hand auf meiner Schulter verstärkte sich.
Capitán lehnte jetzt nicht mehr am Flugzeug, er trat ein paar Schritte zur Seite und blickte sich mit erhöhter Wachsamkeit um.
„Klar, aber ich traue dem Idioten nicht, wieso sind die bewaffnet?“, sagte ich.
Der Kerl hob lediglich die Augenbrauen und schwieg. Ich glaubte in seinem Blick auch noch Verachtung zu erkennen.
„Lass die Leute ihre Arbeit machen“, sagte Rodrigo warnend, aber ich war bereits an einem Punkt jenseits der Vernunft angelangt.
Einen endlosen Augenblick lang standen wir alle unschlüssig herum. Alle schauten auf mich.
Plötzlich stieg in einem Teil von mir ungeheure Wut hoch. Und ich sage es so, weil es wirklich so war: Während ich immer aggressiver wurde, konnte ich mich geradezu selbst dabei beobachten. Ich empfand meine Wut als einen absonderlichen Klumpen in meinem Inneren, als eine Art fremdes Geschöpf, das langsam von mir Besitz ergriff. Und ich ließ es zu. Obwohl ich wusste, dass ich diesem Sog nicht hilflos ausgeliefert war, ließ ich es zu. Stürzte mich hinein.
„Ich verhandele nicht mit dummen Arschlöchern wie dir“, hörte ich mich sagen. Ich riss mich von Rodrigo los, der mich noch aufhalten wollte, und schritt auf den Kerl zu und dachte an nichts und fühlte mich wunderbar befreit.
Der Kerl rührte sich nicht, und ich ließ mich von meiner Wut leiten, von einem Hass, der sich völlig irrational und geballt gegen diesen Mann richtete, den ich vor wenigen Minuten noch gar nicht gekannt hatte.
Dann spürte ich den Schlag hinter meinem Ohr. Da war kein Schmerz, und mir war auf einmal völlig klar, dass ich nur darauf gewartet hatte, dass ich in den letzten Sekunden bloß einen vorherbestimmten Ablauf von Ereignissen nachgespielt hatte.
Dann kam der zweite Schlag. Der Gewehrkolben traf meinen Brustkorb. Ich knickte weg.
Kapitel 11: Südspanien, 2009
Adriana ist wie immer sehr früh aufgestanden. Sie fährt ungefähr eine Stunde zur Arbeit, und ich bin mir mittlerweile nicht mehr so sicher, ob es richtig war, mir dieses Apartment zu kaufen. Aber es ist schön. Und vom Balkon aus sieht man das Meer. Und, ja, die Seeluft tut gut.
Aber es sind auch zwei Stunden täglich im Auto. Zwei Stunden. Ich hätte auch näher an ihrer Arbeit etwas kaufen können. Adriana stört das alles nicht so sehr. Sie liebt ihren Lehrerjob, und sie ist glücklich hier, und die Fahrt nutzt sie zum Lernen. Sie hat sich letzte Woche die Hörbuchfassung von Thomas Manns „Tod in Venedig“ angetan, auf deutsch. Sie will sich, wie sie sagt, an die Melodie der Sprache gewöhnen. Sie gibt zu, wenig verstanden zu haben.
Wenn ich es recht bedenke, bin ich es, den manchmal Zweifel an unserer Lebensführung überkommen. Deswegen wird es immer wichtiger, dass ich gegen ein schleichendes Gefühl der Überflüssigkeit anschreibe.
Heute soll es jedoch sehr heiß werden. Der Levante hat in der Nacht zuerst zögerlich angefangen zu blasen und dann immer mehr an Kraft gewonnen. Jetzt ist der Morgenhimmel diesig vom Staub ferner, östlich gelegener Wüsten und meine Selbstdisziplin auf dem Nullpunkt.
Es ist schon länger her, dass ich in der Gegend um Cabo Roche unterwegs war, und ich denke, heute ist ein guter Tag, um dorthin zu fahren und ein wenig nachzudenken. Vielleicht aber auch, um einige bewusst aufgeschobene Erinnerungen zuzulassen.
Mein winziges japanisches Auto hat keine Klimaanlage, ich muss also das Fenster herunterlassen und mich dem Wind aussetzen, der mit voller Wucht hereinweht und dabei einen dumpfen Unterdruck erzeugt. Es dauert eine Weile, bis ich die riesigen Hotelanlagen und Golfplätze hinter mir gelassen habe und den einigermaßen unverbauten Küstenstreifen erreiche. Natürlich stehen auch dort vereinzelte Ferienhäuser von Leuten, die genug Einfluss oder Geld haben, um geltende Bestimmungen zu umgehen, aber im Großen und Ganzen überwiegt tatsächlich die Natur. Kleine Pinienwälder, die fast bis an den Strand reichen, einige Kakteen, viel rötliche Erde, krummgewachsene wilde Pistazien und allerlei sonstige hartgesottene Gräser. Ich parke das Auto vor einem kleinen heruntergekommenen Haus mit einem zerstörten Wintergarten, das vor nicht allzu langer Zeit ein Fischrestaurant beherbergte. Neben der vergitterten Tür hängt noch ein Schild: „Es gibt frittierten Fisch“.
„Jetzt nicht mehr, Baby“, sage ich laut in den Wind. „Jetzt nicht mehr.“
Ich finde schnell einen ausgetretenen Pfad, der eine Böschung hinunter führt und gehe bis ans Wasser. Hier weht es noch stärker. Eine neblige, dünne Decke aus Sandkörnern pfeift über den Strand. Es sticht an meinen nackten Knöcheln. Ich beuge mich in den Sturm und blinzele in das gleißende Licht, muss aber sogleich schützend die Hand vor die Augen heben. Ich drehe mich um, so geht es besser. Das Meer ist aufgepeitscht. Das Geräusch der sich brechenden großen Wellen dringt verschleiert zu mir, verklingt im unentwegten Wind. Es hilft nichts. Ich drehe mich wieder um, senke den Kopf und kämpfe mich voran. Ich möchte zum Leuchtturm und zum kleinen Yachthafen. Dort ist es geschützter, dort finde ich eine Bar und ein Bier. Und außerdem habe ich das wunderbare Gefühl, allen Widrigkeiten zum Trotz auf ein Ziel hinzusteuern.
Ich muss dann doch länger laufen als geplant. Der kleine Laden mit den groben Holztischen und den Sonnenschirmen, den ich angesteuert habe, ist nämlich pleite. Im Hafen liegen nur ein paar Fischerboote, und die Mole ist Abstellplatz für rostende Anker und Ketten. Ich höre das blecherne Scheppern von Flaggenleinen an flaggenlosen Masten. Weit und breit kein Mensch.
Ich gehe also weiter die Landstraße entlang hügelaufwärts, durchquere ein Feld mit wilden Olivenbäumen, die den Wind etwas abhalten und stoße schließlich wieder auf die Straße und auf ein Restaurant im Cortijo-Stil, in dem ich schon einmal mit Adriana Muscheln gegessen habe. Ein paar knorrige und sonnengegerbte Bauern stehen am Tresen und versuchen, den in voller Lautstärke laufenden Fernseher zu überschreien.
Ich bestelle ein Bier. Das Mädchen hinter dem Zapfhahn lächelt mich freundlich an und stellt noch ein Schälchen mit eingelegten Oliven vor mich hin.
Es wird ein Fußballspiel übertragen. Der Sportreporter kommentiert jeden Spielzug mit großer Begeisterung. Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass immer mehr Spiele gezeigt werden. Selbst unbedeutende Begegnungen drittklassiger Vereine, für die sich früher keiner wirklich interessierte, werden übertragen. Adriana meint, die Häufigkeit gesendeter Sportveranstaltungen stehe in direktem Verhältnis zu der eskalierenden Wirtschaftskrise. Vermutlich hat sie Recht.
Ich bestelle ein zweites Bier und verziehe mich auf die Veranda. Der Levante treibt Plastiktüten und Papierfetzen über den verlassenen Parkplatz. Die altersschwachen Mopeds der Bauern stehen direkt unten an der Treppe wie dürre Klepper, die gemeinsam Schutz suchen. Geflochtene Körbe voller Pinienzapfen hängen wie Satteltaschen an den Gepäckträgern.
Stimmungsmäßig bin ich noch ganz in der Nacht, in der Nähe von Monterrey, über die ich gestern geschrieben habe. Ich kann meinen leichtsinnigen Wutausbruch heute nicht mehr so richtig nachvollziehen. Ich setzte mich und meine Begleiter einer großen Gefahr aus. Ein zutiefst eigennütziges Verhalten. Aber was hatte ich bezweckt?
Ich versuche, mich zurückzuversetzen: Man warf mich unsanft auf die Ladefläche eines Pick-Ups. Ich hatte nicht wirklich das Bewusstsein verloren. Vielmehr schwebte ich in einem sehr schmerzhaften Rausch dahin. Ein Zustand fast wie das plötzliche Hochfahren aus einem Albtraum. Ich lag bäuchlings auf der warmen Metalloberfläche, konnte kleine Rostflecken erkennen, Erde, trockene Grashalme. Alles unmittelbar vor meinen Augen. Ich roch verbranntes Holz oder Kohle. Ich konnte mich nicht bewegen, nur unter Schwierigkeiten atmen und spürte quälende, scharfe Stiche auf der linken Seite. Ich versuchte, mein Gewicht zu verlagern. Es war mir nicht möglich.
Aber trotz allem, und das ist vielleicht das vorherrschende Gefühl gewesen, die Empfindung, die über die Zeit in mir überlebt hat, ging es mir gut. Ich durchlebte eine Pause, einen Augenblick Frieden. Ich war ein explodierter Körper, der sich in einer Rückwärtsbewegung wieder zusammenfügte. Das dauerte nicht lange, aber lange genug. Ich erkannte klar und deutlich, dass das geht und dass in meinem Inneren noch ein Rest von mir existierte. Als Rodrigo sich dann über mich beugte, war der Blitz erloschen, es blieb der Schmerz. Ich hörte Rodrigo in mein Ohr flüstern, er sagte: Du dummes Arschloch.
Ich ertappe mich dabei, wie ich auf das wärmer werdende Bier in meiner Hand starre. Den Bruchteil einer Sekunde lang scheint mir die Erinnerung wirklicher als dieser Augenblick.
Ein riesiger SUV fährt jetzt auf den Parkplatz des Cortijos. Ein älterer Mann steigt umständlich aus, geht um den Wagen herum und hält einer etwas jüngeren Frau die Tür auf. Der Mann trägt eine grüne Kappe und auch sonst ist alles, was er trägt, grün. Nur die Stiefel glänzen braun und teuer. Die Frau ist ähnlich gekleidet. Ihr fliegt der Rock um die Beine. Sie versucht, ihn würdevoll unten zu halten. Beide sehen aus, als seien sie der Zeitschrift „Town & Country“ entsprungen. Sie gehen an mir vorbei und nicken. Ich nicke zurück. Das Bier schmeckt lasch. Ich trinke es in einem langen Schluck aus und beschließe, mir noch eins zu holen.
Einmal hat Claudia mir gesagt, dass es nichts Schöneres gibt als den ersten Schluck Bier. Wir haben dann gleich eine Liste über wunderbare Nebensächlichkeiten aufgestellt. Ich glaube, wir kannten uns noch nicht lange, es muss also irgendwo in Hamburg gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr. Und die Liste? Regen gehörte dazu. Regen, der an einem dunklen Herbsttag gegen ein Fenster prasselt.
Mit nackten Füßen an einem sehr heißen Tag über kühle Fliesen laufen.
Der Geruch von Zuhause. Der Augenblick, wo man die Tür öffnet, vielleicht nachdem man ein paar Tage nicht da gewesen ist. Es riecht nach Leere, die einen Willkommen heißt. Nach Staub und Nacht und Stille und irgendwie nach einem selbst. Claudia hörte gar nicht mehr auf, mir solche Glücksmomente zu beschreiben.
Wo waren wir nur gewesen?
Mein drittes Bier perlt ganz vorzüglich.
Ich denke an Rodrigo, der jetzt irgendwie mein Freund ist.
Claudia und ich haben ihn und seine französische Frau Natalie in McAllen kennengelernt. Sie besuchten unsere Galerie, in der Claudia einige Bilder von sich ausstellte. Ich war damals sehr stolz. Die Bilder waren wirklich beeindruckend, keine Großformate, handlich, und sie verkauften sich gut. Besonders die Rentner aus New Jersey oder Cleveland, die hier überwinterten, fanden Gefallen daran. Claudia hatte eine Phase. Sie sammelte Navajo-Schmuck, den wir in Arizona aufstöberten, besonders die silbernen Ketten mit den Türkis-Einlagen. Die malte sie dann ganz in der amerikanischen Tradition des Fotorealismus ab und ließ sie aus einem eher verwaschenen Aquarellhintergrund hervorstechen. Ganz so, als hätte Georgia O‘Keefe eine superklare Einsicht gehabt, sagte Claudia.
Sie waren wirklich ein auffallendes Paar. Er groß gewachsen, elegant. Und dunkel war nicht nur seine Hautfarbe, sondern seine Ausstrahlung. Claudia mochte das natürlich sofort. Natalie war wunderhübsch, selbstbewusst, mit einem dieser makellos-ovalen Gesichter und einem Mund, der dafür geschaffen war, Worte wie tutu, fou oder ennui auszusprechen. Sie interessierten sich sofort für Claudias Arbeit. Besonders Natalie betrachtete die Bilder eingehend. Nicht in dieser blasierten Art sogenannter Kenner. Sie sagte auch nicht: Die sind aber hübsch. Sie traf Claudias Nerv. Sie mochte wirklich, was sie da sah.
„Sie ist eine der wenigen, die sich selbst vollkommen aus meinem Werk herausgehalten hat“, sagte Claudia später zu mir. „Verstehst du das?“
Vielleicht verstehe ich es jetzt. Vielleicht gelingt es mir auch langsam, mich ohne den Filter meiner eigenen Befindlichkeit einzulassen. Claudia war da schon weiter und Natalie offensichtlich auch. Und Rodrigo? Was war mein erster Eindruck?
Ich glaube, ich wollte vom ersten Augenblick an von ihm anerkannt werden. Er sagte nicht viel. Ich umso mehr, und ich ertappte mich in den ersten Wochen unserer Bekanntschaft dabei, wie ich mich manchmal in Argumentationen verrannte und vergeblich auf ein Zeichen von ihm wartete, auf ein Nicken, eine Aufmunterung. Vergebens. Sein seltenes Lächeln galt nur Natalie. Und Claudia. Es war immer so, als wären die beiden Wasser und er eine vertrocknete Topfblume.
Was für eine Rolle ich da spielte, ist mir unklar geblieben. Vielleicht waren Natalie und Rodrigo genau das, was ich brauchte. Vielleicht waren sie sogar der geeignete Nährboden für meine Verzweiflung. Vielleicht möchte ich das auch gar nicht mehr so genau wissen.
Abends sitzen wir bei Paco in der Pizzeria. Draußen tobt der Levante unvermindert weiter, und die Tische auf der Terrasse werden wohl trotz Windschutz schwer zu besetzen sein. Es ist noch früh.
„Ich war heute in diesem Restaurant, weißt du, in Cabo Roche, und habe dort ein paar Bierchen getrunken.“
„So, so“, sagte Adriana.
„Ich bin vom Leuchtturm aus dorthin gelaufen.“
„Wirklich? Wie lang hat das denn gedauert?“
„Fast eine Stunde. War etwas anstrengend, bei dem Wind.“
Wir schweigen eine Weile. Ich halte mein Weinglas gegen das letzte Licht des Tages. Ein Barolo. Rubinrot. Ölig. Ich kippe das Glas ein wenig, lasse den Wein kreisen. Atme den Duft ein. Trüffel. Sandelholz. Ein Hauch Himbeere. Mir ist bewusst, dass mich Adriana mit einem spöttischen Zug um den Mund unverwandt anschaut. Ich weiß auch, dass sie meine Darstellung einer Weinprobe nur bedingt lustig findet. Aber ich stecke fest. Mir ist nicht ganz klar, was ich ihr eigentlich erzählen will. Oder genauer: Ich möchte nicht unmittelbar mit meinen Gedanken und Gefühlen herausplatzen. Also nehme ich einen kleinen Schluck Wein, lasse ihn über die Zunge laufen. Ziehe geräuschvoll Luft über den Gaumen. Lege den Kopf nach hinten, schließe die Augen und konzentriere mich auf den Abgang.
Adriana applaudiert.
„Toll“, sagt sie.
„Ja, nicht wahr“, sage ich.
„Überzeugend.“
„Auch das Schlürfen?“
„Ganz besonders das Schlürfen. Es unterstreicht elegant deine offensichtliche Weinkompetenz.“
„Ich würde also in einer Runde arroganter Arschlöcher nicht unangenehm auffallen?“
„Im Gegenteil“, sagt sie und lacht.
Das ist Adriana. Wir können spielen. Und keinen Augenblick zweifle ich daran, dass sie mich durchschaut.
„Ich habe viel nachgedacht bei dem Spaziergang“, sage ich.
„Ich weiß“, sagt sie.
Das Restaurant ist halb voll. Es riecht, wie es beim Italiener riecht. Nach Brot, Tomate, nach Oregano und Ofen. Das ist überall so.
Paco kommt an unseren Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Er strahlt Energie und gute Laune aus. Aber ich kenne ihn.
„Wie läuft es?“
„Ihr seht es ja selbst“, sagt er. „Die Saison wird immer kürzer. Es sind nur noch sechs gute Wochen. Mitte Juli bis Ende August. Früher war der September sicher, und jetzt? Ein paar übrig gebliebene Madrileños. Dann Rentner, für die eine Pizza ein exotisches Gericht ist, von dem man besser die Finger lässt. Und dann noch dieser verdammte Wind.“
Uns fällt keine geeignete Antwort ein.
„Aber egal. Was wollt ihr essen?“, fragt Paco
„Was auch immer du willst“, sagt Adriana.
„Wie wäre das als Vorspeise: eine mit Zwiebeln in Olivenöl kurz angebratene Pancetta auf lauwarmem Chicorée und reduziertem Balsamico.“
„Mmhh“, sagt Adriana.
„Und als Hauptspeise?“, frage ich.
„Ich habe wunderbar frischen Seeteufel in einer Kapern- und Senfsauce, auf meiner selbst gemachten Tagliatelle.“
„Wir möchten zwei Pizza Salami“, sage ich.
„Im Ernst?“
„Hör nicht auf ihn“, sagt Adriana. „Er ist ein Idiot.“
Pacos „El Viandante“ liegt direkt an der Einfahrt zum Dorf. Die Straße führt über eine schlichte Betonbrücke und durchquert nach etwa fünfzig Metern eine Art kleine Plaza, von der sternförmig Gassen und Fußgängerwege abgehen. Von unserem Fensterplatz aus hat man einen guten Blick auf diesen dörflichen Knotenpunkt.
Die Kellnerin hat gerade etwas ungeschickt die Teller abgeräumt und ich freue mich auf ein oder zwei Orujos, da macht mich Adriana auf eine Gestalt aufmerksam, die an einer Häuserwand lehnt.
„Diego ist unterwegs“, sagt sie.
Die Gestalt trägt trotz der Hitze einen schwarzen Rollkragenpulli, Jeans und grüne Gummistiefel. Sie versucht anscheinend, sich von der Wand abzustoßen, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Das misslingt. Immer wieder taumelt sie einen Schritt vorwärts, um gleich darauf wieder zurück zu stolpern, so als würde sie ein unsichtbares elastisches Band nach hinten ziehen.
„Soll ich ihm helfen?“, frage ich. Es ist mir unangenehm, den Mann bei seinen vergeblichen Bemühungen zu betrachten.
„Nein, lass mal, das schafft er schon“, sagt Adriana.
Jeder im Dorf kennt Diego. Jeder weiß, warum er hier ist, und jeder wundert sich, dass er noch lebt. Um seine Vorgeschichte ranken sich unzuverlässige Gerüchte. Man munkelt, dass er früher Verwaltungsangestellter im Baskenland gewesen sei. Einige wollen sogar erfahren haben, dass die ETA ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat, weil er die Revolutionskasse plünderte. Dann sind da noch diejenigen, die behaupten, er sei der Erbe eines riesigen Vermögens und leide zusätzlich an gebrochenem Herzen.
Diego ist, das glauben alle, schwer krank. Angeblich wurde bei ihm vor fast fünf Jahren ein Leberkarzinom diagnostiziert. Nach anfänglichen Therapien, darunter eine Chemo und eine vergebliche Operation, wurde er als unheilbar entlassen. Die Ärzte rieten ihm, seine Angelegenheiten möglichst schnell zu regeln und ansonsten die kurze Zeit, die ihm noch blieb, intensiv zu nutzen. Vor langen fünf Jahren entschloss sich Diego also, mit seinem bisherigen Leben zu brechen, seine Freundin zu verlassen und seinen Besitz in Bares zu verwandeln.
Er zog hierher und wartet seither auf den Tod.
Das erzählt man sich so. In unterschiedlichen Varianten.
„Stell dir vor, jeden Tag dieses Elend“, sagt Adriana, „jeden Tag seit Jahren trinkt er, bis er umfällt.“
Ich frage mich, ob er vorher schon getrunken hat.
Wahrscheinlich nicht so viel. Aber weil er damals sicher war, dass ihm nur noch Wochen blieben und seine Leber sowieso schon hinüber war, wollte er sich unbedingt schnell zu Tode saufen.
„Was meinst du, hat er Schmerzen?“
„Er sagt nein.“
„Wie alt ist er überhaupt?“
„Schätzungsweise Mitte vierzig.“
„Aber der Tod kommt nicht“, sage ich.
„Nein, er denkt nicht dran. Diego lebt praktisch mittellos in einer Zwischenwelt.“
Währenddessen hat sich Diego mit Schwung nach vorne katapultiert und gelangt langsam und bedenklich schwankend auf die gegenüber liegende Straßenseite. Dann verschwindet er aus unserem Blickfeld.
„Er schafft es immer wieder“, sagt Adriana.
„Er hat einen starken Willen“, sage ich.
„Vielleicht liegt darin seine Tragik.“
Paco setzt sich zu uns an den Tisch. Nur kurz, denn das Restaurant hat sich doch noch gefüllt.
„Isabelita hat übrigens die Aufnahmeprüfung für die Polizei bestanden“, sagt er.
Er schaut uns betrübt an.
„Könnt ihr euch das vorstellen? Meine Isabelita! Die konnte früher noch nicht einmal einen Ball fangen, und jetzt nimmt sie die Polizei! Was ist bloß aus diesem Kackland geworden. Kleine Mädchen als Polizistinnen und sogar bewaffnet. Soldaten mit einem IQ von achtzig. Da kriegt man doch Angst. Hauptsache, die Arbeitslosenzahlen werden geschönt. Meine Tochter mit Pistole. Vielleicht muss sie sogar für ein paar Monate in den Norden zu den verdammten Basken. Da vermummt sich die Polizei, und die Terroristen zeigen in aller Ruhe ihr Gesicht. Mir wird schlecht, scheiß auf die Sozialisten.“
„Immerhin bin ich jetzt praktisch unkündbar“, sagt Adriana.
„Gieß noch mehr Öl ins Feuer“, sagt Paco.
„Wir haben eine schwangere Verteidigungsministerin“, sage ich.
„Ach, leckt mich doch“, sagt Paco und steht auf.
Wir sitzen später auf dem Balkon unserer Wohnung. Der Wind hat nachgelassen, aber das hängt mit der Ebbe zusammen. Jetzt weht eine heiße Brise, die wahrscheinlich in den frühen Morgenstunden wieder an Stärke gewinnen wird. Vom Strand klingt ziemlich laut Musik zu uns herauf. Wir trinken noch einen Absacker.
„Was ist los?“, fragt Adriana.
„Was soll los sein?“
Sie würdigt mich keiner Antwort.
Ich bin eine Weile still. Denke an Diego, den todgeweihten Trinker. An Claudia.
„Ich weiß nicht“, sage ich dann laut.
„Hhm?“ Adriana nippt an ihrem Whiskey.
„Für Diego kommt der Tod nicht unerwartet“, sage ich.
„Ja, und?“
„Er ist ihm sozusagen vorgestellt worden. Hier ist dein ganz persönlicher Tod, sagte der Arzt. Ich lasse euch beide jetzt einmal alleine, damit ihr euch richtig kennenlernt, damit ihr euch näher kommt.“
„Du meinst, dann ist es leichter?“
„Man kann sich vielleicht besser darauf vorbereiten.“
„Aber der Tod ist doch dann schon da, er übernimmt das Leben, setzt sich hinein, durchdringt alles. Das ist doch schrecklich, da ziehe ich doch die Ungewissheit vor“, sagt Adriana.
„Ich weiß nicht“, sage ich erneut.
„Du weißt heute eine ganze Menge nicht.“
Ich bin plötzlich gereizt. Mich stört Adrianas lehrmeisterliche Art. Mich stört, wie sie sich entspannt zurücklehnt und die Eiswürfel in ihrem Glas klirren lässt. So sicher in ihrer Welt.
„Was erwartest du eigentlich von mir?“
„Ich?“, fragt sie.
„Den ganzen Abend geht das schon so. Du sitzt da, und ich habe das Gefühl, ich müsste jetzt meine Gedanken offenlegen, damit du sie benoten kannst wie die Arbeiten deiner verdammten Schüler.“
„Hör mal, du bist es, der hier herumdruckst. Seitdem du schreibst, bin ich deinen unterschiedlichen Stimmungen ausgesetzt. Der Künstler verzweifelt an der Welt. Ich hoffe, du bist noch nicht an der Schwindsucht erkrankt.“
„Das ist wirklich verletzend“, sage ich.
„Wir können uns ja im Morgengrauen duellieren. Die Wahl der Waffen überlasse ich dir. Dann hast du auch den Tod vor Augen, allerdings hast du dann vielleicht auch Pech und erwischst mich.“
„Adriana, bitte …"
„Selbstmord ist da schon sicherer. Es empfiehlt sich, einen Schierlingsbecher bis zur Neige zu leeren.“
„Du schaffst mich, ehrlich“, sage ich, und ich meine es wirklich.
Und trotzdem ärgere ich mich, denn worüber ich eigentlich reden will, ist Claudia. Ihren Tod. Bevor ich darüber schreibe. Darüber möchte ich mit Adriana reden, und ich bin wütend auf sie, dass es nicht geht.
„Es gibt da einen Film“, sage ich stattdessen, aber sie unterbricht mich.
„Kannst du nicht einmal ohne …"
„Jetzt lass mich einfach reden, geht das vielleicht?“
Adriana hebt beide Hände in einer auffordernden Geste, die heißen soll: Wenn es denn sein muss. Ich verkneife mir eine bissige Antwort und sage:
„Es gibt da einen Film. Black Robe. Er spielt im frühen 17. Jahrhundert in Kanada. Es geht um einen Jesuitenpater, der Indianer zum Christentum bekehren soll. Dazu muss er im Winter flussaufwärts zum Stamm der Huronen paddeln. Ihn begleitet eine Gruppe Algonquin-Indianer. Ich weiß das alles so genau, weil mich der Film damals wirklich beeindruckt hat. Also, einer der Algonquin, ein älterer Häuptling, hat hellseherische Fähigkeiten. Er träumt immer wieder von einem Raben, der ihm auf einer verschneiten Insel erscheint. Es ist stets der gleiche Traum. Später stellt sich heraus, dass es diese Insel wirklich gibt und dass sie tatsächlich der Ort ist, an dem er stirbt. Er hat also sein ganzes Kriegerleben seinen Tod geträumt, ohne es zu wissen. Erst im letzten Augenblick wird ihm die Ironie dieser Erkenntnis bewusst: Das Leben, der Tod, ist vorbestimmt, unsere Aktionen ändern nichts daran. Das würde einen von jeder Angst befreien.“
„Praise the Lord“, sagt Ariana.
„Ja, ich weiß, das gibt es in fast jeder Religion. Aber zu wissen, wo genau man stirbt ist doch erleichternd, findest du nicht?“
„Von welcher Zeitspanne reden wir hier? Der terminale Krebskranke in seinem Hospizbett weiß auch genau, wo er sterben wird.“
Da ist wieder Adrianas Überheblichkeit, die mir heute kolossal auf die Nerven geht.
„Glaubst du, dass Diego irgendwie von seinem Tod träumt?“, frage ich.
„Wenn ich mir seine kaputte Gestalt anschaue, sein verwüstetes und dreckiges Gesicht, dann glaube ich allerdings, dass er täglich seinen Todestraum auslebt. Außerdem ist der Rabe deiner Erzählung wirklich nichts Besonderes. Er ist in vielen Kulturen ein mythologischer Vogel, ein Bote aus dem Jenseits, ein Zukunftsflüsterer, ein Gestaltenwandler, Hugin und Munin, bla, bla.“
Adriana zerkaut die Reste eines Eiswürfels und grinst dabei:
„Ich stelle mir gerade vor, wie so ein schwarzer Rabe auf Diegos Schulter hockt und ihm tiefsinnige Orakel einflüstert, die dieser in seinem Suffkopf natürlich gar nicht verstehen kann. Na ja, anderseits sind Orakel auch nicht dazu da, verstanden zu werden.“
„Ich gehe jetzt ins Bett“, sage ich, stehe auf und lasse sie dort einfach sitzen, bevor sie noch etwas sagen kann.
„Gute Nacht.“
Ich liege wach.
An manchen Tagen ist Claudia mir fern. Sie ist weit weg, eine schemenhafte Figur auf der Reling eines auslaufenden Schiffes. Sie entzieht sich.
Dann aber ist sie plötzlich wieder hier, bei mir. Es handelt sich hierbei natürlich nicht um eine körperliche Präsenz, das wäre bedenklich. Nein, sie ist so etwas wie ein übergeordneter Bereich meiner Gedankenwelt. Eine Einflüsterin. Und mit ihr kommt diese Dunkelheit auf, der ich wahrscheinlich nie entkommen werde oder auch entkommen will. Es ist eine samtene, traurige Dunkelheit in einer Tiefe, die nur mir zugänglich ist. Ich denke da vielleicht gar nicht mehr an sie, sondern mit ihr. Öfter glaube ich, durch ihre Augen zu sehen, und die Welt, die ich dann betrachte, gehört eher ihr als mir.
An anderen Tagen gehe ich einfach zurück in die Zeit mit ihr.
Kapitel 12: Claudia, 1983
Ich nahm mir ein Taxi in Othmarschen, weil ich befürchtete, dass ich in öffentlichen Verkehrsmitteln noch die Auswirkungen der Großdemonstration spüren würde. Zu nichts hatte ich weniger Lust, als mit einer Horde aufgeheizter Friedensaktivisten dichtgedrängt in einer S-Bahn zu sitzen. Trotzdem dauerte es ewig. So schien es mir jedenfalls. Ich war den Ansichten des Fahrers schutzlos ausgeliefert. Der Höflichkeit halber warf ich hier und dort ein Ja oder ein Nein in die einseitige Konversation und sah währenddessen hinaus auf die fast kahlen Bäume der Elbchaussee. Später, ich wußte jetzt alles über die Stationierung von Pershing-Raketen, staute sich der Verkehr in die Innenstadt. Aber ich hatte allmählich das Gefühl, die geplagten Pendler waren gewillt, für eine gute Sache zu leiden.
Im Radio sagte der Nachrichtensprecher, es wären über vierhunderttausend Menschen alleine in Hamburg auf die Straße gegangen. Die Polizei ging von zweihunderttausend aus.
„Toll“, sagte der Taxifahrer.
Claudia hatte mich überraschenderweise kurz nach der Trauerfeier angerufen. Wir verabredeten uns in ihrer Wohnung in Winterhude. Sie lag in einem dieser typischen Bauwerke aus rotem Backstein. Schmale Treppenhäuser, Linoleum, abgewetztes Holz. Geruch nach Kohlsuppe, nach Bohnerwachs und nach ewiger Feuchtigkeit. Gewundert hatte es mich schon ein wenig, dass mich Claudia so schnell zu sich nach Hause einlud. Sie hatte mit einer gewissen Hartnäckigkeit darauf bestanden, obwohl mir ein Café oder ein Restaurant lieber gewesen wären. Na, denn.
Ich war mir die Tage vorher sowieso nicht sicher gewesen, ob ich sie überhaupt wiedersehen wollte. Schließlich nahm mein Leben gerade eine unvorhergesehene Wendung. Es fiel mir nicht leicht, mich in diesen neuen Lebensabschnitt einzufinden. Finanziell gesehen konnte ich mich beruhigt zurücklehnen. Aber sonst? Insgeheim hatte ich eigentlich immer mit einer Position innerhalb der Stiftung gerechnet.
Wollte ich mich wirklich zusätzlichen gefühlsmäßigen Herausforderungen aussetzen?
Als ich sie oben in der Wohnungstür stehen sah, waren diese Fragen plötzlich nicht mehr von großer Dringlichkeit.
Sie trug eine Art bulgarisches oder rumänisches Folklorekleid mit Gänseblümchenmuster, das oberhalb der Knie aufhörte. Ihre Füße steckten in halbhohen Schnürschuhen, wie sie um die Jahrhundertwende Mode gewesen waren. Sie lächelte, als freute sie sich tatsächlich, mich zu sehen, und erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie sehr ich dieses Wiedersehen herbeigesehnt hatte.
Claudia trat zur Seite, ich drückte ihr die mitgebrachte Rotweinflasche in die Hand und dann stand ich in der kleinen Diele. Es war eng. Viel Platz beanspruchte ein rustikaler Schrank, der restauriert, gelaugt und geölt worden war. Mir ist bis heute unklar, warum man immer wieder auf diese klobigen Machwerke stößt. Natürlich habe ich mich damals jeden Kommentars erhalten. Ein wenig erschrocken war ich aber schon über diesen ersten Eindruck. Folklorefummel? Landhausstil?
Zum Glück setzte sich diese Tendenz im Wohnzimmer nicht fort. Dort bestimmten drei oder vier aneinander geschobene und vollgestellte Bücheregale aus heller Kiefer die Einrichtung. Sie nahmen die längste Wand ein. Gegenüber stand ein elegantes Sideboard aus Buchenholz mit Edelstahlrahmen. Ob massiv oder Furnier, ließ sich auf den ersten Blick nicht feststellen. Außerdem stand noch ein kleiner runder Holztisch im Louis-XV-Stil mit zwei fünfziger-Jahre-Stühlen unter einem Fenster und an der anderen kurzen Seite ein ziemlich neu aussehender Fernseher einer guten Marke und davor ein Ledersofa und ein gläserner Couchtisch. Den Dielenboden bedeckte teilweise ein orientalischer Teppich, der aber nicht wirklich echt aussah.
„Und, Urteil gefällt?“, fragte Claudia.
Ich fühlte mich ertappt. Wahrscheinlich hatte ich etwas zu lange in stummer Begutachtung verharrt. Und auch jetzt fiel mir spontan keine Erwiderung ein, also schaute ich nur dümmlich aus der Wäsche.
„In deinen Kreisen geht diese Wohnung wohl als ärmlich bis erbärmlich durch.“
Ich versuchte, mich mit bissigem Humor aus der unangenehmen Situation zu retten: „Nun, meine Kreise, wie du sie nennst, bewegen sich höchst selten in so einem Umfeld, ich weiß demnach auch nicht, wie ihr Urteil ausfallen würde.“
„Und deins?“, fragte sie.
Es waren kaum drei Minuten vergangen, und die Frau hatte es wieder einmal geschafft, mich zu verunsichern.
„Ich …“
Aber bevor ich mehr sagen konnte, unterbrach sie mich.
„Komm, ganz locker. Ich ziehe dich nur ein wenig auf. Das wird doch wohl gestattet sein, oder?“
Jetzt fühlte ich mich endgültig so, als hätte sie mich in fünf Zügen beim Schach geschlagen. Wieder wusste ich nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte, also hob ich die Hände und sagte: „Ich gebe auf. Mach mit mir, was du willst.“
„Hätte ich sowieso“, sagte Claudia.
Ich glaubte ihr aufs Wort.
Danach entspannte sich die Stimmung zusehends. Sie zeigte mir ihre Küche, die lächerlich klein war. Es passten gerade mal der Kühlschrank, ein Elektroherd und die Spüle hinein. An den Wänden hingen Pfannen und diverse Kochlöffel. Von der Decke baumelte einer dieser unsäglichen Drahtkörbe voller Zwiebeln und Knoblauch. Ich stieß mir fast den Kopf daran.
„Petit“, sagte ich und wusste nicht warum.
„Eher Petit Bourgeois“, sagte sie, schaute mich von der Seite an und fügte hinzu: „Wir tun das nicht wirklich, oder?“
„Du meinst peinliche Bemerkungen auf französisch?“, sagte ich.
„Hey, gar nicht mal so schlecht.“
In ihrer Stimme schwang Anerkennung mit, und ich fühlte mich tatsächlich erröten. Langsam lernte ich dazu.
„Guck mal, das Beste an der Küche ist dieses Schränkchen neben dem Fenster.“
Es war etwa so groß wie zwei Schuhkartons mit einem Zwischenfach. Eine kleine vergitterte Luftzufuhr direkt nach draussen.
„Das sollte wohl früher eine Art Speisekammer sein, schön kühl und trocken“, sagte sie.
„Die Vorratshaltung war damals offensichtlich bescheiden.“
„Die hatten ja nichts.“
„Es gab immer ein Stück hartes Brot und einen Kanten Käse“, sagte ich.
„Ein Glück, dass wir heute Abend mehr auftischen können.“
Eigentlich überrascht es mich angesichts des Gespräches, das wir im späteren Verlauf des Abends führten, immer noch, dass wir bei diesem ersten Treffen im Bett landeten. Ich hatte Claudia sicher nicht mit der Absicht oder in der Hoffnung besucht, Sex mit ihr zu haben, und sie hatte das bestimmt auch nicht eingeplant. Aber zum Glück waren unsere Widerstände schwach genug gewesen.
Am nächsten Morgen wachte ich verkatert auf. Es war dämmrig im Zimmer, und durch das Fenster sah ich in eine graue Wolkendecke. Dann fiel mein Blick auf ein Poster mit grellen Papageien von Walasse Ting, das vor mir an der Wand hing. Ich machte die Augen schnell wieder zu. Ich hörte die Toilettenspülung, spürte einen leisen Lufthauch im Gesicht, öffnete die Augen wieder, und da stand sie. Nackt. Perfekt. Die dunkelbraunen Haare zerzaust. Das weiß ich noch. Und ich weiß auch, dass ich seit jenem Augenblick nie aufgehört habe, sie zu begehren. Und ich sehe ihre Brüste, mit den Nippeln, die sich wie kleine Mulden nach innen stülpten, so als würden sie ruhen oder darauf warten, hervorgelockt zu werden. Und die kleine, horizontale Falte auf der Innenseite ihres Unterarms, wie eine allerletzte Spur von Babyspeck. Die durchschimmernden Adern an den Hüftknochen. Aber ihr Gesicht verschwimmt ein wenig, wird überlagert von der Ungenauigkeit meiner Erinnerung. Doch der Klang ihres Lachens ist präsent und ihr Ausdruck dabei, die Zähne, ebenmäßig, und immer so, als würde sie ein Stück vom Leben abbeißen und schlucken und immer noch schöner dabei werden. Aber ich vermisse es, nicht jede Einzelheit in mir aufrufen zu können. Es geht nicht. Es bleibt eine Tuschezeichnung von ihr. Meine Interpretation.
Aber ich greife vor.
Claudia hatte von ihrem Vater seltsamerweise zum Geburtstag einen Cocktail-Shaker geschenkt bekommen und wollte den Abend zum Anlass nehmen, einige Rezepte auszuprobieren.
„Gefährlich“, sagte ich.
„Jeder andere Mann wäre froh, wenn ihm eine hübsche Frau die Gelegenheit zum gemeinsamen Betrinken bietet“, sagte sie.
„Wohl wahr“, sagte ich.
„Komm, du kannst dich setzen, ich habe alles gekauft.“
„Und was gibt es?“
„Dir zu Ehren einen Klassiker: Tequila, Triple Sec, Limettensaft.“
„Margarita!“, rief ich.
Claudia ging zum Sideboard und holte die Flaschen, stellte sie auf den kleinen, runden Tisch. Dann ging sie zum Kühlschrank und holte ein Gläschen Saft, den sie wohl schon vorher gepresst hatte, und Eiswürfel. Ich saß bloß da, auf dem etwas harten Stuhl und sah ihr zu. Und ich merkte, dass ich dabei entspannte, dass ich es genoss und dass es überhaupt nicht unangenehm war, gar nichts zu sagen und sei es auch nur für die zwei Minuten, die es dauerte, bis die Eiswürfel im Shaker landeten. Und noch länger, während sie mich ihrerseits anlächelte und die Zutaten gewissenhaft mit der Hilfe eines Messbechers zusammenschüttete. Drei Schritte in die Küche eilte, mit Sektkelchen samt Salzrand zurückeilte. Dann den Shaker, so rechts und links nach oben rüttelte und schließlich die schäumende grün-gelbe Flüssigkeit einschenkte.
Wir prosteten uns zu.
„Drei, zwei, zwei“, sagte sie.
„Drei Teile Tequila, zwei Teile Triple Sec, zwei Saft“, sagte ich.
„Hey, du hast ja Ahnung.“
„Selbstredend.“
Während sie kochte, und sie wollte nicht, dass ich ihr dabei über die Schulter gucke, trank ich ein Bier, das sie mir unaufgefordert in die Hand gedrückte hatte, und sah mich genauer um. Zuallererst interessierten mich natürlich die Bücher, die ja in erstaunlich großer Zahl vorhanden waren. Mir wurde nach einer oberflächlichen Sichtung sofort klar, dass sie nicht geordnet waren. Da standen Romane neben Sachbüchern und Comicheften, und großformatige Kunstbücher waren kreuz und quer übereinander gestapelt. Das tat mir in der Seele weh. Bei näherem Betrachten fiel mir dann aber der gepflegte Zustand der Bücher auf. Nichts finde ich unkultivierter als die Unart mancher Menschen, Bücher zu zerlesen, zu zerfleddern, zu bekleckern, oder schlimmer noch, sie aufgeklappt herumliegen zu lassen. Das war hier nicht der Fall, die Bücher waren sogar abgestaubt worden.
Neben dem üblichen Kram wie Herr der Ringe von Tolkien, das mich schrecklich gelangweilt hatte, Scholl-Latours Tod im Reisfeld, den unumgänglichen Namen der Rose von Eco und unzähligen Kriminalromanen, fand ich die Bertinis von Giordano. Von da an konnte ich schon eine gewisse Richtung ausmachen: Von Remarque, Ein Funke Leben. Dann: Ahrendt, Eichmann in Jerusalem. Imre Kertesz, der daneben stand und den ich nicht kannte. Im Klappentext überflog ich, dass es um einen Jungen in Auschwitz und Buchenwald geht. Gustave Le Bon, Psychologie der Massen. Auch nicht gelesen, muss ich zugeben. Ich wollte gerade weiter suchen, als Claudia aus der Küche kam und mir noch ein Bier brachte.
„Während ich koche, gehört ein Bierchen dazu“, sagte sie und verschwand.
Ich stöberte weiter und wurde fündig: Hitler von Fest, ein Buch, das vermutlich niemand wirklich ganz gelesen hatte, das aber zur Selbstdarstellung des Bildungsbürgers gehörte wie die Schnitzerei von Dürers betenden Händen. Ich weiß, wovon ich rede, bei meinen Eltern stand die Schwarte auch. Ich war etwas enttäuscht. Aber zur Entlastung war da noch Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler. Ein Regal weiter oben stand ein eingerahmtes Gedicht. Ich ging näher heran. Schwarze Milch der Frühe. Paul Celan. Den hatte ich Im Abitur. Jetzt war ich neugierig geworden. Studierte Claudia neuere Geschichte oder Germanistik? Ich nahm mein Bier mit in die Küche und fand sie über den Herd gebeugt in einer Pfanne rührend.
„Sag mal, was studierst du eigentlich“, fragte ich geradeheraus.
Sie drehte sich erschrocken um.
„Spinnst du? Und wieso gehst du davon aus, dass ich studiere?“
„Nun ja, die ganzen Bücher über Judenverfolgung, Hitler und so weiter.“
„Ich bin hier gerade beschäftigt und muss auch noch auf den Reis achten. Also, kann das warten?“
„Wenn es denn sein muss“, sagte ich.
„Ich bin in zehn Minuten fertig. Geh und beschäftige dich noch so lange. Los!“
Sie fuchtelte mit dem Küchenspachtel vor meiner Nase herum und ich verzog mich.
Ich beschloss, sozusagen zur Strafe, in ihrem Spiegelschrank herumzuwühlen.
Die Einrichtung des Badezimmers entsprach meiner Vorstellung, was die weibliche Note anging. Ganz abgesehen davon, dass es wahrscheinlich zum letzten Mal in den Fünfzigern renoviert worden war. Der Spülkasten hing tatsächlich noch über dem Klo, eins von diesen urdeutschen Modellen mit Stinketage. Ansonsten Badewanne mit Handbrause. Duschgel. Schwamm mit Holzstiel. Wie gehabt. Dann jedoch die persönlichen Akzente: Kloumrandung und Badevorleger in gleicher Farbe (rot). Klodeckel mit Frottierüberzug (ebenfalls rot). Ein schmales Regal aus Bambus. Oberstes Fach: allerlei Cremes, Schminkzeug, Eau de Toilette (Opium). Untere Fächer: akkurat zusammengefaltete Handtücher in diversen Größen und Farben. Auf dem Waschbecken ein geblümter Seifenspender aus Porzellan. Zahnbürste im rötlichen Zahnputzglas. Dann besagter Spiegelschrank. Ich öffnete ihn vorsichtig, denn ich wollte ja nicht, dass mir da womöglich etwas entgegen fiel. Aha! Bullrichsalz. Und Tabletten gegen Sodbrennen. Aspirin. Eine Salbe, die ich nicht näher untersuchte. Pinzette. Nagelfeile und Nagelschere. Augenbrauenzupfer, das kannte ich von meiner Mutter. Tampons (Normalgröße). Zahnpasta. Nichts Besonders also. Ich klappte den Spiegel wieder zu. Ich nutzte die Gelegenheit zum Pinkeln. Das tat ich im Sitzen, weil mich ein kleines handgemaltes Schild darauf hinwies.
Währenddessen hatte Claudia den Tisch gedeckt. Ich hatte Hunger und hoffte, dass mich nicht so typische Studentenessen wie Schinkennudeln oder dieses schreckliche Bami Goreng erwarteten. Zum Glück jedoch stellte Claudia, was ihre Kochkunst anging, höchste Ansprüche an sich selbst. Dass sie das mit allem, was sie anpackte, tat, sollte ich erst später erfahren.
Als Vorspeise, und die Tatsache, dass es eine gab, war an sich schon bemerkenswert, stellte sie eine Schale mit Avocadoscheiben und filetierten Orangen in die Mitte.
„Nimm dir. Hier ist noch Öl, Zitronensaft und Chilepulver.“
„Wow!“, sagte ich.
„Wollen wir beim Bier bleiben, oder wechseln wir zu Wein?“
„Kommt drauf an.“
„Keine Angst, du bist in einer Lambrusco-freien Zone.“
„Ich bin erleichtert“, sagte ich.
„Ich auch, sagte sie.“
Ich kann mich nicht mehr so recht daran erinnern, worüber wir uns beim Essen unterhielten, aber viel war es nicht. Ich weiß aber noch, dass Claudia hingebungsvoll und konzentriert aß und manchmal aufsah und mich anlächelte und verwirrte. Ich war so hingerissen von ihrer Art, eine Mischung aus ernster Selbstversunkenheit und ironischer Distanz, dass ich die Hauptspeise eher mechanisch vertilgte. Ja, es klingt verrückt, nach fast dreißig Jahren habe ich nicht vergessen, was sie gekocht hat: Coq au Vin. Ich sehe es noch vor mir. Claudia, wie sie mir mit der Schöpfkelle einen Hühnerschenkel und diese rote, schimmernde Soße auf den Teller lädt.
Ich half ihr beim Abräumen und öffnete eine zweite Flasche Wein.
Mittlerweile hatte sich das anfängliche Unbehagen, das bei ersten Verabredungen immer um einen herumgeistert, in eine leicht alkoholisierte Euphorie verwandelt, und Claudia schlug vor, Musik zu hören. Eigentlich hatte ich das Ausbleiben des üblichen Hintergrundgedudels als wohltuend empfunden, und so sagte ich:
„Halt, ich muss vorher deine Platten inspizieren.“
„Also, ich bin jetzt doch ein wenig beleidigt. Zuerst traust du meinem Wein nicht und dann stellst du auch noch meinen Musikgeschmack in Frage.“
„Schlechte Erfahrungen.“
„So schlimm?“
„Schlimmer: Neue Deutsche Welle.“
„Da ist doch nicht alles schlecht.“
„Aha“, rief ich, „gib es zu, da lauert das Böse im Plattenschrank.“
Ich setzte mich im Schneidersitz vor die Sammlung von etwa hundert Platten, die im untersten Fach des Bücherregals gestapelt waren.
„Hier haben wir es ja schon! Peter Schilling! Major Tom!“
„Das ist doch gut!“
„Ein schwacher Abklatsch ist das. Space Oddity von Bowie, das ist das einzig Wahre.“
Claudia hockte sich neben mich, legte den Kopf schief und entzifferte die winzige Schrift auf den Rücken der Alben.
„Da!", sagte sie triumphierend und hielt „The Man Who Sold The World“ hoch.
„Sei mal ehrlich, die gehört doch deinem Vater“, sagte ich.
Plötzlich wurde sie ernst, fast abweisend.
„Ganz bestimmt nicht“, sagte sie“ und es klang verachtend.
Ich hatte da wohl etwas losgetreten und versuchte sogleich, die Stimmung wieder aufzuhellen.
„Was ist das denn, was zum Teufel ist das denn? Al Bano und Romina Power? Das kann doch nicht wahr sein!“
„Jugendsünden“, sagte sie. Und da war auch wieder dieses leicht sarkastische Lächeln.
„Ich gebe zu, ich muss bei Sharazan immer heulen“, sagte ich.
Dann geschah etwas Unvorhergesehenes: Claudia hauchte mir ein Kuss auf die Wange. Ich war so erstaunt, dass ich beinahe zurückgezuckt wäre. Stattdessen sagte ich: „Ich möchte das einschränken. Ich heule bei Sharazan nur, wenn ich besoffen bin. Tatsächlich bin ich immer besoffen, wenn ich Sharazan höre.“
„Hey, wenn ich besoffen bin, dann heule ich auch bei allen möglichen Songs.“
„Zum Beispiel?“
„The Rose von Bette Midler.“
„Das geht mir genauso“, sagte ich.
„Darf ich also jetzt etwas für uns aussuchen?“
„Ich bitte darum.“
Sie legte eine Platte auf, drehte die Lautstärke hoch, und wir hörten zu. Brel. Das war keine liebliche Melodie im Hintergrund, sondern eine Aussage. Wir widmeten uns ausschließlich der Musik. Was sich dann auch als eine weitere Eigenschaft von Claudia herausstellte. Wenn sie mir Musik vorspielte, ein Gedicht vorlas, einen Film ansah oder mir ein Bild von sich erklärte, dann verlangte sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie forderte absolute Gegenwart ein. Das war im besten Sinne anstrengend, denn sie erwartete von mir die gleiche Intensität und Leidenschaft, derer sie fähig war und gab sich nur zufrieden, wenn endlich ein intellektuelles Magnetfeld, ja, eine vibrierende Gemeinsamkeit erreicht war.
Ich gebe es nur zu gerne zu, sie hat mich an jenem Abend für immer verzaubert. Sie hat mich in einem mythischen Vorgang verspeist und verwandelt. Und ich trank mit ihr einen Wein nach dem anderen auf einer Welle, die uns immer weiter trug, ohne jemals über uns hereinzubrechen. Ich sage das ungeachtet der Zweifel, die in den nächsten Wochen an mir nagen würden.
Zunächst jedoch verlor das Gespräch, fast unmerklich, seine spielerische Leichtigkeit.
Wir kamen auf unsere verschiedenen Studiengänge zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass Claudia die Hochschule für bildende Künste besuchte und nebenbei noch ergänzende Seminare in Kunstgeschichte an der Uni belegt hatte.
„Ich hingegen bin Verlegenheitsstudent, sagte ich, eigentlich erwarten meine Eltern von mir, dass ich BWL oder Jura oder ähnliches studiere. Ich rebellierte, indem ich mich für Altamerikanistik entschied. Vor acht Semestern.“
„Und wogegen genau rebellierst du?“
Ich musste nachdenken, sagte plötzlich: „Letztendlich gegen die Absehbarkeit. Und das scheint mir eine fürchterlich schlaue Analyse zu sein.“
„Wie das?“
„Na, ja, eigentlich war immer klar, dass ich studieren sollte. Vom Abitur ganz zu schweigen. Da gab es keine Diskussionen, und auch ich habe nie darüber nachgedacht.“
„Und wenn du es nicht geschafft hättest?“, fragte sie.
Wir saßen nebeneinander auf ihrem kleinen Sofa. Auf der schwarzen Mattscheibe des Fernsehers sah ich die verschwommene Reflexion unserer Gesichter. Ich nahm einen Schluck Wein und stellte das Glas vorsichtig auf dem Glastisch vor mir ab.
Ich sagte: „Habe ich aber. Durchschnittlicher Abschluss. Ohne konkrete Ideen über die Zukunft. Null Plan. Ich wusste nur, dass ich nicht das studieren würde, was alle von mir erwarteten.“
„Alle?“
„Meine Familie.“
„Und seither also Altamerikanistik.“
„Zur großen Freude meiner Eltern.“
„Und hast du jetzt einen Plan?“
„Seit einigen Wochen noch weniger als sonst.“
„Wieso?“
Ich ließ mir Zeit mit der Antwort. Nahm mein Glas vom Tisch. Trank einen Schluck. Stellte es zurück. Schaute Claudia an. Sie lächelte entspannt. Ihr folkloristisches Kleid hatte über dem Brustansatz einen Schnürverschluss. Die Bänder baumelten herum wenn sie sich vorbeugte. Ein tropfenförmiger silberner Ohrring blitzte zwischen ihren dunklen Haaren hervor.
„Eigentlich wollte ich in die Familienstiftung. Also, eigentlich nicht wirklich. Es hat immer im Raum gestanden. Aber nach der Testamentseröffnung meine Großvaters hat sich alles geändert.“
„Bist du enterbt worden?“
„Nein, nein. Ich wollte nur einige Bedingungen nicht erfüllen. Dann ging es sehr schnell, bevor mir richtig bewusst wurde, was mit mir geschah. Ich habe die erforderlichen Unterschriften geleistet und voilá.“
„Du bist frei“, sagte Claudia.
„So kann man es auch deuten. Seltsam frei. Etwas unsicher. Ich werde das Gefühl nicht los, bei diesem ganzen Prozess nicht wirklich da gewesen zu sein.“
Mir wurde klar, dass ich endlich ausdrückte, was mich die ganze Zeit über gestört hatte.
„Du befürchtest, dass über deinen Kopf hinweg entschieden wurde?“, fragte sie.
„Das nicht. Ich bin eher über meine nicht vorhandene Gegenwehr erstaunt. Immerhin sah ich mich über kurz oder lang in dieser Firma landen. Ich flog in einer Art Warteschleife dahin.“
„Und jetzt ist der Flughafen verschwunden?“
„Ja. Ja, genau. Ich muss durchstarten, und überall ist nur Nebel. Aber Benzin habe ich für immer.“
In diesem Augenblick zog ich sie an mich heran und wir küssten uns.
„Hey“, sagte Claudia in dieser amüsierten Art, die ich immer an ihr so geliebt habe. „Hey, das müssen wir wiederholen“, sagte sie und schob mich sachte weg.
„Erzähle mir von deinem Vater.“
Das kam unvermittelt.
„Vater? Was, was …?“
Claudia lachte über mein hilfloses Gestammel.
„Entschuldigung, ist mir nur spontan eingefallen. Hat nichts mit dem Kuss zu tun, das schwöre ich.“
„Wie kommst du ausgerechnet jetzt auf meinen Vater?“
„Dein kopfloses Dahinleben. Dein offensichtlich vorhandenes Geld. Die Tatsache, dass er dir bei dieser ganzen Firmensache nicht beigestanden hat.“
„Du bist ganz schön direkt“, sagte ich ernüchtert.
„Ich bin bekannt dafür. Aber im Ernst, erzähl mir was.“
„Was?“
„Zum Beispiel: Wann hast du deinen Vater zum ersten Mal so richtig als Vater erlebt, ich meine im positiven Sinn. An irgendeine Geschichte wirst du dich doch wohl noch erinnern können.“
„Da fällt mir im Moment nichts Konkretes ein. Und dein Vater?“
„Mein Vater ist nichts. Ein Opportunist. Eine Qualle.“
„Wow!“, sagte ich.
„Lenk nicht ab, streng dich an.“
In ihrer Aufforderung lag eine merkwürdige Dringlichkeit, die ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht erklären konnte. Ich versuchte, ihr dementsprechend entgegen zu kommen und dachte angestrengt nach.
„Also“, begann ich zögernd, verwundert darüber, dass ausgerechnet diese Episode ihren langen Weg aus dem Vergessen heraus in mein Bewusstsein antrat.
„Also, an manchen Samstagen fuhren meine Eltern und ich nach dem Essen die Avenida Insurgentes rauf und runter. Das ist eine Hauptstraße, die Mexico City von Norden nach Süden durchquert und die damals noch nicht so verstopft war wie heute.
Ich saß an jenem Tag wie immer hinten und war so um die fünf oder sechs Jahre alt. In der Vorschule lernte ich gerade Lesen, und ich versuchte, während wir so dahinfuhren, lautstark und ziemlich erfolglos Schilder am Straßenrand zu entziffern. Meine Eltern unterhielten sich vorne leise, und meine Mutter lobte mich hin und wieder und, wie ich vermute, ohne großen Enthusiasmus, wenn ich einen Buchstaben wiedererkannte. Das ging eine Weile so. Ich war zufrieden, der Tag war sonnig und durch das offene Fahrerfenster wehte aufgeheizte Stadtluft ins Auto. Plötzlich fiel mir ein Schriftzug über einem Eiscremeladen auf. Ich konnte ihn natürlich nicht lesen, aber ich wusste, was er bedeutete, ich erkannte ihn an den langgezogenen, rosa Buchstaben wieder und schrie den Namen begeistert heraus: Chantilly, schrie ich, Chantilly, denn so hieß die Marke. Ich kann lesen! Ich kann lesen! Ich weiß noch, wie meine Mutter sich langsam zu mir umdrehte und mich skeptisch anschaute. Aber mehr noch erinnere ich mich an den Gesichtsausdruck meines Vaters: Stolz. Ich war mir sicher, dass er stolz auf mich war. Er wendete den Wagen, fuhr zurück, hielt, stieg aus, überquerte die Strasse und kam mit einem riesigen Erdbeereis zurück. Mein Lieblingseis. Er reichte es mir vorsichtig mit einer Papierserviette, und ich war ungeheuer glücklich, weil es sonst streng verboten war im Auto zu essen oder zu trinken, und dann sagte mein Vater: Gut gemacht, mein Sohn und klopfte mir auf die Schulter. Damals liebte ich ihn dafür. Das war’s.“
Claudia schwieg. Sie nippte an ihrem Wein, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, strich sich den Rock glatt und musterte mich.
„Das sagt eher etwas über dich aus als über deinen Vater“, sagte sie schließlich.
„Findest du?“, sagte ich.
„Du hast deinen Eltern vorgespielt, dass du liest.“
„Na klar, das ist doch offensichtlich. Die wussten bestimmt auch, dass ich das Schild nicht wirklich gelesen habe.“
„Trotzdem wurdest du belohnt. Die Frage ist nur, wurdest du belohnt, weil du gelernt hattest, gut zu täuschen, oder weil du eine gewisse Intelligenz offenbart hast, oder man glauben wollte, dass du Fortschritte beim Lesen machst?“
„Was sollen diese Spitzfindigkeiten? Du wolltest unbedingt eine Anekdote und hast sie auf dem silbernen Tablett serviert bekommen.“
„War eine schwache Leistung. Versuche es doch noch einmal.“
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