Kitabı oku: «Zwischen Himmel und Herde»

Yazı tipi:

Natural Horse
Das Magazin über den achtsamen Umgang mit Pferden.

Für Pferdefreunde, die mehr als reiten wollen.

•Natural Horse bietet Beschäftigungsideen für Pferd und Mensch von kompetenten Autoren und gibt Hilfestellungen für ein besseres und schonendes Reiten sowie Tipps für die natürliche und ganzheitliche Gesunderhaltung der Pferde.

•Natural Horse hilft, eine tiefere Bindung zu Pferden aufzubauen und „pferdisch“ zu denken.

•Natural Horse setzt sich für artgerechte Haltung und Fütterung ein.


www.naturalhorse.de

TANJA VON SALZEN-MÄRKERT

Zwischen Himmel
und Herde

Über die Natur der Pferdeseele

Haftungsausschluss

Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Copyright © 2017 by Crystal Verlag, Wentorf

Gestaltung und Satz: Johanna Böhm, Dassendorf

Titelfoto: http://de.123rf.com/maryart1

Fotos im Innenteil: Ewa Bast, Heiko Märkert, Tanja von Salzen-Märkert, Christiane Slawik

Druck: finidr s. r. o., Český Těšín

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

Printed in Tschechische Republik

ISBN: 978-3-95847-014-9

Inhalt

Danksagung und Vision

Vorwort

Ein kleiner biografischer Auszug

Das Pferd als Krafttier

Krafttierübung

Übung: Das Krafttier-Blitzlicht

Vom Pferdedasein in der Menschheitsgeschichte – bis heute

Das Wesen des Pferdes

Die Natur der Pferdeseele

Naturgesetze – Das Gesetz der Anziehung

Spiegelbild der Seele – Das Gesetz der Resonanz

Peggy und der Ruf der Sweet Molly

Die „Medizin“ von Sweet Molly

Pferde und das Gesetz der Dualität

Vom Einssein mit der Pferdeseele

Die Grundbedingungen für seelisches Wohlbefinden

Die Kräfte der Pferde

Die „Medizin“ der Pferde aus traditionell indianischer Sicht

Die Grundgedanken der „Essentiellen Pferdearbeit“

Der Pferdekörper

Die Lebensenergie des Pferdes

Die fünf Pferdetypen nach traditioneller chinesischer schamanischer Lehre

Individualität

Die Grundbedingungen der essentiellen Pferdehaltung

Das Vertrauenssystem „Pferdeherde“

Essentielle Pferdearbeit – Die Natur des Pferdes als Vorbild

Eine Situationsanalyse für Sie und Ihr Pferd – nach ganzheitlichen Gesichtspunkten der „Essentiellen Pferdearbeit“


Allen voran danke ich von Herzen dem Crystal-Verlag, Hans-Joachim Schmidtke und Martina Kiss, für die Möglichkeit, dieses Buch in die Welt zu bringen. Es ist für all die Menschen geschrieben, die das Wesen des Pferdes näher betrachten und verstehen möchten und aus tiefstem Herzen gewillt sind, das Pferd auf Augenhöhe als gleichwertiges Lebewesen zu achten und zu respektieren.

In tiefer Verbeugung danke ich von Herzen dem Wesen der Pferde, meinen Teil dazu beitragen zu dürfen, dass Pferde gesehen und immer besser verstanden und behandelt werden. Mein besonderer Dank an dieser Stelle gilt den wundervollen Pferden Peggy und Llano.

Die Lehre der „Essentiellen Pferdearbeit“ in die Welt bringen zu können ist ein Geschenk der Pferde, das ich über Jahrzehnte der intensiven ganzheitlichen Arbeitsweise von ihnen erhalten habe. Gern bin ich als Vermittlerin im Namen der Pferde zwischen Mensch und Tier tätig, um dieses Wissen und Fühlen weiterzugeben. Diese ganzheitliche Betrachtungs- und Arbeitsweise soll zum Wohle aller vermittelt und praktiziert werden. Sie findet ihren Kern ausschließlich in der ehrlichen Liebe zum Wesen des Pferdes – und damit in der Liebe zur Erde und zum Leben selbst.

„Zwischen Himmel und Herde“ ist der klangvolle Titel des Ihnen vorliegenden Buches, das Ihnen die Nähe der Pferde zur Erde versinnbildlichen und bewusst machen möchte. All meine Überzeugung gilt meiner Wahrnehmung und Intuition, durch die ich in Jahren der Ausbildung und auch der Läuterung an unterschiedlichen Orten verstehen durfte, dass alle Naturvölker, die eng mit Pferden zusammenleben und jemals gelebt haben, die Pferde als Geschenk des Himmels ansehen. „Pferde“ – und auch die „Herde“ – haben im Ausdruck das Wort „Erde“ gemeinsam. Ich denke, die große Gabe der Pferde ist es, uns Menschen das Leben und Lernen auf der Erde zu erleichtern und zu verschönern. Ich wüsste nicht, von wem ich all meine Weisheiten lieber gelernt hätte als vom Wesen der Pferde selbst.

Den Pferden gilt mein Dank, dass ich heute bereits an dem Punkt angelangt bin, an dem ich bin – in freudiger Erwartung der nächsten Lektion.

Meine tiefe, innerste Vision beinhaltet die Hoffnung, dass Menschen und Pferde sich gegenseitig unterstützen und sich helfen. Gewalt gegenüber dem Pferd stelle ich mit all meiner Kraft und Hingabe Aufklärung, FAIRständnis, Liebe und Respekt entgegen und wünsche mir, dass Mechanik, Kraft, machtvolle Unterordnung und Gewalt ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Dem Menschen widerfährt das, was er bereit ist zu geben.

Es ist Zeit!

Tanja von Salzen-Märkert


Die Inspiration, mein Fühlen und Erleben in ein Buch zu schreiben, ist für mich uralt – die Inspiration, dieses Buch zu schreiben, kam über Nacht … In einer ganz besonderen Nacht.

In einer Phase des Neubeginns nach ziemlich genau 40 Lebensjahren wurde mir plötzlich ganz eindeutig und präzise klar, warum ich hier bin: wegen der Pferde!

„Ja … das weiß ich doch irgendwie schon lange und ist auch nicht neu!“, moserte meine innere, zumeist etwas ungeduldige Stimme … Aber WARUM wegen der Pferde? Und was genau beinhaltet das?

Allerhand Fragen drängen sich in mir auf:

•Ist es mein Wunsch, bei und mit Pferden zu sein? Oder ist es meine Aufgabe? Oder habe ich so etwas wie einen Auftrag, den es zu erfüllen gilt?

•Gibt es so etwas wie Berufung?

•Oder ist es vielleicht so etwas wie meine Pflicht, das, was mir die Pferde über die Jahrzehnte gezeigt und mitgeteilt haben, aufzuschreiben und zu schildern, es weiterzugeben?

•Was will die innere Stimme von mir, die nachts laut in meinem Innenohr meinen Namen ruft, bis ich wach bin und wieder aufschreibe, welche Inspiration ich gerade erhalten habe?

•Ist die Zeit reif, dass sich die Menschen dafür öffnen und wertschätzen, was die Pferde uns geben?

•Kriegen die Menschen in dieser schnellen, leistungsorientierten Zeit überhaupt mit, welche Geschenke die Pferde für uns bereithalten?

•Ist es schon an der Zeit, dass die Menschen ihr Herz öffnen, ohne die Inhalte dessen, was die Pferde zu sagen und zu geben haben, zu schmälern oder sogar zu verhöhnen?

•Ist es vielleicht jetzt in dieser brisanten Zeit ganz wichtig, alles offenzulegen, was ich beobachte, sehe, höre und spüre, um Menschen und Pferde zusammenzubringen und ihnen eine echte Chance für alle aufzuzeigen?

•Ist eventuell etwas dabei, das ein Mensch oder ein Tier jetzt dringend brauchen könnte oder das ihm weiterhilft?


•Können Menschen durch Lesen eigentlich erfassen, was ihr Pferd oder die ganz besondere (Lebens-)Situation mit ihrem Pferd benötigt, um erfolgreich gemeistert zu werden?

•Können Menschen durch ein Buch inspiriert werden, ihr eigenes Verhalten dem Pferd gegenüber zu überdenken?

•Haben alle Menschen den Wunsch, gut mit Pferden umzugehen? Wenn ja, wieso sehe ich dann noch so viel Gewalt und so viel Brutalität auf meinen Reisen?

•Kann ich Menschen, die bereits auf ihrem Herzensweg mit Pferden sind, durch ein Buch Bestätigung genug geben, damit sie sich nicht so einsam und allein mit ihren Erkenntnissen fühlen?

•Kann ich die, die schon auf einem guten Weg sind, genügend ermutigen, diesen zarten roten Faden ihres eingeschlagenen guten Weges in der Hand zu behalten und ihm weiter zu folgen? Kann ich ihnen von Herzen vermitteln, sich weiter für die gute Sache einzusetzen?

•Wissen sie, dass wir schon sehr viele sind, die sich für das Wohl der Pferde auf der Erde einsetzen?

•Dann sollte ich sicher nicht zurückhalten, was ich bisher erfahren durfte …

Oder?

Sie sehen: Ich bin auf meinem Weg und mittendrin, es selbst für mich zu erschließen – dieses WARUM, das mich bis in die kleinste Zelle meines Körpers bewegt, mich beschäftigt und mich zu meinem eigenen Glück einfach nicht in Ruhe lässt. Und das schon seit so vielen Jahren.

Ich möchte Ihnen eine kleine unterhaltsame Geschichte aus meiner Biografie erzählen und wie alles begann.

Direkt darauf möchte ich Sie in die Inhalte dieses Buches entführen, um Ihnen die wunderbaren Kräfte der Pferde zu verdeutlichen und näherzubringen. Ich möchte Ihnen bewusst machen, was Sie vielleicht in der Tiefe Ihres Herzens schon längst spüren oder ahnen und welche Geschenke die Pferde uns auf so viele wundervolle Arten und Weisen offenbaren. Ein Pferd vollkommen in seiner ganzen Größe und auf jeder Ebene zu erfassen, kann mich nur zu einem einzigen Schluss führen: Ein Pferd ist ein lebendiges Wunder!

Starten wir mit einem kleinen Auszug aus meiner persönlichen Geschichte. Zuerst hat es scheinbar mit Pferden gar nicht so viel zu tun … Doch dann kommt alles anders und die Puzzleteile fügen sich …

Ein kleiner biografischer Auszug

Ich kam 1975 mit einem ziemlichen Ruck auf die Welt. Das war bestimmt nicht unerwartet – und trotzdem irgendwie plötzlich. Überfallartig muss ich meine Familie, vor allem meine Mutter, mit der Geburt konfrontiert haben – und nach wenigen Minuten des Auf und Abs im Krankenhausgang war ich auch schon da. Für eine Mutter, die fürsorglich halten, schützen und lieben wollte, war das vielleicht fast etwas schnell. Sie musste sich einige Tage von dem doch sehr abrupten Loslassensprozess erholen. Es kamen Tage auf mich zu, in denen ich scheinbar sehr auf mich allein gestellt war. Vielleicht war es nur kurz, vielleicht auch lang – gefühlt schien es mir wie eine Ewigkeit. Dank mehrerer eigener schamanischer Reisen als mich selbst erkundende erwachsene Frau schob ich die dunklen Wolken meiner Vergangenheit zur Seite. Glücklicherweise stieß ich auf sehr klare und deutliche Erinnerungen an diese frühe Zeit in meinem Leben, die mich mehr und mehr alles sehen und verstehen ließen:

Ich lag in einem wunderbar warmen Kinderbettchen und streckte meine mir hellblau erscheinenden, aber unsichtbaren, lichtvollen Fühler aus. Diese Fühler sind so etwas wie Tastinstrumente, Sensoren, die ich mir bewahrt habe und mit denen ich bis heute aktiv arbeite. Damit konnte ich schon damals die Menschen in der Umgebung auffinden und wusste, wie es ihnen gerade geht und was sie machen. Ich konnte Personen orten, Stimmungen und Emotionen auffangen und miterleben. Je mehr ich meine Fühler ausstreckte, umso besser konnte ich damit umgehen und meine Umgebung wahrnehmen. Doch dann kamen die Nächte und um mich herum wurde es dunkel und still. Meine Fühler fanden nichts vor außer der Dunkelheit. Und dieses Nichts gab mir nur wenig Sicherheit. Es machte mir Angst. Unruhig begann ich meine Fühler also weiter auszustrecken. Immer weiter und weiter.

Heute weiß ich die Ebene, auf die ich mich von dort an begeben habe, einzusortieren und zu benennen. Ich bin auf eben die Ebene vorgedrungen, auf der alle Kinder zu der Zeit sind. Eine magische Ebene. Die Ebene der Energien, dort, wo sich Gefühle aufhalten und Schatten und Lichtwesen sich begegnen. Es ist die Ebene, auf der die Seelen unserer Ahnen zu Hause sind und auf der die Krafttiere zu finden sind, wenn wir sie suchen. Das ist der Ort, zu dem auch Schamanen reisen, um Unterstützung, Rat und Hilfe für sich und andere zu erbitten. Ein Ort der Führung. Ein Ort des Gehaltenseins. Ein Ort frei von aller Materie und frei von dem Korsett der gesellschaftlichen normierten Vorstellung, wie alles zu sein hat. Um an diesen Ort zu gelangen, ist es nötig, verstandesmäßige Grenzen loszulassen und einfach geschehen zu lassen. Jedes Kind kann das! Aber nicht jeder Erwachsene ist gegenwärtig noch in Übung, dies zu tun …

Meine frühkindliche Erfahrung dieser Zeit hallt bis heute in mir nach. Zu meiner eigenen Überraschung galt meine Aufmerksamkeit zuerst nicht gezielt den Pferden. Nein, sie galt dem Leben an sich: der Freude, der Neugier, der Wissbegier, der Wärme, der Liebe … – all das wollte ich erleben und verspürte eine unglaubliche Sehnsucht danach. Eine Art Lebensdurst. Und dann, beim Ausstrecken meiner Fühler, bekam ich immer wieder auf eine fast unerklärliche Art den Kontakt zu allen möglichen Lebewesen in der Umgebung, nah und fern. Manchmal sehr fern. Immer wieder landete ich in dieser Zeit bei den Delfinen in den Ozeanen dieser Welt. In meiner magischen Welt konnte ich sie ohne Umweg, direkt und unmittelbar, mit meinen Fühlern erreichen. Obwohl die Ozeane so weit entfernt waren, waren die Delfine und die unausschöpfliche Liebe dieser wundervollen Wesen mir nah und vertraut.

Meine Erinnerungen führten mich wie in einen tagelangen Traum, in dem ich mich von einer Gruppe Delfinen umgeben und geborgen als deren Kind wiederfand. Ich bin mit ihnen durch die Meere geschwommen, habe meinen Körper erfahren und fühlte mich von ihrer Liebe und Zuneigung gewärmt und geborgen. Besonders eine Delfinfrau hat sich um mich gekümmert und mir all das gegeben, wozu meine erschöpfte Mutter zu der Zeit nach meiner Geburt nicht sofort und schon gar nicht ununterbrochen in der Lage war. Ich fühlte mich zu den Delfinen nicht nur hingezogen, ich fühlte mich voll und ganz zugehörig – ohne Unterschied.

Und dann kam der Tag, der mich aus meinen Träumen in die Realität holte. Überglücklich über meine immer kräftiger werdende Mutter, die mich von nun an wieder umsorgen konnte, überkam mich eine tiefe Traurigkeit. Es war die Trauer, mich von meiner Delfinfamilie in meiner magischen Welt trennen zu müssen und mich von der Delfinmutter, die sich so rührend und liebevoll um mich gekümmert hatte, zu verabschieden. Mit großen offenen Augen sprach sie mir Mut zu. Mit ihren Worten: „Geh zu den Pferden – die sind so ähnlich wie wir!“, gab sie meinem Leben und vor allem meinem Herzen die entscheidende Richtung. Für diese Weisung bin ich bis heute unendlich dankbar. Sowie ich die ersten Schritte laufen konnte, zog es mich zum Erstaunen meiner Eltern unaufhaltsam zu den Pferden. Und die Delfinin hatte recht! Sie sind sich sehr ähnlich!


Wenn man es genau nimmt, waren meine ersten Tage auf der Erde so etwas wie eine sehr lange und intensive schamanische Reise. Mit allen Sinnen war ich auf der Ebene unterwegs, die ich später, sehnsüchtig nach Erklärung suchend, in verschiedenen Naturreligionen wiedergefunden, kennen und lieben gelernt habe. Kein Wunder also, dass es mich seit jeher nicht nur zu den Pferden, sondern auch zu den Schamanen und Weisen indigener Stämme gezogen hat und ich über Jahre Wissen und Methoden recherchiert, gesammelt, verinnerlicht und auf gewisse Art wiedergefunden und zurückerobert habe. Unabhängig davon, wie es mir im entsprechenden Moment ging, wollte ich immer wissen, was die Medizinmänner und Medizinfrauen dazu sagen würden. Ihre Art und Weise, das Leben zu sehen und wahrzunehmen, war von Anfang an so eins mit meinen ersten Prägungen und Einsichten ins Leben, dass es mich magisch anzog und mir und meiner Natur bis heute entspricht. So stieß ich über kurz oder lang natürlich auf Verbindungen mit Tieren als Beistand und Helfer für die Menschen in guten und in schlechten Zeiten – allen voran das Pferd. Lange Zeit war mir rätselhaft, wie ich es deuten und in meinem realen Leben einsortieren sollte:

Ist nun das Pferd in meinem Geiste, das meine Seele bewegt und mir lichte Hinweise für meinen Weg schenkt, mein Krafttier – oder das Pferd in meinem Stall? Was kann das eine, was das andere nicht kann? Wozu brauche ich das eine, wenn ich doch das andere habe?

Ich begann zu recherchieren und entdeckte immer mehr Parallelen meiner irdischen und magischen vierbeinigen Begleiter. Und auf einmal wurde mir klar: Das, was mein Krafttier mir als eine Art unsichtbarer Begleiter für Weisungen offenbart, ist ebenso im direkten Kontakt mit meinem Pferd spürbar und sichtbar – ich muss nur genauer hinschauen, um das Offensichtliche zu erkennen!

Die Bedeutung eines Krafttieres ist unumstritten etwas sehr Persönliches – ebenso wie die Begegnung mit einem weltlich existierenden Pferd. Man könnte meinen, beide haben den gleichen „Auftrag“. Doch hat das Pferd in meinem Stall, abgesehen davon, dass es mir begegnet ist und dahinter sicher irgendein Sinn steckt, ganz nebenbei auch mit der Führung seines eigenen Lebens immens viel zu tun. Ein Schamane sagte während einer Einweihung zu mir, dass es so schlimm um die Erde und ihre Bewohner steht, dass die magischen Pferde inkarnieren müssen, weil wir Menschen es allein nicht schaffen, all unsere Themen zu erkennen. Weil wir von Zivilisation geprägten Menschen verlernt haben, diese leisen Stimmen wahrzunehmen. So, wie wir scheinbar zivilisiert leben, haben sich aufgrund der menschlichen Weise zu leben viele Probleme eingeschlichen. Dieser Schamane meinte damit, dass die Pferde der Erde helfen, gesehen und verstanden zu werden. Denn grundsätzlich braucht die Erde eben genau das, was ein Pferd auch braucht, um in seiner Mitte zu sein: einen Ort des Friedens, der Akzeptanz, Achtung, Fürsorge und Liebe. Die Harmonie, die daraus zum Wohle aller entstehen kann, ist das erstrebenswerte Resultat, von dem auch wir Menschen profitieren. Ein Pferd verkörpert daher ein kleines Stückchen Erde. Jedes einzelne Pferd ist ein wertvoller Teil unserer Schöpfung. Und alle Pferde zusammen gesehen sind das „Wesen Pferd“. Wie ein einziger großer Organismus, der über die ganze Welt verteilt lebt, schöpft und wirkt. Doch das ist so gesehen schon sehr philosophisch und überschreitet die Grenzen unseres „normalen“ Alltagsdenkens.

Doch noch einmal zu den Krafttieren: Ich selbst habe mich anfangs immer schwer – getan mit Krafttieren, weil ich schon früh der Meinung war, dass es eventuell sehr einseitig sein könnte, wenn mein ganzes Leben von nur einem Tier und seinen Fähigkeiten begleitet werden würde. So machte ich mich auf den Weg, die Hintergründe der Krafttierlehre zu erkunden und mehr zu erfahren. Um dieses Buch zu schreiben, habe ich viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dabei hat es mich niemals abgeschreckt, wenn ich auf der Suche Leid, Qual und Dunkelheit begegnet bin. Im Gegenteil: Immer interessiert, wie sich die dunkelsten Dinge der Welt bewerkstelligen und bereinigen lassen, war ich bei jeder einzelnen Situation zutiefst überzeugt, dass am Ende des Tunnels Licht sein werde. Wo Schatten ist, ist auch Licht – eines der wohl am leichtesten zu verstehenden Naturgesetze der Erde. So weiß ich heute, dass das Pferd als Krafttier seinen Einsatz in Heilbehandlungen der schamanischen Medizin weltweit findet. Es steht Familien zum Schutz zur Verfügung, wie es auch seine Herde schützen würde. Das Pferd kann stellvertretend ein Wächter eigener Energiezentren des Unterbewusstseins sein, zum Beispiel des Berufungszentrums, dessen Tore so lange geschlossen bleiben, bis die Zeit reif ist, sie zu öffnen. Das Krafttier Pferd kann den Elementen Feuer, Erde, Luft, Wasser und Äther zugeordnet sein und damit eine bestimmte Berufung haben oder für bestimmte Aufgaben eine Zeit lang zur Verfügung stehen. Als magischer Begleiter einer Partnerschaft hat das Pferd eine überaus starke, bindende und sehr loyale Kraft. Ebenso wie in einer Herde steht die Partnerschaft dann unter einem sehr guten, starken und vor allem loyalen Stern.

Allgemein gesprochen sind Krafttiere Helfer. Sie können uns in allen Lebenslagen beistehen, wobei zu unterscheiden ist, dass der Moment oft von einem anderen Tier begleitet wird als ein gesamtes Leben. Im Verhältnis erscheint das Pferd relativ oft als Krafttier in einer schamanischen Sitzung oder Heilbehandlung. Ich persönlich glaube, dass es daran liegt, dass die Pferde uns aufgrund der letzten rund 5000 Jahre gemeinsamer Evolution einfach nah und präsent sind, vor allem in den Naturvölkern. Und wie es aussieht, hat das Pferd es geschafft, nicht wie Rind oder Schwein fast ausschließlich von uns verspeist zu werden. Wenn sich das Bewusstsein der Pferdemenschen weiter hebt, haben wir gute Chancen auf weitere 5000 Jahre gemeinsamer Entwicklung. Wenn Ihnen das Pferd in der Meditation oder im Traum begegnet, liefert es immer Rückschluss auf Themen der Freiheit, Natürlichkeit, der Stärke des Herzens und des Neubeginns. Die eigene innere Wildheit zu spüren und zurückzuerinnern ist das, was unser Herz am meisten nährt und bewegt. Denn genau das ist es, was unsere Herzen höher – schlagen lässt, wenn wir ein anmutiges und schwungvolles Pferd im Frühjahr vor Kraft strotzend über die Weide galoppieren sehen. Die Sehnsucht, diese Kraft im eigenen Herzen zu spüren, ist es, was die Liebe zum Pferd ins Bewusstsein steigen lässt.


Zusätzlich können Sie bei solch einer Krafttierbegegnung genau hinschauen, was und wie es sich Ihnen zeigt. In den geführten Meditationen der letzten Jahre wurde deutlich, dass Pferde häufig in einem bestimmten Kontext erscheinen, der genau zum aktuellen Lebensthema seines Menschen passt. Zum Beispiel geht das Pferd einen langen, ebenen Pfad dem Sonnenaufgang entgegen, was Rückschlüsse auf den recht harmonisch fortschreitenden Lebensweg geben kann. Es suggeriert die Möglichkeit, ihm zu folgen, denn der Weg geht ohne große Komplikationen geradeaus dem Licht entgegen. Ich würde das als eine Mut machende und bestärkende Aufforderung ansehen und ermuntern, unnötige Sorgen fallen zu lassen.


Ebenso kann es sein, dass Sie nur mit einem Teil des Pferdewesens in Kontakt kommen oder ihn erkennen. Diesen Bereich können Sie dann deuten. Wichtig ist hierbei eigentlich nur, dass Sie dem Herzen Vorrang lassen und ihre Erkenntnisse nicht in Stein meißeln. Ich habe schon oft in meiner inneren Arbeit Bilder erhalten, die an dem Tag auf eine bestimmte Weise gedeutet werden konnten – und Tage später wieder ganz anders. Und beide Bedeutungen haben Sinn gemacht. Wir verstehen oft erst nach Tagen oder Wochen, was genau gemeint war. Lassen Sie sich und Ihrem Verstand daher bitte etwas Spielraum. Sie können zum Beispiel einen bestimmten Augenausdruck des Pferdes wahrnehmen oder das Fell, die Tasthaare um das Maul herum, seine Form, seine Energie oder eine Herdensituation. Alles kann auf einen Schwerpunkt hinweisen, und Ihre Fantasie ist herzlich eingeladen, damit kreativ zu werden – es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur Ihre persönliche Deutung in Ihrem persönlichen Lebenskontext, und kein Mensch der Welt weiß darüber so gut Bescheid wie Sie. Menschen wie ich sind lediglich bei der Deutung behilflich und vermitteln Inspirationen und Gedankenanstöße. Diese Arbeit ist nur eine assistierende Unterstützung, die Hinweise zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Das Wissen entspringt Ihrer eigenen Tiefe.

Krafttierübung

Wenn Sie Lust haben und mutig genug sind, folgen Sie mir in eine kleine, aber bedeutsame Krafttierübung. Sie kann Ihnen helfen, einen Eindruck von dem zu bekommen, was ich hier versuche, in Worte zu fassen. Und gleichzeitig lassen Sie sich dadurch auf das einstimmen, was Ihnen dieses Buch anbieten möchte: die Sicht des Pferdes mit dem Herzen. Wenn Sie sich den Vorzug gönnen, zu dem, was Sie hier lesen, gleichzeitig auch eine Erfahrung zu machen, beginnen Sie schon mit der Vorbereitung auf die „Essentielle Pferdearbeit“ in der zweiten Hälfte des Buches. Um „essenziell“ arbeiten zu können, müssen wir Menschen ein paar Dinge über Bord werfen, die zu sehr von Logik und Verstand geprägt sind, denn das schmälert unsere Fantasie und Kreativität – kurz: unsere geistige Freiheit und unsere natürliche Offenheit.

Übung: Das Kraftpferd-Blitzlicht

Diese Übung ist einfach und scheint zuerst vielleicht etwas oberflächlich zu sein. Doch sie offenbart mehr Tiefe und Kontakt mit Ihrem inneren Kern, als es zunächst scheint. Um auf eine lange Reise zu gehen, empfehle ich gerade denjenigen unter Ihnen, die noch nicht so geübt oder erfahren sind, sich an jemanden zu wenden, der Sie durch die Meditation führt und Ihnen die einzelnen Punkte vorliest. Es erleichtert vieles und Sie können sich sicher und ruhig auf das einlassen, was Ihnen in der magischen Welt erscheint. In dieser Übung geht es darum, dass Sie es sich erlauben, der Wahrnehmung Ihrer Sinne – nennen wir es Fantasie – Vorrang zu gewähren. Der Verstand darf eine Weile ruhen.


Lesen Sie sich bitte die Übung zuerst einmal bis zu Ende durch. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort, können Sie starten.


Legen Sie sich einen Zettel und einen Stift bereit.


Setzen Sie sich mit aufrechter Wirbelsäule an einen Ort, der es Ihnen ermöglicht, für einen Zeitraum vollkommen ungestört zu sein. Schalten Sie Ihr Telefon, Ihr Handy, Ihre Türklingel und all das, was Sie sonst an der Entspannung hindern könnte, ab. Entspannen Sie sich und lassen Sie Ihren Körper und Ihren Geist zur Ruhe kommen, damit die Seele Vorrang hat. Lassen Sie sich für jeden Wahrnehmungsschritt einen Moment Zeit – ganz individuell.


Schließen Sie entspannt die Augen.


Lassen Sie alle Anspannungen, Stress und Hektik des Alltags los.


Atmen Sie drei große Atemzüge durch die Nase ein und aus dem leicht geöffneten Mund aus. Fühlen Sie Ihre Atmung bis in den Bauch hinunter.


Spüren Sie bewusst zu Ihrem Herzen.


Füllen Sie jede Zelle Ihres Herzens mit lichter Liebe.


Nichts außer vollkommene Liebe soll Ihr Herz erfüllen und von dort aus wie eine innere Sonne in alle Richtungen strahlen.


Mit jedem Einatmen strömt mehr lichtvolle Liebe in Ihren Körper.


Jede Zelle in Ihrem Körper darf sich an dem Licht Ihrer Liebe erfreuen und es durch sich fließen lassen. Spüren Sie, wie es jeder Zelle immer besser und unbeschwerter geht.


Mit jedem Ausatmen lassen Sie zweifelnde Gedanken, Widerspruch und Zwiespalt los.


Fokussieren Sie fantasievoll vor Ihrem geistigen Auge die unendliche und immergrüne Wiese der Pferdewesen.


Schauen Sie den Pferden zu, wie Sie diesen Ort beleben.


Lassen Sie ein einzelnes Pferd auf sich zukommen. Lassen Sie es direkt vor Ihnen zeigen, was es für eine Information für Sie hat. Achten Sie auf die Gesamterscheinung und ebenso zur gleichen Zeit auf alle Details.


Nehmen Sie Ihr magisches Gegenüber liebevoll ernst und für wahr.


Dann bedanken Sie sich für den Impuls und kommen mit Ihrer Aufmerksamkeit zu Ihrem Körper zurück. Ich persönlich verneige mich im Geiste an dieser Stelle vor dem Überbringer der Nachricht.


Spüren Sie wieder bewusst Ihr Herz, Ihre Atmung und den ganzen Körper. Atmen Sie deutlich dreimal tief ein und wieder aus. Öffnen Sie die Augen und kommen vollkommen ausgeruht und erfrischt wieder in Ihrem Tag und an Ihrem Ort an.


Nehmen Sie sich einen Zettel und einen Stift und notieren oder zeichnen kurz Ihren Eindruck, damit Sie sich so unverfälscht wie möglich in den nächsten Tagen damit beschäftigen können. Notieren Sie den Gesamteindruck, die Details und das Gefühl, das dieses Bild oder diese Begegnung in Ihnen ausgelöst hat. Vergessen Sie nichts, auch wenn es zuerst scheinbar unwesentlich oder belanglos erscheint.


Ich bin mir sicher, Ihre Begegnung hatte eine wertvolle Information für Sie.


Kurz zu möglichen Fehlerquellen: Seien Sie nicht traurig, wenn Sie nach der Übung der Meinung sind, das Pferd hatte nur oberflächliche, unaufgeregte oder sehr nichts sagende Informationen in seinem Ausdruck für Sie. Genau diese Informationen liefern einen ebenso wertvollen Hinweis für Sie wie ein aufgebrachtes, wildes und ungezähmtes Pferd – manchmal sind solche Informationen sogar wertvoller. Ruhe, Harmonie, Balance, Herzenswärme sollten keinen geringeren Stellenwert bekommen als Temperament und Aktion. Nehmen Sie Ihren ganz individuellen Eindruck für wahr.

Wenn ich selbst so eine Blitzlichtübung praktiziere, kann es sein, dass meine Wahrnehmung des Bildes nur eine Zehntelsekunde lang ist. Das ist gut! Denn dann ist die Wahrnehmung schneller als die Gedanken, die das Bild strukturieren, analysieren oder ihm eine Änderung geben wollen. Je kürzer das Blitzlicht ist, desto reiner sind meiner Erfahrung nach die Informationen. Erstaunlicherweise kann es sein, dass die Notizen zu solch einem wahrhaftigen Blitzlicht seitenfüllend sind. So viel Aussagekraft hat dieser Eindruck.


Kein anderes Tier auf der Welt hat den Menschen in seiner Entwicklung während Tausenden von Jahren und während der gesamten Evolution näher zur Seite gestanden und für größere Fortschritte gesorgt als das Pferd – zuerst als Beutetier und dann als Nutztier. Und obwohl wir Menschen uns und unseren Verstand so weit entwickelt haben, hat sich an dieser grundsätzlichen Einstellung zum Pferd im Allgemeinen noch nicht allzu viel geändert. Zwar treffe ich immer mehr von denen, die bereit sind, in dem Pferd mehr zu sehen als einen Fleisch-, Werkzeug-, Kleidungs- oder Leistungslieferanten, dennoch gibt es von denen, die das Pferd für ihre Zwecke benutzen wollen, für meinen persönlichen Geschmack noch viel zu viele.

Doch verzeihen wir uns Menschen diesen Fauxpas, denn diese scheinbare Achtungsoder Taktlosigkeit einem Lebewesen gegenüber entspringt in gewisser Weise der Natur. Unserer Natur. Der Natur, die uns Menschen Jahrtausende überleben ließ und einzig und allein durch persönliche Erfahrung, Bewusstheit und Reifung erweitert werden kann.

Der Mensch hält gern an seinen Traditionen fest, denn schließlich haben diese Erfahrungen uns Menschen zu unserem Erfolg verholfen, sodass wir heute überhaupt dort stehen, wo wir stehen. Daher ist es verzeihlich, dass einige das Pferd noch immer als Beutetier und andere als Nutztier betrachten. Es ist schlicht und ergreifend in uns und dem kollektiven Bewusstsein abgespeichert und steht uns als Erfahrung zur Verfügung. Unbewusst können wir immer wieder auf all diese uns zugrunde liegenden tiefen Erfahrungen in der Menschheitsgeschichte zurückgreifen. Und sowohl Pferdefleisch als auch Pferdehaut hat zu bestimmten Zeiten Leben gerettet.

Wie alles in der Welt findet Entwicklung immer vom Groben zum Feinen statt. Es ist wie mit dem Laufenlernen: Zuerst sind unsere Bemühungen und Bewegungen recht groß und grob, und mit wachsender Übung finden wir immer mehr Balance, unsere Schritte werden feiner, gezielter, Körper und Geist harmonieren immer besser zusammen. Irgendwann erreichen wir zum ersten Mal unser angestrebtes Ziel, und unser Vorhaben wird zu einem Erfolgserlebnis. Dieses fest im Erfahrungsschatz abgespeichert, können wir von nun an weiter vorn ansetzen und brauchen den ganzen groben Unterbau, der der Vorbereitung, der Übung und dem Training diente, nicht mehr. Versuch und Erfolg sind vorbei. Wenn wir nun etwas wollen, können wir aufstehen und laufen. Und dort ankommen, wo wir hinwollen. Ansonsten hätten wir aus unseren Erfahrungen nicht gelernt. Und wenn wir so wären, dass wir aus unseren Erfahrungen keine Lehre oder Einsicht entwickeln könnten oder würden, hätten wir in der Evolution sicher nicht so großen Erfolg gehabt. Wir sind zwar weder größer, kräftiger noch schneller als viele Mitlebewesen auf unserem Planeten, doch haben wir es geschafft, unser Gehirn so zu entwickeln, dass wir uns hervorragend anpassen und auf Situationen einlassen können – und aus ihnen lernen können. Die Evolution hat uns zu Situationsanalytikern und Problemlösern gemacht. Und wir entwickeln uns unter dem richtigen Anreiz auch immer noch weiter – bis ins hohe Alter. Die Ressourcen in unserem Gehirn sind scheinbar unerschöpflich. Sich dabei an der Natur zu orientieren bietet den Halt, den heutzutage viele vermissen. Denn allein mit unserem Verstand, unseren Handys und unserem Fernweh, das unserer geistigen, nun grenzenlosen Welt entspringt, werden wir weder satt noch haben wir ein Dach über dem Kopf oder fühlen uns in irgendeiner Weise sicher, geborgen, genährt und verbunden.


Mensch und Pferd haben sich in der Evolution immer wieder gegenseitig das Leben gerettet. Heute findet dieses Lebenretten eher im emotionalen und sozialen Bereich statt.

Was auf unserer langen Reise geblieben ist, ist die Sehnsucht nach Wärme, Geborgenheit und Schutz. Vielleicht wissen wir weniger denn je, woher wir das bekommen können und was unsere wahren Bedürfnisse tief gehend und wahrhaftig nährt und befriedigt. Zum Glück haben wir den Nomaden in uns: den, der sich immerwährend auf den Weg machen möchte – auch im übertragenen Sinne. Den, der uns antreibt. Nicht um zu suchen, nein: um zu finden!

Um uns und unser Potenzial zu entwickeln, müssen wir wieder Vorbilder und Anreize haben, die die heutige Gesellschaft uns oft nicht mehr bietet. Die Familien vermögen es kaum zu schaffen, dass wir unsere Bedürfnisse erfüllend sättigen. Auch die Gesellschaft kann es nicht leisten, die Geschäftswelt auch nicht, und die Politik schon gar nicht. Die natürliche, Sicherheit spendende Ordnung auf der Welt ist scheinbar verloren gegangen. Viele haben sich selbst oder Anteile von sich verloren und spüren den Zusammenhalt mit dem „großen Ganzen“ nicht mehr … wären da nicht die Pferde!

Früher gab uns das Pferd die Möglichkeit, dass wir uns nunmehr über immer weitere Strecken bewegen konnten, als wir Menschen es aus eigener Kraft zu Fuß hätten schaffen können. Länder konnten plötzlich durchquert werden, Gepäck, Waren und Güter transportiert werden. Pferde ließen sich einreiten, ordneten sich unter und ließen sich sogar verschiffen. Ihre Reiter eroberten durch sie ganze Kontinente. Doch solche Art Eroberung ist heute nicht mehr nötig. Auch benötigen wir ihr Leder und ihr Fleisch nicht mehr, um zu überleben, und haben andere Materialien als Werkzeuge auserkoren als ihre Knochen. Die Milch der Stuten ist noch dienlich – wenn diese nicht eigentlich für die Fohlen gedacht wäre …

Wir stecken also in einer interessanten Zeit – mitten in einem riesigen Fort-Schritt, – in der uns wieder die Pferde unterstützend zur Seite stehen.

Dieses Mal ist das Ziel feiner. Das grobe Überleben ist gesichert und aus der Sicht eines Urvolkes leben wir wohl alle im Wohlstand – teils zur Freude, teils zum Bedauern, denn mehr und mehr bleibt dabei oftmals Wesentliches auf der Strecke.

Und ebenso geht es vielen Pferden. In schicken Boxen, auf eben befestigten, hygienisch reinen Paddocks werden sie gesäubert, gewaschen, gebürstet, die Hufe geraspelt, sodass sie kaum aus der Form kommen können. Gegen Mücken, Zecken und Fliegen gibt es einen Futterzusatz oder ein Spray, wie auch gegen Flecken im Fell. Und nicht einmal wenn es um die Fortpflanzung geht, darf aktiv selbst entschieden werden. Es gibt oft nicht einmal ein Mitspracherecht. Per künstlicher Befruchtung wird oftmals der Deckakt vollzogen oder der Termin beim Hengst ist minutiös genau wie nach Fieberkurve berechnet, um ja beim ersten Mal gleich erfolgreich zu sein, um keine übermäßige Mühe zu haben und bloß keine wertvolle Zeit oder gar Geld zu verlieren. Alles ist optimiert. Den Hengst dabei kennenzulernen und die Wahl wie in der Natur für gut zu befinden, ist der Stute nicht möglich. Im Endeffekt geht es nicht um ihn – und auch nicht um sie –, es soll nur eben schnell ein möglichst gutes Fohlen mit möglichst hervorragenden Eigenschaften gezeugt werden. Ein organisatorischer, unumgänglicher Akt, wenn man für qualitativ hochwertigen Nachwuchs sorgen möchte, jedenfalls nach züchterischen Kriterien. Die Hengste schützen die Zeit der Trächtigkeit ihrer Stuten nicht mehr und Stuten müssen sich nicht mehr zum Schutz dem erfahrenen Pferdemann in seine Herde einfügen. Anspannung und Entspannung, Aufregung und Ruhe, Suchen und Finden stehen in keinem natürlichen Kontext mehr. Fohlen lernen von Anfang an kaum mehr die naturgegebene Ordnung einer Herde. So gut wie alle natürlichen Impulse und Bedürfnisse sind wegorganisiert, optimiert, minimiert. Und ob und was davon in welcher Kombination und Dosierung sinnvoll ist, hat der Halter längst abgewogen und aus Menschensicht verstandesmäßig, orientiert an wissenschaftlichen Erkenntnissen, berechnet und entschieden. Von der Natur entfernt zu sein, wird uns in der Pferdewelt zunehmend als „normal“ beigebracht. Auch unseren Kindern. Was für ein Leben aus der Sicht des Ur- oder Naturpferdes!? Man muss sich als Pferd um kaum mehr kümmern, als die zum Teil entfremdeten und unnatürlichen Tagesangelegenheiten. Alle Beispiele oben sind zudem noch die eher angenehmen und höflich formuliert …


In mir stellt sich die Frage: „Bedeutet das Leben für ein Pferd? Was ist mit der Lebensqualität? Jedenfalls aus dem Blickwinkel des Pferdes – nicht aus dem des Halters?“

Die Entfremdung von der Natur zu beobachten und zu sehen, wie viel Mühe sich manche Menschen und sogar ganze Wirtschaftszweige dabei geben, Logik und Berechnung in diesen Mechanismen walten zu lassen, hat mich als Kind schon erschreckt und an der geistigen Klarheit einiger pferdeverständigen Erwachsenen zweifeln lassen. Damals wurde ich noch oft wütend. Denn die Erwachsenen wurden mir damals verkauft als diejenigen, die doch alles besser wissen und aufgrund ihrer Lebenserfahrungen die richtigen Entscheidungen treffen könnten. Sie wissen, was sie tun. „Das verstehst du noch nicht.“

Die Gefühle eines Kindes schienen plötzlich unreif und falsch. Unrealistisch …fast albern.

Doch sind wir oft nicht mit unserem Gefühl und unserer Intuition viel näher dran an der Quelle der Wahrhaftigkeit als Statistiken, deren Verfasser das Individuum und seine Lebensumstände nicht einmal persönlich kennen?

Also halten wir inne: Geht es den Pferden nicht ganz genau so wie uns Menschen? Woraus besteht das Leben noch, wenn alles organisiert, strukturiert und harmonisiert ist? Hat dieses Leben noch was mit Lebendigkeit zu tun? Mit Aktivität? Mit Wandel? Spontaneität? Herausforderung? Mit Erfolgserlebnissen, durch die man wächst, bewusst wird und reift? Macht das Sinn?

Es ist allerhöchste Zeit, dass wir innehalten und zurückfinden. Zurück zur Natur. Zu uns. Und das gern gemeinsam mit den Pferden, denn die wünschen es sich sehnlichst!

Genau wie in uns all das gespeichert ist, was uns und unsere Natur ausmacht, haben die Pferde einen vollen Speicher, auf den sie jederzeit zurückgreifen können, wenn wir alle gemeinsam unsere bisweilen recht bequeme und überstrukturierte Komfortzone verlassen.

Komfortzone bedeutet in diesem Fall leider, dass einige Fähigkeiten vielleicht sehr in den Hintergrund geraten und andere sogar verkümmert sind. Komfortzone bedeutet, dass wir uns vielleicht um einige ganz natürliche Dinge schon länger nicht mehr gekümmert haben, über die wir jetzt nur noch theoretisch verfügen – praktisch aber leider nicht mehr. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Wir sind aus der Form. Wir sind aus der Übung. Und wieder in Form zu kommen, könnte anstrengend werden … – oder aufregend! Punkt eins: Es ist vollkommen in Ordnung, wieder wütend zu werden, wenn man etwas zwischen Mensch und Pferd sieht, das nicht in Ordnung ist. Einfach, weil diese natürliche Aufgebrachtheit über Ungerechtigkeit zeigt, dass wir selbst emotional noch nicht vollkommen abgestumpft und meinungslos sind. Wut ist sicherlich kein guter Berater für die Kommunikation. Und wütend schafft man es sicher nicht, einen guten Weg zu finden, um die beobachtete Situation zu verbessern. Aber Wut und Empörung sind deutliche Hinweise, die wir ernst nehmen sollten. Und alle anderen Emotionen auch. Denn dann nehmen wir uns selbst ernst. Und wir bemerken dadurch, dass es zwischen unserem Verstand und unserem Gefühl irgendwie eine unterschwellige Ungereimtheit zu geben scheint, die wir ergründen sollten.

Die Komfortzone aufzuheben bedeutet, den Mut zu haben, sich selbst und sein Pferd ohne sichernde Scheuklappe zu betrachten und zu sehen, wo man steht und wo man „Geschäfte“ gemacht hat. Miteinander und auch jeder für sich. „Geschäfte machen“ heißt, dass wir manchmal Dinge tun, weil es einfach oder bequem ist, weil es Vorteile oder Erleichterung bringt. Alle Arten der Verabredungen miteinander, die nicht auf erarbeiteter Achtung oder entstandenem Respekt, sondern auf Erhalt von Vorzügen aufbauen, sozusagen auf einem Deal basieren. Ich möchte Ihnen gern ein plausibles Beispiel aus der Praxis nennen: Mein Pferd kommt immer von der Weide zu mir gelaufen, weil ich etwas zu fressen mitbringe. Besucher sind fasziniert von dem rasant angaloppiert kommenden Pferd. Es sieht zwar so aus, als würde es wegen mir kommen, aber es ist ein Deal. Wenn ich zehn Tage ohne Futter zur Weide käme, würde sich seine Begeisterung legen, sowie ich am Weidetor einer gut bewachsenen Weide auftauchte. Das, was so aussah wie eine echte Verbindung, war dann leider nur ein Deal …

Wer das erkennt und dann auch noch dazu steht und sich der Situation zu stellen vermag, bekommt von mir schon einmal 100 Punkte Vorschuss auf der Bewusstseinsund Ehrlichkeitsskala!

Und nun geht die Reise los. Wer mehr und mehr erkennt, welche Deals er geschlossen hat, hat in seinem Pferd ein hilfreiches, unterstützendes Gegenüber – und das nicht nur in Pferdeangelegenheiten.

Im tiefsten Inneren wissen wir: Deals sind nichts weiter als Täuschungen. Die Resultate erscheinen zwar schön und schinden kurz Eindruck oder mögen praktisch sein, haben aber weder Basis noch Tiefe. Sie sind einfach nicht echt … eine schöne, bequeme Illusion.

Doch wir haben alle von Natur aus die Sehnsucht nach Echtheit in uns. Nach echtem Leben. Und nach tiefem Erleben. Und wenn ich der Einzige bin, der den Deal durchschaut, und die anderen durchschauen es nicht, tut es auch mir am meisten weh, dass das, was alle sehen, mit Wahrhaftigkeit nichts zu tun hat. Das nennt man wohl Ent-Täuschung – die Täuschung fliegt auf. Solange man mit seinen Deals Frieden geschlossen hat, sind sie übrigens überhaupt nicht schlimm. Jeder darf seine Deals ebenso behalten, wie er oder sie sie auch ändern oder ausmerzen darf. Denn solange man sich meist mit den Dingen beschäftigt, die man immer macht, erhält man auch für gewöhnlich sicher seine gewohnten Resultate. Wenn sie beide Seiten der Beziehung zufriedenstellen und man in der Tiefe überhaupt nicht mehr voneinander verlangt, sind diese Deals in Ordnung und funktionieren prächtig. Doch kommt eine unvorhergesehene Situation oder Gelegenheit, fliegt einem manchmal das scheinbare Vertrauen regelrecht um die Ohren.

Ich war vor vielen Jahren mit meinem Pferd Llano in Cuxhaven am Pferdestrand und hatte mir vorgenommen, mit Llano ruhig und gelassen dem Sonnenuntergang im Watt entgegenzureiten. Allein. Meine Aufmerksamkeit nach innen gerichtet, ruhig. Wir hatten eine anstrengende Zeit hinter uns und waren gemeinsam losgeritten, um Ruhe und Kraft zu tanken. Plötzlich tauchte eine Gruppe wild galoppierender Pferde mit ihren Reiterinnen auf und zerstörten regelrecht die Ruhe der fast romantischen Atmosphäre, denn so gut wie alle Pferde gingen ihren Reiterinnen durch. Wir haben uns das einen Moment angesehen und uns dann entschieden, in einem großen Bogen dem Führpferd der wilden Eskapade den Weg abzuschneiden, um den fast 20-köpfigen Tross zur Ruhe zu bringen. Zu dem Zeitpunkt hatten alle schon ein paar Hundert Meter unkontrollierten, wilden Galopp hinter sich. In den zumeist kraftverzerrten Gesichtern der Reiterinnen waren unterschiedlichste Emotionen lesbar: Angst, Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Nervosität, Unruhe bis zu schierer Verzweiflung. Alles war da. Was ich nirgends vernahm, war gegenseitiges Vertrauen, Ordnung, Freude, Mut, Kraft, Stärke oder Kompetenz. Als wir uns später in der Pension unterhielten, gestand die Reiterin, die den Tross anführte, dass sie alle Hallenreiter und mit den Pferden so gut wie nie im Gelände unterwegs seien. In der Halle hatte es in letzter Zeit keine Probleme mehr gegeben, daher wollten sich alle Teilnehmerinnen der Gruppe so gern gemeinsam ihren Traum erfüllen: einen gemeinsamen Ausritt im Sonnenuntergang am Strand entlang. Wer träumt nicht davon!?

Und das meine ich mit dem Verlassen der Komfortzone. Abgesehen davon, dass der Schritt vom Reiten in der sicheren und reizarmen Halle zum Galoppieren im scheinbar nicht enden wollenden Watt für ein Fluchttier recht groß ist, hätten sowohl Pferden und Reiterinnen ein paar Zwischenschritte sicher gutgetan. In solch einer Situation werden schließlich alle Instinkte der Pferde angesprochen. Pferde zeigen unter diesen Umständen eventuell Verhaltensweisen, die sie sonst nie an den Tag legen.

In dieser Situation gab es nun zwischen Pferd und Reiter nicht mehr die Möglichkeit, sich auf die Deals, die in der Komfortzone der gewohnten Umgebung sicherlich gut funktionieren, zu verlassen. So waren alle heillos überfordert. Wer also Neues erobern möchte, sollte das Fundament für die Beziehung mit seinem Pferd nicht auf Sand bauen. Das zumindest wussten viele der alten Pferdehalter von früher noch sehr genau. Das lag dann sicherlich daran, dass es um mehr ging als nur Freizeitvergnügen. Es ging ihnen um Feldbestellung, Ernährung, Einkommen und somit letztendlich um das Wohl der gesamten Sippe oder Familie. Leichtfertigkeit hatte zum Teil schlimme Folgen. Und sich einfach ein neues Pferd zu kaufen, weil man sich mit dem alten überschätzt hatte und die Situation in Krankheit oder Unfall endete, war den meisten nicht möglich. Das Geheimnis für eine gute Basis ist wie in der Menschenbeziehung daher Beständigkeit, Wahrhaftigkeit und zweifelsfrei Seelenmut, der Pferd und Mensch eint.


Das Wesen des Pferdes


Natur ist echt.

Unsere Natur ist echt.

Nur Natur ist echt.


Und wer daran erst einmal geschnuppert hat, will ab jetzt kein Theater mehr. Denn wir alle wissen, dass es geht – echtes Leben! Alle Resultate sind erarbeitbar, und zwar auch ohne Bestechung, ohne Deal und vor allem auch ohne Brechstange. Es ist zwar anstrengender, benötigt mehr Aufraffen von unserer Seite und bedarf noch mehr Disziplin und Motivation, doch das Resultat, das am Ende entsteht, ist wahrhaftig und echt – und dies nährt uns in der Tiefe unserer Sehnsucht. Es hat eine viel höhere Bedeutung und sättigt nicht nur kurz unser Ego, sondern nährt für immer als Erfahrung unsere Seele und unser Herz.

Das Pferd hat sich über die Jahrhunderte der Domestizierung und der Zuchtauswahl seinen Instinkt und seine Intuition bewahrt. Das allein halte ich für ein Wunder! Da es von Beginn seiner Entwicklung an mehr als 50 Millionen Jahre mehr als wir Menschen in seinem Speicher trägt, ist es nicht so einfach aus der Bahn beziehungsweise aus seiner Natur zu werfen. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich bisher in meiner Praxis nur Pferde kennengelernt, die sich rasant und dankbar zurück zu ihrer Natur entwickelten und wieder vollkommen natürlich werden, wenn wir ihnen diese Möglichkeit bieten. Alle, die die Chance bekommen, sich in natürliche Herden zu integrieren – selbstverständlich mit genügend Platz und natürlicher Annäherung, ebenso wie in der Natur –, tun das. Alle widmen sich sofort den gleichen inhaltlichen Lebensthemen: Begegnung, Struktur und Ordnung in der Gruppe herstellen, den eigenen Platz im Gefüge finden, miteinander grasen, trinken, ruhen, pflegen, spielen, toben, für den Ernstfall trainieren, den hormonellen Zyklus erleben und sich demnach präsentieren und zeigen. All jene, die die Wahl haben, kümmern sich ausschließlich um diese natürlichen Bedürfnisse. Ein natürlicher Tag ist damit ausgefüllt. Und wenn doch noch etwas Zeit übrig ist am Tag? Dann ruhen sie wieder. Oder grasen. Oder kraulen sich sozial gegenseitig das Fell. Oder spielen. Sie brauchen keine Ablenkung oder Aufgaben zum Zeitvertreib, wenn Herde und Umfeld stimmen. Pferd sein bedeutet Natur zu sein. Pur. Sonst nichts. Und das reicht!


Das Faszinierende an der Natur der Pferdeseele ist ihre Reinheit. Eine Art natürliche Einfachheit. Dabei hat Einfachheit nicht das Wort „primitiv“ zum Ursprung, sondern „Einheit“. Und Einheit ist das, was der Natur am nächsten kommt, einfach, unmissverständlich, unkompliziert, miteinander verbunden und natürlich – und keinesfalls primitiv.

Die gesamte Natur ist einfach und folgt einfachen Grundgesetzen. Wer die missachtet, erntet Komplikationen. So hat die Natur Dinge geschaffen, die mehr Aspekten des Lebens dienlich sind als ausschließlich einem.

Über die Jahre meiner sehr intensiven Tätigkeit lernte ich die Seele eines Pferdes immer deutlicher und klarer von seiner Pferdepersönlichkeit zu unterscheiden. Durch meine Arbeit habe ich den Eindruck, dass die Seele des Tiers oft mit der Psyche verwechselt wird – was vielleicht im täglichen Umgang auch gar nicht weiter schlimm ist, denn wir sollten dafür sorgen, dass es beiden Anteilen gleich gut geht. Und schließlich ist psychisches Wohlbefinden der Schlüssel zur Seele. Doch sogar die Gelehrten der vergangenen Jahrhunderte bis in unsere heutige Zeit hinein sind sich nicht einig, wie sich das mit der Seele nun so richtig verhält. Wie lässt sich Seele des Pferdes definieren und wie ist es möglich, es verständlich zu formulieren? Selbst Winston Churchill schrieb darüber, dass „das Pferd etwas hat, das gut für das Innere des Menschen ist“. Das sehe ich ganz genauso, durch jede einzelne Pferdebegegnung bestätigt. Und viel komplizierter muss es auch gar nicht ausgedrückt werden.

Ich glaube, dass genau wie bei uns Menschen Seele und Psyche nicht gleichzusetzen sind, obwohl es sicher Überschneidungen äußerer Anzeichen gibt. Ich schreibe hier ausschließlich über meine eigenen Sinneseindrücke und Erfahrungen – und lege bestimmt keinen Wert darauf zu behaupten, dass ich schon am Ende meiner Weisheit angelangt bin. Ich möchte lediglich einen kleinen Eindruck meiner Erlebens- und Denkweise schildern, der auf meinen intensiven Beobachtungen der letzten Jahrzehnte beruht. Vielleicht ist es mir erlaubt, hier und da einen Anstoß zum Denken zu liefern, um die Beziehungen und den Umgang miteinander zu erleichtern. Wenn Sie Lust haben, sich auf diese Denkweise einzulassen, freut sich Ihr Pferd vielleicht mehr, als Sie sich vorstellen können. Probieren Sie es aus. Sie können dabei nichts verlieren.

Über viele Jahre lebe ich nun mit Pferden zusammen und durfte nach und nach Teil der Pferdeherde werden und sein. Gemeinsam konnten wir in unserem Pferdehilfsprojekt Hunderten von Pferden helfen, wieder zurück zur Natur zu finden und sich wieder natürlich zu verhalten. Der Schlüssel zum Erfolg ist immer die reine Seelenpflege. Das Tier dort abzuholen, wo es emotional und körperlich steht, ihm in die Augen zu schauen und zu spüren, was das Wesen dieses einzigartigen Lebewesens ausmacht, ist ein essentieller und vollkommen ausreichender Ansatz. Das Pferd in dem zu unterstützen, was es in Wirklichkeit ist: einzigartig! Und sich dabei selbst gewiss zu sein, dass kein einziges Pferdewesen so ist wie das andere. Und sich ebenso gewiss zu sein, dass jedes Pferdewesen bereits bei der Geburt Unterschiedlichstes mitbringt und seinen ganz eigenen, persönlichen Lebensweg zu beschreiten hat. Diesen zu begleiten oder auch nur punktuell zu unterstützen ist für mich die höchste Ehre, die ich persönlich erhalten kann. Und um dies zu erreichen, musste ich „nur“ lernen, mich auf das Wunderwerk Pferd einzulassen – ohne etwas von ihm zu wollen. Ohne etwas an ihm ändern zu wollen oder etwas Besonderes aus ihm machen zu wollen. Denn es ist schon etwas Besonderes. Vielleicht sind seine Besonderheiten im Moment der Begegnung nicht vollkommen und vielleicht nicht sichtbar, das heißt aber nicht, dass sie nicht schon da sind. Die Hilfe, die gute Pferdearbeit nach der Definition Essentieller Pferdearbeit anbieten kann, ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wir wollen dem Pferd dienlich sein, es unterstützen, um es in seine bestmögliche Form zu begleiten und vollkommen es selbst zu sein. Diese Form dann zu stärken und zu festigen ist ein dankbares Ziel, denn man kann währenddessen Zeuge davon werden, wie ein Lebewesen in seine Kraft kommt, selbstbewusster wird, aufblüht und das Wesen Pferd mehr und mehr beginnt, sich selbst zu verkörpern. Vollkommene Natur. Unkonditioniert. Und somit unverfälscht und unmanipuliert.


Je mehr die Seele des Pferdes zu Hause bei sich in seinem Pferdekörper ankommt, kommt das Lebewesen Pferd in seine Mitte. Es ist eine Art, zu sich zu finden. Dort in der Mitte findet es Ruhe. Absolute Ruhe. Erdung. Zufriedenheit. Zentrierung. Balance. Verbundenheit mit allem, was ist. Wenn ein Pferd seine Mitte gefunden hat und mit sich im Reinen ist, können wir im Zusammensein mit ihm den Himmel erobern und gleichzeitig eine tiefe innere Verbundenheit mit der Natur und so mit Mutter Erde spüren. Die Seele kann sich entfalten, wenn das Pferd sich absolut natürlich und sicher fühlt. Sehen können wir das Phänomen der Beseelung in den Augen der Pferde nur durch bewusstes Schauen mit dem Herzen. Wir können in solchen Momenten tief blicken und unendliche Ruhe und Weisheit erkennen. Wir sehen die Persönlichkeit in seinem klaren, ausdrucksstarken, ruhigen Blick. Der Weg in diese hohen Qualitäten und Eigenschaften, die nur die Seele mit sich bringt, scheint dann offen und für uns lesbar wie dieses Buch. Dafür müssen dann weder wir uns noch das Pferd sich anstrengen. Wenn die Seele zu Hause ist, erkennen wir auch unsere eigene Seele sich spiegelnd im Auge des Pferdes – und fühlen uns umgehend friedlich und ruhig beseelt. Alle Ängste sind verflogen, die Gedanken an die Vergangenheit kommen zur Ruhe. Die Zukunft spielt noch keine Rolle. Balance stellt sich ein und der Körper kommt in seine Kraft und in das Gefühl, dass Zeit und Raum sich auflösen. Und auf einmal wird alles Gesellschaftliche, jeder Zwang, jeder Druck und jede Not vollkommen unwichtig. Dann gibt es nur diesen Moment.

In diesem „Nachhausekommen“ sind die Pferde viel besser als wir. Durch ihre hohe Sensibilität spüren sie genau, wann und wo es der Seele erlaubt ist, sich vertrauensvoll vollkommen auf das Leben und die Umgebung einzulassen. Man muss ein Pferd schon sehr verstört haben, wenn es sich gar nicht mehr traut, bei sich anzukommen und sich zu beseelen. Doch in unserer überzivilisierten, leistungsorientierten Hochgeschwindigkeits-Hightech-Welt kann es gerade bei so empfindsamen Wesen wie einem Pferd schnell passieren, dass es durch Stress, Hektik, emotionalen oder impulsiven Überschuss an Reaktionen von den Menschen und vielen, vielen Dingen, die es von Natur aus nicht verstehen kann, verunsichert, verängstigt oder seelisch belastet ist. Durch die Rückführung zur Natur kann die Pferdeseele dann wieder heilen und das Pferd findet in seine Kraft zurück. Meistens. Doch die Bedingungen für jedes Pferd müssen stimmen. Sie müssen individuell und vor allem von Herzen und orientiert an der Natur geschaffen werden und vollkommen echt sein, denn sie müssen der Entwurzelung entgegenwirken, unter der es leidet. Es ist eher das Herstellen einer Lebensatmosphäre – keine zu absolvierende Übung oder Lektion und auch keine vorübergehende Entlastung. Denn das zentrale Thema des Bei-sich-Ankommens ist das Abbauen und Loslassen von Stress, Entfremdung und Ängsten. Sie können sich vorstellen, wie schwer das einem Fluchttier mit (wiederholter) negativer Erfahrung in unserer Welt fällt.


Ein kleiner Exkurs zur Definition des Wortes „Stress“. Ich habe mir viele Jahre Gedanken gemacht, was Stress eigentlich ist. Und sowohl bei den Menschen als auch bei den Tieren habe ich Parallelen beobachten können, die mich ermutigt haben, diese eigene Definition von dem Wort Stress zu vertreten. Stress hat meiner Meinung nach etwas mit „von sich selbst abgekommen sein“ zu tun. Immer dann, wenn ein Lebewesen nicht seiner Intuition folgen und einfach naturgemäß individuell handeln kann, sondern eine Sache anders macht, als seine Intuition ihm sagt, entsteht Stress. Die Seele ist nicht eins mit der Handlung. Menschen benutzen dann das Wort „eigentlich“. „Eigentlich wollte ich es anders machen, aber weil diese oder jene Gegebenheit anders ist, habe ich mich umentschieden …“ Stress entsteht also immer dann, wenn wir unserem Fühlen selbst nicht treu bleiben können und anderen Dingen Vorrang gewähren. Mit der Zeit entsteht eine Art Selbstverbiegung. Erst innerlich und dann äußerlich. Das ist der Punkt, an dem übermäßiger Stress sichtbar wird. Und sowohl Mensch als auch Tier begegnet der Stress dann immer häufiger im eigenen Körper: Der Nacken, die Schultern und der Lendenwirbelbereich beginnen zu schmerzen und die natürliche Balance und Beweglichkeit gehen verloren. Der Körper wird fest und steif, die Knie werden unbeweglich, die Hüften tun weh. Haare und Hufe oder Nägel wachsen nicht mehr gut nach. Wenn Mensch und Tier dann wieder voll und ganz bei sich ankommen können, verschwinden diese Schmerzen und Symptome nach einiger Zeit von ganz allein. Wenn die Seele wieder ankommen kann und man wieder frei man selbst sein kann, kommt auch die Leichtigkeit zurück und mit ihr die Flexibilität und Belastbarkeit auf allen Ebenen.

Eins sei noch zum Thema Stress erwähnt, denn es gibt auch den „guten“ Stress. Das ist diese Art Stress, die uns motiviert, etwas zu tun oder erreichen zu wollen. Doch da vor allem wir Menschen Probleme mit der Dosierung haben, bleibt es oft nicht bei einem erreichbaren und sinnvollen Nahziel, für das wir uns gefordert und angestrengt haben. Punktuell „guter“ Stress zeichnet sich dadurch aus, dass am Ende ein Erfolgserlebnis steht und darauf eine erholsame Pause folgt. Diese Kriterien stehen für eine Form von natürlichem, motivierendem, grenzverschiebendem, sich selbst herausforderndem und deshalb förderlichem Stress.

Machen Sie gern einmal selbst den Test: Sie nehmen sich Zettel und Stift zur Hand, halten einen Moment lang Einkehr und notieren sich dann 20 Faktoren, die Sie negativ stressen. Auf der anderen Seite notieren Sie sich 20 Faktoren, die Sie nicht im negativen Sinne stressen, sondern eher anspornen. Dort steht am Ende all das, was Sie herausfordert, aktiviert oder antreibt – und zwar zum Positiven. Welche Seite auszufüllen ist für Sie leichter? Die mit Dingen, gegen die Sie sich eventuell wehren müssen, oder die, auf die Sie gern anspringen? Stress ist für uns alle zum Leben dazugehörig und normal. Sie selbst entscheiden über die Qualität. Der einzige Weg, zu entstressen und zur eigenen Wahrhaftigkeit zurückzufinden, ist meiner Meinung nach daher nicht Therapie – sondern Natur. Wir sollten nicht gegen eine bestimmte Sache anarbeiten, sondern uns lieber für die richtige Art und Weise, wie wir leben, einsetzen. Je natürlicher wir leben, umso weniger Stress haben wir überhaupt, weil wir uns an nichts anpassen müssen, was uns nicht entspricht. Mensch und Pferd sind daher meist nur von für sie ungünstigen Lebensumständen betroffen, die sie zu sehr stressen. Und die kann „mensch“ ja ändern – und bitte bedenken Sie auch die Pferde! Solch sensible Wesen reagieren so schnell auf Stress und fressen ihn in sich hinein, ohne dass sie ihn deutlich ausdrücken können. Wenn ein Pferd sich als vom Weg abgekommen zeigt, ist es meist schon eine Weile her, dass der natürliche Pfad verlassen wurde …




Vollkommen beseelt haben auch die Pferde einen Lebensweg, dem sie folgen. Sicher ist er nicht schicksalhaft fest und unveränderbar verankert. Doch Themen, Neigungen, Sympathien oder Lernaufgaben scheint das Pferd intuitiv, also in Verbindung mit seiner Seele, seinem „höheren Selbst“, zu folgen. Jede Seele strebt nach Verwirklichung. Welche Verwirklichung das ist, das lässt sich nicht voraussagen und ist von außen nicht zu sehen. Schließlich gehört jeder einzelne Lebensschritt und jeder Lebensabschnitt zu einem Weg dazu, von dem wir als Außenstehende nicht wissen können, wohin er führt oder auch führen soll. Ein Lebensweg ist daher von außen weder bewertbar noch beurteilbar. Jeder Lebensweg ist individuell und frei. Das macht das Leben ja so aufregend und spannend!

Meine eigene Überzeugung und Einsicht durch empathische Beobachtung über viele Jahre lassen mich erahnen, dass die Seele sich verkörpern und verwirklichen möchte mit dem Ziel, zu lernen und zu reifen. Sie möchte sich erleben. Und um Leben zu erfahren, braucht es einen physischen Körper. Naturgemäß zieht dann jedes Lebewesen genau das an, was es zum Thema seiner Selbstverwirklichung braucht. Je dringlicher ein Thema nach Reifung und Entwicklung strebt, umso stärker wird die Herausforderung im wahren Leben sein. Und umso größer ist die Aufgabe, die es scheinbar magisch anzieht. Je mehr Themen sich aufdrängen, sowohl in zeitlicher Abfolge als auch in der Intensität, umso weiter scheint das Pferd von dem Punkt entfernt zu sein, der seine Mitte ausmacht. Oder umso größer ist das, was die Seele zu erleben und zu erfahren anstrebt. So reifen dann auch Pferde an kritischen Situationen, an Unfällen, Krankheiten oder ungünstigen Lebensumständen und lernen über die Bewältigung dieser Probleme ihrer Mitte wieder näher zu kommen und sich dort fest zu verankern. Und es ist nötig, dass wir ihnen zum positiven Gelingen zur Seite stehen und ihnen helfen – ebenso, wie sie es für uns tun. Das macht man so innerhalb einer guten Verbindung – innerhalb einer Familie. Die Seele steuert die Lebensvorgänge, die die Entwicklung vorantreiben und bestenfalls im Herzen enden – mit Liebe und Vertrauen.

Das ist es, was als eine starke Parallele zwischen Mensch und Pferd besteht und beide Wesen wahrscheinlich für immer miteinander verbindet. Unsere Seelen sind auf der gleichen Suche: nach Mitte, innerer Ruhe, Einssein, Balance, danach, endlich wieder bei sich angekommen zu sein. Wir alle suchen irgendwie den Frieden mit uns selbst, um wieder mit uns und der Natur im Einklang zu sein, und zwar ohne uns groß zu verbiegen. Aus der vermittelten und gestärkten Position heraus ist die Seele des Wesens dann bereit für den nächsten Schritt, die nächste Entwicklungsphase, die nächste Herausforderung oder das nächste Abenteuer.

Das fühlt sich an wie eine Seelenverwandtschaft und wir können unsere Wege ein Stück, oder, wenn es passt, einen weiteren Weg zusammen gehen. Vielleicht – ich würde sagen wahrscheinlich – sind wir auf der Ebene der Seele gar nicht unterschiedlich … aber wer weiß!?

Naturgesetze – Das Gesetz der Anziehung

Das Gesetz der Anziehung ist ein natürliches, neutrales und universelles Urprinzip des Lebens. Überall in der Natur ist dieses Prinzip zu finden. Es gibt kein Lebewesen und keinen Ort auf der Welt, der frei davon ist. Es ist so wenig wegzudenken wie das Gesetz der Schwerkraft. Das Gesetz der Anziehung bedeutet, einfach ausgedrückt, dass Gleiches Gleiches anzieht. Täglich beobachte ich in der Pferdewelt die Resonanzen von Anziehungen zwischen Pferd und Halter, Pferd und Reiter, Pferd und Herde und vielem mehr:

Halter und Reiter erzählen mir:

„Jetzt habe ich schon das dritte (vierte, fünfte …) Pferd in fünf Jahren …

… und wieder wendet es sich gegen mich und schmeißt mich runter.“

… und wieder habe ich genau das erwischt, das Hufrehe bekommt.“

… und wieder ist es ein Schimmel, obwohl ich gar keinen Schimmel wollte.“

… und wieder haben wir Struktur- und Dominanzprobleme.“

… und wieder hat es nach kurzer Zeit keine Lust mehr auf Dressurlektionen.“

Oder:

„Immer wenn es mir nicht gut geht, sieht mein Pferd traurig aus.“

„Immer wenn wir eine gute Phase hatten, werden wir danach beide krank.“

„Immer wieder ist das Feuer der gegenseitigen Liebe erst groß und erlischt dann schnell.“

All dies sind Erfahrungen aus den natürlichen Gesetzen der Resonanz, die sowohl die Menschen als auch die Pferde in sich tragen. Zum einen ziehen sich unmittelbar die beiden Lebewesen an, die auf einer gleichen Schwingungsfrequenz leben, also eine gleiche Wellenlänge haben. Zum anderen kann ein Lebewesen nur mit wahren Gefühlen auf ein anderes reagieren, wenn bei beiden diese Schwingung vorhanden ist, der eine die Schwingung des anderen also in etwa kennt. Da ist dann etwas Vertrautes.

Einfach ausgedrückt:

Ansonsten wäre man sich gegenseitig egal. Gibt es keine gegenseitige Wellenlänge, die dieses Vertraute in uns anspricht, würden wir im Verkaufsgespräch versehentlich an der Pferdebox mit dem Pferd, um das es gerade geht, vorbeirauschen. Ohne es zu bemerken, denn es herrscht keine übereinstimmende Resonanz und damit keine Anziehungskraft, die wir mit „magisch“ betiteln würden. Es ist, als wäre das gegenseitige Existieren für den anderen nicht von Bedeutung. Es „macht nichts“ mit einem. In solch einer Situation landet man meist bei einem anderen Pferd in einer anderen Box. Das ist dann Anziehung. Die meisten von Ihnen kennen das. Wenn ich meine Kunden frage, wer wen gekauft hat – das Pferd sie oder sie das Pferd –, ist die Antwort oft eindeutig. Irgendeine magische Kraft stand im Raum, die sich weder fassen noch erklären ließ. Und so sei es. Erfreulich und schicksalhaft.


Ich habe einmal selbst ein Pferd gekauft, zu dem ich absolut keinerlei Resonanz verspürte. Damals dachte ich, dass es vielleicht ein Weg sei, um in der Begegnung mit einem Pferd nicht selbst tagein, tagaus mit meiner eigenen, sehr emotionalen und intensiven Lebensweise konfrontiert zu sein. Ich glaubte dieses „sachlich nüchterne Gefühl“ wäre ein Weg für mich. „Vielleicht eine Resonanz, die ich noch gar nicht kenne, eine Seite von mir, die noch erschlossen werden muss, einfach mal etwas Neues, was anderes …?“, war die rein logische (!) Hoffnung in mir, meinem eigenen Schlamassel zu entfliehen. Aber weit gefehlt: Wir konnten vom ersten Tag an überhaupt nichts miteinander anfangen. Das Einzige, das uns am Ende wahrhaftig miteinander in Einklang gebracht hat, war der Wunsch, sich zu trennen, und das dann auch zu tun. Endlich hatten wir die Gemeinsamkeit gefunden. Von diesem großartigen Pferd, „Four Winds Dexter“, habe ich viel gelernt und bin ihm zutiefst zu Dank verpflichtet. Ich habe gelernt, dass es nicht möglich ist, die eigene Resonanz zu umgehen und damit Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Ich habe gelernt, dass sich Sympathie, die einzig und allein auf einer gleichen Wellenlänge beruht, nicht herstellen lässt, wenn keine naturgesetzesmäßige Anziehung da ist. Ich habe gelernt, dass es einem Pferd nicht reicht, wenn man „nur“ eine höfliche Trainerin mit guten Manieren ist und einen außer Sachlichkeit und gutem Willen rein gar nichts miteinander verbindet. Ich habe gelernt, welche Resonanzen in mir sind. Und vor allem habe ich gelernt, welche nicht. Jedenfalls zu dem Zeitpunkt. Und ich habe gelernt, dass ich das Recht habe, zu meinen Wahrnehmungen zu stehen und die Trennung einzuleiten – was zu der Zeit für mich neu und kaum denkbar war. Bis dahin war es eines meiner inneren Gesetze gewesen, dass jemand, der unsere Familie bereichert, für immer da sein wird. Sein Wohl hat der zarte Wallach jedoch viel besser an einem anderen Ort gefunden. Denn auf meinem Hof gab es zu der Zeit eine empathische junge Reitschülerin, die mit ihm viel mehr verband als nur eine zu lernende Reittechnik. Dexter war für sie zur rechten Zeit am rechten Ort. So konnten sie sich gegenseitig in der Entwicklung unterstützen und sich sowohl in der Aufarbeitung von Uraltthemen eine große Stütze und Herausforderung sein als auch gemeinsame neue Ziele miteinander anstreben. Beide wären ohne einander sicher noch nicht die Persönlichkeiten, die sie heute sind.

Seit der Begegnung mit Dexter, den ich immerhin fünf Jahre auf unserem Hof an meiner Seite hatte, weiß ich, wie wichtig es ist, sich all dessen bewusst zu sein oder zumindest ehrlich und aufrichtig miteinander zu sein. Er hat meinen Weg unterstützt, mich nicht zu verbiegen, denn wahre Resonanzen lassen sich weder spielen noch vortäuschen oder gar unterdrücken – nicht einmal sich selbst gegenüber.

Danke, Dexter!


Und nun zu der anderen Seite der Medaille, der wohl für uns alle interessanteren: Wie in dem Beispiel oben beschrieben, wird es interessant und spannend, wenn es eine gleiche Schwingung in beiden Wesen gibt. Denn die Schwingungsresonanz lädt ein, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen, sich miteinander zu beschäftigen und sich zu entwickeln. Beide Lebewesen, Pferd und Mensch, sind sich in dieser Weise gleich: Um weiterzukommen, braucht es Impulse von außen. Außerdem fühlen wir uns doch als Mensch bei jemandem am meisten geborgen, wenn wir uns verstanden, ernst genommen und gesehen fühlen. Also, warum sollte es den Pferden anders gehen? Jede Seele findet Ruhe im Vertrauten.

Anziehungskraft kann von Gedanken gesteuert sein. Gedanken kommen aus dem, woran wir glauben. Damit sind nun keine Religion und kein Gott gemeint. Mit Glauben bezeichne ich hier meine innersten Vorstellungen und Glaubenssätze. Meine Überzeugungen. Eine Art Struktur, wie ich gestrickt bin. Es beginnt sozusagen bei dem, wofür ich morgens aufstehe.

Vieles in unserem Glauben hat mit unserer Herkunft, Prägung und Erziehung zu tun. Die Ereignisse auf unserem Lebensweg haben diese Muster gefestigt oder korrigiert. Das, was am meisten wehgetan hat, hat bei den meisten von uns wie auf einer Schallplatte den tiefsten Schliff hinterlassen, wie zum Beispiel die Hand auf dem heißen Herd. Dem entgegen stehen einige wunderbare Erfolgserlebnisse. Alles Dinge, die uns durch Erfahrung gelehrt haben, nicht nur zu wissen, sondern auch zu glauben. Glauben hat eine viel höhere Schwingung als über durch den Verstand gelerntes Wissen und kann uns daher viel leichter und schneller beeinflussen. Glauben kann Wege öffnen – und genauso verschließen. Es kommt darauf an, wie bewusst wir mit unserem Glauben umgehen und wie viel wir über uns und unser eigenes „Strickmuster“ wissen. Diese Art Glauben könnte man auch mit dem Wort „Gewissheit“ versehen, die viel mehr ist als bloßes Wissen. Das Wissen entsteht im Kopf, ist dort gespeichert und verankert. Der Glaube entstammt unserer natürlichen Tiefe. Für mich persönlich ist der Glaube eine seelische Kompetenz.

Viele von Ihnen wissen bereits, dass zutiefst innen liegende Glaubensstrukturen (von denen wir uns vielleicht wünschen, sie geheim zu halten) in unserem Körper ohne Weiteres für andere sichtbar werden. Wenn zum Beispiel jemand fest daran glaubt, dass er und seine Reitkunst nicht gut genug sind für einen Pferderücken, wird sich sein Glaube in jeder seiner Zellen in genau der verheißenden Wellenlänge befinden. Verkrampft mit flacher Atmung, wenig Vertrauen zum Pferd, an den Zügeln festhaltend wird es kein Wunder sein, wenn dieses Pferd als Fluchttier eine Resonanz darauf verspürt und sich auf seinen Instinkt verlässt. Ohne Rücksicht rast es los oder wirft seinen Reiter ab und befreit sich von all dem, was ihm selbst am meisten Angst macht: Kontrolllosigkeit, Ohnmacht, Misstrauen und Zweifel. Die Wellenlänge des Zwiespalts. Aus meiner Perspektive der Gesetze der Anziehung darf man im Grunde dem Pferd dafür nicht einmal einen Vorwurf machen. Es reagiert doch nur auf das, was die Körpersprache des Reiters ihm über seinen Glauben und seine Vorstellungen sagt, und weckt das Verhalten, das beiden das Innerste aufzeigt, wie eine Bestätigung: „Ich will hier oben nicht sein“, „Das wird nicht gut gehen“, oder: „Ich hätte viel mehr üben müssen – das kann ich nicht.“ Dieses eine Gefühl kann mit unendlich vielen Sätzen versehen werden. Sprache ist sehr kreativ und wandelbar. Aber das Gefühl bleibt das Gleiche.

Ein praktisches Beispiel: Wenn ich Menschen habe, die Stunden mit mir und einem meiner Pferde buchen möchten, um an der Angst vor dem Reiten zu arbeiten, erkläre ich ihnen diese einfachen Grundgesetze der Natur. Solange der Mensch über sich fühlt und denkt, was er fühlt und denkt, hat er dort oben nur die Resonanz auf seine eigene Schwingung zu erwarten. Sicher können sich manche Pferde besser zusammenreißen als andere – und nicht jedes Pferd hat mit der Resonanz dieses Reiters direkt zu tun. Doch als Fluchttier ist die Resonanz nicht weit und kann weder aberzogen noch ausgetrieben werden. Es ist Natur. Die Lösung für diese Menschen ist innere Arbeit: Es gibt die Möglichkeit, „essenziell“ miteinander zu arbeiten. Das bedeutet, dass sich Mensch und Pferd zuerst einige Stunden am Boden miteinander beschäftigen und sich kennenlernen. Ängste sind allzu oft nur Angst vor dem Unbekannten. Sie unterstützt uns, zu sehen, welchen Situationen wir uns nicht gewachsen fühlen. Angst schützt uns vor zu großem Risiko. Das hat zumeist etwas mit Einschätzbarkeit einer Situation und eines Gegenübers zu tun. Wenn ich dann aber nach einer Zeit des Miteinanders mein Gegenüber, das Pferd, kenne wie meine Westentasche, entsteht neben Wissen über das Pferd oder Pferde allgemein Vertrauen. Eines Tages kann das Vertrauen so gewachsen und gereift sein, dass es viel stärker ist als die Angst. Der Angst stehen nun Wissen und Erfahrungen gegenüber. Vertrauensaufbau braucht Zeit und geht bei Raubtieren wie uns viel schneller als bei Fluchttieren. Die Zeit, die wir Menschen also brauchen, um einem Fluchttier zu vertrauen, sollten wir dem Fluchttier Pferd meines Erachtens sowieso einräumen, um dem Raubtier Mensch zu vertrauen. Alles andere wäre paradox. Erst dann ist das Unternehmen Reiten von wirklichem Erfolg begleitet und ist mehr als das Überstehen von sich selbst überfordernden, angstbeladenen Situationen, Zwang und Leistungsanspruch (da ist er wieder!). Wer seinem Pferd nicht traut, weil er Angst hat, sollte daher zuvor mit sich und seiner Angst arbeiten und danach mit dem Pferd. Dann erst wird er zum Reiter werden. Der Weg dauert vielleicht länger, das Resultat jedoch ist tausendmal schöner.

Das Gesetz der Anziehung ist sehr genau und präzise und wirkt überall. Es ist funktional und gibt uns im Außen ständig Rückschlüsse über uns selbst. Es macht daher als Pferdehalter und Reiter immer Sinn, sich mit sich selbst und seinen Überzeugungen zu beschäftigen. Wer es schaffen kann, seine Überzeugungen bewusst zu überdenken und positive Gedanken, Gefühle und Bilder zu erzeugen, befindet sich im aktiven Teil der „Essentiellen Pferdearbeit“ und ist damit in der Lage, seine Entwicklung und die seines Pferdes positiv zu beeinflussen. Wäre es nicht großartig und einfach, wenn wir einzig und allein uns selbst beobachten und unsere Ecken und Kanten im Fühlen, Denken und Glauben aufstöbern müssten, um zum Beispiel ein junges Pferd in einer friedvolleren, harmonischeren Art und Weise einzureiten? Vertrauen aufbauen, Prinzipien klären, Erfahrungen machen? Sich gegenseitig und angemessen fordern und fördern? Natürliche Geschwindigkeit in der Entwicklung akzeptieren? Sich bewusst NICHT überfordern? Es stellt sich die Frage, ob es „Einreiten“ dann überhaupt noch gibt? Meine Erfahrung zeigt immer öfter das erstaunliche Gegenteil. Das ist der Weg der Einfachheit, der bedeutet, eins zu sein miteinander und sich wirklich miteinander zu verbinden. Dafür müssen wir erst eins mit uns selbst sein. Ohne Überforderung. Und dann brauchen wir Zeit. Selbstehrlichkeit. Und dann die Hingabe, sich selbst als Schüler des Lebens zu begreifen und sich für stetiges Lernen zu öffnen.


Molly lernt Tanja kennen.

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