Kitabı oku: «Von Anmerkung und Geisterhand»
INHALT VON ANMERKUNG UND GEISTERHAND
A-Geschichte (Von Anmerkung und Geisterhand): diesmal unter anderem dabei):
A1: Vorhang auf
A2: Von Anmerkung und Geisterhand
A3: Vor dem Imbiss
A4: An der Kreuzung
A5: In der Tankstelle Tunkel
A6: Im Islamischen Zentrum
A7: An der Haltestelle
A8: Im Antiquitätenladen
A9: Während der Abenddämmerung
A10: Am Stammtisch
A11: An den anderen Tischen
A12: Am Tresen
A13: In der Kneipe
A14: In der Küche
A15: Übergabe des Puppenhauses
A16: Nochmal vor der Tankstelle
A17: In einer Scheune
A18: Im Schlosspark I
A19: Im Schlosspark II
A20: Vor dem Brunnen
A21:Tissies Zimmer
A22: Vorbereitungen für die B- Geschichte
B- Geschichte (Marina auf die Straße): diesmal unter anderem dabei
B1: Im Marienkäfer- Café
B2: Bei der Sprechstundenhilfe
B3: Bei Doktor Bernbacher
B4: In der Textil- Manufaktur
B5: Wieder bei Gasson
B6: Wieder in der Praxis
B7: Auf der Trauerfeier
B8: Wieder daheim
B9: Unterwegs
B10: Die Taufe
B11: In der Kanzlei
B12: Am Stadtrand
B13: Im Häuschen am Stadtrand
B14: In der Schneiderei
B15: Am Zaun einer Hecke
B16: Besuch vom Jugendamt
B17: Marinas neues Zuhause
B18: Der Makler
B19: Im Wald
B20: Marina auf die Straße
B21: Im roten Tuch
B22: Der Staatsanwalt
B23: Die Rückfahrt
B24: Auf dem Friedhof
B25: Wieder zu Hause
B- Geschichte (Marina auf die Straße): diesmal dabei gewesen:
A23: Restart A- Geschichte
A24: Die Warmlampe
A25: Pluto
A26: Sella und Selfus
A27: In der Autowaschanlage
A28: Das zauberhafte Puppenhaus
A29: Im Elektrowagen
A30: Das Fallen des Vorhangs
A-Geschichte (Von Anmerkung und Geisterhand): diesmal dabei gewesen:
A-Geschichte (Von Anmerkung und Geisterhand): diesmal unter anderem dabei):
Geisterhand unsichtbare, abstrakte Erscheinung, Erzählerin der A- Geschichte
Anmerkung unsichtbare, abstrakte Erscheinung, Co- Erzählerin der A- Geschichte
Berry Weckerknecht Straßenkehrer
Anne Hoch Wirtstochter
Hasan Ibrahim Rahman Imam der Vorstadt- Moschee
Tissie Andere Billionärs- Ur- Enkelin
Madeleine Wurm Busfahrerin
Blinder Stadtstreicher
Warmlampe Lichtgestalt
Karmin- Jupp Tyrannosaurus Rex; Schlosswächter
Sella Rochen- Dame im Pazifik
Tankwart Tunkel Tankwart
A1: Vorhang auf
Geisterhand Ich bin die fleißige Geisterhand und.
Anmerkung Was?
Geisterhand Ja! Und wie! Dazu überaußerordentlich gewandt!
Anmerkung Dass ich nicht lache!
Geisterhand Ach, was für ein Pläsir!
Anmerkung Für jemand, der den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat? Wie auf einer Lauer herum zu aalen?
Geisterhand Tja, mein Lieber, von nichts kommt nun mal nichts!
Anmerkung Und dann auch noch mitten in einer Bank!
Geisterhand In meiner geliebten Bank wohlgemerkt!
Anmerkung Bist trotzdem noch nicht dran.
Geisterhand Oh natürlich bin ich dran. Und wie ich dran bin. Oder glaubst du etwa, man mich umsonst für die heutige Geschichte auserkoren hat?
Anmerkung Was allerdings auch mir ein Rätsel ist. Ehrlich gesagt.
Geisterhand Nicht nur dir. Schätzungsweise hat‘ s was mit dem Ort des Geschehens zu tun.
Anmerkung Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr. Ich meine, wo unsere kleine Geschichte doch überhaupt nicht in einer Bank stattfindet! Und in deiner gleich dreimal nicht!
Geisterhand Nein, das stimmt schon, das hast du schon Recht. Doch unmittelbar davor!
Anmerkung Da ist doch gar nichts.
Geisterhand Hast du vielleicht ‚ne Ahnung.
Anmerkung Höchstens- aber nein, daran darf man ja nicht einmal denken.
Geisterhand Sprich dich nur aus.
Anmerkung Doch nicht der offene Gully!
Geisterhand Da schau mal her, scheinst ja doch Ahnung zu haben. Zumindest ein klein wenig.
Anmerkung Aber das, ich meine, das kann doch nicht dein Ernst sein.
Geisterhand Also der Schauplatz des Geschehens ist von mir ja nun auch nicht gerade ausgeguckt worden. Allerdings wenn wir so weitermachen.
Anmerkung Wie darf ich das denn nun schon wieder verstehen?
Geisterhand Was wir allein durch deine Plapperei jetzt schon an Zeit verloren haben.
Anmerkung Das liegt ja nun wirklich nicht an mir!
Geisterhand Oh, und wie es an dir liegt!
Anmerkung Gar nicht wahr!
Geisterhand Auf jeden Fall muss ich machen jetzt. Sonst werden wir ja nie fertig.
Also nochmal von vorn: ich bin die fröhliche Geisterhand, unsichtbar und sehr bekannt.
Anmerkung Halt, halt!
Geisterhand Was ist denn jetzt schon wieder? Schon wieder du unnötig aufhältst!
Anmerkung Als ob ich s nicht gerade erwähnt habe mit dem nicht Dransein.
Geisterhand Und ich das mit dem Auserkoren sein! Falls ich dich zart erinnern darf!
Anmerkung Nein, darfst du nicht!
Geisterhand Hört, hört! Und wieso nicht?
Anmerkung Hallo! Weil die Bühne vielleicht zuerst freigeschaufelt werden sollte?
Geisterhand Wieso Bühne?
Anmerkung Und der Vorhang gehoben!
Geisterhand Vorhang? Vor einem Gully?
Anmerkung Beeilung jetzt! Einfach voranmachen!
Geisterhand Du bist es doch, der dauernd stört und unterbricht.
Anmerkung Allmählich reicht es! Das kann doch nicht dein Ernst sein!
Geisterhand Und wie es mein Ernst ist. Nicht umsonst bin ich die unsichtbare Geisterhand,
stets auf der Lauer, mitten in der Bank!
Anmerkung Jetzt halt dich doch wirklich mal zurück!
Geisterhand Wie?
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Ja, ja, schon gut! Von mir aus, schließlich es an mir auch nicht scheitern soll. Wobei unter Pläsir allerdings schon was anderes zu verstehen ist.
Anmerkung Oh je!
Ähem- also, verehrtes Publikum,
hiermit möchte ich mich für Ihr Erscheinen bedanken! Und Sie recht herzlich willkommen heißen hier bei uns auf der Bühne! Beziehungsweise vor dem Vorhang!
Geisterhand Und ich dachte in der Bank! Oder etwa jetzt doch nicht?
Anmerkung Funkt‘ s du etwa schon wieder dazwischen?
Geisterhand Vor dem Gully.
Anmerkung Ich gib‘ s auf.
Sehr verehrtes Publikum, ich denke, dass Sie jetzt schon verfolgt haben, was sich hier die im Moment noch abspielt. Auch darum würde ich sagen, bevor wir weiter herum machen: Vorhang auf, Bühne frei!
Geisterhand Müsste es nicht eigentlich „Gully auf, Bank frei“ heißen?
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Ach, was für ein Pläsir!
Anmerkung Also, verehrtes Publikum, Bank auf, Gully frei! Für die Geisterhand. Wozu ich Ihnen viel Vergnügen wünsche!
Geisterhand Verzückt ich bin.
Anmerkung Nanu!
Geisterhand Nix nanu!
Anmerkung Ich meine, wo du doch sonst immer mit deinem Pläsir angelatscht kommst.
Geisterhand Stimmt eigentlich.
Anmerkung Oh je!
A2: Von Anmerkung und Geisterhand
Geisterhand So, werte Besucherin.
Anmerkung Beziehungsweise Besucher, nicht wahr?
Geisterhand Funk du jetzt bitte aber auch nicht dauernd dazwischen.
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Also, weiter im Text, der da lautet: herzlich Willkommen und ein freundliches Hallo auch von mir hier aus der Bank, in welcher ich mich augenblicklich befinde.
Ich selbst bin die freundliche Geisterhand, alles andere wie unnahbar und durchaus galant. Und der heutige Begleiter der heutigen Geschichte.
Warum ich Sie aus der Bank begrüße, hat im Übrigen gleich mehrere Gründe. Zum einen, weil unsere Geschichte unmittelbar davor begann. Beziehungsweise ihren Lauf nahm. Davor bedeutet am Gully, aber ich denke, dass wir dies jetzt schon hatten- Bank oder Bühne hin, Vorhang oder Absperrung her!
Zum anderen man mich für unsere Geschichte auserkoren hat- Pläsir hin, Pläsir her.
Obwohl das Erzählen nicht unbedingt zu meinen Metiers zählt! Nein, etwas, was zweifelsohne behauptet werden kann.
Dass man dennoch auf mich zurückgegriffen, hat auch damit zu tun, dass unser eigentlicher Erzähler abhandengekommen ist. Ich spreche natürlich von der Grille Helm Hops, die im nahegelegenen Stadtwald wohnt.
Ja, ja, der gute alte Helm Hops, der weitaus Erfahrenste in unserer Gegend. was das Vortragen und Wiedergeben von Geschichten betrifft. Also demnach kaum einer besser prädestiniert. Warum er allerdings für unsere heutige Geschichte nicht zum Zuge kommt, hat was damit zu tun- na ja, wie soll ich sagen? Ich möchte nämlich natürlich nicht zu viel vorwegnehmen auf der anderen Seite.
Anmerkung Sag‘ s doch einfach. Frei raus.
Geisterhand Als ob ich nicht schon dabei wäre.
Anmerkung Auf der anderen Seite.
Geisterhand Wie?
Anmerkung Ach, nichts.
Geisterhand Also, es könnte, beziehungsweise es hat was damit zu tun, dass Helm Hops heute selbst mitwirkt.
Anmerkung Du meinst in unserer Geschichte mitwirkt.
Geisterhand Ja, beziehungsweise auftaucht.
Anmerkung Wohl nicht in einer ganz bestimmten Funktion- oder vielleicht etwa doch?
Geisterhand Beziehungsweise Rolle. Aber ob wir dabei nicht jetzt wirklich zu weit gehen würden? Was das Vorwegnehmen angeht?
Anmerkung Was spricht denn dagegen, wenn wir dies jetzt auch schon verraten?
Geisterhand Nicht, dass unsere Geschichte an Dramaturgie einbüßt.
Anmerkung Als was soll Helm Hops außerdem schon auftreten?
Geisterhand Wenn du mich so fragst: keine Ahnung.
Anmerkung Oh je, dann denk mal nach!
Geisterhand Ich fürchte, ich steh gerade auf‘ m Schlauch.
Anmerkung Als Geschichtenerzähler natürlich!
Geisterhand Aber ja doch! Natürlich!
Anmerkung Oh je!
Geisterhand Dass ich nicht selbst draufgekommen bin!
Anmerkung Wie denn? Wo du doch auf einem Schlauch verweilst.
Geisterhand Was für ein Pläsir! Ein Geschichteerzähler in unserer Geschichte.
Anmerkung Mach lieber weiter!
Geisterhand Jetzt, wo du‘ s gesagt hast.
Anmerkung Oh je!
Geisterhand Ich glaub, jetzt fällt‘ s mir auch wieder ein.
Anmerkung Also, wenn das so weiter geht.
Geisterhand Mich ab jetzt einfach nur machen lassen. Dann wird das schon.
Anmerkung Oh je!
Geisterhand Ja, werter Besucher.
Anmerkung Besucherin nicht zu vergessen. Nicht wahr?
Geisterhand Also nachdem jetzt schon geklärt ist, dass wir im Laufe unserer gemeinsamen Zeit auf Helm Hops treffen werden, wollen wir wieder zurück auf unsere ursprüngliche Geschichte kommen. Die, aber ich denke, dies ist jetzt mehrfach erwähnt worden, am Gully vor unserer Bank losgeht. Beziehungsweise in den Startlöchern steht.
Wichtig vielleicht noch zu sagen in diesem Zusammenhang, dass unsere Bank eigentlich nur eine Filiale ist, die sich an einer Vorstadt - Hauptstraße befindet.
Gegenüber von uns der Imbiss von Kalle Mitzwitz, und daneben der Antiquitätenladen vom alten Abraham. Beides gleichsam lang eingesessene Institutionen hier bei uns in der Vorstadt. Und auf Beides werden wir wohl noch zurückkommen im Laufe unserer Geschichte.
Und ich glaube, so langsam freue ich mich doch darauf, so wenig das Geschichteerzählen mir wie ein Pläsir erscheint. Aber was heißt dies schon?
Neben Abrahams Laden dann im Übrigen noch ein langgezogener Maschendrahtzaun, hinter welchem sich ein Schulhof befindet.
Jedoch auch wir auf unserer Seite nicht gänzlich allein; an unserer beschaulichen Bankfiliale grenzt die kleine beschauliche Pension der pensionierten Pensionswirtin Federica Fiel. Und auch hier könnten im Laufe unserer Geschichte Bewegungen stattfinden; ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen.
Zwischen Pension und meiner Bank beziehungsweise Imbiss und Antiquitäten ist die Fahrbahn unserer Hauptstraße zweispurig; für jede Richtung eine. Der Verkehr hier nicht allzu stark, so dass die Straße an dieser Stelle spielendleicht überquert werden kann. Auch ist sie breit genug, wenn, ja, wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre. Und ob es sich in diesem Falle wirklich um ein Pläsir handelt? Na also, weiß nicht, ehrlich gesagt.
Tja, und dieses „wenn“ ist der geöffnete Gully mitten auf der Straße; umzingelt von rot-weißen Absperrbändern, so dass die Fahrspuren, in beiden Richtungen wohlgemerkt, eingeengt sind. Gerade größere Vehikel wie Lastwagen oder Linienbusse sind genötigt, an dieser Stelle abzubremsen. Vorsichtig umkurvt, wobei sie nicht selten die Bordsteinkante mitbenutzen müssen, um wenigstens halbwegs vorbeizukommen.
Zu alldem scheint es sich hierbei um eine Art Dauerbaustelle zu handeln; denn wie lange sie existiert, das weiß keiner von uns. Oder gar wie lange noch, nein, dies auch nicht gerade; nicht einmal derjenige, der sich stets innerhalb der Absperrung befindet; von morgens bis abends wohlgemerkt.
Dies ist freilich kein Geringerer wie der Kanalarbeiter Gunnar Günsch. Wer nun annimmt, er würde den ganzen Tag hinauf- und runterklettern, um seinen Job zu tun, könnte sich leicht getäuscht werden, leichter, wie man vielleicht annehmen könnte.
In Wirklichkeit sitzt Gunnar auf einem Klappstuhl, der an dem eines Theater- oder Filmregisseurs erinnert, unmittelbar neben dem offenen Kanal, und zwar von morgens bis abends. In der Regel bewaffnet, um auch mal solch einen Ausdruck zu verwenden, mit einer großen Flasche Orangenlimo beziehungsweise Salamistulle, wahlweise auch mal mit Kochschinken belegt, von morgens bis abends. Eindrücke, dass er jemals auch nur einen Handstrich im Kanal vollzogen hätte, kann man eigentlich so gut wie gar nicht wahrnehmen, von morgens bis abends. Und ebenfalls von morgens bis abends zieht er gehörigen Unmut auf sich, sowohl von den Vorbeifahrenden wie auch von Passanten und Anliegern; im besonderen Maße von Kalle Mitzwitz, dem Betreiber der Imbissbude; doch, doch, ganz zweifelsohne dem so ist.
Als Beispiel möge hierzu ein Dialog zwischen den beiden, welcher sich nahezu täglich wiederholt, dienen:
Kalle Mitzwitz Wann machst du nun endlich mal deinen Deckel zu?
Gunnar Günsch Gut Ding braucht nun mal sein Weilchen.
Kalle Mitzwitz Es stinkt bis zum Himmel!
Gunnar Günsch Was du nicht sagst!
Kalle Mitzwitz Unglaublich alles hier!
Geisterhand Und nachdem ich Ihnen nun unseren Straßenabschnitt etwas nähergebracht habe, können wir mit unserer Geschichte endlich loslegen!
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Was denn jetzt noch?
Anmerkung Als ob du nicht noch was vergessen hättest.
Geisterhand Wie denn, Kleiner? Wenn ich noch gar nicht angefangen habe.
Anmerkung Kleiner ist die eine Sache.
Geisterhand Und du erahnst ja gar nicht, wie sehr ich mich inzwischen auf unsere kleine Geschichte freue.
Anmerkung Kleinigkeit eine andere.
Geisterhand Huch! In Rätseln du sprichst!
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Nicht unbedingt ein Pläsir!
Anmerkung Mich.
Geisterhand Wie mich?
Anmerkung Mich halt. Oh je!
Geisterhand Nix oh je!
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Ich glaub, ich mutmaße, auf welchem Dampfer du gerade schwimmst!
Anmerkung Also dann doch oh je!
Geisterhand Also schön.
Anmerkung Als ob du nicht schon dabei wärst, nicht wahr?
Geisterhand Werte Besucherin, werte Besucher, worauf mich die Anmerkung hat aufmerksam machen wollen, obwohl dies nicht unbedingt notwendig gewesen wäre ist sie auch mal vorzustellen- mit „sie“ ist natürlich die Anmerkung selbst gemeint.
Die Anmerkung selbst ist nichts weiter wie eine abstrakte Erscheinung, und gleichsam unsichtbar wie ich. Ach, was für ein verbindendes Pläsir. Jedoch dies natürlich nur am Rande.
Laut Duden ist die Anmerkung weiterhin nichts weiter wie eine mündliche Äußerung. Oder eine nähere Erklärung oder Beschreibung. Zu einem Text zum Beispiel.
In unserem Falle sie mir heute assistieren wird.
Anmerkung Na, ob ich mich darauf wirklich freue?
Geisterhand Ich denke, dass sich dies noch erweisen wird.
Anmerkung Da hast du vollkommen Recht.
Geisterhand Liebe Besucherin, die Anmerkung.
Anmerkung Ganz zu schweigen der Besucher. Nicht wahr?
Geisterhand Die Anmerkung. Ich meine, für heute wird die Anmerkung vor allem in ergänzender Weise beistehen. Am besten mal ein kleines Beispiel. Na, wie wäre es?
Anmerkung Äh!
Geisterhand Nur eine kleine Kostprobe.
Anmerkung Damit habe ich jetzt eigentlich nicht gerechnet. Ehrlich gesagt.
Geisterhand Auf, jetzt darfst du natürlich auch kein Frosch sein.
Anmerkung Also bevor du mich schlägst. Nur.
Geisterhand So gefällst du mir schon wieder viel besser.
Anmerkung Nur welches Beispiel nimm ich? In aller Kürze, schließlich bin ich nicht vorbereitet. Geisterhand Weiß ich jetzt eigentlich auch nicht. Ehrlich gesagt. Doch wozu in die Ferne schweifen?
Anmerkung Nein!
Geisterhand Warum denn nicht?
Anmerkung Doch nicht etwa Gunnar!
Geisterhand Ja, warum denn nicht?
Anmerkung Zu dem gibt es doch nun wirklich nicht mehr allzu viel zu sagen.
Geisterhand Umso besser.
Anmerkung Höchstens, dass er nicht allzu groß, leicht untersetzt, und in bestem Mannesalter.
Geisterhand Schau mal her! Geht ja doch!
Anmerkung Und dass er stets mit orangefarbener Kanalarbeiterkluft bekleidet.
Geisterhand Na, wer sagt‘ s denn?
Anmerkung Nur.
Geisterhand Und genügt auch schon. Vollkommen, was für ein Pläsir!
Anmerkung Bliebe nur noch eines offen.
Geisterhand Na klar! Der Gully!
Anmerkung Nämlich in welchem Tempus die Geschichte wiedergeben wird?
Geisterhand Wie du jetzt auf so etwas kommst?
Anmerkung Da doch der Gully immer offen ist. So auch jetzt gerade, in diesem Augenblick.
Geisterhand Ich steh gerade auf dem Schlauch.
Anmerkung Oh je! Und dies jetzt schon zum zweiten Mal!
Geisterhand Worauf du hinauswillst?
Anmerkung Der in diesem Augenblick offenstehende Gully. Spricht also eher für das Präsens.
Geisterhand Ach so! Aus dieser Richtung der Hahn kräht!
Anmerkung Groschen gefallen?
Geisterhand Aber mein Lieber, das ist doch nun wirklich ganz einfach.
Anmerkung Mit Donnerhall abwärts?
Geisterhand Unsere Geschichte. Liegt ja auch erst ein paar Tage zurück.
Anmerkung Also dann doch das Imperfekt.
Geisterhand Also, eigentlich ist unsere Geschichte schon eine vergangene.
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Nix ähem!
Anmerkung Doch ähem! Worauf du jetzt eigentlich noch wartest? Nachdem all dies geklärt?
Geisterhand Wir könnten schon viel weiter sein. Deinem Dauerfunken sei Dank!
Anmerkung Fängst du etwa schon wieder mit diesem Theater an?
Geisterhand Apropos Theater: wo ist die Bühne denn jetzt eigentlich?
Anmerkung Und ich dachte, es geht an einem Gully los.
Geisterhand Und vor allem, der Vorhang? Wo ist der Vorhang?
Anmerkung Müsste der nicht sowieso mal gelüftet werden?
Geisterhand Kein Wunder bei dem Gestank.
Anmerkung Was!
Geisterhand Ja, worauf wartest du denn noch?
Anmerkung Als ob ich nicht schon dabei wäre.
Geisterhand Alles andere wie ein Pläsir!
Anmerkung Sehr verehrtes Publikum,
es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Ihnen nun die Geisterhand präsentieren zu dürfen! Hierzu Vorhang auf!
Geisterhand Zu viel der Ehre!
Anmerkung Jetzt mach du auch mal endlich mal voran!
Geisterhand Geht es nicht eigentlich um die Geschichte? Die zu präsentieren ist? Und weniger um mich? Bei aller Ehre?
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Ich bin die lustige Geisterhand, fleißig, freundlich und durchaus elegant.
Anmerkung Ich glaub, ich werde nicht mehr!
A3: Vor dem Imbiss
Geisterhand Es war also einmal an einem Freitag; die Nachmittagssonne über unserer Vorstadt schien mild, ein leichter Wind dazu.
Abrahams Laden befand sich im Prinzip zwischen Kalles Imbiss auf der einen Seite und dem Schulhofzaun auf der anderen Seite- aber dies hatten wir ja bereits, oder etwa nicht?
Wieso ich dies dennoch noch einmal erwähne? An dem zweistöckigen Wohnhaus, wo der Antiquitätenladen untergebracht war, und zwar seit Jahrzehnten schon, oh, wer dies schon so genau wusste, verlief an der Seite, wo der Zaun angrenzte, und zwar unmittelbar, eine Regenrinne. Die vortrefflich zu glucksen verstand, vor allem dann, wenn es ruhig war, und vor allem nachts.
Genau davor befand sich eine Haltestelle. Wenn nicht gerade Schulschluss war, waren die Linienbusse, die dort hielten, gewöhnlicherweise leer. Vereinzelte lediglich, denn sie war und ist erst die zweite Station nach der Endstation hier bei uns in der Vorstadt.
Doch genau das war ein zusätzlicher Knackpunkt; denn der betroffene Linienbus hatte an der Absperrung von Gunnar Günsch abzubremsen, kaum dass er an der Haltestelle wieder angefahren war. Was den Verdruss der jeweiligen Busfahrer nicht gerade minderte. Nein, ganz im Gegenteil.
Anmerkung Und unter Pläsir schien wohl was anderes zu verstehen gewesen zu sein.
Geisterhand Du mir aus dem Herzen sprichst. Irgendwie zumindest.
Es war also Freitag nachmittags, als eben dieses von mir beschriebene Malheur abermals passierte. So dass der soeben angefahrene Linienbus wieder abzubremsen hatte. Und wie gesagt zum Verdruss des Busfahrers.
Anmerkung Busfahrerin. Geisterhand Aber ja natürlich, mein Lieber. Hätte ich auch schon noch gesagt. Und alles andere wie eine Unbekannte hier bei uns. Schließlich bediente sie seit etlichen Jahren die Linie durch unsere Vorstadt. Das Fenster an der Fahrerseite aufgeklappt, schaute sie auf Gunnar, wobei ihr die Verärgerung im Gesicht geschrieben stand.
Anmerkung Bei der Busfahrerin es sich um Madeleine Wurm handelte. Unter ihrer hellblauen Busdienstmütze quoll lockiges, ins Brünette neigende Haar, welches ihr bis zu den Kragen reichte, hervor. Ungefähr dreißig wirkte unsere Busfahrerin nicht ganz zuletzt aufgrund ihres sommersprossigen Gesichts noch recht jung.
Geisterhand Ihre Verärgerung hatte neben der Fahrbahnverengung durch die Ewigkeitsabsperrung noch einen weiteren Grund.
Anmerkung Na klar, Madeleine wollte nach Hause.
Geisterhand Denn es war für sie die letzte Tour des Tages. Dementsprechend eilig sie es hatte.
Anmerkung Aber warum hören wir nicht einfach mal rein?
Geisterhand Von nicht allzu weit hörte man die Glocke unserer kleinen Vorstadtkirche zur halben Stunde schlagen.
Gunnnar Günsch Madeleine, was ist denn jetzt schon wieder mit dir?
Madeleine Wurm Dass du das auch noch fragst.
Gunnar Günsch Wenigstens das wird man ja wohl noch dürfen.
Madeleine Wurm Jeden Tag die gleiche Scheiße hier!
Gunnar Günsch Das kannst du aber so jetzt auch nicht sagen.
Madeleine Wurm Doch! Und wie ich das sagen kann! Außerdem habe ich gleich Feierabend! Und es dementsprechend eilig! Falls dich das interessiert!
Gunnar Günsch Mensch! Und wie mich das interessiert!
Geisterhand Mühselig lenkte Madeleine ihren Bus an Absperrung und Gunnar vorbei, nicht ohne mit den Backboard- Reifen auf den Bordstein vor Kalles Imbiss zu fahren, doch wäre dies anders so gut wie gar nicht möglich gewesen. Sodann sie die Stelle endlich passiert, wurde sichtbar, dass sich auch vor Abrahams Ladentür etwas tat. An der stand nämlich Abrahams Frau, mit einer Hand an der Klinke wohlgemerkt.
Anmerkung Nicht mehr die Allerjüngste, vertrat sie ihren Mann häufig im Laden. Mit grauer Dauerwelle versehen, quellte unter dem pinken Kittel der vierzehnfachen Mutter eine hellblaue Bluse, die an den Ärmeln hochgekrempelt, hervor.
Vor ihrem Laden vorgefahren war ein kleiner orangefarbener Straßenkehrwagen, in welchem Berry Weckerknecht. Berry selbst steckte natürlich in einer orangefarbenen Straßenkehrkluft. Nicht nur durch sein Kurzhaarschnitt wirkte der ungefähr Dreißigjährige stets äußerst gepflegt.
Berry Weckerknecht Was? Sie auch mal draußen?
Abrahams Frau Na, hören Sie mal! Schließlich muss auch ich mal frische Luft schnappen.
Berry Weckerknecht Wieso? Gibt’ s in Ihrem im Laden keine?
Abrahams Frau Na, erlauben Sie mal!
Berry Weckerknecht Man hat ja wohl noch das Recht, fragen zu dürfen.
Abrahams Frau Sehen Sie lieber zu, dass Sie Land gewinnen. Bevor Sie mir mit noch mehr Frechheiten kommen.
Berry Weckerknecht Ganz im Gegenteil!
Abrahams Frau Als ob Sie nichts anderes zu tun hätten.
Berry Weckerknecht Wissen Sie, ich hab da nämlich eine Frage. An Ihrem Mann.
Abrahams Frau Ist nicht da.
Berry Weckerknecht Wie?
Abrahams Frau Oder warum glauben Sie, stehe ich im Laden?
Berry Weckerknecht Allwissend bin ich natürlich auch nicht immer.
Abrahams Frau Ach herrje! Aber bitte schön, wenn es denn unbedingt sein muss.
Berry Weckerknecht Ach, Sie meinen, ich könnte.
Abrahams Frau Jede Frage an meinen Mann können Sie auch an mich richten. Wenn Sie mir nur nicht wieder so frech mit der Luft daherkommen.
Berry Weckerknecht Mann, war doch bloß ‘n Scherz.
Abrahams Frau Ja, ja. Also, was ist jetzt?
Berry Weckerknecht Nix? Was soll denn sein?
Abrahams Frau Mit Ihrer Frage. Oder glauben Sie, ich möchte den ganzen Tag hier Wurzeln schlagen?
Berry Weckerknecht Also, ob sie die auch haben?
Abrahams Frau Wie? Was?
Berry Weckerknecht Ich meine, wo ihr im Laden doch fast immer alles habt.
Abrahams Frau Also, wenn Sie lediglich in Rätseln sprechen, werde ich Ihnen wohl kaum auf die Sprünge helfen können.
Berry Weckerknecht Na ja, es ist doch nur, weil ich vorhin an so ’nem Plakat vorbeigefahren bin.
Abrahams Frau Na und.
Berry Weckerknecht So’ n Werbeplakat. Mit Werbung für Fruchtkaugummis.
Abrahams Frau Ich höre wohl nicht richtig.
Berry Weckerknecht Doch! Handelt sich wohl um so ganz neuartige Fruchtkaugummis.
Abrahams Frau Neuartig? Wird ja immer heiterer?
Berry Weckerknecht Ja! Laut Werbeplakat!
Abrahams Frau Oh, Herr Weckerknecht! Wie lange wir uns schon kennen.
Berry Weckerknecht Keine Ahnung! Sehr lange schon!
Abrahams Frau Dass Sie sich überhaupt mal besinnen. Dann dürfte Ihnen doch eigentlich auch klar sein, dass für Neuartiges in unserem Laden kein Platz ist.
Berry Weckerknecht Nix für ungut.
Abrahams Frau Sondern nur für das Gegenteilige; schließlich sind wir immer noch ein Antiquitätenladen.
Berry Weckerknecht Jetzt regen Sie sich doch nicht auf. Hätte ja sein können.
Männliche Stimme von der Seite Aber ich habe sie.
Anmerkung Jene Stimme von keinem Geringeren stammte wie von Kalle Mitzwitz, der aus dem offenen Visier seines Imbissladens herausschaute. Im besten Mannesalter war er zumeist mit einem karierten Hemd bekleidet, welches bis zu den Ärmeln hochgekrempelt war. Markenzeichen jedoch eine um seine kräftige Statur umgebundene weiße Schürze; die in aller Regel von alldem, was sein Imbiss hergab, vollgekleckert war: Mayospritzer, Senfspritzer, Ketschupspritzer, Fettspritzer.
Geisterhand Berry schaute sich um; Abrahams Frau, sie war verschwunden.
Kalle Mitzwitz Straßenkehrer!
Geisterhand Berry war etwas verdutzt, und so wirkte er auch.
Kalle Mitzwitz Was du hast?
Berry Weckerknecht Nichts.
Kalle Mitzwitz Nichts? So, so.
Berry Weckerknecht Es ist nur.
Kalle Mitzwitz Sprich dich nur aus.
Stimme von einen der Stehtische vor dem Imbiss Etwas, was noch nie geschadet hat.
Anmerkung Hierbei es sich um Olias Frech handelte; er war der Streifenpolizist hier bei uns in der Vorstadt, sein Posten auch nur ein paar Steinwürfe entfernt. Olias war groß und schlank und gleichsam wie Berry noch recht jung. Natürlich steckte er in einer Polizeiuniform, frei nach dem Motto: “was denn sonst auch?”.
Olias Frech war gerade beim Verzehren von Currywurst und einer gehörigen Portion Pommes mit Mayo, mit Ketchup; dazu eine große, kalte Cola.
Berry Weckerknecht Seit wann du Kaugummi führst.
Olias Frech Kein Wunder, wenn man seinen Standort in unmittelbarer Nähe einer Schule hat.
Kalle Mitzwitz Ein simples Geschäftsmodell.
Olias Frech Eher ein Ausbeuten von Taschengeldern. Wenn man mich fragt.
Kalle Mitzwitz Dich fragt aber keiner. Und schließlich muss man heutzutage ja auch sehen, wo man bleibt.
Geisterhand Und dann zum Straßenkehrer.
Kalle Mitzwitz Der allerneueste Schrei. Möchtest du auch welche?
Geisterhand Berry Weckerknecht lediglich mit den Achseln zuckelte.
Berry Weckerknecht Weiß nicht.
Kalle Mitzwitz Außerdem supergünstig.
Olias Frech Ist doch überhaupt nicht nötig.
Geisterhand Olias hatte kurzerhand ein Päckchen hervorgezückt und reichte es dem Straßenkehrer.
Kalle Mitzwitz Du weißt aber schon, dass das geschäftsschädigend ist.
Olias Frech Weiß nicht was du hast. Hab es doch von dir.
Kalle Mitzwitz Unfassbar!
Geisterhand Das Päckchen von dem Streifenpolizisten inzwischen angenommen, bemusterte Berry es von allen Seiten. Auf dem heidelbeerblauen Päckchen war eine Orangenscheibe abgebildet.
Olias Frech Nur nicht so schüchtern! Einfach mal probieren!
Geisterhand Berry mit den Achseln zuckelte.
Berry Weckerknecht Orangen?
Olias Frech Einfach köstlich.
Berry Weckerknecht Aber die, die sind irgendwie anders.
Kalle Mitzwitz Deshalb haben die ja auch so ’nen reißenden Absatz!
Berry Weckerknecht Sind anders als die vom Plakat.
Kalle Mitzwitz Plakat?
Olias Frech Ich befürchte, langsam kommen wir ins Detail.
Berry Weckerknecht Auf dem Plakat war eine Heidelbeere abgebildet.
Olias Frech Hab ich allerdings auch schon gesehen.
Kalle Mitzwitz Dafür kann ich auch nichts. Willst du jetzt welche?
Geisterhand Berry legte das Päckchen auf Olias Stehtisch ab; gleich neben dem Pappteller, auf dem sich sein Pommes- Berg befand.
Berry Weckerknecht Nee, lieber nicht.
Olias Frech Wieso denn nicht?
Geisterhand Doch Berry hatte sich schon etwas entfernt, um sich zu seinem Elektrowagen begeben.
Olias Frech Schade eigentlich. Wo die Orange doch so wunderbar zu deinem Outfit passt.
Berry Weckerknecht Wie bitte?
Olias Frech Zu deinem Outfit und zu deinem Wagen.
Berry Weckerknecht Äh, ich muss dann auch weiter.
Kalle Mitzwitz Wenigstens ‘ne Cola?
Geisterhand Doch Berry zwängte sich schon in sein enges Gefährt.
Kalle Mitzwitz Ich gib dir auch eine aus.
Olias Frech Was!
Berry Weckerknecht Nee, das nächste Mal vielleicht.
Olias Frech So schön möchte ich es auch mal haben.
Geisterhand Die Handbremse gelöst, war Berry angefahren, im Schritttempo wohlgemerkt Im Gegensatz zu Madeleines Bus kam Berry mit seinem Elektrowagen spielendleicht an Gunnars Absperrung vorbei.
Berry Weckerknecht Sag mal, geschehen tatsächlich noch Zeichen und Wunder?
Geisterhand Gunnar hatte sich erhoben, und war über seinen Klappstuhl gebeugt, den er gerade zuklappte.
Gunnar Günsch Ach, Straßenkehrer, du bist’ s!
Berry Weckerknecht Dass du dich überhaupt mal bewegst.
Gunnar Günsch Na klar! Ist doch Feierabend.
Geisterhand Nicht ohne noch einen draufzusetzen? Oder vielleicht doch?
Gunnar Günsch Feierabend und Wochenende.
Berry Weckerknecht So schön möchte ich es auch mal haben.
Gunnar Günsch Aber wieso denn nicht? Heute ist doch Freitag?
Berry Weckerknecht Also, ich kann nicht so ohne Weiteres alles zuklappen.
Gunnar Günsch Du erwartest doch nicht, dass ich jetzt in Mitleid verfalle.
Berry Weckerknecht Zumindest muss ich noch zur Erddeponie. Schließlich entleert sich mein Auto nicht von alleine.
Geisterhand Insgeheim wollte natürlich auch Berry Schluss machen. Die von ihm anvisierte Erddeponie war jedoch noch ganz schön entfernt. Auf dem Weg dorthin wollte er zudem noch die Abfallkörbe an zwei Haltestellen entleeren. So hatte er es zumindest vorgesehen.
Berry Weckerknecht Na, dann mach’ s mal gut, Kanalarbeiter.
Gunnar Günsch Ein schönes Wochenende ich dir wünsche.
Eine weibliche Stimme Halt! Warte doch mal!
Geisterhand Berry wollte gerade anfahren, als auf der anderen Seite Federica Fiel aus ihrer Pension hinausstürzte.
Anmerkung Mit Sicherheit war die Pensionswirtin nicht mehr die Allerjüngste. So um die achtzig schätzte man, so genau wusste dies allerdings keiner bei uns in der Vorstadt. Die Gestalt gedrungen und klein, der Kopf, welcher mit grauem, welligem Haar versehen, leicht nach vorne gebeugt. Weiterhin hinkte die alte Dame leicht. Meist trug sie dunkle Hosen und farbige Oberteile.
Berry Weckerknecht Frau Fiel? Was ist?
Geisterhand Trotz ihrer leichten Gehbehinderung hatte sie es bereits über die Straße bis zu seinem orangenfarbenen Vehikel geschafft.
Federica Fiel Du kannst mich doch ganz bestimmt ein Stückchen mitnehmen. Du weißt ja.
Geisterhand Nicht, dass die alte Dame doch etwas außer Atem geraten war.
Federica Fiel Dass ich nicht mehr die Allerjüngste bin!
Geisterhand Schnell war Berry um das kleine Elektroauto herum, und öffnete die Beifahrertür.
Berry Weckerknecht Wenn ich bitten darf! Ist nur ein klein wenig eng.
Federica Fiel Oh, das seh ich jetzt auch gerade. Da brauch ich allerdings etwas, bis ich mich da hineingequetscht habe.
Berry Weckerknecht Ihre Tasche können wir ja nach hinten tun.
Federica Fiel Glauben Sie, dass das wirklich geht?
Berry Weckerknecht Aber ja doch.
Federica Fiel Nicht, dass dabei was kaputt geht.
Geisterhand Schon hatte er ihr die große, schwere Tasche, die sie bei sich trug, abgenommen. Auf der Lade des kleinen Wagens hatte sich zwar schon eine Menge Abfall und Laub angehäuft. Kurzerhand stopfte er die Tasche in einen noch einigermaßen sauberen Eimer.
Federica Fiel Da ist nämlich was ganz Wichtiges drin.
Berry Weckerknecht Wichtig und gewichtig. So schwer wie Ihre Tasche ist.
Federica Fiel Und weißt du was?
Berry Weckerknecht Ich befürchte, Sie werden es mir gleich sagen.
Kalle Mitzwitz Federica! Nicht Lust auf ‘nen Kaffee?
Federica Fiel Nee, heute nicht.
Kalle Mitzwitz Ich lass auch einen springen.
Federica Fiel Aber ich muss doch zu Amalie heute.
Olias Frech Mich fragt mal wieder keiner.
Kalle Mitzwitz Ach so. Heute ist ja Freitag.
Federica Fiel Außerdem bring ich ihr auch noch was mit.
Geisterhand Berry schaute sich um; Gunnar war inzwischen verschwunden. Tatsächlich dauerte es etwas, bis sich die Pensionärin hineingezwängt hatte.
Kalle Mitzwitz Schon wieder nicht!
Olias Frech Mann, was ist denn jetzt schon wieder?
Kalle Mitzwitz Oh, dieser Gunnar!
Olias Frech Jetzt hast du ja Ruhe vor ihm.
Kalle Mitzwitz Vor Gunnar vielleicht.
Olias Frech Und dies gleich für zwei Tage.
Kalle Mitzwitz Aber nicht vor dem Gestank.
Olias Frech Kein Grund zur Aufregung.
Kalle Mitzwitz Denn den Gully hate er schon wieder nicht zugemacht.
Olias Frech Was ist jetzt mit dem Kaffee für Frau Fiel?
Kalle Mitzwitz Vergessen? Oder einfach nur zu blöde?
Olias Frech Ich würde mich freiwillig opfern.
Kalle Mitzwitz Mann, nerv mich du bitte nicht auch noch. Außerdem hast du doch schon ‘ne Cola. Olias Frech Ist doch schon alle.
A4: An der Kreuzung
Geisterhand Die an Kalles Imbiss von Federica erwähnte Amalie war und ist ebenfalls so etwas wie eine Institution in unserer Vorstadt. Gemeinsam mit ihrem Mann Dimitri betrieb sie eine Eckkneipe hier bei uns.
Und in letzter Zeit war es so, dass Federica in der Kneipe häufiger aushalf; vor allem am Wochenende. Dabei war ihr einmal aufgefallen, dass Amalie in der Küche ihrer Kneipe nicht über ausreichend Behältnisse für Gewürze und Ähnlichem verfügte. Dem wollte sie abhelfen, wozu der Inhalt der Tasche, welche nun auf dem Rücken des engen Elektrowagens, dienen sollte: denn es waren nichts weiter wie acht Aufbewahrungsdosen, welche sie Amalie überlassen wollte.
Im Übrigen war eng in dem Elektroauto kein Ausdruck; zusammengepfercht wie zwei Ölsardinen hockten Berry und Federica in der Fahrerkabine des Straßenkehrwagens. Berry gewann wenigstens etwas Platz, indem er einen Ellenbogen zum Fenster rausdrückte, während die leicht eingenickten Köpfe bis an die Decke des Gefährts reichten.
Berry Weckerknecht Amalie wird sich bestimmt freuen über das Geschenk.
Federica Fiel Oh, sie wird sich nicht nur freuen, sondern auch freuen.
Geisterhand Berry hatte indes das Radio im Auto eingeschaltet.
Federica Fiel Du hast aber ein schickes Radio.
Berry Weckerknecht Na ja. Federica Fiel Und so modern.
Berry Weckerknecht Dafür knistert die Musik. Finden Sie nicht?
Federica Fiel Kein Wunder, die ist wiederum alt.
Berry Weckerknecht Und so schön traurig.
Federica Fiel Die war modern, als ich noch eine flotte Propellermaschine war.
Berry Weckerknecht Ich kenn den, ich meine, den Titel.
Federica Fiel Ja, lang ist ‚s her.
Berry Weckerknecht Und den Sänger, den kenn ich ach.
Federica Fiel Kennt doch jedes Kind.
Berry Weckerknecht Ich habe wohl ein Blackout! Oh weh!
Federica Fiel Das macht nichts. Ich kann dir auf die Sprünge helfen.
Berry Weckerknecht Ja bitte, dann tun Sie es. Erlösen Sie mich.
Federica Fiel Das ist “Goodbye my Love, Goodbye“.
Berry Weckerknecht Aber ja, natürlich.
Federica Fiel Von Demis Roussos.
Berry Weckerknecht Fällt mir wie Schuppen aus den Haaren. Jetzt, wo Sie ‚s sagen.
Federica Fiel Schön traurig.
Berry Weckerknecht Na ja, schließlich wird man ja auch nicht jünger.
Federica Fiel Wem sagst du das?
Geisterhand Die weitere Fahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse. Die Hauptstraße führte schnurstracks bis zu einer Kreuzung, die gerade auf Grün stand. Jedoch hatte er zu stoppen, denn genau an der Beifahrerseite befand sich die eckige Eckkneipe der Hochs.
Federica Fiel Magst nicht mit reinkommen?
Berry Weckerknecht Nee, geht nicht. Muss noch ein bisschen was tun.
Federica Fiel Dann später vielleicht.
Geisterhand Er öffnete ihr schnell noch die Tür. Bei ihrem Herauszwängen stützte er sie ein klein wenig am Ellenbogen.
Berry Weckerknecht Warten Sie! Ich trage Ihnen noch die Tasche rein.
Federica Fiel Danke, aber das ist nun wirklich nicht auch noch nötig. Das krieg ich gerade noch allein hin.
Geisterhand Gesagt, getan, mit der schweren Tasche sie bis zur Eingangstür der Kneipe hinkte, worin sie alsbald verschwunden war. Als Berry sich wieder in sein Auto gesetzt hatte, war die Ampel natürlich längst rot.
Es war ruhig, denn er war mit seinem orangefarbenen fahrbaren Untersatz der Einzige an der Kreuzung. Nicht mal das kleine Radio dudelte mehr, ganz im Gegenteil, es zischte nur noch. Wütend schlug er dagegen, denn es war nigelnagelneu, in der Tat, in der Tat.
War es die Einöde an der Ampel? Die Warterei? Das Grün, es ließ und ließ auf sich warten. Oder lag es am Ende am langen Arbeitstag, der natürlich auch Tribut forderte? Auf jeden Fall spürte Berry auf einmal Müdigkeit in den Augen. Schwer fiel es ihm, sie offenzuhalten. Der Kopf schon verdächtig nahe bis zum Lenkrad hinuntergenickt, als die Kirchturmglocke zur vierten Stunde schlug; zur vierten Nachmittagsstunde wohlgemerkt.
Berry aufgeschreckt, denn die Kirche befand sich in unmittelbarer Verlängerung der Kneipe an der Ecke an der anderen Seite der Kreuzung. Dementsprechend laut, hinter der Kirche im Übrigen ein flaches Gebäude, welches lange Jahre stillgestanden war. Und davor die Einbuchtung für eine der beiden Haltestellen, wo die Abfallkörbe, an welchem er sich noch verdingen wollte.
Das Gebäude war der ehemalige Sitz eines ehemaligen Bekleidungslagers, doch war die Firma schon vor vielen, vielen Jahren aus unserer Vorstadt weggezogen.
Vor Kurzem jedoch war hier ein Islamisches Zentrum errichtet worden; sogar mit einer kleinen Moschee. Und genau an diesem Tag hatte dort ein Ereignis stattgefunden, denn das erste Freitagsgebet wurde abgehalten. Vieles war freilich noch improvisorisch, doch der Auftakt ein geglückter war.
Nach dem Gebet fiel Hasan Ibrahim Rahman, der neue Imam hier bei uns, was ins Auge. Etwas, was seine Stimmung etwas trübte; eine Kleinigkeit zwar nur, doch immerhin.
Von dem, was sich hinter den Mauern des neuen Zentrums abspielte, wusste Berry natürlich nichts. Doch zu alldem später etwas was mehr. Und natürlich auch zu Hasan Ibrahim Rahman.
Zunächst jedoch zurück zu Berry, der noch immer vor der Ampel wartete, und der noch immer mit dem Einschlafen zu kämpfen hatte. Ach, diese verflixte Ampel, wo doch jenseits der Kreuzung die beiden letzten Abfallkörbe auf ihn warteten. Gegenüber der neuen Moschee, beziehungsweise diagonal gegenüber der Kneipe ein Parkplatz, vor dem eine langgezogene Einbuchtung. Dies war zum einen die Haltestellen für die Linienbusse der entgegengesetzten Richtung; zum anderen auch noch der Stand für haargenau ein Taxi.
In dem Taxi hockte Leonid Zimmermann und las Zeitung.
Berry Weckerknecht So schön möchte ich es auch mal haben.
Geisterhand Grübelte Berry so vor sich hin, als sich seine schlafversessenen Augen auf die Ampel konzentrierten. Von einem Moment zum nächsten schoss sein Kopf, welches beinahe schon völlig auf dem Lenkrad, in die Höhe. Nicht hundertprozentig überliefert ist, ob er sich hierbei eine Beule eingefangen hatte, aufgrund der Niedrigkeit des Autos, was freilich für die Decke galt; ja insbesondere für die Decke.
Auf jeden Fall war er wieder hellwach, nein, von Müdigkeit nichts mehr zu spüren.
Berry Weckerknecht Das gibt es doch nicht!
Geisterhand An dem Zaun des Gartens, welcher die Kirche umgarnte, waren gleich zwei Plakate angebracht worden: eines zeichnete das Konterfei unseres Vorstadt- Großbürgermeister Klein ab, dass andere wiederum Reklame für jene neuartigen Fruchtkaugummis. Und offenbar wieder für die gleiche Marke; doch, doch, ganz offenkund dem so war.
Diesmal war jedoch eine riesige Orangenscheibe abgebildet, gleichsam wie auf dem heidelbeerblauen Päckchen von Olias Frech. Heidelbeerblau dafür diesmal das Plakat mit der Orange.
Endlich schaltete die Ampel auf Grün. Berry war immer noch der Einzige an der Kreuzung, weit und breit. So dass er in aller Gemütlichkeit zu den Abfallkörben der Haltestellen hätte tuckern können.
Anmerkung Hätte können, wie man auch schon an der Formulierung erkennt.
Geisterhand Richtig, mein Lieber!
Anmerkung Sondern.
Geisterhand Dass du dich überhaupt mal wieder zu Wort meldest.
Anmerkung Was für ein Pläsir, nicht wahr?
Geisterhand Du mir aus der Seele sprichst.
Anmerkung Mann!
A5: In der Tankstelle Tunkel
Geisterhand Zurück zu unserem Straßenkehrer. Denn anstatt die Kreuzung zu überqueren, lenkte er nach links ein, wo sich die Tankstelle Tunkel befand. Ähem!
Anmerkung Hey, das ist doch mein Einwand.
Geisterhand Ähem!
Anmerkung Das mit dem Ähem, meine ich.
Geisterhand Was für ein Pläsir, nicht wahr?
Anmerkung Einfach nur plump!
Geisterhand Die Bühne! Jetzt frei für dich!
Anmerkung Mann!
Der Tankwart Tunkel war in dem Moment, als Berry in dessen Shop eintrat, mit dem Befüllen von Regalen hinter seiner Verkaufstheke beschäftigt. Tunkels großgewachsene Gestalt war in einem blauen Tankwartoverall gesteckt; er war ungefähr genauso alt wie unser Straßenkehrer.
Berry Weckerknecht Hätt ich dir gar nicht zugetraut.
Tankwart Tunkel Horcht, wer kommt von draußen rein?
Berry Weckerknecht So schöne Musik.
Tankwart Tunkel Ja, schön traurig.
Berry Weckerknecht Nur wer das noch mal singt?
Geisterhand Aus einem uralten Röhrenradio, welches auf einem der Regalfächer, und so gar nicht zu der modernen Einrichtung der Tanke passte. Die Musik knisterte; natürlich mono, frei nach dem Motto: “was sonst?”.
Berry Weckerknecht Meinst du, ich komm jetzt drauf?
Tankwart Tunkel Ah, daher der Hahn kräht!
Berry Weckerknecht Man wird schließlich auch nicht jünger.
Tankwart Tunkel Der Tankwart Tunkel dir mal ‘nen Tipp gibt: uralt.
Berry Weckerknecht Ja, das ist mir schon klar, das weiß ich denn auch noch. Nur wer das nochmal gesungen hat?
Tankwart Tunkel Dem auf die Sprünge geholfen werden kann.
Berry Weckerknecht Ach, Tunkel! Dann tu es doch einfach.
Tankwart Tunkel Also, bei der Gruppe handelt es sich um.
Berry Weckerknecht Ein mich auf die Folter spannen dies nennt.
Tankwart Tunkel Um Pussycat.
Berry Weckerknecht Ah!
Tankwart Tunkel Und das Lied heißt “Mississippi”!
Berry Weckerknecht Aber ja, natürlich!
Tankwart Tunkel Der Tankwart Tunkel einen Groschen hinabstürzen hört.
Berry Weckerknecht Kein Wunder! Wenn man auf dem Schlauch steht!
Tankwart Tunkel Bis in unendliche Tiefen.
Berry Weckerknecht Bis in unendliche? Findest du nicht, dass du ein wenig zu weit gehst?
Tankwart Tunkel Mitnichten! Schließlich war es ja auch nicht der Tankwart Tunkel, der auf dem Schlauch gestanden!
Berry Weckerknecht Oh je. Aber meinetwegen, von mir aus.
Geisterhand Aus dem alten Röhrenradio mittlerweile die “Elisabeth- Serenade” ertönte, während Berry sich der gläsernen Schiebetür zugewandt hatte.
Berry Weckerknecht Na denn, nix für ungut. Tankwart Tunkel Das war alles?
Berry Weckerknecht Wie das war alles?
Tankwart Tunkel Oh je! Nicht, dass du schon wieder auf dem Schlauch.
Berry Weckerknecht Ein Wunder, wenn du in Rätseln sprichst?
Tankwart Tunkel Was der Tankwart Tunkel nicht gemacht hat. Sondern lediglich gefragt, ob das alles war. Warum du den Tankwart Tunkel aufgesucht.
Berry Weckerknecht Aber ja natürlich, Tunkel. Schließlich habe ich noch jede Menge andere Dinge zu erledigen.
Tankwart Tunkel Und deswegen bist du in seinenShop gekommen? Um sich nach einem Lied zu fragen?
Berry Weckerknecht Reiner Zufall!
Tankwart Tunkel Seltsam!
Berry Weckerknecht Ja! Nein!
Tankwart Tunkel Was denn nun?
Berry Weckerknecht Wollte lediglich wissen, ob du auch diese neuartigen Kaugummis hast.
Tankwart Tunkel Für Neuartiges immer empfänglich! Schließlich muss ja auch ein Tankwart Tunkel sehen, wo er bleibt!
Berry Weckerknecht Ich fürchte, du hast mich nicht verstanden. Ich meine, ganz bestimmte. Gegenüber von dir ist doch ein Plakat von diesen Kaugummis.
Geisterhand Tunkel nur mit den Achseln zuckelte.
Berry Weckerknecht An der Kirche!
Geisterhand Tunkel herüberspähte.
Tankwart Tunkel Ach, die! Aber natürlich hat der Tankwart Tunkel die! Ganz frische Lieferung!
Berry Weckerknecht Na, denn mal nix für ungut, Tunkel!
Tankwart Tunkel Schließlich muss man auch als Tankwart Tunkel sehen.
Berry Weckerknecht Wo er bleibt, ja, ja!
Tankwart Tunkel Ach, dann willst du welche jetzt.
Berry Weckerknecht Wie?
Tankwart Tunkel Von den neuartigen Kaugummis.
Berry Weckerknecht Ich denke, ich kann mich gerade noch beherrschen.
Geisterhand Doch Tunkel hatte jedoch schon ein Päckchen aus einen seiner Regalfächer gezückt.
Berry Weckerknecht Weißt du, ich mach mir nämlich nichts aus Kaugummis! Ehrlich gesagt!
Geisterhand Tunkel das Päckchen auf die Verkaufstheke schleuderte, gleich neben der Kasse.
Berry Weckerknecht Nanu?
Tankwart Tunkel Kann der Tankwart Tunkel nur empfehlen!
Berry Weckerknecht Die sind anders!
Tankwart Tunkel Und gar nicht teuer!
Berry Weckerknecht Anders als die der Frech hat!
Tankwart Tunkel Was! Den alten Hallodri hast du auch schon wieder getroffen?
Berry Weckerknecht Beim Kalle! Beim Currywurst schlemmen!
Tankwart Tunkel Na klar, wo sonst auch? Also willst du jetzt welche?
Berry Weckerknecht Aber das Päckchen ist ja orange.
Tankwart Tunkel Passt doch zu dir!
Berry Weckerknecht Mit einer Heidelbeere drauf!
Tankwart Tunkel Hat wohl was mit dem Geschmack des Fruchtkaugummis zu tun.
Berry Weckerknecht Ja, aber Tunkel, das ist es doch. Bei denen vom Frech war es haargenau andersrum; da war das Päckchen blau.
Tankwart Tunkel Ach so, du möchtest die mit Orangengeschmack? Hab ich auch.
Geisterhand Der Straßenkehrer war wohl in die Lichtschranke der gläsernen Schiebetür getreten, so dass sie sich nun auftat.
Berry Weckerknecht Passt das blaue Päckchen eigentlich nicht eher zu deinem Outfit?
Tankwart Tunkel Wie darf ein Tankwart Tunkel denn das nun schon wieder verstehen?
Berry Weckerknecht Nix für ungut.
Tankwart Tunkel Ganz schön traurig alles irgendwie.
Berry Weckerknecht Nee, das ist “Mama Loo”.
Tankwart Tunkel Doch nicht etwa von den Les Humphries Singers?
Berry Weckerknecht Na klar! Kenn sogar ich!
Tankwart Tunkel Ah, bevor ich’ s vergesse.
Berry Weckerknecht Also, falls du noch einen deiner Kaugummis in der Hinterhand hast.
Tankwart Tunkel Wieso? Hast du‘ s dir doch anders überlegt?
Berry Weckerknecht Ich glaube, das ist wirklich nix für mich!
Tankwart Tunkel Käme es nicht auf eine Kostprobe an?
Berry Weckerknecht Tschau.
Tankwart Tunkel Nein, warte noch! Bevor ich‘ s vergesse!
Berry Weckerknecht Nix da! Ich bin in Eile!
Tankwart Tunkel Der Eimer vorm Eingang!
Geisterhand Tatsächlich stand vor dem Shop zwischen Kübeln mit Rosen, und anderen Blumen ein dunkelblaues Abfallbehältnis. Nicht dass bei Berry ein Licht aufging, als er das Ding in Visier genommen hatte. Oder vielleicht etwa doch?
Berry Weckerknecht Als ob ich erahne, auf welchen Dampfer du gerade dampfst.
Tankwart Tunkel Wie es den Tankwart Tunkel freut, dass er auch mal verstanden wird.
Berry Weckerknecht Ich glaub, jetzt schlägt‘ s dreizehn! Kann doch nicht dein Ernst sein!
Tankwart Tunkel Und wie!
Berry Weckerknecht Falls es dich interessiert: ich bin ausschließlich für den öffentlichen Abfall zuständig. Und nicht für den privaten.
Tankwart Tunkel Oh, Straßenkehrer! Mein Abfalleimer ist ja auch öffentlich.
Berry Weckerknecht Da lachen ja die Hühner!
Tankwart Tunkel Für meine Kunden schon!
Geisterhand Weckerknecht zog die Augenbrauen hoch, dass es nur so knirschte. Als er den Abfallbehältnis vom Tunkel über die Lade seines Wagens auskippte, purzelte nichts weiter wie Orangenschalen raus.
Berry Weckerknecht Deine Kunden scheinen wohl eine außerordentliche Vorliebe für Orangen zu haben.
Tankwart Tunkel Kann gar nicht sein! Der Tankwart Tunkel nämlich überhaupt keine Früchte verkauft.
Berry Weckerknecht Das überrascht mich jetzt aber. Ich meine, wo du doch sonst immer so gut sortiert sein willst.
Geisterhand Die Ampel, vor der er doch eben schon einmal stand, und die er doch eigentlich längst schon überquert haben wollte, schaltete just in dem Moment auf Rot, als er sein kleines Auto von dem Gelände der Tankstelle gelenkt hatte. Wieder er der Einzige an der Kreuzung war- Pläsir hin, Pläsir her.
Er strich sich über die Augen, wieder Müdigkeit sich bemerkbar machte. Die Sonne stand tief und blendete, und es schien beinahe so, als ob das Plakat vor der Kirche rot geworden. Dabei war es doch vorhin noch orange? Oder nicht, dass die schon wieder ein neues hingehängt hatten. Auch war die heidelbeerblaue Heidelbeere nicht mehr heidelbeerblau, sondern grün. Am Ende gar eine andere Sorte? So etwas wie Waldmeister vielleicht?
Berry kniff die Augen zu, gleich mehrfach, die Ampel hatte auf Rotgelb umgeschaltet. Kaum, dass er die Haltestelle an der neuen Moschee erreicht hatte, schwang er sich aus seinem Wagen. Jetzt sollte es schnell gehen. Nein, keinen Zeitverlust mehr, sondern nur noch die Arbeit zu Ende bringen und dann Feierabend. Als unser Straßenkehrer um seinen Wagen herum war, zuckte er zusammen, denn an dem Abfallbehältnis war schon einer, der ausgiebig darin wühlte.
Anmerkung Ein dürrer Mann, dessen Erscheinung erbärmlich war, schlicht und ergreifend. Ja, den Eindruck, dass der nur aus Haut und Knochen bestand, konnte man sich nicht entziehen; auch einer wie der Weckerknecht nicht. Die Kleidung schmutzig und zerrissen, die grauen Haare zerzaust und mit Laub und Dreck versehen. Vertieft in seinem Tun, zückte er ein kleines, violettes Blechkästchen hervor, welches mit Beulen versehen war; die Lackierung hingegen mit Rost versetzt
Geisterhand Das alte Firmengebäude, wo das neue Islamische Zentrum Einzug gehalten hatte, befand sich aufgrund eines Hofs, welcher davor, etwas in Rücklage. Und über den Hof kam geradewegs ein Mann auf die Beiden an der Haltestelle zu. Dieser war jedoch niemand Geringerer wie Hasan Ibrahim Rahman, seines Zeichens der neue Imam der neuen Moschee.
Im mittleren Alter war er vielleicht ein paar Ideen zu klein gewachsen. Bekleidet war er mit einem schlichten grauen Anzug und einem karierten Hemd.
Und als er die Haltestelle, wo der Dürre und wo der Straßenkehrer verweilten, erreichte!
Geisterhand Halt!
Anmerkung Was ist denn jetzt schon wieder?
Geisterhand Zu dem, was sich an der Haltestelle zwischen den nun Dreien abgespielt hatte, kommen wir später zurück.
Anmerkung Nanu?
Geisterhand We have a Break, mein Lieber.
Anmerkung Wieso das denn jetzt?
Geisterhand Weil wir jetzt zunächst auf das eingehen sollten, was sich hinter den Mauern der neuen Moschee abgespielt hatte.
Anmerkung Was für ein Pläsir, nicht wahr?
Geisterhand Woher weißt du das?
A6: Im Islamischen Zentrum
Geisterhand Natürlich hätte es einen faustdicken Grund, warum Hasan Ibrahim Rahman, der neue Imam, die neue Moschee verließ: er war auf dem Weg zum Antiquitätenladen. Natürlich wollen wir auch, wie es überhaupt bis dahin gekommen war, nun schildern.
Erwähnt worden ist ja bereits, dass gerade das erste Freitagsgebet im neuen Domizil stattgefunden hatte.
Und eigentlich ist alles zur Zufriedenheit verlaufen, gerade aus der Sicht des neuen Imams. Erwähnt sollte in jenem Zusammenhang vielleicht noch einmal werden, dass alles noch sehr improvisatorisch war.
So hatte man kurzerhand die ehemalige Lagerhalle des ehemaligen Firmengebäudes zur neuen Moschee umfunktioniert.
Zwar wurde in den Wochen zuvor Wände und Decken gestrichen, auch ein frischer Boden verlegt; doch wirkte die Ausschmückung gerade an den geweißelten Wänden noch äußerst spärlich; um nicht zu sagen, spartanisch.
Wenigstens konnte man vor jenem Freitag noch eine Minbar herbeischaffen. Etwas, was sich bezüglich der ersten Veranstaltung jedoch auf jeden Fall gelohnt hatte, denn war die Moschee recht gut gefüllt. Hauptsächlich von Türken, welche vor allem die verwinkelten, engen Gassen bewohnten und einen nicht unwesentlichen Anteil unserer Vorstadt ausmachten. Nicht zuletzt für sie das neue Islamische Zentrum errichtet worden, was für sie erhebliche Erleichterungen bedeuteten. Denn waren sie bis hierher darauf angewiesen, eine Moschee aufzusuchen, die in einem anderen Stadtteil lag und mehrere Kilometer entfernt war, war dies alles nun quasi vor der eigenen Haustür.
Mit Hasan Ibrahim Rahman wurde dann auch der Imam für die neue Einrichtung einberufen. Will damit gesagt worden sein, erst wenige Wochen zuvor ist er mit seiner Familie in unsere Vorstadt eingezogen. Eine kurze Zeitspanne, die jedoch ausgereicht hatte, um einiges zu erleben; beziehungsweise mitzumachen.
Ursache hierfür sein Sohn Mustafa, welcher gerade mal fünf. Auf der anderen Seite sehr lebhaft, vielleicht manchmal etwas zu lebhaft. So hatte es den Kleinen bei einer Toberei einmal bis in einen von unserer Vorstadt nahegelegenen Wald verschlagen, wo er an einem Abhang, unter dem sich die reißende Stelle eines kleinen Flusses befand, geraten war. Zufälligerweise konnte durch die Aufmerksamkeit des Waisenmädchens Clairie noch rechtzeitig Hilfe geholt werden, so dass der Junge vor dem Allerschlimmsten bewahrt werden konnte- am Ende etwas unterkühlt, sonst nichts.
Doch nicht lange jedoch sollte es dauern, bis dem Jungen ein weiteres Unglück widerfuhr. Diesmal im Verkehrsgarten, welcher sich im Übrigen im Hinterhof des Polizeipostens von Olias Frech befand. Dort löste sich eine simulierte Tanksäule an einer simulierten Tankstelle aus ihrer Verankerung und stürzte auf Mustafa. Und wie es der Zufall so wollte, war auch in diesem Falle das Waisenmädchen Clairie in unmittelbarer Nähe, so dass auch diesmal zügig Hilfe geholt werden konnte. Und bei alldem hatte sich Mustafa bis auf ein paar blaue Flecke nichts weiter zugezogen.
Die Dankbarkeit von Hasan Ibrahim Rahman jedoch keine Grenzen kannte. Dies ging sogar soweit, dass er sich bereit erklärte, das Waisenmädchen, welches im Übrigen zehn Jahre, zu adoptieren. Zumindest gab es hierfür schon Mal Vorgespräche, sowohl mit Oberschwester Theresa, welche ihres Zeichens die Leiterin des Waisenhauses war, wie auch mit Großbürgermeister Klein, dessen Vorstadt- Rathaus im Übrigen gleich um die Ecke neben der Kirche; beziehungsweise von der Moschee nur ein paar Steinwürfe entfernt.
Mit der Billionärs- Ur- Enkelin Tissie Andere hatte Hasan Ibrahim Rahman auch noch ein weiteres Mädel kennen und schätzen gelernt. Eine der ersten Begegnungen im Übrigen vor Tunkels Tankshop stattgefunden hatte. Tissie wohnte allerdings nicht in unserer Vorstadt, sondern fernab in einem Schloss.
Habe dies deswegen alles erwähnt, weil die Begegnungen zwischen dem Imam und Tissie für unsere Schilderungen auch noch von Bedeutung sein wird.
Zunächst jedoch zurück zum ersten Freitagsgebet in der neuen Moschee: natürlich dankte Hasan Ibrahim Rahman hierbei Allah, dem Allmächtigen, für seine Großzügigkeit, mit welchem er ihnen jene Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hätte.
Weiterhin ging er auf die unmittelbare Nachbarschaft zwischen dem Islamischen Zentrum und der Vorstadtkirche ein. Denn war es am Ende nicht lediglich ein Zaun? Welcher das Gelände vor ihrem Gebäude von dem Garten, der die Kirche umzingelte, trennte?
Der Imam sprach weiterhin von einer öffentlichen Eröffnungsfeier ihres neuen Hauses, die mit einem Tag der offenen Tür begleitet werden sollte, so dass sich breite Bevölkerungsschichten unseres Viertels, also auch Nicht- Muslime, sich ein Bild von dem neuen Zentrum machen könnten. Was vielleicht auch dazu beitragen könnte, gegen eventuell aufgekeimte Vorurteile und oder Vorbehalte sowohl gegenüber dem Islam wie auch gegen ihre neue Einrichtung wirksam entgegenzutreten.
Auch erwähnte Hasan Ibrahim Rahman, dass es bereits mehrfach zu Begegnungen zwischen Pfarrer Kühnert und ihm gekommen wäre. Wobei der Pfarrer ihm von einem Kirchhoffest unterrichtet hätte, welches zufälligerweise für denselben Tag geplant wäre, an welchem sie ihre Eröffnungsfeier angesetzt hätten.
Daraufhin hätten sich der Pfarrer und er verständigt, den Zaun für diesen Tag abzubauen: beziehungsweise einzureißen, was zeitgleich ein Symbol für eine durchlässig Ökumene wäre.
Und dann erwähnte er auch noch, dass auf dem Kirchhof eine Erzählung stattfinden sollte, vorgetragen von einem gewissen Helm Hops. Wer das sein sollte, könnte er, der Imam zwar auch nicht sagen, doch würde ihm von Pfarrer Kühnert zugesichert, dass es sich um einen Bewohner aus dem nahegelegenen Wald handelte.
Insgesamt war Hasan mit dem Verlauf der ersten Veranstaltung zufrieden; mehr wie das. Seine Stimmung sollte jedoch etwas getrübt werden, als er den Gemeinschaftsraum, welcher gut gefüllt, betreten hatte. Trotz des Gedränges dort gelang es ihm, sich bis zum Kaffeeautomaten vorzuschieben. Welcher im Übrigen einer von Pfarrer Kühnert, und welcher seit Jahren in einem Schuppen stand, da man sich für den Gemeinschaftsraum des Pfarramts einen moderneren angeschafft hatte.
Anmerkung Am Automaten ein auch nicht gerade gänzlich Unbekannter, und einer der wenigen Türken hier, die nicht in unserer Vorstadt wohnten. Nein, sondern am Rand des nun auch schon mehrfach erwähnten Waldes, wo er einen Dönerladen betrieb. Keine Frage, dass es sich hierbei um Ali handelte. Äußerlich unterscheidet sich der vierzehnfache Vater kaum von seinen Landsleuten, welche überall im Raume verteilt. So trug der etwas Kleingewachsene, der darüber hinaus über einen kräftigen, schwarzen Schnauzer verfügte, ebenfalls ein schlichtes Sakko.
Ali Ich weiß natürlich nicht, ob es Ihnen schon aufgefallen ist?
Geisterhand Der Imam zuckelte mit den Achseln, frei nach dem Motto “keine Ahnung, was der jetzt gerade wohl meinte“.
Ali Die Becher.
Geisterhand Erneutes Zuckeln des Imams, während er einen Becher aus dem Automaten hervorzückte.
Ali Knallbunt.
Geisterhand Der Imam schaute sich um. Tatsächlich hatten die Kaffeebecher, die die Leute in den Händen hielten, unterschiedlichste Farben: so gab es weiße wie schwarze, orangene wie blaue, gelbe, violette und rote; der von Hasan hingegen grün.
Hasan Ibrahim Rahman Na und.
Ali Passt doch nicht so recht zu uns. So Knallbuntes.
Geisterhand Daraufhin Ali ein weiteres Zuckeln vom Imam anheim wurde, doch, doch, ganz sicher dem so war.
Geisterhand Mithin machte ihm beim Umschauen durch die Reihen etwas anderes zu schaffen; nämlich dass der Raum überhaupt noch nicht über Tische und Stühle verfügte; so dass die Leute notgedrungen stehen mussten, wohl oder übel!
Unterm Strich betrachtet ein Indiz, wie sehr hier noch vieles improvisorisch war. Auf der anderen Seite kam dem Imam eine der Begegnungen mit Pfarrer Kühnert in den Sinn. Hierbei erwähnte der Pfarrer unter anderem auch mal den Antiquitätenladen vom alten Abraham, und dass man bei dem nahezu alles bekäme, auch Möbelstücke.
Wenig später machte Hasan Ibrahim sich auf dem Weg. Kaum, dass er das Gebäude verlassen, fiel ihm an der Haltestelle der Dürre und der Straßenkehrer auf.
A7: An der Haltestelle
Geisterhand Der Dürre, der das violette Kästchen aus dem Abfallbehältnis zum Vorschein gebracht hatte, starrte in die Luft.
Dürrer Nanu! Da ist doch wer?
Geisterhand Natürlich war da einer, was war mit dem denn los? Oder konnte der etwa nicht?
Dürrer Ich kann zwar nicht mehr sehen.
Geisterhand Der Dürre mit krächzender, gebrochener Stimme sprach. Jetzt erst fiel Weckerknecht ein langer Stab, der an dem Zaun des Kirchgartens gelehnt war, ins Auge. Und auch die Starrheit seines Blicks.
Blinder Aber da ist doch wer.
Berry Weckerknecht Ähem!
Geisterhand Hatte sich unser Straßenkehrer zu räuspern? Frei nach dem Motto: “was war denn nun wirklich alles ein Pläsir? Und was nicht?”.
Berry Weckerknecht Hoch wer kommt von draußen rein?
Blinder Nicht, dass Sie mich am Ende verhöhnen wollen. Oder etwa doch?
Berry Weckerknecht Kann ja nur der Straßenkehrer sein.
Blinder Und was wollen Sie hier?
Berry Weckerknecht Ein Verrichten meiner Tätigkeit ich es nennen würde. Wenn man mich nur einfach mal lassen würde.
Geisterhand Nicht, dass der Dürre darauf verschnupft reagierte- oder etwa doch?
Blinder Wollen Sie etwa andeuten?
Berry Weckerknecht Tja, an die Behälter müsste ich natürlich schon rankommen.
Blinder Bitte, bitte! An mir es nicht unbedingt scheitern soll.
Geisterhand In der Tat wich der Dürre ein, zwei Schritte von dem Abfallbehältnis zurück.
Berry Weckerknecht Na bitte, geht doch!Blinder Außerdem gibt der Behälter sowieso nichts her.
Geisterhand Außer.
Blinder Außer das Ding hier.
Geisterhand Bei welchem er das violette Kästchen hochhielt.
Berry Weckerknecht Na ja. Bei allem Respekt! Aber das muss ja nun wirklich nicht sein!
Blinder Sie haben vielleicht ‘ne Ahnung. Wenn einem der Magen bis zur Kniekehle hängt.
Geisterhand Doch schon hatte Berry dem Dürren das Kästchen, welches er mit einem Arm an den Bauch gedrückt, entrissen und es kurzerhand auf seinen Wagen geschleudert.
Blinder Hey, was soll das!
Berry Weckerknecht Da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten für Sie.
Blinder Wozu? Mir hätte das Kästchen vollauf genügt.
Geisterhand Just in diesem Moment sich den Beiden Hasan Ibrahim Rahman genähert hatte.
Dürrer Da ist doch noch jemand?
Berry Weckerknecht Äh, ja! Der neue Imam!
Hasan Ibrahim Rahman Was ist denn hier los?
Berry Weckerknecht Nichts weiter. Nur, dass der Fremdling hier Hunger hat.
Dürrer Kein Wunder, wenn man mir das Ding entrissen hat! Welches ich gerade gefunden!
Geisterhand Nicht, dass Hasan nun nachdenklich wirkte. Oder vielleicht doch?
Hasan Ibrahim Rahman Natürlich könnten Sie bei uns eine warme Mahlzeit einnehmen. In naher Zukunft wird es wohl auch möglich sein, dass sich auch bei uns gerade Leute wie Sie stärken können. Nur im Moment leider noch nicht.
Dürrer Das nützt mir ja wohl was.
Hasan Ibrahim Rahman Tut mir ja auch schrecklich leid. Aber bei uns ist momentan noch vieles im Aufbau begriffen.
Berry Weckerknecht Und warum versuchen Sie es nicht einfach im Pfarramt nebenan? Die haben für Leute wie Sie ganz bestimmt noch immer eine Suppe übrig.
Hasan Ibrahim Rahman Keine schlechte Idee. Oder im Rathaus. Bei Großbürgermeister Klein.
Berry Weckerknecht Was wiederum ich nicht empfehlen würde.
Hasan Ibrahim Rahman Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?
Berry Weckerknecht Der befindet sich nämlich im Wahlkampf.
Hasan Ibrahim Rahman Aber im Wahlkampf sind Politiker doch meist besonders in Geberlaune- oder etwa nicht?
Geisterhand Hatte Berry sich am Kopf zu kratzen?
Berry Weckerknecht Na, wenn Sie meinen?
Hasan Ibrahim Rahman Hand aufs Herz! Oder haben Sie die schon mal anders erlebt?
Berry Weckerknecht Ach, wenn Sie wüssten.
Geisterhand Beide, der Straßenkehrer und der Imam, schauten sich um, doch der Dürre war verschwunden; gleichsam wie ein vom Erdboden Verschluckter. Daraufhin hastete Berry bis zur Kreuzung, und schaute um die Ecke, wo sich Pfarrhaus und das Rathaus unserer Vorstadt befanden. Doch von dem Dürren nichts mehr zu sehen, weit und breit nicht.
Zurückgetrabt hatte der Imam inzwischen die Straßenseite gewechselt hatte, wo Leonid Zimmermann gerade seinem Taxi entstiegen.
Hasan Ibrahim Rahman Hallo, könnten Sie mich für ein kleines Stückchen mitnehmen?
Anmerkung Leonid, ein sogenannter Russlanddeutscher, war ein großer schlaksiger Typ in bestem Mannesalter. Eines der Hauptmerkmale des dreifachen Familienvaters sein schwarz-weiß kariertes Jackett, welches schon ein klein wenig an die Rock ‚n‘ Roll- Ära der 1950er Jahre erinnerte.
Hasan Ibrahim Rahman Hey, was mit Ihnen ist?
Geisterhand Zimmermann reckte und streckte sich, dass es gerade nur so ein Pläsir ist.
Hasan Ibrahim Rahman Ob Sie mich ein Stückchen mitnehmen könnten.
Leonid Zimmermann Nein.
Hasan Ibrahim Rahman Nein?
Leonid Zimmermann Habe ich doch gerade gesagt!
Hasan Ibrahim Rahman Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?
Leonid Zimmermann Ich mache Feierabend!
Hasan Ibrahim Rahman Aber wo es doch wirklich nur ein kleines Stückchen ist.
Leonid Zimmermann Nein, tut mir leid. Nichts mehr zu machen.
Hasan Ibrahim Rahman Nur bis zum Antiquitätenladen.
Geisterhand Leonid Zimmermann entfernte sich ein, zwei Schritte von seinem Wagen.
Hasan Ibrahim Rahman Jetzt geben Sie sich doch nochmal einen kleinen Ruck! Soll auch nicht zu Ihrem Schaden sein. Ganz im Gegenteil, Sie kriegen auch ein extra großes Trinkgeld. Na, was sagen Sie jetzt?
Leonid Zimmermann Beim nächsten Mal vielleicht.
Geisterhand Daraufhin der Taxifahrer sich endgültig entfernte. Während der Imam die Achseln zuckelte.
Hasan Ibrahim Rahman Na, dann eben nicht!
Berry Weckerknecht Auf, kommen Sie!
Hasan Ibrahim Rahman Wie?
Berry Weckerknecht Ich fahre Sie.
Hasan Ibrahim Rahman Bei allem Respekt, ihr Gefährt erscheint mir etwas eng.
Berry Weckerknecht Dafür ist es bist zum Abraham nicht allzu weit.
Geisterhand Nichtsdestotrotz zwängten sich beide in das orangefarbene Elektroauto. An der Kreuzung konnten sie im Übrigen beobachten, wie Leonid Zimmermann gerade in die Kneipe verschwand.
Die weitere, zugegebenermaßen ziemliche kurze Fahrt verlief ohne weitere Verkommnisse. Hinter der Absperrung von Gunnar Günsch offenem Gully, welcher bekanntermaßen inzwischen verwaist, wendete Berry, so dass er letztlich vor Kalles Imbiss halten konnte.
Berry Weckerknecht Voila!
Hasan Ibrahim Rahman Danke schön.
Berry Weckerknecht Kein Thema.
Hasan Ibrahim Rahman Auch wenn die Fahrt etwas unbequem.
Berry Weckerknecht Kein Thema.
Geisterhand Und kaum, dass sich die beiden aus dem niedrigen Auto gezwängt haben.
Kalle Mitzwitz Ah, da kommen doch noch zwei.
Geisterhand Denn eigentlich.
Kalle Mitzwitz Denn eigentlich wollte ich jetzt Feierabend machen.
Geisterhand Nochmal ein Denn?
Kalle Mitzwitz Denn es tut sich nicht mehr viel.
Geisterhand Doch.
Kalle Mitzwitz Doch für euch mach ich eine Ausnahme: also, was darf` s sein?
Hasan Ibrahim Rahman Also für mich nichts. Habe nämlich noch was zu erledigen.
Kalle Mitzwitz Schade. Na, denn vielleicht beim nächsten Mal.
Hasan Ibrahim Rahman Ja, vielleicht.
Geisterhand Um sich dann an Berry Weckerknecht zu wenden.
Kalle Mitzwitz Und für dich?
Geisterhand Berry sah dem Imam nach, der in dem Antiquitätenladen verschwand.
Berry Weckerknecht Für mich das Gleiche.
Kalle Mitzwitz Hä? Wie darf ich das denn verstehen?
Berry Weckerknecht Ganz einfach: dass ich auch noch was zu erledigen habe.
Geisterhand Schließlich hatte er immer noch das Entladen seines Wagens auf der Erddeponie vor sich. Seine Augen hatten sich auf die Lade seines Autos verloren, irgendwie; frei nach dem Motto: “als ob da was wäre”.
Kalle Mitzwitz Ich hab noch ‘ne Bratwurst auf ’m Rost. Muss sowieso weg.
Berry Weckerknecht Nanu!
Kalle Mitzwitz Zum halben Preis. Dazu ‘ne Cola. Na, was sagst du?
Berry Weckerknecht Vielleicht beim nächsten Mal.
Kalle Mitzwitz Sage mal! Was ist denn heute eigentlich mit euch allen los?
Berry Weckerknecht Nein, Danke.
Kalle Mitzwitz Bis zum nächsten Mal ist die Bratwurst vielleicht schon verdorben.
Geisterhand Nichtsdestotrotz entfernte sich Berry von seinem Wagen und von Kalles Imbiss. Zuvor hatte er noch das violette Kästchen von der Lade genommen. Gleich neben Abrahams Laden, wo er an den Schulhof grenzte, befand sich am Zaun eine Tür, die allerdings wohl noch nie verschlossen gewesen war. Logischerweise war der Schulhof zur vorgerückten Spätnachmittagsstunde menschenleer- nein, keine Kinder, kein Lehrer, kein nichts. In der Mitte des Hofes stand ein prachtvoller Lindenbaum, unter welcher sich eine rotlackierte Bank befand.
Trotz allem Rosts, was es angesetzt hatte, ließ sich das verbeulte, violette Kästchen leichter öffnen wie vielleicht gedacht. Doch dann wurde der Straßenkehrer geblendet.
Berry Weckerknecht Oh!
Geisterhand Beziehungsweise.
Berry Weckerknecht Das gibt es doch gar nicht!
Geisterhand Denn das verbeulte Kästchen war bis zum Rand mit Goldmünzen gefüllt.
Berry Weckerknecht Ach, du meine Güte!
Geisterhand So, verehrte Besucherin!
Anmerkung Beziehungsweise Besucher!
Geisterhand Woher weißt du das?
Anmerkung We have a Break again! Nicht wahr?
Geisterhand Woher weißt du das jetzt?
Anmerkung Weil wir jetzt wohl erstmal in den Antiquitätenladen schauen. So wie ich dich kenne.
Geisterhand Manches ist halt doch einfach nur ein Pläsir!
Anmerkung Na ja!
A8: Im Antiquitätenladen
Geisterhand Abrahams Laden eilte der Ruf voraus, dass man bei ihm alles kriegen konnte, wenn man es nur haben wollte. Na ja, sagen wir mal, fast alles. Auf jeden Fall war der Laden eigentlich viel zu klein für all das, was in ihm war. Gleich ob Regale, Vitrinen, Tische oder einfach nur Kisten auf dem Boden, alles hoffnungslos vollgestopft.
Um all das aufzuzählen, was man tatsächlich bei ihm erhaschen konnte, müssten wir höchstwahrscheinlich ein eigenes Kapitel aufschlagen, und selbst dies würde nicht ausreichen. Daher hier nur das Wichtigste in aller Kürze: neben verschiedene Möbeln, zumeist nostalgisch, weshalb Hasan Ibrahim Rahman den Laden eigentlich ja auch aufgesucht hatte, führten sie Lampen und Teppiche, Kleidung und Hüte, Bücher und Schallplatten, Skulpturen und Gemälde, Instrumente und Uhren, Werkzeuge und Spielwaren und vieles, vieles andere mehr; wirklich viel zu viel, um alles aufzuzählen.
Da selbst die Gänge zwischen all den Regalen und Plundertischen vollgestopft waren, schaffte man es in der Regel nicht ganz unfallfrei bis zu der Verkaufstheke des Ladens, auf welcher eine uralte Registrierkasse, die Abraham irgendwo aus den 1920er Jahren ergattert hatte, rankte.
Somit war es also weniger ein Wunder, als auch Hasan Ibrahim Rahman mit dem Schuh an ein großes, quaderförmiges Paket stieß; in seinem Falle sogar gleich nach dem ersten Schritt, als er in den Laden eingetreten war; und durchaus alles andere wie ein Pläsir, durchaus, durchaus.
Doch bis auf ein Beißen auf die Unterlippe verzog er keine Miene. Dafür war der Herr des Hauses, also Abraham, noch immer außer Haus. Will gesagt worden sein, seine Frau war es, die hinter der Theke mit der uralten Registrierkasse stand.
Abrahams Frau Guten Tag! Womit kann ich Ihnen dienen?
Hasan Ibrahim Rahman Nur ein wenig umschauen.
Abrahams Frau Natürlich, selbstverständlich. Sich nur keinen Zwang antun.
Geisterhand Die hatte ja gut reden, dachte er so vor sich hin. Das Stolpern durch den Laden erwies sich als schwierig und mühselig. Dennoch gelang es ihm, bis zur Verkaufstheke vorzudringen. Zum Glück verfügte der Laden tatsächlich über genügend Möbel, die, wie alles andere hier, von längst vergangenen Zeiten kündeten. Zufälligerweise stand neben der Theke ein großer, quadratförmiger Tisch mit einer Glasplatte, den er sofort in Visier nahm.
Hasan Ibrahim Rahman An jeder Seite zwei. Das könnte gehen.
Abrahams Frau Was?
Geisterhand Rahman deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch.
Hasan Ibrahim Rahman An jeder Seite des Tisches zwei. Ich meinte, zwei Stühle.
Abrahams Frau Sie erwarten doch nicht, dass ich darauf etwas sage. Höchstens.
Geisterhand Denn an jeder Seite des Tisches mit der Glasplatte standen jeweils zwei Holzstühle- schlichte, einfache Stühle.
Abrahams Frau Höchsten gut beobachtet. Mehr fällt mir dazu nicht ein.
Hasan Ibrahim Rahman Haben Sie noch mehr davon?
Abrahams Frau Sie meinen noch mehr solche Tische?
Hasan Ibrahim Rahman Solche Tische und solche Stühle.
Abrahams Frau Jede Menge. Die anderen führen wir in unserem Lager. Etwas außerhalb.
Geisterhand Hasan strich einen Finger unter die Nase.
Hasan Ibrahim Rahman Schade nur.
Abrahams Frau Überhaupt nicht schade. Sie brauchen bloß sagen, wie viel sie benötigen.
Hasan Ibrahim Rahman Das ist es ja. Jede Menge. Doch die unterschiedlichen Farben der Stühle.
Geisterhand Die acht Stühle, die an dem gläsernen Tisch standen, waren in der Tat unterschiedlich lackiert; so dass ein schwarzer neben einen weißen, ein grüner neben einen roten, ein gelber neben einen violetten und ein blauer neben einen orangefarben stand.
Hasan Ibrahim Rahman Wenn Sie wenigstens von einen der Farben mehrere hätten.
Abrahams Frau Haben wir doch. Im Lager. Von jeder Farbe acht Stück.
Hasan Ibrahim Rahman Ja?
Abrahams Frau Wenn ich‘ s doch sage.
Hasan Ibrahim Rahman Dann könnte es gehen. Und von dem Glastisch auch?
Abrahams Frau Selbstverständlich. Hier sehen Sie von jedem immer nur einen.
Geisterhand Noch einmal ein Strich unterhalb der Nase?
Hasan Ibrahim Rahman Hm?
Abrahams Frau Aus Platzgründen.
Hasan Ibrahim Rahman Kann man bei Ihnen auch reservieren. Müsste es nämlich zuerst mit unseren Leuten besprechen.
Abrahams Frau Selbstverständlich.
Hasan Ibrahim Rahman Und für wie lange?
Abrahams Frau In der Regel für acht Tage. Wissen Sie, irgendwann müssen wir ja auch wieder Platz schaffen. Schließlich bekommen wir immer wieder neue alte Sachen.
Hasan Ibrahim Rahman Ja, natürlich.
Abrahams Frau Sonst würden wir irgendwann aus allen Nähten platzen.
Hasan Ibrahim Rahman Bis morgen würde allerdings schon reichen.
Geisterhand Hasan machte einen Schritt, um sich einen Weg zurück aus dem Laden zu bahnen.
Abrahams Frau Wenn Sie nur Ihren Namen hinterlassen würden.
Geisterhand Sofort blieb er stehen, ein weiterer Schritt wäre auch sinnlos gewesen. Sonst wäre er wieder an einer der unzähligen Bücherkisten gestoßen.
Abrahams Frau Geht nur darum, für wen wir reservieren dürfen.
Hasan Ibrahim Rahman Für das neue Islamische Zentrum. Wenn Ihnen dies als Angabe genügt.
Abrahams Frau Selbstverständlich. Und wenn Sie noch weitere Fragen haben, können Sie sich jederzeit an uns wenden.
Hasan Ibrahim Rahman Gut. Doch momentan wäre dies alles. Also bis morgen.
Abrahams Frau Wie gesagt, es eilt nicht. Acht Tage.
Geisterhand Nicht, dass ihm am Ende doch noch eine Frage eingefallen war- oder vielleicht etwa doch?
Hasan Ibrahim Rahman Wie ist es eigentlich mit der Lieferung?
Abrahams Frau Bei Selbstabholung gewähren wir einen Rabatt.
Hasan Ibrahim Rahman Also nicht.
Abrahams Frau Nein, dass was Sie mutmaßlich meinen, nicht. Wir wüssten ja auch gar nicht, wie wir
dies bewerkstelligen sollten. Ich bin den ganzen Tag hier im Laden und mein Mann im Lager. Und sonst hätten wir hierfür niemanden.
Hasan Ibrahim Rahman Hm, dann weiß ich allerdings nicht.
Abrahams Frau Nicht, dass Sie die Reservierung schon wieder stornieren wollen.
Hasan Ibrahim Rahman Nein, das nicht. Ich denke, unter unseren Leuten wird sich schon jemand finden.
Abrahams Frau Also, wenn es am Transport scheitern sollte, hätte ich vielleicht sogar ‘nen Tipp für Sie.
Hasan Ibrahim Rahman Ja?
Abrahams Frau Alonso Gonzalez.
Hasan Ibrahim Rahman Kenn ich nicht. Wissen Sie, ich bin noch relativ neu hier.
Abrahams Frau Na, Alonso Gonzalez. Hat ‘ne kleine Spedition bei uns. Ein paar Steinwürfe von hier entfernt.
Hasan Ibrahim Rahman Ich weiß nicht, ob wir uns augenblicklich auch noch eine Spedition leisten können.
Abrahams Frau Ich werde mit ihm mal reden.
Hasan Ibrahim Rahman Ach, Sie meinen, da ließe sich was machen?
Abrahams Frau Dafür kenn ich den schon viel zu lang.
Hasan Ibrahim Rahman Wäre natürlich nicht schlecht.
Geisterhand Behutsam achtete er darauf, über die Bücherkiste zu kommen. Was auch gelang, dafür streifte er mit einer Hand den Tonarm eines alten Stereo- Plattenspielers, so dass er auf den auf ihr bereits gelegenen Platte flutschte.
Hasan Ibrahim Rahman Entschuldigung.
Geisterhand Abrahams Frau schmunzelte.
Abrahams Frau Das macht doch nichts.
Geisterhand Nach den ersten Gitarrenriffen erklang die Stimme von Paul McCartney.
Abrahams Frau Kennen Sie den Titel?
Geisterhand Hasan Ibrahim Rahman zuckte mit den Achseln.
Abrahams Frau Das ist “Mull Of Kintyre”. Also, wenn es Ihnen gefällt?
Geisterhand Achseln zucken erneut.
Abrahams Frau Ein Schnäppchen.
Hasan Ibrahim Rahman Der Plattenspieler? Oder die Platte?
Abrahams Frau Wenn Sie wollen, beides.
Geisterhand Irgendwie gelang es ihm dann doch, die Ladentür zu erreichen. Beim Öffnen der Türe stieß er auf haargenau dasselbe quaderförmige Paket wie beim Eintreten.
Abrahams Frau Wenn Sie auch nur erahnen würden, was darin.
Hasan Ibrahim Rahman Wie denn, wenn es verpackt ist?
Abrahams Frau Ein Puppenhaus.
Hasan Ibrahim Rahman Ein Puppenhaus?
Abrahams Frau Das Allerneueste!
Hasan Ibrahim Rahman Und ich dachte, ihr verkauft altes Zeugs.
Abrahams Frau Selbstverständlich.
Hasan Ibrahim Rahman Hm! Tissie!
Abrahams Frau Wie bitte?
Geisterhand War Hasan ins Nachdenken geraten?
Hasan Ibrahim Rahman Tissie Andere. Ich meine, das Puppenhaus.
Abrahams Frau Sie wissen aber schon, von wem sie sprechen?
Hasan Ibrahim Rahman Ja. Habe sie vor Kurzem kennengelernt, ein wirklich sehr nettes Mädchen.
Abrahams Frau Okay! Sie wissen dann aber auch schon, dass es sich bei Tissie Andere um die waschechte Ur- Enkelin eines waschechten Billonärs handelt?
Hasan Ibrahim Rahman Ich weiß nur, dass sie gerade zu meinem Sohn immer sehr nett gewesen. Und gerade drum, das Puppenhaus. Ich möchte es ihr schenken.
Abrahams Frau Okay, wenn Sie es unbedingt wollen.
Hasan Ibrahim Rahman Ja, das will ich.
Abrahams Frau An mir soll es nicht scheitern. Sich einfach nur bedienen.
Hasan Ibrahim Rahman Allerdings zu Ihnen vor stolpere ich nicht mehr.
Abrahams Frau Ist in Ordnung. Legen Sie’ s einfach auf einen der vorderen Tische.
Geisterhand Hasan zückte einen Geldschein hervor, und hielt ihn hoch.
Hasan Ibrahim Rahman Genügt das?
Abrahams Frau Oh ja. Eher zu viel.
Hasan Ibrahim Rahman Der Rest für Ihre Kaffeekasse.
Abrahams Frau Ist doch nicht nötig.
Hasan Ibrahim Rahman Apropos Kaffee- führen Sie eigentlich auch Kaffeebecher?
Abrahams Frau Was?
Hasan Ibrahim Rahman Ach, nichts.
A9: Während der Abenddämmerung
Anmerkung Dass das Waisenmädchen Clairie gleich zweimal zugegen war, als Hasans kleiner Sohn Mustafa sich in Gefahr gebracht hatte, davon wir bereits ebenfalls schon berichtet haben.
Geisterhand Wir?
Anmerkung Ähem!
Geisterhand Ach, weißt du, schließlich bleibt Pläsir Pläsir!
Anmerkung Und auch von Clairies Verhalten, welches nicht unwesentlich dazu beitrug, dass der Kleine unbeschadet davonkam. Zudem war in beiden Fällen die Billonärs- Ur- Enkelin Tissie Andere zugegen gewesen. Und direkt beteiligt.
Geisterhand Welche Hasan Ibrahim Rahman gleichsam ins Herz geschlossen hatte wie Clairie.
Anmerkung So dass es nicht von ungefähr kam, dass er Tissie das Puppenhaus, an welches er vor der Tür des Antiquitätenladens getreten hatte, zugestehen wollte.
Geisterhand Das Paket, in welches das Puppenhaus gesteckt, hatte mehr Gewicht wie erwartet. Wenigstens verfügte es über Schnüre, an welchen man es fassen konnte. Als er aus dem Antiquitätenladen trat, hatte die Abenddämmerung bereits angesetzt.
Der Verschlag an Kalles Imbiss war zugeklappt, er selber verschwunden. Hasan Ibrahim Rahman wollte jetzt einfach nur noch heim; der Tag doch recht lang. Zusätzlich versprach auch sein Programm für den nächsten Tag durchaus sportlich zu werden. Vor allem etliche Gespräche standen bevor: mit seinen Leuten über die Anschaffung der Glastische und der bunten Stühle, mit dem Großbürgermeister über die Adoption des Waisenmädchens Clairie, mit Pfarrer Kühnert über die Koordination ihrer Feierlichkeiten, welche ja bekanntermaßen zeitgleich stattfinden sollten.
Insofern wollte er keine weitere Zeit verlieren; allein er kam nicht weit. Ursache hierfür Berry Weckerknecht, der von hinten angebraust kam. Nicht viel hätte gefehlt, dass er den Imam auch noch umgerannt hätte, schlicht und ergreifend.
Hasan Ibrahim Rahman Hoppla!
Berry Weckerknecht Entschuldigung!
Hasan Ibrahim Rahman Nur nicht zu stürmisch!
Geisterhand Berry hatte sich an sein Auto geworfen, wo er eine Tür öffnete, und das violette Kästchen auf den Beifahrersitz legte.
Berry Weckerknecht Bin in Eile!
Hasan Ibrahim Rahman Das merkt man. Aber sagen Sie mal!
Geisterhand Dabei zeigte Hasan auf das violette Kästchen.
Berry Weckerknecht Eine Katastrophe!
Hasan Ibrahim Rahman Hatten Sie das nicht vorhin dem Bettler abgenommen?
Berry Weckerknecht Das ist es ja!
Geisterhand Berry atmete tief und schwer.
Berry Weckerknecht Ich hab doch angenommen, dass das Kästchen nichts wert ist. So verbeult wie es ist.
Hasan Ibrahim Rahman So? Und nun haben Sie herausgefunden, dass dem doch nicht so ist?
Berry Weckerknecht Ja, das ist es doch. Und dafür schicken wir ihn in die Suppenküche.
Geisterhand Nun öffnete der Straßenkehrer das Kästchen, so dass Hasan Ibrahim Rahman ein Einblick gewährt werden konnte.
Hasan Ibrahim Rahman Oha!
Berry Weckerknecht Da staunen Sie, was?
Hasan Ibrahim Rahman Gold! Berry Weckerknecht Noch und nöcher. Bis zum Rand gefüllt.
Hasan Ibrahim Rahman Ist allerdings allerhand.
Berry Weckerknecht Ja, aber verstehen Sie denn nicht?
Hasan Ibrahim Rahman Ich weiß nicht, ob ich Ihnen folgen kann.
Berry Weckerknecht Aber wo ich es ihm doch einfach abgeknöpft habe!
Hasan Ibrahim Rahman Was nicht schon alles vorgekommen ist im Leben.
Berry Weckerknecht Ohne zu wissen, was eigentlich drin ist.
Hasan Ibrahim Rahman Wohl dem, der erst einmal nachschaut. Bevor er handelt.
Berry Weckerknecht Dann werden Sie sicherlich auch verstehen, warum für mich Eile geboten ist.
Hasan Ibrahim Rahman Liegt aber nicht gerade in der Ruhe die Kraft?
Berry Weckerknecht Na ja. So kann man es natürlich auch bezeichnen.
Hasan Ibrahim Rahman Und was wollen Sie jetzt damit tun?
Berry Weckerknecht Na, was wohl? Zurückgeben.
Hasan Ibrahim Rahman den Bettler? Berry Weckerknecht Haargenau, immerhin habe ich es ihm ja auch abgeknöpft.
Hasan Ibrahim Rahman Das ehrt Sie zwar.
Berry Weckerknecht Es war einfach nicht richtig. Stellen Sie sich mal vor, welche Veränderungen das Kästchen für ihn bedeuten.
Hasan Ibrahim Rahman Mag schon sein. Aber wie wollen Sie das jetzt noch bewerkstelligen?
Berry Weckerknecht Wir müssen doch nur seine Spur verfolgen. Sie haben ihn doch auch vorhin auch um die Ecke gehen gesehen.
Hasan Ibrahim Rahman Sie- Sie haben es gesehen. Ich bin ihm nicht hinterher.
Berry Weckerknecht Allerdings weiß ich nicht, wo genau er gegangen ist.
Hasan Ibrahim Rahman Das, was ich meine. Denn was bringt es, wenn Sie nicht mal wissen, wo er sich aufhält?
Berry Weckerknecht Werde halt überall nachfragen: im Rathaus, im Pfarramt, überall.
Hasan Ibrahim Rahman Jetzt noch?
Berry Weckerknecht Irgendwo muss er ja abgeblieben sein. So hungrig er gewesen.
Hasan Ibrahim Rahman Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?
Berry Weckerknecht Oh doch, dass weiß ich schon. Ich schaff es heut ja nicht mal mehr bis zur Erddeponie.
Hasan Ibrahim Rahman Und dann wollen Sie jetzt noch überall klingeln? Und anklopfen?
Berry Weckerknecht Na, Sie sind vielleicht gut. Was bleibt mir denn anderes übrig?
Hasan Ibrahim Rahman Bei allem Respekt vor ihrer Absicht. Ich befürchte allerdings, Sie werden wenig Erfolg haben. Oder glauben Sie, dass jetzt noch irgendjemand im Rathaus ist?
Berry Weckerknecht Hm, wohl kaum, da haben Sie wohl Recht.
Hasan Ibrahim Rahman Oder im Pfarramt?
Berry Weckerknecht Hab ich bei aller Eile nicht bedacht. Ich hab aber auch so einen Schrecken gekriegt, als ich das Kästchen auf dem Schulhof geöffnet hab.
Hasan Ibrahim Rahman Okay, was man nachvollziehen kann! Durchaus, hm.
Berry Weckerknecht Was ist?
Geisterhand Der Imam sich unter die Nase gestrichen hatte? Mit einem Finger? Bereits mehrmals heute?
Hasan Ibrahim Rahman Wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen dürfte.
Berry Weckerknecht Natürlich, gerne. Ich glaub, ich weiß sowieso gerade nicht weiter.
Hasan Ibrahim Rahman Es einfach verwahren.
Berry Weckerknecht Wie?
Hasan Ibrahim Rahman Ich denke, Sie haben mich schon verstanden. Verwahren, bis er auftaucht.
Berry Weckerknecht Sie meinen doch nicht etwa von ganz alleine.
Hasan Ibrahim Rahman Doch, genau das meine ich.
Berry Weckerknecht Ich weiß nicht.
Hasan Ibrahim Rahman Aber ich weiß es. Und dann können Sie ihm sein Kästchen wieder zurückgeben.
Geisterhand Berry schaute auf das Kästchen.
Hasan Ibrahim Rahman Sie sind ein guter Mensch. Allein, dass sie ihren Irrtum bereuen. Und es ihm zurückgeben wollen, ist schon viel Wert.
Geisterhand Nun schaute Berry den Imam an.
Hasan Ibrahim Rahman Allah schaut Sie.
Berry Weckerknecht Aber ich bin doch kein Muslim.
Hasan Ibrahim Rahman Allah ist unser Gott. Und unser Gott ist auch euer Gott. Und euer Gott ist unser Gott. Es gibt nur einen Gott. Für uns alle.
Berry Weckerknecht I- i- ich weiß nicht.
Hasan Ibrahim Rahman Natürlich.
Geisterhand Berry Weckerknecht klappte den Deckel des Kästchens, welches noch immer auf dem Beifahrersitz, zu.
Hasan Ibrahim Rahman Ich muss allerdings jetzt auch mal weiter. Noch einen schönen Abend ich Ihnen wünsche.
Berry Weckerknecht Wünsche ich Ihnen auch. Und Danke für den Tipp.
Hasan Ibrahim Rahman Nix für ungut.
Geisterhand Hasan Ibrahim Rahman wollte als Nächstes die Hauptstraße unserer Vorstadt überqueren. Das Haus, welches er mit seiner Familie bewohnte, befand sich in eine der unzähligen verwinkelten Gassen unserer Vorstadt. Und nicht, dass ihm am Ende nicht doch noch was einfiel- oder etwa doch?
Hasan Ibrahim Rahman Sagen Sie mal? Haben Sie nicht eben eine Erddeponie erwähnt?
Berry Weckerknecht Ja, habe ich. Und zu meinem Leidwesen muss ich die jetzt morgen aufsuchen. Am Samstag, Bleibt mir nichts anderes übrig. Aber irgendwann muss ich meinen Wagen schließlich mal entleeren.
Hasan Ibrahim Rahman Deswegen frage ich nicht. Sondern.
Berry Weckerknecht Sich ruhig aussprechen.
Hasan Ibrahim Rahman Ja, wie soll ich sagen? Wissen Sie, ich bin ja noch nicht allzu lang hier in dieser Gegend. Und so richtig kenn ich mich hier überall natürlich noch nicht aus. Doch eines ist mir zufälligerweise dann doch zu Ohren gekommen. Nämlich, wo sich die Erddeponie befindet.
Berry Weckerknecht Oh, aber nicht hier in der Vorstadt. Sondern etwas außerhalb.
Hasan Ibrahim Rahman Ja, aber haargenau dies ist mir doch zu Ohren gekommen. Und dass Ihre Erddeponie hinter ein paar Hügeln läge.
Berry Weckerknecht Richtig! Ein ständiges Auf und Ab, kann ich Ihnen sagen. Und für meinen kleinen Elektrowagen nicht immer so leicht zu bewältigen. Auf dem vordersten der Hügel muss man außerdem noch ein Riesen- Schloss umfahren.
Hasan Ibrahim Rahman Das Schloss der Familie Andere meinen Sie aber nicht. Oder vielleicht doch?
Berry Weckerknecht Wer sonst soll sich denn so ein Schloss leisten können?
Hasan Ibrahim Rahman Sehen Sie! Und haargenau darauf wollte ich hinaus.
Geisterhand Nicht, dass der Straßenkehrer nun mit den Achseln zu zucken hatte. Was auch nicht immer gerade wie ein Pläsir war. Oder vielleicht etwa doch?
Hasan Ibrahim Rahman Und ob Sie mir einen Gefallen tun könnten?
Geisterhand Wie gesagt, was alles ein Pläsir war. Und was nicht, doch Hasan stemmte das verschnürte Paket in die Höhe.
Berry Weckerknecht Sie sind aber auch ganz schön beladen.
Hasan Ibrahim Rahman Eben drum. Und für mich eine Zerrerei, bis ich zu Hause bin. Abgesehen von meinem Mangel an Zeit. Aber Sie kommen doch an dem Schloss vorbei. Nach Ihren Worten sogar gleich morgen.
Berry Weckerknecht Ja, dran vorbei. Aber nicht dorthin.
Hasan Ibrahim Rahman Höchstens ein kleiner Schlenker.
Berry Weckerknecht Sie haben ja gar keine Vorstellung, wie groß von allein der Schlosspark ist! Wie lange man alleine benötigt, bis man ihn durchfahren hat! Bis man endlich am Schloss!
Geisterhand Ganz, ganz kurzes Stillschweigen zwischen den Beiden. Was ja auch mal ein Pläsir sein kann. Aber wirklich nur ganz kurz!
Berry Weckerknecht Schließlich sind die Andere nicht umsonst Billionäre.
Hasan Ibrahim Rahman Wissen Sie, es handelt sich nämlich um ein Geschenk.
Berry Weckerknecht Ein Geschenk? Na klar, Billionäre haben sonst ja auch nichts. So dass man ihnen unbedingt auch noch was schenken muss.
Hasan Ibrahim Rahman Aber wo es doch für die kleine Tissie ist.
Berry Weckerknecht Für Tissie? Sind sich dessen auch absolut sicher?
Hasan Ibrahim Rahman Ich denke, dass ich sie ein klein wenig ins Herz geschlossen habe. Auch zu meinem Sohn war sie bisher immer ausgesprochen nett und zuvorkommend. Vor allem dann, als es ihm nicht gut ging.
Berry Weckerknecht An Ihrer Stelle wäre ich lieber etwas vorsichtiger. Die Tissie hat Haare auf den Zähnen. Und es faustdick hinter die Ohren.
Hasan Ibrahim Rahman Bedeutet das, dass Sie mir den Gefallen nicht tun?
Berry Weckerknecht Was ist es denn überhaupt?
Hasan Ibrahim Rahman Sie meinen, was in dem Paket enthalten ist?
Geisterhand Berry zuckelte mit den Achseln, während Hasan Ibrahim Rahman das Paket in die Höhe stemmte.
Hasan Ibrahim Rahman Ein Puppenhaus.
Berry Weckerknecht Oha!
Hasan Ibrahim Rahman Frisch erworben. In dem Antiquitätenladen hinter uns.
Berry Weckerknecht Ich weiß nicht.
Hasan Ibrahim Rahman Ich bitte Sie. Doch keine Zweifel?
Berry Weckerknecht Doch. Nämlich ob es für Tissie das Richtige ist.
Hasan Ibrahim Rahman Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?
Berry Weckerknecht Ob die überhaupt noch mit Puppen spielt.
Hasan Ibrahim Rahman Aber sie ist doch ein Kind.
Berry Weckerknecht Zehn Jahre ist sie.
Hasan Ibrahim Rahman Dann ist sie noch ein Kind.
Berry Weckerknecht Ich weiß nicht.
Hasan Ibrahim Rahman Also, was ist nun? Bringen Sie ihr das Puppenhaus jetzt vorbei? Oder nicht?
Berry Weckerknecht Abgesehen davon, dass Sie mir einen Umweg zumuten.
Hasan Ibrahim Rahman Ach, kommen Sie! Übertreiben Sie nicht etwas?
Berry Weckerknecht Nee, dies gerade nicht. Allerdings kommt mir ohnehin gerade eine ganz andere Idee.
Hasan Ibrahim Rahman Die wäre.
Berry Weckerknecht Das Paket einfach in die Hochkneipe tragen.
Hasan Ibrahim Rahman In die Kneipe?
Berry Weckerknecht Ja, und es dort Anne übergeben. Und die übergibt es dann Tissie. Und ruckzuck hat die ihr Puppenhaus. Schneller wie man denken kann. Schließlich sind die beiden beste Freundinnen. Um nicht zu sagen allerbeste Freundinnen.
Hasan Ibrahim Rahman Hört sich gar nicht mal schlecht an. Doch geht dies leider auch nicht so ohne Weiteres.
Berry Weckerknecht Wieso denn nicht? Die Hochs sind doch nur ein Katzensprung von hier entfernt. Und auch nur ein Katzensprung von Ihrer Moschee. Also, überhaupt kein Problem!
Hasan Ibrahim Rahman Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen hierbei widerspreche. Gerade in meiner Eigenschaft als Imam einer islamischen Gemeinde kann ich unmöglich eine Kneipe betreten. Und ich will es auch nicht. An einem Ort, wo Alkohol getrunken wird.
Berry Weckerknecht Nur keine Sorge, es wird auch Nichtalkoholisches ausgegeben.
Hasan Ibrahim Rahman Nein, geht einfach nicht. Das verträgt sich einfach nicht mit meinem Glauben. Zudem ich eine Vorbildfunktion ausübe.
Geisterhand Stillschweigen, während Hasan sowohl sein Paket beäugte wie auch seinem Gegenüber, den Straßenkehrer Berry Weckerknecht.
Hasan Ibrahim Rahman Es sei denn.
Berry Weckerknecht Nicht das, was ich vermute.
Hasan Ibrahim Rahman Haben Sie nicht gerade von einem Katzensprung gesprungen?
Geisterhand Außerdem.
Hasan Ibrahim Rahman Führt Sie ihr Weg nicht außerdem sowieso in diese Richtung?
Berry Weckerknecht Eigentlich nicht mehr. Jetzt, wo alles zu ist.
Geisterhand Und als der Imam die Absperrung des Gullys passiert und die andere Straßenseite erreicht hatte, rief er noch einmal zurück.
Hasan Ibrahim Rahman Ach, eh ich’ s vergesse. Zur Eröffnungsfeier unseres Zentrums sind Sie natürlich recht herzlich eingeladen.
A10: Am Stammtisch
Geisterhand Da die Eingangstür der eckigen Eckkneipe der Hochs an der Ecke lag, gelangte man logischerweise an einer Ecke in den Raum.
Und hatte Hasan Ibrahim Rahman eben noch erwähnt, dass gerade aufgrund des Alkoholausschanks ein Betreten dieser gastronomischen Einrichtung nicht in Frage käme, so war dies das eine. Zusätzlich jedoch sollte auch noch die ständig stickige Luft erwähnt werden, die durch den enormen Nikotinkonsums entstand. Sicherlich ein weiteres Argument für Hasan Ibrahim Rahmans Fernbleiben von diesem Ort.
Hinzu kommt, dass es sich um eine eher kleinere Kneipe handelte. Direkt links vom Eingang eine Nische, der Rest des Raumes erstreckte sich nach rechts, frei nach dem Motto: “Ecke hin, Ecke her.”
In der Nische ein großer Tisch mit ein paar Stühlen und eine Eckbank, die bis unter den Fenstern auf dieser Seite reichte; dahinter zwei Türen, die zu den Toiletten führten.
An jenem Freitagabend hockten unter anderem drei Herren am Stammtisch, welche in feucht- fröhlicher Manie Skatkarten droschen. So, und jetzt du mal wieder, mein Lieber.
Anmerkung Als ob ich nicht schon dabei wäre.
Geisterhand Ein ganz besonderes Pläsir!
Anmerkung Wenn du ‚s wenigstens einmal nicht sagen würdest.
Geisterhand Tust ja gerade so, als ob ich mich nicht beherrschen könnte.
Anmerkung Wenden wir uns lieber den drei Herren zu. Mit dem Rücken zum Eingang auf dem Eckbankteil, auf welchem man am Kopf des Stammtisches hockte, Pfarrer Kühnert.
Pfarrer Kühnert war im besten Mannesalter, na ja, so um die sechzig. Von normaler Gestalt, die in einem schlichten schwarzen Anzug gesteckt war, krawattenlos wohlgemerkt, war sein graues, leicht gekräuseltes Haar noch recht voll. Aus seinem Mund eine Pfeife rankte.
Auf der Eckbank unter dem Fenster Großbürgermeister Klein. Ungefähr zehn Jahre jünger wie der Pfarrer konnte auch sein eleganter brauner Anzug nicht verhehlen, dass er ganz ordentlich Bauch angesetzt hatte. Längst hatte er sich der Jacke entledigt, indem er sie neben sich auf die Eckbank gepfeffert hatte. Die Ärmel des feinen, hellblauen Hemdes hochgekrempelt und fast immer mit einer Zigarette im Mund, während er jedes Mal vor dem Ausspielen mit den Fingern einer Hand eine Streubewegung über die Karten in der anderen Hand machte.
Bliebe der Dritte im Bunde, welcher kein Geringerer war wie Herr Langhorn, seines Zeichens Direktor der Schule neben Abrahams Antiquitätenladen. Nicht nur der graue Haarkranz des Schmächtigen deutete auf sein Alter jenseits der sechzig. Beziehungsweise auf eine baldige Pensionierung. Vor seiner Nase ein Aschenbecher, der mit Kippen geradezu überquoll. So dass der mit grauen Stangenhose und weißem Hemd Bekleidete sich zum Beispiel auch mal genötigt sah, ihn in die Hand zu nehmen, und zur Theke zu schwenken.
Direktor Langhorn Anne! Mach mal leer!
Anmerkung Und dann noch inmitten einer hoffnungslos verrauchten Kneipe der Vierte am Stammtisch. Und zwar gegenüber dem Pfarrer an der anderen Kopfseite, mit dem Rücken zu den Toiletten.
Hierbei handelte es sich nämlich um einen Grundschüler. Gerade mal zehn besuchte er die vierte Klasse jener Schule. Fritzi selbst ein kleiner, schmächtiger Lausbub in flockigen Jeans und in einem schwarz-weiß gestreiften T- Shirt. Und umso später es wurde, umso häufiger linste gerade Langhorn zu dem Jungen herüber, durchaus mit beunruhigtem Blick.
Direktor Langhorn Allmählich wird es wirklich Zeit für dich.
Geisterhand Fritzi schaute von der Beschreibung einer Spielesammlung auf, in die er die ganze Zeit schon seine Nase vergraben hatte. Auf dem Tisch vor ihm neben einem leeren Apfelsaftglas die dazugehörige Spielesammlung, aus welcher lediglich das Schachbrett fehlte, einschließlich den Steinen.
Ungewöhnlich, dass der Junge selbst zu jener vorgerückten Zeit in der Kneipe verweilte, war es eigentlich nicht. Nein, eigentlich war er fast jeden Tag, was natürlich einen faustdicken Grund hatte; und zwar Anne, ihres Zeichens die Tochter des Hauses. Mit ihr befreundet, gingen die beiden zudem in die gleiche Klasse.
So gänzlich von der Hand zu weisen schien Direktor Langhorns Einwand dennoch nicht zu sein; zudem war es draußen inzwischen dunkel.
Direktor Langhorn Hast du überhaupt gehört, was ich zu dir gesagt habe?
Fritzi Almenhörner Ja, ja.
Direktor Langhorn Dass du überhaupt noch hier bist.
Fritzi Almenhörner Aber mein Vater hat es mir erlaubt. Außerdem will ich noch was mit Anne spielen.
Geisterhand Am Tresen hatte sich jemand zum Stammtisch gedreht; stumm freilich, stumm. Dieser Jemand war freilich kein Geringerer wie Kalman Almenhörner, seines Zeichens Fritzis Vater. Mehr zu ihm gleich.
Direktor Langhorn Das ist mir mehr wie ein Dorn im Auge.
Pfarrer Kühnert Womöglich auch noch Monopoly.
Fritzi Almenhörner Ist doch gar nicht im Schachtel drin.
Großbürgermeister Klein Jetzt seien sie doch heut mal auch nicht so pingelig. Ist doch Freitag.
Direktor Langhorn Was hat dies denn damit tun? Außerdem hat die Anne jetzt sowieso keine Zeit!
Großbürgermeister Klein Kein Wunder, wenn sie andauernd Ihre Aschenbecher leeren muss.
Fritzi Almenhörner Die kommt doch gleich.
Direktor Langhorn Na, hoffentlich.
Pfarrer Kühnert Warum legen Sie jetzt eigentlich die Herz- Zehn aus?
Direktor Langhorn Oh!
Pfarrer Kühnert Ist das nicht eigentlich Ihr Spiel?
Direktor Langhorn Verdammt!
Großbürgermeister Klein Und Herz als Trumpf ausgeben.
Direktor Langhorn Kein Wunder, wenn man abgelenkt wird.
Pfarrer Kühnert Na, dann werde ich wohl oder übel mit dem Herz- As drüber gehen müssen.
Direktor Langhorn Verdammt und zugenäht!
Großbürgermeister Klein Dann will ich auch mal nicht so sein, und den Herz- König beisteuern.
Pfarrer Kühnert Tja, lieber Herr Langhorn. Die nächste Runde geht wohl auch auf Ihren Deckel.
Direktor Langhorn Mehr wie ein Dorn.
Großbürgermeister Klein Kann man jetzt auch nichts mehr dran ändern.
Direktor Langhorn Anne, wo du nur bleibst?
Pfarrer Kühnert Dann können Sie für mich gleich ein Korn mitbestellen.
Großbürgermeister Klein Für mich auch. Schließlich gleiches Recht für alle.
Direktor Langhorn Wie darf ich denn das schon wieder verstehen?
Pfarrer Kühnert Dass die Anne auch noch ein Kind ist.
Geisterhand An dieser Stelle erfolgte ein zweites stummes Zunicken vom Tresen. Beziehungsweise von Kalman Almenhörner.
Direktor Langhorn Aber das ist doch was völlig anderes.
Großbürgermeister Klein So?
Pfarrer Kühnert Wo er Recht hat, hat er Recht.
Großbürgermeister Klein Sogar noch arbeitet.
Fritz Almenhörner Find ich auch! Und mit mir schimpft man. Nur weil ich was spielen will.
Pfarrer Kühnert Wer gibt jetzt eigentlich?
Direktor Langhorn Trotzdem was anderes. Schließlich muss ja jemand die Aschenbecher leeren.
Großbürgermeister Klein Ja, ja natürlich.
Direktor Langhorn Natürlich ist mir das Ganze durchaus ein Korn im Auge.
Pfarrer Kühnert Meinten Sie nicht “Dorn im Auge”?
Direktor Langhorn Mehr wie das!
Geisterhand Wenden wir uns nun mal von der Eingangstüre rechts zu, wo sich der weitaus größere Teil des Lokals befindet.
Ein schmaler Mittelgang trennt eine Reihe von vier kleineren, quadratförmigen Tischen, die sich an der Wand langzieht, beziehungsweise parallel zur Theke. Zwischen der Eingangstür und dem ersten der vier Tische noch ein nicht unwesentlicher Bestandteil für das Kneipenleben hier, nämlich der Zigarettenautomat. Der in der Regel heiß läuft, gerade an so einem Freitagabend. Na, und von nichts kommt ja bekanntlich nichts, die stickige Luft, der blaue Dunst.
Der erste Tisch war noch frei, an dem zweiten Tisch Gunnar Günsch, und zwar mit dem Rücken zur Wand, so dass er zur Theke schauen konnte. Außerdem diesmal in ziviler Kleidung, wenn man so wollte. Auf seinem Tisch ein Riesenglas mit Orangenlimo, dazu ein gemischter Salat, in dem er gelangweilt herumstocherte, während er ständig zum Tresen herüberschielte, nicht ohne dabei den Hals zu verrenken. Nein, anders man dies nicht bezeichnen hätte können.
Gunnar Günsch Amalie! Wo ist eigentlich mein Salamibrot?
Amalie Hoch Noch in der Küche.
Gunnar Günsch Ich warte jetzt schon seit einer halben Stunde.
Amalie Hoch Nur keine Sorge.
Geisterhand Zwei an Tisch drei: einer ein alter Bekannter aus unseren früheren Geschichten; der andere hingegen ein neues Gesicht.
Anmerkung Der mit dem Rücken zum Tresen Zugewandte Otto Wieschensriether; der Koloss von einem Mann führte in eine der Hinterhöfe unserer Vorstadt eine Malerwerkstätte. Seine Gestalt war so groß und so gewaltig, dass man befürchten musste, dass das Hemd, welches er trug, zu bersten drohte. In der Vorstadt eilte Otto ein Ruf nach, und zwar dass er zumindest nicht immer alle Neune beisammenhätte. Ob dies im Zusammenhang mit einem Jugenderlebnis von ihm, bei welchem er einmal einer Theateraufführung von “Tristan und Isolde” beiwohnt, zu sehen war?
Ihm Gegenüber ein relativ kleiner Mann namens Lal X Bandana. Der schwarzhaarige, dunkelbraune Typ war seines Zeichens Malermeister wie Otto Wieschensriether. Allerdings führte er seine Werkstätte im Zentrum, welches wenige Kilometer entfernt von unserer Vorstadt. Dies war das eine. Das andere war, dass Bandana über wesentlich mehr Mitarbeiter verfügte als Otto Wieschensriether, welcher neben einen einzigen Gesellen niemand mehr hatte.
Geisterhand Im Grunde grenzte es beinahe schon an ein kleines Wunder, dass die beiden an einem Tisch saßen; denn bei der Vergabe der Maler- und Sanierungsarbeiten für das neue Islamische Zentrum bekam am Ende Lal X Bandanas Firma den Zuschlag. Obwohl Otto Wieschensriether nach der Ausschreibung doch zuerst vorstellig war. Doch die Verhandlungen für die Vergabe waren für ihn alles andere wie ein Pläsir.
Ein kleiner Ausschnitt aus diesen Gesprächen möge verdeutlichen, warum es am Ende soweit gekommen war. Beziehungsweise nicht.
Hasan Ibrahim Rahman Seien Sie recht herzlich Willkommen!
Otto Wieschensriether Oh!
Hasan Ibrahim Rahman Na, denn mal raus mit der Sprache! Was können Sie uns bieten!
Otto Wieschensriether Oh, Fremdling!
Hasan Ibrahim Rahman Was!
Otto Wiesenschriether Oh, Fremdling aus dem fernen Orient!
Hasan Ibrahim Rahman Na, hören Sie mal, was soll das!
Otto Wieschensriether Eure schmucken Kammer!
Hasan Ibrahim Rahman Ich lebe seit über fünfunddreißig Jahren in Deutschland.
Otto Wieschensriether Oh, Saladin!
Hasan Ibrahim Rahman Was!
Otto Wieschensriether Der Bote Saladins!
Hasan Ibrahim Rahman Wird ja immer schöner!
Otto Wieschensriether Der Kamele Treiber!
Hasan Ibrahim Rahman Also, jetzt reicht es!
Otto Wieschensriether Oh, entzürnt ihr seid?
Hasan Ibrahim Rahman Das geht zu weit. Entschieden zu weit. Raus mit Ihnen!
Otto Wieschensriether Entzürnt! Welch Schmach!
Geisterhand Hasan Ibrahim Rahman deutete auf die Tür, wie man es unmissverständlicher nicht hätte machen können.
Hasan Ibrahim Rahman Bei Ihnen scheint wohl etwas locker zu sein!
Geisterhand Doch statt zu gehen, warf sich der Koloss auf den Boden, so dass er vor dem neuen Iman kniete.
Otto Wieschensriether Euer Gram! Welch Schmach! Verzeihet mir!
Geisterhand Doch am Ende musste dann doch Otto Wieschensriether gehen, und den Zuschlag bekam mit Lal X Bandana ein Mitbewerber für die angestandenen Renovierungsarbeiten. Welche er mit seinem Team zügig erledigte, und vor allem zur Zufriedenheit der muslimischen Auftraggeber.
Das Mittagsmahl nahm Lal X Bandana in dieser Zeit zumeist in der Hochkneipe ein, so dass er auf diese Weise diese Lokalität kennenlernte.
Otto Wieschensriether jedoch verübelte Lal X Bandana, dass er ihm letztlich den durchaus lukrativen Auftrag weggeschnappt hatte, so dass es, wie gesagt, an ein Wunder grenzte, dass die beiden zusammensaßen. Allerdings verloren sie kein Wort mehr über jenen Auftrag. Stattdessen rankte auf ihrem Tisch ein Mühlebrett, welches Otto aus dem Schachtel von Fritzi entnommen hatte. Allerdings schien er auch hierbei nicht von Glück beseelt, auch wenn die Beiden noch gar nicht richtig angefangen hatten.
Lal X Bandana Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn wir ein paar Runden spielen. Nur.
Geisterhand Ja, nur?
Lal X Bandana Warum würfeln Sie eigentlich?
Otto Wieschensriether Des Glückes hold. Eine Vier.
Geisterhand Worauf Wieschensriether gleich vier schwarze Steine wild auf das Spielbrett setzte.
Lal X Bandana Außerdem beginne doch ich. Oder haben wir dies nicht ausgemacht?
Männliche Stimme von Tisch vier Vor allem beeilt euch.
Geisterhand Auch der war noch allein, und es war kein Geringerer wie Leonid Zimmermann. Der ja bekanntermaßen schon vorhin dies Lokal hier betreten hatte, weshalb er mittlerweile beim vierten oder fünften Weinschorle angekommen sein dürfte.
Leonid saß mit dem Gesicht zur Wand, und er wartete eigentlich jetzt schon die ganze Zeit auf seinen Schachpartner. Was wohl seine Eingebung zum Nachbartisch begründete; denn das Schachbrett sich auf der Rückseite des Mühlespiels befand.
Lal X Bandana Hat ja wohl sowieso keinen Sinn.
Fritzi Almenhörner Wer spielt jetzt mit mir?
Otto Wieschensriether Welch Freud!
Fritzi Almenhörner Doch nicht mit Ihnen!
Otto Wieschensriether Oh, Knäbelein!
Fritzi Almenhörner Ich gebe Ihnen gleich Knäbelein!
Lal X Bandana Und ich dachte, du wolltest mit deiner Freundin spielen?
Fritzi Almenhörner Die hat ja noch keine Zeit.
Direktor Langhorn Manche müssen halt noch was tun.
Anne Hoch Stimmt allerdings!
Otto Wieschensriether Knäbelein!
Fritzi Almenhörner Oh, Mann!
Pfarrer Kühnert Mach dir nichts draus. Wer kommt raus?
A11: An den anderen Tischen
Geisterhand Als die Tür sich öffnete, scheinbar wie von Geisterhand.
Anmerkung Was!
Geisterhand Na ja. Nicht immer ganz unbescheiden bleiben.
Anmerkung Also gut, und was ist jetzt mit der Tür?
Geisterhand Gleich zwei Personen eintraten. Wobei wir die eine heute auch schon kennengelernt haben.
Anmerkung Also zunächst zur anderen.
Geisterhand Pläsir?
Anmerkung Bei der anderen Person handelte es sich um einen türkischen Mitbewohner unserer Vorstadt. Im Gegensatz zu seinen Landsleuten konnte er an dem ersten Freitagsgebet in der neuen Moschee nicht teilnehmen. Begründung: er hatte einfach nicht frei gekriegt. Denktas Yilmaz, wie sein Name war, arbeitete übrigens als Baggerfahrer auf der Erddeponie, zu welcher heute eigentlich auch Berry Weckerknecht wollte.
Yilmaz war schon etwas älter, so um die sechzig, und lebte schon lange in Deutschland. Das Haar des kleinen Mannes, der in der Kneipe stets in einem schlichten, dunkelgrauen Anzug und in einem schlichten, weißen Hemd erschien, war zwar noch voll, doch tief ergraut. Nicht zuletzt waren es Falten und Furchen im Gesicht, die von Alter zeugten.
Yilmaz ist Wittwer, seine Frau verlor er vor Jahren nach einem schweren Krebsleiden. Seither sucht er beinahe jeden Abend die Hochkneipe auf. Ohne Ausnahme nahm er immer gleich am ersten Tisch Platz, stets mit dem Rücken zur Wand, wo er zu Abend aß; dies waren meistens ein paar Kartoffeln oder Klöße mit ein wenig Fleisch und Gemüse; dazu Tee, denn Yilmaz trank kein Alkohol. Nein, eher mit den Zigaretten er es hatte, vor allem nach dem Mahl.
Darüber hinaus war er wortkarg, um nicht zu sagen sehr wortkarg. Bis auf die Bestellung und beim Begleichen der Rechnung sagte er während seines Aufenthalts nichts- na sagen wir mal, fast nichts.
Wer zeitgleich mit ihm eingetreten war, war Olias Frech. Und da der Tresen gut gefüllt war, und es eigentlich auch unüblich war, dass sich jemand den freien Platz vor Yilmaz einnahm, blieb dem Polizisten fast nichts anderes übrig, als sich mit dem zweiten Tisch zu begnügen.
Gunnar Günsch Manche fragen ja wenigstens vorher.
Geisterhand Doch Olias Frech saß bereits.
Olias Frech Das ist ja das Gute an mir. Dass ich eben nicht frage.
Amalie Hoch Olias? Ein Bier?
Olias Frech Na klar, schließlich habe ich jetzt Dienstschluss.
Gunnar Günsch Wo bleibt jetzt eigentlich mein Salamibrot?
Amalie Hoch In der Küche. Du siehst ja, was hier los ist.
Olias Frech Wieso bestellst du eigentlich nicht mal was anderes?
Gunnar Günsch Weil’ s dich einen Scheißdreck angeht.
Olias Frech Ich meine, wo du doch den ganzen Tag nichts anderes frisst.
Gunnar Günsch Meine sind aber nicht so gut wie die hier.
Olias Frech Dann nimm ich heut mal ‘ne Currywurst, Amalie.
Gunnar Günsch Da! Sieh mal an!
Lal X Bandana Kann ich nur empfehlen!
Amalie Hoch Kann aber dauern. Otto Wieschensriether Schon wieder eine Vier!
Lal X Bandana Mann!
Geisterhand Amalie Hoch, die Dame des Hauses, hat auf eine Untertasse mit kochend heißen Wasser und einem Teebeutel auf den Tresen gestellt. Anne Hoch, die zehnjährige Tochter des Hauses, kletterte daraufhin auf die Fußstange des Tresens. Während sie sich mit einer Hand festhielt, so gut wie es eben ging, jonglierte sie mit einer Hand die heiße Tasse nach unten. Mit beiden Füßen wieder auf den Boden, welche die Kneipe bedeuteten, brachte sie es nun vorsichtig mit beiden Händen an den Tisch von Yilmaz.
Amalie Hoch Heute Fleischkäse, Denktas?
Geisterhand Der sich gerade eine Zigarette drehte.
Denktas Yilmaz Nein. Nix gut.
Geisterhand Im Gegensatz zu manch anderen Türken hier bei uns und trotz der vielen Jahre, welche er nun schon hierzulande lebte, waren seine deutschen Sprachkenntnisse noch immer recht überschaubar.
Amalie Hoch Was dann? Spiegeleier vielleicht?
Denktas Yilmaz Ja. Diese gut.
Geisterhand Worauf Amalie in die Küche nach hinten rief.
Amalie Hoch Einmal Spiegeleier mit Kartoffeln.
Denktas Yilmaz Mit Brot.
Geisterhand Nun eine weibliche Stimme, die sich am Tresen meldete: “Und einmal mit Kartoffeln“.
Amalie Hoch Madeleine, du auch?
Geisterhand Kurzerhand Amalie wieder nach hinten rief.
Amalie Hoch Zweimal Spiegeleier. Einmal mit Kartoffeln und einmal mit Brot.
Gunnar Günsch Aber zuerst mein Salamibrot!
Lal X Bandana, Olias Frech, Leonid Zimmermann Oh weh!
Amalie Hoch Dazu gibt es etwas Gemüse nach Art des Hauses.
Gunnar Günsch Gemüse? Zu meinem Salat?
Lal X Bandana, Olias Frech, Leonid Zimmermann Oh weh!
Otto Wieschensriether Des Glückes hold.
Lal X Bandana Jetzt lass doch den Scheiß, wenn du es sowieso nicht kannst.
Otto Wieschensriether Der Worte garstig!
Lal X Bandana Hat keinen Sinn mit dir! Einfach nicht!
Otto Wieschensriether Garstig!
Fritz Almenhörner Dann kann ich das Brett ja eigentlich wiederhaben.
Leonid Zimmermann Moment mal! Immerhin bin ich auch noch da.
Lal X Bandana Leute, wisst ihr was! Ich hab eine andere Idee!
Leonid Zimmermann Und er dürfte ja in jedem Augenblick kommen.
Lal X Bandana Ich lass jetzt einfach mal ‘ne Runde springen.
Geisterhand Hinter dem Tresen an den Bierhähnen.
Dimitri Hoch Sicher?
Lal X Bandana Ich wüsste keinen Grund, warum ich nicht sicher sein sollte.
Dimitri Hoch Eine komplette Runde? Für alle?
Lal X Bandana Schließlich habe ich auch gut verdient.
Otto Wieschensriether Des Darbens nahe!
Lal X Bandana Um nicht zu sagen, extrem gut!
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