Kitabı oku: «Maybelline»

DARK PLACES
Taylor Brown
Maybelline
Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende
Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Originaltitel: GODS OF HOWL MOUNTAIN
© 2018 by Taylor Brown
Published by arrangement with St. Martin's Press. All rights reserved.
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021
Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende
Gedichtübersetzung aus dem Koreanischen von Sabrina Stemmeler
Mit einem Nachwort von Kirsten Reimers
© 2021 Polar Verlag e.K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Andrea Kalbe, Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Adga/Adobe Stock
Autorenfoto: © Taylor Brown
Satz/Layout: Martina Stolzmann
ISBN 978-3-948392-18-5
eISBN 978-3-948392-19-2
Für Jason Frye – Freund, Mentor und Sohn der Appalachen
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
I. Erntemond
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
II. Halbmond, abnehmend
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
III. Abnehmender Sichelmond
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
IV. Neumond
Kapitel 19
V. Zunehmender Sichelmond
Kapitel 20
Kapitel 21
VI. Zunehmender Halbmond
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
VII. Jägermond
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Epilog
Danksagung
»Moonshine in North Carolina«
Aus der langen Novembernacht schneide ich ein Stück,
Eingerollt lege ich es unter die Decke, die warm und
süßlich duftet wie die Frühlingsbrise,
Und kommt die Nacht, in der mein Geliebter mich
aufsucht, so entrolle ich es Stück für Stück.
Hwang Jin-I oder Myeng-wol (»Leuchtender Mond«)
Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da
glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel
austreiben, mit neuen Zungen reden; und so sie etwas
Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden …
Markus 16: 17-18
1
Howl Mountain, North Carolina Herbst 1952
Der Wagen setzte sich im Morgengrauen in Bewegung. Die Scheinwerfer warfen ihr Licht auf die alten Serpentinen, welche die Berghänge durchzogen, während Donner und ein Echo des Donners zwischen den Bergkämmen hindurch hallte und ringsherum grollte. Die Straße führte im Zickzack vom Hochland ins Dunkel der Täler hinunter, vorbei an mit Dynamit gesprengten Bergkuppen und bisweilen den blassen Sehnen der alten Forststraßen folgend, die diese Erhebungen vor einem halben Jahrhundert durchzogen hatten. Er fuhr stetig gen Osten, wobei der Wagen brummend endlose Meilen durch die dunkler werdende Landschaft mit ihren Gebirgsausläufern zurücklegte und eine fast unsichtbare Staubwolke hinter sich herzog, die sich auf Briefkästen und Rinder und bereits geerntete Tabakfelder legte. Die Straße führte immer weiter hinab, überließ sich der Geschwindigkeit des Wagens und der Hitze des Motors, während Sterne über der Umgebung kreisten.
Die langen Kurven entfalteten sich vor der Fahrzeugfront. Die Obst- und Gemüsestände, Werbetafeln und Scheunen am Straßenrand waren groß genug, um die Wagen von Männern mit Dienstmarke zu verbergen. Die Straße führte eine Anhöhe hinauf, und das Gelände lag beinahe nackt vor dem weiten blauen Himmel. Die spärlichen Lichter der Fabrikstadt, errichtet auf dem Plateau des Piedmont, brannten in der Ferne. Die Stadt Gumtree. Bald summte die Straße, war asphaltiert und führte durch große Laubwaldbestände. Die Textilfabriken erhoben sich lang und riesengroß auf dem steilen Felsen über der Stadt, während schwarzer Rauch aus den vielen Schornsteinen aufstieg wie bei Ozeandampfern auf einem Meer aus Erdmasse. Sämtliche Fenster waren erleuchtet, als würden sich die Leute drinnen auf einer Party oder einem Ball vergnügen. Die Männer und Frauen kamen aus den Bergen, um stundenlang in der Hitze dieser von Flusen erfüllten Räume zu schuften, wo sie Socken und Strümpfe fertigten. Die zweite Schicht endete um zehn. Dann kamen die Arbeiter wie Gespenster hustend und weiß bestäubt aus den Ziegelbauten, bereit für einen Schluck Whiskey.
Der Wagen überquerte den Damm und fuhr in die Stadt hinein. Das Tal war zur Stromerzeugung vor zwei Jahrzehnten geflutet worden; aus dem Damm entlud sich eine Reihe flacher weißer Wasserfälle im Mondlicht. Der Wagen umrundete den Hauptplatz, wobei der starke Motor die Ladenfronten erschütterte wie menschengemachter Donner. Da waren der Lebensmittelladen, die Apotheke und das Billigwarenhaus. Der Juwelier, der Schuster und das Eisenwarengeschäft. Läden, in denen die Fabrikarbeiter auf Pump kauften und das Geld von ihrem Lohn abgezogen wurde. Der Wagen fuhr weiter, und die Arbeiterviertel ballten sich vor seiner Motorhaube, flache, kleine, sich im Besitz der Fabrik befindliche Häuser, dicht an dicht mit ihren quadratischen, kurz geschorenen Rasen. Häuser, die so klein waren, dass man eine Schrotflinte abfeuern und sämtliche Räume damit treffen konnte. Manche hatten es getan. Der Wagen fuhr zwischen ihnen hindurch bis zur Stadtgrenze, wo die Straße langsam in Richtung See abfiel.
End-of-the-Road hieß sie. Das letzte Überbleibsel der Ortschaft, bevor sie vom Wasser verschlungen wurde. In den Auwäldern standen Kneipen und Bordelle, Häuser für alles, was der Körper brauchte. Schatten zuckten über ihre Fenster, die in einem kränklichen Gelb schimmerten. Ein Ort für einen Drink und einen Streit, ein fremdes Bett, fremde Sterne, die über fremde Himmel flogen, wenn man einen Blick riskierte. Dahinter versank die Straße in der Tiefe. Dort unten befand sich das alte Tal, wo einst Menschen gelebt hatten, lange bevor die energiehungrigen Fabriken kamen. Angeblich gab es dort unten Hütten mit offenen Türen für die Fische, ihre Kiefernholzböden ertränkt und kalt. Es gab Bäume, verkümmert und leblos, die sich in der Tiefe wiegten wie von Zeitlupenwind bewegt. Die Knochen von Landbewohnern lagen dort unten, Wesen, die vor der kommenden Flut nicht gewarnt worden waren. Das Klopfen von Äxten und Hämmern der Maschinen erzeugte keinen grollenden Donner oder düsteren Himmel. Noch nicht. Als das Wasser kam, waren angeblich ein paar übellaunige alte Tabakpflücker auf ihrem Land geblieben, um die Regierung zu ärgern, aber die meisten bezweifelten das. Was nicht schwerfiel, so flach und ruhig war der See, dessen Geheimnisse niemals an die Oberfläche dringen würden.
Die erste Lieferung an diesem Abend ging an einen heruntergekommenen Bungalow mit vergitterten Fenstern und geriffelten Seitenwänden, als wäre jemand mit einem Spachtelmesser zugange gewesen. Im Dach war eine Delle, in der Regenwasser schwamm. Der Rasen war von Reifenspuren rötlich aufgewühlt. Zerbeulte Autos standen kreuz und quer. Gestalten mit hängenden Schultern, die von Mehl bedeckt zu sein schienen, standen vor dem Küchenfenster an. Münzen glänzten in ihren Händen.
Fünfundzwanzig Cent pro Shot.
Mit großen Augen beobachteten sie, wie der Wagen – ein Ford Coupé – an ihnen vorbei zur Rückseite des Hauses rumpelte. Er hielt, und der Fahrer stieg aus, sein Gesicht unter einer alten schwarzen Melone versteckt. Er klopfte an die Tür und hörte, wie sie mit mehrfachem Klacken entriegelt wurde.
Die Tür ging auf. Ein weißer Mann in einer fleckigen Schürze kam heraus. Dick. Sein Gesicht und seine Haare hatten einen ungesunden Glanz. Die Treppe zitterte unter ihm, als er herabstieg.
»Ich dachte schon, Sie kommen nicht«, sagte er. »Steuerfahnder?«
»Heute Abend nicht«, erwiderte Rory.
Der Mann zuckte mit den Achseln und reichte ihm ein Bündel Geldscheine. Rory öffnete den Kofferraum.
Mit jedem Halt kam der See näher, und die Straße glitt auf die völlige Dunkelheit hinter den Bäumen zu. Mit jedem Halt wurden die Kunden betrunkener und schäbiger. Ein paar, die die Straße so weit heruntergefahren waren, kamen nicht mehr zurück.
2
Granny May hielt ein Streichholz an das Ende ihrer Maiskolbenpfeife. Ihre Wangen wurden hohl, und ihr Brustkorb schwoll vom Rauch an. Sie machte einen doppelten Zug und hielt die Luft an, was ihr ein Kitzeln in der Brust verursachte. Es gab kein scharfes Stechen wie bei Tabak. Sie wippte nach hinten, senkte den Unterkiefer und entließ eine blaue Rauchwolke in die Morgendämmerung. Die Welt lag nass und dunkel vor ihr und trug letzte Flecken der Nacht. Vor ihr lagen die Berge, gezackt wie verfallene Mauerzinnen, und die taufeuchte Wiese ihres Grundstücks.
Sie blinzelte an ihrer Nase entlang und betrachtete den Baum auf dem Hof. Dieser Baum, der einzige, der die Baumkrankheit überlebt hatte, war das Herzstück von allem, was sie von ihrer Veranda aus betrachtete. Die anderen Kastanien hatten einst den Berg bevölkert, die Rinde ihres Stamms vom Alter zerfurcht wie die Stränge gigantischer Stahlkabel. Ihre Blätter mit den Sägezahnrändern waren golden um diese Jahreszeit, wenn die herabgefallenen Früchte die Tiere nährten und ihrem Fleisch einen süßlichen Geschmack verliehen. Diese Armee aus Laubbäumen war gefallen, war Opfer von tiefschwarzem Baumkrebs geworden, der sie ausgezehrt hatte und umstürzen ließ. Irgendein exotischer Pilz war durch Verletzungen in ihrer Rinde gedrungen, das Werk von Geweihen, Krallen oder Taschenmessern. Dieser Baum mit seiner hohen Krone stand einsam auf der Wiese im nahenden Morgenlicht.
Ein Geisterbaum.
Bunte Glasflaschen, zu viele, um sie zu zählen, hingen an Schnüren von den Ästen. Das Böse, das von weit entfernten Hügeln, aus lichtlosen Bergtälern und trockenen Brunnen herbeigeschlichen war – die Flaschen hatten diese Geister eingefangen. Ließen sie nicht mehr heraus. Hielten sie vom Haus und den Träumen und dem Herzen ihres Enkels fern. Wenn der Wind über die Wiese fegte, hörte man sie stöhnen, gefangen in ihren Flaschen. Die Geister waren böse, aber sie waren nicht sehr schlau.
Der erste Wagen kam kurz nach Sonnenaufgang die Auffahrt heraufgeholpert. Es war ein schickes grünes Coupé, ein tief liegender Hudson, der in der Morgendämmerung tuckerte und die Gestalt von etwas hatte, das sich im Rudel bewegte. Ein Mädchen stieg auf der Beifahrerseite aus. Sie hatte einen schweren Schal um die Schultern drapiert, als trüge sie eine Last. Der Junge, der den Wagen fuhr, saß zusammengekauert hinter dem Steuer und machte ein finsteres Gesicht. Er schaltete den Motor nicht aus. Das Mädchen stellte sich an den Fuß der Treppe.
»Morgen, Ma’am. Sind Sie Maybelline Docherty? Granny May?«
»Die bin ich. Was kann ich für dich tun?«
Das Mädchen blickte zurück zu dem Wagen, der qualmend auf dem Hof stand.
»Das ist Cooley Muldoon«, sagte sie. »Er ist mit einem Mädchen drüben in Linville verlobt. Wir, wir hatt’n heute Nacht ’nen Unfall.«
Granny blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den tuckernden Wagen. Die erwachte Sonne schimmerte auf dem Glas und zitterte auf der Motorhaube. Nicht ein Kratzer im Lack.
Das Mädchen hob die Hände.
»Auf dem … Rücksitz«, sagte sie.
»Aha«, bemerkte Granny.
»Die Leute sagen, Sie machen Mondtee.«
»Setz dich einen Moment, mein Kind. Ich lass gerade welchen ziehen. Als hätte ich’s gewusst, dass du kommst.«
Das Mädchen setzte sich in den anderen Schaukelstuhl, und Granny schlurfte leise hinein, als wollte sie das leere Haus nicht wecken. Die Kanne stand auf dem Holzofen, und Dampf stieg kräuselnd auf. Darin befand sich eine Mischung aus Poleiminze, Gänsefingerkraut und anderen Kräutern, ein Gebräu, dessen Rezept von Waldhexen stammte. Wenn die Mischung nicht stimmte, konnte sie tödlich sein. Sie nahm einen der Becher, die auf dem Regal standen. Sie hatte sich das Mädchen genau angesehen, um die richtige Menge einzuschenken.
Granny paffte ihre Pfeife, während das Mädchen den Tee trank. Der Junge saß noch immer hinter dem Steuer und setzte zwischendurch einen Flachmann an die Lippen.
»Hatte er keinen Gummi?«
Das Mädchen hielt den Becher mit beiden Händen, und der Dampf stieg ihr in das gesenkte Gesicht.
»Er will keinen benutzen«, sagte sie. »Er meint, das ist, als würde man ein Beefsteak mit ’ner Socke über der Zunge essen.«
»Stimmt das?«
»Ja. Er meint, er will lieber überall auf den Hügeln uneheliche Kinder haben, als sich unter einer Lümmeltüte zu verstecken.«
Granny konnte spüren, wie der alte Zorn aufwallte. Sie dachte an ihre eigene Tochter, damals, in längst vergangener Zeit. Dachte an den vaterlosen Enkel, den sie unter ihrem Dach beherbergte, der unruhig unter seinem Gewirr aus Decken schlief, als würde ihn das im Krieg verlorene Bein im Schlaf treten und stoßen. Sie steckte den Pfeifenstiel zwischen ihre Zähne und zog fest daran.
»Vielleicht solltest du dann nicht mit ihm mitfahren.«
Das Mädchen blickte auf.
»Das ist Cooley Muldoon, von den Linville-Muldoons. Sie lassen mehr Whiskey von den Hügeln runterfließen als Gott Bäche. Wenn er was von einem will, sagt man nicht Nein.«
»Mehr Whiskey als Eustace Uptrees Truppe?«
Das Mädchen hielt mit der Tasse auf halbem Weg zum Mund inne. Sie sah sich um und schien zu bemerken, wo sie sich befand. Auf wessen Berg. Ihre Augen wurden groß.
»Nein, Ma’am. So viel wohl nicht.«
Der Junge schob den Ellbogen aus dem Wagen, gefolgt von seinem Kopf.
»He«, sagte er. »Wie lange dauert das noch? Ich hab nicht den lieben langen Tag Zeit, euch beim Quasseln zuzuschauen.«
Granny nahm die Pfeife aus dem Mund.
»Es wird den Rest deines Lebens dauern, wenn du einer alten Frau nicht’n bisschen Respekt entgegenbringst.«
Cooley stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Er war dünn und drahtig, die Ärmel seines Flanellhemds hatte er über weißen langen Ärmeln aufgerollt, und seine Hosenträgerschlaufen hingen herab wie ein Paar schlaffe Flügel. Ein langes Messer mit einem Hirschhorngriff steckte in einer Lederscheide an seinem Gürtel.
»Hör’n Sie mal«, sagte er, »ich hab nicht zwanzig Dollar springen lassen, um mir das Gemecker von ’ner alten Hure anzuhören.«
Er zeigte vom Hof aus auf sie, nur einen Steinwurf entfernt, aber sie konnte beinahe spüren, wie sich sein Finger prüfend in ihr Herz bohrte. Sie blickte über ihn hinweg zu den Flaschen im Baum. Der Wind bewegte sie sanft an ihren Zweigen, hundert winzige Münder, die ihren Unmut flüsterten.
»Vorsicht«, sagte sie. »Ruf dir lieber ins Gedächtnis, wo du bist.«
»Ich weiß genau, wo ich bin.«
Er überquerte den Hof, den Arm ausgestreckt, um das Mädchen von der Veranda zu zerren, aber er blieb an der Treppe stehen, als wäre plötzlich die Kette zu Ende. Es war ein Dröhnen, das ihn gestoppt hatte und klang, als käme es vom Berg selbst. Ein Beben. Ein einziger Motor im County machte ein solches Geräusch.
Maybelline.
Das Coupé bog in die Auffahrt ein, ein schwarzer 1940er Ford, der wie eine Kanonenkugel aussah. Er bahnte sich einen Weg durch die Spurrillen, wobei der große Krankenwagenmotor die Erde festklopfte. Quietschend blieb der Wagen stehen und stotterte im Leerlauf, so wenig Gas nicht gewohnt. Der Fahrer würgte den Motor ab, und der Wagenschlag wurde knarrend geöffnet. Heraus stieg Granny Mays Enkel in seiner alten Bomberjacke, die Stirn unter einer schwarzen Melone versteckt, die seinem Großvater gehört hatte. Er war klein, aber kräftig, mit breitem Kiefer und dem Unterbiss einer Bulldogge. Jene Sorte Kiefer, die, sobald sie sich in etwas verbissen hatte, nicht mehr losließ.
»Rory Docherty«, sagte Cooley. »Hab gehört, du bist zurück aus Übersee. Oder wenigstens ein Teil von dir.«
Rory humpelte zur Vorderseite seines Wagens, wobei er sein Holzbein nachzog. Er sagte nichts. Cooley spuckte ins Gras.
»Hätte nicht gedacht, dass du noch fährst.«
Rory zog ein Päckchen Lucky Strike aus seiner Brusttasche und zündete sich eine zwischen seinen hohlen Händen an. Das Zippo-Feuerzeug des 5th Marine Regiment in seiner Hand schnappte zu.
»Ist kein Problem«, sagte er, »weil es mein Kupplungsfuß ist.«
Cooley leckte sich die Lippen und blickte auf Rorys linken Stiefel.
»Dieser Rennfahrer, Red Byron, ist jetzt ein Krüppel. Hat ihn anscheinend nicht davon abgehalten, weiter Rennen zu fahren. Er hat das Bein ja noch.«
Rory stieß den Rauch durch die Nase aus, einen sich kräuselnden blauen Schnurrbart.
»Gibt’s hier irgendein Problem?«
»Wir sind für’n Schluck Tee von deiner Granny hier«, sagte Cooley. »Ella hier hat gestern Abend eine Ladung abgekriegt.«
»Na so was«, sagte Rory.
Cooley zog grinsend seine Reithosen vorn hoch.
»Ja, Sir. Wir brauchten bloß ein Kräutermittel dagegen.«
Das Mädchen trank hastig den Tee aus und erhob sich.
»Ich bin so weit«, sagte sie. »Wir sollten fahren. Daddy steht bald auf. Er darf nicht wissen, dass ich nicht zu Hause war.«
»Nein«, sagte Cooley mit anzüglichem Grinsen Richtung Rory. »Das darf er nicht wissen.«
Sie kam von der Veranda herunter und ging zum Wagen, während Cooley sich nicht rührte. Schließlich kehrte er mit federndem Gang zum Wagen zurück, das dämliche Grinsen noch immer im Gesicht. Er stieg in den grünen Hudson und steckte den Kopf durch das Fenster.
»Hab gehört, Docherty, man hat dir ’ne Medaille dafür verliehen, dass du dich hast in die Luft sprengen lassen.«
Rorys Wangen verdunkelten sich, während er an der Zigarette zog. Die Asche glomm auf.
»Stimmt«, sagte er.
»Ganz schön großzügig, wenn du mich fragst.«
»Stimmt.«
»Dort drüben irgendwelche Schlitzaugen gekillt?«
Wieder kam der Rauch aus Rorys Nasenlöchern, als würde in seinen Eingeweiden ein Feuer brennen.
»Wird Zeit, dass du von meinem Grundstück verschwindest, Kleiner. Und zwar auf der Stelle.«
Cooley legte den Rückwärtsgang ein, wobei er Rory ansah. »Pass auf, wie du mit mir redest«, sagte er. »Bis zu Eustace oben auf dem Berg ist es weit.«
Rory humpelte zu dem Wagen hin. Er legte eine Hand auf das Dach und beugte sich mit der brennenden Zigarette zwischen den Fingern nach vorn.
»Sachte«, sagte er mit leiser Stimme. »Es heißt, er hat Ohren in den Bäumen.«
Rory nickte zu dem Geisterbaum hin. Wie er erwartet hatte, wanderte Cooleys Blick an den Zweigen hinauf, und Rory schnippte dem Jungen seine Zigarette in den Schoß. Cooley schrie auf und schlug nach dem Funkenregen, während sich ein Haufen glühender Fliegen auf seinen Schritt stürzte. Das Mädchen auf dem Beifahrersitz hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte, nicht zu lachen. Cooley wischte die glühende Asche zu Boden und trat sie aus. Als er aufblickte, war sein Gesicht wutverzerrt.
»Zum Teufel mit dir, Docherty. Das wird dir noch leidtun.«
»Es gibt vieles, was mir leidtut«, sagte Rory. »Das hier bestimmt nicht.«
Er drehte sich um und ging zum Haus. Der Hudson wendete und wirbelte Erde auf, als er schlingernd die Auffahrt hinunterfuhr.
Granny sah ihrem Jungen dabei zu, wie er mühsam die Treppe erklomm.
»Du sollst keinen Rauch in eine Schlangenhöhle blasen, Junge.«
»Das war nicht seine Höhle, sondern unsere.« Er machte Anstalten hineinzugehen.
»Rory.« Er blieb stehen. »Hast du nicht was vergessen?«
Er beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange.
»Auf dem Ofen stehen Catheads«, sagte sie. »Soße dazu ist im Topf.«
»Danke.«
Sie hörte ihn hineingehen, wobei die Hütte unter seinen Schritten bebte. Sie hörte, wie die Sprungfedern protestierten, als er sich auf sein Bett fallen ließ und sein Frühstück kalt wurde.
3
Es gab eine dreistufige Pagode, errichtet auf einem kleinen Hügel oberhalb des Flusses, der wie geriffeltes Glas schimmerte. Die Einheit hatte den Fluss zu einem Pool aufgestaut. Sie kauerten darin in ihrem Unterzeug und schrubbten sich mit Seife den Augustdreck aus den Falten und Ritzen ihrer Körper. Haubitzen waren um sie herum auf den Hügeln aufgestellt wie Schutzmonster. Trotzdem wuschen sich die Marines in aller Eile, weil sie sich ohne ihre Stahlhelme, ihr Tarnzeug und ihre gelben Leinenbeinlinge, die seitlich geschnürt waren, ungeschützt fühlten. Erkennungsmarken baumelten um ihre Hälse und blitzten in der koreanischen Sonne.
Rory stand aus dem Pool auf und spürte, wie das kalte Wasser wie ein Umhang an seinem Körper hinabglitt. Seine bloßen Füße mit den weißen Zehen standen auf den runden, glatt gewaschenen Steinen wie die auf dem Berg bei ihm zu Hause. Er ging den Hügel hinauf in Richtung des Tempels mit dem Ziehharmonikadach, wo sie einquartiert waren, vorbei an olivfarbenen Hemden und Hosen, die auf Felsen und Büschen trockneten und wie Tierhäute ausgebreitet waren. Die Luft fühlte sich an, als wäre sie voller Zähne. Früher am Tag, als sie ein verlassenes Dorf durchsucht hatten, waren sie unter Beschuss von Heckenschützen geraten. Ihr erstes Mal. Sie waren zwar Marines, aber trotzdem naiv. Das Knallen der Schüsse hatte ihnen die äußere Schicht Mut vom Rücken gepellt; ihre Knochen waren jetzt dichter unter der Oberfläche.
Ein Paar steinerne Löwen bewachte den Eingang der Pagode, von Flechten überzogene Tiere mit eckigen Köpfen und großen Pfoten. Die Marines nannten sie »Foo dogs«. Es gab einen Nisei in ihrer Einheit, Sato, dessen älterer Bruder im 442. Infanterieregiment im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Alles japanischstämmige Amerikaner.
»Komainu«, sagte er. »Wächterlöwen. Sie halten die bösen Geister fern.«
Einer hatte sein Hemd über eins der Tiere geworfen. Rory nahm das Kleidungsstück herunter, damit die Kreatur etwas sehen konnte. Er betrat den Tempel. Die Luft fühlte sich kühl und abgestanden an wie in einer Höhle. Die dunklen Geister abgebrannter Kerzen spukten um die Wandleuchter. Der Ort roch nach Weihrauch und Lucky Strikes und nervösen Marines. Ihre Ausrüstung war an den Wänden aufgereiht. Er war noch nie an einem so alten Ort gewesen. Granny hatte für Kirchen nichts übrig – »Gottesschachteln« nannte sie sie –, und die in den Bergen schienen im Vergleich zu dieser hier nicht sehr stabil zu sein. Hastig zusammengeschusterte Bretter, manche lediglich aus Unterholz. Doch hier halb nackt und allein im Zentrum des Tempels fühlte er sich mit dem Stein von Generationen wie gepanzert. Keine Kugel konnte ihn hier treffen. Kein Gefühl von Angst ihn beschleichen.
Er wollte an diesem Ort bleiben, der so still und freidlich war inmitten der waffenstarrenden Hügel. Aber ein kalter Wind pfiff durch den Tempel und traf ihn am Rücken, und ihm fiel wieder ein, dass der Herbst früh begonnen hatte, für die Blätter und die Menschen. Leuchtendes Blut auf den sägezahnförmigen Gebirgskämmen und das Schreien, das nicht aufhören wollte.
Er konnte es nicht vergessen.
Rory wachte gegen Mittag auf, er hatte die Bettdecke weggestrampelt, und sein Körper war trotz der Oktoberkälte von einem Schweißfilm überzogen. Das Bein, das er verloren hatte, pochte, als befände es sich noch an dem zerbeulten Stumpf unterhalb seines Knies. Er stand auf und zog sich rasch an. Sein Zimmerfenster war beschlagen, und die vier Scheiben schimmerten blassgolden. Bilder ohne Rahmen bedeckten die Wand. Tiere des Feldes, Vögel der Luft – ihre Körper geflammt, wo die Sonne auf sie fiel. Sie erinnerten ihn daran, welcher Tag war: Sonntag.
Er wusch Achseln und Gesicht, gelte das Haar zurück und betupfte seine Halskuhle mit Grannys hausgemachtem Eau de Cologne, das brannte. Er zog ein weißes Hemd an, das man bis zum Hals zuknöpfen konnte, legte eine schwarze Krawatte um und setzte die Melone seines Großvaters Anson auf. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel – es sah aus, als hätte sich über Nacht ein ganzes Jahrzehnt unter seiner Haut eingenistet. Die Haut unter seinen Augen schimmerte, als hätte ihm jemand einen Fausthieb verpasst.
Er saß auf der Veranda und kratzte den Schlamm von seinen Stiefeln, als Granny herauskam. Sie balancierte eine Pastetenform in ihrer Armbeuge.
»Ich nehme das«, sagte er und sprang auf.
»Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Ich bin nicht invalide.«
Sie saß steif und mit geradem Rücken in dem PS-starken Fahrzeug, als wäre es eine Pferdekutsche. Man konnte sich problemlos vorstellen, wie sie auf einer Wells-Fargo-Postkutsche fuhr, eine kurzläufige Schrotflinte im Schoß. Als er hinter das Steuer glitt, blickte sie ihn an.
»Hast du wieder schlecht geträumt?«
»Nein«, log er.
»Du solltest die Tinktur nehmen, die ich für dich zubereitet habe.«
»Das tue ich.«
»Von wegen, du kippst sie immer in das Astloch in der Bodendiele.«
Rory ließ den Motor an und fragte sich, woher sie so etwas wissen konnte.
Innerhalb einer Stunde waren sie unten im Tabakland, Quadrat um Quadrat hügeliger Felder, die links und rechts vorbeizogen, der rote Lehmboden wie Wunden zwischen den Bäumen. Riesige, grob gezimmerte Trocknungsscheunen schwebten oben auf den Hügeln wie verwitterte Archen, die Brightleaf-Tabak enthielten, der die weißen Zigarettenhüllen füllen würde, die mit Trucks im ganzen Land verteilt wurden. Chesterfields und Camels und Lucky Strikes. Pall Malls und Viceroys und Old Golds. Der Highway schlängelte sich durch Winston-Salem, wo das zwanzigstöckige Reynolds-Gebäude wie eine Miniatur vom Empire State Building in den Himmel ragte. Es war nach R. J. Reynolds benannt, der Zeitung lesend auf einem Pferd in den Ort geritten war und das Zigarettenpäckchen erfand, was ihn zum reichsten Mann des Staates gemacht hatte.
»Es heißt, es sei das höchste Gebäude in beiden Carolinas«, sagte Rory.
Granny saugte an ihren Zähnen und trug eine verächtliche Miene zur Schau, wie sie es immer tat, wenn sie gezwungen war, den Berg zu verlassen.
»Das is’n Fliegenschiss verglichen mit der Höhe, in der mein Haus steht, oder?«
Sie fuhren an Greensboro und Burlington vorbei, wo sich riesige Fabriken aneinanderreihten, deren Schornsteine Tag und Nacht schwarzen Rauch ausstießen, während weiter unten hübsche, kleine Städte mit Straßenbahnen und straff gespannten Telefonleitungen erblühten. Sie fuhren vorbei an Durham, dem Sitz von Duke Power, das beinahe den gesamten Staat mit Strom versorgte, dann hinein nach Raleigh, wo sie die von Eichen beschatteten Straßen entlangfuhren, und schließlich hinauf zur staatlichen Irrenanstalt namens Dix Hill. Es war ein riesiger, doppelflügeliger Sandsteinbau, der über der Stadt aufragte, vierstöckig, die schmalen Fenster dicht an dicht wie mittelalterliche Schießscharten. Der Mittelbau sah aus, als wäre er von Griechen errichtet worden, vier riesige Säulen, die ein dreieckiges Gesims trugen, mit einer Glaskuppel obendrauf.
Sie unterschrieben die Papiere, setzten sich und warteten. Als die Krankenschwester kam, um sie abzuholen, ging Rory als Erster hinein. Seine Mutter durchquerte leichtfüßig den Besucherraum, die Sohlen ihrer weißen Leinenschuhe kaum hörbar. Ihre Gestalt war dementsprechend, beinahe durchscheinend wie ein Windhauch. Sie konnte im selben Raum mit einem sein, ohne dass man es bemerkte. Ihr schwarzes, mit silbernen Strähnen durchzogenes Haar war nach hinten gekämmt und reichte ihr bis zur Taille. Ihre Haut war geisterhaft weiß, so als bestünde sie aus Licht. Als könnte man, wenn man nur kräftig genug zwinkerte, ihre Knochen sehen.
»Wirst du gut behandelt?«, fragte Rory.
Sie nickte und nahm seine Hände. Ihre Augen strahlten so hell bei seinem Anblick, dass sie ihm Löcher ins Herz bohrten. Sie sagte nichts. Sagte nie etwas. Sie sei schon immer ein stilles Mädchen gewesen, hatte Granny ihm erzählt, das in seiner eigenen Welt lebte. Verrückt, wie manche behauptet hatten. Sonderlich. Dann kam der Abend, als Gaston ermordet worden war, und sie sprach nie wieder ein Wort. Rory hatte noch nie ihre Stimme gehört. Er kannte ihren Geruch, wie bevorstehender Regen, und die langen, v-förmigen Sehnen, aus denen ihr Hals bestand. Er kannte die winzigen Fältchen von der Größe eines Kolibrikrallenfußes in ihren Augenwinkeln. Er wusste, wie sich ihre Hände anfühlten, so leicht und kühl. Hände, die mit einer Nagelklaue einem Mann ein Auge herausgerissen und den Augapfel anschließend in der Tasche ihres Kleids versteckt hatten.
Sie waren zu dritt gewesen, Night Riders, alle drei mit Sackkapuzen. Es war das Jahr 1930 gewesen. Die Männer hatten sie mit dem Sohn eines Fabrikbesitzers in einer leeren Hütte am Fluss erwischt. Der Ort war aufgegeben worden, dazu bestimmt, überschwemmt zu werden, wenn das Wasser stieg. Sie prügelten den Jungen mit Axtstielen zu Tode, aber sie wehrte sich, fand eine Nagelklaue in einem Haufen Werkzeug, gespalten wie eine Zunge. Sie teilte aus, so gut sie konnte.
Und erbeutete ein Auge.
Keiner von ihnen wurde je erwischt.
Der Junge, den sie totgeschlagen hatten, hieß Connor Gaston. Er sei ein seltsamer Kerl gewesen, sagten die Leute. Aber klug. Er hatte Vögel gemocht, Violine gespielt. Sein Vater leitete die Strumpffabrik am Ort. Ein Junge mit beträchtlichen Privilegien, wohingegen sie die Tochter einer Prostituierten war. Wahrscheinlich war sie selbst eine, hieß es. Lebte sie nicht in einem Hurenhaus? War sie bei den Blicken und dem Aussehen nicht schon volljährig? Hatte sie den Jungen nicht dorthin gelockt, damit er zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde?
Sie lehnte es ab, sich zu verteidigen. Ein paar behaupteten, ein kräftiger Schlag auf den Kopf hätte sie verstummen lassen. Andere meinten, es sei Gott gewesen. Die Ärzte waren sich nicht sicher. Sie schien mit einem Bein in einer anderen Welt zu stehen. Sie hatte die Schwelle zum Tod teilweise überschritten. Die Gastons wollten nichts mit ihr zu tun haben, begraben und vergessen. Dieser Schandfleck auf dem Namen ihres Sohnes. Der Richter hatte sie für geistesgestört erklärt und sie dem Staat übergeben. Ihr Bauch war bereits zu sehen gewesen, als man sie fortgebracht hatte. Rory kam im Krankenhaus von Dix Hill zur Welt. Die Gastons waren verschwunden – hatten ihre Sachen gepackt und waren nach Connecticut zurückgekehrt, ohne Nachsendeanschrift.
Rory und seine Mutter saßen lange Zeit am Tisch und hielten Händchen. Rory stellte ihr Fragen, und sie nickte oder schüttelte den Kopf, als wäre sie zum Sprechen zu schüchtern.
»Irgendwelche neuen Bilder?«
Sie nickte und nahm den Notizblock von ihrem Schoß. Es waren hauptsächlich Vögel, Schornsteinsegler und Raubwürger und Rauchschwalben. Spechtmeisen, bläulich mit rotem Bauch, und eisengraue Goldhähnchen mit rubinrotem Scheitel. Carolinazaunkönige, haselnussbraun mit weißen Streifen über den Augen, rotschwarze Stare, die weiß gesprenkelt waren. Walddrosseln mit zimtfarbenen Schwingen, die helle Brust braun gesprenkelt, und Seidenschwänze mit zitronenfarbener Brust und einer schwarzen Maske über den Augen. Rotkardinale, mit einer hohen Haube auf dem Kopf, und rotschwänzige Habichte, die todbringend über der Erde kreisten.
Sie waren nicht wie die Druckgrafiken an den Wänden. Diese Vögel waren wie aufs Papier geworfen, jede Kreatur kantig und ungestüm und leuchtend, die Flügel ein geisterhafter Anklang an Flugbewegungen. Sie waren mit Wasserfarben gemalt, ein wenig durchscheinend, so als hätte sie nicht den Körper, sondern den Geist des Vogels aufs Papier gebracht, jede Feder wie eine züngelnde Flamme. Es waren seltsame Feuer, die grün und violett, rostfarben und königsblau brannten. Rory wusste, dass Adler mehr Farben sehen konnten als Menschen. Sie sahen ultraviolettes Licht, das von Schmetterlingsflügeln abgestrahlt wurde, und Spuren von Urin ihrer Beute, erkannten die wachsartige Schicht auf Beeren und Früchten. Manchmal fragte er sich, ob seine Mutter auch so war, ob sie die Welt in Schattierungen unterteilte, die andere nicht sehen konnten. Ob das Kreisen und Gleiten eines Vogelflugs für sie eine Figur bildeten, ein in einer fremden Sprache hingekritzeltes Gedicht, das die anderen nicht kannten.
Sein Herz wurde wie immer schwer. Tränen traten ihm in die Augen.
»Sie sind wunderschön«, sagte er.
Wie immer gab sie ihm eins mit. Diesmal war es ein Papagei, lindgrün mit roten Punkten um die Augen. Er würde es in seinem Zimmer an die Wand hängen, ein neues Mitglied in seinem voller werdenden Vogelhaus, das ihm Gesellschaft leistete.
Es war später Nachmittag, als sie sich wieder auf den Heimweg machten. Rory zündete sich eine Zigarette an, Granny ihre Pfeife. Ihr Rauch zerstob im Fahrtwind. Sie fuhren an Stadtautos in Schwanenweiß oder Flamingorosa, Grasgrün oder Babyblau vorbei – schimmernd wie Kaugummikugeln unter den Bäumen. Sämtliche Gärten waren hübsch gepflegt, in vielen prangten eingepflockte Schilder mit der Aufschrift »We like Ike«. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, wirkten seltsam reinlich und frisch und gleichförmig, wie Mitglieder derselben Modellreihe.
Rasch ließen sie die von Eichen beschatteten Straßen hinter sich, und der Verkehr wurde schwächer, löste sich schließlich ganz auf, und das Land begann in sanfte Hügel überzugehen wie ein Meer aus Erde.
Früher hatte Rory Granny immer gebeten, ihm Geschichten über seine Mutter zu erzählen. Darüber, wie wunderschön und gütig sie war. Wie sie einmal Totenwache für einen riesigen Grashüpfer gehalten hatte, den sie sterbend auf der Veranda gefunden und dem sie leise Wiegenlieder gesungen hatte, während er auf dem Rücken gelegen und gestrampelt hatte, grün wie ein Blatt im Frühling. Wie sie ihn mit einem Kreuz aus Streichhölzern hinterm Haus begraben hatte.
»Das Mädchen hatte Engelsblut«, pflegte Granny zu sagen. »Keine Ahnung, woher sie das hatte. Jedenfalls nicht von mir.«
Die alten Geschichten waren wieder und wieder erzählt worden, bis auf eine. Bis auf die Geschichte, die nur seine Mutter erzählen konnte.
Darüber, was wirklich an jenem Abend im Tal passiert war.
Das Land erhob sich vor ihnen, immer zerklüfteter und steiler, und die Berge schwebten wie Rauch über dem Horizont. Howl Mountain war der höchste und steilste unter ihnen. Er erhob sich breitschultrig und gezackt wie der abgebrochene Eckzahn eines Riesentiers. Auf seinem Gipfel schwebte eine mit Tannen und Fichten gesprenkelte Insel, ein Relikt prähistorischer Zeit in großer Höhe. Der Wind peitschte und jagte zwischen den alten immergrünen Bäumen hindurch und pfiff wie eine Turbine, und er tat seltsame Dinge. Es hieß, die Schwerkraft sei auf der Bergspitze aufgehoben und im Herbst würden sich die Blätter wie von selbst vom Boden erheben und säuselnd durch den Wald schweben, als wollten sie zu den Ästen zurückkehren, die sie verlassen hatten.
Rory wusste, dass der Boden dort oben von Blut getränkt war. Widerstandskämpfer aus dem Bürgerkrieg, die Kehle durchgeschnitten oder erschossen oder am Strick baumelnd. Vor ihnen waren es Grenzbewohner gewesen, Siedler in den Bergen mit langen Gewehren, die sich mit den Cherokee bekriegt hatten und mit den Pfeilspitzen aus Feuerstein in ihren Leibern und Musketenkugeln zwischen den Zähnen gestorben waren. Und wer kannte schon die vielen rivalisierenden Stämme aus früheren Jahrhunderten, längst vergessene Blutfehden, lange bevor der erste Weiße aufgetaucht war, die Knochen der Gefallenen, die wie Auszüge aus Geschichten über den Berg verstreut lagen. Manche behaupteten, es wären die Seelen all derer, die sich zu erheben versuchten, welche die toten Blätter aufwirbeln ließen.
Rory dachte an das, was Eustace ihm erzählt hatte, als er klein war, wie die Menschen in den Bergen damit prahlten, einander die Augen auszustechen und die Nasen abzubeißen. Wie sich diese in der Wildnis geborenen Waldbewohner in einem Kreis aus johlendem, wettsüchtigem Volk wiederfanden, ihre langen, gekrümmten Daumennägel über Kerzenflammen gehärtet und mit Öl eingerieben, und wie Davy Crockett sich persönlich einmal damit gebrüstet hatte, einem anderen so leicht, wie man eine Stachelbeere auslöffelt, ein Auge ausgestochen zu haben. Damals gab es keine größere Trophäe, als das Auge eines anderen in seiner Tasche zu haben, dicht gefolgt von einer abgebissenen Nasenspitze. Eine grausame Geschichte, wie alle von Eustace, aber vielleicht deshalb so erzählt, damit der Junge stolz auf das war, was seine Mom in ihrer Bedrängnis getan hatte.
Was er auch war.
Er wünschte nur, es hätte sie nicht ihrer Stimme beraubt, und er fragte sich manchmal, ob mit ihm vielleicht alles in Ordnung war, dass gar nicht das, was er in Korea gesehen und getan hatte, ihn hatte verstummen lassen.
Er blickte zu Granny.
»Stimmt es, dass du das Auge von ’nem verknallten Deputy gestohlen und irgendwo versteckt hast?«
Sie schnaubte.
»Dieses Auge bringt nichts als Ärger, Junge. Manche Dinge lässt man besser ruhen.«
»Ich habe ein Recht darauf, es zu sehen.«
»Na klar. Und ich habe ein Recht darauf, dir zu sagen, dass du mich mal kannst.«
4
Granny May saß in ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda. Die Hügel lagen goldbestäubt von der Herbstsonne da. Bald würden aschehafte violette Flecken auftauchen, die blutigen Stichwunden des Rotahorns. Die Farben würden an Intensität zunehmen, das Gelb sich in flüchtiges Gold verwandeln – die vielen Kronen, die majestätisch und zahlreich zur Sonne zeigten –, bevor die Blätter schließlich braun verfärbt und raschelnd zur Erde fielen.
Das war die beste Jahreszeit für die Wurzelsuche, für das Ausgraben von Rohstoffen, aus denen sie ihre Medizin machte. Die Tees und Tinkturen, Arzneien und Umschläge. Im Sommer brauchten die Pflanzen ihre Energie dafür, Blätter, Blüten und Früchte zu produzieren. Im Herbst versenkten sie ihre Nährstoffe in der Erde, verankerten sich dort, um die harten Wintermonate zu überstehen. Wenn sie durch den Wald ging, war sie von Freunden umgeben. Von Nachbarn. Sie kannte mehr als ihre Namen, kannte die Form ihrer Blätter, winzige Wimpel oder Messer oder Herzen, und die Größe ihrer Knollen, Beeren und Früchte. Sie kannte die dunklen Schluchten, in denen sich manche von ihnen gern versteckten, und die lichten Waldränder, wo sich andere der Sonne entgegenstreckten. Sie kannte den Geruch ihrer Blätter und Wurzeln, rieb sie zwischen den Fingern und schnupperte daran. Es gab Pflanzen, die das Herz oder die Lunge, die Haut, den Darm oder das Blut heilen konnten. Pflanzen, die den Körper reizen oder besänftigen, den Geist anregen oder dämpfen konnten. Es gab Wurzeln, die einem halfen, sich von sich selbst zu lösen oder sich dem Geisterreich zu nähern, und welche, die einen wurzeltief erdeten. Es gab Pflanzen, die töten konnten.
Es gab das Salomonssiegel, das wirbelsäulenförmig in die Erde wuchs, mit perfekten kreisförmigen Wirbeln, für jedes Jahr einen. Es konnte den Magen beruhigen, die Lungen reinigen und eine starke Regelblutung eindämmen. Man konnte es mit der Hand ausreißen. Dann gab es den Sassafrasbaum, dessen Blätter häufig wie Fäustlinge aussahen, den Wasserschierling, der einen grausamen Tod voller Anfälle und Krämpfe verursachte – anders als der Gefleckte Schierling aus Europa, der Philosophen sanft ins Dunkel befördert hatte. Es gab diese und viele andere, ein Wunder an Kräutern und Pflanzen, die über den Berg verstreut und bereit waren, gepflückt zu werden, und dann noch jene, die sie heimlich unter Bäumen züchtete und deren Rauch Schmerzen des Körpers und des Geistes linderte, die Zeit auf Kriechgeschwindigkeit verlangsamte und selbst dem Hartherzigsten ein Kichern entlocken konnte.
An diesem Morgen hatte sie eine siebenblättrige mehrjährige Staude geerntet, die als Hasenklee oder Gemeiner Tarweed bekannt war, wobei sie unter gutem Zureden ihre Pfahlwurzel aus dem feuchten Ufer eines trockenen Flusses ausgegraben hatte, wo ein Bett aus grün bemoosten Steinen den Hang bedeckte. Sie mischte die Wurzel mit Honig und stellte daraus Hustensaft her – um diese Jahreszeit stark nachgefragt – und bewahrte die von Honig umhüllten Wurzelstückchen als Bonbons gegen raue Hälse auf. Sie hatte die feuchte Bergerde von den Wurzeln abgewaschen, und jetzt lagen sie auf einem Holzbrett zum Trocknen in der Sonne, und ihre blassen Arme rollten sich ein wie die Tentakel eines Jungkraken.
Granny lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück, stopfte ihre Pfeife und ließ den Blick über das Hochland, das ihr Zuhause war, gleiten. Ihre Vorfahren waren schon vor langer Zeit in diese Berge gekommen, vor fast zweihundert Jahren. Ihre Familie hatte mit Äxten und Schrotsägen Holz bearbeitet, hatte Hütten nicht größer als Bärenhöhlen gebaut. Sie hatten Hausschweine gezüchtet, die sie frei laufen ließen, damit sie sich an den herabgefallenen Nüssen im Wald satt fraßen, und hatten »Whiskeybäume« – Getreide – angebaut und mit handgemachten Kellen die Maische in riesigen Kupferkesseln umgerührt. Sie hatten in jedem Krieg einer noch jungen Nation gekämpft, sich auf die Seite der Union geschlagen, als der Staat sich abgespaltet hatte, und sie hatten Wurzeln gesammelt und alle Arten von Tieren gejagt, indem sie an den Berghängen gezahnte Fangeisen ausgelegt hatten. Sie hatten getan, was sie konnten, um zu überleben, das Gleiche, was auch sie getan hatte, aber sie waren gestorben wie die Fliegen. Sie waren an Grippe oder im Kindbett gestorben. Sie waren von Totholzästen erschlagen oder von Eseln getreten worden oder hatten sich bei Unfällen mit dem Destilliergerät verbrannt. Ein paar verschwanden in den Wäldern und kehrten nie zurück. Nur wenige starben an Altersschwäche.
Sicher, sie wurde langsam älter. Ihre Schritte waren schwerer als früher, ihre Füße platter, ihre Gelenke bei Wetterumschwüngen empfindlicher. Ihr Haar, das einst schwarz wie eine Krähenschwinge gewesen war – angeblich der Einfluss von Cherokeeblut –, hatte sich zu einem gräulichen Eichenton aufgehellt. Doch ihre hohen Wangenknochen – vielleicht ein weiteres Geschenk ihrer gemischten Herkunft – sanken nicht herab. Und ihr Verstand funktionierte einwandfrei. Zum Teufel mit ihr, wenn sie den je verlieren sollte.
Immer um diese Jahreszeit ertappte sie sich dabei, wie sie an Anson, ihren Mann, dachte, der vor langer Zeit in Frankreich gefallen war. Sie hatte ihn kurz vor dem ersten Frost kennengelernt. Es war eins der Erntedankfeste am westlichen Ende des Countys gewesen, und sie war zusammen mit ein paar Nachbarmädchen hingegangen, wobei einer der älteren Brüder die Kutsche gefahren hatte. Sie war gerade mal vierzehn gewesen. Die Scheune, die im Dunkeln blau wirkte, war im Innern von warmem Licht erfüllt, das wie goldener Whiskey durch Türritzen und kaputte Verkleidung quoll. Fiedler hatten stampfend auf ihren Instrumenten gesägt, ihre Lieder quicklebendig und nur von einer flüchtigen Trauer erfüllt.
Sie trug ein Kleid mit rot-weißem Vichy-Muster, das ihre Mutter ihr genäht hatte, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht und mit Nadeln hochgesteckt gewesen. Ihre Mutter hatte Stunden damit zugebracht, es hochzustecken, es irgendwie zu befestigen – eine Frau, die ihr Haar höchstens zu einem Dutt gebunden getragen hatte. Jetzt, nach Jahren, wusste Granny, weshalb. Damals war sie zur Frau geworden, ihre Brüste waren angeschwollen und zwischen ihren Schenkeln schimmernde schwarze Locken gesprossen. Ihre Regel hatte eingesetzt. Und ihr Vater, diese nichtsnutzige Ausgeburt einer alten, hartgesottenen Linie von Bergbewohnern, hatte sie, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte, merkwürdig angesehen. Ihre Mutter wollte sie aus dem Haus haben. Wollte, dass ihre Tochter einen Mann fand.
Es gab Jungs, die draußen vor der Scheune im Dunkeln auf Nagelfässern lümmelten, während sie an etwas nippten, das sie zum Kichern brachte, das sie aber versteckten. Eustace Uptree war der Stärkste von ihnen. Der Anführer. Sie hatte ihm keine Beachtung geschenkt. Keinem von ihnen. Anson gehörte nicht dazu. Sie kannte ihn bereits von einer Tanzveranstaltung im Sommer, und sie hielt Ausschau nach ihm.
Er tanzte so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Wie sie es sich erhofft hatte. Er war in ihrem Alter, schmal gebaut, aber groß, mit langen Beinen in eng geschnittenen Hosen und glänzenden Stiefeln. Er trug ein Hemd aus Chambray, das bis zum Hals zugeknöpft war, und seine hellen Haare in einem saloppen Wuschel. Er hatte ein breites Lächeln aufgesetzt, das er die ganze Zeit beibehielt. Die Tanzenden drehten sich in einem einzigen großen Kreis und hielten sich dabei an den Händen, teilten sich dann in vier Gruppen zu jeweils vier auf, wobei sie sich immer weiter drehten, und Anson gab in den Armen seiner Partnerinnen Eulenschreie von sich, während er seine langen Beine beugte und spreizte, mit den Hackeneisen auf den Dielenboden stampfte und sein Lächeln so breit wie ein quer liegender Halbmond war.
Nachdem das Lied vorbei war, ging sie geradewegs zu ihm hin. Sie kannte keine Angst, außerdem war sie die Hübscheste von allen. Er blickte lächelnd zu ihr hinunter.
»Kenne ich dich?«, fragte er.
»Nein.« Sie legte den Kopf schräg und zeigte ihre gebogene Halslinie. »Aber das solltest du.«
Sein Lächeln wurde noch breiter, falls das überhaupt möglich war.
Himmel, konnte sie tanzen. Die ganze Nacht, wenn sie wollte, und das taten sie auch. Die Musik setzte ihre Füße in Bewegung und brachte ihre Augen zum Strahlen. Seine ebenfalls, und seine Hände waren groß und trocken und warm, sein Körper stark und straff, als er sie berührte. Danach traten sie hinaus unter den Klingenmond, um im Schutz der Scheune zu schmusen. Ihr Blut wallte heiß. Sie wollte ihn erklettern wie einen Baum und sich in seinen Ästen wiegen.
Als andere Paare herauskamen, um das Gleiche zu tun, zogen sie sich in den Wald zurück. Der Boden war kalt, aber das kümmerte sie nicht. Es war ihr erstes Mal. Er war wie ein Pfannengriff. Er biss sie ins Ohr, als er in sie hineinstieß, und er fühlte sich an wie etwas, das man rot glühend aus den Kohlen geholt hatte. Es tat weh und gleichzeitig nicht. Ein Jahr später waren sie verheiratet, und Bonni war unterwegs, und dann wurde er gemeinsam mit den anderen Jungs nach Frankreich geschickt und in einer Kiste aus Fichtenholz wieder zurückgebracht. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich als Alleinstehende in den Bergen den Lebensunterhalt zu verdienen, und sie hatte für ihre Tochter getan, was sie tun musste. War in eins der Bordelle in Boone und dann ins Vorland nach Gumtree gezogen, als Firmen aus dem Norden damit anfingen, ihre Textil- und Möbelfabriken zu bauen und billige Arbeitskräfte aus den Bergen anlockten. Es gab eine Menge einsamer Männer mit ein bisschen Bargeld in der Tasche.
Sie seufzte. Diese Zeit hatte ihr nicht so sehr missfallen, wie sie es hätte sollen. Einen dicken Packen Bargeld in der Tasche und ein scharfes Rasiermesser zwischen den Brüsten. Und eine Schlange mit Männern, die beim Anblick ihres weichen Körpers hart wurden. Dann war das mit Bonni passiert, weshalb sie der Welt außerhalb der Berge ein für alle Mal abgeschworen hatte. Manchmal fragte sie sich, wie sie ein so wunderschönes und gütiges Geschöpf hatte zur Welt bringen können. So voller Licht. Warum es ihr nicht gelungen war, dieses Geschöpf vor den Übeln der Welt dort unten zu beschützen. Sie hatte die Männer nie gefunden, die es getan hatten, hatte sie nicht mit ihren Kehlen oder Herzen dafür bezahlen lassen. Seit damals war ihre Welt aus dem Lot und glich einem eiernden Kreisel. Trotz weiblicher Waffen und Zauberkräfte war es ihr nicht gelungen, die Balance wiederherzustellen. Und jetzt war ihr Enkel mit dem Krieg im Blut nach Hause gekommen, und sie fragte sich, wohin ihn das womöglich trieb. Auf welche Straßen, die längst in der Flut versunken waren. Sie fragte sich, welche Schmerzen und welche Schuld womöglich kommen würden und sich heimlich in seinem Herzen einnisteten. Sie kannte sie nur zu gut.
Granny schüttelte den Kopf, während sie fest an ihrer Pfeife zog und ihre Lungen mit Rauch füllte, um anschließend den blauen Schwall gemeinsam mit den Sorgen auszustoßen. Die Medizin tat ihre Wirkung, und sie ließ sich in den Schaukelstuhl zurücksinken. Die steifen Spindelstäbe im Rücken, die Füße schwer auf den harten Bodendielen. Der Berg, unerschütterlich wie eine Armee hinter ihr. Sie war hier. Jetzt. Sie war Blut und Knochen.
Sie beobachtete eine Wolfsspinne dabei, wie sie durch einen schrägen Lichtstreifen am Rand der Veranda kroch, und sie konnte beinahe das leise Kratzen ihrer Beine auf den Dielen hören. Sie hörte das Flattern von Moorhühnern, von irgendeinem Jäger aufgeschreckt, deren Flügel knatterten, als sie sich im Schwarm von den Bäumen erhoben. Ganz in ihrer Nähe sangen leise die Flaschen an den Zweigen der goldenen Kastanie, eine wandernde Lichtkaskade, während die Brise sie in Schwingungen versetzte. Darunter kauerte das alte Schmugglercoupé, das mit seiner geöffneten Motorhaube, die einem riesigen Maul glich, böse und gemein aussah. Das große Herz des Wagens glänzte in der Sonne, voller Kammern und Ventile.
Die Jungs kletterten zwischendurch auf das Auto, ohne Hemd und bis zu den Ellbogen voller Schmiere und Öl. Lappen hingen ihnen aus den Gesäßtaschen, und Schraubenschlüssel waren in die Schlaufen ihrer Jeans eingehängt. Wenn sie atmeten, zogen sich ihre Bäuche zu einem Muster aus winkligen Flächen zusammen, und ihre Haut glänzte in der sinkenden Sonne.
Gütiger Himmel, wenn sie doch nur zwanzig Jahre jünger wäre.
Eli hatte sich zu Rory über den Ford gebeugt. Er trug einen langen Bart, der buschig war wie der Schwanz eines Eichhörnchens und ein Eigenleben zu führen schien. In der Hand hielt er einen Flachmann mit etwas, das aussah wie Wasser, aber keins war.
»Deine Großmutter hat mich schon wieder angeglotzt«, sagte er. Er blickte über die Schulter und leckte sich die Lippen. »Das ist nicht gesund.«
Rory trat von dem Motor weg und blickte ihn an.
»Vielleicht solltest du ihr geben, was sie will.«
Eli umfasste sanft seinen Bart, als wollte er ein Haustier streicheln. Er warf einen Blick zur Veranda.
»Scheiße«, sagte er. »Diese alte Päderastin?«
Rory streckte die Hand aus.
»Gib mir die Kerzen da.«
Eli rülpste abgelenkt durch die Zähne und reichte ihm eine Pappschachtel, die neben ihm auf dem Stuhl stand. Er war noch keine dreißig, aber seine Hände waren alt, rau und knotig und verdreckt wie die Wurzeln einer Eiche. Sie waren in die Eingeweide beinahe sämtlicher Fahrzeuge eingetaucht, die diese Berge heraufgekeucht waren. Er hielt eine Flotte Whiskeyautos am Laufen, aufgebockte Coupés, die stotterten und bebten wie tickende Bomben, die kraftvoll explodierten, wenn sie gezündet wurden. Der 1940er Ford – Maybelline – war die Königin seiner Flotte. Angetrieben von einem 5,4-Liter-Krankenwagenmotor.
Er sah dabei zu, wie Rory den Schraubenschlüssel um die erste Kerze legte.
»Hab gehört, Cooley Muldoon war Sonntagfrüh hier.«
Rory blickte nicht auf.
»Wo hast du das denn her?«
»Ach, du weißt schon, so was spricht sich rum.«
»Ach ja?«
»Hab gehört, du hast seinen Johannes angezündet.«
Rory schraubte die Zündkerze in den Motor.
»Das hat er sich selbst zuzuschreiben.«
»Du warst ’ne Weile weg. Die Muldoon-Jungs lassen so was nicht durchgehen. Heute jedenfalls nicht mehr.«
Rory blickte auf das v-förmige Gebilde unter seinen Händen. Es hatte acht Kammern, die schwarz waren und deren Melodien durch die rostfreien Orgelpfeifen des Auspuffs strömten. Dieser Motor hatte ihn ein ums andere Mal gerettet, war verlässlicher als jede Kirche.
»Zum Teufel mit den Muldoons«, sagte er.
Eli drückte seinen Bart zusammen und entkorkte erneut den Flachmann.
»Vielleicht bist du nicht mehr so schnell, wie du glaubst«, sagte er. »Und die Regierung soll angeblich einen Steuereintreiber aus Washington schicken, der sich nicht scheut, von seiner Waffe Gebrauch zu machen.«
Rory zuckte mit den Achseln.
»Besser als ’n Knüppel«, sagte er. »Oder ’ne Schaufel.«
Eli legte den Kopf schräg.
»Was ist?«
Rory schüttelte sich, als hätte ihn ein Schauer überlaufen, und beugte sich erneut über den Motor.
»Nichts«, sagte er.
I. Erntemond
Bonni sah ihn das erste Mal in der kleinen Stadtbücherei, wo sie um die Mittagszeit gern hinging. Es war ein kleiner, eleganter Backsteinbau. Sie mochte die Stille dort und den Geruch. Das Rascheln der Röcke der Bibliothekarinnen zwischen den Regalreihen. Sie saß dann immer mit verschränkten Beinen da, umgeben von Zola oder Yeats, zeichnete in ihr Skizzenbuch und hielt zwischendurch inne, um von ihrem Tomatensandwich abzubeißen. Hier zwang sie keiner, mit irgendjemandem zu sprechen. Stattdessen nahm sie die leisen Stimmen der Bücher wahr, die so gewaltig waren, dass die Worte wie Staubkörnchen um sie herum schwebten.
Connor bog in ihren Gang ein. Er trug drei Bücher, die mit einem Ledergürtel zusammengebunden waren, und hatte einen Geigenkasten unterm Arm. Im Mund hatte er einen großen Magnum-Bonum-Apfel, gelb mit roten Bäckchen. Als er sie sah, blieb er wie angewurzelt stehen, so als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Dann straffte er die Schultern und ging weiter. Er stellte den Geigenkasten auf die eine Seite und legte die Bücher auf die andere, setzte sich dazwischen und nahm den Apfel aus dem Mund.
Weißt du, was Magnum Bonum bedeutet?
Bonni schüttelte den Kopf.
Es bedeutet »Großes Gut«, sagte er und hielt die fleischige Kugel vor sie hin.
Bonni blickte hinunter auf ihren eigenen Apfel, einen harten, kleinen Granny Smith. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Aber der Junge hatte sein Obst bereits weggelegt.
Weißt du, woher sie das Geld für den Ort hier haben? Von den Carnegies. Vater meint, sie hätten mehr Geld als Gott. Sie haben mehr als zweitausend Büchereien finanziert, überall in der Welt …
Er redete und redete.
Bonni ertappte sich bald dabei, wie sie zu seinen Worten nickte, als wären sie Musik.
5
Der Himmel war violett, die Berge schwarz. Die Bergkämme in der Ferne verschwammen und wurden immer schemenhafter, je weiter weg sie waren. Ein großes gelbes Scheinwerferpaar kam wippend die Auffahrt herauf, ein langes dunkles Ungetüm im Schlepptau. Ein Truck. Ein Pritschenwagen von Ford, der vor dem Coupé quietschend anhielt. Die Tür ging mit einem Knacken auf, und Eustace Uptree kletterte aus der Kabine. Elis Onkel. Er war derselbe Jahrgang wie Granny – 1898 –, aber der Mann wirkte viel älter, so als wäre er bereits ausgewachsen und bärtig auf dem Berg geboren worden. Ein großer, glatzköpfiger Mann, dessen Bart in der Dunkelheit wie von Reif bedeckt schimmerte. Wie bei Santa, nur hässlicher, und er roch nach Holzrauch, säuerlicher Maische und Eselschweiß.
Die Jungs wischten sich die Hände am Hosenboden ab, als er näher kam. Eli beugte sich vor und flüsterte aus einem Mundwinkel heraus: »Sieht er heute Abend nicht fröhlich aus?«
Rory sah, wie sein Körper unter der Latzhose wogte, während er näher kam. Manche behaupteten, der alte Mann könne trotz seines Umfangs blitzschnell von der Bildfläche verschwinden, indem er sich mit sicherem Schritt und geräuschlos wie ein alter Bär durch den Wald bewegte. Andere meinten, dass nicht er verschwinde, sondern jeder, der sich auf seine Spur setze. Es hieß, der Berg habe im Laufe der Jahre die Reihen diverser Strafverfolgungsbehörden dezimiert, und wer sonst sollte dahinterstecken? Es hieß, er sei im Ersten Weltkrieg ein MG-Schütze gewesen und habe ganze Kompanien von Vandalen niedergemäht. Es hieß, man sehe es an seinen Augen, die kalt und grau wie das Meer waren. Es hieß, er habe Lauscher in den Bäumen und Spione in den Wäldern. Jedes Blatt eine Zunge, deren Sprache nur der alte Mann hören konnte. Es hieß, er könne den Aufenthaltsort jedes Fremden auf dem Berg zu jeder Zeit bis auf dreißig Zentimeter genau bestimmen.
Das meiste davon war Gerede, wie Rory wusste, Lügen zahnloser, alter Männer in ihren Schaukelstühlen und auf ihren Nagelfässern vor dem Tierfutterhandel. Geschichten, die von einem schwarzen Schwall Tabaksaft unterstrichen wurden, der zitternd in den Staub gespuckt wurde, neben alterslosen Hunden, die mit heraushängender Zunge totengleich im Schatten lagen. Nur eins war nicht abzustreiten: Eustace war an dem Tag, an dem er aus Frankreich zurückgekehrt war, auf den Berg gestiegen und nur noch selten heruntergekommen. Niemand wusste, wo er überhaupt schlief. Manche behaupteten, keine zwei Mal am selben Ort.
Rory wusste, dass das nicht ganz stimmte.
Der alte Mann stand mit den Händen in den Hüften vor ihnen und spuckte aus.
»Maybelline läuft?«
»Wie immer«, sagte Eli.
Eustace blickte kurz zu seinem Neffen, blinzelte und streckte dann Rory die Hand entgegen. Rory schüttelte sie. Die Augen des alten Manns verharrten wie üblich auf seinem fehlenden Bein.
Eli räusperte sich. »Es ist noch nicht nachgewachsen.«
Eustace schenkte Rory ein wissendes Nicken und schüttelte dann seinem Neffen die Hand. Und das mit Freuden, wobei die Knöchel unter seinem Griff knackten. Eli verzog das Gesicht und versuchte, tapfer zu lächeln.
Er konnte nicht.
Eustace ließ seine Hand los.
»Ich zeige euch, was ich habe«, sagte er und wandte sich zu seinem Truck um.
Er löste die Spanngurte und schlug die Plane zurück. Hunderte Zwei-Liter-Glasbehälter in Zwölferkisten. Die Zinkdeckel glänzten im Mondlicht.
»Sind ’n paar hundert Liter von dem weißen Zeug«, sagte er. »Das Allerbeste.«
Er nahm einen Behälter, schüttelte ihn und hielt ihn dann gegen den Himmel. Es schäumte mondsilbern vor ihren Augen. Die Leute nannten es Tigerspucke oder Weißer Hund, Pantheratem oder Korn oder Mond. Alle drei sahen sie Schaumblasen so groß wie Froschaugen am Glas zerplatzen.
»Guter Tropfen«, sagte Eustace.
Eli griff ebenfalls nach einem Glasbehälter. »Vielleicht sollte ich mal probieren.«
Eustace schlug ihm auf die Hand. »Nimm die Flossen weg!«
Er richtete den Zeigefinger einen Augenblick lang auf die Brust seines Neffen und formte mit dem Rest der Hand eine Pistole.
Eli hob die Hände hoch, als wäre das ein Überfall.
Rory räusperte sich.
»Lass uns das Zeug einladen«, sagte er.
Eustace schnaubte. Er stellte den Behälter zurück und wies mit dem Kinn in Richtung Haus. Die Veranda war leer.
»Ist Granny zu Hause?«
»Ist sie«, sagte Rory. »Hat wieder ihre Pfeife geraucht.«
Eli ließ die Hosenträger gegen seine Brust schnappen.
»Du bist langsam zu alt für sie, Eustace. Du weißt, sie mag sie jung.«
Eustace spuckte dicht vor Elis Stiefel aus.
»Bist du eifersüchtig, Neffe?«
»Schwachsinn«, sagte Eli auf den Fersen wippend.
Eustace wandte sich um und ging zum Haus, wobei er seinem Neffen im Vorbeigehen gegen die Eier schnipste. Eli jaulte auf wie ein getretener Hund und krümmte sich zusammen.
»Mistkerl«, sagte er. »Mistkerl.«
Der große Mann stampfte die Treppe hinauf und sein massiger Körper füllte die gelbe Fläche der Türöffnung aus.
Eli watschelte zum Truck, eine Hand in seiner Hose, um sich zu vergewissern, dass alles heil geblieben war. Er nahm ein Glas und schraubte den Verschluss auf.
»Mistkerl.«
Das Coupé stand mit aufgeklapptem Kofferraumdeckel da, bereit, beladen zu werden. Sie stellten die Kisten nacheinander hinein, und der Wagen sank hinten immer tiefer herab wie irgendein lahmes Modell vom Fließband. Unter den gewölbten Kotflügeln befanden sich überdimensionierte Schwarzwandreifen, die in den Kurven gut auf der Straße lagen, und der Wagen hatte kaum Zierleisten. Die schweren Chromteile waren entfernt worden, und übrig geblieben waren lediglich die Nietenlöcher auf der Karosserie, was an Maschinengewehrsalven erinnerte. Das war der Wagen eines Tierfutterhändlers oder eines Bibelverkäufers oder jungen Mannes, der nach einer Färse oder Sau sah. Das war der gebräuchlichste Wagen auf der Straße in der gebräuchlichsten Farbe. Sämtliche Extras waren unter der Motorhaube oder hinter dem Steuer oder im Fahrersitz versteckt.
Rory suchte die Reifen nach Nägeln oder Löchern ab und überprüfte, ob die Schweinwerfer und Blinker funktionierten. Er ging um die Wagenfront herum. Der große Motor knackte, während er abkühlte, und die Motorhaube verströmte Wärme. Die Seiten trafen sich in einer vertikalen Linie an der Vorderseite, wie der Bug eines U-Boots, und der ganze Wagen lief in einer Art Rammsporn zusammen.
Als sie fertig waren, standen die Adern an Rorys Armen deutlich hervor, und der Stumpf unterhalb des Knies tat an der Stelle weh, wo er am Lederriemen rieb, mit dem die Prothese festgeschnallt war. Er glitt hinter das riesige Lenkrad, das wie die Fingerknöchel eines Mannes mit leichten Einkerbungen versehen war. Er blickte auf seine Uhr. Halb acht. Eli schüttelte ihm die Hand durch das geöffnete Fenster.
»Viel Glück«, sagte er und klopfte auf den Fensterrahmen.
Rory nickte und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang sogleich an und tuckerte rhythmisch unter der Haube. Er blickte hinauf zu dem Haus mit den vier Zimmern, das aus mit der Axt gehauener Eiche gebaut und in den Ecken verzinkt worden war. Die Veranda unter dem Blechdach hing ein wenig durch, aber sie hielt. Die Fenster leuchteten golden; die streifenförmige Lehmabdichtung schimmerte weißlich im Dunkeln. Darüber hinaus gab es die Scheune, an der ein paar Dachschalbretter fehlten, den Schweinepferch und die Räucherei. Alles an seinem Platz. Nicht perfekt, aber ordentlich, und die Wiese darum herum schimmerte im Mondlicht tiefblau.
Er drückte die Kupplung mit seinem Holzbein und legte den ersten Gang ein. Er lenkte den Ford von der riesigen Kastanie weg und bog auf die holprige Auffahrt ein, wobei er zusammenzuckte, als das Glas im Kofferraum klirrte. Er blickte in den Rückspiegel. Er sah Eli, der ihm vom gesprenkelten Schatten des Geisterbaums aus nachwinkte. Die Flaschen in den Ästen über ihm schimmerten, als wären sie mit einer Leuchtsubstanz gefüllt.
Die Bäume warfen Schatten auf die Straße, und das durchschimmernde Mondlicht kräuselte sich auf der Motorhaube wie Elektrizität. Die Bergkämme erhoben sich zu beiden Seiten nachtblau, und hier und da war das vereinzelte Flackern von Destillen zu sehen. Vor ihm strömte die Straße wie ein mondbeschienener Bach den Berg hinunter. Er kannte sie gut, wie er auch die Nebensträßchen kannte, die verzweigt in die Täler hinabführten, um hohe Felswände herum und durch Tunnel aus schwarzen Eichen und Hickorybäumen hindurch.
Er war auf dieser Straße schon gefahren, als er noch zwei Schulbücher unter seinem Hintern brauchte, während er mit einer Ladung Zucker oder Getreide oder Gerste die Fahrspur entlanggeholpert war. Anfangs waren es Fahrten in die nähere Umgebung gewesen, innerhalb des Countys, um hier und da Zutaten an Eustace’ Schnapsbrenner zu liefern, wobei er jeden Dollar sparte. Er kaufte den Ford am Tag seines fünfzehnten Geburtstags, bereit für größere Touren jenseits der Berge. Der Wagen besaß lediglich die Grundausstattung. Er und Eli nahmen den Motor Stück für Stück auseinander und bauten ihn so wieder zusammen, dass er röhrte.
Der Wagen hatte die Hochleistungsfederung eines tonnenschweren Pick-ups mit achtlagigen Lkw-Reifen, die unter die Federung montiert worden waren. Er hatte ein Zweiganggetriebe, die Kupplung eines Zweitonners und den Hubkolbenverbrennungsmotor eines demolierten Krankenwagens. Er hatte einen Kompressor, der wie ein kleiner Werwolf unter der Haube jaulte, wenn er einen Luftstrom die eiserne Kehle des Motors hinunterzwang. Eine Panzerplatte schützte den Kühler. Doppelte Auspuffrohre schlängelten sich durch das Fahrgestell und führten dröhnend nach außen. Der Wagen machte in einem niedrigen Gang hundertvierzig Sachen in der Stunde und donnerte wie eine Kanone zwischen den Hügeln hindurch. Für ein solches Auto gab es nur einen Namen.
Maybelline.
Er konnte vierhundertfünfzig Liter Whiskey in Zweilitergläsern transportieren, mit vier Kisten auf dem Beifahrersitz, um das Gewicht gleichmäßig zu verteilen. Das Rattern und Klirren der Gläser im Kofferraum war zu hören, während der Wagen die Berge hinabdonnerte und dabei die kleinen Hügelwege kreuzte, wo die Steuerfahnder ihnen in ihren Zivilfahrzeugen auflauerten. Mit sechzehn machte Rory bis zu hundert Dollar am Abend – mehr als ein Wochenlohn fürs Holzschneiden oder Flusensammeln in einer Textilfabrik. Genug für eine Großmutter, die ihn großzog und behauptete, nichts zu brauchen, was nicht stimmte, und für die Mutter, die ihn großziehen wollte, aber nicht konnte.
Dann kam der Krieg.
Während er sich auf einem Lazarettschiff vor der koreanischen Küste befand, umgeben von teilweise mumifizierten Männern, fragte er sich, was er nach dem Krieg in den Bergen tun würde. Die Holzfirmen würden keinen Einbeinigen nehmen, und die Textilfabriken ebenfalls nicht. Vielleicht könnte er Böden wischen. Er fuhr von Camp Pendleton aus mit der langen silbernen Schnecke, die der Greyhound-Bus war, quer durchs Land, die Entlassungspapiere in die Innentasche seiner Jacke gestopft und den olivfarbenen Seesack im Gepäckraum. Sein Stumpf war noch immer wund und pochte heftig.
Während er die endlosen Weiten von West-Texas durchquerte, las er Zeitungsberichte über Robert »Red« Byron, den Champion des Stockcarrennens, der auf den Flügel eines fliegenden Bombers in zwanzigtausend Fuß Höhe über japanischem Gebiet hinausgekrochen war, als eine Salve aus einer Flugabwehrkanone den Rumpf der Maschine aufriss. Sein Bein unter ihm explodierte, als wäre es der Knochen selbst gewesen. Er schaffte den Sechshundertmeilenflug zurück zur Luftwaffenbasis auf den Aleuten, wobei er die ganze Zeit Blut verlor. Die Chirurgen holten einen Haufen Granatsplitter aus seinem zerfetzten Fleisch und flickten das kaputte Bein mithilfe eines riesigen Stahlkäfigs wieder zusammen. Er brauchte siebenundzwanzig Monate für die Genesung. Zwei Jahre später nahm er an einem Stockcarrennen auf dem Seminole Speedway teil, sein Bein vernarbt und verdreht wie ein Shillelagh aus Schlehendornholz. Eine Metallspange lag noch immer um das Bein, das er mit der Kupplung verschraubt hatte. Er gewann das Rennen von Daytona Beach und den Road Course, schlitterte wieder und wieder vom rauen Asphalt des Highway A1A auf den Sand am Strand und grub sich einen Namen aus schwarzem Gummi und blauem Rauch hinein. Er gewann in Martinsville und Charlotte. Er gewann die ganze Zeit.
Maybelline wartete in einer Werkstatt in Raleigh auf ihn, wo Rory den Wagen hingebracht hatte, bevor sein Schiff den Hafen verließ. Anfangs fuhr er stotternd und keuchend durch die Stadt, ging an Ampeln aus, fuhr hinten in Buicks rein und hinterließ Reifenabrieb auf den Straßen. Er quartierte sich in einem Motel ein und raste vom einem Ende des Orts zum anderen, machte nur für Kaffee und Zigaretten Pause und saß im gelben Schein spät geöffneter Diners. Er schlief und aß kaum, fuhr lieber schweigend herum, das einzige Geräusch das Brummen des Motors, seine Haut von verzweifeltem Schweißgestank bedeckt. Er fuhr und fuhr. Tage, die sich in Nächte verwandelten, und Nächte, die wieder zu Tagen wurden. Langsam nahm die Sicherheit am Steuer zu. Der Wagen spuckte und bockte nicht mehr und ging auch nicht mehr aus. Hinter dem Steuer eines solchen Gefährts war er kein Invalide.
Es wurde Pleasure Island genannt. Seine letzte Lieferadresse für diesen Abend. Es befand sich in einer Quonsetbaracke, einem Hangar für militärische Überbestände aus Wellblech, der die Form einer riesigen Kugelassel besaß. Drinnen waren Kabinen von der Größe von Einzelbetten eingebaut worden, wo Matratzen auf Holzpaletten lagen. Die Kunden bekamen manchmal Durst.
Rory parkte vor der Hintertür. Madam Erma hatte ihn kommen hören. Sie wartete an der Hintertreppe unter einer Vierzig-Watt-Glühbirne, die Augen dick mit Lidstrich umrandet und ihre Brüste in ein enges Korsett gezwängt. Ihr dunkel gefärbtes Haar war ein kompliziertes Nest aus Nadeln und Spangen. Sie zündete sich eine Zigarette an, an ihren Fingern glänzten Ringe und Steine.
»Hallo, mein Süßer«, sagte sie. »Hast es also geschafft.«
»Ja, Ma’am«, erwiderte er.
Sie zog das Geld aus dem dunklen Spalt zwischen ihren Brüsten. Rory nahm die feuchten Scheine entgegen und öffnete den Kofferraum.
»Hör mal, Süßer«, bemerkte sie. »Mein Rücken macht mir heute Abend zu schaffen. Könntest du sie vielleicht für mich reintragen.«
Ihr Rücken machte ihr immer zu schaffen.
»Ja, Ma’am«, sagte er. Die Worte kamen nur mühsam heraus, wie mit der Spitzhacke aus seiner Kehle geschlagen. Er nahm die Kiste und folgte ihr die Treppe hinauf in die parfümierte Höhle. Alles war in rotes Licht getaucht und in Schatten gehüllt. Ein verstecktes Grammofon spielte blechernen Jazz, eine seltsame Begleitung zu den Geräuschen, die aus den Kabuffs drangen. Eine Art gedämpfter Hysterie, wie von Menschen, die am Grund eines Brunnens starben. Nur die spitzesten Schreie erreichten ihn, aber er konnte die anderen, die wie tiefe Bässe in seiner Brust dröhnten, fühlen.
Die Bar befand sich an der Vorderseite. Er humpelte hinter Madam Erma her den langen Gang entlang, wobei die Gläser in der Kiste klirrten. Das Mädchen an der Bar lächelte ihn an. Sie war achtzehn oder neunzehn und hatte einen blutroten Mund und einen Blumenkranz um den Hals. Sie schien zu viele Zähne zu haben, so eng standen sie. Ihre Arme waren überzogen mit blauen Flecken in der Größe von Daumenabdrücken. Rory fragte sich, woher die Flecken stammten, und er musste an seine Mutter und die gesichtslosen Reiter denken, die noch immer im Dunkeln lauerten. An den Einäugigen.
Madam Erma berührte ihn an der Schulter, was ihn zusammenzucken ließ.
»Du siehst aus, als könntest du ’n Drink vertragen.« Sie blickte zu dem Mädchen. »Stimmt’s, Kleine?«
Das Mädchen nickte und zeigte seine eng stehenden Zähne.
»Schenk ihm einen ein, Schätzchen.«
Rory stellte die Kiste Whiskey auf den Tresen.
»Nein, ich brauche nichts.«
Madam Erma kroch mit ihren scharfen Krallen an seinem Nacken hinauf und fuhr ihm über seine Haarwurzeln.
»Komm schon, Schätzchen. Setz dich. Du bist fertig für heute Abend, stimmt’s? Zeit, sich ’n bisschen zu entspannen.«
Rory konnte die lauter werdenden Geräusche durch die dünnen Wände hören, Stöhnen und Knurren und Kreischen. Gewalttätige Geräusche wie von Liebe oder Gemetzel. Sie schienen durch seine Haut zu dringen und seine Knochen zu berühren. Vor Scham lief er rot an und wandte sich ruckartig vom Tresen und dem Drink ab, den man ihm reichte. Er eilte zwischen den Kabinen entlang, und die Vorhänge hoben sich im Vorbeigehen in seine Richtung. Es waren Duschvorhänge, wie er feststellte, bedruckt mit Palmen, Muscheln und Delfinen. Er wollte nicht angefasst werden. Die Tür vor ihm stand einen Spaltbreit offen, unter der nackten Glühbirne schwirrte ein Mottenschwarm. Als er auf die Treppe hinaustrat, erstarrte er wie ein Tier im Scheinwerferlicht. Er versuchte, zurückzuweichen, doch die Tür hinter ihm wurde zugeschlagen und das Schloss verriegelt. Die Tür war aus Metall und fühlte sich kalt am Rücken an.
Sie waren zu dritt, drahtige Kerle, die an seinem Wagen lehnten. Fast noch Kinder. Der auf der Motorhaube hielt eine Schrotflinte auf dem Knie, eine doppelläufige für die Vogeljagd. Die beiden anderen an seiner Seite hatten die Hände in den Hosentaschen. Ihre Mäntel standen offen, um ihm den kreuzgerippten Griff ihrer Pistolen am Hosenbund zu zeigen. Rory erkannte, dass es sich um alte Knarren handelte, aus öligen Tüchern in Grandpas Schreibtischschublade gewickelt. Waffen, mit denen man Schweine oder Schlangen oder streunende Hunde erschoss.
»Haben die Muldoons euch angestiftet?«
Der Junge auf der Motorhaube klopfte eine Zigarette auf den Griff seiner Schrotflinte, steckte sie sich in den Mund und zündete sie mit derselben Hand an, wobei er durch den aufsteigenden Rauch hindurch grinste.
»Es heißt, du bist ein Kriegsheld.«
Rory nahm das Gewicht von seinem Holzbein.
»Ich bin nicht auf Ärger aus«, sagte er.
Der Junge auf der Motorhaube nickte und zog an seiner Zigarette, wobei sich seine Wangen im Licht der einzelnen Glühbirne verdunkelten. Er zeigte mit der Zigarette auf Rory.
»Tja, hast ihn wohl doch gefunden. Die Frage ist nur, wie viel davon.«
»Was wollt ihr?«
Der Junge zuckte mit den Achseln. »Geld. Whiskey. Geht beides.«
»Whiskey ist alle.«
»Dann weißt du ja, was ich will.«
Rory meinte, Zikaden zu hören. Ihr rhythmisches Rufen im Chor. Als wären sie aufgeschreckt worden. Im einen Moment klang es noch laut und im nächsten nicht mehr. Er bekam ein warmes Gefühl in der Brust, wie nach dem ersten Schluck Whiskey.
»Es steckt in meinem Bein«, sagte er. »Ich verstecke es dort.«
Der Junge lachte, und seine Begleiter auch. Sie glucksten vor sich hin, wippten auf ihren Absätzen und drückten ihre Bäuche gegen die Waffen an ihrem Gürtel. Stolz.
»In deinem Holzbein? Du machst wohl Witze«, sagte der Junge. »Ist ja zum Brüllen.«
»Ja«, sagte Rory.
»Dann zeig mal her.«
Rory stieg die Stufen hinunter. Die schwache Glühbirne über dem Türrahmen erzeugte einen großen Schatten, der sich rasch auf die anderen zubewegte. Unsicher veränderten sie ihre Position, als würde etwas vor ihren Füßen auslaufen. Etwas, mit dem sie nicht in Berührung kommen durften und das so kalt und dunkel wie die von der Sonne unberührten Talkessel war. Eine dunkle Gestalt stand jetzt vor ihnen, die von der nackten Glühbirne von hinten angestrahlt wurde. Sie beugte sich hinunter und begann ihr Hosenbein aufzukrempeln, entblößte Zentimeter um Zentimeter den glänzenden schwarzen Schaft eines Kampfstiefels.
Der Junge ließ sich von der Motorhaube gleiten und betrachtete das Holzbein.
»Wie hat sich das angefühlt, als es dir abgeschossen wurde?«
»Schlimm«, sagte Rory.
»Wie finden die Mädchen das?«
»Ich frag sie nicht.«
Der Junge blickte mit leicht schräg gelegtem Kopf zu ihm hinunter. Er bewegte dabei den Flintenlauf mal hierhin, mal dorthin, und seine Finger spielten an dem Doppelabzug.
»Dafür hat Gott wohl die Huren erschaffen.«
Rory hatte das Hosenbein gerade weit genug über den Stiefel gezogen, dass das polierte Ahornholz da glänzte, wo eigentlich sein Bein sein sollte. Es gab einen Typen in Yelson’s Holler, den Granny kannte und der Holzarbeiten machte. Vor allem Entenattrappen, die er an die reichen Wasservogeljäger an der Küste verkaufte. Mit Zuckerahorn fing er erst so richtig an zu arbeiten, nachdem er Rory kennengelernt hatte. Es war ein 32er Automatik-Colt, ein Pocket Hammerless, der in die Wade des Holzbeins eingelassen war. Eine gebläute Pistole mit geriffeltem Griff und ohne einen Hammer, der das Ziehen verlangsamt hätte. Rory ließ die Hand unter das Hosenbein gleiten und löste sie heraus. Mit einer einzigen Bewegung richtete er sich auf und schoss dem Jungen ins Schienbein.
Die Schrotflinte flog dem Jungen mit einem Schrei aus der Hand, und er fiel gegen den Wagen. Er griff nach dem dunklen Fleck auf seiner Hose, aber seine Hände hielten dicht über der Wunde inne. Ein gezackter roter Mund und gesplitterter Knochen wie weiße Zähne. Er betrachtete sie mit weit aufgerissenen Augen, als hätte er noch nie das Innere eines menschlichen Körpers gesehen. Seine Freunde waren davongestürzt, wie Rory es vorhergesehen hatte. Er humpelte näher zu ihm hin. Der Junge blickte wie ein frisch zum Glauben Bekehrter mit heruntergeklappter Kinnlade zu ihm hinauf.
Die Worte kamen ganz unerwartet aus Rorys Mund.
»Es tut mir leid«, sagte er.
6
Die Jungs waren verschwunden, zusammen mit ihrem Anführer, der jammernd auf dem Rücksitz einer verrosteten Limousine gekauert hatte. Rory hatte die anderen aus dem Dunkel zurückgerufen und ihnen erklärt, wie sie das Bein des Jungen bandagieren mussten, und den Weg zum Tierarzt beschrieben, der ein Säufer war und die nächtlichen Opfer von End-of-the-Road versorgte. Er hatte sogar die zwanzig Dollar gezückt, die sie brauchten, damit der Mann die Tür aufmachte. Die Gesichter der Jungen waren blass gewesen. Sie hatten sich unablässig bei ihm bedankt. Schließlich waren sie mit knatterndem Auspuff zwischen den Bäumen hindurch davongebraust.
Erst nachdem sie verschwunden waren, bemerkte Rory, dass sie – oder jemand anders – seine Reifen aufgeschlitzt hatten. Er stieß einen mit dem Zeh an, als würde er sich davon wieder auffüllen.
»Mist.«
Er ging zur Tür des Hurenhauses. Verriegelt. Niemand kam, als er dagegenschlug. Er fragte sich, was in dem Drink gewesen war, den sie ihm hatten geben wollen. Er blickte über die Straße: eine alte Sinclair-Tankstelle, die schon seit Jahren geschlossen war. Die Fenster waren mit Zeitungspapier zugeklebt, weshalb man nicht hineinsehen konnte. Die grünen Sinclair-Dinosaurier auf den Schildern sahen aus, als würden sie zerlaufen. Ein kleiner Bau, der normalerweise dunkel war, wo heute Abend jedoch die Fenster pulsierten und Schatten sich hinter dem angestrahlten Zeitungspapier bewegten. Die Luft bebte vom Klang der Musik.
Er ging darauf zu. Zwei Zapfsäulen standen davor, schwerkraftgetrieben, jede mit einer Glaskugel obendrauf. Die eine war kaputt, war nur noch eine Schale mit gezackter Kante. Die andere war mit brauner Flüssigkeit gefüllt. Regenwasser vielleicht. Kein Whiskey. Dann hätte ihn schon jemand getrunken.
Er überquerte die Straße, wobei der Kies unter seinen Stiefeln knirschte. Die Werkstatttore waren geschlossen, und die papierverklebten Fenster leuchteten. Schatten fielen auf die Lichtstreifen, hoben und senkten sich, taumelten und wankten wie züngelnde Flammen. Die Luft summte und knisterte. Etwas Wildes, Verstörtes lag darin. Etwas Elektrisches. Gedämpfte Tamburine und eine jaulende Stahlsaitengitarre durchdrangen die Luft. Stark vibrierendes Metall und kreischende Saiten, ein Jaulen und Lärmen, als würde das Ende der Welt verkündet, jedoch lebendig und die Fersen beflügelnd. Er konnte beinahe sehen, wie die Musik sich in wild zuckenden weißen und goldenen Blitzen entlud, als er sich dem Ort näherte, und Worte gab es auch, geheult, gekreischt und gesungen. Ein paar kannte er, andere nicht, ein paar waren in einer fremden Sprache. Trotzdem wusste er, was sie bedeuteten. Wovon sie erfüllt waren.
Von Lobpreisung.
»Das hier ist wahr!« Die Haare des Priesters waren mit Gel zu einem Ducktail zurückgestrichen, und sie waren rabenschwarz, obwohl sein Gesicht alt war, und er trug eine Schnürsenkelkrawatte und ein gebügeltes Button-down-Hemd mit kurzen Ärmeln. Er hielt das Buch der Bücher hoch über seinen Kopf. Die Seiten waren zerfleddert und die Buchdeckel voller Flecken. »Es ist das Wort Gottes, und ein anderes darf es nicht geben.«
Amen.
»Wer auch immer den Namen des Herrn anruft, soll gerettet werden.«
Amen.
»Aber wir leben in einer viel zu stummen Welt, nicht wahr? Einer Welt voller närrischem Geschwätz, jedoch ohne etwas zu sagen. Ohne Seinen Namen. Das, meine Freunde, das ist die eigentliche Stille des Todes.«
Ja, das ist sie.
»Der spirituelle Tod!«
Ja.
Er wedelte mit dem Buch der Bücher hoch über seinem Kopf.
»Wo das rettende Wort doch hier ist, meine Freunde! Genau hier!«
Hallelujah.
»In der letzten Stunde wird Er die Spreu vom Weizen trennen. Die Bäuche der Nationen werden weit offen sein, und die Reuelosen werden von einer Feuersbrunst verschlungen.«
Ja, das werden sie.
»Und das sehr bald, Freunde. Sehr bald! Es ist beinahe zweitausend Jahre her. Seine Zeit ist gekommen. Das Ende. Lassen wir die Welt zu Asche werden, lassen wir Atompilze sprießen, die die Sonne verdunkeln. In dieser Dunkelheit werden wir gerettet werden.«
Ja, das werden wir.
»Denn wir haben das Wort. Und wir rufen es, nicht wahr, meine Freunde?«
Ja, das tun wir.
»Wir rufen Ihn an! Hier am dunkelsten Ort am Fuß dieser Berge. Hier in diesem Sündenpfuhl. Rufen wir Seinen Namen!«
Ja, Bruder.
»Nicht nur für uns, sondern damit alle durch Ihn gerettet werden.«
Amen.
Der Priester schlug einem Mann mit Gitarre auf die Schulter.
»Lasst uns singen!«
Die Gitarre war an eine Holzkiste mit gewebter Front angeschlossen, und die Saiten knisterten im elektrischen Licht der kleinen Werkstatt blechern und fremdartig, während der Verstärker brummte. Rory spähte mit einem Auge durch den Türspalt. Die Leute kreischten und tanzten jetzt. Rasselnde Tamburine, die gegen Handballen geschlagen wurden. Sie waren schweißüberströmt, ihre Münder aufgerissen, erfüllt von rauem Stöhnen und Keuchen.
Sie wirbelten herum und stampften, die Arme wie Kandelaber in die Luft gereckt, die Hände hohl, als hielten sie darin Weihwasser oder Feuer. Doch es war eigentlich das Mädchen, von dem er den Blick nicht abwenden konnte. Sie hatte milchweiße, glatte Haut und dunkles Haar, das bis auf den Pony in ihrer Stirn über ihre Schultern wallte. Ihr Gesicht war irgendwie schmerzverzerrt, als würde sie großes Leid durchleben, als würde sich ein Messer in ihre empfindlichsten Stellen bohren. Sie stand ganz vorn, die Augen konzentriert zusammengekniffen, und hatte die Arme zitternd von sich gestreckt, so als hielte sie einen großen Stein in ihren Armbeugen.
Auf einmal schlug sie die Augen auf, die grün wie Juwelen waren, und sah ihn direkt an.
Rory wich zurück, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Er stolperte über einen alten Reifen, der hinter der Kasse lehnte, und knallte gegen einen Klappstuhl aus Metall, hüpfte auf seinem gesunden Bein hinaus auf die Rampe und erwartete, dass ihm die Meute folgte. Er humpelte hastig zwischen den beiden Zapfsäulen hindurch und über die Straße, wobei ihm sein Schatten auf der geriffelten Wand des Hurenhauses folgte und sich wie ein gejagter Kobold krümmte und zuckte. Er erreichte den Wagen, lehnte sich keuchend und mit pochendem Stumpf und geballten Fäusten an die Tür und wartete darauf, dass sie mit Knüppeln, Kanthölzern und Axtgriffen aus der Dunkelheit auftauchten.
Doch niemand kam.
Die Morgendämmerung kroch blass hinter den schräg stehenden Bäumen, windschiefen Spelunken und herrenlosen Fahrzeugen in Vorgärten und auf Parkplätzen herauf. Rory öffnete klackend die Fahrertür. Es war ruhig, niemand zu sehen. Er stieg aus, streckte sich und pinkelte ins Gras, wobei er die Stirn gegen das Dach des Fords stützte. Er hatte unruhig auf der Vorderbank des Wagens geschlafen, war immer wieder aufgewacht, überrascht, nicht einen Haufen Gesichter zu sehen, die sich wutverzerrt gegen das Glas pressten.
Er knöpfte seine Hose zu und machte sich auf den langen Marsch in die Stadt. Die Tankstelle hinter ihm war jetzt dunkel und mit einem Vorhängeschloss zugesperrt. Eine leere Hülle. End-of-the-Road war im Tageslicht ein seltsamer Ort, an dem die nächtlichen Sünden wie bei Ebbe zum Vorschein kamen. Entlang der gesamten Straße lagen die Opfer zusammengerollt auf Rücksitzen oder lehnten mit geöffneten Mündern, deren Atem kleine Wolken an den Fenstern bildeten, an Seitenscheiben. Sie waren eingeschlafen, während sie nach ihrem Schlüssel, dem Anlasser, dem Schalthebel oder dem Innenbeleuchtungsknopf getastet hatten, sich ihre Augenlider in Zeitlupe bewegt hatten, ihre Körper sich schwer anfühlten, als wären sie auf dem Meeresgrund. Im wuchernden Gras lagen leere Flaschen, und auf der Straße schimmerten Glasscherben. Ein einzelner Stiefel lag wie ein totgefahrenes Tier da. Fetzen aus Kattun oder von Kleidern mit Karomuster, heruntergerissen vor Zorn oder Lust. Fußabdrücke auf Autoscheiben, Kondome, die wie blasse, platte Würmer auf der Straße lagen. In der Sonne getrocknetes Blut, das Ergebnis von Fäusten oder Messern. Letzte Nacht sogar ein Gewehr.
Sein ungleichmäßiger Rhythmus erklang synkopisch auf dem Asphalt, und sein Stumpf schmerzte bei jedem Schritt. Er hatte eine spezielle Socke, die er tragen sollte, um Hautscheuern und eine Follikelentzündung zu verhindern, aber das tat er nie. Binnen Kurzem konnte er spüren, wie die Haut unter den Schnallen und Riemen heftig brannte, wie die hervortretenden Haarfollikel zu kleinen roten Hügeln anschwollen, die juckten. Darunter lag ein tieferer Schmerz. Zu viel Druck auf dem verbliebenen Knochen und Gewebe, während der Stumpf sich verdunkelte wie eine angeschlagene Frucht, wie etwas von der aussortierten, verdorbenen Ware eines Lebensmittelhändlers.
Ein Stück weiter oben bog ein Truck auf die Straße ein, ein Halbtonner, der von einer Rostschicht überzogen war. Rory winkte und streckte den Daumen raus. Es war eine Weiße, die über und über mit Sommersprossen bedeckt war. Sie hielt am Straßenrand und winkte ihn heran. Rory humpelte um die Vorderseite herum und stieg ein, wobei er die Tür dreimal zuschlagen musste, bevor sie schloss.
»Dankeschön«, sagte er.
Sie hatte ein rundes Gesicht und dicke Arme, die von rosafarbenen und weißen Narben übersät waren. Bei einem Faustkampf mit einem der älteren Sergeants aus dem Marine Corps, die er kannte, hätte Rory nicht gegen sie gewettet. Sie legte den Gang ein, wobei auf der Rückseite ihres Arms ein wulstiger Muskel hervortrat. Die Schaltung krachte, doch der Gang war drin, und der Truck machte einen Satz auf die Straße und ratterte unter den Eichen entlang, als würde er gleich auseinanderfallen. Die Reifen sprangen aus der Spur, und sein Taxi kam zum Stillstand wie ein gestürzter Büffel. Rory blickte sie an. Wenn der Truck schlau war, würde er sich selbst zusammenhalten.
»Wohin wollen Sie?«
»Zu einer Werkstatt in der Stadt. Ich brauche ein paar Reifen.«
»Mehr als einen?«
»Vier.«
Sie pfiff. »Sie hab’n wohl jemanden geärgert. Freundin?«
»Schön wär’s.«
Sie grinste, ihre Zähne waren dunkel.
»Bei ’nem Kerl wie Ihnen müssten sie Ihnen jeden Abend den Wagen mit dem Schlüssel zerkratzen.«
Rory blickte durch die Windschutzscheibe und legte den Kopf schräg. Die Sonne stand jetzt kalt und weiß über den Bäumen, und die toten Blätter wirbelten in wilden Schlenkern und Schleifen über die Straße, so als schrieben sie eine Nachricht, die er nicht entziffern konnte.
»Hübsch«, sagte sie.
»Wie bitte?«
»Bäume«, sagte sie. »Alle lieben den Frühling, wenn alles grünt und blüht.« Sie zuckte mit den Achseln. »Ich nicht. Das ist hier unten wie in ’nem verdammten Gefängnis, alles zugewuchert und so voller Pollen, dass man kaum atmen kann. Ich mag’s, wenn sie bunt werden, wenn man weiß, dass bald die klare, kalte Luft kommt.«
»Oh ja«, sagte Rory. »Ich auch. Schade, dass sie nicht länger so bleiben.«
»Dann wär’s nichts Besonderes. Wertvoll ist, was selten ist. Ist die reine Ökonomie, mein Junge.«
»Stimmt wahrscheinlich.«
»Ich weiß, dass es so ist. Hatte einen Jungen in Übersee.« Sie blinzelte und berührte sacht ihre Wimpern. »Jeder Tag, den ich mit ihm hatte, war Gold wert.«
»Mein Bei…«
Sie hob eine riesige Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Handfläche wirkte wie gebleicht, und die Linien waren rot wie Schnittwunden. Sie nahm die Hand langsam wieder herunter und berührte ihn am Arm.
»Schhh«, flüsterte sie.
Rory spürte, wie seine Augen brannten und sich verschleierten, als hätte sie mit der Berührung und dem Schweigen etwas auf ihn übertragen.
7
Granny saß in ihrem alten Schaukelstuhl, ein schwarzes Garnknäuel im Schoß. Die Sonne stand schon seit einer Stunde über den Bergen im Westen, und sie machte sich langsam Sorgen. Ihr Enkel war noch immer nicht nach Hause gekommen. Sie versuchte, nicht über all das nachzudenken, was passieren konnte. Sie wusste, es unterschied sich nicht sehr von dem, was den Holzfällern widerfuhr. Den zahlreichen mit zerquetschten Gliedmaßen und kaputten Rücken, fehlenden Fingern oder Zehen oder Augen. Auch nicht von dem, was in den Fabriken geschah, den Bränden, die sich durch Baumwollballen fraßen wie Teufelsgeister, die Luft voller Flusen, deretwegen sich die Menschen die Lunge aus dem Leib husteten. Der Tod herrschte über dieser Gegend wie ein eigenes Wesen, Tausende von Splittern und Flusen desselben schrecklichen Geistes, die nach einem Zugang suchten, nach einer Verletzung oder Charakterschwäche. Sobald man sie in sich hatte, wurde man sie nur schwer wieder los.
Sie legte die Nadeln weg und zündete ihre Pfeife an. Der Rauch drang wohltuend in ihre Brust. Eustace war längst weg, war wieder in der Dunkelheit verschwunden, aus der er gekommen war. Er hatte wie stets sein Bestes gegeben. Sie konnte nicht behaupten, er hätte es nicht versucht. Rotgesichtig, schwitzend. Mit knirschenden Zähnen. Was für eine Anstrengung. Aber es gab eins, was sie im Laufe der Jahre gelernt hatte: Ein paar hatten Talent dazu und andere nicht. Sein gewaltiger Bauch war jedenfalls keine Hilfe. Er erschwerte es, den richtigen Winkel zu finden. Je älter und runder er wurde, desto schwieriger war es.
Wenn jemand das wusste, dann sie. Sie beide waren schon seit etlichen Jahren zugange, seit Rory auf der Welt war. Eustace war ohne einen Kratzer aus Frankreich zurückgekommen, keinen sichtbaren jedenfalls, anders als Anson, der in einer Kiste heimgekehrt war. Sie hatte deswegen stets einen Groll gegen Eustace gehegt. In den Nachkriegsjahren erwarb er sich rasch den Ruf, dem Whiskey zugeneigt und ein harter Hund zu sein. Er hatte mit seinen Vorschlaghämmern ähnelnden Fäusten die Kiefer loser Mäuler gebrochen und war von Steuerfahndern durch die Hügel gejagt und nie erwischt worden. Er hatte sich eine Armee von Schnapsbrennern aufgebaut. Aber er war nie grob mit ihr, nicht einmal in betrunkenem Zustand. Er sorgte dafür, dass ausreichend Brennholz ums Haus herum gestapelt und Whiskey im Krug war. Er hielt eine schützende Hand über ihren Enkel und gab ihm Arbeit und einen Lohn, den kein anderer Krüppel bekam. Und eine alte Frau hatte Bedürfnisse. Nein, es war nicht Eustace’ Schuld, dass er Glück gehabt hatte. Nur wünschte sie sich, er wäre mit bestimmten Dingen etwas mehr gesegnet. Mit Talent und mindestens einer anderen Sache noch.
Und dann sein Neffe: Eli. Sie wunderte sich darüber. Kein Gramm Fett am Leib – nichts als Haut und Knochen. Kaum Muskeln, aber was er hatte, konnte sich sehen lassen. Sie bemerkte manchmal seine Blicke, wenn er einen in der Krone hatte. Natürlich war das verrucht. Aber das hatte sie noch nie abgehalten.
Sie hörte den Ford, bevor sie ihn sah. Der starke Motor kam dröhnend den Berg herauf, wie eine neue Züchtung von Höllenhunden, dazu ausersehen, alte Frauen auf ihrer Veranda in Angst und Schrecken zu versetzen. Als er in der Auffahrt erschien und holpernd die Spurrillen entlangfuhr, gab sie einen erstickten Laut von sich und blinzelte in die Sonne.
Halb zwölf, wenn sie sich nicht täuschte.
Was nur selten geschah.
Rory hielt unter der Kastanie, stellte den Motor ab und stieg aus. Sie sah ihm dabei zu, wie er die Veranda heraufhumpelte, den Mantel an zwei Fingern über der Schulter. Sie saugte an ihren Zähnen.
»Die Schweine haben Hunger.«
»Ja, Ma’am.«
»Die Hühner auch.«
»Es ging nicht früher.«
Sie drehte den Kopf und spuckte auf die Dielen.
»Du bist doch kein Geist, oder?«
»Nein, Ma’am.«
»Bist nicht mit dem Messer angegriffen oder angeschossen worden?«
»Nein.«
»Bist auch nicht verliebt?«
Er zögerte. Ihre Augen wurden schmal, als sie ihn anblickte.
»Irgend so ’n Flittchen aus der Stadt? Wie heißt sie?«
»Das war’s nicht«, erwiderte er. »Es war bloß Ärger mit dem Auto.«
Sie schnaubte. »Warst wohl eher hinter ’nem Rock her.«
»Ich war in einer Kirche, damit du’s weißt. Du weißt nicht, wo sie ist.«
»Verdammt«, sagte sie. »In den Klamotten? Das muss ja ’ne tolle Kirche sein.«
Er sagte nichts.
»Ich hab dir von der Tochter des Priesters erzählt …«
»Herrgott noch mal!« Er trat gegen die Tür. »Ich will meine Ruhe.«
»Rory.«
Er blieb stehen, eine Hand an der Tür. Sie reckte ihm das Kinn entgegen. Er nahm einen tiefen Atemzug und stieß die Luft hörbar durch die Nase aus, beugte sich dann hinunter und küsste sie auf die Wange. »Hast du trotzdem eine gute Nacht verbracht?«
»Ich hatte schon bessere.«
»Mit Eustace?«
»Mit einem Maiskolben.«
Er schnellte herum, Mund und Augen weit aufgerissen.
»Herrgott, Granny.«
Granny zuckte mit den Achseln und hielt ihre gelbe Maiskolbenpfeife hoch – nur eine unschuldige alte Frau in einem Schaukelstuhl. »Was ist?«
»Unfassbar«, sagte er und stieß die Tür auf. Von drinnen rief er noch lauter: »Einfach unfassbar!«
Granny klopfte mit der Pfeife gegen ihren Handballen und gluckste vor sich hin.
In der Abenddämmerung richtete er sich in seinem knarrenden Bett auf und rutschte an die Kante. Er zog die Hosen über seine nackten weißen Beine und schob sich nacheinander die Hosenträger auf die Schultern. Dann hob er das Holzbein vom Boden auf und legte es in seine Arme. Der kleine Colt Automatik passte perfekt in die Vertiefung wie ein Organ, das an seinen Platz zurückgelegt worden war. Er steckte seinen Stumpf in das hohle Ende, das sein Knie umschloss, zog die Lederriemen und Schnallen straff, die sein Fleisch einschnürten, und stand in dem dämmrigen Raum auf. Die Schlieren und Kratzer auf dem Fensterglas hoben sich vom verlöschenden Tageslicht ab. Die Bilder seiner Mutter wellten sich leicht an den Rändern, als wollten sich die Vögel von der Wand lösen und in die Dunkelheit eintauchen.
Das ganze Haus schien unter ihm zu zittern, als er sich bewegte, so als hätte er in Übersee fünfzig Kilo zugenommen. Die Porzellanteller an den Wänden klapperten; die gerahmten Fotografien seiner Mutter und seines Großvaters auf dem Kaminsims wackelten. Er steckte seinen Kopf in die Küche und teilte Granny mit, dass er runter zu Eli fahren würde. Sein Stumpf war noch immer wund. Auf halbem Weg zum Wagen beschloss er, zu Fuß zu gehen. Aus Ärger vielleicht oder zur Strafe.
Am Himmel, der einer violetten Kuppel glich, waren die ersten Fledermäuse unterwegs, die im verlöschenden Licht mit sichelartigen Flügeln ihre kleinen Einsätze flogen, und er ging über die sich rotblau verfärbende Wiese, während er ihnen dabei zusah, wie sie umherschossen und ihre krummen Flugbahnen flüchtig an den Himmel schrieben. Er nahm die Pfade seiner Jugend, während seiner Abwesenheit von grauen Wildrudeln genutzt, einer fast fließenden Kraft, die durch die Wälder sprang, und von herumstreifenden Schwarzbären und der einzig verbliebenen Raubkatze, die noch in den Bergen lebte, alle paar Jahre auf das Dach einer Hütte kletterte und wie eine zornige Frau jaulte. Er war umgeben von Bäumen, die sich ans letzte Tageslicht klammerten, während die welkenden Blätter in ihrer alten Sprache flüsterten.
Als kleiner Junge, im Alter von sieben oder acht, war er so zu Eli gelangt, damit dieser ihn auf die Jagd mitnahm. Er hatte sich seine einschüssige Eichhörnchenbüchse, ein Geburtstagsgeschenk von Eustace, über die Schulter gehängt, aber Granny hatte ihm gesagt, dass er nicht allein jagen gehen dürfe. Er war oberhalb der Werkstatt von Elis Daddy aus dem Wald gekommen, deren Fensterscheiben in dem Moment blau und weiß leuchteten. Er stand da und sah durch das Glas dabei zu, wie Elis Vater seinem Sohn das Schweißen beibrachte. Der Mann zeigte mal hierhin, mal dorthin, eine Hand auf der Schulter des Jungen, und dann setzten die beiden wie Ritter vor einem Turnier gleichzeitig ihre Schweißmasken auf. Rory sah, wie die kleinen Sonnen im Staccato an der Spitze ihrer Schweißpistolen entstanden.
Bald erkannte er seinen Fehler. Er sah auf einmal kleine Lichtschlangen, die vor Schmerz pulsierten, wenn er die Augen schloss. Bald brannten seine Augen, als hätte ihm irgendein Fiesling Sand hineingerieben, und er konnte vor Schmerz kaum blinzeln. »Verblitzung«, sagte der Arzt. Seine Hornhaut war verbrannt. Zwei Wochen lang musste er Augenklappen tragen und durfte sie nur ganz leicht anheben, um seine Füße zu sehen, wenn er durchs Haus tappte. Zwei Wochen, in denen er Angst hatte, er würde nie mehr richtig sehen und die Eichhörnchen somit vor ihm sicher sein. Seine Sehfähigkeit wäre verloren gewesen wie die Stimme seiner Mutter.
Wie früher trat Rory oberhalb der Werkstatt aus dem Wald. Die Fenster glühten golden in der hereinbrechenden Dunkelheit. Es war im Grunde nur eine alte, verwitterte Scheune, aber Eli hatte eine Betonplatte gegossen, um den abfallenden Boden auszugleichen. Über den schweren Eichentüren auf Laufrollen aus Metall hing ein handgemaltes Schild: HOWL MOTORS. Eli lag auf seinem Rollbrett unter einem 51er Mercury, der goldgelb lackiert war. Nur seine Stiefel schauten heraus. Rory trat gegen den einen.
»Wer ist da?«
»Als hättest du mich nicht kommen hören.«
Eli kam unter dem Wagen hervorgerollt, Hände und Gesicht geschwärzt wie bei einem Bergarbeiter. Mit einem Lappen, der noch schmutziger aussah als der Rest von ihm, wischte er sich das Gesicht ab.
»Gib mir bitte mal die Zigaretten.«
Rory reichte ihm das Päckchen Lucky Strike, das auf einem Stuhl neben ihnen lag, wobei er sich vorher selbst bediente.
»Gern geschehen«, sagte Eli. Er zündete seine an, ohne von dem Rollwagen aufzustehen, legte den Kopf zurück und stieß den Rauch aus. »Hab gehört, du hattest Ärger gestern Abend.«
»Du bist ’n noch größeres Klatschmaul als Granny.«
Eli schnipste Asche aus seinem Bart. Der trockene, wirre Filz war reif für ein Buschfeuer.
»Hier kommen ’ne Menge Autos vorbei, und in jedem sitzt einer mit ’nem losen Mundwerk. Du glaubst also, dass Muldoon dahintersteckt?«
Rory zog den Stuhl heran, wobei die Rollen quietschend über den Boden holperten. Die Hände zwischen den Knien, schnipste er mit dem Daumen Asche von seiner Zigarette.
»Ich glaube nicht, dass sie besonders scharf drauf sind, es zuzugeben.«
»So, wie es gelaufen ist, nicht«, sagte Eli. »Vielleicht hat der Cooley-Junge sie dafür angeheuert.«
»Der scheint ja was ganz Besonderes zu sein.«
»Nicht gerade der Schlaueste«, sagte Eli. »Aber wie ich höre, gleicht der kleine Wichser das mit seiner Bösartigkeit aus. Es heißt, er sei mit acht von einer Mokassinschlange gebissen worden. Ist angeschwollen wie ’n Wetterballon. Seither tickt er nicht mehr ganz richtig. Hat letztes Jahr in Linville einen Jungen getötet, der ihm einen lahmen Coonhound verkauft hat, den er als Zuchthund haben wollte. Hat sich mit Notwehr rausgeredet, aber ich weiß nicht so recht. Es heißt, er hat den Hund von ’ner Brücke geworfen.« Eli nickte, noch immer flach auf dem Rücken liegend, und sah dabei zu, wie der Rauch zur Decke aufstieg. »Mit so jemandem stimmt etwas ganz und gar nicht, und zwar von Geburt an.«
»Ich bin drüben ein paar von der Sorte begegnet.«
Eli rollte auf einem Ellbogen näher heran und sah ihn an. »In Korea?«
Rory nickte.
»Wie war das?«, fragte Eli.
Rory blickte auf die heruntergebrannte Zigarette zwischen seinen Fingern und kaute auf seiner Lippe.
»Es war ein Ort, an dem man die wirklich finsteren Gesellen auf seiner Seite und hinter sich haben wollte. Dort drüben war schlecht gut.«
»Verdammt«, sagte Eli. »Das ist heftig.«
»Ja.«
»Hattest du Angst?«
»Die ganze Zeit.«
Eli nickte.
»Also dieser Cooley-Junge ist keiner, dem man den Rücken zudreht. Fährt den Hudson in der modifizierten Klasse unten auf der Rennstrecke. Macht auch zwei-, dreimal die Woche Fahrten damit. Diese Muldoons sind ganz dicke mit dem Sheriff, seit du weg bist.«
»Was ist mit diesem neuen Steuereintreiber aus Washington?«
Elis Zigarette ragte gerade aus seinem Mund und qualmte wie ein winziger Schornstein.
»Sein Name ist Kingman. Es heißt, er hat ein paar Countys oben in Virginia völlig trockengelegt. Ist nicht zimperlich im Umgang. Soll mal bei der Army gewesen sein. Sondereinheit und so.« Eli schüttelte den Kopf. »Bist in schwierigen Zeiten nach Hause gekommen.«
Rory ließ seine Zigarette auf den Boden fallen und trat sie mit seinem heilen Fuß aus.
»Wenigstens bin ich zu Hause«, sagte er. »Größtenteils jedenfalls.«
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