Kitabı oku: «Pinsel und Meißel»
Teodoro Serrao
Pinsel und Meißel
Autorisierte Aebersetzung aus dem Englischen
von
Emma Müller
Saga
Erstes Kapitel.
Rom war nicht ihr Geburtsort; sie kam aus einem jener nördlichen Länder, die so reich an dichten Forsten, an geheimnisvollen Wäldern, an phantastischen Sagen und bleichen Frauen sind.
Ihr Arzt hatte sie nach Italien geschickt, dessen mildes Klima ihrem zarten Körper neue Lebenskraft einflössen sollte. Der müde, den Leidenden eigene Blick und das matte Lächeln, das manchmal ihre Lippen umspielte, erhöhten ihre anmutige Schönheit. Denn sie war schön und auf ihren zarten Zügen lag ein solcher Ausdruck von Reinheit und Unschuld, ihrem ganzen Wesen entströmte ein solcher Hauch von Kindlichkeit, dass niemand, der sie einmal gesehen hatte, ihr liebliches Antlitz wieder vergessen konnte.
Ich will sie nicht ausführlicher schildern. Dante hat Beatrice nie beschrieben. Von ihm erfahren wir nicht, ob sie gross oder klein, ob sie blond oder schwarz, heiter oder schwermütig gewesen ist; und doch stellen wir sie uns schön vor, denn jeder denkt, dass die Frau, die dem Dichter eine so hohe Liebe einzuflössen verstanden hat, der gleichen müsse, nach der er selbst sich sehnt und deren Bild seine Träume erfüllt.
Ihr Name? Ich weiss ihn nicht; niemand sagte mir, wie sie hiess. Aber was kümmert uns ihr Name? So will ich dem Beispiel des grossen Florentiners folgen und die nicht zu schildern versuchen, die in dieser Geschichte eine so grosse Rolle spielt. Eine indische Sage berichtet uns, dass das erste Weib ein vom Himmel zur Erde herabgestiegener Engel gewesen sei, und demgemäss werde ich sie in diesen Blättern Angelika nennen.
Wenn sie je dies Buch liest, wird sie sich unter diesem durchsichtigen Pseudonym erkennen und mir verzeihen, dass ich versucht habe, bis in ihr innerstes Herz zu dringen.
Gar häufig behauptet ein Mann, dessen Neigung von einem schönen Weib nicht erwidert wird, dieses sei wohl schön, aber so stolz und kalt als ein Marmorbild. Bisweilen trifft dies zu, aber in den meisten Fällen ist es eine gehässige Ungerechtigkeit. Von Angelika konnte dies niemand sagen, denn sie wurde nicht nur um ihrer äussern Reize willen bewundert.
Namentlich wenn sie am Klavier sass und leuchtenden Auges ihre eigenen Kompositionen spielte, wenn ihre Wangen glühten, ihre Nerven vor Bewegung zitterten und ihre ganze Gestalt Leben gewann, fühlte sich alles wie durch einen mächtigen Zauber zu ihr hingezogen.
Nie gestattete sie die Veröffentlichung ihrer Kompositionen, und obgleich ich diese darum nie wieder hören werde, so werden mein Gemüt und meine Seele doch für immer den tiefen Eindruck bewahren, den sie auf mich machten.
Was sie komponierte, waren Lieder ohne Worte, voll Poesie und voll Mysterium. Bisweilen klangen aus diesen vibrierenden Tönen Thränen und Seufzer hervor; bisweilen verrieten sanfte, lächelnde Weisen, dass unbestimmte Gedanken ihre Einbildungskraft erfüllten; aber ein Hauch von Melancholie wehte durch alles; es war nicht das verzweifelte Schluchzen Chopins — es war das Leid eines süsseren Wesens, das Leid eines Weibes.
Niemand wusste, wer sie wirklich war. Ihr Benehmen war das einer Dame; und die Thatsache, dass sie einige sehr angesehene Leute zu ihren Freunden zählte, befriedigte die Welt. Es ist so leicht, von einer schönen Frau das Beste zu glauben.
Sie hatte eine wahre Künstlerseele. Alle ihre wirklichen Freunde waren Künstler, und von diesen wurde sie verehrt wie eine Königin. Alle, die sie kannten, liebten sie. In ihrem Salon trafen sich die bedeutendsten Schriftsteller, die hervorragendsten Bildhauer, Maler und Musiker; und von diesem Tribunal der schönen Künste empfing das neueste Kunstwerk, das jüngste Buch seinen Lorbeerkranz oder seine Verurteilung. War sie da, so wurde der bitterste Sarkasmus der Kritiker wie der heisseste Streit der Künstler stets durch Güte gemildert. Sie fand ein gutes Wort, eine Ermutigung für jedweden, der einer solchen bedurfte. Wer weiss es nicht, wie wohl ein ermutigendes Wort thut, wenn es aus einem sanften, liebevollen Herzen kommt?
Wenn Künstler ein eigenes Königreich hätten, in dem sie alle beisammen lebten, sie würden sie zu ihrer Königin erwählt haben, so beliebt war sie bei ihnen.
Sie lebte in Rom mit einer alten Dame, ihrer Tante. Diese war eine sonderbare Frau, die sich stets schweigend verhielt und an nichts Interesse nahm, es mochte sein, was es wollte; für sie gab es nur ein Wesen, nur einen Gedanken in dieser Welt — ihre Nichte. Das einzige, was sie an Rom schätzte, war das Klima, weil es Angelikas Gesundheit kräftigte. Sie gingen nie in Gesellschaft, aber einmal wöchentlich trafen sich ihre Freunde in ihrem Hause; sonst sah man sie höchstens bei einer Ausstellung oder in einem Konzert.
An einem sonnigen Nachmittag im Januar fuhren Angelika und ihre Tante vor die Porta del Popolo hinaus, um das Atelier eines kalabresischen Bildhauers zu besuchen, dessen Werke sehr gerühmt wurden.
Vor einigen Jahren wohnten die Künstler fast alle beisammen in der Via Margutta, einer kleinen Parallelstrasse der Via Babuino am Fusse des Pincio. Jetzt sind sie hier und da zerstreut; einige sind vor die Porta del Popolo hinausgezogen, andre haben ihre Ateliers am alten Platze beibehalten oder sich an der Passeggiata di Ripetta, am Tiber, niedergelassen; wieder andre sind auch in die neuen Stadtteile Roms gezogen.
In dieser Welt verändert sich alles. Früher wussten die Künstler kaum, wie sie die Miete ihres Ateliers bezahlen sollten, jetzt besitzen manche schöne Häuser; früher wurden Meisterwerke geschaffen ohne die vielen Ausstellungen, jetzt haben wir eine ungeheure Produktion von Mittelmässigkeiten; früher war eines Künstlers einziger Lebenszweck die Kunst an sich, jetzt machen manche Künstler in Politik, während andre als Salonhelden zu glänzen streben.
Doch kehren wir zu unsrer Erzählung zurück.
Als der Wagen vor der Thür des Bildhauers hielt, konnte man Stimmen hören, die ein spanisches Lied zur Guitarre sangen; aber als Angelika an die Thür klopfte, verstummte alles. Angelika lächelte ihrer Tante zu, doch schien diese weder den Gesang, noch das plötzliche Schweigen bemerkt zu haben.
Ihr Besuch war ein unerwarteter.
Ein kleiner, dunkler Mann mit kurzgeschnittenem schwarzen Bart und hellen Augen, öffnete die Thür und sah vergnügt und zugleich überrascht aus, als er seine Besucher erkannte. In italienischer Sprache sagte er zu Angelika: „Ich danke Ihnen, Signorina, für die Ehre, die Sie mir und meinem Atelier erweisen, aber ich fürchte, Sie werden alles in schrecklicher Unordnung finden ...“
„O, machen Sie sich darüber keine Sorge,“ erwiderte sie. „Sie wissen, ich bin Ihre interessante Unordnung gewöhnt. Ich finde sie reizend.“
Während der Bildhauer die Damen willkommen hiess, führte er sie in sein Atelier. Vier junge Leute sprangen sehr verlegen von ihren Sitzen auf. Der eine versuchte, eine Guitarre in einem Winkel hinter einer Gipsbüste zu verstecken.
Der Kalabrese, Mario Origlio, stellte Angelika seine Freunde vor. Mit Ausnahme eines römischen Malers waren es lauter Spanier.
Ein riesiges Fenster erhellte das Atelier, das mit Büsten und Statuetten in Marmor, Bronze und Terracotta beinahe überfüllt war. In der Mitte stand eine grosse Thonfigur, die eine sitzende weibliche Gestalt darstellte, die mit rührend traurigem Ausdruck auf ein totes, in ihrem Schosse ruhendes Kind herniederblickte. Das Kind hatte zwei Flügel, aber diese waren gebrochen.
„Es heisst ‚Der Tod Amors‘,“ sagte der Bildhauer zu Angelika, die bewundernd vor der meisterhaft ausgeführten Gruppe stehen geblieben war.
Der Kalabrese setzte die Drehscheibe, auf den er die Gruppe modelliert hatte, in Bewegung, so dass sich die Gestalt langsam umwandte.
Alle blickten schweigend auf den feuchten Thon, über den die helle Beleuchtung einen fleischartig weichen Schimmer warf; Angelikas Augen, ihre zitternden Lippen, ihre selbstvergessene Haltung verrieten ihre Bewunderung, während ihre Tante vollkommen gleichgültig aussah.
Die jungen Künstler fühlten sich in ihrer Gegenwart verlegen; überall pflegen sie sich offen und freiherzig zu geben, nur in ihren Ateliers sind sie schüchtern. Diese Schüchternheit ist ganz andrer Art als die eines Kunstfreundes, der eine Sammlung in seinem Hause zeigt; ein Künstler zeigt nicht nur den Raum, in dem er schafft, sondern alles, was er mit Kopf und Herz zu wirken und zu empfinden fähig ist. Man tritt in ein Atelier und versteht, beurteilt den Künstler. Man steht den Gedanken bereits vollendeter Werke und zu solchen, die niemals ausgeführt werden, gegenüber; man gewinnt einen Einblick in die Entwickelungsgeschichte einer Seele: den Geschmack, das Streben und Schaffen, die Befriedigung und Enttäuschungen; diese ganze Geschichte graphisch ausgedrückt durch Skizzen, Zeichnungen, Modelle.
Bei einem Bildhauer ist das sogar noch mehr der Fall, als bei einem Maler, da dieser immer etwas Hübsches zu zeigen hat, auf das er stolz sein kann: Altertümer, orientalische Brokate, Teile von Rüstungen, Kostüme, Stiche u. s. w., während der Bildhauer nichts zu zeigen hat, als sein Werk. Er kann nichts andres haben, denn durch den Thon, den Gips und die Feuchtigkeit wird alles beschmutzt und verdorben; ausserdem hat er auch in seinem Atelier keinen Raum dafür.
Nachdem sie die Künstler kurz begrüsst hatte, sagte Angelika lächelnd: „Wir hörten jemand singen. Warum haben Sie aufgehört? Ich möchte so gern einige Ihrer charakteristischen spanischen Lieder hören.“
Die Künstler lächelten verlegen; keiner hatte den Mut, ihren Wunsch zu erfüllen, weil alle wussten, welch eine Musikkennerin sie war. Mario wandte sich zu ihnen und bemühte sich, sie zu überreden, bis endlich ein junger Maler die Guitarre, die hinter der Büste verborgen war, aufnahm und begann, ihr liebliche Töne zu entlocken, während Angelika und ihre Tante sich auf zwei grosse altertümliche Sessel niederliessen.
Wer je ein spanisches Volkslied gehört hat, weiss, dass man nichts Lieblicheres und zugleich Kraftvolleres hören kann. Jene Lieder quellen aus dem innersten Herzen des andalusischen Volkes, in dessen Adern noch immer etwas maurisches Blut fliesst.
Der junge spanische Maler sang und begleitete seinen Gesang auf der Guitarre, während die andern, nach spanischer Sitte, im Takt dazu in die Hände klatschten.
Der Text lautete folgendermassen:
„Ich weiss nicht, was des Friedhofs Blume birgt,
O Mutter, doch es will mir scheinen,
Wenn sie der Wind so sanft bewegt,
Hör’ in der Stille ich sie weinen!“a)
„Danke,“ sagte Angelika, als die letzten Töne der Guitarre in dem weiten, stillen Raume verklangen; „aber nun haben Sie einmal angefangen und müssen mich schon noch mehr hören lassen.“
Darauf fuhr er fort:
„In Marmor soll dein Bildnis prangen,
Stolz über meines Grabes Nacht,
Um aller Welt dereinst zu künden,
Welch Leiden mir den Tod gebracht.“b)
Als das kurze Beifallsklatschen der Zuhörer verhallt war, begann er wieder:
„Stelle dich an meine Seite,
Senk’ ins Aug mir den Blick,
Und ich kehr’, vom Tod umfangen,
Noch einmal zu dir zurück.“c)
„Jetzt musst du aber etwas weniger Trauriges singen,“ sagte Mario.
Der junge Mann lächelte und sang:
„Als mir die schlimme Kunde wurde,
Dass du mich niemals hast geliebt,
Da lachten alle, selbst die Katze
War nicht im mindesten betrübt.“
Und das thaten auch alle im Atelier.
Angelika sagte: „Aber sind das wirkliche, in den unteren Ständen heimische Volkslieder?“
„Ja,“ antwortete der Sänger.
„Es ist merkwürdig, wie viel Empfindung sie haben! Ob wohl ein gebildeter Dichter edle Empfindungen so einfach ausdrücken könnte? Aber wenn Sie sich nicht dazu verstehen, mir noch ein Liedchen zu singen, so bringen Sie mich gar nicht mehr fort!“
„Dann singe nichts mehr,“ sagte der römische Maler, der bis dahin geschwiegen hatte.
Angelika sah ihn an.
Er war ein hübscher junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit glänzenden dunklen Augen und einem traurigen Zug um seinen schöngeschnittenen Mund.
Wie ausdrucksvoll ein geschlossener Mund doch aussehen kann!
Alle stimmten der Aeusserung des Römers bei.
„Nun, wenn Ihnen meine Gesellschaft so lieb ist, so müssen Sie sich auch meiner Tyrannei unterwerfen; jetzt befehle ich: Singen Sie!“ sagte sie mit einer scherzhaft gebieterischen Bewegung.
Der Spanier antwortete: „Ich gehorche. Hören Sie:
„Zwei Küsse trage ich im Herzen
Gar treu und sorgsam bis ins Grab:
Den letzten Kuss von meiner Mutter,
Den ersten, den ich dir einst gab.“d)
Dieses letzte kleine Lied war mit so ausserordentlicher Zartheit vorgetragen worden, dass alle eine Weile schwiegen. Es war, als ob jeder ein leises Beben in seinem Herzen fühlte bei der Erinnerung an ein liebes, altes Angesicht — bei dem Gedanken an einen anmutig lächelnden jungen Mund.
Angelika brach das Schweigen, indem sie sich erhob und zu dem römischen Maler sagte: „Ich weiss nicht, wie es kommt, dass mir Ihr Name so bekannt klingt.“
„Vielleicht, weil ich in demselben Hause wohne, wie Sie; Sie werden ihn im Vorbeigehen an meiner Thür gelesen haben.“
„So ist’s, wir sind Hausgenossen. Aber ich denke, ich muss irgend jemand über Sie und Ihre Werke in sehr schmeichelhafter Weise haben reden hören. Ah, jetzt erinnere ich mich! Es war Signor Claretti, der Kritiker, der mir sagte, dass sich an Ihr Bild die grössten Erwartungen für die nächste Ausstellung knüpfen.“
Giulio Cormorto — so hiess der römische Maler — errötete leicht und erwiderte: „Signor Claretti ist mein Freund, und Freundesaugen können nicht unparteiisch sehen.“
„Sie sind sehr bescheiden, Signor Cormorto“ — und indem sie sich zum Gehen wandte, fügte sie hinzu: „Ich hoffe, Sie werden mich morgen abend besuchen; es soll ein wenig musiziert werden, und vielleicht wird auch der berühmte Violinist, Herr Glücklich, spielen. Ich freue mich, die Bekanntschaft meines Nachbars gemacht zu haben.“
„Ich bin Ihnen sehr verbunden und werde kommen,“ antwortete Cormorto, sich tief verbeugend.
Dann wandte sie sich an Origlio: „Vergessen Sie nicht, dass Sie mir versprochen haben, zu kommen und von Ihren kalabresischen Sitten und Gebräuchen zu erzählen.“
Er erwiderte, dass er sich dessen sehr wohl erinnere und dass er ihr ein Buch über diesen Gegenstand bringen werde.
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tante, die sich nicht herabliess, ein Wort zu sagen.
Sobald die Damen gegangen waren, fingen die jungen Leute alle an, laut und lebhaft zu sprechen, als ob sie die Zeit wieder einholen wollten, in der sie ihrer Freiheit beraubt gewesen waren.
„An was denkst du?“ fragte Mario seinen Freund Cormorto, der aus dem Fenster sah.
„Ich denke, dass sie einen wundervollen Kopf hat. Was für eine reine Stirn, was für ein Profil! Sie muss ein Engel sein!“
„Sie ist eben so gut als schön; bella di faccia, bona di core — wie der Neapolitaner sagt. Das wäre eine hübsche Gestalt für dein Bild!“
Dann sprachen sie über die Gruppe. Origlio zog Cormorto stets bei seiner Arbeit zu Rate; ein Maler bemerkt manches, was ein Bildhauer übersieht — und andrerseits kann der Bildhauer wiederum dem Maler nützlichen Rat erteilen. Es gibt keine Farbe ohne Form und keine Form ohne Farbe; so hatte jeder Verständnis für die Arbeit des andern, und als gute Freunde sprachen sie ihre Ansichten und ihr Urteil offen aus.
Sie besprachen die allgemeinen Umrisse der Gruppe, und die andern hörten ihnen, durch jene Art von geistiger Ueberlegenheit, die unter Künstlern schweigend und rasch anerkannt wird, bezwungen, respektvoll zu.
Von dem heutigen angenehmen Besuch war weiter keine Rede mehr, da Besuche in Origlios Atelier eben keine Seltenheiten waren; Cormorto jedoch dachte beständig an das zarte Gesicht des jungen Mädchens, und als sie alle zusammen das Atelier verliessen, fragte er Origlio wieder nach ihr; sie sprachen über ihre aussergewöhnliche Schönheit — jeder von ihnen von seinem eigenen Gesichtspunkte aus.
Wenn sie zugegen gewesen wäre und gehört hätte, was diese beiden Männer über sie sagten, so hätte wohl ihre Eitelkeit befriedigt sein können, aber nicht ihr Stolz; sie schienen nur Farben, Linien, Proportionen zu sehen; sie sprachen über sie, wie sie es über ein Porträt von Velasquez oder eine Statue von Canova gethan haben würden.
Nachdem sie über die Piazza del Popolo geschritten, gingen sie nach der Passeggiata di Ripetta in das Atelier eines Spaniers, der in einer Ausstellung einen ersten Preis davongetragen hatte und diesem Ereignis zu Ehren seinen Freunden ein kleines Festmahl gab.
Zweites Kapitel.
Die aufgehende Sonne sandte einen schüchternen, bleichen Strahl durch das Fenster des Ateliers. Dieser gerade bläuliche Lichtstreifen suchte sich dort natürlich die glänzendsten Gegenstände aus: einen breiten Goldrahmen, einen silbernen Kürass, einen Helm in einer Ecke — und liess alles übrige im Dunkeln. Nach und nach wurde der Strahl wärmer und rosiger, und in jenem geheimnisvollen, zarten Lichte süllte sich das grosse Zimmer mit Bildern von weissgekleideten Frauen und von Männern in den dunklen Kostümen des sechzehnten Jahrhunderts; alle Wände waren mit mächtigen Kartons bedeckt, die nur die Skizzen zu einem einzigen grossen Gemälde waren.
Aber bald verschwand der rosige Hauch, es wurde heller und heller, in stolzer Pracht strömte die Sonne in das Gemach, umfloss alles mit ihrem Glanz und zeigte nun erst das Atelier in seiner ganzen künstlerischen Eleganz und Unordnung.
Hie und da standen einige altertümliche Stühle umher, in einer Ecke eine kostbare, dunkle, im besten Rokokostil geschnitzte Kommode mit mehreren japanischen Dolchen und allerlei sonstigen Spielereien, darüber hing ein schöner venezianischer Spiegel; gegenüber stand ein schwarzer Tisch aus Zwergbaumholz mit Büchern, Zeichnungen, Mappen, Zeitungen, Photographieen und verschiedenen andern Gegenständen beladen, unter denen ein grosses silbernes Tintenfass, Diana auf der Jagd darstellend, von der Hand eines alten Meisters ciseliert, besonders ins Auge fiel. Ein faltenreicher grüner Samtoorhang hing vor der Thür, neben der ein türkisches Sofa stand, und auf diesem lag, in eine Ciociarodecke gehüllt, ein junger Mann und schlief.
Es war Cormorto — bleich und schweratmend, mit dem Aussehen eines Mannes, der eine durchschwärmte Nacht hinter sich hat.
Ein lautes Klingeln weckte ihn. Er fuhr auf und rief: „Wer ist da?“ Dann ging er, die Thür zu öffnen.
Ein hübsches Mädchen trat ein, trippelte anmutig näher und lachte über sein verschlafenes Aussehen.
„O! Sie waren gestern abend bei den Spaniern. Erzählen Sie mir! Ist’s wahr, dass das Modell Maria auch da war?“
„Ach, bitte, nicht so laut! Sprechen Sie leiser, ich habe furchtbares Kopfweh!“ unterbrach sie Cormorto verstimmt.
Das lustige Mädchen stimmte nun um so lauter ein neapolitanisches Lied an:
„Ich hab’ einen Schatz, ’nen verdammten Kumpan,
Den blickt das Leben gar freundlich an:
Von morgens bis abends sieht man ihn wandern,
Stets durstig von einer Kneipe zur andern.“e)
„Halt!“ sagte er wütend.
„Was? Sind Sie wirklich böse? Dann lassen Sie uns an die Arbeit gehen; Sie wissen ja, wenn ich nicht arbeite, kann ich meinen Mund nicht halten.“
Mutwillig schritt sie zum Tisch, nahm eine Cigarette und begann zu rauchen wie ein Soldat, oder — wie eine Dame von heutzutage.
Er ging in ein anstossendes Zimmer, um seinen Kopf in frisches Wasser zu tauchen, während sie ihr Kleid mit einem von weisser Seide vertauschte.
Sie war ein reizendes junges Geschöpf, etwa siebzehn Jahre alt, frisch und stark, mit einem ewigen jugendlichen Lächeln auf ihren roten Lippen und in ihren dunklen Augen.
Als sie angekleidet war, fing sie, die Cigarette in ihrem rosigen Munde, wieder zu singen an.
Sie war eines jener Mädchen, die aus den rauhen Gebirgsdörfern in der Nähe Roms herunterkommen, um Modell zu stehen. Sie tragen die Fröhlichkeit der Jugend, die heitern Farben ihrer roten, blauen oder gelben Kleider und das rauhe, aber natürliche Benehmen der Contadini in die Ateliers der Maler und Bildhauer.
Wenn sie nicht in den Ateliers beschäftigt sind, versammeln sie sich auf den Stufen vor Santa Trinità dei Monti oder vor der Kirche in Via Sistina und plaudern und scherzen dort mit den jungen Männern ihrer Profession; oder sie tanzen auch, das weisse Tuch auf dem Kopfe, zum Klang der Tamburella und bilden charakteristische, reichfarbige Gruppen in ihren althergebrachten Trachten.
Unglücklicherweise bleiben die meisten dieser Mädchen nicht unberührt von der Verderbnis der grösseren Städte, und dann geben sie sich in den Ateliers mit dem gezierten Wesen von Landmädchen, die sich als Städterinnen aufspielen wollen; schliesslich missfällt ihnen dann auch noch ihr rauhes, doch schönes Ciociarokostüm, und sie ruhen dann nicht, bis sie kleine Hüte, gewöhnliche Kleider und moderne Schuhe mit hohen Absätzen haben, welch letztere an Stelle der klassischen Ciocie treten, die mit Bändern um die Knöchel befestigt werden.
Die Männer kehren gewöhnlich in ihre Dörfer zurück, sobald sie Geld genug erspart haben, um ein kleines Stückchen Grund und Boden zu kaufen, oder bleiben in Rom, falls sie es nicht so weit bringen, und gehen ihrem Gewerbe nach, bis die Zeit kommt, wo sie noch als alte Männer, die die Träume ihrer Jugend hinter sich gelassen haben, Modell stehen.
Manche von den Frauen sind sehr begabt. Einzelne haben Künstler sogar geheiratet und sind gute Hausfrauen mit einem gewissen äusseren Schliff geworden. Alle aber bewahren jene misstrauische Schlauheit, die den Kindern der Berge eigen ist.
Sobald Cormorto zurückkehrte, hörte das Mädchen auf zu singen, warf ihre Cigarette weg und nahm in der Nähe des grossen Fensters ihre Stellung an, so dass ihre ganze Gestalt voll beleuchtet war.
Er setzte sich vor die Staffelei, reinigte schweigend seine Palette und setzte frische Farben auf; aber auf einmal, als er kaum zu malen angefangen, warf er alles beiseite und sagte zu dem Modell: „Ich mag heute nicht arbeiten.“
Sie schien durchaus nicht verwundert hierüber und nahm ruhig ihre noch glimmende Cigarette wieder auf.
„So will ich gehen. Ich werde mich zu Ihrem Freunde Origlio verfügen; er muss mir sagen, ob Maria gestern abend auch dabei war.“
„Ja, es ist besser, Sie gehen. Nehmen Sie Ihre dritthalb Franken für diese Sitzung.“
„Wenn Sie nicht arbeiten wollen, nehme ich auch das Geld nicht.“
„Nun, so gehen Sie eben so,“ sagte Cormorto ungeduldig.
Als er in sein Kabinett ging, damit sie sich wieder umkleiden konnte, rief sie ihm nach: „Was für ein Grobian Sie heute sind, Signorino!“
Aber er schien nicht zu hören, was sie sagte.
Nach wenigen Augenblicken war Cormorto allein. Der Gesang des Modells erstarb allmählich in der Ferne, als sie die Treppe hinabstieg.
Er schlug ein Buch auf, dann wieder ein andres, bis er schliesslich eine Schachtel mit Pastellfarben und ein Stück rauhes Papier zur Hand nahm und anfing, einen Frauenkopf zu skizzieren. Und er arbeitete und arbeitete, fieberhaft schnell die Farben mit seinem Daumen knetend, als ob er das Gesicht, das er malte, hätte im Relief modellieren wollen.
Er schien das Enteilen der Stunden nicht zu bemerken; er ruhte nur, wenn er von Zeit zu Zeit, einen neugierigen Blick in den Augen, ein wenig von der Staffelei zurücktrat, um die Wirkung seiner Arbeit zu betrachten. Einmal lächelte er dem Bilde zu — dann fuhr er zu malen fort. Aber dieses treuherzige Lächeln kehrte jedesmal wieder, wenn ihm etwas daran gefiel.
Plötzlich verkündete die Kanone von Sant’ Angelo ganz Rom, gass es Mittag sei.
„Schon!“ rief er aus und sah nach seiner Uhr.
Dann klingelte es ein zweites Mal.
Ein alter Mann trat ein; ein armer Maler, dem Cormorto mit jenem Zartgefühl zu helfen pflegte, das den Stolz eines andern schont, und das niemand tiefer empfindet, als der Künstler gegen seinen Kunstgenossen.
Da er ein grosses Einkommen hatte, konnte Cormorto das thun, obgleich er sich sehr selten bemühte, seine eigenen Gemälde zu verkaufen.
Der ältliche Besucher war ärmlich gekleidet, aber seine Kleider sassen gut, und in seiner äussern Erscheinung, wie auch in seinem ganzen Benehmen lag jenes unbeschreibliche Etwas, das auch den schlechtesten Beobachter sofort gewahren lässt, dass er sich einem Gentleman gegenüber befindet.
„Herein, herein, Alter,“ sagte der junge Maler und streckte ihm die Hand entgegen. „Sehen Sie her! Gefällt es Ihnen? Sagen Sie mir offen, was Sie davon halten.“
Der Eintretende betrachtete das Pastell mit dem Auge eines Kenners erst in der Nähe, dann aus einer kleinen Entfernung und antwortete: „Sehr gut, mein lieber Junge. Ich sehe, Sie machen wunderbare Fortschritte. Wer ist sie?“
„O, nur ein Studienkopf ... aus der Phantasie oder nach dem Gedächtnis!“
„Sonderbar. Die Auffassung und die Zeichnung sind so gut, dass ich dachte, Sie hätten es nach dem Leben gemacht. Aber thun Sie das nie wieder, verfallen Sie nicht in die Gewohnheit, mit Ihrer Phantasie zu arbeiten. Sie würden auf diese Weise jeden richtigen Begriff von Farbe verlieren.“
Cormorto hörte dem alten Maler aufmerksam zu, der einst ein tüchtiger Kolorist gewesen war, jetzt aber — nachdem er sein ganzes Vermögen bei einer misslungenen Spekulation verloren — im Kampf ums Dasein schwer zu ringen hatte, einesteils, weil heutzutage im Verhältnis zu der grossen Masse der Bilder, die gemalt werden, so wenig gekauft wird, andrerseits wegen seines festen Entschlusses, die kleinen, gangbaren Geschmacklosigkeiten nicht zu malen, welche die Händler von den Künstlern fordern.
Der alte Mann wollte lieber alles ertragen, alles entbehren, als von seinen künstlerischen Ueberzeugungen lassen und seine Pinsel dadurch herabzuwürdigen, dass er sie zwang, lediglich nach Brot zu gehen. Er pflegte zu sagen, ein Mann könne kein schwereres Verbrechen begehen, als das, seine Achtung vor der Kunst zu verlieren. Er hegte für die Kunst eine Verehrung, wie ein alter Ritter sie für die Dame seines Herzens gefühlt haben mag.
„Woher es nur kommen mag, dass ein Pastell eine zugleich so kräftige und so zarte Wirkung hervorbringen kann, wie kaum je ein Oelgemälde?“ sagte Cormorto.
„Ein Pastellbild ist phantastischer, deshalb gefällt es Ihnen besser. Mir ist es gleich, mit welchem Material ich arbeite; ich schätze ein gutes Pastell ebensosehr als ein gutes Aquarell oder ein gutes Oelbild, weil man in jeder Art jeden Grad von Kraft erreichen kann, wenn nur diese Kraft in uns selbst liegt. Nehmen Sie Fortunys Aquarelle; sind sie nicht ebenso wirkungsvoll als Oelgemälde? Und doch gibt es Leute, die für ein Oelgemälde eine Summe zahlen, die sie nie für ein gutes Aquarell oder ein Pastell ausgeben würden. Ich möchte wohl wissen, warum!“
„Ja, Sie haben ganz recht. Und wenn jene versuchen wollten, sich zu verteidigen, könnten sie nicht einmal sagen, dass Pastell- und Wasserfarben zu rasch verderben.“
„Natürlich könnten sie das nicht behaupten. Haben wir nicht noch Kohlenzeichnungen von Michelangelo? Und verändern sich Oelgemälde etwa nicht im Lauf der Zeit? Alles ist dazu bestimmt, einmal zu Grunde zu gehen.“
„Darüber sind wir einig, lieber Freund. Doch fast hätte ich etwas vergessen,“ fügte Cormorto hinzu, indem er leicht errötete und sein Gesicht abwandte, „heute morgen war ein Herr hier, der eine kleine Landschaft wünschte. Da ich nicht gern Landschaften male, sagte ich ihm, ich wolle Sie bitten, eine für ihn zu malen. Er hat fünfhundert Lire dafür zurückgelassen. Wollen Sie es übernehmen? Sie haben natürlich das Recht, zu malen, was und wie Sie wollen.“
„Ja, ich will,“ antwortete der andre mit zitternder Stimme und feuchten Augen.
Dann und wann brachte Cormorto eine solche kleine Unwahrheit vor, und der alte Mann hörte sie an. Der erstere konnte dann nicht umhin, zu erröten, und der letztere konnte nicht umhin, gerührt zu sein von dieser liebevoll verschleierten Grossmut.
Alle diese kleinen Gemälde des alten Künstlers wurden nachher von Cormorto als Geschenke an seine verschiedenen Freunde geschickt.
„Wie geht es Ihrem Nachbar?“ fragte der junge Mann plötzlich, da er das verlegene Schweigen abzukürzen wünschte, das auf die letzten Worte gefolgt war.
„Es geht ihm viel besser.“
„Haben Sie heute nacht wieder bei ihm gewacht?“
„Ja, aber der Doktor sagte heute morgen, dass es jetzt viel besser mit ihm stehe und er bald im stand sein werde, heimzureisen.“
„Sie sind so gut, mein alter Freund.“
„Warum sagen Sie das? Wenn es schlecht ist, einen armen Nachbar, der krank ist und niemand in der ganzen Stadt hat, der sich um ihn kümmert, in der Not zu verlassen, so ist das einfache Ihm-beistehen nur die Unterlassung einer schlechten Handlung.“
„O, wie Sie die Logik Ihrer Bescheidenheit opfern! Bei Ihnen war es nicht Unterlassung einer selbstsüchtigen Handlung, sondern Sie thaten etwas positiv Gutes!“
Der alte Maler sagte nicht, dass er soeben seine Uhr verkauft hatte, um für seinen Nachbar Medizin zu kaufen.
Bald nahm Cormorto Hut und Handschuhe und ging mit seinem Freunde aus, um in einem kleinen Hause vor der Porta del Popolo zu frühstücken, wo viele Künstler zu verkehren pflegten.
Es war eine Osteria mit kleinem Garten, wo die gewöhnlichen Leute ihre Mahlzeiten nahmen und die vorüberkommenden Fuhrleute anhielten, um ihren Freunden, den Butteri, Bescheid zu thun. Die Fuhrleute, die die öde, trostlose römische Campagna durchfahren, haben sehr malerische Kostüme: ein heller Ton in dieser traurigen Gegend, die ohne Baum, ohne Haus, sich weit dahindehnt wie die See; für ihr arbeitsames Dasein entschädigen sie sich dadurch, dass sie an jeder Osteria anhalten, an der sie vorüberkommen, um ein Glas Wein zu trinken und ihre Pferde ein wenig rasten zu lassen. Es ist sehr interessant, frühmorgens diese langen Reihen von Wagen zu sehen, wie sie aus verschiedenen Richtungen nach Rom kommen; die Pferde in ihren weissen Fliegennetzen, mit grossen Quasten von roter Wolle geschmückt, ziehen langsam einher, während Hunderte von kleinen Glocken silberhell erklingen, die an der Plane befestigt sind, worunter die Fuhrleute schlafen oder singen.
Die Butteri, die spitzen schwarzen Hüte tief in die Stirn gedrückt, die weiten runden Mäntel in malerischem Faltenwurf über das Pferd herabhängen lassend, reiten, mit langen, eisenbeschlagenen Stöcken bewaffnet, daher und treiben Kühe, Ochsen oder Büffel zum Verkauf.
Diese Leute, die beständig im Sattel und unter dem Vieh leben, sind rauh und ungesellig; aber wenn sie mit den Fuhrleuten zusammentreffen, so kneipen sie mit diesen und halten gute Freundschaft mit ihnen, falls es ihnen nicht gerade einfällt, einander mit ihren Messern zu traktieren.
In einer dieser Weinschenken, die als „Glückspender“ eine Schleiereule und ein Paar Ochsenhörner über dem Eingang aufwies und durch zwei kleine Fahnen, eine rote und eine weisse, zu wissen that, dass hier sowohl weisser als roter Wein zu haben sei, hielt der Eigentümer ein grosses Zimmer zur Verfügung der Künstler, die ihre Ateliers vor dem Thor hatten, und er nannte diesen Raum die „Künstlerstube“.
In Rom kann man ruhig an jeden Ort gehen, der von den niederen Volksklassen besucht wird, weil diese gegen jedermann respektvoll, ja oft nur allzu liebenswürdig sind, indem sie einen auffordern, aus ihrem eigenen Glase Bescheid zu thun, und man das Glas wenigstens mit den Lippen berühren muss, wenn man sie nicht beleidigen will. Künstler besonders sind überall und von jedermann gern gesehen.
Im Oktober geht es in diesen Osterien vor der Stadt sehr lustig zu, da viele Leute jeden Standes hinkommen, und das Volk nachmittags gewöhnlich zu den Klängen einer Orgel oder eines kleinen Orchesters tanzt, das aus einer Guitarre, einer Violine und einer Klarinette besteht.
In der „Künstlerstube“ konnte man ein bis zwei Dutzend Leute essen, trinken, schwatzen oder gestikulieren sehen. Italienisch wurde hier mit jedem möglichen und unmöglichen Accent gesprochen; es waren aber auch Engländer, Spanier und Deutsche da, und jeder bemühte sich, lauter zu sprechen als der andre. Künstler verstehen einander so leicht; sogar ein eben aus London gekommener Engländer, der kein Wort italienisch verstand, hätte hingehen können und würde sich sehr leicht mit seinen Genossen verständigt haben. Sie sprechen durch Bewegungen der Augen, der Beine, des ganzen Körpers; sie zeichnen aufs Tischtuch — was dem Wirt natürlich höchst missfällt — sie zeichnen Linien in der Luft, kurz, es gelingt ihnen immer, sich deutlich auszudrücken.
Stets verschwören sie es, heute über Kunst zu reden; sie erklären dies für ein ganz verbrauchtes Thema, mit dem man sich nur den Appetit verderbe; aber gleich Motten, die ums Licht flattern und schliesslich hineinfallen, kehrt ihre Unterhaltung beständig zu dem verpönten Gegenstand zurück.
Sie sind alle verschiedener Ansicht, selbst diejenigen, welche die gleichen Ideen haben und zur selben Schule gehören; sie streiten hitzig erregt, so dass ein Fremder, der ihnen zuhörte, leicht denken könnte, sie seien drauf und dran, einander totzuschlagen.
In einem Punkt indes stimmen sie alle überein; dass nämlich die Kunst zu Grunde gerichtet sei und zwar durch die Kunsthändler und durch den leidigen Umstand, dass nicht alle Aufträge in der Welt gerade ihnen gegeben werden.
Und nun wird über diese Kunsthändler, die in den Ateliers mit herzlichem Händeschütteln empfangen werden, aufs grausamste hergezogen und man überschüttet sie mit Schimpfwörtern sämtlicher Sprachen Europas. Sie sind Schurken, Diebe, Mörder, Räuber, Briganten, Schlangen, Hunde, Blutsauger, böse, abgefeimte, gehässige, erbärmliche Schurken, treulose Verräter, Spione u. s. w.
Wenn alle andern Beweisgründe erschöpft sind, so kommt die alte Frage aufs Tapet, ob die Malerei eine schwerere Kunst sei als die Skulptur, und ewig wird die Fabel von dem griechischen Maler angeführt, der einen Blinden vor eine Statue führte; der Blinde konnte sagen, dass es eine Statue sei, aber er erkannte die Malerei nicht, als er mit seiner Hand über die glatte, gemalte Wand fuhr. Für einen Maler Beweis, dass die Malerei viel schwieriger ist, als die Skulptur; hört aber ein Bildhauer die Geschichte, so schliesst er gerade das Gegenteil daraus.
Ein solches Frühstück zieht sich, wie man sich leicht denken kann, ziemlich in die Länge; ein Grund dafür — und zwar nicht der unwesentlichste — ist der, dass Künstler darin sind wie die Frauen, die viel über Leute reden, die nicht anwesend sind — und so hat niemand von der Gesellschaft den Mut, allein fortzugehen.
Hört man einen Künstler sagen, er hege grosse Verehrung für einen andern, so darf man ihm ja nicht glauben. Künstler verehren nur sich und denken, nur wenige seien im stande, so Schönes zu schaffen, wie sie, und diese wenigen seien seit langer, langer Zeit tot und berühmt. Sie verschonen ihre eigenen Lehrer, ja selbst ihre Brüder nicht; ein Künstler ist weit eifersüchtiger auf seine Kunst, als auf seine Frau.
Sonderbar ist es, dass, obgleich sie alle in direkter Linie von jenem berühmten Maler abzustammen scheinen, der seinen Genossen aus Eifersucht umbrachte, wir doch anerkennen müssen, dass sie in der Zeit der Not von wahrer Grossmut gegeneinander beseelt sind.
Ich selbst habe einen Künstler, der einen andern beständig herabzusetzen und zu verleumden pflegte, weinen sehen wie ein Kind, als er den Tod dieses Künstlers erfuhr. Er betrauerte ihn aufrichtig und that alles, was in seiner Macht stand, der Witwe und den Waisen beizustehen.
Als Cormorto und sein alter Freund die „Künstlerstube“ betraten, wurden sie mit lebhaften Begrüssungen empfangen, doch Cormorto vermutete, dass diejenigen, die am höflichsten gegen ihn waren, soeben gesagt hätten, er sei ein Narr und der alte Maler ein Schuft.
Auch Origlio kam, und Cormorto ging später mit ihm in sein Atelier und verbrachte dort den Nachmittag.
Sie sprachen über allerlei; endlich sagte Cormorto, als sei es ihm gerade eingefallen: „Ach, wir sind ja auch zu Signorina Angelika eingeladen.“
„Ja, freilich; wir müssen hingehen. Du sollst hören, wie wundervoll sie spielt.“
„Willst du mich abholen? Ich will dir ein kleines Porträt zeigen, das ich von ihr entworfen habe.“
„Ist es gut?“
„Ja, es hat etwas von ihr, und ich halte es für ein ziemlich gelungenes Pastell.“
„Gut, ich komme, oder wenn du noch einen Augenblick warten willst, so gehe ich gleich mit dir. — Giacomo!“
Giacomo war ein alter Ciociaro, der etliche vierzig Jahre Modell gestanden hatte und jetzt in Origlios Atelier lebte. Er diente diesem als Modell, als Hausknecht, als Diener, kurz, er war sein Faktotum. Giacomo kam aus einem anstossenden Zimmer, wo die Punktierer arbeiteten; er trug eine Mütze aus Zeitungspapier auf dem Kopf und half seinem Herrn die Blouse aus- und den Rock anziehen. Dann begann er, die Thonfigur zu befeuchten.
„Geh bald nach Hause und lege mir meinen Frack heraus, verstanden, Alter?“ sagte Origlio.
„Sehr wohl.“
„Also kann ich mich darauf verlassen, dass du mir nicht meinen Jagdanzug herrichtest?“
„Sie können sich darauf verlassen, Signorino.“
Cormorto lachte über den vollkommenen Gleichmut, womit der Ciociaro antwortete, und ging mit Origlio von dannen.
Drittes Kapitel.
Ihre Wohnung war sehr schön. Da war nichts von der kalten, förmlichen Pracht, die man so oft in den Häusern der Reichen sieht. Alles war einfach und geschmackvoll und zeigte jene gediegene Behaglichkeit, in der man den Reichtum der Bewohner mehr fühlt, als sieht. Drei ineinandergehende Zimmer, die mit einer grossen glasgedeckten Galerie voll exotischer Pflanzen in Verbindung standen, waren der Gesellschaft geöffnet. Die Gemächer waren mit bequemen Sesseln und Sofas von mattrosa Sammet ausgestattet; den Fussboden bedeckte ein weicher, roter Teppich. Die Wände waren mit weissem Atlas bekleidet und mit einem Tizian, sowie einigen Skizzen moderner Künstler geschmückt — in den Ecken vier Bronzestatuetten, dazu eine Menge Wachskerzen. Das war alles, aber alles war harmonisch, und die Gesellschaft lebhaft, heiter und froh, als wäre die Luft von Sympathie und Freude erfüllt.
Ein jeder schien sich behaglich zu fühlen. Einige Gäste gingen in der Galerie auf und ab, während andre in kleinen Gruppen plauderten; ein Diener an der Thür nannte den Namen jedes Neuankommenden. Angelika, mit ihrem sanften Lächeln, ging von einer Gruppe zur andern. Sie sah sehr schön aus in ihrem dunkelgrünen Sammetkleide, das ihren Schultern und ihrem Halse einen leuchtenden Alabasterton verlieh. Sie erschien, als sei sie aus der Phantasie eines griechischen Bildhauers hervorgegangen; und wenn man sie so heiter, ruhig und strahlend sah, so musste man unwillkürlich des schönen Sonetts von Dante gedenken:
„Quanto gentile e quanto onesta pare.“
Angelikas Tante sass bei einigen alten Damen und liess gelassen alles über sich ergehen, was diese zu erzählen wussten. Man fand sie „so reizend“, weil sie der längsten und albernsten Erzählung mit andächtigem Schweigen lauschte.
Origlio befand sich in angelegentlicher Unterhaltung mit einer kleinen Amerikanerin, die seinen lebhaften Gestikulationen erstaunt zusah. In der That bediente er sich mehr der Gebärdensprache als der Worte, denn sein Kopf war so voller Gedanken und Bilder und Vergleiche, dass er nicht alles, was er dachte, mit blossem Sprechen zum Ausdruck bringen konnte.
Augenscheinlich interessierte sie sich für den jungen Bildhauer, den sie schon bei früheren Gelegenheiten getroffen, wo er sich ihr den ganzen Abend hindurch gewidmet hatte. Hin und wider erklang ihr silberhelles Lachen, dann verbarg sie ihr rosiges Gesicht hinter ihrem Fächer.
„Wovon sprecht ihr denn, ihr egoistischen Leute? Könntet ihr nicht auch jemand anders an eurer Unterhaltung teilnehmen lassen?“
„Von dreien ist meistens einer zu viel,“ antwortete die kleine Amerikanerin schlagfertig, „deshalb wagt es niemand, hierherzukommen.“
„Nun, das heisst also, dass ich gehen soll,“ sagte Angelika.
„Nein, nein, bleiben Sie bei uns. Er ist so komisch!“ fügte das junge Mädchen hinzu, indem sie für ihre Freundin Platz machte.
„Ich möchte gern bei Ihnen bleiben, aber Sie sehen, ich muss alle die andern begrüssen, und ausserdem,“ fügte sie mit einem bezaubernden Lächeln hinzu, „hat sie mich ja fortgeschickt. Nun, wovon sprachen Sie eben? Darf ich danach fragen, ohne unbescheiden zu sein?“
„Ueber ein ganz neues Thema, über die Liebe,“ antwortete Origlio.
„Wirklich? Bedenkt, Kinder, was ein Mann von grosser Erfahrung über diesen Punkt sagt: ‚Ueber Liebe reden, heisst Liebe fühlen.‘“
Alle drei lachten über diese Bemerkung, und die Amerikanerin versteckte sich wieder hinter den weissen Federn ihres Fächers.
Cormorto lehnte an der Balkonthür, als Angelika an ihm vorüberkam.
„Es war sehr freundlich von Ihnen, zu kommen, Signor Cormorto.“
„Ich danke Ihnen! Ich sehnte mich danach, zu kommen und Sie spielen zu hören. Oft habe ich in meinem Atelier gehorcht, wenn Sie des Morgens spielten; aber Sie halten die Fenster stets geschlossen, und so konnte ich immer nur vereinzelte Töne erhaschen. Sie haben mich Tantalusqualen leiden lassen; es ging mir genau wie den armen Seelen bei Dante, die immer Wasser vor den Lippen haben, und doch ewig dürsten müssen. Was haben Sie denn vorgestern gespielt? Ich habe nie etwas Aehnliches gehört.“
„Ach, es ist ein kleines Stück, das ich ‚Schmetterlingsliebe‘ nenne.“
„Werden Sie es heute abend spielen?“
„Ich weiss wirklich nie vorher, was ich spielen werde, aber wenn es Ihnen gefällt, will ich es spielen.“
Einige Damen traten ein, sie verneigte sich anmutig und ging ihnen entgegen.
Cormorto folgte ihr mit den Augen, und als sie in dem gedrängt vollen Nebenzimmer verschwand, blieb er, in stummer Betrachtung versunken, stehen, als hätte er ihre vollendete Gestalt noch immer vor Augen.
Da wurde er plötzlich durch einen Franzosen, der ihn anredete, aus seinen Träumen aufgeschreckt. Es war ein grosser, schlanker Mann mit lang herabhängendem Haar, ein Maler von einigem Talent, der glaubte, er habe eine Mission zu erfüllen in dieser Welt, und zwar die, die Kunst zu modernisieren: er dachte und sprach nichts andres. Sobald er Cormorto anredete, warf er sein Haar aus der Stirn und sagte: „Sind Sie nicht auch der Ansicht, dass es endlich an der Zeit ist, mit der Historienmalerei ein Ende zu machen? Alle Akademieen sind voll historischer Bilder.“
„Ja, es ist wirklich Zeit, damit aufzuhören,“ antwortete Cormorto, der schon alles auswendig wusste, was sein Freund sagen wollte.
Aber der Franzose war nicht im geringsten entmutigt durch die trockene Antwort und fuhr fort: „Ich bin wirklich der Ansicht, dass die Geschichte nicht das eigentliche Feld für die Malerei ist; die Darstellung einer geschichtlichen Begebenheit ist ein Monument, und diese Art Arbeit gehört den Bildhauern, nicht uns. Wir müssen ein Gefühl, einen Menschen, ein Ding darstellen, aber nicht eine Thatsache. Und modern müssen wir werden, da wir nun eben keine ‚Alten‘ sind. Nicht wahr?“
„Doch, genau so. Sie liefern ja den schlagenden Beweis für Ihre Behauptung,“ antwortete Cormorto, ungeduldig werdend.
„Die alten Meister malten Ihre Gestalten stets in der Tracht ihrer Zeit, und wir sollten es ebenso machen. Ich bestreite auch, dass unsre Tracht nicht malerisch sei; blicken Sie nur in jenes Zimmer, sehen Sie, welche Harmonie zwischen dem schönen Schwarz sämtlicher Herren und jenen hellen, mannigfaltigen, anmutigen Farbentönen der Damentoiletten, was für hübsche kleine Nacktheiten, welch reizende Einzelheiten ...“
Er wurde ganz hingerissen von seinem Gegenstand und sprach so laut, dass er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Cormorto war schon entschlossen, ihn zum Schweigen zu bringen oder ihm zu entwischen, als glücklicherweise ein Präludium auf dem Piano ihm zu Hilfe kam. Er sagte: „Wir wollen später weiter darüber sprechen; jetzt muss ich ins andre Zimmer gehen, um die Musik zu hören.“ Und er verliess seinen Freund, der gleich nach einem andern geduldigen Zuhörer suchte, in dessen Busen er seine Gedanken und Gefühle niederlegen könnte.
Cormorto fand einen Platz in einer Ecke und blickte nach Angelika hinüber, die am Piano sass. Bei den ersten Klängen der Musik entstand ein andächtiges Schweigen. Das Musikstück begann mit einem vollen, majestätischen Andante, das wie eine Hymne klang; dann kam eine Melodie, in der man ein murmelndes Wasser in einem schönen Garten zu hören meinte; hierauf wechselte der Rhythmus und es folgte eine leichte, hüpfende Weise, schimmernd, launisch, wie das Schwirren eines Schmetterlings. Noch einmal verwandelte sich das Thema in ein reizendes Scherzo, ein andres, schimmerndes, launisches Motiv; dann vereinigten sich die beiden in vollendeter Harmonie und erhoben sich endlich zu einer hohen, feierlichen Hymne, die in einem klagenden Moll verklang: der Tod, der die Liebe der Schmetterlinge krönte.
Während ihres Spiels erhob sie ein- oder zweimal den Blick und begegnete einem dunkeln Augenpaar, das aus einer Ecke des Saales zu ihr hinübersah. Sie errötete unter diesem durchdringenden Blick, und dann ärgerte sie sich über sich selbst, dass sie errötet war, dass sie ihre Aufmerksamkeit von dem Stücke abschweifen liess. Ihre Wangen brannten, als Cormorto kam, ihr die Hand zu reichen, wie es alle um sie her thaten.
„Danke,“ sagte er, „endlich habe ich dieses Stück gehört, dem zu lauschen ich mich so gesehnt habe.“
„Aber ich habe heute nicht gut gespielt und möchte, dass Sie es ein zweites Mal hörten, ehe Sie darüber urteilen. Ich war ein wenig erregt; denn wissen Sie, es gibt Leute, die einen so durchdringend ansehen, als ob sie die geheimsten Gedanken ergründen wollten, und das bringt mich immer in Verlegenheit.“
„Und doch könnte es eine gute Entschuldigung geben in einem solchen Fall.“
„Was meinen Sie damit?“
„Nun, denken Sie sich einmal, es wolle jemand ein Porträt nach dem Gedächtnis malen.“
„Haben Sie diese Absicht?“
„Ah, Ihre Bemerkung war also auf mich gemünzt?“
Sie lachten beide. Ihm war, als sei er ganz allein mit ihr. Zwei Menschen sind in der That niemals so allein, als inmitten einer grossen Gesellschaft.
„Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit?“
„Das will ich gerne thun, aber ich möchte das Porträt sehen.“
„Sie sollen es sehen. Wollen Sie mir gestatten, ein sicheres Mittel vorzuschlagen, mein unbescheidenes Anstarren zu verhindern?“
„Ich darf nichts Unüberlegtes thun. Was für ein Mittel wäre das?“
„Nun, dass Sie mir eine oder zwei Sitzungen gewähren. Wir wohnen so nahe bei einander, dass es nicht allzu unbequem für Sie wäre.“
Da unterbrach ein grosser blonder Mann ihre Unterhaltung. Cormorto wünschte ihn in diesem Augenblick dorthin, wo der Pfeffer wächst.
Er unterhielt sich mit Angelika in einer Sprache, die Cormorto nicht verstand; so kehrte er an seinen Platz zurück und beobachtete sie von dort aus. Er bemerkte, dass der Fremde ein sehr schöner Mann mit den glatten Manieren eines „Grand-Seigneurs“ war, und obgleich er nicht umhin konnte, ihn zu bewundern, missfiel er ihm doch. Er sah auch, dass Angelika zwar sehr höflich, aber kühl und zurückhaltend gegen den vornehm aussehenden Fremden war, und ohne zu wissen warum, gefiel Cormorto ihr Benehmen gegen ihn.
Origlio und seine Freundin hatten gleich darauf ihren Platz gewechselt und befanden sich jetzt unter den Pflanzen und Blumen in der Galerie.
Cormorto, der an der Thür vorüberkam, sah, dass die hübsche Amerikanerin ihr süssestes Lächeln lächelte, und dass Origlio mit leiser Stimme und dem Ausdruck lebhafter Bewegung in seinen ehrlichen grossen Augen zu ihr sprach.
Da unterbrach eine ältere Dame ihr Gespräch mit der Bemerkung, es sei spät und der Wagen warte, worauf die junge Dame seufzte, sich erhob, und dem armen Bildhauer, dem der Abschied sehr zu Herzen zu gehen schien, ihre feine, schmale Hand reichte. Sie lächelte ihm nochmals zu und er machte den Damen eine tiefe Verbeugung.
Cormorto trat zu ihm.
„Kann ich dich trösten? Du siehst ja ganz unglücklich aus über ihr Fortgehen.“
„Ja, mein Freund, tröste mich.“
„Gib acht, Origlio, du bist nahe daran, dich zu verlieben.“
„Du irrst, ich bin nicht nahe daran, mich zu verlieben.“
„Das merkt man selbst immer zuletzt.“
„Aber ich weiss es, weiss es ganz genau.“
„Wieso?“
„Weil ich schon bis über die Ohren verliebt bin!“
„Sie ist sehr hübsch.“
„Hübsch? Sie ist göttlich schön! Hast du ihr Lächeln gesehen? Ich sage dir, es gibt keine Frauen, die lachen können, als die Französinnen, keine, die seufzen können, als die Italienerinnen, keine, die weinen können, als die Deutschen, und keine, die lächeln können, als die Amerikanerinnen.“
„Du scheinst ja sehr gründliche vergleichende Studien über das schöne Geschlecht gemacht zu haben.“
„Und du scheinst gar nichts von ihm zu wissen. Komm, wir wollen gehen. Ich muss in die frische Luft hinaus; komm mit!“
„Du bist also nur hierher gekommen, um deiner Göttin zu huldigen?“
„Du hast recht, wie immer. Ich habe schon oft gesagt, dass du sehr, sehr klug bist.“
„Lass mich wenigstens Signora Angelika gute Nacht sagen.“
„Ja, aber schnell.“
Sie gingen wieder ins Zimmer und fanden Angelika sehr umringt.
„Ich werde also kommen, um das Bild zu sehen,“ sagte sie zu Cormorto.
„Es wird mir jederzeit eine Ehre sein, Sie in meinem Atelier begrüssen zu dürfen.“
„Und wenn ich morgen käme?“
„Sehr wohl! Ich werde Sie erwarten.“
Origlio beobachtete Cormorto und fand, dass die Augen seines Freundes gar manches verrieten, was sein Mund in diesem Augenblick noch verschwieg.
Als sie auf der Strasse waren, nahm Origlio Cormortos Arm und sagte: „Ich muss mit dir sprechen, lieber Freund. Mein Herz ist so voll, dass ich dir sagen muss ...“
„Willst du mir von dem amerikanischen Fräulein erzählen? Du musst wirklich in sie verliebt sein, du sprichst so viel von ihr.“
„Und du, mein Junge, du sprichst zu wenig von einer andern Dame. Es ist nicht ganz natürlich, dass du dich ihrer gut genug erinnerst, um ihr Bild zu malen, und doch nie ihren Namen nennst. Gib acht, du bist nahe daran, dich zu verlieben.“
„Unsinn!“
„Das merkt man selbst immer zuletzt.“
„Nun willst du mich dafür bestrafen, dass ich dich nicht ermutigt habe von der Dame deines Herzens zu sprechen. Fahre fort, ich höre. Zähle all ihre Tugenden auf und vergiss mir ja keine. Aber, zuallererst, erwidert sie deine Liebe?“
„Da fragst du mich zu viel.“
„Hast du kein Vertrauen zu mir? Sagtest du nicht, du müsstest dein Herz erleichtern dadurch, dass du dich mir anvertrautest?“
„Ja, ich sagte das wohl, aber du fühlst nicht mit mir, und ich will über diese Angelegenheit nicht scherzen.“
„Es wird also ernst? Willst du sie wirklich heiraten?“
„Ja.“
„Wann?“
„Sobald ich mein Dantedenkmal aufgestellt habe.“
„Und du hast mir nichts davon gesagt bis heute! Heisst du das Freundschaft?“
„Ich konnte dir nichts sagen vor ... heute abend.“
„So hat sie dir heute abend ihr Jawort gegeben?“
„Ja.“
Und Origlios ernstes Gesicht strahlte vor Freude.
„Dann komm her,“ sagte Cormorto und breitete die Arme aus nach seinem Freund, der ihn innig umarmte. Sie waren beide glücklich, sogar ein wenig gerührt.
Das kleine amerikanische Mädchen dachte wohl kaum, dass es an diesem Abend zwei Männer beglückt hatte.
Die zwei Freunde sprachen in ihrer ernsten, gediegenen Weise Stunden und Stunden lang; sie machten Pläne und träumten mit offenen Augen — süsse Träume von künftigem Glück!
Aber Cormorto machte auch nicht die leiseste Anspielung auf Signora Angelika.
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