Kitabı oku: «Doctor Who Monster-Edition 3: Rückkehr der Sontaraner»

RÜCKKEHR DER SONTARANER
TERRANCE DICKS
Ins Deutsche übertragen von
BERND SAMBALE


Die deutsche Ausgabe von
DOCTOR WHO: RÜCKKEHR DER SONTARANER
wird herausgegeben von Cross Cult /Andreas Mergenthaler,
Übersetzung: Bernd Sambale; Lektorat: Jana Karsch; Korrektorat: Peter Schild;
verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Satz: Rowan Rüster;
Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.
Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – SHAKEDOWN
German translation copyright © 2020 by Cross Cult.
Original English language edition copyright
© die jeweiligen Autoren, BBC Worldwide Limited
und BBC Studios, 1996, 2014, 2020
Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.
Executive producers: Chris Chibnall and Matt Strevens
BBC, DOCTOR WHO, TARDIS, DALEKS and CYBERMAN (word marks and logos) are trade marks of the British Broadcasting Corporation and are used under licence. BBC logo © BBC 1996. Doctor Who logo © BBC 2018.
Dalek image © BBC/Terry Nation 1963.
Cyberman image © BBC/Kit Pedler/Gerry Davis 1966. Licensed by BBC Studios.
First published in 1995, THE MONSTER COLLECTION edition published in 2014 by BBC Books, an imprint of Ebury Publishing.
A Random House Group Company.
Printausgabe: ISBN 978-3-96658-020-5 • Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-96658-021-2
Oktober 2020
WWW.CROSS-CULT.DE
Inhalt
VORWORT
PROLOG
ERSTES BUCH: ANFÄNGE
1 RIPPER
2 POLIZEICHEF
3 SENTARION
4 BLASPHEMIE
5 KONFERENZEN
6 SPURENSUCHE
7 GEMETZEL
8 ENTDECKUNGEN
9 KRISE
10 ENTERKOMMANDO
ZWEITES BUCH: TESTFLUG
11 ANGRIFF
12 GEFANGENE
13 DEAL
14 JAGD
15 SHOWDOWN
DRITTES BUCH: NACHSPIEL
16 AUSBRUCH
17 ENTKOMMEN
18 WIEDERERWACHEN
19 HEILIGTUM
20 OFFENBARUNG
21 ANGRIFF
22 WIEDERGUTMACHUNG
VORWORT
Als man mich gebeten hat, das Vorwort für Rückkehr der Sontaraner zu schreiben, habe ich mich sehr gefreut, allein schon aus dem Grund, weil es sich hier um ein sehr ungewöhnliches Doctor Who-Buch handelt.
Vor langer Zeit, in den 1990ern, kam eine Gruppe von Fans der Serie mit einem verrückten Plan zu mir; sie alle werden in der langen Widmung erwähnt. Irgendwie hatten sie sich die Rechte an den Sontaranern beschafft – jenen brutalen, kartoffelköpfigen außerirdischen Kriegern aus meiner Zeit bei Who. Der erste Sontaraner überhaupt tauchte damals in Bob Holmes’ The Time Warrior auf, was zugleich für Liz Sladen die erste Folge war.
Jene Fans hatten sich in den Kopf gesetzt, ein fünfzigminütiges Video zu produzieren und zu vermarkten. Ein Doctor Who-Video sollte es nicht werden, denn sie hatten nur die Rechte an den außerirdischen Ungeheuern, den Sontaranern – BBCs heiliges Doctor Who-Urheberrecht zu verletzen, war für sie natürlich undenkbar. Aber es sollte sozusagen ein Video im Stil von Who werden. Sie hatten sogar schon eine Grundidee für den Plot: Die Sontaraner kapern eine Raumjacht auf ihrem Testflug – zweifellos, um sie für ihre eigenen bösen Zwecke zu verwenden.
Mehr hatten sie nicht, nur die Sontaraner und ein Storykrümelchen. Ich sollte den Rest liefern und das Drehbuch schreiben.
Nun, ich habe ja bereits gesagt, es war ein verrückter Plan. In der Zeit, als ich bei Who mitmachte, fehlte es uns immer an zwei Dingen: Zeit und Geld. Und dieser Haufen Leute besaß von beidem sogar noch weniger. Ihr Budget war vollkommen unzureichend, ich sollte nur zwei Wochen Zeit für das Drehbuch bekommen, und das Honorar, das sie mir anboten, entsprach nur einem Bruchteil dessen, was beim Fernsehen die Norm war. Außerdem hatte ich eigentlich ohnehin schon genug um die Ohren.
Das einzig Vernünftige wäre gewesen, ihnen eine Absage zu erteilen. Aber sie waren so liebenswert und enthusiastisch, besonders Kevin Davies, den sie zum Regisseur auserkoren hatten – und die ganze Sache sah so aus, als könnte sie Spaß machen. Also sagte ich schließlich ja.
In den darauffolgenden Wochen arbeiteten wir wie die Bescheuerten – nun, wie gesagt, ein verrückter Plan. Irgendwie brachte ich das Drehbuch zustande und es wurde auf der HMS Belfast verfilmt, von der wir Teile zur Raumjacht Tiger Moth umfunktionierten. Diesmal würde niemand behaupten können, dass die Kulisse wackelte – sie war aus meterdickem Stahl! Es stellte sich jedoch heraus, dass vertäute Kriegsschiffe zwar nicht wackeln, sich dafür jedoch auf und nieder bewegen. Außerdem verzögerten sich die Dreharbeiten häufig wegen verschiedener Meeresgeräusche.
Aber wir, oder eher sie, Kev und die anderen, haben es geschafft! Dank einer unerschütterlichen Crew und brillant gecasteten Schauspielern, zu denen Jan Chappell und Brian Croucher gehörten sowie alte Who-Hasen wie Michael Wisher, Carole Ann Ford und Sophie Aldred. Selbst die beiden Hauptsontaraner waren echte Charaktere!
Schließlich wurde der Film geschnitten und der Welt präsentiert – und sie kam verblüffend gut an. Es gab gute Rezensionen, die Verkaufszahlen waren hoch und schließlich erhielt ich, zu meinem Erstaunen, sogar ein paar überschaubare Tantiemen.
So viel zum Video. Aber was ist nun mit dem Buch? Keine Sorge, dazu komme ich gleich …
Etwas später – ich weiß wirklich nicht mehr, wie viel Zeit ins Land ging – bekam ich einen Anruf von meiner Lektorin bei Virgin Books, wo damals Original-Doctor Who-Romane veröffentlicht wurden. (Bis dahin waren sämtliche verfügbaren Doctor Who-Drehbücher zu Romanen verarbeitet worden, vor allem von mir!)
»Wir haben den Film gesehen«, sagte sie. »Er ist sehr gut. Wir möchten, dass Sie einen Doctor Who-Roman daraus machen.«
Nun hatte ich damals – habe ich eigentlich immer noch – die Einstellung eines Freiberuflers, niemals einen Auftrag abzulehnen.
»Okay, gern«, sagte ich. Und dann fiel mir blitzartig etwas ein. »Es gibt da nur ein kleines Problem …«
»Was für eins?«
»Der Doktor kommt nicht vor!«
»Dann bauen Sie ihn ein«, sagte sie bestimmt und legte auf.
Nun hatte ich also einen Auftrag – und ein Problem.
Ich traute mir schon zu, den Film Shakedown so umzuarbeiten, dass der Doktor zu einer Hauptfigur werden würde, aber das bedeutete eine Heidenarbeit. Außerdem stellte ich fest, dass ich sie eigentlich nicht machen wollte. Ich war zufrieden mit Shakedown: Es war eine feine, knappe, kleine Geschichte, die auf ihre eigene Weise gut funktionierte.
Also musste ich mir etwas Schlaues überlegen. Wenn Shakedown so bleiben sollte, wie es war, dann durfte der Doktor nicht auf der Raumjacht sein, nicht zu diesem Zeitpunkt. Aber wenn er, ebenso wie die Sontaraner, einem rutanischen Spion mit einem ungeheuren Geheimnis auf der Spur war (keine Sorge, das wird alles im Buch erklärt), dann könnte er verzweifelt versuchen, an Bord der Tiger Moth zu gelangen – und sie verpassen! Und da er wusste, wohin die Reise ging, könnte er versuchen, die Jacht bei ihrer Ankunft zu erwischen …
So weit, so gut.
Zuerst fertigte ich eine geradlinige Romanversion von Shakedown an – eine mir angenehme und nicht unvertraute Übung. Dann musste ich mir die Abschnitte zum Davor und Danach einfallen lassen.
Da musste noch einiges mehr passieren.
Kurt, ein knallharter Exschmuggler und Protagonist in Shakedown, begegnet dem Doktor in einem Moment höchster Gefahr. Roz Forrester und Chris Cwej, zwei der Begleiter des Doktors in dieser Phase des Doctor Who-Roman-Universums, folgen dem rutanischen Spion, Formwandler und Serienmörder durch die korrupte Stadt Megacity. (Sie treffen eine meiner Lieblingsfiguren unter den von mir erdachten Charakteren: den weltmännischen und gebildeten Ogron Garshak.) Als sie den Doktor schließlich wiedersehen, kommen sie gerade zu spät, um auf der Tiger Moth mitzufliegen. Und Bernice Summerfield – eine weitere Begleiterin des Doktors, die aus den Romanen stammt – stellt auf dem Akademieplaneten Sentarion gefährliche Nachforschungen an.
Das alles kommt im Buch vor! Ich hoffe, Sie haben beim Lesen so viel Spaß, wie ich beim Schreiben hatte.
Und das alles begann mit dem Film Shakedown – einer kleinen Gruppe von Doctor-Who-Fans mit einem unmöglichen Traum …
Terrance Dicks
Oktober 2013
Für
Gary Leigh, Mark Ayres, Jason Haigh-Ellery und Kevin Davies
Jan Chappell, Brian Croucher, Carole Anne Ford, Sophie Aldred, Rory O’Donnell, Toby Aspin, Tom Finnis und Michael Wisher, Dave Hicks, Helly McGrother, Paige Bell und Ian Scoones
und alle, die so unfassbar hart gearbeitet haben an: Shakedown – Die Rückkehr der Sontaraner
»Unmögliches erledigen wir sofort – Wunder dauern etwas länger!«
PROLOG
Kurt war auf der Flucht.
Die Zollposten drüben bei den Landebuchten hatte er abgeschüttelt. Beinahe unsichtbar in seinem schwarzen Overall, schlich er nun im Schutz der Dunkelheit am Rand des Landeplatzes entlang.
Der Raumhafen war nichts anderes als eine flache Geröllebene, umgeben von einem rostigen, hohen Stacheldrahtzaun. Im Zentrum stand eine Gruppe niedriger Steingebäude. Nachts wirkte dieser Ort besonders trostlos und unfreundlich. Dunkle Wolken verhüllten die Zwillingsmonde des Planeten und ein kalter Wind strich heulend um die verstreuten Raumfrachter, die hier auf Starterlaubnis warteten.
Kurt hatte diesmal ziemliches Pech gehabt: Sie hatten ihn mit einer gefälschten Ladeliste und einem Frachtraum randvoll mit dem verbotenen Jekkarta-Gras erwischt. Auf dem vor Kurzem kolonisierten Planeten an der Grenze des erschlossenen Weltraums betrieb man überwiegend Agrarwirtschaft und die wild wuchernde Jekkarta-Pflanze geißelte die Landwirte schon seit geraumer Zeit.
Dann hatte irgendein geschäftstüchtiger Besucher herausgefunden, dass man das Zeug trocknen und rauchen konnte. Es war ein mildes Rauschmittel und hatte kaum Nebenwirkungen. Die Bauern aus dem Hinterland waren erstaunt gewesen, wie viel Raumhändler für das Kraut zu zahlen bereit waren, das sie bisher im Laufe jeder Erntesaison einfach ausgerissen und verbrannt hatten.
Die Regierung der Kolonie war ebenfalls überrascht gewesen – aber sie hatte sich rasch von dem Schock erholt, sofort eine fette Steuer auf das Jekkarta-Gras erhoben und den Export streng reglementiert. Die Preise waren in die Höhe geschossen und bereichert hatte sich statt der Bauern natürlich nur die Regierung. Und dann waren die Schmuggler gekommen.
Die meisten waren kleine Fische, die mit ramponierten Fliegern in abgelegenen Tälern landeten und belanglose Deals mit nervösen Landwirten abwickelten. Kurt hatte höhere Ansprüche. Er hatte einen uralten, aber völlig legalen Raumfrachter gechartert und eine Ladung Lenta gekauft: die geschmacklose, aber nahrhafte grüne Bohne, die der Planet hauptsächlich exportierte.
Mithilfe geschmierter Raumhafenmitarbeiter hatten sich die Bohnen wie durch Zauberei in getrocknetes Jekkarta verwandelt – Tausende von Kilos, die direkt an der Nase des Zolls vorbei ausgeflogen wurden, zu zahllosen Planeten, deren Märkte danach verlangten.
So lautete zumindest der Plan: Zweimal hatte die Masche schon reibungslos geklappt. Die dritte und letzte Ladung hätte Kurt Millionen von Credits einbringen sollen – genug, um ihm das Leben eines achtbaren Händlers zu ermöglichen, nach dem er sich eigener Behauptung nach so sehr sehnte.
Doch dann war alles schiefgegangen. Direkt vor dem Start war es zu einem Kabelbrand im Maschinenraum gekommen, der sich bis in den Frachtraum ausgebreitet hatte. Der dicke, beißende Rauch, der aus dem Schiff gequollen war, hatte dafür gesorgt, dass einige der Packer die glücklichste Schicht ihres Lebens genossen hatten. Ein übermäßig aufmerksamer und aufrichtiger Zollbeamter hatte den Rest erledigt.
Kurt machte sich keine allzu großen Sorgen. Er war auf dem Weg zum Dienstboteneingang im Zaun, den ein freundlicher, großzügig bestochener Packer offen gelassen hatte. Der Profit der ersten beiden Fahrten lag sicher auf einem verschlüsselten Konto auf Algol III – abgesehen von einem beträchtlichen Teil, den er in seinem Geldgürtel unter dem Overall trug. Er würde ein paar Tage lang in Port City untertauchen. Die Stadt war zwar ein ziemliches Drecksloch, aber mit genügend Credits ließ es sich überall aushalten, und er konnte ohnehin eine Pause vertragen. Danach würde er sich eine neue Identität kaufen ebenso wie eine Mitfahrgelegenheit auf irgendeinem Schiff, um vom Planeten runterzukommen. Wenn die Lage etwas abgekühlt war, mochte es ihm vielleicht sogar gelingen, sich mit ordentlich Schmiergeld seinen Frachter und seine Ladung zurückzuholen.
Doch aus alldem wurde nichts, denn als Kurt auf das Tor und die Freiheit zulief, brach vom Himmel her das Unglück über ihn herein.
Mit brüllenden Bremsraketen landete direkt vor ihm ein Schiff. Zischend öffnete sich eine Tür, eine Rampe wurde ausgefahren und einen Moment später wimmelte es um ihn herum vor gedrungenen Gestalten in Raumrüstungen. Kurt beobachtete ungläubig, wie Schiff um Schiff landete und weitere Soldaten ausspuckte. Sie hatten die verschiedensten, unerfreulich aussehenden Waffen dabei.
Kurt entschied, dass er mit all dem, was es auch sein mochte, nichts zu tun haben wollte. Aber er hatte zu lange gezögert: Ein Lichtstrahl erfasste ihn und jemand brüllte: »Halt! Keine Bewegung oder Sie werden sterben.«
Kurt hob müde die Hände. »Schon gut, gibt keinen Grund, gemein zu werden. Machen Sie ruhig weiter mit Ihrer Invasion, das geht mich gar nichts an. Ich lebe hier nicht mal. Ich bin nur ein friedfertiger Raumhändler, der nach Hause und in sein Bettchen will.«
»Sie sind unser Gefangener«, sagte die Stimme. »Sie kommen mit uns.«
Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, während Kurt auf der harten Holzpritsche in seiner Zelle lag und den undeutlichen Geräuschen von draußen lauschte. Hin und wieder rief jemand etwas, ein Blaster zischte oder irgendeine schwere Waffe dröhnte. Schließlich wurde es still.
Der Teil der Invasion, den er tatsächlich mit angesehen hatte, war mit erbarmungsloser, militärischer Effektivität durchgeführt worden. Dem würde die Kolonie nicht lange etwas entgegenzusetzen haben. Kurt vermutete, dass die Angreifer den Raumhafen mittlerweile übernommen hatten und wahrscheinlich auch den größten Teil des Planeten. Kurt hatte damit eigentlich kein Problem. Er wollte lediglich seinen Status als nicht ganz unschuldiger, aber völlig unbeteiligter Beobachter festigen und die Biege machen. Allmählich glitt er in den Schlaf hinüber.
Als er erwachte, hatte er Gesellschaft.
Ein eher kleiner Mann mit einem zerknitterten weißen Anzug und einem ramponierten Hut hockte am Fußende der Pritsche.
»Morgen«, sagte er höflich.
Kurt knurrte: »Ist das nicht ein bisschen früh?«
»Sie sind wohl ein Morgenmuffel?«, fragte der kleine Mann mitfühlend. »Ich weiß, wie das ist. Keine Sorge, das Frühstück ist bestimmt schon auf dem Weg. Kaffee, Toast und Marmelade, Schinken und Eier, ein Portiönchen Kedgeree, und Sie fühlen sich wie ein neuer Mensch.«
Kurt setzte sich auf und streckte sich. »Wofür halten Sie das hier, für ein intergalaktisches Hilton? Wir können froh sein, wenn wir überhaupt was zu essen kriegen.«
»Na, das traditionelle zünftige Frühstück werden wir doch wohl bekommen?«
»Traditionell für wen?«
»Für Todeskandidaten?«
Auf dem Flur schepperte etwas, dann wurde aufgeschlossen. Ein bewaffneter Wächter öffnete die Tür und trat zur Seite. Ein riesiges, menschenähnliches Wesen kam herein, wobei es den Kopf einziehen musste. In jeder Hand trug es einen Metalleimer. Der linke enthielt irgendeine grüne Pampe, aus der der Griff einer Kelle hervorragte, der rechte war voller hölzerner Schalen und Löffel.
Kurt betrachtete die Kreatur mit mäßigem Interesse. Sie gehörte zu den Jekkari, den Ureinwohnern dieses Planeten. Kurt hatte noch nie einen aus der Nähe gesehen. Sie lebten in den Wäldern, die den Großteil der Planetenoberfläche überzogen – jene Wälder, die die Siedler abholzten, um Ackerland zu gewinnen. Die meisten enteigneten Jekkari hatten sich einfach in die Wälder zurückgezogen. Einige schienen jedoch von den Kolonisten fasziniert zu sein und blieben in der Nähe der Höfe und Siedlungen.
Die Siedler hatten eine ganze Reihe von ihnen erschossen, ehe sie begriffen hatten, dass die Jekkari völlig harmlos waren. Nun verwendeten sie sie als Diener für niedere Arbeiten. Die zahmen Jekkari waren unglaublich stark und man konnte ihnen leicht beibringen, einfache Aufgaben zu übernehmen. Und das Beste: Sie arbeiteten umsonst.
Das Wesen stellte die Eimer auf dem Boden ab, fischte zwei Schalen aus dem rechten und legte zwei Löffel dazu. Dann füllte es aus dem Eimer zu seiner Linken mit der Kelle die glibbrige Masse in die beiden Schalen. Die ganze Zeit über starrte es Kurts Zellengenossen mit seinen großen, dunklen Augen seltsam durchdringend an.
Zu Kurts Erstaunen ergriff der kleine Mann die riesige Hand des Jekkari und tippte mit seinen Fingern ein komplexes Muster auf die schwarze, samtige Handfläche.
Der Wächter erschien in der Tür. »Mach schnell, Großer.«
Der Mann hatte die Hand des Jekkari bereits wieder losgelassen. Das Wesen hob die Eimer auf und verließ die Zelle.
»Haut rein«, sagte der Wächter, während er Anstalten machte, die Tür zuzuziehen. »Bald geht die Gerichtsverhandlung los.«
»Hey, Moment mal!«, rief Kurt. »Was zum Teufel ist hier los? Wie können die während einer Invasion eine Gerichtsverhandlung abhalten?«
»Die Invasion ist vorbei«, informierte ihn der Wächter. »Wir haben eine neue Regierung und die ist sehr erpicht auf Recht und Ordnung. Man wird euch beiden gehörig den Kopf waschen, darauf könnt ihr Gift nehmen.« Er knallte die Zellentür zu und schloss ab.
Kurt warf seinem Zellengenossen einen neugierigen Blick zu. »Was sollte das gerade …«
Der kleine Mann schüttelte den Kopf und legte einen Finger an die Lippen.
Kurt zuckte mit den Schultern, hob seine Schüssel auf und probierte einen Löffel von der zähen Grütze. »Lenta-Eintopf. Ist alles drin, was man für eine gesunde Ernährung braucht.«
Der kleine Mann tat es ihm gleich und schauderte. »Aber rein gar nichts, was dafür sorgt, dass man’s auch gern isst.«
»Man gewöhnt sich dran«, sagte Kurt gleichgültig. »Es ist billig, nahrhaft und hat eine leicht beruhigende Wirkung. Ist in vielen Gefängnissen gang und gäbe.«
»Sie scheinen sich ja gut auszukennen!«
»Ich war schon öfters im Knast.« Kurt schaute zur Zellentür, durch die der Wächter verschwunden war. »Der muss ja ziemlich schnell die Seite gewechselt haben.«
»Wenn man sein Leben lang Leute wegsperrt, ist es einem wohl irgendwann egal, für wen man sie wegsperrt. Außerdem haben die Sontaraner so ihre Methoden, sich vor Ort Hilfe zu beschaffen.«
»Und die wären?«
»Entweder man arbeitet für sie – oder sie bringen einen um.«
»Wer waren die noch mal, sagten Sie?«
»Die Sontaraner. Auf sie passt sehr schön Thomas Hobbes’ Beschreibung des menschlichen Lebens: ekelhaft, brutal und kurz. Sie sind eine extrem militärisch geprägte Spezies – sie leben für den Krieg. Sie reproduzieren sich durch Klonen, immer gleich eine Million Krieger auf einmal.«
»Dann müssten sie die Galaxis ja eigentlich längst überrannt haben.«
»Sie sind vor allem mit ihrem Krieg gegen ihre Erzfeinde, die Rutaner, beschäftigt.«
»Und was wollen sie dann hier?«
»Ich nehme an, sie wollen einen Cordon sanitaire um ihre Heimatwelt errichten.«
»Einen was?«
»Eine Pufferzone. Wenn sie angegriffen werden, fechten sie die Schlacht hier aus oder auf anderen Planeten wie diesem. Die Planeten in der Zone gehen dabei zugrunde, aber ihre Heimatwelt bleibt unversehrt.«
Kurt nickte nachdenklich.
Nach einer Weile fuhr der kleine Mann fort: »Ich will ja nicht neugierig sein, aber wie hat es Sie denn an diesen entzückenden Ort verschlagen?«
»Ich bin Schmuggler«, antwortete Kurt fröhlich. Er erzählte von seinem Pech mit der Ladung Jekkarta-Gras. »Und Sie?«
»Ich studiere fremde Lebensformen. Ich war draußen in den Wäldern und hab bei den Jekkari gelebt. Als ich wieder nach Port City kam, war der Planet in andere Hände übergegangen.«
»Sie haben bei den Jekkari gelebt?«
Der Mann nickte.
»Aber das sind doch nur Tiere – Affen!«, protestierte Kurt. »Die können nicht mal sprechen!«
»Glauben Sie wirklich, jeder, der still ist, wäre auch dumm?«, fragte sein Zellengenosse scharf. »Oft ist es genau andersherum! Die Jekkari leben in Baumhäusern, sie haben richtige Dörfer. Sie ernähren sich vegetarisch, weil sie nicht gern töten, und sie hassen Maschinen. Sie haben eine ureigene wunderbare Kultur, die zu ihnen und zu ihrem Planeten passt. Oder zumindest hatten sie das …«
»… bis die Siedler kamen«, sagte Kurt. »Und jetzt die Sontaraner. Sieht ganz so aus, als war’s das für Ihre Jekkari – so oder so.«
»Nicht unbedingt«, sagte der kleine Mann geheimnisvoll. »Manchmal heben sich zwei Übel auch gegenseitig auf.«
Kurt runzelte die Stirn. »Okay, Sie haben also bei den Jekkari auf irgendeinem Baum gelebt. Und warum sitzen Sie jetzt im Knast?«
»Die Sontaraner behaupten, ich sei ein Spion.«
»Und sind Sie einer?«
»Wer, ich? Sehe ich etwa wie ein Spion aus? Ich bin nur ein einfacher Gelehrter, der sein Leben der Suche nach Wissen widmet.«
»Klar sind Sie das. Und ich bin bloß ein Händler, der sich auf ehrliche Weise seine Credits verdienen möchte. Geht doch nichts über ’ne hübsch frisierte Geschichte.«
Kurze Zeit darauf wurden sie von einem menschlichen Wächter abgeholt, den zwei sontaranische Soldaten begleiteten. Sie wurden über die Landefläche zu den zentralen Verwaltungsgebäuden geführt.
Abgesehen von einem eingestürzten Nebengebäude und einem umgekippten Raumfrachter waren kaum Anzeichen eines Kampfs zu erkennen. Kurts eigener Frachter stand am Rand des Feldes – unversehrt und, vermutlich, nach wie vor beladen.
Kurt schüttelte den Kopf und dachte traurig über den hübschen Profit nach, der ihm durch die Lappen gegangen war. Die Sontaraner hätten den Planeten ruhig einen Tag später einnehmen können.
Der größte Tagungsraum des Raumhafens war zu einem Gerichtssaal umfunktioniert worden. Eine Flagge, wahrscheinlich die des sontaranischen Imperiums, hing an der rückwärtigen Wand und wurde von zwei Soldaten flankiert.
Vor der Flagge stand ein Tisch mit einem leeren Stuhl dahinter. Kurt und sein Begleiter wurden direkt dorthin geführt, wo sie warten mussten. Ein Stück abseits drängte sich unter Bewachung eine Gruppe von Raumhafenpersonal.
Eine ganze Weile schien zu vergehen, bis endlich eine Tür aufging und ein Sontaraner eintrat. Die Wachen standen stramm, die Arme über der Brust gekreuzt.
Der Neuankömmling setzte sich auf den Stuhl. Dann nahm er seinen Helm ab und legte ihn neben sich auf den Tisch.
Zum ersten Mal hatte Kurt Gelegenheit, einem Sontaraner ins Gesicht zu sehen. Diesen Moment würde er sein Leben lang nicht vergessen.
Der riesige runde Kopf schien direkt zwischen den breiten Schultern hervorzuwachsen, haarlos, voller seltsamer Wülste und mit einer ledrigen, grünlich braunen Haut überzogen. Die Nase erinnerte an die eines Schweins. Um den lang gezogenen, beinahe lippenlosen Mund lag ein grausamer Zug. Am schlimmsten waren jedoch die Augen: Klein und rot funkelten sie unter Knochenauswüchsen hervor wie glühende Lava tief in einer Grotte.
Kurt war in seinem Leben schon genug fremdartigen Wesen begegnet und hatte mit den meisten, von Arachniden bis hin zu Oktopoden, Geschäfte gemacht und Schmuggelware getauscht. Er hatte gegen keine Körperform etwas einzuwenden, gegen keine Kombination von Augen, Klauen und Gliedern – Hauptsache, seine Verhandlungspartner waren zahlungsfähig.
Doch nie zuvor war er einer außerirdischen Lebensform begegnet, die so unmittelbar Furcht in ihm erzeugt hatte. Es war eine primitive, atavistische Empfindung, und plötzlich begriff Kurt, woher sie kam.
Er war im ärmlichen Teil einer Stadt aufgewachsen, die Port City in allen Belangen unglaublich ähnlich war, mehr oder weniger allein aufgezogen von einer gutherzigen, liederlichen Frau, die eine Seitenstraßenkneipe betrieben hatte. Vor dem Zubettgehen hatte sie ihm immer irgendwelche Schauermärchen von anderen Planeten erzählt.
Der Sontaraner schien geradewegs den Albträumen seiner Kindheit entsprungen zu sein. Er war das Ungeheuer im Wald, im Schrank, unter dem Bett. Er war der Butzemann, der böse Jungen holte.
Kurt war in der Tat ein ziemlich böser Junge gewesen. Und nun hatte ihn der Butzemann erwischt.
Der Sontaraner hob seinen flammenden Blick und starrte Kurt ins Gesicht. »Mein Name ist Steg, ich bin Commander der Sontaranischen Expeditionstruppen und ich leite bis auf Weiteres diesen neu errichteten sontaranischen Außenposten. Beginnen wir mit dem ersten Fall.«
Seine Stimme klang rau und kehlig.
Ein blasser Mann trat zögerlich vor. »Wer sind Sie?«, bellte Steg.
»Ich bin Anwalt und vertrete die Raumhafenbehörde von Jekkar.«
»Fahren Sie fort.«
»Diesen Mann dort kennt man lediglich unter dem Namen Kurt. Er hat eine lange kriminelle Vorgeschichte und ist ein bekannter Schmuggler und Waffenschieber. Er ist ebenfalls der Raumpiraterie bezichtigt worden, aber das wurde nie bewiesen …«
»Seine kriminelle Vorgeschichte interessiert mich nicht«, unterbrach ihn Steg. »Welche Verbrechen hat er hier begangen, auf sontaranischem Boden?«
»Er wurde dabei erwischt, wie er Jekkarta-Gras schmuggeln wollte, direkt vor Ihrer … Ankunft.«
Mit zitternder Stimme las der Beamte Punkt für Punkt Kurts Verstöße gegen das Kolonierecht vor. Die Liste war lang und klang kompliziert.
Steg hörte teilnahmslos zu. Dann dachte er ein, zwei Augenblicke lang nach.
»Schuldig!«
»Jetzt warten Sie doch mal!«, rief Kurt.
Der sontaranische Soldat richtete seinen Blaster auf ihn.
Commander Steg hob die Hand. »Die sontaranische Justiz ist in der ganzen Galaxis hoch angesehen. Der Gefangene möge sprechen.«
»Nun ja«, sagte Kurt und rieb sich die Bartstoppeln, während er versuchte, sich zu sammeln. Und dann, wie so oft in einer Notlage, begann sein Gehirn auf Hochtouren zu arbeiten, und ihm kam ein Geistesblitz.
»Selbst wenn ich geschmuggelt hätte – und ich sag nicht, dass ich’s getan hab, nur damit das klar ist –, was kümmert es die Sontaraner? Was haben Sie damit zu tun?«
Commander Steg betrachtete ihn missbilligend. »Das ist Ihre Verteidigung?«
»Allerdings«, verkündete Kurt trotzig. »Die Straftat – die angebliche Straftat – fand statt, während dieser Planet eine Kolonie der Erde war. Jetzt ist er ein sontaranischer Außenposten. Gibt es bei den Sontaranern irgendwelche Gesetze bezüglich des Exports von Jekkarta-Gras? Das möchte ich stark bezweifeln.« Er verschränkte triumphierend die Arme. »Und damit hat sich die Sache.«
Die kaum vorhandenen Lippen des Sontaraners zuckten – es hätte fast ein Lächeln sein können. »Raffiniert. Äußerst raffiniert. Das glorreiche Sontaranische Imperium verfährt jedoch nach dem Prinzip, die Gesetze besetzter Territorien aufrechtzuerhalten – es sei denn, sie widersprechen den Leitsätzen des sontaranischen Militärkodex.«
»Die da wären?«
»Alles, was nicht explizit erlaubt ist, ist verboten.« Steg schlug mit einer dreifingrigen Hand auf den Tisch. »Der Gefangene wird für schuldig befunden. Er wird im Morgengrauen erschossen.«
»Wegen Schmuggel?«, entfuhr es Kurt. »Ich dachte, Sie hätten vor, die Koloniegesetze zu wahren!«
»So ist es.«
»Nun, das Schlimmste, was man mir bisher für Schmuggelei aufgebrummt hat, war eine Geldbuße. Wie wollen Sie da eine Todesstrafe rechtfertigen?«
»Ganz einfach«, erklärte Steg geduldig. »Sie wurden nach dem Kolonierecht für schuldig befunden, werden aber nach dem sontaranischen Militärkodex bestraft – und da ist die Todesstrafe vorgeschrieben.«
»Fürs Schmuggeln?«
»Für alles. Nächster Fall.«
Kurt wurde weggezerrt, dann stießen sie den anderen Gefangenen nach vorn.
Diesmal trat ein anderer sontaranischer Beamter vor, um seine Aussage zu machen.
»Dieser Beschuldigte namens Smith hat sich unbefugt im sontaranischen Territorium aufgehalten. Er wird wegen Spionage angeklagt.«
Steg nickte. »Hat der Gefangene Smith etwas vorzubringen?«
»Das habe ich allerdings«, verkündete der Gefangene Smith empört. »Ich bin ein harmloser und unschuldiger Forscher, der die ansässigen Lebensformen studiert. Als ich Port City verlassen habe, war der Planet noch eine Erdkolonie.«
»Und als Sie zurückkehrten, befand er sich unter sontaranischer Herrschaft«, erwiderte Steg. »Da Sie ja ohne jeden Zweifel hier sind, sind Sie praktisch gesehen ein Spion, auch daran besteht kein Zweifel.« Wieder schlug er mit der Hand auf den Tisch. »Schuldig. Wird im Morgengrauen erschossen.«
Der Gefangene Smith war ebenfalls geneigt zu protestieren. »Das ist ungeheuerlich! Wen oder was soll ich denn hier bitte ausspioniert haben? Auf diesem Planeten gibt’s doch nichts, abgesehen von Anthropoiden auf Bäumen!«
»Das sind jetzt aber sontaranische Anthropoiden auf sontaranischen Bäumen«, erklärte Commander Steg. »Alles auf sontaranischem Gebiet wird automatisch als streng geheim eingestuft.«
»Aber sie waren noch keine sontaranischen Anthropoiden, als ich sie studiert habe. Und sie sind es auch jetzt nicht. Die Jekkari sind ein freies Volk.«
»Jetzt nicht mehr«, sagte Commander Steg. Er stand auf und musterte die beiden Gefangenen. »Das Urteil mag Ihnen vielleicht hart vorkommen und in gewisser Weise mag das stimmen. Aber dafür gibt es einen guten Grund.«
»Schön zu wissen«, sagte Kurt. Er nahm an, dass er ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte. »Und dürften wir den auch erfahren?«
»Dieser Planet ist nun ein sontaranischer Militäraußenposten und seine Gesetze müssen penibel eingehalten werden. Euer Tod wird anderen als unmittelbares und dramatisches Exempel dienen. Sie mögen zwar unbedeutend sein, aber Sie lassen Ihr Leben im Dienste des Sontaranischen Imperiums. Ich vertraue darauf, dass Sie das auch zu schätzen wissen.«
»Es ist uns ein großer Trost«, sagte der Gefangene Smith höflich.
»Rückt alles in ein völlig neues Licht«, sagte Kurt.
Commander Steg wandte sich um und stapfte aus dem Raum. Zwei Soldaten führten Kurt und den Gefangenen namens Smith ab.
Als sie die Landefläche überquerten, kamen sie nah an einer Gruppe Jekkari vorbei, die unter Aufsicht eines Koloniewächters Trümmer des eingestürzten Gebäudes wegräumten.
Smith stolperte und fiel gegen den nächststehenden Jekkari. Während er sich an seinem dicken, haarigen Arm festklammerte, konnte Kurt sehen, wie der Mann mit flinken Fingern etwas trommelte. Dann zog einer der Soldaten ihn zurück und stieß ihn weiter vorwärts.
Kurt marschierte in der Zelle auf und ab und beschimpfte die Sontaraner nach Strich und Faden. »Dickbäuchige, kartoffelköpfige Mörder. Und das nennen sie Gerechtigkeit!«
Smith saß rittlings auf seiner Pritsche und lauschte ihm mit milder Belustigung. »Sie sollten wenigstens für ein Charakteristikum der Sontaraner dankbar sein.«
»Welches?«
»Ihren ausgeprägten Sinn für Militärtradition. Aus irgendeinem Grund werden Gefangene stets im Morgengrauen erschossen. Wenn sie Gefangene auch zum Tee erschießen würden, wären wir jetzt in Schwierigkeiten.«
»Sind wir das so nicht auch?«, fragte Kurt bitter. »Ich muss schon sagen, Smith, Sie nehmen das alles sehr gelassen hin.«
»Lassen wir das mit Smith, wenn’s Ihnen nichts ausmacht«, sagte der kleine Mann würdevoll. »Sie sollten wissen, dass Sie sich in der Gegenwart von General Smith von der Jekkari-Befreiungsarmee befinden.«
Kurt starrte ihn ungläubig an.
Smith beugte sich vor. »Eigentlich bin ich hier, weil es mir absolut nicht gefallen hat, wie die Kolonisten die Jekkari behandelten. Ich hab aber nicht damit gerechnet, dass die Sontaraner hier einfallen würden. Vielleicht kann ich zwei Unterdrücker mit einer Revolution schlagen.«
»Diese Jekkari«, sagte Kurt langsam. »Das Getippe … Sie haben mit ihnen kommuniziert!«
Smith nickte. »Die Jekkari sprechen nicht, weil sie keine Stimmbänder haben. Sie kommunizieren mittels eines hochkomplexen Zeichensystems.«
»Aber wenn die Jekkari so intelligent sind, wie Sie behaupten, warum machen sie dann die Drecksarbeit für die Kolonisten …« Noch während Kurt fragte, kam er auf die Antwort. »Ja, natürlich …«
»Ganz richtig«, sagte Smith. »Das sind Geheimagenten. Spione, wenn Sie so wollen. Das hat anfangs einige Leben gekostet, aber sobald die Jekkari die Siedler davon überzeugt hatten, dass sie beschränkt und harmlos sind, konnten die kommen und gehen, wie sie wollten. Sie haben die Kolonisten beobachtet, um Schwachpunkte ausfindig zu machen. Die Siedler haben sie getäuscht – mit etwas Glück wird ihnen das auch bei den Sontaranern gelingen.«
Kurt war vor allem daran gelegen, das Ganze hier zu überleben. »Werden sie uns helfen zu entkommen?«
»Sie werden mir helfen«, sagte Smith. »Und Sie können meinetwegen gern mitkommen – dann ärgern sich die Sontaraner.«
»Tausend Dank. Und was machen wir jetzt?«
»Wir warten, bis es dunkel ist.«
Als die Schatten der Nacht sich in der kleinen Zelle ausbreiteten, erklang draußen auf dem Flur ein gedämpftes Pochen. Die schwere Metalltür begann zu knarren, zu ächzen und zu vibrieren. Dann kreischte Metall und die Tür war einfach verschwunden – von außen aus den Angeln gerissen.
Smith und Kurt liefen auf den dunklen Korridor hinaus. Ein massiger Jekkari kauerte über dem Leichnam eines Wächters und wiegte sich bekümmert vor und zurück.
»Er ist bestürzt, weil er aus Versehen einen Wächter umgebracht hat«, flüsterte Smith. »Sie verabscheuen es zu töten.«
Er klopfte schnell etwas auf die Schulter des Jekkaris. Der riesige Anthropoid erhob sich und führte sie den Gang hinunter.
Ein anderer Wächter kam um die Ecke, sah sie und sagte: »Hey …«
Mehr brachte er nicht heraus, dann traf Kurt ihn mit der Handkante an der Kehle. Er zog den Arm zurück und setzte zum zweiten, tödlichen Schlag an, aber Smith packte sein Handgelenk mit überraschend kräftigem Griff.
»Nein! Ich verabscheue es ebenfalls zu töten.«
Smith kniff dem Wächter, der immer noch nach Luft rang, ins Genick, und er sackte in sich zusammen. Kurt fing ihn auf und legte ihn auf den Boden. Er rieb sich das Handgelenk. Der kleine Smith war stärker, als er aussah.
Sie bewegten sich quer über den dunklen, stillen Landeplatz auf Kurts Frachter zu.
»Sie fliegen das Ding allein?«, fragte Smith.
Kurt nickte. »Ich hab’s für Ein-Mann-Betrieb umrüsten lassen. Partner verringern nur den Profit.«
»Dann sollten Sie an Bord gehen und starten. Ich glaube nicht, dass die Sontaraner Ihnen folgen werden. Viele sind noch mit der Unterwerfung von Port City beschäftigt. Die wenigen, die zurückgeblieben sind, werden in der Kommandozentrale bald eine böse Überraschung erleben. So leicht, wie die Sontaraner sich das vorstellen, werden sie es mit diesem Planeten nicht haben.«
Eine raue Stimme erklang, als wollte sie ihn Lügen strafen: »Halt!«
Ein sontaranischer Soldat trat mit gezücktem Blaster aus dem Schatten. Kurt, Smith und der Jekkari erstarrten.
»Sie sind alle meine Gefangenen. Kehren Sie sofort um! Wenn Sie sich widersetzen, werden Sie sterben.«
Kurt stellte fest, dass ihm der Gedanke, sich wieder einsperren zu lassen, absolut unerträglich war. Er machte sich für einen verzweifelten Angriff bereit. Wenn er nur diesen Blaster in die Finger bekam …
Smith legte ihm die Hand auf den Arm.
Ein gewaltiger, dunkler Umriss tauchte hinter dem Sontaraner auf. Riesige Hände packten ihn, hoben ihn hoch in die Luft – und schleuderten ihn dann, den Kopf voran, so hart auf den Boden, dass man seinen Schädel zerspringen und sein Genick brechen hörte.
Kurt stieß ein langes, zittriges Seufzen aus. »Haben Sie nicht gesagt, die töten nicht gern?«
»Das stimmt auch«, sagte Smith traurig. »Aber jetzt können sie es, wenn es sein muss. Das musste ich ihnen erst beibringen«
Kurt drehte am Metallrad der Einstiegsluke zu seinem Schiff.
»Wo wollen Sie hin? Ich nehm Sie gerne mit.« Dann überrollte ihn eine Welle von Dankbarkeit und er wurde übermütig. »Was soll’s, ich geb Ihnen sogar die Hälfte des Profits dieser Fahrt … na ja, ein Drittel zumindest …«
Smith lächelte und schüttelte den Kopf. »Behalten Sie Ihr Geld, Kurt. Wenn es genug ist, werden Sie ja vielleicht sogar ehrlich.«
»Und wie wollen Sie hier wegkommen?«
»Ich hab mein eigenes Transportmittel, im Wald versteckt. Außerdem reise ich noch nicht ab. Ich hab hier noch was zu erledigen.«
Kurt öffnete die Luke. »Wie Sie wollen.« Er hielt inne und blickte den seltsamen kleinen Mann an, der von seinen beiden riesigen Verbündeten flankiert wurde.
»Ich stehe tief in Ihrer Schuld, Smith. Ich bin ein ehrlicher Verbrecher und bezahle immer meine Schulden. Wenn Sie mal irgendwas brauchen, egal wo oder wann, sagen Sie einfach Bescheid.« Er grinste. »John Smith! Sie haben mir nicht mal Ihren echten Namen verraten.«
»Den kennen nur wenige. Nennen Sie mich einfach Doktor.«
Der Doktor wandte sich um und verschwand mit den Jekkari in die Dunkelheit.
Kurt kletterte in sein Schiff, verschloss die Luke und stieg die Leiter zum Cockpit hinauf. Er betete, dass die uralten Motoren ausnahmsweise mal sofort anspringen würden.
Und dieses eine Mal taten sie es. Schmugglerglück, dachte Kurt, während sein alter Frachter schwerfällig in den Himmel aufstieg. Na, das wurde ja auch Zeit.
Er gab den Kurs in den Autopiloten ein, holte eine Flasche Jekkar-Brandy aus einem Spind und nahm einen großen Schluck.
Während sich die tröstliche Wärme in ihm ausbreitete, dachte er über den Doktor nach. Er fragte sich, ob dieser komische Kauz überleben würde.
Schließlich kam er von dem Gedanken ab und begann stattdessen damit, seinen Profit zu überschlagen. Es mussten Millionen sein. Vielleicht würde er tatsächlich von jetzt an sauber bleiben können, so wie es der Doktor vorgeschlagen hatte. Ob ihm so ein Leben gefallen würde? Wo würde er seinen Nervenkitzel herbekommen? Er musste wohl irgendeinen Oberschichtsport anfangen – Solarjachtrennen oder so was.
Am Waldrand blieb der Doktor stehen, blickte in den Himmel und hob die Hand zum Abschied. Ein netter Bursche, dieser Kurt.
Es war doch höchst seltsam, überlegte er, dass er mit Gaunern und Gesindel besser auskam als mit Feldmarschällen, hohen Beamten und anderen Würdenträgern. Sonst wäre er wohl auch noch Lord Präsident von Gallifrey.
Er dankte dem Schicksal für seinen schlechten Geschmack und schaute zu seinen beiden gorillaartigen Freunden auf.
»Ich Doktor, ihr Jekkari«, sagte er. »Ob mir ein Lendenschurz wohl stehen würde?«
Die Jekkari musterten ihn höflich und wirkten verwirrt.
Der Doktor lächelte und folgte ihnen in den finsteren Wald hinein.
ERSTES BUCH
1
RIPPER
Überall in Megacity sprach man davon.
In den Penthousewohnungen, wo die Bonzen lebten, hoch über dem Gestank, dem Schmutz und dem Smog der Straßen, in den Bars des Stadtzentrums, wo die Schlitzohren und Dealer ihre Pläne schmiedeten, und in den schäbigen Spelunken der florierenden Unterwelt.
Jemand stellte Fragen. Zwei Personen, um genau zu sein. Sie waren Menschen oder zumindest humanoid; ein großer, blonder Mann und eine kleine, dunkelhäutige Frau. Sie waren einer Spur bis auf diesen Planeten gefolgt. Es ging um einen großen Fisch.
Die Gerüchte wurden immer weiter ausgeschmückt. Wer etwas zu verbergen hatte – also praktisch jeder –, fing rasch an, nervös zu werden. Ob korrupte Politiker oder Straßenräuber in irgendwelchen Hintergassen – alle hatten plötzlich ein gemeinsames Ziel: herausfinden, was die Fremden wollten, und verhindern, dass sie es bekamen. Zumindest nicht, ohne teuer dafür zu bezahlen – zum Beispiel mit ihrem Leben.
Megacity war ein Albtraum für Schiedsrichter, überlegte Roz Forrester, während sie bei einem überteuerten Frühstück in einem geschmacklos dekorierten und kostspieligen Hotel saß. Sie kannte Korruption, hatte ihretwegen den Dienst quittiert, obwohl die Arbeit ihr alles bedeutet hatte; aber dabei hatte es sich wenigstens um Korruption in einem einigermaßen ehrlichen System gehandelt.
Hier in Megacity war Korruption das System.
Die Stadt bedeckte den größten Teil von Megerra – wohl einer der hässlichsten Planeten, auf den es einen verschlagen konnte. Nichts weiter als eine große Kugel aus Fels und Dreck im Weltraum – aber eine von unermesslichem Wert. Megerra war verblüffend reich an Mineralien, es gab riesige Vorkommen von Gold, Silber, Eisen, Nickel und Uran.
Die Bergbaufirmen der Erde hatten ihn unter sich aufgeteilt und waren nach wie vor damit beschäftigt, ihn auszuschlachten.
Megerra war mit Minen überzogen, mit Fabriken und Werkstätten – und natürlich mit Megacity, wo die Einwohner lebten, arbeiteten, sich vergnügten und sehr häufig ihr Leben ließen. Die gigantische Stadt war ein gefährlicher Ort.
Das Rennen um den Abbau der Mineralien hatte einen Wirtschaftsboom ausgelöst. Minenarbeiter und Ingenieure waren aus der ganzen Galaxis herbeigekommen. Mit dem Geld, das sie hier machten, zogen sie Scharen von Glücksspielern, Huren, Drogendealern und einfachen Dieben an, die es ihnen abnehmen wollten.
Man kam nach Megerra, um schnell reich zu werden und dann wieder zu verschwinden. Solange man jedoch hier war, musste man essen, trinken und sich amüsieren. Megacity bot etwas für jeden erdenklichen Geschmack, und zwar rund um die Uhr. Hier war nahezu alles möglich – solange es nicht den Abbauprofit minderte oder die Produktion verlangsamte.
Und so war Megerras zweite Industrie entstanden: der Tourismus. Die Geschäftsleute, die den Planeten verwalteten, leiteten Megerra als eine einzige große Stadt. Die Unterhaltungseinrichtungen, die ursprünglich für die Minenarbeiter und Ingenieure entworfen worden waren, sprachen auch andere an, und so verbreitete sich die Kunde, dass man in Megacity ordentlich Spaß haben konnte, ohne dass man allzu viele unbequeme Fragen gestellt bekam. Also strömten die Touristen von primitiven wie auch von fortschrittlicheren Planeten herbei.
In Megacity waren alle auf Geld aus.
Roz hatte einen Hotelangestellten bestechen müssen, damit er ihre Reservierung überhaupt gelten ließ, und sie hatte dafür zahlen müssen, von einem Zimmer, das auf die laute Hauptgeschäftsstraße hinausging, in ein ruhigeres auf der Rückseite umziehen zu dürfen. Alles hat seinen Preis, dachte sie säuerlich.
Sie schaute auf, als ein gut aussehender blonder, blauäugiger Riese auf ihren Tisch zukam: Chris Cwej, ihr ehemaliger Kollege bei der Gilde der Schiedsrichter und gegenwärtiger Partner – rein professionell, unabhängig davon, was er sich vielleicht erhoffte. Normalerweise sah er immer unverschämt zufrieden und gesund aus, insbesondere früh am Morgen. Heute jedoch, stellte Roz schadenfroh fest, hatte er dunkle Ringe unter den Augen und seine helle Haut wies zweifellos einen Stich ins Grüne auf.
Chris nickte vorsichtig und setzte sich zu ihr. Der Stuhl war, wie die meisten, ein gutes Stück zu klein für ihn.
Roz hatte zehn Minuten damit verbracht, mit böser Miene und ungehaltenem Knurren auf den Tisch zu hämmern, um die Bedienung mit den langen Beinen, dem kurzen Rock, den voluminösen Haaren und den großen Brüsten auf sich aufmerksam zu machen; nun stand sie plötzlich neben Chris und hielt ihm ihr Dekolleté ins bleiche Gesicht.
»Großes Frühstück mit allem?«, schnurrte sie. »Ein so großer Mann wie Sie muss ja bei Kräften bleiben.«
»Probier doch die gemischten Meeresfrüchte«, schlug Roz mit unschuldiger Miene vor. »Baby-Sandechsen, Tintenfisch, Meeresschnecken mit Honig und frittierter Aal.«
Chris schauderte und schüttelte den Kopf. Er schaute auf, ließ den Blick hastig weiter nach oben wandern, bis er ihre Augen gefunden hatte, und sagte verzweifelt: »Nur Tee. Haben Sie irgendeinen Kräutertee?«
»Ich bringe Ihnen eine Tasse Materra«, gurrte die Bedienung verführerisch. »Extra von Rigel IV importiert. Soll eine aphrodisierende Wirkung haben.«
»Du verschwendest deine Zeit, Schwester«, sagte Roz. »Damit es ihm, oder dir, was bringt, müsste der Tee schon eher Tote wieder zum Leben erwecken können.« Die Bedienung bedachte sie mit einem mordlüsternen Lächeln, dann stolzierte sie davon. Roz lehnte sich zurück und musterte ihren unglücklichen Begleiter.
»Und was machen wir noch gleich, wenn wir auf einem fremden Planeten sind?«, fragte sie in belehrendem Ton. »Die ersten paar Tage lassen wir uns unsere Spritzen verpassen, schlucken brav unsere Pillen und essen fade Nahrung, bis sich unser System beruhigt und angepasst hat.«
»Lass mich in Ruhe«, sagte Chris schwach.
Roz fuhr gnadenlos fort: »Wir gehen nicht ins einzige Restaurant der Stadt, das ureigene, traditionelle Küche bietet, und verderben uns mit Fugorafischeintopf den Magen.«
»Das ist aber die Spezialität dieses Planeten«, wandte Chris ein. »Man kriegt sie nur hier auf Megerra. Seit die Ureinwohner ausgestorben sind, weiß kaum noch jemand, wie man das Zeug macht.«
»Fugorafischeintopf ist wahrscheinlich der Grund, dass sie ausgestorben sind. Du siehst selbst wie ein Toter aus.«
»Mir geht’s gut«, beharrte Chris. »Die Pillen wirken schon.«
Die Bedienung brachte ihm ein großes Glas Kräutertee und lächelte ihn strahlend an. Vorsichtig nippte Chris an dem strohfarbenen Getränk.
»Ich weiß nicht, was dir zuerst den Garaus machen wird«, sagte Roz müde. »Die außerirdische Küche oder die verrückten Pläne des Doktors.« Sie seufzte. »Wir sollten uns wieder unter die Leute mischen. Auch wenn ich keine Ahnung hab, was uns das hier bringen soll …«
Sie hatten schon einige Tage damit verbracht, auf den Straßen von Megacity nach einer Spur zu suchen. Das Ganze kam Roz wie eine schier unlösbare Aufgabe vor. Gute Polizeiarbeit wurde eigentlich immer von Ortsansässigen geleistet: Sie kannten das Revier, die Plaudertaschen, die Drahtzieher und die Verbrechensmuster. Es war schlimm genug, in einer unbekannten Stadt zu sein, doch in einer unbekannten Stadt, die den größten Teil eines unbekannten Planeten bedeckte, hatten sie so gut wie keine Chance.
»Nicht verzagen«, meinte Chris. »Ich glaub, ich habe einen neuen Hinweis aufgeschnappt. Kam heute Morgen in den Nachrichten.«
»So schnell? Der verschwendet keine Zeit, wenn’s ans Morden geht, oder?«
Chris zuckte mit den Schultern. »Wie’s aussieht, braucht er jetzt Bargeld, eine neue Identität und eine Bleibe. Und er hat nur eine Methode, sich das alles zu verschaffen. Darum will der Doktor wohl auch, dass wir ihn uns schnappen.«
»Der Doktor möchte, dass wir ihn finden«, korrigierte ihn Roz. »Wir sollen ihn aufspüren und ihm folgen, ohne ihm dabei auf die Füße zu treten. Klappt nicht allzu gut, oder?«
»Auf Formalhaute 4 hätten wir ihn fast gehabt.«
»Wir hätten ihn auf vielen Planeten fast gehabt. Aber am Ende folgen wir immer wieder einer Spur aus Leichen.«
»Diesmal kriegen wir ihn«, sagte Chris zuversichtlich.
Hach, die Jugend, dachte Roz. Sie warf ein halbes Vermögen auf den Tisch und stand auf. »Na, dann lass uns mal loslegen.«
In Megacity herrschte fortwährend Nacht – oder vielmehr wurde auf künstliche Weise dafür gesorgt, dass eigentlich immer Tag war. Die Sonne des Systems war für sich genommen schon schwach genug, doch wegen des Smogs bekam man sie ohnehin nie zu sehen. In der ganzen Stadt waren die Schaufenster stets hell erleuchtet, die sich ständig verändernden Werbetafeln und die Schilder der Bars und Kasinos strahlten rund um die Uhr. Die Minenarbeiter arbeiteten in Schichten und mussten zu jeder Tages- und Nachtzeit die Möglichkeit haben, zu essen, zu trinken und sich zu vergnügen.
Roz und Chris blickten sich auf der geschäftigen Straße um. Fußgänger bewegten sich in Scharen auf den unebenen Gehwegen entlang. Die Straße selbst war zerfurcht und voller Schlaglöcher – offenbar hatte städtische Instandhaltung in Megacity keine hohe Priorität. Die meisten Minenarbeiter waren humanoid und vom Körperbau her meist klein und kräftig. Mit ihren breiten Schultern, den gekrümmten Beinen und den narbigen Gesichtern wirkten sie auf Roz wie Zwerge oder Trolle.
Eine beträchtliche Anzahl von ihnen gehörte nicht zu den Menschen. Roz sah Arcturaner, Alphacentaurianer, Falardi und Foamasi. Auch die Ursinen mit den breiten Brustkörben waren überraschend stark vertreten. Sie erinnerten an riesige Teddybären mit miserabler Laune.
Sie stieß Chris in die Rippen, als einer von ihnen sich durch die Menge kämpfte und dabei direkt auf sie zukam. »Und du hast mal ein Vermögen ausgegeben, um so auszusehen!«
Chris nickte traurig und bedauerte, dass er sein Fell nicht mehr hatte. Nach seinem teuren Body-bepple war es wortwörtlich in Rauch aufgegangen.
Dem Ursinen schien ihr Interesse zu missfallen. Ruckartig blieb er vor ihnen stehen. »Hab ich was an der Nase oder warum glotzt ihr so?«
»Keinesfalls, Sir«, sagte Chris höflich. »Wir haben nur gerade Ihre prachtvolle Erscheinung bewundert.«
Mit neidischer Miene streichelte er den felligen Arm des Ursinen.
Der riss sich sofort los und fuchtelte mit einer beeindruckenden Kralle vor Chris’ Nase herum. »Komm mir nicht komisch«, knurrte er.
Plötzlich tauchte ein weiterer Ursine auf. Die beiden drängten Roz und Chris in eine Nische neben dem Hoteleingang. Es war offensichtlich, dass sie diese Nummer schon öfters abgezogen hatten.
»Was ist hier los?«, knurrte der Zweite. Sein Fell war schwarz und er sah noch größer und gemeiner aus als der Erste.
»Diese blöden Touristen haben mich beleidigt«, knurrte der Erste. Dann zeigte er mit der Pfote auf Chris. »Der da hat mich sogar angebaggert.«
»Bitte, Sir«, sagte Chris, »ich versichere Ihnen, dass ich keine derartigen Absichten hatte. Sie haben meine freundliche Geste nur falsch gedeutet.«
Der Ursine ignorierte ihn. »Verdammte Perverslinge, kommen von irgendwelchen Planeten hierher und beleidigen anständige Bürger. Wir sollten sie in Stücke reißen.«
»Oder wir verpassen ihnen einfach ein Bußgeld«, schlug der Zweite vor. Er starrte Roz und Chris bedrohlich an, die sich die einstudierte Routine mit gelassenem beruflichem Interesse ansahen.
Der Ursine wedelte mit seiner klobigen Pfote vor ihrer Nase herum. »Wie wollt ihr’s haben? Eure Credits oder eure Haut? Zahlen oder bluten?«
Chris wandte sich an Roz. »Was meinst du?«
»Kümmer du dich drum. Ich hab nicht gut geschlafen.«
Chris trat vor und verpasste dem verblüfften Ursinen einen Hieb unter das Brustbein. Es war ein schöner Schlag, ein linker Haken, hinter den Chris sein gesamtes beachtliches Gewicht gelegt hatte, wobei seine Faust einen leichten Bogen nach oben beschrieb, sodass sie tief in den untersetzten Körper des Ursinen drang.
»Uff!«, keuchte der Ursine und plumpste hart auf den Asphalt. Er versuchte zu atmen und bekam prompt einen heftigen Hustenanfall.
Der Ursine mit dem schwarzen Fell wollte sich auf Chris stürzen, hielt jedoch abrupt inne, als ihm etwas Kaltes und Hartes ins geweitete Nasenloch gerammt wurde.
Es war der Lauf eines Taschenblasters, den Roz’ in der Hand hielt.
Der Angreifer stand reglos und mit erhobenen Pfoten da. »Tschuldigung, Lady, wir wollten uns nur ein paar Credits für ’nen Drink beschaffen.«
Chris sah Roz an. »Soll ich die Polizei rufen?«
»Nein, bitte, nicht die Polizei«, flehte der schwarzhaarige Ursine. »Dann schießt uns lieber gleich über den Haufen.«
»Wir haben nicht die Zeit, ewig irgendwelche Formulare auszufüllen«, meinte Roz. Sie zog ihren Blaster zurück und wischte die Mündung am Brustfell des Ursinen ab. »Hau ab!« Sie zeigte auf den anderen Ursinen, der noch immer keuchend auf dem Boden saß. »Vergiss deinen Kumpel nicht. Und sorgt dafür, dass es sich herumspricht: Wenn uns noch mal irgendwer belästigt, müssen wir eventuell ungemütlich werden.«
Sie beobachteten, wie der eine Ursine den anderen hinter sich herzog. Die vorbeieilenden Passanten schenkten dem Ganzen keine Beachtung.
Chris rieb sich die Faust. »Das Dumme bei nicht menschlichen Wesen ist, dass du nie weißt, wo du hinhauen sollst. Der Solarplexus ist normalerweise am besten – wenn sie denn einen haben. Hab mir mal am Kinn eines Androgums die Hand gebrochen.«
Roz steckte ihren Blaster weg. »Wir sollten uns lieber ein Taxi nehmen.«
Sie drängten sich zum Bordstein vor und versuchten, ein Hovertaxi heranzuwinken. Nachdem drei Fahrer höhnisch grinsend an ihnen vorbeigesaust waren, hielt Chris das nächste Taxi an, indem er einfach mit ausgebreiteten Armen auf die Straße trat, sodass es entweder anhalten oder ihn überfahren musste. Der nagetierartige Fahrer, der wie eine riesige Ratte in einem Lederwams aussah, entschied sich fürs Anhalten – allerdings erst in allerletzter Sekunde.
Chris riss die Tür auf, ließ Roz zuerst einsteigen, folgte ihr und sagte: »Raumhafen-Boulevard 2003.«
»Wollen Sie ’ne Tour durch Megacity? Alle wichtigen Punkte abklappern?«, quiekte der Fahrer. »Wollen Sie Vraxoin, Crackerjack, Jekkarta-Gras?«
Er bot noch eine ganze Reihe weiterer Dinge an – seltsame Sehenswürdigkeiten, illegale Substanzen und Gelegenheiten, exotischen Perversionen zu frönen –, bis Chris ihn von hinten am dürren Nacken packte und hart genug zudrückte, dass er ängstlich quietschte.
»Raumhafen-Boulevard 2003, bitte«, sagte Chris höflich. »Keine Extras, einfach hinfahren, und zwar auf dem direkten Weg: Ich kenne mich gut aus in der Stadt.«
Das war ein Bluff, aber es war einen Versuch wert.
Der Raumhafen-Boulevard verlief, wie der Name andeutete, um den Raumhafen von Megacity herum. Touristengeschäfte, Schnellrestaurants, Nachtclubs – oder eher Tag- und Nachtclubs –, Kasinos und Bars standen für ungeduldige Touristen bereit, die es nicht erwarten konnten, sich im Stadtzentrum betrügen und ausrauben zu lassen. Überall gab es Wechselstuben, wo man jede Währung der Galaxis zu exorbitanten Kursen gegen die hier einzig gültigen Megacity-Credits eintauschen konnte.
Das Hovertaxi hielt seufzend vor der Nummer 2003 und setzte so heftig auf dem Boden auf, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Ihr Rattenfahrer verlangte den dreifachen Preis und zückte ein Vibromesser, als Chris sich weigerte, ihn zu bezahlen.
Chris riss es ihm weg und drohte damit, es ihm auf eine Weise wiederzugeben, die ihm nicht gefallen würde. Sie einigten sich auf den doppelten Preis. Der Fahrer drückte Chris mit zufriedener Miene eine Ident-Disc aus Plastik in die Hand. »Wenn Sie ein Taxi brauchen, rufen Sie an«, quiekte er. »Dann zeig ich Ihnen, wie man hier Spaß hat!«
»Hier«, sagte Chris. »Ihr Vibromesser.«
»Behalten Sie’s!«, sagte der Fahrer und grinste, wobei er seine spitzen Zähne zeigte. »Werden Sie noch brauchen.« Er holte ein anderes, größeres Messer hervor. »Ich hab noch mehr!« Dann stieg das Taxi wieder in die Luft auf und schoss davon.
2003 war ein langer, schmaler Raum, der zur Straße hin offen war. Im Inneren reihten sich Kabinen mit blastersicheren Glasfenstern aneinander, die nur einen schmalen Schlitz aufwiesen, durch die Angestellte dicke Bündel exotischer Währungen entgegennahmen und dünne Bündel Megacity-Credits zurückgaben. Computerisiertes Geld wurde in Megacity kaum verwendet: Nach einer Reihe brillanter Hightech-Schwindeleien war den ehrlichen Händlern altmodisches Bargeld lieber. Und die unehrlichen bestanden darauf.
Roz und Chris schenkten den Kabinen keine Beachtung und gingen geradewegs zu einer schlichten Tür am anderen Ende durch. Roz hämmerte bestimmt dagegen. »Aufmachen!«
Eine Klappe auf Augenhöhe glitt zur Seite und gab den Blick auf eine lange, scharfe Nase und zwei wässrige, argwöhnische Augen frei. Eine durchdringende Stimme fragte: »Ja?«
»Wir haben noch ein paar Fragen wegen des Mordes«, sagte Roz barsch. »Machen Sie auf. Oder sollen wir die Tür eintreten?«
Die Tür öffnete sich. Ein großer, schmächtiger Humanoid in einer staubigen, schwarzen Robe mit hohem Kragen stand vor ihnen. Sein hageres Gesicht wirkte genauso schmal wie der Rest von ihm und an seinem nach oben gewölbten Schädel klebten einige graue Haarsträhnen. Er führte sie in ein schmuckloses, schäbiges Büro. Darin befanden sich ein Schreibtisch, ein uraltes Computerterminal und ein enormer Safe, der nun offen stand und leer war.
»Hochmodern ausgestattet«, knurrte Roz. »Sie sind wohl jetzt der Boss?«
Der dünne Mann setzte sich an seinen Schreibtisch. »Ich schätze schon. Ich bin Relk, der Bürovorsteher. Irgendein Syndikat betreibt die Wechselstube. Ich halte hier nur alles am Laufen, bis ich was von denen höre.«
Roz beugte sich über den Schreibtisch und blickte ihm in die Augen. »Haben Ihrem Vorgänger wohl den Garaus gemacht, um seinen Job zu bekommen, was? Tasche voller Geld und eine hübsche Beförderung?«
Der Angestellte wich vor ihrem wütenden Gesicht zurück. »Nein! Ich hab nur die Leiche gefunden!«
Sie packte ihn am Kragen und zog ihn über den Schreibtisch.
»Gestehen Sie schon und ersparen Sie uns die Arbeit.«
Chris legte ihr eine Hand auf Schulter. »Komm schon, Boss. Lass ihn wenigstens erst mal erzählen, was passiert ist.«
Roz stieß den erschrockenen Mitarbeiter auf seinen Stuhl zurück. »Gut, gehen wir nochmal alles durch. Von Anfang an.«
»Aber ich hab doch schon ausgesagt.«
»Dann machen Sie’s eben nochmal. Und wenn Sie was auslassen, wird es Ihnen leidtun.«
Relk schaute sie nur mit großen Augen an und schien vor Furcht nicht sprechen zu können. Chris tätschelte ihm beruhigend die knochige Schulter. »In aller Ruhe. Wir wollen einfach nur die Fakten.«
Mit zitternder Stimme erzählte Relk seine Geschichte.
»Gestern Abend kam ein Kunde zu uns … Er hatte ein Geldbündel dabei, verschiedene Währungen, und wollte alles in Megacity-Credits eintauschen. Der Betrag lag weit über dem Kabinenlimit, also haben wir ihn zu Mr Sakis geschickt, dem Boss.«
»Dieser Kunde«, sagte Roz. »Wie sah der aus?«
»Eher kurz, dicklich, schwarze Haare. Er trug teure Kleidung, sah wohlhabend aus. Vielleicht ein Bankier oder so.«
Roz und Chris wechselten einen Blick. Die Beschreibung passte auf den verstümmelten Leichnam, den sie auf der Lorelei gesehen hatten.
Hanno Seth war tatsächlich Bankier gewesen. Schon bald, nachdem er tot in seinem Büro aufgefunden worden war, war ein Doppelgänger von ihm an Bord eines Passagierschiffs nach Megerra gegangen – wie üblich waren Roz und Chris einen Tick zu spät dran gewesen.
»Fahren Sie fort«, sagte Chris ermutigend.
»Sie waren eine Weile da drin. Dann kam Mr Sakis raus und hatte diesen großen Plastiksack dabei. Er hat gesagt, dass er irgendwo was Wichtiges zu erledigen hätte, und ich solle solange die Stellung halten.«
»Wie hat er gewirkt, als er mit Ihnen gesprochen hat?«, fragte Roz.
»Seltsam. Er hat mich nicht angesehen und seine Stimme klang irgendwie tonlos.«
Roz nickte. Der Angestellte fuhr mit seinem Bericht fort.
»Jedenfalls hat er sich auf den Weg gemacht und irgendwann ging mir auf, dass ich den Kunden gar nicht mehr gesehen hatte. Es führt nur ein Weg aus dem Büro und jemanden allein da drin lassen, das sah dem Boss gar nicht ähnlich. Also dachte ich mir, ich sollte wohl besser mal ’nen Blick reinwerfen. Er hatte die Tür abgeschlossen, aber ich hab für Notfälle eine Codekarte, also hab ich aufgemacht, bin reingegangen …«
Ihm versagte die Stimme.
»Lassen Sie sich Zeit«, sagte Chris freundlich.
»Sakis lag mitten auf dem Boden«, sagte Relk. »Dabei hatte ich ihn doch eben erst weggehen sehen. Er hatte überall Schnittwunden …«
»Stichwunden, meinen Sie? Als hätte jemand wild auf ihn eingestochen?«
Relk schüttelte den Kopf. »Nein, nicht so … ordentlicher. Teile seiner Innereien waren … neben seiner Leiche angeordnet.«
Roz schaute Chris an. »Könnte einfach ein Organhändler sein. Wir wollen hier nicht unsere Zeit verschwenden.« Sie wandte sich wieder dem Angestellten zu. »Fehlte was? Herz, Lunge, Leber?«
»Woher zum Teufel soll ich das wissen?«, stieß Relk ungehalten hervor. »Ich bin Buchhalter und kein Mediziner! Ich hab keine Bestandsaufnahme seiner Eingeweide gemacht. Ich weiß ja nicht mal, was da überhaupt alles reingehört!«
»Schon gut«, sagte Chris beschwichtigend. »Und was war dann?«
»Dann hab ich natürlich die Polizei gerufen«, sagte Relk. »Die haben sich nicht gerade beeilt. Haben mich alles zehn Mal erzählen lassen. Dann haben sie die Leiche mitgenommen und mir verboten, die Stadt zu verlassen.«
»Der Safe war auch leer, nehme ich an?«, fragte Roz.
Relk nickte. »Zwei Tagesumsätze – fast fünfzigtausend Credits.«
»Ist er aufgebrochen worden?«
»Nein, einfach geöffnet. Er muss den Boss dazu gezwungen haben, bevor …«
Chris warf Roz einen bedeutungsschweren Blick zu. Auch Hanno Seths Tresorraum war geöffnet und geplündert worden.
»Er ist es«, sagte Chris leise.
Roz nickte. »Sieht ganz so aus.«
»Wollen Sie damit sagen, so was sei schon mal passiert?«, fragte Relk aufgeregt. »Der Kerl ist ein Serienmörder, oder? Ist eine Belohnung auf ihn ausgesetzt? Ich könnte ihn identifizieren!«
»Ich würde lieber die Klappe halten, wenn ich Sie wäre«, warnte ihn Roz. »Er könnte wiederkommen und auch Ihre Innereien hübsch anrichten. Wie hat Ihr Boss ausgesehen?«
»Was kümmert Sie das? Er ist tot. Gehen Sie doch runter ins städtische Leichenschauhaus und schauen Sie sich das Ganze selbst an, wenn es Sie so sehr interessiert.«
Roz packte ihn wieder am Kragen und ihre Knöchel bohrten sich in seinen dünnen Hals. »Beantworten Sie einfach meine Frage!«
Der Angestellte krächzte etwas Unverständliches und Roz zog fester. »Lauter!«
Chris löste sanft ihre Finger. »Er kann nichts sagen, wenn du ihm die Luft abschnürst.« Er wandte sich Relk zu, der sich den Hals rieb und nach Luft schnappte. »Bitte beantworten Sie die Frage, Sir. Ich versichere Ihnen, dass es in Ihrem eigenen Interesse ist, uns bei unseren Nachforschungen zu unterstützen.«
»Welche Frage?«, krächzte Relk.
»Immer noch dieselbe«, knurrte Roz. »Wie hat Ihr Boss ausgesehen?«
»Er war groß«, krächzte Relk. »Sehr groß. Er hatte langes, silbernes Haar und so einen kleinen, hübschen Spitzbart. Außerdem trug er immer nur die edelsten Seidenroben.«
»Schon besser. Und jetzt hauen Sie ab!«
»Vielen Dank für Ihre Kooperation, Sir«, sagte Chris.
Relk verzog missbilligend das Gesicht und eilte davon.
Roz sah Chris an. »Und was jetzt?«
»Jetzt suchen wir weiter.«
»Wie?«, wollte Roz wissen. »Und wo? Er hat wieder Credits und ein neues Aussehen.«
»Und wir haben eine neue Beschreibung.«
»Was haben wir davon? Wir werden nichts mehr von ihm hören, bis es den nächsten Mord gibt – und dann noch einen und noch einen. Bis er genug von diesem Planeten hat und …«
»… zu neuen Gestaden des Mordens aufbricht«, sagte Chris poetisch.
»Und wir hecheln ihm hinterher wie zwei abgewrackte vrangianische Spürschweine. Ich hab langsam die Schnauze voll davon, Chris.«
Plötzlich hörten sie das Röhren der Raketenmotoren von schweren Geländewagen, heisere, wütende Rufe und das Stampfen von Stiefeln. Dann kamen drei enorme Gestalten ins Zimmer gestürmt. Sie waren noch größer als Chris, trugen Marschstiefel, Lederhose und Lederwams. Ihr Schädel war riesig, mit brutalem, vorstehendem Unterkiefer und hoch aufragender Stirn, die von verfilzten Haaren umrahmt wurde. Sie richteten ihre klobigen, antiquierten Blaster auf Roz und Chris.
Roz wusste sofort, dass sie es mit Ogron-Banditen zu tun hatten. Sie entdeckte Relk, der hinter den drei Riesen hervorlugte, und rief ihm zu: »Stehen Sie nicht so rum, rufen Sie die Polizei!«
Sie griff nach ihrem Blaster, doch Chris packte sie am Arm. »Kann er sich sparen. Das ist die Polizei!« Er zeigte auf das rostige Abzeichen am Wams des Anführers.
Der Ogron trat vor. »Ihr mitkommen!«, brüllte er. »Ihr unter Arrest!«
2
POLIZEICHEF
»Ich glaube, Sie verstehen da was falsch«, sagte Chris. »Wissen Sie, wir sind Privatdetektive auf einer rechtmäßigen …«
»Ihr unter Arrest! Ihr kommen mit uns!«
Chris suchte in seiner Tasche nach seinen Papieren, wurde jedoch sofort von zwei riesigen haarigen Händen festgehalten.
Chris wäre trotz seiner Stärke nie eingefallen, mit einem Ogron zu ringen.
»Oder«, sagte er, »wir kommen einfach mit, wie wär das?«
Chris und Roz wurden gepackt, auf grobe Weise durchsucht und ihrer Waffen entledigt. Dann wurden sie aus dem Büro und durch die Wechselstube geführt und hinten in einen gepanzerten Hoverkombi verfrachtet, in dem bereits zwei kräftige Minenarbeiter und ein tieftrauriger Alphacentaurianer saßen.
Letzterer war über seine Gefangennahme dermaßen beschämt, dass er, den Kopf in seinen Tentakeln verborgen, still in der Ecke hockte.
Die Minenarbeiter waren stockbetrunken und aggressiv. Chris musste erst ihre Köpfe gegeneinander schlagen, damit sie die Fahrt über in Frieden gelassen wurden.
Roz zu besänftigen dauerte ebenfalls eine Weile, wenngleich hierfür keine Gewalt nötig war. Sie war schon oft diejenige gewesen, die mutmaßliche Täter eingesackt hatte, aber das Ganze nun über sich selbst ergehen lassen zu müssen, gefiel ihr kein bisschen.
»Sieh’s doch mal so: Du bekommst einen ganz neuen Blickwinkel auf die Polizeiarbeit«, sagte Chris.
Roz sagte ihm, wohin er sich seinen neuen Blickwinkel stecken konnte.
Nach einer Fahrt, die ihnen sehr lang vorkam, hielt der Wagen an und sie wurden auf einen gepflasterten Hof gezerrt, der von einer hohen Mauer umgeben war. Die anderen Passagiere wurden unsanft auf einen niedrigen Zellenblock aus Stein zugetrieben. Chris und Roz brachte man ins Hauptgebäude, führte sie eine schmutzige Steintreppe hinauf und warf sie in eine Zelle, die nicht mehr als eine vergitterte Einbuchtung in einem langen Korridor war. Das Gebäude war dunkel, feucht und düster wie ein mittelalterliches Schloss. Die Steinwände schienen den Schmerz und das Leid voriger Gefangener aufgesogen zu haben. Alles hier erweckte den Eindruck, als müsste es weiter unten Kerker und Folterkammern geben.
Chris schaute sich um, holte tief Luft und lächelte glücklich.
»Was stimmt dich denn so fröhlich?«, knurrte Roz.
»Ach, ich weiß nicht … es ist alles irgendwie so vertraut. Ich meine, eine Polizeiwache ist eine Polizeiwache. Egal auf welchem Planeten, im Großen und Ganzen sind sie sich doch recht ähnlich. Sie haben sogar den gleichen Geruch.«
»Ich will dir ja nicht deinen nostalgischen Moment vermiesen – aber wir befinden uns auf der falschen Seite der Stangen.«
»Das ist bestimmt alles nur ein Irrtum«, sagte Chris optimistisch.
»Meinst du? Was für eine Regierung setzt denn Ogrons für ihre Polizeiarbeit ein?«
»Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass diese flauschigen Räuber uns angefleht haben, nicht die Polizei zu rufen«, meinte Chris. »Wenigstens scheint’s hier ein bisschen Respekt vor Recht und Ordnung zu geben.«
»Recht und Ordnung?«, knurrte Roz. »In Megacity? Dass ich nicht lache. Der Polizeichef ist wahrscheinlich ein Dalek!«
Nach endlos langer Wartezeit – auch das hatten alle Polizeireviere gemein – erschien ein Ogron-Polizist, öffnete die Zelle und winkte sie mit seinem Blaster heraus. Sie wurden einen Steinkorridor entlanggetrieben und in ein enormes Büro gebracht.
Die Wachen schoben sie in die Raummitte und stellten sich dann vor die Tür.
Chris und Roz blickten sich verblüfft um. In dem riesigen Raum gab einen Teppich, umwerfende Wandbehänge und bunte Hologramme. Bequem aussehende Stühle und Tische von elegantem Design standen herum, ebenso Skulpturen, die verschiedene exotische Lebensformen darstellten.
Hinter einem enormen Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand saß eine massige Gestalt. Es war ein weiterer Ogron; Roz war noch keinem begegnet, der größer und brutaler ausgesehen hatte. Er trug eine luxuriösere Version der üblichen Ogron-Bekleidung. Das Hemd schien aus Seide statt aus Sackleinen zu sein und sein Wams bestand aus fein besticktem Kalbsleder.
Am überraschendsten war, dass der Ogron mit seinen langen, haarigen Fingern auf die Tastatur eines antiquierten Computerterminals einhackte.
Nun, ein Ogron in Seide ist immer noch ein Ogron, dachte Roz. Man kam nur mit ihnen zurecht, wenn man ihnen gegenüber Dominanz zeigte – falls man dafür lang genug am Leben blieb. Sie waren eine Spezies, die überwiegend für niedere Jobs wie Wachen, Leibwächter oder Gefängniswärter eingesetzt wurden, und sie waren es gewöhnt, Befehlen zu gehorchen, wenn diese nur laut genug gebrüllt wurden. Sie holte tief Luft.
»Warum ihr uns hierherbringen?«, brüllte sie. »Wir gute Leute, machen nichts Böses.«
Der Ogron erhob sich und verbeugte sich. »Meine liebe Dame, ich bin überzeugt, dass Sie nicht im Traum darauf kämen, etwas Böses zu tun. Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Die Arbeit, wissen Sie? In Megacity ist immer so viel los. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Garshak und ich bin der Polizeichef von Megacity.«
Er hatte eine volltönende, fast vornehme Stimme, und Chris und Roz lauschten ihm mit stiller Verwunderung.
Garshak winkte den Ogron an der Tür herbei. »Nun bring unseren Gästen doch Stühle, du Dummkopf. Und dann hol auch ein paar Erfrischungen.«
Die Wache griff nach zwei schweren Sesseln und ließ beide vor dem Schreibtisch auf den Boden krachen. Dann verschwand sie und kam mit einem vollen Tablett zurück, das sie vorsichtig auf dem Schreibtisch abstellte. Zuletzt bezog sie wieder ihren Posten an der Tür.
Auf dem Tablett stand eine hohe, schlanke Teekanne, umgeben von zarten Teetassen. Daneben waren auf Tellern feine Küchlein und Gebäck angerichtet.
Garshak griff mit seiner großen, haarigen Pranke nach der Teekanne.
»Darf ich Ihnen einschenken? Oder wie sagt man das noch gleich auf der Erde?«
Roz hatte noch nie so etwas gesagt und hatte es auch nicht vor. Sie nahm nur stumm eine Tasse Kräutertee und einen Kuchenteller entgegen. Dann unternahm sie einen verzweifelten Versuch, die Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen.
»Ich bestehe auf einer Erklärung, warum man uns hierhergebracht hat«, wiederholte sie. »Was wirft man uns überhaupt vor?«
Garshak nippte an seinem Tee und warf einen Blick auf den Bildschirm seines Computers. »Nun, fangen wir damit an, dass Sie sich als Polizeibeamte ausgegeben haben. Der Aussage von Mr Relk zufolge …«
Chris biss in ein Küchlein und sagte mit vollem Mund: »Unschuldig. Wir haben nie behauptet, wir wären Polizeibeamte.«
»Natürlich nicht«, stimmte Garshak zu. »Sie haben sich nur Zugang verschafft, den armen Kerl bedroht und herumgeschubst und ihn über Sachen ausgefragt, die Sie nichts angehen. Er musste ja annehmen, dass Sie Polizisten sind.«
»Können wir doch nichts dafür, was die Leute annehmen«, sagte Roz selbstgerecht.
»Na, hören Sie mal«, erwiderte Garshak. »Das ist aber ein bisschen pedantisch, finden Sie nicht? Wir müssen das Gesetz seinem Sinn entsprechend befolgen und nicht nur wortwörtlich. Sicher können Sie nicht bestreiten, dass Sie sich des Suppressio veri et suggestio falsi schuldig gemacht haben, oder?« Als er Chris’ verwirrten Gesichtsausdruck sah, fügte er hinzu: »Sie haben die Wahrheit unterschlagen und damit …«
»… die Unwahrheit suggeriert«, beendete Roz den Satz, froh darüber, dass ihr dieser Fetzen alten Juristenjargons von der Erde eingefallen war, den sie vor langer Zeit in einer Vorlesung an der Schiedsrichter-Akademie gehört hatte.
»Genau«, sagte Garshak strahlend. »Es ist so erfrischend, es mal mit gebildeten Wesen zu tun zu haben.«
Roz nahm das Kompliment an, indem sie leicht den Kopf neigte. »Das Gesetz ist aber sehr wohl pedantisch. Es meint, was es besagt. Haben wir behauptet, Polizisten zu sein? Nein, haben wir nicht. Klage abgewiesen.«
»Im Allgemeinen wäre Ihr Argument nicht zu widerlegen. In Megacity ist das Gesetz jedoch ein wenig flexibler: Es wird immer so ausgelegt, wie ich sage, dass es ausgelegt werden muss.« Garshak beugte sich vor. »Ich gebe keinen Drashigfurz auf die Anklagepunkte«, dröhnte er. »Ich will nur eines wissen: Warum rennen Sie beide in Megacity herum und stellen Fragen?«
»Was ist denn schon dabei?«, fragte Chris unschuldig.
»Viele wichtige Leute in Megacity haben etwas zu verbergen und einige von ihnen sogar eine ganze Menge. Börsengeschäfte, Aktienmanipulation, unrechtmäßige Einkünfte, Beteiligung am organisierten Verbrechen …«
Roz runzelte die Stirn. »Wenn Sie so viel über diese Leute wissen, warum unternehmen Sie nichts gegen sie?«
»Warum sollte ich? Das ist nicht meine Aufgabe.«
»Und was ist dann die Aufgabe, für die Sie bezahlt werden?«
»Mein Job ist es, die Ordnung auf den Straßen in angemessener Weise aufrechtzuerhalten, ganz zu schweigen davon, das Chaos in den Bars und Kneipen einzudämmen. Wir sperren betrunkene Minenarbeiter ein und sorgen dafür, dass die Touristen nicht öfter ausgeraubt werden, als sich vertreten lässt – oder ermordet, es sei denn, es lässt sich absolut nicht vermeiden. Im Großen und Ganzen verwalte ich die Stadt Megacity so, dass die Reichen, die sie betreiben, in Ruhe noch reicher werden können.« Garshak lächelte und zeigte seine langen, gelben Reißzähne. »Tatsächlich ist das in den meisten großen Städten die Aufgabe der Polizei. Hier gehen wir damit nur etwas offener um. Ach, und ich werde übrigens gar nicht bezahlt. Nicht einen Credit zahlen sie mir.«
Roz lächelte. Sie und Chris wurden auch nicht bezahlt, nicht direkt. Sie erinnerte sich daran, den Doktor einmal nach einem Gehalt gefragt zu haben.
Chris betrachtete den prächtig gekleideten Ogron und sah sich im luxuriös eingerichteten Zimmer um. »Aber wie …«
»Der Job finanziert sich selbst«, erklärte Garshak. »Wie, glauben Sie, haben wir’s so schnell zur Wechselstelle geschafft? Der verstorbene Eigentümer hat regelmäßig eine Gebühr bezahlt, um bei Ärger schnellen Service zu bekommen. Das macht nebenbei bemerkt jede Bar, jeder Klub und jedes Kasino in der Stadt. Und dann haben wir noch unsere kriminellen Kunden – wie die anderen Gefangenen, mit denen Sie hergebracht wurden.«
»Was geschieht mit ihnen?«
»Die beiden Minenarbeiter werden freigelassen, sobald sie wieder nüchtern sind und eine kleine Geldstrafe gezahlt haben. Normalerweise übernimmt das Abbauunternehmen die Strafe und zieht sie ihnen vom Lohn ab.«
»Und was ist mit dem anderen?«
»Dem Alphacentaurianer?« Garshak strahlte. »Der ist richtig was wert. Er wird eine höhere Strafe zahlen müssen.«
»Warum muss er mehr als die anderen bezahlen?«
Garshak blickte ihn überrascht an. »Weil er mehr hat! Die einen sind arme Minenarbeiter, der andere ist ein wohlhabender Händler. Das ist doch nur gerecht, finden Sie nicht? Außerdem hassen Alphacentaurianer Skandale, also wird er noch mal ein bisschen was drauflegen, um schnell und unbemerkt von der Öffentlichkeit wieder hier rauszukommen.«
Roz musterte ihn mit angewiderter Miene. »Korruption, wohin man schaut. Tolles System haben Sie da.«
»Danke schön«, sagte Garshak. »Ich bin nur ein armer, korrupter Polizeibeamter, aber ich gebe mein Bestes. Doch wir kommen vom Thema ab. Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was es mit Ihren Aktivitäten hier auf sich hat.«
»Können wir nicht einfach eine Strafe zahlen und gehen?«, fragte Chris.
Garshak schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mir gegenüber nicht etwas offener sind, werden Sie überhaupt nicht gehen.«
»Sie dürfen uns nicht festhalten«, sagte Roz empört. »Was ist mit unseren Rechten?«
»Sie haben keine«, sagte Garshak nur. »Ich kann Sie einfach in eine Zelle im zweiten Untergeschoss stecken und Sie vergessen. Die Leute da unten arbeiten so ineffizient, die vergessen bestimmt, Ihnen was zu essen zu bringen.«
Chris warf Roz einen fragenden Blick zu. »Offenbar haben wir keine andere Wahl.«
Es war Zeit für ihre Coverstory. Roz beugte sich vor und ihr Gesicht nahm diesen Ausdruck absoluter Offenheit und Ehrlichkeit an, den sie immer aufsetzte, wenn sie log. »Nun, um die Wahrheit zu sagen: Wir arbeiten für Pinkerton Intergalactic.« Sie zeigte auf ihre Brusttasche. »Darf ich?«
Garshak nickte.
Roz zog langsam und vorsichtig ein silbernes Abzeichen in einer schwarzen Lederhülle hervor und hielt es dem Polizeichef hin. Das Symbol darauf zeigte ein offenes Auge in einem silbernen Kreis.
Nun wirkte selbst Garshak beeindruckt. »Pinks sind Sie also!«
Die Pinkerton Agency – das Auge, das niemals schläft – war auf der Erde gegründet worden, doch ihre Anfänge lagen irgendwo im Dunkel der Geschichte. Sie war als Spionagedienst in einem längst vergessenen Bürgerkrieg entstanden, hatte ihre Blütezeit im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert erlebt und schon bald, nachdem die Menschen sich zu den Sternen aufgemacht hatten, hatte sich daraus die Agency entwickelt.
Das öffentliche Recht und die Polizei waren auf entlegenen Welten meist nicht gerade verlässlich, also war die Nachfrage nach privater Ermittlung immer größer geworden. In den Jahrhunderten seit der Gründung der Agency hatten die Pinks einen legendären Ruf erlangt. Sie waren die Stars unzähliger Holovideoserien, Agenten der interplanetaren Gerechtigkeit, unsichtbar und unbesiegbar. Sie waren überall und gaben niemals auf. Kein Hindernis, kein Unglück konnte sie davon abhalten, das schurkische, empfindungsfähige Lebewesen aufzuspüren, das sie gerade jagten.
Garshak musterte das Abzeichen. »Pinks in Megacity – das wird die Bosse nicht besonders erfreuen. Hinter wem sind Sie denn her?«
Roz steckte das Abzeichen weg. »Niemand, um den Sie sich Sorgen machen müssen. Jemand von außerhalb, so wie wir.«
»Wir suchen nach einem Serienmörder«, sagte Chris. »Wir nennen ihn den Ripper und wir sind seiner Spur von Planet zu Planet gefolgt.«
»Und wie sind Sie auf das Wechselbüro aufmerksam geworden?«
»Das ist sein typischer Modus Operandi«, erklärte Roz. »Wir glauben, dass er den Großteil seiner Beute für Raumflüge ausgibt: Er reist immer, so weit er kann. Wenn er ankommt, ist er pleite, also beschafft er sich als Erstes immer ein bisschen Kleingeld, oft in der Nähe des Raumhafens.«
»Und was macht er danach?«
»Gewöhnlich erledigt er noch ein paar Jobs, bis er genug Geld hat, um sich wirklich sicher zu fühlen. Dann macht er sich richtig an die Arbeit, informiert sich, wählt ein Opfer aus, dreht ein letztes großes Ding und zieht weiter.«
»Sonst noch was?«
»Meistens – nicht immer, aber meistens – zerlegt er seine Opfer teilweise. Und er stiehlt ihnen ihre Identität.«
Garshak runzelte die Stirn. »Er macht was?«
»Nach einem Mord gibt er sich so gut wie immer als sein Opfer aus«, erklärte Chris. »So macht er die Biege. Heute hat er es wieder getan.«
Garshak lehnte sich zurück und dachte über alles nach, was sie ihm erzählt hatten, wog für sich selbst und die Magnaten, die er vertrat, den Nutzen gegen den Schaden ab.
»Dieser Neuankömmling scheint mir für meine Herren im Stadtrat keinen besonders großen Gewinn darzustellen.«
»Dürfte wohl eher ein Risikofaktor sein«, sagte Roz. »Sie scheinen genau seinem Beuteschema zu entsprechen.«
»Wie das?«
»Der Ripper zahlt nicht gerne mit Credits, das hinterlässt Spuren. Also sucht er sich gern Leute, die leicht umsetzbare Aktivposten haben – Kreditbriefe, Inhaberbonds und so was. Und wo liegt Bargeld in Massen herum, das man nicht nachverfolgen kann? Bei Spitzenganoven.« Sie lächelte Garshak liebreizend an. »So wie Ihre Freunde im Stadtrat!«
Chris bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Sie sehen, es kann nur zu deren Vorteil sein – und zu Ihrem –, mit uns zu kooperieren.«
Garshak schien angestrengt nachzudenken. »Wer will diesen Ripper eigentlich zu fassen bekommen?«
»Na, wir«, sagte Chris unschuldig.
»Und wer bezahlt die Rechnungen?«
»Er hat auf der Erde einen Bänker umgebracht, einen Multimillionär«, sagte Roz. »Und dessen Familie will, dass wir den Mörder schnappen – was es auch kosten mag.«
Garshak suchte immer noch nach einer Möglichkeit, irgendwie von dieser Sache zu profitieren. »Gibt es eine Belohnung?«
Roz schüttelte den Kopf. »Die Agency hat davon abgeraten. Hohe Kopfgelder erregen eine ebenso hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Wir wollen nicht, dass jeder Kopfgeldjäger der Galaxis die Spuren verwischt und unseren Ripper verjagt.«
Garshak wirkte enttäuscht. »Schade.«
Er blühte jedoch wieder auf, als Roz fortfuhr: »Es gibt allerdings eine erhebliche Sicherheitsrücklage. Und wir sind autorisiert, nach freiem Ermessen Zahlungen an Personen vorzunehmen, die uns eine echte Hilfe sind.«
Garshak streckte seine enorme Hand aus, die Handfläche nach oben.
»Eine echte Hilfe«, wiederholte Roz.
»Es hilft Ihnen doch sehr, wenn ich Sie gehen lasse, oder nicht? In einer Zelle werden Sie nicht viel zu ermitteln haben.«
»Da haben Sie natürlich recht.« Roz holte ein Bündel Megacity-Credits hervor und legte ihm einen Schein nach dem anderen in die ledrige Handfläche.
Als sie fertig war, sagte Garshak: »Vergessen Sie Ihr Bußgeld nicht.« Sie legte weitere Scheine dazu.
»Und den freiwilligen Beitrag zum Polizei-Wohltätigkeits-Fond?«
»Was für eine Wohltätigkeit?«, fragte Roz und steckte die Scheine ein. »Davon habe ich nichts gesehen. Vergessen Sie’s!«
»Na gut«, sagte Garshak. Er schloss die Hand und die Scheine verschwanden in seiner Weste.
»Und jetzt tun Sie auch was dafür«, befahl Roz mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. Sie stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und blickte dem erstaunten Ogron geradewegs ins Gesicht. »Ich will eine Liste der größten und reichsten Gauner der Stadt und die Namen aller Kaschemmen, die sie besitzen, sowie der Orte, wo sie sich immer rumtreiben.«
Garshak sah entsetzt aus. »So eine Liste kann ich Ihnen nicht geben! Die ist mehr wert als mein Job.«
»Dann bezeichnen Sie’s halt als eine Liste bürgerlicher Gönner und ihrer bevorzugten Ausflugsziele«, knurrte Roz. »Ich brauche Namen und Orte, und zwar sofort! Oh, und geben Sie eine vollständige Beschreibung des ermordeten Wechselstubenmanagers an Ihre Leute raus.«
Roz war so energisch, dass Garshak ihr nichts entgegenzusetzen hatte. Hastig tippte er mit seinen langen, haarigen Fingern etwas in seine Tastatur. Der uralte Drucker daneben surrte und brummte und spuckte mühsam einen langen Streifen rauen Papiers mit einer Liste von Namen und Adressen in verschwommenen Druckbuchstaben aus.
Garshak reichte sie ihr. »Lassen Sie die nirgendwo rumliegen.«
»Im Ernstfall wird mein Partner sie aufessen«, versprach Roz. »Und jetzt sorgen Sie dafür, dass der ermordete Wechselstubenmanager ganz oben auf die Liste der Meistgesuchten der Stadt gesetzt wird.«
»Aber der ist doch tot!«, protestierte Garshak.
»Mehr oder weniger«, sagte Roz. »Die Chancen stehen gut, dass der Ripper sein Erscheinungsbild noch benutzt. Und sagen Sie Ihren Streifenpolizisten, dass sie nach rätselhaften Fremden mit viel Geld Ausschau halten sollen, und nach bizarrem oder gewalttätigem Verhalten, das Übliche eben.«
»In Megacity«, sagte Garshak, »ist bizarres und gewalttätiges Verhalten die Norm. Aber für Sie gebe ich mir die größte Mühe.«
»Gut, das wär erst mal alles«, meinte Roz zufrieden. »Wenn Sie uns dann noch unser Eigentum aushändigen würden?«
Garshak zog eine Schublade auf, holte einen kleinen, schlanken Blaster und einen deutlich größeren hervor, dazu einen Neuronenschocker und das Vibromesser des Hovertaxifahrers, und legte alles auf den Tisch.
Roz nahm den schlanken Blaster an sich und steckte ihn in das Holster unter ihrem Arm. Dann betrachtete sie die übrigen Waffen. Sie hatte selbst eine Zeit lang ein Vibromesser bei sich getragen, aber das wollte sie nicht mehr.
Sie wandte sich an Chris, der gerade den letzten Rest Kuchen runterschluckte. »Komm, nimm dein Spielzeug mit und dann gehen wir. Wir haben viel zu tun!«
Chris stand auf, sammelte seine verschiedenen Waffen ein und steckte sie weg. Dann hielt er einen Moment lang inne und schaute Garshak neugierig an. »Verzeihen Sie mir, falls das zu persönlich ist … aber Sie sind nicht unbedingt ein typischer Ogron, oder?«
»Ich bin ein Experiment«, entgegnete Garshak. »Ein Freak.«
»Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«
»Schon gut«, sagte Garshak herzlich. »Ich erzähle die Geschichte ganz gern.« Er lehnte sich zurück. »Einmal kam ein Wissenschaftler auf unseren Planeten. Er wollte die Möglichkeiten der Leistungssteigerung im Gehirn erforschen. Sein Plan war, eine niedere Lebensform wie unsere zu nützlicheren Dienern zu machen, die mehr Aufgaben übernehmen konnten. Er hat einen Häuptling gut bezahlt, damit er ihm eine Gruppe Freiwilliger überließ. Der Wissenschaftler experimentierte mit uns: Er gab uns Drogen, operierte an unseren Gehirnen herum, setzte uns neurologischen Stimuli aus …«
»Und was geschah dann?«
»Die Hälfte der Versuchsobjekte wurde verrückt und starb. Ein paar erholten sich und ihre Intelligenz hatte sich leicht verbessert. Der Rest der Überlebenden war unverändert. Nur in einem Fall führte das Experiment zu einem vollen Erfolg.«
»Bei Ihnen?«
»Bei mir.«
»Und was ist aus dem Wissenschaftler geworden?«
»Als er erkannte, dass er mit seiner Methode erfolgreich gewesen war, wollte er unbedingt weitere Versuchsobjekte kaufen und die Experimente fortführen. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt vollends erholt. Ich überzeugte ihn, seine Pläne zu ändern.«
»Wie das?«, fragte Roz, aber sie glaubte, die Antwort bereits zu kennen.
»Ich hab ihn umgebracht«, gab Garschak nüchtern zurück. »Genau wie den Häuptling, der uns verkauft hat. Dann habe ich das Schiff des Wissenschaftlers gestohlen und die anderen Überlebenden weggebracht. Ich hab mich irgendwie für sie verantwortlich gefühlt.«
Er zuckte mit seinen massigen Schultern. »Wir wurden Söldner, Leibwächter, das Übliche eben. Wir kamen hier an, als gerade die Stelle des Polizeichefs freigeworden war. Bei dem Posten gab es einen ziemlich hohen Verschleiß.«
»Und die haben Ihnen den Job gegeben?«
»Es gab einen anderen Kandidaten, einen Eiskrieger vom Mars, aber ich habe ihn überredet, sich was anderes zu suchen.«
Roz hob die Hand. »Ich frag lieber gar nicht erst wie … Komm, Chris. Leben Sie wohl, Garshak.«
»Möge Gerechtigkeit Euch zur Seite stehen«, sagte Garshak.
»Möge Fairness Euer Freund sein«, antworteten Roz und Chris im Chor. Dann tauschten sie einen bestürzten Blick.
Garshak lächelte. »Schiedsrichter. Dachte ich’s mir doch.«
»Ehemalige Schiedsrichter«, korrigierte ihn Roz kalt. »Ich wusste nicht, dass es das überhaupt gibt.« »Wir sind die einzigen«, sagte Chris. »Das muss ja ein einsames Leben sein.« »Genauso einsam, wie wenn man ein intelligenter Ogron ist«, entgegnete Roz. Sie drehte sich um und verließ den Raum. Chris nickte Garshak zu und folgte ihr.
Als sie die steinerne Treppe hinabstiegen, bemerkte Chris: »Interessanter Typ.«
Roz schnaubte.
Dann standen sie draußen auf den Stufen vor den Polizeibaracken und hielten auf der zerfurchten Straße nach Hovertaxis Ausschau. Es kamen keine.
Chris entdeckte eine Kommunikationsanlage neben der Tür und schob die Datenscheibe hinein, die sie vom Fahrer bekommen hatten. Kurz darauf meldete sich eine Stimme: »Hovertaxi 79. Was gibt’s?«
»Zwei Passagiere, vor dem Polizei-Hauptquartier im Stadtzentrum«, sagte Chris. »Wenn Sie sofort kommen, zahlen wir den dreifachen Preis.«
»Wenn ’n Taxi ranfährt, bin ich das«, sagte die Stimme. Es knisterte, dann kam die Scheibe wieder heraus. Chris steckte sie ein und grinste Roz an.
»Lieber das Übel, das man kennt!«
Sie warteten und versuchten, so wenig wie möglich von der verschmutzten Luft einzuatmen.
Auf dem flachen Dach eines Gebäudes gegenüber dem Polizeirevier spähte eine drahtige, vermummte Gestalt durchs Visier ihres Lasergewehrs, wobei sie die niedrige Brüstung als Stütze benutzte.
Ein weißer Punkt tauchte über der Tür des Polizeigebäudes auf. Dann bewegte er sich abwärts auf Roz und Chris zu.
3
SENTARION
Bernice Summerfield stand außerhalb des heißen und staubigen kleinen Raumhafens und blickte zu den Türmen, Dächern und Erkern von Sentarion City auf. Das Panorama funkelte in der Wüstensonne, während riesige Vögel am Himmel kreisten.
Selbst für eine Zynikerin wie Bernice Summerfield war es ein beeindruckender Anblick.
Sentarion, der Universitätsplanet, die größte Konzentration von Gelehrten und Gelehrsamkeit in der bekannten Galaxis. Ein Ort, an dem nichts anderes zählte als die Anhäufung von Wissen und das Kultivieren von Weisheit, wo alle Leidenschaften geistiger Natur waren.
Es war der akademische Traum, nach dem Bernice Summerfield, die vielgereiste, extrem erfahrene und völlig unqualifizierte Archäologin, ihr Leben lang gestrebt hatte.
Es kam ihr vor, als würde sie heimkehren.
Ja, ihre beeindruckenden Referenzen waren gefälscht, ihr Forschungsprojekt eine Coverstory, und wieder einmal war sie lediglich ein Bauer in einem der finsteren und durchtriebenen Pläne des Doktors – aber warum sollte sie sich von ein paar unbequemen Tatsachen die Laune verderben lassen?
Bernice Summerfield fühlte sich großartig. Trotz ihrer langen Reise in dem primitiven Planetenhopper, der sie auf Sentarion abgesetzt hatte und sofort wieder gestartet war, fühlte sie sich frisch, wach und lebendig.
Natürlich wusste sie warum. »Sentarion wird dir gefallen«, hatte der Doktor gesagt und sich dabei wie ein Gaztak angehört, der einem ein Raumschiff aus zweiter Hand verkaufen wollte. »Neben dem akademischen Angebot kann der Planet mit geringer Schwerkraft und reichlich Sauerstoff trumpfen. Das letzte Mal, als ich da war, hab ich mich gefühlt, als wäre ich wieder hundert Jahre jung.«
Bernice sog die saubere trockene Luft tief in ihre Lunge. Eine Luft wie Wein, dachte sie. Nein, eher wie eridanischer Brandy. Ob man hier irgendwo einen Drink bekommen konnte? Sie hob wieder den Kopf zu den funkelnden Turmspitzen und fragte sich gleich darauf, wie zum Teufel sie bloß zur Universität kommen sollte.
Sentarion war ein Wüstenplanet und weitestgehend unbewohnt. Seine Sonne, größer als die der Erde und auch näher am Planeten, strahlte heiß vom klaren blauen Himmel und die komplexen, kristallenen Spitzen von Sentarion City reflektierten ihr Licht, sodass das Glitzern selbst von ferne noch überall in der felsigen Wüste zu sehen war. Bernice hatte den Verdacht, dass der Weg dorthin weiter war, als es schien. Die relative Nähe der Stadt war eine optische Täuschung, hervorgerufen von der sauberen, klaren Wüstenluft.
Seltsam nur, dass es keine Straße gab. Nichts, nicht einmal einen Pfad. Nur den Raumhafen und die Stadt, hier draußen in der Wüste.
Bernice’ logischer Verstand sagte ihr, dass es eine Lösung für dieses Problem geben musste. Die Universität bekam Besucher und irgendwie mussten diese schließlich dort hingelangen. Fragen konnte sie niemanden: Der Raumhafen war geschlossen und verwaist, ihr Planetenhopper war heute das einzige ankommende Schiff gewesen.
Vielleicht war es ein Test. Man musste durch die Wüste gehen, um seine Hingabe unter Beweis zu stellen, und nur die Überlebenden durften studieren.
Sie warf den funkelnden Turmspitzen, so nah und doch so fern, einen genervten Blick zu und ihre Bewunderung verwandelte sich in Ärger. Wie sollte sie nun bitteschön die Stadt erreichen? Fliegen?
In dem Moment bemerkte sie den großen Vogel. Er tauchte aus dem Hitzeflimmern auf und flog schwerfällig auf sie zu, während seine gewaltigen Schwingen langsam auf und niedergingen.
Dann erkannte sie, dass es gar kein Vogel war: Es war ein Fluggefährt mit Tragflächen, die wie Vogelflügel flatterten. Wie nannte man so etwas? Ach ja, einen Ornithopter!
Bernice sah zu, wie das seltsame Gerät direkt vor ihr auf dem Boden aufsetzte. Im Pilotensitz saß jemand – oder etwas: ein ausladendes Wesen mit einem schwarzen Panzer, das vom Aussehen her an einen riesigen Käfer erinnerte.
»Professor Summerfield?«, quiekte es. »Zur Universität?«
»Äh … ja«, sagte Bernice. »Zur Universität bitte.«
»Bitte einsteigen.«
Bernice zögerte. Sie war nie gern geflogen, selbst mit Raumschiffen nicht, in denen man gewöhnlich nicht sehen konnte, wohin man flog. Beim Gedanken, sich dieser klapprigen Konstruktion anvertrauen zu müssen, wurde ihr ein wenig flau im Magen.
»Bitte beeilen!«, sagte das Wesen mit rauer Stimme.
Bernice musste an einen Film über die frühen Flugversuche des Menschen denken, den der Doktor ihr einmal gezeigt hatte. Dieses Gefährt sah wie eines jener primitiven Flugzeuge im Film aus – diejenigen, die für gewöhnlich alle abgestürzt waren.
Da ihre einzige Alternative der Marsch durch die Wüste war, hob Bernice ihren Rucksack auf und kletterte auf den Passagiersitz hinter dem Piloten.
Die Schwingen begannen wieder zu schlagen und der Ornithopter erhob sich in die Luft. Was die Energiequelle auch sein mochte, sie war völlig geräuschlos – vielleicht Elektrizität. Das einzige Geräusch war das Knarren der Tragflächen.
Ich nehme an, es gibt keinen Getränkeservice, dachte sie und fischte einen soliden Flachmann mit eridanischem Brandy aus einer Tasche ihres Rucksacks.
Eigentlich war das Ganze absolut logisch, sagte Bernice sich, während sie einen Schluck nahm. Auf der Erde wäre dieser Apparat nie vom Boden hochgekommen, aber hier, bei dieser geringen Schwerkraft, war er durchaus praktikabel.
Darum gab es auch keine Straßen: Man benutzte einfache Fluggeräte anstelle von Wagen. Was sie für Vögel gehalten hatte, die um die Türme flogen, war tatsächlich der Flugverkehr.
Und der Pilot war auch keine große Überraschung.
»Insekten sind die vorherrschende Lebensform auf Sentarion«, hatte der Doktor ihr erzählt.
Allein die Vorstellung hatte Bernice zum Schaudern gebracht. Von Käfern und Krabbelgetier hatte sie noch nie viel gehalten, obwohl sie sich geschämt hätte, das dem Doktor gegenüber zuzugeben, den alle Lebensformen gleichermaßen zu faszinieren schienen.
Die weiteren Ausführungen des Doktors hatten sie nicht unbedingt beruhigt: »Es sind sogar sehr große Insekten. Die geringe Schwerkraft macht ihre Exoskelette leichter zu tragen, lässt sie größer werden und länger leben. Sie haben eine sehr interessante Zivilisation entwickelt.«
Sie erspähte einen weiteren Ornithopter, ein schnittigeres Modell, das von der Stadt her auf sie zugeflattert kam. Er schien auf dem Weg zum Raumhafen zu sein. Bernice fragte sich träge warum, wo ihr Schiff doch das einzige war, das heute gelandet war. Vielleicht ein Raumhafenmitarbeiter, sagte sie sich. Es konnte hundert Gründe geben.
Plötzlich ging ihr auf, dass ihr eigenes Flugzeug sich von der Stadt wegbewegte.
Sie beugte sich vor und rief: »Ich möchte bitte zur Universität. Zur Universität!«
»Das ist korrekt«, bestätigte der Pilot. »Universität.«
Sie holte tief Luft. »Ich will zum Hauptgebäude der Universität«, rief sie. »In der Stadt. Ich muss mit dem Lordkanzler sprechen.«
Der Pilot ignorierte sie. Der Ornithopter flog Richtung Wüste und ließ die funkelnden Spitzen der Stadt hinter sich zurück.
»Hey, hören Sie!«, schrie Bernice. Wieder beugte sie sich nach vorn und schlug dem Piloten hart auf den schillernden schwarzen Rücken.
»Lassen Sie das!«, sagte der Pilot. »Verursachen Sie keine Probleme!«
Bernice schlug noch einmal zu, härter. »Kehren Sie sofort um!«
Der Pilot drehte sich ganz zu ihr herum. Seine kleinen Augen funkelten sie aus seinem schmalen Gesicht an. Plötzlich kam ein langer, nadelartiger Stachel aus seinem Saugrüssel.
»Machen Sie keinen Ärger«, quiekte er. »Es wäre nicht schicklich, Sie während des Flugs umzubringen. Warten Sie, bis wir gelandet sind; dann werde ich Ihr Leben trinken, wie es der Ritus verlangt, und Sie werden Ihren Tod würdevoll hinnehmen.«
»Gar nichts werde ich«, blaffte Bernice Summerfield und knallte der Kreatur den metallenen Flachmann auf den Kopf. Der Käfer kreischte und fiel nach hinten, sodass sein gepanzerter Rücken die Steuerkonsole traf. Aus einem langen Riss in seiner Schädelplatte sickerte ein grünes Sekret.
Dann ging ein Ruck durch den Ornithopter und er schoss auf den Boden zu.
Bernice kletterte nach vorn und versuchte, an die Bedienelemente zu kommen, aber der Pilot klemmte im Sitz fest und war ihr im Weg. Sie zerrte verzweifelt an dem massigen Panzer, versuchte ihn freizubekommen, aber die gedrungene insektoide Form war unglaublich schwer und glatt, sodass ihre Finger keinen Halt fanden.
Unterdessen stürzte der Ornithopter weiter abwärts. Die Schwingen bewegten sich nun viel langsamer und das Flugzeug begann zu kreiseln. Sie sah sich nach etwas wie einem Fallschirm um, fand jedoch nichts. Vielleicht waren sie hier noch nicht erfunden worden.
Der Ornithopter stürzte tiefer und tiefer, während Bernice weiter vergeblich am Piloten zerrte. Hätte sie auch nur einen Hauch von Verstand, hätte sie den Piloten erst nach der Landung verkloppt. Aber dann wäre sie ja gar nicht erst hergekommen, ging ihr auf. Sie wäre nicht auf das Gesäusel des Doktors hereingefallen.
»Nur ein bisschen einfache Forschungsarbeit, zu einem kleinen Projekt von mir«, hatte er gesagt. »Es mag nur ein Nebenschauplatz sein, aber ich glaube, es ist einen Versuch wert. Roz und Chris befassen sich bereits mit dem praktischen Teil. Die Aufgabe ist wie für dich gemacht, du bist doch eine talentierte Forscherin. Niemand sonst würde es auch nur halb so gut machen, abgesehen von mir natürlich, aber ich hab gerade zu viel um die Ohren. Du wirst von Sentarion begeistert sein – es ist so friedlich da. Du wirst dich dort ganz bestimmt wie zu Hause fühlen.«
Nun wird dieser Planet wohl nicht mein zweites Zuhause, sondern eher meine letzte Ruhestätte werden, dachte sie. Diesmal hatte sie sich selbst übertroffen: raus aus dem Shuttle, rein in dieses seltsame Fluggerät – und tot.
Der Doktor würde enttäuscht sein, überlegte Bernice, während sie weiter an dem verkeilten Panzer des Piloten zerrte. Und das war irgendwie das Ärgerlichste von allem.
Während ihr diese bitteren Gedanken durch den Kopf schossen, schlug der Ornithopter auf dem Boden auf. Bernice stellte mit einiger Empörung fest, dass sie noch lebte. Sie war ordentlich durchgeschüttelt worden und hatte überall blaue Flecken, war jedoch definitiv nicht tot.
Muss an der geringen Schwerkraft liegen, stellte sie fest, während sie versuchte, sich aus dem Wrack zu befreien. Oder die flatternden Schwingen hatten selbst eine Art Fallschirmeffekt gehabt und ihren Sturz abgebremst. Jedenfalls schien sie den Absturz überlebt zu haben.
Sie fand ihren Rucksack und arbeitete sich zwischen den Trümmern hervor, während sie die ganze Zeit über befürchtete, dass das Fluggerät explodieren würde, so wie das immer in den Holovideos passierte.
Der Ornithopter hingegen schlug nur noch einige Male schwach mit den Flügeln und sank dann in sich zusammen.
Bernice holte zittrig Atem. Noch immer hatte sie den Flachmann in der Hand – eingebeult, aber nicht zerbrochen –, also nahm sie einen schnellen Schluck zur Stärkung.
Sie sah sich um und verschaffte sich einen Überblick. Die strahlenden Turmspitzen der Stadt wirkten jetzt noch ferner als vorher.
Dann ist wohl doch ein langer Fußmarsch angesagt, Benny, dachte sie.
Viel Brandy war nicht übrig. Vor allem aber brauchte sie Wasser.
Dann sah sie, dass der zweite Ornithopter, der schickere, auf sie zugeflattert kam. Vielleicht war das ja das hiesige Äquivalent zum Roten Kreuz. Oder jemand wollte die Sache zu Ende bringen.
Bernice wühlte in ihrem Rucksack und fand schließlich – natürlich ganz unten am Grund – ihren Blaster. Eine innere Stimme rezitierte: »Standardausführung, Powerpack im Kolben, Stufe 1 versetzt einen soliden Stoß, Stufe 2 setzt außer Gefecht, Stufe 3 tötet.«
»Schon gut, Ace, schon gut«, murmelte sie. »Wo steckst du mit deiner tragbaren Waffenkammer, wenn man dich mal braucht?«
Sie stellte den Blaster auf Stufe 2 und straffte sich, als der zweite Ornithopter in ihrer Nähe landete.
Eine große, grüne Gestalt kletterte aus dem Pilotensitz und stakste auf sie zu. Gute drei Meter war das Wesen groß. Es hatte riesige funkelnde Augen, zwei lange, dünne Fühler, zwei Paar Vorderbeine und ein riesiges Paar Hinterbeine mit invertierten Kniegelenken. Es ähnelte stark einem gigantischen Grashüpfer, nur war es in einen goldenen Umhang gehüllt.
Bernice hob den Blaster. »Keinen Schritt näher!«
Die Kreatur verbeugte sich steif. »Professor Summerfield?«, fragte sie mit ihrer hohen, durchdringenden Stimme. »Zur Universität? Bitte einsteigen!«
Bernice gestikulierte zu dem zerstörten Ornithopter mit dem toten Piloten darin. »Genau das hat der da auch gesagt. Hat uns beiden nicht viel genützt – besonders ihm nicht. Machen Sie lieber nicht den gleichen Fehler.«
»Das kann man nicht vergleichen. Ich bin Hapiir, Ihr zugewiesener Mentor. Ich bin Mitarbeiter der Universität, fünfter Grad.«
»Und wer war das da?«
»Einer von den Harrubtii: Banditenabschaum aus der Wüste. Sie haben es auf unvorsichtige Reisende abgesehen. Sie waren sehr unbesonnen, Frau Professor.«
»Was war ich?«, fragte Bernice empört. »Ich komme hier als akkreditierter Gast der Universität an, werde von diesem mörderischen … Ding da abgeholt, das droht, mein Blut zu trinken, ich muss um mein Leben kämpfen, gehe beim Absturz fast drauf und Sie nennen mich unbesonnen?«
Hapiir wartete, bis ihr der Atem ausgegangen war, und rügte sie dann: »Haben Sie denn nicht die Warnung gelesen, keine unlizenzierten Thopter zu besteigen? Schauen Sie, meiner trägt das Zeichen der Universität.« Hapiir zeigte auf eine Reihe goldfarbener Symbole am Rand seines Gefährts. Dann warf er einen verächtlichen Blick auf das schäbige, ungekennzeichnete Wrack. »Wie konnten Sie nur in so ein Vehikel steigen? Haben Sie denn noch nie Ihren Heimatplaneten verlassen? Wissen Sie nicht, wie gefährlich so eine Reise sein kann? Hätte man Sie umgebracht, hätten Sie der Universität große Unannehmlichkeiten bereitet.«
»Bitte ergebenst um Verzeihung«, zischte Bernice eisig.
»Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Und nun steigen Sie bitte auf, damit wir uns nicht noch mehr verspäten.«
»Einen Moment noch«, sagte Bernice. »Können Sie sich ausweisen?«
Hapiir holte ein verschnörkeltes goldenes Abzeichen unter seinem Umhang hervor. »Mein Amtssiegel.«
Wenn es nach Bernice ging, hätte das genauso gut ein Verdienstabzeichen der Pfadfinder von Sentarion sein können, aber sie war zu müde, um sich zu streiten. Ihr Körper begann, auf den Schock zu reagieren, und mit einem Mal fühlte sie sich erschöpft. Wenn die Käfer, die hier lebten, sie unbedingt fertigmachen wollten, dann sollten sie doch. Hauptsache, sie bekam vorher etwas zu essen und zu trinken.
Müde kletterte sie in den Passagiersitz des zweiten Ornithopters und wedelte auffordernd mit ihrem Blaster.
»Nun denn, nach Hause bitte, James. Und zwar auf dem kürzesten Weg, keine Umwege, egal wie hübsch die Landschaft sein mag.«
Mit würdevollem Schweigen stieg Hapiir in den Pilotensitz. Die Schwingen des Ornithopters schlugen sanft, dann glitt er geschmeidig in den Himmel hinauf. Bernice behielt den Blaster in der Hand – genau wie ihre Brandyflasche –, bis sie sicher war, dass sie Kurs auf die Stadt nahmen.
Dann steckte sie beides weg und beugte sich vor.
»Wie kommt’s, dass Sie zu meiner Rettung erschienen sind?«
»Ich hatte den Auftrag, Sie abzuholen und zur Stadt zu bringen. Leider habe ich mich etwas verspätet und sah gerade noch, wie Sie in einem anderen Thopter wegflogen. Ich hab mir Sorgen gemacht und bin Ihnen gefolgt.«
Bernice dachte nach. »Sie sagen, diese Banditen lauern Reisenden auf?«
»Leider ist das der Fall.«
»Allzu viel können sie dabei ja nicht verdienen.«
»Ich kann der Logik Ihrer Argumentation nicht folgen.«
»Eine Landung pro Tag? Und heute nur eine Reisende? Würde ich nicht unbedingt als reiche Beute bezeichnen.«
Hapiir gab ein genervtes hohes Pfeifen von sich.
»Momentan ist es sehr ruhig. Wenn die Vorlesungen wieder losgehen, landen viele Schiffe, und die Leute kommen in Scharen.«
»Noch was«, sagte Bernice. »Der Bandit wusste meinen Namen. Das war nicht einfach irgendein dahergelaufener Raumhafenräuber – der hat auf mich gewartet.«
Dieses Mal schwieg Hapiir eine Zeit lang, bevor er antwortete. Dann gestand er widerwillig: »Es wird befürchtet, dass manche Angestellte der Universität Informationen verkaufen. Wenn die Banditen von der Ankunft eines besonderen Besuchers erfahren, planen sie einen Überfall. Sie sind Archäologin, nicht wahr? Zweifellos dachte der Bandit, Sie hätten wertvolle fremde Artefakte dabei. Sein Plan war, Sie in die Wüste zu bringen und dort auszurauben.«
»Das klingt für mich nach einer verdammt gut organisierten Operation«, sagte Bernice. »Ich dachte, dieser Ort wäre eine Oase des Friedens und der Gelehrsamkeit. Jetzt hört sich’s eher nach dem guten alten Chicago an. Kommen eigentlich auch manche Ihrer Besucher lebendig wieder zu Hause an?«
»Tausende von Gelehrten besuchen Sentarion jedes Jahr«, erwiderte Hapiir. »Die meisten haben einen glücklichen und bereichernden Aufenthalt. Bitte beurteilen Sie uns nicht allein anhand dieses unglücklichen Vorfalls. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mich aufs Fliegen konzentrieren. Sie wollen ja heute gewiss nicht noch eine Bruchlandung erleben.«
Hapiirs Kiefer schlossen sich mit einem hörbaren Klicken. Bernice lehnte sich zurück und ließ ihm das letzte Wort. Das Ganze klang plausibel, überlegte sie. Aber stimmte es auch?
Nun waren sie hoch über der Stadt und Bernice ließ fasziniert den Blick schweifen. Unfassbarerweise schien die Stadt nur aus einem einzigen Gebäude zu bestehen, das sich ausdehnte, so weit das Auge reichte. Aber wahrscheinlich handelte es sich vielmehr um eine Ansammlung von Gebäuden, die auf jeder Etage über Durchgänge und Wege miteinander verbunden waren. Die Häuser ähnelten fantastischen Schlössern, geschmückt mit Türmen, Erkern, Wehrgängen und Spitzen. Sie waren aus einer strahlend weißen, kristallartigen Substanz gebaut, durch die sich hier und da farbige Schlieren zogen. Zwischen den Schlössern gab es Plätze mit Quellen und Grünflächen, die wie Parks oder Gärten aussahen.
Auf den Wegen weit unter ihr wimmelte es von winzigen Gestalten, die sich von einem Gebäude zum anderen bewegten. Ornithopter in allen Farben, Formen und Größen flatterten um die Türme herum wie gigantische Motten.
Bernice beugte sich vor. »Wie schön«, sagte sie.
»Das ist die Stadt«, sagte Hapiir stolz. »Einst nur eine Handvoll Gebäude in einer Oase, Heimat für wenige arme Gelehrte. Allmählich wuchs das Ganze: Raum um Raum wurde hinzugefügt, Wohnung um Wohnung, Büchereien, Schlafsäle, Labore … und schauen Sie nur, was inzwischen daraus geworden ist.«
Der Ornithopter schoss zwischen den Gebäuden abwärts und landete auf einer Rampe, die aus einem der Türme hervorzuwachsen schien. Dürre grüne Gestalten kamen herbeigeeilt und sicherten das Fluggerät mit Seilen, dann zogen sie es in eine große Halle hinein. Bernice stieg ab und schaute sich um. Ornithopter standen in zahllosen Reihen mit gefalteten Schwingen da. Noch während sie sich umsah, landete ein weiterer auf der Rampe.
Ein Parkhaus ist eben ein Parkhaus, ganz gleich, wo man ist, dachte Bernice und wandte sich um. Hapiir verbeugte sich förmlich.
»Willkommen auf Sentarion, Domina«, sagte er. »Ich hoffe, Sie werden den unglücklichen Unfall bei Ihrer Ankunft schon bald vergessen haben und Ihren Aufenthalt bei uns als fruchtbar und bereichernd erleben.«
»Wie haben Sie mich gerade genannt?«, fragte Bernice neugierig.
»Domina. Das ist hier die übliche Anrede für herausragende weibliche Gelehrte.« Hapiir musterte Bernice einen Augenblick lang besorgt. Sein Blick wanderte über ihre staubigen Jeans, die abgetragenen Kampfstiefel und die Safarijacke mit den vielen Taschen. »Sie sind doch weiblich? Meine Erfahrung mit fremden Arten ist leider eher begrenzt.«
»Keine Sorge, Sie haben richtig geraten«, sagte Bernice.
»Unser gegenwärtiger Lordkanzler ist ein Historiker und die Universitäten der Alten Erde sind sein Spezialgebiet. Wir haben viele ihrer Gebräuche und Praktiken übernommen. Er freut sich schon sehr darauf, Sie kennenzulernen.«
»Aber nicht so«, sagte Bernice bestimmt. »Erst muss ich mich frisch machen und was anderes anziehen.«
»Wenn Sie mir bitte folgen würden, ich bringe Sie zu Ihrem Quartier.«
Nachdem sie die umwerfende scharlachrote Robe eines Master of Arts der Universität von Antares angezogen hatte, folgte Bernice Hapiir durch einen breiten Säulengang, der an der Außenseite des Turms entlanglief.
(Wie sich herausgestellt hatte, war ihr Quartier eine schlichte Kammer mit einer Pritsche, einem Tisch, einem Stuhl und schlichten Sanitärvorrichtungen. Offensichtlich war Sentarion ein Ort des einfachen Lebens und geistigen Strebens.)
Andere Lebewesen schlenderten den erhabenen Säulengang entlang, einige menschlich oder menschenähnlich, andere nicht. Manche waren insektoid wie Hapiir, es gab jedoch eine erstaunliche Zahl von Variationen in Bezug auf Größe und Form. Viele trugen den gleichen seltsam anmutenden Kopfschmuck: eine runde Kappe mit einem quadratischen Aufsatz und einem schmückenden Bommel in der Mitte.
Als sie an Bernice vorbeikamen, lüpften sie feierlich ihre Kopfbedeckungen. Bernice neigte ebenso feierlich ihren Kopf unter ihrer scharlachroten Kapuze.
Wenn man bedachte, dass die Robe eigentlich für den Doktor gemacht worden war, passte sie ihr überraschend gut. Der Doktor war, wie er immer so bescheiden sagte, ein Doktor in praktisch allem. Bei so vielen akademischen Titeln konnte er leicht einen für sie entbehren.
Eines Tages, schwor sich Bernice, würde sie zur Universität gehen, ihr Studium abschließen und eine echte Professorin werden. Eines Tages …
Sie bogen vom Säulengang ab, gingen einen kurzen Korridor mit prachtvollen Wandteppichen hinunter und blieben vor einer doppelflügligen Tür stehen. Die Flügel schwangen auf und Hapiir bedeutete ihr einzutreten. Dann schloss sich die Tür hinter ihr. Sie fand sich in einem großen, komfortablen Studierzimmer wieder, dessen Wände voller Bücher waren – keine Disketten, Bänder oder Holovideorollen, sondern echte Bücher! Ein farbenfroher Teppich bedeckte den Boden, es gab große Ledersessel, polierte Mahagonitische und an den Wänden hingen alte Gemälde in massiven Goldrahmen.
Hinter dem riesigen, lederbezogenen Schreibtisch auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich eine hoch aufragende Gestalt und kam auf sie zu, um sie zu begrüßen. Bernice stellte fest, dass die Erscheinung des Lordkanzlers sie nicht sonderlich überraschte: Ein übergroßer Käfer hätte sie beinahe ermordet und ein hünenhafter Grashüpfer war ihr Fremdenführer.
Warum sollte der Lordkanzler dann keine gigantische Wanderameise sein?
Sein schimmernder, segmentierter Körper war in einen langen schwarzen Talar gehüllt und auch er trug einen der seltsamen Hüte auf seinem schmalen Insektenkopf. Mit seinen intelligenten, funkelnden Augen musterte er sie eingehend, dann reichte er ihr eine seiner Vorderklauen und hob den unpassend wirkenden akademischen Hut. »Seien Sie gegrüßt, Domina.«
Seine Stimme klang tief und samtig.
Bernice verbeugte sich tief. »Ich grüße Sie, mein lieber Herr Lordkanzler.«
Mit tiefer Stimme fuhr der Lordkanzler fort: »Sie kommen nicht nur mit exzellenten Qualifikationen zu uns«, er deutete mit einer Klaue auf ihre akademische Robe und Bernice empfand einen Anflug von Scham, »sondern auch aufgrund Ihrer Bekanntschaft mit unserem alten Freund, dem Doktor.«
Hatte der Doktor denn überall in der Galaxis einflussreiche Freunde in wichtigen Positionen? Ja, wahrscheinlich schon, dachte Bernice.
»Um des Doktors willen sage ich Ihnen die Unterstützung der Universität zu«, sagte der Kanzler. »Wie können wir Ihnen behilflich sein?«
»Meine Forschung bezieht sich auf den rutanisch-sontaranischen Konflikt.«
Einen Moment lang herrschte Stille.
»Ich wünschte, Sie hätten ein anderes Thema gewählt«, erklärte der Lordkanzler reuevoll. »Aber versprochen ist versprochen und ich bin es dem Doktor schuldig.« Er hielt inne. »Sowohl seinet- als auch Ihretwegen muss ich Ihnen jedoch raten, mit größter Diskretion vorzugehen. Beide Völker sind geheimniskrämerisch und misstrauisch – sogar paranoid. Man wird Ihnen Ihre Forschung möglicherweise verübeln oder Ihnen sogar offenen Widerstand zeigen. Auf Sentarion ist es nicht immer so sicher, wie es den Anschein hat.«
»Das habe ich schon mitbekommen«, sagte Bernice und musterte den Lordkanzler dabei sehr genau. »Ich war kaum hier angekommen, da bin ich schon einem Exemplar Ihrer lokalen Banditen begegnet. Einen der Harrubtii …«
Sie berichtete ihm kurz von dem Vorfall.
Der Lordkanzler lauschte ihr aufmerksam. Als sie fertig war, sagte er: »Ich muss Sie untertänigst um Verzeihung bitten für diese unglückselige Erfahrung. Aber Sie haben die Situation ja offenbar höchst geschickt gemeistert.« Er schwieg einen Moment. »Wer hat Ihnen erzählt, die Harrubtii seien Räuber?«
»Mein zugewiesener Mentor, Hapiir.«
»Seltsam, dass er einen derart groben Fehler gemacht hat.«
»Wie darf ich das verstehen, Herr Lordkanzler?«
»Die Harrubtii betrachten Dinge wie Raub und Überfälle als unter ihrer Würde. Als Banditen kann man sie nur schwerlich bezeichnen.«
»Was sind sie dann?«
»Sie sind Attentäter.«
»Warum sollten sie mich denn umbringen wollen?«
»Eine gute Frage. Gewöhnlich töten die Harrubtii sich nur gegenseitig wegen ihrer endlosen Blutfehden. Gelegentlich bieten sie jedoch einem wichtigen Kunden zu einem sehr hohen Preis ihre Dienstleistungen an.« Der Lordkanzler setzte sich wieder auf seinen Stuhl und verschränkte seine sechs Beine. »Ich muss ihnen leider mitteilen, Domina Bernice, dass jemand sehr Reiches und Mächtiges Ihnen nach dem Leben trachtet.«
»Aber das ist unmöglich«, warf Bernice ein. »Warum sollte mich jemand ermorden wollen? Ich verstehe ja, was Sie über meine Nachforschungen gesagt haben, aber deswegen würde mich doch niemand tot sehen wollen, oder?«
»Vielleicht gibt es einen anderen Grund«, sagte der Lordkanzler. »So seltsam das im Hinblick auf ihr Gewerbe auch anmuten mag: Die Harrubtii sind unsere größten religiösen Eiferer. Sollten sie den Eindruck haben, dass Sie sich hier in religiöse Angelegenheiten einmischen wollen, würden sie sicher keinerlei Skrupel haben, sie umzubringen. Möglicherweise hat jemand den Harrubtii falsche Informationen zugespielt, was den Zweck Ihres Besuchs betrifft.«
Möglicherweise, dachte Bernice. Wenn, wie der Lordkanzler nahegelegt hatte, jemand sie tot sehen wollte, ließe sich das sehr gut erreichen, indem man ihr die ortsansässigen religiösen Fanatiker auf den Hals hetzte.
Dieser Jemand müsste von ihrer Mission wissen und er müsste zu allem bereit sein, um sie zu vereiteln. Und das bedeutete, dass es für sie auf Sentarion tatsächlich etwas herauszufinden galt.
Vielleicht war diese Reise doch nicht ganz so nebensächlich wie gedacht.
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