Kitabı oku: «Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber»

Yazı tipi:

Theodor Gottlieb von Hippel

Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112356

Inhaltsverzeichnis

I. Formale und Materiale der gegenwärtigen Schrift.

II. Giebt es ausser dem Unterschiede des Geschlechtes noch andere zwischen Mann und Weib?

III. Woher die Überlegenheit des Mannes über die Frau entstanden?

IV. Nähere Angaben, woher die Überlegenheit des Mannes über die Frau entstanden ist.

V. Verbesserungs-Vorschläge.

VI. Nutzanwendung.

I.
Formale und Materiale der
gegenwärtigen Schrift.

Inhaltsverzeichnis


Man sagt: der strengste Beweis der Wahrheit sei, wenn gewisse Dinge jeder Bemühung sie lächerlich zu machen und zu travestiren, widerstehen, und wenn sie trotz allem Lächerlichen, womit wir sie behängen, doch ehrwürdig bleiben. Wenn die krumme Linie die Schönheits-Linie ist; so wird man es schwerlich bedenklich finden, dem Lachen die Schlüssel zum Himmelreiche der Wahrheit anzuvertrauen. Ein mißlicher Umstand! der mich bei der gegenwärtigen Schrift in eine nicht geringe Verlegenheit verwickelt, da ich einen Gegenstand vorhabe, worin bei weitem der größte Theil des Ernsthaften mit dem Lächerlichen, nicht von Anbeginn und von Natur, sondern durch Verjährung, so im Gemenge liegt, daß hierbei nicht so leicht ein Divisions-Exempel auf eine Auseinandersetzung gewagt werden kann. Wenn ein Ritter von ächtlustiger Gestalt den Kampf beginnt — wer und was kann vor ihm bestehen? welche Festung von System und Dogmatik sich halten? Sokrates, der Weiseste, nicht unter den Königen, sondern unter den Weisen, dieser Erzkern in einer häßlichen Schale, dieser (wiewohl nicht mit sonderlichem Geschmacke gekleidete) Engel unter den Menschen, ward in den Wolken zur Farce; und welch ein Autor kann auf einen heitern Recensenten- und Leser-Himmel sicher rechnen? — Selten gab es einen, der nicht aus dem Regen unter die Traufe gerieth, und noch nie ging ein Licht in der Welt auf, ohne seinen Aristophanes zu finden, der es, mir nichts, dir nichts, geradezu ausblies, oder — unter dem Scheine des Rechts, als wollt' er es schneutzen — es neckte und verdunkelte. Fast scheint auf diese Weise das Lächerliche das tägliche Brodt der Menschen zu seyn, und man wird sich ohne Zweifel am besten befinden, wenn man in Züchten und Ehren mitlacht, oder seine Schrift, des Bildes und der Überschrift des Ernstes ungeachtet, zu einem Tone stimmt, der nicht ernsthafte Blößen (die lächerlichsten von allen) giebt. — »Ihr werdet lange nicht so viel über mich weinen, wie ihr über mich gelacht habt,« sagte Scarron, der Ehevorfahr Ludwigs des XIV., zu denen, die sein Sterbelager umringten und weinten. Diese Vorstellung war im Stande, ihn im Sterben aufzuheitern — und warum auch nicht? — Jetzt, da selbst die heilige Moral nicht mehr im Klosteranzuge ihr Glück machen kann und will, vielmehr fröhlich und guter Dinge einhertritt, und die Becher, welche sie mit ihrem herzerfreuenden Wein anfüllet, zu bekränzen gebeut; jetzt, da sogar jede widerliche Außenseite des Menschen eher seines Herzens Härtigkeit als dessen Reinheit zu verrathen scheint: jetzt ist Fröhlichkeit ein lebensartiges Ingredienz geworden, und Lachen und Weinen leben in einer so glücklichen Ehe, daß jene philosophischen Gaukler, von denen der eine nicht aus dem Lachen und der andere nicht aus dem Weinen kommen konnte, schwerlich Professuren auf unsern Akademieen erhalten würden. Kinder, die der Natur am nächsten sind, lachen und weinen über eine und dieselbe Sache, und eine liebenswürdige Braut reißt sich weinend aus den Armen ihrer verwaiseten Mutter, um in eben dem Augenblicke sich lachend in die Arme ihres Vielgeliebten zu stürzen. — Unser Leben ist Ebbe und Fluth, immerwährender Wechsel von Freude und Leid; und sollten nicht alle Gegenstände des gemeinen Lebens Spuren und Eindrücke von der comédie larmoyante des verwünschten Schlosses von Planeten zeigen, auf dem uns eine Menschen-Rolle angewiesen ist? — die schwerste vielleicht in Gottes weitem und breitem Weltall! — vielleicht auch die leichteste, je nachdem sie gespielt wird. — Aller unvergeßlichen Bemühungen so mancher edlen Ritter ungeachtet, welche die Menschheit und durch sie die Erde entzaubern wollten, ist das Abentheuer noch nicht bestanden — O der verdammten Hexe, der Sünde, die das Verderben so braver Leute ist! — Wenn wir gleich durch die Erinnerung des Todes nicht unseres ganzen Lebens Knechte sind; so sind doch die Gedanken an den Tod und an Gott die, welche uns in jedem Falle zu einem Memento! bringen. Wahrlich! es war Philosophie, wenn des Königes Xerxes Majestät über sein Heer sich freute und traurig ward. — Jeder Schmerz hat seine Wollust; und wie schal ist nicht das Vergnügen, das nicht durch etwas Bitterkeit gewürzt wird! Vom Glück ist dem Weisen nur zu träumen erlaubt; das Unglück, als das gewöhnliche Loos der Menschheit, mit Fassung zu ertragen, bleibt ihm unabläßliche Pflicht: und es giebt in der That überall eine Mittelstraße, eine gemäßigte Fröhlichkeit und ein Lächeln, das bei warmen Thränen im Auge Statt finden kann. Alle vier und zwanzig Stunden giebt es Nacht und Tag, ein Licht, das den Tag regiert, und eins, das die Nacht regiert. — Noch näher kann ich dieses Exordium legen, wenn ich bemerke, daß das schöne Geschlecht, der Natur getreu, die gute und vollkommene Gabe von oben herab besitzt, alle seine Bitterkeiten, deren es sich zu seinen Wehr und Waffen zu bedienen pflegt, so zu bezuckern, und ihren Ernst, vermittelst eines ihn lindernden Lächelns, so zu ermäßigen, daß ich keinen Augenblick Bedenkzeit nehmen darf, diesem liebenswürdigen Beispiele zu huldigen und mich der beiden Gesichter des Janus mit patriotischer Freiheit zu erinnern. Auch scheint die Last, welche das schöne Geschlecht trägt, einem und bei weitem dem größeren Theile desselben so sanft und sein Joch so leicht zu seyn, daß es vielleicht im Diensthause Egyptens und bei den Fleischtöpfen eines gemächlichen wirklichen Alltags-Lebens zu verbleiben wünschen wird, ohne die beschwerliche Reise nach Kanaan, wo Milch und Honig der Natur fließt, antreten zu wollen. Selbst Damen von Bedeutung scheinen oft nicht zu wissen, daß sie in ihrem Prunk von Purpur und köstlicher Leinwand Leid tragen, und daß ihr Leben in Herrlichkeit und Freude eine Leibes- und Lebensstrafe ist, die man ihnen im heimlichen Gericht zuerkannt hat. — Wo viel Glanz ist, da ist wenig Geschmack — so wie gemeiniglich Bigotterie und Sittenlosigkeit getreue Nachbarn und desgleichen zu seyn pflegen. Wahrlich! es ist der höchste Gipfel der Krankheit, wenn Patienten Fieberhitze für blühende Gesundheit halten und jede Arznei von der Hand weisen; und so übersteigt es auch den gewöhnlichen Grad des menschlichen Verderbens, wenn Sklaven auf alle Rechte Verzicht thun und ihre Verfassung auf das gute Glück der Denkungsart ihrer Gebieter gründen. — Und wer ist Schuld an diesem Gerichte der Verstockung? das andere Geschlecht? wird man diesen Stab brechen, da selbst der Naturverkündiger Rousseau, der alle Welt, und besonders die schönere Hälfte derselben, zur Natur bekehren wollte, trotz dieser gewaltigen Predigt von Buße und Glauben am liebsten mit vornehmen Damen umging? Wie konnte seine Eitelkeit sich gütlich thun, wenn Standespersonen ihn hervorzogen, ob er gleich über das Verderben der höheren Stände bei aller Gelegenheit außer Athem kam! — — Doch ich will dem zweiten Theile dieses Kapitels nicht vorgreifen. Mag sich meine Schrift in die Zeit schicken, und von allen Seiten ihr Heil versuchen —! Mit der Anrufung der heiligen Zahl der drei mal drei Schwestern soll sie sich nicht brüsten, da ein dergleichen Oremus bloß poëtischen Arbeiten die Bahn zu brechen gewohnt ist; aber um alles in der Welt wünschte ich nicht, daß ihr die Ehre erwiesen würde, die Bibliothek der erlauchten Republik des Plato zu zieren. — Zur Sache.

Als Ludwig den Vierzehnten wegen der neuen Lasten, die er seinem schon gedrückten Volke zugedacht hatte, wirklich eine Art von Gewissens-Schauer anwandelte, fand er in dem leidigen Troste seines Beichtvaters Tellier, »daß das Vermögen seiner Unterthanen sein Eigenthum sei,« ein so sanftes Küssen für dieses aufgewachte Gewissen, daß er sich kein Bedenken gemacht haben würde, die Auflage, die ihn beunruhiget hatte, aus dem Stegreife zu verdoppeln; und ohne Zweifel ist dieser Köhlerglaube der Grund zu jener Behauptung: ich bin der Staat.

Die Gewohnheit wird so leicht zur andern Natur, daß die Franzosen, welche die Plackereien eines Terray, und die Härte eines Meaupou ertrugen, sich hinreichend glücklich schätzten, wenn nur ein kleiner, vielleicht der unwürdigste, Theil die durch die Zehnten der Wittwen und die Sparpfennige der Elenden gefüllten Freudenbecher des Staats in unmäßigen Zügen leeren konnte, während der andere größere und arbeitende Theil, unter dem Joche der Willkühr der Despotie und der Dürftigkeit schmachtend, doch noch immer das Glück hatte, so gut es sich thun ließ', zu springen und zu singen, zu hüpfen und zu pfeifen. — Bei einem so leichten, über Alles sich wegsetzenden und mit einem Chanson sich aus aller Noth helfenden Völkchen, war diese Zuchtruthe, theils mit Peitschen, theils mit Skorpionen, um so weniger fühlbar, da es an den Gallatagen und Staatsfesten der Ausgezeichneten unter ihm, durch ein Freibillet vermittelst der Augen Theil nahm — und dieses Völkchen lernte es je länger je mehr ertragen, daß jene den Freudenkelch für sich allein behielten und es für sie alle thaten. Die Brocken, die etwa dem Künstler und der Putzmacherin von den Tischen dieser reichen Männer fielen — waren ihnen eine Segenserndte, und die Hunde der Großen leckten ihnen ihre Schwären — Dies Jammer und Elend ist kommen zu einem seligen End, und Laternenpfähle scheinen über Frankreich das Licht der Natur und einer Gleichheit aller Menschen so stark verbreitet zu haben, daß man vor lauter Licht das Licht zuweilen nicht zu erblicken scheint. Es giebt Menschen, die den Wald nicht vor den Bäumen sehen, und gar zu hell macht dunkel: auch giebt es moralische Blendlinge, die das Glück oder Unglück haben, da etwas flittern zu sehen, wo das gesunde Auge des Verstandes nichts wahrnimmt. Wie wär' es, wenn ich ohne Feldgeschrei und Sturmglocke, wie weiland Diogenes, laternisirte und mit einer Handleuchte in der schönen Welt, wo so viel Überfluss von tausend und abermal tausend Dingen für Geld oder für gute Worte zu haben ist — Menschen suchte? — Ob ich finden würde? — Einige Auflösungen sind mit Brausen verbunden; bei einigen entstehet eine Hitze, bei einigen eine Kälte. — Daß Ew. Excellenz sich nur ja nicht ereifern, vielmehr Hochdero Galle für Ihren ungetreuen Liebhaber Num. 30. besparen! — Eine Schwalbe macht keinen Sommer, und meine Laterne ist mit einem Hauch Ihres Eifers ausgeblasen. Wollten Ew. Excellenz in aller Zucht und Ehrbarkeit Sich in einen wohlgemeinten Wortwechsel mit mir einzulassen geruhen; Sie würden, wie ich nach der Liebe hoffe, Sich eines andern besinnen, und vielleicht überzeugt werden, daß ich weniger Vorwürfe verdiene, als alle Ihre Liebhaber bis auf den sub Num. 30., der es freilich außer der Weise macht, woran indeß ich und meine Schrift auch nicht auf die entferntste Weise Schuld sind — Bin ich gleich kein galanter, so bin ich doch ein treuer Verehrer eines Geschlechtes, unter welchem Sie und viele andere Ihres Gleichen so unrichtig Excellenz heißen, wogegen andere trefliche Weiber, welche diesen Ehrennamen zehnfach verdienen, aus Hof-Etiquette nicht so genannt werden.

Keinem anderen als einem Deutschen konnte wohl ein solches Buch einfallen!

Auch unter den Franzosen gab es Sonderlinge, die, wenn sie gleich freilich nicht mit der Thür ins Haus fielen, und an keine bürgerliche Verbesserung des schönen Geschlechtes dachten, ihm doch ein anderes Verhältniß anwiesen. Ich habe geglaubt, man müsse dem Übel die Wurzel nehmen und den Staat nicht aus dem Spiele lassen.

Frankreich, wo jetzt alles gleich ist, ließ unser Geschlecht unangetastet.

Unverzeihlich! wie konnte ein Volk, das (wie weiland Voltaire par et pour die Komödianten lebte) par et pour das schöne Geschlecht existirt, bei der weltgepriesenen allgemeinen Gleichheit ein Geschlecht vernachlässigen, das eine Königin hat, derengleichen es gewiß wenige in der Welt gab. —

Wenn ich nur selbst wüßte, wie ich mich hier ins Mittel legen könnte, um aus diesem excellenten Handel mit Ehren herauszukommen! — Wohlan! ich will den gegenwärtigen Weltlauf der Damen copiren, die in Einem Athem trotzen und bitten, fluchen und segnen — —

Vielleicht war das menschliche Geschlecht bloß darum so vielem Wechsel von Licht und Finsterniß, von Veredlung und Herabwürdigung, von Paradies und Fall ausgesetzt, weil man die Rechnung ohne die schöne Welt machte. Es ebbte und fluthete, je nachdem man von dieser andern Hälfte Notiz nahm und je nachdem man sie als etwas Wesentliches in der Menschheit oder als etwas Beiläufiges ansah, das schon die Ehre haben würde, der Principalsache zu folgen. Man sah das schöne Geschlecht, wie den Reim, kaum für etwas mehr, als für eine Krücke an, wodurch sich der Gedanke forthilft; und bei Messiaden und andern Werken der Dichtkunst, wo man ohne Krücken ging — mußte das andere Geschlecht sich gefallen lassen, zu kurz zu kommen. Jener Römische Rechtsspruch: Mit dem Rechtsmaß, mit dem man Andere mißt, muß man sich selbst messen; schien hier völlig seine Kraft verloren zu haben, wenn er gleich zu jenen ins Herz geschriebenen gehört, die zu übertreten eine Sünde wider den heiligen Geist ist. — Wie ist ein Stoff zu organisiren, wenn es nicht auf die Vereinfachung des Vielfachen angelegt wird? Wie ist dem menschlichen Geschlechte zu rathen und zu helfen, wenn man so entsetzlich einseitig verfährt? Der Himmel der alten Welt hatte seine Göttinnen so gut wie seine Götter; nur unter den Menschen soll es keine anderen Götter geben neben den Männern von Gottes Gnaden! — Ist es ein Seelenfest, wenn entfernte, einander völlig fremd gewordene Gegenstände in der Geisterwelt sich zusammen finden; wenn sich oft das Allerverschiedenste in einem Berührungspunkte des Denkens trifft, wo seine ursprüngliche Verwandtschaft wieder einleuchtend wird; wenn sich dergleichen von einander abgekommene Gegenstände Hände und Trauringe geben und eine Himmelsstimme sich hören läßt: was Gott zusammen fügt, soll der Mensch nicht scheiden; ist es unaussprechliche Wonne, wenn Freunde nach langen See- und Landreisen sich wieder an Stell' und Ort umarmen und sich an die paradiesischen Jahre ihrer Jugend erinnern, wo sie Ein Herz und Eine Seele waren: wie weit herrlicher wird es seyn, wenn das andere Geschlecht sich wieder zu dem unsrigen verhält, wie Eva zu Adam, und nicht wie Ew. Excellenz zu Num. 30! — Laßt uns dies Werk der Zeit überlassen, die bisweilen aus unbegreiflicher Güte Combinationen zusammen bringt, auf welche, nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge, weder zu rechnen, noch Jagd zu machen war — Laßt uns auf den Zeitpunkt uns freuen, wo der Tag der Erlösung für das schöne Geschlecht anbrechen wird, wenn man Menschen, die zu gleichen Rechten berufen sind, nicht mehr in der Ausübung derselben behindert — und wenn man das, was so augenscheinlich gleich ist, nicht so willkührlich unterscheidet. — Ich würd' ein Frauenknecht in bester Form seyn, wenn ich behaupten wollte, daß diese goldene Zeit vom Himmel fallen werde. Verdienst und Würdigkeit sind die Bedingungen menschlicher Glückseligkeit, und der Mensch, sein eigener Bildner, kann aus dem Marmorwürfel, den die Natur ihm zuwarf, einen Gott und ein Thier machen — nach Belieben. Bloß auf die Behauptung schränk' ich mich ein, daß der Stoff, woraus eine Venus ward, sich eben so gut zu einem Merkur verarbeiten läßt; daß den Weibern das Recht der Gerade gebührt; und daß, wenn die Natur das menschliche Geschlecht zu schaffen anfing, sie den größeren Theil uns selbst überließ, um die Ehre der Schöpfung mit uns zu theilen. Thätigkeit ist die Würze des Genusses, und Genuß die Würze der Thätigkeit. — Es ist dem Menschen angeboren, sagt Cicero (mit andern Worten), daß, wenn er sich Gott denkt, die menschliche Natur vor ihm schwebt. — Man definire den Menschen, wie weiland der göttliche Plato, als ein zweifüßiges Thier ohne Federn, oder als ein Geschöpf, das sich wie ein Tanzmeister gerade hält, als Gott, als Thier: nirgends sind Weiber ausgeschlossen; nur müssen sie auch nicht sich selbst ausschließen — und wollen und werden sie das? Wesley, der Stifter des Methodismus, hatte die Maxime, daß es ohne Fasten und Frühaufstehen unmöglich sei, in der Gnade zu wachsen — Was gilt das beste Recht, wenn man sich desselben unwürdig macht! Das fräuliche Geschlecht soll in der Gerechtigkeit, und nicht in der Gnade, wachsen; indeß kann ich ihm kein anderes als dies Methodisten-Recept verschreiben: Wachsamkeit und Enthaltsamkeit — Welch ein Fürst, und wär' es der reichste und mächtigste, ist glücklich ohne persönliches Verdienst —? Thomas Payne, der den Vorwurf, ein Fürstenfeind zu seyn, höchlich von sich ablehnt, und protestirend versichert, daß Niemand treuer als Er wünschen könne, die regierenden Herren zu der glücklichen Lage der Privatmänner zu erheben, bedachte nicht, daß jeder Fürst nicht nur ein politisches, sondern auch ein Privatleben führt — daß Fürsten mehr persönliche Verdienste zeigen müssen, als andere, wenn sie geliebt und bewundert werden wollen, und daß sie Fürsten bleiben und doch sich persönlich auszeichnen können. Das ist, mit Ewr. Excellenz gnädiger Erlaubniß, der Fall mit Ihrem Geschlechte. — Quand le bon ton paroît, le bon sens se retire. — —

Eine Gardefou, eine Warnungstafel, den Blöden zum Besten: daß ich hier mit keiner wirklichen Excellenz wirklich colloquirt habe; denn außerdem, daß ich alsdann gewiß weniger zum Wort gekommen wäre, würd' ich auch meine wenigeren Worte unschwer zu verzuckern nicht ermangelt haben. — Wenn der Künstler auf bloße Portraite eingeschränkt ist und keine Ideale mehr wagen darf, so agonisirt seine Kunst, und auch sein Genie liegt in den letzten Zügen; doch muß man in seinen Idealen eine auserlesene Sammlung von Portraiten finden, falls sie den Namen Ideale verdienen sollen. In einer Venus lag ein Extrakt von fünfhundert schönen Mädchen — Meine Excellenz ist in der Ideenwelt; sie wird indeß hoffentlich kenntlich genug geblieben seyn, und man kann ihren Widerschein gewiß mehr als fünfhundert mal finden. Die eigentliche Absicht war, vermittelst dieses magischen Spiegels mein Müthlein an der gefälligen Ungerechtigkeit zu kühlen, die unser Geschlecht dem schönen beweiset — ohne daß das letztere es dazu anlegen will, sich von seinen Königen zu befreien, wie weiland Rom, nachdem der stolze Tarquin wegen seiner Tyrannei vom Throne gestoßen und diese Handlung mit dem Grundgesetze bezeichnet ward: die königliche Regierung auf immer und ewig abzustellen. Sehr viel mehr als ein Balken-Königreich, das man aus einer alten Fabel kennt, war und ist unsere Herrschaft doch nicht — und es giebt ein moralisches Nestelknüpfen, kraft dessen (zum wahren Glück des Ganzen) nur wenige Männer zur eigentlichen Herrschaft gelangen. — Damit ich indeß dieses erste Kapitel, welches einer Parlements- oder gar National-Versammlungs-Rede nicht unähnlich ist, einlenke, so glaub' ich, dem Buche über die Ehe, diesem belobten und betadelten Ehe-Katechismus, mit dem ich es weder halten noch verderben mag, nicht zu nahe zu treten, wenn ich zur Zerstörung der galanten Bastillen, der häuslichen Zwinger und bürgerlichen Verließe, worin sich das schöne Geschlecht befindet, mit einem einzigen Operations-Plan Markt halte, und die bürgerliche Verbesserung der Weiber als ein diensames Mittel diesen Zweck zu beschleichen, empfehle, anbei aber glaubensvoll versichere, daß dieser weniger im Schweiß des Angesichts zu erringende, als so zu erhaltende Stand im Staate, beiden Hemisphären des menschlichen Geschlechtes heilsam seyn werde, zeitlich und ewiglich. — Ruhig und überzeugend gehet die Vernunft, und nur da, wo man sie mit ungleichen Waffen unrühmlich bekämpfen will, wo das Vorurtheil den Handschuh wirft, und Gewalt ihr den Weg vertritt, pflegt auch sie ihren eigentlichen wohlüberdachten Plan aufzugeben, und ihm einen andern unterzulegen, wodurch nicht das Bessere befördert, sondern Schlechtes mit Schlechterem verwechselt wird: etwas Blindes mit etwas Lahmen; man verändert, ohne zu verbessern. Ein untrügliches Merkmahl aller Schwachköpfe, vom Thron bis auf den letzten Officianten-Sessel. — Es gab, Gottlob! von je her Weiber, und es giebt ihrer noch, denen ihr Stand der Erniedrigung eine zu starke Probe ist; Weiberköpfe, die nicht ihre Weiblichkeit, sondern die willkührliche Behandlung derselben von Seiten unseres Geschlechtes beseufzten, und die ihrer Erlösung entgegen sahen — meine Schrift soll ihnen keine Heerführerdienste leisten. — Man kann durch Lehren lernen, und durch Gehorchen sich im Befehlen unterrichten. Ich leg' es so wenig darauf an, das andere Geschlecht Knall und Fall von seiner Sklaverei zu befreien, daß ich mich vielmehr begnüge es aufzumuntern, diese Erlösung zu verdienen. Des Himmels würdig werden, heißt nicht viel weniger, als ein activer Himmelsbürger seyn. — — Findet auch selbst diese bescheidene Absicht steinichte Äcker und steinerne Herzen — immerhin! — es ist ja nichts weiter als ein Buch, das ich verbreche; wahrlich eine Kleinigkeit. Wirkte je eins? auf frischer That? an Stell' und Ort? u. s. w. Erfahrungen, Empfindungen solcher positiven Übel, welche der menschlichen Natur widersprechen, wirken; und wenn gleich die Mehrheit der Hände vielfältig entschieden hat, und noch entscheiden kann, so gilt doch dieser Vorzug der Thäter nicht von der Pluralität der Leser, die sich zu Denkern etwa wie Eins zu Hundert verhalten. Und du lieber Gott! selbst die Denker! sind sie nicht eine so unsichtbare Kirche, daß nur der Herr die Seinen kennet? Wahrlich! es hat auf die Wirkung keinen Einfluß, ob ein Buch zehn, fünf oder nur Eine Auflage erlebt; und der Autor, der nach der Anzahl der verkauften Exemplare ein angeworbenes Heer mit ihm gleich denkender Menschen, die vermittelst seines Buches Handgeld genommen, berechnen will, scheint weder Bücher noch Menschen zu kennen — man muß ihn in die Schule schicken. Einer jeden Schrift, sie sey weß Standes oder Ehren sie wolle, stehet das gewöhnliche Schicksal aller Schriften bevor: gelesen und vergessen zu werden; falls sie sich bloß auf Meinungen einschränkt (die unschädlichsten, unwirksamsten Dinge in der Welt, wenn anders der Censor ihnen nicht einen Schein von Bedeutung beizulegen die ungütige Güte hat.) — Gelingt es mir indeß, Leben und Erfahrung in mein Büchlein zu legen und einen Geist in die todten Buchstaben zu hauchen; so werd' ich wenigstens auf einen Theil der Ehre rechnen können, welche sich der mündliche Vortrag gegen den schriftlichen herausnimmt, indem es von ihm heißt: der Glaube kommt durch die Predigt. —

Bei solchen Umständen ist mein Zweck freilich eine Reise um die Welt, ohne daß ich mein Zimmer verlasse. Ob dies gerade die gemächlichste Art zu reisen sei, mag unentschieden bleiben; die unfruchtbarste ist sie wenigstens nicht. Newton maß in seinem Lehnsessel die Erde, und bestimmte, ohne den Chimborasso bestiegen und in Tornea gefroren zu haben, ihre Figur, Jahre lang früher, als die Herren Condamine und Maupertuis; auch bin ich nicht der Erste, der so reiset. —

Wie, wenn ich die gegenwärtige passive Existenz des schönen Geschlechtes in ihrer wahren Blöße zu zeigen glücklich genug wäre, um den Vorzug verdächtig zu machen, im Nichtthun stark zu seyn! wenn ich einem genußgierigen Volke, das für den sinnlichen Luxus oft selbst den moralischen verschwendet, indem es für die Nothwendigkeit knickert, ökonomischere Grundsätze beibrächte, und es bewegen könnte, über Leib und Seele Credit und Debet zu verzeichnen und Buch zu halten! wenn meine wohlgemeinten Vorstellungen bewirkten, daß die Weiber nicht in dem Grade männlich würden, wie die Männer weiblich, sondern daß Mann und Weib sich Mühe gäben, wirklich Mann und Weib zu seyn, da jetzt, aus verjährter Unordnung, in Hinsicht der Geschlechter Niemand recht weiß, wer Koch oder Kellner ist! wenn ich, frei von jeder Explosion, bloß jenes Ziel näher brächte, welches die Natur in eigner hoher Person angewiesen hat! wenn mich das gewöhnliche Schicksal der Reformatoren nicht träfe, die Alles außer der Jahreszeit hervorbringen wollen, denen es an Geist und Nachdruck gebricht, den Zeitpunkt schneller herbei zu führen, und die, was noch ärger ist, sich auf die Pulsschläge der Zeit so wenig verstehen, daß sie gemeiniglich zu früh, und, wenn das Glück gut ist, zu spät zu kommen die Ehre haben! — Des hoffnungstrunkenen Schriftstellers! Man hat in unserer Zeit so sehr die bürgerliche Verbesserung der Juden empfohlen; sollte ein wirkliches Volk Gottes (das andere Geschlecht) weniger diese Sorgfalt verdienen, als das so genannte? — Liegt der Same der Erbsünde nicht in den Müttern? und lagen die Verhinderungen einer moralischen Verbesserung des menschlichen Geschlechtes — welche Verbesserung die besten Menschen in der Welt, und unter diesen Friedrich der Zweite, anfänglich so thätig bezweckten, nachher aber betrübt aufgaben — nicht vorzüglich darin, daß man das schöne Geschlecht in seinen Ruinen ließ und diesen Tempel bloß aus unserm Geschlecht errichten wollte? Ist es nicht unverzeihlich, die Hälfte der menschlichen Kräfte ungekannt, ungeschätzt und ungebraucht schlummern zu lassen —? Gesellschaft setzt unter den Verbundenen eine Gleichheit voraus, wozu es der Urheber der Menschen auch angelegt hat, der die Menschen aufrichtig machte; nur leider! suchen sie viele Künste. In allen Gesellschaften, woran Weiber Theil nehmen, verbreitet sich Anstand; und sollte dies nicht auch der Fall beim Staate seyn, in dessen Geschäfte ein andres Licht und Leben kommen würde, wenn Weiber den Zutritt hätten, in ihnen ihr Licht leuchten zu lassen und ihnen einen anderen Schwung beizulegen? — Wir haben für unsere Gesellschaften noch keine Pflichtvorschriften; und doch führt man sich hier ohne Gesetzbuch so exemplarisch, daß oft Ungezogene, die der Staat aufgab, mit augenscheinlichem Vortheile in diese Schule gingen, und aus ihr als gebesserte Menschen zur Universität des Staates gebracht wurden. — Ich getraue mir (den Gegenbeweis unverschnitten) außer Zweifel zu setzen, daß in allen weiblichen Regierungen gewisse feine Züge des Anstandes aufzuspüren seyn würden, welche bei einem großen Theile der Menschen mehr bewirken, als ein wohlbestallter Codex voll kunstgerechter Strafflüche. Dieser süße Geruch der Empfehlung, dieses Gewürz des Wohlgefallens — wie liebenswürdig! Die Gesetzgebung der Grossen Katharina der II. hat davon laute Spuren. — Schon die Gegenwart der Frau vom Hause, die doch das Hausrecht gewiß nicht in aller Strenge handhaben kann, macht den Männern die Sprache der Bescheidenheit nothwendig — und will man einwenden, daß die Ohren alsdann gerade nur so viel keuscher geworden wären, als das Herz unkeusch; so vergißt man, daß ein gewisser Schein, eine gewisse Heuchelei, die man Lebensart nennt, unter den Menschen so nothwendig ist, daß die Menschen ohne diese Lebensart nicht, wie ein Paar Augures der alten Zeit, wenn sie einander begegneten, oder ein Paar der neuern, wenn sie ein Consilium wegen der letzten Öhlung eines Patienten halten, über einander lachen, sondern sich verabscheuen würden. — Die Reinheit der Zunge wirkt zurück; und wessen das Herz voll ist, geht der Mund über. —

II.
Giebt es ausser dem Unterschiede
des Geschlechtes noch andere
zwischen Mann und Weib?

Inhaltsverzeichnis


Als nach dem Rathe, den Gott über das Schöpfungswerk gehalten hatte, dieser Plan ausgeführt werden sollte; schuf Er das erste und beste Paar von Menschen gleich im männlichen und mannbaren Alter, so daß ihre Hochzeit keine Stunde ausgesetzt werden durfte. Sie kamen mit den erforderlichen Jahren zur Welt, wie regierende Herren ihrem neuen Adel Ahnen verehren — Das Männlein Adam hatte zwar die Ehre der Erstgeburt; indeß ward Fräulein Eva vollkommen dadurch entschädigt, daß sie aus einer Rippe Adams, dieser dagegen nur aus einem Erdenkloß zur Welt gebracht wurde —! »Eine Schöpfung also aus der zweiten Hand?« Warum nicht gar aus der dritten —! Schuf nicht eben die Schöpferhand, welche Adam geschaffen hatte, auch Eva? und gereichet diese Rippen-Hieroglyphe nicht in mehr als Einer Rücksicht zum Vorzuge des Weibes? Keins erzog das andere; Keinem fiel es ein, sich über das andere zu erheben und Vaterrechte zu behaupten. — Elternrecht, das schönste und ehrwürdigste, das die Menschheit kennt, der Urquell der liebenswürdigsten Tugenden, hat (wer sollt' es denken!) die Ungleichheit unter den Menschen erzeugt. Gute Eltern, solch eine ungerathene, ausgeartete Tochter! Sind indeß viele Laster nichts anders als ungezogene Tugenden; sind, nach dem Ausspruch eines Heiligen, unsere Tugenden bloß schöne Sünden: so würde man ein Verbrechen an der Menschheit begehen, wenn man nicht auch dem Bösen und dem Ideal desselben, dem Teufel, Gerechtigkeit erweisen wollte. — Wenn man ja, nach der ältesten Urkunde das menschliche Geschlecht betreffend, einem Theile dieses ersten Menschenpaares einen Vorzug vor dem andern beilegen wollte; so würde Eva den Zankapfel von jedem Paris erhalten — »weil sie schöner als Helena war? und weil jeder Paris bei aller Sinneseinfalt eine Mannsperson bleibt?« Nein! sondern weil Adam durch sie zum Falle gebracht ward, oder (wie diese hohe und tiefe, erhabene und schöne Hieroglyphe nicht unrichtig gedeutet werden kann) weil er sich durch sie zum Gebrauch und zur Anwendung, zum Durchbruch der Vernunft hinaufstimmen ließ. Der seligen Stimmung! — Eva war das Pupillen-Amt, welches die Majorennitäts-Erklärung über den unmündigen Adam aussprach, nachdem er zeither vielleicht unter der Vormundschafts-Direktion der braven Eva gestanden zu haben scheint, die sich schon zuvor in einigen Stücken manumittirt haben mochte — Sie zerbrach die Ketten des Instinkts, der die Vernunft nicht aufkommen ließ, und triumphirte — Eva sollte die Vernunft, ihr zum Andenken, heißen. Die erste Hauptrevolution konnte, wie jede Revolution, nicht ohne Drangsale und Unruhe seyn. Diese sind nach der Natur des Menschen so nothwendig, daß ich nichts weiß, es sey etwas Theoretisches oder Praktisches, was, wenn es sich anders auszeichnet, nicht durch Zerrüttung und Leidenschaft empfangen und geboren wäre — Nur immerwährend kann dieser Braus und Saus nicht seyn und bleiben. Die Wellen müssen sich legen und die Vernunft muß endlich obsiegen — So ging es bei der ersten Revolution, und so muß es bei einer jeden andern gehen, wenn sie anders diesen Namen verdienen soll. Diese Lobrede auf Eva, welche ihr von wegen der Vernunft-Revolution so wohl gebührt, würde vielleicht zu einer theologischen, juristischen, medicinischen oder philosophischen Disputation, oder zu einem Aufsatze für irgend ein zeitverkürzendes Journal, hinreichende Gelegenheit an Hand und Kopf geben, wenn man nur wüßte, wie man den ungebetenen Gast von Assistenzräthin, die Schlange, aus dem Spiel bringen könnte. — Mit diesem Eheteufel ist leider! nichts anzufangen — Kurz und gut, sagt der gläubige Thomas Payne, ich bin dem ganzen Teufel von Monarchie feind. — Da es aber, mit Herrn Payne's Erlaubniß, auch gar häßliche Republikteufel geben kann und giebt; so ist es am Besten, alle Teufel zum Teufel zu jagen. Vielleicht die beste Gerechtigkeit, die man ihnen erweisen kann. —

Die Schöpfungsgeschichte erwähnet, nach dem klaren Inhalt derselben, keines andern als des Geschlechtsunterschiedes. Lasset uns Menschen machen — und er schuf sie ein Männlein und ein Fräulein — — Es ist eine weit spätere Epoche, wenn es heißt: Dein Wille soll deinem Manne unterworfen seyn und er soll dein Herr seyn! Und denkt man sich unter der Geschichte des Falles ein Bild von der Befreiung des Menschen von dem paradiesischen Joche des Instinkts, und vom Ursprunge des gesellschaftlichen Zustandes, zu welchem die weise Eva die Gelegenheitsmacherin und Heroldin war; so scheinen diese prophetischen Worte den traurigen Zustand zu verkündigen, den Eva ihrem Geschlechte durch diese Heldenthat zuzog. — Ob indeß die Natur der Sache jene allererste Urkunde und ihre Auslegung bestätigen wird? Zu übersiebnen sind dergleichen alte und wohlbetagte Dinge nicht; und wozu auch diese gefährliche Beweisart —? wozu, da wir Vernunft und Erfahrung als Zeugen zum ewigen Gedächtniß anrufen können. Aus dieser zweier Zeugen Munde bestehet alle Wahrheit. —

Die Natur scheint bei Bildung der beiden Menschengeschlechter nicht beabsichtiget zu haben, weder einen merklichen Unterschied unter ihnen festzustellen, noch eins auf Kosten des andern zu begünstigen — Der Geschlechtsunterschied kann nicht zur Antwort dienen, wenn die Frage ist: ob das männliche Geschlecht mit wesentlichen körperlichen und geistigen Vorzügen vor dem weiblichen ausgestattet worden sei? Andere Unterschiede, als die welche auf die Geschlechtsbestimmung gehen, zu entdecken, hat dem anatomischen Messer bis jetzt noch nicht gelingen wollen; und doch behauptet dies Instrument bei der goldnen Regel: Erkenne dich selbst, einen unleugbaren Einfluß; und überhaupt hat das brave Eisen dem menschlichen Geschlechte weit mehr Dienste geleistet, als das prahlerische Gold — Wer zuerst den Magneten die Eisenbraut nannte, bewies für Magnet und Eisen eine Achtung, die beiden gebührt. — Was hätte die Natur veranlassen können, die Eine Hälfte ihres höchsten Meisterstücks zu beglücken und zu ehren, die andere dagegen zu verkümmern und zu vernachlässigen, und zwar gerade in umgekehrtem Verhältnisse? Bei Erreichung jenes großen Naturzwecks, wo Menschen das göttliche Ebenbild des Schöpfers darstellen, hat das weibliche Geschlecht einen ungleich wesentlicheren Antheil als das männliche, und zwar sowohl in Hinsicht der Substanz als der Form. Dieser Absicht recht weise vorzuarbeiten, sollte die Natur die Weiber haben schwächer bilden oder unvollendet lassen wollen? »Nicht eben schwächer«, sagte ein Weiberfeind, als er diese Stelle im Manuskripte las, »aber weniger gang und gebe. Mögen Weiber Stahl seyn, die Männer Eisen —«. Nicht also; und warum ein Vergleich auf Schrauben, da das schnurgerade Recht auf der Weiberseite ist! Wir, glaubt man, wären Gottlob! völlig ausgeschaffen; und nun zerbrach der Meister die Form von Thon, und das andere Geschlecht, in der Repräsentantin Eva, war ein Unternehmen auf gutes Glück, auf den Kauf, eher hingeworfen als zu Stande gebracht, angefangen und nicht vollendet —! Das Weib, dem das eigentliche Geschäft bei der Vermenschlichung der göttlichen Schöpfung anvertrauet ward, sollte die Merkzeichen der Ohnmacht und der Dürftigkeit an sich tragen? Die allmächtige Natur sollte ihre Stellvertreterin schwach gelassen haben, um nicht nur schwache Personen ihres eigenen Geschlechtes, sondern auch starke des unsrigen zur Welt zu bringen? Doch scheint es so; und freilich, wenn Erfahrung spricht, muß Vernünftelei schweigen, knieen und anbeten — Der einzige Winkelzug, der ihr übrig bleibt — Erfahrung! und was lehrt sie? Das andere Geschlecht sey im Ganzen kleiner, schwächlicher angelegt, besitze weniger körperliche Kräfte, und sey mehrern Krankheiten unterworfen. Bedarf es weiteres Zeugnisses, um die Vernunft zu der Schlußfolge zu bequemen: dies wären Geschlechtsunvollkommenheiten, von welchen die Weiber bei der Ordnung der Dinge nicht entbunden werden konnten? Alles ist gut, was nicht anders seyn kann, und im Muß liegt eine Schatzkammer von Beruhigungsgründen, vermittelst deren man bei ein wenig Philosophie das: ich Muß, mit dem: ich Will, so auszusöhnen weiß, daß hier jeder Fluch sich in Segen, und die arge böse Welt sich in die beste verwandelt. Friede mit der Natur und mit dem schönen Geschlechte; und Friede mit uns Allen! Wie aber, wenn es so gut Trugerfahrungen als Trugschlüsse gäbe? wenn der Schein betröge? Die Vernunft fürchtet sich vor den Sinnen; und wenn wir die Operation an uns vollziehen zu lassen völlig entschlossen sind, wenden wir doch in der Stunde der Anfechtung das Auge weg — Vernunft, Herz und Sinne arbeiten sich in die Hand; und nicht nur das Herz des Menschen, sondern auch seine Vernunft und seine Sinne sind trotzig und verzagt: wer kann's ergründen? Bald dünkt der Mensch sich, ein Gott, bald weniger als ein Thier zu seyn — Nackt und bloß kommt er zur Welt, und wenn andere Thiere bewaffnet und bedeckt sind, können Se. Majestät der Mensch sich nicht entbrechen, das königliche Recht an Thieren auszuüben, um sich zu ernähren und zu bekleiden — Diese Finanzregierung wird oft so sehr mit dem Stabe Wehe! geführt, daß die Thiere bei der Natur die bittersten Klagen gegen ihre Allerdurchlauchtigsten Beherrscher führen könnten — und auch ohne Zweifel führen, wenn anders der Apostel Paulus recht beobachtet hat. Denn in der That die Natur hält ein schreckliches heimliches Gericht, das schrecklichste, das gedacht werden kann! Noth lehrt beten, bitten und nehmen; allein sie ist auch eine weise Lehrerin der Mäßigkeit — und wer diese ihre Stimme verkennt, in dem ist nicht die Liebe des Allvaters, dessen Kind Alles ist, was Leben und Athem hat. Nichts mehr als weinen kann der Mensch ohne Lehrmeister, zum Zeichen, daß er bei weitem nicht das höchste Loos zog; — denn da er sich nicht zu berechnen versteht, so ist der Gewinn oft schädlicher als eine Niete. Lieber! dergleichen Klagen sind durch das Machtwort: Vernunft, überwunden. Ohne Schwäche hört der Mensch auf, Mensch zu seyn — und wer es in diesem Erdenleben auf etwas Höheres anlegt, begiebt sich in Gefahr, weniger zu werden und den Zweck des Schöpfers zu verrücken. Kennen wir ein edleres Geschöpf außer ihm, in welchem die Kraft liegt, sich Gott und eine reine Tugend zu denken? — und diesen Vorzug hat auch der Verworfenste nicht aufgegeben — Einen Augenblick, nicht aber immer, kann der Mensch auf das Ebenbild Gottes Verzicht thun — Ist die Vernunft nicht mehr als Alles? und verdient sie diesen Namen, wenn sie nicht Begierden einschränken kann? Kann man nicht das Thier am Menschen fast vergöttlichen und seine Leidenschaften, wie die Meereswoge, bedrohen —? Wo sie ist, da wohnt Menschheit, und bei den Strahlen ihrer Gottheit diese Würde im andern Geschlechte verkennen wollen, heißt: keine Regel übrig lassen, seinen eigenen Werth zu bestimmen. Nicht steinerne Gesetztafeln würde man zerbrechen, sondern am göttlichen Geiste, der in uns ist, sich versündigen — — Kann etwas Sache Gottes seyn, was der Vernunft widerspricht? oder will Gott seine Sache je durch solche Mittel geführt wissen? Durch die Vernunft, den Widerhall seines Mundes, ist Er nicht fern von einem Jeglichen, der mittelst ihrer Ihm ähnlich ward und in Ihm lebet, webet und ist. — — Mein Feldzeichen ist keine nichtswürdige Präconisirung, sondern Wahrheit und Gerechtigkeit. Ist das weibliche Geschlecht in der Regel wirklich kleiner, als das männliche? ist nicht die Größe überhaupt etwas sehr Relatives, welches in Klima, Nahrungsmitteln und andern uns unbekannten Ursachen wesentlichere Bestimmungsgründe findet, als in dem Geschlechtsunterschiede? Jenseits der Wendecirkel und unter der Linie ist die Menschenart weit kleiner, als innerhalb derselben. Über den zwanzigsten und sechzigsten Grad der Breite hinaus würden unsere Werbehäuser ungefähr so viel Glück machen, wie ein Besuch der Boucaniers auf Tierra del Fuego in den Höhlen der Pescherühs. Reisende behaupten, daß Männer und Weiber dort gleichen Strich halten, und daß, wenn ihnen nicht der Unterschied der Kleidung und etwa der Bart aushülfen, die beiden Geschlechter von einander nicht unterschieden werden könnten. Oder sollten diese Klimate hier etwa der Entwickelung des weiblichen Körpers günstiger seyn? Mit nichten; ihr frühes Dahinwelken widerspricht dieser Muthmaßung: schon das dreißigste Jahr bedeckt sie mit Runzeln. Auch in gemäßigtern Himmelsstrichen giebt es Verschiedenheiten in Rücksicht der Größe, und unter ihnen Racen, die sich von den übrigen auszeichnen, so wie die Bewohner der Marschländer in der Regel größer sind, als die Bergbewohner, als ob die Natur diesen Menschen den Berg mit in Anschlag gebracht hätte — und am Ende, was thut die Größe?

Aber die Schwächlichkeit gegen den nervigen, eckigen, männlichen Körperbau gehalten! Freilich würde sie mehr beweisen; doch fürcht' ich, die Erfahrung sagt auch hier weniger, als wir sie sagen lassen — Ehe wir die Fehde beginnen, ist die Musterung der Heere nothwendig. Verabschieden wir unser elegantes, luftiges Völkchen, läßt das andere Geschlecht seine Damen der höheren Klassen sammt ihren Zofen zu den lieben Ihrigen heimkehren — was gilt die Wette? Selbst wenn unsere eleganten Damen mit unsern eleganten jungen Herren sich in Fehde einließen — auf welcher Seite wäre Hoffnung zu gewinnen? — Bei Völkern, die auf der ersten Stufe der Cultur stehen, ist das Schicksal des weiblichen Geschlechtes hart: bei Jägernationen, denen Hausthiere unbekannt sind, ist das Weib das lastbare Thier, welches den Mann zur Jagd begleitet und das erbeutete Wild nach der Hütte trägt; bei den Hirten- und Ackervölkern ist ihr Schicksal, wo möglich, noch schwerer: sie bauen das Feld, treiben Fabriken und Manufakturarbeiten, indem sie das, was ihnen der Acker und die Heerden zur Nahrung und Bekleidung darbieten, zum Gebrauch bereiten oder veredlen, und auch noch das (freilich sehr einfache) Hauswesen besorgen, während der Ehrenmann sich dem Müßiggange überläßt — Auch unter Nationen, wo die Cultur schon Fortschritte macht, ist, bei der arbeitenden Klasse des Volkes, der Antheil des andern Geschlechtes an den Geschäften gewiß nicht von der Art, daß davon auf eine größere Schwächlichkeit der Weiber geschlossen werden könnte. Die Arbeiten bei Bestellung des Bodens und bei der Erndte — sind sie nicht unter beide Geschlechter so ziemlich gleich vertheilt? Es wird schwer fallen, zu bestimmen, welcher Theil hier mehr übersehen werde. Bei der Musterung aller Gewerbe, die den Kunstfleiß und die Hände der Menschen beschäftigen — ist nicht der Antheil der Weiber mit einem beträchtlicheren Aufwande von Kräften verknüpft? Der Schnitter kehret heim zu seiner Hütte mit frohem Herzen, um nach ermüdender Arbeit der Ruhe zu pflegen, wenn, auch bei der einfachsten ländlichen Haushaltung, noch vielfache Geschäfte für das Weib übrig bleiben, das im Schweiße seines Angesichts die Garben band, wozu nicht minder Anstrengung von Kräften erfordert wird. Jene von Gesundheit strotzende, mit der ächten Sommerfarbe geschminkte Dirne ist eine lebendige Widerlegung dieser mißgünstigen Behauptung, und sie wird es mit Jedem aufnehmen, der es wagen will, die Kräfte ihrer Muskeln in Versuchung zu führen. Weiberkrankheiten sind nur die Geißel der Weiberklasse, die den Ehrennamen Weiber, so wie die in ihrem Kammerdienste sich befindenden Treugehorsamsten den Ehrennamen Männer, nur von wegen des Staats und zur Parade führen. Darf und soll die Natur Übel verantworten, welche Lebensart, Sitten und Conventionen, deren Name Legion ist, über sie gebracht haben? Gefährten unserer Thorheiten, Spießgesellen unserer Üppigkeit gehören nicht auf das Conto der Natur, die den Menschen so einfach schuf, und allenthalben, wo er seine Hütte aufschlug, für Wohnung, Nahrung und Kleidung reichlich und täglich sorgte. Hat sie je gewollt, daß er Gewürze aus Indien ziehen sollte, um sein Blut zu vergiften? oder angreifende Leckerbissen, um seine Nerven zu schwächen? Setzte sie dem Indier Eis, und dem Bewohner der Eiszone Wein vor? gab sie nicht vielmehr einem Jeden das ihm angemessene und beschiedene Theil? Und wie, grundgütige Natur! der ausgeartete Haufe deiner Kinder klaget dich wegen Krankheiten an, wozu er die Anlässe, trotz allen Gefahren und Hindernissen, aus Osten und Süden mit rastloser Begierde zusammen brachte, während das Häuflein deiner genügsamen Kinder, den mütterlichen Vorschriften folgsamer, mitten unter diesen unschlachtigen ausgearteten Menschen vor Dir wandelt und fromm ist, ohne von hysterischen Plagen und dem zahllosen Heere von Krämpfen zu wissen, gegen die weder die Materia medica, noch vielleicht die ganze weite und breite Natur, Mittel im Vermögen hat? Nennt die Natur nicht ungerecht, wenn ihr unnatürliche Wege wandelt! Nur gegen natürliche Krankheiten scheint die Natur Mittel zu besitzen; gegen Übel, welche Folgen unserer unnatürlichen Cultur sind, hat sie weder Kraut noch Pflaster, und ihr einziges Mittel ist nur: thut Buße und glaubet an das Natur-Evangelium! O, daß ihr Buße thätet und glaubtet! — Ohne daß wir werden wie die Kinder und in dies Philanthropin heimkommen, dem wir den Rücken kehrten — sind wir verrathene und verkaufte Menschen, zu denen bisweilen die wohlmeinende Stimme erschallt: Adam wo bist du? die sich indeß, so gut sie können, vor sich selbst zu verstecken suchen — Am fünften Akt scheitern besonders die meisten Frauenzimmer, so wie ein großer Theil der Theaterdichter — Die Liebe, das Glück des Lebens, wird ihr Unglück; ihr Herz war gebildet, die Tugend zu lieben, und nicht das Schicksal, sondern ihre Nachlässigkeit, macht es zur Verbrecherin — Die arbeitende Klasse kennt keine besonderen Weiberkrankheiten. Schwangerschaften und Geburten werden nur durch Nebenumstände, die ihren Grund in Lebensart, Sitten und Kleidung haben, erschwert, und sind so wenig Krankheiten, daß Ärzte sie geradesweges als Heilungsmittel vorschreiben könnten — und zuweilen wirklich vorschreiben. Bei einigen so genannten Wilden hält nicht das Weib, sondern der Mann, die Entbindungsferien. Kaum ist es seiner Bürde entledigt; so badet es sie in dem nächsten Flusse, reicht dem neuen Ankömmling die Brust, ersparet sich das Milchfieber und das Ammenkreuz, und besorgt die Hausgeschäfte nach wie vor, während der Mann, auf seinem Lager hingestreckt, sich pflegen läßt, und von seinen Nachbarn Wochenvisiten und Glückwünsche annimmt, weil er — man denke der Mühe! — durch sein Weib ein Kind geboren hat. Da es Helden giebt, deren die Geschichte mit Lob und Preis gedenkt, weil sie in höchsten Gnaden geruheten, sich Schlachten gewinnen und Siege erkämpfen zu lassen, ohne daß sie sich dem kleinsten Gefecht aussetzten und zum Bette der Ehren die mindeste Neigung fühlten, indem sie, wenn es hoch kam, weit über die Schußweite hinaus sehr behaglich zusahen, wie viele Arme und Beine ein Paar Lorbeerreiser kosteten: — so mag es mit dem Wochenbette dieser Männer so genau nicht genommen werden. Ihr, die ihr der Schwangerschaften und Geburten halben die Weiber für schwächer haltet als Euch; sagt: wie hätte die Natur ihr größtes Werk, die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes, absichtlich mit solchen Übeln in Verbindung bringen; wie hätte sie den Becher des köstlichsten Nektars mit Wermuth vermischen; wie einer Handlung, über welche sie die besten ihrer Segnungen aussprach, mit so schrecklichem Fluche begleiten und auf unsere Seite lauter Wonne, auf die andere dagegen lauter Trübsal legen sollen! Allerdings sind Schwangerschaften, Entbindungen, Stillung des Säuglings mit einem Aufwande von Kräften verbunden; allein, in dem weiblichen Körper, wenn er unverdorben ist, findet sich Stoff genug, diesen Aufwand nicht nur zu bestreiten, sondern auch dessen Abgang ohne Zeitverlust zu ersetzen. Der Einwand, den man von so vielen Modefrauen ableitet, gilt nicht; denn diese erscheinen bereits so kümmerlich an Lebensstoff und Kräften, daß jede Schwangerschaft ihr luftiges Gebäude bis auf den Grund erschüttert, und jede Geburt es zu zerstören droht — Planreiche Erfinder, die ihr Rechenmaschinen erdachtet, einem Gliedermanne Schach spielen lehrtet, Luftreisen unternahmt, und durch Desorganisation Leute weiter bringt, als wenn sie in gradum doctoris utriusque medicincae promovirt hätten; ihr denen die Geister so zu Gebote stehen, wie dem Hauptmann von Kapernaum seine Knechte: — spannt eure Saiten tiefer, und laßt euch zu einer Kleinigkeit herab; erfindet eine Kunst, vermittelst deren unsere galanten Damen von der Last Kinder zu gebären, befreiet werden können. Laßt Söhne und Töchter wie Äpfel und Birnen wachsen; macht, daß sie wie Kohl verpflanzet werden — Sollten auch durch diese Erfindung in den ersten Jahren (kein Meister fällt vom Himmel) die politischen Volkszähler ein Minus wahrnehmen; so würde doch selbst in diesen Jahren der magern Kühe der Metallwerth des menschlichen Geschlechtes Alles ins Reine bringen, und Summa Summarum wäre um so mehr ein unläugbares Plus, da der Staat, anstatt aus Scheidemünze, aus Gliedern von ächtem Schroot und Korn bestehen würde! — Was gilt ein Persisches Heer nach Parasangen gemessen, gegen einen Macedonischen Phalanx! Doch nein! ziehet eure Schuhe aus, diese Stätte ist heilig. Den rechtmäßigsten, den allerheiligsten in der Vernunft gegründeten Ansprüchen der Menschen auf die Mittheilung der Wahrheit soll hier nicht durch Spott zu nahe getreten werden, der, so wie die üble Nachrede, immer etwas zurückläßt — Nur Menschenliebe nähere sich diesem feurigen Busche! Jene Kraft der Trägheit, die im Körper ihr Wesen oder Unwesen treiben soll, um ihn beständig in seinem gegenwärtigen Zustande zu erhalten, der sich der Ruhe widersetzt, wenn der Körper in Bewegung, und der Bewegung, wenn er in Ruhe ist, hat nicht die Ehre mir zu gefallen. Eine Kraft, die nur widersteht und nicht von selbst zu wirken vermag, ist eine Kraft, mit der sich wenigstens nicht prahlen läßt. Der edelste Staat muß sich zuweilen zum Angriffskriege verstehen, und es giebt Straf- und Wiederzueignungskriege, wodurch wir unser Recht und das was man uns schuldig ist, einfordern, und den zur Verantwortung ziehen, der sich an uns vergriff — Der ist weder klein noch groß, der beides nur in dem Grade ist und äußern kann, als man sich ihm widersetzt — Laßt beide Geschlechter zu ihrer Lauterkeit und Wahrheit heimkehren, und wir werden je länger je mehr finden, daß Mann und Weib auch in diesem Sinn Ein Leib sind — aber auch Eine Seele? Noch hat es den Psychologen nicht gelingen wollen, in dem Gebiete der Geister weit genug vorzudringen, um bestimmen zu können, ob es unter ihnen einen wesentlichen Unterschied gebe; wenigstens gab es keinen Geister-Linné, der sie klassificirte. Rorarius mag es verantworten wenn er bei den Thieren mehr Vernunft findet, als bei Menschen, Helvetius, wenn er die Seelen, denen ein Körper mit einem Huf zu Theil ward, mit denen, die einen Körper mit Händen erhielten, in Eine Klasse setzt, und Beide mögen es mit dem Cartesius ausmachen, daß sie seine Maschinenwelt zerstören. Es giebt auch philosophische und Vernunftketzer; denn der Grund zu allen Behauptungen wird aus der Natur genommen: einer Urkunde, die das mit allen Urkunden gemein hat, daß ein Jeder, was er darin sucht, auch darin findet. Jede Geschichte, jedes Faktum muß sich bequemen, sich nach uns zu richten, und der wahrhafteste Mann trägt zuvor etwas von seinem Selbst in jene Geschichte und jenes Faktum, so, daß Alles was der Mensch berührt, etwas von seinem Ich, von seinem Selbst, erhält. Das beste Wasser hat keinen Geschmack; und so geht es auch den meisten Thatsachen, die wir selten ungewürzt erhalten — und wenn der Würzler auch nur Salz, die kümmerlichste und beste Specerei, darzu thun sollte — Freunde und Feinde nehmen von einander so viel an, daß man unverkennbare Züge der Ähnlichkeit unter ihnen entdeckt. »Feinde?« Allerdings; und ich behaupte, daß sie noch leichter als Freunde sich in einander abdrücken — Ein Freund, der unser Widerhall ist, hat wenig Reitz für uns; allein eben das, wodurch Feinde am meisten hervorragen, was am meisten interessirt und auf ihre Seite tritt, pflegt unsere Nachahmung abzugewinnen: so wie man in den Wald schreiet, so erfolgt die Antwort. Eine ganze Schaar von Variantensammlern und Commentatoren trägt ihren Sinn und Unsinn so lange in jede Urkunde, bis eine Authentica erscheint, und diese mag denn, geliebt es Gott! den Werth und Unwerth des Unterschiedes zwischen den Menschen- und Thierseelen entscheiden, wenn nur wir es nicht wagen, unter den menschlichen Seelen Rangordnungen zu bestimmen, die nicht mehr und nicht weniger Realität haben, als Träume und ihre Deutungen. Giebt es denn etwa auch Geschlechtsunterschiede unter den Seelen? giebt es Seelen, die ausschließlich bestimmt sind, weibliche Körper zu bewohnen —? und wer ist der kühne Argonaut, der dieses unbekannte Meer beschifft hat? womit hat dieser Apostel der unsichtbaren Welt sein Evangelium bestätiget? Wo Satz und Gegensatz einander so nahe sind, daß sie sich die Hände bieten können, da liegt jedem die Pflicht auf, seinen Satz mit aller Stärke zu beweisen und dann dem Publico das Richteramt zu überlassen. Erfahrungen wider Erfahrungen, ehe es noch ausgemacht ist, ob die Seele mit sich selbst Erfahrungen anzustellen vermag. Nur im Spiegel kann die Seele sich wahrnehmen; und wer weiß nicht, daß dieser Spiegel das Bild sehr unvollkommen und oft sehr unrichtig wiedergiebt! — Der Spiegel stellt uns verkehrt dar, und es ist ein unangemessener Ausdruck: der Mensch ist getroffen wie aus dem Spiegel gestohlen — Allerdings können einzelne Erfahrungen wohl dienen, eine subjektive Überzeugung hervorzubringen; eine allgemeine Wahrheit auf diesen Grund zu bauen, reichen nur Erfahrungen hin, die so allgemein sind, wie die Wahrheit, der sie zur Unterlage dienen sollen. Wie lange ist es, daß wir in diesem Fach Erfahrungen anstellen? Welche Methoden schlugen wir ein? Waren diese so wohl gewählt, daß sich nach ihnen richtige Resultate erwarten ließen? Haben wir wirklich bereits einen solchen Vorrath von Erfahrungen, daß wir ein System wagen können, nach welchem für eine ganze Hälfte des menschlichen Geschlechtes eine so nachtheilige Unterscheidungslinie sicher gezogen werden kann? oder dürft' es uns über kurz oder lang nicht mit dieser gehen, wie weiland Sr. Unfehlbarkeit jenseits der Alpen mit der berüchtigten Demarcationslinie? Mit einem System geht es gemeiniglich, wie mit einem Instrument, auf das wir uns verstehen. Haben wir bei dem System, wovon hier die Rede oder die Frage ist, den gewissen Vortheil unwiderlegbar berechnet? oder ist es eins wie viele andere seiner Brüder, bei denen nichts weiter als Sprachverwirrung obwaltet, wie bei dem Thurm zu Babel; dessen Spitze bis in den Himmel reichen wollte? Nimmt man den meisten Systemen die Sprachverwirrung, was bleibt übrig? — Noch behauptet die Erfahrungsseelenkunde unter den Wissenschaften nur einen precären Rang; sie stehe indeß oder falle, die Wahrheit verliert nichts, die vor ihr war und nach ihr seyn wird. Stärke der Seele, Muth, Überlegenheit des Verstandes, ein größeres Maaß von Urtheilskraft, Festigkeit des Willens, eine größere Stärke des Gefühls und andere dergleichen Seelenvorzüge der Menschen sind es, die sich die Männer auf Kosten des weiblichen Geschlechtes als Erstgeburtsrechte zueignen. Sie sind mit dem Erdenall, das man zuweilen Erdenball heißt, von Gott belehnt — die edlen Lehnsträger! — Da sie indeß Kläger und Richter in Einer und selbsteigner Person sind, so scheinen sie noch gütig zu seyn, wenn sie Weiber bei Menschenseelen rechtskräftig belassen. — Ob nun (nachdem es dem männlichen Geschlechte rühmlichst gelungen, die andere Hälfte der menschlichen Schöpfung, welche nach ihrer Bestimmung mit ihm ein Ganzes ausmachen sollte, zu unterjochen und sie an den Menschen- und Bürgerrechten nur bittweise, nur in so weit es seinem Majestätsrechte nicht zu nahe tritt und ihm nicht die Krone bricht, großmüthigen Antheil nehmen zu lassen) — ob nun alle jene Erscheinungen Wahrheiten oder Täuschungen sind, ist eine Preisfrage, die mit vielen andern es gemein hat, daß die Antworten auf dieselbe von beiden Seiten hinken. — Auf diese Erscheinungen indeß dem schönen Geschlechte alle jene Geistesfähigkeiten abzuläugnen und ihm in falschem Spiel seinen Rang abzugewinnen, heißt gerade so verfahren, wie gegen die Amerikaner, denen man, auf die Aussage einiger Beobachter, die keinen Bart unter ihnen gesehen hatten, dieses männliche, übrigens sehr beschwerliche, Ehrenzeichen nicht nur absprach, sondern aus dem Mangel desselben auch die richtigen Folgen ableitete, daß die Natur ihnen die Keime dazu versagt habe, und daß sie mithin zu einer weit geringern Menschenklasse gehörten, nicht minder daß sie unmöglich von Einem Erzvater mit uns abstammen könnten. Was für eine Hauptrolle der Bart spielen kann, der denn doch, nach dem bekannten Sprichworte, keinen Philosophen macht! Besser wär' es freilich gewesen, wenn man sich die Mühe gegeben hätte, zu untersuchen, ob die Abkömmlinge des Mankokapak dies männliche Unterscheidungszeichen, das übrigens immer ehrenwerth und nützlich seyn und bleiben mag, nicht eben so unbequem fanden, wie die Söhne Japhets, und ob sie, in Ermangelung des Aufklärungsmetalls, des Eisens, nicht zu einem andern Mittel ihre Zuflucht genommen haben, diesen beschwerlichen Gast los zu werden. — Nach genauerer Beobachtung fand sich der Bart, und die Präadamiten büßten abermals einen Sieg ein, den sie schon vermittelst eines so stattlichen Arguments in ihren Händen glaubten — Das weibliche Geschlecht äußert nicht jene hervorragenden Geistesfähigkeiten, heißt bei weitem nicht: die Natur hat ihm die Anlagen dazu versagt, und also — o der unbärtigen Schlußfolge! — steht es eine Stufe niedriger auf der Jakobsleiter der Schöpfung. Sind wir etwa Gott ähnlich, und hat das andere Geschlecht bloß die Ehre uns von Gottes Gnaden ähnlich zu seyn? Warum nicht gar —! Nicht durch Körper, durch Sinne, durch Einbildungskraft nähern wir uns dem Urgeiste, sondern durch den Geist; und wie? fehlt es den Weibern an Verstand und Willen? an der Fülle des Geistes? Überlegen wir nicht oft durch sie? Würzen sie nicht in unzähligen Fällen mehr mit dem Salze der Erden, ohne das nichts schmackhaft ist, mit Vernunft? und ihre Tugend — ist sie nicht vielfältig reiner, als die werthe unsrige? Übersteigt unsere Eitelkeit die weibliche nicht an allen Enden und Orten? War jener Pharisäer und sein ganzer Jesuiterorden nicht aus unserm Geschlechte? Kann ein braves Weib (und deren giebt es viele) ohne Schrecken und Entsetzen an den Pharisäer neuerer Zeit denken, der mit seinen Bekenntnissen vor Gottes Thron treten, dem Weltgerichte entgegen gehen und sagen will: Wer besser ist, werfe den ersten Stein? Würde nicht selbst Therese mehr als Einen Stein haben heben können, wenn sie nicht durch diesen Gerechten wäre verdorben worden? Können die Anlagen sich entwickeln und Keime treiben, wenn keine wohlthätige Hand sie pflegt? wenn alles so gar sich vereinigt, sie zu unterdrücken und, wo möglich, auszurotten? Sind nicht von Zeit zu Zeit aus dem andern Geschlechte große Seelen aufgestanden, die alle jene ihnen aberkannten Geisteseigenschaften in einem sehr vorzüglichen Grade besaßen? Woher diese eben nicht so seltenen Erscheinungen, wenn es nicht Anlagen dazu in den Weiberseelen gäbe, und es nur eines Zusammentreffens günstigerer Umstände bedürfte? einer pflegenden Hand, um diese zu entwickeln und ihren Kräften jenen Schwung beizulegen, ohne welchen sie nie ihre eingeengte Bahn verlassen hätten? Oder wollen wir der Natur lieber Mißgriffe aufbürden, um nur unser System zu retten? eher das vierte Gebot in Hinsicht dieser unserer guten Mutter so gröblich übertreten, als unsere vermeintlichen Standesrechte aufgeben? Ohne die großen Namen der Fabelwelt von den Todten zu erwecken, denen man denn doch nicht jeden Funken der Wahrheit abstreiten wird — wer wage es, Zenobien, und einer Anna Komnena einen über ihre männlichen Zeitgenossen hervorragenden Verstand und Urtheilskraft, einer Elisabeth Herrschertalente, Marien Theresien Muth und Standhaftigkeit abzusprechen? Will man den Gesichtspunkt näher rücken? Es sey und gelte zwei weltberühmte Namen! Catharina die Zweite und Voltaire. Nicht die Selbstherrscherthaten der Ersteren, nicht die Kriegeslorbeern, die SIE in IHR Diadem geflochten, nicht der postische Nimbus, der die Götter der Erden umgiebt — IHR Briefwechsel entscheide, wo SIE nicht im Kaiserglanz, nicht mit den Palmen einer Weltüberwinderin erscheint — und seht! SIE bleibt groß, wie SIE ist — und Voltaire? klein, so klein, wie er war, so bald die Wahrheit ihm ihren magischen Spiegel vorhielt. Sein theures Selbst ist immer die erste Person; die große Frau muß sich mit der zweiten begnügen. Sie soll — man denke! — Constantinopel erobern, oder wenigstens zu Taganrok IHRE Residenz aufschlagen, damit er kommen und IHR die Füße küssen könne, weil es in Petersburg für den alten Eremiten von Ferney zu kalt sei. Noch nicht befriedigt, daß die Kaiserin seinen Uhrmachern für 8000 Rubel Uhren abnimmt, soll SIE sogar, um seine Fabrikanten in Nahrung zu setzen, einen Uhrenhandel mit China in Gang bringen. Ihr weises Stillschweigen versteht er entweder wirklich nicht, oder — was glaublicher ist — er will es nicht verstehen, bis SIE ihm denn endlich mit seinen, einer Kaiserin und eines poëtischen Philosophen so unwerthen Mercantilgeschäften an ein costiges Handlungshaus assignirt. Die prosaischste Leidenschaft unter allen, der leidige Geitz, brachte Voltaire'n vom Parnaß auf eine Börse — König Friedrich Wilhelm der Erste charakterisirte seine Gemählde durch die Losung: in tormentis pinxit. In der That, Voltaire schrieb hier in ebenderselben Seelenstimmung. Sonst pflegt das Genie den Dichter über sich selbst und alle Regeln hinweg zu setzen und ihm Dinge zu inspiriren, die größer als er selbst, die göttlich sind, und die er selbst nicht umhin kann, mit Ehrfurcht und Bewunderung anzustaunen. Wo ist hiervon die kleinste Spur? Wir sind ehrgebiger, weil wir ehrsüchtiger sind; und Voltaire war beides in tausend Fällen, nur hier gewiß nicht: Sein Instrument, das er sonst meisterlich spielte, ist völlig verstimmt; und war es bei diesen Umständen Wunder, daß seine Schmeicheleien Gallicismen wurden, wie man sie an der Seine täglich zu Tausenden hören kann? Die Briefe der Kaiserin führen die Sprache der Natur; nur in Fällen, wenn SIE dem eitlen Voltaire ein Opfer bringen will, zahlt SIE ihm Münze von seinem Gepräge, so wie jener Fürst einem unverschämten Poëten Verse mit Versen bezahlte. Nur auf eine scherzhafte Weise spricht SIE von IHRER Person, während die ganze Welt nicht aufhören kann, ehrfurchtsvoll IHREN Namen zu nennen; IHRER großen Thaten erwähnt SIE so wenig, als wenn sie sich von selbst verständen — Immer beschäftiget, IHRE unermeßliche Monarchie reich an Menschen und an edler Denkart zu machen, entwirft SIE, während SIE die Ottmannli schlägt, die Conföderirten in Pohlen zerstreuet, der Pest gebietet und den Räubereien des Pugatschef widersteht, ein Gesetzbuch für IHR Volk, das SIE aus allen Zungen und Sprachen unter dieses Gesetz versammelt, um, wie am Pfingstfeste, Einen Geist über dasselbe auszugießen und es zu Einem Ziele zu veredlen. Gleich stark im großen und kleinen Regierungsdienste, führt SIE die Inoculation der Blattern ein, beschäftiget SICH mit der Erziehung, erndtet tausendfältig von den durch sie gestifteten Anstalten, erfindet und ordnet Feste an für den Prinzen Heinrich, und hat — Muße ohne Anstrich von Eitelkeit, an den eitlen Voltaire zu schreiben. Diese Seelen mit einander abgewogen, und die Wagschale wo möglich in der Hand eines höheren Wesens — welche wird fallen? welche steigen? Doch warum höheren Wesens? So tief fielen die Menschen noch nicht, um nicht Ehre zu erweisen, wem Ehre gebührt — Wozu eine vollständige Nomenklatur von berühmten Weibern, von solchen die das Schicksal zu Kronen berief, und die sie mit Würde trugen? — Es sei genug, eine Margaretha von Dänemark, eine Christina von Schweden, eine Sophia Charlotta von Preußen zu nennen; und von denen, die, wenn sie Männer gewesen wären, diesem Geschlecht Ehre gemacht hätten — verdienen nicht eine Cornelia, die edle Mutter der Gracchen, eine Arria und die durch so viele Gerüchte gegangene Johanna von Arc unsere Bewunderung? Nach diesen Beispielen wird man mir ohne Zweifel den Beweis erlassen, daß es den weiblichen Seelen nicht an großen Anlagen fehle. — Herbst und Winter rauben selbst den Steineichen ihre Blätter; allein die Wurzeln bleiben. Warum jene Anlagen nicht zur Regel werden, sondern Ausnahmen sind? warum sie nicht häufiger entwickelt werden? sind das Fragen? Hat denn unser Geschlecht einen so großen Überfluß von edlen Seelen? Nur selten ist die Ehre, womit Ulysses und Aeneas, nicht von der unpartheiischen Göttin der Gerechtigkeit, sondern von dem oft sehr partheiischen launigen Gott Apoll kanonisirt wurden. Ohne Zweifel nahm Homer seine Penelope, Andromache, Nausikae, Arete aus der Natur; und noch immer scheinen mir die größere Gleichheit des dienenden und herrschenden Standes, die gemeinschaftlichen Arbeiten der Weiber und der Sklavinnen, die Vertraulichkeit die von dem Umstande kam, daß sie unter einander aufgewachsen und erzogen waren, die Art der weiblichen Arbeit und der Ertrag des Nutzens derselben jene Zeit für die Weiber unendlich erträglicher gemacht zu haben, als die bleierne, in welche das weibliche Geschlecht zu fallen das anscheinende Glück hatte, und welche leider! noch nicht von ihm genommen ist. Im Heldenalter waren die Sitten, wie die Liebe (von jeher lebten Liebe und Sitten in der genauesten Verbindung) roher, und es blieb im Takt! Die damaligen Übel des weiblichen Geschlechtes waren ungerathene Kinder des Ungefährs, dem man, bei so vielen wohlgerathenen, auch jene verzeihen kann; die Übel der folgenden und der jetzigen Zeit sind constitutionell, gründen sich auf Unfakta und inconsequente Vernünftelei! — Fürwahr, es würde eine unerhörte und nach den angenommenen psychologischen Grundsätzen unerklärbare Erscheinung seyn, wenn unter dem eisernen Drucke des Despotismus das Freiheitsgefühl nicht endlich seine Spannkraft verlieren; wenn aus Mangel an Pflege und Wartung der herrlichste Boden nicht verwildern, und endlich jeder nützliche Keim ersticken; wenn über den Gedanken von entrissenem Rechte, und daß dieses unwiederbringlich verloren gegangen sey, nicht endlich auch das Andenken an jene Rechte selbst und die demselben entsprechenden Gefühle, der Glaube an sich selbst und an seinen selbstständigen Werth, verlöschen sollte. Wenn Schonung, Achtung und Pflege der ursprünglichen Menschenrechte, wenn vorzügliche Cultur und Wartung aller edlen und großen Keime, welche die Natur in die Seele der Weiber legte, nie Statt findet — was ist da am Ende zu erwarten? Ein Kahn, der sich zu sehr auf die eine Seite neigt, muß umschlagen — und unser Geschlecht? wenn es eben den chemischen Versuchen auf nassem und trocknem Wege, den Feuer- und Wasserproben, ausgesetzt würde; wenn diese Hiobsleiden, womit wir das andere Geschlecht heimsuchen, über uns verhängt würden — was wäre aus uns geworden? würden wir noch so viel Urkundliches an uns behalten haben, wie das andere Geschlecht —? Würde der Mann, der Mensch, nicht bei uns weit mehr aufhören, als bei jenem? — O des großen Musters, welches das andere Geschlecht, nicht mit Pomp, wie die Stoiker und ihr Erzmärtyrer Peregrinus Proteus, beim Sterben, sondern ganz natürlich giebt, indem es nicht bloß seine Feinde liebt, sondern auch, und — das sagt mehr — seinen Freunden vergiebt! — Jenes große Wort ist sichtbar an ihm — daß es die Schwachheit eines Menschen und zugleich die Zufriedenheit eines Gottes besitzt. — Doch warum soll ich zurück halten? So lange die Weiber bloß Privilegia und nicht Rechte haben; so lange der Staat sie nur wie parasitische Pflanzen behandelt, die ihr bürgerliches Daseyn und ihren Werth nur dem Manne verdanken, mit welchem das Schicksal sie paarte — wird nicht das Weib den großen Beruf der Natur: das Weib ihres Mannes, die Mutter ihrer Kinder, und, kraft dieser edlen Bestimmungen, ein Mitglied, eine Bürgerin, und nicht bloß eine Schutzverwandtin des Staates zu seyn — nur immer sehr unvollkommen, und je länger je unvollkommener, erfüllen? Die Länge trägt die Last. Man gebe ihm aber seine Rechte wieder, und man wird sehen, was es ist und was es werden kann! Warum eine Kritik meiner namentlichen Beispiele? warum ein Vorwurf, daß es nur blutwenige Ausnahmen gebe? Nach dem reinen Wein unserer Philosophen kann die Tugend nicht wie eine schöne Kunst nachgeahmt werden und nach Beispielen (wären sie gleich die ersten und besten) sich bilden. Aus dem ersten Princip der Selbstgesetzgebung soll sie fließen, wenn sie anders ächt und rein seyn will. Nur da ist Energie der Seele, wo man aus sich selbst schöpft — und was gilt Mannigfaltigkeit ohne höchste Einheit? was einzelne schöne Züge ohne Alles anordnende und ins Reine bringende Principien? — — Die Französischen Prinzen, die ihr Vaterland verließen, erklärten öffentlich: an Gott, an den König und an ihr Schwert sich wenden zu wollen. Drei Instanzen, wo der liebe Gott sich gefallen lassen muß, die erste, das heißt im juristischen Sinne die geringste, zu seyn. Das andere Geschlecht hat nur Einen Gerichtshof: an Gott. Überall Männer — Männer, bei denen nicht Wichtigkeit des Grundes, sondern Mehrheit der Gründe gilt; und welcher Gründe? — Raisons d'État —? ich greife mir vor; wer kann sich aber zurückhalten? In der That, die Gesetze sind in Rücksicht der Weiber fast noch inconsequenter, als eine thörichte Liebe! So sehr sie auf Einer Seite die bürgerlichen Rechte der Weiber in Absicht auf ihre Personen und ihr Vermögen beschränken, weil sie dieselben für schwach und unvermögend, ihr eigenes Beste wahrzunehmen, erklären; so verpflichtet sie sich halten, das ganze Geschlecht zu einer immerwährenden Vormundschaft zu verstoßen: so schnell hört doch diese Schwäche auf, Schwäche zu seyn, so bald von Verbrechen und Strafen die Rede ist; beide Geschlechter werden mit einem und demselben Maße gemessen — und in der Kirche, in den Gerichtshöfen, (hoffentlich auch im Himmel) ist kein Ansehen der Person zwischen Mann und Weib: sie sind einerlei Leib und einerlei Seele. Ehre dem Divus Justinianus, der, mit mehr Zusammenhang als unsere Gesetzgeber, wegen der gröbsten Vergehungen dem schönen Geschlechte keine Zurechnung zumuthete, und es über alle Strafen wegsetzte! — Nach seiner Meinung war ein Weib so gut, daß es zu nichts taugte, wogegen es bei uns doch wenigstens einer Bestrafung — welch ein Vorzug! — würdig geachtet wird. Bei uns steht es unter dem Gesetze; bei ihm stand es nur unter der Gnade. — Wahrlich! man kann nicht läugnen, daß es bei uns einen Schritt zur Verbesserung gethan hat, obgleich seine Vollendung, die im weiten Felde geblieben, noch ein Wunder in unsern Augen ist — Ja wohl, ein Wunder! — Die Ewigkeit der Höllenstrafen hat ihre Bestreiter gefunden, und dieses Höllenräthsel wird zu unserer knotenlösenden Zeit, wo die kalte Philosophie so manches abkühlt, durch die ewigen Folgen ins Reine gebracht, welche von keiner bösen Handlung getrennt werden können; die Sklaverei des andern Geschlechtes indeß bleibt ein Wurm, der nie stirbt, und ein Feuer das nie verlischt. — Gerechtigkeit! man hat dir die Binde genommen; und doch siehst du nicht, daß, wenn gleich alle Handlungen, die mit den Personen und dem Vermögen des andern Geschlechtes in Beziehung stehen, ohne einen gesetzlichen Beistand ungültig sind und ohne allen bürgerlichen Effekt bleiben, deine armen Unmündigen durch alle sittliche und bürgerliche Gesetze in eben dem Maße wie die Männer verbunden werden! Selbst nicht bei Gesetzen wider die Contrebande ist nach dem Curator die Frage, und ob in dessen Assistenz dem Kaiser nicht gegeben ward, was des Kaisers ist — und doch ist ein Weib dem Staate nur durch den Mann verwandt und zugethan: Nur er huldigte ihm und seinen Gesetzen. Ist es Wunder, wenn Weiber die Gesetze befolgen, wie die Nonne den Psalter singt? wenn sie den ernsthaften Anordnungen des Staates eine Folie des Lächerlichen unterlegen, und sich da noch Auslegungen derselben erlauben, wo blinder Gehorsam erfordert wird? War je eine ärgere Löwengesellschaft? und trift es irgendwo klärer ein, daß man größere Diebe laufen läßt, und kleinere zu hängen sich nicht entbricht? Staaten, die zum Schutze der Menschenrechte entstanden, entziehen ihn der Hälfte ihrer bürgerfähigen Einwohner! — Es ist natürlich, wenn der Wille sich da sträubt, wo die Vernunft so viele Steine des Anstoßes und Felsen des Ärgernisses findet — — Leiden einzelner Menschen (besonders wenn diese nicht die verdammlichen Urheber davon sind) vollenden, und nichts was groß war, kam ohne sie je zur Reife; Leiden aber, die einem ganzen Volke nicht von der Natur und vom Schicksal, sondern bloß willkührlich zugefügt werden, hemmen allen Muth: sie erschlaffen und entseelen die edelsten Völker, so daß man ihre Stätte nicht mehr findet. — Ewig Schade um alle die Fortschritte, die durch jene männliche Grausamkeit gehemmet werden! Welch ein Stoff muß im andern Geschlechte liegen, da er allen diesen Hindernissen noch bis jetzt so stattlichen Widerstand leistete! — Doch, unmöglich könnten die Weiber noch seyn, was sie sind, und die Lage behaupten, in der sie sich befinden, wenn nicht Geschlechterneigung und Reitze ihnen Subsidien geleistet hätten. So hat bis jetzt die Natur den Menschen noch nie ganz verlassen, wenn er ihr auch unerkenntlich den Rücken kehrte! Ein gewisser glücklicher Zustand, nach welchem den Menschen wenig zu wünschen, allein eben darum viel zu befürchten übrig bleibt, macht sie unglücklich: — sie erstreben nichts; ihre Seele verliert den Schwung, ihr Geist das Geistige; und so wie dieser glücklich-unglückliche Zustand das Schicksal vieler regierenden Herren ist, die ihren Beruf nur von der Seite der Hoheit und der Macht kennen, auf Kleinigkeiten fallen, und Nebendinge der Regierung, oder gar solche die ihres Amtes nicht sind, zu Hauptsachen erheben: so scheint er auch überhaupt auf dem königlichen Geschlechte der Männer zu ruhen. Dieses sucht mehr durch Ausflüchte, als durch Muth und Weisheit, den Gefahren zu begegnen; es spielt mehr den Herrn und Meister, als daß es beides wäre; an Willkühr gewöhnt, verlernt es, auf Mittel zu sinnen; zur Herrschaft geboren und erzogen, denkt es nicht darauf sie zu verdienen; es vernachlässigt sich, da es keinen Anreitz hat und zu keinem edlen Wettlaufe sich in seinem Hause anstrengen darf; es fällt zusammen, da es sich nicht die Mühe giebt, sich gerade zu halten. Man sage nicht, daß die Männer bei andern Männern Licht anschlagen können; Tyrannen sind verzagt, und kriechen überall, wo sie nicht befehlen dürfen. Wahrlich! nicht nur Weiber, sondern auch wir, haben durch jene Herabwürdigung des andern Geschlechtes verloren — wer am meisten? Ist es zum Beispiel ein Wunder, wenn das fräuliche Geschlecht falsche Münze gegen falsche Münze wechselt, und die Tyrannei des Herrn Gemahls mit Augendienst erwiedert? — Ist es ein Wunder, wenn alle beide sich das Leben verbittern, und bei dem wohlseligen Hintritt des Herrn Gemahls — Gott tröste ihn! — die am pompreichen Leichengerüste wohlangebrachten Genien die einzigen sind, die ohne End' und Ziel, Thränen vergießen, womit sie den letzten Funken der umgekehrten Fackeln auslöschen, während die trostvolle Frau Wittwe, unter einer ehrwürdigen Decke, ihre Rolle meisterlich spielt und fröhlich und guter Dinge ist? — Von Anbeginn ist es nicht so gewesen.

III.
Woher die Überlegenheit des Mannes
über die Frau entstanden?

Inhaltsverzeichnis

Rückblicke auf die älteste Zeit.


Wenn die Weiber mit den Männern von der Natur zu gleichen Rechten berufen sind; wenn sie sich im Besitz von gleichen Körper- und Geistesanlagen befanden und zum Theil noch befinden: wo, wann und wie entstand denn die Überlegenheit des Mannes über das Weib? was gab dem Manne das Schwert in die Hand? und was verwies das Weib an die Spindel? Diese Fragen, die jeder sich aufwerfen muß, der zu fragen versteht, wenn gleich die größere Kunst zu antworten ihm nicht gegeben seyn sollte, haben allerdings nicht wenig von der Natur jenes weltberühmten Knotens, der, da er geschürzet war, auch wieder hätte aufgelöset werden sollen, den aber Alexander, nach der Weise vieler unserer Dichter, zu zerhauen die unästhetische Dreistigkeit hatte. Ständen wir dem Wann und Wo, der Zeit und dem Raume nach, näher; so würde es wahrscheinlich keines Oedips bedürfen, um bei dieser Meisterfrage eine akademische Prämie von dreißig Silberlingen zu gewinnen, und das Wie obendrein zur allgemeinen Befriedigung zu beantworten. Allein da über das Wann und Wo in keiner Chronik und keiner Topographie ein todtes, geschweige denn ein lebendiges, Wort zu finden ist; so müssen, bis die Hieroglyphen an den Pyramiden enthüllt seyn werden, oder bis uns ein bisher verborgenes Denkmahl darüber seine Aufschlüsse nicht länger vorenthält, das Irgendwo und das Irgendwann bei dieser großen Katastrophe zur Unterlage dienen, und das Wie, in Ermangelung der Geschichte, durch eine Conjektur der Vernunft aufgelöset oder — zerhauen werden. Alles, wobei es auf Thatsachen ankommt, kann nur bis auf einen gewissen Zeitpunkt hin verfolgt werden. Da wo die Sonne der Geschichte untergeht und sogar der Mond der Fabel sein entlehntes Licht entzieht, bleibt der Vernunft nichts übrig, um sich zu orientiren, und sie irret in dem unbegrenzten Meere der Möglichkeit, ohne zu wissen, woher und wohin? Was hier über Geschichte und Fabel hinausgeht, ist (da die ersten Sagen der Völker davon, als von einer Sache, die vor ihnen war, sprechen) derjenige Zustand des Menschen, wo jedes einzelne Individuum, ohne einige Verbindung mit andern seiner Art, in der vollkommensten Unabhängigkeit, bloß von den Früchten des Bodens den es durchstrich, lebte, ohne durch eine andere Zubereitung, als die man von der Natur selbst erhielt, ihr zu Hülfe zu kommen. Die Menschen hingen vom Boden und sonst von nichts weiter ab — Ob es einen dergleichen Zustand wirklich gegeben? ob je der Mensch (das geselligste unter allen bekannten Thieren, trotz jenen frommen Orang-Utangs in der Thebaischen Wüste, und ihren jüngeren Brüdern, die es doch behaglicher gefunden haben, sich aus Eremiten zu Cönobiten umzuformen) in einem solchen Zustande war — mag Hans Jakob verantworten, an dessen Grabe es heißt: Ici reposé l'homme de la nature et de la vérité — Dergleichen Hans Jakobsche Kinder der Natur hat weder Colombo, noch sein Märtyrer von Nachfolger, Cook, gesehen — Allenthalben wo diese hinkamen, waren schon die ersten Umrisse der Gesellschaft gezeichnet, Familienverhältnisse (wenn gleich unvollkommen) gegründet und Spuren (wiewohl freilich oft nur sehr schwache) von Cultur und Kunstprodukten vorhanden. Bei den allerrohesten Völkern fanden sie schon Hütten, eine Art von Zubereitung der Nahrungsmittel, und bei den meisten auch die ersten Anfänge zu einer Bekleidung des Körpers. Wo sie sich lange genug aufhielten, und wo es ihnen glückte, sich durch Zeichen zu verständigen, überzeugten sie sich, daß diese dem Naturstande anscheinend so nahe angränzenden Menschen schon lange, und weit über ihre Überlieferungen hinaus, immer an dieser Stelle und diesem Orte gestanden hatten. Auch nicht die mindeste Ahndung ging unter ihnen im Schwange, daß es außer dem Punkte, wo sie sich befanden, noch andere ober- oder unterwärts geben könne. So einfach und in so geringer Zahl ihre Familien-, Haus- und Nahrungsgeschäfte auch immer seyn mochten, da ihre Bedürfnisse noch wenig über die der thierischen Natur hinausgingen; so leicht ihre Nothdürftigkeiten gestellt werden konnten, da die Kunst sie nicht verwöhnt hatte: so waren unter den beiden Geschlechtern doch schon Casten errichtet, und eine Scheidung vorgefallen in dem, was Gott zusammen gefügt hat. Je unvollkommener auf der Einen Seite hier die gesellschaftliche Verfassung war; je schwerer es fiel, das thierische Bedürfniß zu befriedigen, weil die Natur den Boden, oder die Wälder (die königlichen Residenzen dieser Menschen) oder die Flüsse und Meere nur karg mit den Mitteln dazu ausgestattet hatte: um desto härter war das Loos, welches dem weiblichen Theile dieser halbgezähmten Menschenklasse fiel. Das Leben des Mannes war vorzüglich zwischen Genuß und Ruhe getheilt, wenn ihn nicht dringendes Bedürfniß zur Jagd oder zum Fischfang aufforderte. Das Weib begleitete ihn nur selten als Gehülfin, weil ihm die Pflicht die Speisen zu bereiten oblag, während das Mannthier seine Glieder in der Sonne dehnte. Freilich nur schwache, unbefriedigende Data zur Auflösung der aufgeworfenen Frage; indeß doch etwas, um uns auf Mehr zu bringen — wie jene Übermacht entstand, welche auf die eine Hälfte des menschlichen Geschlechtes alles Lästige wälzte, und sich dagegen allen Vortheil weislich vorbehielt. — Scheint nicht die Natur durch Schwangerschaft und Geburt den ersten Fingerzeig zu diesem Verlust über die Hälfte, bei der Theilung des menschlichen Werthes, gegeben zu haben? Wenn dieses Antheil, das den Weibern zufiel, auch noch so sehr erleichtert wird; wenn es auch noch so köstlich ist: — kann es auf eine andere Rubrik als auf Mühe und Noth gerechten Anspruch machen —? Der Mann scheint zum Vergnügen berufen zu seyn, das Weib dagegen zu Kummer und Elend — Wenigstens liegen in dem Familienverhältniß, in der Art und Weise wie die Keime der Geselligkeit sich zuerst bei den Menschen entwickelten und worauf ihn vielleicht das Zeugungs-Geschäft brachte, entfernte Winke und Hieroglyphen, wodurch der gesellschaftliche Zustand, welcher dem menschlichen Geschlecht einen so erstaunlichen Schwung gab, der Einen Hälfte des Geschlechtes so nachtheilig ward — Wiederholung der nämlichen Umstände pflegt die Dürftigkeit derselben zu bedecken, als ob Ermüdung Ergänzung wäre; und selbst unsere Philosophen sind oft in dem Falle jenes Kranken, dem der Arzt erlaubte, täglich einen Löffel voll Wein zu nehmen, und der sich einen Löffel von vier Quart machen ließ — sie sind da am beredtsten, wo sie am kürzesten seyn könnten, weil sie hier am wenigsten wissen. — Es sei mir erlaubt, jene Data durch Rückblicke auf die Geschichte, das Noth- und Hülfsbüchlein in allen Lebensfällen, zu verstärken oder zu schwächen — meine Leser mögen den eigentlichen Ausdruck suchen; doch, wenn ich bitten darf, nicht auf meine Kosten, sondern mir zum Besten.

Schon in den ältesten urkundlichen Nachrichten über den gesellschaftlichen Ursprung der Menschen, finden sich Spuren von einer Ungleichheit der beiden Geschlechter, und von Zurücksetzungen des weiblichen — wohin auffallend die Vielweiberei gehört.

Wie despotisch ist der Gedanke, daß ein Mann sich befugt halten konnte, mehr als Ein Weib zu besitzen, indem bei einer Berechnung an den Fingern sich herausbringen läßt, daß er durch diese Verschwendung Andere zum Darben bringt! Wahrlich, die Vielweiberei ist ein Umstand, der sich weder mit Seele noch mit Körper verträgt, und nicht nur der Vernunft, sondern selbst einer Leidenschaft widerspricht, die (wie die Kinder reicher und vornehmer Leute) durch die Schule der Vernunft gelaufen ist. Wo ein Mann mehr als Ein Weib hat, wird jener Tyrannenrath erfüllt: Theile und regiere (divide et impera). Die Weiber mußten auf diesem Wege des ihnen so nachtheiligen männlichen Luxus ihre Abhängigkeit im höchsten Grade fühlen; und wenn gleich die Sultanin des Tages sich einen Vorzug vor ihren Colleginnen anmaßte: so währte dieses Ansehen, das sie sich gab, doch nicht lange, und bald überzeugte sie sich, daß unter Sklavinnen keine Rangordnung Statt finde.

Die Geschichte der Sara und Hagar scheinet zu beweisen, daß die Kebsweiberschaft nicht gleich anfänglich bloß in dem eignen Belieben des Mannes gestanden, und daß er anfänglich verpflichtet gewesen, die Genehmigung seiner Frau einzuholen, eh' er sich ein Kebsweib beilegen konnte. Auch scheinet sich aus dieser Kebs-Geschichte zu ergeben, daß dergleichen Contrakte nicht auf die ganze Lebensdauer gegangen, und daß oft noch vor Ablauf der contraktmäßigen Zeit der Engel des Gewissens, und der Schutzgeist warnender Umstände dem Manne zugerufen:

stoß die Magd hinaus mit ihrem Sohne!

Schon hab' ich mein Herz ausgeschüttet, daß der erste Grund zu der männlichen Anmaßung eines Vorzuges vor dem Weibe, in dem Gange aufzusuchen sei, den die Bildung des gesellschaftlichen Zustandes nahm. Ob die Art, wie die geselligen Keime sich bei den Menschen entwickelten, die einzig mögliche; oder ob unter mehreren möglichen die, auf welche die Menschen von der Natur geleitet wurden, der schmale Weg sei, der zum Leben führet: das sind Nebenfragen, die, so wie ihre Stammmutter, vielleicht noch lange, vielleicht immer, unentschieden bleiben werden.

So viel scheint ausgemacht, daß diese Keime sich überall durch ähnliche Veranlassung entwickelt haben müssen, indem sie (ein Beweis, dessen ich gern entübriget wäre) für das weibliche Geschlecht einerlei nachteilige Folgen hervorgebracht haben. Die Gesellschaft ist die Quelle alles Glücks und alles Unglücks, das je dem menschlichen Geschlechte zufiel; und noch ist nicht erschienen, was die Menschen durch sie werden können und durch sie — seyn werden. Wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wenn wir das heilige Gesetz beobachten, und dasselbe, so wie Gott, nicht fürchten sondern lieben, wir Gott ähnlicher seyn und die Krone des Lebens tragen werden. Eine Hoffnung, die Plato nicht den Traum des wachenden Menschen nennen muß, und bei welcher Glaube an das menschliche Geschlecht zum Grunde liegt. Könnt' ich doch hinzufügen: wahrer und lebendiger Glaube! aber noch ist solcher in Israël nicht gefunden — Dieser Glaube ist Welt-Patriotismus.

Darf ich mir ein- für allemal die Erlaubniß auswirken, rückblicken zu dürfen, ohne von irgend einer kritischen Feder das Schicksal von Loths Weibe zu befürchten zu haben?

Zum Fischefangen und Vogelstellen hat jeder Mensch noch immer einen so besonderen Hang, daß gereimte und ungereimte Warnungstafeln aushängen müssen, um den Menschen von diesen Urbeschäftigungen abzuleiten, und ihn, bei den erweiterten und verzärtelten Bedürfnissen, zu andern nothwendig gewordenen künstlichern Nahrungsquellen zu gewöhnen. Der bekannte St. Evremont war bis an sein Ende wohlbestallter Entenhüter zu St. James; jener Schweizer in Frankreich erbat sich die Anwartschaft auf die Hofstelle des Rhinoceros — jener Gelehrter bei dem Hofe Friedrichs II den vacant gewordenen Atheistenplatz; und zu wie vielen Rhinoceros- und Atheisten-Posten müssen sich Menschen nicht herablassen, um ihr tägliches Brot nach der heutigen Auslegung zu erreichen, wovon der Vogelsteller und Fischfänger kein lebendiges Wort wußte, keinen Traum oder todten Gedanken kannte!

Ob Jäger Esau auch ein Fischfänger gewesen, ist nicht bemerkt, und die Herren Juristen würden ohne allen Zweifel einen artigen Fang machen, wenn es ausgemittelt wäre, (ein Lieblingswort dieser Herren, die doch so oft zweckreich und mittelarm zu seyn pflegen) daß der Fischfang schon in den ältesten Zeiten unter der Jagd begriffen gewesen sei.

Warum das weibliche Geschlecht sich nicht die blutarme Fischerei zugeeignet habe, um dem nach Blut dürstenden Manne das Wild zu überlassen? ist eine Frage, die sich bei dieser Gelegenheit von selbst aufwirft. Vielleicht nahm das Weib an allem Theil — vielleicht stand es dem Manne nirgends nach; vielleicht hinderten es nur die letzten Stunden der Schwangerschaft, und sechs Stunden nach der Niederkunft, an den Geschäften des Oberjägermeisters, seines Mannes, unmittelbaren Antheil zu nehmen — Die Gottheit der Jagd, Diana, war bei den jüngeren Alten generis foeminini —

Dieser Stillstand, den Schwangerschaft und Niederkunft verursachten, war, von so kurzer Dauer er auch immer seyn mochte, ohne Zweifel der Grund des weiblichen Falles. In diesen Zwischenzeiten der Muße war es vielleicht, wo das Weib, durch einen dem Geschlecht eigenen und mit seiner Bestimmung vielleicht genau zusammenhangenden Instinkt zu sparen, sich sein Sklavenschicksal bereitete. Warum folgte es nicht der göttlichen Lehre: »sorget nicht für den andern Morgen; es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe!« So lange die Nahrungsquellen ergiebig waren, fiel dem Manne nie der Gedanke an das Aufbewahren ein; sein Jagdrevier war seine Speisekammer, zu der alles, was Leben und Odem hatte, gehörte — eine lebendige Speisekammer, bei der er vor dem verdorbenen Geschmack an faul gewordenem Wildbret sehr sicher war! einem Geschmack, der bei allem — das leidige Geld nicht ausgenommen — Statt findet, was man in Scheuren sammelt, denen ohnedies das Motto angeschrieben ist: du N — heute wird man deine Seele von dir fordern; und was wird seyn das du gesammelt hast? — Doch auch dem Geitzhals, dem Teufel, muß man einen Vertheidiger beiordnen —; und in der That ist die Sorge für den andern Morgen, wenn sie rechter Art ist und in ihren Schranken bleibt, eine nicht gemeine Vernunftäußerung. Der Gedanke: »heute ohne Hunger zu jagen, um morgen nicht aus Mangel an Wildbret fasten zu dürfen,« enthält — ungeachtet jener göttlichen Lehre, für den andern Morgen nicht zu sorgen — so viel Überlegung in sich, wie in den Köpfen einer ganzen Heerde von Wilden nicht Platz hatte. Auch hier mußte das Weib dem Manne aushelfen, und wo es auf Vernunftgebrauch ankam, scheint immer das Weib die Bahn gebrochen zu haben. Jene Verlegenheit, in die es die letzten Stunden der Schwangerschaft und die ersten nach der Geburt verwickelten, leitete es, kraft des instinktartigen Gefühls, zur Selbsterhaltung, die ihm wegen der Erhaltung des Säuglinges noch dringender ward, an der Hand der Vernunft, weise und mächtig auf Vorrath zu denken, sich heute etwas zu entziehen, um morgen nicht ganz entbehren zu müssen. Diese Aufbewahrung von Vorräthen, welche anfänglich bloß gelegentlich und nur so lange geschah, als es die Umstände verlangten, ward nach und nach, je nachdem die Menschen sich mehrten und die Nahrungsquellen ärmer wurden, wiederholt, und mit der Zeit beständig. Wenn es wahr ist, daß in vielen Fällen Thiere die Lehrer der Menschen gewesen sind; so wird das Vorrathsammeln ohne Zweifel zu dem Lektionskatalogus dieses Unterrichtes gehören. Der Instinkt (der sich zur Vernunft, wie der Tanzbärleiter zum Hodogeten, verhält) hat seine Kinder schneller und sicherer an Ort und Stelle gebracht, als die sich Zeit nehmende kalte Vernunft die werthen Ihrigen. Gewiß sammelten die Biene und die Ameise früher als der Mensch; vielleicht versteckte das Alterthum diese Wahrheit unter der Fabel von den Myrmidonen. — Nicht etwa bloß Neugierde, wie einige wollen, sondern Beobachtungsanlage lenkte ohne Zweifel zuerst das Weib auf diese Experimental-Unterweisung. Vorräthe erforderten beständige Aufsicht, nähere Einrichtung und Bearbeitung; und so entstand Hausrath. Irgend ein Zufall, und ohne Zweifel die Anhänglichkeit mancher Thiere an den Menschen, lehrte ihn (wahrscheinlich zuerst das Weib), einige Gattungen von Thieren zu seinem beständigen Brauch und Dienste zu zähmen; und so vermehrte sich durch diese Dienstboten, die man im Falle der Noth auch zur Nahrung nahm, der Haushalt. Jetzt mußten die Geschäfte getheilt werden; und da wählte denn der Mann die Jagd, das Weib den Haushalt. So ward das Weib allmählich die Befehlshaberin der Hausthiere, und eh' es sich's versah, das erste Hausthier selbst. Das arme Weib! Doch was kann weiter befremden? ward es doch durch jene Revolution, wodurch es die Freiheit an's Licht brachte, eine Sklavin!

Allmählich fingen die Vortheile und Nachtheile, welche mit den unter beiden Geschlechtern so sehr verschiedenen Lebensarten verknüpft waren, immer mehr an sichtbar zu werden. Der Körper des Mannes, durch die Beschwerlichkeiten der Jagd oder Fischerei abgehärtet, fest, gelenk und stark, behauptete auch einen Einfluß auf seine Seele. An Gefahren gewöhnt, ward er durch diese Gewohnheit muthig, unerschrocken, standhaft, und fühlte seine Überlegenheit über Alles, was nicht Mann war, mithin auch über sein Weib, dessen körperliche Kräfte aus Mangel an Gelegenheit unentwickelt blieben, und das, aus Unbekanntschaft mit Gefahren, diese zu fürchten anfing, da hingegen der Mann, vertraut mit der Gefahr, sie vermeiden oder bestehen lernte. Mit kleinlichen Gegenständen und mit Thieren umgeben, die Zaum und Gebiß geduldig trugen, sank das Weib nach und nach an Körper und Seele zu einer niederen Stufe herab, und lernte geduldig, sich bei seinem Despoten mit der Stelle einer ersten Sklavin begnügen. Sklavin! Ohne Zweifel brachten zahm gemachte Thiere den Menschen auf diesen unmenschlichen Gedanken, und dies schreckliche Wort würdigte die Menschheit so tief herab, daß die verrufene Münze keine Spur mehr von Bild und Überschrift der vorigen Zeiten an sich trug. So wie unfehlbar das Weib durch den Besitz gezähmter Thiere das Hirtenleben erfand und einführte, so wird eben dasselbe, da es mehr an Einen Ort und an Eine Stelle gebunden war, auch zu Anpflanzungen und zum Ackerbau Gelegenheit gegeben haben. Gewiß hat es den ersten Sallat zum Wildbraten des Mannes bewirkt. Eine Wurzel, Körner — die, in Ermangelung eines Alderman-Schmauses, von einem antipythagorischen Bohnenmahl übrig geblieben waren, und die man, weil es fettere Bissen gab, nicht achtete — wurzelten und mehrten sich um die Hütte herum, bis es dem Weibe einfiel, absichtlich zu pflanzen und zu säen. So entstand von der Hand des Weibes vielleicht der erste Garten, den englischen Garten Eden ausgenommen; und der Gartenbau ist auch größtentheils in den Händen der Weiber geblieben, bis auf den heutigen Tag. Auch hat das Weib wahrscheinlich in Allem zuvor Probe gegessen und dem Manne zur Sicherheit, theils wegen der Unschädlichkeit, theils wegen des Wohlgeschmacks, gedient. — Noch jetzt ist das höchste Ziel der Kochkunst ein Vorzug der Weiber. — Der Wechsel, den das Weib an seinem eignen Körper erfuhr, gewöhnte es an die Witterung, und lehrte es so sehr auf die Zeit merken, wie den Unbestand der Witterung überstehen; und so ward durch das Weib vielleicht beides, das Hirtenleben und der Ackerbau, — erfunden oder zu Stande gebracht? — Wie viel läßt sich hierüber conjekturiren! Der gemeine Acker- und Gartenbauer räumt dem lieben getreuen Erdenvasallen, dem Monde, noch jetzt viel Einfluß auf seine Erzeugnisse ein: er pflanzt seinen Kohl und was Blätter treiben soll, im Vollmonde, und das, wodurch unter der Erde Wurzeln oder Knollen hervorgebracht werden sollen, bei Mondesabnahme. Die Phasen des Mondes sind ihm noch Epochen in seinem Wirthschafts-Kalender; und was kann ihn anders auf diese Mondweisheit gebracht haben, als die Weise der Weiber —? Von beiden Hauptnahrungsquellen, dem Hirtenleben und dem Ackerbau, wußte der ins Größere gehende Mann das Weib abzubringen, um es an den Haushalt zu fesseln — wozu Se. Gestrengigkeit das Weib verurtheilt hatte. »Verurtheilt?« Mit nichten; durch einen Machtspruch, durch einen Justizmord, des Landes verwiesen hatte. — Noch jetzt genießen Erfinder selten die Ehre der Erfindung, und verdienen sie vielleicht auch nicht, weil fast immer ein Ungefähr sie darauf bringt — Erfindungen und Offenbarungen werden gemacht, man weiß nicht wie! —

Ackerbau und Viehzucht sind, so wie Ursache und Wirkung, mit einander verbunden; und es ist schwer zu begreifen, warum Hirten und Ackerbauer sich gleich anfänglich haben trennen und beneiden können. Da nichts natürlicher war, als daß das Vieh keine Anpflanzung schonte, und da dieser Umstand die Hirten und Ackerbauer in beständige Gränzstreitigkeiten verwickeln mußte; so hätten diese Zwiste beide Theile sehr bald zu freundschaftlichen Verabredungen bequemen sollen.

Die Jagd allein, der Ursoldatenstand, scheint eine Erfindung des Mannes zu seyn; und da der Mann seine Beute oft sehr weit suchen mußte, so gab sie die erste Ursache zur Herabwürdigung des Weibes. Bei dem Ackerbau und der Viehzucht hätte es sich gewiß länger in Ehren und Würden erhalten können, wenn die Jagd nicht schon den Mann bewaffnet und er allen Vortheil und Nachtheil des Soldatenstandes in sich vereinigt gehabt hätte. Er stand bei seinem Weibe im Quartier. — Noch jetzt bin ich ein Feind der Jagd, weil sie dem Weibe jeden Schritt zur weiteren Cultur vertrat und alle jene Übel erzeugte, denen das menschliche Geschlecht durch Kriege oder Menschenjagden unterworfen worden ist. — Zwar sagt man, daß der Krieg oft ein Weg zur Cultur gewesen sey und werden könne; und freilich ist es nicht das erste mal, daß aus dem Bösen etwas Gutes wird: Ist und bleibt aber, dieser Metallverwandlung des Guten und Bösen unbeschadet, Krieg nicht ein Originalübel? Im Reiche Gottes, dessen Sonnenaufgang und Morgensegen wir mit Danksagung erwarten, wird man so wenig Menschen würgen und sich zur Erkenntlichkeit dem Würgengel bloß stellen, als in der andern Welt freien und sich freien lassen. —

Die Flecken in der Sonne — die man ungefähr wie die Flecken ansieht, womit die reinlichste Hausfrau in der Küche sich ihre Manschetten bespritzt, wie es dem Geschäftsmanne an seinem Schreibtische mit Tinteflecken nicht besser geht — sind nicht, was sie scheinen. In der physischen Welt ist überhaupt alles gut, sehr gut! — Und wie? dies sollte uns nicht zu der Hoffnung Anleitung geben, daß es auch in der moralischen Welt zu jener Stufe der Cultur kommen werde, wo man des Bösen nicht bedarf, um Gutes daraus zu lernen? Fehden waren es, die ihren Ursprung aus der Vermehrung der Menschen und aus der Verminderung des Wildes (des einzigen und nächsten Nahrungsmittels für den rohen Menschen) hatten; der Menschen wurden mehr, des Wildes ward weniger: und so konnte es nicht fehlen, daß nicht Streitigkeiten und Befehdungen entstanden, welche Familienkriege nach sich zogen.

Zwei Familien, die der Übermacht zu weichen gezwungen waren, stießen vielleicht durch einen Zufall auf eine dritte, der sie einzeln nicht gewachsen gewesen wären, die ihnen aber jetzt ihr Jagdrevier überlassen mußte; und dieser Umstand war es, der zwischen beiden, wenigstens so lange die Gefahr dauerte, ein gesellschaftliches Band knüpfte, ohne daß es unter ihnen zu einer Verabredung und Constitution kommen durfte. Durch Irrthum und Thorheit gelangen die Menschen zur Wahrheit, und durch Mühe und Streit zur Vereinigung und Gesellschaft. Ist mir doch schon wieder der traurige Gedanke im Wege, daß das Böse so oft ein Vorspiel, ein Präludium zu dem Textliede des Guten seyn muß! — »Oft oder allemal?« Oft, Freunde; denn es giebt Original-Gutes, Gutes aus der Wurzel — und dies könnte man göttlich Gutes nennen! Gott ist original-gut! —

Das Hirtenleben und der Ackerbau (das neue Testament, wozu die Menschen nach dem alten Testamente des Jagdlebens sich aufklärten) gab nicht minder zu Zwisten Gelegenheit, wozu die Tagdieberei des Hirten, und das Vorurtheil, als ob er eben darum Gott lieber wäre und von ihm mehr beglückt würde, mittelst des argen, bösen Neides nicht wenig beigetragen haben mag: Neid ist Geitz, und dieser ist, wie jeder von uns weiß, die Wurzel alles Übels. Der Hirt schonte die Anpflanzungen des Ackermannes nicht, und ehe dieser pfänden konnte, war jener mit seiner Heerde über alle Berge, und wußte sich listig der Berichtigung des Pfandgeldes zu entziehen. Dies zwang den Ackerbauer, mehr auf seine Vertheidigung bedacht zu seyn; und da er sich gedrungen sah, mehr Hände anzuwerben, um den Acker zu bestellen (Hände, die zusammen bleiben mußten, um die Zeit abzuwarten und die Witterung zu benutzen, oder ihr zuvor zu kommen:) so bauete ein Haus das andere, wie ein Wort das andere zu geben pflegt. Hierdurch waren die Ackerbauer mehr im Stande, sich den Ausschweifungen des zahmen Hirten und des wilderen Jägers zu widersetzen. Aus den Ackerbauern wurden Bauherren: (eine Würde, die ihnen selbst von den überwundenen Horden der Jäger oder der Hirten zugestanden ward;) und nur spät hat sich das Blatt gewendet, so daß wiederum Fürsten und Herren jagen, und Sklaven den Acker bauen. — So drehet sich Alles in der Welt, und die Menschen folgen so großen Beispielen; Familien und Reiche, Aufklärung und Verfinsterung, Gutes und Böses: Alles geht auf und unter. — Zu der Zeit, als auf den Trümmern von Familiengesellschaften bürgerliche Gesellschaften errichtet wurden, war das Schicksal der Weiber schon, wie es schien, unwiederbringlich entschieden.

Die Waffen, welche die Männer bei jenen Umständen führen mußten, und welche sie fast nie aus den Händen ließen, während die Weiber für das Hausbedürfniß ihrer Männer und Kinder besorgt waren, gaben diesen ein entscheidendes Übergewicht über jene, welche, weil sie mit Waffen nicht umzugehen wußten, sich vor ihnen fürchteten. Sie erschraken vor Gefahren, welche die Männer, mehr damit bekannt, verachteten. An Körper und Seele war ihnen der Mann, wenn ich so sagen darf, unter der Hand überlegen geworden; und da er sich im ausschließenden Besitze der Schutz- und Trutzwaffen befand, so vertheidigte er nicht bloß seine Person, sondern auch sein Eigenthum, wozu er seine Familie und in derselben sein Weib rechnete, das er jetzt als durchaus von ihm abhängig ansah.

Während daß die Einsichten des Mannes durch seinen vergrößerten Wirkungskreis sich vermehrten; während daß seine Geschäfte mit der bürgerlichen Gesellschaft einen höheren Schwung nahmen, indem seine Begriffe sich zu generalisiren anfingen: schrumpfte die Seele des Weibes je mehr und mehr in die Gränzen des Haushalts ein. Dieser bestand wegen Einfachheit der Bedürfnisse, dem Vater Homer zufolge, in dem Zeitalter der Heroën, selbst bei königlichen Familien, noch bloß im Weben und andern dergleichen Handarbeiten. Nach und nach verlor sich die weibliche Spannkraft gänzlich. Schade! — Durch die Umstände, daß alle Geschäfte des Staats den Weibern entzogen, und diese, bei Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften, schon zur Besorgung des Haushalts verwiesen waren, wurden sie nicht Bürgerinnen des Staats, sondern Schutzverwandte. — Schon sehr zufrieden, daß der Staat ihnen diese Gnade angedeihen ließ, begnügten sie sich mit einigen Begünstigungen vor den Sklaven, die man ihnen bloß zu spendiren schien. Wunderbare Wege! Doch, ging man nicht von der Poësie zur Prosa, von dem Tanze zum Gange, vom Singen zum Reden, vom Roman zur Geschichte —? Es wirkte eine Reihe von Ursachen, (wozu wahrscheinlich die, wiewohl größtentheils mißverstandene, Natur die erste Veranlassung gab) daß nach und nach eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes ihre ursprünglichen Menschenrechte verlor und gegenwärtig einige Überbleibsel davon unter dem Titel von Begünstigungen, wohl zu merken, nur so lange genießt, als es der andern Hälfte gefällt, ihr dieselben zu lassen; — und doch, ist das dritte Wort dieser unterdrückenden Menschenhälfte: Recht und Gerechtigkeit, Gesetzgebung und Gesetzhandhabung! — Warum in Fällen dieser Art ängstliche Geschichtsausspürung? Der Geist, der in uns ist, bleibt immer die beste Quelle aller Geschichte; er gleicht im Wesentlichen dem Geiste aller derer, die vor uns waren, und giebt dem, der sich mit ihm einlassen kann, und jedem, der sich selbst verständlich zu machen weiß, wichtige Fingerzeige von Nachrichten, die weit über den Zeitpunkt schriftlicher Zeugnisse, und weit über die historische Gewißheit hinausreichen. Jedes Kind bringt das Andenken an die Kindheit der menschlichen Vernunft in Anregung, und die Hauptzüge derselben drängen sich Jedem auf, der Augen zu sehen, Ohren zu hören, ein Herz zu fühlen, und Vernunft zu ergänzen, zu vergleichen und zu verbinden hat. Mit Meinungen der Vorzeit kann uns nicht gedient seyn; und die Handvoll aufbehaltener Thatsachen sind so sehr mit jenen Meinungen in Verbindung, daß man ohne Philosophie bei den historischen Quellen der Vorzeit außerordentlich zu kurz schießt. Kann man ohne philosophischen Kopf bei den historischen Quellen auslangen? In uns liegt das Vermögen, aus jenen Bruchstücken der alten Welt, wo nicht ein Gebäude, so doch eine Hütte zu zimmern, und ein Ebenbild unseres Geistes, eine Einheit zu schaffen, die ohne Forscherblick weder in der Weltgeschichte, noch auch in der Geschichte jedes einzelnen Menschen, gefunden werden kann. Ohne diesen Geist der Wahrheit ist und bleibt jede Lebensbeschreibung ein Roman, der Verfasser gehe so offen zu Werke als möglich, oder verstecke sich unter die Bäume im Garten. — Zu Geschichtforschern, Auslegern des menschlichen Geistes, zu Seelengelehrten, zu Sehern, gehört Studium seiner selbst; und nur in dieser Rücksicht ist sich selbst zu kennen eine große Lehre! Nur ein Geschichtschreiber, der diese Salbung empfing, weiß die Reihe der Dinge zu übersehen, und Ursache und Wirkung unter Einen Hut zu bringen. — Es giebt historische Ergänzungen, wo uns so wenig ein lästiges Ungefähr untergeschoben wird, daß wir weder gerade noch seitwärts etwas gegen diese Ergänzungen einwenden mögen, wenn wir auch könnten. —

Seht! nicht Überlegenheit des Körpers, nicht Übermacht des Geistes gab dem Manne das Schwert in die Hand; die Lage der Sache begünstigte diesen Schritt. Über seinen Unterhalt bestand der Mann den Kampf mit seines Gleichen. Madam beschützte zwar anfänglich zu Hause ihre Kinder, und genoß die Ehre, in dieser Festung zu commandiren, und während der Feldzüge ihres Mannes Proviant und Montirungsstücke zu besorgen; indeß ward sie auch hier sehr bald von ihrem erstgebornen Sohn entsetzt, der, noch zu jung und zu ohnmächtig dem Heere seines Vaters zu folgen, sich hier zum Commandanten aufwarf, bis er, mit Vorbeigehung seiner Mutter, diesen Posten seinem zweiten Bruder anvertrauen konnte.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
16 ocak 2025
Hacim:
271 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
4064066112356
Yayıncı:
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Bookwire
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