Kitabı oku: «Schnaps und Rosen»
Theodor Kallifatides
Zur Erinnerung
an einen alten Mann
Es gibt nichts, wofür man sterben müßte, und ich würde gerne sterben, ohne meine Fehler zu erkennen.
Nokolai Bucharin
1
Der Telefonanruf, den ich seit achtzehn Jahren fürchtete, kam am Abend des fünfzehnten Februars 1982.
Es war ein Montag – unmittelbar nach der Wetterkarte. Meine Frau und ich saßen ein wenig apathisch vor dem Fernsehschirm und verschnauften. Unser Sohn Vittorio Monarka – er trug den Nachnamen seiner Mutter – war eben zu Bett gegangen und wühlte sich mit dem Daumen im Mund energisch in einen von Träumen erfüllten und hoffentlich friedlichen Schlaf.
Er hatte gerade eine seiner schweren Stunden hinter sich gebracht. Er wurde immer sehr unruhig, wenn das Wetter umschlug, sein Asthma quälte ihn, er kämpfte verzweifelt dagegen an, er wollte seine Medizin nicht nehmen, bevor es absolut notwendig war. Vittorio ist ein tapferer junger Mann von zehn Jahren und überhaupt nicht wie ich.
Ich ließ das Telefon ein paarmal läuten und erhob mich dann widerwillig. Vor dem großen Panoramafenster blieb ich kurz stehen, ehe ich den Hörer abhob. Es schneite ununterbrochen. Der Garten sah aus wie ein weißhaariger, müder Greis.
Dann hörte ich die Stimme meines Bruders und wußte Bescheid. Aber er wollte nicht sofort zur Sache kommen. Er ließ sich nicht abhalten, über das Wetter zu reden. Na ja, in Huddinge war es kalt und naß, um null Grad, worauf er in den Hörer pfiff und mir mitteilte, daß es in Athen fünfzehn Grad warm sei, einer dieser wehmütigen Tage, glänzend wie der Rücken eines Delphins, mit hohem Himmel und klarer Luft.
Die Sehnsucht landete wie ein linker Haken in meiner Magengrube, aber im Lauf der Jahre habe ich davon viele eingesteckt. Deshalb parierte ich.
«Es geht um Papa, nicht wahr?» fragte ich.
«Er ist sehr krank.»
«Ich nehme morgen früh die erste Maschine.»
«Das ist nicht nötig. Du kannst warten, bis ich wieder anrufe, halte dich aber bereit!»
Dann bat er mich, meine Frau, die er beharrlich «meine schöne Braut Isabella» nannte, von ihm zu grüßen. Meine Frau Isabella mochte es überhaupt nicht, Isabella genannt zu werden. Sie wollte kurz und knapp Bella genannt werden, und ich muß ihr recht geben. Sie ist eine ungewöhnlich schöne Frau.
Nachdem mein Bruder aufgelegt hatte, kehrte ich nicht gleich zum Sofa zurück. Ich wollte meinem Herzen, das stark klopfte, Zeit geben, sich zu erholen, aber meine ungewöhnlich schöne Frau Bella fragte gereizt:
«Wer war es?»
«Mein Vater ist krank!» antwortete ich und bemerkte zu meiner Verwunderung, daß ich kurz davor war, in Tränen auszubrechen.
«Sehr krank?»
Bella sah schon selbst ein, wie dumm die Frage war. Wenn man über neunzig ist und krank wird, ist man immer sehr krank.
«Schlaganfall!» Es gelang mir, im letzten Augenblick die Tränen zurückzuhalten, und ich setzte mich neben sie.
«Bella...» flüsterte ich und wollte noch mehr sagen, konnte aber nicht. Ich wiederholte nur ihren Namen.
«Bella...»
Sie wurde weich. Sie legte Vittorios Fußballdress zur Seite, auf den sie gerade die Ziffer I heften wollte. Vittorio träumte davon, ein großer und berühmter Torwart zu werden. Ich habe einmal davon geträumt, ein gefürchteter Linksaußen zu werden, und ich vergiftete Vittorio mit dem unausgelebten Geheul meiner verlorenen Jugend. Wenn er zu Hause im Wohnzimmer trainierte, war es praktisch unmöglich für andere, sich dort aufzuhalten.
«Was willst du tun?» erkundigte sich Bella mit einer vor Anteilnahme etwas unsicheren Stimme.
«Ich fliege natürlich hin... Aber nicht morgen. Mein Bruder meint, ich könnte warten, bis er wieder anruft.»
Ich muß zugeben, daß ich den Aufschub mit einer gewissen Erleichterung aufnahm. Ich hatte einiges zu erledigen. Ich hatte eine wichtige Verabredung mit einem Repräsentanten des Staates – seit mein Einkommen zu steigen beginnt, habe ich eine solche Verabredung mindestens einmal pro Jahr.
Vor genau drei Tagen habe ich einen großen Literaturpreis bekommen, ich bin also Schriftsteller. Ich stand vor ein paar Hundert Journalisten und Kritikern, habe mir angehört, wie man mein Werk lobte, und dann hat man mir eine Urkunde und einen Scheck überreicht, was zwei unmittelbare Folgen hatte. Zum einen begann Vittorio sofort, nach einem neuen Game-and-Watch-Spiel zu schreien, zum andern erhielt ich einen eiligen Anruf vom Finanzamt.
Ich war jedenfalls glücklich. Am selben Abend rief ich von meiner Wohnung in Huddinge aus in Athen an, und nach den einleitenden Begrüßungsworten mit meiner Mutter bat ich, mit meinem Vater sprechen zu dürfen. Der Alte kam auch gleich ans Telefon.
«Hallo, alter Gauner», brüllte ich in den Apparat, weil sein Gehör nicht mehr das beste ist.
«Dein Sohn ist ein berühmter Mann geworden!»
«Was hast du gesagt?» fragte der Alte, der nur einzelne Laute mitbekommen hatte.
«Ich habe einen großen Preis bekommen!»
Der Alte wandte sich an sein ihm seit fünfundfünfzig Jahren treues Eheweib.
«Hast du das gehört, Frau? Unser Sohn ist verrückt geworden! Er hat eine Geiß bekommen!»
«Nein, keine Geiß, einen Preis!» schrie ich wieder. Ich war ein berühmter Mann geworden, aber plötzlich kam mir der Gedanke, daß das alles ein bißchen lächerlich war.
Aber der Alte verstand mich auch diesmal nicht. Er überließ seiner Frau den Hörer mit den Worten:
«Was sagt unser Sohn? Ich kann nichts verstehen!»
«Ich habe dir schon hunderttausendmal gesagt, daß du dir einen Hörapparat anschaffen mußt! Aber nein, deine Sturheit ist schlimmer als bei einem Esel!» schimpfte meine Mutter.
Ein Streit schien sich anzubahnen, und so teilte ich die erfreuliche Nachricht schnell meiner kleinen Mama mit, die natürlich zuerst ein wenig weinte, dann den alten Mann noch einmal zurechtwies, um danach den Sohn, das heißt mich, darauf hinzuweisen, noch lauter zu schreien. Und der Sohn schrie noch lauter, denn wenn jemand unbedingt von seinem Triumph erfahren mußte, dann war dieser Jemand sein Vater.
Warum?
Schließlich begriff der alte Mann, was der Sohn ihm mitteilen wollte, und es entstand ein langes Schweigen zwischen Huddinge und Athen. Der Sohn hatte den Eindruck, als murmelte der Alte etwas.
«Was hast du gesagt?»
«Hörst du auch schlecht?» zeterte mein Vater.
«Ich habe nichts verstanden!»
«Ich habe gesagt, daß ich jetzt sterben kann!» brüllte mein Vater ergrimmt. Der Alte ertrug es nicht, daß er alt geworden war, er ertrug es nicht, zu erfahren, daß er schlecht hörte und die Augen schwach und die Beine müde waren. Er ertrug es nicht, über neunzig Jahre alt zu sein.
«Du wirst überhaupt nicht sterben!» scherzte der Sohn. «Ich habe dich jetzt unsterblich gemacht!»
«Leck mich am Arsch!» antwortete dieser dröhnend lachende, ehemalige Volksschullehrer, und sicherheitshalber wiederholte er es.
«Leck mich am Arsch!» und damit überließ er den Hörer endgültig seiner Frau, um zu seiner zerlesenen Zeitung zurückzukehren und sich dahinter versteckt seine Brille zu wischen und vielleicht auch seine Augen.
Der Sohn und die Mutter sprachen noch ein Weilchen. Die Mutter Antonia und der Sohn Alexandros, Alekos, Alekakis und endlich von allen Alkis gerufen außer von seinem Gott.
«Bekommst du viel Geld?» wollte meine Mutter wissen.
Ich überschlug die Summe rasch im Kopf. In schwedischer Währung war sie nicht sonderlich imponierend, deshalb beschloß ich, sie in griechischen Drachmen umzurechnen. So wurde es viel Geld. Aber vorsichtshalber fügte ich hinzu:
«Es ist nicht sehr viel Geld, Mama! Es geht um die Ehre, die Auszeichnung!»
Das verstand sie ohne weiteres, und im übrigen war sie keineswegs erstaunt darüber, daß ihr Sohn ein berühmter Mann geworden ist.
Wenn mein Vater eher zurückhaltend war, so war meine Mama um so gesprächiger. Deshalb fuhr sie fort:
«Ich habe das schon gewußt, seit du ein kleiner Knirps warst! Erinnerst du dich noch an Tante Chrisi? Die aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen konnte?»
Meine Mama wartete auf keine Antwort.
«Sie sah es oft in der Kaffeetasse, weißt du. Sie sagte immer zu mir: ‹Antonia, dein Jüngster wird einmal in der ganzen Welt bekannt werden!› Sie hatte recht. Sie hatte in allem recht, aber über Geld hat sie nicht viel gesagt!»
«Es ist nicht sehr viel Geld, Mama!»
«Aha... Du glaubst wohl, wir wollen dich anpumpen!»
«So habe ich es nicht gemeint, Mama!»
Aber die Mutter hörte nicht zu.
«Arme Chrisi! Gott erbarme sich ihrer Seele! Sie war eine gute Frau, sie gönnte es mir, daß ich einen Sohn mit Siegerkranz bekommen habe! ‹Antonia›, hat sie gesagt, ‹dein Jüngster ist mit einem Glorienschein um seinen Dickschädel geboren worden! Mach dir wegen ihm keine Sorgen!› Und ich habe mir nie Sorgen gemacht wegen dir, auch damals nicht, als du allein ins Krankenhaus gegangen bist und sie dir die Mandeln herausgenommen haben! Kannst du dich erinnern?»
Sicher konnte ich mich daran erinnern!
«Nein, jetzt haben wir genug geredet!» erklärte meine Mama. «Obwohl du mit deinem Preis genug Geld hast, jede Telefonrechnung zu bezahlen. Möge Gott auf deiner Seite sein, mein Junge, mein lieber kleiner Sohn!»
Und meine Mama begann ernsthaft zu weinen. Sie verließ sich nie darauf, daß ich auf der Seite Gottes sein sollte. Aber bald fing sie sich und kam endgültig zum Schluß.
«Jetzt werde ich zu deinem Vater gehen und ihm mal was erzählen! Er sagt immer, daß ich ungebildet bin und unbelehrbar wie ein Esel, aber woher kommt es dann, daß so ein Esel wie ich einen solchen Sohn bekommen hat? Kannst du mir das erklären, alter Besserwisser? werde ich ihn fragen. Nein! Das kannst du nicht!»
Damit war das Schicksal meines Vaters für diesen Abend besiegelt. Er würde seine Zeitung nicht in Frieden lesen können.
Ich legte auf und war ein wenig benommen, wie immer nach einem Gespräch mit meiner Mama. Sie vergaß wirklich nichts.
Sie war der Museumsvorsteher der Familie und dessen Wärter gleichzeitig. Sie konnte alle Krankheiten der Kinder aufzählen, deren Liebesgeschichten und Stärken und Schwächen in der Schule; sie kannte die umfangreiche und mit den Jahren stark dezimierte Verwandtschaft meines Vaters weit besser als er selbst, und sie wußte die Namen aller Freunde ihrer Söhne, übrigens nicht nur die Namen, sondern auch die Kosenamen und die Spitznamen sowie eine charakteristische Eigenschaft, wenn eine bestand.
Meine Mama sagte nie: «Thanassis ist heute nachmittag vorbeigekommen», sondern: «Der verrückte Hund Thanassis mit seinem flachen Schädel kam schlauerweise genau in dem Augenblick vorbei, in dem ich die Spinatpastete aus dem Ofen geholt habe, und er hat die Hälfte davon aufgegessen!»
Für meine Mutter existierten keine Abstraktionen; ein Name bedeutete nichts! Ihre Warmherzigkeit machten die Welt und die Menschen konkret. Die Liebe lebt und stirbt mit den Details, das wußte sie.
Ich habe den Sinn meiner Mutter für Details geerbt. Ich erinnere mich an die honigsüße Tante Chrisi, wie sie mit hellseherischem, scharf konzentriertem und forschendem Blick den Kaffeesatz betrachtete. Ich erinnere mich an ihre demütige Geste, wenn sie die Kaffeetasse umdrehte, als würde sie an der Weltachse drehen. Sie war dann erfüllt von einer Kraft, die sie gelassen hinnahm. Umgekehrt hatten die dunklen Mächte keine Geheimnisse vor ihr, sie zeichneten alle ihre Rätsel in phantasievollen Mustern in den Kaffeesatz, ein Werk des Zufalls mit allen Anzeichen göttlicher Vorsehung.
Nun ist die honigsüße Tante Chrisi seit zehn Jahren tot, möge Gott ihrer allumfassenden Seele gnädig sein! Aber sie hat so lange gelebt, bis ihre Söhne verheiratet waren, «und was kann man sich mehr wünschen?»
Ich erinnere mich sehr gut an Tante Chrisi, und ebensogut erinnere ich mich an die sanften Nachmittage in Athen, wenn die Frauen des Viertels zusammen ihren Kaffee tranken, nachdem die Männer wieder an ihre Arbeit gegangen waren. Sie saßen in einem eigenen Kreis, manchmal umgeben vom Lärm und Geschrei der Kinder, und lauschten andächtig, was Tante Chrisi im Kommenden las. Die Sonne fiel schräg auf ihre müden Gesichter, während der Siesta der Männer hatten die Frauen abgespült, genäht, gebügelt und das Essen vorbereitet, aber diese Nachmittagsstunde mit dem Kaffee und der Zukunft gehörte ihnen und der Königin der dunklen Mächte, Tante Chrisi! Aber jetzt war die honigsüße Tante Chrisi seit mindestens zehn Jahren tot. Der Tod hat sich meinem Kreis genähert und war ein eigensinniger Gast, der nie wegging, ehe ihn der Gastgeber zur Tür geleitet hatte, die hinausführte aus der Welt und zu den dunklen Mächten.
Das war vor drei Tagen, und jetzt war mein Vater krank. Der Tod hatte sich noch näher an meinen Kreis herangeschlichen.
2
Ich habe den Sinn meiner Mutter für Details geerbt, aber habe ich auch ihre Warmherzigkeit geerbt?
Das wußte ich nicht. Manchmal erlebte ich meine Erinnerung als eine Art unabhängige Perversität, eine Art dritter Arm, mit dem ich zupacken, aber nicht streicheln konnte.
Nach dem Telefongespräch mit meinem Bruder setzte ich mich zu meiner Ehefrau Bella. Sie legte Vittorios Fußballdress zur Seite und nahm theatralisch meinen Kopf in ihre Hände.
«Warum fährst du nicht morgen?»
«Ich muß mich ja mit dem Steuerprüfer treffen!»
«Er kann warten...»
«Er schon, aber ich nicht. Das kann mich zwischen 30 und 40 000 kosten. Er wartet nur auf eine Gelegenheit, mich zu schätzen.»
«Woher weißt du das?»
«Nach den Briefen zu urteilen, ist sie scharf auf eine Schätzung.»
«Ach so», sagte Bella. «Es ist eine Sie!»
«Weiß ich nicht sicher. Ihr Name kann sowohl männlich wie weiblich sein. Sie heißt Inge Tamej. Sie scheint mit einem Ausländer verheiratet zu sein...»
«Oder ist von einem geschieden!»
«Genau!»
«Du weißt nicht das Alter?»
«Über neunzig...»
«Ich meine die Steuerprüferin.»
«Woher soll ich das wissen?»
«Ich dachte nur, ob...»
«Was ist los? Glaubst du, ich will dich mit einer Steuerprüferin betrügen?»
«Nein! So weit gehst du nicht, nehme ich an!» lachte Bella hart. Ich war mir nicht so sicher, wie weit ich gerade hier gehen würde. Ich küßte Bellas Ohrläppchen, das die merkwürdige Eigenschaft besaß, sich zusammenzurollen und in die Ohrmuschel zu drücken, und ich biß in die Ohrringe, die ich ihr vor einigen Jahren zu Weihnachten geschenkt habe.
Ich dachte daran, welche Intimität wir uns durch Dinge schaffen, das sind die Intimitäten und die gemeinsamen Erfahrungen der neuen Zeit: «Weißt du noch, wann wir dies oder das gekauft haben?»
Die Intimität meines Vaters und meiner Mutter war anderer Art. Wann hatte Vater im Gefängnis gesessen, oder wann ist der jüngste Sohn allein in das Krankenhaus gegangen, um sich die Mandeln herausnehmen zu lassen, die aussahen wie gebrannte Kastanien. Daran erinnerten sich die Menschen, und ihre Intimität bezog sich nicht auf Dinge, sondern auf ihr Zusammensein.
Ich küßte meine Frau noch einmal und verwarf den Gedanken. Gleichzeitig versetzte mir Bella einen scherzhaft gemeinten Rippenstoß:
«Dein Vater liegt im Sterben, und du hast nur schlechte Gedanken!» kokettierte sie.
Ich antwortete nicht. Mein Vater lag nicht im Sterben, mein Vater war unsterblich. Mir fiel nur ein, daß auch wir andere gemeinsame Erfahrungen hatten. Ich habe gesehen, wie sich ihr Schoß wie eine fleischfressende Pflanze öffnete, aber nicht, um Leben zu nehmen, sondern um es zu geben.
Ich küßte Bella erneut, und ich kroch mit den Lippen über ihren Nacken – ich wußte, daß sie da nicht widerstehen kann –, da läutete wieder das Telefon. Diesmal war es eine Journalistin der Zeitung Expressen, die zu dieser relativ späten Stunde wissen wollte, was ich zur Situation der modernen Frau meinte.
Auf meine Frage, warum gerade ich irgend etwas zu diesem heiklen Problem meinen sollte, antwortete sie, daß man von einem Literaturpreisträger erwarte, über alles eine Meinung zu haben.
Diese Antwort, vorgebracht von einer intelligenten und zugleich einschmeichelnden Stimme, gefiel mir, und ich erklärte mich bereit, die Frage am nächsten Tag nach elf Uhr umfassend in meinem Arbeitszimmer zu beantworten.
«Aber ich brauche die Antwort heute!»
«Heute können Sie überhaupt keine Antworten bekommen! Ich bin völlig damit beschäftigt, meine Frau zu verführen», flüsterte ich in ihr Ohr. Die Journalistin lachte und gab nach. Sie würde sich dann morgen wieder melden.
Währenddessen hatte Bella meine Küsse mit einer Kopfbewegung abgeschüttelt und war in das eheliche Schlafgemach gegangen, das in den letzten Jahren mehr und mehr zum Übernachtungsraum geworden war. Ich stellte mir vor, wie sie sich entkleidete, wie sie den Bademantel überzog und mit geheimnisvoller Miene im Bad verschwand. Ich wußte, daß sie im Bett liegend auf mich warten würde, den neuesten feministischen Roman vor der Nase.
Ihre «Entpuppung» dauerte bereits einige Zeit an. Ich war einst verliebt in ein zwanzigjähriges Mädchen, das durch seine schüchterne Lebensfreude daran gehindert wurde, mit dem Studium zurechtzukommen, das sich aber nach zehn Jahren ehelichen Zusammenlebens in eine äußerst effektive Chefsekretärin in irgendeiner staatlichen Institution verwandelt hatte.
Inzwischen hatten wir uns ein Kind zugelegt, den dunkelhaarigen, dunkeläugigen und ziemlich hysterischen Sohn. Er ist während eines Besuches bei ihren Verwandten in der neureichen Stadt nördlich von Mailand entstanden. Dort hatten italienische Mafiosi einen von Polizisten unberührten Zufluchtsort, wo sie sich ungestört damit beschäftigen konnten, ihre Kinder und Kindeskinder zu verheiraten und zu Gott zu beten.
Eines Nachmittags machten Bella und ich einen Spaziergang – ich brauchte nach so vielen frommen Gangstern um mich herum frische Luft –, und wir gingen hinauf in die Berge in ein Dorf mit dem seltsamen Namen Latona. Wir waren kaum angekommen, als ein gewaltiges alpines Unwetter einsetzte. Der Wind pfiff, Schneeflocken wirbelten um uns, und Bellas kunstvolle Frisur ging zum Teufel. Wir waren gezwungen, in Latona in einem elenden, kalten Hotel zu übernachten. Es war so kalt im Zimmer, daß wir die ganze Nacht nicht schlafen konnten, und wenn man außerdem frisch verheiratet ist und einen vortrefflichen französischen Cognac neben dem Bett stehen hat, dann dürfte klar sein, was wir alles angestellt haben, um uns warm zu halten.
Neun Monate später wurde Bella im Danderyds-Krankenhaus von unserem Vittorio entbunden. Vittorio scheint seine Anlagen weder von mir noch von Bella geerbt zu haben, sondern eher von dem alpinen Sturm, in dessen Winden er konzipiert wurde, und vom ersten Augenblick an konnte er mich nicht leiden.
Ich war natürlich dabei, als er an das Licht der Welt gezogen wurde, und sein markerschütternder Schrei war so fürchterlich, daß ich die ganze Zeit Bella ansehen mußte, die mit rotem Gesicht und Schweiß auf der Stirn auf dem Entbindungstisch lag, um mir zu versichern, daß das, was sie gebar, ein Kind war.
Später, als Vittorio auf Bellas Brust lag und zufrieden schnorchelte, brüllte er jedesmal, wenn ich in seine Nähe kam. Bella zwang ihren Sohn, mich anzusehen, aber der dunkle, wäßrige Blick des Kindes verfluchte mich ein für allemal. Er brüllte noch mehr und beruhigte sich erst, als ich den Raum verlassen hatte.
Meine Schwiegermutter, die fromme Gangsterfrau Sofia Monarka, bekreuzigte sich und murmelte unzusammenhängende Tiraden auf Latein. Doch mein Schwiegervater Cosimo M. Monarka, der sich noch nicht in das Zimmer gewagt hatte und auf dem Flur in der alten Männern typischen Art mit den jungen finnischen Hilfsschwestern flirtete, tröstete mich.
«Alle gesunden Söhne hassen ihre Väter!» erklärte er mir und betrachtete kritisch einen schwesterlichen Hintern, der auf klappernden Holzschuhen vorbeiging. Und dann fuhr er fort:
«Als Vittorio Emanuele Kronprinz war, versäumte er es nie, seinen Vater, den König, anzupinkeln, wenn er auf seinem Schoß saß. Oh, ich weiß es noch, als sei es gestern gewesen, es stand in allen Zeitungen!»
Und er würde tagelang seine Königsgeschichten fortspinnen – sein Entsetzen vor dem Zimmer mit den Frauen war größer als der Wunsch, seinen Enkel zu sehen –, wenn nicht meine Schwiegermutter, eine hochgewachsene, norditalienische Gräfin, die ihren Mann so mitleidig, ach so mitleidig verachtete, daß ihm Tränen in die Augen stiegen, wenn er daran dachte, herausgekommen wäre und ihn an das Lager der Tochter, die in ihrem Bett thronte und vor Glück heulte, gezogen hätte. Ich kenne niemanden, weder unter den Lebenden noch unter den Toten, der eine solche Vorliebe für heruntergekommene Adelige und königliche Hoheiten im Exil hat wie mein Schwiegervater. Er verließ Italien, als Mussolini die Macht übernahm, nicht aus Protest gegen den Faschismus – Faschist war er von Geburt, durch die Erziehung und aus alter Gewohnheit –, sondern deshalb, weil Mussolini sich seines Vittorio Emanuele entledigt hatte.
Cosimo M. Monarka irrte quer durch Europa auf der Suche nach dem Land, wo ihn die Behörden am wenigsten verfolgten, das war die eine Bedingung, die andere war, einen sicher auf seinem Thron sitzenden König zu finden. Den gab es nur in Norwegen und Schweden, und er entschied sich für Schweden, dessen König Archäologe war und in Italien Ausgrabungen machte.
Cosimo M. Monarka hatte genug Geld. Er begann seine Laufbahn in dem schmutzigen süditalienischen Dorf San Domenico unter seinem richtigen Namen Cosimo Vighliaco, und mit dreißig Jahren war er Bankier in Mailand und frisch verheiratet mit der verarmten Gräfin Sofia Medici, die in einem Schloß wohnte und tagaus, tagein Spaghetti aß.
Niemand wußte, wie ihm das so schnell geglückt war, alle sprachen sie von seinen Verbindungen zur Mafia, aber keiner wußte oder sagte Genaueres. Von sich aus erzählte er niemandem etwas, am wenigsten seiner Ehefrau, aber ich habe ab und zu beobachtet, wie junge, dunkelhaarige Männer sein unscheinbares Büro in Gamla Stan (Altstadt von Stockholm) aufsuchten, wo er Antiquitäten per Post verkaufte. Alle küßten ihm die Hand und nannten ihn «nonno».
Ich redete ihn mit seinem Vornamen Cosimo an, obwohl er gerne von mir als «Papa» tituliert worden wäre. Doch er ertrug meine Unart, das einzige, was er nicht vertragen konnte, war, wenn ich Fragen stellte nach dem mystischen Buchstaben zwischen dem Vor- und dem Nachnamen. Er nannte sich ja Cosimo M. Monarka.
Einmal fragte ich seine Tochter, also meine Frau Bella, was dieses «M» bedeuten solle. Es stand für Medici, dem Namen der Gräfin, und mein Mafioso von Schwiegervater strebte nach dem adeligen Namen, aber so weit zu gehen, den Namen seiner Frau anzunehmen, wagte er nicht.
Dabei bestand eine verblüffende Ähnlichkeit zu Cosimo Medici, dem großen florentinischen Bankier und Mäzen, der Henrik Tikkanen zufolge «die Schönheit überall außer im Spiegel» sehen konnte. Mein Schwiegervater war ganz einfach ungewöhnlich häßlich. Sein Gesicht war rund wie eine Wassermelone, die Augen waren schmutziggrau, klein und so eng beieinander, wie bei einem Schwein; die Augenbrauen waren breit und buschig, und mitten in dem Ganzen thronte die Nase wie ein Felsvorsprung, zu dessen Füßen sich zwei tiefe, dunkle Höhlen auftaten: die Nasenlöcher, voller weißgrauer Haarbüschel, die sich bewegten, wenn er den Rauch seiner stinkenden Zigarren ausblies.
Der Oberkörper war lang und kräftig, doch die Beine waren kurz und krumm. Wenn er ging, erinnerte er an die Broadwaymaschinen, mit denen man die Trottoirs sauberhält. Aber seine Anzüge waren maßgeschneidert in Florenz, seine Schuhe entweder Murati oder Bally, und seine Hemden kamen in Dutzendpackungen von Madame Rinaldi aus Ravenna. Nur Seide durfte die Teile seines Körpers berühren, die nicht von dem ewigen Wollunterhemd bedeckt waren, eine Angewohnheit aus den kalten sardischen Nächten, als er nicht nur einmal unter freiem Himmel übernachtete.
«Wer ein Bauerntölpel ist, bleibt einer!» gackerte er, wenn seine Frau oder seine Tochter versuchten, ihm das Unterhemd abzugewöhnen. Aber mir pflegte er Lektionen zu erteilen in der Kunst, sich elegant zu kleiden.
«Ein Hemd muß so lang sein, daß man es unter den Arsch schieben kann!» schrie er am Mittagstisch. Er verabscheute kurze Hemden, weite Jacken und enge Hosen.
«Ein Sakko darf nicht wie eine Trainingsjacke aussehen!» stellte er fest und, «enge Hosen sind für Schwule», und er zwang mich, ständig teurere Kleidung zu kaufen.
Seine Methode war ebenso einfach wie wirksam. Er kippte ganz einfach Tinte oder Ketchup auf die Anzüge, die sein Mißfallen erregten. Dann lachte er und entschuldigte sich mit einem Augenzwinkern.
Seine Tochter drohte, ihn von den gemeinsamen Sonntagsessen der Familie auszuschließen, aber der alte Mafioso wußte es besser. Wir lebten gut dank seines Geldes, und durch das Geld regierte er über seine Familie wie ein russischer Großfürst über seine leibeigenen Bauern. Vittorio, unser Sohn und Cosimos Enkel, verehrte ihn, und was Vittorio haben wollte, bekam er, sowohl von seiner Mutter wie von mir. Aber il pappo gegenüber benahm er sich wie ein Engel. Umgekehrt war der alte Cosimo sehr angetan von seinem Tochtersohn, und er wiegelte ihn heimlich auf gegen uns, seine wankelmütigen Eltern.
Cosimo und Vittorio waren sich in vielen Punkten einig, besonders aber in einem: Vittorio wollte Geschwister und Cosimo mehr Enkel.
«Ein Kind ist kein Kind», polterte Cosimo. Seine Frau Sofia sagte nichts, sie hatte es auch nicht besser gemacht.
«Dann bin ich wohl kein Kind?» beschwerte sich Bella.
«Du bist sogar nur ein Mädchen!» antwortete Cosimo ungerührt, und Bella wurde wütend.
Vittorio hatte sich frühzeitig gemerkt, wo seine Mutter ihre Pille versteckt hatte und ich meine Präservative. Einmal ertappte ich ihn auf frischer Tat, als er mit einem Hammer auf dem harten Boden im Bad Antibabypillen zerschlug und dabei ergrimmt flüsterte:
«Verfluchte Mörder! Verfluchte Mörder!»
Obwohl es eigentlich überflüssig war, fragte ich ihn, was er treibe, und er zögerte nicht mit der Antwort. Mit triumphierendem Lachen und blitzenden Augen rief er:
«Ich will einen kleinen Bruder haben!»
«Und was glaubst du, was wir sind? Eine Gebärfabrik?» Ich mußte mich offensichtlich jedesmal mit Vittorio streiten.
«Il pappo hat gesagt, daß ihr soviel Kinder bekommen könnt, wie ihr wollt!»
«Alles, was il pappo sagt, ist nicht wahr! Es fragt sich, ob jemals etwas wahr ist! Und außerdem hat er selber nur ein Kind. Hat er dir gesagt, daß du diese Pillen hier zertrümmern sollst?»
«Ja natürlich!»
«Ach so... Weißt du, was das für Pillen sind?»
«Glaubst du, ich bin blöde? Ich habe im Fernsehen gesehen, was es für Pillen sind!»
«Auch das noch!» entfuhr es mir. Da hatten wir neben Cosimo auch noch das Fernsehen gegen uns.
«Jedenfalls hörst du jetzt auf, hier auf dem Boden herumzuhämmern. Hast du übrigens das kleine Päckchen, das in der Schublade meines Nachttisches lag, weggeworfen?»
«Meinst du diese widerlichen Präservative?» fragte Vittorio herausfordernd.
«Ja!» sagte ich, schon nicht mehr wütend.
«Nein! Das war il pappo!»
Der große Vorteil an einem Sohn, der einen haßt, besteht darin, daß man von ihm immer die Wahrheit erfährt.
Am selben Abend ging ich in Cosimos Büro in Gamla Stan. Ich fand ihn zwischen seinen fiktiven Waren, fiktiv deshalb, weil er praktisch nie eine der ausgestellten Gegenstände verkaufte, und er wußte sofort, was mein Anliegen war. Mein Vittorio hatte ihn natürlich angerufen.
Wir hatten eine heftige Diskussion. Das heißt, ich war heftig, Cosimo verzog keine Miene. Geduldig hörte er sich alle meine Vorwürfe an, paffte seine «Romeo und Julia», eine Zigarre, die nicht mehr nach Schweden importiert wird, die er sich aber immer irgendwo besorgt, und als ich fertig war und etwas außer Atem, erhob er sich aus seinem Stuhl, ging drei Schritte in meine Richtung, und im Abstand von zwanzig Zentimetern vor meinem Gesicht detonierte ein gewaltiger Lippenfurz.
«Ist das alles, was du mir zu sagen hast?» fragte ich angewidert.
«Ja!» antwortete er und setzte sich wieder.
3
Als ich in das Schlafzimmer kam, fand ich Bella genauso, wie ich es vorausgesehen hatte: im Bett liegend, das lange, goldbraune Haar über das weiße Kissen gebreitet, das ihr Gesicht schwach von unten anstrahlte und ihm eine neue Dimension verlieh. Die Dimension des Lichts, die Bella normalerweise durch ihre ungewöhnlich dunklen Augen bekam, die so dunkel waren, daß das Weiße darin unwirklich erschien.
Sie las einen neuen Roman von Fay Weldon, «Praxis». Sie schien ganz darin versunken zu sein, und ich sagte nichts. Ich legte mich neben sie, die Arme verschränkt, und dachte an die heroischen Jahre zwischen 68 und 70, als wir auf der Universität den Begriff «Praxis» beim jungen und beim älteren Marx diskutierten.
Da ist nicht mehr viel geblieben von all diesen Jahren. Das meiste ist in der Alltagsroutine aufgegangen, aber eines haben wir gelernt: offen zu reden. Sowohl Männer wie Frauen lernten in diesen Jahren, offen zu reden, und daran hatten wir einen verzweifelten Bedarf.
Ab und zu warf ich einen kurzen Blick auf Bella, in der Hoffnung, sie würde auf irgendeine Weise kundtun, daß meine neben ihr liegende Existenz in ihr Bewußtsein gedrungen war. Aber Bella las ungerührt mit ihren großen, dunklen Augen, die vor Konzentration glänzten.
Schließlich wandte ich ihr den Rücken zu und versuchte einzuschlafen. Sobald ich ihr den Rücken zugewandt hatte, löschte sie das Licht, und bereits nach ein paar Minuten hatte sie alle Stufen vom Einschlafen bis zum Tiefschlaf mit kleinen Grunzlauten und lustvollen Schnarchlauten durchlaufen. Ich konnte nicht einschlafen. Teils wegen der noch anhaltenden Erregung durch unsere Küsse und teils wegen einer unbestimmten Unruhe. Ich hatte das Gefühl, daß ich bereits auf dem Weg zu meinem Vater hätte sein sollen. Ich stieg aus dem Bett und ging in die Küche, wo ich mir einen großen Whisky einschenkte und mich mit einer Zigarette hinsetzte.
Aber ich stand abrupt wieder auf, ließ die Zigarette liegen und ging mit dem Glas in der Hand hinauf ins Obergeschoß, wo Vittorio sein Schlafzimmer hatte. Die Tür stand halb offen, und im vom Flur hereinfallenden Licht konnte ich ihn betrachten, wie er im Schlaf den Daumen im Mund hatte, umgeben von elf Schlümpfen, von denen die meisten während der Werkstunden in der Schule selbst produziert worden waren.
Er bastelte immer Schlümpfe, und er behandelte sie mit großer Vorsicht und gab ihnen Namen und Eigenschaften, und vor allem hatte jeder Schlumpf einen Platz in Vittorios Fußballmannschaft. Sein absoluter Favorit war ein ziemlich kleines, unförmiges Individuum, das einem Hund ähnelte und den Torwart spielte.
Eine Weile starrte ich Vittorio an, ohne an etwas zu denken. Er schlief ganz friedlich, atmete aber immer noch schwer. Wenn er da so schutzlos lag, mochte ich ihn, und ich mußte mich zusammennehmen, ihn nicht zu streicheln. Denn er hatte einen zu leichten Schlaf, und das war die Eigenschaft, die mich mehr oder weniger überzeugte, daß er mein eigen Fleisch und Blut war.
Ich habe auch einen sehr leichten Schlaf. Ein Schmetterling kann mich wecken, ein Lichtstreif kann mich wecken, und genauso leicht, wie ich geweckt werden kann, genauso schwer fällt es mir einzuschlafen. Ich erinnere mich nie an das Einschlafen, aber es kann sein, daß mir mein Gedächtnis hier einen Streich spielt.
Vittorio kann auch nicht einschlafen. Wird er einmal geweckt, bleibt er wach. Es passiert oft, daß wir ihn mitten in der Nacht in seinem Zimmer herumtappen hören, und manchmal kommt er zu uns herunter und legt sich zwischen Bella und mich, obwohl er selten irgendwelche ödipalen Beschwerden zeigt. Er mag nur zufällig Bella mehr als mich, und das beruht nicht nur darauf, daß ich sein Vater bin.
Irgend etwas gibt es an mir, das er nicht ausstehen kann. Ich weiß nicht was.
Schließlich gab ich meinem Impuls, ihn berühren zu wollen, nach und legte ganz vorsichtig meine Hand auf seine schwarzen Locken. Er wurde nicht wach, öffnete aber im Schlaf die Augen und sah mich mit dem gleichen wäßrigen und abwesenden Blick an wie damals, als er aus dem Schoße seiner Mutter kam.
Ich ging hinunter zu meiner Zigarette, die inzwischen ausgegangen war. Ich zündete mir eine neue an und nahm mir vor, ganz bewußt an meinen Vater zu denken, schaffte es aber nicht. Er zerlief ebenso wie nasser Schnee, der sich auflöst, sobald er die Erde berührt.
Ich hatte das unklare Gefühl, als sei ich zu falscher Zeit am falschen Ort. Ich müßte woanders sein, aber wo? Bei meinem sterbenden Vater? Lag er im Sterben?
Dann mußte ich an andere Dinge denken. Es schneite immer noch, und ich sah einen Fuchs relativ sorglos über das Grundstück laufen und in der schneehellen Dunkelheit verschwinden.
Ich trank meinen Whisky, drückte die Zigarette aus und legte mich wieder neben Bella. Sie erwachte nicht. Sie wacht praktisch nie auf. Das ist gut zu wissen – manchmal.
Lange lag ich still. Schließlich schlief ich ebenso still ein.
Ich war nicht vorbereitet auf den Traum, der meinen Schlaf heimsuchte. Ich verlebte einen langen und langsamen Nachmittag, und es war schätzungsweise ein Sonntag. Ort: Petersburg, inzwischen Leningrad, aber im Traum das alte Petersburg, das ich nie gesehen hatte. Auch Leningrad habe ich nie gesehen.
Das Eindrucksvollste war die Leichtigkeit. Alles war leicht, es war, als bewegte man sich in einem Vakuum. Ich schlenderte am Nevskij Prospekt entlang, die Menschen waren gekleidet wie zur Zeit von Dostojewski, und der Fluß war im unbarmherzigen Winter zu Eis erstarrt – wie es die russischen Klassiker beschreiben.
Vereinzelte Paare fuhren auf der gefrorenen Eisfläche des Flusses Schlittschuh in langen, weiten Kurven. Eine Großfürstin fuhr in einem Vierspänner vorüber. Hinter mir befanden sich keine Menschen.
Alle Menschen standen vor mir oder gingen mir entgegen. Ich hatte keine Angst. Ich war nur ein bißchen verwirrt. Von wo kam ich? Und warum kam hinter mir niemand mehr?
Mir fiel eine junge Frau auf, deren Gesicht mir bekannt vorkam und die ich allmählich wiedererkannte als die Frau eines bekannten Juristen, der im Traum allerdings Jude war. Aus welchem Grunde, weiß ich nicht.
Sie kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mit ihr Schlittschuh fahren wolle. Ich antwortete, daß ich nicht Schlittschuh fahren könne, es nie gekonnt habe, ja es sogar verabscheute, Schlittschuh zu fahren, und ich war dabei, geschwätzig und einfältig zu werden, als die junge Frau lachte und ausrief:
«Aber Sie fahren ja wunderbar!»
Tatsächlich fuhren wir auf der zugefrorenen Neva Schlittschuh, was leider vor den hohen Mauern des Kreml zu Ende war, und ich war nicht einmal darüber erstaunt, sondern wandte mich an die junge Frau und flüsterte höflich:
«Ich liebe Sie!»
Die junge Frau verlor nicht die Fassung, sondern streichelte mir mit ihrer behandschuhten Hand über die Wange, lachte mich an und meinte herausfordernd:
«Beweisen Sie es!»
Auf diesen koketten Vorschlag reagierte ich nicht. Dafür zog ich ein paar verwegene Kurven und begann dann, die Kremlmauer hinaufzuklettern, die sich jedoch als sehr glatt erwies, und ich stürzte ab.
Ich erwachte und schlief nicht wieder ein. Draußen schneite es nach wie vor. Ich blieb im Bett liegen und wartete, bis es hell werden würde.
4
Am nächsten Tag kam ich mehr als eine halbe Stunde zu spät an meinen Arbeitsplatz in der Werbeagentur «Idee und Bild». Der Pendlerzug hatte wieder zugeschlagen. Zuerst blieb der Zug um 7.53 aus. Danach hörte man ein Lautsprechergesäusel, das wir mit gespannter Aufmerksamkeit zu entschlüsseln versuchten.
«Das wird unser Rätsel des Tages!» murmelte mein allmorgentlicher Reisebegleiter, ein anderer Grieche, der im Norden von Stockholm einen kleinen Betrieb hatte.
Wir trafen uns fast jeden Tag am Zug. Einer Frau, die in der Nähe stand, war es jedoch geglückt, die Ansage zu verstehen. Der Zug 8.04 war ausgefallen, der Zug 7.53 würde nie kommen, und der Zug 8.23 hatte fünf Minuten Verspätung.
Neue Busladungen von Menschen drängten sich in das kleine Bahnhofsgebäude, das aussah wie ein altes und nicht mehr brauchbares Sommerhaus. Wir hatten da drinnen keinen Platz mehr. Mein mitreisender Grieche und ich begaben uns hinaus in den kalten Wind. Es hatte aufgehört zu schneien.
«Neuigkeiten von zu Hause?» fragte er.
«Nichts Besonderes...»
Ich wollte eigentlich von dem nächtlichen Telefonanruf meines Bruders erzählen, ließ es aber bleiben.
«Und bei dir?» fragte ich.
Er rieb sich die Stirn, als müsse er nachdenken, und nach einer Weile antwortete er mit etwas heiserer Stimme:
«Alles wie es sein soll!»
Es entstand eine kurze Pause. Wir stampften auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und dann schien mein Landsmann genug geschwiegen zu haben. Er stellte die unter uns verheirateten Griechen übliche Standardfrage. Er war mit einer Griechin verheiratet, und seine Kinder sprachen fließend griechisch, während mein Vittorio nicht mehr konnte als ein paar Flüche.
«Vögelst du irgendwo gastweise?» Damit ist gemeint, ob man sich neben der Ehe noch extra betätigte. Jeder anständig verheiratete Grieche mußte auf diese Frage mit einem geheimnisvollen Lachen antworten, begleitet von einem:
«So gut es geht!»
«Und du?»
«Ebenfalls!»
Natürlich logen wir beide.
Aber es war ein souveränes Gefühl, hier mitten unter Dutzenden von Schweden zu stehen und über unanständige Dinge zu reden, so als würden wir die innenpolitische Lage erörtern. Ich überlegte, was diese konspiratorische Verwendung der Sprache für eine Auswirkung hatte auf unser Verhältnis zur Sprache und, weitergehend, auf unser tiefstes «Ich».
Eine Geheimsprache ist eine Geheimwaffe. Menschen, die eine Geheimwaffe besitzen, wie werden sie davon beeinflußt?
Endlich kam der Zug. In der Zwischenzeit hatten sich alle Leute, die normalerweise auf drei verschiedene Züge verteilt werden, auf dem Bahnsteig versammelt. Zum erstenmal seit langer Zeit sah ich, daß ein Tumult ausbrach. Wir stürzten zu den Türen, die sadistischerweise noch einen Moment verschlossen blieben, und als sie sich öffneten, drängelten wir uns vorwärts, die Ellbogen wie spitze sizilianische Stilette benutzend.
Besonders mein Landsmann und ich drängelten. Ich sah, wie er von der vorwärtswallenden Masse verschluckt wurde und weit drinnen im Wagen verschwand, während ich noch zur Hälfte vor der Tür hing. Er versuchte zu winken, aber das war unmöglich, so lachte er nur, und ich lachte zurück.
Schließlich kam ich auch hinein. Vor mir war ein älterer Herr, der sofort seine Zeitung entfalten wollte, ohne Erfolg. Er fluchte leise und gab es auf. Da und dort im Waggon hörte man Gelächter und Gestöhne. Manche hatten sich bereits beruhigt. Leider war ich nicht unter ihnen.
Es roch nach nasser Wolle, und so ein Geruch ruft bei mir allergisches Niesen hervor. Wir sind eine Familie voller Allergien. Meine Mutter hat Ekzeme, der Bruder meiner Mutter hat Ekzeme, mein Bruder hat Asthma, mein Sohn hat sowohl Asthma als auch Ekzeme, ich niese und habe Migräne.
Der einzige, dem nichts fehlt, ist mein Schwiegervater Cosimo M. Monarka. Meine Schwiegermutter Sofia hatte sowohl Migräne als auch Allergien, Bella ist überwiegend gesund, hat aber ein kaputtes Kreuz und dauernd Schmerzen in der rechten Schulter. Und mein Vater hat seit fünfzig Jahren ein Magengeschwür.
Trotzdem war es nicht das Magengeschwür, das ihn jetzt quälte. Jetzt war es das Alter, das mit einem endgültigen Zusammenbruch drohte. Jetzt hatte der Feind unmittelbar die Lebenslust angegriffen.
Das Magengeschwür machte ihm seit langem zu schaffen. Mehrmals war es durchgebrochen und hatte ihn an den Rand des Todes gebracht, aber er ist jedesmal davongekommen. Beim letztenmal, als er mit offenem Magengeschwür eingeliefert wurde, war ich zufällig in Athen, um die Herausgabe eines meiner Bücher zu überwachen.
Ich hatte beschlossen, im Hotel zu wohnen statt zu Hause bei meinen Eltern. Ich wollte ungebunden sein, wollte nicht spät nachts nach Hause kommen und wissen, daß meine Mutter wach ist und wartet genau wie damals, als ich fünfzehn war. Ich bin vor einer Weile vierzig geworden, bin verheiratet und habe ein Kind. Doch meine Mutter weigert sich, mich als etwas anderes zu sehen als ihren jüngsten Sohn, der für immer jung bleibt.
Ich kann nicht einmal behaupten, daß mir die Rolle mißfiel. Sie hat viele Vorteile. Ich konnte Fehler machen, die meinen älteren Brüdern verboten waren, ich konnte mehr als sie aufschneiden, und es wurde als Ausdruck meines jugendlichen Charmes hingenommen. Meine Brüder wurden älter, ich blieb dagegen jung.
Gleichzeitig wollte ich wie ein erwachsener Mann leben. Ich wollte für mich sein können, wollte kommen und gehen nach eigenem Gutdünken, und das war zu Hause bei Mutter und Vater unmöglich. Also wohnte ich im Hotel, ein Hotel, das ich sehr sorgfältig ausgewählt hatte, um mir einen meiner sehnlichsten Wünsche der Jugend zu erfüllen: nämlich einmal in einem schönen Zimmer zu erwachen, das Fenster zu öffnen und zu sehen, wie sich die Akropolis erhebt aus dem ganz besonderen Morgennebel Athens, der die Stadt in einen geschäftigen und heiteren Traum verwandelt.
An einem solchen Morgen rief mein Bruder an und teilte mir mit, daß unser Vater wegen eines durchbrochenen Magengeschwürs in das Krankenhaus gebracht worden sei. Ich setzte mich sofort in ein Taxi und fuhr zum Krankenhaus.
Ein solches Krankenhaus hatte ich in Schweden seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Es war laut, schmutzig und verraucht und lag an einer stark befahrenen Straße. Es war Sommer, und alle Fenster waren geöffnet, um den Patienten die Hitze erträglicher zu machen.
Mein Vater lag in der vierten Etage ganz nahe am Fenster. Neben sich hatte er einen Mann, dem man ein Bein amputiert hatte und der unter höllischen Schmerzen litt. In dem kleinen Zimmer drängten sich seine Frau und zwei kleine Kinder, die ununterbrochen heulten.
Mich packte eine fürchterliche Wut, und ich verlangte, daß man meinen Vater sofort verlegen solle, aber die Krankenschwester reagierte auf meine Vorwürfe mit wehmütigem Erstaunen.
«Warum regen Sie sich unnötig auf? Der alte Mann merkt sowieso nichts!»
Erst da begriff ich, daß mein Vater im Koma lag. Mein Bruder, der neben mir stand, nickte bestätigend.
«Diesmal kann ihn nur ein Wunder retten!»
Ich betrachtete meinen Vater, der mit geschlossenen Augen dalag. Sein Gesicht war ganz bleich. Er hatte viel Blut verloren. Man ernährte ihn künstlich durch die Nase. Mein Bruder meinte, es sei sinnlos, daß wir blieben. Er würde in keinem Fall erwachen, und es war bereits eine private Krankenschwester bestellt. Außerdem sollte jeden Augenblick unsere Mutter kommen.
Wir verließen das Krankenhaus, setzten uns in ein Café und bestellten, soweit ich mich erinnere, Kaffee und Kuchen.
«Glaubst du, daß wir den Alten verlieren?» fragte ich.
«Er ist schon einmal mit so etwas fertig geworden!» antwortete mein Bruder und schob den Kuchenteller weg. Dafür trank er den Kaffee in einem Zug aus.
«Wir müssen uns um ein besseres Zimmer kümmern...»
»Es gibt kein besseres Zimmer! Wir können höchstens den andern Patienten fragen, ob er bereit ist umzuziehen. Dazu müßten wir natürlich die Krankenschwester und den Arzt schmieren!»
«Ach so läuft das!» bemerkte ich naiv.
«Wir sind hier nicht in Schweden!» stellte mein Bruder fest und lachte traurig.
Ich sah ihn an. Mein Gott, welche homerischen Kämpfe hatten wir ausgetragen. Er war sechs Jahre älter als ich. Er war der Große in der Familie, er war geschickt in allem, was er sich vornahm. Allerdings nahm er sich nie etwas vor, was meinen Eltern gefiel. Ich bewunderte meinen Bruder, aber er fing an, alt zu werden.
Nur in dem grünen Blick konnte ich noch den jungen Mann ahnen, der sich nach einem Mittagessen mit Bergen von Spaghetti für einen allgemeinen studentischen Wettkampf über 1500 Meter meldete, barfuß und mit den im Magen schlingernden Spaghetti loslief und gewann, mit dem besonderen Lachen, das ihm eigen war: die Welt gehört mir, und wenn die Welt 1500 Meter lang ist, soll mir keiner zuvorkommen.
Aber jetzt fing er an, alt zu werden, und die Welt ist nicht die seine geworden. Früh wurde er in einen Beruf hineingedrängt, der ihm nicht gefiel, seine flinken Beine schlugen Wurzeln an einem Schreibtisch, seine sensiblen Finger konnten nie auf der Gitarre üben, was seine Leidenschaft war, und sein großes Lachen war mehr und mehr zusammengeschrumpft zu einem kleinen, ein bißchen verbitterten Grinsen. Und ich stellte auf einmal erstaunt fest, daß meine Bewunderung überging in Liebe. Erst jetzt, wo wir beide anfingen, alt zu werden, und unser Vater dabei war, in einem schäbigen Krankenhaus zu sterben, erst jetzt vertauschten wir unsere Rollen: er war stolz auf mich, und ich liebte ihn.
Der Abstand zwischen uns in den vergangenen achtzehn Jahren hatte sich bemerkbar gemacht. Wir waren lange nicht mehr zusammen gewesen, aber dort in dem kleinen, lauten Café wurden wir wieder zu Brüdern, nicht langsam und zögernd, sondern mit einem Schlag, blitzartig. Ich fragte:
«Wie geht es dem Schwanz?» Mein Bruder war auch verheiratet.
«Wie einem König, der um der Liebe willen beabsichtigt abzudanken!» antwortete er, und wir kehrten zurück zu unserem sterbenden Vater, der damals doch nicht starb, sondern uns vielmehr eine Lektion erteilte, was es heißt, leben zu wollen. Zwei Krankenschwestern hielten ihn fest. Eine drückte seinen Kopf auf das Kissen, und die andere umschlang seine Beine auf eine Art, die mehr Kraft erforderte als Liebe. Der Schlauch an seiner Nase hatte sich gelöst, und die nährenden Tropfen fielen wie Tränen des Lebens auf sein Gesicht. Er versuchte sich loszureißen, er wollte aufstehen, und sein Blick war fremdartig und wütend. Er schrie unaufhörlich.
«Bringt ihn hinaus! Weg von hier! Er soll hier niemanden holen!»
Die Krankenschwestern waren ganz weiß vor Entsetzen. Eine von ihnen war noch sehr jung. Sie weinte und bat den Alten:
«Lieber Herr Kallides, hier ist niemand. Nur wir sind da, und gerade sind Ihre Söhne gekommen!»
Aber der Alte war unfähig zuzuhören. Er begann wieder zu schreien, er deutete mit seinen alten, aber sehr schönen Fingern – er hatte völlig symmetrische Halbmonde unter seinen stets weißen Nägeln, die er sorgfältigst pflegte –, er deutete auf einen dunklen Punkt im Zimmer und brüllte wieder:
«Werft ihn hinaus! Werft ihn hinaus! Er ist rabenschwarz!»
Die ältere Krankenschwester, deren Lippen blau waren, als würden sie frieren, schlug das Kreuzzeichen und murmelte fast unhörbar:
«Dieser Mensch hier will nicht sterben!»
Damals wollte er nicht sterben. Er war beinahe neunzig Jahre, aber er wollte nicht sterben. Das Blut rann aus ihm, aber sein Gehirn bekam noch genug.
Mein Bruder und ich sahen uns an. Er war bleich. Wie ich aussah, weiß ich nicht. Erschreckt vielleicht. Ich blickte zu dem dunklen Fleck im Zimmer, wohin der Alte mit seinen schönen Fingern deutete. Der Punkt war immer dort gewesen, und er würde immer dort sein.
Wir baten die Frauen, das Zimmer zu verlassen. Sie zögerten, aber mein Bruder versicherte ihnen, daß wir damit fertig werden würden. Sie gingen hinaus. Wir saßen jeder auf einer Seite des Bettes. Wir drückten sanft auf seine Brust. Wir flüsterten ihm ununterbrochen zu:
«Kennst du uns nicht? Wir sind deine Söhne.»
Vorsichtig steckten wir den Schlauch in sein Nasenloch.
Der Alte wurde müder und müder. Er schrie weiterhin, versuchte aber nicht mehr aufzustehen. Es war zwei Uhr nachmittags. Ich rief meine Mutter zu Hause an und sagte, daß es Papa gutginge und sie brauchte nicht zu kommen. Wir würden noch eine Weile bei ihm bleiben und danach käme die Nachtschwester. Sie beruhigte sich.
Ich wurde zuerst müde. Die Augen fielen mir immer wieder zu, aber mein Bruder hielt durch. Das habe ich seit jeher gewußt. Seine Psyche war stärker als sein Körper, genau wie bei meinem Vater.
Ich war der Sohn eines sehr starken Menschen, und ich war der jüngere Bruder eines ebenso starken Menschen.
Ich wüßte gerne, was das für mich bedeutet.
Die Stunden vergingen. Der Alte schlief ein. Er sprach wirr durcheinander, manchmal flüsterte er den Namen seiner ersten Frau, meine Mutter war seine zweite Frau. Manchmal redete er von seiner Heimat, der dunklen Küste an der türkischen Seite des Schwarzen Meeres, auf griechisch Efxinos Pontos, was in der derben Ironie der Griechen «die gastfreundliche Bucht» bedeutet.
Sie war überhaupt nicht gastfreundlich, von Anfang an hieß sie Axinos Pontos, «die ungastliche Bucht», aber die Griechen konnten einen Namen nicht ertragen, der etwas anderes als die einfache Wahrheit aussagt. Welcher Grieche hat sich jemals um die einfache Wahrheit gekümmert?
Gegen zwei Uhr morgens konnte ich nicht mehr. Mein Bruder sah es, und ohne den geringsten Vorwurf sagte er zu mir, ich solle mich unten in der Halle hinlegen, dort stünde ein Sofa.
«Aber du weckst mich, dann löse ich dich ab!» schlug ich vor.
Mein Bruder nickte zustimmend. Aber er weckte mich nicht vor sechs Uhr morgens. Sein Blick war glasig vor Müdigkeit und Kraft.
«Er hat es geschafft!» sagte er nur.
Ich ging mit verschlafenen Augen hinein zu meinem Vater. Er lag ruhig im Bett. Seine Wangen hatten wieder ihre dunkelgraue Farbe, der Bart war während der Nacht gewachsen. Er lächelte matt, und mit blinzelnden Augen, den Augen, die ich so liebte, begrüßte er mich mit den Worten:
«Willkommen zur Auferstehung!»
Mein Bruder lachte, und zum erstenmal seit langem erkannte ich sein großes Lachen wieder, seinen Schlüssel zur Welt. Ich sollte das Lachen nie mehr hören.
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