Kitabı oku: «Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft»

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Theodor Rohmer

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066115142

Inhaltsverzeichnis

Vorwort.

Einleitung. Das deutsche Bewußtsein.

Erster Theil. Deutschland und seine Geschichte.

Kapitel I. Entweder — oder.

Kapitel II. Aeußere Anschauung der deutschen Geschichte.

Kapitel III. Intentionen der deutschen Geschichte.

Kapitel IV. Letzte und höchste Intention der deutschen Geschichte.

Kapitel V. Die neueste Zeit.

Kapitel VI. Beschluß.

Zweiter Theil. Deutschland und Europa.

Kapitel I. Grundzüge des europäischen Organismus.

Kapitel II. Die Revolution und Napoleon.

Kapitel III. Die romanischen Völker. Frankreich und die pyrenäische Halbinsel.

Kapitel IV. Italien.

Kapitel V. Die Türken.

Kapitel VI. Ostromanien.

Kapitel VII. Die slavischen Völker. Ungarn.

Kapitel VIII. Polen. Rußland.

Kapitel IX. Die germanischen Völker. Skandinavien.

Kapitel X. England.

Kapitel XI. Holland, Belgien und die Schweiz.

Kapitel XII. Die Pentarchie.

Kapitel XIII. Deutschland.

Kapitel XIV. Art und Umfang des Princips.

Kapitel XV. Beschluß.

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Der Verfasser hält es für unnöthig, die Tendenz dieser Schrift im Voraus zu bezeichnen, weil er hofft, sie werde sich dem Leser von selbst ergeben. Wohl aber glaubt er, über die Art ihrer Entstehung und den Wirkungskreis, den er ihr wünscht, Einiges sagen zu müssen.

Es war nicht seine Absicht, irgend eine Gelehrsamkeit oder sonst ein äußeres Wissen darin zu entwickeln; der Zweck schien es ihm nicht zu fordern. Der Gegenstand ist wichtig genug, um Gelehrte und Ungelehrte in gleichem Maße zu beschäftigen. Er übergibt sie daher allen denen, welchen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, gleichviel weß Standes und Ranges sie sonst sein mögen, und setzt nur das Eine voraus, daß der, der sie lieset, mit dem geschichtlichen Material, welches er besitzt, es sei klein oder groß, geistig gewirthschaftet, und mit der politischen Anschauung, die ihm eigen ist, sie sei eng oder weit, in Gedanken geschaltet hat. Dies fügt er hinzu, weil ohne das Vieles in einem andern Lichte erscheinen muß, als es zu erscheinen bestimmt ist.

Die vaterländische Bewegung, welche seit dem Herbste des vorigen Jahres begonnen und seitdem in steigendem Maße zugenommen hat, war es nicht zunächst, was diese Schrift verursacht hat. Sie wäre auch ohnedem geschrieben worden; die Ansichten, die hier ausgesprochen sind, waren vorhanden, ehe die politische Krisis eintrat. Der Verfasser erwähnt diesen Umstand nicht, als ob er sich zu vornehm bedünkte, gleich Andern davon ergriffen worden zu sein, oder als ob er den Vorgang nicht nach seiner vollen Bedeutung zu würdigen wüßte; sondern weil es ihm wichtig ist, das kleine Buch nicht als Etwas angesehen zu wissen, was es in keiner Weise ist — nämlich als eine durch die Lage des Augenblicks veranlaßte politische Flugschrift. Wohl aber hat das Erwachen eines höheren Sinnes sein Vorhaben beschleunigt, und er darf hoffen, daß heutzutage Vieles mit Theilnahme begrüßt wird, was in andern Zeiten verlacht worden seyn würde.

Im Uebrigen war er genöthigt, sich in der Darstellung auf die politischen und socialen Verhältnisse und auch innerhalb dieses Gebiets nur aufs Allgemeinste zu beschränken. Er wollte nur von Deutschland sprechen, und hat absichtlich darauf verzichtet, in das Leben der einzelnen Staaten einzugehn. Um das zu zeigen, was er zu zeigen bemüht war, gab es auch außerdem verschiedene Wege. Er hätte können den Zustand der Wissenschaft, der Kultur und des geistigen Lebens beleuchten und von hier aus zu demselben Ziele gelangen, das man als höchste Aufgabe des deutschen Geistes aufgestellt finden wird. Anderseits wäre es sehr wichtig gewesen, die materiellen Fortschritte zu würdigen und zu entwickeln, wie Deutschland allein durch richtige Benutzung seiner derartigen Hülfsmittel zu dem äußern Rang erhoben werden könne, der ihm gebührt. Allein beide Gebiete sind so umfangsreich, daß ein eigenes, größeres Buch dazu kaum hinreichen würde. Doch wird man ein näheres Eingehn in die materiellen Fragen um so leichter entbehren, als diese Dinge von der periodischen Presse und sonst von befugten Richtern täglich gründlicher besprochen werden; und wenn er allerdings der Meinung ist, daß die höchste kommercielle und industrielle Blüthe allein nicht genügend sei, um uns selig zu machen, so wird ihn deßhalb Niemand einer Mißachtung der patriotischen Bestrebungen zeihn. Was aber Philosophie und Literatur betrifft, so mußte er, nach dem Zweck der Schrift, sich aller näheren wissenschaftlichen Kritik enthalten; und wenn er, wie natürlich, diesen Boden berührt hat, so geschah es nur aus dem socialen Gesichtspunkt. In diesem Sinne wird man Alles gesagt finden, was über die heutigen Systeme, über die Verdorbenheit des Geistes und der Literatur, über Theologie und Pietismus gesagt ist. Denjenigen also, welche einer philosophischen Schule angehören — und deren sind wahrlich nicht wenige in Deutschland — übergibt der Verfasser auf gutes Glück hin dies Buch. Geben darf er es ihnen, weil er weiß, daß Viele, oder wenigstens Manche, die auf einen philosophischen Namen getauft sind, dem, was vorhanden ist, zwar als dem verhältnißmäßig Besten huldigen, nichts desto weniger aber sehr wohl wissen oder sehr vernehmlich fühlen, daß das Höchste noch nicht erreicht, das lebendige Evangelium, dessen die Zeit bedarf, noch nicht erschienen ist. Auf gutes Glück aber muß er es geben, weil er sich verhindert sah, auf eine logische Diskussion darüber einzugehen und demohngeachtet genöthigt war, seine Meinung unumwunden auszusprechen.

Eben so wenig war es ihm vergönnt, die ganze Geschichte, alte und neue, in seinen Kreis zu ziehen, um daraus mit doppeltem Gewicht die Nothwendigkeit dessen, wovon er durchdrungen ist, zu erhärten. Er konnte blos Seitenblicke werfen; und bemerkt überdies insbesondere, daß alles, was in historischer Beziehung vorkömmt, nur Betrachtung über Geschichte, keineswegs Geschichte sein soll — zwei ungemein verschiedene Dinge. Ueberhaupt wollte er zunächst nicht schildern, wessen die Zeit bedarf, sondern was für Deutschland vonnöthen ist; jenes berührt den Menschen im Allgemeinen, dieses den Deutschen; auf letzteres mußte er sich in dem, was über Geschichte und Christenthum gesagt ist, beschränken.

Da der Verfasser nicht im Sinne irgend einer Partei, sondern in deutschem Sinne zu schreiben bemüht war: so bietet er sie auch den deutschen Staatsmännern. Er kann dieß unbefangen thun, weil, obwohl er die Politik der heutigen Zeiten meist tadelnd, selten lobend besprochen hat, er sich dennoch bewußt ist, weniger Menschen und Maßregeln, als die Zeit getadelt und beklagt zu haben, deren Sklaven wir alle sind und deren nothwendige Endentwicklung er darzustellen gesucht hat. Da nun die Zeit als ein historisch Gegebenes vor ihm lag, so mußte er freilich mit derselben Offenheit sprechen, als man von früheren Epochen spricht; aber sein Ziel war eben deßhalb in allen Stücken nicht der Kampf, sondern die Versöhnung, die in einer größern Zukunft liegt. Vielleicht wundert man sich, mit welchem Rechte er dem Staatsmann eine Theilnahme an politischen Ideen zumuthet, deren Verwirklichung in der unmittelbaren Gegenwart gar nicht, in einer nähern Zukunft nur theilweise, theilweise erst in Jahrhunderten, ja wie Viele meinen werden, niemals gedenkbar sei. Allein fürs erste glaubt er, daß ein Deutscher, der die politische Stellung zu zeichnen versucht, die nach Natur und Geschichte seinem Vaterlande in Europa gehört, ohne weiteres berechtigt, ja verpflichtet sei, sich an diejenigen zu wenden, in deren Hand es liegt, die Wirklichkeit dem Ideale wenigstens mehr und mehr anzunähern. Sodann ist er überzeugt, daß das Bedürfniß einer Vermittlung der Gegensätze, und einer höhern, als bis jetzt vorhanden ist, sich Allen unabweislich geltend macht, welche in den Gang der Dinge einzugreifen berufen sind. Ferner, und nicht weniger, daß die Nothwendigkeit einer organischen, auf natürlichen Grundlagen beruhenden äußeren Politik, im Gegensatze der zögernden und momentan beschwichtigenden, tagtäglich einleuchtender und dringender gefühlt wird. Was endlich den Einfluß der Psychologie auf den Staat betrifft, so weiß jeder Staatsmann, daß die erste Kunst des Regierens darin besteht, für jede Stelle das rechte Talent, für jedes Geschäft den rechten Charakter zu finden, mit Einem Worte jeder Individualität den richtigen Platz anzuweisen; und wie weit er sich dieses auch ausführbar denke, in allen Fällen muß ihm doch ein geistiger Hebel für diese Kunst als das höchste Ziel der Staatswissenschaft erscheinen.

Es bleibt noch übrig, einiges Einzelne zu bemerken. Was über die Organisation der Völkerstämme auf der Erde, sodann diesen entsprechend in Europa, gesagt ist, hat der Verfasser nicht in dem Sinne hingestellt, als sei damit eine neue Eintheilung der Raçen gefunden, welche er für untrüglich hielte. Was er gesagt hat, ist ihm allerdings, so weit er bis jetzt zu sehen vermocht hat, Wahrheit; seine Absicht aber war hauptsächlich die, mit Bestimmtheit zu zeigen, daß eine ursprüngliche Harmonie der Völkerordnung existire, daß diese gefunden werden, und daß die Politik auf eine solche Grundlage fußen müsse. Diese Ueberzeugung ist es, die er dem Leser einzuflößen gesucht hat; ob diejenige Harmonie, die er aufstellt, gerade die richtige sei, mag der Einzelne für sich nach Gutdünken entscheiden.

Was im 3ten Kapitel des zweiten Theiles, Seite 73, von den französischen Prätensionen gesagt ist, bezieht sich, wie sich im Grunde von selbst versteht, nur auf die Meinung, welche die Franzosen von ihrem Berufe im Allgemeinen haben, nicht aber auf ihre Eroberungsprätensionen. Diese letztern sind zu lächerlich, das ganze französische Treiben, soweit es sich hierauf bezieht, zu verächtlich, um es in einem Buche von so ernstem Inhalt zu erwähnen.

Der Verfasser sagt es hier ausdrücklich: er war nicht gewillt, die eigenen Gedanken und die eigenen Heilmittel den Zeitgenossen vorzutragen. Er hat sich nur berufen gefühlt, mit allem, was an ihm ist, auf ein Kommendes hinzuweisen, vor dem er sich beugt. Wohl weiß er, daß der Glaube an einen Messias zu denjenigen Dingen gehört, welche schon an sich ein übles Vorurtheil erwecken, weil nur zu leicht jugendliche Thorheit sich damit verschwistert. Indessen getröstet er sich, daß manche bedeutende Männer diesen Glauben getheilt, und Einer der größten (Lessing) ihn in einer eignen Schrift dem deutschen Volke hinterlassen hat. Er hat also gegen die, welche dergleichen von vornherein als Unsinn betrachten, einen glänzenden Schild; und die Andern mögen aus dem Inhalte des Buches selbst urtheilen.

Vielleicht wird es Manche geben, welche mit dem, was über die politische Stellung Deutschlands gesagt ist, übereinstimmen, ohne einen innern Vorgang von der geschilderten Art für nöthig zu halten; und wieder Andere, welche mit ihm die letztere Hoffnung theilen, ohne der politischen Ansicht beizupflichten. Die ersteren wünscht der Verfasser wenigstens überzeugen zu können, daß er durch Hinweisung auf ein geistiges Ziel die praktische und reelle Tüchtigkeit, welche endlich anfängt in der Nation um sich zu greifen, nicht verkleinern, die alte Träumerei in keiner Art wieder erwecken, sondern im Gegentheil den äußeren Bestrebungen höhere, (weil innerlichere) Bedeutung hat geben wollen. Die Andern aber, daß, wie man auch von Hegemonie, von Gleichgewicht und von politischer Zukunft denken möge, — jetzt die Zeit gekommen sei, um das deutsche Volk zu einer Stufe zu erheben, die seiner würdig ist, und daß zu diesem Zweck sich ohne Zaudern alle Kräfte vereinigen sollen, die das Vaterland besitzt.

Wenn er also die Zukunft von Deutschland an ein geistiges Ereigniß knüpft, welches zunächst nicht durch des Volkes Bemühung hervorgebracht werden kann, so glaubt er sie nichtsdestoweniger in vollem Maße abhängig von dem Verhalten der Nation. Er sieht eine göttliche Fügung hereinbrechen über das deutsche Volk, und im Bewußtsein, daß die Zeit erfüllet ist, ermahnt er es, ihr würdig entgegen zu kommen.

So legt er das Buch dem Vaterlande vor. Seine Stimme ist gleichsam die eines Predigers:

„Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige.“

In diesem Sinne wünscht er fromm, daß sie nicht verhallen möge.

Heidelberg am 25. August 1841.

Der Verfasser.

Anmerkung des literarischen Comptoir’s.

Das literarische Comptoir bittet folgende sinnstörende Druckfehler zu verbessern:

Seite 23, letzte Zeile, statt „inneren Kraft“ „inneren Kraft seines Vorgängers“ Seite 31, Zeile 9, statt „Gewalt bemühte“ „Gewalt; bemühte“ Seite 112, in der Anmerkung statt „liegt“ „trägt“

Einleitung.
Das deutsche Bewußtsein.

Inhaltsverzeichnis

In einer Zeit, wie die unsrige ist, so bewegt nach innen, so inhaltsschwanger nach außen, schaut das Auge jedes denkenden Menschen in die Zukunft, und wer irgend fähig ist durch Geist oder Bildung, hineinzublicken in das Treiben der Geschichte, sucht durch Anschauung dessen, was ist, durch Vergleichung dessen, was war, in das verworrene Räthsel dessen, was da kommt, einzudringen. Die Deutschen, wie sie große Politiker sind und in unbefangener gründlicher Kenntniß des Auswärtigen jedem andern Volk überlegen, verfolgen jede Krise auf’s Genaueste, und was in der Levante, wie in China, in Rußland, wie in Nordamerika vorgeht, wenn es irgend beträchtlich genug ist, um sich in das große Gewebe der Geschichte einfügen zu lassen, daraus spinnen sie den rothen Faden fort, den ihre großen Meister durch die Vergangenheit des Menschengeschlechts gezogen; die Zukunft des Orients, die Aussichten jedweden europäischen Staates, die Bestimmung, die jedem einzelnen vom Schicksal gegeben ist, — das Alles liegt ihnen klar, wie keinem andern Volk vor Augen. Aber es ist traurig zu sagen, und doch wahr, ja seit langer Zeit bewährt — sie, die Alles zu wissen meinen, wissen Nichts von sich selbst; von des deutschen Volkes Beruf und Sendung, von seiner Stellung unter den europäischen Völkern, von seiner Zukunft weiß Niemand zu sagen. Und wie sollte es anders sein? Ist ja doch der Deutsche von französischen und englischen Zuständen oft besser unterrichtet, als von denen des eignen Vaterlandes; ist ihm doch das staatliche und politische Treiben andrer Völker klarer aufgeschlossen, als das Staatsleben des vielgegliederten Bundes? Darum verzichtet er, über sich selbst zu denken, und anstatt getroffen zu werden von der seltsamen Stellung, worein Deutschland durch das Geschick versetzt worden ist, und zu fragen, was sie bedeuten wolle, glaubt er sich geboren zu ewiger Ruhe, und sieht ruhig über seinem Haupte die Geschichte vorüberziehen, wie sie von andern Mächten gespielt wird, wie sie ihm (denn jenen andern hat es so beliebt) nicht mitzuspielen ziemt. Da haben sich denn in Europa einige allgemeine unbestimmte Begriffe über das deutsche Volk gebildet; es ist den Einen eine seltsame Völkerfamilie, in die Mitte von Europa gesetzt, um das Gleichgewicht zwischen romanischen und slavischen Weltmächten, nicht durch politische Kraft, sondern durch die Schwere seines Daseins zu erhalten, trefflich zur Assimilation und immer geeignet, wo es gilt, verunglückte Pläne der Vergrößerung durch Stücke seines eigenen Fleisches zu ergänzen; den Andern ein großes gebildetes Volk von Denkern, voll Geist und Wissen, geschaffen um zu denken, wo die Andern handeln, aber doch so verrostet in unpraktischem Studium, daß die Schätze des Geistes, die es aus den tiefen Schachten zu Tage fördert, gleich ungeschliffenen Edelsteinen, erst von Andern verständlich und zum Gemeingute Europas gemacht werden können; den Dritten ein sinnender, träumender Haufe voll gutmüthiger Pietät, versunken in Idealität, Poesie und Musik, und so ungeschickt für die Dinge dieser Welt, daß ihr politisches Leben, kümmerlich genährt von den Brocken, die von der Herren Tische fallen, niemals zur Mündigkeit gedeihen kann. Diese Vorstellungen, genährt, ja zuweilen verbreitet von deutschen Auswanderern, finden den Weg nach Deutschland, und weil sie von außen kommen, und weil überdieß all das auch zu klar am Tage liegt, so werden sie wohl auch geglaubt. Denn die Masse, allzuferne von den Reminiscenzen deutscher Herrlichkeit, und wenig begeistert von den neuen, folgt wie allenthalben dem Zuge, der von den höhern Klassen ausgeht; und der Mittelstand, d. h. die große Masse der Gebildeten, in denen der Kern des Volkes beruht, wird durch Verhältnisse und Umgebungen, hauptsächlich aber durch die Erziehung von einer höhern Ansicht der Dinge abgeschreckt. Nämlich von Allem, was den Geist und das Herz, wenn nicht zur Vaterlandsliebe (welche ja der aufgeklärten Mitwelt wenig mehr, als eine längst verschollene republikanische Thorheit ist), doch wenigstens zu irgend einem nationalen Gefühl antreiben kann, ist im öffentlichen Unterricht Nichts zu finden. Nicht nur, daß die Religion, welcher als Grundlage unserer ganzen Bildung die unmittelbarste Wirksamkeit zukommt, außer aller Beziehung zu den humanen Studien steht, während doch beide sich durchdringen und beleben sollten; daß die Geschichte fast überall entweder zu allgemein oder zu provinziell, nirgend in deutschem Sinne vorwiegend behandelt wird; sondern auch die antiken Sprachen selbst dienen lediglich zu logisch-grammatischer Verstandesübung; es gilt für unnöthig, durch tieferes Verständniß der lebensvollen Wahrheiten des klassischen Alterthums auf die Gemüther zu wirken. So ist der Lauf in den deutschen Gymnasien; noch weniger vermag der Realunterricht, weil nur auf materielle Bedürfnisse zielend, den Ideen eine höhere Richtung zu verleihen. Wenn endlich der Geist selbstständig zu werden beginnt, so geht die Erziehung auf die Hochschulen über; die Blüthe der Nation wird hier gebildet, und die Männer, denen diese Aufgabe anvertraut ist, sind im Auslande die deutsche Aristokratie genannt: aber ohne diesen Ausspruch bestreiten zu wollen, auch sie sind mit wenigen Ausnahmen heutzutage nicht geneigt, die menschliche Bildung im Ganzen und frische thatkräftige Entwicklung des Geistes dem Reichthum des Wissens vorzuziehen. Ist der Jüngling also beladen, so gilt seine erste Sorge dem, was mit einem widrigen Ausdruck Carrière genannt wird; dazu kann, wer sich den Geist ungetrübt von der Last des Gedächtnisses, die Seele frisch und frei von dem Streben erhalten will, das die Wissenschaft, nach Schillers Worten, zur Kuh herabwürdigt, selten gelangen; die Mehrzahl in Nahrungs- und Beförderungssorgen erdrückt, kommt weit genug, um Weiber zu nehmen und zu sterben. Diese letztere Klasse, was kann sie anderes, als jedes Streben nach deutschem Ruhm und deutscher Größe zu den unreifen Träumen werfen, an denen die deutsche Burschenschaft, und das mit Recht, sich verblutet hat? Der höhere Stand aber und der höchste, theils geschreckt von eben dieser Erscheinung, theils einseitig befangen in der Stellung, worein ihn der Prinzipienkampf der Zeit verweist, ohne lebendigen Zusammenhang mit dem Volke (denn der alte Erbadel schließt sich ab, während der Verdienstadel der Bureaukratie angehört), ist jedem Aufschwunge, wenn auch nicht innerlich, doch amtlich abgeneigt, der, über Kunst und Wissenschaft, über materielle Interessen hinausgehend, das Volksbewußtsein ergreift, ohne zu bedenken, daß politische Unmündigkeit allein es ist, was den deutschen Völkern, wie den deutschen Fürsten am Mark des Lebens zehrt. Die Wenigen aber, die ein tieferes Bewußtsein in sich tragen, hüllen sich in kraftloses Schweigen; sei es, weil sie mißverstanden zu werden fürchten, sei es, weil sie indolent geworden durch bittere Erfahrung, oder endlich, weil sie keine Hoffnung sehen, als in der Umkehr der jetzigen Zustände; und diese hinwiederum erscheint ihnen unausführbar auf gesetzlichem Wege, denn jeder andere Weg widerstrebt dem deutschen Geist, noch mehr dem deutschen Herzen. Wohl gibt es noch Manche, die vernehmlich sprechen und es ehrlich meinen, aber den Meisten ist die deutsche Freiheit nur die Tochter des französischen Liberalismus, und sind sie ja ächt deutschen Sinnes, so schwindet die allgemeine Idee vor den nächsten Bedürfnissen der lokalen Gegenwart.

So ist denn im deutschen Volke kein klares, ausgesprochenes Bewußtsein zu finden, weder von seiner Natur, noch dem Beruf, den ihm für unsere Zeit die Vorsehung angewiesen hat. Und während der Franzose sich für den Verfechter der Civilisation, für den Erstling der Politik und des Krieges hält, während der Engländer sich zur Seeherrschaft und damit zur Kolonisation der übrigen Welttheile, während selbst der Russe sich im Lauf der Zeiten zu einer slavischen Universalmonarchie berufen glaubt, kann das deutsche Volk nur neugierig bang die Zukunft fragen, was sie aus ihm wohl machen werde; dasselbe Volk, dem in der Betrachtung des Geistes, wie in der Kenntniß aller Völker kein anderes gewachsen ist. Sich selbst kennen aber ist bei den Völkern, wie bei den Einzelnen, von Alters her die erste Bedingniß des Lebens gewesen, und könnten wir heute ein höheres Orakel, als das delphische war, um das Eine befragen, was uns Noth thut — der alte Spruch der griechischen Weisen würde vielleicht auch den Deutschen zur Antwort gegeben. Denn wie der einzelne Mann, welcher, der eigenen Natur unkundig, seine Kräfte nicht zu bemessen vermag, auch kein Gefühl hat von dem Werthe, der ihm zukommt, und von der Stellung, welche er im Verhältnisse zu Andern zu fordern berechtigt ist, so erstirbt in jeder Nation, deren Bewußtsein sich verloren hat, auch das Nationalgefühl; es erlischt der Sinn für Ruhm und Ehre, ohne den kein Gemeinwesen besteht, und von Schmach zu Schmach, von Schwäche zu Schwäche wird so lange gesunken, bis der Untergang droht. Denen freilich mag es ein Gräuel sein, wenn ein Volk sich kennt und fühlt, die in der Sprache des freien Mannes Verdacht wittern, und wie sie das Wort „Volk“ vernehmen, vor dem Gegensatz erbeben, den sie darin zu finden meinen: gleich als ob das Haupt von den Gliedern, und die Glieder vom Haupt zu trennen wären. Es ist aber in Deutschland den Fürsten nicht weniger Noth, sich kennen und fühlen zu lernen, als dem Volke; hätten sie immer sich gefühlt, es stünde anders um Deutschlands Macht und Ehre. So weit wenigstens, Dank sei es den Umständen, ist es gekommen, daß das Gefühl der Einigkeit, das Bedürfniß derselben lebhafter, als je das deutsche Volk durchdrungen hat: der erste Schritt, ohne den keine Selbstkenntniß erreicht wird. Daß in einem Augenblick politischer Krise das deutsche Volk vernehmlich seine Einigkeit, und damit den festen Willen kundgegeben, seine Rechte insgesammt zu wahren, das ist, wer fühlt es nicht? ein erfreuliches Lebenszeichen. Aber glauben, daß damit etwas gethan, frohlocken, daß die deutsche Stimme nach langer Zeit auch jenseits der Gränzen widerhallt hat, wähnen, daß ein fliegender Enthusiasmus mächtig genug sei, um zu bestehen in der großen Probe der That — das hieße zum Verdienst erheben, was zu unterlassen Schmach gewesen wäre. Sind wir so tief gesunken, daß die kleinste Zuckung gereizter Geduld uns mit Stolz erfüllt?

Wodurch das deutsche Bewußtsein sich verloren, warum es sich zum mindesten so unsichtbar verhüllt hat, bleibt vorläufig außer Frage. Nur das ist festzuhalten: weder ein erkennbarer Instinkt der Masse, noch eine deutliche Einsicht der Gebildeten ist zu finden, wo es um die Sendung und die Rolle des deutschen Volkes sich handelt. Auf das Eine oder das Andere mag in jedem andern Lande der Schriftsteller sich berufen, der über wichtige Zeitfragen spricht; hier gilt keine Berufung; die deutsche Selbstkenntniß muß auf künstlichem Wege erreicht werden. Zu was die Deutschen berufen seien, kann nur aus der Lage der Weltverhältnisse überhaupt, aus der politischen Stellung der europäischen Völker, endlich aus ihrer Geschichte bewiesen werden, keineswegs aber aus ihrem gegenwärtigen Bewußtsein oder Zustande. Diese, die Geschichte mag zuerst uns zeigen, was die Reflexion aus der Vergangenheit sich Tröstliches für die Gegenwart und Zukunft zu holen vermag; jene, die Lage von Europa soll darauf führen, in wie weit und welchen Stücken der ganze europäische Organismus der Mitwirkung eines seiner wichtigsten Glieder bedarf; endlich, das Resultat beider Fragen, verglichen mit dem gegenwärtigen Zustande Deutschlands, wird uns die thatsächliche Wahrheit der gewonnenen abstrakten Ideen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung beweisen.

Erster Theil.
Deutschland und seine Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I.
Entweder — oder.

Inhaltsverzeichnis

Entstehen, Blühen und Vergehen — ist das allgemeine Gesetz, dem jede organische Existenz unterliegt, nach dem die Geschichte der Menschheit, wie das Leben des Einzelnen sich regelt. Zwischen diesen äußersten Enden stehen unzählige Mittelglieder — Familien, Geschlechter, Stämme, Nationen, Völker, also daß die Geschichte ein ungeheures, von zahllosen einzelnen Entwicklungen durchschlungenes Geflechte bildet, die sämmtlich vom Größten bis zum Kleinsten demselben Gesetze gehorchen. Allein seit Herder in seinen „Ideen“ es ausgesprochen, daß die ganze Menschheit in ihrer Entwicklung nur das Leben des Einzelnen abspiegle, seit er die Grundlagen erforscht hat, auf denen die Geschichte sich entwickelt, seitdem hat Niemand die innern Gesetze gefunden, worauf die Organisation und das Wachsthum des Menschen beruht, wornach, nur in vergrößertem Maßstab, das Leben der Menschheit sich abspinnt. Ehe nicht das Räderwerk der Seele zerlegt, nicht der Gang des Uhrwerks von der Stunde der Geburt an bis zu der des Todes enthüllt ist, gibt es, zwar eine allgemeine Uebersicht mit vielen Wahrheiten, aber keine Philosophie der Geschichte. Nun ist es noch ungleich schwerer, eines Volkes Anfang, Ende, den Stand seines Lebens, sein Alter zu bestimmen. Wo ist hier Anfang, wo Ende? Wo der Augenblick, da es, vom großen Urstamm sich lostrennend, oder aus mannigfachen Stämmen geeinigt, zu Einer Persönlichkeit mit bestimmtem Charakter erwächst; wo der Augenblick, in dem es diese Individualität verliert und, mit andern verschmolzen, in die allgemeine Fluth zurücksinkt? Wie lang oder wie kurz sind die Perioden seiner Entwicklung? Wie weit gehen die Gränzen seines Daseins? — Denn es kann wohl aus der Vergangenheit eines Volkes, wie des deutschen, aus dem Eindruck der Gegenwart auf ein hohes Alter geschlossen werden; doch, wie Deutschland schon einmal aus tiefer Altersschwäche in der Reformation sich neu verjüngt, wie es allein unter allen Völkern den Sturz seines Reiches überlebt hat, so kann es auch nochmals eine Jugend beginnen. Aber wenn sie nicht wiederkehrt diese Jugend, so sind wir zumeist unter allen Nationen Europas mit dem Tode bedroht. Denn Deutschland ist die Mutter der Völker, und seit sie aufgehört zu herrschen, seit Jahrhunderten, streben mündige und unmündige Kinder, die altersschwache zu knechten, und das letzte Joch zu zerbrechen; denn noch ist Gefahr, so lang sie nur lebt. Darum, ob ein plötzlicher Tod, ob tausendjähriges Leben uns erwartet, darüber entscheidet keine Berechnung. Unser Alter, unsre Lebenskraft ist verborgen vor unseren Augen.

Nur das Eine bleibt übrig, durch Beobachtung und Gefühl die leitenden Ideen zu finden, welche die deutsche Geschichte beseelen. Wenn anders Zusammenhang, Folge, Ordnung in ihnen liegt, so muß sich zeigen, ob der Gedankengang, den sie bilden, seinen Abschluß bereits erreicht hat, oder ob im Gegentheil Einheit und Leben erst durch eine große Zukunft, als nothwendiges Glied der Kette, ihnen verliehen werden muß? —

Es ist dieser Reichthum, die Klarheit der Ideen, was die deutsche Geschichte vor denen andrer Völker auszeichnet; man sieht die äußern Ereignisse, wie Blüthen und Früchte daraus hervorsprießen. Eben deßhalb liegt nicht, eine Menge von Thatsachen zu beleuchten, in unserm Zweck, nur die allgemeinsten Vorgänge, wie sie Jedem bekannt sind, wollen wir hervorheben; und wenn hieraus andere Folgerungen entspringen, als man gewöhnlich zu ziehen pflegt, so liegt es in einer Zusammenstellung des Ganzen, welche, entweder aus übertriebener Rücksicht auf Einzelnes oder aus Ungewohnheit übersichtlichen Denkens oder, wie es zunächst geschieht, weil sie an der Gegenwart kleben, von Andern vernachlässigt wird.

So viel zeigt uns alle Geschichte, daß das Volk an sich vergänglich, veränderlich ist, während die Raçe, der Typus unwandelbar und ewig dauert. Araber, Juden, Mongolen, Neger haben bestanden und werden bestehen, so lang es Geschichte gibt; Römer, Griechen, Franzosen, Russen, Deutsche fallen dem Untergang anheim, um so schneller, je weniger sie den Typus ihrer ganzen Raçe, um so langsamer, je mehr sie ihn darstellen. Hier ist also ein ewiger Wechsel gegeben; die Deutschen, als die ersten Träger des germanischen Typus unter den jetzigen Völkern, können diesen Typus an andere Völker abgeben; so wie die germanischen Völker überhaupt als Erstlinge des kaukasischen Typus ihn wiederum einem andern Völkerstamme überlassen können. Was folgt daraus? Zwei Bemerkungen, deren eine von denen, welche über der physischen Größe und Ausbreitung des deutschen Volks die Möglichkeit des Untergangs, d. h. des Verschwimmens in fremde Nationalität vergessen, die andere von der noch größern Zahl im voraus beherzigt zu werden verdient, welche, zufrieden mit einer untergeordneten Mittelstellung ihres Vaterlands, jede Rolle Deutschlands in Europa, auch wenn sie der ursprünglichen Natur zuwiderläuft, für gefahrlos, ja im Interesse des Friedens für segensreich erachten. Einmal: dem deutschen Volk ist keine Wahl gegeben, als entweder in erster Linie den germanischen Charakter auszudrücken oder sich selbst zu verläugnen. Weiter aber: diese Erstlingschaft kann sich nicht nach innen allein, sie muß sich auch nach außen ausprägen, das Haupt der germanischen Welt ist nach der Natur Europa’s zugleich der Mittelpunkt der kaukasischen. Denn wie in der alten unverbundenen Welt, ehe Rom den Erdkreis umfaßte, Aegypter, Griechen, Perser, Juden, Indier, obwohl in mannichfacher Berührung, doch getrennt auseinander lagen, so hat die neue Zeit eine Verbindung der Völker geschaffen, welche ganz Europa mit demselben Bande verknüpft, das ehedem die griechischen Republiken umschlang; so zwar, daß jeder innere Nachlaß, wie alles innere Wachsthum einer Nation zugleich nach außen eine Rückwirkung in ganz Europa hervorruft, welche um so lebhafter ist, je höher die Nation selbst an Bedeutung steht. Eben deßhalb kann das erste germanische Volk nur herrschen, es sei geistig oder leiblich — oder untergehn.

Die beglaubigte Geschichte, so weit sie unsere Entwicklung berührt, zerfällt in vier Abschnitte: in die alt-orientalische Zeit, mit den ersten großen Reichen, mit ägyptischer und jüdischer Weisheit; in die griechisch-römische Periode, worin der Weltgeist aufs südliche Europa übergeht, mit Ueberwindung persischer und karthagischer Größe; hierauf nach der großen Umwälzung der Völker und Staaten, in die christlich-germanische Weltordnung, gegenüber der muhamedanisch-arabischen, endlich in die neue Zeit, die in der Reformation die Kirche, später das Christenthum und den Staat umgestaltet, und mit der Erforschung des ganzen Erdballs eine europäische Universalmonarchie gegründet hat. Nun ist das deutsche Volk in der dritten Periode der Mittelpunkt der christlichen Ordnung gewesen; es hat durch die Reformation die vierte eröffnet; welche Stellung wird ihm, im Verlauf eben dieser Periode, zugewiesen sein?

Zweimal haben die Deutschen reinigend und verjüngend, wenn auch zerstörend zugleich, sich über Europa ergossen; am Anfange des Mittelalters und am Ende desselben, dort leiblich gegen das leibliche, hier geistig gegen das geistige Rom. Ist hierin Anfang und Ende ihrer Geschichte beschlossen, war der Protestantismus das letzte große Werk, an dem sie sich verblutet, und werden andere Völker fortsetzen, was wir begonnen? Oder im Gegentheil, war die Reformation der Grundstein eines größern Aufbau, sind wir allein befähigt, diesen Aufbau zu vollenden?

Wenn das Erstere: so wird Deutschland, nach Verlust seiner Einheit, seiner Verfassung, seines politischen Ranges, den Mächten ringsumher zur Beute fallen; es wird fallend, mit der Fülle seines Geistes die Völker durchdringen, welche, entweder leichterer oder roherer Natur, zu seinem Erbe berufen sind; endlich gleich dem alten Rom, in der Menge seiner Kinder untergehen.

Wenn das Zweite: so wird Deutschland, nach gefundener Vollendung, aus dem Zauberschlafe erwachen, und dieselbe Herrschaft, die es in der dritten Periode über die christliche Welt geübt, wird in der vierten reiner, geistiger und höher wieder erstehen. — Ein Drittes ist undenkbar in der politischen Geschichte der Völker, undenkbar nach dem Gange der Civilisation, undenkbar endlich für jeden Deutschen, dessen Seele nicht zu klein, dessen Bewußtsein nicht zu niedrig ist, um entweder ein Vaterland, groß wie ehemals, und an der Spitze der neuern Zeit, oder keines zu wollen.

Kapitel II.
Aeußere Anschauung der deutschen Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Ich gestehe, der erstere Fall muß als der wahrscheinlichere jedem Ausländer erscheinen, der die Geschichte mit kaltem und nüchternem Auge durchläuft, und kann es jedem Eingebornen, der nicht mit der ganzen Kraft des innern Bewußtseins gegen das Schicksal ankämpft, das mit drohender Vernichtung über Deutschland hereinschwebt; und dazu gehört ein Bewußtsein, wie es Wenige besitzen. Wie wenn ein Fremdling, der ohne Liebe, wie ohne Haß die neuere Zeit betrachtet, der überdieß dem deutschen Volke wohlwollen könnte, aber ohne jenen Stachel, der unser Bewußtsein gegen eine Zukunft bewaffnet, die wir nicht zu gestehen wagen, wie wenn er also spräche:

„An die ersten Vorbereitungen der Reformation knüpft sich der Verfall der politischen Größe, der nationalen Einheit. Mit den Kirchenversammlungen von Basel und Kostnitz, mit den Hussitenkriegen neigt sich die Herrlichkeit des Reiches. Wie sie unter Karl V. zum letztenmale sich erhebt, ist es nicht mehr kaiserliche Gewalt; es ist habsburgische Hausmacht; der Letzte, der des Reiches Rechte in Italien vertheidigt, der Erste, der sie, durch Uebermacht gezwungen, an Frankreich abtritt, ist eben dieser Karl V. Der Fluch der Reformation, schon zu Luther’s Zeit in den Kämpfen des Adels, im Bauernkriege entfesselt, entwickelt sich steigend bis zum dreißigjährigen Kriege; Franzosen und Schweden herrschen in Deutschland, und der westphälische Friede, der Grabstein des deutschen Lebens, wird abgeschlossen. Von hieran kein Deutschland mehr, nur Oestreich, Preußen, Baiern, Hessen, und wie sie alle heißen; der deutsche Welthandel, die deutsche Seemacht ist unwiederbringlich vernichtet; die Franzosen unter Louis XIV. herrschen zum zweitenmale über Deutschland; durch englische und habsburgische, nicht durch deutsche Macht wird ihre Herrschaft abgewehrt; aber die Knechtschaft des Geistes, worein sie Fürsten und Völker gejocht, die Willkühr, die sie jenen, der sclavische Sinn, den sie diesen eingeflößt, bleibt fort und fort. Nach kurzer Erholung entzweien sich Oestreich und Preußen, und der Mann, der siegend aus dem Kampfe hervorgeht, der größte, den Deutschland seit langer Zeit besessen, hinterläßt das Reich in tieferer Spaltung, als er es gefunden. Endlich die Revolution; aus ihr die dritte Herrschaft der Franzosen; das alte Kaiserthum stürzt, und nachdem mit Hülfe von ganz Europa Napoleon besiegt ist, wird die Trennung geheiligt; Deutschland schwindet aus der Reihe der Großmächte, und russische Uebermacht folgt der französischen. Das ist Deutschlands Geschick seit drei Jahrhunderten; nach außen hin Verfall, Entehrung, Schmach, Unterdrückung, Zerstückelung; nach innen Verlust der alten Freiheit, Ohnmacht des Volks, Verdorbenheit der Höfe, Feigheit der Gesinnung, Verläugnung des deutschen und kriechende Bewunderung fremdländischen Wesens, die wenigen schönen Blätter besudelt durch Uneinigkeit, Selbstsucht und Unentschlossenheit. Der Bund, der aus dem großen Sturz sich neu geboren hat, scheint ein Schattenbild von Natur und Einrichtung; scheint unfähig selbst in Dingen, die seinem Bereiche angehören, ein kräftiges Wort zu sprechen; die Großmächte, die sich deutsche nennen, werden aufhören, es zu sein, wenn es die eigne Erhaltung gilt, und der erste große Kontinentalkrieg wird Deutschlands letzter sein. Die Vorsehung aber hat gewollt, daß dieß seltsame Volk, noch vor seinem politischen Untergang, alle Kräfte seines reichen Geistes entfaltet, daß es in der Poesie und Literatur, in der Kunst und Musik sich ein Denkmal ewiger Größe gesetzt hat; seine Ideen, sein Geist werden auf die andern Völker übergehen.“

„Das ist die äußere Geschichte, nicht anders die innere. Die Wiedergeburt des staatlichen Lebens, dieß große Zeichen der neuern Zeit, wie ist sie in Deutschland vorgeschritten? In England, in Frankreich hat die Reformation, mittel- und unmittelbar, riesenhafte Umwandlungen hervorgerufen; auf deutsche Grundlagen hin haben andere Völker sich verjüngt. Die englische Freiheit, als der staatliche Ausdruck der germanischen Natur, hat sich dort, der moderne Liberalismus hier aus dem Volksgeist entwickelt; in Deutschland sind, unter einer Unzahl von Oligarchen, die alten Freiheiten unterdrückt, die angestammten Einrichtungen (selbst die alte Oeffentlichkeit der Gerichte) vernichtet worden; an ihre Stelle ist, und das erst in neuerer Zeit, und nur in den kleinen Staaten, das konstitutionelle System getreten, halb von den Franzosen, halb von den Engländern erborgt; aber jedes Jahr, jeder Tag beweist, wie wenig das fremde Institut im Stande ist, in den deutschen Volksgeist einzuwachsen. Aber abgesehen von der Kraft des Volkes, wie ist es um die Fürstenmacht bestellt? Ohne Centralisation, so will es der Charakter der neuen Zeit, keine Macht, darin liegt die englische, die französische, die russische Größe. Woher soll Deutschland, die vielköpfige Hyder, seine Einheit erhalten? Selbst Oestreich und Preußen, wären sie rein deutsche Mächte, würden daran scheitern; es sind Staatenconglomerate ohne die Möglichkeit der Centralisation, es gibt keine östreichische, keine preußische Nation. Vor Allem aber keine Einheit ohne Nationalgefühl, kein Nationalgefühl ohne politisches Bewußtsein. Was will ein Bewußtsein, das im höchsten Fall sich mächtig genug glaubt, Deutschlands Integrität wahren zu können, sonst aber jeder, auch der kleinsten Richtung nach außen ermangelt? Ein Volk ohne politische Tendenz, ohne Möglichkeit der Offensive, ohne Ausbreitung irgend einer Art, ist im politischen Sinne kein Volk.“

„Ohne Ausbreitung, sage ich, irgend einer Art, und komme damit auf das zweite große Werk der neuen Zeit. So weit die geographische Kunde reicht, hat Europa seine Flügel gestreckt. Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, selbst Russen, Dänen und Schweden, haben Amerika, Theile von Afrika, die größere Hälfte Asiens und Australien dem europäischen Namen unterworfen. Die Herrschaft über die civilisirte Erde naht sich dem Ziele; die einzelnen Völker werden sich theilen, England und Rußland werden Asien, Frankreich wird Afrika überkommen; und wie sie jetzt schon beginnen, durchs Schwert und Protokolle die Türkei zu regieren, so wird künftig ein großer Areopag sich bilden, der über Länder und Nationen richtet. Wo wird Deutschland sitzen im Rathe der Völker? Was haben Deutsche gethan, um Theil zu nehmen an der künftigen Größe Europa’s? Sie haben gebrütet, wo Andere handelten; ihr Loos wird sein, gleich ihren Thaten; genug, wenn Oestreich noch Sitz und Stimme behält; derselbe Areopag, einmal an Entscheidung gewöhnt, wird auch über Deutschlands Schicksal richten.“

„Wenn nun zu alle dem das Bewußtsein einer vollendeten Mission, wenn die Erinnerung an eine Vorzeit hinzukäme, die von solchen Uebeln unbefleckt wäre, dann könnte Deutschland sich noch getrösten, und der Einzelne könnte ausruhen im Gefühle eines ewigen Ruhms oder in dem Glauben an ein fremdartiges Schicksal, das zeitenweise den deutschen Charakter gebrochen habe. Aber geht sie durch, die Geschichte des Mittelalters. Sie ist groß und glorreich, aber kein Ruhepunkt, keine Stelle ist zu finden, wo der deutsche Geist sich vollendet hätte: ein rastloses, unseliges Treiben; ewige Zwietracht; die Größten vom Unglück verfolgt und hinweggerafft in der Blüthe der Jahre; unsre ganze Herrschaft nicht eignes Gut, sondern überkommen von einer frühern Vergangenheit. Uneinigkeit allenthalben und zu allen Zeiten, unauflösliche Trennung der einzelnen Volksstämme, endlose Schwankungen des politischen Lebens ohne Ziel und Vollendung, tausendfache Anschmiegung an fremde Willkür, ja fremden Geist — das sind die Grundzüge, die von Anfang zu Ende hindurchgehen; die heute noch bestehen, wie vor tausend Jahren; und wie sollten sie jemals sich verwischen?“ —

„Solche Hoffnung bietet die Geschichte. Doch wie traurig sie auch seien, jedes Volk kann dem Schicksal widerstehen, wenn es will; wenn es mit der letzten Kraft seiner Natur die drückenden Bande des Unglücks durchsprengt. Aber auch sie hat sich im Lauf der Zeiten geändert. Der deutsche Charakter, so stark und mächtig, so kraftvoll und bieder in den Zeiten des Ritterthums, wie ist er so anders geworden! Wie einst die byzantinischen Römer unter den Dogmen und Sektenkämpfen der Kirche zum jämmerlichen Volke herabgesunken sind, so ist das deutsche Gemüth durch endlose konfessionelle Subtilitäten zusammengeschrumpft, das Mark des Lebens ist vertrocknet und die ganze Mannheit auf immer verknöchert. Wer vermag in dieser trägen, spießbürgerlichen Masse das Volk wiederzuerkennen, dessen Grimm den Wälschen zum Sprüchwort geworden war! Die „deutsche Wuth“ ist längst verraucht; ein schlaffes Wohlbehagen, ein widriges Phlegma ist es jetzt, was den Deutschen im Ausland bezeichnet. Damit bestehen weder große Entschlüsse, noch kräftige Thaten; bedächtig reift das Vorhaben, und ist es erzwungen durch die dringendste Noth, so hinkt allzuspät und durchkreuzt von tausend kleinlichen Rücksichten die Ausführung nach. Die deutsche Treue ist zum Spott geworden; feige Unterwürfigkeit, knechtische Demuth hat sich mit ihrem Namen geschmückt. Mit der selbstständigen Kraft ist auch der selbstthätige Geist erloschen; was anerkannt sein soll in deutschen Landen, muß erst von außen herein oder von oben herab gepriesen werden. Die Freiheit ist nirgend zu finden, als in Liedern und Gesängen; die Einheit ist ein abstrakter Begriff, dem in Worten gehuldigt wird, nicht durch Gemeinsinn, Aufopferung und Uneigennützigkeit. Der Schlendrian hat alle Klassen ergriffen; der öffentliche Dienst geschieht um des Brodes, wenn’s hoch kommt um der Ehre willen; die alte Titelsucht hat in den Kern des Volkes gefressen und Kriecherei der Niedern gegen die Höhern, Willkühr der Höhern gegen die Niedern ist zur Ordnung geworden. Die Abmarkung der Stände, die Macht der Bureaukratie hat sich mehr, als in irgend einem Lande der Welt in die Gemüther und Geister eingewurzelt. Die Liebe zwischen Fürst und Volk, so herrlich in den alten Geschichten der Deutschen, ist ausgestorben; Argwohn von oben, Furcht und Kälte von unten, hat sich eingenistet. Alle Frische des Geistes, alle Glut der Seele vertrocknet in der engherzigen Pedanterie, deren sich kein Verhältniß des Lebens entledigen kann; tausend drückende Formen muß der Geist durchlaufen, ehe er sich emancipiren kann, und wenn er sie besteht, hat er seine Jugend zur Einbuße dahin. Die Stelle des politischen Bewußtseins vertritt eine unermeßliche Gelehrsamkeit, und diese hinwiederum, anstatt dem Volke sich zu widmen, schließt nur Einer Kaste ihre Schätze auf, während der Staat in einem kleinlichen Detailwissen den Ersatz für die Geistes- und Gemüthsgaben sucht, die er durch keine Vorschriften seinen Dienern anerziehen kann. Der kriegerische Geist verkümmert in solcher Stubenluft, die Soldateska ist eine physische Masse, unfähig jeder Begeisterung, wenn es nicht an Haus und Hof, an Leib und Leben geht. Im Uebrigen gibt es keine Nation, die an Friedfertigkeit, Geduld und Zahmheit der deutschen gliche. In Ermanglung des öffentlichen politischen Lebens, wie jeder Laufbahn im Felde, wirft sich der Volksgeist auf Handel und Industrie; aber auch hier steht die Zersplitterung, steht der Eigennutz und Schlendrian, steht die Lokalsucht und die Trägheit, stehn die Familienbande der Großen jeder großartigern Idee entgegen. Wie soll aus solch einem Charakter neues Leben erstehen? Es wird nicht und kann nicht; nur durch fremde Hand, nur in der Assimilation, wozu dieß unmündige Volk bestimmt scheint, kann solche Trägheit durchbrochen werden.“

„Zwar freilich seit dem Wiener Kongreß glaubt man in Deutschland Manches gethan, manchen Fortschritt gemacht zu haben. Und was ist es denn, das seitdem geschehen sein soll? Die Deutschen sind anfangs einer Begeisterung gefolgt, die später zum Nichts, wo nicht gar zum Gelächter geworden ist; die heilige, die nordische Allianz wußte sie dazu zu gestalten. Später nach der Julirevolution folgten sie ebenso dem französischen Anstoß; und kaum war er verraucht, so fügte man sich gleich willig der russischen Reaktion. So zwischen Restauration und Liberalismus, zwischen Rußland und Frankreich umhergeworfen, steht Deutschland inmitten zweier Bewegungen, welche beide gleich erbärmlich sind, ohne die Kraft einen eigenen Willen aufzupflanzen. Wie seltsam klingt die verächtliche Manier, womit heutzutage die Deutschen von französischem und russischem Staatsleben sprechen, wenn man weiß, daß in Deutschland die Fürsten durch den Anschluß an das russische Prinzip, die Völker durch die Furcht ihr Leben fristen, welche die französische Propaganda einflößt. Man mag den Edelmuth des deutschen Volkes bewundern, wenn es auch in seiner Versunkenheit jedes ungesetzliche Mittel verschmäht, jeden Aufruhr zurückweist: aber wo der Nationalzug nicht alle Schwierigkeiten ebnet, wo er nicht Fürsten und Volk mit einem Willen zu beseelen vermag, da ist die Kraft gebrochen, und die Erndte gereift für fremde Schnitter.“

So viel mag der nüchterne Verstand eines Ausländers aus der deutschen Geschichte neuerer Zeit für die Zukunft Deutschlands weissagen; und wenn Engländer, Franzosen, Russen nach solcher Ueberzeugung handeln, so ist es ihnen nicht zu verargen. In Wahrheit, von all diesen Thatsachen können wenige geläugnet werden; und kein Deutscher, der es ernstlich mit seinem Vaterlande meint, wird ihr Gewicht verkleinern wollen. Was hilft hier eine oberflächliche Beruhigung?

Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhältnissen des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in der Vergleichung einer erträglichen Gegenwart mit einer schlimmern Vergangenheit liegt. O, über die Halbmenschen, die den Lauf der Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die in den Aussprüchen der Fürsten, in den Adressen der Kammern, in den Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu finden vermeinen; über die Schwächlinge, die mit den Fortschritten der jüngsten Dezennien sich brüsten und über das frohlocken, was der äußerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings Gefahr vorhanden, große ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und äußern Zustände von Deutschland, und ihr möget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und Wille der Fürsten, wie der Völker, was vermag er wider den Zug des Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen höhern Trieb als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, über die fährt es zerstörend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden, dem Sturm gleich die Völker beseelen wird, wenn das vollgerüttelte und geschüttelte Maß der angehäuften Stoffe überfließen, wenn ganz Europa der Läuterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives Leben gegen negativen Halbzustand streitet — dann schaut Euch nach Deutschland um! Wenn andre Völker, jedes um sein Panier, sei es ein geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun, ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewußtsein? Was in frühern Zeiten der Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rühmen kann, aus eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum großen Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem — haben wir nicht Alles von Fremden gelernt, mußte nicht Napoleon kommen, um Deutschland, das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Völker zu stellen? O, es ist schön und erquicklich anzuhören, wie man in Deutschland die Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, daß die Deutschen nach zehnjähriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufällig nicht uneins, das sich preist, wenn es nicht ohnmächtig, das sich bewundert, wenn es einmal nicht feige gewesen ist, das sich rühmt, nicht immer elend, jämmerlich, blind und bloß gewesen zu sein — ein solches Volk hat von Nationalehre einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wäre uns nichts übrig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten, wir hätten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die Gefahr zu fühlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns erröthen lehrt, so verbirgt sie dennoch in bittrer Schale einen süßen Kern. Ihn zu enthüllen, Trost, Rechtfertigung und Bürgschaft zu finden in einer innern Anschauung der deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.

Kapitel III.
Intentionen der deutschen Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Wahr ist’s, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor den Geschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? — Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.

1 Der Urzustand des deutsches Volkes.

2 Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis Marc Aurels Zeit.)

3 Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis auf Chlodwig.)

4 Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)

5 Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen Kaisern bis zum Tode Heinrich III.

6 Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den Hohenstaufen.

7 Vom Interregnum bis zur Reformation.

8 Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.

9 Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].

10 Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden. Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europa war die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.

IV. Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnung war die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung, trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und die Kirche heiligte die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig heranzuwachsen.

Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig eingedrungen waren.

V. In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen die oberste Stellung einzunehmen, war der weitere Beruf des deutschen Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie. Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit Deutschlands fällt in diese Zeit.

In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot. Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letzten Ottone mit der innern Kraft seines Vorgängers; mehrere Fürsten in seinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der Völker.

VI. Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen Universalmonarchie zu wahren, war die vierte Arbeit des deutschen Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats, d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang, das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie, die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung, war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger, als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber, oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII. mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III. kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II., eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit, schon — die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III. bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].

Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen; hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset; die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der öffentlichen Meinung.

VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen; sich selbst zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesen auszubilden, war Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.

Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit; zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und der Gewerbe macht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen, Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße, als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte, Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland wetteifern die übrigen Staaten Europa’s in wachsender politischer Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht, obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz, lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.

Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum (sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen Deutschland widerstehen konnte.

Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.

Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.

Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.

VIII. Die Reformation, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben. Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.

Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes die Natur hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.

Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten Theile seinem Vorbild, — und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].

Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.

Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.

Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache, ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt. In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt, den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien; ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des Wörtchens „ist“ Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht, daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn, mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur wieder Wirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt, Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.

Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht, garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrliche Gewalt; bemühte sich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren, befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte das Reich unter französische und schwedische Protection. —

IX. Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der Reformation charakterisirt den neunten Zeitraum.

Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen; in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und (wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der höchsten Wahrheiten zu ringen.

Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden; das große Vaterland mußte sich selbst absterben, seine ganze Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen. Unter diesen mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren; jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch die Vielheit der Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].

Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern Fragen erfaßten, während sie, mitten hindurch zwischen Aberglauben und leichtfertigem Zweifel[6], beharrlich die Sache der Wahrheit förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und mühseliges Wissen.

Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.

In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend, offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüth seine Tiefe und Hoheit in ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.

Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei Abschnitten.

1. Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.

In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie, mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].

Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den Großen nur durch die Uebel erklärlich, worin der dreißigjährige Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestürzt hatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft, die Sitten barbarisirt, die Gemüther im Aberglauben (noch blühten die Hexenprozesse) und in Frivolität verwildert, empfänglich für Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt, die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, längst verdrängt oder verwischt, die landständischen Verfassungen zum Schatten herabgeschwunden. Von dem, was Großes in seinen Tiefen gährte, konnte dem Volke kein Bewußtsein bleiben; französischer Einfluß, französische Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die Höfe aber zumeist, deren Willkühr und Verdorbenheit eine furchtbare Höhe erreichten. Die Herrschaft über die Gewissen, eine Folge der kirchlichen Spaltung, hatte die Fürsten an Allmacht gewöhnt; der vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein französisches Werk, gab sie ihnen thatsächlich.

Es ist ein sprechender Zug, daß, je herrlicher Deutschland selbst geblüht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwächer es gewesen, desto stärker jene sich entwickelt haben. Warum mußten Ludwig XI., Karl der Kühne zur Zeit Friedrichs III., warum Gustav Adolph und Richelieu im dreißigjährigen Kriege leben, warum kurz darauf Ludwig XIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch die europäische Geschichte, welches zeigt, daß Europa trotz aller Verschiedenheit nur Einen großen, im Grundcharakter germanischen Staat bildet; die Schale des Einen muß sinken, wenn die des Andern gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Völker noch erzogen wurden wie Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto heftiger mußte das übrige Europa reagiren, desto mächtiger die andern Nationen heranreifen; das spätere Schicksal Deutschlands war die Rache der Völker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich begründet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im Grunde vom römischen Kaiserthum ererbt war, einem in der öffentlichen Meinung nur durch Tradition, nicht durch Einsicht gerechtfertigten Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft mußte sie von den Nachbarn übernommen werden; so geschah es, daß in dieser Epoche Ludwig XIV., Karl XII., Peter der Große, Wilhelm III. fast zugleich auftauchten.

Seit dem dreißigjährigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland nicht untergehen, so mußte, wie wir oben gesagt, das Leben in die einzelnen Glieder zurückweichen. Der große Churfürst hat damals Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz Eugen Oestreich zu höherem äußeren Einfluß erhoben. Aber Oestreich war mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Böhmen besonders und Mähren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet worden; die Habsburger selbstsüchtig genug, um für ein Privatinteresse die schönsten Länder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine deutsche Großmacht mußte entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der Große.

2. Das Zeitalter Friedrich des Großen.

Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persönlichkeit, durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche Nationalgefühl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lächerlich erscheinen mußte. Nur freilich, für jene Dinge schuldet ihm Deutschland keinen Dank; Preußens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter blutigen Bürgerkriegen erstrebt, mit rücksichtsloser Beharrlichkeit verfolgt. Gewiß ist, daß er, wenn auch nicht die Deutschen überhaupt, doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn Erziehung, noch mehr sein eigenthümlich pikanter Geschmack ab, die noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfähigkeit, das neu Erwachte zu würdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn, die Periode der „Aufklärung“; die Frivolität des damaligen Tones hat er zum Theil, durch Begünstigung der französischen Schriftsteller wie durch seine Art sich zu äußern, veranlaßt; französische Weltanschauung dünkte ihm die wahre, französisch war seine Sprache und Bildung, französisch selbst seine Verwaltung in vielen Stücken. Das aber macht ihn zum großen deutschen Manne, daß er dem todten Mechanismus des Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wußte, eine innere Kraft, welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, daß er trotz vieler oberflächlichen Ansichten mit einem Ernst und einer Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den größten Philosophen zugesellt.

Joseph der Zweite, bei großen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist und Gemüth, wollte Friedrichs II. Grundsätze auf den Staat übertragen. Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks; jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner eigenen Völker. Es bleibt ewig denkwürdig, daß ein deutscher Kaiser, Beherrscher einer unumschränkten Monarchie, zuerst von oben herab ohngefähr dieselben Reformen und mit ähnlichem Leichtsinn versuchte, welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester übten damals doppelte Gewalt über das Volk, weil sie sich zu Hütern alter Vorrechte aufwarfen.

Maria Theresia hatte den Bedürfnissen der Zeit gemäß reformirt, ohne doch das patriarchalische Verhältniß des Herrschers zum Volke und den alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschüttern; Joseph baute auf moderne Grundlagen, wofür nicht nur Oestreich nicht reif, sondern die überhaupt als ein fremdes Gewächs dem deutschen Geiste widersprechen.

Er und Friedrich II. ließen sich herab, mit Katharina II. Polen zu theilen. Es war „mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler“. Von da an geriethen Oestreich und Preußen in eine Abhängigkeit von Rußland, welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit Friedrich II. sowohl als Joseph um die Gunst Katharinas II. buhlten. Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen geschwächt, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einem Einfluß von Osten, dem die Großmächte wie die kleinern Fürsten immer mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begründete, und unter dem Vorwande beständiger Hülfeleistung gegen Westen bis auf unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.

Die Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte. Während auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklärung untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den deutschen Geist dem französischen entgegensetzte, der sich wie eine Fluth über die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache, von französischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestärkt, war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur, tief und ernst, nicht so schöpferisch, aber strenger, wie das zweite, erstand.

Lessing zuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk das lang umnachtete Bewußtsein seines innern Strebens wiederzugeben; in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklärung seiner Tage, wie gegen die erbärmliche Orthodoxie, gleich gerecht gegen die großen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben hindurch, mit kühnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem Gemüthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstücke er in der Philosophie wie in der Religion erfaßte, deren vollendete Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther, gehört er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar der Geschichte an, weil an ihm vor Allen die Wogen der französischen Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirkten Herder (besonders durch eine höhere Anschauung der Geschichte) und, früher schon, Hamann; während Klopstock einer großen Poesie die Bahn brach.

3. Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.

Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf: warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer (welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite, unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen; während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind, nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht. Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder durch Uneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt) ohnmächtig sein.

Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät, womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen; allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.

Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben, würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein. Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen, nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B. Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An den Früchten erkannte man den Geist, und die „Aufklärung“ erhielt den Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt der Fürsten gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.

Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten, wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes, theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen. Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.

Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte unsre Dichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8]. An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen beseligt, den Drang nach Wahrheit hat Göthe im Faust, den höchsten Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen Zukunft, hat Schiller im Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig und gleich, hat Jean Paul das deutsche Leben nach allen Seiten, nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].

Mit solchen Kräften vermochte das deutsche Volk den Untergang des Reiches zu überleben. Der Wiener Kongreß stellte es der Zeit gemäß wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand und einige Garantieen gegen den Mißbrauch der Souveränetät machten das deutsche Volk glücklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die innere Spaltung, die äußere Schwäche blieb; Deutschland wurde bald von Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Ständen betrogen, das andre Mal von seinen Fürsten bestraft. Man erlaube mir, vorläufig die neueste Zeit zu überspringen, sie als vorbereitend zu betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung, keine selbsteigene Schöpfung (eine einzige materielle ausgenommen); aber fünf und zwanzig Jahre eines glücklichen Friedens sind hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu erkennen, was Noth thut, und im Stillen Großes zu gebären, wenn anders Großes jemals geboren werden soll.

Kapitel IV.
Letzte und höchste Intention der deutschen Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Das große Werk, wozu die Reformation den Anstoß gegeben, worum drei Jahrhunderte geblutet und gekämpft, zu vollenden, ist Deutschlands Beruf in der Gegenwart.

Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche gegenüber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstört, indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprägen mußten.

Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der protestantische Geist) gegenüber dem Geiste des Glaubens, wie er in der katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen zog sich nach innen zurück, während sie nach außen von Ohnmacht zu Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der Weltordnung bleiben solle.

Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut. Eine Antwort (wenn auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.

Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört; sie sollen aufbau’n. Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.

Dieses Princip wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch leere Vermittlung, sondern durch die selbsteigene Fülle seines Inhalts die Gegensätze versöhnen, woran in hundert Gestalten die Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den Zweifel vernichten; zurückstrahlend auf die Dogmen des Christenthums, wird es die Religion verklären, welche zu ihm sich verhält, wie gemüthliche Ahnung zu bewußter Erkenntniß, wie Anschauung des Gefühls zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und naturgemäß die Kirche erwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und sicher der Staat sich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen organischer Begründung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar, daß Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf göttlichen Grundlagen, Hand in Hand zu gehen vermögen, diese aber von jenem in demselben Maße geleitet werde, als die Triebe des Gemüths in der menschlichen Seele der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.

Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfüllt ist, um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat, wieder eins werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, daß über dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt, welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, daß Philosophie und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu kämpfen, sich ergänzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere, weil nicht die fürstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].

Alle große Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen Volksgeistes, Aufbau einer höheren Weltordnung, die Hegemonie von Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und außen, Begründung einer unumstößlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolität — sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre höchste Erfüllung.

Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das größte und glücklichste zu sein unter allen Völkern. Jener geistige Vorgang, den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die Reformation ausgeübt, dessen Hingabe an französische Aufklärung ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns fördern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Fürsten und Völker von Einem Zuge getrieben sind. Das freilich vermag nur ein weltmächtiges Wort, ein Wort voll göttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem tiefsten Streben des Volkes und deßhalb verständlich für Sinn und Herzen des ganzen Volkes. —

Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewußtsein gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, öd, leer, hoffnungslos, ohne Ziel und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, groß, ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen auch der äußern Größe. Denn für das höchste Ziel des menschlichen Wollens, für die Lösung der uralten Räthsel, konnten und mußten wohl die höchsten Opfer, Untergang der äußern Hoheit und Einheit, ja Verlust der höchsten Güter des Lebens, die ein Volk besitzen kann — um diesen Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts, sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen liegt, so mußte Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von französischem, englischem Wesen, ja überhaupt vom europäischen, zubereitet und umgeschmolzen durch kosmopolitische Einflüsse. Jetzt wiederum, wenn das große Wort gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekämpft hat für alle europäischen Völker, die Fülle seines Segens ausströmen über ganz Europa.

Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerniß, den Andern eine Thorheit. Wie kann ein Wort so große Dinge thun? Wie kann ein Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation anders als ein Princip, so wissen sie dieß und jenes zu erwiedern: daß diese Zeiten vorüber seien, daß die jetzige Zeit sich von selbst (wie, ist nicht abzusehen) helfen werde, daß das deutsche Volk, ohne zum Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, daß es übrigens eine achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt von aller Superiorität, welche ja allem Gleichgewicht widerspräche, daß leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlöschen werde, um so weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen würde, daß übrigens dergleichen sanguinische Tröstungen dazu allein tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d. h. in ihrer verderblichen Unkenntniß des reellen Lebens zu bestärken. Wenn diese Leute eines Trostes bedürfen (und wie Viele gibt es nicht, die eine so aufgeklärte Zeit, wie die unsrige, für gesund halten an Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, daß das Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntniß von Tag zu Tag vernünftiger werden wird, oder wohl auch, daß der Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europäischen Völker von selbst erreicht wird, ohne daß es hiezu des deutschen Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber die Politik und die socialen Verhältnisse betrifft, so halten sie Deutschland berufen, französische und englische Elemente, freilich in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmählig zu politischer Mündigkeit zu gelangen.

Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in höherem Lichte betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und deren Seele bewußt oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt, der von Deutschland aus die düstern Wolken der Zeit durchbrechen soll. Solchen dünkt es kein Phantom, daß der Kampf des Christenthums mit der Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche seit Jahrhunderten gekämpft wird, der Kampf der alten Weltordnung mit einer neuen ist, daß Deutschland allein ihn auszukämpfen vermag, daß Deutschland, wie auch der Ausgang sein möge, der Mittelpunkt der Weltordnung bleiben muß. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt seit den Tagen der Reformation.

Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen; geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die Fülle seiner Kraft: plötzlich erhebt er sich, erlöset vom langen Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfältige Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes Charakter, wenn auch unwandelbar begründet in der Natur, ändert sich nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht, soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder die Thatkraft in richtigem Verhältnisse zum Geiste, weil gebannt und unterdrückt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stückwerk, freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen Geiste.

Und warum ist an der ganzen Entfaltung europäischer Größe nach außen hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich leidet, nach außen getrieben werden, das deutsche Volk war nach außen beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die Bahn des Welthandels verändert; der deutsche Handel, die deutsche Seemacht, über alle Meere noch ausgebreitet zu Karls V. Zeit, gingen zu Grabe. Die Ungunst des Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es, wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berührung mit der europäischen Civilisation, nicht eines Ausgehens über andere Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte. Ueberdieß aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land, an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob überhaupt maritimes Geschick den Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob außerhalb Europa keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mächtige Keime gelegt: aber zunächst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die andern Weltgeschicke einzugreifen.

Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung uns so mächtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflächlicher als der deutsche, aber eben deßhalb schneller und gewandter, verwandelt mit eigenthümlicher Leichtigkeit innere Vorgänge in äußere, und indem er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt, unermüdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und äußern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den äußern Anstoß mit Macht zu geben, und durch beständige Experimentation das große Werk zu beschleunigen. Fichte, in den Reden an die deutsche Nation, hat dieß in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte. Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung; später erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch seine Abgeschlossenheit eine Anwendung auf staatliche Verhältnisse am schnellsten hervorrufen mußte, einen republikanischen Ausbruch, der ganz verschieden von der französischen Revolution, nur aus einer übertrieben religiösen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religiöse Grundlage, worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Engländer sind geneigt zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche dem Deutschen jede philosophische Frage zur Lebensfrage umgestaltet.

Wäre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre — was soll uns ein Princip für den Augenblick? Was soll es uns für Nationalmacht, für staatlichen Fortschritt, für die Gefahren einer Krise? Denn kein Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja Jahrhunderten, und eh’ es nicht allmählig von oben nach unten die Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?

Ich antworte nur so viel: einig, mächtig und stark vermag nur dann eine Nation zu sein, wenn ihr Bewußtsein auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, während Guelfen und Ghibellinen die Einigkeit zerstörten, war Deutschland, trotz zahlloser Parteiungen, groß und mächtig, weil der Glaube des Volks nur in Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da zwischen religiösen und philosophischen, zwischen katholischen und protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa. Da hilft es nicht (wie man wohl möchte), deutsch zu sein, was man auch immer sonst sei: deutsch sein, heißt eben zwieträchtig sein, wenn der Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig und heilsam erachtet fürs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe, in welcher der Glaube des Einen, die Wünsche des Andern sich einigen, wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht sein, — und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der Wolkensäule in der Wüste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den wir verlassen haben über den vielen Göttern, und mit ihm die Kraft, alle Zwietracht, so viel auch noch übrig bleiben möge, hintanzusetzen, wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.

In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
17 ocak 2025
Hacim:
290 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
4064066115142
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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