Kitabı oku: «Aus halbvergessenem Lande: Culturbilder aus Dalmatien»

Yazı tipi:

Theodor Schiff

Aus halbvergessenem Lande: Culturbilder aus Dalmatien


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066113537

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ein abgeschnittener Kopf.

Arme Seelen als Schiffsrheder.

Die Pestgräber von Botticelle.

Das Paternosterhaus.

Jacuve Ciciola und seine Liebe.

Wandelnde Kreuze.

Hippolytos und Phaedra.

Der Frau Mare Kargotic Gesang.

Türkischer Tabak.

Don Martine von Karakaschitza.

Ein Gerichtstag in der Morlakei.

Ein türkisches Schnupftuch.

Ein Richter in Bosnien.

Morlakischer Winter.

Die streitbaren Bocchesen.

Der Gouverneur von Scoglio Stipansko.

Wie die Agave zum Blühen kam.

Das Omblathal bei Ragusa.

Ein Fischzug bei Lesina.

Das Gigg des Kaisers.

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Ein schmaler Streifen Landes, lang gestreckt und dünn bevölkert, liegt Dalmatien fernab vom emsigen Verkehre der Völker, eingeschlossen zwischen dem massigen Gebirgsgrat der türkischen Grenze und den ruhelosen Wogen des Meeres.

Die Söhne des alten Hellas hatten einst seine Inseln bevölkert – und die heitere Sitte ihres Vaterlandes war mit ihnen eingezogen in die neue Erde. Die stolze Roma hatte ihren wuchtigen Arm ausgestreckt über die lachende Küste – und wie mit einem Zauberschlage wuchsen blühende, reich bevölkerte Städte, wuchsen riesige Paläste hervor, und schöne Tempel in heiterem Säulenschmucke spiegelten sich in den Fluthen der Adria. Barbarenhorden brachen in das Land, Schrecken, Tod und Verderben in ihrem – Gefolge und zugleich mit ihnen hielt das Christenthum seinen stillen Einzug, siegreich in seiner holden Demuth, freiheitkündend in seiner sanften göttlichen Lehre. Das finstere, gewaltthätige Ritterthum entvölkerte mit seinen Kreuzzügen Europa – und Richard Löwenherz fand in Ragusa eine Freistatt. Der erste Napoleon hatte das Land mit seinen Geierkrallen erfasst, und in den kurzen Jahren seines Besitzes hoben sich der Handel und die Industrie des Landes zu nie geahnter Blüthe.

Und heute?

Die erlauchte Krämer-Republik Venedig hat Dalmatiens Forste ausgerodet, – türkische Barbarei in demselben ihre blutigen Zeichen gelassen, – das reichbegabte und dabei so arme Volk verkümmert jetzt in seiner Einsamkeit und das Gespenst des Hungers hält alljährlich seinen Umzug durch die schauerlich nackten Felsengebirge. Heute hat sich die Weltgeschichte abgewendet von dem schönen armen Lande, das in unthätiger Ruhe langsam dahinsiecht, – heute spricht man von Dalmatien wie von einer sagenhaften Erde, und von seinem Volke wie von verklungenen Geschlechtern.

Darum habe ich es versucht, den Schleier zu lüften, der über Dalmatien liegt und über seinen Bewohnern. Ich habe nichts erdichtet und nichts erfunden, sondern einfach erzählt, was ich im Laufe langer Jahre dort gesehen, und die Erinnerungen niedergeschrieben, die mir geblieben sind aus dem Vaterlande meiner Kinder – aus dem halbvergessenen Lande.

Wien im September 1875.

Theodor Schiff.


Aus halbvergessenem Lande.


Die alte Zanetta.

Ein abgeschnittener Kopf.

Inhaltsverzeichnis

Die alte Zanetta sass auf ihrem uralten Lehnstuhl und liess sich's wohl geschehen. An einem spiessartigen Stück Holz, das sie durch das Band der breiten grossblumigen Schürze gesteckt hatte, war der Flachs befestigt, den sie mit den knöchernen Fingern ihrer linken Hand langsam herabzupfte, und in der rechten Hand liess sie das länglichrunde Holz »il fuso« kreisen, um das sich das gesponnene Garn wickelte. Auf ihrem Kopfe lagen zwei grosse Krautblätter und über denselben ein viereckig gefaltetes schneeweisses Tuch. Signora Zanetta behauptet seit dreissig Jahren täglich, dass sie heute Kopfschmerzen habe, und dass sie nur frische Krautblätter durch vierundzwanzig Stunden auf den Kopf zu legen brauche, um den Kopfschmerz für immer zu vertreiben. Und darum trägt sie seit dreissig Jahren Krautblätter auf dem Kopf und darüber das viereckig gefaltete weisse Tuch, was zusammen den Eindruck eines bösartigen Turbans exotischer Herkunft hervorbringt. Ein von tausend Runzeln durchfurchtes Gesicht, dessen Mund noch eine untadelhafte Reihe blendend weisser Zähne zeigte, ein verblichenes, aber höchst sauber gehaltenes Kleid, an den zusammengeschrumpften Füssen reine weisse Strümpfe und ein paar türkische Schuhe von dickem rothen Leder, sass die Signora Zanetta auf ihrem Lehnstuhl und um sie schwirrten die Schwärme von Fliegen, wie sie die dreissig Grad Hitze eines Julitages in Spalato zu erzeugen vermögen.

Ein grosses Gemach mit niedriger Decke – an den Wänden rohe Alfresco-Malereien, sämmtlich Theile der Seeküste darstellend, an welcher Herren und Damen in altväterischer Tracht lustwandeln, während in der Ferne der ruhig glänzende Spiegel des Meeres sich endlos erstreckt, – in der Mitte des Zimmers ein ungeheurer Tisch aus dunklem Holze, – an den beiden Längsseiten des Zimmers zwei kleine, schwerfällige, mit Flügelthüren versehene Kasten, auf denen mindestens ein Dutzend blankpolirter messingener Oellampen stand, – über dem einen Kasten ein schauerlich gemaltes, den Kaiser Franz als Jüngling vorstellendes Bild, dem gegenüber ein stark zerfressener Kupferstich mit der Darstellung des bethlehemitischen Kindermordes hing, – eine alte Wanduhr in einem bis an die Decke reichenden Kasten, – so sah das Gemach aus, in welchem Signora Zanetta sass, spann und es sich wohl geschehen liess.

In Spalato ist Alles alt. Die Häuser, das Pflaster, die Familien, die Kirchen, die Sprache, – Alles ist uralt. Die Domkirche wurde zu Ende des dritten Jahrhunderts von dem alten Christenverfolger Diocletian dem Jupiter erbaut, – die Sphinx vor derselben ist eine Kleinigkeit älter und entstammt der achtzehnten Dynastie der Pharaonen, – und das am Meeresstrande befindliche Franziskaner-Kloster macht einen förmlich modernen Eindruck, weil es erst im Jahre 1212 vom heiligen Franz von Assisi gegründet wurde, – ja, auf dem beliebtesten Spazierwege Spalatos konnte man noch zu Ende der Sechziger-Jahre halb städtisch, halb »national« gekleidete Bürger mit einem rückwärts herabbaumelnden Zopfe sich ergehen sehen. Das Italienisch, das in allen Bürgerfamilien gesprochen wird, ist genau dasselbe, das man in Venedig vor hundert Jahren hörte und in Goldoni's Lustspielen noch heute lesen kann. Eine Familie, die ihren sogenannten Adel erst von hundert oder zweihundert Jahren herwärts datirt, wird so ziemlich als neugeadelt angesehen, und ich kenne selbst in Spalato eine Familie, deren Mitglieder allen Ernstes behaupten, dass ihre in Salona ansässigen Vorfahren bereits römische Patrizier gewesen seien. Salona wurde aber im Jahre 639 nach Christi Geburt zerstört, und das mag der Grund sein, warum das betreffende Adelsdiplom nicht aufgefunden werden konnte.

Es ist überhaupt ein merkwürdiges Volk, das der Dalmatiner und besonders der Spalatiner Adelsgeschlechter. In den engen Gassen der Stadt, in den verstecktesten und übelriechendsten Winkeln derselben sitzen sie in ihren Häusern, denkend der vergangenen Herrlichkeit, als noch der »Conte« nicht viel weniger als ein Souverain und der arme Morlake nicht viel mehr als ein Sklave war, und es für jede Ungerechtigkeit, die der »Conte« beging, höchstens eine Geldstrafe gab, für das Vergehen des armen Bauern aber nur das Ermessen und die Willkür seines Herrn massgebend war. Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen, diese Conti, und so gut österreichisch sie auch im Allgemeinen sein mögen, so denken sie doch noch immer an das verrottete Pascha-Regiment der in ihrem Fett erstickten Republik von Venedig. Ja, – sowie man heute noch allenthalben auf den Mauern und öffentlichen Gebäuden der dalmatinischen Städte den Löwen des San Marco über seine vergangene Herrlichkeit in steinerner Faulheit trauern sieht, so würden sämmtliche »Conti« nicht im mindesten sich wundern, wenn eines schönen Tages wieder einmal so ein Provveditore der Republik auf einem altartigen Segelschiffe angefahren käme, um die verrottete Zopfwirthschaft von neuem zu beginnen.

So wie es unter depossedirten Fürsten üblich sein mag – ich stelle es mir wenigstens so vor, – sich gegenseitig mit »Majestät« anzusprechen, so hört man die Spalatiner alten Familien einander den Titel »Conte« geben, ohne dass weder der eine noch der andere Theil das mindeste Anrecht auf diese Bezeichnung hätte. Das »gemeine« Volk thut dann das Gleiche in seinem Umgange mit den »Conti«, und so wird in Spalato, da man dort nach altvenetianischer Weise die Leute bei ihrem Taufnamen ruft, nur von einem Conte Mome1, Conte Zane2, Conte Toni, von einer Contessa Mare3, Contessa Lele4 und Contessa Bare5 gesprochen.

In dem Hause eines solchen Conte war es, wo ich der alten Zanetta gegenüber sass, die spinnend und kopfnickend mir ihre Erinnerungen erzählte. Da war sie als dreizehnjähriges Kind in die Familie gekommen, in der sie jetzt als dreiundachtzigjährige Greisin das Gnadenbrod ass. Ihren Herrn, den Conte Anastasio, der vor einem Jahre als siebzigjähriger Greis gestorben, hatte sie damals auf den Armen getragen, – dessen Mutter, die Contessa Nene6, war damals eben erst seit zwei Jahren verheiratet gewesen und trotz ihrer Jugend eine gar strenge Frau. »Ja, ja, damals hatten die Diener noch Respect vor dem Herrn und der Frau, und wenn sie pfeifen hörten (denn in jener Zeit gebrauchte man noch keine Glocken in den Zimmern), da stürzten sie Alle holterpolter in's Zimmer, – nicht wie jetzt, wo die Magd hereinschleicht, als ob sie der Frau damit eine Gnade erwiese.«

»Damals,« so erzählte Zanetta, während sich ihre bleichen runzlichten Wangen in Erinnerung an die vergangene Herrlichkeit rötheten, »damals konnte der Herr noch den Diener strafen, ohne dass irgend ein Prätor oder sonst ein Beamter sich unberufenerweise hineinmischte. Wenn das heute geschehen wäre, dass man der seligen Lustrissima7 ihr ganzes Silbergeschirr stahl, wie es bald vor siebzig Jahren geschehen, wer weiss, ob nicht der Joso8, der Lump, noch frei ausgegangen wäre, aber so hat er es bitter genug büssen müssen, – unser Herrgott habe seine Seele gnädig.« – Und Signora Zanetta faltete die Hände und schien ein Gebet für den »Joso« zu murmeln, so dass ich sie, so lange sie in ihrer Andacht versunken war, nicht unterbrechen wollte.

»Und wie war denn die Geschichte, Signora Zanetta, mit dem Joso und dem Silbergeschirr und der Lustrissima?«

»So, wissen Sie das nicht? Hier weiss es Jedermann. Das heisst, Jene, die es gewusst haben, sind eigentlich meistentheils todt, ich aber erinnere mich noch gar gut daran. Damals war ich ein junges Ding und eben erst von der Insel Brazza herübergekommen, weil mich die selige Lustrissima als Magd wollte. Ich bin auch seit jener Zeit nicht mehr aus dem Dienste der Familie ……* getreten, und so hat auch mein Herr, der Conte Nico9, als er vor dreissig Jahren starb, es ausdrücklich im Testamente hinterlassen: La Signora Zanetta resta calzata e vestita in casa ……*, monda e netta10. Auch arbeite ich, was ich will, und seit zehn Jahren putze ich nur mehr alle Morgen die Oellampen, denn das jetzige Volk von Mägden ist zu faul und zu schmutzig zu einem solchen Geschäft. Also richtig, dass ich auf den Joso komme, der war damals Knecht beim Conte Nico und wohnte draussen in dem Hause von Lovrett, eine Viertelstunde vor der Stadt auf dem Wege gegen Paludi. Dort hatte er die Felder zu bearbeiten, die auf weit und breit um das Haus herum dem Conte Nico gehörten. Sie gehören auch jetzt noch der Familie ……*«

»Also, die Lustrissima lag in ihrem ersten Kindbett mit dem kleinen Conte Anastasio, den Sie ja selbst noch gekannt haben und der erst im vorigen Jahre gestorben, und weil es schon gegen zwölf Uhr Mittags war, um welche Zeit gewöhnlich die anderen Frauen zur Lustrissima zu Besuche kamen, so hatte ich den kleinen Conte Anastasio, der eingeschlafen war, in seine schöne Wiege gelegt und putzte ein wenig den Staub von den Möbeln des ersten vor dem Schlafzimmer der Lustrissima befindlichen Zimmers. Da ruft die Lustrissima und sagt: »Zanetta, mir kommt vor, als ob ich einen Geruch von Zwiebel verspürte, – war gewiss der Joso draussen im anderen Zimmer?« Der Joso, müssen Sie wissen, ass sehr gerne frische Zwiebel und roch auch gewöhnlich danach. Sag' ich, nein, Lustrissima, der Joso ist noch nicht zum Essen gekommen und in der Küche draussen wird ihm die Minestra kalt. Sagt die Lustrissima: »Ich weiss nicht, aber die ganze verflossene Nacht träumte mir von Melonen, die mir der Joso brachte, das bedeutet einen Diebstahl. Nimm hier die Schlüssel und sieh in der schwarzen Truhe nach, die draussen steht, ob alles Silberzeug da ist.« Sage ich: Ja, Lustrissima! nehme den Schlüssel und will die Truhe aufsperren, da fehlt aber etwas im Schloss und ich kann nicht damit zu Stande kommen. Unterdessen kommt der Conte Nico nach Hause, der lässt den Schlosser holen, und wie der Deckel endlich aufspringt, ist die Kiste leer. Ja, – von Melonen träumen bedeutet immer Diebe im Hause.«

»Der Conte Nico – Gott hab' ihn selig! – läuft selbst gleich zum Municipium und es werden alle Rondari11 avisirt und die Truhen von uns Dienstleuten wurden alle durchsucht, aber es fand sich nichts und die Rondari konnten auch keinem Diebe auf die Spur kommen. Da liess der Conte Nico alle Dienstleute in's Zimmer kommen und wir mussten niederknien und er machte alle Fenster auf. Einer nach dem Andern mussten wir bei offenem Fenster schwören, dass wir es nicht gethan hätten, – und schliesslich sprach Niemand mehr davon.«

»Die Lustrissima aber hatte sich das schöne Silberzeug zu Herzen genommen, wurde schwer krank und lag durch drei Monate im Bette, obwohl man ihr nach und nach mindestens hundertundfünfzig Blutegel setzte und der alte Doctor R., der Grossvater des jetzigen Doctor R., ihr viele Male zu Ader liess. Wie es ihr schon besser geht, – aber noch sehr schwach war sie, – kommen eines Morgens unsere beiden Knechte, die im Hause wohnen, vom Feld herein und mit ihnen drei Rondari. Die tragen etwas in einer Torba12 und wollen mit der Lustrissima sprechen. Der Conte Nico war schon zeitlich Früh nach Castelli geritten und weil die Lustrissima noch so schwach war, so hatte ich gerade ein schönes Stückchen Schöpsenfleisch für sie gebraten, das ich ihr mit einem Glase Vugava13 hineintragen wollte. Wie die Rondari und die Knechte aber hören, dass der Conte Nico nicht zu Hause sei, liessen sie sich schon gar nicht mehr halten und sagten, wenn ich sie nicht hineinführe zur Lustrissima, so würden sie ohne mich zu ihr in's Zimmer gehen; sie hätten etwas, das die Lustrissima zum Lachen bringen würde, und das thäte ihr gewiss besser als alle Medicinen und Blutegel des Doctors.«

»Die Lustrissima hatte uns sprechen gehört und rief mir zu, dass ich die Leute nur hineinführen möchte zu ihr. Wie nun die Knechte in's Zimmer treten, bemerke ich, dass der Eine, der Ive,14 den Griff seines Handjars und auch seine Hände ganz mit Blut beschmutzt hatte, aber ich erschrak nicht, weil ich glaubte, er hätte vielleicht einen Hammel geschlachtet oder sonst etwas. Da traten die Fünfe hin vor das Bett der Lustrissima, und der Ive, der immer gut sprechen konnte, sagt zu ihr: »Gospoja,15 willst Du wissen, wo Dein Silberzeug ist?« Sagt die Lustrissima: »Freilich möchte ich's gerne wissen, aber ich fürchte, das ist schon lange in der Türkei.« Sagt der Ive: »Schau, Gospoja, kennst Du das?« und zog unter der Jacke die grosse silberne Spuckschale hervor, die noch heute drüben beim anderen Silberzeug steht. Dann griffen die Anderen in ihre Jacken und Gürtel, und nach und nach lag das ganze gestohlene Silberzeug auf dem Bette der Lustrissima zu ihren Füssen.«


»Wie das aber Alles ausgebreitet lag, sagt der Ive: »Weisst Du noch, Gospoja, wie wir alle haben bei offenem Fenster schwören müssen? Ich habe damals gar gut gesehen, wer blass geworden ist, als der Conte Nico die Fenster aufmachte. Darum habe ich seit der Zeit dem Joso aufgepasst, und jede Nacht ging ich um Lovrett herum seit dieser Zeit, bis ich einmal ein Licht sah unter den Feigenbäumen vor dem Hause. Da wusste ich, dass ein Schatz in der Erde sein musste, denn das Licht verschwand, sobald ich näher kam. Und als ich heute Nacht wieder um Lovrett herumschlich, da sah ich den Joso mit der Schaufel aus dem Hause treten und gegen die Feigenbäume gehen. Da rief ich schnell meinen Kameraden und auch die drei Rondari, die wir begegneten, und als wir nach Lovrett kamen, da hatte gerade der Joso das ganze Silber ausgegraben und wollte es in's Haus tragen. Wir aber fielen über ihn her und nahmen es ihm weg. Hier hast Du Dein Silber, Gospoja, und da ist noch etwas.« Und wie der Ive das gesagt hatte, griff er in die Torba und zog den Kopf des Joso hervor, den sie ihm abgeschnitten hatten – –«

»Die Lustrissima erschrak zwar, aber sie war eine gar tapfere Frau, – ganz wie ein Mann. Darum beruhigte sie sich bald, liess den Kopf hinaustragen und befahl mir, den Leuten Wein und Brod zu geben, bis der Conte Nico käme. Der war anfangs böse darüber, weil damals schon die Beamten anfingen, sich in Alles hineinzumischen und solche Dinge nicht leiden wollten. Aber er sprach mit den Herren auf dem Municipium, die hatten auch viel zu viel Respect vor der Familie ……*, als dass sie etwas gethan hätten. Und so fragte Niemand mehr danach, der Joso bekam eine schöne Leiche, und das Silberzeug kam auf seinen alten Platz in die schwarze Truhe. Aber für den Joso wird seit dieser Zeit alle Jahre an seinem Sterbetage, als sie ihm den Kopf abschnitten, eine heilige Messe gelesen.«

»Und wann ist die Lustrissima gestorben?« fragte ich.

»Schon vor zwölf Jahren,« sagte Signora Zanetta, indem sie die Spindel zur Erde gleiten liess, andächtig die Hände faltete und für die Lustrissima zu beten schien.

Die Signora Zanetta erzählte mir diese Geschichte genau an dem Tage, als die Schlacht bei Sedan geschlagen wurde, und lebt noch zur Stunde, in der ich dieses schreibe.

Arme Seelen als Schiffsrheder.

Inhaltsverzeichnis

Was die Dalmatiner von uns Deutschen sagen und wie sie von uns denken, das lässt sich nicht in wenigen Worten wiedergeben, hauptsächlich schon aus dem Grunde nicht, weil unter dem Worte »Dalmatiner« zwei ganz verschiedene Nationalitäten zu verstehen sind, die einander in der Sprache gar nicht gleichen, während ihre Sitten nur Weniges mit einander gemein haben. In den Küstenstädten Nord- und Mittel-Dalmatiens, in Zara, Sebenico, Spalato, Almissa und Makarska ist die sogenannte bessere Classe, zu welcher sämmtliche »Conti«, die besser gestellte Mittelclasse und verhältnissmässig nur wenige Gewerbetreibende gehören, grösstentheils italienischer Herkunft; man spricht in der Familie italienisch mit venetianischem Dialekt und hat venetianische Sitten und Gebräuche mit einer merkwürdigen Zähigkeit bis auf den heutigen Tag festgehalten. Im Inneren des Landes hingegen, sowie in den südlicher gelegenen Städten Ragusa, Cattaro, Castelnuovo, dann auf den Inseln, herrschen slavische Sprache, Sitten, Gebräuche und Familien-Namen vor. Die Bewohner des inneren Gebirgslandes sind ausschliesslich Slaven.

Im Allgemeinen wird das Cultur-Element durch den italienisch sprechenden Theil der Bevölkerung vertreten, während sich die Dalmatiner Slaven – mit alleiniger Ausnahme der Bevölkerung von Ragusa – noch in einem wenig beneidenswerthen Urzustande befinden. Ich weiss zwar nicht, ob ich es als eine für uns Deutsche beschämende Thatsache erklären soll, aber es steht fest, dass die Dalmatiner Slaven von dem Daheim der Deutschen kaum mehr wissen als vielleicht die Unterthanen Seiner Majestät des Schah's von Persien. Allenfalls hört man von einem Morlaken hin und wieder Bec (Wien) erwähnen, wobei übrigens die Frage nicht selten ist, welche Sprache denn in »Bec« gesprochen werde. Darüber hinaus gehen aber die ethnografischen und geografischen Begriffe eines Dalmatiner Bauers wohl selten.

Anders verhält es sich mit den »gebildeten«, italienisch sprechenden Dalmatinern. Diese haben noch von ihren Vorfahren oder Zwingherren, den alten Venetianern, die ganze Verachtung für die deutschen Barbaren und vielleicht von den modernen Italienern die Unkenntniss der Geografie übernommen, die sie auch je nach den Abstufungen ihrer bessern oder minder guten Erziehung ziemlich unverhüllt zur Schau tragen. Deutsche Beamte sind in Dalmatien sehr selten, die Chefs der Landes-Regierung sind und waren seit vielen Jahren der Militärgrenze oder sonst dem croatischen Stamme entnommen, die Officiere der in Dalmatien liegenden Truppen schliessen sich von dem Verkehr mit den Familien ab oder werden vielmehr zu demselben gar nicht zugelassen: da ist es natürlich, dass man mit dem Ausdrucke »Deutsch« nur einen sehr unbestimmten Begriff verbindet, und es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass in einer der abendlichen »Conversazioni« von einem »Deutschen aus Ungarn« oder einer »Deutschen aus Böhmen« die Rede war, worunter man ungarisch oder czechisch sprechende Leute verstand.

Aber nicht nur Barbaren sind wir Deutsche für die echten Dalmatiner, sondern auch Ketzer. – Ketzer ohne alle Ausnahme. Daher erklärt sich auch das mit einem guten Theil Misstrauen gemischte und etwas zugeknöpfte Benehmen, mit welchem der Deutsche in Dalmatien von dem Eingebornen italienischer Nationalität empfangen und im Umgange behandelt wird.

Man hat viel von den verrotteten, abergläubischen Ansichten der Tiroler gesprochen und als Entschuldigungs- oder Erklärungsgrund den Wall himmelanstürmender Berge angeführt, der Tirol bis vor Kurzem von dem Verkehre mit der Aussenwelt so ziemlich abgeschlossen hielt. Bei den Dalmatinern mag eine ähnliche Ursache die ähnliche Wirkung hervorgebracht haben. Dalmatien liegt eben ausser dem Wege des Völkerverkehrs und die befruchtenden Ideen der Neuzeit haben dort kaum einen schwachen Widerhall gefunden in seinen Bergen, in den dumpfen Häusern seiner alterthümlichen Städte und an seinen einsamen Küsten.

Wer in Spalato während der Sommer-Monate Luft schnappen will, der muss zeitlich aufstehen. Das ist nicht figürlich zu nehmen, sondern wörtlich. Die Tage sind glühend, die Nächte heiss, – aber in den Morgenstunden, allenfalls von vier bis sechs Uhr, da liegt ein prächtiger satter Schatten über der breiten Marine, dem schönen Spaziergange, der sich zwischen den dem Hafen zugewendeten Häusern der Stadt Spalato und dem Meeresufer hinzieht. Das Meer dehnt sich still und glänzend aus bis zu den noch im Schatten liegenden Inseln Brazza und Solta, die Barken am Ufer heben und senken sich in feierlich rhythmischer Bewegung, der feine blaugraue Duft, den man nur am Seegestade findet, mengt sich am weiten Horizont mit den violetten und hellrothen Farben des Himmels, schöne Möven tauchen abwechselnd in die rosige Himmelsgluth und den silberglänzenden Spiegel des Meeres. Weit draussen kommen vielleicht ein Paar Fischerboote heran mit braunrothen lateinischen Segeln, und dann blitzt plötzlich der erste Morgensonnenstrahl über Segel, Inseln, Möven und Meeresspiegel. Dann kriechen wohl einzelne Matrosen aus den Lucken ihrer Fahrzeuge, in denen sie geschlafen, und machen ihre Morgen-Toilette im Meerwasser; Weiber mit grossen Körben auf dem Kopfe bringen Milch und Gemüse zu Markte, im nahen Franziskaner-Kloster läutet es zur Frühmesse, – aber der echte Spalatiner, besonders wenn er ein Conte ist, schläft noch, – lässt sich von den Mücken stechen, deren es in den engen Gassen und Häusern Millionen gibt, und schwitzt seine Morgenträume.

Der alte Conte Lole16 war zwar ein echter Spalatiner, aber heute wich er ab von der Sitte seiner Väter und war schon um fünf Uhr auf der Marine. Er schien auf etwas oder auf Jemanden zu warten, denn er pflanzte sich, so lang er war, mitten hin vor das kleine Sanitätsgebäude und musterte, die Hand als Schutz gegen die eben aufgehende Sonne über die Augen haltend, die am Ufer verankerten Barken. Meinen Gruss erwiderte er als jenen eines alten Bekannten ziemlich flüchtig, freute sich aber doch, wie er sagte, mich so früh auf und wohl zu sehen. »Der Ante Placibat,« hub er an, immer noch mit der Hand über den Augen, »der Ante Placibat ist ein Faulpelz, – ich sehe weder ihn noch die Colombina. Und doch sollte er schon heute Früh von der Brazza gekommen sein, um gleich wieder nach Zara abzufahren. Ich bin nur seinetwegen am diese Stunde aufgestanden, um ihm Einiges mitzugeben für meinen Bruder, den Conte Duje17. Auch weiss er recht gut, dass der Don Beppo eigens seinetwegen heute schon um sechs Uhr in unserer Capelle Messe liest für eine glückliche Fahrt. Ich möchte Nichts sagen, wenn ihm die Messe nichts gelten würde, aber heute sind gerade zwei von den Knechten auf dem Felde, da ist nur die Magd und der eine Knecht bei der Messe und so kann der Kerl als Dritter zu einer giltigen heiligen Messe kommen, weil ich ihn für einen meiner Diener ausgeben kann. Er verdient's aber nicht, der ……!«

Mir war die ganze Geschichte einigermassen unverständlich. Wer ist Ante Placibat und wer die Colombina? Was ist das für eine Messe, die nur für drei Dienstboten gilt, und wem gegenüber will Conte Lole den Ante Placibat, der doch sein Knecht nicht zu sein scheint, für einen solchen ausgeben?

Ich erbat mir von Conte Lole eine diesbezügliche Erklärung, aber in demselben Augenblicke kam ein Mann auf uns zu, der offenbar der ersehnte Ante Placibat sein musste, denn er grüsste schon von Weitem und Conte Lole rief ihm in halb scherzhaftem, halb ärgerlichem Tone einige Flüche in illirischer Sprache zu. Der Mann trug ein Paar weite Beinkleider von Segeltuch, die mit einer rothen Schärpe um die Hüften befestigt waren, eine braune, vorne offene Jacke und einen breiträndigen Strohhut. Sein Anzug und die hellgrauen zusammengekniffenen Augen zeigten deutlich den Seemann. Der Conte Lole, sagte er, möge sich nur nicht ereifern. Die Colombina (und dabei wies er mit dem Daumen über die rechte Schulter) sei bereits um drei Uhr Früh angekommen und vollkommen klar zur Abreise. Wenn der Conte Lole ein wenig weiter gegen das Zollamt gehen wolle, so könne er sie hinter dem grossen Trabakel18 des Padron Ivicich liegen sehen. Auch habe er bereits einen Matrosen mit dem Mozzo19 in das Haus des Conte Lole gesendet, um mitzunehmen, was mitzunehmen wäre. Und wenn der Conte Lole und ich es erlauben, so lade er uns ein, unterdessen, bis die Leute zurückkämen, mit ihm einen schwarzen Kaffee zu trinken, der im Kaffeehause Troccoli ganz vorzüglich wäre. Und dabei machte er eine tiefe Verbeugung vor uns Beiden. Aber der Conte Lole wollte von allen dem nichts wissen, sondern trieb den Ante Placibat an, dass er jetzt gleich mit ihm nach Hause und zur Messe käme. Auch mir, sagte er, könne es nicht schaden, und wenn ich ihn begleiten wolle, so erweise ich ihm eine Ehre, obwohl die Messe für mich nicht giltig sei, denn ich wäre ein Fremder.

Dass die »Colombina« eine Küstenbarke und Ante Placibat deren Commandant (oder um in der Schiffersprache zu sprechen) ihr Padron war, das hatte ich jetzt glücklich erfahren, aber welches Bewandtniss es mit der »giltigen« Messe habe, die für mich nicht galt, blieb mir immer noch ein Geheimniss, das mir der Ergründung werth schien. Ich nahm deshalb die Einladung des Conte an und begleitete ihn durch die noch wenig belebten Gassen der Stadt, während Ante Placibat sich respectvoll immer einen halben Schritt hinter uns hielt.

Spalato ist nicht gross und um es in gerader Linie nach irgend einer Richtung zu durchmessen, benöthigt man kaum mehr als zehn Minuten. Beiläufig so lange brauchten wir auch, um zu dem Hause des Conte zu gelangen, das, wie er mir unterwegs erzählte, bereits seit zweihundert Jahren seiner Familie gehörte. Der Zugang zu demselben war nicht vielverheissend, da wir uns durch ein Gewirr der engsten und finstersten Gässchen durchwinden mussten, bis wir endlich durch einen mächtigen, wahrscheinlich noch von dem Palaste Diocletian's herstammenden Schwibbogen tretend, uns der Behausung des Conte gegenüber befanden.

Ein alterthümliches, roh in Stein gehauenes und mit grellen Farben überklextes Wappen prangte über dem hohen, aber schmalen Thore. Die weite, beinahe vollkommen finstere Vorhalle, die uns nun empfing, entsandte einen eigenthümlich muffigen, mit mephitischen Dünsten gemischten Duft, was auch der Conte zu bemerken schien, denn er murmelte, während wir die Stiege hinaufschritten, etwas über die Nachlässigkeit eines gewissen Sime20, der des Abends das Thor nicht rechtzeitig schliesse und dadurch die Schuld trage, dass sich die ganze Nachbarschaft des Hauseinganges wie eines Anstandsortes bediene. Im ersten Stocke angekommen, traten wir in eine Vorhalle, von der zwei Thüren, wie es schien, in die Wohnzimmer und eine kleinere dritte in die Capelle führte. Der Conte öffnete die Thüre.

Eine merkwürdigere Capelle und eine sonderbarere Versammlung von Andächtigen ist mir wohl niemals vorgekommen. Vor Allem trat uns eine grosse, magere, streng und sauber aussehende Dame in einfachem Hauskleide entgegen, welche durch die nichts weniger als artige Strafpredigt, die sie wegen zu langem Ausbleiben an den Conte richtete, sich als die Contessa kundgab. Als sie meiner ansichtig wurde, verstummte sie, ohne übrigens im Geringsten verlegen zu werden, und erwiderte meinen Gruss ziemlich gemessen, indem sie mir zugleich den Eintritt freigab. Der Thür gegenüber, die in ein schmales, beiläufig vier Klafter langes Gemach führte, stand ein Altar auf rohen, aus Sandstein gemeisselten Säulen. Ober demselben prangte ein aus Holz geschnitzter Heiliger und über demselben ein vergoldetes Osterlamm. Zwei Reihen schmaler Betschemel, die kaum für je zwei Personen Platz boten, liessen einen Gang frei bis zum Altare. Uralte Heiligenbilder, alte Sträusse von künstlichen Blumen und einige Kupferstiche hingen an den Wänden. Auf den Kniebänken der Betstühle sassen vier junge Damen mit glänzenden Augen, höchst derouter Toilette und ungekämmten, aber prachtvoll langen, dunkelschimmernden Haaren; sie kehrten dem Altar den Rücken und schienen sich in zwanglosem Geplauder zu unterhalten. Das waren die jungen Contessen. Ein beiläufig achtzehnjähriger Bursche, der junge Conte, lehnte an der Thüre und sprach mit einem sehr behäbig aussehenden kugelrunden geistlichen Herrn; ein Morlake und eine städtisch gekleidete höchst schlumpig aussehende Magd standen in der einen Ecke. Das war die Versammlung, welche den Conte Lole und mit ihm den Anfang der Messe erwartete.

Bei unserem Eintritte kam etwas Leben in die Versammlung. Der geistliche Herr legte mit Hilfe des Hausherrn die Messgewänder an, die jungen Damen trachteten die Mängel ihrer Morgen-Toilette so gut und so schnell als möglich zu verdecken, männiglich setzte sich in andächtige Positur und die Messe ward ohne weitere Störung gelesen, nur dass die Contessa hin und wieder giftige Blicke auf Conte Lole schoss und etwas brummte, was eben kein Gebet sein mochte.

Als die Messe beendet und der Segen gegeben war, wurde der behäbige geistliche Herr in die Wohnung der Familie escortirt, um dort seinen Morgenkaffee einzunehmen. Ich aber verabschiedete mich von der gestrengen alten Contessa, sowie den derouten jungen Contessen und gab in Gesellschaft des Conte Lole dem Ante Placibat das Geleite gegen die Marine.

Ich weiss nicht, ob der Conte mir es an der Miene ablas, dass ich gerne eine Erklärung über die geheimnissvolle Giltigkeit und Ungiltigkeit der Messe im Hause ……* gehört hätte, oder ob er nur zeigen wollte, welch' uralter Familie er angehöre, die noch solchen alten Brauch zu hegen und zu pflegen das Recht habe, kurz, er erzählte mir Folgendes:

Vor beiläufig zweihundert Jahren wurde der Theil des Hauses, in welchem die Kapelle steht, durch einen Ahnherrn der Familie ……* erbaut. Irgend ein Papst wurde durch irgend einen der Bischöfe von Spalato gebeten, der Familie ……* das Recht zu geben, in ihrer Hauscapelle Messe lesen zu lassen. Da die Familie ……* wohlhabend und im Stande war, für den hochadeligen Luxus einer eigenen Hauscapelle auch tüchtig zu zahlen, so erfolgte die erbetene Erlaubniss. Unter dem Dachboden in irgend einer Kiste musste auch noch das päpstliche Breve aufbewahrt sein. Der Conte hatte es nie gelesen, wohl aber sein Vater, der vor dreissig Jahren gestorben, und ihm einmal sagte, das Breve sei lateinisch. Und weil die Familie ……* seit jeher sich durch Frömmigkeit ausgezeichnet habe, so habe die Capelle auch ganz besondere Privilegien. Jeden Tag dürfe in derselben Messe gelesen werden, auch gelte die Messe für alle Familien-Mitglieder, auch für Diejenigen, die nur in die Familie geheiratet hatten, und ausserdem für drei männliche oder weibliche Dienstboten, aber nicht …

Das war mir doch zu stark. Da stand ich trotz aller Erklärung wieder vor dem ungelösten Räthsel, das ich doch ergründen wollte.

»Entschuldigen Sie, Conte Lole, wie verstehen Sie das von dem Gelten der Messe?«

Der Conte streifte mich mit einem misstrauischen Seitenblick, als ob er nicht recht im Klaren sei, ob ich denn nicht doch ein Ketzer und daher der nöthigen Vorbildung zum Verständniss seiner Erklärung bar sei. »Gelten heisst gelten,« sagte er tiefsinnig, »wenn Sie zum Beispiel Sonntags in meiner Capelle die Messe hören, so haben sie keine Messe gehört, wenn aber ich oder ein Mitglied meiner Familie in derselben die Messe hören, dann haben wir sie gehört. Das Gleiche gilt für drei meiner Dienstleute.«

»Wenn aber vier von Ihren Dienstleuten der Messe beiwohnen, für welchen von den Vieren gilt dann die Messe nicht, Conte Lole?«

Der Conte dachte einen Augenblick nach und entschied dann rasch: »Für den Letztgekommenen. – Sehen Sie, Herr ……, ich weiss recht gut, obwohl ich niemals aus Dalmatien hinausgekommen bin, dass man in der Welt jetzt nicht mehr viel hält auf solche Dinge, aber in unserer Familie, die von sehr altem Adel ist, war man auch immer fromm. Darum hat man uns auch Privilegien gegeben von Rom, wenn wir darum baten, und nicht genug, auch einen Cardinal haben wir schon in der Familie gehabt und auch ein Wunder.« Und der Conte blickte in offenbar gehobenem aristokratischem Selbstbewusstsein bei der Erinnerung an das Wunder um sich, als erwartete er rings um sich plötzlich eine ganze Legion adeliger Wappenschilde der Familie ……* auftauchen zu sehen.

»Das Wunder ist wohl schon sehr alt?« wagte ich zu fragen.

»Nein, es geschah vor fünfzig Jahren. Mein jüngerer Bruder Conte Zandume21 war mit einem kürzeren Fuss geboren und hinkte. So lange er klein war, wurde das weniger beachtet; die Aerzte sagten, es gäbe kein Mittel dagegen und seine Pesterna22, die eine Morlakin aus Imoschi war, zog ihn nur alle Abend tüchtig bei dem kürzeren Fuss, dass er schrie, aber das half nichts. So war er zwanzig Jahre alt geworden. Da verlobte ich ihn zu einer Wallfahrt in die Capelle des San Dojmo bei Duimovaz. Es war am 7. Mai, dem Tage des San Dojmo, und wir hatten uns etwas verspätet. Darum war es schon tüchtig heiss, als wir in die Gegend von Duimovaz kamen und auf dem ganzen Wege hindurch predigte ich in einemfort dem Zandume, er solle nur festen Glauben hegen, dann werde Alles gut werden. Fede23, Zandume, fede! rief ich immer, aber der Zandume war schon müde, weil er hinkte, und sagte nur: »Ja, Lole!« Endlich kamen wir zur Capelle selbst. Viele Kerzen brannten drinnen und vor denselben lag eine Menge Morlaken, Weiber wie Männer und sonst ordinäres Volk auf den Knien. Ich schob sie aber zur Seite, packte meinen Bruder beim Arm, schob ihn voraus und rief in der höchsten Aufregung »Fede, Zandume! fede, fede, Zandume, fede!« (– Hier folgte noch ein Fluch, der sich nicht in's Deutsche, wohl aber in das Ungarische übertragen lässt –) – – – »Da war das Wunder geschehen.«

»Konnte er jetzt gerade gehen?« fragte ich.

»Nein,« sagte der Conte, »aber er fühlte sich besser, so lange er lebte, und sprach davon bis zu seinem Tode. Vor zwei Jahren ist er gestorben.«

Unterdessen waren wir auf die Marine gekommen, von welcher der breite Schatten gewichen war, da die Sonnenstrahlen sich jetzt kräftig und heiss über dieselbe legten. Das Meer wippte in zitternder Bewegung vor einer stetigen Landbrise und die »Colombina« tanzte mit den anderen Barken gar lustig vor unseren Augen. Der Ante Placibat war auf einem als Landungsbrücke dienenden Brette an Bord gegangen und hantirte mit den Kisten, Fässern und Ballen herum, die auf dem Verdeck lagen, und der Mozzo hockte bei einem kleinen am Bug des Schiffes angemachten Kohlenfeuer um Kaffee zu kochen.

Conte Lole schien doch das Bedürfniss zu fühlen, den etwas zweifelhaften Eindruck, welchen die Erzählung von dem Wunder auf mich gemacht, durch die Aufzählung irgend einer positiven Thatsache abzuschwächen, denn er fragte plötzlich: »Wissen Sie, wem die »Colombina« eigentlich gehört?«

»Vermuthlich Ihnen, Conte Lole?«

»Nein,« antwortete der Conte stolz, »sie gehört den armen Seelen. Mein Grossvater hat sie bauen lassen. Früher war sie grösser und ist auch bis Triest gefahren, jetzt aber fährt sie nur bis Zara. Von dem, was sie einbringt, wird vorerst die Mannschaft gezahlt, dann werden die Reparaturen besorgt und was übrig bleibt wird zu Seelenmessen für die Verstorbenen unserer Familie verwendet. Davon wird der Don Beppo bezahlt, der eben in der Capelle Messe las. Die Reparaturen fressen am meisten und von der ursprünglichen »Colombina« ist kein Spahn mehr da. Aber sie wird immer gut gehalten und frisch aufgezimmert, hat auch immer ausserordentliches Glück gehabt. Weil die armen Seelen eigentlich ihre Eigenthümer sind, brauche ich sie auch nicht zu assecuriren. Schon oft war sie in der grössten Gefahr, – jedes andere Schiff wäre zu Grunde gegangen aber die »Colombina« – – halt! Da fährt sie ab. Glückliche Reise, Ante! Grüsse mir die Freunde in Zara!!«

Während die Brise sich sanft in die Segel legte, tanzte die »Colombina« lustig hinaus über die glitzernde Fläche. Beim Steuerruder stand aber Ante Placibat und schwenkte seinen Strohhut.

Glückliche Reise, »Colombina,« glückliche Reise, Ante Placibat!!


Die Pestgräber von Botticelle.

Inhaltsverzeichnis

Hätte Herr Stipe Noncovich sein Dasein in irgend einer Stadt irgend eines anderen Landes ausser Dalmatien hingebracht, so würde er jedenfalls auf den Titel eines Commis Anspruch erhoben haben. Da er aber in Spalato sich des Lebens freute, so hiess er einfach »Giovane«.

Giovane ist Alles. Ein Schneidergeselle, ein Advocatenschreiber, ein Schusterlehrjunge, ein Marqueur in einem Kaffeehause, und nicht minder jene jungen Männer, die man im gemeinen Leben deutscher Nation unter den Sammelnamen Ladenjünglinge zu bezeichnen pflegt – sie Alle heissen in ganz Italien und in allen Küstenstädten des italienischsprechenden Dalmatiens »Giovane«, zu deutsch »junger Mann«. Wie alt ein derartiger junger Mann sei, thut nicht das Mindeste zur Sache, denn nicht etwa das jugendliche Alter des Betreffenden soll mit diesem Ausdrucke bezeichnet werden, sondern das Abhängigkeits-Verhältniss, in welchem er zu seinem Herrn steht. Und Herr Stipe Noncovich war ein »Giovane«, er verkaufte Leinwand, Bänder, Schnüre, Vogelleim, abgelegenes Tuch, Schiesspulver, Zucker, Kaffee, fertige Stiefel, Branntwein und noch tausend andere Dinge in dem Laden seines verehrten Oheims und gestrengen Herrn.

Wenn man von der Piazza Signori – dem Herrenplatze – der freundlichen Stadt Spalato in der Richtung gegen den diocletianischen Jupiter-Tempel geht, so stösst man an der Ecke des Platzes auf ein höchst sonderbares Erzeugniss mittelalterlicher Bildhauerkunst. Es sind zwei Bischöfe in vollem Ornate, welche, die Mitra auf dem Kopfe und die respectiven rechten Hände wie zum Segen erhoben, in Sandstein roh ausgemeisselt und in die Quadern des Eckhauses eingefügt sind. Der eine dieser Bischöfe ist in mehr als Lebensgrösse dargestellt – der andere reicht dem ersten kaum bis zum Knie. Die nackten Füsse des grossen und die von schwerfälligem Faltenwurfe überdeckten Knie des kleinen Bischofs sind gleichmässig abgeschliffen und gewöhnlich mit einer Schmutzkruste überzogen. Das hat seinen guten Grund. Der Morlake sowie der Bewohner der Vorstädte Spalatos sieht in jeder alten Statue ohneweiters einen Heiligen. Hat die Statue gar eine Bischofsmütze auf dem Kopfe, so muss es schon ein ganz ausserordentlicher Heiliger sein. Darum sind auch die beiden sandsteinernen Bischöfe heilig und kein Morlake und kein Vorstadtbewohner versäumt es, im Vorübergehen hinaufzulangen, die Füsse des grossen und die Knie des kleinen Bischofs mit den Fingern anzurühren und dann seine Finger zu küssen. Daher die Kruste. Manchesmal regnet es aber, und dann wird die Schmutzkruste vom Regen abgewaschen.

Fragt man einen zur gebildeten Classe zählenden Spalatiner um die Bedeutung dieser beiden Bischofsbilder, so erhält man allerdings eine Auskunft, die einigen Zweifel an der Heiligkeit der beiden Originale zu erwecken geeignet ist. Es soll nämlich einmal im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert der Bischof von Spalato mit dem Bischofe von Traú ein kleines Zerwürfniss gehabt haben, was zu einem Particularkriege zwischen den beiden Städten Spalato und Traú führte. Bei der Schlacht oder bei dem Gefechte, welches sich die Bewohner der beiden Städte lieferten, wurden die Unterthanen des Bischofs von Traú mit blutigen Köpfen heimgeschickt, worauf dann die beiden geistlichen Herren, wie billig, Frieden machten. Zum Andenken aber an den erfochtenen Sieg und zum Zeichen, wie mächtig er selbst gegenüber seinem Widersacher sei, liess der Bischof von Spalato den grossen und den kleinen Bischof in Sandstein aushauen. Der grosse Bischof war er selbst, – jener winzig kleine der überwundene Bischof von Traú. Heute sind sie Beide heilig und die Morlaken küssen ihnen – da sie zu hoch stehen – symbolisch die Füsse, wie man anderwärts Leute, die man nicht »hat«, in effigie hängt.

An derselben Ecke, an welcher die beiden sandsteinernen Bischöfe mit der periodischen Schmutzkruste an den Füssen prangen, mündet auch eine zweite enge Gasse: die Calle Alberti.

»Calle« heisst in der Venezianer Mundart, die in allen Küstenstädten Dalmatiens gesprochen wird, eine enge Gasse, und Alberti ist der Name einer geachteten Spalatiner Familie, die einmal in dieser Gasse ein Haus besessen hat. Das erwähnte Haus gehört zwar heute einem Schneider, aber die Gasse ist desswegen nicht breiter geworden, und wann zur Zeit der Weinlese die mit bocksledernen Schläuchen beladenen Esel den edlen Traubensaft durch die Calle Alberti schleppen, so müssen die Kaufleute ihre Waaren, die sie anlockend vor ihren Kaufläden ausgehängt haben, hübsch hereinnehmen, wenn dieselben nicht beschmutzt oder gar von einem Esel mitgenommen werden sollen. Denn die Calle Alberti ist der grosse Bazar von Spalato, in dessen Verkaufsgewölben Alles zu haben ist, was nur Herz oder Sinn der männlichen und weiblichen Spalatiner erfreuen mag.

Und dort, in der Calle Alberti, nicht zu weit von dem ungleichen sandsteinernen Bischofspaar, hatte Herr Stipe Noncovich senior seinen Laden, und in demselben lebte, wirkte und verkaufte Herr Stipe Noncovich junior, zugleich Neffe seines Herrn und »Giovane« seines Oheims.

Zu wenig Geld oder auch kein Geld haben kommt wie anderwärts auch in Spalato vor, und bei Herrn Stipe Noncovich junior war dieser Umstand beinahe chronisch geworden. Denn Herr Stipe Noncovich senior fühlte sich doppelt verpflichtet, eine Abwechslung in dieser Beziehung nicht herbeizuführen. Als Dienstgeber seines Neffen lag es nämlich in seinem eigenen Interesse, dessen Lohn so karg als möglich zu halten, und als Oheim seines Giovane fühlte er sich verpflichtet, darüber zu wachen, dass der Letztere durch das lockende Bewusstsein einer vollen Börse nicht auf Abwege verleitet werde. Darum hatte Herr Stipe Noncovich junior kein Geld. Darum musste er seinen brennenden Wunsch unerfüllt lassen, es den anderen jungen Leuten gleichzuthun, Abends vor dem Café Troccoli seine Cigarrette zu rauchen oder fein geputzt und geschniegelt bei den Damen den Galan zu spielen, wenn sie im Mondenschein auf der wunderschönen Marine sich ergingen und riesige Staubwolken mit ihren langen Schleppen aufwirbelten. Spalatiner Damen sind nämlich in den Moden durchaus nicht oder höchstens um ein paar Jahre zurück, und eine Schleppe zu tragen gehört dort zum guten Ton. Je länger die Schleppe, desto besser der Ton.

Richtig – ich wollte eigentlich erzählen, wie Herr Stipe Noncovich junior zu Gelde gekommen, ja sogar ein reicher Mann geworden ist. Ganz genau weiss ich es freilich selbst nicht – was ich aber darüber erfahren konnte, das soll hier nicht verschwiegen werden.

An der Ostküste des Gebietes von Spalato ragen die starren Uferfelsen sägenartig gezackt in die spielenden Meereswogen hinaus. Thurmhoch, senkrecht abfallend und trotzig gleich Ruinen einer mittelalterlichen Burg fühlen sie den leisen Kuss der Wellen nicht, die ihren Fuss umspielen und werden von der wildanstürmenden Brandung nicht erschüttert, wenn der Scirocco gebrochene Wellenberge an sie heranwirft. Sie haben die Griechen in ihren Schiffen landen gesehen und die welterobernden Römer, sie standen so wie heute, als das Christenthum lautlos und siegesfreudig zugleich seinen Einzug hielt in das uralte Dalmaticum; der stiernackige Imperator Diocletian ist auf ihrem breiten Rücken einhergeschritten und die barbarischen Rufe der Avaren hallten aus ihren Klüften wieder. Schöne, lauschige, kleine Buchten hat das Meer in ihren Riesenkörper hineingewaschen, hat den feinsten Sand, so weich wie Sammt, spielend hineingetragen und winkt dort mit silberklaren, leise scherzenden Wellen zu köstlichem Bade. Der Rücken dieser Felsen, der sanft gegen die Stadt Spalato niedergleitet, ist mit einer dünnen Humusschichte bedeckt, die Einsenkungen sind mit Erde ausgefüllt und darüber wirft der Oelbaum seine schwermüthigen Schatten, grünt der Feigenbaum, senkt sich die Rebe unter der schweren Last der dunkeln saftstrotzenden Trauben.

Jener Theil dieser lachenden und trotzigen Felsenhügel, der unmittelbar an das Gebiet von Spalato grenzt, heisst Botticelle, und Botticelle heisst auch die Bucht, die sich dort in das Land eingeschnitten. In der Bucht badet zur Sommerabendzeit die ganze elegante, bürgerliche und gemeine Welt von Spalato – oben auf dem Felsenrücken, unter den üppigen Reben liegen die Leichen von Pestkranken verscharrt und – dort ruhen auch die Schätze. Ja, wirkliche, ordentliche, klingende Schätze in blankem Gold und Silber. Und wer's nicht glaubt, der gehe zu nachtschlafender Zeit nach Botticelle, so um Neumond herum, wenn nur das leise Rauschen des Meeres zu hören und einzelne Sterne durch die feuchtheisse Atmosphäre herniederleuchten. Dann mag er die schlanken, blauen Flammen spielen sehen zwischen den Reben und unter dem dunkeln Schatten der Oelbäume, dann mag er es aufblitzen sehen in dem thaufeuchten, warmen Dunkel, und dann – ja, dann mag er es nochmals behaupten, wenn er Lust und Muth dazu hat, dass in Botticelle keine Schätze liegen.

Eines weiss man nicht: wie die Schätze nach Botticelle gekommen und wer sie dort vergraben hat. Dafür aber herrscht über die Herkunft der Pestleichen nicht der geringste Zweifel. Als im Jahre 1784 zum letztenmale die Pest durch türkische Caravanen nach Spalato eingeschleppt wurde, da begrub man die an dieser Krankheit Verstorbenen in einem grossen, in Stein gehauenen Schacht auf dem gemeinschaftlichen Friedhofe San Stefano. Dort stehen heute noch zwei steinerne Kreuze mit der Aufschrift: »Ob pestem Angelo Diedo Provisore 1784.« Die an der Pest verstorbenen Türken aber verscharrte man ohne viel Ceremonie gleich hinter der Stadt in Botticelle, weil erstens das Lazareth, wo sie gestorben, in der Nähe lag oder vielmehr heute noch dort liegt, und zweitens, weil man die ungetauften Türkenhunde nicht in geweihter Erde und in dem geweihten Schachte begraben wollte. Und gerade dort, über den verscharrten Leibern der pestkranken Türken, tanzen in dunkeln Sommernächten die schlanken, blauen Flammen – gerade dort liegen auch die Schätze.

Alle Welt weiss es. Auch Herr Stipe Noncovich junior wusste es, und wenn er, oft Düten drehend oder die Elle handhabend, in dem dumpfen wie ein Ei gefüllten Laden seines Brodherrn und Oheims stand, dann waren seine Gedanken draussen in Botticelle und irrten dort hin und her, gleich den schlanken, blauen Flammen zur Sommernachtszeit.

Wer die Schätze heben könnte! Ach, welch' schöne Kleider wollte er tragen, wie wollte er geschniegelt und gebügelt über die Marine promeniren, bald mit der, bald mit jener Dame sprechen und dabei den Galanten machen, dass es nur so eine Freude wäre. Und gerade solche mit den allerlängsten Schleppen wollte er sich aussuchen, seinem verehrten Oheim und Herrn zum Trotz, der die neumodischen Schleppen nicht leiden konnte. Und dann hätte er sich vor das Café Troccoli gesetzt, hätte sich Gefrornes geben lassen, den Hut – einen schwarzglänzenden Cylinder – in den Nacken gerückt, und hätte sich eine Cigarrette um die andere gedreht. Eine schwere goldene Uhrkette müsste er haben und eine goldene Uhr, dann an jedem Finger mindestens Einen Ring, goldene Hemdknöpfe, lackirte Stiefletten und die wunderbarsten dunkelblauen Hosen müsste er tragen – ganz wie der Conte Anastasio, der genau in diesem Aufzuge jeden Abend vor dem Café Troccoli sass. Und während er diese Luftschlösser baute und an all' die Herrlichkeiten dachte, musste er im Kaufladen seines Oheims Düten drehen!

Es war einmal ein Schneider in Spalato, dem es ganz ausserordentlich schlecht ging. Der Mann war der Verzweiflung nahe, denn er hatte nichts zu beissen und zu Hause riefen die Kinder um Brod. Da ging er hinaus nach Botticelle – wollte er sich die Felsen herab in's Meer stürzen – wollte er seinen Kummer verträumen – wer weiss es? Als er sich aber dort auf die Erde setzte und in unbewusster Wuth eine handvoll Erde und Steine aufraffte, um sie fortzuschleudern, da blieb ihm ein hellblinkender Ducaten in der Hand. Und dann fand er an derselben Stelle noch einen und wieder einen und so fort, bis er blanke sechsunddreissig Ducaten mit den Händen aus der Erde gescharrt hatte. Mehr fand er nicht, obwohl er mit einem Spaten versehen zum zweitenmal an Ort und Stelle kam und den ganzen Fleck umwühlte. Und das ist kein Märchen, denn der Mann lebt heute noch und hat seinen eigenen Laden, wo er mit drei Burschen den ganzen lieben Tag lang rothe Mützen näht und sie an die Morlaken um gutes Geld verkauft.

Was dem halbverzweifelten Schneider gelungen, das sollte ihm, Herrn Stipe Noncovich junior, nicht möglich sein, – ihm, der sich zu Höherem geboren fühlte?

Eine goldene Uhrkette, ein blank gebügelter Cylinder und die blauen Hosen des Conte Anastasio tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen und das Blut stieg ihm wie siedend zum Kopfe.

Herr Noncovich senior aber hatte in diesem Augenblicke keine so üppigen Träume wie sein hochaufstrebender Neffe und »Giovane«.

Es vergeht selten ein Jahr, in welchem zur heissen Sommerszeit, wenn die Früchte, wenn Melonen und Gurken in reichem Ueberflusse reifen, nicht die Cholera einen kleinen Umzug hält durch das langgestreckte Küstenland Dalmatiens. Auch in diesem Jahre war sie gekommen und Herr Noncovich senior war einer der Ersten, bei dem sie Einkehr gehalten. Weil aber der Verkaufsladen nicht leer stehen durfte und vielleicht auch aus anderen Gründen, war es nicht der Neffe und Giovane, der seinen Herrn und Oheim pflegte, sondern ein guter Freund und weitschichtiger Vetter des Letztern, der Signor Beppo.

Lange dauerte es nicht. Des Morgens hatte der alte Herr sich niedergelegt, zwei Stunden darauf hatte man einen Franciskaner geholt, der die Krankheit wegbeten sollte, Mittags kam der Arzt, um fünf Uhr Nachmittags ging es dem Kranken besser (was die Folge des Wegbetens war) und um zehn Uhr Abends war er eine Leiche.

Der Signor Beppo hielt aber mit rührender Sorgfalt bei dem Kranken aus, hegte und pflegte ihn und als er todt war, bestellte er selbst die Männer und Weiber zur Leichenwache und besorgte in eigener Person Schnaps und Brod für dieselben. Auch warf er den Herrn Stipe Noncovich junior eigenhändig zur Thüre hinaus, als derselbe zu später Nachtstunde in das Trauerhaus kam. Des andern Morgen kam die Gerichtssperre und es wurde Alles hübsch ordentlich aufgenommen, was der alte Herr hinterlassen. Es fand sich aber nicht viel. Ausser den Möbeln und werthlosen Kleidern fand sich eigentlich nichts. Kleider und Möbel sowie das gefüllte Verkaufsgewölbe in der Calle Alberti gingen in die Hände einer in Sebenico lebenden Schwester des Verstorbenen über. Der Herr Beppo, der ihn so treulich in seiner letzten Krankheit gepflegt, bekam nichts. Und Herr Stipe Noncovich junior bekam auch nichts. Darum schimpfte Herr Beppo weidlich über die Undankbarkeit seines verstorbenen Freundes und Herr Stipe Noncovich, der Lebende, lungerte den ganzen Tag in den Strassen der Spalatiner Vorstadt Pozzobuon herum. Auch Abends sah man ihn dort, auf einem Stein sitzend mit einem Stücke Polenta in der einen und einem gebratenen Fisch in der andern Hand.

Warum in Pozzobuon? Vielleicht weil Pozzobuon in der Richtung gegen Botticelle liegt, wo die Schätze vergraben? Oder weil in Pozzobuon Herr Beppo wohnte, der Freund und Pfleger seines verstorbenen Oheims?

Das hat keine lebende Seele je erfahren.

Ja, wer ein schlankes blaues Flämmchen hätte sein können, wie sie zu nachtschlafender Zeit über Botticelle tanzen, der hätte in der Vorstadt Pozzobuon so gegen Mitternacht herum etwas sehen können. Da stand das Haus des Herrn Beppo und hinter demselben dessen Garten, ein grosses mit Paradiesäpfelstauden, Misthaufen, Granatbüschen und Zwiebelbeeten bedecktes Stück Erde. Wer da ein blaues Flämmchen hätte sein können und sich hinter den Granatbüschen verborgen hätte, der hätte in der pechfinstern, feuchten, heissen Nacht Jemanden aus Herrn Beppo's Thür treten gesehen, der auf der linken Schulter eine Kiste und in der rechten Hand einen Spaten trug. Und der hätte sehen können, wie dieser Jemand in der unmittelbaren Nähe zweier Misthaufen und eines prächtigen alten Feigenbaumes eine Grube machte und darin die Kiste begrub und dann wieder Alles hübsch zudeckte und Mist darüber streute und dann wieder in das Haus ging. Der hätte auch sehen können, wie dann aus den Granatbüschen heraus eine andere Gestalt hervorschlich, die auch einen Spaten hatte, aber mit demselben gerade die entgegengesetzte Arbeit verrichtete. Denn die Gestalt grub genau an derselben Stelle nach, wo die Kiste verscharrt worden war. Dann nahm die Gestalt die Kiste wieder heraus, deckte die Grube wieder fein säuberlich zu, hob die Kiste auf die Achsel und trollte sich damit fort. Wohin?

Neuigkeiten sind in Spalato selten. Kommt einmal eine solche vor, so wird sie darum desto begieriger von Alt und Jung aufgegriffen, besprochen und herumgetragen. Und heute gab es etwas Neues. Herr Stipe Noncovich junior war gestern Abends vor dem Café Troccoli gesehen worden. Dort hatte er sich ein Gefrornes geben lassen und sehr viele Cigarretten geraucht. Er hatte einen funkelnagelneuen Cylinder auf dem Kopfe und trug denselben stark nach hinten gerückt, – von allen seinen dicken Fingern blitzten Ringe und um den Hals schlang sich eine schwere goldene Kette. Gold – nicht Talmi. Dazu hatte er ein spanisches Rohr mit einem grossen goldenen Knopf und ein Paar prachtvolle dunkelblaue Hosen. Er war in seinem Auftreten ein genaues Conterfei des Conte Anastasio. Und als er sein Gefrornes zahlte, das zwölf Kreuzer kostete, liess er eine Hundertgulden-Note wechseln, was dem »Giovane« des Café Trocolli bald eine Ohnmacht zugezogen hätte, und zeigte eine prächtige mit Banknoten gefüllte Brieftasche. Mit Einem Worte: Herr Stipe Noncovich junior war ein reicher Herr geworden.

Er hatte Spalato vor vierzehn Tagen als Passagier dritter Classe eines Lloyddampfers verlassen. Seine ganzen Habseligkeiten bestanden in einer kleinen hölzernen Kiste, die mit Stricken zugeschnürt war. Und gestern war er von Triest zurückgekehrt – wenn nicht ein Adonis, so doch ein zweiter Conte Anastasio.

Lange hat es ihn aber in Spalato nicht gelitten. Er war blasirt. Dann wollten auch die Damen nichts von ihm wissen, wenn sie Abends mit den langen Schleppen über die Marine fegten und er den Galanten bei ihnen zu spielen versuchte, weil, wie sie sagten, er schliesslich doch nur ein »Giovane di Bottega« sei. Darum schiffte er sich eines schönen Morgens wieder auf einem Lloyddampfer ein und reiste fort. Heute hat er sich in Buenos Ayres etablirt, wo er einen schwungvollen Handel betreibt. Dorthin liess er sich auch seine Schwester nachkommen, die früher ein armes Schneidermädchen war.

Möchtest Du auch Schätze finden, lieber Leser? Gehe hin nach Spalato zur Sommerszeit, wenn die Granatäpfel glühen, die Traube dunkelt, die köstliche Feige vom Baume winkt. Zur Nachtszeit, bei Neumond, wenn die Nacht schwarz, heiss und feucht über Meer und Felsen hängt, dann ersteige die Höhen von Botticelle, wo unter dunkeln Oelbäumen und fruchtschweren Reben die Leiber der pestkranken ungetauften Türkenhunde ruhen. Siehst Du dann schlanke blaue Flämmchen aufzüngeln und im Tacte der Wogen tanzen, die tief unten den Fuss der jäh abstürzenden zackigen Felsen schmeichelnd küssen, so merke Dir den Punkt ganz genau. Dort liegen die Schätze.


Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 ekim 2024
Hacim:
207 s. 30 illüstrasyon
ISBN:
4064066113537
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar