Kitabı oku: «Thomas Dekker»

Yazı tipi:

THIJS ZONNEVELD

THOMAS DEKKER

Unter Profis


Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel

»Thomas Dekker. Mijn gevecht« bei Voetbal Inside,

einem Imprint von Overamstel Uitgevers, Amsterdam.

Voetbal Inside TM 2016 RTL Nederland B.V.

© 2016 Thijs Zonneveld

© der deutschsprachigen Ausgabe: Covadonga Verlag – 2017

Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld

ISBN (Print): 978-3-95726-024-6

ISBN (E-Book): 978-3-95726-025-3

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rainer Sprehe

Portraitfoto Cover: Stephan Vanfleteren

Illustrationen Cover: Dreamstime/Alfonso de Tomas

Foto Umschlagrückseite: Hennes Roth

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit

ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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1.

Es ist dunkel hier drinnen, die Düsternis hat tausend Farben. Die Vorhänge sind zugezogen, die Tür ist geschlossen. Das einzige Licht ist der schwache Schein der Nachttischlampe. Schatten kriechen über den Boden und an den Wänden entlang. An einer Stelle hängt ein Gemälde, so wie immer in dieser Art von Hotelzimmer – das Stillleben einer einsamen Blume.

Ich liege in Trainingshose und T-Shirt auf dem Bett. Ich habe mir nicht mal die Mühe gemacht, meine Schuhe auszuziehen. In meinem Arm steckt eine dicke Infusionsnadel. Durch den Schlauch läuft mein Blut. Langsam fließt es in einen Beutel auf einer Digitalwaage, die auf dem Fußboden steht.

In der Ecke des Zimmers, weit weg vom Licht, sitzt ein Mann in einem Sessel. Er wippt mit seinem Fuß, während er etwas in seinem Terminkalender notiert. Alle paar Minuten schaut er auf die Waage. Ich bin ihm vor einer halben Stunde zum ersten Mal begegnet, in der Lobby des Hotels. Er stellte sich mir als Doktor Fuentes vor. Er riecht nach Zigarettenrauch und hat ein Allerweltsgesicht, das man sofort wieder vergisst. Seine Hose ist beige und er trägt ein kariertes Hemd. Wir haben kaum ein Wort miteinander gewechselt. Sein Englisch ist schlecht, und ich spreche kein Spanisch. Ich glaube, er weiß nicht einmal, wer ich bin. Das macht nichts. Ich bin nicht hier, um mich zu unterhalten.

Ich betrachte das Blut in dem Beutel. Es ist, als ob es nicht meins wäre. Als ob es sich um eine Fälschung handelte. Ich hatte gedacht, es würde anders sein: das erste Mal. Irgendwie spannender, irgendwie nervöser – so als würde man Süßigkeiten im Laden an der Ecke klauen. Aber es ist nichts Spannendes daran. Ich bin auch nicht nervös. Alles ist ganz sachlich und geschäftsmäßig. Doping ist Business. Aber schon eine Art von Business, von dem so wenige Menschen wie möglich etwas mitbekommen sollten. Nach einer Viertelstunde erhebt sich Doktor Fuentes aus seinem Sessel. Er zieht die Nadel aus meinem Arm und tupft das Blut mit einem Wattebausch ab. Er reicht mir einen Folienstift und sagt mit starkem Akzent: »I give you number. Twentyfour. Two four. You must write here.« Er zeigt auf den vollen Blutbeutel. Ich setze mich auf, nehme den Stift und schreibe die Nummer auf den Beutel. Er nickt und sagt dann: »We are done.« Ich ziehe meine Trainingsjacke an und gebe ihm die Hand. Er öffnet die Tür und murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Ich trete hinaus in den Flur, wo das Licht so hell ist, dass es mir in den Augen wehtut.

Die Tür schließt sich hinter mir.

Von nun an gibt es kein Zurück mehr.

2.

Ich wuchs in einer stinknormalen Familie in einem stinknormalen Haus in einer stinknormalen Straße in einem stinknormalen Dorf auf. Dirkshorn heißt es und liegt auf einem Polder in der Provinz Nordholland, der Halbinsel zwischen der Nordsee und dem IJsselmeer. Es ist nicht viel mehr als ein Fliegenklecks auf der Landkarte. Es hat nur zwölf Straßen. Es gibt eine Kirche, einen Supermarkt, einen Fußballverein und eine Snackbar. Es passierte nie etwas in Dirkshorn. Eine Kirmes, ein Mal im Jahr, das war es dann auch schon.

Ich habe stinknormale Eltern. Sie heißen Bart und Marja. Meine Mutter arbeitet als Bademeisterin in dem Schwimmbad ein Dorf weiter. Mein Vater ist Gepäckträger am Flughafen Amsterdam-Schiphol. Seit 30 Jahren steht er fünf Mal in der Woche morgens um halb fünf auf und verlässt das Haus mit einer vollen Butterbrotdose, um den ganzen Tag lang Koffer von einem Ort zum anderen zu schleppen. Abends um halb sechs steht das Essen auf dem Tisch; mein Vater kocht. Meistens holländische Hausmannskost. Blumenkohl, Kartoffeln, ein Stück Fleisch. Sonntags holen wir uns Fritten von der Snackbar Joep. Meine Eltern verdienen nicht gerade Unmengen an Geld. Sie gehen sparsam um mit dem, was sie haben. Meine gesamte Kindheit hindurch bin ich mit Rollschuhen aus dem Secondhand-Shop herumgekurvt. Die gingen auch.

Meine Mutter ist sehr fürsorglich. Sie ist eine jener Mütter, die immer dafür sorgen, dass schon Limonade und Kekse bereitstehen, wenn du nach Hause kommst. In ihrem ganzen Leben ist sie nur ein einziges Mal böse auf mich gewesen. Da war ich noch sehr klein. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich damals angestellt habe. Mein Vater ist ein typischer Nordholländer. Ein bisschen stur, auch ein wenig mürrisch, aber er trägt sein Herz auf der Zunge. Er sagt, was er denkt. Oft wäre das nicht mal erforderlich: Man sieht ihm an, wie er drauf ist. Normalerweise ist er glücklich. Aber wenn er frustriert oder wütend ist, dann bebt seine Lippe. Manchmal graben sich Falten in sein Gesicht. Dann kann ich sehen, dass er Sorgen hat. Oder hatte. In neun von zehn Fällen meinetwegen, fürchte ich. Am liebsten würde er mich immer noch festhalten, so wie früher, wenn wir mit dem Rad zu Oma nach Schoorl fuhren: mit seiner Hand in meinen Nacken gekrallt, so dass ich nicht stürzte und immer schön geradeaus fuhr.

Meine Schwester heißt Floor. Sie ist zwei Jahre jünger als ich. Wir haben uns immer gut verstanden. Die meiste Zeit spielten wir zusammen und zogen den ganzen Tag gemeinsam umher. Am Wochenende saßen wir morgens, wenn unsere Eltern noch schliefen, zu zweit unter einer Decke auf dem Sofa in einem kalten, dunklen Haus und schauten uns Zeichentrickfilme im Fernsehen an.

Ich spielte als Kind fast immer draußen. Auf dem Bolzplatz um die Ecke oder an der Lärmschutzwand entlang der N245. Fußball, Fahne erobern, Schwimmen in einem See oder im Freibad in der Nähe. Mein Herz schlug für Tennis, Fußball und Eisschnelllauf. Ich hatte für alle drei kein Talent, aber ich war mit Feuereifer bei der Sache. Von der F- bis zur D-Jugend spielte ich Fußball beim FC Dirkshorn. Mein Großvater, der nie ein Spiel verpasste, spendierte mir immer einen Gulden für jedes Tor, das ich schoss. Manchmal war ich so versessen darauf, einen Treffer zu erzielen, dass ich stumpf durch meine Gegenspieler hindurchlief. Wenn wir verloren, war ich nicht zu genießen. Das passierte mir bei anderen Sportarten übrigens auch. Ich war schnell auf hundertachtzig, wenn mir etwas nicht gelang. Aber ich wusste, dass ich mit meiner Ausrüstung stets pfleglich umgehen musste. Wäre ich je auf die Idee gekommen, auf dem Tennisplatz aus Ärger über einen verlorenen Ballwechsel meinen Schläger zu werfen, mein Vater hätte mich an den Haaren vom Platz geschleift.

Meine Schule war auch bei uns im Dorf. Ich war mit acht Kindern in einer Klasse, die gesamte Grundschule hindurch. In den Pausen spielten wir Murmeln auf dem Spielplatz. Ich musste immer partout die meisten Murmeln von allen haben. Manchmal verkaufte ich sie an andere Kinder – um sie dann gleich wieder zurückzugewinnen. Ich verdiente Hunderte von Gulden damit. Das Geld wollte ich sparen, für später. Um mir irgendwann ein schickes Auto zu kaufen. Das war mein Traum. Ich weiß nicht, woher ich das habe, dieses Materialistische. Jedenfalls nicht von meinen Eltern. Und meine Schwester hat es auch nicht.

Im Sommer fuhren wir wie alle anderen in den Urlaub. Mama und Papa vorne im Auto, Floor und ich auf der Rückbank, mit Milchbrötchen, Kaubonbons und Comics. Häufig fuhren wir mit dem Zelt nach Frankreich, auf Campingplätze mit Swimmingpool, Tischtennisplatte und Plumpsklo. Ein andern mal ging es in den Center Parc oder ein Gran Dorado. In eines dieser Häuser, die exakt identisch aussehen wie das Haus daneben und wie alle anderen hunderttausend Häuser der Ferienanlage.

Dass man früh hätte erkennen können, dass ich eines Tages aus der Spur geraten würde, stimmt nicht. Meine Eltern haben uns mit Liebe überschüttet. Es gab nie Streit zu Hause. Es gab nie Probleme.

Meine Kindheit kann ich mit einem Wort beschreiben.

Stinknormal.

3.

Ich bekam es zu meinem elften Geburtstag. Ich hätte weinen können, so schön fand ich mein erstes Rennrad. Es war schwarz-weiß lackiert – dieselben Farben wie die Rennmaschinen, mit denen das niederländische Profiteam PDM seit Jahren fuhr. Concorde stand auf dem Unterrohr. Die Rahmengröße war so gewählt, dass das Rad mit mir mitwachsen würde: Der Sattel war so tief wie möglich eingestellt, vorerst verschwand die Sattelstütze komplett im Sitzrohr. Es hatte zwölf Gänge: Um zu schalten, musste man Hebel am Unterrohr hin- und herbewegen. Es hatte Pedale mit Lederriemen, die man strammziehen konnte. Ich bekam ein Paar Radschuhe dazu. Schwarz, mit Plastiksohlen.

Die allerersten Meter auf meinem neuen Rennrad fuhr ich vom Wohnzimmer in die Speisekammer. Ganz vorsichtig vorbei am Esstisch und am Fernseher, im wackligen Bogen um eine Vase mit Blumen herum. Mein Vater lachte, meine Mutter schaute ein wenig besorgt.

Mein Vater hatte es bei Hans Langerijs gekauft, einem Fahrradgeschäft in der Nachbarstadt Schagen. Mit einem eigenen Rennrad würde ich auch in den Sommermonaten mit dem Eisschnelllaufverein mittrainieren können, mit dem ich im Winter meine Runden auf dem Eis drehte. Auf Schlittschuhen war ich nicht sonderlich gut: Mir mangelte es an der richtigen Technik. Und zugegebenermaßen auch an der nötigen Kraft. Ich war klein und schmächtig. Meine Beine waren so dünn, dass sie aussahen wie Drähte, die aus meiner Hose herausragten. Auf der Eisbahn rauschten die größeren Jungs an mir vorbei, als würde ich gar nicht existieren. Es war eher Harken, was ich da tat – mühselig schleppte ich mich übers Eis. Aber Aufhören war auch keine Option. Daran habe ich nicht einen Gedanken verschwendet. Alle Jungs aus Nordholland gehen im Winter zum Eislaufen. Ich auch.

Radfahren klappte besser als Eislaufen. Ich unternahm Touren mit meinem Vater. Dreißig, fünfunddreißig Kilometer, in Richtung der Dünen, am Meer entlang und über den Seedeich bei Camperduin. Meistens mit Gegenwind auf dem Hinweg und mit Rückenwind zurück. Freitagabends drehten wir eine Trainingsrunde mit dem Schlittschuhverein; mein Vater fuhr auch mit. Anderthalb Stunden auf dem Rad, mehr nicht. Es waren alles Jungs und Mädchen aus der Gegend.

Der Radsport zog mich geradezu magisch an, wie ein mächtiger Magnet. Der allgegenwärtige Geruch von Massageöl, wenn ich mir mit meinem Vater ein Kriterium anschaute, das Glänzen der Räder, wenn das Peloton vorbeiflog… Es war ganz anders als Eislaufen oder Fußball. Es war rauer, heroischer. Atemlos sah ich zu, wie erwachsene Männer sich völlig verausgabten und verbissen dem Schmerz trotzten, während ihnen Rotzfäden vom Kinn hingen.

Im Vergleich zu Radrennen waren alle anderen Sportarten nur ein Spiel.

Mir gefielen gerade auch die Duelle Mann gegen Mann, die ich im Fernsehen sah. Gut erinnere ich mich an die Tour de France 1996, in der Miguel Induráin unterging. Ich war für ihn, ich wollte so sehr, dass er gewann. Ich war sicher, dass er Bjarne Riis schlagen würde. Aber es kam anders. Induráin brach am Port de Larrau ein – ausgerechnet bei einer Etappe nach Pamplona, seinem Heimatort. Kopfschüttelnd saß ich vor dem Fernseher. Ich verstand es nicht. Es war, als ob er plötzlich ein anderer Fahrer geworden wäre. Er war zu groß für sein Fahrrad, sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, die ich nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Er war von einem Tag auf den anderen alt geworden. Ich erinnere mich, dass er abends im Hotel um einen Kommentar gebeten wurde. Überall Menschen, überall Kameras. Aus seinen Worten sprachen Zweifel, und man sah die Verzweiflung in seinen Augen. Er wusste nicht mehr weiter. Er sagte: »Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht. Aber besser als früher werde ich bestimmt nie mehr werden.« Es klang wie Abschiednehmen.

Ich fing an, selbst Rennen zu fahren. Wilde, lose organisierte Rennen im Norden von Nordholland, meistens im Rahmen der örtlichen Kirmes. In Dörfern, die Wervershoof hießen oder Hippolytushoef. Gegen Altersgenossen aus der Region fuhr ich so schnell wie möglich im Kreis, mit hochrotem Kopf. Oft endete es im Sprint. Darin war ich nicht sehr gut. Ich verlor auch gegen Mädchen. Die waren in diesem Alter viel stärker. Das ärgerte mich maßlos.

Mein Vater kaufte mir Klickpedale für mein Rennrad. Violette, von Look. Ich übte erst bei uns in der Straße, bevor ich damit zum Training aufbrach. Mein Vater warnte mich noch: Fahr lieber aufmerksam und pass auf, dass du nicht umfällst, wenn du an einer Kreuzung anhalten musst. Ich wischte seine Warnungen achtlos beiseite. Aber an der erstbesten Kreuzung lag ich auf dem Rücken, weil ich mit den Schuhen nicht aus den Pedalen gekommen war. Ein Mann eilte herbei und fragte mich, ob ich in Ordnung sei. Ich stammelte: »Ja, ja, geht schon.« Es tat mir vor allem leid um meine Ausrüstung. In meiner Radhose war ein Loch. »Bekomme ich eine neue?«, fragte ich meine Mutter, als ich nach Hause kam. Meine Mutter schüttelte den Kopf und sagte nur: »Nein. Das Sitzpolster hat nichts abbekommen.« Ich fuhr ständig mehr und mehr. Aus zwei Mal in der Woche wurden drei Mal, aus drei bald vier Mal. Gemeinsam mit meinem Vater unternahm ich immer längere und weitere Touren.

Im Sommer 1998 waren wir im Urlaub auf einem Campingplatz in Frankreich. Vormittags fuhren wir selbst Rad, am Nachmittag sahen wir uns auf einem kleinen Fernseher im Essenssaal die Tour de France an. Mein Vater mit einem Bier vor sich, ich mit einem Glas Limonade. Der niederländische Radsport war in jenen Jahren keine große Nummer, aber bei dieser Tour fuhr Michael Boogerd fantastisch. Er trug das rotweiß-blaue Trikot des Niederländischen Meisters und kam mit den besten Fahrern der Welt die Berge hoch. Ich war vierzehn und fand es großartig, was er tat. Ich brüllte den Fernseher an, um ihn anzufeuern, und hoffte mit allem, was ich hatte, dass er die Gruppe der Klassementfahrer nicht würde ziehen lassen müssen. Nachts, wenn ich im Zelt auf meiner Luftmatratze lag, sah ich in meiner Vorstellung, wie ich eines Tages selbst die Tour de France fuhr. Wie ich gewann. Wie ich das Gelbe Trikot holte. Wie ich an der Spitze das Tempo verschärfte, mit einer Gruppe von Konkurrenten am Hinterrad, die einer nach dem anderen abreißen lassen mussten.

Als wir aus dem Urlaub wieder nach Hause kamen, entdeckte ich ein Poster von Michael Boogerd in einem Magazin. Ich nahm es heraus und hängte es direkt über mein Bett.

Ich wusste es sicher. Ich wollte auch Radrennfahrer werden.

4.

Wir standen unter der Dusche. Ich schaute mich um, betrachtete die Jungs, gegen die ich kurz zuvor eines meiner ersten offiziellen Rennen gefahren war. Sie brüllten herum, sie rissen Witze und sie erzählten Geschichten vom Radsport. Einige hatten auf dem Rad nicht viel drauf, zu anderen schaute ich auf. Das waren oft die größeren Jungs, die bereits einen Wachstumsschub gemacht hatten. Ein paar von ihnen hatten schon Haare am Sack. Ich schaute an mir herunter. Kein Haar zu sehen. Nicht einmal Flaum.

Ich erinnere mich, dass ich in den ersten Rennen, die ich bestritt, nichts reißen konnte. Viele dieser Rennen endeten in einem Sprint und dabei wurde ich, da ich nur 45 Kilo wog, regelmäßig verblasen. In jener Zeit gewann Wim Stroetinga praktisch jedes Rennen – er konnte so schnell sprinten, dass es aussah, als würde man ihn mit einem Revolver abfeuern. Auf der Bahn war Niki Terpstra schon ziemlich gut. Er war damals noch ein wenig mollig, aber sobald der Startschuss fiel, konnte er irrsinnig schnell ums Oval jagen.

Jedes Wochenende fuhr ich einen anderen Wettkampf. Wir reisten im ganzen Land herum: Papa, Mama, Floor und ich. Es war jedes Mal eine Art Umzug. Die Rückbank lag voll mit Radklamotten und Milchbrötchen, und im Kofferraum stand eine Kühlbox mit Trinkjoghurt und Cola neben meinem neuen Rennrad – es war ein blaues Simon, eine Fahrradmarke aus Zaandam. Um alles im Auto unterzubekommen, kaufte mein Vater einen VW-Bus. Das war auch notwendig, erst recht, als Floor beschloss, ebenfalls Radrennen zu fahren. Sehr lange blieb sie nicht bei der Stange, aber sie besaß Talent im Überfluss. Bei den niederländischen Jugendmeisterschaften im Zeitfahren ist sie noch Zweite geworden, vor Marianne Vos. Es muss für sie manchmal schwer gewesen sein, dass sich oft alles um mich drehte, aber sie hat sich nie darüber beschwert. Zumindest mir gegenüber nicht.

Langsam, aber sicher wurde ich besser. In der Tour de Achterveld, einer Art einwöchigem Etappenrennen für Jungen und Mädchen, wurde ich Zweiter. Meine Eltern konnten nicht jeden Tag dabei sein, um zuzuschauen. Also schlief ich bei einer Gastfamilie. Es war das erste Mal, dass ich allein von zu Hause weg war. Ich war so nervös, dass ich nachts kaum schlafen konnte. Nicht, weil ich allein war, sondern eher, weil das Ganze nun richtigem Radsport ähnelte, komplett mit Zeitfahretappen, Podiummädchen, Rennjury und Absperrgittern, hinter denen die Zuschauer standen.

Ich pflügte durch die Jugendkategorien, jedes Jahr mit noch ein wenig mehr Ehrgeiz und noch größeren Träumen. Meine Eltern ermutigten mich zwar, zwangen mich aber nie zu etwas. Mein Vater war durchaus fanatisch bei der Sache, aber er stand nie schreiend am Straßenrand und er war auch nicht enttäuscht, wenn ich mal die Spitzengruppe verpasste. Am wichtigsten war für ihn, dass ich Einsatz zeigte. In meinen Augen war das nur logisch: Ich gab sowieso immer mein Bestes. Damals zumindest. Für meine Mutter spielte es ohnehin keine große Rolle, ob ich Erster, Zweiter oder Dreihundertsiebenundvierzigster geworden war: Wenn es nach ihr ging, hätte ich meine Zeit auch mit Tennis verbringen können oder den ganzen Tag mit meinen Freunden auf dem Spielplatz herumhängen.

Ein Mal habe ich es erlebt, dass mein Vater nach einem Rennen wütend war. Das war nach dem Omloop van de Maasvallei für »Nieuwelingen«, wie die U17-Kategorie in den Niederlanden heißt. Das Rennen fand in Süd-Limburg statt, dreihundert Kilometer von Dirkshorn entfernt. Mein Vater und ich waren schon am Tag vorher angereist. Wir übernachteten in einer Pension in Elsloo. Ich dachte, es wäre ein Rennen, das mir liegen müsste, mit all den südlimburgischen Hügeln – und sei es nur, weil ich insgeheim hoffte, ein guter Kletterer zu sein. Aber am Fuße des ersten Anstiegs war ich bereits abgehängt. Die Straßen waren ein bisschen nass, und kurz nach dem Start ging es auf einer Kopfsteinpflaster-Abfahrt den Maasberg hinab. Ich hatte Angst. Mit Schiss in der Buchse, die Hände fest in die Bremsen gekrallt, eierte ich nach unten. Schnell fuhr mir das Peloton davon. Wir hatten noch nicht mal acht Kilometer zurückgelegt. Ich habe sie an diesem Tag nicht mehr wiedergesehen. Ich fuhr zurück zum Start, mutterseelenallein. Da stand mein Vater und war gerade in ein Gespräch mit anderen Eltern vertieft. Er fluchte leise, als er mich kommen sah. »So ein Sch…dreck« – etwas in der Art. Die Rückfahrt nach Dirkshorn dauerte ein Jahrhundert. Fast die ganze Zeit saßen wir schweigend nebeneinander, mein Vater und ich. Ich war enttäuscht und beschämt zugleich. Mein Vater verstand die Welt nicht mehr. Dass ich nicht mit den Besten mithalten konnte: So was konnte immer passieren. Aber dass ich bereits geschlagen war, noch ehe das Rennen richtig begonnen hatte, fand er unbegreiflich. Als wir irgendwo in der Nähe von Utrecht waren, sagte er: »Tja, Junge, wenn man auch bergab an den Bremsen reißt…« Dann gab er mir einen Klaps auf den Hinterkopf und murmelte, dass es im nächsten Rennen bestimmt wieder besser laufen würde.

Am Ende meiner ersten Saison in der U17 lag eines Tages ein Brief für mich auf der Fußmatte. Auf dem Umschlag prangte das Logo von Rabobank, dem großen niederländischen Radrennstall. Es war eine Einladung zur »Rabo Ardennen-Prüfung« – einem Mini-Trainingslager, in dem sie allerlei junge Burschen testeten. Der Plan dahinter war, die allerbesten jungen Rennfahrer des Landes schon früh an das Team zu binden und dann praktisch mit einer Mehrstufenrakete ganz an die Spitze zu katapultieren: über das Junioren-Team (unter 18 Jahren) und das Nachwuchsteam (unter 23) bis zum Profi-Team. Ich war im siebten Himmel, so sehr freute ich mich über die Einladung von Rabobank. Auf einer rosa Wolke schwebend brach ich ein paar Wochen später zum Hotel in Spa auf: Mein Vater brachte mich zum Treffpunkt in De Meern, dort bestieg ich einen Reisebus, der noch andere Haltestellen ansteuerte und uns schließlich in die Ardennen brachte. Es waren eine Menge andere gute Fahrer meines Alters dabei. Marc de Maar, Reinier Honig, Jos Harms. Der frühere Straßenweltmeister Jan Raas, Teammanager von Rabobank, hieß uns höchstpersönlich willkommen. Unsere Räder wurden mit Rabobank-Trinkflaschen bestückt, es gab Betreuer, die alle möglichen Dinge für uns regelten, und wir trainierten unter Leitung von Ex-Profi Adri van der Poel. Es war fantastisch. Für mich war Rabobank das Nonplusultra. Das Allergrößte.

5.

In der Schule tat ich in der Zwischenzeit nichts mehr. Ich saß nur noch lustlos meine Tage ab. Ich baute ein bisschen Mist, ich interessierte mich für Mädchen, und ich bekam kaum etwas von dem mit, was der Lehrer erklärte. In meine Bücher schaute ich nur, wenn es gar nicht anders ging: für die Prüfungen. Ein paar Jahre kam ich damit durch. Ich war von der Grundschule zunächst zur VWO gewechselt, der anspruchsvollsten Sekundarschulform in den Niederlanden. Das erste Jahr dort packte ich noch, und irgendwie wurde ich auch noch in die Dritte an der VWO versetzt, aber mein Interesse an der Schule entwickelte sich umgekehrt proportional zu meinem Interesse am Radsport.

Ich hatte nur noch einen einzigen Traum, und das war, Radprofi zu werden. Alles musste dahinter zurückstehen. Ich stand mit Radsport im Kopf auf, ich frühstückte mit Radsport im Kopf, ich putzte meine Zähne mit Radsport im Kopf, ich atmete Radsport und ich ging mit Radsport zu Bett. Der niederländische Verband besorgte mir einen Trainer: René Kos. Er entwarf Trainingspläne für mich. Ich machte immer mehr, als draufstand. Ende 2000, bevor ich von der U17 zu den Junioren wechselte, kaufte mein Vater einen Motorroller, hinter dem ich trainieren konnte. Am Nachmittag, wenn er vom Flughafen Schiphol nach Hause kam und ich aus der Schule, fuhren wir stundenlang über die Polder von Nordholland. Und jeden Donnerstagabend fuhr ich, egal ob bei Regen oder schönstem Wetter, mit Licht am Fahrrad zum Velodrom in Alkmaar, um dort zu trainieren – und anschließend fuhr ich spät abends wieder nach Hause. Zwanzig Kilometer hin, zwanzig Kilometer zurück.

An den Wochenenden jobbte ich, um mir etwas Geld für neues Material zu verdienen. Meine Eltern unterstützten mich in jenen Jahren bei allem, aber ich sparte selbst eine Menge dazu. Ich musste unbedingt eine »Campagnolo Record«-Schaltgruppe für mein Rad haben, komplett mit Bremshebeln aus Carbon. Schon seit Monaten hatte ich mit großen Augen vorm Schaufenster des Rahmenherstellers gestanden; 1.600 Gulden sollte eine solche Campa-Gruppe kosten. Ich schälte Birnen, ich hatte einen Job am Kaffeetresen des örtlichen Möbelcenters und ich arbeitete als Erntehelfer auf dem Acker. Weil ich auch trainieren musste, hatte ich ziemlich viel um die Ohren. Manchmal zu viel. Ich weiß noch, wie ich einmal weinend nach Hause kam, nachdem ich den ganzen Vormittag auf einem Blumenfeld malocht hatte. »Mama, Papa, ich bin so müde. Wenn ich jeden Morgen so früh aufstehen muss, schaffe ich es nie zum Radprofi.«

Schließlich fuhr ich bei den Junioren tatsächlich ein Rad mit Campagnolo Record. Selbst bezahlt. Den passenden Satz Carbonlaufräder bekam ich von meinem Onkel gesponsert. Das war eine deutliche Verbesserung. Aber noch viel wichtiger: Ich begann zu wachsen. Und das nicht nur ein bisschen. In kürzester Zeit schoss ich zehn Zentimeter in die Höhe. Ich bemerkte es auf dem Rad, ich war viel stärker als in den Vorjahren. In den ersten Rennen flog ich geradezu. Beim ersten Klassiker der Saison wurde ich gleich Dritter und daraufhin vom zuständigen Verbandstrainer Egon van Kessel in die Nationalmannschaft berufen. Ich durfte mit zu Einsätzen im Ausland, zu Weltcup-Rennen für Junioren. Das erste fand in Polen statt – der Coupe du Grudziądz. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo in aller Welt wir da gelandet waren, und das Essen war so widerwärtig, dass wir am Tisch anfingen zu würgen – aber es war großartig.

Einige Monate später fuhr ich als Gastfahrer des Rabobank Junioren-Teams zu einem Weltcup-Rennen in Österreich. Wir waren mit der gesamten Mannschaft in einem Schlafsaal in einem Internat untergebracht. Johnny Hoogerland war in dieser Woche einer meiner Teamkollegen und in dem Rennen lernte ich zum ersten Mal die italienische Armada kennen. Vincenzo Nibali, Giovanni Visconti, Mauro Santambrogio. Sie trugen alle identische Trainingsanzüge und identische Hüfttaschen mitsamt identischen Mobiltelefonen und sie hatten alle die gleiche arrogante Ausstrahlung. Ich war tief, tief beeindruckt. Ich habe sie immer schon gemocht, die italienische Radsportkultur. Nicht diese ängstliche, calvinistische »Benimm dich einfach normal, dann benimmst du dich schon verrückt genug«-Haltung, die in den Niederlanden verbreitet ist – ich sah lieber Radrennfahrer, die mit geschwellter Brust und erhobenem Kinn herumstolzierten. In den Niederlanden wird man als Sportler schief angeschaut, wenn man sich einen Ferrari kauft, in Italien fragen dich die Leute, warum du keinen Ferrari hast.

Im Spätsommer 2001 unterschrieb ich bei Rabobank. Natürlich unterschrieb ich bei Rabobank. Sie wollten mich für ihr Junioren-Team, und ich für meinen Teil wäre für diesen Vertrag auch auf Knien hingekrochen, wenn es hätte sein müssen. Außerdem wurde ich für meine erste WM nominiert – in Lissabon. Die Junioren waren dort im selben Hotel untergebracht wie die Profis, und ich lief Michael Boogerd und Erik Dekker über den Weg. Sie sagten hallo zu mir und fragten, wie es mir ging. Ich glaube nicht, dass ich mehr als eine verlegene Antwort zustande gebracht habe. Aber das spielte keine Rolle. Dass ich kleiner Bengel da in einem Hotel in Portugal stand und mich mit Fahrern unterhielt, die ich normalerweise nur im Fernsehen sah, war für mich ein tolles Erlebnis. Das Poster über meinem Bett war zum Leben erweckt worden.

Dort, in Lissabon, lernte ich auch Gerrie Knetemann kennen. Er war als technischer Direktor für das Nationalteam der Profis verantwortlich, aber er saß auch in dem Begleitfahrzeug, das beim Zeitfahren hinter mir herfuhr. Vorher nahm er mich zur Seite und wir sprachen lange miteinander. Er schien etwas in mir zu sehen. Und das nicht nur, weil er aus der gleichen Gegend kam wie ich. »Thomas«, sagte er, »du bringst alles mit. Du kannst klettern, du kannst Zeitfahren und ich spüre, dass du bereit bist, alles dafür zu tun. Wir werden noch eine Menge von dir hören, Junge.« Ich schwebte auf Wolke sieben. Es kam mir vor, als wäre an diesem Tag alles wie von selbst gegangen. Als ob ich ständig den Wind im Rücken hatte, wohin ich auch fuhr.

Alle Junioren waren in jenen Tagen in Pleuni Möhlmann verliebt, eine niederländische Radsportlerin, die bei der WM in Lissabon Silber bei den Juniorinnen gewann. Auf der Abschlussparty küssten wir uns. Nach der WM hatten wir noch ein kleines Techtelmechtel, aber es ist nie mehr daraus geworden. Auch zu Hause war ich immer mehr mit Mädchen beschäftigt. Während der Pausen an der Schule schlich ich ständig um die Mädels herum. Ich bemerkte, dass ich Schlag bei ihnen hatte. Ich verstand, was sie wollten. Ich schenkte ihnen Aufmerksamkeit und Zeit. Denn Zeit hatte ich ja genug: Sobald ich mit dem Training fertig war, hatte ich nichts zu tun. Also schrieb ich den Mädchen Nachrichten aufs Handy, ich schrieb ihnen E-Mails, ich rief sie an. Ich führte sie zum Essen aus und ging mit ihnen ins Kino. Eine feste Freundin hatte ich nie. Meist war ich ihnen auch recht schnell wieder überdrüssig. Andere Mütter hatten schließlich auch schöne Töchter… Aber wenn jemand damals behauptet hätte, dass ich mit Hunderten von Frauen ins Bett gehen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Die Schule nahm ich immer weniger ernst. Ich war nach dem dritten Sekundarschuljahr auf eine etwas weniger anspruchsvolle Schulform gewechselt, zur HAVO, blieb dort in der Vierten aber gleich mal sitzen. Und dadurch dass ich im Jahr darauf bei den Junioren von Rabobank fuhr, wurde es sicherlich nicht besser. Ich schwänzte die Schule, um zu trainieren, ich tauchte ohne Bücher und geringste Ahnung vom Stundenplan beim Unterricht auf, und auf die Prüfungsbögen kritzelte ich irgendwelchen Unsinn. Als meine Schwester am Ende des Schuljahres meine Bücher abgab – ich selbst fuhr lieber trainieren –, waren sie immer noch eingeschweißt. Ich hatte nicht ein einziges Mal reingeschaut. Die Schule war in meinen Augen nur sinnlose Zeitverschwendung, ein schwarzes Loch, in dem meine wertvollen Stunden verschwanden. Wenn wenigstens Italienisch auf dem Stundenplan gestanden hätte, da hätte ich vielleicht ein wenig aufgepasst – das könnte ich später gebrauchen, wenn ich Radprofi geworden war. Der Rest konnte mir gestohlen bleiben.

Im Junioren-Team von Rabobank legte ich mich 2002 nur noch mehr ins Zeug. Alles war überaus professionell organisiert. Wir hatten eigene Trainer, eigene Mechaniker und eigene Betreuer, wir fuhren ins Trainingslager, das Material war immer top in Schuss, und ich fuhr in einem Team mit den damals besten niederländischen Junioren, darunter Marc de Maar und Tom Veelers. Aber das größte Talent von allen war ich. Ich war nicht mehr zu stoppen. Ich holte Sieg um Sieg um Sieg um Sieg. Manchmal war es so, als könnte ich gar nicht verlieren. Ich schlug meine Gegner nicht; ich vernichtete sie. Von den sechzig Rennen, die ich in diesem Jahr bestritt, gewann ich 22. Und bei vierzig landete ich auf dem Podium. In der Junioren-Weltrangliste stand ich mit einem Lichtjahr Vorsprung an der Spitze. Mit jedem Sieg wuchs mein Selbstvertrauen. Ich begann zu begreifen, dass ich mehr als nur ein talentierter Radfahrer war. Meine Ambitionen wurden ständig größer, genau wie mein Mundwerk. Ich wollte, dass sich alles um mich drehte. Ich wollte alle Aufmerksamkeit für mich.

Wir trainierten gerade mit dem niederländischen Team für die Heim-WM in Zolder, als ich einen Poller auf der Straße übersah. Ich fuhr direkt dagegen und ging über den Lenker. Ich fühlte, wie meine Zähne brachen. Ein paar Sekunden lang, bevor ich sieben von ihnen ausspuckte, hörte ich sie in meinem Mund durcheinanderwirbeln wie Murmeln in einer leeren Waschmaschine. Ich habe das Training ganz normal zu Ende gebracht. Mit sieben Zähnen weniger saß ich noch stundenlang im Sattel. Nur essen konnte ich nichts mehr. Abends saß ich dann mit einem irrsinnigen Hungerast beim Zahnarzt.

Durch den Sturz wurde ich lediglich Vierter bei der Zeitfahr-WM. Ich sehe mich selbst noch fahren, beim anschließenden Straßenrennen, an letzter Position der Gruppe, mit einer Jacke über dem Trikot. Das Kameramotorrad fuhr ständig neben mir. Das Rennen wurde live im Fernsehen übertragen, die Kommentatoren sprachen fast nur über mich und meine Chancen. Aber die miese Laune stand mir ins Gesicht geschrieben. Ich fand alles furchtbar: die flache Strecke, auf der man nirgendwo den Unterschied machen konnte, den Sturz, den ich kurz zuvor durchgemacht hatte, dieses Straßenrennen, das zwangsläufig in einem Massensprint enden würde. Ich war komplett angepisst.

Ich erwartete mehr von mir, der Rest der Radsportwelt erwartete mehr von mir. Ich war nicht nur irgendein Talent, ich war verdammt noch mal Thomas Dekker.

6.

Ich nahm das Telefon ab. »Thomas, ich bin’s«, sagte meine Mutter. Ihre Stimme zitterte – sie war wütend. Sie hatte einen Anruf von der Schule erhalten. Sie wusste es. Sie wusste, dass ich ihr die Ergebnisse meiner Abschlussprüfung an der HAVO verschwiegen hatte. Sie wusste, dass ich die Briefe von der Schule weggeworfen hatte. Sie wusste, dass ich durchgefallen war. Und sie wusste, dass ich eine Wiederholungsprüfung hätte machen dürfen – und dass ich zu dieser Prüfung nicht erschienen war. Denn ich war nicht da. Ich war in Spanien. Ich war vom Junioren-Team ins U23-Team von Rabobank gewechselt und fand die Lerida-Rundfahrt wichtiger als irgendwelche Prüfungen an der Schule. Meine Eltern wussten, bevor ich nach Spanien abreiste, nicht einmal, dass Wiederholungsprüfungen anstanden – ich hatte ihnen gesagt, dass die Ergebnisse noch nicht da wären. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich sofort nach Hause kommen sollte. Ich tat es nicht. Von der Lerida-Rundfahrt reiste ich mit dem U23-Team gleich weiter nach Frankreich, um die Boucles des Mayennes zu bestreiten – erst danach kehrte ich zurück nach Dirkshorn.

Meine Eltern warteten bereits auf mich, als ich nach Hause kam. So wütend hatte ich sie noch nie gesehen. Sie fühlten sich belogen. Das verstand ich. Sie fühlten sich betrogen. Das verstand ich auch. Sie sagten, dass ich meine Zukunft weggeworfen hätte, indem ich nicht zu den Wiederholungsprüfungen angetreten war. Ich nickte erneut: Auch das verstand ich. Aber ich weigerte mich, das zu tun, was sie sich für mich ausgedacht hatten, nämlich nach Den Helder zu gehen, um dort wenigstens noch Teilabschlüsse in Mathematik und Wirtschaftskunde zu machen. Was sie auch sagten, wie sehr sie auch schrien, wie lieb sie mich auch darum baten: Ich habe es strikt abgelehnt. Jedes Mal gab ich ihnen die gleiche Antwort: »Ich gehe nicht zurück zur Schule, ich werde Radprofi.«

In dieser Juniwoche gab es nur einen friedlichen Moment: als mein Vater und ich zu einer langen Trainingsausfahrt hinter dem Motorroller aufbrachen – einmal rund ums IJsselmeer, ein Ritt von 275 Kilometern. Auf halbem Weg hielten wir an. Mein Vater aß einen Backfisch, ich ein Snickers. Danach fuhren wir weiter, konstant über 50 km/h. Die Runde ums IJsselmeer war das letzte lange Training vor der niederländischen U23-Meisterschaft, die in jenem Jahr, 2003, in Rotterdam stattfand und genau ein einziges Hindernis aufwies: eine Brücke. Das war kein Parcours, der für mich gemacht war, und wir hatten vereinbart, dass ich mich für unseren Sprinter Hans Dekkers aufopfern sollte. Aber als ich mich drei Kilometer vor dem Ziel an die Spitze setzte, konnten meine Teamkollegen mein Hinterrad nicht halten. Ich schaute mich um, sah, dass sich eine Lücke aufgetan hatte, und schaltete noch ein, zwei Gänge höher. Niemand kam mehr an mich heran, geschweige denn an mir vorbei. Am Abend, als ich nach Hause kam, war unsere Straße geschmückt. Das halbe Dorf wartete auf mich. Wir feierten und wir tranken Bier. Spät am Abend saß ich meinen Eltern gegenüber auf der Couch. »Wenn du nicht mehr zur Schule gehen willst und dir tausend Prozent sicher bist, dass du Radrennfahrer werden willst, dann soll es wohl so sein«, sagte mein Vater. Meine Mutter nickte und gab klein bei.

Für meine Eltern war der schönste Teil meiner Karriere damit eigentlich bereits vorbei. Von diesem Moment an ging ich mehr und mehr meinen eigenen Weg. Ich wusste, was ich wollte; niemand kam mehr zwischen mich und mein Rad. Ich nahm egoistische Züge an, ich bekam eitle Anwandlungen. Ich sehe mich noch selbst, wie ich im tiefsten Winter spät in der Nacht in der Schlange vorm Jimmo Woo stehe, einer Amsterdamer Discothek. Ich war mit ein paar Freunden unterwegs: alle kaum zwanzig Jahre alt. Nachdem wir eine Stunde frierend wie die Schneider in der Kälte gestanden hatten, waren wir endlich an der Reihe. Aber der Türsteher ließ uns nicht rein. Eine solche Discothek wartet nun mal nicht auf ein paar angetrunkene Jugendliche. Ich war wütend. Ich schimpfte, ich tobte, ich brüllte: »Weißt du eigentlich, wen du vor dir hast? Weißt du, wer ich bin? Ich bin Thomas Dekker!« Natürlich sagte ihm mein Name nicht das Geringste. Aber das kümmerte mich nicht. Ich war ein Star, nur der Rest der Welt wusste noch nichts davon.

Ich nutzte andere Menschen aus, um mich von ihnen bedienen zu lassen. Als ich noch zur Schule ging, schmierte mir meine Mutter jahrelang jeden Morgen die Butterbrote. Und wenn meine Mutter nicht da war oder wenn sie früh zur Arbeit musste, ließ ich es meine Schwester tun. Sie taten es für mich, sie machten es aus Liebe. Und ich? Ich ließ es einfach so geschehen. Damit nicht genug: Ich merkte, dass ich gut darin war, andere Menschen für meine Karriere einzuspannen. Ich fragte, ich forderte, ich manipulierte. Und ich fand das auch nur logisch: Ich selbst konnte meine Energie besser auf dem Fahrrad einsetzen.

Meine asoziale Seite hatte übrigens auch ein Gegenstück: Ich kaufte jedes Mal Geschenke für meine Eltern und meine Schwester, wenn ich im Ausland war. Und ich gab Floor das ganze Kleingeld an Prämien, das ich bei den Rennen einfuhr. Ich nahm sie mit zu Partys, ich passte auf sie auf, wie ein großer Bruder auf seine Schwester aufpasst. Und als sie achtzehn wurde, kaufte ich ihr vom Gehalt meines ersten Profivertrags ein Auto. Aus Liebe, nicht um irgendetwas wiedergutzumachen.

Im August 2003 wurde ich niederländischer U23-Meister im Zeitfahren. Ich fand das völlig normal. Auch, dass ich den Prolog der Ster Elektro-Tour gewann, wo wir als U23-Mannschaft inmitten der Profis fuhren. Es war ein Rundkurs von fünf Kilometern in Veldhoven, mit Start und Ziel auf regennassem Kopfsteinpflaster. Ich war kein Held im Regen: Unsicher eierte ich durch die Kurven. Aber als ich die Ziellinie überquerte, hatte ich die bis dato schnellste Zeit erreicht. Und danach kam niemand mehr an meine Zeit heran. Auch Fabian Cancellara nicht; der lag auf Platz zwei. Ich weiß noch genau, wie Huub Duyn, ein Freund von mir, der für ein anderes Team fuhr, sich die Ergebnisliste anschaute und sah, dass ich gewonnen hatte. »Was zum Teufel hast du gemacht, Thomas?«, rief er. Aber persönlich empfand ich es gar nicht mal als etwas Besonderes. Ich dachte nicht groß darüber nach, dass ich erst achtzehn war. Es ging alles so einfach, so erschreckend einfach.

Es war, als würde ich bei jedem Versuch einen Sechser-Pasch würfeln. Als ob das Leben ein Sudoku war, das sich von selbst löste, wenn ich es nur anschaute. So wie ich später alles falsch machte, was man nur falsch machen konnte, schien zu jener Zeit jede Wahl, die ich traf, goldrichtig zu sein. Ich machte, was ich wollte, und ich kam damit durch. Ich lebte für den Radsport, aber das war auch nicht schwer, weil ich so oft gewann. Ich war wie ein Hund, der Leckerlis als Belohnung für ein Kunststück bekam: Jedes Mal, wenn ich etwas investierte, bekam ich es zweifach oder dreifach zurück. In einer solchen Situation ist hartes Training kein Opfer, sondern eher eine Sucht. Rückschläge erlebte ich nie oder kaum einmal – eigentlich nur bei einem der seltenen Stürze: ein gebrochener Mittelhandknochen im Frühjahr 2003, fünf ausgeschlagene Zähne, als ich bei der Tour de l’Avenir 2004 im Gelben Trikot fuhr. Aber das waren nicht mehr als kleine Unebenheiten auf meinem Weg. Vom allerersten Augenblick an lief meine Entwicklung kometenhaft, ohne einen nennenswerten Rückschlag.

Ich wusste, was ich konnte, ich wusste, was ich wollte – obwohl ich doch einer der jüngsten Fahrer im Team war. Das U23-Peloton dominierten wir als Kollektiv: Es gab keine andere Mannschaft mit so viel Talent. Wir gingen mit Fahrern wie Pieter Weening, Koen de Kort, Ryder Hesjedal, Bernhard Kohl, Rory Sutherland und Laurens ten Dam an den Start. Oft konnten wir uns aussuchen, wer von uns gewann.

Hin und wieder musste ich einen Sieg herschenken, damit andere aus dem Team auch mal gewinnen konnten. Manchmal tat ich es, manchmal nicht. Ich gewann die Normandie-Rundfahrt, die Triptyque des Monts et Châteaux, die Thüringen-Rundfahrt – direkt hintereinander. Aber Hass und Neid vonseiten meiner Teamkollegen habe ich selten verspürt. Vielleicht gab es so was auch dort und ich merkte es nur nicht, vielleicht hielt es sich tatsächlich in Grenzen, weil viele meiner Teamkollegen genau gewusst haben dürften, dass ich sowieso bald zu den großen Jungs von Rabobank wechseln würde. Ich war kein Konkurrent von ihnen; ich stand deutlich über ihnen in der Hackordnung und genauso verhielt ich mich auch in den Rennen. Bei der Straßen-WM 2003 in Hamilton tat ich den ganzen Tag nichts; erst im Finale fing ich an, richtig Rennen zu fahren. Zusammen mit Markus Fothen schloss ich in einem Rutsch zur Spitzengruppe auf und wurde Dritter. Einige andere Jungs im Team waren sauer, dass ich am Anfang des Rennens nicht mitgearbeitet hatte. Es kümmerte mich einen Scheißdreck – ich antwortete nicht einmal darauf. Ich bestimmte selbst, was ich tat, da konnten sie reden, was sie wollten.

Immer öfter fuhren wir mit dem U23-Team von Rabobank nun zwischen den richtigen Profis. Im Frühjahr 2004 trainierten wir in Portugal – und bestritten dann die Algarve-Rundfahrt. Ich hatte dieses Rennen in meinem Kalender rot eingekreist. Den ganzen Winter hatte ich darauf hingearbeitet, und ich hatte sogar die Strecke des Zeitfahrens erkundet, weil ich wusste, wer dort noch am Start stehen würde: Lance Armstrong. Er war zu diesem Zeitpunkt fünffacher Tour-de-France-Sieger, und ich brannte darauf, mich mit ihm zu messen. Als ich während einer der ersten Etappen zufällig neben ihm fuhr, sprach er mich an. Nichts Besonderes, nur eine joviale Plauderei. Er habe schon viel von mir gehört, sagte er. »Ich auch von dir«, entgegnete ich. Ich war ehrlich gesagt eher ein Fan von Jan Ullrich, aber ich empfand es doch als Ehre, dass der fünfmalige Tour-Sieger mich erkannte – und mich als Gegner wahrnahm. Ich fand Armstrong interessant. Und sei es nur wegen seiner Ausstrahlung und seiner Entourage. Manchmal, wenn gerade das Tempo im Feld etwas raus war, hielt ich absichtlich kurz am Straßenrand, um zu pinkeln. Denn so konnte ich, wenn ich danach wieder zum Feld aufschloss, im Vorbeifahren einen Blick ins Teamfahrzeug von US Postal werfen: auf Sheryl Crow, Armstrongs damalige Freundin, die jeden Tag an der Seite von Teammanager Johan Bruyneel hinter dem Peloton herfuhr.

Obwohl ich im Zeitfahren sieben Fahrer überholte, die vor mir gestartet waren, kam ich am Ende mit 19 Sekunden Rückstand auf Armstrong auf Platz vier. Einen Tag später, bei einer Etappe mit Bergankunft, zog ich an ihm vorbei. Im Schlussklassement wurde ich Vierter, er Fünfter. Nach dem Ende des Rennens brachen wir mit dem gesamten Peloton zum Flughafen auf. Alle bestiegen eine normale Linienmaschine, nur Armstrong stieg in seinen Privatjet. Diese Art von Selbstdarstellung gefiel mir. Es war reine Schau, eine Möglichkeit, den Rest des Feldes einzuschüchtern. Er war der Gorilla, der sich am kräftigsten auf die Brust trommeln konnte. Ich war schwer beeindruckt, ähnlich wie ein paar Jahre zuvor durch das italienische Junioren-Team um Nibali. Für mich gehörte so was dazu. Ich wollte keine graue Maus sein, die schnell Fahrrad fuhr. Ich wollte einer der größten Gorillas sein – auf und neben dem Rad. Ich wollte die Hauptrolle in jedem Stück, in dem ich mitspielte. Ich wollte nicht warten, ich wollte meinen Weg nicht behutsam Schritt für Schritt gehen. In jenem Jahr verschwendete ich nicht mal einen Gedanken daran, die niederländische U23-Meisterschaft im Zeitfahren zu bestreiten; ich wollte auf jeden Fall bei den Profis antreten. Meinem directeur sportif Nico Verhoeven sagte ich vor dem Start, dass ich gewinnen würde. Und ich gewann.

Im Herbst 2004 wurde ich zusammen mit meinem Rabobank-Teamkollegen Koen de Kort zum Grand Prix Eddy Merckx eingeladen – einem Paarzeitfahren in Brüssel. Dass wir als U23-Fahrer dort antreten durften, war an sich bereits eine Ehre; die anderen Paare bestanden fast alle aus namhaften Siegfahrern. Aber zwischen den großen Männern zu starten, genügte mir nicht. Ich wollte mehr. Und ich konnte mehr. Meine Beine waren so leicht, ich spürte sie kaum. Koen starb an meinem Hinterrad, vierzig Kilometer lang. Wir holten Fahrer ein, die weit vor uns gestartet waren. Im Ziel waren wir die Schnellsten, und auch die Zweierteams, die nach uns gestartet waren, holten unsere Zeit nicht mehr ein. Erik Dekker und Marc Wauters nicht, Jens Voigt und Bobby Julich nicht, Uwe Peschel und Michael Rich nicht, George Hincapie und Wjatscheslaw Jekimow nicht. Auf dem Podium schauten Peschel und Rich aus der Wäsche wie sieben Tage Regenwetter. Sie fühlten sich verschaukelt. Die Rennleitung, die Kommentatoren und Journalisten wussten nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollten. Einige dachten, dass wir irgendwo ein Stück der Strecke abgekürzt hätten, weil sie es nicht für möglich hielten, dass zwei Jungs alle großen Namen geschlagen hatten. Diese Vorwürfe konnten mir nichts anhaben. Ich fand es lächerlich. Selbst wenn ich hätte abkürzen können, hätte ich nie im Leben daran gedacht. Warum sollte ich eine Abkürzung nehmen, wenn ich auch regelgerecht gewinnen konnte?

Im selben Jahr waren die Olympischen Spiele in Athen. Erik Dekker wollte das Zeitfahren bestreiten, aber Nationaltrainer Gerrie Knetemann überging ihn. Er entschied sich für einen anderen Dekker: für mich. Erik war wütend, aber für Knetemann war die Sache ganz einfach: Ich war Niederländischer Meister, also würde ich bei den Spielen fahren. Und so stand ich ein paar Wochen später mit einem orangen Koffer am Flughafen Schiphol. In Athen war es glühend heiß. Der Asphalt schmolz in der Sonne, ich badete in meinem eigenen Schweiß. Ein Bus brachte mich ins Olympische Dorf. Ich verzog keine Miene, aber als ich mich umschaute, verschlug es mir die Sprache. Schon allein den Speisesaal fand ich großartig: all die vielen Sportler, die durcheinandersaßen und Essen in sich reinschaufelten. Es hieß, dass ich mir das Zimmer mit einem anderen Radsportler teilen würde. Als ich die Tür öffnete, sah ich, wer es war: Michael Boogerd. Zu Hause hing noch immer sein Poster über meinem Bett, in Athen lag er im Bett neben mir. Ein paar Tage zuvor, im Straßenrennen, war er gestürzt. Er sah aus wie das Michelin-Männchen: überall Bandagen und Mullbinden. Ich fragte, wie es ihm ging. Er sagte: »Ach, geht schon, Kleiner – alles bestens.« Und: »Pack deinen Koffer aus, leg dich hin, fühl dich wie zu Hause.«

Boogerd war sympathisch, aber viel Kontakt hatten wir nicht. Unsere Welten lagen lichtjahreweit auseinander. Er ging mit Karsten Kroon zu einem Konzert von Tiësto, ich machte mir Sorgen, wenn ich um halb elf noch nicht im Bett lag. Das Zeitfahren lief nicht gerade so, dass man damit hätte angeben können. Vielleicht war das auch zu viel verlangt: In einem so wichtigen Rennen konnte ich noch nicht mit den Besten der Welt mithalten. Ich wurde Zwanzigster. Knetemann war zufrieden: »Schau dich gut um, Junge, jetzt kannst du es dir noch leisten. Das nächste Mal, wenn du hier bist, fährst du mit um die Medaillen.«

Ich war Alice im Wunderland. Ein A-Jugendlicher in der ersten Elf von Ajax. Ich gehörte schon dazu, aber irgendwie auch nicht. Ich fuhr in den Rennen gegen hochbezahlte Profis, hin und wieder schlug ich sie sogar, aber zur gleichen Zeit war ich ein Rookie mit einem Vertrag bei einer U23-Mannschaft. 2003 kassierte ich ein Jahresgehalt von 5.000 Euro; inklusive aller Preisgelder und Prämien kam ich auf insgesamt 25.000 Euro. Weil ich so gut fuhr, wollte ich für 2004 eine Gehaltserhöhung. Ich fand, dass mir das zustand, also fuhr ich mit meinem Vater nach Breda, um in einem schicken Restaurant mit Jan Raas und Piet Hubert von Rabobank zu verhandeln. Sie boten mir 15.000 pro Jahr, ich wollte 20.000. Raas und Hubert schickten mich vor die Tür und ließen mich lange warten. Ich tigerte den Gang auf und ab, setzte mich hundert Mal hin, nur um gleich wieder aufzustehen. Nach einer Ewigkeit riefen sie mich wieder rein. Wir einigten uns auf 17.500 Euro, die goldene Mitte. Ich war glücklich und erleichtert, aber im Nachhinein denke ich, dass sich die beiden ganz schön ins Fäustchen gelacht haben dürften. Ein junger Bursche, der ein paar Tausend Euro mehr wollte – warum in Gottesnamen stellten sie sich so an? Sie wussten doch auch, dass eine solche Summe ein Hungerlohn war im Vergleich zu den Verträgen in den Saisons danach. Vielleicht taten sie es als erzieherische Maßnahme. Um mich wissen zu lassen, dass man mit kleinen Gehaltserhöhungen auch glücklich sein konnte.

Dass ich im Jahr darauf, 2005, Profi bei Rabobank werden würde, stand fest. Aber ich durfte schon im Jahr 2004 mal daran schnuppern. Gegen Ende der Saison durfte ich einige Rennen als stagaire im Profiteam mitfahren: den Grand Prix de Fourmies, die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt und die Coppa Sabatini. Es war ein Test für das Team – und für mich. Ich durfte eine andere Welt betreten. Ich durfte im Tiefen schwimmen. Zwar noch mit den Schwimmflügeln meines U23-Vertrags, aber immerhin.

7.

Ich betrete das Hotelzimmer, meinen Rollkoffer ziehe ich wie einen Hund hinter mir her. Es gibt zwei Betten. Eines ist leer. Auf dem anderen sitzt Steven de Jongh – er ist bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt mein Teamkollege und Zimmergenosse. Ich sage ihm hallo. Er nickt mir zu. Dann schaltet er den Fernseher um, auf einen Pay-TV-Sender – ich sehe nacktes, pumpendes Fleisch und höre es stöhnen. Steven nimmt zwei Handtücher, wirft mir eines zu und sagt: »Erst mal einen runterholen.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich stehe da, die Jacke noch an, meinen Koffer in der Hand. Es ist das erste Mal, dass ich mit dem Profiteam bei einem Etappenrennen an den Start gehen werde. Es ist das erste Mal, dass ich eine ganze Woche lang mit den großen Jungs zusammenlebe. Ich kenne Steven kaum: eigentlich nur aus dem Fernsehen. Sie haben mich mit ihm zusammen aufs Zimmer gelegt, weil er erfahren ist und wie ich aus Nordholland stammt. Das schaffe eine Verbindung, hieß es. Er soll mir erzählen, wie es ist, ein Profi zu sein. Bisher hatte ich schließlich nur im Kinderbecken brilliert; erst das Profi-Peloton wäre wie Schwimmen im Tiefen. Und Fahrer wie Steven sollen meine Schwimmlehrer sein. Ich schaue zu ihm auf. Das erste Mal, dass ich zusammen mit ihm auf einem Zimmer untergebracht sein würde, hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich dachte, ich würde einen Handschlag bekommen, kein Handtuch.

Ich stelle meinen Koffer ab, ziehe meine Hose runter und setze mich aufs Bett. Und ich versuche, mich auf das nackte Fleisch und das Stöhnen zu konzentrieren. Wenn dies ein Test ist, möchte ich nicht durchfallen. Ich mache mit.

Was muss, das muss.

Ein paar Tage später bekomme ich abends nach einer Etappe meine erste Injektion vom Teamarzt. Geert Leinders heißt der Mann, ein Belgier. Er arbeitet seit Jahren für Rabobank. Er ist ein kluger, zurückhaltender Mann, der mir in aller Ruhe erklärt, was er mir injizieren wird. Actovegin, ein Kälberblut-Extrakt. Es steht nicht auf der Dopingliste. Es enthält Aminosäuren zur Regeneration. Leinders fragt mich, ob ich seine Ausführungen verstanden habe. »Klar«, sage ich. Ehrlich gesagt finde ich es schon heftig, so eine Spritze im Arm zu haben. Es fühlt sich sehr professionell an.

Das Rennen selbst empfinde ich seltsamerweise nicht als sonderlich anders als in der U23. Es gibt mehr starke Fahrer, aber ich werde auch nicht aus den Schuhen gefahren. Im Gegenteil. Auf der zweiten Etappe setzen wir uns an einem Anstieg mit sechs Mann ab. Mein Teamkollege Erik Dekker ist auch mit dabei. Er sagt mir, dass ich mich auf die Bergpunkte konzentrieren solle: »Dann kannst du vielleicht das Bergtrikot übernehmen.« Doch von der Bergwertung will ich gar nichts wissen. Was soll ich mit dem Bergtrikot der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt? Das Einzige, was mich interessiert, ist, diese Etappe zu gewinnen. Und so sprinte ich erst gar nicht mit um die Bergpunkte. Ungefähr zehn Kilometer vor dem Ziel greife ich an. Niemand reagiert – oder niemand kann mehr reagieren; das ist auch möglich. Kurz vor dem Ziel schaue ich mich um: Die Straße, soweit ich sie überblicken kann, ist leer. Ich strecke meine Arme in die Höhe. Aber ich bin nicht euphorisch. Ebenso wenig bin ich überrascht. Ich bin so daran gewöhnt, zu gewinnen, dass es sich ganz normal anfühlt. Abends, am Essenstisch, wird mein Sieg gefeiert. Nicht wirklich überschwänglich, nur ein paar Flaschen Wein, mehr nicht. Erst im Nachhinein wird mir klar, welch besonderes Ereignis dies war, ein junger Fahrer, der gleich in seinem ersten Etappenrennen als stagaire eine Etappe gewinnt. Aber in diesem Moment bin ich noch nicht so weit. Wenn andere mir sagen, dass es etwas Außergewöhnliches ist, zucke ich nur mit den Schultern.

Nach der letzten Etappe der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt, bei der ich noch mal Zweiter werde, reise ich mit den Profis weiter zur Coppa Sabatini – einem italienischen Vorbereitungsrennen für die WM. In den Tagen vor dem Rennen teile ich mir ein Zimmer mit Michael Rasmussen. Ein seltsamer Kauz. Er sagt kaum ein Wort und ist den ganzen Tag am liebsten für sich allein. Und er isst fast nichts. Ich kann seine Knochen durch sein T-Shirt hindurchschimmern sehen. Ein paar Tage vor dem Rennen drehen wir eine Trainingsrunde über den Monte Serra. Es ist sehr heiß, aber Rasmussen fährt mit Beinlingen und zwei Jacken übereinander. Er müsse sich »ordentlich einschwitzen«, sagt er. Was das bedeutet, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Bei der Coppa Sabatini fahre ich einem Peloton voller großer Stars. Jan Ullrich, Francesco Casagrande, Franco Pellizotti, Stefano Garzelli, Michael Boogerd – sie alle bereiten sich hier auf die Weltmeisterschaften vor, die eine Woche später in Verona stattfinden. Ullrich gewinnt, ich werde Sechster. Ich würde am liebsten gleich eine Woche später im WM-Rennen der Profis Revanche nehmen, doch ich starte in der U23, weil ich unbedingt Weltmeister werden will. Aber das werde ich nicht. Das Zeitfahren beende ich auf Platz zwei, hinter Janez Brajkovic (und vor Vincenzo Nibali). Es ist die größte Enttäuschung meiner Karriere – weil ich nicht damit gerechnet habe, dass ich auch einmal nicht gewinnen könnte. Bei der Siegerehrung muss ich mich beherrschen, um die Silbermedaille nicht einfach wegzuwerfen. Und als ich ins Hotel zurückkomme, sitze ich minutenlang weinend auf der Bettkante. Ein paar Tage später, im Straßenrennen, werde ich schon wieder Zweiter. Es ist wie verhext. Aber im Finale bin ich einfach zu spät dran, um den zuvor ausgerissenen Weißrussen Kanstanzin Siuzou noch einzuholen.

Am Abend ziehe ich mit meinen Teamkollegen und meiner Schwester los – sie ist nach Verona gekommen, um mich anzufeuern. Ich bin frustriert, und ich möchte meine zweiten Plätze im Alkohol ertränken. Es gibt eine Party in einer Disco in Verona, zu der viele Radrennfahrer gehen. Es wird eine Menge getrunken und getanzt: Für viele Fahrer ist die Saison vorüber. Mario Cipollini kommt auf mich zu. Er kennt mich. Er sagt mir, dass ich das Zeug habe, ein großer Star zu werden. Dann fängt er an zu erzählen, wie gut er selbst früher war. Ich fühle, dass ich dazugehöre. Dass ich mir einen Namen im Radsport mache. Das schmeichelt meinem Ego. Ich merke, wie viel mir Status bedeutet. Dass ich anerkannt werden möchte und dass ich erkannt werden möchte. Dass ich von den bedeutenden Männern dieses Sports ernst genommen werden möchte. Ich habe in diesem Jahr meine ersten Profi-Siege eingefahren und mir meine erste Injektion setzen lassen. Hier, in dieser Discothek, ist es, als würde ich nun definitiv in eine andere Welt hinüberwechseln. Meine Zeit bei den kleinen Fischen ist vorbei, ich bin meine letzte WM in der U23 gefahren, es wartet ein anderes Peloton mit einem ganz anderen Sittenkodex auf mich.

Spät in der Nacht laufe ich Elisa Basso über den Weg. Sie ist die Schwester von Ivan Basso, aber sie ist komplett anders als er. Ivan ist ein sanfter Junge mit Bambi-Augen, Elisa ist ein Vamp. Sie ist immer auf der Jagd. Sie hat eine Beziehung mit Eddy Mazzoleni, der in diesem Jahr für Saeco fährt. Aber sie treibt es mit jedem, höre ich später. Das ist mir egal. Sie ist schön, sie ist älter als ich, sie ist bei dieser WM eine der Hostessen bei den Siegerehrungen. Ich bin auch vorher schon mit einigen Frauen ins Bett gestiegen, aber sie ist die Bestätigung meines Status. Ich fühle mich geschmeichelt, dass sie mich will. Sie nimmt meine Hand und zieht mich nach draußen, ohne etwas zu sagen. Sie hält ein Taxi an. Wir fahren in ihr Hotel. Dort angekommen, führt sie mich zu ihrem Hotelzimmer, direkt in ihr Bett.

8.

Sein Händedruck ist fest. Sein Haar ist so schwarz, dass es aussieht, als wäre es gefärbt, und er trägt es streng nach hinten gekämmt. Er redet viel und schnell. Jacques Hanegraaf sitzt bei uns im Wohnzimmer, auf der Bank gegenüber. Er ist nach Dirkshorn gekommen, in einem dunklen Volvo, um sich mir und meinen Eltern vorzustellen. Er vertritt Radrennfahrer. Er verhandelt für sie, er berät sie in finanziellen Fragen, er regelt die Steuerangelegenheiten. Aber er ist auch Manager mehrerer Radsport-Teams gewesen – unter anderen bei Farm Frites und beim Team Coast. Er kennt jeden im Radsport, und jeder kennt ihn.

Den Kontakt zu ihm hat Gerrie Knetemann hergestellt, der Nationaltrainer. Ich könnte gut einen Manager gebrauchen, meinte Gerrie, für die Verträge und das Finanzielle – dann könnte ich mich voll und ganz auf die sportliche Seite meiner Karriere konzentrieren. Mit den besten Absichten empfahl er mir Hanegraaf. Er sagte: »Der Mann ist aalglatt, aber gut.«

Es ist November 2004, als Jacques bei uns zu Hause im Wohnzimmer sitzt. Wir sitzen am Esstisch. Ich trinke eine Limo, er und meine Eltern Kaffee. Ich bin nervös, irgendetwas an ihm macht mir ein ungutes Gefühl. Er redet den ganzen Abend. Er hat eine gute Geschichte zu erzählen. Er sagt, dass ich extrem viel Talent habe und es nur eine Frage der Zeit sei, ehe ich die größten Rennen der Welt gewinnen würde. Aber es würden nun mal auch eine Menge andere Dinge dazugehören. Profi zu sein, bedeute nicht nur trainieren, essen, schlafen und Rennen fahren – es gebe auch viele Nebenschauplätze zu beackern. Die Verhandlungen mit Teammanagern, Verträge mit Sponsoren, der Umgang mit den Medien – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ich bräuchte Menschen, die mich unterstützen. Ich bräuchte jemand, auf den ich jederzeit zurückgreifen könnte. Mit diesem »jemand« meint er sich selbst.

Er umgarnt mich und meine Eltern. Er macht große Versprechungen. Er appelliert an meinen Verstand, sagt mir, dass ich jetzt schon einer der gefragten Männer im Peloton sei. Alle Teams wollten mich unbedingt haben. Die Zukunft, das sei ich. Bei Rabobank sollten sie lieber Gott auf ihren nackten Knien danken, dass ich für sie fahren wolle. Und diese Dankbarkeit sollte sich Jacques zufolge auch in barer Münze ausdrücken. Ich müsste in meinem ersten Jahr als Profi mindestens zweihunderttausend Euro verdienen. Er erwischt mich an einem wunden Punkt; es ist genau das, was ich hören will. Er macht mich groß, er macht mich wichtig. Ich beschließe, mich mit ihm zusammenzutun. Wir sind uns einig, dass er versuchen wird, zweihunderttausend Euro für mich herauszuschlagen.

Es gibt nur ein Problem: Ich habe im Mai bereits einen Zwei-Jahres-Vertrag bei Rabobank unterschrieben, für die Saisons 2005 und 2006 – und zwar für hunderttausend Euro im Jahr. Jacques findet das viel zu wenig. Er redet auf mich ein, dass ich mich damit nicht zufriedengeben darf. Dass wir versuchen sollten, den Vertrag aufzulösen. Und es funktioniert. Ich bin empfänglich für seine Worte. Als ich den Vertrag unterschrieben habe, fand ich hunderttausend Euro eine Menge Geld; aber Jacques schürt Unzufriedenheit in mir. Seine Worte wirken auf mich wie ein rotes Tuch auf einen Stier. Ein Schalter legt sich um. Ich habe das Gefühl, dass die Dinge endlich die nötige Schärfe erhalten. Dies ist etwas anderes, als mit meinem Vater nach Breda zu fahren und mit pochendem Herzen und schlotternden Knien um ein paar tausend Euro mehr zu bitten. Jetzt geht es um richtiges Geld. Hunderttausend sind nicht genug. Meine Eltern können es nicht verstehen. Für sie sind hunderttausend Euro sehr viel Geld. Erst recht für einen so jungen Kerl wie mich. Aber sie haben ihren Einfluss auf mich schon verloren. Ich bin nicht so wie sie. Ich will mehr. Als Jacques am Ende des Abends in seinen Volvo steigt, hat er einen Keil zwischen mich und Rabobank getrieben.

Mehr, mehr, mehr – in meinem Inneren hauste ein Gefühl der chronischen Unzufriedenheit, aber es war bisher nicht mehr als ein Funke gewesen, der hin und wieder kurz aufloderte. Mit Jacques als Manager wird aus dem Funken ein Flächenbrand. Er und ich, das ist 1 + 1 = 3. Ich will Geld, er will Geld. Von allem, was ich verdiene – Gehälter, Boni, Startgelder – bekommt er zehn Prozent zuzüglich Mehrwertsteuer. Und Geduld kennen wir nicht. Mit Jacques mache ich keine langfristigen Pläne, wir schauen nicht in die Zukunft, wir reden nicht darüber, wo ich vielleicht in fünf oder zehn Jahren stehe. Keine Geduld. Bloß nicht warten. Nicht erst mal ein paar Jahre Profi sein. Wir wollen es jetzt.

Auf Anraten von Jacques ziehe ich kurz darauf nach Belgien. Nach Lanaken, kurz hinter der Grenze bei Maastricht. Dort leben mehrere niederländische Radprofis. Ich kann dort besser trainieren als in Nordholland und außerdem ist es steuertechnisch erheblich interessanter.

Jacques macht sich daran, meinen Vertrag mit Rabobank aufzulösen, bevor dieser offiziell überhaupt in Kraft getreten ist. Er schlägt vor, dass sie mein Gehalt verdoppeln: von hunderttausend auf zweihunderttausend Euro. Aber Theo de Rooij, der inzwischen Jan Raas als Teammanager abgelöst hat, geht nicht darauf ein. Er sagt, ich hätte einen gültigen Vertrag unterschrieben und dass hunderttausend Euro für einen Jungen von zwanzig Jahren doch sehr viel Geld seien. Ich solle erst mal eine komplette Saison als Profi fahren. Hanegraaf ist wütend. Und ich mithin auch. Ich fühle mich nicht wertgeschätzt. Ich empfinde sie als geizig, die Leute von Rabobank. Was glauben die eigentlich, wer sie sind?

Ich bin immer noch ein Kind. Ich habe eine komplette Packung Kekse aufgegessen, aber ich will noch mehr. Und wenn ich nicht bekomme, was ich will, fange ich an zu quengeln. Es ist nicht genug, es ist nie genug. Das Gefühl, immer mehr zu wollen: Es frisst sich in meinen Körper hinein. Ich bin infiziert. Infiziert mit chronischer Unzufriedenheit.

9.

Es ist eine Fleischbeschau. Die Mädchen kommen, um sich vorzustellen, eine nach der anderen. Sie haben Namen, die klingen, als wären sie direkt aus einem Porno-Film übernommen worden. Sie tragen High Heels und Röcke so kurz, dass man sich nicht bücken muss, um darunter zu schauen. Unsere Geilheit hallt wider in der Tiefe ihrer Dekolletés.

Wir sitzen mit einer Handvoll Radrennfahrer an der Bar, wir trinken Bier und Cocktails und wir besprechen, wer welches Mädchen nimmt. Ich finde es spannend, fühle mich aber zugleich ein wenig verlegen und unbehaglich. Es ist das erste Mal, dass ich ins Bordell gehe. Der Club heißt Sauna Diana; er liegt in der Nähe des Hotels, in dem wir für das erste Trainingslager des Winters untergebracht sind. Es ist Anfang Dezember 2004 – nicht mehr lange hin und ich starte in meine erste Saison als Radprofi. Ein Trainingslager mit den Profis von Rabobank ist etwas anderes als ein Trainingslager mit den Junioren oder der U23 von Rabobank, stelle ich fest. Ich hatte gedacht, alles wäre seriöser, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht hier um mehr als Radfahren allein.

Ein Trainingslager mit den Profis besteht aus zwei Teilen. Tagsüber brettern wir mit dem Mountainbike über schlammige Waldwege, abends wird gesoffen. In den Jahren zuvor hatte ich die Regel, dass ich zwischen dem 1. Januar und dem 1. Oktober nicht einen Tropfen Alkohol anrührte, mit Ausnahme der Feier nach der niederländischen Landesmeisterschaft – höchstens in den Wintermonaten zog ich ein paar Mal los. Und bestimmt nicht, wenn am nächsten Tag ein hartes Training anstand. Aber bei den Profis steht während des Trainingslagers beim Essen Wein auf dem Tisch, und jeden Abend wird in einer Bar gesoffen. Die Fahrer ziehen um die Häuser und niemand stört sich daran. Es gehört anscheinend dazu. Mir kommt gar nicht erst der Gedanke, vielleicht nein zu sagen, als Michael Boogerd mich fragt, ob ich mit in den Puff komme. Ich fühle mich geehrt, dass ich mitdarf. Und so sitzen wir ein wenig später zu fünft im Auto, auf dem Weg zur Sauna Diana. Am Eingang schütteln uns die Besitzer, die Brüder Simons, die Hand. Sie kennen jeden mit Namen.

Das Mädchen, das ich auswähle, ist eigentlich eher eine Frau. Sie ist vielleicht vierzig, blond, und sie ist nett zu mir. In dem Moment sehe ich keine tiefere Bedeutung darin, dass ich eine Frau aussuche, die zwanzig Jahre älter ist als ich, aber im Nachhinein erscheint es logisch: Ich stehe auf ältere Frauen. Wir schwimmen zunächst für eine halbe Stunde, dann gehen wir auf ihr Zimmer. Als wir fertig sind, gehe ich nach unten. In der Bar warten die anderen Fahrer schon auf mich. Wir zahlen und fahren zurück zum Hotel. Am nächsten Morgen brettern wir wieder mit dem Mountainbike über schlammige Waldwege.

Der Winter vor meiner ersten Profi-Saison ist eine einzige Serie von Trainingslagern. Zwischen den Trainingslagern mit dem Team fliege ich auf eigene Faust nach Mallorca. Ich trainiere mir den Buckel krumm, jeden Tag aufs Neue. Ich absolviere Trainingswochen von 35 oder 40 Stunden im Sattel. Ich brenne vor Ehrgeiz, ich will mich vom allerersten Rennen an beweisen.

In den Trainingslagern mit Rabobank in Spanien bin ich einer der Besten. Bei den Tests am Col de Rates hänge ich alle anderen ab. Aber ich will mich auch abends und nachts nicht lumpen lassen: Wenn gesoffen wird, bin ich dabei. Ich lebe von einem Extrem ins andere; aber ich merke, dass ich beim Alkohol nicht ganz so extrem bin wie beim Radfahren. Ich trinke jetzt auch mal einen Wein, aber in der Regel ziehe ich süße Mixgetränke vor. Wir gehen in zwielichtige spanische Bars – im Sommer platzen solche Läden aus allen Nähten, die Leute hängen einander so eng auf der Pelle wie Sardinen in der Konservenbüchse, aber im Winter verirren sich nur wenige Menschen hierher: einige Radrennfahrer in Trainingsanzügen und ein paar Betrunkene. Wir kippen uns einen hinter die Binde, wir lallen dummes Zeug, wir werden auf die Straße gesetzt, weil wir uns daneben benehmen, wir kotzen an Bushaltestellen und stolpern schwankend zurück zum Hotel. Im Training aber wird knüppelhart gefahren, vor allem von den Fahrern, die am meisten trinken. Niemand will den anderen in etwas nachstehen; wie hart du im Nehmen bist, wird daran gemessen, wie schnell du fährst und wie viel du verträgst. Selbst mit einem heftigen Kater stehst du um Punkt zehn Uhr bereit, startklar fürs Training. Niemand kommt zu spät. Außer Óscar Freire. Aber der kommt gewohnheitsmäßig immer und überall zu spät.

Eines Nachmittags nach dem Training gehe ich über den Hotelflur, als ich plötzlich ein Poltern hinter mir höre. Ich drehe mich um und sehe ein paar Teamkollegen auf mich zustürmen. Wer genau es ist, kann ich nicht sehen, sie haben sich Unterhosen und Nylonstrümpfe über die Köpfe gezogen. Der Dünnste von allen, den ich auch mit Unterhose über dem Kopf sofort als Michael Rasmussen erkenne, hat ein Haarschneidegerät in den Händen. Ich weiß genau, was sie vorhaben – die Geschichten über die Initiation neuer Profis habe ich schon zu Genüge gehört. Aber ich will meine langen Haare nicht verlieren. Ich versuche zu entkommen, aber sie sind zu viele. Sie packen mich und ziehen mich in eines der Zimmer. Jemand ruft: »Thomas, hör auf dich zu wehren, das gehört dazu!« Aber ich schlage und trete um mich. Sie werden mich nicht kahl scheren. No fucking way. Ich werde immer wilder und wilder; es gelingt ihnen nicht, mich ruhig zu bekommen. Nach ein paar Minuten geben sie es auf.

Marc Wauters zieht sich den Strumpf vom Kopf. Er sitzt hechelnd am Rand des Bettes und meint: »Wenn du die Initiation nicht über dich ergehen lassen willst, wie willst du dann von uns verlangen, dass wir demnächst für dich vorne im Wind arbeiten?« Ich sage: »Das hat nichts miteinander zu tun. Ihr werdet von Rabobank bezahlt, um für mich vorne im Wind zu arbeiten.«

In diesem Jahr wird niemand mit dem üblichen Ritual initiiert. Ich nicht, und die anderen Neoprofis auch nicht.

10.

Am Freitag vor meinem ersten Paris–Nizza übernachte ich außer Haus. Ich bin bei Erik Dekker zu Gast, in Meerle. Er hat den gleichen Nachnamen wie ich, aber wir sind nicht miteinander verwandt. Das Team sieht in ihm einen wichtigen Mentor für mich. Er ist Zeitfahrer, genau wie ich. Er fährt stark in den Klassikern – genau wie ich es eines Tages möchte. Beim Essen, während der Trainingslager und nach den Rennen, gibt er manchmal den Ton am Tisch an, aber er ist nicht ganz leicht zu durchschauen. Meist hat es den Anschein, als würde er irgendetwas verbergen. Das macht mich nur umso neugieriger, was er zu erzählen hätte.

Ich schlafe im Gästezimmer. Eriks Frau gibt mir ein frisches Bettlaken, bevor sie mir eine gute Nacht wünscht. Ich breite es auf dem Bett aus und lege mich darunter. Aber als ich das Laken über mich ziehen will, schneidet der Rand des Stoffes zwischen meinen kleinen Zeh und den Zeh daneben. Ein sauberer Schnitt, es beginnt sofort zu bluten. Und das nicht nur ein bisschen. Das schöne weiße Laken färbt sich rot. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich kann ja schlecht den großen Erik Dekker wecken, weil mein kleiner Zeh blutet. Aber zum Glück finde ich in dem Zimmer eine Plastiktüte. Ich stülpe sie über meinen Fuß und lege mich schlafen. Am nächsten Tag beichte ich es Erik und seiner Frau. Sie müssen lachen. Ich bin darüber erleichtert.

Wir werden zusammen abgeholt. Während dieser Woche bin ich in den Hotels zusammen mit Erik auf einem Zimmer untergebracht. Ich rede viel mit ihm, er deutlich weniger mit mir. Er beschäftigt sich vor allem mit sich selbst. Eines Abends, als wir im Bett liegen, frage ich Erik, wie es sich mit dem Doping verhält. Ich weiß, dass es benutzt wird – ich lese schließlich auch Zeitungen, und ich weiß, dass Erik ein paar Jahre zuvor wegen eines zu hohen Hämatokritwerts nicht bei der WM starten durfte –, aber ansonsten ist dies völliges Neuland für mich. Doping ist ein magisches Wort aus einem Paralleluniversum, das sich ganz in der Nähe befinden muss, aber zugleich auch sehr weit weg ist. Erik will nicht darüber reden. Er sagt: »Thomas, ich finde es nett, mit dir das Zimmer zu teilen. Aber wir werden niemals über Doping reden. Von mir wirst du kein Sterbenswort darüber hören.« Es klingt wie eine offizielle Erklärung. Über Doping zu sprechen, ist ein absolutes No-go.

Ich greife in dieser Woche zum ersten Mal zu Schlaftabletten. In der U23 wäre so was undenkbar gewesen, aber bei den Profis scheint es ganz normal zu sein. Der Arzt macht nach den Etappen zwei Mal seine Runde: einmal nach der Ankunft im Hotel, um eine Infusion mit Vitaminen, Mineralstoffen und anderen (legalen) regenerationsfördernden Substanzen zu verabreichen, ein zweites Mal abends, um Schlaftabletten zu verteilen. Es gibt Jungs, die ablehnen, aber die meisten greifen zu. Michael Boogerd nimmt jeden Abend Schlaftabletten. Ohne Pillen könne er nicht schlafen, sagt er. Weil er es tut, und weil es mir klug erscheint, schnell in den Schlaf zu finden, sage auch ich nicht nein.

Im Gegensatz zu Erik Dekker ist Michael Boogerd in der Tat sehr offen. Wo Dekker alle Tür zu den düsteren Kammern des Radrennsports resolut geschlossen hält, lässt Boogerd sie offen stehen. Es ist nicht so, dass er einem vom ersten Augenblick an erzählen würde, was er alles benutzt, aber er vermeidet Themen wie Pillen und Spritzen auch nicht. Zwischen Michael und mir stimmt sowieso gleich die Chemie. Wir haben den gleichen Sinn für Humor, wir hören die gleiche Musik, wir stehen auf die gleichen Frauen, wir lieben beide den Radsport über alle Maßen. Wenn man ihn fragt, wer vor fünf Jahren Fünfter bei der Emilia-Rundfahrt geworden ist, muss er nicht eine Sekunde über die Antwort nachdenken. Er ist, genau wie ich, maßlos in allem, was er tut. Wenn er trainiert, trainiert er hart. Und wenn er trinkt, trinkt er hart.

In den Rennen merke ich bald, dass ich nicht aus den Schuhen gefahren werde. Bei Paris–Nizza läuft es noch nicht so recht, weil ich eine Erkältung habe – aber eine Woche später, beim Critérium International, kann ich mit den Besten mithalten. Auf der zweiten Etappe, einer vormittäglichen Halbetappe über neunzig Kilometer, wird von Anfang an Vollgas gefahren. Es herrscht richtiges Dreckswetter; die Straße ist nass, der Himmel dunkel. Ehe ich mich versehe, ist eine Gruppe mit allen Favoriten entwischt: Jens Voigt, Jörg Jaksche, Bobby Julich und Ivan Basso. Im Peloton tut sich am rechten Straßenrand eine kleine Lücke auf, ich nutze die Chance und springe im Alleingang zur Spitzengruppe nach vorn. Das Feld macht die ganze Zeit Jagd auf uns, aber sie holen uns nicht ein. Es ist wie ein Mannschaftszeitfahren zu fünft, und ich spüre meine Beine nicht, so leicht drehen sich die Pedale. Das Ziel befindet sich oben auf einem kleinen Hügel. Jaksches Attacke kommt viel zu früh. Ich warte auf den richtigen Moment und sprinte dann an ihm vorbei. Es ist mein erster großer Sieg, aber erneut mache ich mir keinen Kopf darüber.

Nach der Zielankunft sind meine Gedanken gleich beim Zeitfahren, das noch am selben Tag stattfindet. Ich möchte auch das Gesamtklassement gewinnen. Das klappt nicht. Im Zeitfahren werde ich Vierter – hinter Jens Voigt, aber deutlich vor Fahrern wie Bradley Wiggins und Floyd Landis. Das reicht für Platz zwei in der Gesamtwertung. Und das ist für mich ein Platz zu schlecht. Ich verfluche meine Leistung im Zeitfahren; ich hasse es, dass ich nicht gewonnen habe.

Im Frühjahr bestelle ich mir für sechshundert Euro Vitamine und Fischölkapseln mit Omega-3. Alles wird in einem großen Karton geliefert. Michael Boogerd und Steven de Jongh sehen mich, wie ich gerade damit unterm Arm über den Flur des Hotels gehe. Sie fragen mich, was in dem Karton drin sei. Als ich ihnen erzähle, dass ich mir Vitamine und Fischöl gekauft habe, lachen sie sich schlapp. Ich verstehe nicht, was daran so lustig ist. Ich glaube, dass es gut angelegtes Geld ist und ich meinem Körper damit etwas Gutes tue, aber Boogerd und De Jongh brauche ich damit nicht zu kommen. Als sie fertig sind mit Lachen, sagt Michael: »Für das Geld hättest du auch schneller fahren können.« Ich lächle verlegen.

Der Giro d’Italia ist meine erste große Landesrundfahrt. Ich bin dabei um zu lernen, um als Rennfahrer zu wachsen und Erfahrung zu sammeln – alles mit Blick auf die Jahre, die noch kommen. In den beiden langen Zeitfahren will ich mich mit den Besten messen, in den anderen Etappen darf ich mich ein wenig ausprobieren und schauen, was dabei herauskommt. Einen richtigen Kapitän haben wir nicht. Vor dem Start in Reggio Calabria, tief im Süden Italiens, macht ein Gerücht die Runde im Team, dass einer unserer Russen, Alexander Kolobnew, einen sehr hohen Hämatokritwert hat. Von diesem Moment an muss er vor jedem Rennen in die Niederlande fliegen, um dort sein Hämatokrit vom Team messen zu lassen. Außerdem wird im Peloton gemunkelt, dass die italienische Polizei auf der Suche nach Dopingmitteln einige Razzien in den Fahrerhotels unternehmen wird. Die Teamleitung von Rabobank geht kein Risiko ein: Sie sammeln alle Nahrungsergänzungsmittel ein. Auch meine teuren Vitamine. Stattdessen bekommen wir jeden Tag eine Supradyn-Tablette.

Während der Etappen fühle ich, dass der Giro etwas anderes ist als die Rennen, die ich zuvor in der Saison bestritten habe. Es wird bizarr schnell gefahren, vor allem bergauf. Zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich nicht mehr als Peloton-Füllung. Ich werde zurechtgestutzt, bekomme aufgezeigt, wo ich wirklich stehe. In kleineren Rennen kann ich mich vielleicht mit den besten Fahrern des Pelotons messen, aber beim Giro fahren dieselben Fahrer mir um die Ohren. Ich bleibe dran, ich bleibe dran, ich bleibe dran, so lange, bis schließlich die großen Fahrer beschleunigen – dann werde ich verblasen wie eine Pusteblume im Wind. Am Essenstisch und im Teambus reden wir darüber, wie schnell gefahren wird. Es gibt mehrdeutige Kommentare über einige Fahrer, die im Klassement an der Spitze stehen. Ich höre ältere Teamkollegen zueinander sagen, dass Ivan Basso »wirklich gut beieinander« sei – der Zynismus trieft nur so aus ihren Worten. Im Rennen sehe ich Basso nur aus der Ferne, sehr weit vor mir. Seine Schwester sehe ich aus größerer Nähe: Nach zwei Wochen, in denen wir SMS ausgetauscht haben, kommt sie mich besuchen. Am Ruhetag liegt sie in meinem Bett, aber nicht um sich auszuruhen. Elisa bekommt nicht genug. Sie will noch mal und noch mal und noch mal.

In der letzten Giro-Woche leide ich wie ein Hund. Mein ganzer Mund ist voller Fieberbläschen, und nach drei schweren Bergetappen hintereinander sitze ich als winselndes Häufchen Elend in der Dusche, weil ich nicht mehr auf den Beinen stehen kann. Ich fühle mich plötzlich wie ein Teenie in einer Welt erwachsener Männer. Die Jahre zuvor lief alles wie von selbst, nie musste ich mit einem Platz im Gruppetto vorliebnehmen und meine Karriereleiter schien direkt in den Himmel zu führen – aber in diesem Giro trete ich auf einmal auf der Stelle.

Rückblickend erkenne ich, dass es nicht mehr als logisch war: Von einem Neoprofi in seinem ersten Jahr konnte man nicht erwarten, dass er der Brutalität einer großen Landesrundfahrt gleich standhalten kann. Und so schlecht läuft es ja gar nicht mal: Am Berg kann ich vielleicht nicht mit den Besten mithalten, aber ich habe nie Probleme, innerhalb des Zeitlimits ins Ziel zu kommen, und ich muss mich längst nicht so sehr abmühen wie die Hälfte des Pelotons, die nach mir eintrifft. Aber so sehe ich die Dinge nicht als 20-Jähriger. Ich bin enttäuscht, ich bin auf der Suche nach Erklärungen. Und ich betrachte Doping als einen der Hauptgründe, warum ich bergauf so deutlich distanziert werde.

Dort, in diesem Giro, wird das Fundament für meine Überzeugung gelegt, dass man ohne verbotene Mittel nicht um die richtigen Trophäen mitfahren kann. Nach einer der härtesten Bergetappen lasse ich mich auf einen Sitz im Teambus fallen und beklage mich gegenüber Frans Maassen, einem unserer Sportlichen Leiter, dass doch nur deshalb so irrsinnig schnell gefahren wird (»Das kann doch nicht angehen?«), weil Doping im Spiel ist. Wir bekommen sofort Streit miteinander. Maassen sagt, dass ich mir nicht herausnehmen könne, zu behaupten, andere würden dopen. Außerdem solle ich aufhören zu quengeln.

Ich werde kein schlechtes Wort über Frans Maassen verlieren. Ich habe ihn in all den Jahren nie etwas über Doping sagen hören, und es heißt, dass er seine eigene Karriere als Radrennfahrer beendet hat, weil er nicht zu Epo greifen wollte. Im Nachhinein kann ich durchaus verstehen, dass er nicht über Doping mit mir reden wollte. Aber ich kann in diesem Moment doch nicht so tun, als ob nichts wäre. Ich bin neugierig. Ich brauche Menschen, die offen mit mir reden. Menschen, die mich an die Hand nehmen. Und solche Menschen gibt es nicht beim Profi-Team von Rabobank. Es gibt keine Führung, es gibt keine Vorgaben, es gibt keine Kontrolle. Die Teamleitung tut so, als ob Doping nicht existieren würde, die meisten Fahrer gehen ihren eigenen Weg. Ich akzeptiere die Anweisungen der Teamleitung in den Rennen, aber ich schaue nicht zu ihnen auf. Sie scheinen nicht zu verstehen, was in mir vorgeht und was ich brauche. Also schaue ich mich nach anderen Vorbildern um, nach anderen Orientierungspunkten. Die finde ich den Fahrern um mich herum: vor allem in den Kapitänen, die in den großen Rennen am schnellsten fahren können. Dass ich von falschen Vorbildern angezogen werde, ist meine eigene Schuld, meine eigene Schwäche. Aber im Nachhinein hätte ich viel, sehr viel dafür gegeben, wenn es damals einen Siegfahrer im Team gegeben hätte, der mir gesagt hätte, dass ich gefälligst meine Finger vom Doping lassen soll.

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