Kitabı oku: «Fünf Jahre der Entscheidung - Deutschland nach dem Kriege. 1945-1949»
Thilo Koch
Fünf Jahre der Entscheidung - Deutschland nach dem Kriege. 1945-1949
Saga
Fünf Jahre der Entscheidung - Deutschland nach dem Kriege. 1945-1949Coverbild / Illustration: unsplash https://unsplash.com/photos/ZSh_LigA14k Copyright © 1969, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836132
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Vorwort
›Die Stunde Null‹, ›Der Neubeginn‹,›Die Teilung‹ – so habe ich die drei Kapitel dieses Buches überschrieben. Der Text bemüht sich um Sachlichkeit und Distanz; nicht selten jedoch mag innere Anteilnahme durchklingen. Es kann kaum anders sein, denn diese ›Fünf Jahre der Entscheidung‹ waren auch in meinem persönlichen Leben eine entscheidende Epoche. Das war ein Anstoß für dieses Buch. Man erlaube mir ein persönliches Vorwort:
Die Stunde Null war für mich gekommen, als ich in meinem Funkwagen die Nachricht von der Kapitulation vernahm. Meine Einheit hatte auf dem Rückzug von Süden her die italienischen Alpen erreicht. Ich wollte nicht in Gefangenschaft geraten und machte mich zu Fuß auf den Weg nach Hause. In Tirol griffen mich die Amerikaner. Ich konnte ihnen bald wieder entkommen. Schon im Juni 1945 erreichte ich Berlin, nachdem ich zum erstenmal »schwarz« über die »grüne Grenze« gewechselt war.
Meine Frau war vor den Russen nach Schwerin in Mecklenburg geflohen. Das war zu diesem Zeitpunkt gerade noch britisch besetzt. Bei dem Versuch, über die »Demarkationslinie« zurückzugehen und sie zu suchen, nahmen mich die Russen gefangen. Ich entkam – erstaunlicherweise – noch einmal. Wenig später fand meine Frau mich in der Sowjetzone. Ich versuchte, mein Studium wiederaufzunehmen. Im Privathaus Friedrich Meineckes, Am Hirschsprung in Dahlem, konnte ich noch am letzten Oberseminar des großen deutschen Historikers teilnehmen.
1946 wurde unsere Tochter Bettina in Berlin geboren. Ich mußte Geld verdienen. Mein im Krieg begonnener Roman erschien, zunächst in Fortsetzungen in der ›Neuen Zeit‹, einer der ersten von der sowjetischen Militäradministration zugelassenen Zeitungen. Diese Veröffentlichung brachte mich zur Berliner Station des britisch kontrollierten Nordwestdeutschen Rundfunks. Mein erstes Monatsgehalt betrug 280 Reichsmark. Das war mein Neubeginn.
Als 1948 über Nacht die Währungsreform kam, war ich mit meiner Frau auf einem Jugendkongreß in München. Die Blockade der deutschen Hauptstadt begann; aber sobald es möglich war, kehrten wir nach Berlin zurück. Dort wurde 1949 unser Sohn geboren – in der dunklen und aus der Luft versorgten Hälfte der Stadt. Noch einmal kam eine Art Stunde Null, als Stalin die Blockade abblies. Aber wir wußten: dies ist die Teilung.
Deutschland war 1945 als Reich untergegangen. Hitler hatte es zugrunde gerichtet. Nun gab es zwei Staaten auf deutschem Boden, die Weichen waren gestellt. Wenn uns noch heute die deutsche Frage beschäftigt (bewegt sie uns noch?) – damals, in jenen fünf Jahren der Entscheidung, wurde sie gestellt. Es war eine uns Deutschen aufgezwungene Entscheidung. Wir hatten keine Wahl. Jeder Revanchismus und Chauvinismus jedoch wäre sinnlos und fände auch keine historische Rechtfertigung. Die Sieger hatten den Frieden verloren – wir den Krieg.
Als die Kinder älter wurden, kam es wieder zu Gesprächen über die Ursachen der deutschen Situation. Wir Eltern versuchten es mit Erklärungen, historischen und persönlichen. Ich ging, mit der Familie, 1960 von Berlin nach Washington. Die Kinder wurden in ihren amerikanischen Schulen als Deutsche gefragt: Wie kam das damals, wie ist es heute in Deutschland? Von Jahr zu Jahr mehr verdichtete sich nun der Plan, in einer Fernsehserie alle verfügbaren Filme aus den entscheidenden ersten Nachkriegsjahren zusammenzutragen; denn was vermittelt lebendigere Anschauung als das bewegte Bild?
1967 konnte ich diesen Plan verwirklichen. Meine Mitarbeiter Wilhelma von Albert und Peter Otto sichteten 180 000 Meter Dokumentarfilm, und wir wählten 10 000 Meter davon für die drei 60-Minuten-Sendungen aus. Ohne diese Arbeit wäre es nicht zu meinen stark beachteten Deutschland-Filmen im Fernsehen gekommen. Auch nicht zu diesem Buch, das auf den Sendungen beruht, die im Januar 1968 im Ersten Programm des Deutschen Fernsehens unter dem Titel DEUTSCHLAND NACH DEM KRIEGE liefen.
Ich hatte mit einer sehr geteilten Aufnahme gerechnet. Aber nur eine kleine Minderheit (etwa ein Prozent) schimpfte, eine andere (etwa fünf Prozent) wollte sich nicht gern an diese dunklen Jahre und ihre Ursachen erinnern lassen. 11 Prozent waren mit der Serie »zufrieden«, 60 Prozent fanden sie »gut«, 23 Prozent »ausgezeichnet«. Dabei war mir besonders willkommen, daß die Altersgruppe unter 29 Jahren um einen Indexwert positiver urteilte als die Älteren. In der Infratest-Umfrage heißt es: »Die Jüngeren begrüßen die Aufklärung über eine Zeit, die sie selbst, zumindest bewußt, noch nicht miterlebt haben.«
So wünsche ich dieses Buch vor allem in die Hände einer Generation, die man jetzt gern die »unruhige« nennt. Sie ist in jenen Jahren geboren worden. Wir Älteren sind manchmal geneigt, die Erklärung für die Unruhe und Unzufriedenheit der Jungen in der mangelnden Erfahrung mit harten Zeiten zu suchen. Sie ist gewiß eine der Ursachen, aber doch nur eine unter mehreren. Eine andere scheint mir zu sein, daß Bundesrepublik Deutschland und DDR nicht innerlich akzeptiert, geschweige denn geliebt werden. Hieraus resultiert bei aller Stabilität des Status quo von 1945 doch ein Moment tiefer innerer Unsicherheit. In der DDR überdecken Zensur und Reglement eines totalitären Regimes diese Unsicherheit. In der Bundesrepublik Deutschland lassen Wohlstand und Bündnisgeborgenheit das nationale Unbehagen in den Hintergrund treten. Im Mißtrauen der jungen Deutschen, namentlich der Studenten, findet es heute als deutsche Variante des allgemeinen und weltweiten Protestes der Jungen seinen Ausdruck.
Es mag sein, daß wir aus der Geschichte nur lernen können, wie wenig man aus ihr lernt. Dennoch verleiht nur Kenntnis der Vergangenheit einigermaßen zuverlässige Maßstäbe für die Gegenwart. In unserem Jahrhundert sollte ein denkender Deutscher sich Rechenschaft geben können von vier Epochen der Geschichte seines Volkes:
dem Zusammenbruch des Kaiserreichs,
der Republik von Weimar,
dem Dritten Reich,
der deutschen Situation im Zeichen der Teilung.
Dieses Buch will ein Beitrag sein zum Verständnis der vierten Epoche. Sie wurde durch die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt, und vor gerade 20 Jahren, 1949, ging der Weg der Deutschen mit der Gründung von Bundesrepublik Deutschland und DDR in zwei entgegengesetzte Richtungen.
Tilo Koch im Herbst 1969, zwanzig Jahre danach
Ich widme dieses Buch
meiner Frau Susanne Koch
und meinen Kindern
Bettina, geboren 1946 in Berlin,
Thilo, geboren 1949 in Berlin
Die Stunde Null
Deutschland heute – das ist das Ergebnis von Deutschland 1945 bis 1949. Erinnern wir uns noch an jene Stunde Null? Wollen wir uns überhaupt erinnern? Ist es nicht besser, angenehmer jedenfalls, die Schrecken jener Jahre zu vergessen? Die Wunden sind vernarbt – warum daran rühren?
Die Jahre 1945, 1946, 1947, 1948, 1949 waren die fünf Jahre der Entscheidung über den deutschen Weg. Wer wissen möchte, wieso, wer wissen will, woher er kommt, wohin er geht – heute, als Deutscher in dieser Welt, der muß es aufregend interessant finden zu erfahren, was damals geschah. Nur so kann er begreifen, wie es kommen konnte, daß heute die absurdeste, die am besten bewachte und kostspieligste Grenze der Welt quer durch Staat und Nation der Deutschen verläuft und ihre Hauptstadt zur Insel macht.
Was damals geschah, scheint lange zurückzuliegen, sehr lange. Aber die Folgen jener Stunde Null – sie sind unheimlich gegenwärtig in unserem deutschen Vaterland. Wachtürme und Todesstreifen, Mauer und Schießbefehl – quer durch Deutschland. Selbstverständlichkeiten seit langem, für lange.
Wissen wir noch, wie es dazu kam?
Wie und warum?
Die Alliierten hatten den Krieg gewonnen, aber sie verloren den Frieden. Kalter Krieg und Eiserner Vorhang, Blockade Berlins und Flüchtlinge, immer wieder Flüchtlinge von Ost nach West – das waren die Folgen. Wirtschaftlich sind wir wieder »wer« – wir in der Bundesrepublik Deutschland und auch unsere Landsleute drüben in der DDR. Aber politisch sind wir eine Nation ohne Identität, ein Volk ohne Staat.
Während sonst in Europa zwischen Ost und West manch neuer Brückenschlag gelingt, wird der Graben durch Deutschland immer tiefer, der Stacheldraht immer höher, die Mauer immer undurchdringlicher.
Warum?
Das ist: Die Deutsche Frage.
1 Besiegte und Sieger
Hitler hatte kurz vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 zu Albert Speer, seinem Reichsminister für die Kriegsproduktion, gesagt: »Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein. Dieses Schicksal ist unabwendbar.« Und gegenüber Hermann Rauschning äußerte »der Führer«: »Wir können untergehen. . ., aber wir werden eine Welt mitnehmen.«
Die Welt überlebte die deutsche Katastrophe; aber Deutschland war in der Tat eine Trümmerwüste, ein riesiger Schutthaufen, der das deutsche Volk unter sich begraben hatte. Dennoch, auch in Deutschland ging das Leben weiter.
Die Überlebenden verlassen ihre Schlupfwinkel. Mehr als 50 Millionen Tote sind die Bilanz des Zweiten Weltkrieges und der Hitler-Diktatur. Hunger, Krankheit, Ungewißheit, Obdachlosigkeit, Vergewaltigung, Übermacht und Übermut der Sieger kennzeichnen »die Stunde Null«.
Am meisten von allen Völkern haben die Russen unter dem Raubkrieg Hitlers gelitten. 20 Millionen Russen sind umgekommen. Nun fügen die Rotarmisten ihrerseits dem Angreifer die tiefsten Demütigungen zu. Die deutsche Bevölkerung zittert vor ihnen.
Aus den Aufzeichnungen einer Berlinerin:
»21. April 1945 (Samstag): Verkehrsmittelsperre. . . Letzter Tag im Betrieb. . . Ab Mittag starker Artilleriebeschuß in Stadtmitte, zahlreiche Tote. 27. April 1945 (Freitag): . . .Versuch einzukaufen muß wieder wegen Beschuß abgebrochen werden. Russischer Kommissar holt alle aus dem Haus, Uhr abgenommen. . . Schießerei rund um den Bunker, in dem vorwiegend werdende Mütter und Mütter mit Kindern sind. . . Schwere Schießerei. . . Tag und Nacht im Keller.
1. Mai 1945 (Dienstag): Leichter Beschuß. Mai-Feier der Russen. Im Keller belästigt – Herr Witte geht dazwischen, konnte davonlaufen. Mittags zwei Kommissare – Herr Oberländer versucht es zu verhindern, im letzten Augenblick davongelaufen. . . Meist auf dem Boden versteckt. . . Unruhige Nacht, überall Hilferufe. . . 13. Mai 1945 (Sonntag): Wohnung und Keller weiter aufgeräumt. Alles ruhig. Die erste Nacht seit dem 22. April richtig ausgezogen geschlafen. . .«
Während die amerikanischen Armeen auf Grund von Übereinkünften mit der Sowjetunion an der Elbe haltmachen, erobert die Rote Armee den ganzen deutschen Osten, fast ganz Mitteldeutschland und auch die deutsche Reichshauptstadt Berlin.
In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17.12.1953 (zu den »Einhunderteinunddreißigern«) heißt es rückblickend: »Diese Katastrophe war in der neueren Geschichte ohne Beispiel: Die vollständige Besetzung des deutschen Staatsgebietes, die Kapitulation der Wehrmacht, das Aufhören jeder staatlichen Verwaltungstätigkeit, die Auflösung aller Einrichtungen und Organisationen der den Staat allein tragenden Partei.«
Der Senior der deutschen Geschichtsschreibung, Professor Friedrich Meinecke, schreibt in ›Die deutsche Katastrophe‹: »Der deutsche Staat ist uns zerschlagen, weites deutsches Land geht uns verloren, Fremdherrschaft ist uns für lange Zeit zum Schicksal geworden. Wird es gelingen, den deutschen Geist zu retten? Noch nie in seiner Geschichte hat er eine solche Belastungsprobe auszuhalten gehabt.«
In Köln leben von 730 000 Einwohnern der Vorkriegszeit nur noch 40 000 notdürftig in Kellern und ausgebesserten Notwohnungen.
20 Millionen Menschen auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland haben 1945 keine Wohnung. Fast die Hälfte aller Verkehrsanlagen ist zerstört. Als der letzte Schuß verhallt ist, die letzte Bombe gefallen, liegen 400 Millionen Kubikmeter Schutt auf Deutschland.
2 1/4 Millionen Wohnungen sind total vernichtet, weitere 2 1/2 Millionen teilweise. Deutschland gleicht einer gespenstigen Landschaft des Todes – Resultat des Fanatismus, mit dem ein »Tausendjähriges Reich« errichtet werden sollte, das zwölf Jahre dauerte.
Siegesparaden aller Streitkräfte feiern den Triumph über den gemeinsamen Gegner. Ein Krieg ist von den Alliierten gewonnen worden, in dem insgesamt 170 Millionen Mann unter den Waffen gestanden hatten.
Karl Jaspers sagt 1945 in seinen Heidelberger Vorlesungen: »Uns kann wohl Sorge befallen wegen der Selbstsicherheit der Sieger. Denn von nun an liegt alle entscheidende Verantwortung für den Gang der Dinge bei ihnen. Ihre Sache ist, wie sie Unheil verhüten oder neues Unheil heraufbeschwören. Was nunmehr ihre Schuld werden könnte, das wäre das gleiche Unheil für uns wie für sie.«
Karl Jaspers drückt aus, was viele Deutsche denken: »Wir tragen die politische Verantwortung für unser Regime, für die Taten des Regimes, für den Anfang des Krieges in dieser weltgeschichtlichen Lage und für die Artung der Führer, die wir an unsere Spitze geraten ließen. Daher haften wir den Siegern gegenüber mit unserer Arbeit und Leistungsfähigkeit und müssen wiedergutmachen, wie es den Besiegten auferlegt wird.«
Die amerikanischen Soldaten haben einen Krieg hinter sich, der ihnen als Kreuzzug des 20. Jahrhunderts erklärt worden war. Die Begegnung an der Elbe wird von Rotarmisten und US-Landsern gleichermaßen als Höhepunkt und Belohnung ihrer Anstrengungen empfunden. Es sollte die einzige herzliche Begegnung der westlichen und östlichen Sieger bleiben. Sie vollzieht sich auf unterer Ebene.
Niemals zuvor in der neuen Geschichte waren so viele Zivilpersonen von einem Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Als die Kanonen schweigen, ist die Angst nicht vorbei. Mit der Hoffnung auf einen Neuanfang sind zunächst bittere Not und härtester Kampf ums Überleben gepaart. Besonders die Frauen mit kleinen Kindern vollbringen in den ersten Monaten und Jahren nach dem Krieg außerordentliche Leistungen.
Jeder sucht jeden. 25 Millionen Deutsche sind nicht an ihrem Heimatort, die Familien auseinandergerissen, die Sorge um das Schicksal der kriegsgefangenen deutschen Soldaten allgegenwärtig. Es gibt keinen Postverkehr, keine Informationsquellen. Die Nahrungssuche beherrscht das Denken. Die Sieger beschlagnahmen die besten der noch vorhandenen Häuser, um dort Unterkünfte für sich selbst einzurichten.
In dem Buch ›Viermächtekontrolle in Deutschland‹ schreibt Michael Balfour über die Situation der alliierten Soldaten: »Sie verfügten über die besten Quartiere, beanspruchten Vorrang im ganzen Verkehrswesen, hatten freien Eintritt zu deutschen Opern und Musikveranstaltungen, hatten ausreichende gute Verpflegung und in den alliierten Währungen das einzige Geld, das etwas wert war. Sie verfügten über all die kleinen Dinge des Luxus, wie Zigaretten, Kaffee und einen Überfluß an Lebensmitteln, die für den Deutschen nach dem Kriege Kostbarkeiten waren.
Eine Anstellung auch für niederste Dienstleistungen wie Küchenarbeit und Saubermachen erhofften viele Deutsche, die mit den Küchenabfällen der Offiziersmessen oft ganze Familien ernährten. Jeder einfache alliierte westliche Soldat verfügte über Dinge, die deutscherseits begehrt waren: Benzin, Lebensmittel, Kleidung, Brennstoff, Zigaretten, und er erhandelte dabei auf dem Schwarzen Markt von den Deutschen viel wertvollere Tauschgegenstände wie Kameras, Uhren, Schmuck.«
In der Stunde Null beherrschen Haß und Verachtung die Stimmung gegenüber dem geschlagenen Deutschland. »There is no good German but a dead German«, heißt es: »Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher.«
Aus dieser Auffassung heraus war 1944 der Plan des Finanzministers Henry Morgenthau jr. entstanden: Deutschland sollte zum Agrarland gemacht, seine gesamte Wirtschaft für zwanzig Jahre von seinen Nachbarn kontrolliert werden.
Mit dem Tod Hitlers und der Kapitulation Berlins brach die Organisation der gesamten Verwaltung des Deutschen Reiches zusammen.
Der spätere amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, schreibt in seinen Erinnerungen: »Rückblickend meine ich, daß wir unsere Aufgabe sicher als hoffnungslos angesehen hätten, wenn wir damals das chaotische Durcheinander voll überblickt hätten.«
Winston Churchill sagt vor dem britischen Unterhaus: »Ein Deutschland ohne Kopf fiel den Eroberern in die Hand.« Präsident Roosevelt schrieb bereits am 26. April 1944: »Es ist äußerst wichtig, jedem Deutschen zu Bewußtsein zu bringen, daß Deutschland diesmal geschlagen ist. Alle Deutschen sollen es spüren, daß die ganze Nation an einer verbrecherischen Verschwörung gegen die Anstandsgesetze der modernen Zivilisation teilgenommen hat.«
Kennzeichnend für das Verhalten der alliierten Soldaten in der ersten Zeit nach der Kapitulation ist die Direktive JCS 1067 vom 26. April 1945 des Generalstabes der US-Streitkräfte: »Es muß den Deutschen klargemacht werden, daß Deutschlands rücksichtslose Kriegsführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht haben, und daß sie nicht der Verantwortung für das entgehen können, was sie selbst auf sich geladen haben. Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat.«
Thomas Mann hatte 1945 in den USA eine vielbeachtete Rede gehalten: ›Deutschland und die Deutschen‹. Darin heißt es: »Nichts geistig Großes kam mehr aus Deutschland, das einst der Lehrer der Welt gewesen war. Es war nur noch stark. Aber in dieser Stärke und unter aller organisierten Leistungstüchtigkeit dauerte und wirkte fort der romantische Krankheits- und Todeskeim. Geschichtliches Unglück, die Leiden und Demütigungen eines verlorenen Krieges nährten ihn. Und, heruntergekommen auf ein klägliches Massenniveau, das Niveau eines Hitlers, brach der deutsche Romantismus aus in hysterische Barbarei, in einen Rausch und Krampf von Überheblichkeit und Verbrechen, der nun in der nationalen Katastrophe, einem physischen und psychischen Kollaps ohne gleichen, sein schauerliches Ende findet.
Was ich Ihnen erzählte, ist die Geschichte der deutschen ›Innerlichkeit‹. Es ist eine melancholische Geschichte – ich nenne sie so und spreche nicht von ›Tragik‹, weil das Unglück nicht prahlen soll. Eines mag diese Geschichte uns zu Gemüte führen: daß es nicht zwei Deutschland gibt, ein böses und ein gutes, sondern nur eines, dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug. Das böse Deutschland, das ist das fehlgegangene gute, das gute im Unglück, in Schuld und Untergang. Darum ist es für einen deutschgeborenen Geist auch so unmöglich, das böse, schuldbeladene Deutschland ganz zu verleugnen und zu erklären: Ich bin das gute, das edle, das gerechte Deutschland im weißen Kleid, das böse überlasse ich Euch zur Ausrottung. Nichts von dem, was ich Ihnen über Deutschland zu sagen oder flüchtig anzudeuten versuchte, kam aus fremdem, kühlem, unbeteiligtem Wissen; ich habe es auch in mir, ich habe es alles am eigenen Leibe erfahren.«
2 Die Aufteilung Deutschlands
Bereits 1943, auf der Konferenz von Teheran, begann Stalin den diplomatischen Kampf um die Vorherrschaft in Europa. Ganz Osteuropa betrachtete er ohnehin als seine Interessensphäre; Deutschland sollte zerstückelt werden, Frankreich eine Macht ohne Einfluß bleiben.
Roosevelt dachte zu sehr an die Niederwerfung und Bestrafung Deutschlands, vertraute zu sehr auf die Idee einer übernationalen Friedensmacht, die UNO, und fühlte sich der Sowjetunion gegenüber zur Kameradschaftlichkeit verpflichtet. Churchill sah weiter, hatte aber zwischen den Großen Zwei nicht das Gewicht, seine Skepsis gegenüber Stalin durchzusetzen.
Ziel der Konferenz war die Festlegung politischer und militärischer Maßnahmen zur siegreichen Beendigung des Krieges. Aber die Beratungen erbrachten nicht einmal Vorentscheidungen. Es wurde lediglich Übereinstimmung über die Absicht erzielt, Deutschland aufzuteilen und Polen nach dem Westen zu verlagern. Über die Form und den Umfang der Aufteilung Deutschlands bestanden jedoch unklare und uneinheitliche Vorstellungen. Roosevelt schlug vor, Deutschland in fünf Teile zu zerlegen; Churchill trug den Plan für einen Donaubund vor. Stalin befürwortete den Plan Roosevelts.
Wolfgang Marienfeld führt in seinem Buch ›Konferenzen über Deutschland‹ zur Konferenz in Teheran aus: »Aus Stalins Vorschlägen während der Konferenz von Teheran geht nach Meinung der Historiker eindeutig hervor, daß zu diesem Zeitpunkt Stalin den Kampf um die Vorherrschaft in Europa bereits eröffnet hatte. Indem er einen Großteil seines Programms als notwendige Abwehrmaßnahmen gegen eine künftige deutsche Aggression vortrug, versuchte er gleichsam auf kaltem Wege dasselbe zu erreichen, was Hitler auf heißem anstrebte: die Vorherrschaft in Europa. . .«
Daß die westlichen Verbündeten in ihren Berichten von dieser Konferenz noch von einem Gefühl der Kameradschaft und Solidarität mit der Sowjetunion sprachen, kann nur damit erklärt werden, daß sie sich kein wirklichkeitsgerechtes Bild von Sowjetrußland machten; außerdem glaubten sie, besonders die Amerikaner, daß in der UNO eine völlig neue Basis der zwischenstaatlichen Beziehungen gefunden worden sei, in die auch die Sowjetunion mit einbezogen werden würde. Außerdem glaubte man an die Dauer der Freundschaft zwischen den Alliierten des Zweiten Weltkriegs. Die Großen Drei von Teheran schieden voneinander, ohne zu einer verbindlichen Verständigung gekommen zu sein. Das Gesamtproblem der Teilung Deutschlands wurde dem auf der Moskauer Außenministerkonferenz gegründeten »European Advisory Committee« zur weiteren Beratung übergeben.
1944 arbeitete diese »Europäische Beratungskommission« in London die Einzelheiten aus für die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, die militärische Besetzung und die Aufteilung in drei Zonen. Am 12. September 1944 wurde von den drei alliierten Vertretern ein Protokoll verabschiedet, das die Besatzungszonen in Deutschland und die Verwaltung von Groß-Berlin regelte und damit den Artikel 11 der Kapitulationsurkunde näher ausführte: »Deutschland, innerhalb der Grenzen, wie sie am 31.12.1937 bestanden, wird zum Zwecke der Besetzung in drei Zonen eingeteilt, deren je eine einer der drei Mächte zugewiesen wird, und ein besonderes Berliner Gebiet, das gemeinsam von den drei Mächten besetzt wird.« Es folgt die genaue Beschreibung des Verlaufs der Zonengrenzen.
Im Februar 1945 trafen sich Roosevelt, Churchill und Stalin abermals – diesmal in Jalta auf der Krim. Hinter dem Vorhang der alliierten Kriegskameradschaft setzte Stalin hier seine sowjetrussische Großmacht-Konzeption für Europa endgültig durch. Die Weichen waren gestellt, und Roosevelt ließ es geschehen, hatte es kaum bemerkt.
Wolfgang Marienfeld schreibt über Jalta: »Eine Diskussion der für das künftige Schicksal von Deutschland entscheidenden Frage, welche konkreten Inhalte die Besatzungspolitik und Friedenspolitik der Alliierten gegenüber Deutschland haben sollte, hat in Jalta nicht stattgefunden. Mit dem Problem ›Einheit oder Aufteilung Deutschlands‹ ist dieses Thema zwar angegangen, aber selbst in diesem Sektor nicht entschieden worden. Das künftige politische Schicksal Deutschlands war mithin noch völlig offen, als die Alliierten Jalta verließen; und als nur drei Monate später Deutschland kapitulierte, bestand zwischen den Alliierten keinerlei Bindung an ein konkretes Deutschland-Programm . . . Die Westmächte, und insbesondere die Amerikaner, verließen diese Jalta-Konferenz in gehobener Stimmung, in der Vorstellung befangen, an einer entscheidenden Wendemarke der Weltgeschichte zu stehen, zu einer neuen und besseren Welt gemeinsam mit der Sowjetunion den Grundstein gelegt zu haben. . . Der mit Jalta verbundene Optimismus der Westmächte steht in äußerstem Widerspruch zum tatsächlichen Ergebnis der Konferenz. Während die Westmächte mit der Illusion des Erfolges Jalta verließen, konnte die Sowjetunion diesen in Wirklichkeit für sich buchen. Überall dort, wo reale Machtpositionen zur Entscheidung standen (in der Reparationsfrage, in der Teilung Deutschlands, in der Frage der polnischen Unabhängigkeit) hatte die Sowjetunion ihren Standpunkt entweder schon durchgesetzt oder der Durchsetzung den Weg geebnet. . . So ging Stalin als der eigentliche Sieger aus der Jalta-Konferenz hervor und war in der Lage, für Sowjetrußland in Europa ebenso wie in Ostasien eine überragende Machtstellung aufzubauen, deren ungeheure Gefährlichkeit den Westmächten – besonders den Amerikanern – einstweilen durch die Illusion der Solidarität und unverbrüchlichen Freundschaft zwischen den drei Großmächten verborgen blieb.«
Der Haß, den Hitler gesät hatte, ging gegen Deutschland auf. Er schmiedete die Westmächte und die Sowjetunion zusammen, und dieses Bündnis erlaubte es den Russen, die beherrschende europäische Großmacht der zweiten Jahrhunderthälfte zu werden. So stehen sie noch heute rund um Berlin und mitten in Deutschland und erreichten mit der Teilung Deutschlands auch die Teilung Europas.
Im Cäcilienhof in Potsdam beginnt am 17. Juni 1945 um 17 Uhr jene Konferenz, von der die politische Teilung Deutschlands und Berlins ausgeht. Am runden Tisch sitzen beisammen: Generalissimus Stalin, Präsident Truman und Premierminister Churchill, der nach dem Wahlsieg der Labourpartei am 28. Juli von Clement Attlee abgelöst wird.
In Potsdam wird beschlossen:
die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten;
die Abtretung des nördlichen Ostpreußen an die Sowjetunion;
die Unterstellung aller deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie unter polnische Verwaltung;
die Leistung von Kriegsentschädigungen, vor allem an die Sowjetunion;
die Eröffnung eines Gerichtsverfahrens gegen die deutschen Kriegsverbrecher.
Ernst Deuerlein, der Verfasser des grundlegenden historischen Werkes ›Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg‹, schreibt über die Konferenz: »Potsdam-Deutschland bedeutet in politischer Hinsicht die Unterstellung Deutschlands unter die vorbereitete Viermächteverwaltung, in wirtschaftlicher Hinsicht die Zusage, Deutschland als Einheit zu betrachten, und die Auflage von Reparationen und einschneidenden Beschränkungen, in geographischer Hinsicht die Vertreibung der Deutschen aus Ostund Südosteuropa, die Unterstellung der deutschen Gebiete ostwärts der Oder-Neiße-Linie unter die Verwaltung der Sowjetunion und Polens und Aufteilung des restlichen Gebietes des Deutschen Reiches in vier Besatzungszonen und Berlin. So hart diese Bestimmungen auch waren, die Hoffnung auf die Bewahrung der staatlichen Einheit stand darüber; sie aber blieb ohne Erfüllung.«
Herbert Feis bemerkt in ›Zwischen Krieg und Frieden – das Potsdamer Abkommen‹:
»Die Tage von Potsdam hatten eine Zeit der Begeisterung sein sollen. Der Feind lag am Boden, Leid und Trennung waren vorüber. Große, feierliche Versprechen waren eingehalten, eine noch größere Tapferkeit bewiesen worden. Die Vereinten Nationen hatten Möglichkeiten und Mittel, die ganze Welt nach den Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und fairem Wohlstand umzugestalten. Aber während Volksmassen in Freude ausbrachen, wußten die Regierungskreise, daß die Aussichten umdüstert waren. Als sie die Szene ihres Triumphes überschauten, froren ihre Gedanken unter dem Reif gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Abneigung zwischen Westalliierten und Sowjetunion.«
Präsident Truman durfte in Potsdam nicht nur an den Sieg über Deutschland denken. Der Krieg im Pazifik war noch nicht beendet. Die Amerikaner überschätzten, wie sich später zeigte, die verbliebene Widerstandskraft der Japaner. Washingtons Bemühen, die weiteren amerikanischen Opfer im Zweiten Weltkrieg so niedrig wie möglich zu halten, führte zu einem verhängnisvollen Entgegenkommen gegenüber Moskau und Harry Trumans Entscheidung, die ersten Atomwaffen der Weltgeschichte auf zwei japanische Städte zu werfen. Der Präsident hatte am Eröffnungstag der Konferenz von Potsdam das verabredete Telegramm erhalten: ›Babies satisfactorily born‹. Auf diese Weise wurde der erfolgreiche Versuch mit der ersten Atombombe gemeldet.
Harry Truman schrieb später in seinen Memoiren über das Potsdamer Abkommen:
»Das von den Russen mit unterzeichnete Dokument eröffnete die Aussicht auf eine friedliche Zusammenarbeit in Europa. Trotzdem hatte ich einsehen müssen, daß die Russen rücksichtslose, einzig und allein auf ihren Vorteil bedachte Verhandlungspartner waren. Man hätte es kaum für möglich halten sollen, daß verantwortliche Staatsmänner, nur wenige Kilometer von der zertrümmerten Zitadelle der Nazimacht entfernt – nicht alle Anstrengungen darauf ausrichten würden, einen wahren Frieden zu begründen. Die Entdeckung, daß es die Russen mit dem Frieden nicht allzu ernst meinten, überraschte mich trotzdem nur halb. Die russische Außenpolitik beruhte ganz offensichtlich auf der Annahme, daß wir einer großen Wirtschaftskrise entgegengingen, und sie planten jetzt schon, aus unserem Rückschlag Nutzen zu ziehen.«
Die Franzosen waren nicht nach Potsdam eingeladen worden. Um so aufrichtiger kann Charles de Gaulle seine Vorbehalte gegenüber dieser Konferenz formulieren. Im zweiten Band der ›Memoiren‹ schreibt er:
»Amerikaner und Engländer eilten ohne uns nach Potsdam, um sich dort mit den Russen zu treffen und festzulegen, was in der Praxis zu geschehen habe. . . Für Truman und Churchill handelte es sich darum, im Einvernehmen mit Stalin das in bezug auf Deutschland, Polen, Mitteldeutschland und den Balkan in Teheran Geplante und in Jalta Beschlossene im einzelnen festzulegen, wobei die Angelsachsen hofften, sie könnten in der Durchführung wieder zurücknehmen, was sie im Prinzip gewährt hatten. Die ›Drei‹ sollten sich auch über die Bedingungen einigen, unter denen Sowjetrußland in letzter Minute in den Krieg gegen Japan eintreten würde. Wenn unsere Verbündeten von gestern wiederum – übrigens das letzte Mal – ohne uns zusammentrafen, so konnte dieses Vorgehen bei uns nur neuen Ärger hervorrufen. Aber im Grunde hielten wir es für besser, nicht an Diskussionen beteiligt zu sein, die hinfort nur überflüssig sein würden. Denn es waren vollendete Tatsachen geschaffen worden. Das riesige Stück Europa, das in Jalta den Sowjets im voraus preisgegeben worden war, befand sich jetzt in ihrer Hand. . . Die Sowjets allein hielten das preußische Kernland und Sachsen besetzt. Sie hatten, ohne lange zu fackeln, das östlich der ›Curzon-Linie‹ gelegene polnische Gebiet annektiert und die deutsche Bevölkerung Schlesiens, Posens und Pommerns nach Westen vertrieben. Auf diese Weise hatten sie kurzerhand von sich aus die Frage der Grenzen gelöst. Außerdem verfügten sie nach Belieben über die von ihnen in Warschau, Budapest, Sofia, Belgrad und Tirana eingesetzten Regierungen. So machte die Sowjetisierung rasche Fortschritte. Aber dies war nur die verhängnisvolle Folge dessen, was man auf der Jalta-Konferenz vereinbart hatte.«
De Gaulle kommt zu der persönlichen Konsequenz:
»Alles ließ also voraussehen, daß Potsdam in bezug auf Asien wie auch Europa in keinem Punkt eine dauerhafte Verständigung herbeiführen, sondern im Gegenteil auf unabsehbare Zeit Reibungsflächen zwischen Sowjets und Angelsachsen schaffen würde.
Diese Perspektive mußte mich davon überzeugen, daß es besser war, nicht nach Potsdam gereist zu sein. Freilich bedauerte ich, in Teheran nicht zugegen gewesen zu sein, denn ich würde dort, als es noch Zeit war, wahrlich für das Gleichgewicht des alten Kontinents eingetreten sein. Später hatte ich mich geärgert, daß ich nicht an der Jalta-Konferenz teilnehmen konnte, denn damals waren noch einige Chancen verblieben, den Eisernen Vorhang mitten durch Europa zu verhindern. Jetzt war alles geschehen. Was hätte ich noch in Potsdam tun sollen? Kaum war das Schlußkommuniqué der Konferenz herausgekommen, da wußten wir, daß sie mit einer Art Auseinanderlaufen geendet hatte.«
Im Gebäude des Berliner Kammergerichts etabliert sich im August 1945 der Alliierte Kontrollrat für Deutschland. Von hier aus soll Deutschland jetzt regiert werden. Die obersten Repräsentanten der vier Besatzungsmächte sind Oberkommandierende der Streitkräfte ihres Landes und zugleich Militärgouverneure ihrer Zone. Mit dieser Aufgabe werden betraut: General Eisenhower für die USA, Marschall Schukow für die Sowjetunion, General König für Frankreich, Feldmarschall Montgomery für Großbritannien.
Der Historiker Ernst Deuerlein schreibt über dieses Kontrollorgan der Alliierten: »Dieses Regime führte dazu, daß es für Jahre kein handelndes und, was zu erkennen damals noch nicht möglich war, kein geeintes Deutschland mehr gab; was von ihm übriggeblieben war, war kaum mehr als ein geographischer Begriff. Aus der internationalen Politik schied es als Handelnder aus; es war nur noch Objekt des politischen Geschehens. Seine Entwicklung hing von der Politik und dem Zusammenwirken seiner Besatzungsmächte ab.«
3 Ein geschlagenes Volk
Während die Sieger schon in den ersten Monaten nach der Kapitulation des Deutschen Reiches in fundamentale Meinungsverschiedenheiten geraten, macht das geschlagene Volk der Deutschen sich daran aufzuräumen, was Hitler ihm hinterlassen hat.
Die amerikanische Soldatenzeitung ›Stars and Stripes‹ schreibt: »Viele Jahre, vielleicht eine Generation, werden vergehen, bis die 70 Millionen Menschen im eroberten Deutschland wieder in der Lage sein werden, in der Weltpolitik mitzureden oder versuchen können, sich selbst zu regieren.«
In den fünfeinhalb Kriegsjahren hatte das deutsche Volk gelernt, sich mit Katastrophen abzufinden und zu improvisieren, um zu existieren. Nun schwiegen die Waffen, und trotz der harten Bedingungen des Friedens keimte die Hoffnung, daß morgen alles ein bißchen besser sein würde, als es heute war. So flickte man Straßen und Gleise. So suchte man nach den Angehörigen. So fand man sich mit der knappen Ration an Nahrungsmitteln ab. So packte man zu.
Am 7. August 1945 richtete General Dwight D. Eisenhower eine persönliche Botschaft an das deutschen Volk:
»Die kommenden Monate werden für Euch eine schwere Prüfung sein. Es ist unvermeidbar, daß sie hart sein werden. Alle Anzeichen deuten auf Knappheit an Lebensmitteln, Brennstoff, Wohnungsraum und Transportmitteln hin. Dies sind die Folgen des Angriffskrieges. Es steht jedoch in Eurer Macht, durch beharrliche Arbeit und gegenseitige Hilfe diese Not zu lindern. Müßiggang darf es nicht geben. Die Ernteaussichten sind gut. Jedoch ist zu einer vollen Einbringung der Ernte notwendig, daß die Stadtbevölkerung auf das Land geht und dort arbeitet. Für die Beheizung von Wohnhäusern wird in diesem Winter keine Kohle zur Verfügung stehen. Zur Deckung des notwendigsten Bedarfs müßt Ihr in den nächsten Monaten in den Wäldern Holz fällen und einsammeln. Eine dritte Hauptsorge ist die Beschaffung von Wohnraum. Solange die Witterung es gestattet, müssen beschädigte Häuser ausgebessert werden, um während dieses Winters soviel Schutz wie möglich zu bieten. Zu diesem Zweck müßt Ihr in größtmöglichem Umfange Altmaterial und in den Wäldern gefälltes Holz verwenden. Dies alles sind Eure Probleme. Ihre Lösung hängt allein von Eurer Arbeit ab.«
Hitlers Armeen hatten die Welt erobern sollen und für Jahre fast ganz Europa besetzt gehalten. Was blieb von ihnen übrig?
Etwa 12 Millionen Wehrmachts-Angehörige und Zivilpersonen gerieten in Kriegsgefangenschaft. Durch die Kapitulation wurden alle deutschen Soldaten Kriegsgefangene, auch die Verwundeten, auch Volkssturmangehörige zwischen 14 und 70 Jahren, Flak-Helfer, Nachrichten- und Stabshelferinnen.
Die Rote Armee trieb Millionen von Kriegsgefangenen in die Sowjetunion, wo viele, allzu viele von ihnen starben, oft schon auf den Märschen und Transporten. Die letzten Überlebenden kehrten 1956 aus Rußland heim.
Glanz und Gloria der deutschen Heerführung war zu Ende. Auch die Generäle saßen in Kriegsgefangenenlagern. Sie hatten Muße, darüber nachzudenken, ob sie selbst mitschuldig daran waren, daß es mit ihnen und dem ganzen deutschen Volk so weit gekommen war.
Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss schrieb 1946:
»Die militärische Führung (hat) die Selbstbesudelung ihrer Geschichte vorgenommen und zugelassen. . . (Generalfeldmarschall) Keitel (zum Beispiel) war ein deutsches Verhängnis. . . In seiner Person verkörperte sich die Unterwerfung der Armee nicht bloß unter Hitler, sondern unter den Parteiapparat und Parteigeist, mit dem unangenehmen persönlichen Zusatz von streberisch ungebildetem Spießertum. Die Linie Gneisenau-Moltke verschwindet. . ., ein Körper, der wie wenige geschichtsmäßig war, stirbt, ohne daß der Ausgang auch nur ein geringes Symbol seiner historischen Würde schafft. Für die Geschichtsschau des Deutschen eine Erkenntnis, deren Unbarmherzigkeit mit all ihren harten und unausweichlichen Forderungen er nun in sich verarbeiten muß.«
Die Vereinigten Staaten entließen ihre dreieinhalb Millionen deutschen Kriegsgefangenen bis zum Juli 1946. Aus England kehrte der letzte Soldat 1948 zurück; Großbritannien hatte mehr als drei Millionen deutsche Kriegsgefangene gemacht. Die den Franzosen überlassenen deutschen Kriegsgefangenen, etwa eine Million, wurden zu Bergwerks- und Aufräumungsarbeiten eingesetzt, zum Teil unter härtesten Bedingungen.
Die Ungewißheit über das Schicksal der Kriegsgefangenen war in all den Jahren nach dem Kriege eine der ganz großen Sorgen des deutschen Volkes.
Und die Zivilisten: 3 Millionen waren 1945 obdachlos und irrten über die Straßen. Viele kehrten in ihre Städte zurück, aus denen man sie im Zuge der Kampfhandlungen evakuiert hatte. Unzählige waren Flüchtlinge. Der Flüchtling wird in den Jahren 1945 bis 1949 zur Symbolfigur der Zeit. Der anschwellende Flüchtlingsstrom floß immer nur in einer Richtung: von Osten nach Westen.
Ernst Deuerlein schreibt über die Flüchtlingsbewegung:
»Flucht vor der Roten Armee, Unbehagen an der eingeleiteten politischen und wirtschaftlichen Umstrukturierung und der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen begünstigten eine binnendeutsche Ost-West-Wanderung, die den Charakter einer Flucht annahm. Der sowjetische Vertreter im Kontrollrat für Deutschland wünschte aus politischen und arbeitsmarktpolitischen Gründen diese Abwanderung zu unterbinden. Die Militärgouverneure der Westmächte befürchteten eine Verschärfung der Ernährungslage in ihren Besatzungszonen. Der Kontrollrat ordnete deshalb auf sowjetischen Antrag hin eine am 30. Juni 1946 in Kraft getretene Sperre zwischen der sowjetischen Besatzungszone einerseits und den westlichen Besatzungszonen andererseits an. Er hob damit die Freizügigkeit innerhalb Deutschlands auf und begünstigte die Isolierung der sowjetischen Besatzungszone.«
Aus der zerstörten Heimat flüchteten Millionen in eine gänzlich dunkle, vollkommen ungewisse Zukunft. Die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten geschieht unter Bedingungen, die allen erklärten Absichten der Sieger zuwiderlaufen. Ein Elendszug nach Westen setzt ein, der dem Elendszug der deutschen Kriegsgefangenen nach Osten entspricht.
Millionen Deutsche bezahlen jetzt die von Deutschen in den osteuropäischen Ländern begangenen Greuel mit gleichen Opfern – auch wenn sie persönlich unschuldig sind.
»Es gibt keine Worte, um das Elend der Flüchtlinge zu beschreiben«, heißt es in einem Augenzeugenbericht des englischen Lordbischofs von Chichester. »Sie haben nur noch das, was sie am Körper tragen, und besitzen weder physische noch geistige Kraft. Sieben oder acht Millionen Menschen werden in dem schmalen Landstreifen zwischen Oder und Elbe von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf gejagt, weil niemand sie aufnehmen und ernähren kann.«
Der Berliner Probst Grüber, selbst gerade einem NS-KZ entkommen, schreibt an den Lordbischof von Chichester: »Gott schenke den Christen in aller Welt offene Ohren, die Notschreie der deutschen Menschen zu hören, die auf den Landstraßen sterben und verkommen. Tausende von Leichen spülen die Oder und Elbe ins Meer. . . Tausende von Leichen hängen in den Wäldern um Berlin. . . Tausende und Zehntausende sterben auf den Landstraßen vor Hunger und Entkräftung, Kinder irren umher, die Eltern erschossen, gestorben, abhandengekommen.«
Der Schriftsteller Ernst Jünger trägt in sein Tagebuch ein: »Immer noch sind die Straßen von Millionen und Abermillionen irrender Menschen, dem Elend einer unvorstellbaren Völkerwanderung erfüllt.«
Eine Tagebuchnotiz von Ruth Andreas-Friedrich: »In endlosem Elendszug wälzt es sich von Osten nach Westen. Frauen und Männer, Alte und Junge, wahllos durcheinandergewürfelt, wie das Schicksal sie zusammentrieb. Was hier gen Westen trekt, sind die Heere der Heimatlosen. Aus Posen die einen, die anderen aus Ostpreußen. Diese aus Schlesien, jene aus Pommern. Sie schleppen ihre Habe auf dem Rücken, irgendwohin, wohin die Füße sie tragen. Ein Kind wankt vorüber. Ein jämmerliches Bürschchen. ›Tutt mer so weh‹, schluchzt es in sich hinein. Kläglich balanciert es auf nackten Hacken und reckt seine blutigen Fußsohlen spitzwinklig in die Luft. ›Vom Brotteig weg, direkt vom Backofen‹, lallt hinter ihm eine Frau. Sie hat es schon tausendmal gesagt, auf ihrem Weg durch die Fremde. Sie sagt es immer wieder. Im gleichen Tonfall, in gleicher Verzweiflung.«
Die Unterbringung der Vertriebenen stellt die alliierten und deutschen Verwaltungen vor eine unlösbare Aufgabe. Man weist sie in ehemalige KZs und Fremdarbeiterlager ein, in leere Fabrikhallen und Säle. Erst im Laufe von Jahren gelingt ihre Eingliederung in die Westzone. Zum Teil begegnet ihnen Abneigung, ja Haß der Alteingesessenen, zum Teil auch menschliche Hilfsbereitschaft.
Zahlen sprechen eine grausame Sprache: bei Kriegsausbruch lebten fast 10 Millionen Deutsche in den ostdeutschen Reichsgebieten und etwa 7 Millionen Deutsche in den osteuropäischen Staaten – vor allem in den baltischen Ländern, in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien. Bis auf 2 3/4 Millionen wurden sie alle vertrieben. 2 Millionen Deutsche kamen bei der Vertreibung ums Leben.
4 Ende des Schreckens
Die stummen Armeen der Fremdarbeiter werden befreit. Ein Ventil ist geöffnet. Ein Überdruck entlädt sich. Die zwangsrekrutierten Arbeiter aus vielen europäischen Ländern, die für die deutsche Kriegsrüstung als Arbeitssklaven eingesetzt waren, ziehen plündernd und brandstiftend durch Deutschland. Die alliierten Soldaten werden ihrer nicht überall Herr. Millionen von Menschen verschiedenster Nationalität hatte der Hitler-Krieg entwurzelt. Mehrere Ströme strudeln nun durcheinander und machen ganz Mitteleuropa zu einem riesigen Wirrwarr von Völkerwanderungen. Da gibt es die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, die Fremdarbeiter, die kriegsgefangenen Deutschen und die befreiten alliierten Kriegsgefangenen.
Die Besatzungsmächte versuchen, die Fremdarbeiter so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückzubringen. Viele Osteuropäer wollen nicht zurück – aus politischen Gründen. Für sie müssen abermals Lager eingerichtet werden. Sie bekommen einen englischen Namen: Displaced Persons. Sie werden von internationalen Organisationen betreut, besonders von der UNRRA, einer Unterorganisation der Vereinten Nationen.
Bis 1947 werden 11 Millionen Fremdarbeiter und Kriegsgefangene der alliierten Soldaten in ihre Heimatländer zurückgeführt. Ungefähr 11/3 Millionen Displaced Persons bleiben in den westlichen Besatzungszonen. Sie wollen nicht in ihre kommunistisch regierte osteuropäische Heimat zurück. Sie flüchten aus den von der Roten Armee besetzten Gebieten, vor allem Polen, Balten, aber auch Russen. Man schickt sie von Lager zu Lager.
Aus den schlimmsten Lagern der Hitlerjahre werden die am meisten Geschundenen befreit, kommen die Ärmsten der Armen wieder zum Vorschein, soweit sie überlebten: die KZ-Häftlinge.
Wir wissen heute, daß in den deutschen Konzentrationslagern insgesamt etwa 9 Millionen Menschen starben – neun Millionen, davon fünf bis sechs Millionen Juden.
Die Existenz von Konzentrationslagern war bekannt gewesen – im Ausland, auch in Deutschland selbst. Was hinter den Stacheldrähten wirklich vor sich ging, wußten nur wenige – Hitler und seine Getreuen, die SS-Bewacher, die die Hebel der größten Mordmaschinerie betätigten, die es jemals gegeben hat.
Erst 1945 erfuhr die Weltöffentlichkeit, erfuhr auch das deutsche Volk, was tatsächlich geschehen war – was im Namen des deutschen Volkes begangen wurde. Leidenschaftlich wurde nun außerhalb und innerhalb Deutschlands die Frage nach der Verantwortung des ganzen deutschen Volkes gestellt.
Thomas Mann erklärte 1945 in einem alliierten Nachrichtenblatt ›Die Mitteilungen‹: »Der gigantische Folterkeller, zu dem der Hitlerismus Deutschland gemacht hat, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt.«
Die Basler Nationalzeitung druckte: »Mit Genugtuung ohne Gleichen verfolgte die Welt den Untergang des Dritten Reiches. Erst jetzt, wo die Weltöffentlichkeit direkten Einblick in das innerste Wesen des Nationalsozialismus erhält, wo Zustände in Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern ein wahres Inferno offenbaren, wird man endlich gewahr, in welche Abgründe die Menschheit beinahe gestürzt wäre.«
Der Begriff der Kollektivschuld entstand. Der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands veröffentlichte im Oktober 1945 ein Schuldbekenntnis: »Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregime seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat. Aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. . . Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen der Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde, und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann. So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: ›Veni creator spiritus!‹«
Die Schuldfrage blieb für lange Zeit eines der aufwühlendsten Themen der Nachkriegsjahre. Trug nicht wirklich letzten Endes das ganze Volk die politische Verantwortung für die Taten des Regimes, das es ganz legal an die Macht kommen ließ? Haftete es nicht bis zum letzten Mann gegenüber der Geschichte, gegenüber der Menschheit?
Oder konnte es jedem Volk passieren, daß explosive soziale, ökonomische und politische Verhältnisse eine radikale, skrupellose Minderheit ans Ruder brachten, von der sich ein Volk aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte? Theodor Heuss prägt später das Wort von der Kollektivscham des deutschen Volkes.
Presse, Rundfunk, Filmwochenschauen berichteten in aller Welt über die Hölle der KZs. Überlebende Häftlinge schilderten ihre Leidenszeit. Bei weitem nicht alle direkt Verantwortlichen des SS-Staates starben oder konnten verhaftet werden.
Noch 20 Jahre später sollte es in Deutschland Prozesse gegen SS-KZ-Bewacher geben, die untergetaucht waren. Mit der moralischen Frage, wie es zu den KZ-Greueln inmitten einer modernen Kulturnation kommen konnte, mit dieser Frage wird die Generation, die sie erlebte, hervorbrachte, erlitt oder geschehen ließ, nie fertig werden.
Gerade deshalb wurde sie weitgehend verdrängt. Das Entsetzen derjenigen, die die KZs öffneten und befreiten, muß so groß gewesen sein, daß davon eine tiefe Verachtung für Deutschland und die Deutschen ausging, die lange nachwirkte.
General Dwight D. Eisenhower schreibt in seinem Buch ›Kreuzzug in Europa‹:
»Ich bin niemals imstande gewesen, die Gefühle zu schildern, die mich überkamen, als ich zum erstenmal ein so unbeschreibbares Zeugnis für die Unmenschlichkeit der Nazis vor Augen hatte – ein Zeugnis dafür, daß sie sich über die einfachsten Gebote der Menschlichkeit in skrupelloser Weise hinwegsetzten. Bisher hatte ich nur gewußt, daß es Lager dieser Art gäbe, alles andere kannte ich nur vom Hörensagen. Nichts hat mich so erschüttert, wie dieser Anblick.«
5 Schuld und Sühne
Am 20. November 1945 beginnt im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizgebäudes der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß.
Die Anklage richtet sich gegen überlebende Führer des »Dritten Reiches«. Sie lautet auf: Verschwörung gegen den Frieden,
Verbrechen gegen den Frieden,
Verletzung des Kriegsrechtes,
Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Der amerikanische Hauptankläger, Robert Jackson, sagt:
»Hereby I accuse as guilty of crimes against peace, war crimes and crimes against humanity:
Hermann Göring,
Rudolf Hess,
Joachim von Ribbentrop,
Robert Ley,
Wilhelm Keitel,
Ernst Kaltenbrunner,
Alfred Rosenberg,
Hans Frank,
Wilhelm Frick,
Julius Streicher,
Walter Funk,
Hjalmar Schacht,
Gustav Krupp von Bohlen und Halbach,
Karl Dönitz,
Erich Raeder,
Baldur von Schirach,
Fritz Sauckel,
Alfred Jodl,
Martin Bormann,
Albert Speer,
Arthur Seiss-Inquart,
Konstantin Freiherr von Neurath,
Franz von Papen,
Hans Fritzsche.
Außerdem angeklagt waren: das Reichskabinett, das Führerkorps der NSDAP, die SS, die SA, der SD, Gestapo, Generalstab und OKW.
Richter Jackson begründet am 21. November 1945 die Anklage:
»Dieser Prozeß stellt das Ergebnis der Bemühungen von vier mächtigen Nationen in Gemeinschaft von anderen Ländern dar, das internationale Recht anzuwenden, um des größten Übels der Gegenwart Herr zu werden, nämlich des Angriffskrieges. Auf der Anklagebank sitzen heute 20 gebrochene Männer, denen von ihren eigenen Volksgenossen die Demütigung, die sie erfahren mußten, ebenso bitter zum Vorwurf gemacht wird, wie die Angegriffenen ihnen die Verwüstung in den überfallenen Ländern vorwerfen. Ihre persönliche Fähigkeit, Böses zu stiften, ist für immer dahin. Es ist schwierig, sich diese Männer noch als Verkörperung der Macht vorzustellen, über die sie verfügten, als sie ein gutes Stück der Welt beherrschten und fast den ganzen übrigen Teil der Welt in Schrecken versetzten. Ihr Schicksal als Individuen wird für die Welt kaum Folgen haben; aber diese Gefangenen waren und sind noch immer lebende Symbole des Rassenhasses, des Terrors, der brutalen Gewalt, der Arroganz und der grausamsten Ausnützung der Macht.
Die wahren Ankläger sind nicht wir, die wir hier sitzen, sondern die ganze zivilisierte Welt. Jede Schwäche diesen Menschen gegenüber ist ein Sieg und eine Ermutigung alles Bösen, das an ihre Namen geknüpft ist.«
Der amerikanische Hauptankläger sagt zur Schuld des deutschen Volkes:
»Wir möchten klarstellen, daß wir nicht beabsichtigen, das ganze deutsche Volk zu beschuldigen.«
Unter den wenigen deutschen Berichterstattern sitzt der Schriftsteller Erich Kästner. Ihm verdanken wir eine sehr anschauliche Schilderung der Nürnberger Szene:
»Während die Anklage, welche die Welt den 20 Männern entgegenschleuderte, viersprachig durch die Drähte ins Ohr der einzelnen dringt, ist es im Saal selber fast still. Die Stimme des Anklägers klingt, als sei sie weit weg. Die Dolmetscher murmeln hinter ihren gläsernen Verschlägen. Aller Augen sind auf die Angeklagten gerichtet.
Göring trägt eine lichtgraue Jacke mit goldenen Knöpfen. Die Abzeichen der Reichsmarschallwürde sind entfernt worden. Die Orden sind verschwunden. Es ist eine Art Chauffeurjacke übriggeblieben. . . Er ist schmaler geworden. Manchmal blickt er neugierig dahin, wo die Ankläger sitzen. Wenn er seinen Namen hört, merkt er auf. Dann nickt er zustimmend. Oder wenn der Ankläger sagt, er sei General der SS gewesen, schüttelt er lächelnd den Kopf. Zuweilen beugt er sich zu seinen Anwälten vor und redet auf sie ein. Meist ist er ruhig.
Rudolf Hess hat sich verändert. Es ist, als sei der Kopf halb so klein geworden. Dadurch wirken die schwarzen Augenbrauen geradezu unheimlich. Wenn er mit Göring oder Ribbentrop spricht, stößt er ruckartig mit dem Kopf. Wie ein Vogel. Sein Lächeln wirkt unnatürlich. Sollte es in diesem Kopf nicht mehr richtig zugehen. . .?
Joachim von Ribbentrop sieht aus wie ein alter Mann. Grausträhnig ist sein Haar geworden. Das Gesicht erscheint faltig und verwüstet. Er spricht wenig. Hält das Kinn hoch, als koste es ihn Mühe. Als ihn ein Polizist kurz aus dem Saal und dann wieder zurück bringt, bemerkt man, daß ihm auch das Gehen schwerfällt.
Auch Keitel ist etwas schmäler geworden. Er sitzt, in seiner tressenlosen Uniformjacke, grau mit grünem Kragen, ernst und ruhig da. Wie ein Forstmeister.
Hinter Göring und Hess sitzen Dönitz und Raeder, die beiden ehemaligen Großadmiräle. In blauen Jacketts. Das Gold ist verschwunden. Dönitz sieht verkniffen aus. Ruhig sind beide.
Baldur von Schirachs Gesicht ist bleich und bedrückt. Er wirkt wie ein schlecht vorbereiteter Abiturient im Examen. Daneben Sauckel, ein kleiner rundköpfiger Spießer. Mit einem Schnurrbart unter der Nase, wie ihn sein Führer trug.«
Göring antwortete auf die Frage, ob er von der Ausrottung der Juden gewußt habe: »Soweit es mich betrifft, habe ich gesagt, daß ich auch nur annähernd von diesem Ausmaß das nicht gewußt habe.«
Der ehemalige Reichsjugendführer Baldur von Schirach bekennt: »Es ist meine Schuld, daß ich die Jugend erzogen habe für einen Mann, der ein millionenfacher Mörder gewesen ist.«
Albert Speer, der ehemalige Reichsminister für die Rüstung, gibt zu Protokoll: »Hitler war außerordentlich erregt über den Inhalt dieses Telegramms und äußerte sich in einer sehr klaren Weise über Göring. Er erklärte, er wüßte seit langem, daß Göring versagt hätte, daß er korrupt sei und daß er ein Morphinist sei. Es war aber bezeichnend für die Einstellung, die Hitler zum Gesamtproblem hatte, daß er dann anschließend sagte, aber die Kapitulationsverhandlungen, die kann er trotzdem machen. Er sagte es in einem wegwerfenden Sinne, er sagte, das ist ja dann sowieso gleichgültig, wer das macht. Es kam daraus seine Mißachtung dem deutschen Volk gegenüber zum Ausdruck.«
Hitlers engster militärischer Mitarbeiter, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, legt ein spätes Schuldbekenntnis ab: »Ich habe geirrt und war nicht imstande, zu verhindern, was hätte verhindert werden müssen. Das ist meine Schuld. Möge aus der klaren Erkenntnis der Ursachen der unheilvollen Methode und der schrecklichen Folgen dieses Kriegsgeschehens für das deutsche Volk die Hoffnung erwachsen auf eine neue Zukunft in der Gemeinschaft der Völker.«
In ihren Zellen konnten Ley und Göring Selbstmord verüben. Zehn Todesurteile wurden vollstreckt, sieben Freiheitsstrafen verhängt, es gab drei Freisprüche. Das Verfahren gegen Krupp war abgetrennt worden; Bormann ist verschollen.
Der Nürnberger Prozeß dauerte fast ein Jahr. Er wurde im Ausland aufmerksamer verfolgt als in Deutschland. Die Gegner des NS-Regimes sahen die Stunde der Gerechtigkeit gekommen, die sie seit je herbeigesehnt hatten. Die meisten Deutschen jedoch fühlten sich selbst indirekt mitangeklagt und sprachen von Siegerjustiz.
Die Besatzungsmächte unterzeichneten im März 1946 in München das Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus. Sie erhofften sich davon eine Reinigung des öffentlichen Lebens von den politischen und moralischen Belastungen der jüngsten deutschen Vergangenheit. Die Erwartung, daß die Schuld eines jeden einzelnen meßbar sein werde, erwies sich jedoch als trügerisch.
Das Spruchkammergesetz wurde verkündet: »Das Gesetz gibt den Mitläufern die Möglichkeit, durch Zahlung einer Buße für den Wiedergutmachungsfond oder durch freiwillige Arbeitsleistung den Übergang in die Reihen der aufbauwilligen demokratischen Kräfte zu finden.«
In den drei Westzonen waren insgesamt etwa sechs Millionen Entnazifizierungsfälle anhängig. In der Sowjetzone wurde die Entnazifizierung zur planmäßigen und tiefgreifenden gesellschaftlichen Umschichtung benutzt.
Die Entnazifizierung führte zu einer tiefen und lang anhaltenden Erregung in der deutschen Öffentlichkeit. Oft wurden kleinere Fälle zuerst und mit Härte behandelt, während Hauptschuldige davon profitierten, daß in ihren Fällen die Ermittlungen schwierig waren und die Besatzungsmächte allmählich gleichgültiger wurden. Dem Verlangen nach Gerechtigkeit standen unüberwindliche Hindernisse entgegen. Widersprach es nicht rechtsstaatlichem und zivilrechtlichem Denken, Taten zu bestrafen, die im Zeitpunkt der Tat kein Vergehen oder Verbrechen waren? Wo zum Beispiel die Denunziation einer Widerstandshandlung als politisch gute, als vaterländische Tat gilt, da kann der politische Mitläufer subjektiv guten Glaubens zum Handlanger von Mördern werden. Das Gewissen selbst war korrumpiert.
Ein Fall von vielen: Der Hausmeister der Münchner Universität mußte sich einem Spruchkammerverfahren stellen. Er hatte die Geschwister Scholl angezeigt, zwei Studenten, die von der NS-Justiz wegen des Verteilens oppositioneller Flugblätter hingerichtet worden waren. Das Urteil lautete:
1. Einweisung in ein Arbeitslager auf drei Jahre.
2. Einziehung der für die Festnahme der Geschwister Scholl bezogenen Belohnung von 3 000,— Mark.«
Der Schuld sollte die Sühne folgen – bis ins letzte Glied.
6 Gehversuche
»Der Frieden macht die ersten Gehversuche. Er lernt laufen. Wie ein kleines Kind. Wir dürfen an den Gehversuchen teilnehmen.« Das notiert Erich Kästner in seinem Tagebuch. Er lebte nun in München und war Feuilletonredakteur der von den Amerikanern herausgegebenen ›Neuen Zeitung‹.
Das Glockenspiel im Münchner Rathausturm drehte sich wieder. Es war – wie die ganze bayerische Hauptstadt – im Krieg schwer beschädigt worden. Münchner Bürger und amerikanische Soldaten ermöglichten seine rasche Instandsetzung. Einige Figuren zeigen den Schäffler-Tanz, den die Zunft der Schäffler im 16. Jahrhundert tanzte, als die Pestjahre vorüber waren. Jetzt wird der Tanz des Glockenspiels als Befreiung von einer anderen schweren Heimsuchung empfunden.
Der Publizist Paul Sethe schrieb:
»Die große Masse der Deutschen hatte keine Zeit zu tiefschürfenden Überlegungen. Sie mußte zuschauen, wie sie mit den Gefahren des Schwarzen Marktes fertig wurde und einige Scheite Holz in die Küche bekam. . . Gelegentlich lasen die Deutschen in der Zeitung etwas von der neuen Zeit der Menschenwürde und der gegenseitigen Achtung, die nun angebrochen war. Aber sie glaubten nicht recht daran.«
Die Besatzungsmächte hatten entschieden, daß der Schulbetrieb nicht vor Herbst/Winter 1945 aufgenommen werden durfte. Die Lehrer sollten erst entnazifiziert werden, Schulraum mußte neu geschaffen werden. Die Schüler bauten ihre Schulen zum Teil selbst wieder auf.
Als im Herbst 1945 in Hamburg die ersten ABC-Schützen nach Beendigung des Krieges eingeschult werden, begrüßt Schulsenator Landahl Eltern und Kinder:
»Wieder einmal sind neue Schülerinnen und Schüler in die Schule eingezogen. Lassen Sie uns alle in der großen Aufgabe der Erziehung unserer Kinder zusammenarbeiten. Wir leben nicht mehr im Zwangsstaat des Nationalsozialismus, der nichts als blinden Gehorsam kannte. Die öffentlichen Dinge müssen wieder von uns allen getragen werden. Das ist lebendige Demokratie. So wollen wir uns die Hände reichen und gemeinsam die Kinder zu echter Menschlichkeit erziehen. . . Ruinen sind noch um uns, aber die böse Zeit ist endlich vorbei, und wir gehen alle mit unserer ganzen Kraft an die Arbeit. Laßt uns unsere Kinder zu anständigen, ehrlichen, duldsamen Menschen erziehen, zu Menschen, die den Frieden lieben und die Gewalt ablehnen, zu Menschen, die sich auf ihren eigenen Kopf verlassen, und das, was sie denken, auch ausführen können und mutig vor jedermann vertreten, zu Menschen, die bereit und fähig sind, selbstlos in der Gemeinschaft, in die sie hineingestellt sind, zu dienen.«
Die Lage in den deutschen Hochschulen ist katastrophal. In Kiel behilft man sich mit drei Schiffen als Universitätsunterkunft. Das NS-Regime hatte viele Professoren vertrieben. Die anderen hatten sich zumeist widerstandslos dem NS-Staat zur Verfügung gestellt.
Sie gelten jetzt als politisch belastet und sollen nicht eine Jugend erziehen dürfen, von der sich die Besatzungsmächte und die neuen deutschen Führungskräfte das Entstehen eines besseren Deutschland versprechen.
Dennoch beginnt der Lehrbetrieb notdürftig und mit unendlich viel gutem Willen. Ein weiter Horizont ist plötzlich aufgerissen, Lehrer und Studenten haben – zumindest in den westlichen Zonen – plötzlich Zugang zum geistigen Leben der ganzen übrigen Welt. Das ist – inmitten aller Alltagssorgen – eine beglückende Erfahrung jener Jahre für alle, die sich ihr öffnen.
Professor K. H. Bauer, der erste Rektor der wiedereröffneten Universität Heidelberg, sagte in seiner Antrittsrede:
»Überblicken wir alles in allem, so ist klar: inmitten der großen Zeitwende liegt die Verantwortlichkeit der Universität in einer Renaissance der Humanität, dieser Mutter aller sonstigen Tugenden. Nach innen bedarf es der Erziehung einer neuen Führerschicht als Grundlage einer neuen Geisteshaltung. Nach außen bedarf es der Erkämpfung von Achtung auch von seiten der Sieger, die heute die Welt beherrschen. Es wird mit Deutschland politisch um so schneller wieder aufwärts gehen, je schneller die Läuterung des ganzen Volkes vor sich geht und je schneller Leistungen der Kultur Zeugnis ablegen von der inneren Lebensberechtigung des deutschen Volkes.«
Die Schulen wurden in den verschiedenen Befehlsbereichen der Siegermächte nach deren höchst unterschiedlichen Vorstellungen wiederaufgebaut. Die Russen sowjetisierten konsequent das Erziehungswesen ihrer Zone. Die Amerikaner hatten ein ganzes »Umerziehungsprogramm« mitgebracht, die reeducation. Engländer und Franzosen waren weniger eifrige Lehrmeister als Russen und Amerikaner in dem Bemühen, die besiegten Deutschen umzuerziehen.
Elementarer als alle bildungspolitischen Probleme kam der Hunger auch ins Klassenzimmer. Die Amerikaner standen weit an der Spitze der Spender von Lebensmitteln. Die Engländer taten, was sie konnten. Aber auch neutrale Länder wie Schweden und die Schweiz leisteten unvergeßliche Hilfe, besonders bei Schulspeisungen.
Das Evangelische Hilfswerk verteilte von 1945 bis 1949 56275 kg Liebesgaben aus dem Ausland im Wert von 200 Millionen D-Mark. Der katholische Caritas-Verband vollbrachte ähnliche Leistungen.
Sie wären nicht möglich gewesen ohne die Hilfe von Bürgern anderer Länder. Obwohl die Welt unter dem Eindruck der Kollektivschuld des deutschen Volkes am Krieg und an den NS-Greueln stand, halfen viele Völker – diesmal wie auch nach dem Ersten Weltkrieg – den Deutschen, besonders den Kindern.
Die wirkungsvollste, größte und bekannteste Paketorganisation war CARE. Amerikanische Bürger schickten über die CARE-Organisation auf private Kosten und durch private Initiative Millionen von Lebensmittelpaketen nach Deutschland.
Der Mechanismus von Schuld und Sühne machte glücklicherweise halt vor den Kindern. Viele waren krank, fast alle unterernährt.
Das Internationale Rote Kreuz organisierte Kinderverschickungen ins Ausland, besonders nach Schweden und der Schweiz.
Viele deutsche Kinder machten bei den gastgebenden Familien zum erstenmal in ihrem Leben Bekanntschaft mit ausreichenden, schmackhaften Mahlzeiten, mit Südfrüchten und Schokolade. Sie sahen Städte ohne Trümmer, wo es nie Stromsperre und immer warmes Badewasser gab.
Es war eine kleine Reise ins Paradies – überschattet nur durch die Trennung von der Mutter, von der Familie.
Die Daheimgebliebenen griffen zur Selbsthilfe. Die Deutschen wurden ein Volk von Kleingärtnern. Wo einmal der beliebte Park der deutschen Hauptstadt gestanden hatte, der Tiergarten, machten sich nun die Berliner mit den primitivsten Hilfsmitteln an die Arbeit, um die knappen Lebensmittelzuteilungen zu ergänzen. Ähnlich sah es in der Zwingerruine in Dresden aus.
Die Rationen waren auf 1550 Kalorien pro Tag festgesetzt – Kinder, Mütter und Schwerarbeiter erhielten Zulagen. Als gute Normalmenge sind 3 000 bis 4 000 Kalorien anzusehen, also das Doppelte. Nach britischen Ermittlungen waren 1946 80% der Deutschen unterernährt, 50% hatten unter Hungerschäden zu leiden, 40% waren tuberkulosegefährdet.
1946 sanken die Zuteilungen durch Verknappung der Lebensmittel auf 1015 Kalorien in der britischen und 1275 in der US-Zone. In der sowjetischen und der französischen Zone waren die Zuteilungen ohnehin geringer.
Es ist die Zeit der verwalteten Not, der Bezugsscheine und Lebensmittelkarten. Ängstlich verfolgen die Hausfrauen, welche Zuteilungen aufgerufen werden.
Es bedarf keiner Schaufenster, um Kauflustige anzuziehen. Es gibt nichts zu kaufen, jedenfalls nicht das, was man braucht. Es fehlt an allem. Wenn die Besatzungsmächte nicht hülfen, wenn von außen keine Lebensmittel hereinkämen, würden weitere Millionen sterben, einfach an Hunger.
Wo Mangel und Not regieren, da blüht der Schwarze Markt. Hier gilt die Zigarettenwährung: eine »Ami« gleich zwanzig Reichsmark. Ein Pfund Butter wird am 27. Juni 1945 in Berlin mit zwanzig Zigaretten notiert, das sind 400,— Mark.
Auch die ehrbaren Bürger kommen zum Schwarzen Markt. Sie versetzen letzten Besitz, um ein Pfund Butter oder Speck, um ein Brot zu ergattern.
Jeder handelt mit allem. Das Auge des Gesetzes blickt manchmal absichtsvoll weg, manchmal wird aber auch ein ganzer Schwarzmarkt durchkämmt. Zumeist erwischt man die Ärmsten. Schwarzhandel wird hart bestraft. Die eigentlichen Nutznießer bleiben im Hintergrund, werden selten gefaßt.
Trotz aller Misere erwartet man in ganz Deutschland den ersten Frühling im Frieden nach dem harten Winter 1945/46 mit großen Hoffnungen. Erich Kästner notiert: »Die Natur nimmt auf unseren verlorenen Krieg und auf den seit langem angedrohten Untergang des Abendlandes nicht die geringste Rücksicht. . . Bald wird wieder der Flieder zwischen den Trümmern duften. . . Und der Frühling wird, wenn es sein muß, zwischen Mauerresten und durchlöcherten Dächern seine Blüten treiben. Die Natur kehrt sich nicht an die Geschichte. Sie baut wieder auf, ohne darüber nachzudenken.«
Das große Aufräumen gehört längst zum Alltag. In Berlin und all den anderen deutschen Städten buddelt man sich Stein für Stein aus dem Trümmerschutt heraus. Der Wiederaufbau macht erste sichtbare Fortschritte.
Viele Deutsche dachten wie Erich Kästner: »Wer jetzt beiseite steht, statt anzupacken, hat hoffentlich stärkere Nerven als ich. Wer jetzt an seine Gesammelten Werke denkt statt ans tägliche Pensum, soll es mit seinem Gewissen ausmachen. Wer jetzt Luftschlösser baut statt Schutt wegzuräumen, gehört vom Schicksal übers Knie gelegt.«
Für die Besatzungssoldaten bestand striktes Fraternisierungsverbot. Ein amerikanischer Soldat wurde mit Strafe bedroht – bis zu 65 Dollar –, wenn er mit der deutschen Zivilbevölkerung persönliche Kontakte aufnahm.
Das änderte sich allmählich bis zum Herbst 1946. Bald sind der alliierte Soldat und sein »Fräulein« ein alltäglicher Anblick – nun von deutscher Seite oft mißbilligend wahrgenommen.
Der Besatzungssoldat ist der König der Stunde. Für ein paar Päckchen Zigaretten kann er nahezu alles haben.
Unter Trümmern war begraben worden, was das Leben hübsch und bunt und reizvoll macht. Der Wunsch danach war nicht begraben.
Die erste Frühlingsmodenschau nach dem Krieg im April 1946 in dem Berliner Nachtlokal FEMINA zeigte Andeutungen einer befreiten Linie. Die Schultern der Kleider bleiben noch männlich betont, aber im übrigen suchte man nach einer mehr femininen, fließenden Silhouette. Aber woher die Stoffe nehmen und die Zutaten und das Geld für den Friseur?
Ein schüchtern-schäbiges neues Nachtleben beginnt.
Die Theater machen wieder auf. Im Berliner Hebbel-Theater feiert ein alter Publikumsliebling neue Triumphe: Hans Albers als Liliom in dem Lustspiel von Franz Molnar.
Trotz des allgegenwärtigen Hungers beginnen wieder Sportveranstaltungen. Im August 1946 kommt es zum Titelkampf um die deutsche Schwergewichtsmeisterschaft zwischen Walter Neusel und Hein ten Hoff.
Die Bayerischen Tennismeisterschaften im September 1946 gewinnt Altmeister Gottfried von Cramm. München veranstaltet 1946 das erste Radrennen nach dem Kriege.
Im Oktober 1945 stehen sogar schon wieder Vergnügungsparks zur Verfügung. »Das Leben geht weiter«, sagt man. Obwohl noch unzählige Familienväter, Söhne, Brüder vermißt sind oder sich als Kriegsgefangene gemeldet hatten, wagt man es, wieder zu lachen – ein Jahr, nachdem man unter den Trümmern des größten Krieges der Geschichte hervorgekrochen war.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.