Kitabı oku: «Tischgespräche - Begegnungen mit Prominenten unserer Zeit»

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Thilo Koch

Tischgespräche - Begegnungen mit Prominenten unserer Zeit

Saga

Tischgespräche - Begegnungen mit Prominenten unserer ZeitCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1989, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836163

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

VORWORT

Das Tischgespräch war schon für Martin Luther eine höchst ergiebige Form des Gedankenaustauschs, zumal es sich auch gut dazu eignet, literarisch dokumentiert zu werden. Die Griechen hatten einen wohlklingenden Namen dafür: Symposion. Eine ganze Symposion-Literatur entstand daraus. Meine Tischgespräche konnten und wollten allerdings keine Symposien sein, denn beim Symposion waren Frauen nicht zugelassen, und sie vollzogen sich in liegender Körperhaltung. Meine Tischgespräche hingegen wurden von Anfang bis Ende aufrecht sitzend absolviert, und Damen waren manchmal selbst Tischgesprächspartner und immer gern gesehene Gesprächsteilnehmer. Es traten bei mir, anders als beim klassischen Symposion, auch keine Hetären, Gaukler und Tänzerinnen auf.

Wie entstanden die hier als Buch vorgelegten Tischgespräche? 1985 hatte die Redaktion des Gourmetjournals VIF die Idee dazu – ich konnte mir nach meiner Pensionierung beim Fernsehen die Zeit dafür nehmen, und da ich als Journalist viele interessante Leute kennengelernt hatte, machte ich mich an die Arbeit. Arbeit? Das Vergnügen überwog bei weitem. Für mich war das nach der Pflicht nun eine Kür, nach der politischen Publizistik wieder Feuilleton. Ein Zeitalter des neuen Hedonismus sei angebrochen, heißt es, Glück und Genuß das oberste Lebensziel. Sind wir die neuen Epikuräer?

Wie dem auch sei, ein gutes Gespräch an festlich gedeckter und bestellter Tafel, das gehört nun einmal zu den durchaus angenehmen Dingen des Daseins. Oft allerdings sah ich mich wie Buridans Esel vor eine unmögliche Wahl gestellt. Entweder zollte ich, über die köstlichsten Kreationen gebeugt, der Kochkunst der besten »Chefs« der Bundesrepublik Deutschland den gebührenden Respekt – oder ich vernachlässigte den Dialog mit meinem illustren Gast. Dennoch aber weiß ich nach mehr als fünfzig dieser kleinen Symposien, wie recht Paul Bocuse hatte, als er einmal sagte: »Was ist das Wichtigste beim Essen? Es kommt immer darauf an, wem man gegenübersitzt . . .«

Ich danke hier allen, die meine Gäste waren und ebenso gern wie ich an unser Tischgespräch zurückdenken. Ich danke VIF-Verleger Hajo Artopé, VIF-Chefredakteur Ulrich Metzner und wünsche mir für dieses Buch ebenso geneigte Leser, wie ich sie bei VIF hatte und habe. Die Texte erscheinen hierin derselben Reihenfolge, in der sie Monat für Monat bei VIF herauskamen. Da die Gespräche über einige Jahre hin geführt wurden, mag sich im persönlichen Leben meiner Gesprächspartner inzwischen mancherlei verändert haben. Selbstverständlich aber wurden sie deswegen für dieses Buch nicht »aktualisiert«, denn ihr Reiz, denke ich, sind Impressionen und Assoziationen des Augenblicks.

Thilo Koch

AUGUST EVERDING

ER ZÄHMTE SEINEN SPIELTRIEB NICHT

Wenn er eintritt, füllt er sofort das kleine Séparée:

leiblich, geistig, stimmlich. Er schaut sich um

und sagt: »Hier pflegte Franz Josef Strauß zu

dinieren, wenn er zum Käfer kam. In diesem kleinen

Stüberl sind schon manch’ große Entscheidungen

gefallen. Aber, zunächst die Dramaturgie

unseres Menüs.«

Hat er Zeit mitgebracht für unser Tischgespräch? Um 14.30 Uhr muß er zur Vorlesung, und es ist jetzt gegen 13 Uhr. »Austern?« fragt er und taxiert mich aus den Augenwinkeln. Ich erzähle, bei welcher Gelegenheit ich Kaviar kennenlernte – als ich mit Adenauer 1955 in Moskau war.

Ein anerkennendes Nicken, für den Kaviar, für mich – in dieser Reihenfolge. Mit Blinis, möchte er. »Wir haben Kartoffeldatschi dazu bereit«, sagt der Oberkellner. Blinis sind ihm lieber: »Aber aus Buchweizen!« »Probieren’s doch beides, Herr Generalintendant.« Gut. Zum Kaviar gehören ein eiskalter Wodka und Champagner. »Kein Wodka für mich, muß heute abend noch Karajan in Berlin treffen.« Zwei Gläser Lanson Rosé Brut sind blitzschnell zur Stelle. Wie anmutig sich der gewichtige Herr verneigen kann, beim ersten »Zum Wohl«, wie zierlich die Hand das Glas balanciert.

Ist er für Karajan oder für das Orchester? »Für Karajan, natürlich, auch öffentlich.« Die Berliner Philharmoniker waren vor Karajan da und werden nach Karajan da sein, gebe ich zu bedenken und berichte von einer Begegnung mit Herrn von Stresemann, dem Überbrückungsintendanten – der sehe, wie seinerzeit sein Vater Gustav, der Außenminister, einen »Silberstreif am Horizont«.

Er wiegt den schweren Kopf, nein, es ist ein veritables Haupt. Er trinkt bedächtig und mit Behagen einen zweiten langen Schluck: »Ein herrliches Getränk, aber was geschieht hier auf unserer kleinen Bühne nach dem Vorspiel? Im Drama folgt dann der Hauptteil mit dem Höhepunkt, mit der Katharsis.« Nun, die Läuterung unserer Seelen werden wir beim Käfer nicht finden, darauf ist nicht einmal er, der lukullische Tausendsassa Münchens, vorbereitet.

Der Oberkellner macht einen gastronomisch-dramaturgischen Vorschlag, dem wir beide sofort zustimmen: junger Fasan mit Trauben, Nüssen, Weinkraut, Pilzen und Kartoffelpüree. Welchen Wein? Einen Sancerre, sagt der Intendant kurz und bestimmt. Darf es auch der schönste Wein der Loire sein, der Pouillyfumée »Baron L«, frage ich. Wieder das anerkennende Blinzeln und das liebenswürdige Neigen des Hauptes. Er hat das Volumen eines Barockfürsten, aber den Charme eines Rokokokavaliers.

War sein Vormittag anstrengend? Er hebt die Schultern unterm blauen Nadelstreifenjackett. So etwas wie Anstrengung paßt nicht zu ihm, seine rastlose Motorik scheint ohne Reibungsverlust zu laufen – ständig rotierend und doch souveräne Ruhe vermittelnd. »Es ging um unsere neue ›Ariadne‹, heute morgen, gestern abend war ja Premiere im Nationaltheater.« »Zufrieden?« Er neigt sich herüber und bemerkt leise und kühl: »Erfolgreich und unbedeutend.« Für eine Sekunde ist da nichts als kritische Härte.

Selbstverständlich ist auch einem August Everding der Erfolg nicht geschenkt worden. Warum ging er nicht nach New York an die Metropolitan? Kann ein Mann so überheblich sein, diesen Spitzenjob in seiner »Branche« auszuschlagen? Jetzt schüttelt er das Haupt energisch. »Ich habe mich nicht gegen New York, sondern für München entschieden; ich will hier das Residenztheater wieder aufbauen und sonst einiges für das kulturelle Klima der Stadt tun.«

Außerdem ist ihm eine Inszenierung pro Jahr an der »Met« sicher. Er versteht offenbar die seltene Kunst, einen Kuchen zu essen und zu behalten. August Everding kann mühelos lachen, schmunzeln, lächeln, zu passender Zeit und immer in der richtigen Art. »Der Fasan läßt auf sich warten.« Zum ersten Mal schaut er auf die Uhr, aber ganz gelassen. Gerd Käfer steckt den Kopf herein, auf seine eigene Weise motorisch. Zwei Profis sind sofort im Gespräch und auf dem Punkt. »Machen’s doch ein Fest im Resi, Herr Professor, die Garderobentische fürs Buffet, eine Band, was glauben’s, wie das lauft.«

Schon ist der Wirbelwind wieder draußen und weiter. Everding schaut ihm nach, väterlich wohlwollend – in der Tat hat er vier Söhne. »Er macht meine Theaterbuffets hervorragend.« »Darf man sagen, der Käfer ist der Everding der Gastronomie?« Der Vergleich behagt ihm. Der Fasan kommt, wird zerlegt und serviert und gekostet und gelobt. Wie hat »der General« angefangen? Ganz theoretisch, auf der Universität, mit Philosophie, Theologie, Theaterwissenschaft und einer Doktorarbeit über den »Tod auf der Bühne«.

Er verehrte Romano Guardini, den katholischen Schriftsteller, der von der Kirche nicht immer so hochgeschätzt wurde wie von der Jugend jener Jahre, August Everding wurde 1928 geboren, in Bottrop, Vater Organist. Die Praxis, das war dann zunächst Regieassistent bei Schweikart und Fritz Kortner. Den unzähligen Kortner-Anekdoten fügt er – »für Sie, Herr Koch, ich habe das noch nie erzählt« – eine hinzu. »Ich mußte einmal für einen Schauspieler einspringen, nur in der Probe. Ich hatte einen Finger zu heben, nicht zu hoch – ja, so ist es gut. Nächster Tag, mein Stichwort, ich erscheine, hebe den Finger, vielleicht 3 cm höher. Kortner: ›Everding, hemmen Sie Ihren Spieltrieb!«

Genau das hat er nicht getan und es dadurch weiter als fast alle in seiner Generation, in seinem Metier gebracht. Fürs Dessert ist es schließlich zu spät. Wann und wo immer August Everding sich erhebt und verneigt, hat das Gewicht und Bedeutung. »Verstehen Sie sich gut mit Strauß, der auch so gern an diesem Käfertisch speist?« »Ich bin Westfale, wie Sie wissen, und wir haben mit den Bayern dreierlei gemein: Dickfälligkeit, Humor und Biestigkeit.«

Sagt’s, neigt das Haupt und enteilt zu seinen Studenten und zu Karajan. Biestigkeit? Er ist ein Büffel, denke ich, ein starker, schöner Büffel, bei dem man nie weiß, ob er nicht bereits zu einer ungeheuerwuchtigen Aktion ansetzt, während er scheinbar nur zierlich mit den Hufen scharrt.

RALF DAHRENDORF

UNRUHE IST DER NATÜRLICHE MITTELPUNKT SEINES LEBENS

Mit wehendem Mantel betritt er das behäbig-

gediegene Restaurant in der Drachenburg,

wo einst der Reformator Johannes Hus während des

Konstanzer Konzils gefangengehalten wurde.

Ein Reformator, säkularisiert und liberal, ist auch

Professor Dahrendorf. An unserem Tisch im Erker

stellt er die zerknautschte Reisetasche ab und

ruft noch im Stehen der hilfreichen Saaltochter zu,

während wir uns die Hände schütteln:

»Ich brauche einen Whisky.«

Es ist Punkt 12 Uhr mittags, er ist mit dem Taxi über den Rhein und durch den Schweizer Zoll gedonnert, vor einer Viertelstunde stand er noch vor seinen Studenten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Konstanz.

»Wie hast du sie vorgefunden, deine Schüler?«, frage ich den alten Freund, der die neue Universität Konstanz 1966 »unter Kiesinger« mitbegründete. Er nimmt einen Schluck – pur auf Eis – atmet tief durch, lacht kurz und trocken und sagt: »Sie könnten mehr lesen, sie sollten genauer denken, sie hören leider nicht gut zu, allerdings sind sie auch materiell recht anspruchslos.«

Neben mir auf der rotgepolsterten Bank unter den Butzenscheiben habe ich sein neuestes Buch: »Reisen nach innen und außen, Aspekte der Zeit«. Ich halte es ihm entgegen, auf dem Schutzumschlag diskutiert er mit Rudi Dutschke, ein berühmtes dpa-Foto. »Was ist von der Studentenrevolte 1968 geblieben?«

»Die Dutschke-Generation, das ist doch heute schon wieder die Vätergeneration der jetzt Studierenden, infolgedessen wird sie von der abgelehnt. Wir damals jungen Professoren sind nur noch die Großväter – belächelt oder ignoriert.«

»Wie ein Großvater wirkst du nun gerade nicht, stürmisch wie du hereinwehst und mit deinen 56 Jahren . . . Aber wir wollten ja eigentlich hier auch was Gutes essen, denn ich weiß, du bist ein Gourmet, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«

Sein Dimple und mein Tio Pepe sind ausgetrunken, wir widmen uns der Karte, sie ist kurz und gediegen, die Saaltochter empfiehlt uns eine frische Lachsforelle aus dem Bodensee, gerade angelandet. Wir nicken, es soll kein ausgedehntes Festmahl werden, denn mein Feuergeist muß um 14 Uhr nach Kloten, zum Züricher Flugplatz. Also beschränken wir uns auf eine Flasche Dom Perignon und dazu als Appetitanreger ein Eßlöffelchen Kaviar.

»Das ist mal ein Kaviar auf Erden,« sagt er, »sonst ißt man so etwas ja immer nur in der Luft, als Firstclass-Passagier.«

»Wohin geht’s heute nachmittag?« »Nach London zu Ellen. Aber morgen weiter nach New York. Mit der Concorde.«

»Fliegst du gern mit ihr?«

»Nein, sie ist laut und so eng, daß du nicht mal die Times entfalten kannst, allenfalls Time Magazine. Aber sie spart Zeit. Nur mit ihr kriege ich meinen Vortragstermin morgen abend.«

»Auf den Spuren Helmut Schmidts? Hoffentlich ist dein Mindesthonorar auch 10 000 Dollar.«

»Ich war kein Bundeskanzler.«

»Wärst es aber ganz gern geworden, hast auch mal so etwas gesagt.«

Er hebt das Glas und lacht wieder kurz und trocken: »Meine Partei konnte nie den Bundeskanzler stellen. Fein, aber klein, wie sie ist. Und Staatssekretär bei Scheel im Jahr der Wende 1969, in der Morgenröte der sozialliberalen Koalition, die so viel in Bewegung setzte, das war gut genug.«

»Weißt du noch, als du Scheel dein Jawort ins Telefon hauchtest?«

»Genau, auf deinem Bettrand sitzend.«

Er war mit seiner ersten Frau und zwei Töchtern an jenem Abend bei uns eingeladen, hatte unsere Telefonnummer angegeben, das Telefon klingelt, Walter Scheel meldet sich, Ralf will ungestört reden, das ging nur vom Zweitapparat im Schlafzimmer.

»Warum bist du schon nach einem guten Jahr von Bonn nach Brüssel gegangen? Unruhe? Fortsetzung des Senkrechtstarts?«

»So senkrecht war das übrigens nicht, wenn du die Stationen alle im Blick behältst, vom Studium in Hamburg gleich nach dem Krieg über London als Student, Saarbrücken, Gastprofessuren an mehreren europäischen und nordamerikanischen Universitäten, Eintritt in die FDP 1967, Bundesvorstand, Landtag Baden-Württemberg, Bundestag und die ungezählten Stühle in Gremien und Kommissionen, Gesellschaften zur Förderung von XYZ.«

»Und Brüssel dann war der Höhepunkt? Als Kommissar für das Auswärtige der EG stand dir ja die Welt offen und stets auf höchstem Level. Du fuhrst einen rot-braunen Jaguar mit Chauffeur, erinnere ich mich, der rote Teppich war immer schon ausgerollt.«

»Gute, interessante Jahre, gewiß. Aber die London School of Economics war mehr, länger, wichtiger für mich.«

»Wohl nicht nur die Leitung dieser berühmten Hochschule, deine Arbeit, die Bücher, sicher wohl auch das Persönliche, Private. Daß du Ellen gefunden hast, deine zweite Frau. Ralf, du warst fast seßhaft geworden. Bist aber auch treu, kehrtest nach Konstanz zurück.«

»Behielt die schöne Wohnung in London und habe noch ein Buen retiro im Schwarzwald.«

»Wo warst du letzte Woche?«

»In Jordanien.«

Ich zeige ihm einen Ausschnitt aus dem Konstanzer Südkurier, ein Bericht über seine erste öffentliche Vorlesung nach der Rückkehr aus London. Es ist ein Foto von ihm dabei – Brille und eingerolltes Manuskript in der linken Faust, blickt er herausfordernd ins Weite.

»Du kannst ziemlich aufmüpfig aussehen.«

»Ich bin ein Radikaler.«

»Ein radikaler Liberaler, also ein Widerspruch in sich.«

»Ja.«

Das Gespräch ist, wie immer mit ihm, ein so rasches Pingpong, daß wir die rosa Forelle aus dem Bodensee gar nicht richtig würdigen, eher schon den Champagner.

»Bei dieser öffentlichen ›Rückkehrvorlesung‹ zitiertest du gern Kant. Der ist nie aus Königsberg herausgekommen und war zufrieden, wenn Diener Lampe ihm das Frühstück pünktlich hinstellte. In dieser Selbstbeschränkung entstanden dann Werke, die das Denken der Welt veränderten. Wann und wo schreibt Ralf Dahrendorf sein Opus magnum?«

»Hier und bald. Immerhin gab es ›Gesellschaft und Demokratie in Deutschland‹.«

»Das ist zwanzig Jahre her. War es dein wichtigstes Buch?«

»Nein, ich denke immer noch ›Soziale Klassen und Klassenkonflikt‹. Hier in der Bundesrepublik wurden insgesamt 2000 Exemplare verkauft, in England und Amerika jedes Jahr so viele, noch heute.«

»Hat dich swinging London geprägt? England, the british way of life?«

»Mehr als alles andere. Ich bewege mich dort am reibungslosesten, lebendigsten. Meine jüngste Tochter Daphne, 15, ist ein typisches Collegegirl. Meine erste Frau war Engländerin, die zweite ist Amerikanerin.«

»Sehr emanzipiert?«

»Sie ist berufstätig, Historikerin, übersetzt aus dem Russischen.«

»Und ist liberal mit ihrem liberalen Ralf, schätze ich. Und wer hat dich in der Soziologie am meisten beeinflußt? Die Frankfurter Schule, Horkheimer, Adorno?«

»Nein, im Gegenteil: Karl Popper.«

»›Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‹ ist ja auch für Helmut Schmidt eine Art Evangelium. Übrigens, du hast dich manchmal etwas reserviert über den Altbundeskanzler geäußert?«

»In Hamburg beim Studium war er unser Vorsitzender, beim SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), und wir Jungen mochten die altgedienten Offiziere nicht. Er war ein guter Kanzler. Er war der einzige westliche Regierungschef, der etwas von Wirtschaft und Strategie verstand. Aber er zeigte es zu sehr, zu lehrhaft. Seine Arroganz machte ihn unbeliebt.«

»Die SPD ohne ihn. Deine Partei ohne Scheel, jetzt ohne Genscher. Auch ohne Dahrendorf? Werden euch die Grünen nicht ablösen als Zünglein an der Waage im Parteienringelreihen bei Bund und Ländern?«

»Im Bund wird die FDP sich knapp halten. Die Grünen gehen an ihren inneren Widersprüchen kaputt. Und an der Demographie.«

»An der?«

»Wir haben eine schrumpfende Bevölkerungsentwicklung. Es wird immer weniger Junge und immer mehr Alte geben. Das verteilt auch die Farben im Parteienspektrum allmählich um. Ohnehin ist der Trend: neokonservativ.«

»Jeans raus, Krawatte rein?«

»An der Uni noch nicht, aber schau mal in einige Gymnasien, da ist Bügelfalte optimal.«

»Ich mag sehr dein Amerikabuch ›Angewandte Aufklärung‹. Rennen wir Europäer wieder einmal den USA hinterher?«

»Europa wird und wird nicht, jedenfalls nicht so, wie wir es uns dachten. Der Weltgeist, wenn es einen gibt, hält sich heute in den USA auf.«

»Aber du fliegst sicherlich nicht nur deshalb so gern über den Atlantik, um drüben den Weltgeist von Hegel zu grüßen. Du findest dort deine eigene Unruhe, ›aufgehoben‹ – im Hegelschen Sinn.«

»Unruhe ist der natürliche Mittelpunkt des Lebens.«

Sagt’s, lacht noch einmal kurz und trocken und sitzt schon im wartenden Taxi, als ich, ihm freundlich nachblickend, meinen Kaffee gemächlich trinke.

GERD BACHER

WIEN, WIEN, NUR DU ALLEIN . . .

Vom rotgedeckten Frühstückstisch im Restaurant

des Hotels im Palais Schwarzenberg blicken wir in

den Park, der das Palais Schwarzenberg und das

Schloß Belvedere verbindet, das sich vor 300 Jahren

Prinz Eugen, der edle Ritter, bauen ließ.

»Dort drüber wohne ich«, sagt Gerd Bacher,

»im Gesindehaus des Belvedere.«

Österreichs Würdenträger werden auch heute, im Zeitalter der Demokratie, feudal untergebracht. Die Schlösser, Palais und Herrensitze der Habsburger Monarchie sind ja alle noch da. Wien überstand, anders als Berlin, den Zweiten Weltkrieg ohne Totalzerstörung.

»Fünfundvierzig, das verlief bei uns vergleichsweise gelinde, mit den vier Besatzungmächten ›in einem Jeep‹. Aber das Jahr 1918/19, das war hier ein wesentlich tieferer Einschnitt als in Deutschland. Beispielsweise wurde nach dem Weltkrieg Nummer 1 in Österreich der Adel abgeschafft. Seine Durchlaucht, der Fürst Karl Johannes von und zu Schwarzenberg, in dessen Haus wir hier frühstücken, durfte sich nur noch Herr Schwarzenberg nennen. ›Von Karl dem Großen geadelt, von Karl Renner entadelt‹, hieß es damals.«

»Dennoch«, sage ich »blieb Österreich – anders als wir ›draußen im Reich‹ – konservativ bis in die Knochen. Bis heute? Oder heute wieder? Oder heute erst recht?«

Er schenkt sich bedächtig etwas Kaffee nach, greift zu einem Kipferl: »Schauen Sie, der Kreisky, das war doch nichts weiter als ein Theaterdonner, ein sozialistischer. Was hat der denn seinem beklagenswerten Nachfolger Sinowatz hinterlassen? Einen Trümmerhaufen.«

»Sie waren, Herr Bacher, einmal Berater Helmut Kohls, bevor er Bundeskanzler wurde. Und Sie wollten dazu beitragen, daß er es wurde. Wie beurteilen Sie ihn heute, nachdem er es ist?«

Viele kleine Fältchen um die blauen Augen geben seinem Blick etwas Lustig-listiges. Gerd Bacher, ein Herr von 59 Jahren, trägt ein dezent kariertes Jackett, weinrote Strickkrawatte und Pullunder. Er redet lebhaft und gern, kann aber auch aufs Liebenswürdigste geduldig zuhören. Er sagt:

»Man spricht ihm Brillanz ab. Seine Art zu regieren sei ohne Glanz – ein Kleinbürger. Insofern ist Helmut Kohl vielleicht wirklich a bisserl der Gegentypus zum Kreisky. Aber er ist es eben auch im positiven Sinne. Wo auf der Welt finden Sie heute eine so solide, erfolgreiche Regierungsarbeit wie in Bonn? Nennen Sie mir ein einziges Land. Von Wien aus betrachtet, muß ich es schon erstaunlich finden, daß man diesen deutschen Bundeskanzler – und sein großartiges Team notabene – nicht so schätzt, wie er es verdient. Nur weil er nicht so ›brillant‹ ist wie sein Vorgänger Helmut Schmidt?«

»Nun, er hat vielleicht etwas zu vollmundig von der großen Wende gesprochen. Die blieb aus: für die Arbeitslosen, bei der Rentenfinanzierung. Aber Sie kennen nicht nur Helmut Kohl, den Politiker. Man sagt, er liebe Österreich ganz besonders. Warum, was glauben Sie?«

»Er hat 13 Jahre lang hintereinander stets bei uns seinen Urlaub verbracht. Er mag uns, wir mögen ihn. Vielleicht findet er bei uns eine Lebensart, die leichter ist als die seine, wir nehmen halt auch das echt Tragische nicht so ganz tragisch. Nein, ich bewundere ihn wirklich. Allein wie er mit seinem großen Problem in München fertig geworden ist. Na . . .«

Die Serviererin im weißen Schürzchen möchte uns gern noch etwas Kräftigeres bringen, vielleicht Rührei mit Schinken? Er dankt: »Ich unterhalte mich besonders gern morgens in der Früh, aber es bleibt beim kleinen Caféhaus-déjeuner.«

»Was wurde aus dem Wiener-Caféhaus? Ich gehe in Wien natürlich immer mindestens einmal zum Dehmel.«

»Schon der leckeren Canapés wegen?«

»Ja. Und ein bißchen nostalgisch ins Sacher-Café, wo ich früher stets Friedrich Torberg traf.«

»Er und Hans Weigel – in ihrem Caféhaus hielten sie geradezu Hof, täglich. Dort schrieben sie auch ihre Rezensionen, die dann ganz Wien in zwei Lager spalteten. Das ist vorbei. Wir beide, Herr Koch, trafen uns das letzte Mal ja in Ihrer Heimatstadt, in Berlin.

Berlin und Wien haben einiges gemeinsam. Zum Beispiel auch dies: den Verlust der Juden. Das haben beide Städte nie verwunden. Dreihunderttausend waren es in Wien, die nach dem ›Anschluß‹ 1938 verschwanden, man hatte Wien ganz zu Recht das zweite Jerusalem genannt.«

»Männer von Weltgeltung wie Sigmund Freud mußten emigrieren. Immerhin, Torberg und Weigel, Hilde Spiel, andere kamen nach 1945 zurück.«

»Das war ungeheuer wichtig, ich war ein junger Mann damals, ich habe zu ihren Füßen gesessen. Aber nach Wien kehrten die paar Überlebenden noch zögernder heim als nach Deutschland. Warum? Weil man sich 1945 und danach hier viel schlimmer als bei Ihnen aus der Verantwortung gestohlen hat. Das mußte einem Wiener Juden doppelt widerwärtig sein. Er hatte ja am eigenen Leibe den Antisemitismus Wiens erfahren, auch vor 1938, vor 1933, noch früher, als Hitler selbst seinen Judenhaß hier in Wien so grauenhaft folgenreich in sich aufsog.«

»Gerd Bacher stammt aus Salzburg, wurde fast so etwas wie ein Wiener Lokalpatriot, aber er bleibt auch hier der kritische Beobachter und Historiker?«

Wieder lächelt er lustig-listig mit seinen Augenfältchen: »Vielleicht auch deswegen, weil es sehr wienerisch ist, Wien zu kritisieren.«

Wir kommen – wie könnte es anders sein – auf unsere recht unterschiedlichen Erfahrungen mit den elektronischen Medien in Österreich und Deutschland zu sprechen. Der Gebieter über alle Rundfunk- und Fernsehsendungen in Österreich führt es auf Wien zurück, daß die Atmosphäre in seinem »network« auch heute noch immer persönlicher ist, legerer und gerade deshalb auch kreativitätsfördernd.

»Mir steht nur ein Fünftel des Etats zur Verfügung, über den Herr Stolte in Mainz gebietet. Damit machen wir täglich 137 Stunden Rundfunk und 22 Stunden Fernsehen. Täglich, Herr Koch!«

Er beugt sich über sein Gedeck zu mir herüber und ist nun sichtlich engagiert. Natürlich könne auch er nicht ohne bürokratischen Apparat auskommen. Aber der sei wesentlich kleiner, habe nicht so viel zu sagen wie in Deutschland.

»Der entscheidende Vorteil jedoch heißt schlicht und einfach Wien. Hier ist alles, hier ist jeder. Wir von der ORF leben kulturell von diesen herrlichen Institutionen der Musik, des Theaters, von der Burg, von der Staatsoper, in die Sie heute abend gehen. Bedenken Sie, der kleine Staat Österreich mit seinen 7 Millionen Einwohnern gibt jährlich 300 Millionen Mark, nicht Schilling, für die Kultur aus.«

»Und zugleich haben Sie das gesamte politische Leben ihres Landes in unmittelbarer Nähe.«

»Genau, in der Bundesrepublik Deutschland fehlt das nationale Zentrum, es fehlt Berlin.«

»Hand aufs Herz, Herr Bacher: Ist Intendant eines großen Funk- und Fernsehhauses heute nicht ein ›impossible job‹? Was soll der arme Mann nicht alles sein: ein souveräner Programmplaner und bedeutender Journalist, ein Verwaltungs- und Finanzgenie, ein Betriebs- und Menschenführer erster Güte und last but not least: alle Parteien müssen ihn – es lebe der Proporz – akzeptieren.«

Der Generalintendant lehnt sich zurück, blickt hinaus zu den Statuen Lorenzo Matiellis im Park und spricht die geflügelten Worte:

»Ich liebe meinen impossible job, ich bin gern Intendant, mit Leib und Seele. Ich bin hier in Wien frei, alle wichtigen Personalentscheidungen allein zu treffen und zu verantworten: meine Unterschrift genügt. Und ich bin stolz auf das, was wir machen. Überall in der Welt weiß man das, erkennt man es an, nur bei uns zuhause nicht: Das deutsche Fernsehen – und da schließe ich das österreichische ein – ist das beste der Welt. Gleich nach dem englischen, sollte ich fairerweise hinzufügen.«

Hat auch er ein Generationenproblem? Hat er in seinen Redaktionen Alternative, Grüne?

Seine Augen werden etwas kleiner, kühler, der Mund wird spitz, aber auch spitzbübisch: »Schauen’s, natürlich, die Jungen müssen sich artikulieren, müssen opponieren, haben wir doch auch getan. Die Grünen, das sind für mich die Romantiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sie knüpfen an die Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts an. Die herrliche Lyrik der deutschen Romantik, was feierte sie? Tod und Vergehen. Und die Grünen heute? Ihr Schlüsselerlebnis ist die Angst. Haben Sie bemerkt, daß unser deutsches Wort Angst gerade im Begriff ist, ein angelsächsisches Lehnwort zu werden? Sie können heute in der International Herald Tribune Sätze lesen wie: ›The main issue in Germany today is angst . . .‹«

Sieht er diese »deutsche Angst« auch in Österreich?

»Wir nehmen ›Angst‹ vielleicht nicht ganz so teutonisch-tragisch. Wir sind ja angeblich Lebenskünstler. Aber wenn Sie mich fragen, was liegt alledem zugrunde, so antworte ich Ihnen mit Arnold Toynbee: Eine Zivilisation, die nicht mehr um ihr Überleben kämpft, ist zum Untergang verurteilt. Offenbar sind wir jetzt dran, nachdem sieben Hochkulturen vor uns schon zur Hölle gefahren sind, weil sie zu schwach waren, zu bequem und zu satt, um ihr Überleben zu kämpfen.«

Gerd Bacher ein Kulturpessimist? Er blickt mich voll an. Keine Allüren, keine Rhetorik, ohne jeden Wiener Schmäh’ sagt er leise und fest: »Ja.«

Greift zu Mantel und Hut, wünscht mir ein »Alles Walzer« beim Opernball, eilt ins Chefzimmer der ORF und tut das Seinige, um den Untergang des Abendlandes aufzuhalten. Oder nur: so angenehm wie möglich zu gestalten?

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM

VOM U-BOOT ZUR KUNST

Bei Eckart Witzigmann zu tafeln, ist sowieso

ein Fest. Mit Lothar-Günther Buchheim bei

Eckart Witzigmann zu tafeln, ist schon fast so,

als fiele Weihnachten und Ostern auf einen Tag.

Den einen Superstar am Herd hinter mir,

den anderen Superstar auf dem Stuhl vor mir –

ich brauche etwas Angemessenes, um der Situation

gewachsen zu sein und bestelle einen Gimlet,

wie ihn Hemingway so schätzte.

Der »Boot«-Autor steigt mit ein: »Weil ich Hemingway mag wie Sie, und weil man dem Zufall seine Chance geben soll.«

Wir laben uns an Rose’s Lime Juice (2 Teile) und Finlandia Wodka (3 Teile) oben in der Bar, die sich nach 19 Uhr langsam bevölkert. Uns zu Füßen die Max-Joseph-Straße im Schneegestöber des letzten Apriltages. Behagen stellt sich ein. Wir verstehen uns schon deshalb gut, weil wir die gleiche Sprache sprechen können, genauer: denselben deutschen Dialekt, den angeblich schrecklichsten und doch so gemütvollen: sächsisch. Er ist in Weimar geboren und in Chemnitz aufgewachsen, ich stamme aus Halle wie Händel.

Was ist sächsisch an ihm? Der Bienenfleiß, das Kauzige, der helle Verstand. Auch das Querköpfige, Geltungsbedürftige, Egozentrische, Pfiffige, die vigilante Geschäftstüchtigkeit, die Neugier? Er mag sich ähnliches über mich denken, und so vertiefen wir das lieber nicht, sondern steigen flugs hinunter ins Allerheiligste, den Restaurant-Tempel.

Eckart der Große erwartet uns, im weißen Kittel, unter dem sich keineswegs ein heimlicher Bauch wölbt, das berühmte Lächeln aus seinen Augenwinkeln überstrahlt noch den Glanz der ledergebundenen Speisekarte. »Die brauch’ mer nich,« sagt der Landsmann, »erstens halte ich’s mit dem guten alten Spruch: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Und zweitens, wenn wir schon mal Herrn Witzigmann haben, soll er’s doch bestimmen.«

»Ich hätte da einen Ochsenschwanz . . .«

»Nee, Ochsenschwanz kann ich selber.« Also wird es im wesentlichen das Menü auf der Karte für 165 Mark. Buchheims Kommentar: »Das Teure darf teuer sein, getreu nach dem Kosten-Nutzen-Effekt.«

Aber bevor der Gast den Wirt entläßt, geht es noch um die Bilder an der Wand, die er erst mal geraderückt. »Da sollte mal was Besseres hin, an Ihre schöne Wand«, befindet der Sammler, »die naiven Jugoslawen sind auch nicht mehr so gut, wie sie mal aussahen, alles passé«.

»Sie, Herr Buchheim, hätten ja sicherlich etwas Geeignetes«, gibt Chef Witzigmann leise zu verstehen. »Müssen wir mal drüber reden«, schließt der Expressionistenkönig das Thema ab.

Über nichts spricht er zur Zeit lieber als über die große Ausstellung im Haus der Kunst. »Sogar Helmut Schmidt war drin, ein wirklicher Kenner.« Ich habe mir am Nachmittag den dicken Katalog gekauft, schön gedruckt bei Bruckmann, erschienen in seinem eigenen Verlag: Buchheim, Feldafing.

464 Exponate sind verzeichnet. Gehören sie tatsächlich alle ihm, die 63 Erich Heckel, 89 Ernst Ludwig Kirchner, 34 Otto Mueller, 17 Emil Nolde, 21 Max Pechstein, 43 Karl Schmidt-Rottluff, dazu viele gute und einige erstklassige Stücke von Barlach, Beckmann, Corinth, ein paar Dutzend Otto Dix, auch Feininger, Carl Hofer, Kokoschka, Kubin, Lehmbruck, Macke, Marc und Paula Modersohn-Becker?

»Nicht einmal ein Ölscheich könnte sich das heute leisten, abgesehen davon, daß er es nicht bekäme. Wie in aller Welt haben Sie das erwerben können?«

Seine flinken, stets kühl beobachtenden Augen blitzen: »Man muß früh genug aufstehen, Herr Koch, Bescheid wissen und hinterher sein. Wissen Sie, ich habe das mit der Muttermilch eingesogen, buchstäblich, meine Mutter war Malerin; wir haben sogar zusammen gemalt. Von ihr lernte ich auch das ›Gegenwartsprinzip‹.«

»Das heißt?«

»Das Gute erkennen, während es entsteht. Ich kannte ja die meisten Expressionisten schon vor und während des Krieges, dann danach in der schlechten Zeit. Den Otto Dix habe ich mir vom Munde abgespart. Für manches bin ich 3. Klasse nach Paris gefahren, bot 320 Mark, wenn die anderen bei 300 paßten, danach konnte ich mir keinen Kaffee mehr leisten.«

Was kann er sich heute leisten? Angenommen, er würde seine Sammlung bei Sotheby’s versteigern lassen? Wenn von den rund 500 Werken jedes nur zehntausend Mark erzielte, wären das schon 5 Millionen. Manche kämen aber auf hunderttausend und mehr, viel mehr. Der Versicherungswert seines Kunstbesitzes dürfte bei weit über 100 Millionen Mark liegen.

Als wir die erste Flasche Baron de L, den Rassigen von der Loire, ausgetrunken haben, sagt er zu Signore Pireddu, dem Oberkellner aus Sardinien, er möchte sie bitte für ihn einpacken. Sammelt er auch Flaschen? »Ich grapsche eben alles zusammen – wie ein Eichhörnchen, das seine Lager später wieder vergißt.« Walter Fritzsche vergleicht ihn in der Einleitung zum Katalog mit einem Biber, der mit seinen Sammlungen Bauteilchen für Bauteilchen zu einem Staudamm zusammenfügt: gegen den Strom der Zeit.

Er ist 1918 geboren, in unserer Generation strömte die Zeit gar mächtig. Der ganz große Durchbruch Buchheims kam spät. Schon in den Sechzigern veröffentlichte er »Das Boot«, den Welterfolg – als Roman, als Film, als Fernsehserie. Er reitet die Welle, das nächste Buch soll »Die Festung« heißen, Brest an der bretonischen Küste ist der Schauplatz. Unentwegt schreibt, dreht und schneidet er Dokumentarfilme, am liebsten alles selbst. »Wenn die kommen und wissen wollen, was ich verlange, sage ich immer nur: Viel, sehr viel und davon das Doppelte. Und Sie werden lachen, ich kriege es.«

Er spricht gern, assoziiert mühelos, nimmt kein Blatt vor den Mund. »Beschissen doof« fühlt er sich allemal, wenn etwas fertig ist. Schöpferische Pause? Das klingt ihm zu nobel. Henry Miller kam einmal zu ihm nach Feldafing, unangemeldet. Mit dem hat er sich großartig verstanden. Von Loriot will er nichts wissen: »Vom Erfolg korrumpiert, im Grunde überhaupt nicht witzig.« Emil Nolde und die Nazis? »Der malte doch lange vor 1933 schon Blut und Boden, dachte, nun käme seine Zeit, ein tragisches Mißverständnis.«

Trotz sprudelnder Rede vergißt er die Tafel nicht. Die winzige Quiche Lorraine auf dem Vorspeisenteller erregt sein Entzücken. Den Zander aus dem Ammersee lobt er bodenständig: »Den kriegen wir in Feldafing auch manchmal.« Er mag Nieren und Bries in einer pikanten Sülze, nickt beifällig zur schon gelösten kleinen, knackigen Lobsterschere. Beim Dessert – es sieht aus wie von Nolde gemalt – bedauert er wohl nur, daß er es nicht mit nach Hause nehmen kann.

Den Schluß bildet zum Espresso ein herrlicher alter, dunkler Calvados, so wie ihn Remarque gefeiert hat. Er schnuppert am Glas: »Witzigmann versteht sein Handwerk. So wie ich meines verstehe. Ich mag nur Leute, die ihr Handwerk verstehen. Ich bin auf bescheidene Weise anspruchsvoll.«

Bedächtig streicht er sich den weißen Kapitänsbart und dann den Bauch unterm Batikhemd und sagt, mich noch einmal aus den Augenwinkeln flink taxierend und so, als wollte er damit auch den gemeinsamen Abend nach Kosten und Nutzen bilanzieren: »Man muß dem Zufall seine Chance geben, damit er voll zur Wirkung kommt.«

HELMUT RAASCH

VORBILD ZUR SEE

War es sein Traum, einmal Traumschiffkapitän zu

werden? »Zur See wollte ich schon mit 15,

und natürlich hatte ich es mir in den Kopf gesetzt,

mein Kapitänspatent zu machen. Aber das Glück,

einmal Kapitän der ›Europa‹ zu werden,

davon kann ein Seemann nicht mal träumen.«

Der Kapitänstisch steht genau in der Mitte des Restaurants. Kapitän Raasch hebt das Glas bedächtig und schaut durch die großen Fenster hinaus – ringsum nur blauer Atlantik: »Wir halten Kurs Nord, fahren zur Zeit 15,2 Knoten und werden morgen früh sieben Uhr Teneriffa erreichen. Backbord von uns jetzt die Kapverdischen Inseln, Steuerbord Mauretanien. Aber selbst wenn die westafrikanische Küste in Sichtnähe wäre, wir würden nichts sehen als Wüste.«

»Wie schaffen Sie es, daß wir immer auf die Minute pünktlich im Bestimmungshafen festmachen?«

»Das ist heute kein Kunststück mehr. Wir kennen Entfernung, Windstärke, Seegang, haben genaue Seekarten und die Standortbestimmung via Satellit mit Magnavox. Wir kennen unsere Maschinenleistung. Den Rest besorgen Radar, Echolot, der wachsame Offizier auf der Brücke und der Rudergänger.«

»Ist der Kapitän eines Kreuzfahrers also nur noch der große Salonlöwe, gut fürs Farbfoto vom Begrüßungscocktail, den Händedruck und das freundliche Wort für jeden?«

»Wenn das alles wäre, hätte ich dieses Kommando nicht übernommen. Der Kapitän ist verantwortlich für das ganze Schiff und alles, was auf ihm und mit ihm passiert. Eigentlich habe ich drei Jobs: Ich bin der Vorgesetzte von fast 300 Mann Besatzung, ich fahre einen 30 000-Tonner als ›Kapitän auf großer Fahrt‹, und ich habe mich um Wohl und Wehe der 600 Passagiere zu kümmern. Das allein kostet allerdings etwa die Hälfte der Zeit.«

»Sind Sie ständig an Bord? Wieviel Urlaub haben Sie? Können auch Sie das Schiff verlassen, wenn Landgang im Tagesprogramm steht?«

»Seeleute werden heute nicht mehr ausgebeutet, jedenfalls deutsche nicht. Reedereien und Gewerkschaft haben Tarifverträge ausgehandelt. Neben hochanständigen Löhnen, Kranken- und Altersversicherung gibt es fast vier Monate Urlaub im Jahr, auch für Kapitäne. Dazu gehört eine feste Arbeitszeit pro Tag, allerdings nicht für Kapitäne. Dazu gehört auch die Möglichkeit, die Ehefrau mitzunehmen.«

Kapitän Raasch erwartet seine Frau in Teneriffa, wo ein Hapag-Lloyd-Charterflug zeitgünstig eintrifft. Bis Bremerhaven wird sie an Bord bleiben. »Es klappt gerade gut mit der Familie, und sie hat ja alles an Bord, was die Kapitänsfrau so braucht. Auch Frau von Neuhoff hat ihren Schrank in der Kapitänskajüte.«

Michael von Neuhoff ist der andere Kapitän der »MS Europa«. Er und Helmut Raasch lösen sich ab, fahren zwischendurch auch mal wieder ein Containerschiff ihrer Reederei. Das haben sie gründlich gelernt, bevor man ihnen das große Passagierschiff anvertraute, den Stolz von Hapag-Lloyd, den größten und schönsten deutschen Kreuzfahrer.

»Wie ist es heute auf einem Frachtschiff, auf einem Tanker?«

»Ehrlich gesagt, ziemlich eintönig. Früher hatten wir oft ein paar Passagiere an Bord. Früher gab es auch noch Geselligkeit bei der Mannschaft. Heute schiebt jeder seine Videocassette in den Recorder, hockt vorm Bildschirm, trinkt sein Bier allein, und das ist es dann.«

»Und ›Schön ist die Liebe im Hafens‹, das ist auch vorbei?«

»Wir haben heute in der Frachtschiffahrt Liegezeiten von durchschnittlich sechs Stunden, jede Minute kostet. Da geht kaum noch jemand an Land. Man kann also auf diese Weise die Welt nicht mehr kennenlernen. Man sitzt komfortabel und sozial abgesichert auf seinem Pott. Das ist nicht zu verachten, aber das ist auch alles.«

Helmut Raasch wurde 1936 in Pommern geboren. Der Vater fiel im Krieg. Gleich nach der Schule verschwand er in Richtung Westen. »Es war ein point of no return. Meine Mutter hat mir das nicht verziehen, bis ich Kapitän wurde. Wenn sie noch lebte, würde ich sie gern mal mitnehmen, hier auf der ›Europa‹.«

Er fing ganz unten an, als »Moses«, als Schiffsjunge »vor dem Mast«, den alle herumstoßen und herumschicken können. »Es war der harte Weg, aber darum habe ich auch heute noch diesen Kontakt zum letzten Matrosen. Ich sitze nicht nur hier beim Galabuffet, sondern gern auch in der Mannschaftskantine, bei Birnen, Bohnen und Speck, zu einem Klönschnack, mit meiner Frau, wenn sie da ist.«

Seine ruhigen, ernsten Augen bekommen einen amüsierten Ausdruck, wenn er wohlwollend-kritisch die Damen in der Abendtoilette und die Herren im Smoking mustert, wie sie um ihn herum speisen und den relativ preiswerten Champagner fließen lassen.

»Gibt es den typischen Kreuzfahrer, Kapitän Raasch? Wer kann sich den Luxusliner leisten, für mehr als 500 Mark pro Tag, und wie sieht der Repeater aus, der immer wieder kommt?«

»Der Repeater ist meistens eine Dame, und wir schätzen natürlich unsere Stammkundschaft besonders, zeichnen sie aus, mit einer silbernen Nadel für 75 Tage an Bord, einer goldenen für 150 Tage. Es kommen auch Gruppen, Leserreisen, Clubs, für die gibt der Kapitän einen Sondercocktail. Im übrigen sind es durchaus nicht nur die sogenannten Kapitalisten, von denen wir leben, die reichen Unternehmersgattinen oder was man ›die oberen Aussteiger‹ nennt. Nein, wir haben pensionierte Beamte, erfolgreiche Handwerksmeister, Zahnärzte, Architekten – ein erstaunlich buntes Spektrum.«

Durchschnittsalter? »Das liegt schon gut über den 50, 60.« Durchschnittsgewicht? »Gehört nicht zum Zuständigkeitsbereich des Kapitäns. Dafür ist der überhaupt wichtigste Mann an Bord verantwortlich, Chefkoch Detlef Löwenberg.«

Und der bietet jeden Tag fünfmal an, was der dicke Bauch der »Europa« hergibt. Es kann ein jeder auswählen aus dem überreichen Angebot, was für ihn bekömmlich ist – nur, die meisten sind gerade auf Kreuzfahrt kein bißchen weise.

Wie viele Passagiere braucht die »MS Europa«, um rentabel zu sein, um nicht das beklagenswerte Schicksal der auch sehr schönen »Astor« zu erleiden?

»Die Reederei rechnet mit einer Untergrenze von 70 Prozent Auslastung. Alles was darüber ist, bringt schwarze Zahlen. Unsere ›Europa‹ liegt mit über 85 Prozent Durchschnittsbuchungen an der Spitze und fährt deutlich Gewinn ein. Das macht natürlich auch dem Kapitän Spaß.«

»Und wieviel Spaß macht das Kreuzfahren dem Kreuzfahrer? Bei den Landgängen hat er doch nie mehr als den Blick durchs Schlüsselloch. Vieles mißversteht er. Und umgekehrt wird auch er von den verschiedenen ›Eingeborenen‹ mißverstanden. Wenn er von seinem weißen Traumschiff steigt, muß er den Afrikanern, den Südamerikanern, Asiaten vorkommen wie ein Wesen vom anderen Stern.«

»Sie sprechen das komplizierte Problem des heutigen Massentourismus an, Herr Koch. Es stimmt, man kann die Welt nicht durchs Schlüsselloch wirklich kennenlernen. Es stimmt auch, daß einige Passagiere vorgestern in Dakar Aggressionen erlebt haben. In der Dritten Welt wachsen die Spannungen. Aber bringt der Tourismus diesen Ländern denn nicht eine Menge dringend benötigter Devisen?«

»Manche leben davon.«

»Drum müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir sie besuchen. Es ist mein Job, Touristen zu befördern, so angenehm wie möglich. Tourismus ist eine der wenigen Wachstumsbranchen der achtziger Jahre. Und der Anteil der Kreuzfahrten wächst.«

Hat der »Europa«-Kapitän, der alle Weltmeere befuhr, und ungezählte Häfen kennt, der ein Menschenführer erster Ordnung sein muß, vor irgendetwas Angst?

»Ja, daß ich einmal zu spät an Bord zurückkommen könnte.«

»Ihr Stellvertreter, der Leitende Offizier, wird wohl kaum ohne seinen Kapitän abdampfen.«

»Das würde ich ihm auch nicht raten. Aber wäre ich dann noch ein Vorbild?«

ELISABETH NOELLE-NEUMANN

DIE SPHINX VOM BODENSEE

Es empfängt mich der Autor des »Kochbuchs

für Füchse«, Professor Dr. Heinz Maier-Leibnitz,

Atomphysiker, ehemals Präsident der Deutschen

Forschungsgemeinschaft, Kanzler des Ordens

Pour le Mérite, Friedensklasse.

Deutschlands prominentester »Gastrosoph« hat für

seine Frau und mich gekocht – in der kleinen Küche

des bescheidenen Häuschens am Bodensee, das

Deutschlands renommierteste Meinungsforscherin

schon seit 1947 bewohnt.

Frau Noelle-Neumanns rasante Mobilität ist ebenso berühmt wie gefürchtet. Vormittags konferierte sie noch in Mainz mit Ministerpräsident Vogel, nun erwarten wir sie beim Sherry in der winzigen, aber mit bibliophilen Schätzen vollgestopften Bibliothek.

Das erste, was wir von ihr sehen, ist ihr Fahrer. Er schleppt Taschen und Koffer, schließlich Akten, Papiere und Bücher herein. Dann steht sie selbst in der Tür, vergnügt und energisch wie eh und je, die lebhaften großen braunen Augen haben sofort alles erfaßt und durchdrungen: »Zweieinviertel Stunden Fahrt, kein schlechter Durchschnitt«, sagt sie.

Was hält sie vom Tempolimit 100?

»Wir werden immer das Äußerste herausholen.«

Schon ist sie wieder weg. Treppe hoch, umziehen, nach knapp zehn Minuten nimmt sie huldreich den Toast mit gebratener Hühnerleber aus der Hand des Gatten entgegen. »Danke, Lieber«, das Telefon klingelt. Sucht der Bundeskanzler ihren Rat am Freitag nachmittag?

Der Professor und Liebhaberkoch, geboren 1911 in Eßlingen, bittet liebenswürdig zu Tisch, er muß in einer Stunde zum Flughafen Zürich, da er heute abend in Oxford eine Herrenrunde hat, allesamt Hobbycooks und Wissenschaftler.

Die Fenster des Eßzimmers bieten Ausblick auf einen Frühsommertag über der idyllischen Reichenau. Schon weht sie wieder herein, die »Sphinx vom Bodensee«, aber weder sie noch ihr Ambiente hier zeigen irgendeine Spur von Mythos oder Mystik. »Ich bin Statistiker, bitte setzen wir uns doch.«

Kennt sie Robert Musils hintergründige Bemerkung im »Mann ohne Eigenschaften« – »Die Statistik ist das Schicksal«?

»Damit meint er vielleicht dies: Individualität geht im statistischen Mittel unter, persönliche Meinung in der öffentlichen.«

In ihren Umfragen finden wir uns plötzlich alle in bestimmten Gruppen wieder, in statistischen Trends. Und die können zum Schicksal werden. Sie hört so intensiv zu, daß sie zu atmen vergißt.

Sie bringt das Kunststück fertig, immer in Bewegung zu sein und nie unruhig zu wirken. Weißen Wein oder roten? Sie greift vom Fensterbrett den 82er Wertersheimer Karlsberg Kabinett für sich und für mich. »Und du, Lieber? Roten?« Ihre Fürsorglichkeit ist allgegenwärtig, auch wenn jetzt ein anderes Telefon schnarrt. Sie ist schon dran, die Suppe aus passiertem Kopfsalat muß einen Augenblick warten. Er sagt: »Ich habe Helmut Schmidt zum 60. Geburtstag meine Suppenrezepte geschenkt.«

»Hat er deshalb neuerdings so zugelegt?« Ein diskretes Lächeln.

Sie ist wieder zurück. »Drüben im Institut haben sie mitgekriegt, daß ich da bin. Jetzt ist Schluß mit dem Telefonieren, gehe nachher sowieso ’rüber.« Aber hat sie nicht selbst erfragt, daß die alten Tugenden kein Thema mehr sind in unserer Bundesrepublik? Fleiß zum Beispiel?

»Gilt nicht für Allensbach, Freitag nachmittag ist die Mannschaft an Bord.«

»Wie viele?«

»Neunzig, abzüglich der Urlauber und der Leute im Außendienst und derjenigen, die wir zur University of Chicago schicken oder mit Chicago austauschen.«

Hat sie tatsächlich Deutschlands kleines aber feines Demoskopie-Institut nach Chicago verschenkt?

»Ja – und mit Freuden. Das Max-Planck-Institut wollte es nicht haben, also . . . Chicago ist tonangebend in den social Sciences. 1500 Professoren kommen da auf10 000 Studenten, es ist eine Forschungs-Uni. Wir haben einen fabelhaften Vertrag geschlossen. Allensbach wird so erhalten wie es ist, das auf der Welt einzigartige Archiv mit Jahrzehnten von langfristigen Umfrageprogrammen bleibt unangetastet, wird weitergeführt.«

Stolz auf ein Lebenswerk? »Gleichsam, ja . . .« Diese beiden Worte sind charakteristisch für sie. Sie erforscht mit Vorliebe soziale Spannungsfelder, ihr »gleichsam« schlägt Brücken. Ja? Ihre Fragen – und sie formuliert auch ihre härtesten Feststellungen lieber in Frageform – schließt sie mit diesem suggestiven »Ja?« ab, ihre Art von »nicht wahr«. Aber Chicago noch aus einem anderen Grund. »Grundlagenforschung muß in unserem Fach international sein. Uns interessieren die anthropologischen Konstanten – wie und was ist der Mensch überhaupt? Und dann darin die kulturspezifischen Varianten – wie und was ist der Amerikaner, der Deutsche. Allensbach – Chicago, ja?«

Das kommt alles selbstbewußt und durchdacht, aber ohne jede Anmaßung oder Überheblichkeit – gleichsam selbstverständlich. Die Ehrenbürgerin von Allensbach verleugnet keine Sekunde die Berlinerin. »Wollten Sie mich doch im Lexikon neulich verjüngen, ja. Unsinn. Zahlen müssen stimmen. Ich bin 1916 geboren, nicht früher, nicht später. Mit 19 schickten mich die Eltern auf eine Weltreise, ganz allein.« Sie waren offenbar großzügig und hatten Weitblick, ungewöhnlich 1935 in Deutschland. »Vor allem hatten sie Mut. Und ich auch. Nichts ist mir passiert. Es war großartig, es hat mich geprägt. In der Geschichte der Menschheit liebe ich nichts so sehr wie das Zeitalter der Entdeckungen.«

Der Gastrosoph buddelt jetzt aus grobem Salz den Kapaun heraus. »Im Salz wird er zart und bleibt trocken. Kosten Sie die Trüffeln. Jetzt ein Glas Roten dazu?« Er bevorzugt den 70er Pomerol, Chateau Domaine de l’Eglise, grand cru. Als Beilagen reicht er knallgrüne Erbsenschoten, zartsüß und seine Lieblingskreation: Kartoffeln Gratin Dauphinois. Die Hausfrau rückt die heiße Kasserolle mit energischem Zugriff selbst in die Mitte der Tafel, die goldbraunen Kartoffelscheiben brutzeln noch.

Elisabeth Noelle aus Berlin, Tochter eines Fabrikbesitzers, Enkelin des Bildhauers Fritz Schaper, war in erster Ehe mit Erich Peter Neumann verheiratet; er starb 1973. Die Spötter unter ihren vielen Freunden und Feinden nennen sie nach ihrer Verbindung mit dem großen Physiker, der noch einen zweiten Doppelnamen in die Ehe brachte: Elisabeth Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz.

Beide lachen, als ich ihnen berichte, daß in der neuesten Ausgabe des deutschen »Who’s Who« sie ihn 1979 heiratete, er sie aber 1980. »Lasse ich berichtigen«, sagt sie.

»Gretchenfrage: Stimmen die Zahlen bei Ihren berühmten Wahlprognosen?«

»Sie sind Weltspitze. Und entsprechend werden wir bewundert, ja. Und kritisiert, angegriffen.« Ist sie empfindlich gegen Kränkungen? »Natürlich. Sie nicht? Da wird die soziale Natur des Menschen verletzt. Es grenzt oft gleichsam an Ehrabschneidung.«

Ist Allensbach pro CDU?

»Ich gehöre keiner Partei an. Die CDU arbeitet ständig mit drei anderen Instituten. Wir haben zu einem Drittel Aufträge aus der Wirtschaft, zu einem Drittel von den Medien, zu einem Drittel aus der Politik. So bin ich unabhängig und kann es bleiben. Wir arbeiten absolut unideologisch. Nur so können wir doch ermitteln und sagen, was wirklich Sache ist, welches Meinungsklima tatsächlich in der Bundesrepublik herrscht und so weiter.«

»Und genau das will Helmut Kohl von Ihnen wissen? Sind Sie nun oder sind Sie nicht sein persönliches Orakel?«

»Wir haben auch für die Regierung Schmidt orakelt, wie Sie das zu nennen belieben. Wahr ist, daß Helmut Kohl schon als Fraktionsvorsitzender in Rheinland-Pfalz, da war er wohl 33 Jahre, mir behilflich war, den Lehrstuhl für Publizistik an der Universität in Mainz aufzubauen. Wahr ist auch, daß ich ihn oft beraten habe, schon bei Landtagswahlen. Heute ist es so: Ich kann ihn jederzeit anrufen, in Bonn oder auch zu Hause in Oggersheim. Er ruft gelegentlich mich an, zweimal im Jahr reden wir acht bis neun Stunden intensiv miteinander, er ist ein guter Zuhörer, stellt fast nur Fragen. Soll ein demokratisch gewählter Regierungschef denn nicht daran interessiert sein, was das Volk wirklich denkt – jenseits der veröffentlichten Meinung?«

Wir gehen auf den Rasen hinaus, ans Seeufer, in eine milde Sonne. Elisabeth, der nimmermüde Motor, kann auch ganz kontemplativ still aufs Wasser blicken, geradezu entrückt. Der Gastrosoph verabschiedet sich: »Alles im Mikrowellenherd gekocht; übrigens, ich arbeite an einem Buch darüber, Elisabeth muß wieder den Titel finden.«

Aus einem Fenster ihres Hauses blickt ein Falke, eine Nachbildung des ägyptischen Horus. »Sehen Sie, er hat eine Geschichte, sie hat gleichsam mit meinem Leben zu tun, mit Leben überhaupt. Ein Kollege brachte ihn als Geschenk für mich aus Chicago mit. Er packte ihn aus, die Schnabelspitze war abgebrochen. Er war verzweifelt. Nun, ich habe dem Falken eine goldene Schnabelspitze machen lassen. Und ist er nun nicht viel hübscher? Aus dem Unglück kann das Glück werden.«

GUIDO BAUMANN

MITTAGS NIE, SAGT DER EPIKURÄER

Das Gespräch beginnt schon im Auto – über Autos:

An einem strahlenden Sommertag. In

einem offenen Jaguar-Sport, Baujahr 1932 (Remake).

Am Ostufer des Zürcher Sees nach Küsnacht zu

kutschieren, ist schon ein großer Spaß.

Von Guido Baumanns Frau Veronique, der Lieder-

macherin, kutschiert zu werden, ist »super«.

Anfang gut, alles gut – Horst Petermann begrüßt uns vor der Tür des kleinen, eher unscheinbaren Hauses direkt an der Seestraße, in dem er das Restaurant Kunststuben in wenigen Jahren zum Zürcher Geheimtip Nummer 1 gemacht hat.

Guido kennt es wesentlich länger als Herr Petermann, der aus Hamburg kommt, in den Vier Jahreszeiten gelernt hat. Guido ist hier um ein paar Ecken in die Schule gegangen, wo er das Abitur machte: »Damals war die Wirtin eine muntere Italienerin. Wir kamen gern her, gerade weil die Eltern das nicht mochten. Die Schweiz war in den dreißiger Jahren noch wesentlich bürgerlicher als heute.«

Was ist bürgerlich? Falls ein festliches Menü an weiß gedeckter Tafel, höfliche Tischsitten, ein leichter Plauderton »bürgerlich« sind, bekennen wir uns beide gern als Bürger. Aber umweht ihn nicht ein Hauch Bohème, den listigen Linksaußen in Robert Lembkes Fragestunde »Was bin ich?« Er trägt über dem offenen Hemd ein hellgestreiftes Sakko, im feuerwehrroten Jaguar weht das wohlfrisierte graumelierte Haar – das könnte durchaus einen schicken Magazintitel geben: A touch of Hollywood at Küsnacht.

Für einen Mann von 59 sieht er fabelhaft aus, rank und schlank, gebräunt, gepflegt, heiter-gelassen. Lebt er vernünftig?

Veronique schaut ihn genauso an, wie man gern angesehen wird von seiner Frau. Jeden neuen Teller (groß, weiß, vornehm, von Hutschenreuther) begrüßt er mit den Augen. Den Schaum von Krebsen mit Broccoli-Salat läßt er auf der Zunge zergehen. Besonders rühmt er den dritten Gang: »Carpaccio vom Reh mit Trüffeln«, die Frau Petermann uns frisch auf den Teller schabt.

»Danke viel Mal«, sagt er mit seinem berühmten Guido-Baumann-Lächeln, als ich ihn zu einem Dézalay überreden will. Er bleibt bei zwei Gläschen Champagner während der gesamten Mahlzeit. Nach dem Dessert noch den Espresso. Ein Digestif? »Mittags nie«, spricht der weise Epikuräer.

Ich könnte mir denken, er war schon immer ein bißchen weise, auch als ganz junger Mann, als er vom Café Odeon aus die Radiounterhaltung der Schweizer Rundspruchgesellschaft leitete. Werner Höfer hielt ihn für ein Wunderkind, holte ihn aus dem Züricher Odeon zum Kölner WDR. Guidos deutsche Jahre begannen. Es begann auch, was ihn vor allem berühmt machte, seine Zusammenarbeit mit Robert Lembke.

»Sie waren ja zu unserem 30. Geburtstag in München, unglaublich fast, daß dies nun schon 30 Jahre läuft. Aber tatsächlich, bereits 1956 saßen wir das erste Mal vor Lembkes Kamera. Er und Höfers Frühschoppen, das sind doch wohl die einzigen Serien des deutschen Fernsehens, deren Dauererfolg amerikanische Vorbilder erreicht.«

»Was bin ich« ist das deutsche Remake der US-Serie »What’s my line?«.

»Es ist unbegreiflich für mich, Guido, wie Sie die Kandidaten einkreisen, durchleuchten und doch wohl öfter und schneller als Annette von Aretin, Marianne Koch, und Hans Sachs den Beruf erraten. Zumeist mit einem ganz trockenen, unterkühlten: Dann sind Sie . . . Sie sehen in diesem Moment wie ein Falke aus, der aus großer Höhe auf sein Opfer herabschießt. Sie wissen ja, es ist manchmal geflüstert worden, das ginge nicht mit rechten Dingen zu.«

Die vielen Fältchen um seine Augen ziehen sich schnell zusammen, die Pupillen verengen sich etwas, das ergibt ein für ihn charakteristisches wachsames Lächeln, im Profil hat er wirklich etwas Falkenhaftes.

»Niemand kann ernstlich meinen, Kungeleien kämen nicht heraus, bei zehn Sendungen im Jahr. Nein, die anderen können es genauso gut. Es ist, nun ja, ein bißchen Menschenkenntnis, ein bißchen Einfühlung, ein bißchen Allgemeinbildung. Und das Publikum hilft indirekt, ich beobachte es aufmerksam.«

»Ist es nicht vor allem Intuition? Sind Sie ein intuitiver Mensch, vielleicht sogar mit medialen Fähigkeiten?«

»Zweifellos gehört Intuition dazu, es ist wohl wirklich die Hauptsache, aber man muß nicht bis ins Parapsychologische gehen. Vielleicht bin ich als Frager so etwas wie das Gegenteil von Günter Gauß, der immer so allwissend wirkt.«

Unschlagbar ist Guido Baumann, wenn es darum geht, einen Künstler hinter der Maske zu erraten, einen Star aus dem Showbusineß. Er verfügt eben auch über eine enorme Personenkenntnis in der Szene.

»Man macht nicht ungestraft jahrzehntelang Unterhaltung. Heute interessiert mich allerdings mehr als alles Entertainment das Schreiben. Ich berate den Ringnier-Konzern, mache Interviews, die gedruckt werden – wie Ihres hier mit mir.«

Wir lachen beide zugleich los über die komische Situation: Bei diesem Tischgespräch interviewt ein Interviewer einen Interviewer. »Wer ist Ihr nächster Partner?« frage ich.

»Voraussichtlich Billy Wilder, er ist 78, aber noch immer einer der interessantesten unter den großen Figuren des amerikanischen Films. Und außerdem fliege ich gern nach Amerika. Ich habe drüben viel gelernt. Wem sage ich das . . .«

Wer war sein ergiebigster Partner?

»Ich möchte keine Zensuren verteilen. Beeindruckt hat mich einmal Rolf Liebermann. Ich fragte ihn, warum er das Komponieren aufgegeben habe zugunsten der Opernintendanz in Hamburg und Paris. Er zögerte lange, ich wartete, und dann sagte er: Es war die Angst vor einem Stück weißen, leeren Papiers.«

»Apropos Angst. Sie wirken bei öffentlichen Auftritten so angenehm locker und unprätentiös, so beneidenswert casual. Ist das angeboren oder hart erarbeitet?«

Er betrachtet angelegentlich und ernst eine kleine blaue Blüte, mit der Herr Petermann die frischen Wald- und Wiesenbeeren des Desserts garniert hat. Dann blickt er mich so freundlich und offen an, wie nur er das kann: »Ich bin ausgesprochen kamerascheu. Ich war immer ein eher schüchterner Mensch.«

Als er den roten Jaguar wieder startet, Veronique an seiner Seite, denke ich: Vermutlich ein Mann ohne Feinde, ein Mann mit dem seltenen Talent zur Freundschaft, man fühlt sich einfach wohl in seiner Gegenwart. Ist da nicht eine Spur von Traurigkeit, von Resignation und viel Nachdenklichkeit hinter all dem Lächeln, der Grazie, der Weltläufigkeit?

Der berühmte Titel der Gedichte Eugen Roths könnte für ihn erfunden sein: Ein Mensch.

GEORG STEFAN TROLLER

PERSONENBESCHREIBUNG

Ich bin stets gern etwas früher am Tisch als

mein Gast. Am Abend eines schwülen

Pariser Sommertages gibt es kaum etwas Schöneres,

als bei einem Glas Champagner mit frischem

Aprikosensaft unter dem geöffneten Dach des

Restaurants »Lasserre« auf einen Freund zu warten.

Das üppige Grün der mächtigen Kastanien,

die die Avenue Franklin D. Roosevelt säumen,

überwölbt schattenspendend

den klassizistisch dekorierten Gourmettempel

mit den drei Sternen im Michelin.

Noch plaudern die Garçons dezent im Hintergrund miteinander. Eine resolute Amerikanerin marschiert an der Spitze einer Schar junger Leute herein, der reservierte Tisch gefällt ihr nicht, Headwaiter Jacques runzelt diskret die Stirn, zieht seine Platzverteilungsskizze zu Rate, und die höflich wartende Runde aus Übersee erhält die gewünschte »cosy corner«.

Aber schon kommt das nächste Problem auf Monsieur Jacques zu. Mit besorgter Miene, die mich an Andrej Gromyko erinnert, nähert er sich meinem Tisch: »Excusez, Monsieur Kosch!« Im Französischen klingt mein Nachname weicher. »Ihr Gast wartet unten im Foyer auf Sie, es gibt da ein Problem.«

Er geleitet mich zum Fahrstuhl, greift sich an seine Frackschleife: »Der Herr trägt keine Krawatte, und im Lasserre, Sie verstehen . . .«

Unten treffe ich auf einen wütend paffenden Georg Stefan Troller. »Es ist unerhört, was bilden die sich ein, normalerweise würde ich wieder gehen. Hier habe ich Peter Handke interviewt. Und nun dieses Theater.«

Nicht einmal der Ärger verändert den unverwechselbaren Klang seiner Stimme, mit dem er seit gut 30 Jahren deutsche Radiohörer und Fernsehzuschauer betört, besonders die älteren wie jüngeren Damen.

Während ich seine charmante, aber ebenfalls wütend paffende Frau Kerstin begrüße, geht mir durch den Kopf, was im Französischen so hüsch »corriger la fortune« heißt. »Darf ich Sie anfassen, George? So hieß es doch beim Militär.«

Ehe er sich wehren kann, habe ich ihm seinen seidenen Schal, den er unter dem Hemd trägt, gelöst, den Hemdkragen umgeschlagen, das Tuch außen herumgebunden, ein Knoten, und fertig ist der Schlips.

»D’accord?« frage ich Monsieur Jacques. Er neigt resigniert das Haupt, Kerstin löscht ihre Zigarette, George sagt: »Na, da haben Sie gleich einen netten Aufhänger für Ihr Tischgespräch.«

Es bleibt die einzige Unstimmigkeit des Abends. Der mit Goldenen Kameras, Grimme-Preisen, Bambis überschüttete, vom Fernsehruhm verwöhnte Kollege ist ganz der nachdenkliche, auf jene ausgestorbene, unwiederholbare jüdisch-wienerische Art urbane Mann, als den ich ihn Anfang der fünfziger Jahre zum ersten Mal in Paris traf.

»Wissen Sie noch, was eine Maihak war?« frage ich ihn. »Na, hören Sie, ich bin doch jahrelang mit dem irrsinnig schweren Ding herumgelaufen, habe all meine Rundfunkreportagen für den Südwestfunk damit gemacht.«

Wir erklären den Damen, daß dieses erste tragbare Tonbandgerät der Nachkriegszeit, das »Sendequalität« lieferte, noch mit der Hand aufgezogen wurde, daß es unser unentbehrliches Handwerkszeug war – für ihn in Paris, für mich in Berlin.

Natürlich muß ich die geflügelten Worte sprechen, die allen »alten Kameraden« einfallen, wenn sie zurückdenken: »Wer hätte das gedacht, George, als ich Sie im verbeulten Trenchcoat und erheblich schlanker zum ersten Mal in einem Bistro traf, und Sie mir St.-Germain-des-Prés zeigten, mit Sidney Bechets Klarinette im Jazzkeller, den es nicht mehr gibt, und mit Sartre, den es auch nicht mehr gibt, beim Aperitif im Café Flore?«

»Sie meinen, wir haben uns nicht träumen lassen, daß es einmal zu einem Diner im Lasserre langen würde. Weiß Gott.«

Das Menü muß gewählt werden. Er nimmt eine Vichyssoise, für »nebbich« 95 Francs die billigste Vorspeise. Mit Bleistift ganz zart sind Girolles Fraîches, frische Pfifferlinge am Rand notiert, dafür entscheidet sich Kerstin. Bei den Entrées sinnt George über das Pigeon André Malraux nach und schüttelt den Kopf: »Der streitbare Kulturzar de Gaulles und ein Täubchen?«

Spätestens jetzt ist mir klar: das wird ein langer Abend. Fünfzig Folgen (oder mehr) hatte seine Serie »Personenbeschreibung« – er weiß unendlich viele Anekdoten von seinen Interviewpartnern. Und wie er sie erzählen kann! Wer war ihm der liebste?

»Fast möcht’ ich sagen: der Handke. Ich mochte seinen sensiblen Humor, seine leise Melancholie. Und er ist großzügig. Als junger Schriftsteller bestimmt kein Krösus, lud er uns hierher ein und gab sein ganzes Honorar dafür aus.«

»Wen hätten Sie besonders gern noch vor Ihrer Kamera gehabt? Nur als Idee, es muß kein lebender Unsterblicher sein.«

Ohne zu zögern sagt er: »Arthur Schnitzler, Josef Roth, Hemingway.« Er bittet mich dringend, eines seiner Davidoff-Zigarillos zu probieren. Wir trinken einander zu. Er sagt: »Gewiß ist das alles hier vortrefflich, aber . . . schicken Sie mich bitte nicht weg, wenn ich ehrlich sage: Ich bin kein Gourmet, ich bin ein Bauer, ich mag einfache Sachen.«

»Und komplizierte Menschen. Oder nur vor der Kamera?«

Er lehnt sich zurück, wiegt das mächtige Haupt, streicht den weißen Bart. »Alle Probleme der Menschheit kommen aus dem einzelnen Menschen. Also interessiert mich der einzelne Mensch, wenn ich unsere Welt verstehen will.«

»Aber dieses Interesse allein löst die Zunge des anderen nicht.«

»Es kommt auf das Klima eines Gesprächs an. Mein Partner darf sich niemals uneasy fühlen mit mir.«

»Bringt man wirklich allein damit die Leute zu einer Art seelischem Striptease, wie Sie, George, das besser können als jeder andere?«

»Sie fragen beharrlich. Wir sind ja auch zwei alte Dinosaurier unserer Spezies, wir sterben aus. Also, vielleicht ist es dies: Ich versetze mich in meinen Gesprächspartner, ich identifiziere mich vorbehaltlos mit ihm, auch wenn er ein Verbrecher ist. Aber der Interviewte – und das mag Sie überraschen – versetzt sich auch in mich.«

Georg Stefan Troller hat einen vielbeachteten Film über Sigmund Freud gemacht. Meint er das Phänomen der Übertragung? Auf Freuds berühmter Couch entwickelt sich eine positive (zärtliche) oder negative (feindliche) Beziehung des Patienten zum Therapeuten – um so intensiver, je tiefer der Patient seine unbewußten Regungen, seine Libidobesetzung, preisgibt. Trollers Kamera als Couch?

1938 ist er wie Freud aus Wien emigriert. Von 1943 bis 1948 war er Soldat der amerikanischen Streitkräfte. Der Zufall hätte es wollen können – wir sind gleichaltrig –, daß er mir einmal an der Front gegenübergelegen hätte. Diese Seite, jene Seite – ein paar »rassische« oder »völkische« Ingredienzien können es entscheiden, so oder so.

»Pariser Journal«, »Pariser Geschichten« – Meilensteine der Erfolgsstory Georg Stefan Troller. Wurde er zum Pariser?

»Ganz und gar nicht. Viel lieber wäre ich Amerikaner geworden. Mein Englisch ist wesentlich besser als mein Französisch. Victor Hugo hatte 8000 Worte, Goethe 15 000, Shakespeare 30 000. Das französische kennt witzige Verbindungen, ist aber eine vergleichsweise arme Sprache. Für mich ist Sprache ein Essential. Ich bin aufgewachsen mit Karl Kraus und Alfred Polgar und Egon Friedell. Das vergißt sich nie.«

Ich erzähle ihm von einem Pariser Eindruck: Jedes Mal sehe ich hier mehr Afrikaner, mehr Araber – jedesmal wirken sie dominierender, selbstbewußter, manchmal auch anmaßend. Dasselbe begegnet mir in London. Was ist das? Steigt der Bevölkerungsdruck der Dritten Welt wie eine Flut? Ist die westliche Welt eine Art Venedig, dessen Fundamente fast unmerklich in dieser Flut versinken?

Er lächelt und sieht jetzt wirklich aus wie der Wunder-Rabbi aus Martin Bubers »Geschichten der Chassidim«. Er hebt sein Glas, blickt durch die hohen Fenster mit den Brokatportieren auf die nun nachtdunkle Avenue Roosevelt, trinkt mir noch einmal zu und sagt: »Der weiße Mann geht.«

JESCO VON PUTTKAMER

MIT MONOKEL BIS NACH STALINGRAD

Selbstverständlich ist er auf die Minute pünktlich –

als ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik

Deutschland in vier Ländern und als preußischer

Edelmann von altem Schrot und Korn.

Auch seine Frau Marianne, geborene von Kessel,

als Tochter einer schwedischen Mutter in Schweden

aufgewachsen, würde nie eine Sekunde zu lange

vor dem Spiegel stehen. Sie gehört dem

Diplomatischen Korps noch länger an als er selbst.

Ich lernte sie in Washington kennen.

Als Frau des Kulturattachés Hans Erich Haack

machte sie ihr schönes Haus hoch über dem

Potomac zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt.

Ihr Lachen war so berühmt wie ihre Küche.

»Die Frau des Botschafters«, sagt Herr von Puttkamer, »ist mindestens so wichtig wie er selber. Du mußt so etwa ein Diner pro Woche geben, du hast jede Menge Cocktails, manchmal hochgestellte Gäste. In Stockholm kamen natürlich Silvia und der König zu uns.«

»Ich habe Siliva 1972 als Olympiadehostess kennengelernt – reizend. Wie macht sie sich auf dem Thron?«

»Reizend, reizend,« sagt er, lacht, und zieht dabei die eine Augenbraue so hoch, daß ich denke: Eigentlich könnte er gut ein Einglas tragen. Ich sage es ihm.

Er fixiert mich amüsiert mit seinen blauen Augen: »Ich trug Monokel, mein Lieber. Das gehörte sich einfach für einen Offizier des Kavallerieregiments 5. Und ich habe das Ding erst in Stalingrad abgesetzt, nach der Kapitulation.«

»Du hast dich in all dem Chaos vermutlich an so ein äußerliches Statussymbol geklammert, als eine Art Halt. Kavallerie, dann bist du im Polenfeldzug 1939 tatsächlich noch Attacke geritten?«

»Ja, es waren die letzten Kavallerieschlachten der Geschichte, wir hatten einen tapferen Gegner. Dann stiegen wir um in die Panzer.«

Der 1919 geborene Oberleutnant Jesco von Puttkamer, Sohn eines preußischen Generals, auch mit Bismarck verwandt, dessen Frau Johanna von Puttkamer hieß, gehörte zum Stab der deutschen Armee, die 1943 bei Stalingrad vernichtet wurde.

Er sagt knapp: »Die 6. Armee hatte 280 000 Mann. 90 000 wurden gefangengenommen. 5000 kamen nach Hause.«

»Ein Menschenopfer wie Hiroschima und Dresden zusammen.«

»Wir erlebten es wie eine Vorwegnahme des Untergangs von Deutschland.«

Jesco von Puttkamer hat das Bekenntnisbuch geschrieben: »Die Geschichte des Nationalkomitees Freies Deutschland«. Er gehörte zu den Offizieren, die zusammen mit kommunistischen deutschen Emigranten wie Pieck und Ulbricht unter sowjetischem Patronat die Beseitigung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und einen raschen Friedensschluß anstrebten.

»Warum waren die Russen gerade an großen preußischen Adelsnamen interessiert?«

»Sie waren unglaublich gut über alles informiert, was in Deutschland, in der Wehrmacht, rund um den ›Führer‹ herum vor sich ging. Sie erwarteten einen Putsch gegen Hitler, und sie nahmen an, daß der von Offizieren getragen würde, die aus dem konservativen Widerstand kamen.«

»Viele Opfer des Aufstands vom 20. Juli 1944 trugen die Namen ruhmreicher preußischer Adelsfamilien. Die Seydlitz, Einsiedel, Puttkamer im Nationalkomitee Freies Deutschland sollten also von außen eine Art Brücke bilden, hinüber zu den Kameraden, die den Sturz Hitlers von innen her planten: Stauffenberg, Beck, Yorck, Schulenburg, Schlabrendorff. Du hast in der Kriegsgefangenschaft Russisch gelernt?«

»Ja, aber vor allem habe ich deutsche Bücher gelesen, die ich nicht kannte: Thomas und Heinrich Mann, Tucholsky. Wir hatten doch keine Ahnung. Auf dem humanistischen Gymnasium lernten wir, Homer und Vergil im Original zu lesen, aber neueste, deutsche Literatur, zumal ›linke‹, trat doch überhaupt nicht in Erscheinung.«

»Ein anderes deiner Bücher heißt im Untertitel ›Irrtum und Schuld‹. Es ist ein weiter Weg, den du zurücklegen mußtest. Der Junker aus Hinterpommern erlebt bei Stalingrad die große Götzendämmerung, findet zum Widerstand gegen Hitler, kehrt heim, wird Redakteur beim französischen Kurier und der amerikanischen Neuen Zeitung in Berlin, Chefredakteur des SPD-Organs Vorwärts und schließlich deutscher Botschafter in Israel, Belgrad, Lissabon und Stockholm.«

Er hat die seltene und so angenehme Gabe, zugleich ernst und heiter sein zu können, und so sagt er, indem er das Glas hebt: »Offenbar aber war mein Weg nicht zu weit für unsere Begegnung an diesem festlich gedeckten Tisch, zusammen mit unseren Frauen. Es lebe der Ruhestand!«

Unser Gespräch beansprucht mich thematisch so sehr, daß ich die Köstlichkeiten, die auf den Tisch kommen, manchmal gar nicht genug würdige. Jesco und seine Marianne haben da freilich Routine. Was ein Botschafter auf seinem Posten ausrichten kann, ereignet sich weniger in den Amtsstuben der Außenministerien, eher schon bei einem guten Essen.

Jesco erzählt: »In jenen Zeiten, als Botschafter noch mit der Kalesche, im Zylinder und ordensgeschmückt vorfuhren, war die Küche des Botschafters ein Teil der kulturellen Repräsentation seines Landes. Heute findest du diese noch bei den Franzosen. Sie kostet Geld. Ein Botschafter der Bundesrepublik Deutschland muß seine Einladungen aus der eigenen Aufwandsentschädigung bezahlen.«

»Wie wurdest du eigentlich Seine Exzellenz, der Herr Botschafter?«

»Ganz einfach: Willy Brandt schickte mich 1971 nach Israel, zu Golda Meir.«

»Jerusalem gilt nicht gerade als gemütlicher Posten. Hat er eben deshalb dich erwählt?«

»Du warst ja hier in München Reporter bei den Olympischen Spielen, als der Anschlag auf die israelische Mannschaft verübt wurde. Ich erlebte die Reaktion in Israel, mußte versuchen, sie abzufangen. Weiß Gott, keine ›gemütliche‹, aber eine wichtige Aufgabe.«

»Die du nicht allein, aber wohl auch deiner SPD-Zugehörigkeit verdanktest. Dennoch hat dir nie jemand nachgesagt, du seist ein ›SPD-Botschafter‹ gewesen.«

»In die SPD bin ich hier in München eingetreten, als ich bei der Süddeutschen Zeitung war und mich Waldemar von Knoeringen, damals Landesvorsitzender der SPD Bayerns, politisch am meisten überzeugte. Später in Bonn kam ich Brandt recht nahe und empfinde es als Ehre, sagen zu dürfen, daß ich mit ihm befreundet bin.«

Das Dessert ist serviert: Blätterteigtüte mit Beeren und VanilleEis. Zum Mokka werden frische Pralinen gereicht. Leider kein Platz mehr dafür im Magen. »Schade«, sage ich, »man müßte sie einpacken.«

»Dazu gibt es eine Geschichte«, Jesco – sonst kerzengerade am Tisch sitzend, Ellenbogen angelegt – lehnt sich behaglich zurück. »Mein Vater absolvierte, wie es sich gehörte, als junger Kerl seine Zeit als Page bei Hofe in Berlin. Wenn Seine Majestät, Wilhelm II., die kaiserliche Familie und die Gäste das Mahl beendet hatten, griffen sich die Pagen die übriggebliebenen Leckerbissen und füllten damit Wachstuchtaschen, die sie in die Uniform eingenäht hatten.«

Es ging knapp und sparsam zu in den Häusern des preußischen Landadels, zumal in Hinterpommern. »Das große Abenteuer meines Vaters waren seine Jahre als Offizier der Schutztruppe im afrikanischen Deutsch-Kamerun vor dem Ersten Weltkrieg. 1919 führte er ein Freikorps, dann ein langsamer Aufstieg in der Reichswehr, dann Hitler, den er verachtete. Auch kein leichtes Leben.«

»Wie würdest du dein Verhältnis zum Vater charakterisieren?«

»Respekt.«

»Und das deiner vier Töchter zu dir?«

Er erhebt sich zu vollem Gardemaß, rückt seiner Frau den Stuhl und sagt: »Da zitiere ich am besten den alten Fontane mit dem Schlußsatz der Effi Briest: Ach laß, Luise, das ist ein weites Feld . . .«

KURT SONTHEIMER

FREUNDE, DAS LEBEN IST LEBENSWERT!

Professor Sontheimer, Politikwissenschaftler

am Geschwister-Scholl-Institut der

Münchner Universität, gefeierter Redner auf

Evangelischen Kirchentagen,

scharfsinniger Interpret Thomas Mannscher Ironie:

Er ist bedächtig, bescheiden und zuweilen

fast scheu. Man könnte sich ihn als Weinbauer in

den Reben des badischen Kaiserstuhls vorstellen . . .

Am Nebentisch nimmt Hans Jürgen Bäumler Platz, um ihn sieben Frauen. »Eine toller als die andere«, sagt Frau Sontheimer (Berlinerin). Ich versage mir hinzuzufügen: »Eiskunstläufer müßte man sein.« Der Professor aber schaut mich so hintergründig an mit seinen dunklen Augen hinter scharfer Brille, als dächte er dasselbe. Zweifellos aber würde sein so hochgeehrter kritischer Geist sofort abwiegeln, etwa so: »Sieben? Na, na . . .«

Otto Koch, mein Namensvetter, jedoch nicht verwandt oder verschwägert, betrachtet uns inzwischen väterlich mit erwartungsvollen Augen unter hoher weißer Mütze und über urigem Bart. Natürlich empfiehlt er sein Semmelknödelsoufflé, und natürlich denken wir dabei an Karl Valentins unvergeßlichen Dialog mit Liesl Karlstadt über die korrekt bayerische Aussprache des Wortes Semmeln-Knödeln. Chefkoch Koch versteht unser Lachen hoffentlich nicht falsch, denn er erklärt uns nun sehr ernsthaft seine Philosophie der Veredelung der bayerischen Volksküche und verweist dezent auf eine Weißwurst von Meeresfrüchten auf Senfbutter in seiner großen Speisekarte.

Inzwischen füllt Sommelier Marcel die Pokale mit dem Champagner des Hauses, und Professor Sontheimer erregt sofort das Entzücken des Oberkellners (»Moi, je suis Marcel de Lyon, Monsieur!«), als er mit ihm in makellosem Französisch über Lagen und Finessen der Weine der Champagne parliert. Schließlich hat der Homme de lettre Kurt Sontheimer in diesem Jahr die Memoiren Raymond Arons ins Deutsche übertragen und dafür – auch dafür – viel Lob geerntet. Der bedeutendste französische Politikwissenschaftler und Soziologe unserer Zeit steht zweifellos dem Denken Kurt Sontheimers nahe, und sollten sich beide Herren einander dermaleinst auf dem Parnaß der erlauchten Geister des Jahrhunderts begrüßen, werden sie die großen Gegenstände dieser Welt hier unten aus brüderlicher Sicht gemeinsam bedenken und bekritteln.

Die Stimmung des Abends ist aufgekratzt. Die Sontheimers wollen am anderen Morgen in den Urlaub nach Portugal aufbrechen. Der Professor hat einigen Ärger an der Uni in München und eine große Ehrung in Bonn hinter sich und – einen Herzinfarkt vor einigen Monaten. Ich schaue ihn mir näher an. Ich fand ihn immer vitaler, robuster, als er auf den ersten Blick wirkt und als seine sanfte, stets freundlich-verbindliche Art ahnen läßt. Hat ihn die durchaus lebensgefährliche Herzattacke verändert? Will der 57jährige nun womöglich in »die Zugabe« an Lebenszeit möglichst viel hineinpressen? Oder wuchs ihm klärend-abklärende Distanz zu?

Wir essen und trinken zu gut, reden zuviel, als daß ich so ernste Fragen an diesem Abend beantwortet finden könnte. Was verschlägt’s? Unsere Damen und wir beiden alten Freunde schwatzen und lachen kreuzweise durcheinander. Habe ich Kurt je so heiter erlebt? Oder ist jetzt doch ein bißchen mehr Lebenshunger in der Art, wie er diagonal zwischen den Themen hin und her hüpft, das Glas hebt, die Zigarette unterdrückt. Ich denke, später vor der Tür wird er singen: »Freunde, das Leben ist lebenswert . . .«

Das tut er jedoch keineswegs. Es wäre dem strikten Verkünder von Aufklärung und Rationalismus wohl doch zu enthusiastisch, zu emotional und unkontrolliert. Wir sprechen vom Reisen und – wie könnte es anders sein – vom Zustand der Demokratie »in diesem unserem Lande«. Es amüsiert ihn der »preußische Feldwebelbart« Marcels de Lyon, ein Bilderbuch-Moustache. Aber sein nächster Satz ist ernst und lautet: »Nein, die Gefahr der Verführung besteht nicht mehr. Ich habe Vertrauen in die politische und geistige Entwicklung der Bundesrepublik.«

»Haben wir der Nation etwas zu sagen?« fragt er mich später. »Und wer hat ihr etwas gesagt? Wer ist heute das geistige Deutschland? Marion Dönhoff, Weizsäcker, dieser Glücksfall eines Bundespräsidenten?«

Der gab ihm die Ehre, als er vor wenigen Wochen in Bonn den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik erhielt. Hans Maier sprach die Laudatio. Der bayerische Kultusminister würdigte Sontheimers Standardwerk »Grundzüge des politischen Systems in der Bundesrepublik«, seine Arbeiten über die Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik, sein letztes Buch »Zeitenwende« mit der fundierten Absage eines Sozialdemokraten an alle linken Liebäugler mit »alternativer« Politik.

Sontheimer schätzt Maier, Maier schätzt Sontheimer. Da ist ein Grundkonsensus der beiden Münchner Professoren für Politikwissenschaft, der reicht über die verschiedene Konfessionsund Parteizugehörigkeit hinweg – und trägt. Auch weil sie beide aus der heitersten, lebensoffensten Provinz Deutschlands kommen, aus Baden? Sicher auch das, aber keineswegs nur das. »Laissez-faire – laissez-aller« nennt Kurt Sontheimer in dem informativen, höchst aufschlußreichen Fragebogen, den das FAZ-Magazin an Prominente verschickte, sein Motto (Schlagwort des wirtschaftlichen Liberalismus, insbesondere des 19. Jahrhunderts, nach dem sich die von staatlichen Eingriffen freie Wirtschaft am besten entwickelt / Schlagwort für das Gewährenlassen).

Wie das? Der Mann, der mir eben noch sagte: Man muß sich bekennen, als ich ihn fragte, warum er gegen die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität München an Franz Josef Strauß zu dessen 70. Geburtstag gestimmt habe, derselbe Mann bekennt sich zu einer so liberalen Maxime? Gewiß doch – und gerade deshalb ist er gegen Personenkult und gegen große Männer, die seinem Ideal der Toleranz nicht ganz entsprechen.

Professor heißt Bekenner. Ich könnte mir Professor Sontheimer, den Politikwissenschaftler am Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Universität, den gefeierten Redner Evangelischer Kirchentage, den scharfsinnigen Interpreten Thomas Mannscher Ironie auch als Weinbauern in den Reben des badischen Kaiserstuhls vorstellen. Er ist bedächtig, bescheiden und zuweilen fast scheu. Er ist down to earth; der Flug der Gedanken bleibt stets realitätsbezogen, wirklichkeitsnahe.

Gute Politik, das ist für ihn kein himmelstürmendes Gewabere der Ideologien, sondern sie soll ganz konkret und praktisch dem Menschen dienen. Und dem Menschenrecht!

Als die Damen die rosarotgebratenen Lammrückenscheiben nicht mehr schaffen, würdigt er auch noch dieses letzte Hauptgericht im »Le Gourmet« gebührend, schlürft den dekantierten edlen Roten aus Burgund und hat doch noch Lust, meine Frage »Was ist für dich politische Kultur?« blitzschnell mit einem einzigen Wort zu beantworten: »Stil.«

Zu der FAZ-Frage »Ihre Lieblingsbeschäftigung?« sagte Kurt Sontheimer: »Geistvolle Geselligkeit en miniature.« – Voilà!

MARGARETE MITSCHERLICH

NIEDER MIT DEM MANN!

Sie kommt geschwinden Schrittes in die Halle.

Ein Kaminfeuer lodert, eine

Buchmessen-Party formiert sich schnatternd.

Es ist was los an diesem Abend

im schönsten Hotel der Rhein-Main-Region,

dem Gravenbruch-Kempinski. Wir

geraten in eine Gruppe von hungrigen Engländern,

schwimmen gewissermaßen im Strom mit

– dem oppositionellen Charakter meines Gastes

zutiefst zuwider, nehme ich an –

bis vor die Tür des Allerheiligsten: das kleine

Gourmet-Restaurant,

vier Gabeln, ein Stern im Michelin.

Deutschlands wohl bekannteste, auch streitbarste Psychologin sitzt nun links von mir, da ich die Tischmitte erwische, es fügt sich so, aber es ist auch nach der politischen Links-Mitte-Rechts-Symbolik nicht ganz verkehrt. Wir genießen die plötzliche Stille, schauen uns an und müssen beide lachen. Das entspannt.

Wir haben jeder für sich einen trubligen Tag hinter uns. Ihr sieht man es nicht an; Jahrgang 1917, was sie nirgendwo verschleiert. Die bemerkenswert blauen Augen strahlen, der Händedruck ist fest, das kurz geschnittene, dunkelblond gehaltene Haar ist ein flotter Akzent über dem eindrucksvollen, schönen Gesicht, das die Jahre nur intensiver machten.

Sie kostet sehr gemächlich den von mir vorgeschlagenen Loirewein. »Wirklich ein großer Wein«, sagte sie anerkennend, und ich fürchte ein bißchen, daß dies heute abend der letzte Augenblick herzlicher Übereinstimmung sein könnte. »Wenn man allein ist«, fügt sie hinzu, »dann hilft das ein bißchen.« Und sie deutet auf die ausdrucksvoll geformte Flasche. »Wird es mehr als eine Flasche am Abend?« will ich wissen. »Nein, nein!« Wunderbar, wie sie immer, wenn’s brenzlig wird, kräftig lachen kann.

»Fortiter in re, suaviter in modo«, fällt mir in der hitzigen Mitte des Gesprächs ein, Lieblingsspruch unseres Lateinlehrers: Stark in der Sache, milde in der Form. Allein, auch ihre Form . . .Jedenfalls bekräftigt sie zweimal an diesem Abend einen starken Ausspruch mit einem derben Schlag der rechten Hand auf den Tisch und einem »Verdammt noch mal!« Der erste starke Ausspruch lautet: »Die Sexualität der Frau ist die stärkere; auch das werden die Männer begreifen müssen.«

Auch das. Und was noch? Ich habe ihr neuestes Buch gelesen:

»Die friedfertige Frau«. Der Titel ist reine Ironie. Margarete Mitscherlich ist eine Vorkämpferin der Emanzipation, und sie ist es mit dem Rüstzeug der Psychoanalyse. Viel zu lange, meint sie, waren die Frauen unterwürfig, duldsam, eben friedfertig. Sie »verinnerlichten den Masochismus«, den die Männer ihnen aufzwangen – seit Jahrtausenden. Damit ist nun Schluß. Margarete Mitscherlich, Alice Schwarzer und all die anderen, bös herablassend Emanzen genannt, ziehen aus, ihre vergewaltigten Geschlechtsgenossinen zu rächen.

Du wirst in keiner Sekunde aggressiv ihr gegenüber, komme, was da wolle! Dies hatte ich mir fest vorgenommen. Es fiel mir nicht schwer, denn ich hatte aus ihrer »Untersuchung zur Agression der Geschlechter« wirklich dazugelernt. Und zum anderen ist sie nicht der Typ Frau, der mich auf irgendeine Palme bringt. Im Gegenteil, es reizt mich zu versuchen, sie von ihrer Palme herunter zu holen. Was natürlich nicht gelingt. Aber um fair zu sein – was sie notabene in Sachen Frau contra Mann keineswegs ist, auch nicht sein will: Frau Dr. Mitscherlich strahlt bei allem Engagement so viel Wissen, Güte und – sie möge verzeihen – Mütterlichkeit aus, daß ich auch dann noch frei herauslachen kann, als sie wieder auf den Putz haut und sagt: »Krieg, Gewalt, Terror, Versklavung, Folter, Atomwaffen – alles ›Männersache‹, männlicher Todestrieb, männliche Projektionen der eigenen Aggressivität in den jeweiligen Feind und Prügelknaben.«

»Verdammt noch mal«, hätte ich beinahe hinzugefügt, »machen denn nicht gerade Sie aus uns Männern Ihren großen Prügelknaben?« Aber ich sage lieber »Skol«, denn die als Margarete Nielsen in Dänemark geborene Frau des verstorbenen grand old man der deutschen Psychoanalyse, Alexander Mitscherlich, ist in ihrer fröhlichen Festigkeit, mit ihrem auch noch im Zorn spürbaren Humor durchaus ein dänisch-skandinavischer Typ. Und ganz offenbar macht sie feine Unterschiede. Nicht alle Männer sind für sie Teufel. Sie tut mir sehr liebenswürdig Bescheid, sie erzählt mit Hochachtung und Zuneigung von Alexander, den sie viele Jahre lang aufopfernd pflegte, bis er sterben durfte. Sie spricht anerkennend vom Sohn, den sie vorehelich bekam.

»Margarete«, ich setze vorsichtig an, ganz friedfertiger Mann, »halten Sie es wirklich für hilfreich, so zu polarisieren, wie Sie es tun? Sie kämpfen für den Frieden, auch politisch, und in den zwischenmenschlichen Beziehungen . . .«

»Warten Sie! Polarisation, wie Sie das ganz richtig nennen, muß sein, bevor die Männer von ihrem angemaßten Patriarchenthron herabsteigen. Sie wissen doch, daß in der Geschichte nie jemand freiwillig Privilegien aufgegeben hat.«

»Also Revolution. Also wollen Sie, daß die Frauen männliche Aggressivität entwickeln müssen, Macht mit Gewalt anstreben, um dann . . . ja was? Die bessere Welt des Matriarchats zu begründen, in der die Erde und der Mensch nicht mehr ausgeplündert, ausgebeutet werden?«

»Zunächst einmal«, eröffnet meine Jeanne d’Arc des psychoanalytischen Feminismus die nächste Partie, »wir können natürlich gar keine männlichen Aggressionen entwickeln, einfach weil uns dazu der Phallus fehlt, weil narzistische Kränkungen bei uns nicht zu Paranoia, zu Größenwahn führen. Unsere Ängste werden nicht zu sadistischen Phantasien, nicht zu abstrakten Feindbildern.«

Während ich zuhöre, muß ich – auf meinen männlichen Pol fixiert – denken: Auch nicht bei Maggie Thatcher? Wer schickte unbeirrbar die Boys nach Falkland sterben? Die eiserne Lady. Und sie hat doch ganz ohne Zweifel auch keinen . . .

Wir beugen uns, obwohl so gräßlich polarisiert, über das »himmlische« (sie sagt das so nett wie ein Backfisch) Soufflé und bestellen zum Kaffee noch einen tiefbraunen Cognac.

Sie lehnt sich im Stuhl zurück: »Eine schöne Abwechslung, solch festliches Essen. Obwohl ich nie mehr zu tun hatte als jetzt, nach dem Tode Alexanders. Immer noch Patienten, natürlich. Die Zeitschrift ›Psyche‹, die Medien, die Buchpläne. Und mal eine Reise nach Nigeria zum Sohn und den zwei Enkeln. Und die Arbeit für den zivilen Ungehorsam, für den Frieden in der Welt, für die Befreiung der Frau, was ja alles ein und dasselbe ist.«

Wirklich, möchte der friedfertige Mann in mir sagen. Aber ich leere lieber das letzte Glas auf sie und sage: »Skol, nieder mit dem Mann!«

PHILIPP VANDENBERG

MIT KLEOPATRA PER DU

Nobler kann ein Gespräch kaum anfangen.

Mein Gast holt mich vom Münchner »Königshof«

mit seinem Rolls-Royce ab, öffnet höflich

die linke Tür des »Silvercloud«, nimmt rechts hinter

dem riesigen schwarzen Lenkrad Platz,

und tatsächlich hören wir bestenfalls die Uhr ticken,

als der Motor läuft. Ich lobe gebührend

den matten Silberglanz des riesigen Kühlers und vor

allem »Emmy«, die Jugendstil-Kühlerfigur.

»Selbstverständlich putze ich ihn selber«, sagt Herr Vandenberg. »Ich wäre so gern mit der ›Duchess‹ gekommen, meiner Neuerwerbung, aber es ist zum Offenfahren vielleicht doch schon etwas kühl.«

Auf dem Weg vom Stachus zur Maximilian-Anlage staunen die Leute ein bißchen über unsere »Silberwolke«. Im Inneren unserer Luxuskabine ertönt sanfter Swing: »In jedem meiner Oldtimer habe ich Kassetten mit der Musik aus dem Baujahr, hier ist das 1956, in der ›Duchess‹ 1913. Sie gehörte Rudyard Kipling. Er mag sie sich vom Honorar des Dschungelbuchs gekauft haben. – Auch das wird Sie interessieren . . .« Er öffnet das walnußholzgetäfelte Handschuhfach vor mir, und ein Minifernseher flimmert auf.

Wir halten vor Eckart Witzigmanns »Aubergine«. Gerade heute ist ein schneeweißer Baldachin über dem Eingang fertig geworden, und wir schreiten über einen lilafarbenen Läufer hinein. Die kleine Bar im Mezzanin gefällt uns so gut, daß wir uns hier fast »festquatschen«. Wie hat Herr Vandenberg seine »Duchess« aus London nach Baiernrain in sein Automuseum gebracht? Wie hoch ist die Weltauflage seiner Bücher derzeit?

»Zu 1: in Kisten, zu 2: etwa neun Millionen.«

Ich proste dem Erfolgverwöhnten zu und rechne ein bißchen nach. Wenn er auch nur eine Mark pro Buch verdient hat . . .

»Gewiß«, sagt er, an ein anderes Thema, das wir berührten, anknüpfend, »Thomas Mann hatte 15 Prozent, ich habe mehr.«

Also geht die Rechnung anders. Ladenpreis von »Das Tal. Auf den Spuren der Pharaonen« DM 38,–. Davon 15 Prozent. Na, und so weiter. Da kann er sich Hobbies wie den Rolls-Royce leisten.

»Teuer?« Der ehemalige Redakteur bei der Münchner Abendzeitung, später des »Playboy«, hebt relativierend eine feingliedrige Hand. »Meine Autoveteranen sind heute im Durchschnitt dreimal so viel wert wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie erwarb. Nennen Sie mir eine Anlage mit besserer Rendite.«

Die Erfolgsstory Philipp Vandenberg begann keineswegs in Breslau, wo er 1941 geboren wurde. »Einen Vater habe ich nie kennengelernt, meine Mutter hat mich verschenkt.«

Hat ihn dann, wie im Märchen, ein Fürst Vandenberg adoptiert?

Er kann ganz plötzlich fröhlich herauslachen, und sein sonst ernstes, manchmal fast starres Gesicht wirkt dann gelöst, die intensiv ernsten dunklen Augen blitzen belustigt.

»Ich hieß ganz anders. Als ich 1973 mit meinem ersten Buch – es war »Der Fluch der Pharaonen« – zum Scherz Verlag kam, sagte der: Zuerst einmal brauchen Sie einen Namen. Also nahm ich ein Münchner Telefonbuch, schlug es auf, tippte mit der Papierschere auf einen Namen – Müller stand da. Unmöglich, sagte Scherz. Also schlug ich weiter hinten auf – und traf Vandenberg.«

Frau Witzigmann im lila Kostüm, Ton in Ton mit dem neuen Teppich, plaziert ein französisches Paar und schaut diskret zu uns herüber. Fast hatten wir vergessen, daß wir ja auch zum Essen hier sind, weiß Gott.

Mit Champagner beginnen? Nein, den mag er nicht. Einen relativ einfachen Loire-Wein dagegen kostet er mit Vergnügen und ist auch sonst beim Menü durchaus kein Snob.

Wir freuen uns über eine hübsche kleine Spezialspeisekarte, geschmückt mit einem Aquarell der Anita Albus, dem großen Arcimboldo nachempfunden, einen Menschenkopf unter der Kochmütze darstellend, raffiniert collagiert aus Früchten, Gemüse, Fisch, Hühnerbein und Hummer. Ist die Ähnlichkeit mit dem Chef de la cuisine rein zufällig?

Handgeschrieben wird hier angekündigt, was Herr Witzigmann uns heute zudenkt. Von Jakobsmuscheln, Lachs in Kressesauce und einem gefüllten Rehnüßchen ist die Rede. Aber schon steht das Tellerchen mit der Vorspeise da: ein Fingerhut Kaviar, eine Mini-Quiche-Lorraine, ein Wachtelspiegelei, eine Pizzarina.

Und schon steht auch der Herr vom Nebentisch auf und sagt zu mir: »Kennst du mich noch?« Sein Gesicht ist mir vertraut, sah ich es nicht zuletzt unterm Stahlhelm, gute 45 Jahre jünger? Er ist ein berühmter Radiologe geworden. Wie beschließen ein anderes Tischgespräch zu vereinbaren, ein ganz privates, eines der Erinnerungen, und was man vielleicht aus ihnen gelernt hat – oder auch nicht.

Dies bleibt nicht die einzige Überraschung des denkwürdigen Abends, Philipp Vandenberg erzählt von seinem neuesten Buch, es erscheint im Februar bei Bertelsmann: »Cäsar und Kleopatra«. Noch einmal? Nach Shakespeare und Shaw, Wilder und Brecht?

»Ja«, sagt er, »erst recht!« Und erzählt wie noch nie. »Ein Thema muß mich treffen wie ein Blitz. So war es hier. Wußten Sie dies? Sie hat ihn hypnotisiert. Ich meine das nicht symbolisch. Sie konnte das. Wie hätte sie sonst einen Cäsar dazu gekriegt, immer wieder den Nil hinauf und hinunter zu kreuzen? Und sie hat auch Mark Anton hypnotisiert, auf seinem römischen Flaggschiff.«

»Hätten ihre erotischen Fähigkeiten allein nicht ausgereicht? Sie, die griechische Prinzessin mit dem Pharaonenflair Ägyptens? Dagegen waren römische Kaiser vor der Zeitwende noch fast Barbaren, nein?«

»Kleopatra war häßlich und sehr klein – etwa ein Meter fünfzig – aber ungeheuer gescheit. Sie sprach 16 Sprachen, Cäsar nicht einmal gut griechisch. In seinem berühmten Buch ›De bello Gallico‹ verfügt er über ganze 1200 Wörter. Und Kleopatra hatte übersinnliche Kräfte. Sie war 21, Cäsar Mitte 50 und epileptisch. Er hatte die stärkeren Legionen, war der größte Stratege seiner Zeit. Und Rom, arm trotz seiner Macht, brauchte Ägypten, brauchte also auch Kleopatra.«

Ist James A. Michener Philipp Vandenbergs geheimes Vorbild?

Nein, der sei ihm viel zu epischbreit, fange immer bei Adam und Eva an. Es stimmt, Vandenbergs Prosa ist zupackend, auf dramatische Szenen zugespitzt, der Leser soll unmittelbar dabei sein, sich verzaubern lassen von der prallen Lebensfülle historischer Ereignisse. Ist das schon beinahe Karl May? Was die Kraft des Fabulierens angeht, vielleicht; aber Vandenberg ist außerdem historisch »echt«, ein Fanatiker des sauber recherchierten Details. So könnte sich das alles tatsächlich abgespielt haben, vor ein paar tausend Jahren.

Weiß der Himmel warum, wir geraten auf die Astrologie, die bei den Alten eine so große Rolle spielte. »Wann sind Sie geboren?« fragt er plötzlich. Wir stellen fest, daß wir beide an einem 20. September das Licht der Welt erblickten. Er 1941, ich 1920. So wird das mein erstes VIF-Tischgespräch, bei dem ich mit dem Gast Brüderschaft trinke. Dein Wohl, Philipp! Sollst leben, schreiben, Autos sammeln. Und lachen.

Er, der klassisch Hochgebildete, schließt: »Denken wir an Epikur: Die höchste Lust ist die Ausgeglichenheit der Seele.«

HERIBERT SASSE

SEH’N SE? DET IS BERLIN

Diesmal ist es anders. Nicht ich erwarte,

wie sich’s gehört, meinen Gast im Restaurant,

sondern der Herr Generalintendant der

Staatlichen Schauspielbühnen Berlin holt mich

höchstselbst am Flughafen Tegel ab.

»Seh’n Se, det is Berlin!« würde ich gern

als alter Lokalpatriot sagen. Doch Heribert Sasse ist

ein in Linz geborener Wiener . . .

Immerhin verbrachte er sein halbes Theaterleben in der ehemaligen Hauptstadt Deutschlands, und in punkto Höflichkeit können die Wiener es mit den Preußen ja allemal aufnehmen. Hinzu kommt: unser Ziel liegt eh im Norden der Stadt, um nicht zu sagen im hohen Norden. Waidmannslust, ist das nicht beinahe Neuruppin in der Mark, wo Theodor Fontane geboren wurde?

»Es ist schon lustig«, sagt er, »wir kennen uns nicht und kennen uns doch, ich Sie vom Fernsehen und . . .«

»Und ich Sie von der Bühne.«

»Aber sagen’s mir bitte eines: Wohin fahren wir da? Auf die Dörfer? Und wie kommen Sie auf dieses Restaurant?«

Der Chauffeur Gerd hat die Karte studiert, in kaum einer Viertelstunde sind wir schon da. Das stets lebhaft ausdrucksvolle Gesicht meines Gastes wird noch eine Spur skeptischer, als wir bei einem grauen Eckhaus halten, die Treppe zur Beletage hinaufsteigen.

Drinnen dann ist es elegant-gemütlich, eine junge Dame im Herrenfrack, die Hausfrau, begrüßt uns strahlend. Minuten später tritt der Chef an unseren Tisch, ein Körbchen in der Hand. »Haben Sie schon einmal frische weiße Trüffel gesehen und gerochen?« Er drückt uns eine unansehnliche bräunliche Knolle in die Hand. Wir schnuppern gehorsam.

Wie soll man das nennen, was man riecht? Betörend? »Ja, gut«, sagt Herr Rockendorf. »Trüffel sind ein Aphrodisiakum.«

»Und man kann sie nicht züchten? Und sie werden von Hunden ausgebuddelt? Und womit, meinen Sie, schmecken sie am besten? Ich bin ein Hobbykoch, müssen Sie wissen.« Der Intendant ist ganz bei der Sache.

Heribert Sasses ungewöhnlich große Augen, intensiv und schwarz, leuchten plötzlich. Ich atme auf, es scheint doch keine falsche Wahl gewesen zu sein, Rockendorf’s Restaurant – jott weh deh, wie man in Berlin sagt: Janz weit draußen.

Unser Wirt und Koch informiert uns. Gäste, die auch mit dem Verstand essen, gefallen ihm offenbar. »Trüffel schmecken am besten über Nudeln, Spaghetti zum Beispiel, Sie werden es nachher sehen – ein Geschmackserlebnis. Aber frisch müssen sie sein und auf den Teller geschabt. Sie wachsen im Wurzelwerk der Eichen bei Alba in Piemont und sind schwer zu finden. Raten Sie mal, was die Knollen hier im Körbchen kosten?«

Er beantwortet die Frage gleich selbst. »Diese erstklassigen weißen Trüffel sind teurer als Kaviar und wesentlich seltener: Das Kilo 2900 Mark.«

Er reicht uns die kleine handgeschriebene Speisekarte und interpretiert sie: »Apropos Kaviar. Ich eröffne mit einem Löffelchen auf Wachtelrührei. Dann gibt es als zweite kleine Vorspeise Gänsestopfleberparfait mit Sauternesgelée. Es folgt eine Idee Seeteufel in Rotweinbutter mit Courgette fleur.«

Wunderbar, aber wann kommt das Hauptgericht? »Ach ja, wir würden es so gern erreichen!«

»Keine Angst«, sagt er, »es sind wirklich winzige Portionen. Auch die Baby-Languste in Estragon mit grünem Spargel. Dann nach dem Apfel-Sorbet: der Rehrücken mit Broccoli und Austernpilzen.«

Das eigentliche Tischgespräch beginnt mit einer besorgten Frage, ob mein Gast nicht überfordert sei, denn er hat abends Premiere und noch dazu mit einem Einpersonenstück: »Die Leiden des jungen Werther«. Der Goethe-Text?

»Ja, nicht das Stück von Plenzdorf, sondern das richtige, originale Buch von Goethe, nicht dramatisiert, es steckt genug Dramatik darinnen, Sie werden es sehen. Sie sind bitte heute abend im Schillertheater mein Gast. Und das opulente Mittagessen? Es ist gerade recht so, denn vor der Vorstellung nehme ich natürlich nichts zu mir. Und übrigens, ich verliere dabei so zweieinhalb Pfund.«

Natürlich stelle ich jetzt die Frage, die er immer wieder beantworten muß: »Herr Sasse, Vollblutschauspieler, theaterbesessen, schon als Teenager auf der Bühne oder dahinter – aber jetzt Leiter von drei Theatern in einer der anspruchsvollsten Theaterstädte der Welt: Wie paßt das zusammen, wie schafft man das?«

Er nimmt die goldene Brille mit den schmalen, getönten Gläsern ab, und wenn er einen so ungeschützt anschaut, bekommen die Augen, die das Gesicht beherrschen, etwas Wildes.

»Ich muß spielen, ich will spielen, das ist mein Leben. Niemand konnte darüber im Zweifel sein, es ist mir vertraglich zugestanden. Kollidiert das mit meinen Aufgaben als Intendant? Es könnte, aber es muß nicht, es darf nicht. Es ist eine Frage der persönlichen Disziplin, des Disponierens, der Mitarbeiter.«

»Aber auch der Kräfte, des Terminkalenders. Sie wirken wie eine aufs Äußerste angespannte Feder. Man rühmt Ihre Selbstkontrolle, Ihre Flexibilität, Ihre administrativen Fähigkeiten. Aber man weiß, daß das alles auch Ihr Vorgänger in nicht geringem Maße besaß – und scheiterte.«

Er trinkt bedächtig ein zweites Glas Champagner Lanson, lehnt sich etwas zurück. »Sie verstehen gewiß, daß ich mich über Boy Gobert in Berlin nicht äußern möchte. Nur so viel: Wenn zwei das Gleiche tun, muß es nicht das Gleiche sein. Und ich tu’ nicht einmal das Gleiche. Mein großes Vorbild ist Boleslaw Barlog, der mich nach Berlin holte, der 27 Jahre lang die Berliner Staatlichen Bühnen leitete. Ich werde ihm jetzt hier seinen 80. Geburtstag ausrichten, bat ihn dazu um eine Inszenierung. Ich kann ihn anrufen, wann immer es brennt, und ich bekomme seinen Rat.«

»Gut, Barlog war Intendant und Regisseur, aber er verzehrte sich nicht auch noch auf der Bühne.«

»Ich, Herr Koch, verzehre mich nicht da oben, ich regeneriere mich. Ich liebe keine großen Worte, außer wenn ein großer Dichter sie geschrieben hat. Aber – und Sie werden’s das heute abend beim ›Werther‹ vielleicht spüren-es ist eine Art Katharsis für mich.«

Wir beschließen, Herrn Rockendorfs kleine Kunstwerke auf den Tellern vor uns nicht zu vernachlässigen in der Hitze des Gesprächs, und so plaudert mein Gast ein bißchen über sich und seine Vita.

Sein Großvater mütterlicherseits war Hofkapellmeister unterm alten Kaiser Franz Josef, ein anderer Vorfahr Baumeister. Das österreichisch konservative Elternhaus drückt sich wohl noch in der Art aus, wie er sich superkorrekt kleidet: selbst mittags dunkelblauer Anzug mit Nadelstreifen, weißblaugestreiftes Hemd, blaue Krawatte. Er absolvierte eine Lehre und ein Studium als Elektrotechniker, so fing er beim Theater, zu dem es ihn immer zog, als Beleuchter an.

Gerade ist er 40 geworden, also wenige Monate nach Kriegsende geboren. Mit 25 war er in München, lernte den Autor Wolfgang Bauer kennen. »Magic afternoon« war sein erstes wichtiges Stück – die Rolle des Charly. Um etwas zu verdienen, trug er Zeitungen aus, besuchte aber auch eine Managementschule, was ihm heute zugute kommt.

Der Blasi in »Change« von Bauer war sein Debut in Berlin, bei Barlog am Schloßparktheater, 1970. Fünfzehn Jahre später ist er dort in Steglitz der Herr im Hause. Er spielte die großen »Landsleute« Schnitzler und Nestroy, den er nicht mag – Strindberg, Shaw, Sartre. 1980 beginnt seine Bewährungsprobe am privaten Renaissance-Theater. Er führt Regie, bringt Molnár (»Liliom«), Kipphardt (»Oppenheimer«) und Brecht heraus, saniert allmählich die abgewirtschaftete Bühne – künstlerisch, finanziell.

Will er mit den Mitteln des Theaters, wie Brecht, die Welt verändern? Wenn nicht marxistisch, dann antimarxistisch?

Nein, das ist ihm zu ideologisch gedacht, zu lehrhaft, zu humorlos, auch zu theoretisch. Wie unser Essen bei Rockendorf, so soll auch Theater den Leuten schmecken. Er ist stolz darauf, daß das Schillertheater unter seiner Führung zu 84 Prozent ausgelastet ist. Sein Programm soll eine bekömmliche Mischung sein: Klassiker, moderne Klassiker, auch einmal das Experiment. Aber kein Krampf, bitte. Nicht Startheater, aber durchaus auch einmal die Traumbesetzung, wenn’s geht, vor allem solides Handwerk. Er kann’s vorspielen.

War der Berliner Kultursenator Hassemer »tollkühn«, als er 1983 kurzerhand dem jungen Wiener die Nachfolge Boy Goberts anbot? Der Berliner Tagesspiegel fürchtete das. Die meisten Kritiker ließen sich inzwischen davon überzeugen, daß Sasse »es« schaffen könnte.

Wir sind beim köstlichen Quarksoufflé auf Himbeermark angekommen. Ohne zu seufzen und zu ächzen, ohne strapazierten Magen. Herr Rockendorf erkundigt sich bei einem letzten Gläschen, ob wir zufrieden sind.

»Geben Sie mir einen Stoß Visitenkarten mit, bitte«, sagt der Generalintendant. »Ich werde alle Leute herschicken, die das Außerordentliche in einem Restaurant suchen. Es ist unglaublich, was Sie leisten, absolut unglaublich. Und das hier, halb auf dem Lande.«

Es wärmt das Herz zu sehen, wie Siegfried Rockendorf sich freut. Er versucht es hier in Waidmannslust aus eigener Kraft. »Hinter vielen der renommierten Kollegen, zum Beispiel in München, stehen ja große Firmen. Sie sind abgesichert, aber auch nicht mehr frei. Ich muß überlegen, ob ich mir schöneres Porzellan und Besteck leisten kann. Ich habe jetzt die modernste Küche mit Geräten, die ich einfach brauche, um Ihnen in nur 40 Sekunden diese Miniportion Seeteufel zu kochen, allein für Sie und in diesem Augenblick der Menuabfolge.«

Mir kommt die Art, wie der noch jugendliche Chef spricht, irgendwie vertraut vor. Ja, er stammt aus Bad Sachsa im Harz, meine Mutter aus Eisleben. Walterspiel und Escoffier sind seine Vorbilder, aber längst fand er seine ganz eigene Linie.

Wir besteigen das Dienstgefährt des Berliner Generalintendanten, einen Audi 100. Er hat in weitem Wurf einen langen roten Schal über den dunkelblauen Mantel geschlungen. Auch er fand seine eigene Linie, denke ich und freue mich auf ihn als Werther, heute abend, »im Schiller«. Nun habe ich zwei Gründe mehr, so oft wie möglich nach Berlin zu kommen: Heribert Sasse und Siegfried Rockendorf.

PETRUS KOOP

EIN MANN, DER KEINEN FEHLER MACHEN DARF

Bei diesem Tischgespräch ist vieles ein

bißchen anders. Mein Gast trinkt keinen Alkohol.

Und mein Gast ist nicht mein Gast,

sondern wir sind beide Gäste der Swissair.

Schließlich kann dies keine der gewohnten Tafel-

runden sein, denn der Herr Flugkapitän

darf während der Stunden über dem Atlantik das

Cockpit nicht verlassen . . .

So plaudern wir in drei Etappen miteinander: kurz vor dem Start in Zürich unten in der Kabine, dann oben »bei ihm zu Hause« im Cockpit bis zum Anflug auf den John F. Kennedy-Airport und zuguterletzt im New Yorker Swissair-Hotel »Drake«.

Zunächst muß ich also meinen Swissair-First-Class-Lunch allein absolvieren. Das ist nicht gerade eine Strafe. Die blonde Stewardess Antoinette Müller und Maître de Cabine Margit Stalder rollen den Trolley heran mit dem Kaviar vom Kaspischen Meer und den Hummerscheren aus Taiwan. Das reicht eigentlich schon, denn Antoinette kommt zweimal vorbei. Aber man hat ja Zeit, der bequeme Sessel verspricht die gemächliche Siesta, und das Abendbrot darf ausfallen.

Manche Passagiere sehen sich jetzt einen Western an oder hören Tschaikowski. Ich blinzle noch etwas hinaus, der Blick ermüdet schnell über dem unendlichen weißen Wolkenmeer, also ziehe ich die Augenbinde auf die Nase herunter und lasse mich von dem gesunden Brustton der vier Riesentriebwerke in den Schlaf brummen.

Die Zeit vergeht hier oben ja nun buchstäblich »wie im Fluge«. Eine Stunde vor Ankunft greife ich den Photoapparat und steige zum verabredeten Rendezvous ins Cockpit hinauf. Die Tür ist verschlossen, eine Stewardess öffnet mir, nachdem sie nach meinem Namen gefragt hat. Während ich mich im freien Sitz hinter dem Kapitän einrichte, sagt er lächelnd: »Ich habe Sie natürlich angemeldet, sonst hätte es womöglich Probleme gegeben – mit unseren Tigern.«

Er erklärt mir, daß im Swissair-Jumbo zwei bewaffnete Marshalls mitfliegen. »Sie bewachen insbesondere das Cockpit, und wir nennen sie halt Tiger. Außerdem bewacht uns eine Videokamera. Hier dieser Monitor zeigt uns, was in unserem Rücken, also in den Kabinen vor sich geht.«

Herr Koop macht mich mit seinem Copiloten Karl Stuerzinger und seinem Flugingenieur Werner Kaeser bekannt. Auch sie haben Tausende von Jumboflugstunden und Millionen von Flugkilometern absolviert.

Petrus Koop sitzt seit 22 Jahren hinterm Steuerknüppel, er hat sogar noch die gute alte DC 3 geflogen. Jumbopilot ist er im fünften Jahr. 150 Jumboleute hat die Swissair: 50 Kapitäne, 50 Copiloten, 50 Flugingenieure, er ist der oberste, der Chefpilot. Was zeichnet ihn aus vor allen anderen?

»Vielleicht auch dies«, sagt er, »daß ich mich gar nicht auszeichnen will. Und dann: man muß ein bißchen darüber stehen.«

Das Darübersitzen ist er gewöhnt, bei der Boeing 747 befindet sich der Pilotensitz haushoch über dem Boden, genau 15 Meter. Kann der Flugzeugführer so hoch droben ein Gefühl für die Riesenmaschine unter sich und hinter sich haben? Kann er noch »mit dem Hintern« fliegen? Bei der Landung vor allem?

»Es ist bei diesem Großgerät im wesentlichen eine technische Landung. In den letzten Augenblicken vor dem Aufsetzen ruft der Copilot die verbleibenden Höhen aus: 30 – 15 – 10 Meter . . .«

Unter uns liegt jetzt Long Island in glitzernder Sonne, es ist ein schöner Winternachmittag. Durch die sechs Stunden Zeitdifferenz kommen wir nach dem Abflug in Zürich um 12:30 schon am frühen amerikanischen Ostküstennachmittag in New York an.

Wir haben Glück, der Kennedy-Controller reiht uns nicht in die Perlenkette der ungezählten Maschinen ein, die jetzt rund um uns am Himmel hängen und alle landen wollen, sondern nimmt uns sofort in die Einflugschneise.

Immer kommt im letzten Moment das Rollfeld mit atemberaubendem Tempo gewissermaßen auf einen zu, und schon setzen wir auf, weich und selbstverständlich, als wären wir nicht ganze 250 Tonnen schwer und so groß wie ein Ozeandampfer.

Macht es eigentlich immer noch und immer wieder Spaß, Können und Erfahrung einzusetzen in diesen wichtigsten Augenblicken eines jeden Flugs, bei der Landung? Wir sprechen über dies und alles andere am nächsten Tag beim Lunch in New York City.

»Natürlich, Herr Koch, ist die Fliegerei eine Passion – auch.«

»Auch? Sie sagen das so ein bißchen einschränkend? Haben Sie nicht einen Traumberuf? Für viele junge Männer überhaupt denTraumberuf?«

»Ganz sicher. Jedoch müssen Sie auch dies sehen: Inzwischen kennt man die Welt, die schöne, weite, und die Familie hat nicht so viel vom Mann und vom Vater, wie sie wohl sollte.«

Petrus Koop spricht deutsch mit schwyzer Tonfall, aber es klingt noch etwas anderes mit, auch bei seinem perfekten Englisch.

»Ja, ich bin in Holland geboren, 1937 in Eindhoven, aber seit gut zwei Jahrzehnten ist die Schweiz meine Heimat, wir leben in Winterthur.«

»Und wie viele Tage sieht Ihre Frau Sie dort, unterm Strich, in der Jahresbilanz?«

»Es könnte schlimmer sein: die Hälfte bin ich unterwegs, die Hälfte zu Hause.«

»Und unterwegs heißt ja auch nicht, daß Sie von einem Flug auf den nächsten springen.«

»Nein, nein, es sind Ruhetage streng vorgeschrieben, jetzt in New York zum Beispiel 19 Stunden. Auf einem Weltflug Los Angeles – Australien – Hongkong – Europa sind es zwischen Landung und Start stets mindestens 12 bis 15 Stunden.«

»Dabei entsteht dann der Eindruck: diese Airline-Crews liegen eigentlich nur an den Swimmingspools von Luxushotels herum, wo die Piloten mit den hübschen Stewardessen schäkern.«

»Jeder Beruf, Sie wissen es, muß mit den drangehängten Legenden und Klischeevorstellungen leben.«

»Keine Legende aber ist es wohl, Herr Koop, daß das fliegende Personal gut verdient.«

»Es ist kein Geheimnis, ein Jumbopilot – und das ist immer ein älterer, erfahrener Kapitän – erreicht 180 000 Schweizer Franken im Jahr.«

»Aber er wird ziemlich früh pensioniert.«

»Ja, mit 55 Jahren. Ich zum Beispiel kann nur noch 6 Jahre fliegen. Dann zahlt die Swissair mir 46 Prozent meines letzten Salärs.«

»Dann ist der Petrus Koop noch lange kein alter Mann. Was hat er noch vor?«

Er schaut mich mit seinen klaren Augen, die alles blitzschnell erfassen, prüfend an, dann lacht er. »Also gut, ich sage es Ihnen. Ich möchte dann noch einmal studieren: Archäologie.«

Ich trinke auf sein Wohl. Welch ein Mann! Welch ein Lebensprogramm! Ein Leben lang zog es ihn nach oben, schwebte er in 3000 oder 12 000 Meter Höhe über der Erdoberfläche. Und zuguterletzt lockt nun die Tiefe, möchte er die Schichten freilegen und erforschen helfen, in denen die Geschichte der Menschheit in all den Jahrtausenden festgestampft und aufbewahrt wurde.

»Ihr Beruf, Herr Koop, ist ja nicht zuletzt auch ein Leben mit der Technik, für die Technik. Kann es sein, daß dies am Ende nicht mehr befriedigt?«

»Ohne Technik und Naturwissenschaften könnten wir nicht fliegen. Aber nun kommt es mir so vor, als gerate die technische Entwicklung außer Kontrolle, der Mensch kommt nicht mehr mit.«

»Und deshalb Archäologie, die ja danach fragt, woher der Mensch kommt und was er tat, bevor er ins technische Zeitalter eintrat. Aber noch einmal zurück in unsere schöne, ›brave new world‹, die Gegenwart. Manche Leute haben ja Angst beim Fliegen. Kennen Sie so ein Gefühl überhaupt?«

»Für Angst haben wir keine Zeit. Und: Wir sehen unseren Beruf recht nüchtern. Die Unfallstatistik beweist weltweit, daß der Flugverkehr die relativ sicherste Fortbewegungsart überhaupt ist. Ich weiß natürlich, daß rationale Argumente gegen Gefühle nicht viel ausrichten.«

»Besonders wenn Angstgefühle durch die Nachrichten von spektakulären Flugzeugabstürzen angeheizt werden. Es gibt ja tatsächlich gerade für den Jumbo schwarze Jahre.«

»Wir in allererster Linie sind natürlich an der Unfallanalyse interessiert. Es stellt sich immer wieder heraus, daß es kaum monokausale kritische Situationen gibt, fast immer handelt es sich um eine Kette von verhängnisvollen Faktoren.«

»Menschliches und technisches Versagen können sich addieren.«

»So ist es, und deshalb haben wir Piloten ein oberstes Gebot, es besteht aus drei englischen Wörtern: check, recheck, doublecheck.«

»Also überprüfen, gegenprüfen und doppelprüfen. Aber ist es denn vorstellbar, daß beispielsweise die Besatzung des koreanischen Jumbos, der 1985 von den Russen abgeschossen wurde, dieses oberste Gebot übertreten hat und deshalb vom Kurs abkam?«

»Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist allerdings, daß bei mancher Airline Wartungsnachlässigkeiten, nicht ernst genommene Materialermüdung und dergleichen eine Rolle spielten. Check, recheck, doublecheck – das ist natürlich auch am Boden oberstes Gebot.«

»Sie sagten: Materialermüdung. Und wie steht es mit der Ermüdungsgefahr beim fliegenden Personal? Es gibt ja so etwas wie den Biorhythmus des Menschen, die Tageskondition. Auch ein Pilot hat einmal Kummer oder ist unausgeschlafen.«

»Wir sind auch nur Menschen, ja. Aber wir sind dazu erzogen worden, nichts zu riskieren. Kein Tropfen Alkohol 8 Stunden vor dem Start. Aber das ist das Wenigste. Ein Pilot muß top-fit sein, wenn er sich hinter den Steuerknüppel setzt.«

»Sonst darf er es eben nicht tun, muß sich lieber krank melden.«

»Ja. Wir sind keine Übermenschen, aber wir sind alle getestet und trainiert auf hohe physische und psychische Belastbarkeit. Das muß man ganz, ganz ernst nehmen. Die Fliegerei, Herr Koch, ist das Schönste, für mich. Ich finde sie auch gar nicht so besonders schwierig. Nur eines: Sie vergibt keinen Fehler.«

SABINA LIETZMANN

NEW YORK, DIE WUNDERBARE KATASTROPHE

Da liegt sie uns zu Füßen, die

»wunderbare Katastrophe« der Sabina Lietzmann.

Und die Autorin des

besten deutschen Buches über New York

blickt an meiner Seite hinunter

auf das allnächtliche Feuerwerk der 1001 erleuchteten

und angestrahlten Wolkenkratzer Manhattans.

Wunderbar, aber doch eine Katastrophe, diese Stadt, sage ich beim Begrüßungsschluck. Sabinas stets etwas amüsiert-distanzierter Blick bekommt einen fast schwärmerischen Ausdruck, als sie entgegnet:

»Man kann es auch umgekehrt sagen: eine Katastrophe, dieses New York, aber eine wunderbare. So behält am Ende das Positive recht, nicht wahr.«

»Jedenfalls ist das ein ungemein treffender, zündender Titel für das Summa Summarum Ihrer 25 Jahre währenden Liaison mit New York.«

Alan Lewis, der Manager des Restaurants, erkundigt sich persönlich, ob Dr. Lietzmann mit dem Tisch zufrieden sei. Sie hat »Windows on the World« im Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als ihr Lieblingsrestaurant beschrieben, und obwohl man hier nicht gerade auf deutsche Gäste wartet, legt Inhilco Wert auf internationales Renommee.

Inhilco ist eine Hilton-Tochter und betreibt alle 22 Restaurants des »Centers«, von Schnellküchen und Imbiß-Cafeterias bis hinauf zu den »Windows«, New Yorks zur Zeit gefragtestes Luxusrestaurant im 107. Stockwerk des nördlichen Towers der beiden gigantischen Zwillingstürme des Trade Centers, die seit 1970 die Skyline des südlichen Manhattan prägen. 50 000 Menschen arbeiten hier täglich, 80 000 Besucher kommen hinzu – insgesamt genausoviel Leute, wie in Heidelberg wohnen.

Mr. Lewis dirigiert väterlich den weißbefrackten Getränkekellner heran und lächelt, als ich Zweifel äußere, ob wir noch zum Wein kommen werden, weil mein Cocktail – natürlich ein Manhattan (Jack-Daniels-Tennessee-Whisky mit rotem Vermouth) – so riesig ausgefallen ist, daß ich wohl ein Stündlein damit zu tun haben dürfte.

»Natürlich müssen Sie einen dieser fabelhaften Kalifornier probieren«, entscheidet Sabina. »Sie sind heute den französischen Vorbildern zum Teil ebenbürtig.«

»In den letzten zehn Jahren sind wir Amerikaner ein Volk der Weintrinker geworden«, fügt Alan Lewis hinzu. »Der US-Weinkonsum hat sich verdoppelt. Unser Kellermeister Kevin Zraly hier oben gibt aus seinem ›Cellar in the sky‹ monatlich 12 000 Flaschen aus.«

Mr. Lewis läßt mir The Big Wine List vorlegen, sie besteht aus 18 gehefteten Blättern, auf denen 500 Sorten verzeichnet sind. »Die Wein-Strategie unseres Hauses bezieht selbstverständlich die guten Weine aus unserem eigenen Land immer mehr ein.«

Wir entscheiden uns für einen California White zu den Austern und für einen California Red zum Sautéed Fresh American Venison (Reh) mit Beerensauce und Galette Potato.

»Wie finden Sie die Preise?« fragt Sabina. »Ich war ja lange nicht in Old Europe.«

Wenn man bedenkt, daß das Essen in guten Restaurants in Amerika stets unverhältnismäßig teuer war, daß wir hier Ausblick und Ambiente mitbezahlen müssen, sehen Speise- und Weinkarte reasonable aus, vernünftig. Der Kalifornier liegt bei 12 bis 23 Dollar die Flasche, importierter französischer oder deutscher Wein zwischen 15 und 32 Dollar; man kann aber auch Hauswein in der Karaffe für 7.50 Dollar haben, das sind etwa 18 Mark.

»Für rund 100 Mark pro Nase kommt man wohl in unserem guten alten Berlin oder in Frankfurt, dem Sitz meiner Zeitung, nicht mehr aus einem Spitzenrestaurant heraus?«

»So ist es, abgesehen davon, daß ich Sie dort zum Essen nicht 107 Stockwerk hinauf katapultieren könnte.«

Dr. Lietzmann wohnt seit einiger Zeit nicht mehr im New Yorker »Künstlerviertel« Greenwich Village, Erdgeschoß mit klitzekleinem Gärtchen hintenraus, wo ich sie in unseren gemeinsamen Amerikajahren – es war die Kennedy-Ära – besuchte. Wo sie die gründlichsten FAZ-Berichte über die Vereinten Nationen schrieb und über Theater am Broadway, die reichen Museen und Kunstgalerien New Yorks, Showbusiness und literarisches Leben, Bauboom und »bums« (Clochards), Fifth Avenue-glamour und Maffia-Skandale.

War Sabina nicht immer eine »Asphaltpflanze« gewesen? Berlinerin mit Leib und Seele und nicht zuletzt deshalb so »affinitiv« zu New York, das dem Berlin der zwanziger Jahre in so manchem nacheiferte. Und nun: West Cornwall im Staat Connecticut, ein Rückzug ins Grüne?

»Wenn Sie so wollen, ja. Und sogar etwas persönliche Nostalgie. Ich bin ja keineswegs in Berlin geboren – Sie ja auch nicht –, sondern in Jena, wo mein Vater Kirchengeschichte lehrte. Und mein Stückchen Connecticut, das ist wie deutsches Mittelgebirge, wie Thüringen. Nur daß zu mir die Waschbären in den Garten kommen und die Chipmunks, die Erdhörnchen, und die Bäche sind klar, die Tannen grün, die Luft atmet sich leicht.«

Wir schauen hinaus durch unser riesiges »window« – auf die Welt. Der Restaurant-Name ist recht selbstbewußt. Durch die »Windows on the World« sieht man New York. New York ist also die Welt, und die Welt ist New York. Punktum. Jedenfalls war die Stadt Sabina Lietzmanns Welt und ist die Welt für neun Millionen Amerikaner. Oder soll man sagen: Italiener, Juden, Deutsche, Puertoricaner, Afrikaner, Iren, Franzosen, Polen . . .?

»Bei Tage sehen Sie durch die anderen Fenster drüben, die nach Süden gehen, die Freiheitsstatue, die Hafeneinfahrt. Da sind sie alle hereingekommen, auf den Auswandererschiffen. Auch die italienischen Eltern von Lee Iacocca, dem Wundermanager der Autoindustrie, der eine Stiftung zusammenbrachte, die für 230 Millionen Dollar die Freiheitsstatue renovierte, für ihren hundertjährigen Geburtstag 1986. Staat und Stadt haben kein Geld dafür. Iacocca erklärte, diese Privatfinanzierung sei sein Dank an Amerika.«

»Es gibt sie also immer noch, diese Traumkarrieren im American way of life, vom Boden des Melting Pot, des Schmelztiegels New York bis an die Spitze von Staat und Gesellschaft. Aber es gibt auch diesen Taxifahrer, der uns herbrachte.«

Man kann Glück und Pech haben mit den Yellow Cabs von New York City. Wir erwischten am Central Park einen dreckigen Klapperkasten. Der lederbekleidete Driver sah aus wie der Bösewicht in Horrorfilmen. Er verstand kaum ein englisches Wort. Down town und Trade Center, das schien er kapiert zu haben, aber entweder kannte er sich nicht aus, oder er wollte Meilen schinden. Jedenfalls versuchte Sabina ihm New York zu erklären und den nächsten Weg zu weisen. Das machte ihn wütend, und er beschimpfte sie, bis wir angekommen waren.

»So ist es eben«, kommentiert Sabina, »dies ist ein freies Land, man muß es nehmen, wie es ist.«

Aber vielleicht doch auch deshalb ihr Rückzug aus New York? Weil es diese brutalen, schmutzigen, häßlichen Züge hat? In der »Wunderbaren Katastrophe« beschrieb die Autorin eindrucksvoll genug ihre Angst vor Raubüberfällen und mörderischen Einbrüchen.

»Ich stehe ja noch im New Yorker Telefonbuch«, beschwichtigt sie, »und Sie haben gesehen: Sie riefen mich an, ich bestieg den Bus, und in zweieinhalb Stunden war ich bei Ihnen, midtown. Viele New Yorker ziehen hinaus, nach Long Island, New Jersey, New York State und Connecticut. Nicht weit von mir hat Henry Kissinger sein Landhaus. Ich habe Freunde in walking distance, Tankstelle, Drugstore, den Arzt – Hund und Katze, die New York Times jeden Morgen und 20 Fernsehprogramme am Abend.«

»Aber eine Kleinigkeit, Sabina fehlt: Das da unten . . .«

Links schwingt sich der Lichterbogen der Washington Bridge über den Hudson nach New Jersey. Geradeaus das Empire State Building, wesentlich kleiner als wir hier oben. Halbrechts der East River mit Brocklynbridge, am Ufer irgendwo im Gewirr des Straßenschachbretts das UNO-Glashaus, uns zu Füßen die Wallstreet auf der einen und die alten Hafenanlagen der West-Side auf der anderen Seite.

»So viel Leben, so viele Widersprüche, es ist ja wirklich ›unsere Welt‹ in einer Nuß. Das hat Sie losgelassen, das haben Sie losgelassen? Sie haben einmal geschrieben: ›Diese Stadt ist dauerhaften Beziehungen nicht förderlich.‹ War es das?«

»Ich war unheimlich treu, fünfundzwanzig Jahre. Und ich zog ja nur ›vor die Tore‹. Und schließlich sagt Heraklit doch ganz treffend: Alles fließt. Oder wie Heinrich Heine es abwandelte: Nichts ist dauernd als der Wechsel. Wir sind ja auch nicht mehr beide in Berlin, Thilo, nicht wahr.«

Beim Abschied fragt Alan Lewis: »How do you spell your name?«

»Ke-i oh ßie ätsch.«

»Kosch, wie Edward Koch, unser Bürgermeister. Ein unmöglicher Job, aber Ed macht ihn möglich. Have a nice time in New York, Mister Kosch. Kein Problem, schätze ich, da Sie einen guide wie Sabina haben.«

Während wir auf den Expreß-Elevator warten, der uns in einer Minute 400 Meter hinunter auf Straßenlevel befördern wird, sagt Sabina:

»Es gibt eine kleine Geschichte, die vielleicht illustriert, warum ich Amerika und New York so liebe. Eines Tages wollte Alan Lewis von mir wissen, wie das war in Berlin während des Krieges. Ich erzählte ihm, daß ich mit Mutter und Schwester einmal drei Tage und Nächte unter den Bombenangriffen im Keller eingeschlossen saß. Wir hatten nichts zu essen und zu trinken, außer einer Kiste mit Steinberger Kabinett, dem Lieblingswein meines Vaters. So überlebten wir. Als ich nach einigen Wochen wieder hier herauf kam, servierte mir Alan als ›Kleine Aufmerksamkeit des Hauses‹ eine Flasche Steinberger Kabinett.«

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