Kitabı oku: «Die Schneefrau»

Yazı tipi:


ERKLÄRUNG

Die in diesem Kriminalroman beschriebenen Schauplätze sind originalgetreu wiedergegeben. Die Handlung der Geschichte ist eine Fiktion. Dies gilt insbesondere für die Namensnennung der Akteure, Unternehmungen und Organisationen. Um die Verbindung zwischen Fiktion und Handlungsschauplatz sicherzustellen, sind juristische Personen zum Teil namentlich genannt. Die auf diese Weise beschriebenen Personen haben real mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun. Ihre im Roman beschriebenen Tätigkeiten sind frei erfunden, ein Zusammenhang mit der realen Welt ist nicht gegeben.

IMPRESSUM

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2016 Werd &Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt

TEXT

Thomas Bornhauser, CH-3033 Wohlen, www.bosaugenblicke.ch

FOTOS

Die Fotos stammen, wenn nicht anders vermerkt, von Thomas Bornhauser.

GESTALTUNG TITELBILD

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, 8032 Zürich

GESTALTUNG/SATZ

Manuela Krebs, Werd &Weber Verlag AG

LEKTORAT

Madeleine Hadorn, Werd &Weber Verlag AG

KORREKTORAT

Alain Diezig Werd &Weber Verlag AG

E-BOOK-HERSTELLUNG UND AUSLIEFERUNG Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de

E-Book ISBN 978-3-03818-276-4

www.werdverlag.ch

www.weberverlag.ch

Inhalt

Protagonisten

Prolog

Abendspaziergang mit einer überraschenden Entdeckung

Zehn Tage zuvor

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Die Identität der Schneefrau

Zwei Schweizer in Österreich

Hallstatt und Erpfendorf

Die Stiftung LEG in Kitzbühel/Tirol

Treffen mit einem Unbekannten in Zürich

Regula Wälchli knackt den Beton

Befragungen der Herren Kroff und Wallner (Mittwoch, 26. Februar)

Die Ruhe vor dem Sturm

Das Chalet Jasmin im Mittelpunkt

Was im Chalet Swoboda wirklich geschah

Fragen und Antworten. Und ein gutes Nachtessen.

In eigener Sache: Einige Intermezzi zum Making-of

Dieses und jenes. Vor allem aber … Danke!

Thomas Bornhauser

Protagonisten

Joseph Ritter, Leiter des Dezernats Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern

Ein echter Berner, 1960 im Länggassquartier geboren. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in einem Sportgeschäft in Bern, Weiterbildung zum Fitnesstrainer, danach im Bereich Security tätig. Anstellung bei der US-Botschaft in Bern, anschliessend im Pentagon/Washington D. C., wo er seine spätere Ehefrau Cheryl Boyle kennenlernt. Ritter und Boyle ziehen nach New York, beide arbeiten in der Vermögensverwaltung von Boyles Vater Ed. 1999, zum zehnjährigen Hochzeitstag, Reise nach Hawaii. Auf dem Rückweg machen sie einen Zwischenhalt bei Freunden in San Francisco und geraten schuldlos in eine Schiesserei rivalisierender Banden. Cheryl Boyle wird von einem Querschläger getroffen und stirbt. Ritter geht für drei Jahre nach Südkorea, findet eine Anstellung im Sicherheitsbereich der US Air Force. Er kehrt 2003 nach Bern zurück, wird Quereinsteiger beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern, und ist seit einigen Jahren in der heutigen Position tätig. Ritter wird, seiner Initialen wegen, nur J. R. genannt (Tschei Ahr), wie einst J. R. Ewing in der legendären US-amerikanischen TV-Serie Dallas.

Regula Wälchli

Die Frau im Ritter-Quartett: Gstaaderin, 32 Jahre alt. Wälchli war zuerst bei der uniformierten Polizei, bevor sie zum Dezernat Leib und Leben wechselte. Sportlerin, sehr gute Skifahrerin und Tennisspielerin. Lebt seit einiger Zeit mit Elias Brunner zusammen am Seidenweg in der Berner Länggasse.

Elias Brunner

Solothurner, 35 Jahre alt. Sportler, spielt Fussball beim FC Bern. Ähnliche Karriere wie Freundin Regula Wälchli, ist aber etwas länger bei der Kriminalpolizei, im Dezernat Leib und Leben. Elias Brunner ist der ruhende Pol in der Abteilung, ihn kann offenbar nichts aus der Fassung bringen – ausser seine Freundin Regula, die ab und an gerne etwas provoziert.

Stephan Moser

36 Jahre alt, seit Jahren Mitarbeiter von Joseph Ritter. Lebt in Hinterkappelen, einem Vorort von Bern, zusammen mit der Spanierin Dolores, die auf der Handelsabteilung der Spanischen Botschaft in Bern angestellt ist. Im Team gilt er als Bürokalb, immer zu einem Spässchen aufgelegt. Verzweifelter Fan des BSC Young Boys, wartet seit Jahrzehnten auf einen Titel für YB.

Eugen Binggeli und Georges Kellerhals

Zwei Spezialisten vom KTD, die eng mit dem Team von Joseph Ritter zusammenarbeiten. Binggeli wird mit Vornamen in der US-Version, «Iutschiin», gerufen, Kellerhals mit «Schöre», Berndeutsch für Georges.

Veronika Schuler

Rechtsmedizinerin im Institut für Rechtsmedizin IRM Bern. Thurgauerin, mit unverkennbarem Dialekt. Fachfrau, gibt auch Fehler zu. Wird von Ritter & Co. enorm geschätzt.

Prolog

«Die Kantonspolizei Bern bittet um Ihre Mithilfe. Vermisst wird seit vorgestern Mittwoch, 5. Februar, in Gstaad: Valeria Morosowa. Die Vermisste ist 48 Jahre alt, 181 cm gross, sehr schlank, trägt lange blonde Haare. Valeria Morosowa wurde vorgestern Abend in einem Restaurant in Gstaad erwartet, wo sie aber nie eintraf. Valeria Morosowa spricht mehrere Sprachen, u. a. Deutsch mit slawischem Akzent. Wer Angaben zum Verbleib von Valeria Morosowa machen kann, wird gebeten, sich mit der Kantonspolizei Bern in Gstaad oder jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen.»

Polizeimeldung Fernsehen SRF,

mit eingeblendeter Foto der Vermissten,

unmittelbar vor der Hauptausgabe der

Tagesschau am Freitag, 7. Februar,

um 19.30 Uhr.

Abendspaziergang mit einer überraschenden Entdeckung

Sonntag, 16. Februar, 21.30 Uhr: Heinrich von Siebenthal – den in Gstaad alle nur Siebi Heiri nannten – machte den gewohnten Abendspaziergang mit Mephisto, seinem schwarzen, fünfjährigen Labrador. Den Vierbeiner hatte er sich zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau als Lebensbegleiter zugelegt. Von Siebenthal, mit dem typischen Familiennamen aus dieser Gegend, war 74 Jahre alt und wohnte in einem Chalet in der Nähe des Sportzentrums Gstaad.

Um etwas Abwechslung in seinen Alltag zu bringen, wählte er jeweils für die zum Teil ausgedehnten Abendspaziergänge mit Mephisto verschiedene Routen in und um Gstaad. Heute gingen die beiden in Richtung Oberbort, wo die Reichen und Schönen zum Teil gediegene, gegen aussen als Chalets gestaltete Villen besassen. Die Bauvorschriften des Oberländer Dorfes – der politischen Gemeinde Saanen angehörend – legten nämlich fest, dass Gstaad, in einer besonders schönen Landschaft gelegen, optisch nicht zu einem Little Dubai mit Wolkenkratzern mutierte, sondern der Formel «Small is beautiful» verpflichtet war.

Und im Gegensatz zu Beverly Hills, wo Touristen Strassenkarten mit Namensnennung der Villenbesitzer kaufen und von der Strasse her die Anwesen bestaunten konnten (sofern es hinter den Sichtschutzwänden überhaupt etwas zu sehen gab), herrschte in Gstaad Stillschweigen darüber, welches Chalet nun wem gehörte. Bernie Ecclestone, Julie Andrews, Valentino, Roman Polanski und andere Prominente, in früheren Jahren auch Liz Taylor und Richard Burton während ihrer verschiedenen Ehen, legten grössten Wert auf Diskretion – einer der grossen Pluspunkte des Oberländer Dorfs im Vergleich zu wesentlich mondäneren und weiteraus bekannteren Ferienorten in aller Welt.

So illuster wie die Gäste zeigte sich auch die autofreie Promenade mit Geschäften wie Louis Vuitton, Hublot, Cartier, Chopard oder Prada. Und wohl auch der Haute Volée zuliebe hiessen hier ganz trivial versenkbare Poller, die Autos an der Weiterfahrt hinderten, vornehm Senksäulen. Von Siebenthal musste beim Anblick des entsprechenden Schildes jedes Mal schmunzeln. Von seinem Chalet herkommend spazierten Siebi Heiri und Mephisto die Promenade entlang, um in der Dorfmitte den Weg in Richtung Oberbort einzuschlagen, linkerhand am legendären Hotel Palace vorbei, das in den letzten Jahren mit dem neuen Luxushotel Alpina spürbare Konkurrenz erhalten hatte.

«Unglaublich», dachte Heinrich von Siebenthal, als er auf der Höhe eines prall gefüllten Abfallcontainers stand, derweil Mephisto kurz das Bein heben musste, gleich drei edle Holzkisten mit ehemals je sechs Flaschen Château Mouton Rothschild 2010 werden da entsorgt – schade, sind sie leer. Darunter lagen mehrere ebenso leere Whisky-Holzkisten, mit «Highland Park 1973» angeschrieben, die Flasche sicher um die 1000 Franken. Wie die Chalets dieser Betuchten von innen aussahen, das konnte Siebi Heiri aufgrund der Stammtischgespräche im Posthotel Rössli erahnen, wo sich die Handwerker jeweils mit Schilderungen ihrer Arbeiten zu überbieten pflegten – auch wenn er sich durchaus bewusst war, dass der Grat zwischen Dichtung und Wahrheit oftmals sehr schmal war.

An einem bestimmten Chalet wollte Heinrich von Siebenthal heute bewusst vorbeilaufen, am vielleicht grössten Chalet im Oberbort überhaupt, an der Hausfassade lediglich mit «Swoboda» angeschrieben. Im Garten stand dort seit ungefähr drei Wochen ein riesiger Schneemann, bestimmt zweieinhalb Meter hoch, in der klassischen Machart, mit vier übereinandergestapelten Schneekugeln, die grösste als stabile Unterlage, die kleinste als Kopf, den ein grosser Schlapphut sozusagen vor Schneefall schützte. Die letzten paar Tage hatten dem Schneemann jedoch arg zugesetzt, hatte sich der Winter doch, bei Tagestemperaturen von weit über der Nullgradgrenze, ein vorübergehendes Timeout genommen. Der Schneemann präsentierte sich deshalb schwer ramponiert, der Hut sass schief, das Rüebli für die Nase und die Zwiebeln für die Augen lagen bereits am Boden. Die Strassen waren auch im Dorf schneefrei.

«Mefi, komm sofort her, dort hast du nichts zu suchen!», rief von Siebenthal unvermittelt. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten hatte der Labrador eine Art Hausfriedensbruch begangen und es irgendwie geschafft, in den Garten des Chalets Swoboda zu gelangen, wo er schnurstracks zum Schneemann gelaufen war und im Mondschein mit den Pfoten zu scharren begonnen hatte. Auf den Befehl seines Herrchens reagierte er nicht, im Gegenteil, er wühlte immer weiter, begann plötzlich zu bellen. Im Chalet blieb es überraschenderweise dunkel, niemand schien sich am Hundegebell zu stören. Auch hatte Mephisto keinen Lichtsensor ausgelöst, von einer hörbaren Alarmanlage ganz zu schweigen.

«Mephisto, komm jetzt sofort her!», insistierte von Siebenthal.

Der ehemalige Lokführer der Monteux-Oberland-Bahn MOB hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, abends eine Taschenlampe mitzunehmen. Er zog diese nun aus seiner rechten Manteltasche, kippte den Schalter auf «On» und richtete den Lichtstrahl in Richtung seines Hundes, ungefähr zehn Meter entfernt. Siebi Heiri traute seinen Augen nicht, was er zu sehen bekam, ihm stockte der Atem, seine Hand begann zu zittern.

«Mefi! Fuss!», rief er noch einmal.

Jetzt endlich gehorchte der Labrador, rannte zurück auf das Trottoir zu Siebi Heiri, der immer noch im Garten stand: Unter dem Schneemann schaute ein Fuss in einem schwarzen Frauenschuh hervor, beleuchtet vom hellen Lichtstrahl der Taschenlampe.


Der Weg zum leicht versteckt gelegenen Polizeiposten Gstaad führt durch den Hintereingang und durch einen Velokeller.

Es war vergleichsweise ruhig an diesem Abend auf der Polizeiwache Gstaad, die nicht direkt an der Fussgängerpromenade lag, sondern versteckt, etwas zurückversetzt, in einem grossen Gebäude, wo sich auch die Feuerwehr mit ihren roten Fahrzeugen befand. Gut sichtbare Schilder im Dorf wiesen indes den Weg zum Spittelweg 7. Das Büro der örtlichen Polizei im ersten Stock erreichte man über einen Hintereingang der Liegenschaft, wobei man zuerst – leicht provinziell – einen Velokeller durchqueren musste.

«75, 79, 90, 100, 104 und dr Letscht, macht 109!», freute sich Armin Ummel für sich und seine Jasspartnerin beim Zählen der Karten. Die vier anwesenden Polizisten – zwei davon hatten ihre Dienstzeit an diesem Sonntag soeben beendet, blieben aber noch für einen Schwatz mit den Kollegen – hatten kurz Zeit gefunden, in einem Nebenraum eine Runde zu jassen, bevor die beiden Diensthabenden sich auf Patrouille verabschiedeten. Zu Ende konnte man eine Partie sowieso nie spielen, denn immer kam etwas dazwischen, so auch heute, nach nur sechs oder sieben Minuten.

«Kantonspolizei Gstaad, Robert Käser», hörten Armin Ummel, Monika Grünig und Michel Chevalier ihren Chef bei seiner Anmeldung am Telefon sagen. «Herr von Siebenthal, wo sagen Sie? Im Garten des Chalets Swoboda? Ja, ich weiss, das ist jenes mit dem grossen Schneemann im Garten. Bleiben Sie bitte, wo Sie sind, betreten Sie das Gelände auf gar keinen Fall! Wir sind in fünf Minuten bei Ihnen.»

Kaum hatte Käser sein Gespräch beendet, informierte er die Kollegin und die beiden Kollegen.

«Heinrich von Siebenthal sagt, dass er …»

«Siebi Heiri?», fragte Monika Grünig, die sich wunderte, dass Käser Siebi Heiri nicht wie alle anderen Gstaader duzte.

«Ja, genau, Siebi Heiri glaubt, dass auf dem Grundstück des Chalets Swoboda eine Tote liegt, jedenfalls sehe man unter dem grossen Schneemann einen Damenschuh. Behauptet er zumindest. Monika und Michel, sorry, aber könnt ihr noch einen Moment hier bleiben, damit Armin und ich schnell hinaufauffahren und der Sache nachgehen können?»

«Kein Problem!», antworteten die beiden synchron.

«Danke, wir melden uns, sobald wir mehr wissen.»

Eine Minute später sassen Robert Käser und Armin Ummel in einem der Dienstfahrzeuge. Ohne Aufsehen zu erregen – das Zauberwort hiess in Gstaad seit jeher Diskretion – steuerte Robert Käser den VW Passat in Richtung Oberbort.

«Sag mal, Röbu, wie heisst dieser Russe schon wieder, dem das Chalet gehört?», wollte Armin Ummel wissen, der erst vor vier Wochen seinen Dienst in Gstaad angetreten hatte, nach über fünf Jahren bei der mobilen Polizei in der regionalen Einsatzzentrale Thun Süd.

«Ugromow. Witali Ugromow.»

«Der Name sagt mir gar nichts. Ein Unternehmer?»

«Ein sogenannter Oligarch, Multimilliardär, angeblich mit Putin befreundet.» «Wirklich? Du meinst, so einer wie Abramowitsch, dem der Fussballclub Chelsea gehört?»

Robert Käser bejahte und kam gleich ins Schwärmen, als er kurz von der «Eclipse» erzählte, der über 160 Meter langen Yacht von Roman Abramowitsch, die samt integriertem U-Boot und Raketenabwehrsystem gegen eine Milliarde Franken gekostet haben soll. Er erwähnte auch ganz nebenbei, dass der russische Präsident angeblich vor Weihnachten im Garten des Chalets Swoboda gesehen worden sei.

«Putin inkognito hier in Gstaad?»

«Ich weiss es nicht, Armin, man erzählt es sich einfach. Wir von der Polizei wussten jedenfalls von nichts. Aber jetzt fertig Putin, wir sind da.»

Von Weitem schon sahen Ummel und Käser eine männliche Gestalt mit einem Hund auf dem Trottoir stehen. Als sie auf gleicher Höhe waren, stoppten sie ihren Wagen mitten auf der Strasse, stellten den Motor ab und begrüssten Siebi Heiri. Ohne sich abzusprechen wussten die beiden Beamten, was zu tun war. Armin Ummel öffnete die Kofferraumtüre, um zwei Warndreiecke und eine Rolle Absperrband herauszunehmen. Gemeinsam mit Käser errichtete er in beiden Strassenrichtungen in schätzungsweise 40 Meter Entfernung zum Polizeiauto provisorische Strassensperrungen, um Neugierigen den Zugang zum Chalet von Witali Ugromow zu verunmöglichen.

Robert Käser erkundigte sich derweil bei Siebi Heiri, wie es dazu kommen konnte, dass der Hund aufs Gelände hatte laufen können.

«Mephisto ist ein kluges Tier. Da vorne gibt es ein unscheinbares Schlupfloch, dort ist er in den Garten gelangt», erzählte von Siebenthal stolz, streichelte seinen Hund und erzählte weitere Details rund um dessen Schnüffeleien.

Als Ummel zu den beiden Herren stiess – aus den bekannten Gründen blieb das Blaulicht auf dem VW ausgeschaltet –, sprachen die beiden Beamten das weitere Vorgehen ab. Als Gruppenchef war Käser der Wortführer.

Auf den ersten Blick gab es keine klar erkennbaren Spuren, abgesehen von jenen des Hundes. Dennoch war Sorgfalt geboten.

«Ich schlage vor, dass nur einer von uns beiden sich die Sache genauer ansieht, der andere mögliche Schaulustige fernhält und wir anschliessend die Aufgaben verteilen, ist das okay für dich?», fragte Käser.


Viele der Chalets am Oberbort waren von aussen nicht einsehbar. Und wenn doch, liess sich das kostbare Innenleben nicht einmal erahnen.

«Alles klar, Röbu, ich telefoniere inzwischen Gstaad Watch von Excel Security Solutions, damit jemand mit den Schlüsseln zum Eisentor kommt und die Alarmanlage ausschaltet, im Moment zumindest für die Gartenanlage, dann sehen wir weiter. Das Schild am Eingang weist ja darauf hin, dass Gstaad Watch auch hier Auftragnehmerin ist.» Bereits vier Minuten waren zwei Herren des Security-Unternehmens mit prächtigen Bodybuilderfiguren zur Stelle. Einer davon war Richard «Ritschi» Müller, Inhaber und Chef der Firma, das passende Zutrittsmaterial auf Mann. Sein Mitarbeiter hiess Konrad Oppliger.

«Ich möchte einen ersten Augenschein nehmen, dann sprechen wir das weitere Vorgehen ab», informierte Käser. Der Security-Boss öffnete das Tor mit einer Magnetstreifenkarte, worauf Käser, vom Licht der Taschenlampen begleitet, mit Vorsicht zum Schneemann lief, tiefe Spuren im schweren Schnee hinterlassend. Auf den Knien und mit einem Klappmesser entfernte er dort einige Zentimeter Schnee, um sich zu vergewissern, dass es sich tatsächlich um einen leblosen Körper handelte. In den gleichen Fusspuren wie beim Betreten der Gartenanlage verliess er das Grundstück. Erstaunlicherweise war die Strasse nach wie vor leer, niemand ausser den fünf Männern – und dem Hund – war zu sehen. Aber im einen oder anderen (un)beleuchteten Fenster in unmittelbarer Nachbarschaft erkannte Käser Umrisse von Menschen. Diskret.

«Herr von Siebenthal», sagte Käser, «danke für Ihre Meldung. Es stimmt, was Sie vermutet haben, da liegt eine tote Person. Sie können nach Hause gehen, kommen Sie morgen aber doch schnell zu uns auf den Posten, damit wir Ihre Aussagen und Beobachtungen protokollieren können. Und geben Sie Mephisto einen grossen Knochen!» Als ob er es verstanden hätte, wedelte «Mefi» mit dem Schwanz. Und an Richard Müller und Konrad Oppliger gerichtet, fuhr Käser fort: «Ich wäre froh, könnte einer von Ihnen beiden hier bleiben, bis die Fachleute und die Staatsanwaltschaft eintreffen, zumal wir voraussichtlich noch heute Nacht ins Chalet müssen. Ist Herr Ugromow in Gstaad oder abgereist?» «Ritschi» Müller bestätigte die Abwesenheit seines Auftraggebers seit ungefähr zwei Wochen. Auch dessen Mitarbeitende seien heute Sonntagmorgen abgereist. Derweil verabschiedeten sich Siebi Heiri mit Mephisto und Konrad Oppliger von Gstaad Watch ebenso, weil der Chef persönlich vor Ort bleiben wollte, angesichts der Umstände.

«Das wird bestimmt lustig», meinte Müller zu den beiden Polizisten.

«Wie ist das zu verstehen?»

«Nun, Herr Ugromow ist ja nicht irgendwer in Russland, ich könnte mir vorstellen, dass es da womöglich sogar zu einem schweizerisch-russischen Konflikt unter Diplomaten kommen könnte, je nach Verlauf der Untersuchungen.» Armin Ummel und Robert Käser schauten sich fragend an, noch im Unwissen, wie sehr «Ritschi» Müller recht behalten sollte.

Umgehend leiteten die beiden die vorgesehenen Massnahmen ein. Zuerst setzten sie Monika Grünig und Michel Chevalier auf dem Polizeiposten über die bisherigen Erkenntnisse ins Bild.

«Können Michel und ich euch irgendwie helfen?», wollte Grünig von Robert Käser wissen.

«Monika, danke, aber wir kommen schon klar, schlaft euch aus, morgen gibt es bestimmt einiges zu tun. Ihr könnt den Anrufbeantworter auf meine Handynummer umstellen, wir informieren jetzt Thun – ich schätze, bis Mitternacht ist das ganze Rösslispiel mit dem vollen Programm vor Ort.» Lachend verabschiedeten sich Käser und Ummel.

Mit einem einzigen Anruf an die Einsatzleitstelle der Kantonspolizei in Thun – zuständig für das Berner Oberland – samt genauer Beschreibung der bisherigen Umstände trat Käser nun gleichsam eine Lawine los, deren Folgen sich bis Mitternacht manifestierten, angefangen bei der Verstärkung aus Thun über den Kriminaltechnischen Dienst KTD, das Institut für Rechtsmedizin IRM, Tobias Schoch von MeteoSchweiz, die Angehörigen der Kriminalpolizei – in Bern als Dezernat Leib und Leben bezeichnet –, die Medienstelle der Kantonspolizei bis hin zum zuständigen Regierungsstatthalter und der Staatsanwältin für die Region Oberland. In dieser Situation eher ungefragt stand Franz von Allmen herum, Redaktor beim Anzeiger von Saanen. Für den Jungjournalisten war klar, dass er die geplante und bereits gelayoutete Titelstory für die nächste Ausgabe kurzfristig verschieben würde. Und so wie es aussah, hatte er zeitlich einen Vorsprung auf die anderen lokalen Medien wie Radio BeO oder den Berner Oberländer, sodass sogar die Chance bestand, dass nationale Titel den kleinen Anzeiger von Saanen in ihren Berichterstattungen zitieren würden, falls er am Dienstag mit Details aufwarten könnte, die nicht in der offiziellen Verlautbarung der Kantonspolizei zu lesen standen. Welch Glanzlicht, welch Triumph für einen Lokaljournalisten! Und in Gedanken sah sich von Allmen schon in Lohnverhandlungen mit seinem Chefredaktor.

Alle Spezialisten trafen nadisna am Fundort der Leiche ein, sodass sich in der unmittelbaren Umgebung ein aussergewöhnliches Ereignis nicht mehr länger verheimlichen liess, zumal der Garten inzwischen taghell ausgeleuchtet wurde. Der Schneemann war hinter einem Sichtschutzzelt versteckt. An die zwölf bis 15 Leute waren an ihrer Arbeit, die Strasse glich einem Parkplatz für Fahrzeuge der Blaulichtorganisationen. Chaletbesitzer im Oberbort mussten einen Umweg in Kauf nehmen ohne genaue Angabe des Grundes, und äusserten ab und zu einen Fluch in Richtung Ordnungskräfte, auch in fremden Sprachvarianten.

Die beiden Spezialisten des KTD aus Bern – Eugen «Iutschiin» Binggeli und Georges «Schöre» Kellerhals – waren die Ersten, die den kurzen Weg vom Eingangstor zum Schneemann unter die Füsse nahmen, ihre Schuhe in weissen Überzügen steckend. Nach ungefähr zehn Minuten rief Binggeli den anwesenden Meteorologen, Tobias Schoch, zu sich – «aber bitte in unseren Fusspuren laufen!». Grund war das Interesse am Schnee im Garten, der an einigen Stellen schätzungsweise noch immer 20 Zentimeter hoch war, wenn auch schwer und nass.

«Herr Schoch, können Sie aufgrund der Schneedecke und Ihrer Aufzeichnungen feststellen, wann der Schneemann ungefähr gebaut wurde?»

«Ich werde es versuchen, die Schneedecke ist ja, wie Sie selber sehen, unregelmässig dick, weil ziemlich viel Schnee für den Schneemann gebraucht wurde. Verwertbare Fussspuren wird es deshalb kaum geben, fürchte ich.» Mit diesen Worten machte er sich an die Arbeit, mit mitgebrachten Instrumenten und meteorologischen Unterlagen der letzten Wochen, etwas abseits der Fundstelle.

«Veronika, kannst du kommen und dich für erste Erkenntnisse umschauen?», fragte Eugen Binggeli und meinte damit Veronika Schuler vom Institut für Rechtsmedizin IRM. Auf dem Weg zum Schneemann – vorsichtig in den Spuren ihrer Vorläufer marschierend – musste die Rechtsmedizinerin schmunzeln. Wie lange es wohl dauern würde, fragte sie sich, bis sich jemand bei ihr erkundigte, ob man zum Todeszeitpunkt oder zu den Tatumständen schon etwas sagen könne? Gemeinsam mit den Kollegen vom KTD legte die Fachfrau die Leiche frei, immer im Bestreben, den Schneemann nicht umstürzen zu lassen. Der durchgefrorene Körper glich einem grossen Würfel, das Gesicht war nicht zu sehen, auch keine sofort erkennbaren Spuren von Gewaltanwendung. Es folgte ein heikler Moment, denn zum Auftauen beim IRM im Berner Länggassquartier musste der Körper mit einem Kranwagen der Feuerwehr gehoben und in ein Spezialfahrzeug gehievt werden. Diese Arbeit bereiteten Schuler und Binngeli soweit als machbar im Zelt vor und deckten dabei die Leiche ab, sodass mögliche Gaffer den Grund des Hebemanövers höchstens erahnen konnten. Soweit es sich beurteilen liess, ging dies glatt über die Bühne, sah man davon ab, dass der anwesende Lokaljournalist versucht hatte, Fotos des Zeltinnern zu machen, allerdings vergeblich.

Als Veronika Schuler wieder ausserhalb des Gartens stand, entdeckte sie Joseph Ritter, Dezernatsleiter Leib und Leben bei der Kantonspolizei im Ringhof Bern. Neben ihm stand dessen Mitarbeiterin, Regula Wälchli.

«J. R., das ist aber eine Überraschung, dich hier zu sehen!»

«Wirklich? Wen hast du denn erwartet? Etwa Commissario Guido Brunetti aus Venedig? Oder Gunnar Barbarotti aus Kymlinge in Schweden?»

Beide mussten herzlich lachen, denn schon seit Jahren infomierte Veronika Schuler Joseph Ritter und sein Team über Obduktionsergebnisse aus dem IRM bei Todesfällen mit speziellen Begleitumständen – zum letzten Mal im Zusammenhang mit dem Tod von Thomas Kowalski und Agneta Gomulka im vergangenen Jahr.*

«Ich habe auch gleich Regula Wälchli mit aufgeboten, um diese Zeit wohl sehr zur Freude unseres gemeinsamen Kollegen und ihres Lebenspartners Elias Brunner, aber Regula ist eine Gstaaderin, und Insiderwissen schadet bekanntlich nie. Du kennst sie ja auch.»

Die beiden Frauen begüssten sich.

«Veronika, darf ich dich ärgern?», wollte Ritter wissen.

«J. R., das kannst du nicht. Aber vorher möchte ich dir eine Frage stellen.»

«Ich bitte darum.»

«J. R., was hast du am Abend des vergangenen vierten Oktober gegessen?» «Wie soll ich denn das wissen? Wenn schon, müsste ich in meiner Agenda nachschauen, ob an diesem Abend etwas Besonderes war. War da etwas Besonderes, Veronika, am vierten Oktober?»

«Wie soll ich das wissen, J. R.? Und deshalb brauchst du gar nicht zu fragen, ob ich schon Aussagen zum Todeszeitpunkt machen kann. Oder zu den Tatumständen. Ich muss die Leiche zuerst auftauen lassen, das dauert vermutlich bis Mittwoch.» «Alles klar, Veronika.»

Mehr brauchte die Fachfrau mit ihrem unverkennbaren Thurgauer Dialekt gar nicht zu sagen, denn jeder Kriminalbeamte wusste, dass es bei einer durchgefrorenen Leiche praktisch unmöglich war, genaue Rückschlüsse über den Todeszeitpunkt herauszufinden. In erster Linie galt es nun, kriminalistisch vorzugehen, zum Beispiel mit der Nutzung des Handys, anhand möglicher Fahrkarten oder mit der letzten Lebendsichtung durch Zeugen. Hinweise gab es möglicherweise durch die Fäulnisveränderungen zum Zeitpunkt des Einfrierens. War dabei schon längere Zeit vergangen, konnte die Rechtsmedizin mit den ebenfalls eingefrorenen Maden eine Todeszeitschätzung entomologisch vornehmen, zu der die Liegezeit im Schnee addiert werden musste, sofern diese bekannt war. Anhand des Mageninhaltes konnte Veronika Schuler allenfalls noch Schätzungen anstellen, nach welcher Mahlzeit die Frau verstorben war, ohne aber den eigentlichen Todestag damit näher eingrenzen zu können.

«Das einzige, was ich im Moment vermuten kann, ist, dass die Frau nicht unmittelbar nach ihrem Tod im Schneemann vergraben wurde, denn um ihre Leiche herum gab es keine schmalen Hohlräume bis zur Schneedecke, von der Körperwärme herrührend. Interessant ist auch, dass der Schneemann ob dem grossen Hohlraum nicht gekippt ist.»

«Oder aber der Schneemann wurde gleich um sie herum gebaut», antwortete Ritter.

«Theoretisch eine Möglichkeit, ja, aber sehr unwahrscheinlich.»

«Hier in Gstaad wird seit zehn Tagen eine 48-jährige Frau vermisst, ungefähr einsachtzig gross, schlank, blonde Haare. Könnte es sich um die Tote handeln?», wollte Regula Wälchli wissen.

«Nun, die Schuhgrösse der Schneefrau ist 41, das habe ich bereits feststellen können, die Tote dürfte also einssiebzig oder grösser sein, blonde Haare hat sie auch. Aber das Alter kann ich so nicht bestimmen. Wie gesagt: spätestens Mittwoch.» Und zum selbstverständlich rein zufällig herumstehenden Journalisten des Anzeigers von Saanen gewandt fügte Schuler an: «Journalisten gehören ausserhalb der polizeilichen Absperrungen, hopp, subito!», worauf der junge Schreiberling wie befohlen tat.

«Ich bin ja gespannt, was das für eine Berichterstattung gibt …», schmunzelte die Rechtsmedizinerin.

Tobias Schoch von MeteoSchweiz erklärte, dass der Schneemann aufgrund der verschiedenen Schneeschichten im Garten «vermutlich irgendwann in der zweiten Januarhälfte, sicher aber vor dem ersten Februar» gebaut worden war. Am 27. Januar habe es starken Schneefall gegeben, an gewissen Orten bis zu 50 Zentimeter. Diese Aussagen bestätigte die Beobachtung von Siebi Heiri, der von «vor ungefähr drei Wochen» gesprochen hatte. Schoch erwähnte auch noch sichtbare Schneehaufen im unmittelbaren Umfeld des Schneemanns: «Diese Schneehaufen wurden mit grösster Wahrscheinlichkeit nachträglich aus der untersten Kugel ausgekratzt. Daraus schliesse ich, dass die Frau erst nachträglich eingebaut wurde, sie diente sozusagen nicht als stabilisierendes Fundament.»

Zur gleichen Zeit, an anderer Stelle auf der Strasse, war Staatsanwältin Christine Horat im Gespräch mit «Ritschi» Müller von Gstaad Watch.

«Herr Müller, nennen Sie mir die Handynummer von Herrn Ugromow, bitte?» «Ich bin nicht befugt, Daten von unseren Kunden an Dritte weiterzugeben.» «Herr Müller, haben Sie ein Problem mit Frauen? Was soll dieses Machogehabe? Geben Sie mir umgehend seine Telefonnummer. Zackig. Oder möchten Sie ein Verfahren wegen Behinderung der Justiz am Hals?»

Zwei Minuten später stand Christine Horat in Verbindung mit Witali Ugromow. Um eine einigermassen entspannte Gesprächsatmosphäre zu schaffen, erkundigte sich die Staatsanwältin mit einigen Nettigkeiten im Bereich des Smalltalks auf Englisch, wobei Witali Ugromow plötzlich zu einem sehr guten Schriftdeutsch überging.

«Ich habe unter anderem Germanistik studiert, in Berlin-Ost, Mitte der Siebzigerjahre. Was wollen Sie genau von mir wissen, Frau … ehh .… wie sagten Sie doch gleich?»

«Horat, Christine Horat. Sagen Sie, Herr Ugromow, wer hat den grossen Schneemann in Ihrem Garten gebaut – und wann?»

«Mein Chauffeur und mein Koch, Ende Januar, aber deswegen rufen Sie ja bestimmt nicht an, wegen des Schneemanns.»

Christine verneinte und erklärte den Grund ihres Anrufs. Noch bevor sie zu Ende sprechen konnte, unterbrach sie Ugromow unwirsch. «Und jetzt wollen Sie mir unterstellen, ich sei ein Mörder?»

«Nein, das will ich nicht, Herr Ugromow. Aber ich muss Sie bitten, so schnell als möglich in die Schweiz zu kommen, damit wir Sie vom möglichen Täterkreis ausschliessen können.»

«Also gehöre ich zum Täterkreis! Ist es das, was Sie mir sagen wollen, Frau Oratt?»

Die Staatsanwältin war darauf bedacht, die Situation nicht eskalieren zu lassen. «Nein, das sage ich nicht, Herr Ugromow, deshalb ist Ihre Anwesenheit hier in Gstaad ja so wichtig. Wann können Sie hier sein? Sie reisen ja offenbar – so hat man mir jedenfalls gesagt – jeweils mit dem Privatflugzeug nach Genf, um sich nachher mit einem Helikopter nach Gstaad bringen zu lassen. Im Idealfall könnten Sie also noch am gleichen Tag zurück in Moskau sein.»

«Bitte, wie, was verlangen Sie?»

«Wann können wir Sie hier in der Schweiz befragen, Herr Ugromow? Immerhin liegt eine Tote in Ihrem Garten.»

«Bestimmt nicht!»

«Bitte, wie?»

«Was haben Sie nicht verstanden, Frau Oratt? Ich komme nicht!»

«Herr Ugromow, so geht das aber nicht …»

«Reden Sie mit meinem Anwalt in Genf, Jean-Claude Delacroixriche.»

«Herr Ugromow, selbst wenn ich mit Herrn Delacroixriche sprechen würde, Sie müssen dabei sein. Und morgen lasse ich das Haus durchsuchen. Sagen Sie das Ihrem Herrn Delacroixriche.»

«Ich verbiete Ihnen das! Do svidaniya, Frau Oratt!»

Damit beendete Witali Ugromow das Gespräch, einseitig. Christine Horat wusste, dass «Do swidanja» auf Russisch «Auf Wiedersehen» bedeutete –, und «Swoboda», der Name von Ugromows Chalet, «Freiheit».

Inzwischen standen die Uhrzeiger auf 1.30 Uhr. Die Verantwortlichen einigten sich darauf, ihre Arbeiten um 9 Uhr fortzusetzen, um diese Zeit machte es keinen Sinn mehr. «Herr Müller», sprach Christine Horat den Gstaad-Watch-Chef an, «aktivieren Sie bitte sämtliche Alarmanlagen des Chalets und informieren Sie mich umgehend, sollte etwas passieren.»

«Ritschi» Müller nickte und tauschte mit Horat die Geschäftskarten aus.

«Neun Uhr gilt auch für Sie oder einen Ihrer Stellvertreter, bitte nehmen Sie alle Zutrittsinstrumente für das Chalet Swoboda mit, wir werden das Haus durchsuchen, ob das diesem Herrn Ugromow nun passt oder nicht. Wo sind wir hier denn?».

Zum Schluss bat Christine Horat den Gstaad-Watch-Chef, zwei Mitarbeitende aufzubieten, um das Anwesen während der Nacht vor Neugierigen zu schützen. «Wird gemacht. Sagen Sie, wem kann ich diese zusätzlichen Dienstleistungen in Rechnung stellen?»

«Herrn Ugromow, bei dem Sie ja unter Vertrag stehen. Verursacherprinzip nennen wir das.»

15 Minuten später standen zwei Herren in der Nähe der beiden Strassenabsperrungen, mit gegenseitigem Sichtkontakt.

Christine Horat hatte bemerkt, dass Joseph Ritter ihr Gespräch mit Witali Ugromow mindestens zum Teil mitverfolgt hatte.

«Wird wohl nicht kommen, Herr Ugromow», sagte Ritter mit leiser Stimme, just bevor die Staatsanwältin in ihr Auto steigen wollte.

«Mir ist doch auch klar, dass er von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch machen wird, um sich nicht selber zu belasten, aber das wollte ich ihm nicht auf die Nase binden.»

«Was glauben Sie, wie geht es jetzt weiter?»

Horat seufzte. «Ich bin bloss gespannt», antwortete sie, «um welche Uhrzeit ich einen Anruf von Herrn von Kreuzreich erhalten werde, denn der ist mir so sicher wie das Amen in der Kirche.»

«Von Kreuzreich?»

«Die deutsche Fassung von Delacroixriche, Ugromows Anwalt aus Genf. Ugromow wird ihm bestimmt meine Handynummer mitteilen, die er im Display gesehen hat.»

Ritter und Horat lachten beide, zum grossen Teil ihrer eigenen Müdigkeit wegen. Und selbstverständlich hatte vorher der KTD noch alle Zugänge und Türen des Chalets Swoboda mit amtlichen Klebern versiegelt, mit dem Hinweis an die Anwesenden, dass heute Nacht keine Hausdurchsuchung mehr auf dem Programm stehen würde.

* Thomas Bornhauser: Fehlschuss. Weber Verlag, Thun/Gwatt 2015.

Zehn Tage zuvor

Freitag, 7. Februar: Zufälligerweise hatten sowohl Michel Chevalier als auch Monika Grünig Tagesdienst auf dem Polizeiposten in Gstaad, derweil sich zwei Kollegen auf Routinepatrouille im Dorf befanden. Insgesamt arbeiteten während der Hochsaison und aufgrund der verschiedenen Dienstpläne mit einem Bezirkschef, einem Wachtchef, zwei Gruppenchefs und zehn Mitarbeitenden bis zu 14 Polizistinnen und Polizisten auf dem Oberländer Posten.

Gegen 10 Uhr – im Rapport hatte Monika Grünig exakt 10.03 Uhr notiert – erschien Matthias Kaufmann auf dem Posten mit einem speziellen Anliegen. «Ich muss eine Vermisstenanzeige machen.»

Nun war Matthias Kaufmann nicht irgendwer, sondern ein Immobilien-Tycoon, bekannt – und berüchtigt – im ganzen Saanenland. Zusammen mit seinem Bruder Erich hatte er bereits in den Sechzigerjahren den Riecher dafür, dass die Region mehr zu bieten vermochte als eine Postkartenidylle mit Kühen und Bergen. Im Laufe der Jahre investierten die beiden – durchaus mithilfe von einigen Banken – gezielt in Überbauungen, Chalets, Restaurants und Hotels, immer mit sicherem Instinkt für eine optimale Rendite. Selbst die paar wenigen Ausnahmen ergaben unter dem Strich noch immer knapp schwarze Zahlen. Den Kaufmann-Brüdern gehörten Lokalitäten an bester Lage, die sie zu «Marktpreisen» an internationale Konzerne vermieteten. Allein in Gstaad fanden sich drei bekannte Hotels und vier Restaurants in ihrem Portefeuille. Und dennoch, ein Umstand vermochte den Zorn in ihnen zu wecken: Ein ausländischer Investor – angeblich eine Private-Equity-Firma aus Kapstadt mit einem südafrikanischschweizerischen Doppelbürger als Vertreter in der Schweiz – hatte in letzter Zeit damit begonnen, über verschiedene Immobilienhändler Liegenschaften in Gstaad zu kaufen und gleich – selbstredend gewinnbringend – weiterzuvermieten. «Dieser ‹Cheib› pfuscht uns ins Handwerk, nimmt mich wunder, woher der Typ sein Geld hat!», hatte sich, so wussten Insider zu berichten, Matthias Kaufmann mehrfach in trauter Runde geärgert. Und dieses Treiben eines Ausländers gehöre gestoppt. Nur eben – wie?

Beide Kaufmann-Brüder, die ebenfalls eigene Chalets am Oberbort besassen, waren geschieden, Erich dreimal, Matthias einmal, nicht zuletzt deshalb, weil es ein offenes Geheimnis war, dass beide Herren auch in ihrem fortgeschrittenen Alter – «Mättu» war 74, «Eru» 72 Jahre alt – noch die Freuden des Lebens zu geniessen wussten, wahrscheinlich mit freundlicher Unterstützung von Viagra und Cialis, ganz unter dem Motto und frei nach Oscar Wilde: «Einer Versuchung solltest du unbedingt nachgeben, denn wer weiss, ob sie nochmals kommt?» Dass Matthias Kaufmann eine Vermisstenmeldung machen wollte, liess Michel Chevalier aufhorchen und aufschauen.


Das Gstaad Palace ist das wohl bekannteste Hotel im Saanenland mit einer eindrücklichen Geschichte. Im hoteleigenen Nachtclub GreenGo war Valeria Morosowa ein gern gesehener Gast. Ihre Begleiter geizten vor allem beim Servicegeld nicht, sehr zur Freude der Kellner.

«Wen möchten Sie als vermisst melden, Herr Kaufmann?», fragte derweil Monika Grünig und hielt das Formular für die Vermisstmeldung bereits in den Händen.

«Valeria Morosowa», antwortete Kaufmann, «hier ist eine Foto von ihr.»

Auch Frau Morosowa war in Gstaad alles andere als eine Unbekannte, nicht bloss ihres gepflegten Aussehens und ihrer tollen Figur wegen. Obwohl sie Dauermieterin eines Chalets war – allerdings nicht am Oberbort –, verbrachte sie genau genommen nur die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern sowie einige Wochen im Hochsommer in Gstaad, auch während des Tennisturniers. Wie auch immer: Bei Insidern sprach man(n) von ihr als PM (Pii Ehm) – eine Abkürzung für Party-Maus. Woher Morosowa das Geld für den offensichtlich aufwändigen Lebenswandel hatte, war nicht bekannt. Die einen wollten wissen, dass sie sich von wohlhabenden Herren aushalten liess, andere wiederum sprachen davon, dass sie die Witwe eines ehemaligen Barons sei und ganz böse Zungen glaubten sogar, dass sie im Keller ihres Chalets ganz besondere Dienstleistungen offerierte, im Stil von «50 Shades of Grey». Oder so ähnlich.

«Bevor wir auf die näheren Umstände ihres Verschwindens zu reden kommen, können Sie uns ein genaues Signalement geben, Herr Kaufmann?»

«Valeria wurde kürzlich 48 Jahre alt, sie ist einsachtzig gross und angeblich 68 Kilo schwer, wie sie mir einmal verraten hat, sie hat naturblonde Haare und spricht Russisch, Ukrainisch, Deutsch, Spanisch, Englisch und Französisch, die letzteren vier mit dem typischen slawischem Akzent.»

«Was trug sie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens?»

«Ich weiss es nicht, denn ich habe sie vorgestern Abend im Olden vergeblich zum Apéro erwartet. Wir wollten anschliessend zusammen ins Restaurant des ESC gehen, anschliessend ins GreenGo im Hotel Palace.»

Dieser letzte Satz von Matthias Kaufmann hatte es wirklich in sich, erwähnte er doch gleich drei Lokalitäten, in denen normale Gstaad-Besucher kaum zu sehen waren, abgesehen davon, dass das Restaurant des Eagle Ski Club ESC auf dem Wasserngrat nur Mitgliedern vorbehalten war – Leuten, die allein für die Mitgliedschaft in einem der nobelsten Skiclubs auf der Welt ein kleines Vermögen zu zahlen bereit waren.

«Und was bringt Sie dazu, diese Vermisstenmeldung aufzugeben?», wollte Monika Grünig wissen. «Es sind nicht einmal zwei Tage vergangen, möglicherweise ist Frau Morosowa ja schon wieder zu Hause.»

«Nein, das ist sie nicht, ich habe vor einer Viertelstunde bei ihrem Chalet geläutet, vergeblich. Auch ihr Handy ist ausgeschaltet, das alles ist völlig ungewöhnlich.»

«Was wissen Sie sonst über Frau Morosowa, woher kommt sie, womit verdient sie ihr Geld? Jeder Hinweis kann für uns entscheidend sein.»

Wie der sichtlich besorgte Matthias Kaufmann zu berichten wusste, wurde Valeria Morosowa in der Ukraine geboren, in der Nähe von Kiew, ging dort zur Schule und studierte anschliessend Sprachen. Als gefragte Übersetzerin lernte sie während eines Kongresses in Moskau einen, wie Kaufmann explizit feststellte, «stinkreichen Unternehmer» kennen, den sie nur ein Jahr später heiratete. Keine zwei Jahre später liess sie sich von ihm scheiden und war fortan, dank ihres Scheidungsanwalts, eine wohlhabende Frau. Er selber, Kaufmann, habe Valeria Morosowa vor drei Jahren kennen- und schätzen gelernt. Ob das von ihrem Exmann zugestandene Geld für ihren aufwendigen Lebensstil reiche, wisse er nicht. Über Geld werde in seinen Kreisen nicht gesprochen.

«Das hat man einfach», dachte Monika Grünig.

«Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, da muss etwas passiert sein!»

«Wann haben Sie Frau Morosowa denn letztmals gesehen?»

«Frau Grünig, gesehen am dritten Februar, am Morgen des fünften Februar habe ich aber noch mit ihr telefoniert. Sie sass nach eigenen Angaben im Charly’s Tearoom an der Promenade, sagte, dass sie sich auf den Abend mit mir freut.»

«Herr Kaufmann, darf ich ganz direkt zu Ihnen sein?»

«Gewiss doch, wenn es hilft, Valeria zu finden.»

«Sagen wir es so: Frau Morosowa ist bekanntlich kein Kind von Traurigkeit. Mit wem alles hatte sie in jüngster Vergangenheit Kontakt? Oder hatte sie möglicherweise Ärger? Hat sie jemals etwas angedeutet?»

Matthias Kaufmann musste wegen der Bemerkung «Kein Kind von Traurigkeit» von Monika Grünig schmunzeln. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie das Leben eines bekennenden und praktizierenden Singles aussehen konnte, wobei Valeria mit ihren erst 48 Lebensjahren und dank ihrer Erscheinung wohl ein um einiges aufregenderes Leben zu führen wusste als er selber. Er nannte einige Namen von Personen, von denen er annehmen musste, dass sie mit Frau Morosowa in Kontakt standen.

«Bitte behandeln Sie diese Informationen mit der nötigen Diskretion, Sie wissen ja, wie sich die Leute das Maul zerreissen.»

«Davon dürfen Sie ausgehen, Herr Kaufmann, selbstverständlich.»

«Und nein, Valeria hat nie von Drohungen oder Problemen gesprochen.»

Monika Grünig bedankte sich bei Matthias Kaufmann für seine Offenheit und versprach, ihn sofort zu benachrichtigen, sollten sich Neuigkeiten ergeben.

Die Vermisstenmeldung von Valeria Morosowa nahm den gewöhnlichen Verlauf solcher Anzeigen, sieht man davon ab, dass sie noch gleichentags am Fernsehen ausgestrahlt wurde, weil sowohl Monika Grünig als auch Michel Chevalier ein Verbrechen nicht ausschliessen konnten, denn welche Frau hätte eine Einladung ins Olden, den ESC und das GreenGo auf diese Weise sausen lassen? Eine Valeria Morosowa sicher nicht, da waren sich die beiden einig.


Das Tearoom Charly’s an der Promenade in Gstaad: Von hier aus telefonierte in den ersten Februartagen die vermisste Valeria Morosowa mit Matthias Kaufmann, erschien dann aber nicht zum vereinbarten Treffpunkt.

Im Laufe der nächsten Tage gab es zwar einige Hinweise aus der Bevölkerung, die aber ausnahmslos im Sande verliefen. Auch Gespräche mit den von Matthias Kaufmann genannten Personen – grossmehrheitlich aus dem männlichen Kreis der Haute Volée – ergaben keine konkreten Informationen zum möglichen Verbleib der Vermissten. Auch eine allerdings nur oberflächliche Hausdurchsuchung in Morosowas Chalet am Mittwoch, 12. Februar, brachte kein Licht ins Dunkel, nichts deutete auf eine längere Abwesenheit hin. Die Frau blieb wie vom Erdboden verschwunden.

Seit dem Nachmittag des 4. Februar hatte sie ihr Handy nicht mehr benutzt, das ergaben Recherchen bei ihrem Telefonanbieter. Gleiches galt für ihr Profil auf verschiedenen sozialen Medien. Wie konnte es also sein, dass Matthias Kaufmann behauptete, er habe noch am Morgen des 5. Februar mit Valeria Morosowa telefoniert – zu einem Zeitpunkt, als diese angeblich im Charly’s gesessen habe und ebendort bestimmt mit dem Handy telefoniert hätte? Übrigens: Im Keller ihres Chalets waren ganz normale Gegenstände zu sehen, keine Spur von einer Sadomaso-Folterkammer oder Ähnlichem …

Bis zur Auffindung der Leiche im Garten des Chalets Swoboda am späten Abend des 16. Februar ergaben sich keinerlei weiteren Hinweise zum Schicksal der Vermissten.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Vor allem für Joseph Ritter und für Regula Wälchli war es eine sehr, sehr kurze Nacht. Erst gegen 3 Uhr stieg die Kriminalpolizistin im Berner Länggassquartier aus dem Auto von J. R., der weitere 25 Minuten bis zu seiner Wohnung in Münsingen benötigte.

«Regula, ich hole dich morgen um halb acht ab, damit wir um neun sicher in Gstaad sind, nimm Kleider und Toilettenartikel für einige Tage mit, wir reservieren uns Zimmer, wenn auch nicht im Palace oder Alpina, richten ein temporäres Sonderbüro für unsere Ermittlungen in Gstaad ein, mindestens bis zum Wochenende. Ich benötige deine Hilfe als Einheimische dort oben. Und grüss mir Elias – du brauchst ihn ja nicht gleich zu wecken –, ihn und Stefan brauchen wir im Moment noch nicht, wir erhalten ja Verstärkung vom regionalen Stützpunkt in Thun.»

Viereinhalb Stunden später – sogar einige Minuten früher – stand der blaue BMW wieder vor dem Wohnblock am Seidenweg 17, wo Regula Wälchli bereits mit ihrer Reisetasche wartete. Seit einiger Zeit schon lebte die Gstaaderin mit Elias Brunner zusammen, der ebenfalls zum Team Ritter des Dezernats Leib und Leben der Kantonspolizei Bern gehörte, mit Arbeitsplatz im Ringhof im Lorrainequartier.

«Guete Tag, J. R., danke fürs Abholen. Gut geschlafen, turbo-mässig?», fragte sie lachend, während sie einstieg und ihre Tasche auf den Hintersitz legte.

«Ja doch, wunderbar, Regula, wie ein Murmeltier, ich hätte beinahe den Frühling verpasst», antwortete er.

«Übrigens, Gruss von Elias, im Büro sei alles unter Kontrolle, wir könnten es uns im Oberland gemütlich machen.»

«Machen wir doch glatt, Elias denkt doch nicht etwa, dass wir bei diesen Skipisten zu arbeiten gedenken, nicht wahr? Apropos: Wer ist dir als Iheimischi suspekt, bei euch oben, wen sollten wir zu Beginn unter die Lupe nehmen?»

«J. R., du bist um einen Scherz wirklich nie verlegen, auch am frühen Morgen nicht. So aus dem Handgelenk heraus kann ich das im Moment doch nicht sagen, weil ich ja in Bern wohne und nur noch unregelmässig in Gstaad bin. Wenn wir davon ausgehen können, dass die Schneefrau identisch mit Valeria Morosowa ist, dann müssten wir nochmals mit jenen Leuten sprechen, die Matthias Kaufmann nach der Vermisstenanzeige erwähnt hat und die bereits von den Gstaader Kollegen befragt wurden.»

«On verra», sagte der Chef sec – und durchaus passend für Gstaad, denn erstaunlicherweise sprach man in den dortigen Geschäften, den Restaurants und in den Hotels oft Französisch. Noblesse oblige.

Ritter hatte bei seiner Abfahrt in Münsingen bewusst Radio BeO eingestellt, um 7.30 Uhr wurde in den Kurznachrichten jedoch noch nicht über die Ereignisse der Nacht in Gstaad berichtet. Das sollte bis Mittag so bleiben. Kurz nach 8 Uhr verliess Ritter die Autobahn in Richtung Zweisimmen und Wimmis, fuhr zuerst am Schloss Wimmis vorbei, später, im Simmental, an der Talstation zum Stockhorn. Auf dieser Strecke nach Gstaad musste man sich in Geduld üben, Überholen war nur auf wenigen Abschnitten möglich. Offiziell zumindest.

«Jetzt schau mal diesen Tubel an, J. R.!», echauffierte sich die Beifahrerin, als ein grosser Audi mit Appenzell-Innerrhoder-Kantonszeichen – Sicherheitslinie zum Trotz – den Berner BMW überholte. Einige Minuten später erfolgt ein Jauchzen, als der Fahrer an einer geschlossenen Bahnschranke warten musste, unmittelbar vor Ritter und Wälchli, aber hinter sieben anderen Autos: «Bravo! Geschieht ihm recht, das hat er jetzt davon!», rief Wälchli triumphierend.

Unmittelbar nach Zweisimmen klingelte Ritters Smartphone. Dank seiner Freisprechanlage konnte er den Anruf entgegennehmen. Und Regula konnte zuhören.

«Ritter, guete Tag.»

«Hier ist Christine Horat. Raten Sie einmal, wann mich Herr Delacroixriche angerufen hat.»

«Um sieben Uhr?»

«Falsch. Um sechs. Um zehn vor sechs, um genau zu sein.»

«Und? Hat er Ihnen das Du angeboten?»

Die Staatsanwältin musste laut lachen.

«Nicht ganz, nein. Er hat mich zuerst über sämtliche Rechte seines Mandanten aufgeklärt.»

«Das wird ja eine ganze Weile gedauert haben …»

Regula Wälchli verfolgte den Dialog mit sichtlichem Vergnügen.

«Herr Ritter, wo Sie recht haben, haben Sie recht», antwortete Horat. «Also, Herr Ugromow wird von seinem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen und nicht in die Schweiz kommen.»

«Keine belastenden Beweise, nicht wahr?»

«So ist es. Herr Delacroixriche wird heute noch die russische Botschaft in Bern informieren, damit der Ambassadeur bei unserem Aussenministerium eine Protestnote deponieren kann.»

«Ich sehe schon: Partystimmung! Alsdann wird der Schweizer Botschafter in Moskau ins Aussenministerium zitiert. Sagen Sie mal, wer ist dieser Ugromow eigentlich?»

«Eine grosse Nummer, Multimilliardär, in der Energieversorgung tätig, besitzt eine eigene Privatbank, Weggefährte von Wladimir Putin.»

«Soso, eine eigene Privatbank, ist ja ganz praktisch. Und der Präsident kümmert sich ja bekanntlich fürsorglich um seine Freunde, schaut, dass sie nicht am Hungertuch nagen müssen …»

«Herr Ritter, dieses Beziehungsgeflecht zeigt Wirkung. Herr Delacroixriche wird heute gegen zehn Uhr in Gstaad aufkreuzen. Und jetzt decken Sie mich nicht mit Formellem ein, Herr Ritter: Ich musste ihm zugestehen, dass er während der Hausdurchsuchung anwesend sein darf.»

«Wie bitte? Was wird er? Wissen das Binggeli und Kellerhals vom KTD?»

«Nein, noch nicht, ich will Ihnen ja nicht die ganze Arbeit abnehmen, Herr Ritter …» Regula Wälchli blickte schmunzelnd und mit Augenzwinkern zu ihrem Chef hinüber. «Frau Staatsanwältin immer sehr viel lustig … Darf er uns auch Anweisungen geben, wie wir zu arbeiten haben?»

«Jetzt seien Sie doch nicht gleich eingeschnappt, Herr Ritter, mir passt das auch nicht. Aber eben. Delacroixriche wollte übrigens auf Geheiss von Ugromow Ihre Arbeit filmen, das zumindest habe ich ihm aber verboten. Und er scheint es auch begriffen zu haben. Warten Sie also mit der Hausdurchsuchung, bis Delacroixriche eintrifft. Ich komme erst zur Lagebesprechung um fünf. Sind Sie damit einverstanden?»

«Es wird mir ja kaum etwas anderes übrigbleiben, Frau Horat. Ich bin also gespannt, was wir inzwischen noch alles erleben. Bis später!», sagte Ritter und beendete das Gespräch.

«J. R., reg dich nicht auf, sonst wirst du noch zu Russlands Staatsfeind Nummer eins deklariert, durch die Elitetruppe Omon in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Sibirien entführt und in ein Straflager gesteckt», sagte Wälchli. Ritter lächelte lediglich leicht resigniert.

Regula Wälchli benutze daraufhin die Gelegenheit, den Polizeiposten in Gstaad anzuwählen. Dort bat sie Monika Grünig, ihr und J. R. in einem Bed & Breakfast zwei Einzelzimmer zu reservieren, wenigstens bis Freitag, danach würde man weitersehen. Monika Grünig konnte umgehend helfen, denn ihre Eltern boten in ihrem Chalet Alpeblick einige Zimmer an.

«Super, danke schön», freute sich Wälchli, «wir sind in einer Viertelstunde bei euch auf dem Posten.»

Um 8.45 Uhr fuhren Ritter und Wälchli durch Saanenmöser und Schönried und stelten ihren Wagen wenig später ihren Wagen auf dem Parkplatz vor dem Feuerwehr- und Polizeiareal in Gstaad. Punkt 9 Uhr servierten die Kollegen im ersten Stock Kaffee und Gipfeli.

«Service spécial pour nos amis», sagte Michel Chevalier lächelnd.

Weil sich nicht alle Anwesenden kannten, folgte eine kurze Vorstellungsrunde: Robert Käser, Armin Ummel, Michel Chevalier und Monika Grünig vom Polizeiposten Gstaad, Dominik Gfeller, Beat Frei und Chantal Burri von der Regionalpolizei Thun, Eugen Binggeli und Georges Kellerhals vom KTD, Regula Wälchli und Joseph Ritter vom Dezernat Leib und Leben aus Bern, Gabriela Künzi und Ursula Meister vom Mediendienst der Kapo Bern sowie Richard Müller von Gstaad Watch. Es fehlten an diesem Vormittag Veronika Schuler vom IRM, der Regierungsstatthalter Obersimmental-Saanen und – wenigstens bis zum Rapport um 17 Uhr – Staatsanwältin Christine Horat.


Die restriktiven Bauvorschriften der Gemeinde Saanen gelten nicht nur am noblen Oberbort. Die Migros Gstaad muss deshalb ihren grossen Laden im Untergeschoss der eigenen Liegenschaft betreiben.

«Falls niemand etwas dagegen einzuwenden hat, schlage ich vor, dass Joseph Ritter den Vorsitz übernimmt, alle Informationen bündelt und die Aktionen koordiniert», sagte Gruppenchef Robert Käser. Alle nickten zustimmend.

J. R. fasste die Ereignisse kurz zusammen.

«Wir haben eine bisher unbekannte Tote, bei der es sich möglicherweise um die vermisste Valeria Morosowa handeln könnte, das wissen wir im Moment nicht. Der Besitzer des Chalets, vor dem die Tote in einem Schneemann vergraben wurde, Witali Ugromow, macht von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch und wird in Abwesenheit von seinem Rechtsanwalt vertreten, von Maître Jean-Claude Delacroixriche aus Genf. Dieser wird gegen zehn Uhr hier eintreffen und bei der Hausdurchsuchung anwesend sein.»

«Was wird Monsieur Delacroixdingsda?», rief Eugen Binggeli entsetzt. «Habe ich mich verhört? Was ist das jetzt Neues? Weiss die Staatsanwaltschaft davon?» «Ja, der Befehl kommt von Frau Horat, ist eine längere Geschichte. Der Durchsuchungsbeschluss müsste eigentlich per Mailanhang angekommen sein.»

«Ist er auch, J. R.», bestätigte Käser.

«Heute geht es darum, erste Erkenntnisse zum Tathergang in Erfahrung zu bringen. Ich denke, dass Delacroixriche uns einiges erzählen wird, vor allem, um seinen Mandanten so schnell als möglich vom Täterkreis auszuschliessen. Ich lasse mich einfach überraschen und werde deshalb bei der Hausdurchsuchung ebenfalls anwesend sein.»

Ritter teilte nun die Anwesenden in Zweierteams auf, um Befragungen in der Nachbarschaft durchzuführen.

«Röbu, wen kannst du aus deinem Team delegieren? Ich denke, wir brauchen zwei Leute.»

«Dann ist die Auswahl nicht schwer: Monika und Michel. Armin und ich halten derweil die Stellung, wir können euch ja kontaktieren, falls Ausserordentliches passiert. Siebi Heiri kommt ja auch noch vorbei.»

Die drei neu gebildeten Teams teilten das Gebiet rund um das Chalet Swoboda für Befragungen untereinander auf und machten sich auf den Weg ins Oberbort, als ein sichtlich genervter Herr um die sechzig eintraf.

«Bonjour, je m’appelle Delacroixriche, avocat de Monsieur Ugromow», stellte sich der Mann vor.

«Quelle surprise! Wer hätte das gedacht?» Dieser Gedanke lag Ritter zuvorderst auf der Zunge, er verzichtete jedoch auf die Provokation und entgegnete: «Danke, dass Sie gekommen sind, Maître Delacroixriche, darf ich Ihnen meine Kollegen vorstellen?»

Es dauerte keine 30 Sekunden, bis die Deutschschweizer bemerkten, dass der Anwalt Hochdeutsch beherrschte.

«Der guten Ordnung halber überreiche ich Ihnen hiermit den Durchsuchungsbeschluss für das Chalet Swoboda. Ich denke, dass Ihre Zeit kostbar ist, Maître Delacroixriche, deshalb sollten wir uns sofort auf den Weg machen.»

Bevor Ritter nach allen anderen das Zimmer verliess, flüsterte ihm Mediensprecherin Ursula Meister etwas zu. Er nickte nur kurz, schien dabei nicht besonders erfreut zu sein und antwortete, ebenfalls im Flüsterton.

Mit zwei Autos fuhren Eugen Binggeli, Georges Kellerhals, Richard Müller, Jean-Claude Delacroixriche und Joseph Ritter los, zwei Minuten später parkierten sie die Fahrzeuge vor dem Chalet von Witali Ugromow, nachdem die beiden Gstaad-Watch-Securityleute sie hatten passieren lassen. In der Nähe, aber dieses Mal ausserhalb der Sperrzone, stand bereits Jungspund von Allmen, sprungbereit, um weitere Informationen für seinen morgigen Artikel im Anzeiger von Saanen aufzuschnappen, natürlich möglichst exklusiv und inoffiziell. In diesem Moment waren Gabriela Künzi und Ursula Meister daran, das offizielle Mediencommuniqué per Mail zu verschicken. Damit wollten sie vor allem denjenigen Online- und Boulevardjournalisten zuvorkommen, die angebliche – und in vielen Fällen erfahrungsgemäss leider mit Spekulationen angereicherte – Primeurs zu veröffentlichen gedachten. Der Text war knapp gehalten:

«Wie die Kantonspolizei Bern mitteilt, wurde in der Nacht von Sonntag, 16. auf den Montag, 17. Februar in Gstaad im Gebiet des sogenannten Oberbort eine noch unbekannte Tote entdeckt. Erste Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Frau durch äussere Umstände ums Leben gekommen ist. Die Tote hatte lange blonde Haare, trug blaue Jeans und einen grauen Rollkragenpullover. Sachdienliche Mitteilungen werden erbeten an die Kantonspolizei in Gstaad oder an jede andere Polizeidienststelle.»

«Mögliche weitere Erkenntnisse», schrieben Künzi und Meister im Anschluss an das Communiqué, «werden wir an einer Medieninformation um 14 Uhr bekanntgeben. Diese findet heute Montag im grossen Sitzungszimmer auf dem Aussenposten der Kantonspolizei in Gstaad statt.» Aus ermittlungstaktischen Gründen würde es noch nicht möglich sein, unmittelbar beim Fundort der Leiche Foto- oder Filmaufnahmen zu realisieren.

Die beiden Medienprofis der Kapo Bern arbeiteten schon einige Jahre zusammen und wussten genau um das Szenario: Nach zehn Minuten rief der erste Radiojournalist an, mit der Bitte um «ein Interview für die Mittagsnachrichten» was natürlich nicht möglich sein würde, angesichts der offiziellen Verlautbarungen um 14 Uhr, gefolgt von vielen weiteren Spezialwünschen, également en français, weil die Sprachgrenze in unmittelbarer Nähe zum Saanenland lang.

«Weiss J. R. schon von seinem Glück, dass er die Medieninfo leiten darf beziehungsweise muss?», wollte Gabriela Künzi von ihrer Kollegin wissen.

«Ja, ich habe es ihm husch, husch gesagt, bevor er abgefahren ist. Er ist spätestens um ein Uhr zurück. Du kannst ihm beistehen, ich mache mich noch während der Medieninfo auf ins Oberbort, weil der eine oder andere Journalist ja bestimmt vor den Absperrungen Aufnahmen machen oder ein Statement will. Okay für dich?»

«Klar doch, geng wie geng. Jetzt hoffen wir doch bloss, dass keiner der vielen Promis denen ins Bild läuft, sonst haben wir dann entsprechende Schlagzeilen.» «Die gibt es wohl auch so, fürchte ich, das Oberbort legt ja den roten Teppich dafür aus.»

Armin Ummel und Robert Käser, die beiden Hüter des Gstaader Büros, hatten den Dialog der beiden Medienfachfrauen mitbekommen und konnten sich ein gegenseitiges Schmunzeln nicht verkneifen. «Lieber die als wir», dachten wohl beide.

«Herr Müller, darf ich Sie jetzt bitten, die Türe zur Einstellhalle zu öffnen», bat Ritter den Chef von Gstaad Watch «Im Weiteren können Sie anschliessend über Ihre Zeit verfügen, ich rufe Sie an, wenn wir hier fertig sind. Übrigens, wie erklären Sie sich, dass kein Alarm ausgelöst wurde, als die Tote vergraben wurde?»

Darauf wusste «Ritschi» Müller keine Antwort. Nachdem er bestätigt hatte, dass alle Alarmanlagen abgeschaltet wurden und sämtliche Räume von der Einstellhalle frei zugänglich ohne weitere Schlüssel oder Nummernkombinationen begehbar waren, verliess er das Gelände. Müller marschierte zu einem seiner beiden Mitarbeiter, die vor dem Haus Swoboda Wache hielten: «Keine besonderen Vorkommnisse während der Nacht, sieht man von zwei unangenehmen Typen ab, vermutlich Russen, die erfolglos zum Chalet fahren wollten, ohne Angabe von Gründen, worauf sie wieder wegfuhren», vermeldete dieser. Müller bat ihn, eine Ablösung für sich und seinen Kollegen zu organisieren, «voraussichtlich bis sechs Uhr abends».

In Gstaad wurden viele Chalets – der bereits erwähnten Bauvorschriften wegen – nach dem gleichen Strickmuster realisiert: Die Einstellhalle lag auch im Swoboda auf der untersten Ebene. Witali Ugromow hatte den Platz optimieren lassen, mit einer Drehplattform und einer Hebebühne ausgerüstet, sodass insgesamt 16 Autos darin Platz fanden. Zwar war nur etwas mehr als die Hälfte der Plätze belegt, aber wie: Ritter zählte beim Vorbeigehen zwei Ferrari – einer davon ein F-60 America, von dem es weltweit nur zehn Exemplare gab –, zwei Maserati, einen Rolls Royce, einen Aston Martin, einen Bugatti Veyron Super Sport – Tuning by Mansory, einem deutschen Veredler und Tuner von Luxusautos –, der allein weit über eine Million Franken wert war, und einen SUV-Porsche Macan. Auffallend: Auch ein gewöhnlicher weisser Kombi war zu sehen, wie auch alle anderen Fahrzeuge ohne Nummernschild.

«Herr Delacroixriche, wo geht es hier weiter?», fragte Georges Kellerhals. Kriminaltechnisch war ihm zwar in der Einstellhalle prima vista nichts Verdächtiges aufgefallen, er behielt sich jedoch alle Optionen offen, sollte es später einmal darum gehen, Textilfasern auf den Beifahrersitzen zu untersuchen.

«Meine Herren, bitte folgen Sie mir», sagte Delacroixriche.

Am Ende des langen Gangs drücke der Advokat auf einen Knopf, worauf sich die dort angebrachte Türe teilte, nach links und nach rechts. Die beiden Kollegen des KTD sahen sich im Lift wortlos an, denn jeder Ausdruck wie «Fahrstuhl» oder «Aufzug» wäre diesem Gefährt, diesem «Elevator» mit Klimaanlage, TV-Bildschirm, Telefon und – man höre und staune – mit kleinem und aufgefülltem Kühlschrank nicht gerecht geworden, man hätte glatt ein Weekend darin verbringen mögen.

«Wir befinden uns jetzt im ersten Untergeschoss, hier finden Sie Swimmingpool, Spa, Fitnesszentrum, Spielhalle und vier Zimmer für das Personal, zu denen ein dreissig Meter langer Korridor führt», fuhr Delacroixriche nach dem Halt fort. Während des kleinen Rundgangs unter seiner Führung sprach niemand ein Wort. Diese Räume waren von aussen nicht einsehbar, beleuchtet wurden sie durch zum Teil wahnwitzige und entsprechend teure Lichtinstallationen, aber auch mit grossen Deckenfenstern, die den Einfall von Tageslicht ermöglichten, ihrerseits als grosse Halbkugeln aus Kunststoff in die oberirdische Gartenanlage integriert. Vom Schnee befreit gaben diese Kuppeln in dieser Jahreszeit dem verschneiten Garten ein nahezu ausserirdisches Aussehen.

«Möchten die Herrschaften die Treppe ins Erdgeschoss benutzen oder nochmals den ‹Ascenseur›?»

«Einige Schritte zu Fuss werden uns bestimmt gut tun …», meinte Eugen Binggeli. Und auch die geschwungene Treppe ins Erdgeschoss hatte es in sich, sie war bestimmt vier Meter breit und aus Edelholz gefertigt. Oben angelangt, eröffnete sich den Herren ein atemberaubendes zweistöckiges Interieur.

«Wow!», entfuhr es Joseph Ritter, der in Sachen Kunst und Architektur durchaus bewandert war.

«Die weltbekannte, dieses Jahr leider verstorbene Architektin Zaha Hadid hat das Chalet realisiert, Herr Ugromow liess ihr dabei freie Hand, nun ja, bis auf die Aussenfassaden. Sie wissen schon, die Bauvorschriften …»

Ritters «Wow!» bezog sich allerdings nicht bloss auf die Architektur, sondern auch auf die Gemälde, die an den Wänden hingen.

«Kandinsky, von Jawlensky, Matisse, Corinth, Kokoschka, Kollwitz, Schönberg, Weill und andere, alle schön beieinander, Kirchner, Nolde, Dix, unglaublich, ich bin sprachlos …»

«Sie interessieren sich für Impressionisten und Vertreter entarteter Kunst?», fragte Delacroixriche, wobei sein anfänglich schroffer Ton in eine Art Bewunderung gleitete.

«Ja, schon, und ich finde, Zaha Hadid war eine geniale Architektin, ihr Dubai Opera House ist unbeschreiblich», sagte Ritter und dachte: ‹Kein Wunder, kratzen viele dieser Villen an der 40-Millionen- Franken-Grenze, Autos und Kunst nicht einmal eingerechnet.›

Die beiden Herren des KTD holten Ritter auf den harten Boden der Realität zurück.

«Herr Delacroixriche, ich würde mich jetzt gerne in den Arbeitsräumen von Herrn Ugromow umsehen, mein Kollege Binggeli in den übrigen Räumen hier im Erdgeschoss», sagte Kellerhals.

«Laut Durchsuchungsbeschluss muss ich Sie gewähren lassen, aber das Unverständnis meines Mandanten – und auch meines – ist total. Was soll das alles?» Joseph Ritter antwortete mit einer Gegenfrage: «Herr Delacroixriche, wenn in der Gartenanlage einer Villa in Moskau eine Leiche gefunden wird, kommt der Besitzer für die Tat automatisch nicht in Frage?»

«Doch, natürlich schon.»

«Da sind wir ja einer Meinung. Und deshalb werden wir uns sofort an die Arbeit machen, damit Herr Ugromow unter Umständen so schnell als möglich entlastet werden kann, das ist doch gewiss auch in Ihrem Sinn, nicht wahr?»

Dem konnte Maître Delacroixriche vollumfänglich zustimmen.

Gegen Mittag meldete sich Eugen Binggeli mit einer ersten Zwischenbilanz. «Nichts Tatverdächtiges, aber eines möchte ich dir dennoch zeigen, J. R.»

Zum Erstaunen des Advokaten hatten es Binggeli und Kellerhals geschafft, den vorhandenen PC zu starten, sich einzuloggen und ins Programm zu gelangen. «Woher kennen Sie das Passwort von Herrn Ugromow?», wollte Delacroixriche wissen.

Binggeli grinste breit.

«Mit ‹Valeria› hatte ich keinen Erfolg, umso mehr mit ‹Swoboda›, Herr Ugromow hatte hier wenig Fantasie …»

Die nächste Frage lag auf der Hand.

«Herr Delacroixriche, sagen Sie, kennt Herr Ugromow Valeria Morosowa?», wandte sich Binggeli an den Anwalt.

Dieser zuckte mit den Achseln. Man müsse seinen Mandanten schon selber fragen, meinte er ziemlich schroff. Er selber habe keine Ahnung, wer diese Frau sei, habe ihren Namen noch nie gehört.

«Fotos der Vermissten oder Mailverkehr mit ihr haben wir auf Anhieb nicht gefunden, wohl aber Fotos einer Unbekannten. Mehrere Aufnahmen zeigen sie vor dem Eisentor, beim Fotografieren des Anwesens. Keine Ahnung, wer sie ist und weshalb sie sich für das Chalet interessiert.»

Die Anwesenden betrachteten vier, fünf Aufnahmen, ganz offensichtlich von einer Überwachungskamera aufgenommen, am Montag, 27. Januar zwischen 11.30 und 11.32 Uhr. Zu sehen war eine Frau um die 30. Ihre Haare wurden durch eine Wollmütze verdeckt. Weil die Aufnahmen schwarz-weiss waren, konnte man die Farben ihrer Kleidung nicht erkennen. Starker Schneefall an diesem Tag verhinderte zudem klarere Konturen, die professionelle Nikon-Kamera liess immerhin darauf schliessen, dass die Unbekannte nicht bloss Ferienfotos geknipst hatte. Merkwürdig war einzig, dass sie dabei Handschuhe trug. Eugen Binggeli – die Kollegen sprachen seinen Vornamen amerikanisch aus, «Iutschiin», weil es originell tönte –, ein Informatik-Ass, setzte gleich den Drucker in Betrieb.

«Sicher ist sicher, man weiss ja nie.»

Die oberflächliche Hausdurchsuchung dauerte etwas mehr als zwei Stunden. Die Beamten entdeckten dabei nichts Verdächtiges, sodass sie sich mit dieser ersten Besichtigung begnügten. Den PC liessen sie vorderhand vor Ort, um eine unnötige Provokation zu vermeiden. Während der ganzen Aktion ärgerte sich Delacroixriche darüber, dass die KTD-Leute fotografierten, er musste seinen Protest aber bei Worten bewenden lassen.

«Herr Delacroixriche, ich denke wir können die Sache für den Moment auf sich beruhen lassen und weitere Entscheide der Staatsanwaltschaft überlassen», sagte Ritter. «Immerhin wüsste ich gerne, wer die Frau auf den Fotos ist und weshalb die Aufnahmen gespeichert wurden.»

Überraschend zog Delacroixriche sein Handy aus der Tasche, wählte eine Kurznummer und wartete auf die Verbindung. Nach nur einigen Worten war klar: Er sprach mit Witali Ugromow – in russischer Sprache. Binggeli, Kellerhals und Ritter waren baff.

Das Gespräch verlief anfänglich ruhig, plötzlich war allerdings ein erzürnter Ugromow zu hören, quer durch das halbe Haus – im wahrsten Sinne des Wortes. Delacroixriche, der das Handy nun in einiger Distanz zum Ohr hielt, liess sich nicht beirren und sprach in gemässigter Lautstärke sachlich weiter. Nach ungefähr zwei Minuten war von beiden Seiten «Do swidanja» zu hören. Während des Gesprächs erhielt auch Joseph Ritter einen Anruf, er sprach aber nichts, hörte nur zu und verabschiedete sich nach einigen Augenblicken mit «Danke, Regula.»

«Herr Ugromow ist sehr, sehr ungehalten darüber, dass Sie seinen PC gehackt haben.»

«Entschuldigung, Herr Delacroixriche», sagte Binggeli und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum der Anwalt keinen kürzeren und einfacheren Namen haben konnte, «wir haben nicht gehackt, wir sind mit dem Passwort hineingekommen, im zweiten Anlauf.»

«Das sind nach Ansicht meines Mandanten – es entspricht auch meiner Meinung – Wortverdrehungen, die nichts zur Sache tun. Herr Ugromow behält sich rechtliche Schritte gegen Sie vor. Als Schweizer und Kenner unserer Gesetze werde ich ihm jedoch davon abraten.»

Plötzlich gab Delacroixriche Erklärungen zu den Fotos der Unbekannten ab. Binggeli, Kellerhals und Ritter waren erneut überrascht. Offenbar hatte der Sekretär von Witali Ugromow die Frau beobachtet, weshalb Ugromow die Videoüberwachung checken und einige Fotos abspeichern liess. Weiter, sagte der Anwalt, gebe es über die Frau nichts zu sagen, niemand wisse, wer sie sei und weshalb sie vor dem Haus fotografiert habe.

«Vielleicht hat ihr ja ganz einfach das Chalet gefallen», meinte Ritter und fuhr fort: «Können Sie uns sagen, wann Herr Ugromow in die Schweiz ein- respektive wieder ausgereist ist – und in wessen Begleitung er war?»

«Das weiss ich auswendig. Er ist am Samstag, 25. Januar, mit seinem Privatjet und seinem Staff in Genf gelandet – ich selber habe ihn dort getroffen – und dann mit Heli-Alps nach Gstaad weitergeflogen.»

«Mit Heli-Alps?», wunderte sich Kellerhals, «die haben ihre Basis doch in Sion …» «Das ist mir bekannt, Herr Kellerhans.»

«Kellerhals.»

«Pardon, Herr Kellerhals. Herr Ugromow nimmt immer die Dienste von Heli-Alps in Anspruch, er kennt dort einen der Piloten und vertraut ihm. Er wurde am Montag, dritten Februar, auch wieder von Francis Sermier, dem Präsidenten des Verwaltungsrats von Heli-Alps, in Gstaad abgeholt und nach Cointrin geflogen. Von dort aus ist er via Paris, wo er kurz geschäftlich zu tun hatte, nach Moskau weitergereist. Herr Ugromow fliegt seinen Jet selber.»

«Und weshalb fliegt er nicht direkt zum Flugplatz Saanen?»

«Die Piste in Saanen ist für den Jet von Herrn Ugromow zu kurz.»

Erneutes Staunen, zum dritten Mal.

«Ugromow war in Begleitung seines Chauffeurs, seines Kochs und seine Sekretärs. Die drei Herren ihrerseits sind erst gestern Sonntag, 16. Februar, direkt von Zürich aus nach Moskau geflogen, mit Aeroflot. Zuvor hatten sie in der Schweiz und in Frankreich für Herrn Ugromow einige Aufträge zu erledigen.»

Maître Delacroixriche vergass dabei erstaunlicherweise Oxana Iwanowa zu erwähnen, die persönliche Assistentin von Herrn Ugromow, denn Regula Wälchli hatte kurz zuvor in ihrem Gespräch mit dem Chef erwähnt, dass Nachbarn übereinstimmend von vier Herren und einer Frau als Aufenthalter im Chalet «Swoboda» berichtet hatten. Einer der Nachbarn wusste sogar ihren Namen.

Einige Minuten später, als alle wieder vor dem Chalet standen, rief Joseph Ritter «Ritschi» Müller an mit der Bitte, die Alarmanlage wieder «scharf» zu stellen und das Chalet weiter bewachen zu lassen. Die Strassensperrung würde die Polizei am Abend aufheben, nach dem zu erwartenden Ansturm der Fotografen am Nachmittag. Von weitem schon sah Ritter den Journalisten des Anzeigers von Saanen wie ein Tiger im Käfig umherlaufen. Irgendwie hatte er Erbarmen mit ihm, sodass er auf ihn zuging.

«Ich rate Ihnen, an der Medieninformation um zwei Uhr teilzunehmen, dort erfahren Sie alle bisher bekannten Fakten.»

«Das geht nicht, um zwei Uhr muss ich abliefern, wir gehen um drei Uhr in Druck. Darf ich Ihnen deshalb einige Fragen stellen, die ich in Interviewform abdrucken werde?»

Ritter stimmte zu. Die Fragen waren sehr allgemein gehalten, ebenso deshalb die Antworten. Fünf Minuten später liess sich Ritter von Georges Kellerhals zum Polizeiposten zurückfahren.

Maître Delacroixriche verabschiedete sich dort von den übrigen Herren und fuhr in seinem Aston Martin mit monegassischem Kennzeichen vom Feuerwehr- und Polizei-Areal weg.

«Der Mann ist eine Wundertüte», wunderte sich Ritter mit hochgezogener rechter Augenbraue.

«Wieso bezeichnest du ihn eigentlich als Maître? Er ist doch kein Lehrer …», wollte Binggeli wissen.

«Mon cher Bainschöli, in der Grande Nation werden Advokaten so angesprochen, diese Ehre wollte ich ihm erweisen, vielleicht wurde er deshalb zum Schluss geradezu handzahm», antwortete Ritter lachend.

«Oho! Grosses Kino in Sachen Polizeipsychologie. Chapeau, Maître Ritter!»

Im ersten Stock hatten Gabriela Künzi und Ursula Meister bereits alles für die Medieninformation vorbereitet. Ritter liess sich telefonisch von den drei Befragungsteams aufdatieren, ebenso von Robert Käser. Ritter, Künzi und Meister sprachen sich für den Anlass im grossen Sitzungszimmer ab. Ritter freute sich einmal mehr über die Professionalität der beiden Medienverantwortlichen, an alles hatten sie gedacht, sodass man eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz ruhig der kommenden Dinge harren konnte.

Ritter hatte es sich angewöhnt, Sitzungen auf die Sekunde genau zu beginnen, aus Respekt vor jenen, die pünktlich eintrafen. Die Nachzügler indessen bekamen auf dem Weg zu ihrem Platz «Ich danke übrigens allen, die pünktlich erscheinen konnten», zu hören, vielfach belächelt von den bereits Anwesenden. Das war auch heute nicht anders. Der Reporter einer Gratiszeitung fühlte sich besonders schlau und wollte vor der Medieninformation schnell noch ein paar Bilder des Fundorts machen, wo er 50 Meter davor jedoch auf einen über zwei Meter grossen Vertreter von Gstaad Watch traf.


Der Schneemann auf dem Grundstück des Chalets Swoboda von Witali Ugromow: Nicht bloss die warmen Temperaturen, auch die Arbeit der Kriminaltechniker hatten dem Schneemann arg zugesetzt.

Joseph Ritter setzte die ungefähr 20 Medienvertretenden über die bisherigen Erkenntnisse ins Bild und diese waren, ehrlich gesagt, nicht gerade ergiebig, zumindest nicht aus Sicht der Journalisten, die es aber – so war anschliessend jedenfalls verschiedentlich zu hören – schätzten, dass die Polizei sofort und offen informierte. Die anschliessende Diskussionsrunde – in Zusammenarbeit mit Gabriela Künzi – erwies sich wie erwartet als viel interessanter, wobei sich die beiden Polizeivertreter nie mit dem Rücken zur Wand zurückdrängen liessen. Wie an gewissen Medienkonferenzen üblich, meldeten sich auch in Gstaad die Journalisten vor ihren Fragen mit Namen und Medium, damit vor allem Joseph Ritter wusste, mit wem er es zu tun hatte. Es galt auch hier und heute: Die Journalisten stellten hier nur Fragen, über deren Antworten die anwesenden Berufskollegen keine Exklusivitäten ableiten konnten. Andere Fragen behielten sie für sich, für anschliessende Gespräche mit der Polizei, unter vier Augen.

«Peter Göller, Blick. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der verschwundenen Valeria Morosowa und der aufgefunden Toten?»

«Das lässt sich im Moment nicht sagen.»

«Und weshalb nicht?», hakte Göller nach.

«Die Tote wurde in einem grossen Schneemann gefunden, sie wurde dort hineingelegt.»

«Entsorgt?»

«Ich habe ‹hineingelegt› gesagt, Herr Göller. Der Schneemann war weit über zwei Meter hoch und bestand aus übereinandergestapelten Kugeln. Der Körper der Toten war gefroren, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, müssen wir ihn zuerst auftauen lassen. Das geschieht im Institut für Rechtsmedizin in Bern, ohne Hilfsgeräte. Das Signalement, das die Kolleginnen der Medienstelle heute Morgen gemacht haben, muss ausreichen, für den Moment. Am Mittwoch wissen wir vermutlich mehr.»

«Max Gerber von Radio BeO. Weiss man, wann der Schneemann gebaut wurde?» «Nach unseren bisherigen Erkenntnissen Ende Januar, sicher vor dem ersten Februar. Zwei Angestellte von Herrn Ugromow haben ihn gebaut.»

«Brigitta Dömötör von 20 Minuten. Wurde Herr Ugromow bereits befragt?» «Herr Ugromow ist zurzeit landesabwesend, wir hatten heute Morgen Kontakt mit seinem Anwalt, der mit Spezialisten vom KTD der Kantonspolizei Bern und mit mir die Räumlichkeiten des Chalets besucht hat.»

«Roman Imobersteg vom Berner Oberländer. Wird Ugromow der Tat beschuldigt?»

«Moment, Herr Imobersteg, immer der Reihe nach. Als Besitzer des Chalets sind seine Aussagen natürlich von Interesse für uns. Nach unserer Begehung heute Morgen ist Herr Ugromow nicht dringend tatverdächtig und schon gar kein Beschuldigter.»

«Worauf stützen sich Ihre Erkenntnisse?»

«Sie werden sicher verstehen, dass ich Ihnen aus ermittlungstaktischen Gründen dazu nichts sagen kann.»

«Ja, Herr Göller?»

«Sie haben meine Frage von vorhin nicht beantwortet. Besteht die Möglichkeit, dass es sich bei der Toten um die vermisste Valeria Morosowa handelt?»

«Herr Göller, am Mittwoch. Bitte.»

«Kathrin Zgraggen von der Schweizerischen Depeschenagentur sda. Herr Ugromow gehört laut Forbes zu den dreissig reichsten Männer der Welt. Darf er auf eine spezielle Behandlung hoffen?»

«Ich verstehe Ihre Frage nicht.»

«Wird man ihn mit besonderer Rücksicht behandeln, immerhin heisst es von Herrn Ugromow, dass er mit Wladimir Putin befreundet ist.»

«Frau Zgraggen, sowohl Herrn Ugromow als auch der Schweizer Justiz stehen viele Rechtsmittel zur Verfügung. Innerhalb dieser Rechtsprechung werden wir uns bewegen, wie wir das übrigens immer tun. Habe ich Ihre Frage somit beantworten können?»

«Ja, danke», antwortete sie mit einem leicht süffisanten Schmunzeln und nickte.

«Hat sonst jemand noch eine Frage?»

«Urs Meyer von Schweiz aktuell, Fernsehen SRF. Wann genau während seines letzten Aufenthaltes war Herr Ugromow in Gstaad? Und: War er allein?» Joseph Ritter sprach nannte das Datum und sprach lediglich von drei Mitarbeitenden, die später nachgeflogen seien.

«Dann kommen ja auch die Angestellten für den Mord in Frage!», gab sich Göller entzückt.

«Dafür müssen Sie das Orakel von Delphi befragen, Herr Göller.»

Unter allgemeinem Schmunzeln ging die Medienkonferenz zu Ende, Ritter bedankte sich auch im Namen seiner beiden Kolleginnen für das Interesse. Gabriela Künzi und er stünden weiterhin zur Verfügung, Ursula Meister, inzwischen am Oberbort, ebenso, allerdings sei die Zufahrt zum Chalet Swoboda gesperrt und vom Schneemann wegen der hohen Temperaturen nicht mehr viel zu sehen.

Punkt 17 Uhr – die Staatsanwältin war kurz zuvor eingetroffen – begann der Tagesrapport, damit alle Teilnehmendem den gleichen Wissensstand hatten. Im Anschluss daran wurde der nächste Arbeitstag besprochen, also der Dienstag, 18. Februar. Die Befragungen der Nachbarn hatten ein einheitliches Bild der zweiten Februarhälfte ergeben. Im und um das Chalet Swoboda wurden verschiedene Personen gesehen, meistens Männer, einmal auch eine Frau, ab und zu fuhr ein Wagen aus der Einstellhalle, der Schneemann fiel allen auf.

«Wir können also von der bisher bekannten Voraussetzung ausgehen, was Wetter und Schneemann betrifft», sagte Ritter.

«Etwas Lustiges muss ich euch schon noch schnell erzählen», meldete sich Regula Wälchli.

Sie berichtete davon, dass Monika Grünig und sie bei ihren Befragungen unter anderem von einem echten Gentleman empfangen wurden, «nachdem wir ihm unsere Ausweise in die Überwachungskamera gehalten haben.» Beide Frauen seien gehörig erschrocken, als der Mann die Türe des Chalets geöffnet und sie begrüsst habe: Ein weltbekannter Schauspieler, zu Besuch bei Freunden, weil er selber inzwischen sein Chalet in Gstaad verkauft hatte und heute an einem anderen Ort lebte.

«Er war sehr offen, hat unsere Fragen alle beantwortet, sofern dies möglich war. Sogar den Namen von Oxana Iwanowa wusste er, aber nicht, wie die Herren hiessen. Dann hat er gefragt, ob wir etwas trinken möchten. ‹Einen Wodka-Martini›, sagte ich, ‹geschüttelt, nicht gerührt.› Ihr hättet seinen Blick sehen sollen!»

«Ehrlich, er wollte Regula wirklich diesen Cocktail mixen», funkte Monika Grünig freudig dazwischen, «ich habe den Mann aber darauf hingewiesen, dass wir während des Dienstes keinen Alkohol trinken dürfen, weshalb es nur einen fast banalen Earl Grey Tea gab. So oder so. Das war ein wirkliches Erlebnis!»

Eugen Binggeli und Georges Kellerhals liessen ihren Aufenthalt im Chalet Swoboda Revue passieren, in allen Einzelheiten, weil man ja nie wusste, ob einem mit vernetztem Denken nicht noch jemandem etwas ein- oder auffallen würde. Sie reichten die Bilder der unbekannten Frau herum, ohne weitere Anhaltspunkte. Christine Horat hörte aufmerksam zu, in der Hoffnung, dass keiner der Beamten im Haus von Witali Ugromow einen Fauxpas begangen hatte, den der Russe via Anwalt umgehend als Beschwerde im Sinne eines Verfahrensfehlers hätte einreichen können. Dies schien nicht der Fall zu sein.

«Was genau hat es mit den Mitarbeitenden auf sich?»

«Das wissen wir noch nicht», antwortete Binggeli, «wir haben intensiv fotografiert und auch Fingerabdrücke genommen, diese gilt es zuerst auszuwerten.» «Den PC haben Sie hoffentlich nicht mitgenommen …?», erkundigte sich die Staatsanwältin besorgt.

«Nein, haben wir nicht. Kollega Binggeli ist ein echter Computerfreak, er hat nichts Verdächtiges gefunden ausser den Fotos dieser unbekannten Frau.»

«J. R., Monika und ich haben nach unseren Befragungen – einige der Nachbarn waren nicht da, vielleicht am Skifahren, haben jedenfalls nicht auf unser Läuten reagiert – das eine oder andere erkundet. Und eine Überraschung erlebt», sagte Regula Wälchli.

Sie rief den Kolleginnen und Kollegen in Erinnerung, dass Matthias Kaufmann laut Protokoll ausgesagt hatte, Valeria Morosowa letztmals am Morgen des 5. Februar gesprochen zu haben, als sie im Charly’s sass.

«Das ist aber nicht möglich, denn der Laden hatte an diesem Tag geschlossen, wegen eines Wasserschadens in der Nacht vom vierten auf den fünften Februar, er war erst am sechsten Februar wieder zugänglich.»

Staunen allenthalben. Wieso also diese Aussage von Kaufmann? Absicht? Eine Verwechslung? Konnte man überhaupt nach so kurzer Zeit die beiden Daten oder Lokalitäten verwechseln?

«Das ist ja interessant, nicht zuletzt deshalb, weil das Handy nach dem vierten Februar nicht mehr benutzt wurde.»

«Ja, J. R., ich werde meine früheren Kontakte aktivieren, man weiss ja nie.» «Siehst du, genau deshalb wollte ich dich hier oben haben.»

Die bisherigen Erkenntnisse liessen den Fall an der Oberfläche, nicht zuletzt deshalb, weil die Tote noch nicht identifiziert werden konnte. Mitten in diese eher flauen Aussagen liess Robert Käser eine eigentliche Bombe platzen.

«Die Kreditkarte von Valeria Morosowa wurde vorgestern in Zermatt benutzt, jedenfalls hat man wenigstens versucht, damit zu bezahlen.»

Auf einmal waren alle hellhörig. Käser berichtete davon, dass ein Paar im Restaurant Clovis nach einem gediegenen Nachtessen mit der Karte bezahlen wollte, was aber nicht möglich war, aus welchen Gründen auch immer. Der Mann habe deshalb dem Kellner anschliessend seine Karte zur Zahlung überreicht.

«Woher weisst du das, Röbu?»

«J. R., irgendwie kam das dem Geschäftsführer komisch vor, auch wegen des Namens Valeria Morosowa, er glaubte, ihn schon einmal gehört zu haben. Also hat er den Namen gegoogelt, aber erst heute Morgen.»

«Hast du gefragt, ob …»

«Nur nicht so hastig … Erstens einmal stimmt das Signalement der Frau in keiner Art und Weise mit jenem unserer Vermissten überein. Und bevor du mich wieder unterbrichst: Der Karteninhaber ist ein gewisser Vytautas Petraitis, wohnhaft in Kaunas, Litauen.»

«Wunderbar, grossartig! Also, auf die Suche nach diesem Herrn Petrautas oder wie er auch immer heisst!»

«Das wird wohl nicht so einfach, leider. Ich habe bereits bei der Kreditkarten-Vertretung in der Schweiz nachgefragt, eigentlich gilt diese Karte als gesperrt, weil als gestohlen gemeldet. Eine komische Sache. Aber einen Trumpf haben wir vielleicht noch: Das Paar wurde von einer Videokamera vor dem Restaurant erfasst, leider scheint sie jedoch nicht besonders aussagekräftig, der Geschäftsführer wird uns morgen eine Foto übermitteln.»

Die noch kurz zuvor herrschende Euphorie wurde damit wieder arg gedämpft. In diesem Moment vibrierte das Handy von Joseph Ritter. Derweil Käser weitersprach, schaute Ritter diskret auf das Display. «IRM» stand da zu lesen.

«Sorry, Röbu, wenn ich dich unterbreche, aber offenbar ruft Veronika an.» Ritter meldete sich. Es war tatsächlich die Rechtsmedizinerin. Er bat Veronika Schuler das Handy auf «Lautsprecher» stellen zu dürfen, damit alle Anwesenden mithören konnten.

«Guten Abend nach Gstaad. Wir haben erste Erkenntnisse zur Schneefrau, da die Extremitäten der Toten aufgetaut sind. Zudem ist das Gesicht teilweise zu sehen. Eine DNA-Analyse liegt auch vor. Wir wissen zwar noch immer nicht, wer die Frau ist, eines steht aber fest: Es ist nicht Valeria Morosowa.»

«Wie hast du das so schnell herausfinden können?»

«Vielleicht wissen das nicht alle Anwesenden, deshalb erkläre ich es kurz. Seit ungefähr zehn Jahren gibt es in der Schweiz eine DNA-Datenbank, diese ist international vernetzt. Unsere Tote ist dort nicht registriert, wohl aber Valeria Morosowa, aus welchen Gründen immer. Somit kann ausgeschlossen werden, dass sie die Tote ist.» «Veronika, hast du vielleicht schon andere Ansatzpunkte, die uns bei unseren Ermittlungen helfen könnten?»

«J. R., ich fürchte nicht, dazu sehen wir noch zu wenig. Es wird dich ja kaum interessieren, dass die Schneefrau keine Ringe an den Fingern trägt. Mehr morgen Nachmittag, dann sollten wir so weit sein. Und nur unter uns, für den Moment: Ich schätze sie zwischen fünfundzwanzig bis fünfunddreissig Jahre alt.»

Gabriela Künzi und Ursula Meister von der Medienstelle der Kapo schauten sich nur kurz an, wussten nach gegenseitigem Kopfnicken, was das bedeutete: eine knappe und sofortige Pressemitteilung als Ergänzung zur Medieninformation, vor allem für die Printmedien, aber auch für die elektronischen Medien, obwohl es für die Abendnachrichten um 18 Uhr knapp würde, sehr knapp.

Es herrschte Stille im Raum. Plötzlich hatten sich einer der beiden Knoten gelöst, bei der Toten handelte es sich nicht um Frau Morosowa. Um wen aber sonst? Und was war mit der Vermissten, wie und unter welchen Umständen kam ihre Kreditkarte nach Zermatt?

«Ich muss über die Situation nachdenken, möchte im Moment noch keinen Tagesbefehl für morgen festlegen. Ich schlage vor, dass wir uns wieder um neun Uhr hier treffen, Frau Staatsanwältin natürlich ausgenommen, wenn Ihnen das recht ist.»

«Danke, Herr Ritter, ja, das passt für mich, halten Sie mich einfach auf dem Laufenden. Für heute habe ich genug von Ugromow und Delacroixriche und Swoboda und Morosowa.»

«Regula, kannst du dich erkundigen, ob im Alpeblick noch ein zusätzliches Doppelzimmer frei ist bis Freitag?»

«J. R., ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen …»

«Ich gehe davon aus, dass wir ab morgen volles Programm haben, weshalb ich Elias und Stephan hier haben will. Ich biete sie für sieben Uhr auf. Und ich denke, dass uns dafür zwei Einzelzimmer und ein Doppelzimmer genügen», sagte er und lachte herzlich. «Komm, lass uns beide zum Apéro gehen, du kannst mir beim einen oder anderen Gedankengang sicher auf die Sprünge helfen.»

Auf dem Fussweg ins Sporthotel Victoria – inzwischen zeigte die Uhr einer Bijouterie an der Promenade 18.13 Uhr –, wo man am späteren Nachmittag jeweils das eine oder andere an Klatsch und Tratsch vom Stammtisch aufschnappen konnte, rief Regula Wälchli Maria Schneeberger im Alpeblick an, die ihr das zusätzliche Doppelzimmer für sie selbst und für Elias Brunner sofort bestätigte. Kurz darauf sass Joseph Ritter mit seiner Mitarbeiterin allein an der Bar des Victoria, zwei Minuten später stand ein Dreier Malvoisie auf der Theke. Ritter und Wälchli prosteten sich zu: «Auf gutes Gelingen.» Regula Wälchli berichtete, dass die Schneefrau Tagesgespräch in Gstaad sei, nicht bloss bei den Einheimischen, das habe sie während ihrer Befragungen gemerkt. Sie habe auch viele Bekannte getroffen, die wussten, weshalb sie in Gstaad sei. Kein Wunder, hörte die mit «Janine» angeschriebene Barmaid mit gespitzten Ohren zu, allerdings derart unbedarft, dass Ritter und Wälchli augenblicklich leise sprachen.

«J. R., mir ist dabei aufgefallen, dass Witali Ugromow nicht unbedingt die Beliebtheitsskala der Top-Hundert in Gstaad anführt.»

«Hast du eine Ahnung, weshalb dem so ist?»

«Nun gut, wenn wir von den üblichen Vorurteilen ausgehen, mag der russische Milliardär eine Rolle spielen, Oligarchen werden hierzulande ja argwöhnisch zur Kenntnis genommen. Aber angeblich lässt Ugromow die Leute hier in den Geschäften und Betrieben spüren, wer König und wer seiner Meinung nach Untertan ist. Das Rollenspiel beherrscht er anscheinend perfekt. Und die Einheimischen machen halt gute Miene zum bösen Spiel. Als ‹Chotzbrocke› hat ihn jemand bezeichnet.»

«Geld regiert die Welt. Schliesslich kommt es bei gewissen Leuten in gewissen Kreisen im Leben nur auf drei Sachen an.»

«Nun bin ich aber gespannt …», sagte die hübsche Gstaaderin, die ihre langen hellbraunen Haare nun offen trug, neugierig.

«Geld. Macht. Sex. Reihenfolge zufällig und beliebig. Ugromow hatte ja offenbar auch eine Dame an seiner Seite, diese Oxana Iwanowa.»

«Ist Ugromow eigentlich verheiratet?»

«Delacroixriche sagte etwas von geschieden, mehr war aber nicht zu erfahren.»

Das nächste Thema galt den Kunstwerken im Chalet Swoboda. Ritter sprach begeistert von den Werken an den Wänden, alles Originale von bekannten Kunstschaffenden. In den Räumen des Erd- und Obergeschosses – mit unglaublichen architektonischen Finessen verbunden – waren ausserdem Plastiken von Henry Moore und Auguste Rodin zu sehen. Delacroixriche hatte am Morgen in seiner Freude über die kulturellen Kenntnisse von Ritter beinahe beiläufig erwähnt, dass «Herr Ugromow noch weitere Kostbarkeiten besitzt, die allerdings in einem Tresor lagern und nur bei speziellen Gelegenheiten im kleinen Kreis gezeigt werden». Ritter staunte vor allem über die vielen Bilder entarteter Kunst, wurden die meisten dieser Werke unter den Nazis bekanntlich vernichtet respektive konfisziert und galten vielfach als verschwunden.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺831,74

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
251 s. 20 illüstrasyon
ISBN:
9783038182764
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar