Kitabı oku: «Der Tote in der Hochzeitstorte»

Thomas Brezina:
Knickerbocker-Bande 4immer
Der Tote in der Hochzeitstorte
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Pablo Tambuscio
Satz: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-99001-443-1
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
PLÄNE
Es war alles genau geplant.
Die Hochzeit.
Das Geständnis und die Enthüllung.
Der Mord.
Aber wie heißt es so schön?
Erstens kommt es anders,
zweitens als man denkt.
MONTAG 9. NOVEMBER
DER TERMIN
Poppi musste sich setzen.
»Wann wollt ihr heiraten?«
»Am 21. November.«
Pause.
»Lilo, kein Mensch heiratet am 21. November.«
»Wir schon.«
Pause.
»Mein Geburtstermin ist für den 6. Dezember berechnet. Eure Hochzeit wäre nur eine Woche davor.«
»Zwei Wochen.«
»Aber das Baby könnte früher kommen.«
»Das Baby hat sicher Einsehen und will eher später als früher zur Welt kommen. Du wirst meine Trauzeugin sein, Poppi, da fährt die Eisenbahn darüber.«
Wie konnte Poppi Lilo nur zur Vernunft bringen? Wieder entstand eine Pause am Telefon und Lilo machte sich keine Mühe, sie mit Worten zu füllen.
»Lilo, ich sehe jetzt bereits aus wie ein Osterei auf Beinen. Zwei Wochen vor der Geburt werde ich nur noch Bauch sein und sonst nichts. In mein blaues Kleid, das ich mir für die Hochzeit gekauft habe, passe ich ohnehin nicht hinein. Ich müsste Jogginghosen anziehen oder ein Zelt.«
»Alles kein Problem. Du wirst trotzdem wunderschön sein.«
Poppi hatte ihre Freundin in den vielen Jahren schon einige Male stur erlebt. So starrsinnig aber war sie noch nie gewesen.
»Es wird nebelig auf dem Berg sein und kalt«, gab sie zu bedenken.
»Wir halten uns ohnehin nur im Hotel auf. Um diese Jahreszeit sind dort keine Gäste und wir haben es für uns allein.«
»Es ist also dein voller Ernst und ich werde dich nicht davon abbringen können?«
»Genau so ist es. Wir haben die Hochzeit vom Frühjahr in den Sommer verschieben müssen und dann in den Frühling des nächsten Jahres. Aber ich will einfach nicht so lange warten.«
»Die Absage im Frühling war Pech«, gestand Poppi ein. »Aber ihr wart nicht die Einzigen. Wegen der Corona-Krise mussten viele Hochzeiten verschoben werden.«
»Poppi, spare dir deine Kräfte. Mein Entschluss steht fest. Und du weißt, wieso wir nicht im Sommer geheiratet haben.«
Ja, das wusste Poppi genau. Die ersten fünf Monate ihrer Schwangerschaft waren nicht einfach verlaufen. Sie hatte viel Zeit im Bett verbracht, weil die Ärztin ihr strikte Schonung verschrieben hatte.
Poppi hatte die Hoffnung, schwanger zu werden, schon vor Jahren aufgegeben. Deshalb war die Vorfreude auf ihr Kind jetzt umso größer. Die Blutungen in den ersten Schwangerschaftswochen hatten ihr Sorgen bereitet und so hatte sie alle Anweisungen der Ärztin ohne Widerspruch befolgt.
Poppis Geburtstermin rückte näher und näher. Außer Kreuzschmerzen und geschwollenen Beinen hatte sie aber glücklicherweise keine weiteren Beschwerden gehabt. Die Gynäkologin war sehr zufrieden und Poppi musste schon lange nicht mehr das Bett hüten.
Lilos Ankündigung der Hochzeit war völlig überraschend gekommen. Poppi hatte sich gerade einen Kräutertee zubereitet, den ihr die Gynäkologin empfohlen hatte, als ihr Handy klingelte und sie Lilos Stimme hörte.
»Habt ihr über diese Vorverlegung schon länger nachgedacht?«, wollte Poppi wissen.
»Axel weiß nichts davon. Ich sage es ihm, wenn er zurückkommt. Er hat Fußballtraining mit seinem Spezial-Team.«
Poppi atmete tief durch. »Und was ist, wenn Axel den Termin gar nicht vorverlegen will?«
»Ihm ist alles recht. Das weiß ich. Ihm ist nur wichtig, dass ihr dabei seid und Dominik sein Trauzeuge ist. Aber sonst ist er kein Mann von großen Feiern. Du kennst ihn.«
Ja, Poppi kannte Axel seit Kindheitstagen. Nach der Schule waren sie getrennte Wege gegangen und hatten erst als Erwachsene vor dreieinhalb Jahren wieder zusammengefunden. Seit ihrer Wiedervereinigung aber war die Knickerbocker-Bande, wie sie seit der Schulzeit genannt worden war, mindestens so verbunden wie früher. Sie hatten auch zwei neue Fälle gelöst. Bei einem hätte Dominik fast sein Leben verloren. Aus einem Treffen in London waren die schlimmsten Stunden geworden, die sie sich vorstellen konnten. Das lag nun auch schon wieder fast 18 Monate zurück. Danach hatten sie einander nur per Skype gehört und gesehen.
Es gab für Poppi eine letzte Hoffnung. »Dominik kann sicher nicht so kurzfristig kommen.« Er spielte in einer neuen TV-Serie, die in Toronto gedreht wurde und hatte damit riesigen Erfolg. Seine Rolle war ausgebaut worden und seine Drehtage verdoppelt, wie er beim letzten Skype-Treffen stolz verkündet hatte.
»Ich habe ihn gleich als Ersten angerufen. Er hat rund um dieses Datum zehn Tage drehfrei und freut sich sehr, nach Österreich zu kommen«, entgegnete Lilo.
Poppi sank in sich zusammen. Die Hochzeit Ende November hoch oben in den Tiroler Bergen war also eine ausgemachte Sache.
Lilo hatte bereits Zimmer und ein Hochzeitsessen in einem Hotel gebucht. »Es heißt Alpenschlössel und ich schlage vor, alle reisen individuell an. Das ist einfacher. Ich habe in zehn Minuten ein Gespräch mit Veronika Wunderer vereinbart, der Besitzerin, um die Details für die Hochzeit abzustimmen.«
»Also gut, dann bis zum 21. November.« Poppi klang mehr geschlagen als begeistert.
»Anreise eher schon am 19. Oder spätestens am 20. November«, erklärte Lilo. »Abreise frühestens Sonntag, den 22., am Nachmittag. Ihr werdet doch alle zum Feiern bleiben. Wird Zeit, dass die Bande endlich wieder einmal zusammen ist.«
»Wenn Klaus zum Wochenenddienst eingeteilt ist, wird er nicht mitkommen können.«
»Eure Hunde- und Katzenpatienten können doch ein Wochenende von euren Tierarzt-Kollegen versorgt werden«, brauste Lilo auf.
»So einfach ist das nicht, und außerdem …«
Weiter kam Poppi nicht. Lilo verabschiedete sich hastig, weil sie einen anderen Anruf bekam, den sie annehmen musste.
»Blödes Corona«, brummte Poppi nach dem Auflegen. Es gab Momente, da tat ihr das Baby fast leid. In welche Welt wurde es da hineingeboren? Sie rieb sich kreisförmig über den prallen Bauch. »Keine Sorge, wir werden dir alles geben, damit du ein glücklicher Mensch wirst. So schlimm ist die Welt gar nicht. Du wirst schon sehen.«
Das Aufstehen vom Hocker war für die hochschwangere Poppi eine Anstrengung. In dem leicht watschelnden Gang, mit dem sie sich seit einiger Zeit fortbewegte, ging sie in ihr Arbeitszimmer und setzte sich an den Laptop. Was konnte Lilo bewogen haben, in zwei Wochen zu heiraten?
Poppi googelte Hinweise auf einen Neuausbruch des Coronavirus. Es gab Gerüchte und neue Verschwörungstheorien, Berichte über eine neue Behandlungsmethode, aber keine akute Warnung oder Meldung. Sie konnte sich auch täuschen, aber irgendwie wurde Poppi das Gefühl nicht los, Lilo hatte ihr etwas verschwiegen. Es musste einen Grund für die plötzliche Hochzeit geben. Aber welcher könnte das sein? Hatte Lilo auf einmal die Angst überkommen, Axel könnte sie verlassen?
Nein, das war nicht möglich. Nach Lilos Erzählungen in den letzten Gesprächen wirkte ihre Beziehung sehr solide und harmonisch.
Vielleicht war es einfach nur Lilos Dickkopf, dachte Poppi. Wenn sie sich etwas einbildete, musste es geschehen. So war das immer schon gewesen. Als Erwachsene war es bei Lilo nur noch schlimmer geworden.
DIE E-MAIL
Von: Dominik Kascha
An: Lilo Schroll, Axel Klingmeier, Poppi Reder
Betreff: Hochzeit
Hallo ihr drei,
hier meldet sich Nummer vier.
Die frohe Kunde der bevorstehenden Hochzeit ist bis nach Kanada gedrungen. Was für eine Überraschung. Allerdings halte ich Lilos Idee für nachvollziehbar. Besser jetzt, als dann im Frühling nächsten Jahres womöglich wieder nicht.
Der Termin trifft sich wunderbar mit meiner Drehpause. Es ist mir eine Ehre, Axels Trauzeuge zu sein und ich würde niemals auf diese Auszeichnung verzichten.
Es rührt mich sehr, wenn ich überlege, wie lange es gedauert hat, bis Lilo und Axel endlich erkannt haben, was viele andere immer schon gewusst hatten. Doch wie heißt es so schön: Gut Ding braucht Weile.
Es ist schon wieder so viel Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Die Rolle im neuen James Bond habe ich damals nicht bekommen, aber der Caspar Jones in Fools Unlimited ist mir ohnehin lieber. Es wurde schon eine zweite und eine dritte Staffel in Auftrag gegeben. Das bedeutet, ich werde die nächsten beiden Jahre in Toronto verbringen.
Viel hat sich in meinem Leben getan. Ich wollte euch manchmal darüber bei unseren Skype-Treffen erzählen, aber nie erschien mir der Moment richtig.
Darum freue ich mich so sehr auf das Wiedersehen. Meine Neuigkeiten möchte ich euch mitteilen, wenn wir einander von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen. Vorweg: Eine Hochzeit ist auch für mich in greifbare Nähe gerückt und Nachwuchs gibt es auch.
Außerdem wird es Zeit, dass ich …
Dominik nahm die Hände von der Tastatur des Laptops, lehnte sich im Sessel zurück und blickte zur Decke.
Es wurde an die Tür seines Trailers geklopft.
»Ja, was gibt’s?«, fragte er.
»In zehn Minuten Szene 010947«, rief die Set-Runnerin von draußen. Ihre Aufgabe war es, die verschiedenen Schauspielerinnen und Schauspieler rechtzeitig ins Studio zu bekommen, was mit dem Hüten eines Sackes voller Flöhe zu vergleichen war.
»Komme gleich!«, rief Dominik. Er überflog die E-Mail und verzog das Gesicht. Axel würde seine Ausdrucksweise wieder als »kariertes Quatschen« bezeichnen. Außerdem würden Dominiks Andeutungen bestimmt zahlreiche Anrufe und E-Mails der neugierigen Poppi zur Folge haben. Wollte er jetzt schon mehr verraten?
Pflichtbewusst griff Dominik nach seinem iPad, öffnete es und tippte auf das Manuskript, das er in einer speziellen App für Serienschauspieler gespeichert hatte. Er gab die Szenennummer ein und sofort erschien sein Text für die Szene. Er hatte ziemlich viel Dialogtext, den er besser noch einmal durchsah.
Zuerst wollte er die E-Mail speichern, später ein wenig überarbeiten und dann absenden. Er entschied sich schließlich aber anders und drückte auf »Löschen«. Seine Freunde mussten sich gedulden. Sie würden alles zeitgerecht erfahren. Beim Gedanken an das Gespräch bekam Dominik leichtes Herzklopfen.
Unsinn, sagte er leise zu sich selbst. Es gab keinen Grund, nervös zu sein.
EINE IDEE
Veronika Wunderer saß in dem engen Büro hinter der Rezeption und starrte auf den Bildschirm des Computers.
Beim Googeln der Schlagworte »besondere Hochzeit« hatte sie ein paar Hunderttausend Einträge gefunden. Sie würde sich später am Abend auf Pinterest alle Boards ansehen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Im Augenblick las sie Erlebnisberichte von jungen Paaren: Was ihnen an ihrer Hochzeit besonders gefallen hatte und was sie sich anders gewünscht hätten.
Wenn sie damit fertig war, würde sie sich auf Youtube Videos von Hochzeitsplanern vornehmen und zur Auflockerung ein paar Videos mit den peinlichsten Hochzeitspannen ansehen.
Veronika streckte sich und sah zum Fenster hinaus. Erst vier Uhr und die Sonne versank schon hinter der Bergkette. Oben auf dem Kamm glänzten die Reste des ersten Schnees, der vor drei Wochen gefallen war.
Auf der Anzeige der Wetterstation, die auf ihrem Schreibtisch stand, konnte sie alle Werte lesen, die von den verschiedenen Messstationen rundum gefunkt wurden.
Temperatur: fünf Grad Celsius auf dem höchsten Gipfel.
Veronika hätte sich null Grad gewünscht und Schneefall. Drei schneearme Winter hatten das Hotel an den Rand des Ruins gebracht. Dazu war im März Corona gekommen und der Skandal um die Infektionen in der Après-Ski-Bar in Ischgl. Sie hatten nicht nur die Saison um einige Wochen früher als geplant beenden müssen, bisher waren für diesen Winter nicht einmal ein Drittel der üblichen Buchungen eingetroffen.
Aber Veronika hatte eine Idee. Wenn ihr Vorhaben gelang, würde sie dem Hotel zu allen Jahreszeiten Gäste bringen, nicht nur Skifahrer im Winter und ein paar Wanderer im Sommer.
Die Bürotür wurde aufgerissen und ihr Vater stapfte herein. Er würdigte sie keines Blickes, sondern steuerte ein Regal an der Wand an, das vom Boden bis zur Decke mit Aktenordnern vollgestopft war.
»Schönen Tag, dir auch, Vater«, grüßte Veronika mit sarkastischem Unterton.
Herr Wunderer drehte nicht einmal den Kopf zu ihr, sondern ließ den Zeigefinger auf den Ordnern von einem Schild zum nächsten gleiten.
»Suchst du etwas?«, fragte Veronika höflich. Sie musste sich sehr beherrschen, nicht loszubrüllen.
»Du hast keine Ahnung, wie üblich«, knurrte ihr Vater. Er war klein und gedrungen und selbst mit ausgestreckten Armen reichten seine Hände nicht bis zu den obersten Regalen. Veronika sah ihm zu, wie er versuchte, sich auf die Zehen zu stellen. Sein Übergewicht und die Steifheit in seinen Gelenken, die viel Alkohol und fettes Essen hervorgebracht hatten, machten sich bemerkbar.
Knurrend zog Herr Wunderer einen Stuhl heran, um ihn als Trittleiter zu verwenden. Seine Beine waren zu kurz und unbeweglich, um hinaufzusteigen.
»Soll ich dir helfen?«, bot Veronika an.
»Den violetten Ordner aus dem vorletzten Fach. Den zweiten von rechts.« Er deutete ihr, sich zu beeilen, hatte sie aber noch immer nicht angesehen.
»Was ist drinnen?« Veronika ging zu ihm und angelte ihn herunter. Sie war fast zwei Köpfe größer als ihr Vater und außerdem gut trainiert.
Herr Wunderer entriss ihr den Ordner. »Ich habe gerade ein gutes Geschäft gemacht. Ohne meine Geschäfte könnten wir schon zusperren, aber zum Glück habe ich vorgesorgt, damit wir uns wenigstens Brot leisten können, wenn es schon für die Butter nicht mehr reicht.«
Veronika betrachtete den Ordner im Arm ihres Vaters prüfend. Sie hatte ihn natürlich dort oben stehen gesehen, aber nie einen Blick hineingeworfen. Der alte Aktenschrank war ein Relikt aus der Zeit, als ihre Eltern das Hotel allein und auf ihre Art geführt hatten. Halbherzig hatten sie die Geschäfte vor zwei Jahren an Veronika übergeben, genau in der Zeit, als die Krise in der ganzen Region beonnen hatte. Es wunderte Veronika nicht, dass die Eltern ihr die Schuld dafür gaben.
»Kann ich erfahren, welches ›Geschäft‹ du gemacht hast?« Sie deutete auf den Computer. »Wenn es sich um Zimmerbuchungen handelt, müsste ich sie in das Reservierungsprogramm eingeben. Wenn es Zahlungen sind, muss ich sie ebenfalls eingeben.«
»Du brauchst gar nichts ›eingeben‹, ich mache das allein. Das Geld siehst du auch nicht, weil es in keine Buchhaltung kommt. Du weißt überhaupt nichts von Geld, hast du verstanden?« Ihr Vater verließ das Büro und knallte die Tür hinter sich zu.
Veronika atmete einmal tief durch und kehrte an den Schreibtisch zurück. Als sie begann, die Angebote eines renommierten Hochzeitsplaners auf seiner Homepage durchzulesen, platzte ihre Mutter herein.
»Weißt du nicht, wie spät es ist?«, fuhr sie Veronika an.
»Ich weiß es, aber wieso ist es wichtig?«
»In einer Stunde kommt die Lady. Was ist mit ihrem Essen?«
Frau Wunderer war so klein wie ihr Mann und wie jeden Tag tadellos frisiert und geschminkt. In ihrem dunkelgrünen Trachtenkostüm sah sie aus, als würde sie im nächsten Moment in der Halle neu angekommene Gäste begrüßen.
»Ich habe Spaghetti mit Crevettensoße und Safran vorbereitet«, erklärte Veronika.
»Die Küche ist dunkel.« Ihre Mutter sah sie mit diesem stechenden, kalten Blick an, den ihre Angestellten früher so sehr gefürchtet hatten.
»Die Soße habe ich schon vor ein paar Tagen gekocht und tiefgefroren.«
»Tiefgefroren? Bist du verrückt? Wenn die Lady das herausfindet, kündigt sie uns womöglich die Abmachung auf.« Ihre Mutter stemmte die Hände in die Seite. »Du hast den ganzen Tag nichts zu tun und wirst es doch wenigstens schaffen, unserem einzigen Restaurantgast ein frisches Abendessen zu kochen.«
»Die Küche ist normalerweise deine Verantwortung«, schnappte Veronika zurück.
»Meine Verantwortung ist es, mit der Bank zu telefonieren und jeden einzelnen unserer Stammgäste anzurufen und anzuflehen, doch wieder zu buchen. Man sollte meinen, das ist genug Arbeit für eine Frau, die längst in Pension sein könnte, aber nicht gehen kann, weil die Nachfolgerin mit einem Bein im Ruin steht.«
Die Eltern konnten es nicht lassen, Veronika mindestens einmal am Tag darauf hinzuweisen, dass sie ihre Tochter für völlig unfähig hielten.
Frau Wunderer trat hinter Veronika und warf einen Blick auf den Bildschirm.
»Hochzeitsplaner? Willst du heiraten? Gibt es vielleicht endlich einen Schwiegersohn für uns?«
»Ich habe euch erklärt, dass ich versuchen will, unser Hotel zu einem beliebten Ort für Hochzeiten in den Bergen zu machen.« Sie schaltete den Computer aus. »Dafür brauche ich so viele Informationen wie möglich, um für die Gäste eine Traumhochzeit gestalten zu können.«
Die einzige Reaktion ihrer Mutter war ein verächtliches Schnauben.
»Die Hochzeit am 21. November ist eine Art Testlauf. Wenn sie gut klappt, dann kann ich Fotos an die Presse schicken und ins Internet stellen. Das wäre für uns kostenlose Werbung.«
Ihre Mutter schüttelte langsam den Kopf. »Meine Güte, Veronika, immer diese Schnapsideen. Wer soll hier bei uns heiraten wollen? Und wieso soll irgendeine Zeitung über die Hochzeit von dieser Frau aus Kitzbühel und ihrem Freund schreiben?«
»Weil Zeitungen, das Fernsehen und viele Internetplattformen schon oft und viel über die zwei berichtet haben. Sie sind ein Teil der ›Knickerbocker-Bande‹. Erinnerst du dich nicht? Als Kinder haben sie einige mysteriöse Dinge aufgedeckt. Voriges Jahr waren die Zeitungen auch wieder voll, als sie einen Internetbetrug aufgedeckt haben.«
»Du rennst da Hirngespinsten nach.« Ihre Mutter machte sich ans Gehen. »Denk nicht, dass du für diese Hochzeit Personal anstellen kannst. Wir eröffnen erst am 1. Dezember. Auf uns brauchst du auch nicht zu zählen. Wir halten von diesem Vorhaben nichts.«
»Ich habe bereits alles geplant«, erwiderte Veronika. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es hat sich eine Praktikantin gemeldet, die gerne kommt. Nur für Kost und Logis. Ich werde sie geringfügig anmelden, damit sie versichert ist, und mit ihr gemeinsam die Hochzeit ausrichten.«
Frau Wunderer schüttelte noch immer den Kopf, als sie das Büro verließ.
Veronika schloss die Augen und redete sich gut zu, weder Mut noch Nerven zu verlieren. Um sich ein wenig aufzuheitern, öffnete sie ihre eigene Homepage, die sie für das Hochzeitsschlössel gestaltet hatte. Sie fand sie gelungen. Einfach, aber stilvoll und stimmungsvoll.
»Die besondere Hochzeit in den Bergen« stand in goldenen Buchstaben über einem Werbefoto des Hotels und dem Bild eines Brautpaares, das sich innig umarmt hielt.
Lilo Schroll hatte als Erste auf die Homepage geantwortet. Sie suchte einen guten und originellen Ort, um in Tirol zu heiraten, der kurzfristig verfügbar war. Das Hochzeitsschlössel erschien ihr gut geeignet.
Weil ihre Mutter sicherlich schon in der Küche lauerte, um zu kontrollieren, was Veronika für den Gast kochte, machte sich Veronika auf den Weg. Das Gemecker ihrer Mutter würde sonst noch unerträglicher werden.
Als Belohnung dafür, ihre Eltern auch an diesem Tag nicht erwürgt zu haben, würde sich Veronika später am Abend eine Stunde in ihrer kleinen Wohnung gönnen und verschiedene Datingseiten im Internet durchforsten. Sie hatte mehrere Profile angelegt und die kleinen Flirts, auch wenn sie nur online stattfanden, erfrischten sie. Jeden Tag schlug ihr Herz vor Aufregung, wenn sie überprüfte, ob neue Nachrichten für sie eingetroffen waren.
Vielleicht schaffte sie es auf diesem Weg eines Tages, einen Mann zu finden, mit dem sie das Hotel betreiben konnte. Oder noch besser: einen Mann, mit dem sie von hier wegziehen konnte und ein neues Leben beginnen, in dem ihre Eltern nicht mehr vorkamen.
Vor drei Wochen hatte sie Mario auf einer der Datingseiten kennengelernt. Zuerst hatten sie nur kurze Nachrichten ausgetauscht, aber an einem der nächsten Abende wollten sie miteinander reden. Die Datingseite bot einen Service an, bei dem keine Handynummern ausgetauscht werden mussten. Insgeheim hoffte Veronika, Mario würde sogar zu einem Video-Chat bereit sein. Die Fotos in seinem Profil sahen vielversprechend aus. Sie hoffte inständig, dass sie echt waren.
TODESSCHATTEN
Rache war ein Motiv, das Leute zu den grausamsten Taten trieb. Die Rachehandlung konnte zu jeder Zeit und auf jede erdenkliche Weise erfolgen.
Auf diese Weise dachte ein Mensch über den Tod nach.
Der Tod würde sich in einem Moment einstellen, in dem keiner mit ihm rechnete. Wie ein Engel mit schwarzen Schwingen würde er dahinfegen und einen leblosen Körper hinterlassen.
Niemand würde das plötzliche und völlig unerwartete Ableben verstehen können. Keiner würde jemals den wahren Grund für den Todesfall erfahren.
Wer überleben will, braucht Ruhe und Klarheit. In diesem Fall schien die einzige Möglichkeit, zu überleben, gleichzeitig der Tod zu sein. Es gab keinen anderen Ausweg.
Der Plan für den Todesfall lauerte auf dem Berg. Viele Vorbereitungen waren dafür nötig. Außerdem Augenzeugen. Das Sterben machte nur Sinn, wenn viele dabei anwesend waren.
Eine Hochzeit im Alpenschlössel erschien als der beste Moment für den Auftritt des Todes.
DIE GÄSTELISTE
»Du hättest sie heute sehen müssen«, rief Axel in der Diele. »Sie haben wirklich alles gegeben. Wir werden die Special Games gewinnen.« Nachdem er seine Jacke aufgehängt und die Sportschuhe weggestellt hatte, stutzte er. Wieso kam ihm niemand entgegen?
»Hallo? Keiner da?«
Axel lauschte in die Stille des Hauses. Was war hier los? Sowohl Lilo als auch Lotta müssten doch zu Hause sein.
Laut rief er noch einmal seine Frage die Treppe hinauf.
»Ich bin hier«, kam es von oben. Am Klang ihrer Stimme konnte Axel erkennen, dass seine Tochter keinen guten Tag hatte. Er lief drei Stufen auf einmal nehmend in den ersten Stock und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.
Lotta saß am Schreibtisch neben dem Fenster über ein Heft gebeugt und schrieb etwas. Sie sah nicht einmal auf, als er eintrat.
»Ist Lilo nicht zu Hause?«, wollte Axel von ihr wissen.
»Zum Glück nicht.«
»Was soll das denn heißen?«
Als Lotta den Kopf hob, fiel Axel die Veränderung auf. Ihr Haar, das sie bisher zu kleinen Zöpfchen geflochten getragen hatte, war offen und gekraust.
»Schicke Frisur«, sagte er.
»Ich hasse Zöpfe!«
»Seit wann? Gestern haben sie dir noch gefallen.«
»Ich hasse Lilo.«
»Stopp!« Axel trat neben Lotta. »Das reicht. In diesem Haus wird nicht gehasst.«
»Mir egal.«
Axel ließ sich auf Lottas Bettkante sinken, um ihr in die Augen sehen zu können. »Lass mich raten: Lilo hat darauf bestanden, dass du deine Hausaufgaben schreibst. Oder sie hat dir den dritten Pudding aus dem Kühlschrank verweigert. Oder sie hat geschimpft, weil du mit matschigen Schuhen ins Haus gelaufen bist. Also, was war es diesmal?«
Lotta starrte ihn finster an. »Alles drei.«
Auch wenn Axel nicht so gut kombinieren konnte wie Lilo, war die Schlussfolgerung nicht schwierig. »Du bist wütend und hast dir deshalb die Zöpfchen aufgemacht, damit du nicht wie Lilo aussiehst.«
»Ich hasse dich auch«, brummte Lotta.
»Weil ich dich durchschaut habe?«
Er bekam keine Antwort.
»Es ist sehr ärgerlich, wenn Erwachsene ausnahmsweise recht haben, nicht wahr?«
»Ich hasse …«
»Nein, du hasst heute nicht mehr und auch sonst nicht mehr«, fiel ihr Axel ins Wort. »Lotta, reg dich ab. Schreib deine Hausaufgaben, damit deine Lehrerin uns nicht jeden zweiten Tag anruft, weil du sie wieder nicht gebracht hast. Zu viel Pudding macht dick und Lilo ist keine Putzfrau. Daher bleiben die Schuhe, wenn du deine Schlamm-Expedition gemacht hast, in der Garage stehen.«
Von Lotta kam nur ein unverständliches Grummeln.
»Ist Lilo noch einmal weggefahren?«
Axel konnte sich selbst die Antwort auf diese Frage geben. Ihr Geländewagen stand vor dem Haus. Für einen Spaziergang war es zu spät und zu kalt. Also musste Lilo im Haus sein.
»He, Lotta, wo ist Lilo? «
»Sie spinnt heute.«
Normalerweise verlor Axel nur selten die Nerven, aber heute war ein Tag, an dem ihn Lotta wieder einmal aus der Ruhe brachte.
»Das reicht jetzt. So redest du nicht über Lilo! Sie ist wie eine Mutter für dich, wenn nicht noch besser. Sie hatte mit allem recht und ich hätte es genauso gemacht. Wenn du mir keine Antworten geben willst, dann bleib allein in deinem Zimmer. Sobald du mit den Hausaufgaben fertig bist, zeichnest du für Lilo eine Karte zur Entschuldigung.«
Lotta war eine begeisterte und gute Zeichnerin. Axel wollte von ihr eine liebevolle Geste in Lilos Richtung sehen und hielt das für besser als jede Strafe.
Ohne weitere Worte verließ er das Zimmer. Er konnte Lottas Blick im Rücken spüren, kümmerte sich aber nicht darum. Mit Nachdruck schloss er die Zimmertür.
»Lilo? Schatz? Wo bist du?«, rief er den Flur hinunter.
Die Tür zum gemeinsamen Schlafzimmer wurde geöffnet und Lilo trat heraus. »Rufst du schon lange?«
»Eine halbe Stunde«, scherzte Axel.
Lilo lächelte schwach. »Ich habe dich nicht gehört, ich war im Badezimmer.«
»Hast du dich verwöhnt und ein warmes Bad genommen? Erholung von Lottas Frühpubertät?«
»Nein. So schlimm ist das nicht.«
Axel trat zu ihr und wollte sie auf den Mund küssen, aber Lilo drehte den Kopf zur Seite. Sein Kuss ging halb auf ihre Nase. Ein wenig irritiert neigte er sich zurück und sah sie prüfend an. »Stimmt etwas nicht zwischen uns?«
Axel musste an den Sommer des vergangenen Jahres denken. Ihre Beziehung wäre damals beinahe auseinandergegangen. Auch wenn sie sich schließlich wiedergefunden hatten und in Kitzbühel zusammengezogen waren, kämpften sowohl Axel als auch Lilo noch immer mit einer kleinen Unsicherheit bezüglich ihrer Gemeinsamkeiten.
»Nein, nein, alles zu hundert Prozent in Ordnung«, versicherte ihm Lilo. Sie hob entschuldigend die Hand und verschwand wieder im Schlafzimmer. Axel folgte ihr langsam. Er streckte den Kopf durch die Tür, konnte sie aber nicht sehen.
»Lilo?«
»Komme schon.« Sie trat aus dem Bad und kam auf ihn zu. Der frische Geruch von Pfefferminze schlug Axel entgegen und sie küsste ihn. Lilo musste schnell mit Mundwasser gegurgelt haben.
»Mein Team wird immer besser«, begann Axel zu erzählen. »Ich kann die Special Games kaum erwarten.« Nebeneinander gingen sie hinunter in die gemütliche Wohnküche.
»Freut mich sehr für dich.« Lilo öffnete den Kühlschrank und nahm eine flache Backform heraus. »Waren heute alle beim Training?«
»Es fehlt praktisch nie jemand. Sie freuen sich die ganze Woche darauf.« Axel war der Stolz anzumerken. Auf einem Regal an der Wand standen Fotos von Lilo, Lotta und ihm, die die drei auf Urlaub in Teneriffa, beim Skifahren, auf einer Bergtour und auf ihrer Städtereise nach London zeigten. Daneben gab es ein großes Foto von Axel und seinem Team, aufgenommen am Tag, als sie die Landesmeisterschaft im Special Football gewonnen hatten.
Das Team bestand aus Jungen und Mädchen, die alle eine Behinderung hatten. Es gab Kinder mit Downsyndrom, körperlichen Behinderungen, Sehschwächen und Gehörlosigkeit. Axel mochte sie alle und keine andere Tätigkeit in seinem Leben hatte ihn bisher so sehr erfüllt wie das Training mit dieser Gruppe.
Seit die vier Freunde, die in Kindertagen Knickerbocker-Bande genannt wurden, einen riesigen Internetbetrug aufgedeckt hatten, waren sie alle wohlhabend. Ihre Belohnung lag in Millionenhöhe. Keiner der vier hätte noch arbeiten müssen, aber trotzdem taten es alle.
»Ich bin so froh, keine reichen Leute mehr dafür loben zu müssen, dass sie drei Kniebeugen schaffen, nur damit sie sich nach dem Training beruhigt den Bauch vollstopfen und eine halbe Flasche Wein trinken können«, sagte Axel. Er war Personal Trainer gewesen, verwendete seine Kenntnisse nun aber nur noch für sein Spezial-Team und zwei Seniorengruppen in Altenheimen, die für Axels wöchentliche Trainingseinheiten sehr dankbar waren.
Lilo lächelte Axel liebevoll an. »Die größte Freude für mich ist, zu sehen, wie sehr du in deiner Arbeit aufgehst.«
Das traf zu. Axel hob die Alufolie von der Backform ab. »Fischpastete«, erklärte Lilo.
»Hmmm.« Axel leckte sich die Lippen. »Lotta wird aber weniger begeistert sein.«
»Sie bekommt zwei Mini-Pizzas.« Lilo öffnete das Backrohr, wo die Pizzas schon auf dem Blech lagen. Die Fischpastete kam in das zweite Rohr daneben.
Axel schenkte Mineralwasser ein. Für Lilo gab er ein paar Tropfen Rosensirup ins Glas, für sich selbst nahm er Minzblätter und Gurkenstückchen. Sie prosteten einander zu.
Nachdem er getrunken hatte, legte Axel den Kopf schief. Einfühlungsvermögen war keine seiner Stärken. An diesem Abend aber entging ihm nicht, wie verändert Lilo erschien. Er konnte nur nicht genau festmachen, woran es lag.
»Ist mit dir wirklich alles in Ordnung?«, fragte er nach.
Lilo nickte. »Ich habe heute eine Entscheidung getroffen und hoffe, du bist einverstanden.«
»Kein größeres Haus. Dieses hier reicht uns völlig.« Axel deutete um sich. Die Wohnküche allein hatte die Ausmaße einer Junggesellenwohnung.
Lilo und Axel hatten das Haus kurz nach der Fertigstellung günstig erwerben können. Es lag auf einem Berghang, von dem sie einen prachtvollen Blick über die Dächer von Kitzbühel hatten.
»Wir heiraten am 21. November!«, platzte Lilo heraus.
»November?« Axel war anzumerken, dass ihn die Meldung überrumpelte.
»Ja. Genau, wie du es gerne magst: kleiner Rahmen, kleiner Kreis, aber nicht gewöhnlich«, erklärte Lilo schnell.
»Das ist doch schon das übernächste Wochenende«, fiel Axel ein.
»Stimmt. Aber ich will nicht bis zum Frühling warten. Es gibt da Meldungen über ein neues Coronavirus und … und …«, Lilo suchte nach Worten, was ungewöhnlich für sie war.
»Und was?«
Sie lächelte verlegen. »Und ich will dich einfach wirklich gerne endlich heiraten.«
»Können die anderen so kurzfristig? Dominik hat doch Dreharbeiten.«
»Alles schon arrangiert. Alle kommen.«
»Wo werden wir uns das Jawort geben?«
»In 2.800 Meter Höhe in einem Hotel, das Spezialhochzeiten anbietet. Es gefällt dir bestimmt.« Lilo holte ihr iPad und zeigte Axel die Webseite des Hochzeitsschlössels. Er besah sich die Fotos und nickte. »Sieht nicht schlecht aus.«
»Es wird wunderbar werden. Eine Standesbeamtin wird kommen und uns trauen. Zum Glück müssen wir kein neues Aufgebot bestellen, weil unsere andere Hochzeit wegen Corona abgesagt wurde.«
»Ich kenne niemanden, der im November geheiratet hat«, meinte Axel.
»Vielleicht schneit es nächste Woche. Dann wird unsere Hochzeit sicher romantisch.« Lilo strich ihm über die Hand. »Du bist doch einverstanden?«
Axel grinste auf seine jungenhafte Art. »Lilo, habe ich eine andere Wahl?«
Verlegen blickte Lilo zu Boden. »Nein. Eigentlich nicht.«
»Wen laden wir noch ein, außer Poppi und Dominik? Ich nehme an, Poppis Mann Klaus. Und meine Mutter selbstverständlich. Meinen Vater auch, sonst ist er beleidigt.« Axels Eltern waren seit vielen Jahren geschieden und nicht gut aufeinander zu sprechen.
Lilo stand auf und holte ihr Handy. »Dominiks Eltern nicht, weil er das ablehnt. Ich habe ihn gefragt.«
Sie blickten gleichzeitig auf ein Foto im Regal. Es zeigte Lilo mit ihren Eltern und war vor ungefähr zehn Jahren aufgenommen worden. Herr und Frau Schroll lebten beide nicht mehr. Sie waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein betrunkener Fahrer hatte sie gerammt.
Diesmal nahm Axel Lilos Hand. »Sie hätten sich sehr über unsere Hochzeit gefreut.«
Stumm nickend stimmte Lilo zu.
»Sonst noch jemand, den wir einladen?«, fragte Axel, der das Thema wechseln wollte. Die Erinnerung an ihre Eltern machte Lilo immer traurig. »Herrn und Frau Monowitsch vielleicht?«
»Ich habe sie auch auf meiner Liste«, sagte Lilo. Sie beratschlagten über ein paar andere Verwandte, aber beschlossen am Ende, die Gäste auf ihre beiden Freunde und Eltern zu begrenzen.
»Darf ich nicht kommen?« Lotta stand in der Tür und machte ein verlegenes Gesicht.
»Aber Lotta, was ist denn das für eine Frage.« Lilo winkte sie zu sich.
Lotta streckte ihr eine gefaltete Karte hin. Vorne hatte Lotta Berge gezeichnet, eine orangerote Sonne und einen Mann, eine Frau und ein Mädchen, von denen nur die Silhouetten im Gegenlicht zu sehen waren. »Für dich«, sagte sie.
»Danke, mein Schatz.« Lilo nahm die Karte und betrachtete die Zeichnung bewundernd.
»Steht etwas drinnen.« Lotta deutete ihr, die Karte zu öffnen. In krakeliger Handschrift stand hineingeschrieben: »Ich mag dich! Sehr!« Das »sehr« war unterstrichen und daneben noch ein Herz gemalt. Sogar unterschrieben hatte Lotta.
Axel breitete die Arme aus. »Kommt zu mir, meine beiden Herzensdamen.« Er drückte sie und fühlte sich sehr glücklich.
Die Hochzeit in zwei Wochen fand er überstürzt. Er freute sich auch nicht wirklich darauf. Axel wollte Lilo schon lange gerne das Jawort geben, aber Ort und Jahreszeit kamen ihm unpassend vor. Aus langer Erfahrung wusste er allerdings, wie sinnlos es war, Lilo etwas auszureden. Sie war nicht nur das Superhirn der Bande gewesen (und war es wahrscheinlich immer noch), sondern auch der größte Sturkopf, den er kannte.
»Ich muss meinen Anzug probieren«, verkündete er. »Seit wir ihn gekauft haben, habe ich viel Krafttraining gemacht.« Er deutete auf seine muskulösen Oberarme.
»Keine Sorge«, beruhigte ihn Lilo. »Es ist noch genug Zeit, ihn ändern zu lassen.«
FREITAG 13. NOVEMBER
DIE LIEFERUNG
Raoul vertraute auf einen einzigen Menschen und das war er selbst. Er arbeitete allein, er lebte allein und er würde niemals im Leben eine Partnerschaft eingehen, weder beruflich, noch privat.
Er war immer schon so gewesen, sogar als kleines Kind. Im Schulhof war er in den Pausen immer abseitsgestanden. In der Klasse hatte er nichts unversucht gelassen, um allein in einer Bank zu sitzen. Seine freundliche Grundschullehrerin hatte ein Mädchen namens Isobel zu ihm gesetzt, in der Hoffnung, sie könnte ihn ein wenig aus der Reserve locken. Um Isobel loszuwerden, hatte Raoul sie mit frisch gespitzten Bleistiften gestochen, gezwickt und ihre Hefte versteckt. Bald hatte Isobels Mutter darauf bestanden, dass ihre Tochter einen anderen Platz bekam und er hatte wieder den ganzen Tisch für sich allein gehabt.
Das Studium der Pharmazie absolvierte Raoul im Rekordtempo. Auch an der Uni hatte er alle Kontakte vermieden, immer allein gelernt und Gruppenarbeiten, wie sie von einigen Professoren vorgeschlagen wurden, grundsätzlich abgelehnt.
Das Lernen war ihm leichtgefallen und deshalb hatte er nach seinem Master der Pharmazie noch ein Studium der Medizin angehängt. Er promovierte in der Mindestzeit. Die Ausbildung zum Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie machte Raoul an einem darauf spezialisierten Krankenhaus in Chicago. Danach unternahm er mehrere Fortbildungen auf eigene Faust und an Instituten, die unter strengster Geheimhaltung im Verborgenen arbeiteten.
Covid-19 hatte Raoul mit großem Interesse verfolgt. Er hatte mittlerweile sein eigenes kleines Institut, das von ihm allein geführt wurde. Während die meisten Virologen der Welt an einem Medikament und einem Impfstoff arbeiteten, tat Raoul das Gegenteil. Er intensivierte seine Forschungen an neuen Viren, die wie Covid-19 die Welt lahmlegen konnten.
Natürlich wusste er, dass so etwas als »biologischer Kampfstoff« bezeichnet werden konnte. Ihm war auch klar, welche fürchterlichen Folgen ein künstliches Virus haben konnte, wenn es in falsche Hände geriet. Raoul plante weder einen Verkauf noch eine weltweite Erpressung. Wichtig war ihm nur ein Gefühl von Macht. Er wollte spüren, dass er die ganze Erde in der Hand haben konnte.
Seine Experimente waren bisher recht erfolgreich verlaufen. Ebenso die Entwicklung eines Impfstoffes gegen sein Virus. Wenn er es schaffte, seine Forschungen rechtzeitig zu beenden, könnte er sich überlegen, zu einem tödlichen Schlag gegen die Menschheit auszuholen. Die Möglichkeit allein reichte ihm.
Die Pharmazie und die Virologie würden ihm helfen, sich selbst ein Denkmal des Schreckens zu setzen. Auf diese beiden Fachrichtungen führte Raoul es zurück, dass sein Körper im Mutterleib verunstaltet wurde und sein Herz so sehr beschädigt wurde, dass seine Lebenserwartung von Ärzten zuerst auf wenige Jahre geschätzt worden war.
Seine leibliche Mutter hatte ihn deshalb einfach im Krankenhaus gelassen und war verschwunden. Die Pflegefamilie, die ihn aus Mitleid aufgenommen hatte, rechnete es ihrer Fürsorge an, dass er das Erwachsenenalter erreicht hatte und die Ärzte sich eingestehen mussten, eine Fehleinschätzung getroffen zu haben.
Trotzdem wusste Raoul um den Zustand seines Herzens Bescheid. Er könnte sich jederzeit rapide verschlimmern und dann wären seine Tage gezählt.
Jeder Tag war für Raoul kostbar. Da er alleine arbeitete, musste er Teile seiner Forschungen an andere Labore abgeben, um Zeit zu gewinnen. Wie er arbeiteten auch diese Labore nicht immer im Bereich des Legalen.
Diese Subaufträge musste er finanzieren, genauso wie seine Ausrüstung. Er brauchte dafür Millionen und hatte eine Möglichkeit gefunden, dieses Geld auf schnellstem Wege zu verdienen.
Gift war seine Ware. Natürlich handelte es sich nicht um erlaubte Gifte, sondern um jene Arten von Giften, die dringend gewünscht, aber illegal waren: Gifte, die Schädlinge auf Avocadoplantagen in Südamerika vernichteten, Gifte zur Beseitigung von Staren, diesen lästigen Vögeln, die Oliven- und Weintraubenernten vernichteten oder Gifte, die Fischereigebiete zerstörten, ohne nachgewiesen werden zu können. Die Herstellung solcher Substanzen war Raouls Spezialität.
Es erfüllte ihn mit Befriedigung, zu wissen, dass die sprunghafte Preissteigerung bei einigen Meeresfischen auf die Verbreitung von Substanzen aus seinem Labor zurückzuführen war. Es war am Markt bereits zu einer Verknappung von Dorsch und Kabeljau gekommen.
An diesem nebeligen Novembertag lieferte Raoul ein Gift, wie er es noch nie zuvor hergestellt hatte. Es war eine Premiere, eine neue Herausforderung, wie er sie schätzte. Das Gift war für einen Selbstmord bestimmt, der das Leben der betreffenden Person retten sollte. So widersprüchlich das klang, so sinnvoll erschien der Plan, der dahinter steckte.
Wer sein Auftraggeber oder seine Auftraggeberin war, wusste Raoul nicht. Die Bestellung war über eine der zahlreichen Webseiten abgewickelt worden, die er im Darknet betrieb. Abigor nannte er sich dort, ein Deckname, der beschrieb, wie er sich sehen wollte. Allerdings glaubte er nicht, dass jemand die Bedeutung des Namens schon einmal nachgeschlagen hatte.
Der Handel hatte klare Regeln. Der Kaufpreis war auf ein Konto in einem Steuerparadies der Südsee zu transferieren. Eine Hälfte musste vor der Hinterlegung des Giftes überwiesen werden. Die zweite Hälfte war fällig, wenn der Besteller das Gift übernommen hatte. Erst nach Erhalt des gesamten Betrags teilte Raoul den Code mit, mit dem der gelieferte Behälter geöffnet werden konnte. Raouls Anweisung an seine Kunden lautete, das Gift frühestens drei Tage danach einzusetzen.
Der Grund dafür war die Gefährlichkeit der Stoffe. Wie beim Umgang mit Giftschlangen war es ratsam, das Gegengift in der Nähe zu haben. Dieses Gegengift aber gab es nur, wenn der volle Kaufbetrag bereits bezahlt worden war und eine Extrazahlung von weiteren vierzig Prozent erfolgte. Das war Erpressung, aber keiner seiner Besteller würde zur Polizei gehen.
Zwei von Raouls Kunden hatten sich für besonders schlau gehalten und beschlossen, auf das Gegengift zu verzichten. Beide starben innerhalb von Stunden, nachdem sie die bestellte Ware eingesetzt hatten.
Grundsätzlich akzeptierte Raoul von seinen Kunden keine Vorschläge für den Ort der Übergabe. Er bestimmte die Spielregeln. Die Leute bekamen Anweisung, von wo sie die Ware abholen konnten.
Die Lieferung ging diesmal nach Tirol und hier kannte Raoul einen Übergabeort in den Alpen, den er aus mehreren Gründen wählte: Erstens war er sehr sicher, zweitens bot ihm die Anreise ein gewisses Vergnügen und drittens hatte Raoul eine Schwäche für hohe Berge. Es war seine einzige Schwäche.
Das Vergnügen bestand für ihn darin, auf seinem Motorrad die kurvige Bergstraße hinaufzufahren. Der Novembernebel blieb wie eine dicke Decke unter ihm im Tal hängen. Auf dem Berg schien die Sonne.
Das Ziel war ein Würfel aus verspiegeltem Glas, in dem ein kleines Restaurant untergebracht war. Zu dieser Jahreszeit hatte es keinen Betrieb.
Nachdem Raoul das Motorrad abgestellt hatte, holte er eine Drohne aus der Transportbox hinter dem Sitz. Er öffnete sein Handy und tippte auf eine App. So konnte er die Drohne vom Handy aus steuern und die Bilder sehen, die sie lieferte.
Die Drohne besaß eine Infrarotkamera, die ihm anzeigte, ob sich irgendwo in der Umgebung Menschen versteckten. Mehrere Male ließ er die Drohne über dem Gipfelplateau kreisen, bis er Gewissheit hatte, allein zu sein. Die einzigen Lebewesen, die die Drohne zeigte, waren zwei Gämsen, die beim Lärm des Flugkörpers aus ihrem Versteck unter einem Felsvorsprung sprangen und die Flucht ergriffen.
Auf dem Handy schaltete Raoul zur zweiten Funktion der Drohne: Sie konnte nun Kameras aufspüren. Aber auch dieser Rundflug blieb ohne Ergebnis. Er war unbeobachtet.
Nachdem er die Drohne wieder weggepackt hatte, marschierte Raoul auf den spiegelnden Würfel zu. Er stand auf einer Ecke, was ihn noch spektakulärer aussehen ließ, fast wie das Spielzeug eines Riesen, das hier auf den Gipfel geworfen worden war.
Raoul betrachtete sich in der Spiegelung der Würfelwände. Er war froh, dass das Visier des Helms sein Gesicht verdeckte. Die Lähmung des Gesichtsnervs auf einer Seite ließ Mundwinkel und Auge hängen. Es waren die letzten Folgen der Infektion, die er als Baby erlitten hatte.
Unter der Jacke zog er eine kleine Metallkassette hervor. Sie war mit einem Zahlenschloss versperrt, dessen Code er später nach Erhalt des Geldes preisgeben würde. Er hob das Gitter des Schuhabstreifers vor dem Eingang und hinterlegte die flache Kassette in einer Aussparung an der Seite. Danach kehrte er zu seinem Motorrad zurück.
Niemand würde jemals erfahren, wer der Erzeuger dieser Gifte war. Raoul hatte es immer geschafft, unerkannt zu bleiben. Es gab keine Möglichkeit, eine Spur zu ihm zurückzuverfolgen. Sobald er in sein Labor zurückgekehrt war, würde er den Besteller, den er gerade beliefert hatte, über die Notwendigkeit des Gegenmittels informieren. Es war in diesem Fall von noch größerer Wichtigkeit als sonst, weil sonst aus einem lebensrettenden Selbstmord ein bedauerlicher Todesfall werden konnte.
Sein Handy meldete eine neue Nachricht. Die zweite Hälfte seines Honorars war soeben auf seinem Konto eingegangen. Raoul blickte sich prüfend nach allen Seiten um. Wieso wusste der Besteller, dass die Ware hinterlegt war? Er sah hinüber zu den Gipfeln der anderen Berge und ihm kam der Verdacht, es könnte ihn jemand mit einem sehr starken Fernrohr beobachten.
Egal, dachte er. Die Nummerntafel seines Motorrades war aus dieser Entfernung sicherlich nicht zu lesen und von ihm selbst war nur der Lederanzug und der Helm zu sehen. Weil er gute Laune hatte, schickte er über einen verschlüsselten Kanal den Nummerncode für die Schatulle mit dem Gift. Wie immer fügte er die Warnung an, das Gift frühestens in drei Tagen einzusetzen.
Es war Zeit, die Rückfahrt anzutreten. Raoul stieg auf das Motorrad, ließ den Motor an und sog noch einmal das traumhafte Bergpanorama mit den Augen ein. Er konnte sich an den schroffen Felsen, den schneebedeckten Kuppen und dem Licht der untergehenden Sonne nicht sattsehen.
Schließlich riss er sich von dem Anblick los und fuhr die Bergstraße hinunter. Ihn überkam eine Fröhlichkeit, die ihm sonst unbekannt war. Raoul legte sich in die Kurven und genoss es, die Fliehkraft zu spüren. Die Waghalsigkeit versetzte ihm einen anregenden Nervenkitzel.
Die nächste Rechtskurve tauchte vor ihm auf und Raoul senkte den Kopf wie ein angriffslustiger Stier. Er lenkte, das Motorrad gehorchte zuerst, rutschte dann aber seitlich unter ihm davon. Wasser rann über die Fahrbahn. Die Reifen schlitterten wie auf Eis. Raoul zog die Bremsen und versuchte, durch Verlagern seines Körpergewichts das Motorrad wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die schwere Maschine raste unerbittlich auf die Leitplanke zu. Die Wucht des Zusammenstoßes schleuderte Raoul über die Planke. Dahinter fiel der Fels senkrecht in die Tiefe.
Für Bruchteile von Sekunden schien die Welt stillzustehen. Alle Geräusche verstummten. Dann zog ihn die Schwerkraft nach unten. Er strampelte. Aus der Felswand ragten kleine Bergkiefern, deren Wurzeln fest in den Felsspalten verwachsen waren. Raoul versuchte, eine davon zu fassen zu bekommen.
Der Sturz endete mit einem Aufschlag, der seinen Körper in einen einzigen glühenden Schmerz verwandelte.
LADY ROSS
»In einer Woche ist es also so weit.«
Veronika, die gerade Suppe aus einer kleinen Terrine in den Teller schöpfte, hielt inne und sah in die stark geschminkten Augen ihres Gastes. Lady Ross besaß einen hypnotisierenden Blick, der immer Veronikas Zunge lockerte, selbst, wenn sie nichts erzählen wollte.
»Ja, heute in einer Woche kommen die Hochzeitsgäste. Vielleicht reisen sie sogar schon am Donnerstag an.«
Lady Ross riss die Arme auseinander und schlug Veronika dabei fast die Suppenschüssel aus den Händen. »Was für eine entzückende Idee, das Hotel in ein Hochzeitsschlösschen zu verwandeln.«
Zum Glück konnte Veronika die Terrine samt Inhalt retten und auf den Tisch zurückstellen.
»Verzeihen Sie, Kindchen, aber meine Begeisterung über Ihren Plan ist mit mir durchgegangen.« Die Lady deutete in den kleinen Speisesaal im Tiroler Stil. Ihre Finger flatterten dabei wie dünne Insekten. »Das hier ist genau der richtige Ort für die ›besondere‹ Hochzeit.«
Wieder einmal faszinierten Veronika die sorgfältig lackierten Nägel und die Ringe mit den glitzernden Diamanten. Sie waren genauso speziell wie die leuchtend kupferroten Haare, die immer perfekt geschnitten waren. Lady Ross ließ dazu jedes Mal extra eine Maskenbildnerin aus dem Tal kommen, die normalerweise für große Fernsehproduktionen arbeitete.
»Ich hoffe, die Gäste werden zufrieden sein. Es ist die erste Hochzeit hier, ich habe nicht viel Erfahrung und meine Eltern werfen mir jeden Prügel vor die Füße, den sie nur finden können.«
»Kindchen, lassen Sie die beiden alten Herrschaften.« Lady Ross legte Veronika die kühle Hand beruhigend auf den Unterarm. »Sie werden das sicher gut machen. Ich fürchte nur um mein Essen. Sie wissen, Ignaz kann alles, aber nicht kochen. Wenn ich auf ihn angewiesen wäre, hätte mich schon der Hungertod ereilt.«
»Der Ignaz.« Veronika lachte auf. Ignaz war kurze Zeit Hausdiener im Hotel gewesen und von Lady Ross abgeworben worden. Er war ein hochgewachsener Tiroler mit kantigem Gesicht, ein wenig älter als Veronika, der nur die allernotwendigsten Worte sprach. »Sonst sind Sie aber immer noch mit ihm zufrieden?«
»Zufrieden?« Lady Ross trommelte mit dem Suppenlöffel auf den Tisch. »Er ist ein Engel der Berge für mich. Was täte ich nur ohne ihn? Mein Haus wäre längst verfallen und ich erfroren. Ignaz ist wirklich ein Mann für alles, nur nicht fürs Kochen.«
Als Veronika den Rest der Suppe in die Küche tragen wollte, hielt sie Lady Ross zurück. »Kindchen, setzen Sie sich doch zu mir und leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft. Alleine zu essen gehört zu den langweiligsten Tätigkeiten, die ich kenne.«
Gehorsam ließ sich Veronika auf den Stuhl gegenüber sinken und sah zu, wie Lady Ross sehr vornehm die Suppe löffelte. Es war Apfel-Sellerie-Suppe mit Würfeln von geräuchertem Butterfisch. Als sie fertig war, tupfte sich die Lady mit der weißen Serviette den Mund ab. Auf dem Stoff blieben Spuren des violett-roten Lippenstiftes zurück.
»Sie müssen Ihren Hochzeitsgästen eine Attraktion bieten. Eine Überraschung, mit der Sie nicht rechnen.«
Veronika stand auf und servierte ab. »Denken Sie da an etwas Spezielles?«
»Zeigen Sie mir den Ablauf der Hochzeit, das Menü und was Sie sonst noch alles geplant haben.«
Veronika kehrte aus der Küche mit der Hauptspeise zurück: Gemüselasagne mit Räucherlachsröllchen. Während Lady Ross es sich schmecken ließ, schilderte Veronika ihre Pläne.
»Es sind zwei Vegetarier unter den Gästen. Daher habe ich Speisen gewählt wie die Gemüselasagne, die Sie heute essen. Ich kann sie mit und ohne Fleisch servieren. In der Küche wird mir eine junge Köchin helfen. Sie ist eher noch ein Lehrling, um ehrlich zu sein. Sie hat sich für die Wintersaison beworben, kann aber zum Glück schon früher kommen. Ich glaube, sie arbeitet derzeit in der Schweiz. Alles andere muss ich allein schaffen. Vier Gänge für acht Personen. Das ist die ganze Planung.«
Lady Ross deutete auf den großen Bissen, den sie auf der Gabel balancierte. »Ein hervorragendes Gericht, Kindchen. Genau wie die Suppe. Ich hoffe, Sie haben mich an den Tagen der Hochzeit auch eingeplant. Ich werde selbstverständlich nicht stören und notfalls in der Küche essen.«
»Nein, nein, das ist nicht nötig«, beeilte sich Veronika zu versichern. Sie hatte Lilo Schroll allerdings garantiert, dass das Hotel für andere Gäste gesperrt sein würde. Am besten war es, ihr die Situation mit Lady Ross zu erklären, die eine Nachbarin war, die seit mehreren Jahren jeden Tag zum Essen kam.
»Lesen Sie mir das Menü vor«, verlangte Lady Ross. Veronika hob den Zettel.
Die Vorspeise war ein Carpaccio von Roten Rüben, die in Alufolie gebacken wurden. Dazu gab es Mousse vom Kren und für alle Nicht-Vegetarier Räucherfisch.
Danach hatte Veronika eine Karotten-Ingwer-Suppe geplant. Die Hauptspeise war die Gemüselasagne mit oder ohne kleinen Rindersteaks und das Dessert eine Zitronencreme mit Himbeeren.
»Was ist mit der Hochzeitstorte?«, wollte Lady Ross wissen.
»Die ist das größte Problem, weil ich so eine schlechte Bäckerin bin. Ein dreistöckiges Kunstwerk gelingt mir nie. Ich werde eine aus dem Tal kommen lassen. Im Kühlhaus wird sie sich schon halten.«
Die Lady hatte fertig gegessen und tupfte sich wieder den Mund ab. »Kindchen, das Menü hört sich gut an. Nun aber wollen wir die Feier selbst durchbesprechen. Nur sechs Gäste und das Brautpaar klingt reichlich langweilig. Wenn sich zwei Gäste davon nicht ausstehen können, wird die Hochzeit die größte Pleite, die man sich vorstellen kann.«
Veronika sah sie erschrocken an. »Haben Sie da entsprechende Erfahrungen?«
Lady Ross schwenkte die Stoffserviette wie ein Lasso über dem Kopf. »Das will ich meinen. Wir haben den Landsitz meines verstorbenen Mannes früher öfter für Hochzeiten vermietet. Da habe ich einiges miterlebt. Bei einer Hochzeit hat das Brautpaar noch am selben Abend beschlossen, sich wieder scheiden zu lassen.«
»Das gibt es doch nicht. Wieso tun sie sich dann die Mühen einer Hochzeit an?«
»Der Stress hat die wahren Gesichter der beiden zutage befördert. Außerdem haben sie ihre Familien kennengelernt und die Aussicht, sie nun öfter sehen zu müssen, war ihnen unerträglich.«
»Langsam bekomme ich Zweifel an meiner Idee mit dem Hochzeitsschlössel«, gestand Veronika.
Mit großer Geste rief die Lady: »Ach, nur keine Panik! Es wird alles bestens klappen. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen ein wenig zur Hand gehe und für das Unterhaltungsprogramm sorge.«
»Das würden Sie wirklich tun?«
»Mir ist doch ständig langweilig. Der Höhepunkt meines Tages ist das Essen bei Ihnen. Ich habe schon einige Ideen, die Ihre Gäste begeistern werden.«
»Vielleicht sollte ich das mit den Leuten vorbesprechen«, gab Veronika zu bedenken. »Sie haben sich ausdrücklich eine sehr private und ruhige Hochzeit gewünscht, ohne Band und Tanz.«
Während sie in ihrer kleinen Handtasche herumkramte, sagte Lady Ross: »Im Vorhinein wollen die Leute immer ein stilles Fest. Wenn es dann aber wirklich still ist, ist ihnen das auch nicht recht. Glauben Sie mir, ich kenne mich da aus.« Sie holte ein silbernes Zigarettenetui und ein Feuerzeug aus der Tasche. »Ich brauche meine Verdauungszigarette.«
Rauchen war im Hotel verboten und so erhob sich Lady Ross und ging in Richtung Terrasse. Die Seide ihres Abendkleides knisterte. Stil und gepflegtes Auftreten, hatte sie Veronika erklärt, wären an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit angebracht. Daher erschien sie jeden Abend in einem anderen Kleid, eines feiner als das andere, und außerdem eingehüllt in eine Wolke aus Parfüm.
Weil die Terrasse im November nur nass und dunkel war, ließ Veronika die langen Vorhänge geschlossen. Mit einem energischen Ruck schob Lady Ross die Gardinen zur Seite und öffnete eine Glastür. Veronika brachte ihr den Pelzmantel nach, den sie nur ungern anfasste. Sie wollte keine Felle in den Händen halten, für die Tiere ihr Leben gelassen hatten.
»Danke, Liebes.« Die Lady hängte sich den langen Mantel über die Schultern und zündete eine Zigarette an. Tief sog sie den Rauch ein und ließ ihn durch die Nasenlöcher wieder entweichen. Sie lächelte vor sich hin. »Mir ist soeben die beste Überraschung eingefallen, die es auf einer Hochzeit geben kann. Stimmung ist garantiert und Ihre Gäste werden es Ihnen danken«, verkündete sie. Auf Veronikas weitere Fragen antwortete sie nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.
DER CHAT
Freitag der Dreizehnte kann ein Glückstag sein, sagte sich Veronika immer wieder. Sie hatte dem Chat mit Mario an diesem Tag zuerst nicht zustimmen wollen. Da er aber davor keine Zeit hatte und der 13. der erste mögliche Termin war, hatte Veronika schließlich eingewilligt.
Du bist doch nicht abergläubisch?
hatte er ihr geschrieben.
Höchstens ein klein wenig.
hatte Veronika zugegeben.
In Wahrheit war sie sehr abergläubisch und der Grund dafür war der Einfluss ihrer Urgroßmutter. Urli, wie Veronika sie genannt hatte, kannte so ziemlich jede Bauernregel über das Wetter und es hatte Veronika schon als kleines Mädchen erstaunt, dass sich fast fast alle Vorhersagen ihrer Großmutter bewahrheiteten. Aus diesem Grund hatte sie von ihrer Urli auch einige Angewohnheiten angenommen, etwa, dreimal über die linke Schulter zu spucken, wenn eine schwarze Katze über den Weg lief. Aber nur von links nach rechts, denn dann bringt’s »Schlechts«. Von rechts nach links war egal.
Den 13. hatte die Urli immer im Haus verbracht, um sich vor Unheil und Unfällen zu bewahren. An einem Freitag den 13. verließ sie nicht einmal das Bett.
Diese Angewohnheiten hatten Veronika als Kind tief beeindruckt und hatten Spuren hinterlassen, die Veronika bis in ihr Erwachsenenleben geblieben waren.
»Heute ist ein guter Tag für mich«, murmelte Veronika immer wieder. Sie war nervös. Bei dem Gespräch mit Mario wollte sie alles richtig machen. Tief drinnen hatte sie ein Gefühl, er könnte endlich der Mann sein, nach dem sie so lange gesucht hatte. Seine Nachrichten waren kurz, aber witzig, stets herzlich und vor allem nie oberflächlich oder geschmacklos. Darin unterschied er sich wohltuend von vielen anderen Männern, die sie auf Datingplattformen bereits kennengelernt hatte.
In ihrer Wohnung angekommen, versperrte Veronika die Tür hinter sich. Ihre Eltern hatten die Angewohnheit, manchmal nach einem kurzen Anklopfen einfach ins Zimmer zu platzen. Das konnte sie wirklich nicht gebrauchen.
Die Wohnung war eine ehemalige Suite des Hotels mit einem kleinen Schlafzimmer und einem Wohnzimmer. Die Möbel waren allerdings mindestens dreißig Jahre alt und abgenutzt.
Veronika ließ sich auf das senfgelbe Sofa sinken. Auf ihrem iPad googelte sie: »Die zehn größten Fehler beim ersten Chat«. Danach suchte sie nach »zehn beste Themen für erste Chats«. Viel Neues erfuhr sie nicht.
Der Chat war für 21 Uhr vereinbart. Ihr blieben noch zehn Minuten. Sie ging ins Badezimmer und blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Die beigefarbenen Kacheln beachtete sie nicht mehr.
»Du machst das gut«, sprach sie sich selbst Mut zu. »Du siehst gut aus. Du bist eine Frau von Klasse.«
Vom iPad kam der Dreiklang, der den Anruf über die Datingseite ankündigte. Mario war zu früh dran. Vielleicht war er genauso aufgeregt wie Veronika und konnte das Gespräch auch kaum erwarten. Eigentlich hatte sie sich noch ein Glas Weißwein einschenken wollen, aber dafür blieb keine Zeit. Nüchtern zu bleiben war ohnehin besser.
Marios Foto erschien in der Mitte des Bildschirms. Darunter ein roter und ein grüner Knopf. Ablehnen und annehmen. Mario strahlte auf dem Foto, als könnte er nur das Gute im Leben sehen. Sein Haar war schwarz, sehr dicht und wild. Um den Hals hatte er ein rotes Bandana gebunden. Er sah aus wie ein Skilehrer, fiel Veronika ein. Sie musste ihn danach fragen.
Nachdem sie noch einmal tief Luft geholt hatte, hob Veronika ab.
»Hallo Mario!«, sagte sie und bemühte sich, locker und natürlich zu klingen. Nur niemals verkrampft oder gierig erscheinen, lautete eine der wichtigsten Regeln beim Daten.
»Schön, dass wir heute miteinander reden können«, antwortete Mario.
Veronika spürte einen leichten Schauer über ihren Rücken kriechen. Mario hatte das, was man eine erotische Stimme nannte.
Die nächste Regel war ebenfalls wichtig: Nicht zu schnell intime Details erfragen. Das könnte den anderen in die Enge treiben.
»Hattest du einen guten Tag?«, fuhr Veronika fort. Diese Frage war sehr unverfänglich.
»Ausgezeichnet, weil ich mich seit dem Aufstehen auf unser Gespräch gefreut habe.«
Was für eine charmante Antwort. Selbst wenn sie gelogen war, klang sie sehr schmeichelhaft. Veronika versicherte, es wäre ihr genauso ergangen.
Das Gespräch nahm Fahrt auf. Mario plauderte über seine Tätigkeit als Berater in einem Computershop und die Mühe mit seinen Kundinnen und Kunden. Alle wären kompliziert gewesen, was er dem Mond zuschrieb. »Ich habe das schon öfter beobachtet, dass die Leute bei Neumond und Vollmond zu spinnen beginnen.«
»Danke für den Hinweis, ich werde mir an der Rezeption einen Mondkalender bereitlegen, damit ich vorbereitet bin«, sagte Veronika lachend.
»Arbeitest du in einem Hotel?«
»Ja. So kann man das sagen.«
»In Tirol.«
»Natürlich. Das habe ich doch in meinem Profil angegeben.«
Mario gab einen Laut von sich, der nach Husten klang. Es war aber wohl eher ein kurzes Auflachen gewesen. »Kennst du jemanden, der in seinem Profil immer nur die Wahrheit sagt?«
»Ich.« Veronika hatte sich sehr genau überlegt, was sie bei den verschiedenen Punkten eintrug und niemals gelogen.
»Du bist die Ausnahme, die die Regel bestätigt.«
»Welche Regel?«
»Dass Leute auf Datingseiten zum Beispiel über ihr Alter lügen und falsche Fotos posten, auf denen sie jünger aussehen.«
»Hast du das auch gemacht?«
»Nein. Ich bin ehrlich. So wie du. Deshalb scheinen wir uns auch gefunden zu haben.«
»Das ist doch ein wunderbarer Grund«, meinte Veronika.
Mario gab ihr recht. »Ich habe das auch so in meiner Kindheit gelernt. Von meinen Eltern und in der Schule. Das hat sich bei mir eingeprägt.«
»Wo bist du zur Schule gegangen?«
»Ins Skigymnasium in Stams.«
Stams war eine Gemeinde in Tirol, die Veronika natürlich kannte.
»Und du?«, wollte er wissen.
»Die Volksschule habe ich hier oben im Ort gemacht, danach das Gymnasium und die Tourismusfachschule in Innsbruck.«
Veronika war überrascht, wie sehr sich Mario für sie interessierte. Normalerweise erzählten Männer bei solchen Chats alles Mögliche über sich, um zu beeindrucken. Mario war anders. Angenehm anders. Ihr Gespräch ging ohne peinliche Pausen dahin. Sie redeten über Erinnerungen aus der Schulzeit, über das Skifahren, ihre Träume als Teenager und wo sie nun im Leben standen.
»Warst du schon einmal verheiratet?«, fragte sie Mario.
Die Frage kam überraschend und war für ein erstes Date fast ein wenig zu heftig, aber sie war Veronika einfach so herausgerutscht.
»Nein. Du?«
»Auch nicht.«
Sie waren beide bereits Anfang dreißig und die meisten ihrer Altersklasse hatten schon das Jawort gegeben und manchmal sogar Kinder bekommen.
Weil Mario auf ihre direkte Frage so offen geantwortet hatte, traute sich Veronika weiter vor. »Lebst du in Stams? Oder warst du im Internat?«
»Internat. Ich bin in Völs zu Hause.«
Auch Völs war Veronika bekannt. Der Ort lag nicht weit von Innsbruck entfernt.
Danach ging es wieder um belanglosere Dinge wie Lieblingsfilme, Musik und Essen. Sie stellten fest, dass sie in allem einen ähnlichen Geschmack hatten.
»Was tust du morgen?«, wollte Mario wissen.
»Arbeiten. Ich habe nächste Woche Samstag eine Hochzeit hier im Hotel. Dafür muss einiges vorbereitet werden. Und du?«
»Ich habe Dienst. Aber hast du auch einmal frei?«
Veronikas Herz begann heftig zu schlagen. Wollte er ein Treffen vorschlagen? Nach diesem Telefonat war sie dazu mehr als bereit. Sie spürte die Verbindung zwischen ihnen und wollte sie vertiefen.
»Ja, natürlich, ich habe auch manchmal frei. Vor allem am Abend. Wieso?«
»Wäre schön, wenn wir uns einmal richtig sehen könnten. Wo wohnst du eigentlich?«
»Ich bin in Hochlissen zu Hause.« Eigentlich hatte sie das nicht verraten wollen, aber Mario klang sehr vertrauenswürdig.
»Soll ich dich besuchen kommen? Oder willst du dich lieber in Innsbruck treffen?«
»Innsbruck klingt gut.«
»Wie wäre es nächsten Samstag?«
»Da habe ich die Hochzeit bei mir im Hotel.«
»Richtig. Du hast es erwähnt. Entschuldige. Dann vielleicht Sonntag? Oder musst du da noch aufräumen?«
»Sonntag 18 Uhr klappt sicher. Die Gäste reisen bis spätestens 15 Uhr ab.«
»Dann haben wir ein Date. Ich trage es gleich in den Kalender ein.«
»Hast du einen Vorschlag für ein Restaurant? Ich habe ein bisschen den Überblick verloren, was es in Innsbruck so gibt.«
Mario überlegte. »Gib mir ein wenig Zeit. Ich will etwas wirklich Gemütliches und Gutes finden. Am besten, ich lass dir die Adresse dann per WhatsApp zukommen.«
»Ja, das wäre das einfachste.« Veronika nannte ihm ihre Handynummer.
»Ich schicke dir gleich eine Nachricht, damit du meine Nummer auch hast«, versprach Mario.
Das Gespräch hatte einen Punkt erreicht, an dem sie am besten Schluss machten. Für Veronika war es viel besser verlaufen als erwartet. Sie fieberte dem nächsten Sonntag entgegen. Noch neun lange Tage, wie sollte sie diese Zeit aushalten?
»Ich freue mich schon sehr!«
»Dann haben wir schon wieder eine Gemeinsamkeit«, meinte Mario.
Sie verabschiedeten sich mehrere Male, aber keiner wollte den roten Knopf drücken, um das Gespräch zu beenden. Schließlich war es Mario, der es tat und Veronika war darüber fast ein wenig enttäuscht.
Mit einem tiefen Durchatmen lehnte sie sich auf dem Sofa zurück. Fast zwei Stunden hatten sie geredet. So etwas war nur möglich, wenn es eine gewisse Verbindung zwischen zwei Menschen gab.
Veronikas Handy lag auf dem kleinen Schreibtisch im Schlafzimmer und sie ging es holen. Als Erstes wollte sie Marios Nummer speichern, damit sie bestimmt nicht verloren ging.
Seltsam. Er hatte ihr noch keine Nachricht geschickt. Sie sah auf die Uhr. Seit dem Ende des Gesprächs waren erst ein paar Minuten vergangen. Vielleicht war er auf die Toilette gegangen oder hatte sich einen Drink geholt.
Nach einer halben Stunde hatte sie noch immer nichts von ihm gehört. Veronikas Unruhe wuchs. Sie legte sich ins Bett, das Handy auf dem Nachtkästchen. Es dauerte lange, bis sie einschlief. Als sie aufwachte, griff sie sofort zum Telefon. Die Anzeige leuchtete auf.
2.02 Uhr
Keine Nachricht.
Hatte er vergessen? Wie konnte man so etwas vergessen? Oder hatte sie einen Fehler gemacht und bei der Verabschiedung zu überschwänglich geklungen? Sollte sie ihm eine Nachricht auf der Datingplattform schicken, um ihn zu erinnern?
Nein, das könnte er für aufdringlich halten. Er würde sich schon melden. Spätestens, wenn er ihr Name und Adresse des Lokals durchgeben würde, in dem sie sich treffen sollten. Die Enttäuschung über sein Vergessen schob Veronika beiseite. Es gab sicherlich eine einfache Erklärung, über die sie beide lachen und von der sie noch ihren Enkelkindern erzählen würden.
SAMSTAG 14. NOVEMBER
DAS PAKET
»Bitte verraten Sie mir doch, welche Überraschung Sie für die Hochzeit planen.« Veronika versuchte es mit dem Kleinmädchen-Tonfall, den sie schon sehr lange nicht mehr eingesetzt hatte.
Lady Ross legte das Besteck auf den Teller und lächelte amüsiert. »Oh nein, meine Liebe. Sie müssen sich da schon gedulden. Ich bin auch nicht völlig überzeugt, dass ich alles bekommen werde. Meine Suche hat erst gestern angefangen, wie Sie wissen. Ich will keine Erwartungen wecken, denen ich nicht entsprechen kann.«
An diesem Abend hatte Lady Ross einen Seidenturban um ihre kupferrot gefärbte Mähne geschlungen und trug eine halbmondförmige Brille. Veronika erinnerte die Nachbarin an einen theatralischen Stummfilmstar.
»Zeit für mein Zigarettchen.« Die Lady machte sich auf den Weg zur Terrasse. Wie immer brachte ihr Veronika den Nerzmantel nach. Für sich selbst hatte sie eine Daunenjacke bereitliegen, da sie ihrem einzigen Gast Gesellschaft leisten wollte.
Als die beiden ins Freie traten, tanzten kleine Schneeflocken vom Himmel herab.
»Der Schnee muss Sie doch freuen«, meinte Lady Ross. »Bestimmt bringt er Ihnen die ersten Wintergäste.«
Veronika sah das anders. »Meine Eltern haben das Personal erst für den 1. Dezember eingestellt und mir untersagt, etwas anderes zu tun. Auch wenn ich offiziell das Hotel leite.« Sie seufzte. »Ich kann keine Buchungen vor dem 1. Dezember annehmen.«
Sie hörte das Kratzen einer Schneeschaufel und warf einen Blick über die Brüstung der Terrasse. Ihr Vater, nur in Hose und Pullover, räumte energisch die dünne Schneeschicht auf dem Gehweg zur Seite.
»Papa? Du wirst dich verkühlen«, warnte Veronika.
»Ein ordentliches Hotel hält seine Wege sauber«, belehrte sie Herr Wunderer.
Lady Ross trat neben Veronika. »Ich danke Ihnen für Ihre Umsicht«, sagte sie überschwänglich.
Veronika blickte sie verwundert an.
Die Lady fuhr fort: »Dieser Weg führt doch zum Teich im Wald. Er ist einer meiner liebsten Spazierwege. Mein Arzt hat mir, wie Sie wissen, Höhenluft und täglich Nordic Walking verschrieben. Es wäre das einzige Mittel, um mein Herz und meine Lunge gesund zu halten. Sonst bin ich in wenigen Jahren …« Sie fuhr sich mit einem Finger über die Kehle.
»Zum Waldsee würde ich jetzt nicht mehr gehen.« Veronikas Vater stützte sich auf die Schaufel. »Erst letzten Winter ist jemand auf dem Weg gestürzt und hat sich den Knöchel gebrochen. Doppelt gebrochen.«
Daran erinnerte sich Veronika mit Schrecken. Der Gast war eine Nacht lang im Schnee gelegen und halb erfroren. Er hatte aber auch niemandem gesagt, dass er noch einen Spaziergang zum See unternehmen wollte.
»Wie auch immer, es wird Zeit für mich, aufzubrechen. Meinen Sherry nehme ich daheim.« Lady Ross dämpfte die Zigarette im Aschenbecher aus, der immer für sie auf einem Tisch auf der Terrasse bereitstand. Sie schritt die kleine Treppe hinunter, die zum Gehweg führte.
»Bis morgen«, rief ihr Veronika nach.
»We’ll meet again«, trällerte Lady Ross ein altes Lied, das bei den Soldaten im Zweiten Weltkrieg sehr beliebt gewesen war.
Als sie außer Hörweite war, knurrte Veronikas Vater »Vogelscheuche« und setzte das Schaufeln fort.
Veronika räumte das schmutzige Geschirr in die Küche. Bevor sie sich in ihre Wohnung unter dem Dach zurückzog, ging sie noch schnell ins Büro. Sie wollte sich die Bestellung der Zutaten für das Hochzeitsessen ausdrucken und kontrollieren, ob sie auch nichts vergessen hatte.
Als Veronika die Klappe in der Theke der Rezeption öffnete, sah sie dort ein Päckchen stehen. Es war so groß wie ein Schuhkarton, in weißes Packpapier gewickelt und mit grober Schnur zusammengebunden. Veronika nahm es und drehte es. Es stand weder ein Name, noch eine Adresse darauf. Absender auch keiner.
Das Päckchen war leicht und als Veronika es prüfend schüttelte, klapperte etwas darin.
Der Postbote hatte den Code für das elektronisch gesteuerte Eingangstor des Hotels und legte Briefe und Päckchen immer auf die Theke. Er konnte die Schachtel aber nicht gebracht haben, da es keine Postsendung war.
Das Paket muss den Eltern gehören, dachte Veronika. Im Büro druckte sie die Bestellliste aus. Als sie vom Schreibtisch einen Kugelschreiber nahm, fiel ihr Blick auf die Wetterstation. Auf den Gipfeln war die Temperatur auf minus sieben Grad Celsius gefallen. Die Vorhersage hatte sich in den vergangenen Stunden verändert und es wurde starker Schneefall erwartet. Wie es aussah, konnte das Präparieren der Pisten bald beginnen.
Während der Drucker ratterte, rief Veronika über die Hausanlage in der Wohnung der Eltern an.
»Für euch liegt ein Päckchen an der Rezeption.«
Ihre Mutter wusste nichts von einem Päckchen. Sie fragte Veronikas Vater, der im Hintergrund heftig hustete. Auch er erwartete nichts.
Hatte vielleicht Lady Ross dieses Paket mitgebracht und vergessen? Sie war vor dem Essen in der Halle gesessen und hatte telefoniert, erinnerte sich Veronika.
Sie rief in der Villa der Lady an. Ignaz hob ab.
»Residenz Lady Ross, guten Abend.«
»Veronika hier. Kannst du die Lady fragen, ob sie heute vielleicht ein Päckchen in der Rezeption bei uns vergessen hat?«
»Sie hat das Haus ohne Päckchen verlassen«, sagte Ignaz.
»Vielleicht hat sie es im Ort abgeholt und mitgenommen.«
»Sie war nicht im Ort.«
Veronika verlor die Geduld. »Ignaz, frag sie einfach. Tu mir den Gefallen.«
Ignaz legte den Hörer des Festnetzapparates weg. Es dauerte, bis er zurückkam.
»Nein, Lady Ross weiß nichts von einem Päckchen.«
»Alles klar. Gute Nacht.« Veronika legte auf. Ihr Blick fiel auf das Handy, das auf dem Schreibtisch lag.
Weiterhin keine WhatsApp-Nachricht von Mario. Mit ihrer Beherrschung war es vorbei und sie beschloss, ihm eine Nachricht über die Datingplattform zu schreiben. Die Begeisterung über das Gespräch war der Wut über seine Unverlässlichkeit gewichen. Normalerweise ging sie nie über den Bürocomputer auf die Datingseiten, aber an diesem Abend machte sie eine Ausnahme. Veronika loggte sich ein und öffnete die Nachrichtenbox ihres Profils, wo der Gesprächsverlauf mit Mario gespeichert war. Sie wollte ihm etwas Lässiges schreiben. »Vielleicht habe ich dir meine Handynummer nicht richtig angesagt und deine Nachricht ist an jemand anderen gegangen. Hier noch einmal zur Sicherheit …« So klang sie weder vorwurfsvoll noch beschuldigend, sondern einfach praktisch.
Verwundert sah Veronika auf den Bildschirm. Sie ließ die Seite erneut laden, aber es änderte sich nichts.
Marios Nachrichten waren verschwunden. Alle.
Seinen Profilnamen kannte sie auswendig: Mario9990. Er hatte ihr erklärt, dass es sein Geburtstag wäre: Der 9. September 1990. Veronika tippte ihn in das Feld der Suchfunktion und drückte die Eingabetaste.
Unbekannt. Noch einmal schrieb sie Buchstabe für Buchstabe und Zahl für Zahl. Neuerlicher Versuch und …
Unbekannt. Veronika wurde unruhig. Als nächstes klickte sie das Hilfsmenü an und ging zu »Fragen und Antworten«.
• Q: Nachrichten eines Users sind nicht mehr in der Inbox, wieso?
• A: Löscht ein User sein Profil, so werden damit auch alle Nachrichten gelöscht, die er verschickt hat.
Sie hörte ihren Atem schneller gehen. Wieso hatte er das getan? Mario besaß ihre Handynummer und konnte sich zusammenreimen, wo sie zu finden war. Veronika hatte schon einige Male von »Ghosting« gehört, wenn Leute zuerst besonders verbindlich waren und danach verschwanden wie ein Geist.
Sie war ein Opfer von Ghosting geworden. Damit hätte sie nie gerechnet.
Aber wieso hatte Mario das getan? War sie wieder einmal einem Knallkopf auf den Leim gegangen, wie schon einige Male davor? Mario hatte anders geklungen und sie hatte den Eindruck gehabt, es wären auch bei ihm echte Gefühle im Spiel gewesen.
Mit einer Mischung aus Wut und Beunruhigung schloss sie die Datingseite.
»Dreckskerl«, schimpfte sie leise vor sich hin. »So ein Aas.« Sie stand auf und trat gegen das Bein des Schreibtisches, um sich abzureagieren. Dem Tischbein war es egal, dafür taten ihr die Zehen weh.
Weil sie noch etwas tun musste, um Druck abzulassen, nahm sie eine Schere und schnitt die Verschnürung des Pakets auf. Sie fetzte das Packpapier herunter und hielt sodann eine braune Pappschachtel in Händen. Veronika hob den Deckel. Die Schachtel war mit Seidenpapier ausgelegt, das locker zusammengedrückt worden war. Darin war etwas eingeschlagen. Veronika zupfte das Papier auseinander.
Ihr Herz machte einen Sprung, als sie den Inhalt der Schachtel sah.
SONNTAG 15. NOVEMBER
HOCHZEITSVORBEREITUNGEN
Lilo hatte darauf bestanden, selbst zu fahren. Axel hatte sie den Ablauf des Besuchs im Hochzeitsschlössel erklärt. »Du entspannst dich, denn die Hochzeit ist mein Projekt. Du sollst nur genießen. Arbeit soll dir das keine machen. Du kannst auch gerne zu Hause bleiben.«
Axel wollte aber ins Hochzeitsschlössel mitkommen. »Es ist unsere Hochzeit und da würde ich schon auch gerne ein wenig mitreden.«
»Ich will doch nur, dass du keinen Stress damit hast«, hatte ihm Lilo versichert.
»Für dich ist die Hochzeit sehr wichtig, ich freue mich darauf und für unsere Freunde und die Familie soll es ein Fest sein. Also machen wir das alles gemeinsam.«
Trotzdem genoss es Axel, auf dem Beifahrersitz zu sitzen und sich nicht auf die Straße konzentrieren zu müssen. Lilo war die bessere Autofahrerin. Vor allem, wenn die Straßen glatt waren, fühlte er sich bei ihr sicher. Nachdem sie den Führerschein gemacht hatte, bekam sie gleich darauf von ihrem Vater ein Schleudertraining geschenkt und fürchtete seitdem weder Glatteis noch Schneefall.
Vor der Windschutzscheibe tanzten die Flocken. Der erste Schnee ließ sie das Grau des Novembertages vergessen. Axel sah beim Seitenfenster hinaus, während Lilo die Serpentinen der Straße hinaufkurvte. Die Schneeflocken ließen die Tannen aussehen wie Bäume eines Lebkuchenhauses, die mit Puderzucker bestäubt worden waren.
»Etwas abgelegen, dieses Hochlissen«, stellte Axel fest.
»Es hat eine gute Anbindung an die Skischaukel der anderen Gebiete und gilt als Geheimtipp. Das Hochzeitsschlössel ist – was ich so herausgefunden habe – vor allem bei älteren Semestern beliebt, die schon seit vielen Jahren hier den Winterurlaub verbringen und auch im Sommer zum Wandern kommen.«
Hochlissen war ein winziger Ort, der nur aus ein paar Pensionen und einfachen Hotels bestand. Gleich hinter der Kirche befand sich die Station des Lifts, der in kleinen Gondeln die Skifahrer im Winter auf den Berg beförderte. Eine breite Piste mit Schneekanonen lag gleich daneben. Sie war so verwaist wie die Après-Ski-Bar.
Lilo lenkte den grünen SUV durch den Ort und die Fahrt ging danach eine etwas schmälere Straße weiter den Berg hinauf. In der Ferne war ein Tirolerhotel zu sehen: weiße Fassade, dunkle Holzbalkone und Fensterrahmen, ausladendes Schrägdach. Noch ein Stück weiter und etwas höher stand auf einem Felsvorsprung ein mächtiges altes Haus mit grün-rot gestreiften Fensterläden.
»Was ist das?«, wollte Axel wissen.
»Eine Art kleines Schloss, das sich vor fünfzig Jahren ein reicher Amerikaner erbauen hat lassen. Schloss Lucasberg.«
Axel war über Lilos Wissen erstaunt.
»Ich habe ein bisschen über die Gegend gegoogelt und dabei bin ich auf das Schloss gestoßen«, erklärte Lilo. »Weitere ›Sehenswürdigkeiten‹ der Umgebung sind übrigens ein Waldsee und eine Kapelle.«
»Klingt nach richtig viel Action hier.« Axel grinste.
»Der ideale Ort für eine Hochzeit in den Bergen.« Lilo ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Hier können sich alle Gäste auf unser Jawort konzentrieren und auf das herrliche Bergpanorama.«
Da musste Axel ihr recht geben. »Ich bekomme eine kluge und fast schon poetische Frau.«
Er küsste sie auf die Wange. Das letzte Stück zum Hotel war steil und die Automatik des Wagens schaltete einen Gang zurück. Der SUV kämpfte sich bis zum Parkplatz vor dem Hotel nach oben.
Es war erst elf Uhr vormittags. Da die Schneewolken keine Sonne durchließen, wirkte es viel später.
Die beiden Hälften der gläsernen Hoteltür fuhren auseinander und eine Frau im Alter von Lilo und Axel kam ihnen entgegen. Sie trug einen grünen Hoodie und Jeans und ihr Haar steckte unter einer Mütze.
»Willkommen im Alpenschlössel!«, rief sie ihnen entgegen.
Axel, der normalerweise nicht sehr verfroren war, schloss nach dem Aussteigen den Reißverschluss seiner dicken Winterjacke. So wenige Tage vor der Hochzeit wollte er sich nicht verkühlen.
»Heißt das Hotel nun Alpenschlössel oder Hochzeitsschlössel?«, fragte er.
»Hochzeitsschlössel für Sie«, erklärte die Frau. »Für die Wintergäste ist es dann wieder das Alpenschlössel.« Sie kam die Stufen herunter, die frisch freigeschaufelt, aber schon wieder von einer dünnen Schneeschicht bedeckt waren. »Veronika Wunderer, ich freue mich, dass Sie hier sind.« Sie streckte ihnen die Hand entgegen. »Kommen Sie nur weiter. Ich will Ihnen die Räume zeigen und dann gehen wir das Menü und alle weiteren Details durch. Zuerst aber folgen Sie mir bitte auf die Terrasse. Wenn Sie schon hier oben heiraten, dann sollten Sie und Ihre Gäste auch ein wenig Winterzauber erleben. Deshalb schlage ich vor, dort einen Aperitif zu servieren.«
Die Terrasse lag an der Seite des Hotels. Auch wenn es ein trüber Tag war, konnten Lilo und Axel erahnen, wie schön der Ausblick bei klarem Wetter sein musste. Sie blickten auf die Hänge des Wilden Kaisers, die bereits weiß waren.
Veronika nahm einen Zettel zu Hilfe, auf den sie alles notiert hatte, um nichts zu vergessen. »Hier servieren wir gerne Glühwein und dazu heiße Dörrpflaumen, in Speck gewickelt und gebraten.«
»Klingt sehr gut.« Axel leckte sich die Lippen.
Lilo war anderer Meinung. »Speck ist nicht so gut. Poppi und Dominik essen beide kein Fleisch mehr. Sie sind nicht vegan, aber Speck kommt für sie nicht infrage.«
»Deshalb gibt es als Alternative Dörrpflaumen im Salbeimantel«, sagte Veronika, die mit diesem Einwurf gerechnet hatte.
»Großartige Idee«, lobte Lilo.
Veronika zeigte ihnen gerade den direkten Zugang von der Terrasse in den Speiseraum, als jemand nach ihr rief. Vor der Terrasse, an der kleinen Treppe, stand eine zarte Frau mit einem von der Kälte stark geröteten Gesicht. »Mrs Wunderer?«
»Ja.«
»Ich bin Marie.«
»Die Küchenhilfe.«
»Wir haben geemailt.«
»Natürlich. Bitte nur herein. Hattest du eine gute Anreise? Ich habe mit dir erst später gerechnet.« Sie warf einen Blick auf den kleinen Trolley, den die Frau nachzog, und den großen Rucksack auf ihrem Rücken. »Es wäre besser, du kommst durch den Haupteingang. Vielleicht sollten wir ihn alle nehmen, denn ich habe den Boden im Speisesaal vorhin gereinigt.« Sie führte alle zurück zur Glastür.
Axel bot der jungen Frau an, ihren Rucksack zu tragen, was sie ablehnte. Den Trolley überließ sie ihm gerne.
»Bist du ohne Auto hier?«
»Gerade mit dem Bus gekommen.«
Im Hotel holte Veronika als Erstes einen Schlüssel aus dem Büro. »Du hast in deiner Bewerbung geschrieben, du wärst vorher in der Schweiz gewesen, habe ich das richtig in Erinnerung?«, sagte sie zu Marie.
»Ja. Ich war auf der Hotelfachschule in Luzern. Das liegt aber schon acht Jahre zurück.«
»Sehr gute Schule, Luzern.« Veronika wandte sich Lilo und Axel zu. »Darf ich meiner neuen Küchenhilfe schnell ihr Zimmer zeigen?« Zu Marie sagte sie: »Das sind Lieselotte Schroll und Axel Klingmeier, die am Samstag hier heiraten werden.«
Die junge Frau nickte den beiden zu. »Gratulation.«
»Wir zwei werden das Brautpaar und die Gäste kulinarisch verwöhnen.« Veronika klang ein wenig, als wollte sie alle von der Wahrheit ihrer Worte überzeugen.
Marie lächelte schüchtern. »Ich werde mein Bestes geben. Kochen ist meine Leidenschaft, seit ich ein Kind war. Meine Mutter kommt aus Österreich, aus Salzburg. Sie hat mir beigebracht, was hier gekocht wird.«
Lilo wunderte sich. »Dem Akzent nach sind sie aber nicht aus der Schweiz.«
»Doch, doch, aber mein Vater ist Kanadier und ich habe die Englische Schule besucht. Meine erste Sprache ist Englisch, meine zweite Deutsch.«
»Da wir das alles geklärt haben, zeige ich dir nun dein Zimmer«, sagte Veronika. Wieder nur ein kurzes Nicken von Marie. Sie übernahm von Axel den Trolley und folgte der Hotelbesitzerin zum Lift, der sich an der Seite der Halle befand.
Nachdem sie eingestiegen waren und nach oben fuhren, sagte Lilo leise: »Riecht hier ein wenig muffig.«
»Das Hotel ist noch geschlossen«, entgegnete Axel.
»Auf den Fotos sah es frischer und neuer aus.«
Bei Axel klingelten die Alarmglocken. »Lilo, du änderst jetzt bitte nicht wieder deine Meinung und sagst die Hochzeit ab.«
»Nein, nein, sicher nicht. Wir bringen sie hinter uns.«
»Nicht gerade eine romantische Einstellung.« Axel schlenderte durch die Lobby und ließ sich in einen der ausladenden Lehnsessel fallen. Hinter ihm an der Wand hing ein Hirschkopf mit Geweih.
Lilo kam ihm nach und legte ihre Hand auf seine Schulter. »Ich habe das nicht so gemeint. Ich will nur einfach endlich etwas tun, das ich mir schon sehr lange wünsche. Ich hoffe, du auch.«
Statt eine Antwort zu geben, küsste sie Axel zart auf die Hand. Der Lift ging auf und Veronika war zurück. Aus dem Büro hinter der Rezeption holte sie ihre Unterlagen.
»Setzen wir uns.« Sie deutete auf einen runden Tisch mit vier Stühlen in der Mitte der Lobby.
»Ich möchte schnell mit Ihnen einige offene Punkte über die Hochzeitszeremonie und die Feier durchgehen. Wie viele Leute werden es nun endgültig sein?«
Axel und Lilo wechselten einen kurzen Blick und hoben die Schultern. »Wir wissen es noch immer nicht fix. Die Eltern unserer Freundin wollen gerne kommen, aber ihre Mutter ist übervorsichtig und wenn es stärker zu schneien beginnt, setzt sie sich nicht ins Auto.«
»Oh, wie schade.«
»Meine Mutter will unbedingt kommen, aber sie hat sich ein Seitenband am Knöchel eingerissen und der Arzt hat ihr eigentlich Bettruhe verschrieben«, erklärte Axel. »Mein Vater ist noch in Argentinien. Er hat keinen Flug zurück bekommen bisher.«
Lilo lächelte verlegen. »Es kann sein, dass wir nur zu viert sein werden.«
»Aber Sie haben den Saal gebucht und sieben Zimmer.«
Herr und Frau Wunderer traten aus dem Lift. Sie musterten die kleine Gruppe am Tisch.
»Das Hochzeitspaar«, sagte Veronika erklärend.
»Aha. Na dann, viel Vergnügen«, wünschte Herr Wunderer.
Axel erinnerte er in seinem schwarzen Mantel und mit dem weißen Hemdkragen, der darunter zu sehen war, an einen alten Pinguin.
»Meine Eltern, die das Hotel begründet haben«, stellte Veronika vor.
Frau Wunderer lächelte schmallippig. »Sie sind also die zwei, die als Kinder in der Zeitung waren, weil Sie Kriminalfälle gelöst haben. Wie kleine Detektive.«
Lilo lächelte milde zurück. »Ja, das sind wir. Der Rest unserer Bande von damals wird auch kommen. Die beiden sind unsere Trauzeugen. Wenn Sie also hier etwas haben, das wir uns näher ansehen sollen, dann bitte nur sagen. Wir sind nach wie vor recht erfolgreich im Lösen scheinbar unlösbarer Fälle.«
»Stand auch in der Zeitung. Und es war in den Fernsehnachrichten. Außerdem waren wir in dieser deutschen Talkshow. Auf Instagram und Facebook gibt es auch einiges über die ›Knickerbocker-Bande‹«, ergänzte Axel. Sie hatten diese Antwort auf spöttische Anspielungen schon einige Male geben müssen und besaßen Übung darin.
Das Ehepaar Wunderer verkniff sich jede Reaktion. »Alles Gute. Wir gehen zur Kirche. Das tut man am Sonntag.«
Axel und Lilo mussten keine Hellseher sein, um zu erkennen, dass zwischen Veronika und ihren Eltern ziemliche Spannung herrschte.
Herr und Frau Wunderer verließen das Hotel und die beiden Verlobten wandten sich wieder Veronika zu.
»Hören Sie, Frau Wunderer«, begann Lilo.
»Bitte sagen Sie einfach Veronika.«
»Veronika. Gerne. Wir bezahlen alles, was ich bestellt habe. Es ist nicht Ihre Schuld, dass uns die Familie im Stich lässt. Wir wollen eine gemütliche Hochzeit mit unseren engsten Freunden.«
Die hohe Belohnung für das Aufdecken des Internetbetrugs gab Lilo und Axel die Freiheit, Geld auszugeben, wann immer sie es für richtig hielten.
Über diese Ansage war Veronika sehr erleichtert. »Die kann ich Ihnen garantieren.« Sie holte einen Zettel heraus. »Der Standesbeamte muss aus dem Tal kommen. Aber er hat für Samstag, elf Uhr vormittags, zugesagt, wenn das noch immer so recht ist.«
»Das ist genau die richtige Zeit«, bestätigte Axel.
»Dann hätten wir alles durch.« Veronika schob ihre Zettel zusammen. Sie zögerte kurz und blickte dann auf. »Es ist eine unverschämte Bitte …«
Axel und Lilo rechneten damit, um ein Autogramm gebeten zu werden. Das geschah immer wieder. Vielleicht sollten sie sich auch ins Gästebuch eintragen.
»Es ist hier etwas geschehen, über das ich mit sonst niemandem reden kann. Aber Ihnen würde ich mich gerne anvertrauen.«
Diese Ansage kam überraschend.
»Worum geht es?« Lilo öffnete die Hände zu einer auffordernden Geste, einfach zu erzählen.
»Können Sie in mein Büro kommen, bitte?«
VOODOO IN DEN ALPEN
Der Anblick war ekelig.
»Ich habe keine Ahnung, wer das Päckchen gebracht und auf die Theke der Rezeption gestellt hat.«
»Das ist eine Voodoo-Puppe«, stellte Lilo fest.
Im Seidenpapier, mit dem der Karton ausgelegt war, lag eine Stoffpuppe.
Es war kein Kinderspielzeug, sondern die Darstellung einer nackten Frau mit Brüsten und Schamhaaren. Die Haare waren struppiger schwarzer Bast. Die Augen und der weit aufgerissene Mund waren aufgestickt.
Das Schaurigste an der Figur waren die sieben Nadeln mit schwarzen Glasköpfen. Jede war lang wie ein Finger. Jemand hatte sie der Puppe an Stellen in den Körper gerammt, die schon beim Ansehen Schmerzen verursachten.
»War eine Nachricht dabei?«, wollte Axel wissen.
»Nein. Kein Zettel, kein Name, kein Absender. Nichts.«
»Dann hat wohl derjenige, der Sie erschrecken will, die Schachtel persönlich gebracht«, kombinierte Lilo.
Veronika, die noch immer die weite Mütze trug, zog sie vom Kopf und schüttelte ihr Haar. Es war schwarz und hatte ungefähr die gleiche Länge wie das Haar der Puppe.
Lilo sah zwischen der Puppe und Veronika vergleichend hin und her. »Entschuldigen Sie die Frage, aber haben Sie ein Muttermal auf der Hüfte?«
»Ein Muttermal, wo?«
»An der Hüfte. Wo man die Hände in die Seite stemmt.«
Veronika wunderte sich. »Nein. Ich habe kein Muttermal. Wieso?«
»Weil auf die Puppe dort ein Muttermal aufgemalt worden ist. Mit Filzstift.«
Nachdem sie tief durchgeatmet hatte, erzählte Veronika von Mario und seinem Verschwinden. Axel und Lilo ließen sich auf der Kante des Schreibtisches nieder und hörten genau zu.
»Sie fragen sich, ob Mario mit dieser Puppe zu tun haben könnte?«, fasste Lilo zusammen.
Veronika nickte.
Lilo begann, ihre Nasenspitze zu kneten. Seit sie zehn Jahre alt war, tat sie das immer, wenn sie überlegte.
Axel kam ihr mit einer Antwort zuvor. »Verrückte gibt es immer. Aber was hätte dieser Mario davon? Wenn er sich an Ihrem Schreck weiden will, müsste er Sie dazu sehen. Das ist aber nicht möglich. Er redet auch nicht mehr mit Ihnen, Sie können es ihm also auch nicht erzählen.«
»Wer sonst könnte mir so etwas hinstellen?« Veronika nahm den Deckel und verschloss die Schachtel wieder.
»Das können eigentlich nur Sie selbst sagen.« Lilo trommelte mit den Fingern auf den Karton. »Hier wohnen doch kaum Leute in der Umgebung.«
Veronika stellte die Schachtel in einen absperrbaren Aktenschrank. »Nicht einmal hundert. Im Winter sind dann fünfmal so viele hier, aber das sind alles Saisonpersonal und Gäste.«
»Haben Sie mit jemandem Streit? Oder gibt es einen Verehrer, den Sie abgewiesen haben? Oder hassen Sie andere Hotelbesitzer?« Lilo und Axel fielen zahlreiche Möglichkeiten für einen solchen schlechten Scherz ein.
Energisch schüttelte Veronika den Kopf. »Das kann ich mir alles nicht vorstellen. Mir fällt wirklich niemand ein.«
Das Surren der Eingangstür ertönte. Veronika trat in die Rezeption hinaus, um zu sehen, wer gekommen war. Lilo folgte ihr.
Ein Mann, der mit dem Kopf fast an den oberen Türrahmen schlug, war eingetreten. Ihm folgte ein Schwall Schneeflocken, aus dem eine Frau mit fast bodenlangem Fellmantel und einer Fellkappe trat, die die Größe eines Storchennests hatte. Unter den Rändern der Kappe lugte kupferrotes Haar hervor.
»Guten Tag, Lady Ross«, grüßte Veronika. »Was kann ich für Sie tun?«
»Kindchen, ich muss mit Ignaz den Saal besichtigen. Ignaz wird die Überraschung vorbereiten.«
Lilo bemerkte, wie Veronika stumm mit den Augen auf Lilo deutete.
»Ihre Turteltäubchen werden den schönsten Tag ihres Lebens niemals vergessen. Geben Sie mir bitte die Vornamen, die brauche ich noch für die Überraschung.«
»Später, Lady Ross, ich habe meine Gäste gerade zu einer Besprechung hier«, sagte Veronika und betonte dabei die letzten Worte mit einer leichten Kopfbewegung in Lilos Richtung.
»Ach, sieh mal an«, rief die Lady, ohne eine Sekunde die Haltung zu verlieren oder verlegen zu wirken. »Was für ein Vergnügen, die glücklichen Menschen kennenzulernen. Ich erinnere mich an meinen Hochzeitstag, als wäre es gestern gewesen. Dabei liegt er schon eine halbe Ewigkeit zurück. Unvergesslich wurde er durch die Überraschung der besten Freunde meines Mannes. Sie haben eine Opernarie zu unseren Ehren komponieren lassen, die von zwei Sängerinnen und einem Sänger vorgetragen wurde.«
Lilo und Axel standen schweigend da, weil sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Veronika war die Angelegenheit peinlich. »Vielleicht können Sie in einer Stunde wiederkommen?«
»Natürlich, Kindchen, wir wollten nicht stören, nicht wahr, Ignaz?« Sie stieß den Riesen mit dem Ellbogen. Mit tiefer Stimme versicherte er, dass das niemals die Absicht gewesen wäre. So theatralisch, wie ihr Erscheinen gewesen war, zogen die zwei wieder ab und verschwanden im Schneegestöber.
»Von welcher ›Überraschung‹ hat die Dame geredet?«, wollte Axel wissen. Er war kein Freund von unerwarteten Geschenken oder Aktionen.
»Die Dame ist Lady Ross. Sie wohnt im Schloss und kommt jeden Tag ins Hotel zum Essen. Ich habe ihr von meinen Plänen erzählt und von Ihrer Hochzeit und sie besteht darauf, mitzuhelfen. Von meinen Eltern habe ich nämlich keine …«
»… Unterstützung zu erwarten«, setzte Lilo im Stillen den Satz fort, als Veronika abbrach. Laut sagte sie: »Na dann, wir sind gespannt, wie sie unsere Hochzeit unvergesslich macht.«
Veronika lächelte erleichtert. Lilo und Axel verabschiedeten sich und traten die Rückfahrt an. Der Schnee fiel immer dichter und die Scheibenwischer hatten einiges zu tun, die Flocken von der Windschutzscheibe zu fegen.
Axel sah immer wieder zu den überhängenden Felskanten hoch. Manche ragten wie Vordächer über die Fahrbahn. Sie fuhren an einem Schild vorbei, das vor herabfallenden Schneebrettern warnte.
»Gibt es hier auch Lawinen?«
Lilo nickte, völlig konzentriert auf den Straßenverlauf. »Normalerweise werden sie abgesprengt, wenn Gefahr besteht, dass sie zu rutschen beginnen könnten.«
Nach einer Pause fragte Axel etwas, das ihn seit der Abfahrt beschäftigte.
»Ist es dir wirklich recht, dass diese verrückte Lady etwas für unsere Hochzeit tut? Wir kennen sie doch überhaupt nicht.«
»Ich fühle mich langsam schlecht, weil ich diese Hochzeit so kurzfristig angesetzt habe«, gestand Lilo. »Der Ort ist auch etwas seltsam. Auf der Internetseite hat alles viel freundlicher ausgesehen.« Als sie Axel und Lilo zum Wagen begleitete, hatte Veronika noch dazu gestanden, dass es die erste Hochzeit war, die sie ausrichtete.
Axel wollte Lilo die Sorge nehmen. »Wir sind ungewöhnliche Menschen und deshalb kann das Ganze ein unvergessliches Abenteuer werden. Auf jeden Fall besser, als auf einem normalen Standesamt zu heiraten und in einem normalen Restaurant Gäste zu empfangen, mit denen man gar nicht feiern will.«
Da musste Lilo ihm recht geben. »Außerdem tun wir eine gute Tat, denn die Eltern Wunderer sind alles andere als freundliche Menschen. Wir können das Selbstbewusstsein ihrer Tochter ein wenig aufbauen, denn unsere Hochzeit wird ein Erfolg.«
»Du hast normalerweise nie so plötzliche Ideen und Entschlüsse.« Axel musterte Lilo von der Seite. »Wieso machst du ausgerechnet bei unserer Hochzeit eine Ausnahme?«
Lilo überging die Frage. »Bitte hör auf, mich so anzusehen. Ich kann deinen Blick spüren und das irritiert mich.«
Axel gab auf. Lilo wollte nicht antworten und aus Erfahrung wusste er, dass weiteres Befragen keinen Sinn hatte.
Etwas Wichtiges fiel Lilo ein. »Ich schicke Veronika Wunderer auf jeden Fall eine E-Mail. Sie muss diesen Hirschkopf von der Wand nehmen, wenn Poppi kommt. Und die Lady darf nicht in Pelzmantel und -kappe erscheinen.«
Poppi war nicht nur Tierärztin, sondern auch eine leidenschaftliche Tierschützerin, die energisch für ein Verbot von Pelztierfarmen eintrat.
»Gute Idee«, stimmte Axel zu. Noch immer konnte er sich nicht erklären, wieso Lilo ohne ihn zu fragen diese überstürzte Entscheidung für die Hochzeit im Schnee getroffen hatte. Was steckte dahinter?
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