Kitabı oku: «Asian Princess»

THOMAS
EINSINGBACH
ASIAN PRINCESS
THRILLER
mitteldeutscher verlag
2017
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagabbildung: fotolia.com – Jiri Hera / Teteline
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
ISBN 978-3-95462-968-8
E-Book-Umsetzung: Zeilenwert GmbH
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
PROLOG
Lacrimosa dies illa – Tränenreich ist jener Tag. Aus der Einsegnungshalle schwebten die Streicherstimmen des berühmten Requiems. William LaRouche beobachtete, wie eine elfenbeinfarbene Limousine den Ruländerweg zum Friedhofstor hinaufkroch. Dort angekommen, entstieg zuerst der Fahrer. Er umrundete das Fahrzeug, öffnete die Beifahrertür und bot einer Dame seine Hilfe beim Aussteigen an. Die hochgewachsene Frau trug einen dunkelbraunen Kamelhaarmantel und einen breitkrempigen Hut, dessen Schleier ihr Gesicht verbarg. Viele der Trauergäste wendeten sich ab. Nur wenige brachten den Mut für einen direkten Blick auf. Nie zuvor hatte William eine vergleichbare kollektive Bedrücktheit wahrgenommen, die noch dazu bei manchem mit einer verschämten Sensationslust verknüpft zu sein schien.
Die Menschen waren zum Katzenberg gepilgert – hinauf zum Friedhof, auf dem die Toten zu dieser frühen, schattigen Stunde nur selten in ihrer letzten Ruhe gestört wurden. Die Laubbäume zwischen den Grabreihen hatten längst ihre Blätter verloren. Pelziger Raureif ummantelte die kahlen Verästelungen und über allem lagen die Fetzen aufsteigender Dunstschwaden einer feuchtkalten Herbstnacht. Der Altweibersommer, der die Gegend in den letzten Wochen immer wieder mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen verwöhnte hatte, war Vergangenheit. Es roch nach Winter. Die Weingärten ringsum waren längst abgeerntet. Besonders der Spätburgunder versprach in diesem Jahr eine ordentliche Qualität, die ihre Liebhaber finden sollte.
Williams Blick strich über den Vorplatz der Trauerhalle,wo die in Grau und Schwarz gekleidete Gemeinde unruhig den Kies unter ihren Tritten knirschen ließ und weiße Atemwolken in den ungemütlichen Morgen des dritten Novembertages stieß. Zweifellos stand die bemerkenswerteste Beisetzung bevor, die man auf dem Katzenberg bis zu diesem Tage gesehen hatte. William konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige der Anwesenden das Gefühl auskosteten, Zeugen des letzten Aktes einer Verbrechensserie zu sein, die ganz Süddeutschland aufgewühlt hatte.
Nach all dem, was geschehen war, konnte auch William sich unmöglich auf die Position eines neutralen Beobachters zurückziehen. In den letzten Wochen hatte er die Bekanntschaft etlicher der Trauergäste gemacht, von denen eine Handvoll sogar verwandtschaftlich mit ihm verbunden war. Er spürte vereinzelte Blicke, die ihn halb zufällig, halb mit Vorsatz erreichten. In nicht allen erkannte er die wohlwollende Gastfreundschaft wieder, mit der er anfangs begrüßt worden war. Die Bluttaten, an deren Aufklärung er mitgewirkt hatte, würden auf ewig mit der beschaulichen Region um die älteste Universitätsstadt Deutschlands verwoben sein, die so stolz auf ihren tadellosen Ruf gewesen war.
Kamerateams bemühten sich derweil, ratlose Gesichter einzufangen, um damit die Ungeheuerlichkeit des Geschehenen zu unterstreichen. Reporter mit lässig verknoteten Schals umklammerten ihre Mikrofone und resümierten betroffen vor starren Objektiven noch einmal die schrecklichen Ereignisse.
Lacrimosa dies illa. Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, zerreißt jeder Mutter das Herz. Für einen Moment schien die Frau mit dem Schleier zu zögern. Wäre es für alle nicht erträglicher, wenn sie umkehren würde? In diesem Moment löste sich ein anderes weibliches Wesen, deutlich kürzer an Wuchs, dunkelgrau gekleidet und mit farbenfrohen Accessoires geschmückt, aus der Menge. Sie schritt mutig auf die Vermummte zu. Die beiden Frauen umarmten sich, die kleinere strich der längeren dabei liebevoll über den Rücken. Ein kahlköpfiger, rundlicher Mann in einem halblangen Allwettermantel legte seine Hand auf die Schulter eines jungen Rollstuhlfahrers, der zu ihm aufblickte und stumm nickte. Dann bahnten sich die beiden Frauen den Weg durch das zurückweichende Menschenspalier zur Einsegnungshalle.
1
Einige Monate früher …
Es war ein lauer Spätsommerabend, viel wärmer, als es die Wettervorhersage angekündigt hatte. Und geregnet hatte es ebenso wenig. Hildegard Möller-Schwinnhoff begleitete ihre Freundinnen zur Tür. Betty, die Haushälterin, reichte den Damen ihre Sommermäntel, die allesamt in gedeckten Weißtönen gehalten und damit schwer zu unterscheiden waren. Dann wurden die Hüte und die vorsichtshalber mitgeführten Schirme verteilt. Man verabschiedete sich und versprach, in zwei Wochen wieder vollzählig zum Bridgespiel in der Villa Raabe zu erscheinen.
Nachdem die Gastgeberin ihrer Angestellten beim Aufräumen im Salon zur Hand gegangen war, fühlte sich die bald achtzig Jahre alte Witwe ein wenig schläfrig. Sie gab Betty für den Rest des Abends frei, die daraufhin freudig ihre Badesachen packte, um sich ein paar erholsame Stunden in den Taunusthermen im nahe gelegenen Bad Homburg zu gönnen, die an Samstagen erst um Mitternacht schlossen.
Hildegard Möller-Schwinnhoff zog sich in ihr Schlafzimmer in der ersten Etage zurück. Dort setzte sie sich in ihren Lieblingssessel ans Fenster. Um diese Jahreszeit, dem Übergang vom Spätsommer zum frühen Herbst, schien es die Sonne jeden Tag eiliger zu haben, der Dunkelheit das Regiment zu überlassen. Der Blick der betagten Dame streifte von der Höhenlage am Fuße des Altkönigs über die Hügellandschaft des Vordertaunus, strich über das kleine Steinbach, die Bürostadt Eschborn bis hinunter nach Frankfurt, wo die beeindruckende Skyline des Banken- und Finanzzentrums in der Abenddämmerung glitzerte.
Hildegard war ein wenig blümerant zumute. Die Roteichen und Bergulmen, die das Anwesen umgaben, schienen im Zwielicht zu verschmelzen und das Blattwerk tanzte blass verschwommen vor ihren Augen. Ihr fiel ein Eichendorff-Gedicht ein: Dämmrung will die Flügel spreiten, schaurig rühren sich die Bäume, Wolken ziehn wie schwere Träume – Was will dieses Graun bedeuten?
Wahrscheinlich der niedrige Blutdruck, überlegte sie. Oder war es der Eierlikör, dem man während des Kartenspiels in geselliger Runde zugesprochen hatte? Sie schloss die Augen und erinnerte sich an Josef, ihren verstorbenen Mann. Blümerant. Dieses Wort schien auf ewig mit Josef verknüpft zu sein. Auch er hatte sich stets blümerant gefühlt, wenn er zu tief ins Glas geschaut oder in der Sommerhitze seine Kopfbedeckung vergessen hatte. Sie war fünfzig Jahre mit diesem Mann verheiratet gewesen, ehe er dahingegangen war. Hildegard wollte nicht klagen. Sie hatte zwei anständige Söhne und es fehlte ihr an nichts. Selbst gesundheitlich war sie ihrem Alter entsprechend zufrieden. Manchmal kam es ihr unnatürlich vor, dass sie sich an keinen einzigen Streit mit Josef oder den Kindern in all den Jahrzehnten entsann. Aber so war es nun einmal gewesen. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass im Hause Möller-Schwinnhoff grundsätzlich wenig gesprochen wurde, denn Josefs Lebens- und Hausregel lautete: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Gold hatte es auch nach seinem Tod genug gegeben. Als das Testament geöffnet wurde, war selbst Rechtsanwalt Messerschmidt, der langjährige Vertraute und beste Freund ihres Mannes, überrascht gewesen, dass Josef mehr als die Hälfte seines Millionenvermögens in Gold und Schmuck investiert hatte. Der Verschiedene gehörte einer Generation an, die Papiergeld misstraute und, obwohl er jahrelang der bedeutendsten deutschen Privatbank vorstand, im Persönlichen selbst um werthaltige Aktien und Immobilien, dem sogenannten Betongold, einen Bogen gemacht hatte.
Hildegard griff nach einer Sammlung romantischer Sonette von Heinrich Heine. Im Hirn spukt mir ein Märchen wunderfein, und in dem Märchen klingt ein feines Lied, und in dem Liede lebt und webt und blüht ein wunderschönes zartes Mägdelein. Und in dem Mägdlein wohnt ein Herzchen klein, las sie und legte das Buch beiseite. Sie schloss die Augen. Im Tresor der Villa Raabe fanden sich nach Josefs Tod Goldbarren, Schmuck, kostbare Uhren und Edelsteine. Von all dem hatte Hildegard zu Lebzeiten ihres Mannes keinen Schimmer gehabt. Einiges davon konnte sie mittlerweile verkaufen, aber das meiste war noch im Safe gebunkert. Plötzlich riss ein klirrendes Geräusch sie aus ihren Gedanken. Ihr fiel das halb gefüllte Glas Milch ein, das sie auf dem Küchentisch im Erdgeschoss hatte stehen lassen. Sicherlich war es eine der beiden jungen Katzen gewesen, die sich neugierig und ungeschickt an das Milchglas herangewagt hatte.
Als die einzige Hausangestellte die Villa verlassen hatte, war der Mann im Schutz der hereinbrechenden Nacht über die Parkmauer gestiegen und zu der Tür geschlichen, durch die man von der Küche in den Kräutergarten gelangte. Mit routinierten Handgriffen setzte er die veraltete Überwachungskamera außer Betrieb und brach das Schloss auf. Er schlüpfte in die Küche, wo sich seine Augen schnell an die Dunkelheit gewöhnten. Der Mann fluchte stumm, als er sah, wie zwei schwarz-weiß gefleckte Katzen auf den Küchentisch sprangen und kurz darauf ein Milchglas zu Boden ging, wo es zerbarst. Als daraufhin im Haus alles ruhig blieb, überprüfte er den Sitz seiner Skimaske, verstaute das Einbruchswerkzeug in seinem Rucksack und tastete nach der Waffe, die entsichert im Gürtel steckte. Er wusste genau, wohin er sich nun wenden musste. Er kannte den Grundriss der Villa und hatte sich auch mit dem Schließmechanismus des Tresors vertraut gemacht. Die Katzen, die sich nun über die verschüttete Milch hermachten, waren allerdings eine Überraschung. Der Mann stieg geräuschlos die Marmortreppe zur ersten Etage hinauf. Das Schlafzimmer mit dem Tresor befand sich am Ende des Ganges. Der Mann sah, dass die Tür nur angelehnt war und kein Licht brannte. Behutsam schob er die Tür auf und betrat den Raum.
Hildegard verfügte über einen ausgezeichneten Gehörsinn. Sie hörte einen ruhigen, kraftvollen Atem und Gummisohlen, die auf dem Fliesenboden kaum wahrnehmbar aufsetzten. Der Eindringling entnahm etwas aus seiner Tasche, es schien sich um einen Gegenstand aus Metall zu handeln. Hildegard wunderte sich, dass sie nicht die geringste Furcht verspürte.
„Guten Abend. Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte sie mit ruhiger Stimme und blickte unverändert aus dem Fenster. Der Mann hielt verblüfft inne.
„Warum haben Sie nicht geläutet?“
Hildegard drehte sich nun zu ihrem unbekannten Gast und sah einen athletischen, schwarzgekleideten Mann. Sein Kopf steckte unter einer Skimaske und auf seinen Schultern lagen die Träger eines Rucksacks. Der Mann schob den Sessel samt Hildegard vom Fenster weg und packte die schmalen Handgelenke der alten Dame.
„Ich will keinen Muckser hören! Schweigen ist Gold! Schon mal gehört?“, zischte er, streifte den Rucksack ab und kniete sich vor den Kamin.
„Wenn Sie den Tresor öffnen wollen, brauchen Sie die Kombination. Es ist kein modernes Modell, aber äußerst robust. Mein Mann hat stets auf langlebige Qualität geachtet.“
Der Einbrecher schien überhört zu haben, was Hildegard gesagt hatte. Er entfernte die Verblendung der seitlichen Kaminwand, hinter der sich ein Geldschrank mit einem Vier-Scheiben-Schloss und einem mechanischen Schließzylinder befand. Aus dem Rucksack zog er einen schweren Hammer und einen Meißel.
„Junger Mann, Sie erleichtern sich die Sache und vermeiden unnötigen Lärm, wenn Sie die Kombination eingeben.“
Der Mann sah, wie die Frau vier zweistellige Zahlenkombinationen auf einen Notizzettel schrieb. Wortlos griff er nach dem Papier. Hildegard atmete flach und bemerkte erst jetzt, wie ihr Leib bebte. Natürlich war sie aufgeregt, aber noch immer hatte sie keine Angst. Wenn sie sich besonnen verhielt, würde ihr nichts geschehen. Der Mann machte einen vernünftigen Eindruck. Er war ein Räuber, aber ganz sicher kein Gewaltmensch. Kurz darauf sprang die Tresortür auf und der Mann entfaltete eine Sporttasche, die er seinem Rucksack entnahm.
„Sie können alles mitnehmen. Ich werde es nicht vermissen, bis auf eine Kleinigkeit …“
Hildegard versuchte vergeblich, Blickkontakt zu dem am Boden hockenden Eindringling herzustellen. „Hören Sie: In einer blauen Samtschatulle befindet sich eine antike Rolex. Sie hat meiner Mutter gehört. Es wäre sehr freundlich, wenn Sie mir diese Uhr lassen würden.“
Der Mann griff nach dem Behältnis, reichte es der alten Dame und widmete sich wieder dem Inhalt des Tresors. Hildegard öffnete wehmütig die Schatulle. Dieses Erinnerungsstück verband sie mit der unbeschwerten Zeit ihrer Kindheit und Jugend, in der in ihrem Elternhaus ausgiebig gelacht und herumgealbert wurde, man sich heftig stritt, um sich bald darauf wieder zu vertragen. Damals war alles ganz anders gewesen, als es später in ihrer stummen Ehe mit Josef werden sollte. Die goldene Rolex ihrer Mutter war der einzige Gegenstand in diesem schrecklichen Tresor, der für sie einen Wert darstellte. Ja, Hildegard fühlte sich sogar erleichtert, als sie den Mann dabei beobachtete, wie er sorgsam die Goldbarren und Schmuckkassetten in seine Sporttasche lud. Sie hatte aufgehört zu zittern und sah, wie ihre Katzen neugierig ins Zimmer schlichen.
Als der Mann seine Arbeit beendet hatte, richtete er sich auf. „Danke für die Kombination. Aber Sie können mir glauben, ich hätte es auch ohne Ihre Hilfe geschafft.“
„Ich glaube Ihnen. Sie werden mich vermutlich für verrückt halten, aber ich bin froh, dass ich den Tresor jetzt endlich entfernen lassen kann.“ Hildegard hob die Rolex in die Höhe und lächelte. „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Ein Andenken an die schönste Zeit in meinem Leben.“
Der Mann schob den Sessel wieder in die angestammte Position zurück. Er stellte sich hinter die hohe Rückenlehne und sah gemeinsam mit Hildegard aus dem Fenster.
„Sie haben von hier oben einen herrlichen Blick. Sie sind zu beneiden. Aber eines wollte sich noch loswerden: Ich mag keine Katzen.“
„In der Tat, die Aussicht ist wunderbar. Dass Sie keine Katzen mögen, tut mir leid. Haben Sie eine Allergie?“ Hildegard drehte den Kopf zur Seite und suchte den Blick des Einbrechers. „Ich wünsche Ihnen viel Glück mit dem Inhalt Ihrer Sporttasche. Seien Sie doch so nett und schließen Sie beim Hinausgehen die Tür. Meine Betty kommt erst spät nach Hause. Ich habe ihr heute Abend freigegeben.“
Als das letzte Wort gesprochen war, legte sich der Metalldraht einer Garrotte um Hildegards Hals. Der Mann zog die an zwei hölzernen Griffstücken befestigte Drahtschlinge mit einem harten Ruck zu. Das scharfe Metall fraß sich in die faltige Haut. Helles Blut sickerte aus dem zerschnittenen Fleisch. Die Luftröhre verengte sich, Hildegard Möller-Schwinnhof ruderte hilflos mit den Armen, griff sich an die Kehle. Sie röchelte. Sie grunzte. Endlich verstummte sie. Blut tropfte auf ihr beigefarbenes Sommerkleid. Ihre Augäpfel schienen aus den Augenhöhlen herausquellen zu wollen. Die noch eben gütige Mimik verzerrte sich zu einer Fratze. Dann war die alte Dame tot.
Unbeirrt von all dem war eine der Katzen auf Hildegards Schoß gesprungen und schnupperte an dem blutdurchtränkten Kleiderstoff. Für einen Moment trafen sich die Blicke der Katze und des Mannes, der das Würgeisen entspannte und nach seiner Pistole griff. Eine Kugel zertrümmerte das Katzenköpfchen und der leblose Korpus rutschte klatschend zu Boden. Der Mann sah sich um. Das zweite Kätzchen war gerade dabei, sich mit schnellen Trippelschritten in den Flur zu retten. Ein Geschoss vereitelte die Flucht. Das Tier kippte zuckend auf die Seite. Aus dem aufgerissenen Leib quollen matschige Gedärme.
2
William LaRouche bestaunte mit einer Mischung aus tatsächlichem Interesse und gelangweiltem Müßiggang den Sonnenschirm, unter den man seine Strandliege geschobenen hatte. Zum Lesen war es zu warm und zum Essen noch zu früh. Der Schirm war ausschließlich aus Materialien der Kokospalme hergestellt. Palmwedel waren kunstvoll über Speichen aus Stammholz geflochten, wurden von aneinandergeknoteten Kokosfasern zusammengehalten und bildeten so eine Art Naturbaldachin. Das Ganze ruhte auf einem lotrecht montierten Ständer, für den das geölte Holz aus dem Palmenstamm verwendet worden war. William sog über einen Strohhalm die süßlich-milchige Flüssigkeit aus einer aufgeschlagenen grünen Frucht dieses Universalbaumes und wunderte sich, dass das Kokoswasser auch nach fast einer Stunde noch kühl und erfrischend durch seine Kehle rann.
Außer ihm lagen nur wenige andere Touristen auf dem privaten Strandabschnitt des gemütlichen Boutique-Hotels am Bophut Beach auf der Ferieninsel Koh Samui.
William verrieb eine Portion Sonnencreme auf der Brust. Während der Sommermonate war es ihm gelungen, sein Gewicht um zehn Pfund zu reduzieren. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, regelmäßig im New Yorker Central Park zu joggen, und sich außerdem für die Wintersaison in einem Fitnessstudio angemeldet. Schließlich war es einem Friseur, einem wahren Meister seines Fachs, gelungen, Williams ausgedünnte, blondstruppige Mähne in einen manierlichen Kurzhaarschnitt zu verwandeln. Nur das Rauchen und seine geliebte Coca-Cola hatte er sich nicht abgewöhnen können und gegen seinen hellen Hauttyp war er naturgemäß machtlos.
Man konnte eben nicht alles haben, dachte er im Stillen, als er seine krebsroten Schultern noch einmal mit der Lotion bearbeitete. Dann streckte er sich behaglich auf der Liege aus. Der Duft von gegrilltem Fisch schwebte von einer rollenden Garküche zu ihm herüber. Er beobachtete, wie hinter der Brandung, dort, wo sich die Wellen auf den Kontakt mit dem Festland vorbereiteten, zwei Speedboote um die Wette jagten. Weiter draußen machte er ein paar Fischkutter aus, die ohne wahrnehmbare Positionsveränderung auf der spiegelnden See des Golfs von Thailand schaukelten.
Für den Nachmittag waren Gewitterschauer angekündigt. Von Osten schoben sich wie bestellt regenschwere Wolkenungetüme der Küste Koh Samuis entgegen. Urgewaltig würden die Wassermassen auf die Insel herabprasseln, einer leidenschaftlichen musikalischen Eruption gleich. Und wenn nach dem Konzert der Vorhang gefallen war, stand ganz sicher einem Abendessen unter freiem Himmel nichts im Weg. William überlegte: Gedämpfter Seebarsch mit Ingwer, Frühlingszwiebeln und Knoblauch? Ein gegrilltes Thunfischsteak oder rotes Hühnercurry mit Erdnüssen und scharfem Chili? Vielleicht auch alles zusammen? Bis zum Abend war es noch eine Weile und zu dieser Jahreszeit fand sich in jedem Restaurant ein freier Tisch.
William zog seine Sonnenbrille von der hohen Stirn vor die Augen und ließ sich seinen Körper von der salzig-schwülen Brise streicheln, die von der offenen See heranwehte. Er döste vor sich hin und genoss es, für eine wunderbare Woche dem Alltag seiner Agentur für private Ermittlungen entflohen zu sein. Die Geschäfte liefen gut, er konnte nicht klagen. Sogar den Umzug seines Büros von Hoboken, New Jersey, ins East Village von Manhattan hatte er gewagt und war damit nicht schlecht gefahren. Mittlerweile arbeiteten drei Detektive und eine Sekretärin für ihn. Die Zeit, als er für ein paar mickrige Dollar Tageshonorar untreuen Ehemännern hinterhergeschlichen war, gehörte der Vergangenheit an. Vor fast genau einem Jahr war er im Auftrag des amerikanischen Justizministeriums nach Thailand gereist, um dort einen international gesuchten Folterspezialisten aufzuspüren. Dieser Einsatz hatte, trotz des tragischen Finales, seinem Leben eine Wendung gegeben und ihn zu einem Geheimtipp für komplizierte Vermisstenfälle gemacht. Ein fröhliches Gekicher ganz in der Nähe beendete Williams Tagträumerei für den Moment. Blinzelnd beobachtete er das junge Paar, das ihm schon beim Frühstück aufgefallen war. Die beiden waren offensichtlich bis über beide Ohren ineinander verliebt und damit beschäftigt, sich wechselseitig zu necken.
William zog eine Lucky Strike aus der Packung, zündete sich die Zigarette an und dachte an Penelope. War das, was vor einem Jahr zwischen ihm und der amerikanischen Juristin in Bangkok geschehen war, tatsächlich Liebe gewesen? Oder war es vielmehr eine Affäre zweier einsamer Seelen, die zur rechten Zeit aufeinandergetroffen waren, um sich gegenseitig Halt zu geben? Zumindest war nicht das eingetreten, was sich vielleicht jeder der beiden insgeheim erhofft hatte. Als Williams Auftrag beendet war, hatte sich Penelope Owens wieder auf ihre Klienten der Bangkoker Niederlassung einer New Yorker Wirtschaftskanzlei konzentriert, und auch William war in sein altes Leben nach Amerika zurückgekehrt. Immerhin hatte er dort das Verhältnis zu seiner Mutter Doris geklärt, war seelisch wieder einigermaßen in der Spur und hatte sich auch beruflich erheblich verbessert. Nicht gerade wenig für einen vorzeitig aus dem Dienst geschiedenen FBI-Agenten, dessen Leben noch vor zwölf Monaten trostlos und ohne Perspektive gewesen war.
William griff nach seiner Brieftasche, die unter dem Badetuch versteckt lag, und zog eine Fotografie heraus. Er hob die Aufnahme in weitem Abstand vor die Augen. Er konnte sich noch lebendig an den Abend erinnern, an dem dieses Foto aufgenommen worden war. Penelope und er hatten in Bangkoks Chinatown ein paar Kleinigkeiten gegessen und stundenlang geredet. Dabei hatte er eine Zigarette nach der anderen geraucht und sie etliche Flaschen Bier getrunken. Es war jene Nacht gewesen, in der William seine fast fünfzehn Jahre jüngere Landsmännin mit thailändischen Wurzeln das erste Mal geküsst hatte. Penelopes Lachen, ihre Stirnfalten, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen hatte, der Duft ihres seidigen schwarzen Haars – das alles und noch viel mehr würde in Williams Erinnerung gegenwärtig bleiben. Aber es hätte zwischen ihnen nicht funktioniert. Für eine dauerhafte Beziehung waren sie sich einerseits zu ähnlich und andererseits zu verschieden. So lautete jedenfalls beim Abschied ihre einvernehmliche Analyse. Vielleicht war es aber auch die Unsicherheit, was geschehen würde, wenn man sich tatsächlich aufeinander einließ. Jedes Mal, wenn William das Foto betrachtete, spürte er von Neuem das Gefühlschaos, dem er damals vernünftigerweise entronnen war, indem er einen Ozean Abstand zwischen sich und Penelope gelegt hatte.
William sog den letzten Schluck aus der Kokosnuss. In Amerika ließ ihm seine Arbeit kaum Zeit für solch sentimentale Gedanken, was auch sein Gutes hatte. Auf jeden Fall war er mit Penelope in der kommenden Woche in Bangkok zu einem nostalgischen Abendessen verabredet. Anschließend würde er seinen Kurzurlaub in Thailand beenden und den Rückflug nach New York antreten. Seine Sekretärin hatte sicherheitshalber ein Flugticket ohne Umbuchungsmöglichkeit organisiert, schließlich warteten in Amerika interessante Aufträge. William zündete sich eine weitere Zigarette an und überlegte, ob Penelope sich über ein Souvenir von Koh Samui freuen würde.
3
Michael Kühnle stieg, wie an jedem Morgen, die Windungen der Silvanerstraße hinauf. Er passierte den Neubau der Winzergenossenschaft, legte am Aussichtspunkt unterhalb der Guldenburg eine erste Verschnaufpause ein und stieß einen schrillen Pfiff aus. Diabolo unterbrach daraufhin die Verfolgung einer aufgenommenen Fährte, hob den Kopf, stellte die Ohren auf und fand den Blick seines Herrchens. Dann trabte der Schäferhund den oberen Teil des Weges zurück.
„Sodele, do kumscht her un hogscht di hi.“
Die Kirchturmuhr von Sankt Michael zeigte kurz vor halb acht. Hund und Herrchen blickten einträchtig von der Anhöhe über das verschlafene Rebheim an der badischen Weinstraße. Die beiden schienen die sonntägliche Ruhe zu genießen.
„Was wolle mir denn heut Middach Feines esse? Mir hädde do noch zwee Brotwörscht un Kadoffelpannekuche“, schlug der alleinstehende Kühnle vor, als sie wenig später die Abkürzung zum Madonnenberg hinaufkletterten. Diabolo war folgsam bei Fuß geblieben und warf seinem Herrchen immer wieder einen kurzen Seitenblick zu.
„Alla hopp, dann spring mol widda!“
Michael Kühnle war viele Jahrzehnte Hauptmeister der Schutzpolizei gewesen. Als ihm nach etlichen Bandscheibenvorfällen ein Teil seines Rückgrats versteift wurde, hatte man ihm bis zu seiner Pensionierung die Leitung der Heidelberger Polizeihundestaffel übertragen. Diabolo, der sich im besten Hundealter befand, hatte ihn schließlich in den Ruhestand begleiten dürfen und Kühnle wollte den Tatendrang seines ehemaligen Diensthundes nicht durch seine eigene eingeschränkte Beweglichkeit lähmen. Und so überquerten die beiden Frühaufsteher in unterschiedlichem Tempo die mit Morgentau bedeckten Streuobstwiesen und erreichten den Höhenweg des Madonnenbergs. Ihr Ziel waren die Weingärten der südöstlichen Hanglage, über die bereits die Strahlen der aufgehenden Sonne strichen. Kühnle liebte die Jahreszeit, wenn der Sommer sich verabschiedete und der Herbst heranschlich. In wenigen Tagen würde die Hauptlese des Spätburgunders beginnen. Je näher sie den Weingärten kamen, desto deutlicher stieg ihm der fruchtig-säuerliche Duft der violettblauen Trauben in die Nase. Auch Diabolo hob die Nase und verharrte einen Moment. Dann sah Kühnle seinen Hund in einer Rebzeile verschwinden. Ein heller Pfiff durchschnitt die Stille. Ein weiterer folgte.
„Diabolo!“
Kühnle war es gewohnt, dass sein Hund, seit dieser keine dienstlichen Pflichten mehr zu erfüllen hatte, seine Freiheiten durchaus eigenwillig nutzte. Was den gutmütigen Pensionär üblicherweise nicht weiter besorgte, war mit Beginn der Weinlese eine andere Sache. Wenn sich in den Weingärten Vogelschwärme und andere Erntediebe über die Trauben hermachten, wurde der eine oder andere Winzer schon nervös. Da wurde nicht lange gefackelt und gelegentlich sogar scharf geschossen.
„Diabolo! Kumsch jetzt odder kumsch net?“
Endlich hatte auch Kühnle die steil ansteigende Rebzeile erreicht, in die sein Hund gewitscht war. Als er sich an Diabolo herangearbeitet hatte, sah er dessen Hinterteil hin und her schwingen und Hinterläufe, die sich in den feuchten Erdboden gruben. Diabolo schien in der nicht einsehbaren benachbarten Rebreihe mit etwas beschäftigt zu sein, das seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit beanspruchte. Kühnle schob das Blattwerk der Reben beiseite. Ein Schreck durchfuhr den ehemaligen Polizisten. Sein Blick fiel auf einen unbekleideten menschlichen Körper. Kühnle hatte in seinem Leben schon so manchen Toten gesehen, aber noch niemals zuvor in ein derartig entstelltes Gesicht geschaut. Tief klaffende Schnitte zogen sich von den Ohren und dem Kinn über die Nasenwurzel bis hinauf zum Haaransatz. Geronnenes Blut hatte das Antlitz in eine dunkelrote Krater- und Krustenlandschaft verwandelt, die teilweise noch von Raureif überzogen war und jede Menschenähnlichkeit verloren hatte. Das Schlimmste waren jedoch die Augenhöhlen. Man hatte dem Toten die Augäpfel herausgerissen und die Reste faseriger Nervenverbindungen und Muskelstränge hingen gespenstig aus den leeren Schädelöffnungen heraus.
Kühnle schaute sich um. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Natürlich wusste er, wie ärgerlich es für die Kollegen der Kriminalpolizei war, wenn am Fundort einer Leiche die Aktivitäten der Entdecker möglicherweise aufschlussreiche ältere Spuren verwischten. Trotzdem konnte er seiner professionellen Neugier nicht widerstehen. Der Boden des Weinberges war rutschig und steil. Michael Kühnle suchte Halt an einem der Drahtspaliere, an denen die Rebtriebe aufgeheftet waren, und sah noch einmal durch das Blattgewirr. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Der schlanke, mittelgroße nackte Körper lag auf dem Rücken. Kühnle sah schmale Schultern und eine unbehaarte Brust. Als sein Blick hinab zum Geschlecht der männlichen Leiche wanderte, verspürte er einen Brechreiz. Der Penis fehlte. Nur ein blutverkrusteter Stumpf war übrig geblieben. Hatte man den Mann hier im Weinberg abgeschlachtet? War er möglicherweise bei lebendigem Leib verblutet? Kühnle wendete sich ab, zog das Mobiltelefon aus der Jacke und wählte die Nummer der Polizei.
4
William hatte sich für ein Restaurant am Jachthafen entschieden und gegrillte Riesengambas und Tom-Kha-Gai, eine mild-scharfe Kokossuppe mit Hühnerfleischeinlage, bestellt, als sein Mobiltelefon vibrierte. Er erkannte die Nummer von Penelopes Büro in Bangkok. Es war acht Uhr abends und eine Dreimannkapelle spielte den Uraltschlager „Dancing in the Dark“, wobei der schwergewichtige thailändische Sänger die Stimme Frank Sinatras verblüffend originalgetreu imitierte. William stöpselte die Ohrhörer ein und zog sich an die Bar zurück, wo der Geräuschpegel ein wenig geringer zu sein schien.
„Hallo, Penelope. Kannst du mich hören …?“
„Ja. Ich höre dich. Und ich höre Frank Sinatra. Amüsierst du dich gut?“
„Kann nicht klagen! Prima Wetter. Gutes Essen. Eiskalte Cola und ein dicker, brauner Frankie Boy singt Songs aus der Heimat.“ William versuchte seine Freude über Penelopes Anruf einigermaßen zu verbergen. „Wir sehen uns doch nächste Woche?“
„Klar! Der Termin steht. Aber ich muss vorher mit dir reden. Es ist dringend.“
Penelope wirkte konzentriert und geschäftsmäßig. William erinnerte sich, dass die Juristin gerne Beruf und Freizeit auseinanderhielt.
„In Ordnung. Ich hoffe, es stört unser Gespräch nicht zu sehr, wenn der Koh-Samui-Frankie inzwischen weitersingt. Also: Ich höre!“
„William, ich freue mich echt auf unser Wiedersehen in ein paar Tagen. Entschuldige bitte, dass ich dich in deinem Urlaub belästige, aber einer unserer Klienten hat ein Problem. Ich möchte dich um etwas bitten.“
„Mach’s nicht so spannend. Wie kann ich helfen?“
William war in entspannter Urlaubsstimmung, auf ihn wartete ein leckeres Abendessen, der Rückflug nach New York war gebucht und sein Hilfsangebot leichtfertig dahingesagt. Egal, dachte er bei sich, wenn Penelopes Anliegen eine telefonische Beratung überschritt, konnte er sich immer noch mit seinen Verpflichtungen in Amerika entschuldigen.
„William, du hast mir erzählt, dass du einigermaßen deutsch sprichst. Deine Mutter stammt doch aus Deutschland. War es nicht so?“ William entsann sich, dass er etwas in dieser Art erwähnt hatte, als sie sich in langen nächtlichen Gesprächen ihre Vergangenheit erzählt hatten.
„Ich spreche eigentlich nur mit meiner Mutter deutsch“, schränkte William ein, „aber ich denke, ich komme dabei ganz gut zurecht.“
„Das hört sich prima an“, lobte Penelope.
„Gibt es etwas zu übersetzen oder sucht einer deiner reichen Klienten einen Reiseführer für einen Trip nach good old Germany?“
„Mein Klient sucht seine Tochter. Sie studiert in Deutschland. In Heidelberg. Deine Mutter kommt doch aus Heidelberg, wenn ich nicht alles durcheinandergebracht habe?“
William musste schmunzeln. Nur Penelopes äußere Erscheinung war asiatisch. Ihre amerikanischen Adoptiveltern hatten sie als Säugling aus einem thailändischen Waisenheim adoptiert. Sie war in Washington aufgewachsen und vom Scheitel bis zur Sohle Amerikanerin. Er hatte ihr tatsächlich erzählt, dass seine Mutter aus Heidelberg stammte. Welcher Amerikaner kannte schon das verschlafene Rebheim am Rande des südlichen Odenwaldes, in dem sie wirklich aufgewachsen war.
„Es war doch Heidelberg? Nicht wahr? William, bist du noch am Apparat?“
Penelope hatte aus dem deutschen Heidelberg ein amerikanisches Haidelbörg gemacht, was William an seinen Vater erinnerte, der diesen Namen ebenso ausgesprochen hatte. „Heidelberg. Es heißt Heidelberg“, William betonte dabei das „e“ in der letzten Silbe.
„Okay. Haidelbörg“, wiederholte Penelope und begann das Problem ihres Klienten zu erläutern. William hörte zu, sein Interesse an Penelopes Ausführungen hielt sich jedoch in Grenzen. Er war vielmehr überrascht, was die mehrmalige Erwähnung von Heidelberg, einem Ort, den er noch nie besucht und von dem er keine rechte Vorstellung hatte, in ihm auslöste. Vor seinem inneren Auge tauchte unvermittelt seine Mutter auf. Doris LaRouche, geborene Klingenberger aus Rebheim bei Heidelberg, schien sich in den Momenten, in denen Penelopes Worte an ihm vorbeirauschten, in seinem Coca-Cola-Glas zu spiegeln. Er riss sich von diesem Bild los und hörte, dass Penelopes Klient seine Tochter zu einem Studienaufenthalt nach Heidelberg geschickt hatte. Bereits seit Tagen versuchte der Vater nun vergeblich seine Tochter zu erreichen. Da der Mann ausländischen Behörden grundsätzlich misstraute und zudem Zweifel an der Effizienz der deutschen Polizei in sich trug, hatte er sich an Penelope, die Niederlassungsleiterin der Goldstein-&-Schulman-Kanzlei in Bangkok, gewendet.
„Ich glaube, das ist keine große Sache. Das Mädchen ist Mitte zwanzig. Vermutlich genießt sie noch einmal in vollen Zügen ihre Freiheit, weit weg vom strengen Vater und mit großem Abstand zu den Aufgaben, die sie bei ihrer Rückkehr nach Bangkok erwarten. Mein Klient ist sehr einflussreich. Vermutlich würde in einer ähnlichen Situation in Thailand ein Anruf von ihm genügen, und die Royal Thai Police würde alles stehen und liegen lassen und sich mit Mann und Maus auf die Suche nach seiner Tochter konzentrieren“, mutmaßte Penelope. „Also, wenn du Lust auf einen gut bezahlten Abstecher in die alte Heimat deiner Mom hast …“
„Was sind das für Aufgaben, die auf das Mädchen in Bangkok warten? Wo ist der Haken an der Sache?“ In Williams Gehirnwindungen trieben erneut die drei Silben Hei-del-berg ihr Unwesen.
„Du fragst nach dem Haken? In der Tat gibt es da so etwas wie einen Haken: Mein Klient ist bereits Mitte achtzig und wenn er einmal nicht mehr lebt, wird seine Tochter das reichste Mädchen Thailands sein. Der Vater hat Sorge, dass seinem Kind etwas zugestoßen sein könnte. Der Mann ist mächtig. Natürlich hat er nicht nur Freunde. Es gibt Konkurrenten, die ihm das Leben schwer machen wollen.“
William blieb schweigsam. Vielleicht ein wenig zu lange.
„Hallo? William, bist du noch da?“
„Ja, ich bin noch da.“
Er nickte der netten Kellnerin zu, die ihm mit Gesten verständlich machte, dass sie sein Essen in der Küche warmgestellt hatte. „Ehrlich gesagt passt ein solcher Auftrag überhaupt nicht in mein Programm. Ich bin Anfang kommender Woche wieder in New York und habe dort einiges zu tun. Andererseits …“, William zögerte, „Deutschland, Heidelberg … das hört sich interessant an. Gib mir eine Nacht zum Überlegen. Ich melde mich morgen Vormittag bei dir.“
5
Claudia Bächle-Malvert, die Leiterin des Dezernats für Kapitaldelikte, und ihr Stellvertreter Malte Brettschneider waren aus Heidelberg, dem ausgelagerten Standort ihrer Abteilung, im Mannheimer Polizeipräsidium erschienen und betraten einen Konferenzraum, in dem noch die feuchtklamme Luft der vergangenen Nacht hing. Obwohl es tagsüber noch überwiegend freundlich und sonnig war, wurde es in den Nächten schon empfindlich kühl und der erste Nachtfrost schien nicht mehr fern.
Die Kriminalrätin zögerte, ihren Mantel und die Mütze abzulegen. Der Hausmeister hatte erst vor wenigen Minuten die angekippten Fenster geschlossen und die Heizkörper aufgedreht. Immerhin standen schon zwei Thermoskannen Kaffee, Pappbecher und mehrere Schalen mit Gebäck auf dem Besprechungstisch. Auch die Pressemappen lagen in ausreichender Menge bereit. Claudia schenkte sich einen Kaffee ein, der tiefschwarz dampfte und nur kleine Schlucke zuließ. Dann erst schälte sie sich aus ihrem Loden- und Strick-Outfit und ihre üppigen weiblichen Rundungen kamen deutlicher zum Vorschein.
„Scheißherbst. Tut meinem Bein gar nicht gut“, beschwerte sie sich, fuhr sich mit den Fingern durch ihre brünette Kurzhaarfrisur und frischte mit einem Fettstift den Schutz ihrer zu dieser Jahreszeit stets zu trockenen Lippen auf.
„Es ist bald Winter, dann geht’s dir wieder besser“, versuchte Malte seine Chefin aufzumuntern. In Kürze war die traditionelle Statistik-Pressekonferenz angesetzt, auf der die Anzahl der unterschiedlichen Delikte und Verbrechen des Vorjahres sowie deren Aufklärungsquoten der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Auch wenn noch kein einziger Journalist erschienen war, hörte Claudia schon jetzt die süffisanten Fragen, weshalb die Ergebnisse für den mittlerweile weit zurückliegenden Berichtszeitraum mit einer derartigen Verspätung bekannt gegeben wurden. Sollte sie das übliche Lamento der Überlastung des öffentlichen Dienstes anstimmen, was diesmal in der Tat mehr als berechtigt war? Mitarbeiter sämtlicher Polizeidienststellen waren seit Monaten in die Registrierung der Flüchtlingsströme aus dem mittleren Osten und aus Afrika eingebunden. Zehntausende von Überstunden hatten sich aufgetürmt. Zunehmend meldeten sich Kollegen wegen Erschöpfung dienstunfähig, selbst Polizeidirektor Kachelmann hatte es erwischt. Mit kaum hörbarer Stimme hatte der Behördenchef Claudia zu nachtschlafender Zeit mitgeteilt, dass er selbst unmöglich die Pressekonferenz leiten könne und sie sich, in ihrer Funktion als seine zweite Stellvertreterin, stattdessen mit den Medienvertretern herumschlagen dürfe.
Claudia fühlte sich ausgelaugt. Sie plagten Phantomschmerzen, gegen die es kaum wirksame Medikamente gab, und die Prothese hatte ihren Unterschenkelstumpf wundgescheuert. An ihrem ursprünglich freien Wochenende war sie am Sonntagmorgen in den kleinen Ort Rebheim geeilt, wo eine Leiche gefunden worden war. Es war das erste vollendete Kapitalverbrechen des laufenden Jahres im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Mannheim. Die Spurensicherung vor Ort, die Zusammenstellung einer Sonderkommision, die Auswertung der ersten Erkenntnisse und die Kontaktaufnahme zur Gerichtsmedizin – das alles hatte sich bis weit in die Nacht zum Montag hingezogen und nur drei unruhige Stunden Schlaf ermöglicht.
„Wir gehen folgendermaßen vor.“ Claudia wandte sich müde an ihren Kollegen. „Du erläuterst die Statistik der Kapitalverbrechen. Hier gibt es immerhin Erfreuliches zu vermelden. Bei den Wohnungseinbrüchen, den Verkehrsdelikten und den Sexualstraftaten fassen wir uns kurz und verweisen auf die Pressemappe. Bei Detailfragen sollen sich die Herrschaften an Kachelmanns Büro wenden. Ich denke, in einer halben Stunde haben wir die Meute wieder aus dem Saal.“
„Was ist, wenn der Rebheimer Mord ein Thema wird?“ Malte hatte am Sonntag den Pokalsieg der Fußballmannschaft seines Sohnes gefeiert und war erst in den Abendstunden zur Sonderkommission, der man den Namen „SK Madonnenberg“ gegeben hatte, gestoßen.
„Du meine Güte! Die Leiche wurde doch gerade erst entdeckt. Da gibt’s noch nichts zu berichten.“
„Die Meldung kam heute früh schon im Radio. Der Moderator hat’s dramatisch gemacht: ‚Bestialischer Mord im Weinberg.‘“
„Woher wissen die, dass es ein Mord und der Tatort ein Weinberg war?“, fragte Claudia verärgert. „Sei’s drum! Sie haben erfahren, dass es eine Leiche gibt, und spekulieren nun herum, obwohl sie keine Ahnung haben. Wenn’s denn sein muss! Du hältst dich in dieser Sache zurück und lässt mich reden.“
Claudia wollte eigentlich noch anfügen, dass sie gerade heute große Lust verspürte, den Medienleuten einmal ihre Meinung zu deren vorschnellen und unverantwortlichen Vermutungen vorzutragen, als sich die Tür öffnete und ein Polizeibeamter in Uniform eintrat.
„Kriminalrätin Bächle-Malvert? Entschuldigen Sie meine Verspätung. Mein Name ist Klingenberger. Sie hatten mich für acht Uhr bestellt.“
„Ah, Sie sind also Polizeimeister Klingenberger, der Leiter des Polizeipostens von Rebheim. Guten Morgen.“
„Kommissarischer Leiter, Frau Kriminalrätin. Ich habe die Leitung des Postens bis auf Weiteres vertretungsweise übernommen. Eine Entscheidung über die Nachfolge von Polizeihauptmeister Lorenz ist noch nicht gefallen“, korrigierte der Beamte. Claudia reichte ihm die Hand und musterte den jungen Polizisten.
„Wie alt sind Sie?“
„Sechsundzwanzig.“
„Herr Klingenberger, Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet. Die Absperrung des Tatortes und das Protokoll der Aussage des ehemaligen Kollegen Kühnle, der die Leiche entdeckt hat, waren vorbildlich“, lobte Claudia und fuhr fort: „Ich möchte Sie bitten, dass Sie an der Pressekonferenz teilnehmen. Es könnte sein, dass die Rebheimer Leiche schon jetzt ein Thema für die Medien ist. Vielleicht ist es nötig, mit ein paar objektiven Information den wilden Spekulationen …“
„Es kam heute früh schon im Radio“, unterbrach Klingenberger. „Ich verstehe nicht, warum die Medien nicht begreifen, dass sie mit dieser Art der Berichterstattung die Arbeit der Polizei nicht einfacher machen.“
„Da haben Sie verdammt noch mal recht“, stimmte Claudia zu und setzte zu einem schrägen Vergleich an: „Diese Pressegeier stürzen sich auf jedes ungelegte Ei, in dem sie eine Sensation vermuten.“
„Eine Leiche ist schon ein wenig mehr als ein ungelegtes Ei“, korrigierte Malte seine Chefin, als endlich die ersten Journalisten mit zehn Minuten Verspätung den Raum betraten.
„Meine Dame, meine Herren. Bitte nehmen Sie Platz und bedienen Sie sich. Das Polizeipräsidium scheut keine Kosten und Mühen und spendiert Ihnen zur Feier des Tages echten Bohnenkaffee und Selbstgebackenes“, begrüßte Claudia ihre Gäste, unter denen sie nur ein weibliches Wesen entdeckte. Die junge Frau mit neugierigen Augen und blonden Zöpfen wurde von einem Mann etwa gleichen Alters begleitet, der eine Kamera auf der Schulter trug. Claudia war überrascht. Das erste Mal seit Einführung der öffentlichen Bekanntgabe der Kriminalstatistik beehrte eine Abordnung des privaten Fernsehsenders Badenia-TV die Veranstaltung.
Als alle ihre Plätze gefunden hatten und die Pressemappen verteilt waren, begann Hauptkommissar Malte Brettschneider mit seinem Vortrag. In einer monotonen, einschläfernden Stimmlage verwies er auf den erfreulichen Rückgang der Gewaltkriminalität und hob die beruhigende Entwicklung im Bereich der Kapitalverbrechen hervor. Im Vorjahr hatte es in den Landkreisen zwischen Rhein und Neckar und in den Großstädten Mannheim und Heidelberg, einem Gebiet in dem immerhin eine Million Menschen beheimatet waren, lediglich zwei vollendete Tötungsdelikte und fünf Fälle von versuchtem Mord gegeben. Die Aufklärungsquote betrug einhundert Prozent. Die Täter saßen bereits hinter Schloss und Riegel.
„Die Bürger der Rhein-Neckar-Region können sich sicher fühlen und stolz auf ihre Polizei sein.“ Malte beendete seinen Vortrag und blickte zufrieden in den Kreis der Zuhörer. Statt eines dankbaren Beifalls erntete er eher gelangweilte Blicke. In Claudia keimte der Verdacht, dass es nicht der Pulverkaffee und die Discounter-Kekse, sondern ein ganz anderes Interesse war, das die erstaunlich umfangreiche Herde ins Polizeipräsidium getrieben hatte.
„Meine verehrten Vertreter der regionalen Medien. Sollten Ihnen die Ergebnisse unserer erfolgreichen Polizeiarbeit zu öde und zu wenig schlagzeilenträchtig erscheinen, könnten Sie Ihre Kundschaft möglicherweise durch Vergleichswerte ein wenig aufmuntern: Im ähnlich großen Stuttgarter Raum wurden im selben Zeitraum dreiundzwanzig Morde und Tötungsversuche verübt.“ Endlich kratzten die ersten Stifte über die Notizblöcke und die Kriminalrätin legte nach: „Und wem das nicht genügt, dem empfehle ich, bei jeweils vergleichbaren Einwohnerzahlen, die Partymetropole Kingston auf Jamaika, hier fielen fast fünfhundert Menschen einem vollendeten Kapitalverbrechen zum Opfer. Oder wie wär’s mit dem Urlaubsparadies Acapulco mit eintausendneunundzwanzig Mordfällen, im Durchschnitt fast drei an jedem gottverdammten Tag eines Jahres. Das sind doch wahre Paradiese für Sensationsreporter. Kein Mensch hindert Sie daran, sich dorthin versetzen zu lassen.“
Kaum war die zynische Zahlenparade verklungen, meldete sich die blonde Mitarbeiterin von Badenia-TV zu Wort und ihr Begleiter schaltete seine Kamera ein. „Frau Kriminalrätin, der Vortrag über die bemerkenswerte Arbeit unserer Polizei war nett, handelt aber von längst Vergangenem. Was zählt, ist die Gegenwart.“ Ein kühles Lächeln traf Claudia.
„Was können Sie uns über den Mord auf dem Rebheimer Madonnenberg berichten? Ist es wahr, dass der Mann asiatischer Herkunft ist? Handelt es sich womöglich um einen asylsuchenden Flüchtling? Was folgern Sie aus der Tatsache, dass die Leiche splitternackt aufgefunden wurde? Könnte das Verbrechen einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben?“
Claudia schwante Unerfreuliches. Ganz bestimmt würde der mysteriöse Leichenfund schon sehr bald auch die Bluthunde überregionaler Medien anlocken. Das provozierende Auftreten der Badenia-TV-Reporterin war ein Vorgeschmack auf das Kommende. Claudias Blick traf Polizeimeister Klingenberger, der die Pressekonferenz bis hierher konzentriert verfolgt hatte. Seine Uniform saß perfekt, immer wieder ließ er seine weißen Zahnreihen aufblitzen und trotz seiner Zurückhaltung umgab ihn eine charmante Selbstsicherheit. Alles in allem wirkte der junge Schutzpolizist eher wie ein medienerprobter, gut erzogener Fußballprofi, der jede noch so aufdringliche oder dämliche Journalistenfrage souverän wegzulächeln vermochte. Vielleicht wäre es kein schlechter Schachzug, Klingenberger, der zudem ein guter Polizist zu sein schien, vorübergehend als eine Art Pressesprecher der Sonderkommision Madonnenberg zu verwenden. Claudia war aufgefallen, wie nicht nur die forsche Fernsehreporterin den telegenen Kollegen wohlwollend taxiert hatte.
„Sie haben Glück, dass ich heute in guter Laune bin“, begann Claudia mürrisch. Sie wusste, wie unvorteilhaft ihr Äußeres auf Fotos oder in bewegten Bildern wirken konnte, und gab sich erst gar keine Mühe, freundlich zu erscheinen. „Wenn Sie keine Fragen zum Vortrag von Hauptkommissar Brettschneider haben, gebe ich Ihnen ein erstes Statement zum Stand der Ermittlungen im Zusammenhang mit dem erwähnten Leichenfund. Nach meiner Erklärung ist die Pressekonferenz beendet. Sie gehen dann zum Frühstück in Ihre Redaktionen und wir können uns endlich wieder der Aufklärung von Verbrechen zuwenden.“
Ein aufgeregtes Murmeln ging durch die Reihen. Die schreibenden Journalisten setzten die Sprachaufnahmefunktion ihrer Mobiltelefone in Gang. Der Kameramann nahm Claudia Bächle-Malvert ins Visier, die grimmig ins Objektiv starrte und das Wenige wiederholte, was sich unter den Journalisten sowieso schon wie ein Lauffeuer verbreitet hatte.
6
„Bitte folgen Sie mir!“
Arusa Pisuphans Privatsekretär öffnete die zweiflügelige Tür zu einem großzügigen Empfangszimmer. „Direktor Pisuphan wird Ihnen in wenigen Minuten zur Verfügung stehen. Nehmen Sie bitte Platz. Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
„Danke. Im Moment nicht.“
„Wie Sie wünschen.“ Der Sekretär verbeugte sich und verließ nahezu geräuschlos den Raum.
William blickte sich um. Der Salon war mit antikem chinesischen Mobiliar eingerichtet. Das meiste davon stammte aus der späten Qing-Dynastie des 19. Jahrhunderts. William kannte sich ein wenig aus, er hatte während seiner Zeit als FBI-Agent hier in Bangkok selbst einige Antiquitäten erworben. Die Wände zierten kostbare Seidentapeten. Schwere dunkelrote Samtvorhänge verhinderten den Einfall von Tageslicht und dämpften zugleich die hektischen Geräusche der Außenwelt. Der hohe Raum wurde angenehm von indirektem Licht beleuchtet. Einzelne Punktstrahler hoben wertvolle Porzellanvasen und Rollbilder mit Darstellungen aus der Zeit des kaiserlichen Chinas hervor.
Penelope hatte erwähnt, dass Arusa Pisuphan der chinesischen Minderheit Thailands angehörte, die sich trotz erfolgreicher Assimilierung überwiegend den Werten und Traditionen des Konfuzianismus verpflichtet fühlte. Wie die meisten Thai-Chinesen hatte Pisuphan seinen ursprünglichen chinesischen Familiennamen abgelegt und stattdessen einen thailändischen angenommen. Nachdem William eine Weile herumgewandert war und die Einrichtung bewundert hatte, setzte er sich in einen der Sessel aus schwarz gefärbtem Birnbaumholz, die sich um einen halbhohen Lacktisch mit Perlmuttintarsien gruppierten.
Die Klimaanlage summte dezent und William entdeckte zwei unscheinbare Überwachungskameras, die jeden Winkel des Raumes erfassten. Ließ ihn sein Gesprächspartner womöglich absichtlich warten und dabei beobachten? Offenbar war die Sache doch nicht so eilig, wie Penelope es ihm in ihrem letzten Telefonat weiszumachen versucht hatte.
William hatte seinen Erholungsurlaub auf Koh Samui zwei Tage früher als geplant beendet und war nach Bangkok geeilt, wo ihn Penelope am Flughafen in Empfang nahm. Nach einer zunächst warmherzigen Begrüßung konnte die vielbeschäftigte Juristin nur schlecht verbergen, wie sehr sie unter Zeitdruck stand. Als sie Williams Ernüchterung spürte, verschob sie kurzerhand den Nachfolgetermin und lud ihn zu einem Kaffee ein, bei dem sich ihre Angespanntheit nur unwesentlich verlor. Obwohl Penelopes Lächeln, wie damals vor einem Jahr, immer wieder aufblitzte und sie sich mehrmals auf die gewohnte vertraute Weise berührten, empfand William eine Distanz, die ihn auf schmerzliche Weise erkennen ließ, dass der Zauber ihrer Beziehung verflogen war. Während Penelope im Telegrammstil noch einmal die wichtigsten Informationen zum Auftragsangebot ihres Klienten vortrug, nippte William an seinem Getränk und hing ganz anderen Gedanken nach. War es eigentlich zwangsläufig, dass selbst einer von ganzem Herzen empfundenen Seelenverwandtschaft eine Art Verfallsdatum innewohnte, das umso näher rückte, je kleiner die Schnittmenge des gemeinsam erlebten Alltags wurde?
William riss sich von seinen Grübeleien los. Er hatte Penelope versprochen, dass er sich das Anliegen ihres Klienten anhören würde, und sein Blick streifte noch einmal durch den Salon. Eine solche Pracht hatte er nicht erwartet, als er im Gassengewirr von Bangkoks Chinatown schließlich die angegebene Adresse, einen grauen, unansehnlichen Betonklotz, an dessen Fassade deutliche Spuren der Verwitterung erkennbar waren, gefunden hatte. Endlich öffnete sich die Tür.
„Guten Tag, Mr. LaRouche. Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Hat man Ihnen eine Erfrischung angeboten?“
„Guten Tag, Khun Arusa“, grüßte William zurück und verwendete dabei die in Thailand gebräuchliche Formel der Anrede, bei der die Bezeichnung Herr mit dem Vornamen des Angesprochenen kombiniert wird. „Ja, vielen Dank. Im Augenblick möchte ich wirklich nichts.“
William hatte sich erhoben und hielt dem Gastgeber, wie in Asien üblich, mit beiden Händen seine Visitenkarte entgegen. Pisuphan wirkte deutlich jünger, als es das von Penelope erwähnte Alter von Mitte achtzig vermuten ließ. Das dichte, pechschwarze Haupthaar zeigte keinerlei Alterungserscheinungen, die Gesichtshaut erschien straff und weitgehend faltenfrei. Lediglich ein paar dunkelbraune Hautverfärbungen auf den Handrücken verwiesen auf ein fortgeschrittenes Lebensalter. Pisuphan war von zierlicher Statur, einen guten Kopf kleiner als William und strahlte eine ungebrochene Lebenskraft aus. Das Auffälligste an ihm war jedoch sein Clark-Gable-Bärtchen mit dem eleganten Abschwung an den äußeren Enden und dem akkurat rasierten Abstand zur Oberlippe. Einerseits schien dieses Bartdesign ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein, andererseits verstärkte es, im Einklang mit dem klassisch geschnittenen dreiteiligen Anzug samt Einstecktuch, die Seriosität des Gastgebers.
„Mr. LaRouche, nehmen wir Platz.“ Pisuphan studierte Williams Visitenkarte. „Wie ich sehe, befindet sich Ihr amerikanisches Büro in Manhattan. Sehr schön. Mrs. Owens hat Sie empfohlen und Ihre Erfahrung erwähnt. Sie sind bereits mit der Situation vertraut?“
„Nicht im Detail. Mrs. Owens hat angedeutet, dass Sie sich Sorgen um Ihre Tochter Suwannee machen, mit der Sie seit geraumer Zeit keine persönliche Verbindung mehr hatten.“
„So ist es.“
„Wann hatten Sie die den letzten Kontakt mit Ihrer Tochter?“
„Vor exakt fünf Tagen.“
Pisuphan reichte William ein eng bedrucktes Blatt. „Hier finden Sie sämtliche Telefongespräche, die meine Tochter und ich in den letzten Wochen geführt haben. Wir haben mindestens einmal täglich telefoniert. Ich lege Wert auf diese Regelmäßigkeit und Suwannee ist in diesen Dingen sehr zuverlässig.“
„Welchen Charakter hat Ihre Tochter? Wo liegen ihre Schwächen? Wer sind ihre Freunde? Hat sie eine feste Beziehung? Wenn ich Ihren Auftrag annehme, brauche ich eine detaillierte Beschreibung der Gewohnheiten und Vorlieben Suwannees. Lassen Sie dabei nichts außer Acht, auch wenn es Ihnen nicht wichtig erscheint oder unangenehm sein sollte.“ William hatte noch längst nicht entschieden, ob er Pisuphans Angebot annehmen wollte. Bis ein derartiges Persönlichkeitsprofil vorlag, blieb ihm sicher genügend Bedenkzeit, um zu überlegen, wie er eine solche Recherche mit seinen New Yorker Verpflichtungen unter einen Hut bringen konnte.
„Wir haben bereits alles für Sie zusammengestellt.“ Pisuphan überreichte William eine Mappe. „Sie finden hier auch eine Sammlung von Fotografien. Suwannee verändert von Zeit zu Zeit gerne ihr Äußeres. Sie wissen ja, wie junge Mädchen heute so sind …“
Überrascht nahm William die Unterlagen entgegen und registrierte dabei ein ungeduldiges Flackern in Pisuphans Blick. „Sie möchten keine Zeit verlieren. Warum ist Ihre Tochter in Deutschland?“
„Sicher hat Ihnen Mrs. Owens verraten, dass Suwannee mein einziges Kind ist. Meine ersten beiden Ehen verliefen nicht sonderlich erfolgreich. Erst mit meiner dritten Frau Constanze, eine Österreicherin aus Wien, hatte ich das Glück, Vater zu werden. Leider ist sie vor ein paar Jahren von uns gegangen. Zu ihren Lebzeiten hat Constanze stets Wert darauf gelegt, dass unsere Tochter auch ihre deutsche Muttersprache beherrscht und die europäische Kultur kennen und verstehen lernt.“
„Mrs. Owens berichtete mir, dass Suwannee in Heidelberg studiert.“
„Das ist richtig. Der Aufenthalt in angenehmer akademischer Umgebung soll ihr Gelegenheit geben, ihre ein wenig eingerosteten Deutschkenntnisse aufzufrischen. Sie hat in Amerika Jura und Betriebswissenschaft studiert und bereits abgeschlossen.“
William musterte Pisuphan, dessen anfängliche Bedrücktheit nun einer gefassten, geschäftlichen Ausstrahlung gewichen war.
„Was ist, wenn Suwannee sich eine Auszeit genommen hat, deren Gestaltung sich nicht unbedingt mit den Vorstellungen ihres Vaters deckt? Sie wissen, was ich meine …?“
„Mr. LaRouche, ich verstehe genau, auf was Sie anspielen. Natürlich soll sich Suwannee in Deutschland amüsieren. O ja! Ich kenne das Mädchen! Sie wird ihren Spaß haben. Aber Sie können sicher sein, dass sich meine Tochter an die Regeln hält, die in unserer Familie gelten.“
William schaute kurz auf. Hatte Pisuphan seinen skeptischen Blick bemerkt?
„Sie müssen wissen, dass Suwannee und ich aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Wenn meine Tochter, aus welchen Gründen auch immer, eine Zeitlang auf unsere täglichen Kontakte hätte verzichten wollen, würde ich es wissen“, fügte Pisuphan mit einer Intonation an, die jeden Zweifel an seiner Aussage im Keim erstickte.
„Sie glauben also, dass Suwannee etwas zugestoßen ist?“
„Welche andere Möglichkeit gibt es sonst?“
„Khun Arusa, haben Sie Feinde?“
„Selbstverständlich.“
Das Eingeständnis Pisuphans kam ohne Zögern und noch dazu in einer Art, als wären persönliche Feinde für ihn die natürlichste Sache der Welt.
„Mrs. Owens hat mir den Rat gegeben, Sie als eine Art unabhängigen Ermittler nach Deutschland zu schicken.“ Pisuphan schien ein wenig zu zögern, fuhr dann aber fort: „Ich verstehe natürlich, wenn Sie von mir engste Kooperation erwarten. Bitte wenden Sie sich trotzdem zunächst an Mrs. Owens, sollten Sie bei Ihren Nachforschungen auf Hinweise stoßen, aus denen sich eine Verbindung zu meinen geschäftlichen Aktivitäten schließen lässt. Mrs. Owens wird mich dann umgehend informieren und ich selbst liefere Ihnen dann, bei hinlänglichem Verdacht, Details.“
„Warum misstrauen Sie der deutschen Polizei?“, fragte William, dem die letzten Ausführungen Pisuphans ein wenig merkwürdig erschienen.
„Weil die Zeit drängt. Wir können uns kein umständliches bürokratisches Verfahren leisten, zu dem europäische und insbesondere deutsche Behörden neigen. Wie ich höre, sind in Deutschland außerdem nahezu sämtliche staatliche Institutionen, einschließlich der Polizei, mit der Bewältigung des Flüchtlingsansturms beschäftigt und vollkommen überlastet. Glauben Sie, dass unter diesen Umständen der Suche nach einer vermissten asiatischen Studentin Priorität eingeräumt wird? Verstehen Sie mich bitte, ich bin in Sorge um meine Tochter! Ich habe nur dieses eine Kind. Mr. LaRouche, nehmen Sie den Auftrag an!“
7
Das fünf Meter hohe Natursteingewölbe wurde nur von einer einsamen nackten Glühbirne beleuchtet, die ziemlich genau in der Mitte des quadratischen Raumes an einem Elektrokabel baumelte. Das Gebläse der Lüftung stieß in unregelmäßigen Intervallen Frischluft in das fensterlose Verlies und ließ dabei die Lichtquelle nervös hin und her tanzen.
In einer Ecke, unweit eines mobilen elektrischen Wärmelüfters, lag eine Matratze auf dem kalten Fliesenboden. Darauf stapelten sich ordentlich zusammengefaltete weiße Wolldecken und weiß bezogene Kissen. Der Heizlüfter war ausgeschaltet und klamme Kälte kroch in die Schlafunterlage.
Der Matratze gegenüber befand sich eine Duschkabine, links daneben eine Toilettenschüssel ohne Sichtschutz, rechts ein Waschbecken, darüber ein Spiegelschrank. Über einem Edelstahlrohr hingen fabrikneue weiße Frotteetücher in verschiedenen Größen. Auf einer Ablage standen ungeöffnete Produkte zur Körperpflege bereit: eine Zahnbürste, Zahnpasta, Duschcreme, ein Haarwaschmittel, eine Bodylotion. Schließlich gab es noch einen stabilen Metallstuhl ohne Armlehnen, dessen fröhliches, pinkfarbenes Polster das Sitzmöbel wie einen zufällig vorbeigekommenen Gast wirken ließ, dem das Motto der Veranstaltung nicht bekannt war.
Alles machte einen aufgeräumten, blitzsauberen Eindruck. Das dominierende Weiß wirkte allerdings bei längerer Betrachtung in seiner kalten Sterilität unheimlich und furchteinflößend. Diese Empfindung wurde von den klinisch weißen Wandkacheln und den glänzenden Bodenfliesen im selben Farbton verstärkt, die als Projektionsflächen für die Lichtspiele der dürftigen Beleuchtung dienten.
Auf der Matratze lag eine junge Frau, die sich schon eine Ewigkeit lang bemühte, ihre Umgebung zu vermessen. Man hatte sie wie ein Paket zusammengeschnürt. Die Arme waren verschränkt auf den Rücken gebunden, die Unterschenkel mit den Oberschenkeln verknotet. Ihr Mund verschloss ein Klebeband, dessen Verankerung im Nacken es ihr unmöglich machen sollte, die Knebelung zu entfernen. Dadurch war zudem die Beweglichkeit ihrer Halswirbelsäule empfindlich eingeschränkt und ihr Blickfeld minimiert, sodass sie zwischenzeitlich die Erkundung aufgegeben hatte.
Die Frau hatte keine Ahnung, wie lange sie schon gefangen gehalten wurde. Waren es erst ein paar Stunden oder war es schon ein Tag? Wie spät mochte es sein? War es Tag oder war die Nacht bereits angebrochen? Sie hatte nicht nur jedes Zeitgefühl verloren, sie konnte sich auch nicht mehr erinnern, wie sie an diesen Ort gekommen war. Man musste sie betäubt und mit Drogen ihre Erinnerung ausgelöscht haben. Sie wusste noch, wie sie am Morgen aufgestanden war, geduscht und danach gefrühstückt hatte. Was war anschließend passiert? Die letzten Stunden schienen wie in einem schwarzen Loch verschwunden zu sein und so versuchte die Frau, sich in der trostlosen Gegenwart zu orientieren. Sie war entführt worden. So viel stand fest. War es ein Einzeltäter? Kaum möglich, dachte sie. Die Aktion musste von einer Gruppe, die ihr Geschäft verstand, geplant und durchgeführt worden sein.
Wieder strich ihr Blick, so eingeschränkt es die Lage zuließ, durch das Gewölbe. Nirgendwo war ein Fenster, ein Lichtschacht oder dergleichen zu entdecken. Ihr Gefängnis schien sich unter der Erde zu befinden. Vielleicht ein alter Bunker oder ein Funktionsraum eines stillgelegten Bergwerks? Auf keinen Fall konnte es ein gewöhnlicher Keller sein, in dem üblicherweise das eine oder andere Geräusch der Außenwelt zu vernehmen war. Hier unten war nur das Rasseln der Lüftung zu hören, und wenn das Gebläse aussetzte, wurde es totenstill. Befand sie sich womöglich an einem abgeschiedenen Ort, fernab jeder Behausung, wo Menschen lebten, von deren Aufmerksamkeit ihr Leben und ihre Rettung abhängen konnte?
Nach einer weiteren Ewigkeit, in der sie vor sich hin dämmerte, glaubte sie, ein Geräusch gehört zu haben. War es ein Traum gewesen? Nein, es waren tatsächlich Schritte, die sich von außerhalb des Verlieses näherten. Ihr Herz schlug so stark, dass sie kaum noch atmen konnte. Mit aller Kraft veränderte sie ihre Körperlage, um die Kachelwand im Blick zu haben, aus deren Richtung der Hall der Schritte zu ihr drang. Dann sah sie den Türdrücker, der unscheinbar in eine Kachelfuge eingelassen war und der sich in diesem Moment behutsam nach unten bewegte.
8
Arusa Pisuphan hatte nach Williams Zusage darauf bestanden, dass sich sein Privatermittler unverzüglich auf den Weg nach Deutschland begibt. Der überstürzten Abreise aus Bangkok fiel bedauerlicherweise auch das geplante Abendessen mit Penelope zum Opfer. Immerhin fanden sie noch Zeit, um sich bei einem gemeinsamen Frühstück am Flughafen zu verabschieden, ehe William die Maschine nach Frankfurt am Main bestieg.
Als Penelope einen Abschiedskuss auf Williams Wange drückte und er sie daraufhin fest an sich zog, glaubte er für ein paar Momente, noch einmal die Vertrautheit zu empfinden, die sie vor einem Jahr zusammengeschweißt hatte. Aber so unvermutet diese Gefühlswoge herangerollt war, so rasch war sie auch wieder verebbt. Es war vorbei. Sie waren kein Liebespaar mehr, sie waren nur noch gute Freunde. Aber war das nicht auch etwas Besonderes und möglicherweise sogar wertvoller als eine wacklige Liebesbeziehung zwischen zwei komplizierten Charakteren?
Auf der Fahrt vom Frankfurter Flughafen ins badische Heidelberg schwirrten William unzählige Gedanken durch den Kopf. Immer wieder zog er zur Ablenkung den großzügig motorisierten Leihwagen auf die linke Spur der Autobahn. Zwei, drei Minuten jagte er dann über die zu dieser Abendstunde nicht übermäßig belebte Piste. Er genoss das Gefühl, wenn er das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. So reguliert und bürokratisiert dieses Deutschland auch sein mochte, auf den Autobahnen herrschte eine ganz andere Freiheit als in seiner amerikanischen Heimat. Die rasante Fahrt war allerdings nicht nur vergnüglich, sie strengte auch gehörig an, und nach dem Adrenalinstoß reihte sich William gerne wieder in die gemächlicher dahinstrebende Kolonne auf der rechten Fahrbahn ein und ließ seine Gedanken erneut kreisen.
Er hatte sich während des Fluges zunächst mit der umfangreichen Fotosammlung beschäftigt, die Pisuphan den Unterlagen beigefügt hatte. Suwannee war ein hübsches Mädchen. Sie vereinte die chinesischen Gene des Vaters mit denen ihrer hochgewachsenen, blonden Mutter. Sie überragte ihren Vater um einen halben Kopf und auch ihre Körperproportionen waren nordisch-kaukasisch geprägt. Andererseits besaß das Mädchen leicht geschlitzte Augen, dazwischen lag ein abgeflachter Nasenrücken, ihre Haut war bronzefarben und ihr Haar asiatisch schwarz. Sollte diese junge Frau tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein? Oder lag Penelope mit ihrer Vermutung richtig, dass sich die Gaststudentin lediglich ein paar freie Tage gegönnt hatte, in denen sie unbeschwert ihren Leidenschaften nachging?
Wieder beschleunigte William seinen Wagen und schoss an einem Konvoi von Lastwagen vorbei. Heidelberg war fast erreicht. Sein Blick streifte über den östlichen Odenwald, der im Licht der Abendsonne wie die Kulisse eines kitschigen Heimatfilms anmutete. Hier irgendwo musste Rebheim liegen, dieser fremde und doch merkwürdig vertraute Ort, den seine Mutter versucht hatte, ihm mit sentimentalen Geschichten ans Herz zu legen. Vor seiner Abreise aus Bangkok hatte William ausführlich mit ihr in New Orleans telefoniert. Als er dabei seinen Auftrag in Deutschland erwähnte, überschlug sich ihre Stimme fast: „Billy, mein Junge, du wirst begeistert sein! Endlich besuchst du einmal mein Rebheim.“ Der Wortschwall seiner Mutter war kaum zu bremsen gewesen. Sie schwärmte von der Landschaft, der Freundlichkeit der Menschen und den regionalen Delikatessen mit unaussprechlichen Namen wie Lewwerkäs, Buwespitzle, Fleeschkiechlin oder Kerscheplotzer. Dazu fielen immer wieder Vornamen von Verwandten und die ehemaliger Jugendfreunde, mit denen William nichts anzufangen wusste.
Rebheim. Hier also hatte seine Mutter als Doris Klingenberger bis zu ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr gelebt, ehe sie Anfang der 1970er Jahre den jungen Soldaten Vincent LaRouche geheiratet hatte und ihm unmittelbar darauf hochschwanger nach New Orleans gefolgt war.
Es war Williams erste Deutschlandreise. Er hatte sich informiert. Rebheim, die Perle der Badischen Bergstraße, lag nur wenige Kilometer von Heidelberg entfernt. Luftaufnahmen zeigten den malerischen Ort als eine Ansammlung kleiner und mittelgroßer Häuschen, von denen keines mehr als vier Etagen besaß, und die sich mit ihren roten Ziegeldächern um ein Gotteshaus scharten, dessen Glockenturm mahnend gen Himmel wies. Gleich hinter dem östlichen Ortsrand stieg das Gelände zum Odenwald hinauf. An einem Steilhang klebte das Wahrzeichen der Ortschaft, die Ruine der mittelalterlichen Guldenburg, um die herum Wein- und Obstgärten angelegt waren. William hatte bis jetzt kaum einen Gedanken an diesen Winkel der Welt verschwendet, wo es etliche Menschen gab, die mit ihm verwandt waren. Seine Mutter hatte ihm die Namen von Angehörigen und, soweit sie ihr in Erinnerung waren, auch deren Adressen zusammengestellt. Aber William war sich nicht sicher, ob er tatsächlich Interesse an Begegnungen mit diesen fremden Menschen hatte.
Endlich war Heidelberg erreicht. William steuerte die Limousine in die Garage eines am Rande der Altstadt gelegenen Businesshotels. Er entlud sein Gepäck und erledigte die Formalitäten an der Rezeption, wo man ihn schon erwartete. Die Mitarbeiter von Pisuphans Büro hatten es sich nicht nehmen lassen, alles bestens zu organisieren und dabei auch seinen Wunsch nach einer unauffälligen Unterkunft berücksichtigt. Dabei war es eigentlich Williams grundsätzliche Arbeitsweise, sich unabhängig von seinen Auftraggebern ein Quartier zu besorgen. War es wirklich ausgeschlossen, dass ein Vertrauter oder ein Angestellter Pisuphans etwas mit dem Verschwinden von dessen Tochter zu tun hatte? In einem solchen Fall würde es dem Täter nun kaum Schwierigkeiten bereiten, den Mann, der das Mädchen finden sollte, im Auge zu behalten. William erinnerte sich an die Überwachungskameras im Salon von Pisuphans Bangkoker Zentrale. Oder wollte womöglich sein Auftraggeber selbst William unter Beobachtung und Kontrolle wissen?
William ließ sich auf sein Zimmer bringen, bestellte einen großen Salat, ein paar Flaschen Coca-Cola und spülte den Reisestaub mit einer heißen Dusche ab. Es war mittlerweile zehn Uhr abends. Er verspürte noch keine Müdigkeit, wusste aber, dass er sich zum Schlafen zwingen musste, um möglichst rasch den Zeitunterschied zwischen Bangkok und Mitteleuropa wettzumachen. William ließ die koffeinhaltige Brause ungeöffnet, nahm ein Mineralwasser aus der Minibar, schluckte ein leichtes Schlafmittel und stocherte ohne Appetit in seinem Salat herum. Dabei streifte sein Blick die Ausgabe der Bangkok Post, die er sich im Flugzeug hatte bringen lassen, um sie dann doch nicht zu lesen. Auf der Titelseite fiel William eine Schlagzeile auf: „Wieder Leichen am Strand! Was ist los in der Andamanensee?“ Darunter war das Foto einer Polizeiabsperrung zu sehen, vor der Gaffer in Badebekleidung ihre Hälse reckten. Der Text der Meldung berichtete von neun vom Seewasser zersetzten menschlichen Körpern, die an die Strände von Bang Niang und Bang Sak, sechzig Kilometer nördlich der Ferieninsel Phuket, angeschwemmt worden waren. Der Polizeichef der südthailändischen Provinz Phang Na wurde mit der Vermutung zitiert, dass es weit draußen auf hoher See ein Schiffsunglück gegeben haben musste. Möglicherweise eine Havarie durch einen technischen Defekt oder eine Explosion. So etwas käme schon ein paarmal im Jahr vor. Aber, so ließ der Polizeioffizier beruhigend wissen, zur Sorge bestehe keinerlei Veranlassung, unter den geborgenen Leichen befänden sich keine Touristen.
William rollte die Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb. Thailands Strände und die Metropole Bangkok erschienen ihm mit einem Mal so unendlich weit entfernt. Und auch das Gefühl der letzten Umarmung von Penelope verkroch sich in eine dunkle Ecke der Erinnerung. William schob den Salat beiseite und schaltete den Fernsehapparat ein. Es gab mehrere englischsprachige Kanäle, durch die er sich ohne Interesse zappte. Schließlich blieb er bei einem deutschen Sender hängen, auf dem lokale Nachrichten liefen. Eine Sprecherin trug das Neueste aus der Rhein-Neckar-Region vor. William machte es sich auf der Couch bequem und ließ den Klang der deutschen Sprache auf sich wirken. Die Frau auf dem Bildschirm sprach mit einer Melodie, die der seiner Mutter zum Verwechseln ähnlich war. Die gelegentlichen harten Wortkanten, die im Rachenraum kehlig geformten Silben, die singenden Zischlaute, das alles führte William in seine Kindheit zurück, in eine Zeit, in der er nach dem Verschwinden seines Vaters verunsichert und hilflos mit seiner alkoholkranken Mutter verbunden war. William wischte diese schmerzhaften Erinnerungen beiseite und versuchte sich auf den Inhalt der Nachrichten zu konzentrieren. Es waren nicht die Meldungen aus der großen, weiten Welt, die viele Zuschauer interessierten, aber keinen wirklich betrafen. Die Nachrichten dieses Senders beschäftigten sich vielmehr mit handfesten Ereignissen aus der Gegend, wo der Neckar in den Rhein mündete. Die Topmeldung des Tages handelte von einem beliebten und volksnahen Lokalpolitiker, der in betrunkenem Zustand einen Sachschaden in Höhe von mehreren Zehntausend Euro verursacht hatte. Der Mann war in den frühen Morgenstunden mit seinem Fahrzeug auf eine Schaltzentrale der innerstädtischen Ampelsteuerung geprallt, deren Ausfall den morgendlichen Berufsverkehr Heidelbergs lahmgelegt hatte. Übernächtigt und voller Demut entschuldigte sich der Politiker vor der Kamera bei seinem Wahlvolk. So etwas sei ihm bisher noch nie passiert und er gelobte nachhaltige Besserung. William war überrascht, wie mühelos er das Vorgetragene verstand, und vermutete, dass es wohl nicht allzu lange dauern dürfte, bis er seine Deutschkenntnisse auch in anspruchsvolleren Konversationen würde anwenden können.
William erhob sich und wandte sich zum Badezimmer, da setzte die Sprecherin mit der nächsten Meldung fort. Es ging um eine Leiche, die in einem Weinberg am Ortsrand von Rebheim entdeckt worden war. Hätte er noch nie von diesem Ort gehört, wäre die Meldung sicherlich in seiner allmählich einsetzenden Schläfrigkeit untergegangen. William kehrte zum Sofa zurück.
„Bei dem Leichnam handelt es sich um eine männliche Person aus dem asiatischen Raum“, verriet die Sprecherin. „Nach Einschätzung unserer Reporter vor Ort verfolgt die Polizei noch keine konkreten Spuren. Ein Sprecher der Kriminalpolizei kündigte für die nächsten Tage eine Pressekonferenz an. Natürlich wird Sie Badenia-TV, Ihr Regionalsender mit Herz, auch in diesem mysteriösen Todesfall auf dem Laufenden halten!“
Eine Leiche in Rebheim! Der Tote ein Asiate? Ein eigenartiger Zufall, dachte William und überlegte, ob er früher als geplant den Heimatort seiner Mutter besuchen sollte.
9
Geräuschlos öffnete sich die Tür und ein Mann schlüpfte in den Gewölbekeller. Suwannee presste ihren Körper an die kalte Fliesenwand. Die Erschöpfung, die ihr Gehirn zunehmend lähmte, war mit einem Schlag verflogen. Sie spürte, wie die Fesseln in ihre Haut schnitten und der verklebte Mundknebel bei jeder noch so kleinen Bewegung an ihrer Gesichtshaut zerrte.
Der Mann schloss die Tür und wandte sich seiner Gefangenen zu. Suwannee erschrak. Sein Gesicht war hinter einer Maske versteckt. Die eingefrorene, grinsende Mimik des grellbunten Plastikmaterials wirkte gespenstisch und passte weder zur Gestalt des Trägers noch zu seiner Bekleidung. Der Mann war groß, seine Füße steckten in weißen Gummistiefeln und seinen Körper verhüllte ein weiter, gleichermaßen weißer Arbeitskittel. Eine Haube verbarg sein Haar und er trug Gummihandschuhe. Das schaurige Arrangement, die Maske ausgenommen, ähnelte der Berufskleidung von Akkordschlächtern in einer Fleischfabrik. In Suwannees Gehirn rasten die Eindrücke durcheinander und blockierten jeden einigermaßen vernünftigen Gedanken. Immerhin war ihr eingefallen, wen die Maske parodieren sollte. Es war die deutsche „Wir-schaffen-das“-Bundeskanzlerin, was dem Ganzen eine verrückte Note verlieh.
„Guten Tag, Suwannee. Entschuldige, dass ich dich habe warten lassen.“ Der Mann sprach in ein winziges Mikrofon, das an seinem Kragen befestigt war und in Verbindung mit einem elektronischen Verstärker in seiner Kitteltasche stand. Durch das Gerät wurde seine Stimme unnatürlich verzerrt und zusätzlich immer wieder in ihrer Tonlage verändert.
„Ist dir kalt? Ich schalte gerne den Heizlüfter an“, bot der Mann an und trat ein paar Schritte näher an die Matratze heran, auf der Suwannee zusammengeschnürt lag.
„Die Fesseln können wir ein wenig lockern, wenn du nichts dagegen hast. Und sobald wir uns einig sind, wie es weitergeht, werde ich auch das Klebeband entfernen. Dann kannst du essen, trinken und Zähne putzen. Zugegeben, das ist kein Fünf-Sterne-Niveau, aber du sollst dich wie ein Gast fühlen.“
Der Mann kniete sich hinunter und entspannte die Beinfesselung, sodass Suwannee ihre Unterschenkel ein wenig ausstrecken konnte. „Ich habe gelesen, dass Thailänder gewöhnlich fünfmal am Tag essen. So kann ich dich natürlich nicht verwöhnen. Aber ich garantiere dir, dass du nicht verhungern wirst. Ich bin kein Unmensch und dein Wohlbefinden ist mir viel wert.“
Mit einem kurzen harten Ruck entfernte er die Verankerung des Klebebands in Suwannees Nacken. „Das fühlt sich doch schon viel besser an, nicht wahr? Jetzt kannst du nicken und den Kopf schütteln. Das sollte erst einmal für unsere Konversation reichen. Hast du verstanden?“
Suwannee nickte mit aufgerissenen Augen.
„Du wirst dich fragen, was das alles soll. Das Prinzip unserer Zusammenarbeit ist folgendes: Dir wird es gut gehen, wenn es mir gut geht. Natürlich gilt auch der Umkehrschluss: Wenn es mir schlecht geht, wird es sich nicht vermeiden lassen, dass auch du leiden wirst. Du verstehst mich doch?“
Wieder nickte Suwannee.
„Du kannst nichts dafür, dass du einen reichen Vater hast. Ich gönne dir dein sorgenfreies Leben. Ich vermute, du weißt nicht einmal genau, wie viel Geld deine Familie besitzt. Dein Vater wird es auch nicht wissen. Das ist ein Problem vieler reicher Menschen, andererseits vielleicht aber auch ein Vorteil.“ Der Mann fixierte durch die Augenschlitze seine Gefangene. Ihr Frösteln hatte sich verringert, seit die warme Luft aus dem elektrischen Lüfter strömte.
„Würde es Daddy tatsächlich bemerken, wenn ihm dreißig Millionen fehlen? Dollar oder Euro, das spielt zunächst keine Rolle. Die Details klären wir später. Ich wette, der Verlust einer solchen Summe bereitet ihm keine allzu großen Kopfschmerzen. Der Preis für das Leben seiner einzigen Tochter ist geradezu lächerlich. Was meinst du, bist du deinem Vater dreißig Millionen wert?“
Suwannee hatte den Kopf gesenkt. Der Mann konnte keine Reaktion auf seine Frage feststellen, woraufhin auch er schwieg. Er zog sich den Metallstuhl heran, setzte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf die pinkfarbene Polsterung und wartete. Das Frischluftgebläse verstummte, das Pendeln der nackten Glühbirne verebbte und die Minuten verstrichen.
„Suwannee, wir spielen hier kein Spiel“, brach der Mann endlich sein Schweigen. „Ich rate dir, nicht die beleidigte Prinzessin zu geben. Das könnte böse enden. Wenn ich dich etwas frage, schaust du mich an und antwortest mir. Ist das klar?“
Suwannee drehte den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Der Mann ließ sich langsam von dem Stuhl auf den Boden gleiten und rutschte auf den Knien dicht zu seiner Gefangenen. Suwannee spürte, wie sich die Distanz zwischen ihnen immer weiter verringerte. Sie konnte ihn bereits riechen. Kurz darauf traf sie eine im Gummihandschuh steckende, flache Hand klatschend auf die Wange. Das Klebeband vor dem Mund verwandelt ihren Schrei in ein dumpfes Grunzen. Der Mann packte ihr Haar und riss ihren Kopf ruckartig in die Höhe. Die Merkel-Maske war nun keine zehn Zentimeter von ihr entfernt. Durch die Sehschlitze sah Suwannee das Weiße in den Augen ihres Entführers. Der Mann stieß sie auf die Matratze und kehrte zu dem pinkfarbenen Stuhl zurück.
„Ich setze Gewalt nur im Notfall ein. Ich rate dir gut, es nicht darauf ankommen zu lassen. Noch einmal: Wir sind ein Team und es gelten meine Regeln. Verstanden?“
Diesmal nickte Suwannee.
„Gut. Dann können wir jetzt überlegen, wie wir unsere Zusammenarbeit sinnvoll und effektiv gestalten“, jaulte die verzerrte Stimme aus der Kitteltasche des Vermummten. Suwannee musterte ihren Entführer. Der Schlag in ihr Gesicht war nicht mit voller Wucht ausgeführt worden. Ihr Schrei danach war eher eine Schreckreaktion als der Ausdruck eines tatsächlichen Schmerzes gewesen. Der Mann wirkte auf den ersten Eindruck souverän, aber sie hatte das Gefühl, dass er von irgendetwas getrieben wurde. Diente seine Maskierung und die elektronische Sprachverfremdung womöglich dazu, seine Unsicherheit zu verbergen?
10
Twang Bai Leng schob sich widerwillig einen Löffel einer undefinierbaren Flüssigkeit zwischen die wenigen Zähne, die ihm geblieben waren. Der sehnige kleine Mann spuckte die brackige Brühe, in der ein paar Fischabfälle dümpelten, wieder aus. Sein Blick fiel auf Min-Min. Von den ursprünglich siebzehn burmesischen Deckarbeitern, mit denen der verrostete Fischtrawler aus der südthailändischen Hafenstadt Krabi-Town ausgelaufen war, waren bereits fünf Männer Krankheiten, Unfällen oder ihrer Erschöpfung zum Opfer gefallen. Twang und seine verbliebenen Kollegen befanden sich seit mehr als sechs Monaten ununterbrochen auf See, und er konnte sich nicht mehr entsinnen, wie es sich anfühlte, wenn der Boden unter den Füßen nicht dem Rhythmus des Meeres gehorchte. Um nicht vollends die zeitliche Orientierung zu verlieren, schnitt Twang jeden verfluchten Morgen, den er auf diesem Höllenkahn aufwachte, eine Kerbe in einen der Holzpoller, an denen die Taue der Netze befestigt wurden. An manchen Tagen schien es ihm, als habe er am Horizont eine verschwommene Küstenlinie erkennen können. Aber wahrscheinlich waren es nur Sinnestäuschungen gewesen, ausgelöst durch die flirrende tropische Hitzeglocke, unter der sich die Seeleute tagein, tagaus abrackerten. Twang wusste, dass sich Min-Mins restliche Lebenspanne nur noch in ein paar Tagen bemaß und er dann, wie all die anderen armen Teufel, im Nirgendwo des Indischen Ozeans verschwinden würde. Er wandte den Blick von seinem Landsmann ab. So und nicht anders würde es kommen, wenn nicht ein Wunder geschah.
Die Schleppnetze des Trawlers waren zur Reparatur eingeholt worden. Bis zum Sonnenuntergang, wenn es zur zweiten Fangschicht läutete, sollten die Männer ihre Arbeit erledigt haben. Man hatte es bei der Jagd vor allem auf die Thunfische abgesehen, von denen die prächtigsten Exemplare auf den Tischen teurer Restaurants landeten und der Rest in der riesigen Fischfabrik im Industriehafen von Krabi in Konservendosen abgefüllt wurde. Twang und die anderen von der Sonne schwarz gerösteten burmesischen Seelen mussten die wertvolle Beute vom minderwertigen Beifang trennen, der wiederum zu Krustentierfutter für thailändische Garnelenfarmen weiterverarbeitet wurde. Täglich, meist gegen Spätnachmittag, kreuzte das Mutterschiff auf und sammelte den Rohfang der Werksflotte ein, auf deren Kuttern alle drei Wochen die Kapitäne und die Offiziere wechselten. Meist waren es Malaien oder Thais, deren Gemeinsamkeit darin bestand, dass kaum einer von ihnen der burmesischen Sprache mächtig war.
Twang spürte, wie auch seine Kräfte mit jedem zusätzlichen Tag schwanden. Es hämmerte in seinem Schädel, seine Handflächen waren von den groben Tauen zerschunden. Durchfall und Erbrechen plagten ihn schon seit Wochen, und manchmal wusste er nicht einmal mehr die Namen seiner Gefährten, mit denen er die täglichen Vierzehnstundenschichten durchlitt. Twang riss sich zusammen. Er wollte nicht so enden wie die Kameraden, die während der Arbeit zusammengebrochen waren.
Vor einer Ewigkeit war Twang einmal stolzer Eigentümer eines kleinen Fischkutters gewesen. Die Erinnerung trieb ihm die Tränen in die Augen und doch gab er sich ihr fast täglich hin, weil sie ihn am Leben hielt. Es waren verwaschene Bilder aus einer anderen Welt, aus einem anderen Leben. Jeden Morgen waren er und zwei seiner Söhne hinaus ins Irrawaddy-Delta geschippert. Auch damals hatte gelegentlich ein verirrter Thunfisch im Netz gezappelt, wenn die auflaufende Flut in das verästelte Labyrinth des Vaters aller burmesischen Ströme drängte. Die harte Arbeit als Fischer hatte sie nicht reich gemacht, aber sie konnten bei den Bauern Fisch gegen Obst, Gemüse oder einen Sack Reis eintauschen und niemand seiner achtköpfigen Familie musste hungern. Es war sogar Geld für den Schulbesuch seines ältesten Sohnes in der fernen Metropole Rangun übrig. Vor acht Jahren beendete dann ein Zyklon Twangs Traum von einer besseren Zukunft für seine Kinder. Mit rotierender Wut zerstörte der Wirbelsturm „Nargis“ nicht nur sein Haus, sondern zerschmetterte auch den Kutter, seine Lebensgrundlage, und riss drei Familienmitglieder mit in den Tod. Als die letzten Ersparnisse aufgebraucht waren und die Lage immer verzweifelter wurde, entschloss sich Twang fortzugehen. Er hatte Glück und fand Arbeit auf einer thailändischen Palmölplantage nahe der malaysischen Grenze. Dort hatte man ihm sechs US-Dollar Tageslohn versprochen. In Wahrheit wurden allerdings weniger als drei Dollar ausbezahlt, den Rest behielt der Aufseher und nannte diesen Abzug Kommission. Natürlich konnte Twang so niemals die sechshundert Dollar begleichen, die er einem Landsmann für die Beschaffung der gefälschten Arbeitserlaubnis und die Vermittlung dieser Arbeitsstelle schuldete und die sich durch astronomische Zinsen mittlerweile auf einen Betrag geschraubt hatten, dessen Höhe nur noch der Gläubiger kannte. Als ihm ein weiterer Vermittler anbot, ihn auszulösen und ihm gleichzeitig eine Stelle auf einem thailändischen Fischtrawler garantierte, hatte es Twang zunächst für eine glückliche Schicksalsfügung gehalten. Er liebte den Fischfang und hoffte, so sein Heimweh ein wenig besser ertragen zu können. Wie hätte er ahnen können, dass es ihn gleichsam in die Hölle verschlagen würde?
Twang zwang sich zwei weitere Löffel der gehaltlosen Suppe in seinen ausgemergelten Körper, als der Kapitän auftauchte. Seine blaue Uniform war zerschlissen und mit Speiseresten bekleckert. Aber der Mann war stark und brachte gewiss das Doppelte von Twangs Gewicht auf die Waage. In der Offiziersmesse wurde schließlich ordentlich aufgetischt. Der Mann zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch gegen die Windrichtung der salzig-schwülen Brise.
„Männer! Bewegt euch! Ihr werdet nicht fürs Herumlungern bezahlt!“ Er war der erste Kapitän seit Monaten, der wenigsten seine Befehle auf Burmesisch beherrschte.
„Käpt’n … Sir …“ Twang saß mit überkreuzten Beinen im Schatten eines löchrigen Sonnensegels, unter dem die Besatzung ihre wenigen Ruhepausen verbrachte.
„Käpt’n, Sie müssen Min-Min mit dem Mutterschiff in ein Krankenhaus bringen.“ Twang blickte hinüber zu einem schmächtigen Kerlchen, das in seinem Erbrochenen lag. Der Kapitän sah überrascht auf und Twang erschrak über sich selbst. Was war in ihn gefahren? Was ging ihn das Schicksal des kleinen Min-Min an? Hatte er nicht genug eigene Sorgen?
„Min-Min wird sterben, wenn Sie ihn nicht zu einem Arzt bringen“, hörte sich Twang noch einmal und ihm war im selben Moment klar, dass er einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte. Merkwürdigerweise blieb der Kapitän seelenruhig und verzog keine Miene. Hatte er überhaupt vernommen, was Twang verlangt hatte?
11
Nach seiner ersten Nacht auf deutschem Boden erwachte William erstaunlich erfrischt und ausgeruht. Es war noch keine sechs Uhr. Er zog die Vorhänge zurück und sah in einen unfreundlich düsteren Morgen hinaus, was ihn aber nicht weiter störte. Von seinem Zimmer in der obersten Etage des Hotels hatte er einen Blick auf die weltberühmte Schlossruine, die in der verschwommenen morgendlichen Dämmerung geheimnisvoll am Hang des Königstuhls thronte. William verspürte noch immer keinen Appetit, dafür aber Lust auf Bewegung und erinnerte sich an einen Hinweis an der Rezeption, der für die kostenlose Nutzung der hoteleigenen Fahrräder warb.
„Sie finden alle interessanten Sehenswürdigkeiten in direkter Umgebung unseres Hotels“, erläuterte der Portier, als er William einen Stadtplan und den Schlüssel für das Fahrradschloss überreichte. „Und wegen dem Wetter machen Sie sich mal keine Sorgen. Das wird noch!“
William schob das Rad auf den Vorplatz des Hotels, wo ihn Nieselregen empfing und ihm, obwohl es erst Mitte September war, ein empfindlich frischer Wind entgegenblies. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ein Fahrrad bestiegen hatte. Hauptsache, die Bremsen waren in Ordnung, dachte er und radelte los. Auf dem Weg in die Altstadt passierte William eine Bäckerei, die den drolligen Namen Bio-Bäcker Mahlzahn trug. Ein heißer Kaffee wäre jetzt das Richtige. Er schwang sich vom Sattel und betrat den Laden, in dem ihn der Duft der frischen Backwaren und deren Vielfalt schier überwältigte. Er bestellte auf Deutsch einen doppelten Espresso, wobei ihn die Bedienung musterte.
„Sie sin net von do?“
William konnte nur ahnen, was die Frage zu bedeuten hatte, und nickte.
„Mir hen do d’ Gruschlbeer-Kuche im Ogebot …“ Die Frau deutete auf ein Blech mit Stachelbeerkuchen.
„Danke. Ich nehme lieber ein Sandwich.“
William schaute unschlüssig auf das Angebot belegter Vollwertbrötchen.
„Alla hopp! Bei uns heese die Sändwitsch efoch Weck. Wolle Se een Keesweck? Mir hen aach Griweworscht …“
William ließ sich ein Käsebrötchen einpacken, nahm den letzten Schluck Espresso und setzte seine Entdeckungstour fort. Er rollte durch die noch weitgehend verwaiste Fußgängerzone der Heiliggeist-Kirche entgegen. Zögerlich riss die graue Wolkendecke über dem Neckartal auf und ein paar schüchterne Sonnenstrahlen wagten sich hervor. Der Wind pfiff William allerdings unverändert um die Ohren und trieb den Regen wie feine Nadeln auf sein Gesicht. Vor Kurzem hatte er sich noch in tropischer Hitze am Stand von Koh Samui geräkelt. Jetzt zog er den Kragen seines Blousons heran und bereute, dass er keine Mütze mitgenommen hatte. Er fand einen Unterstand und entfaltete den Stadtplan. Der Portier hatte nicht gelogen, alle im Plan markierten touristischen Hotspots befanden sich im Umkreis von höchstens zwei Kilometern zum Hotel. William versuchte die Pfaffengasse zu finden. Endlich entdeckte er das schmale Sträßlein auf der Karte. Dort also wohnte die Tochter seines Auftraggebers. Die Entfernung dorthin schätzte er auf wenige Hundert Meter.
William trat in die Pedale, aber der stramme Westwind bremste ihn, sodass er es gemächlicher angehen ließ. Wie mochte sich die verwöhnte thailändische Milliardärstochter bei diesen, im Vergleich zu ihrer Heimat, ungemütlichen klimatischen Bedingungen fühlen? Schätzte sie den gemächlichen Rhythmus dieser übersichtlichen Provinzstadt oder plagte sie die Sehnsucht nach der rastlosen Geschäftigkeit der Shopping- und Nightlife-Metropole Bangkok? Hatte sie womöglich einen Verehrer gefunden, den sie vor ihrem strengen Vater geheim halten wollte? William kannte die standesbewusste Denkweise asiatischer Eliten, wenn es um die Beziehungen ihres heiratsfähigen Nachwuchses ging. Suwannee war hübsch. Wäre sie an Kontakten interessiert, würde sie in Heidelberg zweifellos nicht lange alleine bleiben.
Pfaffengasse siebzehn. Es war mittlerweile kurz vor sieben. Suwannees Apartment befand sich in einem modernen sechsstöckigen Gebäude, dessen Glasfassade sich durchaus mit den benachbarten Barockgebäuden längst vergangener Epochen vertrug. William parkte das Fahrrad neben dem Hauseingang und sah, wie ein älterer Mann in einem Arbeitskittel aus dem Zugang zum Hinterhof heraustrat. William hob die Hand zum Gruß. „Guten Morgen! Mein Name ist LaRouche. Wohnt hier eine Suwannee Pisuphan?“
„Was geht Sie das an?“
Der Mann warf William einen abweisenden Blick zu, sprach dafür aber ein akzentfreies Deutsch.
„Ich bin ein Freund der Familie Pisuphan“, behauptete William. „Ich bin gestern aus Bangkok angekommen. Sind Sie der Hausverwalter? Miss Pisuphan wohnt doch hier oder habe ich mich in der Adresse geirrt?“
„Hab sie seit Tagen nicht gesehen.“
„Ich habe eine Nachricht für Miss Pisuphan. Können Sie sich erinnern, wann Ihnen das Mädchen das letzte Mal begegnet ist?“
„Sie kommen aus Bangkok?“
„Ja. Der Vater macht sich ein wenig Sorgen, wie es seiner Tochter so weit weg von zu Hause geht.“
„Er macht sich Sorgen? Das glaube ich gerne! Grund genug hätte er!“
„Wie meinen Sie das?“
„Wie ich das meine?“ Der Mann im grauen Kittel zögerte. „Ich meine das so, wie ich es gesagt habe. Wenn das meine Tochter wäre …“
William schenkte dem Hausmeister einen interessierten Blick. Der Mann wollte offenbar etwas loswerden.
„Also, ich weiß ja nicht, wie die Jugend da drüben in Asien so ist. Aber wenn Sie mich fragen, das junge Ding treibt es zu toll! Das hier ist ein ordentliches Haus!“
„Hm.“ William nickte verständnisvoll. „Ich verstehe. Sie können mir gerne sagen, was Sie stört. Ich kenne Suwannee Pisuphan und könnte mit ihr reden.“
„Sie verstehen gar nichts!“
„Versuchen könnte man es doch“, widersprach William.
„Zwecklos! Die grüßt nicht einmal!“, beschwerte sich der Mann beleidigt und schob einen Altpapier-Container vor den Hauseingang.
„Seien Sie doch bitte so nett und versuchen Sie sich zu erinnern, wann Sie Suwannee zum letzten Mal gesehen haben. Es wäre sehr wichtig für mich.“
„Ha! Wer sind Sie überhaupt? Woher soll ich wissen, ob es stimmt, dass Sie aus Bangkok kommen? Ist mir auch egal. Ich muss jetzt meine Arbeit machen … Und eins will ich Ihnen noch sagen: Ich mach’ drei Kreuze, wenn die endlich auszieht. Dann kehrt hier wieder Ruhe und Ordnung ein.“
Der Hausmeister wandte sich von William ab, griff nach einem Besen und widmete sich dem Kampf mit dem durcheinanderwirbelnden Laub.
„Vielen Dank für die Auskünfte!“, rief William ihm zu, als er wieder sein Fahrrad bestieg. Im Fahren schob er eine Hand in die Hosentasche und tastete nach dem Schlüssel zu Suwannees Penthouse, den Arusa Pisuphan ihm anvertraut hatte.
12
Die Sonne stand hoch über der Andamanensee und brannte erbarmungslos auf den gemütlich dahingleitenden Trawler. Der Kapitän setzte zum letzten Zug an seiner Zigarette an. Dann schnippte er die Kippe in die silbrig glitzernde See. „Wenn Min-Min stirbt, wirst du eben doppelt so hart arbeiten müssen! So einfach ist das!“
Twangs Hände ballten sich zu Fäusten. So wie sein Landsmann wollte er nicht krepieren: jämmerlich und ohne einen Funken Würde. Mit einem Mal fühlte der Burmese etwas, das er längst verloren geglaubt hatte. Er spürte eine unbändige Wut, die ihn wie eine Droge beflügelte.
Der Kapitän lehnte an der Reling und nahm ab und an einen Schluck aus einer kleinen Schnapsflasche, die er anschließend immer wieder gewissenhaft in seiner Brusttasche verstaute. Die heutige Ausbeute an Thunfisch und passablem Beifang lag in Kühlcontainern unter Deck verstaut. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis das Mutterschiff am Horizont auftauchen würde, um die Ladung zu übernehmen. Der Kapitän überlegte, ob er bei dieser Gelegenheit ein paar neue Arbeiter anfordern sollte. Seine Besatzung war verbraucht und noch dazu aufmüpfig. Wenn sogar der besonnene Twang abenteuerliche Forderungen stellte, war es höchste Zeit. Der Kapitän kannte sich aus. Für eine offene Meuterei waren die Burmesen zu schwach, eine anständige Arbeitsleistung war von ihnen aber gleichermaßen nicht mehr zu erwarten. Wertloses Lumpengesindel! Verächtlich spuckte er über die Reling. Die Direktoren der Fischfabrik in Krabi hatten keine blasse Ahnung, unter welchen Umständen sich Männer wie er für den Profit der Firma aufrieben.
Twang sah, wie sich der Kapitän abwandte und die Offiziersmesse ins Visier nahm. Nur eine Armlänge von ihm entfernt blitzte die Klinge eines vergessenen Filetiermessers auf. Das Sonnensegel über den Köpfen der apathischen Mannschaft flatterte im Gegenwind der gemächlichen Fahrt. Langsam streckte Twang seine knochige Hand nach der Stichwaffe aus und ließ den Kapitän dabei nicht aus den Augen. Er fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Seine Finger umschlossen den Metallgriff und er schob seinen ausgelaugten Körper in die Höhe. Twangs nackte Fußsohlen fanden, obwohl sie schmerzten, überraschend festen Halt auf den sich wiegenden Schiffsplanken. Sein Rückgrat spannte sich, sein Schritt fuhr aus, und als sich der Kapitän umblickte, um zu schauen, wer sich ihm mit tapsendem Geräusch näherte, bohrte sich die Klinge von hinten in dessen linke Schulter. Ein wütender Aufschrei gellte über das Boot. Die burmesischen Seeleute hoben ihre Köpfe und sahen, wie Twang mit dem Messer in der Faust zu einem zweiten Hieb ausholte. Im selben Moment peitschte ein Schuss über das Deck und die Männer unter dem Sonnensegel wurden Zeugen, wie ihr Landsmann mit zerschmettertem Schädel zu Boden ging. Eine großkalibrige Kugel hatte Twangs Stirn aus kürzester Entfernung zerschlagen und war durch den Hinterkopf wieder ausgetreten. Twang Bai Leng, der Fischer aus dem Mündungsdelta des Irrawaddy-Flusses, war im Alter von nicht einmal vierzig Jahren im Kampf um seine letzte Würde gefallen.
Als die Offiziere heraneilten, steckte der Kapitän in aller Seelenruhe seine Pistole hinter den Gürtel seiner Uniformjacke und griff nach seiner Zigarettenpackung. „Der Mann muss blind gewesen sein. Oder dämlich. Wahrscheinlich beides. Jeder hier an Bord sollte wissen, dass ich meine Waffe nicht als Dekoration trage. Mir reicht’s jetzt. Wir fordern noch heute eine neue Mannschaft an.“
Wenig später entledigte sich der Kapitän seiner Uniformjacke und begutachtete die verletzte Schulter. Das robuste Textilmaterial hatte die Wucht des Angriffs weitgehend neutralisiert und lediglich eine oberflächige Wunde zugelassen.
„Was machen wir mit denen da?“ Einer der Offiziere wies in Richtung des Sonnensegels, unter dem elf verängstigte Burmesen hockten.
„Bringt sie zum Schweigen. Wäre nicht gut, wenn einer von denen irgendwann das Maul aufreißt und Lügen über uns erfindet.“
13
Claudia Bächle-Malvert klopfte mit ihrem Kugelschreiber mahnend auf die Tischplatte. „Können wir anfangen?“
Es war Dienstagabend. Mittlerweile waren bald sechzig Stunden seit dem Rebheimer Leichenfund vergangen. Den Beamten sah man ihre Erschöpfung an. Das Dezernat für Kapitalverbrechen war seit Monaten unterbesetzt. Zwei Kollegen hielten sich in Griechenland zur Unterstützung bei der Registrierung von Flüchtlingen auf, zwei weitere hatten sich krankgemeldet und eine Kommissarin war in Elternzeit. Claudia hatte die Sekretärin gebeten, Thermoskannen mit extra starkem Kaffee zu befüllen und einen Schwung Energieriegel zu organisieren.
„Also, Leute! Was haben wir bisher ermittelt? Was können wir daraus folgern? Welche Informationen wollen wir morgen auf der Pressekonferenz der Öffentlichkeit mitteilen?“, begann sie und rückte den Notizblock vor sich zurecht.
Der stellvertretende Dezernatsleiter Malte Brettschneider legte die Hände in den Nacken und streckte seinen langen Oberkörper über die Rückenlehne. Die Kommissare Erol Tekzö und Larissa Koslowski hielten sich nachdenklich an ihren Kaffeebechern fest.
„Ach, fast hätte ich es vergessen. Ich möchte, sofern ihr euch noch nicht bekannt gemacht habt, Marco Klingenberger vorstellen. Er ist kommissarischer Leiter des Polizeipostens in Rebheim und wird uns bei den Ermittlungen vor Ort unterstützen, und …“, Claudia ließ ihren Blick durch die müde Runde kreisen, „… ich habe entschieden, dass Marco bis auf Weiteres die Pressearbeit unserer Sonderkommission übernimmt. Ihr könnt euch denken, dass in der nächsten Zeit auf diesem Gebiet einiges auf uns zukommen wird.“
Marco war, wie die anderen auch, in Zivil erschienen. Er trug eine sportliche Lederjacke, unter der ein mintgrünes Poloshirt zum Vorschein kam, war offenbar noch hellwach und schenkte der Gruppe ein strahlendes Lächeln.
„Marco, mein Name ist Claudia“, wandte sich die Chefin an den Neuen. „Wir duzen uns intern. Im Außendienst, bei Vernehmungen und vor allem im Umgang mit der Presse verwenden wir untereinander das Sie.“
Marco nickte, und als er die Hände vor sich auf die Tischplatte legte, wirkte er wie ein routinierter Fernsehnachrichtensprecher.
„Na, dann wäre die Kuh auch vom Eis“, kommentierte Erol, den viele für einen Türken hielten, obwohl er in Budapest geboren war und schon seit Jahrzehnten die deutsche Staatsbürgerschaft besaß. Er ignorierte Claudias strengen Blick, die ihn gerade fragen wollte, wen oder was er wohl mit der Kuh gemeint haben könnte, und begann seinen Bericht.
„Eine entblößte männliche Leiche wurde am Sonntagmorgen gegen sieben Uhr fünfzig auf dem Rebheimer Madonnenberg gefunden. Der Leichnam wurde vom pensionierten Polizeihauptmeister Kühnle während des Spazierganges mit seinem Hund entdeckt. Um kurz nach acht traf ein Streifenwagen des Polizeipostens Rebheim an der Fundstelle ein.“
„Seit wann habt ihr Sonntag eure Dienststelle besetzt? Die Meldung hätte doch an den Kriminaldauerdienst gehen müssen“, unterbrach Larissa und sah Marco neugierig an.
„Das ist das Schöne am Landleben. Da sind die Wege kurz“, antwortete Marco mit einem Augenzwinkern. „Michael Kühnle und ich sind gute Bekannte. Er hat tatsächlich zuerst meine private Mobilnummer gewählt, weil er wollte, dass der Fundort ohne Verzögerung abgesperrt wird. Ich war schon wach – wir haben seit einem Vierteljahr Nachwuchs, da sind die Nächte nicht allzu lang – und bin unmittelbar nach dem Anruf auf den Madonnenberg gefahren. Herr Kühnle hat selbstverständlich sofort nach dem Telefonat mit mir Meldung an den KD gemacht.“
„Als wenn der Kriminaldauerdienst eine langsame Truppe wäre“, murrte Erol.
„Das war schon okay. Marco hat die Fundstelle professionell gesichert und die Aussage vom ehemaligen Kollegen Kühnle noch vor Ort aufgenommen. Besser hätten wir das auch nicht machen können“, verteidigte Claudia ihren neuen Mitarbeiter.
„Kann ich jetzt weitermachen? Oder möchte ein anderer übernehmen?“
„Natürlich, Hauptprotokollführer Erol! Wir sind alle hundemüde und wollen uns zur Abwechslung auch einmal ein paar Stunden zu Hause bei unseren Lieben blicken lassen“, entspannte Malte die Situation.
„Eine gute Idee, obwohl bei mir zu Hause nur ein leerer Kühlschrank wartet“, gab Erol zurück und fuhr mit seiner Zusammenfassung fort. „Die Spurensicherung hat am Fundort nicht einen Hinweis entdeckt, der uns weiterhelfen könnte. Keine Reifeneindrücke von einem Fahrzeug, keine Fußspuren, außer denen von Kühnle und seinem Hund, keine Textilteilchen, Zigarettenreste oder etwas anderes Verwertbares, rein gar nichts. Die Leiche muss aus der Luft über dem Weinberg abgeworfen worden sein.“
„Das hätte man vermutlich bemerkt“, warf Larissa ein.
„Was hat die Untersuchung in der Rechtsmedizin ergeben?“, fragte Malte.
„Die Leiche ist umgehend ins Institut für Rechtsmedizin nach Heidelberg gebracht worden. Der diensthabende Mediziner hat unsere Einlieferung auf die Prioritätenliste gesetzt. Hier ist der vorläufige Bericht, kam vor zwei Stunden per Fax.“ Erol hob ein Blatt in die Höhe. „Die erste Erkenntnis lautet: Der Mann ist nicht eines natürlichen Todes gestorben! Wer hätte das gedacht?“
Auf dem Tisch lagen vergrößerte Fotos, die am Sonntagmorgen direkt an der Fundstelle aufgenommen worden waren. Dazu warf Erol nun einen weiteren Packen mit Aufnahmen der Gerichtsmedizin. „Das Merkwürdige ist, dass nicht die Verletzungen zum Tod des Mannes geführt haben.“
„Wie bitte?“, fragte Larissa. „Allein der abgeschnittene Penis hat doch zu einem Blutverlust geführt, der tödlich gewesen sein muss.“
„Richtig. Einen derartigen Verlust überlebt kein Mann“, bestätigte Erol, „aber das Opfer war bereits tot, als man ihm die Verletzungen zugefügt hat. Wir haben die Einschüsse im Gesichtsbereich übersehen.“
„Warum wurde das Gesicht des Opfers so verwüstet, wenn der Mann schon tot war?“, wollte Marco wissen, der die Fotografien eingehend betrachtete.
„Keine Ahnung. Vielleicht war’s ein Psychopath“, antwortete Erol. „Die Gerichtsmediziner gehen jedenfalls davon aus, dass der Mann vor den Misshandlungen erschossen wurde. Drei Kugeln Kaliber fünf Komma sechs sind über der Nasenwurzel und durch das Jochbein in den Schädel eingedrungen. Zwei Geschosse steckten im Großhirn. Das dritte hat sich im Kleinhirn aufgepilzt.“
„Aufgepilzt?“ Marco blickte Erol an.
„Bei einer Kleinkaliberpatrone handelt es sich nicht um ein Vollmantelgeschoss, wie es bei größeren Kalibern üblich ist. Kleinkaliberkugeln haben eine geringere Durchschlagskraft und ihre Ummantelung ist deutlich weicher. Tritt das Geschoss nicht aus dem Körper aus, weil die inneren Gewebewiderstände es sozusagen ausbremsen, kann die Ummantelung aufreißen, was dann ‚Aufpilzen‘ genannt wird.“
Marco nickte.
„Leider kann der Zeitpunkt des Todes vorerst nicht eindeutig bestimmt werden. Möglicherweise könnte eine Obduktion für mehr Klarheit sorgen. Es wird vermutet, dass der Tod zwischen zwölf und achtundvierzig Stunden vor der Entdeckung der Leiche eingetreten ist.“
„Was soll das heißen?“, unterbrach Larissa, die auf ihrem Notizblock die Zahlen Zwölf und Achtundvierzig mit einer breiten Linie verband.
„Das bedeutet, dass der Mann irgendwann zwischen Freitagmorgen und Samstagabend getötet wurde. Tut mir leid, exakter geht’s vorerst nicht“, entschuldigte sich Erol.
„Wir beantragen morgen eine Obduktion. Gibt es Hinweise zur Identität und dem Alter des Opfers?“, mischte sich Malte ein, der wusste, wie kompliziert es war, den Todeszeitpunkt festzustellen, wenn man eine Leiche fand, die vielleicht schon seit vielen Stunden bei Bodenfrost unbekleidet im Freien gelegen hatte.
„Nichts Genaues weiß man nicht!“ Erol hob die Schultern. „Immerhin wurde unser erster Eindruck bestätigt, dass es sich um einen Asiaten handelt. Anhand des röntgenologischen Kieferbefundes wird sein Alter auf Mitte zwanzig bis Mitte dreißig geschätzt. Und hier steht …“, Erol schaute auf den Berichtsbogen, „… das Opfer gehört zur südmongoliden Ethnie und weist eine sinide Typisierung auf.“
„Bitte übersetzen!“, forderte Claudia, die geometrische Figuren auf ihren Schreibblock malte.
„Ich kann’s nicht übersetzen, hab’s aber gegoogelt. Die Charakteristika der siniden Typisierung sind unter anderem ein schlanker, mittelgroßer Körperwuchs, hervortretende Jochbeine, eine flache Nasenwurzel, gelblich braune Hautfärbung …“
„Erol! Mach’s kurz! Wo kommt der Mann her?“, drängte Claudia.
„Die Physiognomie des Opfers besitzt Merkmale, die für Menschen typisch sind, die aus dem mittleren und nordwestlichen China stammen oder deren genetische Vorfahren aus dieser Region …“
„Ein Chinese! Das hat uns gerade noch gefehlt!“, unterbrach Malte.
„Sorry, dass ich keine erfreulichere Nachricht habe. Menschen dieser Art leben auf der ganzen Welt verstreut: In den USA und Kanada leben etliche Millionen, in Südostasien und in Australien gibt es große chinesische Communities, in Singapur sind siebzig Prozent der Bevölkerung Chinesen. In Deutschland lebt eine Viertel Million, darunter mehrere Tausend Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Gastdozenten alleine an den Universitäten in Heidelberg und Mannheim.“
„Na ja, auch wenn das Alter noch passen könnte, ein Student wird das Opfer nicht gewesen sein“, wehrte Claudia ab.
„Vielleicht ein Doktorand?“, warf Malte ein.
Seine Vorgesetzte schüttelte den Kopf. „Morgen wird in allen Hochschulen nachgefragt, ob Chinesen vermisst werden. Larissa, übernimm du das. Mach in den Sekretariaten ordentlich Druck. Am Nachmittag will ich Ergebnisse sehen.“
„Ich möchte mich nicht einmischen, ich bin kein Kriminalbeamter.“ Marco hatte sich während Erols Vortag emsig Notizen gemacht. „Helfen uns vielleicht die Tätowierungen weiter?“
„Kann man noch nicht sagen. Auch das werden wir prüfen“, antwortete Erol, zog aus einem Stapel eine großformatige Farbfotografie vom Rücken der Leiche heraus und hob sie in die Höhe. Sofort ins Auge fiel ein sprungbereiter Tiger, der grimmig die Zähne fletschte und von acht gleichschenkligen Dreiecken und asiatischen Schriftzeichen umkreist war. Das aufwendige Arrangement beanspruchte fast die gesamte Fläche von den Schulterblättern bis hinunter zum Steiß. Daneben gab es noch kleinere, ornamentartige Tätowierungen im Nacken und auf den Armen des Opfers.
„Kann mir jemand sagen, ob das chinesische, japanische, koreanische oder sonst welche Schriftzeichen sind?“, forderte Claudia mit leicht gereizter Stimme.
Die Runde schwieg zunächst, dann wagte sich Larissa vor. „Ich schätze, es sind chinesische Zeichen.“
„Schätzen heißt nicht wissen. Ich will wissen, welche Bedeutung die Zeichen haben und was es mit diesen Ornamenten auf sich hat. Wer klärt das bis morgen Mittag?“
„Das im Nacken ist eine Yantra-Tätowierung, da bin ich mir sicher“, gab Larissa ein wenig eingeschnappt zurück.
„Yantra-Tätowierung?“
„Das sind religiöse Ornamente, die einen Bezug zum Buddhismus haben. Solche Tattoos sollen Glück, mystische Kräfte und Schutz vor dem Bösen verleihen. Sie sind in Südostasien sehr beliebt.“
„Dein Urlaub in Thailand hat sich ja sogar beruflich gelohnt“, kommentierte Claudia. „Was können wir aus dem bisher Bekanntem schlussfolgern?“
Es war Marco, der als Erster eine Idee hatte. „Die Kleinkaliberwaffe, ein misshandeltes asiatisches Opfer, das ohne Kleidung abgelegt wurde, die Tätowierungen …“
„Das Opfer wurde abgelegt?“, unterbrach ihn Claudia und dachte dann ebenfalls laut nach: „Welcher Mörder aus Leidenschaft, Rachsucht oder Geldgier macht sich die Mühe, sein Opfer zuerst zu erschießen, dann vollständig zu entkleiden, es zu schänden und die Leiche schließlich unter Vermeidung jeglicher Spuren an eine Stelle zu verfrachten, wo sie innerhalb kürzester Zeit gefunden werden musste?“
Malte griff nach einem Energieriegel und antwortete: „Du meinst, wenn es kein Wahnsinniger war, wurde die Leiche als Warnung in den Weinberg gebracht? Eins ist klar: Wenn jemand eine Leiche tatsächlich verschwinden lassen will, wählt er ganz sicher nicht den Madonnenberg kurz vor der Weinlese.“
Marco schlug eine weitere eng beschriebene Seite seines Notizblocks um. „Euch ist ganz sicher bekannt, dass Kleinkaliberwaffen nicht nur bei Sportschützen, sondern auch bei organisierten Banden und unter Auftragskillern beliebt sind. Kleinkaliber sind bei präzisen Schussserien leichter zu kontrollieren und ihr Lärmpegel ist geringer als der größerer Kaliber.“
„Das ist uns bekannt. Trotzdem vielen Dank für den Hinweis“, unterbrach Claudia den Schutzpolizisten im mittleren Dienst, der daraufhin das Thema wechselte.
„Frau Kriminalrätin, Sie sollten mir noch konkrete Vorgaben für die morgige Pressekonferenz geben. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich ein wenig aufgeregt bin. Ich habe so etwas noch nie gemacht.“
Claudia nickte und sah, wie erledigt ihre Mannschaft war. „So, Leute, ihr geht jetzt nach Hause. Ich bereite mit Marco noch kurz die Pressekonferenz vor.“
Als die Truppe den Raum verlassen hatte, beruhigte Claudia ihren neuen Mitarbeiter. „Schon vergessen? Mein Name ist Claudia. Natürlich bist du bei der Pressekonferenz nicht alleine. Wir schaffen das!“
14
„Klingen… Autsch! So ein Mist!“
William hatte den Lautsprecher seines Smartphones eingeschaltet, aus dem nun ein klirrendes Geräusch drang. Ein Gegenstand musste auf einen harten Untergrund gefallen und dort zerbrochen sein.
„Hallo, mit wem spreche ich? Hallo! Wer sind Sie?“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang genervt. William war überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass die vierstellige Telefonnummer tatsächlich zu einer Verbindung führen würde. Er erinnerte sich an seine amerikanische Großmutter, die jedermann Grandma Quaggy nannte. Sie war ebenfalls unter einer vierstelligen Telefonnummer erreichbar gewesen und hatte auf einer kleinen Farm inmitten der Sumpflandschaft westlich von New Orleans gelebt, wo es furchterregende Schlingpflanzen und zu jeder Jahreszeit Milliarden hinterlistiger Stechmücken gab. Aber ihr Jambalaya-Eintopf war eine Sensation: Statt Schinken ihrer stachligen Hausschweine verwendete die alte Lady als Suppeneinlage frische Ananas und das Brustfleisch von Flugkormoranen, die sie mit einer Schrotflinte vom Himmel pflückte. Aber all das lag eine halbe Ewigkeit zurück. Grandma Quaggy hatte längst das Zeitliche gesegnet.
„Hallo! Verdammt noch mal, warum melden Sie sich nicht?“
Sollte das wirklich die Stimme der Nichte seiner Mutter sein? Dann wurde die Verbindung beendet und William wurde aus dem Louisiana der Vergangenheit wieder in die deutsche Gegenwart katapultiert. Er hatte sich seinen Begrüßungssatz auf Deutsch vorerst umsonst zusammengestellt.
Der Vorname seiner Cousine war Frauke, dessen hartes „r“ und kantiges „k“ für Williams Geschmack nicht übermäßig weiblich anmuteten. Frauke lebte in Rebheim und war, wollte er den Aufzeichnungen seiner Mutter glauben, ein Jahr jünger als er. Das war aber auch schon alles, was William über diese Frau wusste. Seine Mutter hatte sich stets bemüht, ihm ihre deutsche Heimat und die dort zurückgelassene Familie näherzubringen. Aber William hatte damals weder an der deutschen Verwandtschaft noch an seiner Mutter Interesse gezeigt. Der einzige Mensch, der für den heranwachsenden Billy zählte, war sein Vater gewesen, der heldenhafte, im Dschungel von Kambodscha verschollene FBI-Agent Vincent LaRouche.
Doris Klingenberger hatte, nachdem sie dem damals einundzwanzigjährigen Vincent nach Amerika gefolgt war, nicht ein einziges Mal ihre kurpfälzische Heimat wiedergesehen. Ihr Leben kreiste nach dem Verschwinden ihres Ehemanns zunächst um den kleinen William und den Alkohol, später um Jesus Christus und die Herstellung opulenter alkoholfreier Torten. Ihre deutsche Familie war offenbar auch mit sich selbst beschäftigt und so bestand von beiden Seiten kein nachhaltiges Bedürfnis an einer Aufrechterhaltung der Verbindungen; vergilbte Fotos und verklärte Erinnerungen mussten ausreichen.
Inzwischen waren mehr als vierzig Jahre vergangen. Nur von einer einzigen Person hatte Doris eine Telefonnummer ausgegraben. Es war die ihrer Nichte Frauke. William gab sich einen Ruck und tippte nach der Ortsvorwahl die vierstellige Nummer erneut in das Display seines Smartphones.
Nach dem Telefonat mit Frauke blieb William noch ein paar Minuten nachdenklich in seinem Sessel sitzen. Hatte er Fraukes Nummer in Wahrheit seiner Mutter zuliebe gewählt? William schüttelte den Kopf. Welch ein blödsinniger Gedanke. Frauke hatte seinen zweiten Anruf mit freundlicher Stimme angenommen, sprach ein passables Englisch und man hatte sich zu einem gemeinsamen Abendessen in Rebheim verabredet. Warum auch nicht, sie waren schließlich verwandt. Womöglich könnte ihm seine Cousine sogar Informationen über den mysteriösen Leichenfund auf dem Madonnenberg liefern?
15
Suwannee öffnete die Augen. Wie lange hatte sie geschlafen? Ihre Gesichtshaut brannte unter den Klebebändern, die Kniegelenke fühlten sich wie eingefroren an, obwohl der Mann die Beinfesseln gelockert hatte. Das Schlimmste waren die scharfen Kanten der Kabelbinder, die in ihre Haut schnitten. Ihre Kehle war staubtrocken und die Zunge schien sich in einen trägen Klumpen verwandelt zu haben.
Suwannee rollte sich zur Seite und zog, so gut es ihr möglich war, die Wolldecke über ihren Körper. Glücklicherweise hatte der Mann den Heizlüfter eingeschaltet. Die trockene, warme Luft tat gut und verdrängte immerhin ein wenig den muffigen Kellergeruch in ihrer direkten Umgebung.
Suwannee versuchte sich auf ihre Atmung und den Herzschlag zu konzentrieren. Sie erinnerte sich an den Park des Golden Heaven Palace, der schlossähnlichen Residenz der Pisuphan-Familie im vornehmen Seebad Hua Hin, zwei Autostunden südlich von Bangkok gelegen. Dort verbrachte die Familie, begleitet von Freunden und Verwandten, regelmäßig die heiße Jahreszeit, wenn im April und Mai die Temperaturen in Bangkok auf unerträglich schwüle vierzig Grad kletterten. Suwannee sah den Jadeteich, der sich wie verwunschen inmitten üppiger Dschungelvegetation versteckte. Wie oft hatte sie dort mit ihrem Vater gesessen und mit ihm das Spiel der Tigerlotus-Blüten beobachtet. Suwannees Atem ging ruhig, die Schmerzen ließen allmählich nach. Ihr Vater hatte ganz sicher ihre Befreiung bereits in die Wege geleitet und Pokwang, sein bester Mann für knifflige Situationen, war schon auf der Suche nach ihr. Hatte Pokwang die deutsche Polizei informiert oder Verstärkung aus Bangkok angefordert? Wieder zog es Suwannee zum Jadeteich. Der Tigerlotus faszinierte sie immer wieder von Neuem, wenn sich seine unschuldig weißen Blütenblätter bei Sonnenuntergang öffneten, nachdem sie tagsüber fest verschlossen geblieben waren.
Suwannee schreckte auf. Eine Hand berührte ihre Schulter. Die grässliche Merkel-Maske war zurückgekehrt und grinste sie an.
„Hallo“, kam es blechern aus dem Akustikverzerrer. „Gut geschlafen, meine Prinzessin?“
Suwannee musste über ihre Erinnerungen eingenickt sein. Der Mann zog ihr das Klebeband vom Mund, entfernte die Fußfesseln und schnitt auch die Kabelbinder an den Handgelenken auf. Suwannee konnte sich das erste Mal seit ihrer Gefangennahme wieder einigermaßen ungehindert bewegen.
„Ich schlage vor, du machst dich jetzt ein wenig frisch. Dann isst du etwas. Du musst wieder in Form kommen, wir haben viel zu besprechen.“
Suwannee sah, dass der Mann einen Korb mit Lebensmitteln mitgebracht hatte, dann blickte sie zu der Duschkabine in der gegenüberliegenden Ecke ihres Gefängnisses.
„Ich habe Durst.“
„Natürlich.“ Der Mann zog eine Flasche aus dem Korb und entfernte den Verschluss. „Du magst doch stilles Wasser? Alle Frauen mögen stilles Wasser.“
Suwannee nahm die Flasche und schüttete die Hälfte des Inhalts ohne Abzusetzen in ihre ausgedörrte Kehle.
„Also abgemacht: Du nimmst eine Dusche und machst dich hübsch. Du kannst essen, wenn ich wieder zurück bin, und wir überlegen, wie es weitergeht. Ich gebe dir zwanzig Minuten.“
Suwannee zwang sich in ihre zerknitterten und verschwitzten Kleider. Trotz der Dusche ekelte sie sich in ihrer seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gewechselten Unterwäsche. Auch ihre Bluse und der Pullover rochen unangenehm. Sie war gerade wieder in ihre Stiefel geschlüpft, als sich die Tür öffnete und der Mann hereintrat.
„Na, geht’s jetzt besser?“
Suwannee antwortete nicht. Sie kauerte sich auf die Matratze und massierte ihre geschundenen Handgelenke.
„Kabelbinder sind praktisch, aber nicht angenehm. Tut mir leid.“ Der Mann zog eine Tube mit einer Wundsalbe aus seiner Kitteltasche und reichte sie Suwannee. Dann schob er den Korb in ihre Nähe.
„Du musst etwas essen.“
„Wie stellen Sie sich unsere sogenannte Partnerschaft vor?“ Suwannee war über den geschäftsmäßigen Klang ihrer Stimme überrascht.
„So gefällst du mir. Da spricht die zukünftige Herrscherin über ein Milliardenimperium.“
„Was sind Ihre Forderungen?“ Suwannee strich sich ein paar feuchte Strähnen aus dem Gesicht. Dabei fiel ihr Blick auf den Inhalt des Korbes. Dort gab es Obst, Naturjogurt, eine Packung Kräcker, Bio-Müsliriegel, Schweizer Schokolade, weitere Plastikflaschen mit stillem Wasser und kleine Glasflaschen mit verschiedenen Fruchtsäften. Der Mann hatte sogar an Papierservietten gedacht.
Ein merkwürdiger Kerl, überlegte Suwannee und erinnerte sich an die Situation, als er sie mit der flachen Hand geschlagen hatte. Dieser Mann spielte den harten Burschen, war aber weit davon entfernt, einer zu sein. Suwannee kannte sich mit harten Jungs aus. Einige von ihnen arbeiteten für ihren Vater. Es waren Profis mit eiskalten Herzen wie Pokwang, der einer Gefangenen niemals eine Creme für die Behandlung von Hautverletzungen angeboten hätte.
„Du solltest mal die Weintrauben probieren. Frische Ernte aus der Region, garantiert ungespritzt. So etwas bekommt selbst eine asiatische Prinzessin nicht alle Tage.“
Suwannee griff nach einer Weintraube. Was sollte das hier werden? Ein unterirdisches Picknick? Schon jetzt tat ihr der Mann leid. Wenn man ihn aufgespürt hatte, würde er den Tag, an dem er geboren wurde, verfluchen. Sie erinnerte sich an einen Fall, als vor Jahren in Bangkok der zwölfjährige Sohn eines Geschäftsfreundes ihres Vaters verschleppt wurde. Die Familie entschied damals, auf den Einsatz der Polizei zu verzichten und ganz auf den eigenen Sicherheitsdienst zu vertrauen. Nach achtundvierzig Stunden war der Junge wieder frei und die fünf Entführer, allesamt Mitglieder einer kambodschanischen Gangsterbande, lagen erschossen und mit ausgestochenen Augen vor dem Hauptquartier der Royal Thai Police in Bangkok.
„Ich würde jetzt gerne hören, was Sie mit mir vorhaben.“
„Okay. Wie es die Prinzessin wünscht!“ Der Mann beugte sich ihr entgegen. „Dann hör mir jetzt gut zu: Der Preis für dein Leben beträgt dreißig Millionen. Die Hälfte in Euro, die andere Hälfte in US-Dollar. Und ich will alles in bar. Gebrauchte, kleine Scheine. Hast du verstanden?“
Suwannee musste sich beherrschen, um nicht laut zu lachen. „In bar? In welcher Welt leben Sie? Soll das Geld von Bangkok mit einem Lastwagen auf dem Landweg transportiert werden? Wissen Sie, welchen Platzbedarf und welches Gewicht dreißig Millionen in kleinen Scheinen haben?“
„Weiß ich“, behauptete der Mann. „Deine Aufgabe ist es, deinem Vater klarzumachen, dass er zu bezahlen und sich an meine Anweisungen zu halten hat, wenn er seine Tochter lebend wiedersehen will.“
Suwannee war mittlerweile überzeugt, dass sie in die Hände eines versponnenen Amateurs geraten war. Und selbst wenn ihr Entführer Helfer haben sollte, waren sie vermutlich ähnlich beschränkt und keine Herausforderung für Pokwang und seine Männer.
„Okay, was habe ich zu tun?“, fragte sie höflich. Sie wollte gute Miene zum lächerlichen Spiel machen und damit Zeit gewinnen. Pokwang wartete vermutlich nur auf Unterstützung aus Bangkok, um sie aus diesem Keller zu befreien.
„Ich komme bald zurück. Dann besprechen wir die Details. Schade, dass du nichts gegessen hast. Ich muss dir jetzt die Fesseln und den Knebel wieder anlegen. Sorry, aber du solltest zukünftig befolgen, was ich dir rate. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Wir spielen keine Spielchen. Darauf kannst du dich verlassen!“
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