Kitabı oku: «Welt als Körper»
Thomas Erthel
Welt als Körper
Die Darstellung von Ganzheit bei Swift, Voltaire und Melville
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-7720-8662-5 (Print)
ISBN 978-3-7720-0103-1 (ePub)
Inhalt
Danksagung
I Einleitung: „The meaning of the figure is undecidable“
II Theoretische Konzepte und Fragestellungen
1 Das expandierende Welt-System1.1 Expansion, die endliche Erdoberfläche und Kompression1.2 Die Ganzheit des Teils und die Ganzheit des Ganzen1.3 ‚Eine‘ Welt und ‚die‘ Welt1.4 Asymmetrie und Ein(s)heit
2 Darstellung von Ganzheit 2.1 Blickperspektiven 2.2 Unsichtbarkeit und Paranoia 2.3 ‚Welt‘ und Literatur 2.4 Körper und Ganzheit
III Lektüren
1 Präliminarien: „Die Welt, sage ich, ist eine Muschel“
2 Jonathan Swifts Gulliver’s Travels2.1 Prolog: Ideenimport aus den Kolonien (A Modest Proposal)2.2 Hinführung: Ganzheit in den vier Teilen der Travels2.3 Bezüge auf die Erde2.3.1 Paratextuelle Reflexion auf Reiseliteratur2.3.2 Lokalisierung der ‚Nationen‘2.3.3 Kartografischer Maßstab und „Erzählprojektion“2.4 Parodien politischer Körper und Figuren der Ganzheit2.4.1 „Golbasto“: Ein globaler Leviathan?2.4.2 Politische Körper jenseits des Königskörpers2.5 Erdumspannender Kolonialismus2.5.1 Die Rolle der Yahoos im kolonialen Kontext2.5.2 „This whole Globe of Earth“: Kompression und kolonialer Konsum2.6 Die Außenperspektive auf Ganzheit2.6.1 Der Globus und die Sicht der Herrscher2.6.2 Die blinde Außenperspektive der Kolonialherren2.7 Schluss: Yahoos in der englischen Heimat
3 Voltaires Candide ou l’Optimisme3.1 Prolog: Eskalierende Außenperspektive (Micromégas)3.2 Hinführung: Die ‚bestmögliche Welt‘ und das Welt-System3.3 Gute Welt, schlechte Erde?3.4 Einsheit der Ganzheit3.4.1 Vergrößerung der Bezüge und erhöhtes Erzähltempo3.4.2 „Sur ce globule“: Die komprimierte Ganzheit3.4.3 Verkettet-Sein der Ganzheit3.4.4 Synchronität der Ganzheit3.5 Asymmetrie der Ganzheit3.5.1 Die Ganzheit und die Neue Welt3.5.2 „Paradis terrestre“: Optimismus und Welt-Handel3.5.3 „Étendu par terre“: Der Sklavenkörper und das Ganze3.5.4 Der koloniale Zusammenhang als Krankheit3.6 Schluss: „Petite terre“ oder „globule“?
4 Herman Melvilles Moby-Dick; Or, the Whale4.1 Hinführung: Schiff, Wal, Welt, und Walfanggründe4.2 Das Schiff, die Crew und die Ganzheit4.2.1 „Water-Gazers“: Die Figur der Ganzheit ‚world‘ und ihre Sichtbarkeit4.2.2 Zwischen Staatsmetaphern und einer ‚Welt im Kleinen‘4.3 Tiere, Menschen und die Ganzheit4.3.1 „Mitten durchs Tier“: Beschreibung und Vermessung großer Tiere4.3.2 „Die Welt ist Jagd“: Walkunde, Waljagd und die Tiefe4.3.3 Vortex: Der menschliche Körper als Himmelskörper4.4 Japan und die Jagd nach Moby Dick4.4.1 „World-watching“: Zur ‚Öffnung‘ Japans4.4.2 „Circumnavigating“: Die Ost-Ausrichtung der Pequod4.4.3 „Ah, the world!“: Kolonialismus und Walfang4.4.4 „Level by nature“: Lokalisierung des Weißen Wals4.4.5 „Dismasted“: Der versehrte Körper und der Welt-Markt
IV Schluss: „The Earth reeking with the Blood of its Inhabitants“
Literaturverzeichnis
Register
Für S.
Danksagung
Wissenschaftliche Arbeit findet nicht im Vakuum eines Elfenbeinturms statt, sondern sie produziert stattdessen äußerst konkrete Probleme und Aufgaben, deren Bewältigung mir ohne die Hilfe von großzügigen Menschen, die mir ihre Gesellschaft, Zeit und Unterstützung geschenkt haben, unmöglich gewesen wäre. Mein persönlicher Dank dafür gilt Peter, Tobias, Nora, Petra, Valentin, Philipp, Brigitte Rath, Agatha, meinen Eltern Mira und Klaus, Daniel, Emidio und Sema.
Das Schreiben meiner Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde durch ein dreijähriges Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Graduiertenkollegs „Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung“ gefördert. Nicht zuletzt aus den Gliedern des Gemeinschaftskörpers dieses Kollegs – Doktoranden, Professoren, Assoziierten und Gästen – ging der hiesige Text hervor. Besonders hervorzuheben ist Prof. Dr. Robert Stockhammer, der meine Forschung von Beginn an geprägt und mich als Erstbetreuer stets hervorragend unterstützt hat; für das stets freundliche und konstruktive Input meines Zweitbetreuers Prof. Dr. Jörg Dünne bin ich ebenfalls sehr dankbar.
Der Druck meiner Dissertation wurde durch das DFG-Graduiertenkolleg „Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung“ und die Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften durch großzügigen Druckkostenzuschuss finanziert. Hierfür bin ich äußerst dankbar. Meinem Verlagslektor Tillmann Bub gilt mein Dank für seine immer zuverlässige Unterstützung im Zuge des Publikationsprozesses dieses Buchs.
I Einleitung: „The meaning of the figure is undecidable“
Wie wird GanzheitGanzheit in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts dargestellt? Um dieser Frage nachzugehen, wird hier auf Wörter wie ‚Welt‘, ‚Erde‘, ‚Globus‘ etc.,1 die größere Ganzheiten evozieren, fokussiert, und die literarische Arbeit an diesen Termini analysiert. Im Anschluss an bereits vorliegende Ansätze werden diese Wörter unter dem Überbegriff ‚Figuren der Ganzheit‘2 – im Folgenden: FdG – zusammengefasst. In Antwort auf die Ausgangsfrage vertritt meine Studie die These, dass die untersuchten literarischen Texte die Bedeutung(en) von FdG aktiv bearbeiten, indem sie die Inszenierung menschlicher und tierischer Körper mit der Darstellung von Ganzheit verschränken. D.h. die literarischen Texte führen die Nennung von FdG mit der Darstellung von Körpern eng und manipulieren im Zuge dessen die Bedeutung(en) der FdG. Im Folgenden werden kanonische Texte der westlichen Literatur in den Blick genommen: Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726), Voltaires Candide ou l’Optimisme (1759) sowie Herman Melvilles Moby-Dick; Or, The Whale (1851) stellen die zentralen Gegenstände der literaturwissenschaftlichen Analyse dar (vgl. Abschnitt III).3
Die FdG werden im Zuge dieser Engführungen mit inszenierten Körpern wahlweise als ‚komprimiert‘/‚ausgedehnt‘, ‚chaotisch‘/‚geordnet‘‚ ‚klein‘/‚groß‘ etc. beschrieben, mit anderen FdG kombiniert, oder sie werden in (bekannte und unübliche) Wortkombinationen überführt (man denke zur Illustration an die schier endlose Liste von Weltkomposita: Welt-Markt, Welt-Krieg, Welt-Karte, etc.).4 In besonders prominenten Fällen werden die FdG auch kreativ in ihrem Wortmaterial verändert, d.h. beispielsweise vom ‚globe‘ (frz.) in ein ‚globule‘ (etwa: ‚Erdkügelchen‘) gewandelt (vgl. zu diesem konkreten Beispiel III.3.4.2).
Dies geschieht in Wechselwirkung mit Körpern, die als stark vergrößert oder verkleinert dargestellt werden (und so in ein neues (Größen-)Verhältnis zum ‚großen Ganzen‘ treten können), in staatspolitische Kontexte rücken (und so auf internationales Geschehen reflektieren), auf koloniale Praktiken verweisen (und damit einen transkontinentalen Ereigniszusammenhang sichtbar werden lassen), in Bedeutungszusammenhängen der TheodizeeTheodizee erscheinen (womit sie Fragen nach dem Ganzen aus religiöser Perspektive verhandeln), oder gar metaphorisch mit FdG – allen voran ‚Welt‘ – in eins gesetzt werden. Im Laufe der hier untersuchten Texte ist ‚Welt‘ beispielsweise einmal ‚Muschel‘ (vgl. III.1) und einmal ‚Wal‘ (III.4.3.2), wird also mit tierischen Körpern in eins gesetzt. Nicht zuletzt lassen sich mehrfach (zumindest tentative oder satirische) In-Eins-Setzungen des menschlichen Körpers mit FdG nachweisen. Diese Inszenierungen des menschlichen Körpers als ‚Welt‘ stellen einen Extrempunkt dar und können in allen drei Haupttexten isoliert werden.
In der Relation zwischen FdG und Körpern wird dabei ein automatisierter Bezug auf die Totalität unterbrochen, zugunsten einer Reflexion auf GanzheitGanzheit. Ausgehend von sehr grundsätzlichen, von den Texten z.T. explizit formulierten Fragen, – etwa ‚Was ist die Welt?‘, ‚Kann man die Ganzheit sehen?‘ – wird so Platz geschaffen für die Neu-Beschreibung stark raumgreifender Prozesse (Kolonialismus, SklavenhandelSklavenhandel, militärische Konflikte, Welt-HandelWelt-Handel (Welt-Markt)), die die Eigenschaften der dargestellten Ganzheit bestimmen.
Wie sich in diesen Ausführungen bereits andeutet, werden die literarischen Texte also hinsichtlich ihrer Reaktion auf, bzw. Interaktion mit, spezifischen historischen Kontexten untersucht. Diese Kontexte werden hier in den größeren Zusammenhang der von Immanuel Wallerstein beschriebenen ‚ExpansionExpansion des Welt-SystemWelt-Systems‘ eingeordnet (vgl. II.1.1), womit im Wesentlichen die Ausdehnung des kapitalistischen Systems beschrieben werden soll. Dieses erreicht im Lauf des 19. Jahrhundert19. Jahrhundert (Welt-System)s erstmals den Status eines globalen, d.h. erdumfassenden Zusammenhangs (s.u.). Die Prozesse dieser Expansion also, und deren erstmaliges Global-Werden, werden als zentraler Kontext der untersuchten literarischen Texte herangezogen.
Die Rede von Figuren der GanzheitGanzheit impliziert, dass keine letztgültige Definition der oben genannten Wörter (‚Welt‘, ‚Erde‘, ‚Globus‘ etc. – bzw. in den Sprachen des gewählten Textkorpus ‚world‘, ‚monde‘, ‚earth‘, ‚terre‘ sowie ‚globe‘) gegeben werden kann und soll; sie werden somit nicht als „Begriffe“ (Stockhammer, „Welt“ 48) im Sinne eines fest definierbaren Inhalts verstanden. Stattdessen ist ihre Bedeutung im Einzelfall jeder Verwendung stets neu zu bestimmen, d.h. „ihre Polysemien und Polyvalenzen lassen sich allenfalls in je spezifischen Verwendungszusammenhängen explizieren, nicht jedoch durch definitorische Maßnahmen ein für alle Mal regeln.“ (Stockhammer, „Welt“ 69)5 Damit lassen sich spezifische Bedeutungen dieser Figuren isolieren, ohne sie auf eine dieser Bedeutungen zu reduzieren. So richte ich mich auch nach dem Verständnis von ‚FigurFigur‘, wie Gayatri C. Spivak sie beschreibt: „The meaning of the figure is undecidable, and yet we must attempt to dis-figure it, read the logic of the metaphor.“ (71) Anstatt also eine externe Definition oder Konzeption von ‚Welt‘ – oder einer anderen FdG – an die Texte heranzutragen,6 wird hier auf die Arbeit der Texte selbst an ‚Welt‘, ‚Erde‘, ‚Globus‘ etc. als Figuren eingegangen. Daraus ergibt sich ein Prozess der Deutung der FdG, der Ergebnisse zeitigt, ohne diese als allgemeingültig festzusetzen. Die jeweiligen Bedeutungsnuancen der FdG sind im Einzelfall durch close reading und die Einbettung der Texte und Textstellen in ihren etymologischen und historischen Kontext zu ermitteln.7
Denis E. Cosgrove schreibt: „Three English words commonly describe this planet: earth, world, and globe. Used interchangeably, each has distinct resonance.“ (7) Damit beschreibt er eine komplexe Konstellation, welche die genannten Vokabeln erzeugen. Sie alle bezeichnen „üblicherweise“ „diesen Planeten“ und damit ist gemeint: ‚unseren‘, den der Menschen.8 So scheint einerseits die Referenz als ‚dieser/unser Planet‘ fassbar; man könnte behelfsmäßig sagen: der „menschliche Standort, der Planet Terra“ (Sloterdijk, Weltinnenraum 15) ist gemeint. Doch obwohl die von Cosgrove genannten FdG einerseits verwendet werden, als seien sie austauschbar, tragen sie andererseits „verschiedene Resonanz“ in sich. Anders gesagt sichert die Rede vom selben ‚Planeten Terra‘ noch nicht ein geteiltes Verständnis von dieser GanzheitGanzheit in Bezug auf deren Eigenschaften. Besieht man sich zur Illustration die FdG ‚globe‘ im Kontext der jüngeren Globalisierungstheorie, so lässt sich feststellen, dass deren Etymologie sowohl auf ‚Kugel‘ als auch auf ‚Klumpen‘ zurückverfolgt werden kann (vgl. Nancy 14). Wer ‚globe‘ sagt, kann also äußerst verschiedene Vorstellungen von der Ganzheit verstanden wissen wollen und dies gilt genauso für andere FdG:
So wie ‚Abendstern‘ und ‚Morgenstern‘ die gleiche Bedeutung besitzen (auf die man am einfachsten mit dem Wort ‚Venus‘ referiert), ihr Sinn, also die „Art des Gegebenseins des Bezeichneten“, sich jedoch unterscheidet, so besitzen auch ‚Erde‘ und ‚Welt‘ in vielen Kontexten die gleiche Bedeutung, während die Unterschiede ihres Sinnes durchaus beträchtlich sind. ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘ entsprechen einander also nicht. (Stockhammer, „Welt“ 51)
So besteht die Gefahr einer „Verwechslung zwischen Sinn und Bedeutung, also zwischen der Funktion des Wortes, etwas zu bedeuten und dabei gleichzeitig einen Sinn zu evozieren, und derjenigen, diesen Vorgang unter Ausschaltung des Sinns auf eine Bedeutung zurückzuführen (zu vereindeutigen).“ (Stockhammer, „Welt“ 52) Missverständnisse, oder genauer (und problematischer), scheinbare ‚Verständnisse‘, sind so vorprogrammiert, da angenommen wird, lediglich mit unterschiedlichen Wörtern ‚vom Selben‘ zu sprechen. Entgegen dieser Annahme kann eine nuancierte Analyse von ‚Welt‘, ‚Erde‘, ‚Globus‘ etc. als Figuren einen differenzierten Blick auf GanzheitGanzheit ermöglichen. Dabei soll stets die von Cosgrove beschriebene Spannung zwischen der Verwendung der Figuren in ihrer (vermeintlichen) ‚Austauschbarkeit‘ einerseits und deren ‚verschiedenen Resonanzen‘ andererseits mitgedacht werden.
Der zu untersuchende Zeitraum (frühes 18. bis Mitte 19. Jahrhundert) wurde gewählt, da er für das Themenfeld der GanzheitGanzheit einen äußerst bewegten darstellt. Zur Illustration hierfür kann auf Globalisierungstheorien verwiesen werden, die für diesen Zeitabschnitt Prozesse ‚beschleunigter Verflechtung‘ beschreiben.9 Die Prozesse selbst sind dabei zu großem Teil kolonialer Natur. Man denke etwa, diesen Zeitraum betreffend, an die Intensivierung des britischen Sklavenhandels nach 1713 (der die Dominanz der französischen Kolonialmacht in diesem Bereich abzulösen beginnt), den Siebenjährigen Krieg (1756–1763), der aufgrund der Ausdehnung seiner – aus der Konkurrenz zwischen den Kolonialmächten England und Frankreich hervorgehenden – Konfliktherde auch als ‚Welt-Krieg‘ beschrieben wird, sowie neben dem englischen und dem französischen an den amerikanischen Imperialismus, der sich im 19. Jahrhundert zu formieren beginnt – wobei dieser auf die ‚Öffnung‘ Japans für den Welt-HandelWelt-Handel (Welt-Markt) drängt. Auf alle genannten Kontexte wird im Rahmen der Analyse der drei literarischen Haupttexte genauer eingegangen.
Diese und andere Vorgänge haben, wie es Niels Petersson und Jürgen Osterhammel in Geschichte der GlobalisierungGlobalisierung ausführen, ab der Mitte des 19. Jahrhundert19. Jahrhundert (Welt-System)s eine erste erdumfassende Verflechtung hervorgebracht, d.h. einen „funktionierenden Weltmarkt und ungehinderten Kapitalverkehr, Wanderungsbewegungen, multinationale Konzerne, internationale Arbeitsteilung und ein Weltwährungssystem“ (15). Diesen Befund teilen sie hinsichtlich der Einschätzung der räumlichen Ausdehnung mit Wallerstein: „It [das moderne Welt-SystemWelt-System; T.E.] has been in existence for some five hundred years and has expanded from its initial locus (parts of Europe plus parts of the Americas) to incorporate by the nineteenth century the entire globe in its orbit, becoming the only historical system on the planet.“ (Universalism 52) Im 19. Jahrhundert also beginnen diese Zusammenhänge, wie sie die gerade zitierten Komposita „Weltmarkt“, „Weltwährung“ sowie das „world-system“ beschreiben (Hervorhebungen T.E.),10 und welche Teil der europäischen ExpansionExpansion sind, die gesamte Ausdehnung der Erde einzuschließen.11 Dem atlantischen Raum kommt dabei eine Sonderrolle zu: „En effet, entre les XIVe et XIXe siècles, l’horizon spatial de l’Europe s’élargit considérablement. L’Atlantique, graduellement, devient l’épicentre d’une nouvelle concaténation des mondes, le lieu d’où émerge une nouvelle conscience planétaire.“ (Mbembe 28) Die genannten Prozesse erzeugen also ein zunehmendes Bewusstsein („conscience“) vom Ganzen als einem geschlossenen Zusammenhang: „Globalization as a concept refers to both the compression of the world and the intensification of consciousness of the world as a whole. The processes and actions to which the concept of globalization now refers to have been proceeding, with some interruptions, for many centuries“ (Robertson, Globalization 8).12 Die so über den Lauf von Jahrhunderten hervorgebrachte EinheitEinheit eines Zusammenhangs zeichnet sich weiter durch den Einschluss von AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems) aus; Eric Hayot schreibt (‚world‘ als Verb verwendend): „to world is to enclose, but also to exclude“ (40). Die GanzheitGanzheit ist damit, wie Franco Moretti es mit Bezug auf Wallerstein formuliert, „one […] and unequal“ („World-Systems“ 70). Sie schließt also, wie diese Beschreibungen deutlich machen, eine große Spannung in sich ein (vgl. hierzu genauer II.1.1.4). Wie zu zeigen ist, zieht Wallersteins Terminologie, auf die ich mich in weiten Teilen stütze, ihre Stärke vor allem aus ihrem autoreflexiven Umgang mit der FdG ‚world‘. Denn ausgehend von den Ausführungen Wallersteins zu seiner Verwendung dieser FdG lässt sich der expandierende Charakter des Welt-Systems, sowie die Tatsache, dass dieses nur eine von vielen möglichen Welten darstellt, besonders klar nachvollziehen (vgl. hierzu II.1.3).
GanzheitGanzheit wird im genannten Zeitraum in ihrem Gehalt also wesentlich neu bestimmt – ein Vorgang, der von den untersuchten literarischen Texten mitgestaltet und reflektiert wird. Insofern dieser Prozess vielschichtig, komplex und voller Spannungen ist, kann er nicht ohne erheblichen Aufwand abgebildet werden. Die zu belegende Kernthese besagt dementsprechend, dass die untersuchten literarischen Texte das vielschichtige, unübersichtliche – weil stark raumgreifende – und stellenweise unsichtbare Geschehen mittels der Verschränkung der Darstellung von Ganzheit mit der Darstellung von Körpern dennoch ins Bild zu rücken in der Lage sind.
Meine Forschungsarbeit für das vorliegende Buch fragte von Beginn an nach Analoga zu den Modellen von Staatskörpern (wie etwa demjenigen in Thomas Hobbes LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer)), die jedoch größere (d.h. interkontinentale bis hin zu globale) Einheiten oder Prozesse zur Darstellung bringen (vgl. II.2.4). Das Modell des Staatskörpers erwies sich nicht nur aufgrund des Zeitpunktes der Veröffentlichung von Hobbes Leviathan 1651 (und damit im Vorfeld des untersuchten Zeitraums) als besonders relevant (vgl. Abschnitt III.2.4), sondern der StaatskörperStaatskörper (body politic) dient vor allem aufgrund seiner Funktion als HypotyposeHypotypose – d.h., dass er einer GanzheitGanzheit eine sinnliche Anschauung gibt, die sie ohne ihn nicht hätte – den hiesigen Untersuchungen als Leitschnur,13 ausgehend von dem oben umrissenen Befund, dass sich die Ganzheit (auch und gerade im Wandel historischer Prozesse) nicht ohne Weiteres anschaulich machen lässt (vgl. II.2). So soll sowohl das Dilemma der Darstellung von Gemeinschaften – nämlich, dass „das ‚Ganze‘ der Ganzheit, sinnlich nicht wahrnehmbar“ (Koschorke et al. 58) ist –, als auch die Ergebnisse der Forschung zu diesem Thema, den hiesigen Untersuchungen Orientierung geben. Darüber hinaus beziehen sich die untersuchten literarischen Texte mitunter explizit auf die Tradition des Staatskörpers und testen (teilweise satirisch) die mögliche Übertragung dieser Tradition auf deutlich größere Zusammenhänge, wie sie von FdG evoziert werden. Der Staatskörper ist dem hiesigen Vorhaben somit ein doppelter Bezugspunkt: einerseits, insofern sich hier auf die Forschungen zum Staatskörper wiederholt bezogen wird, und andererseits, indem das Aufgreifen der Tradition des Staatskörpers durch literarische Texte untersucht wird. Die Tatsache, dass die Idee des Staatskörpers bei Hobbes koloniale Wurzeln hat, spielt dabei ebenfalls eine zentrale Rolle (vgl. III.2.4.1).
Aus dieser Perspektive lässt sich eine Gruppe von hochgradig einflussreichen literarischen Texten beschreiben, welche Körper auf eine Art inszenieren, die auf größere Zusammenhänge und Prozesse verweist; somit kann ein literarischer Topos der Verschränkung von Körpern und FdG isoliert werden. Wie zu zeigen ist, unterstreichen die untersuchten Texte dabei vor allem die Eigenschaft der GanzheitGanzheit als expandierend und asymmetrisch.
Im Folgenden wird erstens aus der Perspektive jüngerer Überlegungen zur GanzheitGanzheit eine Analyse der literarischen Texte des 18. und 19. Jahrhunderts vorbereitet (II.1); der Fokus wird dabei, neben der zentralen Analyse von Wallersteins Ansatz, auf den Ausführungen von Hannah Arendt, Hans Blumenberg, Martin Heidegger, Jean-Luc Nancy und anderen liegen. Zweitens werden, ausgehend von der Beschreibung der ExpansionExpansion des Welt-Systems in II.1, verschiedene Probleme bei der Darstellung von Ganzheit vorgestellt, um Referenzpunkte für die späteren Analysen zu schaffen (II.2). Den Untersuchungen der drei Haupttexte geht außerdem ein kurzer Exkurs voraus, der der Analyse eines sehr viel später erschienenen Textes gewidmet ist, Das Vermächtnis des Maître Mussard (2007) von Patrick Süskind, an dem sich einige Grundfragen der Analyse der anderen Texte besonders gut entfalten lassen, insofern sich dort ein besonders extremes Beispiel für die In-Eins-Setzung von Körper und Ganzheit explizieren lässt. Aus dieser Perspektive heraus werden anschließend die ausgewählten fiktionalen Texte des 18. und 19. Jahrhunderts untersucht (III). Der Analyse dieser Texte folgt ein zusammenfassendes Fazit der Betrachtungen (IV).
II Theoretische Konzepte und Fragestellungen
1 Das expandierende Welt-System
1.1 Expansion, die endliche Erdoberfläche und Kompression
Um 1500 beginnt ein Prozess, der verschieden benannt und konzeptualisiert wurde: so ist in Texten und Theorien die Rede vom Beginn des „Zeitalter[s] der Entdeckungen“ (Dünne 11), der ‚Europäischen ExpansionExpansion‘ oder der ‚GlobalisierungGlobalisierung‘ – vorausgesetzt man versteht unter Letzterer nicht ausschließlich Ereignisse und Prozesse des ausgehenden 20. Jahrhunderts.Universum (Figur der Ganzheit)1 Achille Mbembe fasst das Geschehen wie folgt zusammen: „Au cours de la période atlantique […] cette petite province de la planète qu’est l’Europe s’installe progressivement dans une position de capitanat sur le reste du monde.“ (Mbembe 33) Wallerstein schreibt, von der ‚Welt‘ unserer Gegenwart ausgehend und deren Ursprung beschreibend:
The world in which we are now living, the modern world-system, had its origins in the sixteenth century. This world-system was then located in only a part of the globe, primarily in parts of Europe and the Americas. It expanded over time to cover the whole globe. It is and has always been a world-economy. It is and has always been a capitalist world-economy. (World-Systems 23)
‚Unsere Welt‘ ist laut Wallerstein also die eines „Welt-SystemWelt-Systems“, dessen historischer Ursprung im 16. Jahrhundert anzusiedeln ist;2 bei diesem ‚Welt-System‘ handelt es sich weiter um einen ökonomischen Zusammenhang.Expansion3 Aus der ExpansionExpansion dieses Welt-Systems („it expanded“) ergibt sich zunächst eine Vergrößerung des bekannten Raums (besonders prominent im Fall der zunehmenden Kolonialisierung Amerikas).4 Doch dieser Prozess der räumlichen Vergrößerung hat einen natürlichen Endpunkt, bedingt durch die Endlichkeit der Ausdehnung der Erdoberfläche. Hannah Arendt schreibt in diesem Zusammenhang von „the enlargement of the earth’s surface, which found its final limitation only in the limitations of the globe itself, but also the still apparently limitless economic accumulation process.“ (250) Sie beschreibt damit, dass die „enlargement of the earth’s surface“ erst ihr Ende findet, sobald die gesamte Extension5 der Erdoberfläche erfasst ist.
Aus dem Prozess dieser Vergrößerung geht parallel eine Verkleinerung der GanzheitGanzheit hervor, insofern sich die Zeiten, die für das Reisen zwischen weit entfernten Punkten auf der Erdoberfläche mit dem Fortschreiten der ExpansionExpansion immer weiter verringern und sich in einem schneller werdenden Welt-Verkehr institutionalisieren; Sloterdijk spricht vom „Wesen des entdeckenden Verkehrs“ als der „Ent-Fernung der Welt“ (Sphären II 909). Die zunehmende Geschwindigkeit, mit der Distanzen überbrückt werden, wird metaphorisch als ‚Verkleinerung‘ oder ‚Kompression‘ des Erdraums gefasst. Der Prozess der Expansion kollabiert somit in sein – scheinbares – Gegenteil, wie Arendt beschreibt:
Precisely when the immensity of available space on earth was discovered, the famous shrinkage of the globe began, until eventually in our world (which, though the result of the modern age, is by no means identical with the modern age’s world) each man is as much inhabitant of the earth as he is inhabitant of his country. Men now live in an earth-wide continuous whole where even the notion of distance, still inherent in the most perfectly unbroken contiguity of parts, has yielded before the onslaught of speed. Speed has conquered space; and though this conquering process finds its limit at the unconquerable boundary of the simultaneous presence of one body at two different places, it has made distance meaningless, for no significant part of a human life–years, months, or even weeks–is any longer necessary to reach any point on the earth. (250)
Mit dieser Verkleinerung geht ein zunehmendes Bewusstsein von der GanzheitGanzheit als geschlossenem Zusammenhang einher, es kommt zu einer „compression of the world into ‘a single place’“ (Robertson, Globalization 6). Nur wenn die Folgen eines Ereignisses an einem Punkt der Erdoberfläche schnell an anderen Punkten auf der gleichen Oberfläche bemerkbar sind, werden diese Punkte deutlich als Teil des gleichen Zusammenhangs wahrgenommen. Es entsteht also das Bewusstsein, „daß jeder Ort auf einer umrundbaren Kugel auch aus der größten Ferne durch Transaktionen von Gegenspielern in Mitleidenschaft gezogen werden kann.“ (Sloterdijk, Sphären II 824)
ExpansionExpansion und Kompression stellen somit zwei Aspekte (bzw. bis zu einem gewissen Grad konsekutive Abschnitte) des gleichen Prozesses dar;6 begründet liegt dies letztlich in der Begrenztheit der Oberfläche der Erde. Sobald dieser Raum in seiner Gänze erfasst ist, liegt die Grenze der Kompression durch die Geschwindigkeit letztlich nur noch in der von Arendt genannten physikalischen Unmöglichkeit für einen Körper, an zwei Stellen zugleich sein zu können; ausgerechnet der Körper ist hier also als letztes Hindernis anzusehen.
Doch spricht Arendt im weiter oben zitierten Ausschnitt auch vom „economic accumulation process“, der, anders als die Oberfläche der Erde, „still apparently limitless“ zu sein scheint. Die ExpansionExpansion, die schließlich erdumfassend wird, und in ihrem Verlauf ein Komprimieren der Erde bewirkt, ist an den endlosen Prozess der Akkumulation von Kapital geknüpft, ein Umstand, den Wallersteins Konzept des kapitalistischen Welt-SystemWelt-Systems mitbedenkt. Doch bevor dieses Konzept genauer beschrieben und analysiert wird, ist im nächsten Abschnitt allgemeiner auf FdG einzugehen, wobei der Fokus auf der FdG ‚Welt‘ liegen wird, mit der Wallerstein seine einflussreiche Wortschöpfung des ‚Welt-Systems‘ bildet. Festzuhalten bleibt hier, dass der Prozess der Expansion als dynamisch und vielschichtig zu verstehen ist, insofern er die Kompression als Konsequenz der Endlichkeit der Erdoberfläche mit einschließt, und an den unbegrenzten Prozess der Akkumulation von Kapital knüpft.
1.2 Die Ganzheit des Teils und die Ganzheit des Ganzen
In der großen Menge an kritischen Texten, welche sich der FdG ‚Welt‘ explizit widmen, insofern sie deren Gehalt zu fassen versuchen – ganz gleich ob sie diese dabei als Lemma, BegriffBegriff (im Verhältnis zu Figur), Metapher oder FigurFigur verstanden wissen wollen –, lassen sich zwei grundsätzliche Positionen unterscheiden. So behauptet die eine Seite, dass ‚Welt‘ sich nicht abschließend definieren lässt, und die andere, dass ‚Welt‘ in ihrem Gehalt sehr wohl eindeutig bestimmt werden kann. Es stehen sich also Behauptungen, man könne ‚Welt‘ nie abschließend definieren einerseits, und – mehr oder weniger konkrete – Definitionen von Welt andererseits, gegenüber.
Keine der beiden Positionen ist mehr im Recht als die andere. Weder ist es grundsätzlich falsch oder unmöglich ‚Welt‘ zu definieren, noch ist es abwegig, eine solche Definition nicht geben zu wollen. Doch lässt sich die Entscheidung, ob man eine Definition von ‚Welt‘ geben möchte oder nicht, auf Strukturen der FdG ‚Welt‘ zurückführen, die zur Bildung der verschiedenen Positionen in dieser Sache beitragen.
Zunächst sollen hier einige mögliche Definitionen von ‚Welt‘ wiedergegeben werden. Rémi Brague etwa schreibt, ‚monde‘ sei ein „mot susceptible de désigner l’ensemble de la réalité d’une façon unifiée“ (24), anstelle additiver Reihungen wie „ciel, terre, mer, monde souterrain, etc.“ (33). ‚Welt‘ fungiere so als „synthèse des deux premières catégories de la quantité, la pluralité et l’unité.“ (25) Auch lässt sich Jean-Luc Nancys denkbar kurze Definition von ‚monde‘ als „totalité de sens“ (34) nennen, oder Heideggers voraussetzungsreiche Definition von ‚Welt‘ als das „Seiende im Ganzen“ (89; zur genaueren Analyse von Heideggers Ansatz vgl. II.2.1).
Betrachtet man in diesem Kontext Hans Blumenbergs Ausführungen zu ‚Welt‘ in der Theorie der Unbegrifflichkeit,1 so stößt man auf die Anekdote, dass er nach einem Vortrag die Frage, wie er ‚Welt‘ definiere, nicht habe beantworten wollen: „In meiner Verzweiflung entschloß ich mich zu einer Parodie: ‚Die Welt ist der geometrische Ort aller Punkte‘“ (38). Als Grund für diese Weigerung gibt er explizit den Wunsch an, eine Diskussion von Wittgensteins Welt-Verständnis zu umgehen.2 Dieser Wunsch impliziert die Annahme, dass eine philosophische Diskussion nicht den Königsweg zu einem besseren Verständnis von ‚Welt‘ darstellt. Stattdessen hält er diese ernüchternde Erkenntnis fest: „‚Welt‘ ist ein Ausdruck, bei dem der Versuch, Wortersetzungsregeln zu finden, konstitutiv zum Scheitern verurteilt ist.“ (ebd.) Man kann sich ‚Welt‘ anscheinend nicht ohne weiteres annähern: Regeln zur Synonymbildung – fester Bestandteil jeder Definition – können laut Blumenberg nicht gelingen. Dennoch, so weiter die Pointe Blumenbergs, entkommt man dem Wort ‚Welt‘ nicht. Zur Illustration führt Blumenberg nahezu völlig sinnentleerte Verwendungen von ‚Welt‘ ins Feld, wie etwa in hohlen Aussagen „wie ‚Die Welt ist schlecht‘ oder ‚Die Welt steht vor dem Untergang‘“ (ebd.).3 Anhand dieser Beispiele macht er deutlich, dass ‚Welt‘ in ihrem Gehalt nahezu unmöglich einzugrenzen ist, und dennoch – oder sagt man treffender: deswegen? – sehr häufig gebraucht wird. Hayot beschreibt die von Blumenberg damit adressierte Problematik mit der Aussage, dass „non-tautological, precise statements about the world are harder to make than one might think.“ (39) Obwohl man gewissermaßen ständig nicht umhin kommt, ‚Welt‘ zu sagen, ist es unmöglich, den genauen Gehalt dieses Wortes zu definieren. Entsprechend will Blumenberg – im Scherz – ein Wort-Verbot nicht gänzlich ablehnen: „Selbst wenn ich zur Zustimmung geneigt wäre, man solle Sätze über ‚die Welt‘ fortan lieber überhaupt nicht mehr bilden oder gebrauchen, wäre ich doch sehr unsicher, ob diesem Verbot jemals Erfolg beschieden sein könnte.“ (38) Dabei ist jedoch explizit auf Blumenbergs Verständnis von ‚BegriffBegriff (im Verhältnis zu Figur)‘ einzugehen, als welchen er ‚Welt‘ verstanden wissen will. Blumenbergs ‚Begriff‘ ist – vielleicht kontraintuitiv, aber einleuchtend – durch seine Undefinierbarkeit bestimmt, denn er führt aus: „Der Begriff hat etwas zu tun mit der Abwesenheit seines Gegenstandes. Das kann auch heißen: mit dem Fehlen der abgeschlossenen Vorstellung des Gegenstandes.“ (9) Weiter schreibt er: „Es könnte sein, daß die Leistung des Begriffs nur partiell gegenüber der Intention der Vernunft ist, die immer etwas mit Totalität zu tun zu haben scheint.“ (9) Im Blumenberg’schen ‚Begriff‘ ist damit eine Spannung eingeschrieben, die unauflösbar ist: die Vernunft will zur Totalität; ein Wunsch, den der so verstandene Begriff „nur partiell“ bedient, denn in ihm ist immer auch die „Abwesenheit seines Gegenstandes“ eingeschrieben. Damit ist der ‚Begriff‘ „zur Enttäuschung der auf ihn gesetzten philosophischen Erwartung nicht die Erfüllung der Intentionen der Vernunft, sondern nur deren Durchgang, deren Richtungsnahme.“ (10) In diesem Verständnis von ‚Welt‘ ist diese stets entzogen, insofern sie als ‚Begriff‘ nur eine Richtung ‚auf sie hin‘ vorgibt.
Als weitere Argumente für die Unmöglichkeit, Welt zu definieren, lassen sich ‚konzeptuelle Ambivalenzen‘ anführen, welche die FdG ‚Welt‘ birgt. Eric Hayot weist, ausgehend vom Eintrag zu world im OED, auf folgenden Zusammenhang hin:
Its [der Welt; T.E.] definitions in the Oxford English Dictionary run to some forty pages, and its complexity and slipperiness appear from the very first one: “human existence; a period of this,” words whose reference mostly to time will surprise anyone accustomed to thinking of “world” as having largely spatial implications. The second major definition makes things both better and worse: “the earth or a region of it; the universe or a part of it.” Here we are on familiar spatial ground. But what to make of that double “or”? Like the semicolon in the first definition, it forces “world” to pivot between an ontological reference to any self-enclosing whole (what are, after all, periods, regions, or parts of wholes but wholes themselves?) and a material reference to the largest possible versions of such wholes (history; the planet Earth; the universe). By highlighting the tension between world as a generic totality and world as the most total totality of all–the totality of the “part” and the totality of the “whole” – this ambivalence recapitulates the difficulties generated by the “world” of world-systems and the “world” of world literature. […] “[W]orld” thus bears within itself the conceptual difficulty that makes its use in contemporary literary criticism so fecund, and so incoherent. (38f.)
Was Hayot hier als „conceptual difficulty“ beschreibt, umfasst folgende Struktur: ‚Welt‘ kann sowohl die „totality of the ‘part’“ (eine Region, eine Zeitspanne etc.) als auch „the totality of the ‘whole’“ bezeichnen, wobei Letzteres von ihm auch beschrieben wird als „the most total totality of all“. Letztgenannte Formulierung buchstabiert das Potenzial von ‚Welt‘, schlicht alles zu bezeichnen, mit spielerisch-ironischem Gestus aus. Robert Stockhammer äußert zu diesem Sachverhalt (wiederum unter Bezug auf ein Wörterbuch, diesmal das von Jacob und Wilhelm Grimm begründete Deutsche Wörterbuch) das Folgende:
Kleine Welten, wie diejenigen einer Mäusegemeinde oder eines Maulwurfsbaus, wären dann nur anders skaliert als der ‚kreis der erdbewohner‘ […] oder – davon bemerkenswerterweise „nicht scharf abzugrenzen“ – der ‚erdkreis‘ […]. Und ‚Welt‘ im Sinne von ‚Weltall‘ […] wäre, als größtmögliche Skalierung, zugleich eine Hyperbel, die auf das größte denkbare All zielt. Auch dieses ist noch „ein all im kleinen“, insofern es als ein irgendwie „abgeschlossenes ganzes“ gedacht wird […]. (Stockhammer, „Welt“ 50)
Die Größe dessen, was ‚Welt‘ bezeichnet, kann demnach stark variieren, es handelt sich um eine flexible Extension. Auch Roland Robertson scheint sich dieser Flexibilität bewusst zu sein, insofern er in seiner Verwendung von ‚world‘ gehäuft ein „as a whole“ anhängt (8, 10, 13, 14, 15, 24, 25, 26, 28, 31 etc.) – um deutlich zu machen, dass es ihm in diesem Sinne um ‚world‘ geht, und nicht nur um einen Ausschnitt der Erde. ‚Welt‘ ist, kurz gesagt, ‚skalierbar‘.Maßstab (Kartografie)4
C. S. Lewis5 widmet ein ganzes Kapitel seines 1960 erschienenen Studies in Words dem Wort ‚world‘. Dabei weist er darauf hin, dass sich world in zwei Hauptbedeutungen unterteilen lässt: „In the earliest recorded period of our language this noun has two senses which we may call World A and World B.“ (214) Er führt aus: „[T]o cover all the shades of the A-sense we had better say that World A means something like age or durée.“ (214)6 Die zweite Bedeutung dagegen entspricht der, die ein heutiger Sprecher auch im Sinn haben wird:
The B-sense is that which the word most naturally suggests to a modern speaker. The poet who did the Metres of Boethius into Anglo-Saxon writes ‘in those days there were no great houses in the weorulde’. Here we could translate it ‘earth’. But whenever the distinction between the earth and the universe is present in the mind, World B can mean either, and the context usually shows which. (215)
Hier ist vor allem die weitere Differenzierung von ‚Welt‘ in die Bedeutungen ‚universe‘ und ‚earth‘ entscheidend. Weiter definiert Lewis: „World B may loosely be defined as the region that contains all regions; if all absolutely, then it means universe; if ‘all that usually concern us humans’, then it means earth.“ (215) Dem ist hinzuzufügen, dass ‚world‘ mit dem Lauf der Zeit zunehmend weniger die Bedeutung von ‚universe‘ zu tragen scheint: „On the other hand, world is decreasingly used to mean the absolute region of regions; universe tends to replace it. Partly, no doubt, this has happened because the ambiguity of world can cause inconvenience.“ (249)7 Der sukzessiven Ersetzung von ‚world‘ durch ‚universe‘ hat Alexandre Koyré ein ganzes Buch gewidmet, dessen Titel sein Ergebnis konzis zusammenfasst: From the Closed World to the Infinite Universe.8
„[T]he equation of the world with the spatial extensiveness of the globe“ (Chea 48) also erscheint vor dem Hintergrund der von Lewis so genannten „ambiguity of world“ als Sonderfall, d.h. als nur eine Bedeutung von vielen möglichen. Dabei ist jedoch Folgendes zu betonen:
Während freilich Metaphern wie ‚Welt der Maulwürfe‘ oder ‚Welt der Mäuse‘ üblicherweise im eng benachbarten syntaktischen Kontext präzisiert werden müssen (sei es durch ganze Erzählungen, sei es durch abgekürzte Genitivattribute), scheint die Verwendung von ‚Welt‘ in der Bedeutung von Erde keiner ausdrücklichen Bestimmung zu bedürfen. (Stockhammer, „Welt“ 50)
So ist also festzuhalten, dass die unbestimmte Rede von ‚Welt‘ in der Regel als „in der Bedeutung von Erde“ zu verstehen ist. Ein zu starker Fokus auf diesen Sonderfall kann nichtsdestotrotz den Blick für andere Bedeutungsvarianten von ‚Welt‘ trüben.
Wenn ‚Welt‘ also sowohl die GanzheitGanzheit eines Teils als auch die Ganzheit des Ganzen bezeichnen kann, so ist im Einzelfall die Bedeutung jeweils neu zu ermitteln; es ist jeweils neu zu bestimmen, welches ‚Ganze‘ bezeichnet werden soll, d.h. wie total die evozierte Totalität ist. So muss ‚Welt‘ stets in ihrem Potenzial, verschiedene Ganzheiten zu fassen, begriffen werden.
Diese Konstellation führt, wie Hayot anhand mehrerer Beispiele demonstriert, zu zahllosen Missverständnissen, und er schlussfolgert „that no one has a very good theory of the world“ (Hayot 40).
Faced with this problem, a task: to come up with a better theory of the world, and of the relationship between the world and literature. Not to produce a mediating relay between world literature and world-systems, but to see if a third analysis, focusing on the ontology of composed works, can bring “world” differently into the scene. And to see, then, if such a theory makes any difference to our understanding of world literature or the history of worldedness as an aesthetic and cultural phenomenon–as a symptom and as a compass for the history, in other words, of totality as a function of the human imagination. (Hayot 40f.)
Hayot schlägt als Alternative vor, world auf eine Art und Weise zu definieren, die die besagten Ambivalenzen explizit ausbuchstabiert – und world außerdem von einem Nomen in ein Verb wandelt: „To world is to enclose, but also to exclude“ (39). Hayot schreibt weiter: „What falls in the ambit of those enclosures and exclusions will determine the political meaning of any given act of world-making, as it does so in our debates on world literature.“ (40) Damit liefert er eine Formulierung, die den ambivalenten Charakter von ‚Welt‘ expliziert. Der Vorteil dieser Definition Hayots besteht darin, dass sie keineswegs unbeweglich ist, sondern eine flexible ‚sowohl-als-auch‘-Struktur vorgibt, die auf eine in ‚Welt‘ eingeschlossene Ungleichheit verweist.
Abschließend lässt sich hier Folgendes zusammenfassen: Der Umfang, den FdG bezeichnen und evozieren, kann im Einzelfall deutlich variieren. Starke Definitionsakte versuchen diesen Unsicherheiten zu begegnen, sie können sie jedoch nicht ausräumen. Ein möglicher Weg, dieser schwierigen Ausgangslage gerecht zu werden, besteht in dem bereits weiter oben (Abschnitt I) beschriebenen Verständnis von ‚Welt‘, ‚Erde‘, ‚Globus‘ etc. als Figuren, welches ein stets neues Bestimmen der Bedeutung von FdG erlaubt.
1.3 ‚Eine‘ Welt und ‚die‘ Welt
Laut Immanuel Wallerstein ist es die Grundeigenschaft des KapitalismusKapitalismus (Welt-System), Kapital anzuhäufen um – ad infinitum – weiteres Kapital anzuhäufen:1 „Using such a definition, only the modern world-system has been a capitalist system.“ (World-Systems 24) Die kapitalistische Natur des Welt-SystemWelt-Systems wiederum hat dessen ExpansionExpansion stetig vorangetrieben. Aus der Perspektive der hiesigen Studie drängt sich mit Blick auf Wallersteins Terminologie die Frage auf, warum Wallerstein das von ihm beschriebene kapitalistische System konsequent an die FdG ‚world‘ bindet. Wallerstein selbst beschreibt, dass es ihm in seiner Verwendung von ‚world-system‘ nicht um die Welt zu tun ist, sondern um eine Welt, und geht damit explizit auf eine wesentliche Differenzierung ein:
Note the hyphen in world-system and its two subcategories, world-economies and world-empires. Putting in the hyphen was intended to underline that we are talking not about systems, economies, empires of the (whole) world, but about systems, economies, empires that are a world (but quite possibly, and indeed usually, not encompassing the entire globe). This is a key initial concept to grasp. It says that in “world-systems” we are dealing with a spatial/temporal zone which cuts across many political and cultural units, one that represents an integrated zone of activity and institutions which obey certain systemic rules. (World-Systems 16f.)
Zunächst ist zu erwähnen, dass es laut Wallerstein mehrere Welt-SystemWelt-Systeme gab, welche dem aktuellen (kapitalistischen) Welt-System vorausgingen; daraus erklärt sich auch der Plural im Namen der Disziplin: world-systems-analysis. Im zitierten Passus verdeutlicht Wallerstein durch eine eingeschobene Klammer, dass ‚Welt‘ mit bestimmtem Artikel diese in ihrer Gänze bezeichnet („the (whole) world“). Doch diese Bedeutung soll die Wortbildung ‚world-system‘ dezidiert nicht aufrufen.2 Denn eine Welt ist in ihrer Ausdehnung, laut Wallerstein, in der Regel nicht global, das heißt eine Welt umspannt „gewöhnlich nicht“ den ganzen Globus. Potenziell jedoch kann eine Welt den ganzen Globus umfassen. Dieser Fall trifft jedoch nur auf das kapitalistische Welt-System zu, welches sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts etabliert, denn nur dieses umspannt, am Ende eines langen historischen Prozesses, den ganzen Globus („globe“). Vorgängige „Welt-Ökonomien“ und „Welt-Imperien“ waren nicht (und das heißt: zu keinem Zeitpunkt ihrer Existenz) globus-umspannend.
Auch in Historical Capitalism (vor allem 97–101) beschreibt Wallerstein, dass der ‚Welt‘ des aktuellen Welt-SystemWelt-Systems andere Welt-Systeme oder Welten („the worlds before historical capitalism“, 100) vorausgingen. „The […] use of the plural is necessary because, strictly speaking, the term ‘world’ does not necessarily, in world-systems theory, apply to the entire world.“ (Robertson, Globalization 14) ‚Welthaftigkeit‘ ist also dezidiert keine dem aktuellen Welt-System vorbehaltene Eigenschaft. Das kapitalistische Welt-System ist jedoch insofern einzigartig, als es im Zuge seiner ExpansionExpansion schließlich doch erdumspannend installiert wird.
In der Zeitspanne von ca. 1600 bis „sometime in the 19th century“ (Wallerstein, Universalism 48) stellt das kapitalistische Welt-SystemWelt-System damit eine Welt dar. Ab einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt im 19. Jahrhundert19. Jahrhundert (Welt-System) – womit ein Übergang ohne klares Schwellenereignis postuliert wird3 – wird das kapitalistische Welt-System global. Wallersteins eigene Ausführungen zu „world“ anwendend, lässt sich sagen, dass sich das kapitalistische Welt-System von einer Welt hin zu einem Welt-System, dass die Welt umspannt, ausbreitet – womit sich die Bedeutung von ‚Welt‘ im Welt-System wandelt. Die eine ‚Welt‘ des kapitalistischen ‚Welt-Systems‘ bezeichnet nach ihrer Globalwerdung die Welt, d.h. sie umfasst die ganze Extension der Erde.
Worauf Wallerstein damit hinweist, ist die Tatsache, dass es ein signifikanter Unterschied ist, ob man von ‚GanzheitGanzheit‘ mit oder ohne bestimmtem Artikel spricht. Roland Robertson erwähnt die Unterscheidung zwischen einer Welt einerseits und der Welt andererseits in seinem Werk Globalization (1992) eher beiläufig, als eingeklammerten Einschub: „a world that is increasingly compressed (and indeed often identified as the world)“ (98; Hervorhebung T.E.), was den Status dieser oft übersehenen, bzw. wenn überhaupt dann nur en passant getroffenen, Unterscheidung deutlich illustriert. Worauf Robertson im Kotext des Zitats anspielt, ist die Tatsache, dass die meisten Globalisierungstheorien (in deren Kontext Robertson sich hier bewegt und verortet) von einem Eins-Werden des globalen Zusammenhangs ausgehen; die komprimierte ‚Welt‘ kennt kein Außen mehr, weshalb sie als die Welt bezeichnet werden kann. Da es (so die Annahme, die dem logisch zugrunde liegt) keine anderen Neben- oder Teil-Welten mehr gibt, ist die Unterscheidung zwischen einer Welt und der Welt anscheinend hinfällig. Bemerkenswert ist jedoch, dass Robertson keinen Bedarf sieht, sich hier zu erklären, gerade angesichts seines im Allgemeinen äußerst explikativen Stils.
Von der GanzheitGanzheit im engeren Sinn – von „all absolutely“ (Lewis 215, s.o.) also, der allumfassenden Extension, die man heute zumeist als ‚UniversumUniversum (Figur der Ganzheit)‘ bezeichnet –4 ist ganz allgemein eher im Ausnahmefall die Rede. Denn die Ganzheit in diesem Sinn ist der Gegenstand exklusiver philosophischer, physikalischer und kosmologischer Überlegungen (vgl. bspw. Koyré 5–10). Außerhalb dieser Domänen jedoch ist mit der Rede von der Ganzheit die – im jeweiligen Kontext – bestimmende Größe (zumeist: ohne Außen) gemeint. C. S. Lewis schreibt zu diesem Sachverhalt: „[I]f all absolutely, then it [world; T.E.] means universe; if ‘all that usually concern us humans’, then it means earth.“ (215) Ob diese konkrete Beschreibung nun in jedem Fall zutrifft oder nicht – sie beruht jedenfalls auf der bereits beschriebenen Unterscheidung zwischen der umfassendsten „Skalierung“ (Stockhammer, „Welt“ 50) von ‚Welt‘ einerseits und der Ganzheit des Teils andererseits.5
Wallerstein vollzieht die oben untersuchte Unterscheidung zwischen Welt mit bestimmtem und unbestimmtem Artikel, um deutlich zu machen, dass das Welt-SystemWelt-System des KapitalismusKapitalismus (Welt-System) nicht natürlich entstanden ist, und seine Werte nicht von universaler Gültigkeit sind. Stattdessen stellt es nur eine Welt/ein Welt-System dar, welches sich in einem historischen Prozess über die ganze Erde ausgebreitet hat. Es ist somit als Ergebnis eines spezifischen Vorgangs global geworden.
The pan-European world, dominating the world-system economically and politically, defined itself as the heart, the culmination, of a civilizational process which it traced back to Europe’s presumed roots in Antiquity. Given the state of its civilization and its technology in the nineteenth century, the pan-European world claimed the duty to impose itself, culturally as well as politically, on everyone else–Kipling’s “White man’s burden,” the “manifest destiny” of the United States, France’s mission civilisatrice. (Wallerstein, World-Systems 66)
Insofern dem einen Welt-SystemWelt-System des KapitalismusKapitalismus (Welt-System) andere Welt-Systeme vorausgingen, ist die kapitalistische Ordnung nicht als die ‚beste aller möglichen Welten‘ anzusehen. D.h., das aktuelle Welt-System ist kein Fortschritt gegenüber vorgängigen Welt-Systemen (vgl. Wallerstein, Capitalism 97–110). Es erweckt lediglich diesen Anschein, indem es die Idee des Fortschritts zu einem seiner Leitmotive erklärt (vgl. Wallerstein, Universalism 33 und Mbembe 25). Doch dies gilt nicht nur für das aktuelle Welt-System, denn Wallerstein hält fest: „There never was a golden era.“ (Capitalism 136) Welten lösen einander ab, und die Frage ihrer Bewertung ist hochkomplex. Zwar tritt Wallerstein den Versuch an, die Frage zu beantworten, ob es der Mehrzahl der Menschen im Feudalismus nicht vielleicht ‚besser ging‘, als im anschließenden Kapitalismus (vgl. ebd.), doch er ist – trotz seiner generell äußerst skeptischen Haltung gegenüber dem von ihm beschriebenen kapitalistischen Welt-System – in seinen Schlussfolgerungen hier vorsichtig. Er beschränkt sich auf die Aussage, dass es immerhin nicht ausgeschlossen sei, dass der Kapitalismus für die Mehrheit der Menschen keine deutliche Verbesserung mit sich brachte: „It is, let me say, at the very least by no means self-evident that there is more liberty, equality, and fraternity in the world today than there was one thousand years ago“ (Capitalism 100).
Doch stellt sich, vor dem Hintergrund des bisher Gesagten, immer noch die Frage nach dem Grund für die Wahl der FdG ‚world‘ durch Wallerstein. Wieso spricht er vom Welt-SystemWelt-System, wenn das doch die Möglichkeit birgt, die eine Welt des KapitalismusKapitalismus (Welt-System) als die Welt misszuverstehen, und so eine ‚Naturalisierung‘ des Kapitalismus zu befördern? Bzw. ließe sich genauer fragen, wieso Wallerstein nicht von Systemen spricht – und die FdG ‚Welt‘ nicht einfach ganz fallen lässt?
Einige plausible Antworten sind möglich: Erstens lässt sich festhalten, dass Wallerstein vom KapitalismusKapitalismus (Welt-System) als selbstbezügliches System spricht (Kapital wird angehäuft, um weiteres Kapital anzuhäufen). Selbstbezüglichkeit ist eine in mehreren Texten genannte Bedeutungsnuance von ‚Welt‘.6 Mit dem Hinzufügen von ‚Welt‘ betont Wallerstein also diesen speziellen Charakterzug des kapitalistischen Systems.
Zweitens ist die Tatsache der geografischen Ausbreitung des Welt-SystemWelt-Systems, die Wallerstein wiederholt betont, von großer Wichtigkeit:
There is indeed a modern world-system, and it is truly different from all previous ones. It is a capitalist world-economy, which came into existence in the long sixteenth century in Europe and the Americas. And once it was able to consolidate itself, it followed its inner logic and structural needs to expand geographically. It developed the military and technological competence to do this, and was therefore able to incorporate one part of the world after another, until it came to include the entire globe sometime in the nineteenth century. (Universalism 47f.)
Die geografische Ausbreitung des world-system wird von Wallerstein an mehreren Stellen erwähnt, und seine Terminologie bleibt dabei stets konsistent: Das world-system breitet sich über den „globe“ aus. Die FdG ‚world‘ unterhält also in Wallersteins Verwendung eine integrale Beziehung zur FdG ‚globe‘. Entsprechend der Logik einer immer umfassenderen ExpansionExpansion wird das System ab einem bestimmten Zeitpunkt global. Wallerstein aktualisiert so die Bedeutung von ‚Welt‘ als ‚flexible Ausdehnung‘. Der Begriff ‚Welt‘ erlaubt Wallerstein ein sich ausbreitendes System zu beschreiben, das relativ klein beginnt, und schließlich global wird. Die FdG ‚Welt‘ ist ideal geeignet, dieses Anwachsen zu beschreiben, und kann, ohne die geringste Irritation, sowohl den Beginn als auch das ‚globale Endstadium‘ der Ausbreitung des Systems bezeichnen. Hayot fasst alle bisher genannten Aspekte wie folgt zusammen:
World-systems are worlds, in the sense that they constitute a self-organizing, self-enclosed, and self-referential totality; but they are not to be confused with the actual world, which–though it is also, of course, a world–is the only world whose geographic scope coincides exactly with that of the Earth. (32)
Der Gefahr einer Naturalisierung eines historischen Systems durch die Wahl der FdG ‚world‘ tritt Wallerstein explizit entgegen; sie ist im Wort ‚Welt‘ ursächlich bereits angelegt, was seinen expliziten Kommentar nötig werden lässt. Anders gesagt lässt sich die Rede von ‚Welt‘ selbst in den skeptischen und vorsichtigen Ausführungen Wallersteins nicht ganz von ihrem totalisierenden Charakter befreien, der daher ausdrücklich abgewiesen werden muss.
Es handelt sich demnach bei Wallersteins Art der Beschreibung der Geschichte seit dem 16. Jahrhundert um die Darstellung einer schrittweisen Expansion, geprägt von der spezifischen Perspektive der Kapitalismusanalyse (vgl. hierzu Robertson, Globalization 15). Diese Analyse ist in ihrer Verwendung von FdG bemerkenswert präzise, insofern sie ihre Verwendung von world explizit und nuanciert diskutiert. Besagte Nuancierung wirkt einer Gleichsetzung von einer Welt mit der Welt entgegen, die einer Naturalisierung des aktuellen Welt-SystemWelt-Systems gleichkäme, und betont damit, dass ‚unsere Welt‘ ihrer Extension nach nicht immer global war – und deswegen nicht als alternativloses System angesehen werden muss.
Jede Rede von ‚Welt‘ muss also, wenn sie den Überlegungen von Wallerstein gerecht werden will, stets zwischen bestimmtem und unbestimmtem Artikel unterscheiden, bzw. lässt sich der Imperativ ableiten, die Analyse von FdG nie losgelöst vom jeweiligen historischen Kontext vorzunehmen.
1.4 Asymmetrie und Ein(s)heit
Franco Moretti ist ausgewiesener Rezipient der Arbeiten Wallersteins und versucht deren Beiträge zu den Literaturwissenschaften wiederholt auszuloten (vgl. „World-Systems“ 67–71). Entsprechend konzis ist seine Zusammenfassung der grundsätzlichsten Eigenschaften der aus der ExpansionExpansion des Welt-SystemWelt-Systems hervorgehenden ‚Welt‘:
The world becomes one, and unequal: one, because capitalism constrains production everywhere on the planet; and unequal, because its network of exchange requires, and reinforces, a marked power unevenness between the three areas [Zentrum, Peripherie, Semiperipherie; T.E.]. („World-Systems“ 70)1
Das Welt-SystemWelt-System bringt also einen Zusammenhang hervor,Einsheit (Unicity)2 „because capitalism constrains production everywhere on the planet“, und spannt ein globales ‚NetzNetz‘.3 Diese bewusst gewählte Metapher darf jedoch nicht missverstanden werden, wie Osterhammel und Petersson in Bezug auf ihre Konzeption von ‚GlobalisierungGlobalisierung‘ ausführen:
Das Bild des Netzes darf nicht den banalen Eindruck erwecken, als hänge alles mit allem zusammen. Interaktionen sind gerichtet. Manche von ihnen verlaufen tatsächlich reziprok und interaktiv, Tauschakte zum Beispiel, andere nicht. Der transatlantische SklavenhandelSklavenhandel der Frühen Neuzeit kannte nur eine Richtung: fast keiner der verschleppten Afrikaner kehrte je in seine Heimat zurück. (Osterhammel u. Petersson 22)
Wallerstein spricht von „deep inequalities of the world-system“ (World-Systems xi).4 Dementsprechend ist die ‚Einheitlichkeit‘ des Zusammenhangs nicht falsch zu verstehen als ‚harmonischer Zusammenhalt‘. Genau dies tut jedoch ein spezifisches (man kann auch sagen: naives) Verständnis von ‚GlobalisierungGlobalisierung‘, wie ein weiterer Leser Wallersteins, Roland Robertson, ausführt:
In the mid-1980s some people got the impression that the move in the direction of what I now tend to call global unicity entails some kind of utopian view of global unity. Whereas the first term is, in my usage, neutral with respect to the risks, costs, benefits and dangers of rapidly increasing interdependence, interpenetration, global consciousness and so on, ‘unity’ and closely related terms imply – even when placed in quotation marks – social integration in quite a strong sense. […]. Indeed this misleading view of globalization as constituting a definite move to ‘world peace’ and integration is still to be found (and, of course, actively promoted by certain sociocultural movements). […]. Globalization is, at least empirically, not in and of itself a ‘nice thing,’ in spite of certain indications of ‘world progress.’ (6; Hervorhebungen T.E.)
Um dieses Missverständnis auszuschließen, wird hier im Folgenden von ‚EinsheitEinsheit (Unicity)‘ anstelle von ‚EinheitEinheit‘ gesprochen, womit ich Robertsons Unterscheidung zwischen „unicity“ und „unity“ übertrage und umsetze. Gemeint sein soll damit der Charakter des Welt-SystemWelt-Systems als „a single, continuous geography all over the planet“ (Moretti, „World-Systems“ 71), und eben nicht jene „‘unity’“, die Robertson mit Recht empirisch als nicht gegeben ansieht. Denn dass die Kompression der GanzheitGanzheit zunehmend einen geschlossenen Zusammenhang hervorbringt, bedeutet noch lange nicht dessen Homogenität oder Harmonie. Im Gegenteil zeichnet sich das Welt-System durch ein Gefälle aus, eine AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems):5 „The world of capitalist civilization is a polarized and a polarizing world.“ (Wallerstein, Capitalism 137)
Es ist also die bereits oben von Arendt erwähnte Installation von „production everywhere“ (s.o.), die die EinsheitEinsheit (Unicity) und AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems) hervorbringt. Pheng Cheah spricht von
a fundamental contradiction of the modern capitalist world-system. As Marx pointed out, the globalization of capital creates the material conditions for a community of the greatest possible extension. However, the capitalist world-system also radically undermines the achievement of a human community of global reach, that is, a genuine unity of the world. For Marx, the world is a normative category that exceeds the global market. (2)
Das kapitalistische Welt-SystemWelt-System generierte also seine Ausbreitung bis zur „greatest possible extension“ (von Arendt beschrieben als: „the limitations of the globe itself“, 250, s.o.), verhindert eine „genuine unity of the world“ jedoch aufgrund seiner inhärenten Struktur. Cheah schlägt mit Bezug auf Marx die Unterscheidung zwischen der FdG ‚world‘ und dem „global market“ vor, um den ‚normativen‘ Gehalt der FdG ‚world‘ von der Tatsache des globalen Marktes zu trennen. Wiederum scheint hier die – von Wallerstein genannte und oben analysierte – Problematik der FdG ‚world‘ auf.
Die zwei Eigenschaften des Welt-SystemWelt-Systems – einen geschlossenen Zusammenhang darzustellen, der eine AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems) einschließt – sind also als zwei Seiten des gleichen expansiven Prozesses anzusehen.6 Der beschriebene Prozess der ExpansionExpansion verschränkt demnach zwei Konstellationen miteinander: Aus der Expansion geht eine Kompression hervor (s.o.), die EinsheitEinsheit (Unicity) des Welt-Systems schließt eine Asymmetrie ein. Die Expansion hat räumlich eine natürliche Begrenzung in der endlichen Ausdehnung der Oberfläche der Erde; mit der Akkumulation von Kapital ist dagegen ein potenziell unendlicher Prozess in Gang gesetzt, der mit der räumlichen Expansion nicht zum Erliegen kommt.
2 Darstellung von Ganzheit
Von der in II.1.1 beschriebenen Dynamik (zwischen ExpansionExpansion und Kompression) von GanzheitGanzheit ausgehend, und den Spannungen (EinsheitEinsheit (Unicity) und AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems)), die sie prägen, soll sich im Folgenden einigen Grundfragen der Darstellung von Ganzheit angenähert werden, um die anschließende Analyse der Rolle des Körpers in diesem Kontext einzuleiten.
Die Darstellung von GanzheitGanzheit erfolgt nicht im Nachhinein der beschriebenen ExpansionExpansion, und läuft auch nicht passiv-parallel neben dieser her – sie geht ihr sogar, wie Arendt ausführt, voraus:1
Prior to the shrinkage of space and the abolition of distance through railroads, steamships, and airplanes, there is the infinitely greater and more effective shrinkage which comes about through the surveying capacity of the human mind, whose use of numbers, symbols, and models can condense and scale earthly physical distance down to the size of the human body’s natural sense and understanding. Before we knew how to circle the earth, how to circumscribe the sphere of human habitation in days and hours, we had brought the globe into our living rooms to be touched by our hands and swirled before our eyes. (Arendt 251; Hervorhebungen T.E.)
Mit dem Fokus auf der Erstellung und Betrachtung von ‚Tischgloben‘ ist Arendt nicht allein (vgl. Sloterdijk, Sphären II 812, aber auch III.2.6.1) und das von ihr subtil ins Spiel gebrachte Sehen und dessen Räumlichkeit – „swirled before our eyes“ (Hervorhebungen T.E.) – stellt eine fundamentale Struktur dar. Im Wesentlichen gestaltet sich diese wie folgt: „[S]ich ein Bild von der Welt zu machen, die Techniken des sich ein Bild von der Erde Machens, heißen bekanntlich seit Kopernikus, eine Kugel vor sich zu sehen, auf der man nicht ist: den Globus von außen.“ (Bergermann et al. 8) Denn wie Arendt beschreibt, rückt die Darstellung der GanzheitGanzheit als „globe“ diese räumlich vor den Betrachter. Weiter hält sie fest, dass die Darstellung der Ganzheit diese auf eine Größe schrumpft, die dem „body’s natural sense and understanding“ entspricht. Die Darstellung von Ganzheit umfasst also ein ‚Vor-die-Augen-Rücken‘ und eine Manipulation der Größenverhältnisse, womit die darzustellende Ganzheit in ein – man könnte sagen: ‚aufnehmbares‘ – Verhältnis zur Größe des menschlichen Körpers gebracht wird. Der Blick(punkt), die Räumlichkeit dieses Blickes, und die Frage der Größe im Verhältnis zum menschlichen Körper: Sie stellen die Fixpunkte der folgenden Ausführungen zum Problemfeld der Abbildung von Ganzheit dar.
2.1 Blickperspektiven
Wer größere Ganzheiten sehen will, sieht sich mit zwei Problemen konfrontiert: Sie sind aufgrund ihrer Größe und ihres abstrakten und imaginären Gehalts nicht natürlich sichtbar. Entsprechend sind sie nicht ohne die Zuhilfenahme von komplexen Darstellungsverfahren abbildbar: „[S]ince one cannot see the universe, the world, humanity, the cosmopolitan optic is not one of perceptual experience. It should be evident that we should not take the presentation of the world for granted because, at the very least, it is given to us by the imagination.“ (Cheah 3) Obwohl man „das UniversumUniversum (Figur der Ganzheit)“ etc. nicht sehen kann, spricht Cheah von einer „optic“. Dies gilt, wie im Folgenden nachzuvollziehen ist, auch für zahlreiche andere Ansätze, „ja, man könnte vermutlich zeigen, dass Totalität immer eine optische Komponente mitträgt, einen kognitiven Panoramablick, und sei es ‚nur‘ als Denkfigur.“ (Hölter 91) Dieser ‚kognitive Panoramablick‘, der das Nachdenken über und die Darstellung von GanzheitGanzheit durchzieht, soll hier analysiert werden, indem nach den (imaginären) Stand- und Blickpunkten gefragt wird, die bei Darstellungen von größeren Ganzheiten eine Rolle spielen.
Diese Punkte haben gemeinsam, dass sie einen Blick auf die GanzheitGanzheit von außen her imaginieren, sie erzeugen also eine extrinsische Perspektive. Sie wurden jedoch verschiedentlich konzipiert und benannt. Einmal als apollinische Perspektive, in welcher der Betrachter sich vorstellt, von der Position der Sonne aus die Erde zu betrachten; Denis Cosgroves Ausbreitungen zu diesem Thema finden sich in seiner entsprechend betitelten Monographie Apollo’s Eye. Weiter hat dieser den Topos des somnium isoliert, einer textlich verfassten Traumreise zu einem Punkt oberhalb der Erde, von dem aus auf die Erde zurückgeblickt wird (besonders prominent vertreten durch Keplers SomniumSomnium (1634), welches die Erde als vom Mond aus betrachtet in Szene setzt; vgl. Koppenfels 45). Aus diesen Perspektiven heraus erscheint die Erde traditionsgemäß in folgender Gestalt:
To achieve the global view is to lose the bonds of the earth, to escape the shackles of time, and to dissolve the contingencies of daily life for a universal moment of reverie and harmony. Reverie is the closest English translation of the Latin somnium, the sense of imaginative dreaming long associated with rising over the earth. […]. Apollonian music was created by the mathematical harmony of revolving cosmic spheres. In competition with earthly music, Apollo’s was always victorious, its harmony exceeding the audible. The German word Stimmung captures this “tuning” of a vital earth to a resonant, universal harmony. It complements the lucent geometry of solar light. The figure of Apollo thus prompts the conception of a unified world, a sphere of perfect beauty and immeasurable vitality, bathed in a beatific gaze. (Cosgrove 3)
Die so betrachtete Erde wird in mehrere, von Cosgrove beschriebene Topoi eingebettet: die kosmischen Sphären, auf denen sich die Planeten bewegen, und dabei die „Sphärenmusik“ erzeugen, ein Gefühl von kosmischer Harmonie und ein starker Eindruck von der betrachteten Erde als schöner GanzheitGanzheit.
Der Blick von außen kann jedoch auch als negativer konzipiert werden, wie Werner von Koppenfels in seinen Analysen der von ihm so genannten „Kataskopie“ (35) ausführlich dargestellt hat. Diese zielt auf die „pointierte Verkleinerung menschlicher Scheingröße“ (31) ab, und erzeugt so eine „olympische Sicht“ (ebd.), die den Blickenden jedoch auch befähigt, „bestimmte Vorgänge auf der Erdoberfläche konzentriert wahrzunehmen.“ (32) Koppenfels beschreibt damit eine Perspektive, die das Gesehene ebenso als ‚niedrig‘ darstellt, wie sie es deutlicher und besser verständlich werden lässt.
Die phantastisch-satirische Herabschau auf eine zum Ameisenhaufen oder Insektenschwarm verkleinerte und verfremdete Menschenwelt gehört zu den Bildkomplexen von außerordentlicher Längen- und Tiefenwirkung, die die bildfreudige, respektlose und relativistische kynische Diatribe den europäischen Literaturen vermacht hat […]. (Koppenfels 33f.)
Unabhängig davon, welche Haltung mit dem Blick von außen einhergeht, in beiden Fällen lässt sich eine doppelte ‚Distanz‘ konstatieren, und zwar eine räumliche einerseits („rising over the earth“) und eine übertragene andererseits, insofern der Blickende auch aus seinem Alltag und der üblichen Umgebung gehoben wird („dissolve the contingencies of daily life“).
Weiter ist die vielleicht häufigste Bezeichnung für eine extrinsische Perspektive auf GanzheitGanzheit zu nennen: der archimedische Blickpunkt, der ebenfalls einen Punkt im Außen imaginiert, von dem aus auf das Ganze zurückgeblickt wird. Laut Arendts Ausführungen zu dieser Perspektive setzt deren ‚Räumlichkeit‘ eine mathematisch-philosophische Denkbewegung ins Bild, die das Verhältnis zwischen dem Menschen und der Ganzheit grundsätzlich prägt:
[W]e always handle nature from a point in the universe outside the earth. Without actually standing where Archimedes wished to stand […], still bound to the earth through the human condition, we have found a way to act on the earth and within terrestrial nature as though we dispose of it from outside, from the Archimedean point. And even at the risk of endangering the natural life process we expose the earth to universal, cosmic forces alien to nature’s household. (262)
Für Arendt ist die archimedische Blickperspektive also grundlegend für die „human condition“, und erklärt den wachsenden menschlichen Einfluss auf die Umwelt (den vor allem der Mensch des 20. Jahrhunderts mit nie gekannter Vehemenz auszuüben vermag). Die so verstandene AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) setzt den Blickenden in ein aktives Verhältnis zur GanzheitGanzheit.
Diesen Blickperspektiven ist der imaginäre Charakter der Visualisierung der GanzheitGanzheit als objektivem Gegenstand gemeinsam, der aus extrinsischer Perspektive betrachtet wird.1 Neben Cosgrove und Arendt ist weiter auf die Überlegungen von Martin Heidegger und Jean-Luc Nancy hinzuweisen, die sich mit der Frage nach der SichtbarkeitSichtbarkeit (von Ganzheit) der Ganzheit auseinandergesetzt haben, und dabei auf die FdG ‚Welt‘ (bzw. ‚monde‘) fokussieren.
Heideggers Die Zeit des Weltbildes zeichnet sich durch eine Betonung der engen Assoziation der AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) mit der FdG ‚Welt‘ aus, welche vor allem an das im Text prominente Kompositum des ‚Weltbilds‘ geknüpft wird: „Weltbild, wesentlich verstanden, meint […] nicht ein Bild von der Welt, sondern die Welt als Bild begriffen. Das Seiende im Ganzen wird jetzt so genommen, daß es erst und nur seiend ist, sofern es durch den vorstellend-herstellenden Menschen gestellt ist.“ (Heidegger 89) Auf den ersten Blick ist „the world-creating practice […] largely idealized in Heidegger.“ (Hayot 91f.) Das ‚Bild‘ steht jedoch weiter für eine aktive Rolle des Betrachtenden ein, denn:
Bild meint hier nicht einen Abklatsch, sondern jenes, was in der Redewendung herausklingt: wir sind über etwas im Bilde. Das will sagen: die Sache selbst steht so, wie es mit ihr für uns steht, vor uns. Sich über etwas ein Bild machen heißt: das Seiende selbst in dem, wie es mit ihm steht, vor sich stellen und es als so gestelltes ständig vor sich haben. (Heidegger 89)
Dieses ‚Weltbild‘, und das Verständnis von ‚Welt‘, das es impliziert – „Welt steht hier als Benennung des Seienden im Ganzen, so wie es für uns maßgeblich und verbindlich ist“ (ebd.; Hervorhebungen T.E.) –,2 rückt vor den neuzeitlichen Betrachter als „repraesentatio“ (91), d.h. als ‚Vor-stellung‘ in dem von Heidegger aktualisierten Sinn. „Vorstellen bedeutet hier: das Vorhandene als ein Entgegenstehendes vor sich bringen, auf sich, den Vorzustellenden zu, beziehen und in diesen Bezug zu sich als den maßgebenden Bereich zurückzwingen.“ (91; Hervorhebungen T.E.; vgl. Hayot 27) Heidegger, dessen Einfluss auf aktuelle Globalisierungstheorien kaum überschätzt werden kann (Nancys und Sloterdijks Texte zur – jeweils verschieden verstandenen – ‚GlobalisierungGlobalisierung‘ sind hier als besonders prominente Beispiele zu nennen), identifiziert die FdG ‚Welt‘ über das Kompositum des ‚Weltbildes‘ also mit einer machtvollen AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) westlicher Machart; die neuzeitlich-wissenschaftliche3 Perspektive ist damit, laut Heidegger, eine extrinsische.
Dies geht dabei jedoch weiter mit einer kämpferisch gedachten Dominanz des Blickenden über das ‚Vor-gestellte‘ einher, die Rede ist von einer „meisternde[n] Ver-gegen-ständlichung“ (Heidegger 108; Hervorhebung T.E.). Die Wortwahl, mit der Heidegger diese Konstellation weiter beschreibt, ist, diesem aggressiven Gestus entsprechend, martialisch: „Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild. Das Wort Bild bedeutet jetzt: das Gebilde des vorstellenden Herstellens. In diesem kämpft der Mensch um die Stellung, in der er dasjenige Seiende sein kann, das allem Seienden das Maß gibt und die Richtschnur zieht.“ (94; Hervorhebungen T.E.) Die somit von Heidegger bemühte „metaphor of ‘conquest’“ kann dabei, wie Eric Hayot in seiner Analyse von Die Zeit des Weltbildes ausführt, „be read literally into world history, as a reference to Europe’s imperialist takeover of large swaths of the planet, an event that like the ‘conquest of the world as picture’ seems to both inaugurate modernity, and be it.“ (28)19. Jahrhundert (Welt-System)4 Dass eine AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) auf die GanzheitGanzheit grundsätzlich an Herrschaft geknüpft ist, hat Cosgrove konzis formuliert: Die Außenperspektive „seems […] to induce desires of ordering and controlling the object of vision.“ (5). Auch bestätigt sich im ‚Weltbild‘ Heideggers die These Cosgroves, dass „representations have agency in shaping understanding and further action in the world itself.“ (38)
Der Blick dieser Perspektive ist kein natürlicher, sondern ein imaginärer, d.h. auch in diesem Sinn ‚vorstellender‘.5 ‚Welt‘ ist dabei in der Neuzeit nur als ‚Welt-BildWelt-Bild‘ zu denken, denn „die Welt [wird] zum Bild“ (Heidegger 90), und verliert damit die Bedeutung eines ausschließlich Äußeren, unabhängig vom Menschen Gegebenen. Denn wie Heidegger ausführt, wird die Bedeutung von ‚Welt‘ in dem von ihm gemeinten Sinn, den er zunächst als das „Seiende im Ganzen“ (s.o.) benennt, erst in Bezug zum Kompositum ‚Welt-Bild‘ in seiner vollen Bedeutung klar: „Weltbild […] meint daher nicht ein Bild von der Welt, sondern die Welt als Bild begriffen. Das Seiende im Ganzen wird jetzt [in der Neuzeit; T.E.] so genommen, daß es erst und nur seiend ist, sofern es durch den vorstellend-herstellenden Menschen gestellt ist.“ (89; Hervorhebungen T.E.) Im Kompositum ‚Weltbild‘ erscheint die GanzheitGanzheit als zutiefst menschliche EinheitEinheit, die durch den Menschen als aktiver Part (durch sein ‚Vor-stellen‘) hervorgebracht wird.
Nancy lässt sich, trotz dessen Arbeit mit Heideggers Konzepten, zu dessen Ausführungen als Kontrast ins Spiel bringen, denn im Unterschied zu Heidegger schreibt er: „Tout d’abord, un monde n’est pas une unité de l’ordre objectif ou extrinsèque: un monde n’est jamais devant moi, ou bien il est un autre monde que le mien.“ (34) Damit unterscheidet sich Nancys Beschreibung deutlich von Heideggers Überlegungen zur FdG ‚Welt‘, bei dem diese FdG im Singular besprochen wird; gleiches gilt für sein Kompositum ‚Welt-BildWelt-Bild‘ – es gibt in Heideggers Verständnis, per definitionem, nur ein Welt-Bild, insofern dieses die (als mathematisch-wissenschaftlich definierte) westliche Moderne dominiert. Hierin liegt, wie man mit Nancy auf Heidegger blickend festhalten kann, der totalisierende Gestus des Konzepts des ‚Weltbildes‘: dieses bleibt unmissverständlich eines (das „Vorstellen“, der Modus, der dem Welt-Bild-Erzeugen zugrunde liegt, „treibt so alles in die EinheitEinheit des so Gegenständigen zusammen“, Heidegger 108; Hervorhebung T.E.) und imaginiert keine Welten. Stattdessen ist das Welt-Bild das Ergebnis der aggressiven westlichen ExpansionExpansion.
In Nancys Ausführungen ist ‚Welt‘ (monde) dagegen ein Innenraum, Gegenstand einer intrinsischen Perspektive, „einer unhintergehbaren Innerweltlichkeit“, die keinen Blick von außen, „sondern einen Blick auf die Welt aus dieser Welt heraus“ (Moser 40) beschreibt. Eine Ausnahme stellt dabei die ‚fremde Welt‘ dar, die vor dem Betrachter liegen kann (s.o.).
Damit hebt Nancy ‚Welt‘ (monde) dezidiert aus einer automatisierten Verwendung als Bezug auf die Welt heraus, zugunsten eines erschwerten Umgangs mit ‚Welt‘, insofern diese nicht ohne Weiteres als Ganzes sichtbar ist und sich auffächert in mehrere Welten. ‚GlobalisierungGlobalisierung‘ ist, wie Nancy in diesem Zusammenhang weiter ausführt, für ihn ein Prozess, der die Singularisierung der FdG ‚monde‘ herbeiführt. Ganz in diesem Sinne ist auch Nancys weitere Konzeptualisierung von ‚Globalisierung‘ als Vorgang des ‚Verknäuelns‘ zu lesen, welche die Etymologie von globus und glomus (lat. für Knäuel)6 aktualisiert – und so die AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems) der Globalisierung ins Bild zu rücken versucht (vgl. Nancy 14).Einheit7 Eine in Frage gestellte SichtbarkeitSichtbarkeit (von Ganzheit), sowie ein genereller Zweifel an der aktiven Rolle des Menschen als „Repräsentant des Seienden im Sinne des Gegenständigen“ (Heidegger 91), wie Heidegger sie stark macht, stehen bei Nancy somit im Vordergrund.
Festzuhalten bleibt hier, dass die Perspektive auf die GanzheitGanzheit in der Regel (und historisch) eine extrinsische Perspektive bevorzugt.8 In einer unterbrechenden Geste, wie gerade anhand der Arbeit Nancys an der FdG ‚monde‘ dargestellt, wird diese Haltung nicht geteilt. Damit soll eine solche ent-automatisierende Geste des Bestehens auf dem Innenraumcharakter von Ganzheit – etwa im Falle von Welt/monde – als Sonderfall im Denken über Ganzheit betont werden, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Wie erst jüngst gezeigt wurde, lässt sich ein Trend in aktuellen Theorien beobachten, der in diese Richtung geht: „Neuere Globalisierungstheorien unternehmen […] den Versuch, globale Zusammenhänge ‚von ebener Erde aus‘, ‚aus der Welt heraus‘ darzustellen.“ (Moser 40), so etwa durch die „Metaphorik der global landscapes“ oder die des „Welthorizonts“, denn dieser „impliziert die Absicht, den Globus in die Horizontale zu bringen“ (Moser 41) und ihn nicht länger aus einer vertikal erhöhten Position zu visualisieren. Damit gewinnt eine große Skepsis gegenüber der AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) konzeptuelle Gestalt, die Osterhammel und Petersson zur Frage formen: „Ist es unumgänglich, die Welt ‚von oben‘ zu sehen? Läßt sie sich nicht auch ‚von unten‘ konstruieren?“ (20) Hier bleibt festzuhalten, dass Ganzheit aus zwei verschiedenen Blickperspektiven gedacht werden kann und dass diese Perspektiven verschieden gelagerte Funktionen und Interessen haben.
Arendt weist jedoch darauf hin, dass dem Blick auf das Ganze nicht immer ganz zu trauen ist: „If the human eye can betray man to the extent that so many generations of men were deceived into believing that the sun turns around the earth, then the metaphor of the eyes of the mind cannot possibly hold any longer“ (275). In dieser Studie bleibt aufzuzeigen, wie sich die untersuchten literarischen Texte zu diesen unterschiedlichen Perspektiven verhalten – und welche Täuschungen sie aufzudecken vermögen.
Diese äußere (Blick-)Perspektive ist immer auch mit der Kompression von GanzheitGanzheit zusammenzudenken, bzw. mit der erhöhten Geschwindigkeit des Welt-Verkehrs verknüpft, wie Arendt deutlich macht:
The fact that the decisive shrinkage of the earth was the consequence of the invention of the airplane, that is, of leaving the surface of the earth altogether, is like a symbol for the general phenomenon that any decrease of terrestrial distance can be won only at the price of putting a decisive distance between man and earth, of alienating man from his immediate earthly surroundings. (Arendt 251)
Das Komprimieren von Distanzen setzt also eine – zunächst metaphorisch verstandene – ‚Distanz‘ zwischen den Menschen und der Erde voraus, die als Fremdwerdung („alienating“) der unmittelbaren terrestrischen Umgebung zu verstehen ist. Gleichzeitig wird von Arendt hier eine räumliche (und im Fall des Flugzeugs: reale) Distanz besprochen; diese Struktur einer doppelten ‚Distanz‘ ließ sich auch schon oben bei Cosgrove erkennen. Die Kompression der Erde entfernt den Menschen von dieser im doppelten Sinne, eine Distanz, für die das (damals) schnellste Mittel räumlicher Kompression – das Flugzeug – bei Arendt als „Symbol“ einsteht. Der Abstand des von Arendt bemühten Flugzeugs zur Erdoberfläche setzt denselben ‚extrinsischen Gestus‘ in Szene, auf dem die besprochenen Blickperspektiven fußen.
2.2 Unsichtbarkeit und Paranoia
Den im vorhergehenden Abschnitt genannten Blickperspektiven ist gemeinsam, dass sie eine SichtbarkeitSichtbarkeit (von Ganzheit) generieren, die natürlich nicht gegeben ist. Nun ist zusätzlich auf einige weitere Ansätze einzugehen, die sich der Thematik der Sichtbarkeit von GanzheitGanzheit aus anderen Richtungen annähern. Fredric Jameson geht explizit von einer ‚Unzugänglichkeit‘ von stark raumgreifenden Zusammenhängen aus, ohne diese über die Metaphorik des Sehens (oder Nicht-Sehens) zu konzipieren. Zweitens soll – unter Bezug auf Emily Apter – auf eine ‚hypersensible Allsichtigkeit‘ im Kontrast zur These der ‚Unsichtbarkeit‘ des Ganzen hingewiesen werden.
Jameson führt in Cognitive Mapping aus:
[G]lobal realities are inaccessible to any individual subject or consciousness– […] –which is to say that those fundamental realities are somehow ultimately unrepresentable or, to use the Althusserian phrase, are something like an absent cause, one that can never emerge into the presence of perception. Yet this absent cause can find figures through which to express itself in distorted and symbolic ways: indeed, one of our basic tasks as critics of literature is to track down and make conceptually available the ultimate realities and experiences designated by those figures, which the reading mind inevitably tends to reify and to read as primary contents in their own right. (350; Hervorhebung T.E.)
Die Abwesenheit der Metaphorik des Sehens ist – gerade im Kontrast zu den bisher untersuchten Ansätzen – auffallend. Jameson spricht betont neutral von einer „unzugänglichen Realität“, von deren Nicht-Repräsentierbarkeit, und einer sehr allgemein gehaltenen „Wahrnehmung“. Laut Jameson steht die individuelle Erfahrung und Wahrnehmung in einem Verhältnis völliger Disjunktion zu den „global realities“, der maßgeblichen sozialen Totalität. Die von Jameson beschriebenen Zusammenhänge (bezogen auf die aktuelle, spät-kapitalistische Stufe der GlobalisierungGlobalisierung) sind nicht unmittelbar wahrnehmbar oder evident, und bedürfen daher erheblicher – literaturwissenschaftlicher – Arbeit, um sie erkenn- und wahrnehmbar werden zu lassen. Die von ihm so genannte ‚konzeptuelle Arbeit‘ kann, so Jameson, „global realities“ verfügbar machen. Auch wenn Jameson hier eine Analyse der Gegenwart bespricht, ist die vorliegende Studie zu einem gewissen Grad diesem Ansatz beizuordnen, insofern hier durch ‚konzeptuelle Arbeit‘ die Verschränkungen von FdG mit Körpern als „figures“ gelesen werden, die stark raumgreifende Zusammenhänge wahrnehmbar werden lassen.
Auch auf David McNallys Monsters of the Market kann hier verwiesen werden, in dem er, mit Bezug auf Marx, von einer – diesmal explizit so genannten – ‚Unsichtbarkeit‘ des „capitalist market system“ (5) ausgeht. Er beendet dabei seine literarischen Analysen, die bis zu Shellys und Shakespeares Texten zurückgehen, mit einer Untersuchung des Verhältnisses zeitgenössischer afrikanischer Zombieliteratur zur ‚GlobalisierungGlobalisierung‘. Seiner Hauptthese zufolge lassen MonsterMonster in der Literatur das kapitalistische System sichtbar werden.1 Mittel zur Sichtbarmachung eines stark raumgreifenden Zusammenhangs – des besagten capitalist market systems – sind demnach literarisch auf spezifische Weise inszenierte Körper (vgl. hierzu genauer III.4.4). Hier ist nur festzuhalten, dass auch McNally, ganz wie Jameson, von einer Unverfügbarkeit des Ganzen ausgeht, wobei beide Autoren eine marxistische Perspektive verbindet, auf die die These von der Unsichtbarkeit kapitalistischer Zusammenhänge zurückzuführen ist (vgl. McNally 5–9).
Doch kann der Prozess der ‚konzeptionellen Verfügbarmachung globaler Realitäten‘ auch völlig anderes eingeschätzt werden. So schlagen Apters Ausführungen zu der von ihr so genannten ‚oneworldedness‘ vor, einen Extrempunkt des Nachdenkens über die GanzheitGanzheit als ‚ParanoiaParanoia (Oneworldedness)‘ zu beschreiben. Paranoia ist damit die Steigerung von Vorstellungen, wie sie Netzwerktheorien oder der Slogan „everything is connected“ transportieren, hin zu einer Vorstellung vom Ganzen, in der jedes größere politische Ereignis und jeder relevante Handlungsträger mit allen anderen Ereignissen und Handlungsträgern verknüpft werden kann. Interessant ist dabei vor allem Apters Beobachtung, dass die Größe einer solchen ‚Welt‘ der oneworldedness gleichzeitig sehr groß und sehr klein ist, insofern sie alle Ereignisse und Handlungsträger enthält und verknüpft, und die gesamte Welt auf einen Erklärungszusammenhang reduziert (namentlich den vom paranoiden Denken gewählten):
In this picture, as the world expands to include everybody, it paradoxically shrinks into a claustrophobic all-inclusiveness. Paranoid oneworldedness obeys a basic law of entropy that posits that increased disorder diminishes available energy within the confines of a closed system. (370)
Die Darstellung oder Konzeption von GanzheitGanzheit setzt notwendig voraus, dass ein großer Zusammenhang auf eine (wörtlich und übertragen verstanden) überschaubare Größe reduziert wird (s.o. bei Arendt). Steigert sich diese Reduktion ‚zu weit‘ und gerät ‚zu nah‘ an eine „claustrophobic all-inclusiveness“, dann läßt sich mit Apter von paranoider „oneworldedness“ sprechen. Die Grenzen verlaufen hier nicht trennscharf, denn die Beschreibung als ‚zu weit‘ bezieht sich nicht auf eine sichere Skala. So gesehen laufen alle Vor- und/oder Darstellungen von Ganzheit Gefahr, paranoid zu werden, bzw. sind es alle zu einem gewissen Grade notwendigerweise. Am anderen Ende des Spektrums steht jedoch eine Perspektive auf die Ganzheit, in der sich diese als chaotische, unmöglich zu überschauende Menge an Informationen und Ereignissen präsentiert, die unmöglich zu deuten ist, und die – mit Jameson gesprochen – gänzlich absent bleibt. Anders gesagt: ‚Konzeptuelle Arbeit‘ mit dem Anspruch größere Zusammenhänge zu fassen, kann immer in paranoide Erklärungsmuster verfallen. Die Alternative jedoch erscheint mindestens ebenso unattraktiv: mit einer unbegreiflichen Menge an Ereignissen und Informationen konfrontiert zu sein, die nicht als ‚Welt‘ gefasst (oder: zu einer solchen reduziert, geordnet) und damit nicht verständlich werden kann.
Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint auch Wallersteins Ansatz als potenziell paranoid – und nicht umsonst geht Apter am Beginn ihres Textes von Wallersteins Welt-SystemWelt-System aus: „Wallerstein’s central idea of the world as one but unequal is easily extended to a paradigm of planetary paranoia marked by cyber-surveillance, cartographies of cartels, and webs of international relationality within and outside the nation, and on the edges of legality.“ (365) Apter will damit jedoch nicht gesagt haben, Wallersteins Beschreibungen seien tatsächlich paranoid:
ParanoiaParanoia (Oneworldedness), I am suggesting, underwrites a one-worldist paradigm that differs from transnational or global ascriptions of world-systems theory in fully realizing the psychotic dimension of planetarity. (370)
Das Risiko der ParanoiaParanoia (Oneworldedness) anheimzufallen ist unumgänglich, doch gleichzeitig ist Reduktion der unvermeidbare Grundmodus des Sprechens über GanzheitGanzheit, vorausgesetzt es will „global realities“ (Jameson, „Mapping“ 350) zur Darstellung bringen.
2.3 ‚Welt‘ und Literatur
Wie ist die Literatur in das Problemfeld der Darstellung von GanzheitGanzheit einzuordnen? Aus der hiesigen Perspektive ist auf die weitverbreitete Vorstellung einzugehen, dass Literatur fiktive Welten erzeugt, bzw. auf den Gemeinplatz, literarische Texte erzeugten/seien ‚Welten im Kleinen‘. Christian Moser und Linda Simonis äußern sich wie folgt zum Verhältnis zwischen ‚Welt‘ und Literatur:
Indem Literatur fiktive Welten entwirft, verfehlt sie nicht etwa ihren Weltbezug, sie stellt ihn allererst her. Die Bedeutung, die Literatur für Globalisierungsprozesse gewinnen kann, beruht gerade auf ihrer Fähigkeit, fiktive Welten zu produzieren. Wenn GlobalisierungGlobalisierung ein Bewusstsein von der EinheitEinheit der Welt beinhaltet, dann ist sie auf die Existenz von Bildern und Narrativen angewiesen, die diese Einheit vorstellig machen. Das Ganze der Welt ist der Wahrnehmung nicht zugänglich – es bedarf imaginärer (literarischer und künstlerischer) Weltentwürfe, um diese zu veranschaulichen. (12)
Einerseits entsprechen diese Darstellungen zu weiten Teilen dem von Jameson als ‚konzeptueller Arbeit‘ gefassten Vorgang, insofern Moser und Simonis „Bildern und Narrativen“, die sich in der Literatur finden, die Funktion zuschreiben, die „EinheitEinheit vorstellig [zu] machen“. Der Fokus auf dem Problem der Sichtbarmachung und Veranschaulichung, das hier genannt wird, lässt sich ebenfalls in die bisherigen Ausführungen eingliedern, insofern mehrfach beschrieben wurde, dass das „Ganze der Welt […] der Wahrnehmung nicht zugänglich“ ist.
Andererseits illustriert die zitierte Passage ein Verständnis der Relation zwischen Literatur und ‚Welt‘, von dem ich mich absetzen möchte. Denn im Passus werden zwei grundverschiedene Bedeutungen der FdG ‚Welt‘ gleichgesetzt: ‚Welt‘ als Wort zur Beschreibung der ‚sozialen Realität‘, wie „Globalisierungsprozesse“ sie hervorbringen einer-, und ‚Welt(en)‘ als Wort zur Benennung des von Texten hervorgebrachten ‚abgeschlossenen Ganzen‘ andererseits (dessen Status, wie zu zeigen ist, alles andere als unmittelbar evident ist; vgl. Hutchinson 174–177; Hayot 44–47). Durch das Gleichsetzen dieser beiden Bedeutungen wird die Relevanz von Literatur für „Globalisierungsprozesse“ postuliert: Insofern Literatur selbst ‚Welten‘ generiere, könne sie gar nicht anders, als ‚welthaltig‘ zu sein. Die vermeintliche Evidenz der Tautologie dieser Behauptung verdeckt dabei, dass das Verhältnis zwischen fiktiven ‚Welt(en)‘ und ‚unserer Welt‘ nicht schlicht auf das doppelte Auftauchen des Wortes ‚Welt‘ reduziert werden kann. Denn, dass literarische Texte eine Welt, oder Welten, generieren, sagt noch nichts über das Verhältnis dieser Einzelwelten zu der Welt (im Sinn der ‚GanzheitGanzheit der sozialen Realität‘) aus. Auch wenn sich ein solcher Zusammenhang zwischen literarischen Welten und der ‚Welt‘ natürlich untersuchen lässt (und von der Literaturwissenschaft weiter untersucht werden sollte), so wird er hier, unzulässig, mittels einer nur scheinbar stimmigen Entsprechung – ‚Welt‘ hier und ‚Welt‘ da – gesetzt.
Stattdessen müsste man genauer die Frage stellen, wie Literatur fiktive Welten generiert – denn diese Annahme wird allzu leicht als Gemeinplatz hingenommen (vgl. Pavel 43–72). Zunächst wäre dazu die „tension between world as whole world and world as self-contained unity“ (Hayot 45) zu adressieren. Hayot führt außerdem aus:
Literary critics have usually, however, focused on the artwork’s world-content, not world-form, trusting the general concept of aesthetic or generic form to address the work’s relation to worldedness. This pattern of thought means that the world-forming quality of the work, though often sensed or felt, has rarely been directly looked at. Novels, we all know, have certain kinds of worlds. But what kinds? (25)
So wäre also weiter zwischen ‚Welt-Form‘ und ‚Welt-Haltigkeit‘ zu unterscheiden. Erst nachdem man dieses Verhältnis geklärt hat, ließe sich die anschließende Frage stellen, wie sich das literarische Generieren von Welten zu der Welt verhält. Fraglich ist jedoch ob Hayot, obwohl er das Problem immerhin sehr akkurat benennt, eine eindeutig bessere Konzeption vorzuweisen hat.1 So führt er aus: „Aesthetic worldedness is the form of the relation a work establishes between the world inside and the world outside the work. The history of aesthetic worldedness is thus always, simultaneously, a history of the idea of the world as such“ (45). In Abgrenzung zu Moser und Simonis lässt sich – mit Bezug auf Hayot – festhalten, dass sich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur zu der Welt nicht auf dessen ‚Entwerfen von fiktiven Welten‘ (s.o.) reduzieren lässt, zumindest nicht ohne den Zusammenhang zwischen der Welt einerseits und fiktiven Welten andererseits genauer darzulegen.2 Die intuitive Einschätzung, das Verhältnis gestalte sich in Form einer Synekdoche – die ‚Welt‘ eines Romans also sei eine ‚Welt im KleinenWelt im Kleinen (Synekdoche)‘ – ist also mit einiger Vorsicht zu genießen, denn sie fußt auf einer Tautologie, und übergeht mehr Fragen als sie beantwortet. Steven Hutchinsons Ausführungen zum Verhältnis zwischen ‚Welt‘ und Literatur zeigen, wie schwierig es ist, ‚Welt‘ im Sinne eines überschaubaren, kleineren Ganzen klar zu definieren:
In its most elementary use, “world” evokes an identifiably complex, autonomous community or society of beings with its own culture and economy, its own patterns of behavior and interaction and modus vivendi, spread out in a more or less extensive spatial domain. To conceive of the world or a world necessarily involves thinking in terms of territory, time, nature, life, and sociocultural order and infusing these with specific characteristics and principles. The notion of “world,” then, comprehends any isolable environment in which culture, society, economy, politics, and history–or a plurality of these–are thought to be enacted. This notion need not imply human inhabitants since there maybe worlds of gods, or dogs for that matter, or of any other real or imaginary species, as long as these are anthropomorphized to the extent that they are capable of at least the rudiments of culture. Nor need it imply any ontological grounding: a world lacking such grounding is a utopia. Since no text is cast in a total void, it could be argued that any text whatsoever somehow conveys some sense of “world,” however fragmentary or diffuse this might be, insofar as it reveals perspective and value while opening up and characterizing an illusory ambient space. (Hutchinson 174f.)
Die äußerst weite Definition von ‚Welt‘ als „any isolable environment in which culture, society, economy, politics, and history–or a plurality of these–are thought to be enacted“ illustriert, wie schwer das Verhältnis zwischen der Welt und den Welten in Texten zu bestimmen ist. Und auch die Formulierung „it could be argued that any text whatsoever somehow conveys some sense of ‘world,’ however fragmentary or diffuse this might be“ legt offen, auf welch unsicherem Fundament (oder: Allgemeinplatz) die angenommene Beziehung zwischen der Welt einerseits und Welten in Texten andererseits fußt.
Abhilfe schafft hier die Arbeit von Edward Said, der in The World, the Text, and the Critic darauf aufmerksam macht, dass es in der Literaturwissenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Trennung zwischen „der Welt“ („the world“, mit bestimmtem Artikel) und dem Text kommt.
American literary theory of the late seventies had retreated into the labyrinth of “textuality,” dragging along with it the most recent apostles of European revolutionary textuality–Derrida and Foucault–whose trans-Atlantic canonization and domestication they themselves seemed sadly enough to be encouraging. It is not too much to say that American and European literary theory now explicitly accepts the principle of noninterference, and that its peculiar mode of appropriating its subject matter (to use Althusser’s formula) is not to appropriate anything that is worldly, circumstantial, or socially contaminated. “Textuality” is the somewhat mystical and disinfected subject matter of literary theory. (3)
Dieser Trend zur ‚Textualität‘ und deren Analyse als ausschließlicher, d.h. von „der Welt“ nicht „kontaminierter“ Gegenstand, wird von Said scharf kritisiert. Weiter erläutert Said sein Verständnis von ‚Welt‘ ausdrücklich, welches sich durch eine Ersetzung dieser durch ‚Realität‘ und/oder ‚Geschichte‘,3 wie er selbst vorschlägt, annäherungsweise beschreiben lässt. Außerdem versteht er hierbei den jeweiligen Text als Ergebnis eines eigenen Produktionsprozesses, und/oder als Reaktion auf einen spezifischen historischen Kontext. Von der Fähigkeit ‚Welten zu erzeugen‘ spricht er nicht, und vermeidet somit eine Vermischung dieser beiden Aspekte. Deutlich macht er dies durch eine simple Adjektivbildung: Texte sind – seiner Terminologie nach – „worldly“, womit er folgende Haltung beschrieben wissen will: „My position is that texts are worldly, to some degree they are events, and, even when they appear to deny it, they are nevertheless a part of the social world, human life, and of course the historical moments in which they are located and interpreted.“ (World 4) Das Adjektiv ‚worldly‘ steht somit ein für die Positionierung von Texten in ihrem historischen Kontext, und für ihre gesellschaftliche Rolle als (potenzielle) ‚Ereignisse‘. Said öffnet somit den Raum für die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Texten und ihrem historischen Kontext.4
2.4 Körper und Ganzheit
Das allgemeine Darstellungspotenzial des Körpers präsentiert sich als nahezu grenzenlos:
The body is a model which can stand for any bounded system. Its boundaries can represent any boundaries which are threatened or precarious. The body is a complex structure. The functions of its different parts and their relation afford a source of symbols for other complex structures. (Douglas 142)1
Nicht nur erklärt Mary Douglas den Körper hier zur ‚Super-Trope‘, die für „jedes geschlossene System stehen kann“, er ist darüber hinaus ein Modell, dessen Bildpotenzial sich aus seiner „komplexen Struktur“ ableitet. Da der Körper komplex ist, so die Argumentation, lässt er sich zur Abbildung anderer komplexer Strukturen instrumentalisieren. In Der fiktive Staat beschreibt Koschorke (et al.) dieses Potenzial des Körpers – anhand des Beispiel des ‚Staatskörpers‘ – wie folgt:
Besondere Aufmerksamkeit gebührt dabei solchen rhetorischen Figuren, die ein Bild der Gesellschaft als GanzheitGanzheit entwerfen, wie es in erster Linie die Metapher des sozialen Körpers tut. Gehört zum Begriff der Ganzheit nämlich die Idee der Totalität und „Übersummativität“ des Gebildes (dass es, nach klassischer Definition, „mehr“ ist als die Summe seiner Teile), so ist doch gerade diese Totalität und Übersummativität, also gerade das ‚Ganze‘ der Ganzheit, sinnlich nicht wahrnehmbar: Weder das extensive Ganze der Gesellschaft noch die Gesellschaft als intensive Ganzheit sind mögliche Gegenstände einer empirischen Anschauung. Metaphern für das ‚Ganze‘ eines Gemeinwesens sind als Hypotyposen, Versinnlichungen eines Begriffs, die mit rhetorischen Mitteln vor Augen stellen, was anders nicht gesehen werden kann. (58)
Die Metapher des Staatskörpers bringt den Staat zur sichtbaren Darstellung, wobei dies überhaupt erst nötig ist, weil „das ‚Ganze‘ der GanzheitGanzheit […] sinnlich nicht wahrnehmbar“ ist. In ihren Teilen kann Ganzheit wahrnehmbar sein, aber nicht als Ganzheit natürlich (oder: „empirisch“) gesehen werden. Immanuel Kant, auf den Koschorke (et al.) sich hier bezieht,
unterscheidet zwischen schematischen Hypotyposen, ‚da einem Begriffe, den der Verstand faßt, die korrespondierende Anschauung a priori gegeben wird‘, und symbolischen Hypotyposen, ‚da einem Begriffe, den nur die Vernunft denken kann und dem keine sinnliche Anschauung angemessen sein kann, eine solche unterlegt wird‘. (Koschorke et al. 59)Hypotypose2
Die Notwendigkeit zur Verwendung von Hypotyposen/Versinnlichungen ist bei der Darstellung von Ganzheiten dabei in besonderem Maße gegeben, da
nach der klassischen philosophischen Erkenntnislehre Ganzheiten nur vermöge der Einbildungskraft apperzipiert werden können, weil sie nicht als solche empirisch ins Auge fallen, so muss auch die soziale Synthesis den Umweg über eine Erkenntnisform nehmen, die das, was man nicht sehen kann, in ein Bild kleidet. (Koschorke et al. 59)
Die Wahl des Körpers als Bild, das die unsichtbare GanzheitGanzheit sichtbar macht, ist keineswegs beliebig, da „der menschliche Körper selbst gleichsam das ursprüngliche Vorbild auch noch des abstraktesten logischen Begriffs der Ganzheit“ (Koschorke et al. 60) ist. Gemeint ist damit keine natürlich gegebene Verbindung zwischen Körper und Ganzheit, sondern eine lange Denktradition, die beide in Beziehung zueinander setzt.
Doch mit der Darstellung der GanzheitGanzheit des Staates als Körper wird nicht nur die Vorstellung von Ganzheit selbst, die der Körper traditionell transportiert, auf den Staat übertragen: die Darstellung vollzieht parallel weitere Übertragungen von Elementen und Eigenschaften, die, gewissermaßen als „Cargo“ (Mahr 162),3 auf den Staat transferiert werden:
[S]o leistet die Metapher des sozialen Körpers die Übertragung eben jener vom menschlichen Körper abgezogenen Bestimmungen auf den Staat. Dazu gehören, neben Totalität (Vollständigkeit), Übersummativität (Kontinuität) und funktionaler Differenzierung vor allem auch Gegebenheit (Natürlichkeit), Unteilbarkeit und Fraglosigkeit der ‚Systemgrenzen‘, deren Vorstellungen dem Begriff des Staats auf metaphorischem Wege „unterlegt“ werden. (Koschorke et al. 60)
Der Vorgang ist der einer metaphorischen Übertragung (oder: Unterlegung) mit mehrfachem Cargo („Totalität“, „Übersummativität“, „funktionale Differenzierung“, „Gegebenheit“, „Unteilbarkeit“, „Fraglosigkeit der ‚Systemgrenzen‘“), die sich weiter genauer als HypotyposeHypotypose/Versinnlichung klassifizieren lässt. Hier wird also nicht etwa Achill zum Löwen, sondern einem Gegenstand, dem in der Realität ‚keine Anschauung korrespondieren kann‘ (und d.h. vor allem keine, die ihn in seiner Gänze zeigen kann), wird überhaupt erst eine Anschauung gegeben, er wird „in ein Bild [ge]kleidet“ (s.o.).4
Einer deutlich größeren GanzheitGanzheit – der ‚Welt‘ bzw. dem ‚Kosmos‘ – und ihrem Verhältnis zum (bzw. ihrer Darstellung durch den) Körper nimmt sich die mittelalterliche Konzeption des MakrokosmosMikrokosmos/Makrokosmos/Mikrokosmos an. Die Beziehung zwischen Ganzheit und Körper gestaltet sich dabei wie folgt:
Der MikrokosmosMikrokosmos/Makrokosmos ist nicht nur ein kleiner Teil des Ganzen, nicht ein Element des Weltalls, sondern gleichsam seine verkleinerte und es nachbildende Replik. Nach der Idee, die von Theologen und Dichtern geäußert wurde, ist der Mikrokosmos ganzheitlich und in sich vollendet wie auch die große Welt. Man stellte sich den Mikrokosmos in Form eines Menschen vor, der nur im Rahmen des Parallelismus ‚kleines‘ und ‚großes‘ Weltall verstanden werden kann. (Gurjewitsch 65)
Es handelt sich also um eine Parallelisierung, welche auf der „völligen Analogie zwischen Weltall-Makrokomos und Mensch-MikrokosmosMikrokosmos/Makrokosmos“ (400) beruht, die sich detailliert ausbuchstabieren lässt: „Jeder Teil des menschlichen Körpers entspricht einem Teil des Weltalls: der Kopf dem Himmel, die Brust der Luft, der Bauch dem MeerMeer, die Beine der Erde, die Knochen den Steinen, die Adern den Zweigen, die Haare dem Gras und die Gefühle den Tieren.“ (65) Wie man an dieser Aufreihung erkennen kann, handelt es sich um einen hochgradig konventionalisierten Analogieschluss, dessen einzelne Bestandteile ohne Vorwissen nicht zwingend einleuchten. Die Vorstellung vom Makrokosmos/Mikrokosmos, die „im mittelalterlichen Europa, insbesondere seit dem 12. Jahrhundert“ (65) äußerst populär ist,5 zeitigt zahlreiche bildliche Darstellungen, die menschliche Körper mit dem Kosmos im Wechselverhältnis zeigen (vgl. Gurjewitsch 67f.) und beruht des Weiteren auf der zeittypischen Vorstellung, dass die GanzheitGanzheit dualistischen Charakters ist.Mikrokosmos/Makrokosmos6 Der Körper ist also auch jenseits der StaatskörperStaatskörper (body politic)-Metapher im europäisch-christlichen Denken seit Langem mit Ganzheit assoziiert, d.h., dass der Körper somit schon seit geraumer Zeit und in verschiedenen Varianten in ein überraschendes Näheverhältnis zu kleineren und größeren Ganzheiten gerückt wird.7
In Fragen der Darstellung von GanzheitGanzheit verdient das Konzept der HypotyposeHypotypose besondere Aufmerksamkeit, denn die Darstellung der Ganzheit des Staates als Körper (bzw. die breite und aufschlussreiche Forschung zu dieser Thematik) kann die Perspektive auf die Darstellung von größeren Ganzheiten informieren. Der StaatskörperStaatskörper (body politic) kann so als Modell dienen, zu dem sich Relationen zwischen Körpern und größeren Ganzheiten in ein Verhältnis setzen lassen. Denn was für den Staat gilt, trifft auch auf größere Ganzheiten zu: „Das Ganze der Welt ist der Wahrnehmung nicht zugänglich“ (Moser u. Simonis 12). Das Argument des Abstandes zwischen Ganzheit und Wahrnehmung kann so auf eine mögliche Brücke hin geöffnet werden: der Staatskörper, der auf dem allgemeinen hohen Potenzial des Körpers zur Darstellung von „bounded systems“ (Douglas 142) fußt.Mikrokosmos/Makrokosmos8
Um das allgemeine Darstellungspotenzial von Körpern im Kontext von GanzheitGanzheit weiter darzulegen, ist auf die Rolle des Körpers im kartografischen Kontext einzugehen, der untrennbar mit dem Themenfeld des Kolonialismus verknüpft ist. Das enge Verhältnis zwischen Körper und KartografieKartografie (vgl. III.2.3, III.4.4.4) wird angesichts folgender Beschreibung zunächst überraschend erscheinen: „Die Karte bringt zahlengenaue Maßverhältnisse ins Spiel, abstrahiert von der idiosynkratischen Perspektive einzelner Subjekte und von deren seelischer Tiefe“ (Stockhammer, Kartierung 8). Dennoch gibt das menschliche Herz frühen Weltkarten ihre Form (vgl. Ramachandran 33–39), bzw. werden in Darstellungen, die Karten begleiten und rahmen, gehäuft riesenhafte menschliche Körper platziert (Ramachandran 23, 51f.). Außerdem füllen und schmücken die Darstellungen von Tieren und Menschen Globen und Karten, und bewohnen dabei zumeist unbekannte oder entlegene Regionen der Erde. Abgebildeten Kannibalen und Monstern kommt hierbei gehäuft die Rolle zu, die Peripherie der (bekannten) Erde zu markieren; so schienen etwa „die amerikanischen Reiseberichte eine Bestätigung jener antiken Prognosen zu liefern, nach denen am Rande der Welt MonsterMonster, Fabel- und Zwitterwesen leben: Kannibalen, kopflose Wesen (Acephali), Satyre, Amazonen, Hermaphroditen, Monstergestalten“ (Manow 23; zu diesen Monstern vgl. auch Daston u. Park 205).9 „As writers struggled to represent the novelty of the American hemisphere for a European audience back home, monsters and marvels became coextensive with terra incognita in colonial representations.“ (Barrenechea 27)
Man denke weiter an den AtlasAtlas (Mythos)- bzw. Herkules-Mythos, in dessen bildlicher Darstellung ein riesenhafter Mann einen Globus schultert. Jörg Dünne hat mit Bezug auf frühneuzeitliche Beschreibungen darauf aufmerksam gemacht, dass die „Ansicht der Welt in einer zweidimensionalen Karte […] den Augen ein ähnliches Unwohlsein“ verursacht „wie das Gewicht der Erdkugel, die Herkules in dem Moment, als er sie Atlas abnimmt, auf seinen Schultern zu spüren bekommt“ (12), womit ein gleich doppelt körperliches Verhältnis zur Karte (im Erschrecken einerseits und dem Bild des Atlas/Herkules andererseits) in Szene gesetzt wird. Atlas gibt darüber hinaus einem kartografischen Genre seinen Namen, beginnend mit dem Atlas von Mercartor, womit ein signifikanter Übergang markiert wird:
From a literary historical perspective, the volume’s title [AtlasAtlas (Mythos); T.E.] is striking and strange. It introduces a new nomenclature for the map book, replacing conventional metaphors with the materiality of the human body. […]. The Atlas troubles the illusion of the map as a transparently mimetic object–a “mirror of the world”–by highlighting the function of the human mapmaker as a mediator; it is through his particular perspective and technical gaze that we see the world visualized on the page. (Ramachandran 27)
Weiter werden im Rahmen der Engführung von Körper und KartografieKartografie die Relationen zwischen anthropomorphen Körpern und der GanzheitGanzheit in außergewöhnliche Größenverhältnisse gesetzt, insofern der menschliche Körper die Erdkugel schultert, oder als Riese von kosmischen Ausmaßen den Erdglobus – gleichsam Erde und ihre Repräsentation – in den Händen hält, wie auf dem Titelkupfer des AtlasAtlas (Mythos) von Gerhard Mercartor (1595); „as an allegory of making it announces a bold argument: the mapmaker embodies the world. In material and metaphorical ways, the human body and the global body become one.“ (Ramachandran 22) Ayesha Ramachandran schreibt weiter:
Rhetorically, the materialities of geographic and bodily space become powerfully fused in the early modern period, paving the way for subsequent analogies between the human body and the great body of the world. (31)
Neben diesem Zusammenhang ist auch auf die Nähe zwischen KartografieKartografie und AnatomieAnatomie hinzuweisen, insofern beide wiederholt, so kontraintuitiv es erscheinen mag, als ähnlich beschrieben wurden (Ramachandran 29–32).
Weiter ist die Darstellung von Körpern in kolonialen Kontexten zu nennen – einmal im Rahmen der Diffamierung des Anderen (vgl. Manow 23–26) und einmal im Rahmen der Darstellung von zu kolonisierenden Regionen. Am bekanntesten ist hier mit Sicherheit die gegenderte Darstellung Amerikas als nackte, von Vespucci – seines Zeichens voll bekleidet und mit wissenschaftlichen Instrumenten ausgerüstet – ‚entdeckte‘ Frau (im Bildhintergrund findet, um dem Betrachter jegliche weitere Orientierungsarbeit zu ersparen, ein kannibalisches Barbecue statt). Doch gibt es auch Darstellungen, die alle – nach jeweiligem Stand der KartografieKartografie bekannten – Erdteile, zuvorderst Europa und Amerika, als „Frauengestalten“ (Manow 57) darstellen; diese Bildtradition findet auch im Titelkupfer des De Cive von Thomas Hobbes Eingang (vgl. Manow 55–57). Dieses Ins-Verhältnis-Setzen von Körpern und größeren Ganzheiten – und das koloniale Begehren, das ihnen eingeschrieben ist – kann jedoch auch ganz andere Formen annehmen: „The form of the globe finds anthropomorphic expression in the human eye or the female breast […], generating a poetics of form that connects the microcosm of a gendered human body to the macrocosm of the planetary globe.“ (Cosgrove 7f.) Auf noch konkretere Verbindungen zwischen Hobbes LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer) und der Kolonialgeschichte, auf die Philip Manow hingewiesen hat, wird unter III.2.4.1 eingegangen.
Die anthropomorphen Körper erscheinen in diesen – staatspolitischen, kolonialen, und kartografischen – Kontexten zumeist als stark vergrößert. Diese Tendenz wird im Spezialfall der von Horst Bredekamp beschriebenen Bildtradition der „KosmosleiberKosmosleiber“ (Hobbes 73) derart ins Extrem getrieben, dass der Körper mit Extensionen in ein Verhältnis gesetzt wird, die deutlich über den Bezugsrahmen des Terrestrischen hinausgehen – und den Körper sogar größer als die Erde erscheinen lassen, oder gar mit kosmischen Konstellationen (Sternzeichen, Himmelssphären etc.) in Näheverhältnisse rücken (vgl. Bredekamp, Hobbes 73–75). Probates Mittel zur Vergrößerung des menschlichen Körpers ist häufig dessen Darstellung als sogenannter „Kompositkörper“ (Bredekamp, Hobbes 76), der sich „[n]eben der Größe“ dadurch auszeichnet, dass er aus einer „schier unübersehbar große[n] Menge von Personen“ (ebd.) – oder Körpergliedern – zusammengesetzt ist.
Das allgemeine Darstellungspotenzial des Körpers konnte hier nur umrissen und so ein Fundament für die folgenden Analysen geschaffen werden, die dieses Potenzial in literarischen Texten weiter untersuchen und aus neuer Perspektive – in Relation zu FdG – beleuchten.
III Lektüren
Aus den bis hierher beschriebenen Beobachtungen erklärt sich der Fokus der folgenden Lektüren, der auf Texten des 18. und 19. Jahrhundert19. Jahrhundert (Welt-System)s liegt, die damit in der unmittelbaren Vor-Phase des Global-Werdens des Welt-SystemWelt-Systems angesiedelt sind (auch wenn ihnen selbst diese Terminologie natürlich fremd ist). Der Grund für den zeitlichen Fokus ist also, dass sich die bis zu diesem Punkt untersuchten und genannten Texte und Theorien einig sind, dass die ‚Weltwerdung von Erde‘ zwar deutlich früher beginnt, im 19. Jahrhundert jedoch global geworden ist; das ‚Welt-System‘, um in Wallersteins Vokabular zu sprechen, ist erdumfassend geworden. Hierbei ist dezidiert auch auf Robertsons Überlegungen zu verweisen, der im 18. und 19. Jahrhundert einen zentralen Prozess beobachtet, der unter anderem in der Integration nicht-europäischer Staaten in die ‚internationale Gemeinschaft/Gesellschaft‘ besteht (vgl. dessen Ausführungen zu JapanJapan (‚Öffnung‘) 85–96; vgl. genauer III.4.4). Weiter erklärt sich der Bezug auf Wallersteins Ansatz aus dessen Analysen der FdG ‚Welt‘, deren Ergebnisse oben dargestellt wurden.
Die folgenden drei Lektürekapitel, und die Textauswahl, die ihnen zugrunde liegt, lassen sich kontextuell und sprachlich den „three great empires – British, French, American –“ (Said, Orientalism 15) zuordnen. Denn die drei analysierten Haupttexte – Gulliver’s Travels, Candide und Moby-Dick – sind in den dominanten Sprachen (Englisch, Französisch, Englisch) dieser Imperien verfasst und in den entsprechenden Kontexten entstanden.1 Die Texte werden, um die bis hierher beschriebene Prozessualität der ExpansionExpansion nachvollziehen zu können, in der Chronologie ihres Erscheinens (1726, 1759, 1851) analysiert.
An dieser Stelle ist das Genre der untersuchten Texte zu adressieren – denn es ist auffällig, dass im Folgenden zwei Satiren und ein RomanRoman untersucht werden. Das erklärt sich vor allem aus der Thematik des Blickpunktes, die immer wieder aufgegriffen werden wird. Wie Werner von Koppenfels gezeigt hat, ist die SatireSatire2 grundsätzlich der AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) verschrieben, denn da sie „auf die pointierte Verkleinerung menschlicher Scheingröße abzielt, muß sie […] statt der vertrauten Nähe der Dinge ironische Distanz schaffen“ (31). Diese Distanz wird dabei häufig als „Blick aus der Höhe“ (ebd.) inszeniert – die doppelte Distanz aufrufend, die weiter oben bereits angesprochen wurde, als räumliche einerseits, und als Enthebung aus dem Alltag andererseits (vgl. II.2.1). Die Schrumpfung, welche Satiren ihrem Genre gemäß häufig inszenieren, ist im Rahmen dieser Arbeit neu zu deuten – mit Hinblick auf den beschriebenen Rahmen der ExpansionExpansion des Welt-SystemWelt-Systems.
Der RomanRoman steht ebenfalls in einem komplexen Verhältnis zum ‚Ganzen‘, insofern in ihm die Frage, inwiefern er selbst ein Ganzes – eine ‚Welt‘, mit allen Einschränkungen, die in Abschnitt II.1.3 erarbeitetet wurden – darstellt (vgl. hierzu auch III.4.1 und III.4.2.2). Darüber hinaus jedoch zeichnet sich Moby-Dick im Speziellen dadurch aus, dass dort ebenfalls eine AußenperspektiveAußenperspektive (auchextrinsische Perspektive) auf das Ganze explizit diskutiert wird.
‚Globale Realitäten‘ sind ein dem Alltag der individuellen Perspektive Entrücktes, so Jameson (s.o.), ein „absent cause“ (Jameson, „Mapping“ 350) jenseits der Wahrnehmung und SichtbarkeitSichtbarkeit (von Ganzheit). Die Annahme Jamesons dabei, dass „this absent cause can find figures through which to express itself in distorted and symbolic ways“, wird von dieser Arbeit mit allem Nachdruck vertreten – und verbunden mit der These, dass in den Texten, auf die das Projekt fokussiert, der Körper diese Funktion übernimmt, indem er – im Wechselspiel mit FdG – größere globale Einheiten und Prozesse darstellt und so sichtbar werden lässt.
1 Präliminarien: „Die Welt, sage ich, ist eine Muschel“
Ich sage dir nun, was du nie mehr vergessen wirst, weil du es im Innersten schon immer wußtest, ebenso wie ich es wußte, ehe es mir offenbar wurde. Wir haben uns nur dagegen gesträubt: Die Welt, sage ich, ist eine Muschel, die sich erbarmungslos schließt. Du sträubst dich? Du wehrst dich gegen die Einsicht? Es ist kein Wunder. Der Schritt war zu groß. Du kannst ihn nicht auf einmal tun. Der alte Nebel liegt zu dicht, als daß ein großes Licht genügte, ihn zu vertreiben. Wir müssen hundert kleine entzünden. (Süskind 45f.)
Der Ich-Erzähler namens Mussard in Patrick Süskinds Das Vermächtnis des Maître Mussard (1995) eröffnet im zitierten Passus dem unmittelbar angesprochenen Leser, dass „die Welt“ eine Muschel sei (eine einzige Muschel wohlgemerkt, doch dazu im weiteren Verlauf mehr). Damit schöpft er eine überraschende Gleichsetzung. Gleichzeitig postuliert er einen Widerstand gegen diese Behauptung seitens des im Text mit hoher Frequenz direkt angesprochenen Lesers. Der Leser wird so textintern inszeniert als ein von der Identität von Welt und Muschel zu überzeugendes Gegenüber, das Vielheit sieht, wo der Erzähler eine Identität von Welt und Muschel postuliert. Die FdG ‚Welt‘ wird so aus dem automatisierten Verständnis gerissen, und durch die In-Eins-Setzung mit einem denkbar unwahrscheinlichen, weil kleinen, Tier in eine Relation gesetzt, die jedwede intuitive Bedeutung von ‚Welt‘ unterläuft. Das Eins-Sein von ‚Welt‘ und Muschel muss entsprechend erst noch hergeleitet werden – und dieses Unternehmen steht im restlichen Verlauf des Maître Mussard im Mittelpunkt. Implizit formuliert der Text damit eine viel grundlegendere Frage: Was ist ‚die Welt‘?
Ausgehend von einem Fund beim Graben im heimischen Garten, bei dem nur knapp unter einer dünnen Schicht Erde Gestein voller versteinerter Muscheln zutage tritt, entwickelt der Protagonist die globale These, dass die gesamte Erde nur von einer dünnen Schicht Erdbodens überzogen ist, unter der sich überall Muschelgestein findet. Von diesem Ist-Zustand ausgehend, der durch (mehr und weniger überzeugende) Beweise, die der Protagonist im Lauf des Textes anhäuft, untermauert wird, entwickelt der Erzähler weiter die These, dass die gesamte ‚Welt‘ in einem Prozess der „Vermuschelung“ (54) begriffen ist. Dieser wird, so seine Prognose, im Erstarren der Erde zu einer Wüste aus Muschelgestein enden.
Doch nicht nur findet sich überall Muschelgestein, es erweist sich außerdem, dass dieses Gestein in sich völlig homogen ist. „Und wenn ich keine Muscheln fand, so fand ich Sand oder Stein, der mit ihnen substantiell identisch war.“ (51) Weiter heißt es, dass sich die „diversen Muscheln meiner Sammlung“ in nichts unterschieden „bis auf die Größe […], und abgesehen von der Form, unterschieden sie sich auch nicht von dem Gestein, mit welchem sie verwachsen waren.“ (51) Alles erscheint als Muschel, auch über deutliche Unterscheidungsmerkmale wie Größe und Form hinweg. Das Gestein, welches die versteinerten Muscheln umgibt, ist „substantiell“ mit ihnen identisch, und diese Identität überschreibt alle weiteren Unterschiede, seien sie auch noch so evident.
Mussard weitet seine Grabungen, die anfangs auf den eigenen Garten beschränkt bleiben, zunehmend aus: „Zunächst grub ich in Passy, dann in Boulogne und Versailles, schließlich hatte ich ganz Paris von St. Cloud bis Vincennes, von Gentilly bis Montmorency systematisch umgraben, ohne auch nur ein einziges Mal vergeblich nach Muscheln zu suchen.“ (50f.) Auch wenn er über Frankreich in seinen Grabungsversuchen nie hinauskommt, erscheint ihm bald eine durchgängige Berührung von Muschel und ‚Welt‘ evident: Die Muschel wächst sich im Lauf der Erzählung zu einer allumfassenden, räumlich motivierten Metonymie aus, welche die GanzheitGanzheit an allen Stellen unterirdisch berührt. Darüber hinaus fällt die zu Textbeginn bemühte ‚Welt‘ im Textverlauf zusehends mit dem „ganzen Kosmos“ (60) und dem „UniversumUniversum (Figur der Ganzheit)“ (68) zusammen. Beschränkt sich Mussard zunächst auf besagten Garten, frankreichweite Grabungen und Annahmen über die Gebirge dieser Erde (vgl. 59), so wird schließlich selbst die Erde im Zuge der eskalierenden Spekulationen verlassen. Der Sprung zum erdnahen Trabanten erfolgt konsequent, denn der Mond erscheint als „ein geradezu klassisches Beispiel für die Vermuschelung des Kosmos“ (60), und so liegt „die Vermutung nahe, daß die Vermuschelung ein allgemeines Prinzip darstellt, welchem nicht nur die äußere Erdgestalt, sondern auch alles irdische Leben, jedes Ding und Wesen auf Erden, ja im ganzen Kosmos unterworfen ist.“ (ebd.) Die Vermuschelung ist nicht weniger als „die weltbewegende Kraft“ (64), und gewinnt so über die anfängliche Feststellung eines Ist-Zustands der Erde hinaus eine dynamische, prozessuale Energie:
Die Entdeckung, daß die Erde im wesentlichen aus Muscheln besteht, könnten wir als belanglose Kuriosität achten, wenn es sich hierbei um einen Zustand handelte, der unveränderlich und abgeschlossen wäre. Leider ist dies nicht der Fall. Meine umfangreichen Studien, deren Gang im einzelnen hier dazulegen mir keine Zeit bleibt, haben ergeben, daß die Vermuschelung der Erde ein rapide fortschreitender, nicht aufzuhaltender Prozess ist. Schon in unseren Tagen ist der erdige Mantel der Welt allenthalben fadenscheinig und brüchig geworden. An vielen Stellen ist er bereits von muscheliger Substanz zernagt und zerfressen. […]. Im ganzen genommen übertrifft die bereits der Vermuschelung anheimgefallene Erdoberfläche die Fläche Europas um ein beträchtliches. (54f.)
Für den Moment betrachtet, handelt es sich bei der „Entdeckung, daß die Erde im Wesentlichen aus Muscheln besteht“ um eine Unterminierung, eine (größtenteils) unterirdische Berührung und Kontiguität von Muschel und Welt. Erst in der Behauptung, dass es sich um einen Prozess handelt – für deren Herleitung „im einzelnen hier darzulegen […] keine Zeit bleibt“ – ergibt sich, dass die Vermuschelung schlicht die ganze Erde zur Muschel machen wird. Und auch der Mensch hat in diesem Zusammenhang seinen Auftritt.
Noch entsetzlicher als die Vermuschelung des Kosmos ist der stetige Verfall unseres eigenen Körpers zur Muschelsubstanz. Dieser Verfall ist so heftig, daß er bei jedem Menschen unweigerlich zum Tode führt. Während der Mensch bei der Zeugung, wenn ich so sagen darf, nur aus einem Klümpchen Schleim besteht, welches zwar klein, aber noch völlig frei von Muschelsubstanz ist, so bildet er bereits beim Heranwachsen im Mutterleibe Ablagerungen davon aus. Kurz nach der Geburt sind diese Ablagerungen noch hinreichend weich und schmiegsam, wie wir das an den Köpfen von Neugeborenen feststellen können. Aber schon nach kurzer Zeit ist die Verknöcherung des kleinen Körpers, die Umschalung und Beengung des Gehirns durch eine harte steinige Kapsel so weit gediehen, daß das Kind eine ziemlich starre Gestalt annimmt. Die Eltern jauchzen und sehen nun erst einen richtigen Menschen in ihm. Sie begreifen nicht, daß ihr Kind, kaum daß es zu laufen beginnt, schon von Muscheln befallen ist und nur noch seinem sicheren Ende entgegentaumelt. (61)
So wird auch der menschliche Körper und dessen Altern (das eher als lebenslanges Zur-Muschel-Werden begriffen wird) in den weltweiten Prozess – im zitieren Passus ist gar von der FdG ‚Kosmos‘ die Rede – eingebunden. Körper und GanzheitGanzheit werden im Laufe des menschlichen Lebens zunehmend ‚identischer‘, bis der Unterschied Körper/Ganzheit völlig hinfällig geworden ist:
Im Alter nämlich wird die Versteinerung des Menschen am deutlichsten sichtbar: Seine Haut wird spröde, die Haare brechen, die Adern, das Herz, das Gehirn verkalken, der Rücken krümmt sich, die ganze Gestalt biegt sich und wölbt sich, der inneren Struktur der Muschel folgend, und schließlich fällt er in die Grube als ein jämmerlicher Trümmerhaufen von Muschelstein. Und selbst damit ist es noch nicht zu Ende. Denn der Regen fällt, die Tropfen dringen ein ins Erdreich, und das Wasser zernagt und zerkleinert ihn in winzige Teile, die es hinabträgt zur Muschelschicht, wo er dann in Form der bekannten Steinmuscheln seine letzte Ruhe findet. (61f.)
Hier findet ein Übergang statt, von einer Relation der Ähnlichkeit zwischen menschlichem Körper und Muschel, die über die Krümmung des menschlichen Körpers im Alter („der Gestalt der Muschel folgend“) zum Bild gebracht wird, hin zu einer Beziehung, die sich, über den Prozess der mineralischen Auswaschung, als Identität von Mensch und Muschelsubstanz darstellt. Im weiteren Verlauf jedoch erscheint die Vermuschelung damit als fortschreitende Einsmachung. Ihren Höhepunkt finden die Überlegungen zum Verhältnis zwischen Muschel und Welt in einer apokalyptischen Vision des Protagonisten, in der nicht mehr im Plural von Muscheln oder von Muschelsubstanz gesprochen wird:
Ich wurde aus meinem Garten weggetragen in das Dunkle. Ich wußte nicht, wo ich mich befand, ich war nur umgeben von der Dunkelheit und von merkwürdigen gurgelnden und rauschenden Geräuschen. Diese beiden Geräuschgruppen – das wäßrige Rauschen und das steinige Knirschen – schienen mir in dem Augenblick als Schöpfungsgeräusche der Welt, wenn ich so sagen darf. Ich hatte Angst. Als die Angst am stärksten war, fiel ich abwärts, die Geräusche entfernten sich, dann fiel ich aus der Dunkelheit heraus. Mit einem Mal war ich von so viel Licht umgeben, daß ich glaubte, blind zu werden. Ich fiel weiter im Licht und entfernte mich von dem dunklen Ort, den ich jetzt als ungeheure schwarze Masse über mir erkannte. Je weiter ich fiel, desto mehr erkannte ich von der Masse und desto größer wurden ihre Ausmaße. Schließlich wußte ich, daß die schwarze Masse über mir eine Muschel war. Da spaltete sich die Masse in zwei Teile, öffnete ihre schwarzen Flügel wie ein gigantischer Vogel, riß die beiden Muschelschalen auf über das ganze Weltall und senkte sich herab über mich, über die Welt, über alles was ist und über das Licht und schloß sich darüber. Und es wurde endgültig Nacht, und das einzige, was es noch gab, war das Geräusch des Mahlens und Rauschens. Der Gärtner fand mich auf dem Kiesweg liegen. (66f.)
Mussard meint, aus einem Innenraum herauszufallen, und so, durch diese Bewegung, eine GanzheitGanzheit, die sich als die „Urmuschel“ erweist, von außen, einem archimedischen Blickpunkt, sehen zu können.1 Der Erzähler sieht nun nicht länger Gestein, das substantiell identisch ist mit all den Muscheln, oder Körper, die zu Stein werden, sondern er „wußte […], daß die schwarze Masse […] eine Muschel war“ (Hervorhebung T.E.). Grammatikalisch kommt es zu einer Singularisierung von ‚Muschel‘. In einem zweiten Schritt verschlingt die Muschel das „Weltall“ – im Übrigen die einzige Verwendung der FdG ‚Weltall‘ in diesem Text, durch die betont wird, dass diesmal wirklich die ‚totale Ganzheit‘ betroffen ist, und nicht etwa ‚nur‘ die Erde, der Mond, oder das Sonnensystem. Das Weltall wird in einer Schreckensvision von einer Muschel verschlungen.
Die Kraft, die alles Leben in ihren Bann schlägt und alles Ende herbeiführt, der höchste Wille, der das UniversumUniversum (Figur der Ganzheit) beherrscht und es zur Vermuschelung als Zeichen der eigenen Omnipräsenz und Omnipotenz zwingt, geht aus von der großen Urmuschel, aus deren Innern ich für kurze Zeit entlassen war, um ihre Größe und furchtbare Herrlichkeit zu schauen. Was ich gesehen habe, war die Vision des Weltendes. Wenn die Vermuschelung der Welt so weit gediehen ist, daß jedermann die Macht der Muschel erkennen muß, wenn die Menschen, der Hilflosigkeit und dem Entsetzen preisgegeben, zu ihren verschiedenen Göttern schreien und sie um Hilfe und Erlösung anflehen, dann wird als einzige Antwort die große Muschel ihre Flügel öffnen und sie über der Welt schließen und sie zermahlen. (68f.)
Es ist hier nur noch eine Muschel, welche die „Welt“ verschlingt, womit diese nicht länger aus unzähligen Muscheln oder „substantiell“ (s.o.) aus Muschelgestein besteht. Stattdessen wird die „Welt“ ausgelöscht, und was bleibt ist die EinsheitEinsheit (Unicity) der einen Muschel. Die unterschiedlichen FdG, die im zitierten Passus – und im übrigen Text – ihren Auftritt haben, werden von der einen Muschel verdrängt, die an ihre Stelle tritt. Hier lässt sich also eine weitere Nuance in die bereits besprochene Unterscheidung zwischen EinheitEinheit und Einsheit eintragen (vgl. II.1.4). Einheit setzt strukturell stets Vielheit voraus, welche als Einheit wahrgenommen/dargestellt wird; Einheit verdrängt Vielheit nicht notwendig. Süskinds Text hingegen inszeniert die Beseitigung von Vielheit zugunsten eines einzelnen Gegenstandes, der Muschel, der an die Stelle der Vielheit tritt, und dessen Eins-Sein stiftet.
Der Prozess der Vermuschelung stellt, so die Deutung, die hier an den Text herangetragen werden soll, die Kompression der GanzheitGanzheit als radikale Vereinsheitlichung dar. Die von Mussard gegebene Beschreibung der hauchdünn von Erdboden überzogenen Ganzheit der Erde, die im Kern schon Muschel ist, wird so als wahnhafte Momentaufnahme des Fortschreitens der Kompression lesbar, einer paranoiden oneworldedness (vgl. II.2.2), die die Ganzheit auf eine Muschel reduziert. Unter dieser Perspektive entwickelt der Text einen als materiell inszenierten globalen Zusammenhang, der in scharfem Kontrast steht zu den üblicherweise dezidiert nicht-stofflichen Metaphern und Bildern, die zur Illustration von Fernwirkungszusammenhängen herangezogen werden. So spricht man in der Globalisierungstheorie eher davon, dass alle Ereignisse auf der Erde globale Echos2 nach sich ziehen; Peter Sloterdijk spricht (allerdings für das 20. Jahrhundert) noch abstrakter von „Transaktionen“ die noch aus weiter „Ferne“ die „Gegenspieler in Mitleidenschaft“ (Sphären II 824) ziehen. Im Kontrast zu diesen Beschreibungen also erweist sich die Kompression in Süskinds Text als ein Prozess, der EinsheitEinsheit (Unicity) (in der extremsten Form) als substantiell verstandene Identität aller Stoffe inszeniert.
Mit einiger Verzweiflung wirft der Erzähler schließlich die Frage auf: Was bleibt? – und stößt den Leser damit auf die an die Körperthematik stets untrennbar gebundene Frage nach der SeeleSeele (im Verhältnis zum Körper):
Wie sollte ich dich trösten? Soll ich von der Unzerstörbarkeit deiner SeeleSeele (im Verhältnis zum Körper), von der Gnade des barmherzigen Gottes, von der Auferstehung des Leibes faseln wie die Philosophen und Propheten? […] Wozu lügen? (69)
Die Frage nach der SeeleSeele (im Verhältnis zum Körper) wird auch am Ende des Textes, welches als „Nachschrift Claude Manets, des Dieners des Herrn Mussard“ (70) Gestalt annimmt, aufgegriffen. Nach der Beschreibung des Umstandes, dass man dem Herrn Mussard einen „rechtwinklingen Sarg zimmern“ lassen musste, da „mein Herr auch nach Ablauf der üblichen Todesstarre seine versteifte Haltung nicht aufgeben wollte“, schreibt Manet: „Gott sei seiner Seele gnädig!“ (70) und ‚faselt‘ damit von eben jener Seele, von der Mussard – angesichts der Vermuschelung der Welt – keine Lügen erzählen wollte. Die Seele – mit wenigen Ausnahmen in den meisten Vorstellungen vom Körper als nicht-stofflich verstanden –3 wird also von Süskinds Text verabschiedet, da sie nicht in die materiell gedachte ‚Vermuschelung‘ passt. So fällt der Einebnung von Unterschieden – wie die Behauptung der ‚substantiellen‘ Identität sämtlicher Stoffe sie mit sich bringt – zuletzt auch die Seele zum Opfer, die als Nicht-Substantielles in der substantiellen EinsheitEinsheit (Unicity) der ‚Muschel-Welt‘ keinen Platz hat.
2 Jonathan Swifts Gulliver’s Travels
2.1 Prolog: Ideenimport aus den Kolonien (A Modest Proposal)
Swifts politisches Pamphlet1A Modest Proposal (1729) schlägt vor, die Kinder irischer Bettlerinnen nach dem ersten Lebensjahr an die englische Oberschicht zu verkaufen, von der diese als Delikatesse verspeist werden sollen; somit soll die zu dieser Zeit in IrlandIrland (im kolonialen Kontext) grassierende Armut gelindert werden.2 Das Proposal legt also eine kannibalische Praktik zur Lösung der irischen Krise nahe.3 Dies ist, auf den ersten Blick, ein satirischer Kommentar auf die bilaterale Konstellation zwischen ungleichen Staaten: Irland kommt hierbei der Sonderstatus der first colony zu und leidet gesellschaftlich massiv unter dem hegemonialen Einfluss Englands, welches Irland faktisch der Selbstbestimmung beraubt hatte.4 Die Situation stellt sich als koloniales Ausbeutungsverhältnis unmittelbarster Art dar, das in der an ein Oxymoron grenzenden Begrifflichkeit des dependent kingdom, unter dem Irland zu dieser Zeit auch adressiert wird, kaum verborgen zutage tritt.5 Dementsprechend ist folgende, im Proposal vorgebrachte Begründung des drastischen ‚Lösungsvorschlags‘ nur folgerichtig:
I GRANT this Food will be somewhat dear, and therefore very proper for Landlords; who, as they have already devoured most of the Parents, seem to have the best Title to the Children. (233)
Die althergebrachte Ausbeutung der Iren rechtfertigt somit satirisch die Ausbeutung auch noch der jüngsten Generation, wobei das körperliche Verschlingen („devoured“) die Gewalt Englands markiert.6
Dieser Vorschlag ist in seinem Inhalt jedoch keineswegs so radikal, wie es ohne eine historische Kontextualisierung den Anschein haben mag. Denn drei zeitgenössische Praktiken in IrlandIrland (im kolonialen Kontext) und England politisieren Körper ebenfalls in massiver Form. So ist in diesem Zusammenhang erstens auf die Praktik des corpse-stealing hinzuweisen, also das Stehlen und Verkaufen von Leichen (betroffen sind von dieser Praxis vor allem Angehörige der Unterschicht).7 Zweitens stellt die Praktik der öffentlichen – und das heißt immer auch: strafenden – Obduktion von ‚Kriminellen‘ eine massive Politisierung von Körpern dar,8 die in diesem Zeitraum eine große gesellschaftliche Rolle spielt.9 Drittens muss auf eine irische Beerdigungspraktik verwiesen werden, die sich zu dieser Zeit zu etablieren beginnt, in welcher der Tod prominenter Personen zum Anlass genommen wird, einen Schal aus irischem Stoff zum patriotischen dress-code zu erklären; durch den vermehrten Verkauf von irischem Leinen soll so die heimische Wirtschaft angekurbelt werden.10 Semantisch hochgradig aufgeladene Körper sind somit im politischen Gefüge Irlands Anfang des 18. Jahrhunderts sehr präsent, und zwar als Waren, als Gegenstände der Demonstration von Macht, sowie als patriotische Symbole.11 Von derart ‚aufgeladenen‘ Körpern toter Iren einerseits, und der grassierenden Angst vor Grabräubern und Obduktionen andererseits, ist der Weg zum Vorschlag in Swifts Pamphlet nicht mehr weit, der insofern nur einem heutigen Publikum als haltlose Übertreibung erscheinen muss – ganz davon abgesehen, dass das Verspeisen von Menschen als Metapher in (finanz-)ökonomischen Zusammenhängen zu dieser Zeit en vogue ist. Das Proposal denkt diesen Umgang mit menschlichen Körpern lediglich satirisch einen Schritt weiter, indem es vorschlägt, sogar Kinder dem Verkauf und Verzehr preiszugeben.
Das Proposal ist weiter Teil des Genres des politischen Pamphlets zur Lösung der Krisensituation in IrlandIrland (im kolonialen Kontext), welches Anfang des 18. Jahrhundert18. Jahrhundert (Welt-System)s hochpopulär ist und die verzweifelte wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation anprangert. Gleichzeitig verdienen die Autoren dieses Genres an genau den Missständen, die sie kritisieren, ihr Geld. Das Genre ist damit ebenso politisch wie lukrativ.12 Der Bezug des Proposal auf dieses Genre ist der einer intertextuell verfahrende Parodie, die auf den Aspekt der Lukrativität des irischen Leidens abzielt. Gleichzeitig attackiert es dieselben gesellschaftlichen Umstände, auf die sich das ganze Genre bezieht (und wird auf dem gleichen Markt zum Bestseller, auf dem die parodierten Pamphlete verkauft werden):13 „The text may set Swift up as an outsider offering a horrified commentary on an insanely acquisitive culture, but as a saleable product the Proposal cannot help but participate in the cult of commodity fetishism it satirises.“ (Ward, „Bodies“ 283)
Im Rahmen der hiesigen Studie ist nun darauf aufmerksam zu machen, dass das Proposal die beschriebene lokale Situation in Dublin, auf die der Text (vor allem an seinem Beginn) fokussiert, aus dem bilateralen Kontext (IrlandIrland (im kolonialen Kontext)/England) heraushebt. Denn im Proposal findet ein Ideenimport interkontinentaler Art statt: Die den Text strukturierende und vorantreibende Idee, die Kinder der irischen Unterschicht an die englische Oberschicht zu ‚verfüttern‘, ist, wie behauptet wird, amerikanischen Ursprungs:
I HAVE been assured by a very knowing American of my acquaintance in London; that a young healthy Child, well nursed, is, at a Year old, a most delicious, nourishing, and wholesome Food; whether Stewed, Roasted, Baked, or Boiled; and I make no doubt that it will equally serve in a Fricasie, or a Ragout. (232)
En passant14 bedient der Passus den komplexen Topos des amerikanischen (bzw. karibischen) KannibalismusKannibalismus, in welchem sich koloniale Praktiken und Topographien des othering verdichten.15 Postkolonial informierte Analysen der letzten Dekaden haben deutlich gemacht, dass der Topos des Kannibalismus den kolonialen ‚Anderen‘ diffamieren und damit entmenschlichen soll.16 Überzeugende Beweise für eine tatsächliche Praxis der Anthropophagie sind (wenn sie denn nicht gänzlich fehlen) dabei jedoch zumeist offensichtlich konstruiert, von den Erwartungen der Beobachter prädeterminiert, oder von unsicherer und äußerst vager Natur.17 So wurde die Lesart entwickelt, dass die Zuschreibung des ‚Kannibalismus‘ die Projektion des zutiefst europäischen Begehrens ist, das zu kolonisierende Gegenüber zu ‚verspeisen‘, und das heißt: auszubeuten. Der Kannibalismus ist so auf der Seite der Kolonialmächte zu verorten.18
Noch ein zusätzliches Mal wird der Bezug auf den amerikanischen KannibalismusKannibalismus im Text aktualisiert,19 diesmal mittels detaillierter Beschreibungen von kindlichem Menschenfleisch, die wiederum von der Expertise der amerikanischen Bekanntschaft herrühren:
For as to the Males [die männlichen Kinder, die verspeist werden sollen; T.E.], my American Acquaintance assured from frequent Experience, that their Flesh was generally tough and lean, like that of our School-boys, by continual Exercise; and their Taste disagreeable; and to fatten them would not answer the Charge. (234)
In der Bezugnahme des Proposal auf diesen Topos hebt der Text die irische Situation aus dem bilateralen Kontext heraus und verweist auf die interkontinentale Konstellation zwischen Europa und Amerika. Vor diesem Hintergrund wiederum erscheint IrlandIrland (im kolonialen Kontext) umso deutlicher als Kolonie Englands, d.h. als eine Kolonie unter vielen, zu denen, nicht zuletzt, auch die in Amerika gehören.20 Weiter illustriert dieses Verfahren eine zentrale Waffe Swift’scher Wahl, um die hegemonialen Praktiken des Kolonialismus literarisch zu beleuchten: Ein durch explizite Körperlichkeit geprägter Topos (sein Sprachmaterial, d.h. seine Metaphern, Intertexte etc.) wird genutzt, um eine beschriebene Situation aus ihrem lokalen Kontext herauszuheben und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dieser ‚größere Zusammenhang‘ ist hier der koloniale, der neben Irland auch die anderen kolonialen Beziehungen Englands einschließt. Die in körperliche Bilder gefasste Grausamkeit des importierten schemes unterstreicht darüber hinaus die kolonialen Prozessen inhärente Gewalt.
Dass der Bezug des Proposal über eine bilaterale Konstellation hinausgeht, zeigt sich auch an anderer Stelle im Text, die sich zweier Figuren der GanzheitGanzheit (FdG) bedient. So nimmt der Text als Adressat seines Vorschlags nicht etwa nur die lokale Öffentlichkeit an, sondern richtet sich an nichts weniger als „die Welt“:
I CAN think of no one Objection, that will possibly be raised against this Proposal; unless it should be urged, that the Number of People will be thereby much lessened in the Kingdom. This I freely own; and it was indeed one principal Design in offering it to the World. I desire the Reader will observe, that I calculate my Remedy for this one individual Kingdom of IRELAND, and for no other that ever was, is, or, I think, ever can be upon Earth. (237)
Die FdG ‚world‘ steht hier ein für das Publikum, das das Proposal lesen soll. Als Text eines spezifisch ‚irischen-englischen‘ Genres richtet er sich so mit dem Adressaten „Welt“ an ein ausgesprochen großes Publikum. Doch trägt diese Hyperbel nicht nur zum allgemein-ironischen Ton der Passage (und des gesamten Textes) bei. Denn die FdG ‚world‘ kann darüber hinaus auch als Verweis auf den deutlich größeren, kolonialen Zusammenhang verstanden werden. Wenn die FdG ‚world‘ hier also nicht auf die Bedeutung eines ‚zu großen‘ Publikums reduziert, sondern als Bezugnahme auf GanzheitGanzheit ernst genommen wird, so tritt die Öffnung des Textes auf eine größere Ganzheit hin, die der Kannibalen-Topos bewirkt und vorbereitet, noch einmal deutlicher hervor. Das Proposal beschreibt eine interkontinentale Konstellation und richtet sich somit an die koloniale Ganzheit seiner Zeit.
Die hyperbolische Formulierung einer allumfassenden Zeitlichkeit, die im Passus durch den Satzteil „ever was, is, or I think, ever can be“ evoziert wird, sowie der explizit aufgerufene Raum der gesamten „Earth“ verweist ebenfalls auf eine denkbar große (zeitliche und räumliche) Extension. Dieser Bezug auf GanzheitGanzheit lässt deutlich werden, dass der Sonderstatus Irlands, den der Text auf den ersten Blick behauptet, nicht ernsthaft behauptet werden soll; IrlandIrland (im kolonialen Kontext) ist mitnichten die einzige Kolonie Englands. Das „I think“ betont zusätzlich die Ironie des Gesagten und untergräbt so den vermeintlichen Einzelstatus Irlands noch weiter.
Was sich hier erkennen lässt, ist ein Verfahren des Textes, koloniale Ausbeutungsverhältnisse körperlich grausam in Szene zu setzen und diese ‚Szenen‘ dann in ein enges Verhältnis zu FdG zu setzen. Ausgehend von diesen Beobachtungen zum Proposal soll im Folgenden für Gulliver’s Travels die folgende Struktur beschrieben werden: das Herausheben lokaler oder vermeintlich bilateraler Ereignisse in einen größeren Kontext über das Mittel des Bezuges auf literarisch inszenierte Körper – ein Verfahren, das enggeführt wird mit einer intensiven Reflektion auf größere Zusammenhänge, evoziert durch FdG.
2.2 Hinführung: Ganzheit in den vier Teilen der Travels
In allen vier Büchern der Travels1 lässt sich ein konstanter Bezug auf GanzheitGanzheit nachweisen. Wie bereits beschrieben wurde, lässt sich dabei eine Struktur im Text isolieren, in der wiederholt scheinbar kleinteilig-lokales, über die Verschränkung der Inszenierung von Körpern mit der Arbeit an FdG, in ein Verhältnis mit größeren Ganzheiten gesetzt wird. So arbeitet der Text aktiv an verschiedenen Vorstellungen von Ganzheit.
Die im Text inszenierte/n GanzheitGanzheit/en erscheint/erscheinen dabei im Spannungsfeld zwischen EinsheitEinsheit (Unicity) einerseits und AsymmetrieAsymmetrie (des Welt-Systems) andererseits. Der Aspekt der Asymmetrie umfasst dabei vor allem koloniale Zusammenhänge im Allgemeinen und den atlantischen SklavenhandelSklavenhandel im Besonderen.2 Der Aspekt der Einsheit tritt im Text weniger prominent hervor und ist in der Regel an die Darstellung kolonialer Zusammenhänge gekoppelt.
Neben der beschriebenen Struktur ist die Parodie von ReiseliteraturReiseliteratur das Hauptmittel des Textes zur Arbeit an GanzheitGanzheit.3 Diese Genre-Parodie äußert sich vor allem in der Thematisierung von KartografieKartografie (und das umfasst ihr Wissen, ihre Medien und Techniken)4 sowie der Beschreibung von Menschen und/oder Wesen (‚Anderen‘), die auf den Reisen angetroffen werden. Beide Themenkomplexe sind ein fester Bestandteil der Reiseliteratur dieser Zeit und werden von den Travels intertextuell aufgegriffen. Innerhalb dieser Parodie, welche sich als durchgängige Makrostruktur des Textes beschreiben lässt, kann wiederum der Topos der Verschränkung inszenierter Körper mit der Arbeit an FdG isoliert werden; der hier vorgestellte Topos ist der Parodie von Reiseliteratur also strukturell untergeordnet. So soll das Wissen, das aus Untersuchungen zum Verhältnis zwischen dem Genre der Reiseliteratur und den Travels bereits vorliegt, um einen entscheidenden Aspekt erweitert werden, insofern deutlich gemacht werden soll, dass sich die Travels nicht nur um die Darstellung ferner Regionen der Erde und deren Bewohner drehen, sondern auch um die Frage, wie die Ganzheit, in der all diese Elemente enthalten sind, zu denken ist.
Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis der Travels zeigt einen vierteiligen Text, wobei die ersten beiden Teile jeweils acht Kapitel umfassen. Auch die Textmenge der ersten beiden Teile ist ähnlich. Die Teile III und IV dagegen umfassen einmal elf und einmal zwölf Kapitel. Auf die ersten beiden kürzeren Teile der Travels folgen also zwei längere Teile. Äußerlich betrachtet handelt es sich um einen streng strukturierten Text.
Fragt man hingegen nach der inhaltlichen Kontinuität zwischen den Textteilen, so ist der Befund weniger eindeutig. Hier wurde gehäuft darauf hingewiesen, dass die Teile I und II eine starke inhaltliche Kohärenz aufweisen, insofern die dort dargestellte Vergrößerung und Verkleinerung der dargestellten ‚Nationen‘ als Inversionen voneinander erscheinen, wohingegen der dritte und vierte Teil sich weder in Bezug aufeinander noch in Relation zu den Teilen I und II in ähnlicher Weise beschreiben lassen.5 Aus dieser Perspektive gesehen, scheint zwischen den Teilen I und II einerseits und III und IV andererseits ein ‚Bruch‘ zu stehen.6 Wie mit Blick auf aktuellere Forschungen jedoch gesagt werden kann, ergibt sich die Beschreibung eines Bruchs in der Mitte der Travels aus der Überbetonung der oberflächlichen Homogenität der Teile I und II. Denn inzwischen haben einige Studien nachgewiesen, dass sich bestimmte Themen und/oder Topoi durch den gesamten Text der Travels ziehen und ihm so eine starke inhaltliche Kontinuität geben. Exemplarisch kann etwa auf Isabel Karremanns Männlichkeit und Körper hingewiesen werden, welches jedem der vier Teile der Travels das Abhandeln jeweils eines Elements des ‚Männlichkeitskatalogs‘ des 18. Jahrhunderts nachweist.7 Auch Dennis Todds Arbeit kann hier genannt werden, der einen engen Zusammenhang zwischen dem munteren Straßenleben Londons und den im Text inszenierten Reisen herstellt, insofern beide ähnliche Attraktionen zu bieten haben: Miniaturen, Riesen, Zwerge, intelligente Pferde etc. Studien wie diese bieten also ebenso plausible wie starke Deutungen des gesamten Textes an.
Auch Jenny Mezciems bietet eine Beschreibung des ganzen Textes an:
Thematically, Gulliver’s Travels is an attack on human pride, a satire on civilized society, […] human nature as Swift saw it, and an analysis of the quality of human reason. Thematically the four Voyages are perfectly consistent: there is no individual Voyage from which any of these themes is absent, nor is the treatment of them noticeably uneven in emphasis. The themes are constant and the variations do not stray from the expression of a consistent meaning through narrative detail. In this respect the Voyage to Laputa has no less a part to play in the whole than any other Voyage. (Mezciems, „Unity“ 3)
Die Rede von einer durchgängigen „satire on civilized society“ ist einleuchtend. Problematisch ist jedoch, dass Jenny Mezciems von Swifts Meinungen ausgeht („as Swift saw it“),8 sowie der unscharfe Befund, laut dem der Text durchgängig menschliche Universalien („human pride“, „human nature“, „human reason“) adressiere. Dieser Befund hat zwar insofern seine Berechtigung, als in den Travels ähnliche Begriffe tatsächlich gehäuft fallen.9 Dass in den Travels aber wirklich unspezifisch ‚die Menschheit‘ im Allgemeinen satirisch dargestellt wird, ist zu hinterfragen, zugunsten einer nuancierteren Beschreibung der Ausrichtung des Textes auf ‚große‘ und ‚grundsätzliche‘ Themenkomplexe.
Bei den Travels handelt es sich also um einen formal stark strukturierten Text, der eine stark gegliederte Weltreise präsentiert. Jedem der vier Teile des Textes entspricht der Besuch einer abgeschlossenen Region der Erde (der Text nennt diese ‚nations‘, wie auch schon aus seinem vollen, ursprünglichen Titel hervorgeht: Travels into Several Remote Nations of the World),10 bzw. ist Teil III dem Besuch mehrerer, jedoch räumlich und thematisch eng assoziierter Regionen gewidmet.
Alle diese ‚Nationen‘ zeichnen sich durch ein starkes In-Sich-Geschlossen-Sein aus, das sich aus vier Eigenschaften ergibt: (1) Die Nationen befinden sich allesamt in (noch) nicht-kartierten oder wenig bekannten Erdteilen. (2) Sie sind in der Mehrzahl allseitig von MeerMeer umgeben und somit räumlich isoliert; gibt es eine Verbindung zum Festland, so versperren Gebirge den Weg in andere Erdteile (wie im Falle Brobdingnags, welches so von Nord-Amerika abgeschlossen ist, dessen gewaltige Verlängerung bzw. Erweiterung es darstellt). (3) Weiter glauben die Bewohner der Nationen wiederholt dezidiert nicht an die Existenz von Regionen außerhalb der geschlossenen Grenzen ihrer ‚Nation‘, die somit kein Außen kennt.11 So lassen die Bewohner Lilliputs Gulliver wissen, dass sie seinen Berichten von Gebieten jenseits von Lilliput (und seiner Nachbarinsel Blefuscu) keinen Glauben schenken wollen:
Now in the midst of these intestine Disquiets, we are threatned [sic] with an Invasion from the Island of Blefuscu, which is the other great Empire of the Universe, almost as large and powerful as this of his Majesty. For as to what we have heard you affirm, that there are other Kingdoms and States in the World, inhabited by human Creatures as large as yourself, our Philosophers are in much doubt, and would rather conjecture that you dropt from the Moon, or one of the Stars; because it is certain, that an [sic] hundred Mortals of your Bulk would, in a short time, destroy all the Fruits and Cattle of this Majesty’s Dominions. Besides, our Historys of six thousand Moons make no mention of any other Regions, than the two great Empires of Lilliput and Blefuscu. (40/I.4)
Zunächst fällt hier der Bezug auf die FdG ‚universe‘ auf, über den das kleine Lilliput seine größenwahnsinnige Selbstbeschreibung entfaltet. Um die Integrität der ‚Nation‘ – die in ihrer Kleinheit im Kontrast zu Gullivers enormer Größe Ausdruck findet – bewahren zu können, wird Gulliver kurzum als Außerirdischer deklariert („you dropped from the moon, or one of the stars“). So wird auf eine größere, den Mond einschließende Extension referiert, durch die Gullivers anormale Größe ‚(weg-)erklärt‘ wird – und aus dem Raum der eigenen GanzheitGanzheit ausgeschlossen werden kann.
(4) Weiter lässt sich für alle ‚Nationen‘ eine große Homogenität konstatieren: In den Teilen I und II ergibt sich diese aus den Größenverhältnissen (alles ist in der ersten ‚Nation‘ verkleinert, in der zweiten vergrößert), in Teil III über den Bezug auf die Diskussion von Wissenschaften im Stil der Royal SocietyRoyal Society, in Teil IV über die Darstellung einer idealen, augustinischen Gesellschaft. Alle Gesellschaften werden vom Text in ihren spezifischen Eigenheiten im Detail beschrieben, etwa deren Staats- und Kriegsführung, die Erziehung der Kinder usw. betreffend.12 Sie stellen in sich geschlossene Ganzheiten dar.
Diese makroperspektivischen Beschreibungen der Nationen und ihrer Eigenschaften sollen die folgende Grundbeobachtung nachvollziehbar machen: Die ‚Nationen‘ verstehen sich jeweils nicht nur als die Totalität einer Nation, d.h. als GanzheitGanzheit eines Teils, sondern vielmehr als deutlich größere Ganzheiten, wenn nicht gar als allumfassende Ganzheit (sie kennen also keine Ganzheit jenseits der eigenen, und damit konkret nicht die Erdteile, aus denen Gulliver zu ihnen kommt). Dies ist die Grundeigenschaft der Nationen in den Travels und sie gibt dieser Weltreise ihren spezifischen Charakter, der paradoxerweise stets aus der Position extrem abgeschlossener Regionen heraus auf die Ganzheit reflektiert.
So kann, ausgehend von den Punkten (1) bis (4), eine neue Struktur isoliert werden, die nicht nur den vermeintlichen ‚Bruch‘ zwischen den Teilen I/II und III/IV überbrückt, sondern welche zusätzlich auch solchen (denkbar unscharfen) Thematiken wie dem zitierten „human reason“ einen genaueren Bezug entgegensetzen kann. Denn alle Teile der Travels verbindet die ungebrochene Reflexion des Textes auf GanzheitGanzheit(en), und das heißt, wie zu zeigen ist, genauer: die Arbeit an FdG über literarisch inszenierte Körper.
2.3 Bezüge auf die Erde
2.3.1 Paratextuelle Reflexion auf Reiseliteratur
In einem dem Haupttext vorangestellten Paratext namens The Publisher1to the Reader, der bereits in der ersten Ausgabe der Travels enthalten war,2 wird dem Leser, nach einigen Abhandlungen, welche ironisch von der Glaubwürdigkeit Gullivers überzeugen sollen, seitens eines fiktiven Lektors Folgendes mitgeteilt:
THIS Volume would have been at least twice as large, if I had not made bold to strike out innumerable Passages relating to the Winds and Tides, as well as the Variations and Bearings in the several Voyages; together with the minute Descriptions of the Management of the Ship in Storms, in the Style of Sailors: Likewise the Account of the Longitudes and Latitudes; wherein I have Reason to apprehend that Mr. Gulliver may be a little dissatisfied: But I was resolved to fit the Work as much as possible to the general Capacity of Readers. However, if my own Ignorance in Sea-Affairs shall have led me to commit some Mistakes, I alone am answerable for them: And if any Traveller [sic] hath a Curiosity to see the whole Work at large, as it came from the Hand of the Author, I shall be ready to gratify him. (Swift, Travels 6)
Angeblich hat die Leserschaft eine Version des Textes vor sich, in welcher NautikNautik und kartografische Belange betreffende Passagen massiv gekürzt wurden. Entgegen dieser Behauptung findet sich jedoch Material genau dieser Art zuhauf in den Travels, denn die Travels enthalten nicht nur die oft angeführte Parodie nautischen Jargons (70/II.1), sondern auch mehrere abgebildete Karten, ein „Proposal for correcting modern Maps“ (92–96/II.4), und detaillierte Beschreibungen der Wege, die die Schiffe, auf denen Gulliver reist, zurücklegen (vgl. 16/I.1, 69/II.1). Der Text stellt kartografische Belange also wiederholt explizit in den Mittelpunkt; nicht zuletzt gilt das für die Passagen, in denen Gulliver die Landschaft vermisst. So lässt sich eine Spannung konstatieren zwischen den nicht nachvollziehbaren und insofern unsichtbaren Streichungen des Lektors einerseits, und den nichtsdestotrotz vorhandenen Bezügen auf kartografische Belange andererseits. Diese Spannung ist im Text im Allgemeinen satirisch: „Swift did not take geography more seriously than was necessary to satirize it; his carelessness with geographic details in Gulliver provides additional evidence of his contempt for natural, as opposed to moral, philosophy.“ (Bracher 74) Diese Beschreibung ist zutreffend, insofern sie einen Hang zur Nachlässigkeit in Sachen kartografischer Präzision konstatiert, der im Text eindeutig nachweisbar ist.
Doch im zitierten Passus der Travels geht es nicht in erster Linie um die Relevanz kartografischer Daten und Verfahren, sondern um die Produktion eines Textes eines spezifischen Genres (ReiseliteraturReiseliteratur). Der Bericht einer Weltreise wird hier nicht als unmittelbares Produkt eines schreibenden Reisenden präsentiert, sondern als das Ergebnis eines verlegerischen Selektionsprozesses, der sich auf das Wissen und die Aufnahmefähigkeit einer allgemeinen Leserschaft bezieht („the general Capacity of Readers“), der zwei der grundsätzlichsten Techniken der ‚Erschließung‘ der Erde – NautikNautik und KartografieKartografie – angeblich unverständlich bleiben müssen. Und daher, so lautet das Postulat, bedarf es der Kürzungen und Vereinfachung des Textes. Fingierte, zwei ‚Erd-Techniken‘ betreffende Streichungen stellen also den Modus dar, unter dem die literarische Befahrung der Erde den Lesern der Travels allererst präsentiert wird. Der Text unterstreicht damit die Tatsache, dass Reiseerzählungen aus einem Verbund an (Macht-)Techniken hervorgehen, die sich auf die Erde beziehen. Denn Nautik und Kartografie sind eng mit kolonialen und imperialen Praktiken verknüpft, insofern sie die Bedingung der Möglichkeit europäischer ExpansionExpansion darstellen. Beide Techniken werden für den Leser gleich doppelt ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: einmal, indem eine fingierte Streichung inszeniert wird, ein anderes Mal, durch die dennoch im Text anzutreffenden Passagen, die sich mit eben diesen zwei Techniken eingehend beschäftigen.3 Die Rolle von Nautik und Kartografie, welche Fernwirkungszusammenhänge ermöglichen bzw. herstellen, tritt so in den Fokus. Noch vor seinem Beginn wird der Text im Rahmen expansiver Prozesse lokalisiert – Prozesse, deren Tendenz zur Unsichtbarkeit vom Text offenbar gemacht wird.
Der Text stellt also eine fingierte Reduktion aus, der allzu technische Details zum Opfer fallen. Diese Reduktion ist in ihrer Form autoreflexiv, insofern sie mit dem Fiktionscharakter der Literatur (von dem zur Zeit Swifts freilich noch nicht in diesen Worten die Rede ist) spielt. Der Name des Lektors, der den Paratext unterzeichnet, „Richard Sympson“, verweist gleichermaßen auf den realen Herausgeber Richard Simpson, der einige Texte Swifts publizierte, und William Symson, Autor des „largely plagiarized A Voyage to the East Indies“ (Swift, Travels 6, Fußnote 6). Die Travels reihen sich so bewusst ein in die allzu lange Kette von Reiseberichten fragwürdiger Qualität und Authentizität, welche „during this ‘Silver Age of Travel’“ (Bracher 59) den Buchmarkt überschwemmen.4 Der Bezug zu GanzheitGanzheit ist in diesem Paratext bereits in eine spezifische Form gegossen: NautikNautik und KartografieKartografie sind hier das Medium einer literarischen Selbstreflexion, über die das Verhältnis zwischen Text und Erde austariert wird; im Modus eines ausgestellten Fingiert-Seins wird auf die Mittelbarkeit von Reiseerzählungen reflektiert.
2.3.2 Lokalisierung der ‚Nationen‘
Die vier Teile der Travels verbindet, dass alle in ihrem Verlauf besuchten Orte kartografisch auf der Erde verortet werden. Bekanntlich steht am Anfang jedes der vier Teile des Textes eine Karte, die das Geschehen geografisch lokalisiert.1 Der unbekannte Zeichner der Karten in den Travels hatte bei seiner Arbeit wohl mit einigen Problemen zu kämpfen, da die Präzision der kartografischen Verortungen im Text starken Schwankungen unterliegt bzw. in manchen Fällen sogar schlicht mit dem kartografischen Wissen der Zeit nicht in Einklang zu bringen ist.2 Zu einem Zeitpunkt, an dem die konkreten Konturen aller KontinentKontinente und Inseln der Erde noch lange nicht in allen Details erfasst sind und die Weltkarte noch weiße Flecken enthält (vgl. Stockhammer, Kartierung 92), lokalisieren die Travels die Darstellung von Gesellschaften (d.h.: die Inseln, Halbinseln und Kontinente, auf denen Gulliver fremde nations entdeckt) in eben diesen (noch) nicht kartografierten Regionen. Der unabgeschlossene Prozess der Kartierung der Erde stellt also die ‚Bedingung der Möglichkeit‘ dieses spezifischen Textverfahrens dar, insofern der konkrete Stand der kartografischen und damit immer auch kolonialen Erschließung der Erde die Verortung und den Umfang der möglichen Projektionsflächen definiert: die weißen Flecken auf der Weltkarte. Durch diese Lokalisierung wird insofern auf die GanzheitGanzheit reflektiert, als sie den expansiven Prozess der Erschließung der Erde – zu einem spezifischen Zeitpunkt in seinem Verlauf – getreu abbildet. Zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt wäre die Lokalisierung der ‚Nationen‘ nicht auf die exakt gleiche Art möglich.
Benedict Anderson spricht in Imagined Communities davon, dass die inszenierten Orte der Travels realen ‚Entdeckungen‘ nachempfunden seien:
Francis Bacon’s New Atlantis (1626) was perhaps new above all because it was situated in the Pacific Ocean. Swift’s magnificent Island of the Houyhnhnms (1726) came with a bogus map of its South Atlantic location. (The meaning of these settings may be clearer if one considers how unimaginable it would be to place Plato’s Republic on any map, sham or real.) All these tongue-in-cheek utopias, ‘modelled’ on real discoveries, are depicted, not as lost Edens, but as contemporary societies. One could argue that they had to be, since they were composed as criticisms of contemporary societies, and the discoveries had ended the necessity for seeking models in the vanished antiquity. In the wake of the utopias came the luminaries of the Enlightenment, Vico, Montesquieu, Voltaire, and Rousseau, who increasingly exploited a ‘real’ non-Europe for a barrage of subversive writings directed against current European social and political institutions. In effect, it became possible to think of Europe as only one among many civilizations, and not necessarily the Chosen or the best. (Anderson 69f.)
Anderson beschreibt, dass das Spezifische der im 17. und frühen 18. Jahrhundert18. Jahrhundert (Welt-System) geschriebenen „Utopien“ in deren real-kartografischer Lokalisierung und eindeutigem Bezug zu zeitgenössischen „real discoveries“ besteht. Damit werden die neu entdeckten Regionen der Erde gleich doppelt ausgebeutet: Nicht nur werden sie zu Kolonien Europas, sie dienen zusätzlich dem Vorstellen von alternativen (auf Europa kritisch bezogenen) Gesellschaftsentwürfen. Mit der Klassifizierung der Travels als „tongue-in-cheek“ Utopie gibt Anderson freilich eine diskutable Beschreibung der Travels, die jedoch insofern völlig einwandfrei ist, als sie den intertextuellen und parodistischen Charakter der Travels betont, der ihr wesentlichstes Merkmal ist.
Der affirmative Charakter des Verwendens von kartografischen Diskurselementen darf dabei jedoch auch nicht überschätzt werden. Der Text generiert kartografische Präzision zumeist nur gerade so weit, wie nötig ist, um sie in einem zweiten Schritt überraschend enttäuschen zu können. Der Status der KartografieKartografie im Text ist damit von ambivalentem Charakter, insofern über sie einmal ein spezifischer Stand in der Erschließung der Erde abgebildet wird und andererseits die (schwankende) Präzision dieser Abbildung satirische Züge trägt.
Zusätzlich jedoch können die in den ‚Nationen‘ angetroffenen Bewohner (die verkleinerten Lilliputians und die vergrößerten Brobdingnagians der ersten zwei Teile, die ‚entstellten‘ Bewohner Laputas, sowie die Yahoos und die Hounynhms der letzten beiden) in einem erheblich viel kleineren Raum lokalisiert werden, als in den noch nicht kartografierten Regionen der Erde. Denn Dennis Todd macht deutlich, dass sämtliche ‚Anblicke‘, denen Gulliver auf seinen Reisen begegnet, im Rahmen von „tourist sights, public entertainments, shows, spectacles and exhibitions in the streets and at the fairs of London“ (Tod 396) beobachtet werden konnten. Diese Londoner Shows zeigten, als Teil einer populären Straßenkultur, Miniaturen (von Stadtansichten, Schlachten etc.), Zwerge, Riesen, Menschen mit vermeintlich ‚tierischen‘ Merkmalen und – nicht zuletzt – überraschend ‚intelligente‘ Pferde, die Kunststücke vorführen.3 Dies lässt sich in weiten Teilen als Kommodifizierung des Anderen beschreiben. London4 liefert seinem Straßenpublikum also Anblicke, die dem Leser der Travels allzu vertraut vorkommen müssen. So werden beispielsweise auch ‚Kannibalen‘ aus weit-entfernten Teilen der Erde, die nach London verschleppt wurden, ‚ausgestellt‘.5 Die Praktiken des Ausstellens sind somit eng mit kolonialen und damit transkontinentalen Kontexten verbunden. So gesehen charakterisieren die Travels durch die Verortung der sprechenden Pferde, Riesen etc. in weitentfernten Regionen der Erde London verstärkt als Zentrum eines expandierenden Imperiums, dessen ‚Straßenkultur‘ als Ergebnis kolonialer Praktiken erkennbar wird.
Die Lesart Andersons lässt sich also mit der Todds verbinden. Denn die Travels projizieren Londoner Ereignisse auf die weißen Flecken der Weltkarte, und stellen so die Verbindung zwischen den „real discoveries“ (s.o.) und dem Londoner Stadtleben aus; es handelt sich um ein Ganzes. Die Prozesse des expandieren Welt-SystemWelt-Systems erscheinen im Spannungsverhältnis zwischen einer lokalen Kultur (des imperialen Londons) und der kartografischen und kolonialen Erschließung der Erde.6
Vor diesem Hintergrund muss auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass Gulliver im Erzählen vom heimatlichen England dieses mitnichten als geschlossenes Territorium eines Staates darstellt, so wie hier, bei der Beschreibung die Gulliver dem König Brobdingnags gibt:
I BEGAN my Discourse by informing his Majesty that our Dominions consisted of two Islands, which composed three mighty Kingdoms under one Sovereign, besides our Plantations in America. I dwelt long upon the Fertility of our Soil, and the Temperature of our Climate. (106/II.6)
Die „Plantations in America“ werden explizit erwähnt. Aus der Perspektive einer in ihren ‚unentdeckten‘ Teilen besuchten Erde heraus wird ‚England‘ in den kolonialen Zusammenhang gestellt. Dies geschieht wiederholt und in allen vier Teilen der Travels.
2.3.3 Kartografischer Maßstab und „Erzählprojektion“
„Parody […] works by exacerbating and ridiculing incongruities of scale, as we know from probably the most famous satirical work of all time, Swift’s Gulliver’s Travels“ (Aravamudan 237). Über diese grundsätzliche Beschreibung hinaus können die Teile I und II der Travels – ausgehend von Frederick Bracher – als mit kartografischen Mitteln erzählte Reisen verstanden werden. Denn die ersten beiden Reisen der Travels sind nach einem MaßstabMaßstab (Kartografie) – 1:12 bzw. 12:1 – gestaltet: In Lilliput ist alles zwölfmal kleiner, in Brobdingnag alles zwölfmal größer als in europäischen Ländern; dies betrifft, neben den Bewohnern, auch die Architektur, Flora und Fauna.1 Es handelt sich also nicht um eine ‚phantastische‘ Reise zu schlechterdings oder unbestimmt großen/kleinen ‚Nationen‘, sondern um eine kartografisch informierte Art der Darstellung. Diese „schlägt mit der Konstruktion dieser Inseln zugleich eine neue Variante des kartographischen Verfahrens vor: eine Erzählprojektion.“ (Stockhammer, Kartierung 101f.). Über den Bezug auf den Maßstab als kartografisches Mittel zur Erfassung der Erde ist in den Teilen I und II der Travels in der Darstellung aller Wesen und Dinge immer ein spezifischer Bezug auf die GanzheitGanzheit eingeschrieben – ein Bezug, der sich mit Stockhammer als ‚Erzählprojektion‘ bezeichnen lässt. „Scale becomes a method for Swift“ (Aravamudan 237).
Über das maßstabsgebundene Darstellungsverhältnis in den Teilen I und II ist etwa die Darstellung von zwölffach vergrößerten Bettlern in Brobdingnag (mit der der Text vor allem Bezug nimmt auf die Situation in IrlandIrland (im kolonialen Kontext))2 immer schon in eine Perspektive eingebunden, die eine größere GanzheitGanzheit im Blick hat.
One Day the Governess ordered our Coachman to stop at several Shops, where the Beggars, watching their Opportunity, crowded to the sides of the Coach, and gave me the most horrible Spectacle that ever an European Eye beheld. […]. But the most hateful Sight of all was the Lice crawling on their Cloaths. I could see distinctly the Limbs of these Vermin with my naked Eye, much better than those of a European Louse through a Microscope, and their Snouts with which they rooted like Swine. (93f./II.4)
Das Mittel des Maßstabes, über das die GanzheitGanzheit der Erde kartografisch darstellbar wird, lässt den Bettler vergrößert, und damit in schmerzvoll offensichtlichen Details, erscheinen. Der Zustand körperlichen Elends und hygienischer Verwahrlosung wird so zu einem überwältigenden3 Anblick, der jedoch in Relation gesetzt wird zum europäischen Raum, insofern Gulliver auf seine Wahrnehmung als die eines „European Eye“ referiert und die Parasiten vergleicht zu einer „European Louse“.
Der Körper Gullivers und der anderen inszenierten Figuren gewinnt in den beiden ersten Teilen des Textes ein Potenzial für verschiedenste Bedeutungen (politisch-soziale,4 gegenderte5 etc.), deren Spezifik sich stets nur im Kontext des genannten kartografischen Rahmens verstehen lässt, insofern dieser die Art der Darstellung durch und durch bestimmt.
2.4 Parodien politischer Körper und Figuren der Ganzheit
Neben dem Bezug auf Reiseliteratur lässt sich im Text ein parodistischer Bezug auf die Vorstellung des body politic1 erkennen, d.h. auf Texte und Bilder, welche royale Herrschaft legitimieren/hervorbringen. Hier soll der Fokus auf Thomas Hobbes’ LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer)2 liegen.3 Dieser Text fasst königliche Macht als allumfassend und bezieht sie dementsprechend auf spezifische FdG. So ist etwa diese prominente Passage aus dem Leviathan zu nennen, die den body politic ins Verhältnis zur FdG ‚earth‘ setzt:
Hitherto I have set forth the nature of Man, (whose Pride and other Passions have compelled him to submit himselfe to Government;) together with the great power of his Governour, whom I compared to LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer), taking that comparison out of the two last verses of the one and fortieth Job; where God having set forth the great power of Leviathan, calleth him King of the Proud. There is nothing, saith he, on earth, to be compared with. He has made so as not to be afraid. Hee [sic] seeth every high thing below him; and is King of all the children of pride. But because he is mortall [sic], and subject to decay, as all other Earthly creatures are; and because there is that in heaven, (though not on earth) that he should stand in fear of, and whose Lawes he ought to obey; I shall in the next following Chapters speak of his Diseases, and the causes of his Mortality; and of what Lawes of Nature he is bound to obey. (220f./II.28)
Ein Ausschnitt des im Passus genannten Bibelzitats findet sich auch auf dem Titelkupfer des LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer).4 Der Bezug auf die Erde taucht im Bibelzitat („Auf Erden ist seinesgleichen niemand“) auf und wird von Hobbes selbst noch einmal, diesmal in Klammern, aufgenommen. So wird die Scheidung zwischen göttlicher und staatlicher Macht vollzogen – und damit die Säkularisierung staatlicher Macht.5 Die FdG ‚earth‘ steht dabei ein für die Strenge dieser Trennung der GanzheitGanzheit in eine göttliche und eine irdische Sphäre, die, hinsichtlich des Aspektes der Souveränität, disjunkt werden.
Hobbes’ LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer), dessen bekanntes Titelkupfer den „‘ungeheuren‘ Souverän“ bildlich dargestellt zeigt, kann als die wohl einflussreichste „Sinnfigur des Politischen überhaupt“ (Matala de Mazza, Körper 71) gelten; die Rolle der bildlichen Darstellung dieses body politic kann dabei kaum überschätzt werden und ist nicht zuletzt begründet in der Skepsis Hobbes’ gegenüber der Rhetorik (vgl. Bredekamp, Hobbes 123–131).6 Besagte Abbildung und die dazugehörige Staatskonzeption prägen seit ihrem Erscheinen 1651 die Vorstellungen von staatlicher Ordnung und deren Repräsentation.7 Dass dieses Titelkupfer Swift (und seinen Zeitgenossen) eine bekannte Größe war, ist gesicherte Tatsache.8
2.4.1 „Golbasto“: Ein globaler Leviathan?
Im Folgenden soll vor allem auf die verschieden großen, im Titelkupfer des LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer) dargestellten Körper und ihre Relationen zueinander eingegangen werden.1 Der Leviathan selbst ragt dort hoch in den Himmel, über die Bergkämme hinaus, und ist damit selbst im Rahmen der Maßstäbe der Darstellung einer Landschaft in der Lage, das Bild zu füllen und mit seinem gewaltigen Oberkörper zu dominieren. Die Landschaft wurde von Horst Bredekamp gar als „Weltlandschaft“ (Hobbes 13) bezeichnet, wodurch die Größe und Fülle des dargestellten Ausschnitts betont werden (der im Hintergrund auch den Horizont zwischen MeerMeer und Himmel abbildet, womit der Leviathan aus dem Meer ‚entsteigt‘; vgl. hierzu Bredekamp, Hobbes 23). Die untere Körperhälfte dagegen verschwindet hinter und unter der Bergkette.2 Bekanntlich wird der sichtbare Kompositkörper des Leviathan „durch eine schier unübersehbar große Menge von Personen gebildet“ (Bredekamp, Hobbes 76), sein anthropomorpher Körper besteht also aus ungeheuer vielen ‚gesichtslosen‘ (vgl. Matala de Mazza, Körper 76)3 menschlichen Leibern.4 Neben diesen werden jedoch noch sehr viel kleinere Körper im Titelkupfer abgebildet, Miniaturen gewissermaßen, die leicht zu übersehen sind, und welche die vom Leviathan himmelhoch überragte Stadt im Zentrum der Landschaft bevölkern. Diese ‚Kleinstkörper‘ sind von äußerst geringer Zahl, was Ethel Matala de Mazza als Zeichen dafür deutet, dass die im Körper des Leviathan versammelten und repräsentierten Körper der Stadt – und mit ihr: den Gefahren von Krieg und Krankheit, auf die die Kleinstkörper verweisen –5 den Rücken gekehrt haben, zugunsten des schützenden Körpers des Leviathan. Dieser entschädigt das Opfer ihrer Souveränität als Untertanen mit dem Versprechen von Sicherheit, welches nicht zuletzt in dem Eindruck eines Schuppenpanzers, welcher sich aus den (Ober-)Körpern6 der Bürger zusammensetzt, zum Bild gebracht wird.7 Es lässt sich also eine Skala abstrahieren, auf der Körper drei verschiedener Größen angeordnet sind, die verschiedene Elemente des Darzustellenden zur Anschauung bringen: die königliche Souveränität, die Bürger und die Gefahren, von denen sie sich willentlich losgesagt haben.
Weiter ist auf die Analysen Philip Manows hinzuweisen, der darauf aufmerksam macht, dass die „Naturzustandsfiktion [Hobbes’; T.E.] […] dem zeitgenössischen Kolonialdiskurs direkt entnommen [scheint].“ (72) Wie Manow demonstriert, haben die bildlichen Darstellungen und Reiseberichte aus Amerika Hobbes’ Staatskonzeption wesentlich beeinflusst, die somit von vorneherein aus dem europäischen Kontext heraustritt (vgl. 23–33 u. 55–79). Dass der englische Bürgerkrieg die zentrale Sorge Hobbes’ ist, bleibt davon unbenommen (vgl. Manow 12), Amerika ist jedoch die Kontrastfolie dieser Sorge, insofern ein allzeit mögliches ‚Zurückfallen‘ in die in Amerika – vermeintlich – angetroffenen Zustände jederzeit möglich sei (vgl. Manow 15 u. 86). Außerdem sei die im LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer) erreichte ‚Verstaatlichung des Krieges‘ (vgl. Matala de Mazza, Körper 89) als „Agressionsabfuhr nach außen“ (Manow 75) zu verstehen, wobei dieses „‚outside the commonwealth‘ […] im 17. Jahrhundert die europäische Staatenwelt im Kontext intensivierter kolonialer Konkurrenz“ (Manow 77) ist. Diese Kolonialkonkurrenz nimmt im 18. Jahrhundert18. Jahrhundert (Welt-System) nicht ab.8
Die Darstellung politischer Herrschaft als Relation zwischen Körpern unterschiedlicher Größe soll im Folgenden zur Analyse der verschieden großen Körper in den Travels (in den Teilen I und II) herangezogen werden (vgl. Seelye 228–230), genau wie die kolonialen Kontexte, die in den LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer) Eingang gefunden haben, mitzudenken sind.9 Das Titelkupfer des Leviathan kann als zentraler historischer Kontext der Travels angenommen werden, vor deren Hintergrund die hiesige Lesart ihren eigenen Beitrag besser formulieren kann. Denn die im Folgenden zu untersuchende Darstellung eines Herrschers in Teil I der Travels erweitert die Darstellung eines Herrscherkörpers durch Größenverhältnisse nicht nur um den Aspekt eines satirischen Spiels mit Größenverhältnissen, sondern befragt gleichzeitig die Anschlussfähigkeit solcher Darstellungen monarchistischer Herrschaft an größere Ganzheiten, die über unmittelbar-staatliche Dimensionen hinausgehen – und dezidiert auf koloniale Herrschaft verweisen. Diese Parodie führt die Beschreibung eines Herrscherkörpers dabei mit FdG eng, bis hin zur Ineinssetzung des Herrscherkörpers mit der FdG ‚globe‘. Diese und andere Figuren der Ganzheit sollen so als zentrales Mittel dieses vielgelesenen Passus der Travels herausgearbeitet werden, welches bislang nicht eingehend untersucht wurde. Die Bezüge auf Hobbes’ Werk ziehen sich durch die gesamten Travels, beginnend mit der Darstellung des riesigen Gullivers, „dessen Fesselung durch die Liliputaner explizit auf den ‚Leviathan‘ anspielt.“ (Bredekamp, Hobbes 139)10 Auf einige weitere Beispiele soll nun eingegangen werden, die für die hier untersuchte Thematik der Darstellung von Ganzheit relevant sind.
Allgemein gilt für die Beschreibung des Königs von Lilliput, dass „the paradoxical contrast in size between subject and emperor provides the comic and satirical elements of the episode“ (Seelye 233). Bei seinem Aufenthalt in Lilliput wird der König Gulliver wie folgt beschrieben:
GOLBASTO MOMAREN EVLAME GURDILO SHEFIN MULLY ULLY GUE, most Mighty Emperor of Lilliput, Delight and Terror of the Universe, whose Dominions extend five thousand Blustrugs, (about twelve Miles in Circumference) to the Extremitys of the Globe; Monarch of all Monarchs, taller than the Sons of Men; whose Feet press down to the Center, and whose Head strikes against the Sun: At whose Nod the Princes of the Earth shake their Knees; pleasant as the Spring, comfortable as the Summer, fruitful as Autumn, dreadful as Winter. (36/I.3)
Die zitierte Stelle parodiert die verherrlichende Darstellung eines Souveräns; im politischen Umfeld der Zeit wurde George I als intendierter Referenzpunkt der Beschreibung identifiziert (vgl. Degategno u. Stubblefield 162). Doch soll die Passage zunächst nicht auf diesen konkreten Bezug reduziert werden. An dem beißenden, despektierlichen Ton jedenfalls kann kein Zweifel bestehen. So ergeben etwa die Anfangsbuchstaben der letzten vier Namen des Königs aneinandergereiht die als Akronym nur leidlich getarnte Beleidigung seiner Majestät als SMUG („blasiert“, „selbstgefällig“/„Streber“).11
Neben solchen Kniffen besteht das Hauptverfahren dieser Parodie darin, die geringe Größe des Herrschers – zwölfmal kleiner als Gulliver ist auch der König ein maßstabsgetreuer Bewohner Lilliputs – in komischen Kontrast zu der Beschreibung eines wahrhaft gigantischen politischen Körpers zu setzen. Die Größe des Königs wurde schon zuvor vom Text thematisiert: „He is taller by almost the Breadth of my Nail, than any of his Court; which alone is enough to strike an Awe into the Beholders.“ (35/I.3)12 Der Körper eben dieses sehr kleinen Königs wächst in der zitierten Passage zu unglaublicher Größe an. Diese Größe ist jedoch eine kalkulierte, insofern sie die Grenzen des staatlichen Bezugsrahmens des politischen Körpers gezielt überschreitet. Dies geschieht, indem die Größe/Großartigkeit dieses Körpers gezielt mit einer Anreihung von FdG enggeführt wird.
Zunächst wird die Größe des Herrschaftsgebietes als beeindruckende, fünftausend „Blustrugs“ umfassende, beschrieben. Diese Maßangabe wird von Gulliver umgehend in europäische Maße übertragen: der Umfang jener „Dominions“ beträgt demnach nur zwölf Meilen. Wiederum betont die Passage also die Kleinheit Lilliputs. Gleichzeitig verweist sie jedoch auf das Mittel des kartografischen Maßstabs, aus dem sich diese geringe Größe ergibt: 1:12. Die Zahl Zwölf, nach der sich die Größe aller Wesen und Dinge in Lilliput errechnet, tritt hier also in Erscheinung, insofern es sich beim Umfang des Herrschaftsgebietes um ‚ausgerechnet‘13zwölf Meilen handelt.
Im Verlauf der zitieren Passage schwillt der Körper des Königs derart an, dass sein Kopf an die Sonne stößt („strikes against the Sun“)14 und seine Füße gegen „das Zentrum“ („the Center“) „pressen“. Damit ist zunächst eine Anspielung auf die „sonnenikonographische Verankerung des Königstums“ (Bredekamp, Hobbes 115) gegeben. Der Bezug auf das „Center“15 bedarf jedoch einer etymologischen Kontextualisierung. Für das Wort „centre“ führt das OED eine ganze Reihe von Bedeutungen aus, von denen hier zwei von besonderer Wichtigkeit sind: „a. The centre of the earth“ und „b. The earth itself, as the supposed centre of the universe“. Beide Bedeutungen können zurückverfolgt werden zu frühen Beispielen: das OED datiert sie auf einen Zeitraum zwischen 1604 und 1823. Centre ist demnach eine zu Swifts Zeit übliche, verkürzte Bezeichnung für entweder die Erde selbst (als Zentrum des „Universums“) oder das Zentrum der Erde. Zur FdG ‚centre‘ als Kurzform für ‚Zentrum der Erde‘/Erde, und zur genannten „Sun“ gesellt sich in der Passage weiter die FdG ‚globe‘, auf die unten noch detailliert einzugehen ist.
Reminiszenzen an das Titelkupfer des LeviathanLeviathan (Text und Titelkupfer) liegen nahe, insofern hier ein überragender Körper inszeniert wird. Wie Matala de Mazza ausgeführt hat, berühren die (unsichtbaren) Füße des Leviathan die Grenzen eines ‚Erdkreises‘, den sie im Zuge ihrer Bildanalyse konstruiert.16 Neben dem Leviathan ist auch ein anderer Referenzpunkt dieser Passage der Travels plausibel – der auch dem Titelkupfer des Leviathan zur Vorlage gedient hat: die Bildtradition der ‚KosmosleiberKosmosleiber‘. Diese zeigen menschliche „Sternwesen, die sich von der Erde bis zum Himmel erheben“ (Bredekamp, Hobbes 73). Diese Tradition ist vor allem im England des auslaufenden 16. Jahrhunderts einflussreich, insofern die Darstellung der „Königin Elizabeth I. nach dem Sieg über die spanische Armada [diese in einem Gemälde; T.E.] in überirdische Sphären erhob“ und als „über der Erde aufragende Riesengestalt“ zeigt, die „den Globus als Standfläche nutzt“ (Bredekamp, Hobbes 75). „Die unmittelbaren Vorbilder für den zum Himmel ragenden Leviathan sind daher nicht in der zeitgenössischen politischen Ikonographie zu finden, sondern in der elisabethanischen Bildpanegyrik, in der die Königin zur Sternengöttin und Staatsriesin aufsteigt.“ (ebd.) Es sind also die Größenverhältnisse eines Kosmosleibs, in die der Körper des Königs von Lilliput in der Passage übertritt. Doch erscheint der Kosmosleib in den Travels nicht als stolz-aufragender Körper, sondern er stößt an die Sonne und an die Erde/das Zentrum der Erde. Die ungeheure Größe kollabiert in das Bild eines gebückten Körpers. Die Parodie der Beschreibung eines Herrscherkörpers, der monarchistische Souveränität repräsentieren soll, findet ihren Ausdruck im Bild eines kleinen (da eigentlich 15 cm großen) Herrschers, der im Zuge der anpreisenden Beschreibung zu groß wird, um selbst zwischen Sonne und Erde noch Platz finden zu können.
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