Kitabı oku: «Buddhas achtsamer Weg aus der Krise»

Yazı tipi:

Buddhas achtsamer Weg aus der Krise


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in der Allinti Verlag GmbH, Allschwil (Schweiz)

Umschlaggestaltung sowie Satz und Innengestaltung:

Guter Punkt, München

Umschlag- und Innenseitenmotive:

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Technische Umsetzung E-Pub: Brocom, Kornwestheim

E-Pub-ISBN 978-3-906294-16-2

Alle Rechte vorbehalten

www.terzium.ch

INHALT

Jeder erlebt Krisen

Die menschliche Grunderfahrung

Alle Arten von Krisen

Veränderung ist unvermeidlich

Warum ist die Welt so unvollkommen?

Eine tröstliche Erkenntnis

Als Buddha noch kein Buddha war

Wie in Grimms Märchen?

Die positive Seite von Krisen

Geborgen in einer Welt voller Probleme

Wie das Leiden in die Welt kommt

Wunsch und Wirklichkeit

Pläne kaputt, Gegenwart kaputt

Muss, sollte, darf nicht

Unachtsame Reaktionen, die nicht weiterhelfen

Die Hauptursachen auf den Punkt gebracht

Wo jede Krise ihren Anfang nimmt

Nur drei von vielen Illusionen

Ohne emotionale Probleme keine Krise

Menschen, denen Schwierigkeiten nichts anhaben können

Es gibt einen Ausweg

Was wir ändern können und was nicht

Die Probleme an der Wurzel packen

Die vollständige Befreiung vom Leiden

Radikale Akzeptanz

Den Klammergriff lockern

Davon hängt Ihr Glück nicht ab

Das Negative nicht ausklammern

Positives Denken ist einseitig

Der Umgang mit den Zeitperspektiven

Flexibilität ist eine Kunst, die man lernen kann

Und wo kommt die Achtsamkeit ins Spiel?

Buddhas achtsamer Weg aus der Krise

Der Beginn eines glücklichen, gelassenen Lebens

Prozesse statt Zustände

Verbesserung statt Perfektion

Stufen der Erleuchtung

Mal Regisseur, mal Schauspieler

Wege zur Weisheit

Was letztlich zählt

Wie Sie erkennen, ob Sie Fortschritte machen

Das Bewusstsein jenseits der Gedanken und Gefühle

Wie Sie üben, ist genauso wichtig wie, dass Sie üben

Es von Anfang an richtig machen

Wie es weitergeht

Buddhas Weg aus der Krise in Kurzform

Kleine Trainingsprogramme für jeden Tag

Fragen für zwischendurch

Falls Sie alles andere vergessen, tun Sie dies

Basisliteratur

Coaching, Seminare, Ausbildung

Über den Autor


JEDER ERLEBT KRISEN

Jeder erlebt Krisen. Egal ob man jung oder alt, reich oder arm, männlich oder weiblich ist: Keiner entgeht ihnen. In der Familie, in der Partnerschaft, im Beruf: Eine Krise löst die nächste ab. Manche betreffen nur einen selbst, andere erfassen die ganze Gesellschaft oder die gesamte Welt.

Wäre es nicht wunderbar, endlich einmal ein Leben ohne Schwierigkeiten, Probleme und Widrigkeiten führen zu können?

Aber wie könnte dieser Wunsch Wirklichkeit werden? Selbst wenn man alles versucht, lassen sich Krisen nicht immer voraussehen. Trotz aller Bemühungen sind sie nicht so beherrschbar, wie man sich das wünscht.

Sollte man es mit einem wirksameren Krisenmanagement versuchen? Resilienter werden? Noch mehr aufpassen? Alles unter Kontrolle bringen? Leider haben alle Fortschritte in Wissenschaft und Technik die Krisen nicht aus der Welt schaffen können. Im Gegenteil: Sie haben weitere mit sich gebracht.

Wie wäre es, stattdessen die Probleme an der Wurzel zu packen? Ist Buddha womöglich das geeignete Rollenmodell? War er nicht ein Mensch, dem Krisen nichts anhaben konnten und der behauptete, einen Weg zu kennen, mit dem alle Menschen ihr Leiden überwinden können? Wenn dies zutrifft, müsste es möglich sein, dasselbe wie er zu erreichen.

Aber was hat Buddha eigentlich gelehrt? Und wie können wir seine Erkenntnisse heute auf Krisen anwenden?

Die Antworten auf diese Fragen erhalten Sie in diesem Buch. Sie lernen, wie Sie

→ mit sämtlichen Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, fertigwerden,

→ in einer unvollkommenen Welt radikale Akzeptanz entwickeln und nichts persönlich nehmen,

→ Wunsch und Wirklichkeit miteinander versöhnen, Illusionen aufgeben,

→ Probleme lieben lernen und keine Angst mehr vor »negativen« Gedanken, Gefühlen und Geschehnissen haben.

Der Weg zur Bewältigung von Krisen ist im Grunde genommen einfach. Wenn Sie ihn gehen, erreichen Sie mehr als »nur« einen besseren Umgang mit den Grundtatsachen des Lebens. »Buddhas achtsamer Weg aus der Krise« ist zugleich eine Anleitung für ein erfülltes, glückliches Leben; denn was hätte man von einem tollen Krisenmanagement, wenn es darüber hinaus nichts gäbe?

Die hier vorgestellten Strategien stellen die Essenz der Buddha-Lehre dar. Sie waren bereits vor 2500 Jahren hilfreich und sind auch heute noch unentbehrlich.

Die menschliche Grunderfahrung

Wir möchten einfach nur glücklich sein und sind doch so oft unglücklich.

Fast scheint es, als folge einem das Unglück wie ein Schatten. Man wird es nicht los, sosehr man sich auch darum bemüht. Das ist die Erfahrung, die jeder in seinem Leben macht, und manche bleiben ein Leben lang ängstlich, depressiv und wütend, ohne dass sie einen Ausweg finden.

Sie wünschen sich so sehr, dass es anders wäre, aber Wünschen allein hilft in diesem Fall nicht.

Obwohl die Kindheit gemeinhin als die glücklichste Zeit des Lebens gilt, beginnt für viele das Leiden schon in frühen Jahren. Ich möchte gar nicht alles aufzählen, was Kindern angetan wird oder was ihnen passieren kann, ohne dass jemand schuld daran ist. Nur wenige Beispiele: Manchmal stirbt ein Elternteil kurz nach der Geburt des Kindes. So war es beim Buddha. Seine Mutter starb, nur sieben Tage nachdem sie ihn zur Welt gebracht hatte. Unter solchen Umständen wirft der Tod schon bald einen Schatten auf die eigene Existenz. Noch dramatischer ist es, wenn beide Eltern die Welt verlassen, nachdem man sie selbst gerade erst betreten hat.

Gewalt und Missbrauch sind in einigen Familien immer noch präsent. Generell werden Kinder, jedenfalls bei uns, heute besser behandelt als in früheren Jahrhunderten. Die Jüngsten waren lange Zeit vollkommen rechtlos. Nicht einmal wenn sie getötet wurden, nahmen viele Anstoß daran.

Nicht wenigen Menschen verleidet die Schule ihre Kindheit. Wer da nicht richtig hineinpasst und nicht mitkommt, hat es schwer. Auch Kinder sind nicht immer nett zueinander. Mobbing heißt das in diesen Tagen. Doch es geschah zu allen Zeiten, dass Kinder andere Kinder auslachten, beleidigten, drangsalierten, verprügelten, erpressten, bloßstellten oder isolierten.

So viel zur glücklichen Kindheit.

Wer diese tatsächlich so erlebt hat, macht spätestens als Erwachsener Bekanntschaft mit dem Leiden. Dann, wenn der »Ernst des Lebens« beginnt. Ist die Kindheit oft noch eine Schonzeit, so endet diese mit dem Eintritt ins sogenannte Erwachsenenleben. Wer volljährig ist, kann nicht mehr mit allzu großer Rücksichtnahme rechnen.

Es gilt, einen Beruf zu ergreifen und eine eigene Familie zu gründen. Sowohl das eine als auch das andere kann sich schnell zu einer unerschöpflichen Stressquelle entwickeln. »Wenn ich einmal groß bin, werde ich alle meine Träume verwirklichen«, so dachte mancher noch als Kind. Doch in der Realität zerschellen etliche dieser Wunschvorstellungen schneller, als einem lieb ist.

Der Beruf erweist sich als Fehlgriff. Man hatte ihn sich anders vorgestellt. Die Karriere bekommt früher einen Knick, als man hoffte. Es geht nicht mehr aufwärts, sondern abwärts. Erst glaubt man, es läge an der Firma, an den Vorgesetzten oder dem »Team«. Doch nach mehreren Jobwechseln erkennt man, dass die Probleme einem auch hier folgen. Der Traumberuf und die Traumfirma drohen zu einem Alptraum zu werden.

Ähnlich sieht es mit Partnerschaft und Familie aus. Zu Beginn ist man überzeugt, alles anders und besser zu machen als die eigenen Eltern. Statt endloser Streitereien beständige Harmonie. Statt Stress mit den Kindern die allerbeste Freundschaft mit dem Nachwuchs.

Während man die »wilden« Jahre und häufige Partner-Innenwechsel vielleicht noch genießt, merkt man eines Tages, dass die Jahre immer noch wild sind, aber anders wild, als man sich das erträumte. Man glaubte, irgendwann die TraumpartnerIn zu finden, mit der man bis ans Ende aller Tage glücklich sein würde. Doch nach der ersten Scheidung kommen einem Zweifel. Nach weiteren Trennungen stellt sich die verzweifelte Erkenntnis ein, dass auch dieser Traum sich nicht zu erfüllen scheint.

Die Kinder sind einem angesichts der beruflichen Verpflichtungen und der zeitlichen Inanspruchnahme für tausend andere Dinge seltsam fremd geblieben. Es gefällt einem nicht, wie sie sich entwickelt haben. Man streitet eher, als dass man sich verträgt. Schließlich ist man sogar froh, wenn die Kinder endlich das Weite suchen. Aber eine gewisse Trauer schwingt dabei mit.

Bleibt noch das Alter. Wer das Glück hatte, eine glückliche Kindheit zu erleben, wem der berufliche Erfolg vergönnt war mit allem, was dazugehört: Geld, Anerkennung, Aufstieg bis weit an die Spitze, wer es sogar hinbekommen hat, eine halbwegs glückliche Partnerschaft und ein unbelastetes, gutes Verhältnis zu den Kindern zu haben, erfährt nun, dass all dies enden wird, nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Der Abschied aus der Firma wird noch einmal groß gefeiert, dann ist das Berufsleben vorbei.

Die Kinder haben mit vielen Glückwünschen das Elternhaus verlassen und leben nun auf der anderen Seite des Planeten. Freunde sterben. Auch der eigene Körper will nicht mehr ganz so, wie er sollte. In schönen Erinnerungen schwelgen: Reicht das wirklich? War es wirklich gut? Hat man seine Möglichkeiten ausgeschöpft? Wie viel blieb unerledigt, unerfüllt?

Niemand kann den Wechselfällen des Lebens entgehen. Es gibt keinen Lebensweg ohne Krisen. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Eine Nachfrage bei der Familie, bei Freundinnen, Kollegen oder Nachbarinnen offenbart ein realistischeres Bild, jedenfalls dann, wenn die Befragten ehrlich antworten. (Auto)Biografien werden oft geschönt, die Niederlagen verschwiegen. So wird aus einem Drama ein Märchen.

Doch Krisen sind ein unvermeidbarer Teil des Lebens.

Willkommen im Club!


Alle Arten von Krisen

Solange man glaubt, eine persönliche Krise sei nur ein vorübergehender Ausrutscher, eine kleine, zu vernachlässigende Abweichung von einem im Großen und Ganzen erfreulichen Leben auf dieser Welt, hat man das Ausmaß des Problems noch nicht erkannt. Man lebt in diesem Fall immer noch in der Erwartung, eines Tages werde alles gut.

Mit dieser Einstellung fehlt die Motivation, den einzig wirksamen Ausweg aus dieser und allen anderen Krisen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu finden. Man begibt sich auf eine Suche, die leider nie enden wird. Am Schluss des Lebens fragt man sich, warum die menschliche Existenz so schwierig ist, ohne eine Antwort auf diese Frage zu haben.

Deshalb ist es so wichtig, in aller Klarheit zu verstehen, dass Krisen nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Dass es kein Leben ohne sie gibt. Eine krisenfreie Welt existiert nur in der Fantasie.

Manche vermuten die absolute Idylle in vergangenen, vorgeschichtlichen Zeiten nach dem Motto: Irgendwann muss es doch mal ideal gewesen sein. So wie es der Mythos vom Paradies beschreibt, aus dem wir wegen des Sündenfalls verbannt wurden. Dorthin möchten wir zurückkehren. Doch wo ist dieser Ort?

Falls es kein Ort ist, dann vielleicht eine Zeit? Könnte die Zukunft paradiesisch werden? Werden irgendwann alle Probleme gelöst, alle Streitigkeiten beigelegt und alle Krisen beendet sein? Dürfen wir uns darauf heute schon freuen? Der Haken bei der Sache ist nur, dass Generationen vor uns dasselbe hofften, ohne dass es eintraf.

Bevor Sie jetzt in Hoffnungslosigkeit versinken, möchte ich Ihnen sagen, dass es einen Weg aus der Krise gibt, nicht erst in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt. Das ist das Versprechen Buddhas und dieses Buches. Die Lösung lässt sich überall und jederzeit finden. Wir brauchen nicht auf Wunder zu hoffen. Kein Erlöser muss die Erde retten. Jeder normale Mensch ist in der Lage, sich selbst von seinem Leiden zu befreien.

Doch bevor man bereit ist, diesen Weg, den Buddha beschrieben hat, wirklich zu gehen, ist es unumgänglich, sich das ganze Ausmaß des Leidens und der Krisen vor Augen zu führen. Man muss alle Illusionen verlieren; denn wirklichkeitsfremde Wunschvorstellungen verzögern oder verhindern wirksame Lösungen.

Einen Teil der Probleme habe ich bereits beschrieben. In jedem Lebensalter erlebt man Krisen. Die Dramen können sich in der Schule, im Beruf, in der Partnerschaft, in der Familie, mit FreundInnen oder mit der sonstigen Umgebung abspielen. Häufig ereignen sie sich in allen genannten Lebensbereichen.

Es gibt nicht nur berufliche, familiäre und eheliche Krisen, sondern auch noch solche finanzieller und gesundheitlicher Art.


Allein wenn man die fünf Bereiche

→ Partnerschaft

→ Familie

→ Beruf

→ Geld und

→ Gesundheit

anschaut, findet man kaum einen Menschen, der in allen diesen Punkten voll zufrieden ist. Nicht selten sind sogar mehrere Bereiche notleidend.

Das Ganze ähnelt einer Jonglage. Sämtliche fünf Bälle frei in der Luft zu bewegen ist möglich, aber nur für begrenzte Zeit. Irgendwann vergreift man sich, drei Bälle kann man gerade noch auffangen, aber zwei liegen bereits am Boden.

Die einen haben eine eiserne Gesundheit, aber irgendwie klappt es im Beruf nicht. Andere feiern nach fünfzig Jahren glücklichen Zusammenseins die Goldene Hochzeit. Leider war es finanziell für die Familie immer knapp. Jemand schafft es bis zum Milliardär wenn da nicht der Herzfehler wäre oder der frühe Tod durch eine seltene Erbkrankheit.

Und als ob es damit nicht genug wäre, gesellen sich zu den persönlichen und familiären noch die gesellschaftlichen Krisen. Mal kränkeln die Staatsfinanzen, ein anderes Mal bleiben die Firmenerträge hinter den Erwartungen zurück. Schwere Wirtschaftskrisen ereignen sich alle paar Jahrzehnte. Einige Krisen bleiben regional begrenzt, andere weiten sich auf das gesamte Land oder die ganze Welt aus. Im 20. Jahrhundert waren zwei schreckliche Weltkriege mit Millionen Toten zu beklagen. Allein im Zweiten Weltkrieg starben mindestens 50 Millionen Menschen. Wie viele es genau waren, weiß niemand. Es kamen so viele um, dass man ihre Zahl nur schätzen kann. Der Dreißigjährige Krieg, der zwischen 1618 und 1638 tobte, kostete in Mitteleuropa 20–40 Prozent der Bevölkerung das Leben.

Ein aktuelles Beispiel: Epidemien, die ein Land oder die Erde insgesamt erfassen. Jährlich wiederkehrende Grippeviren raffen zahlreiche Menschen dahin. Bisher ist es nicht gelungen, solche Erkrankungen zu stoppen, und man darf angesichts der Vergangenheit skeptisch sein, ob dies jemals gelingen wird. Eines lässt sich mit Sicherheit ausschließen: Wir werden weder alle schädlichen Bakterien noch sämtliche tödlichen Viren ausrotten können. Sie sind Teil des Lebens, ob es uns gefällt oder nicht.

Ein Leben ohne Krankheiten: Allein, es bleibt ein Traum!


Veränderung ist unvermeidlich

Mit 107.000 km/h düsen wir durchs Weltall. Das ist eine ziemliche Geschwindigkeit, wenn man bedenkt, dass Autos, die mit 200 km/h fahren, als superschnell gelten.

Die Tatsache, dass wir uns in so rasanter Fahrt jährlich um die Sonne bewegen, ist uns nicht bewusst. Für uns sieht es so aus, als stünde die Erde still. Nur an den Jahreszeiten merken wir die ständige Veränderung. Je nachdem, wie die Erdachse zur Sonne steht, haben wir Frühjahr, Sommer, Herbst oder Winter.

Dass uns unser Alltagsbewusstsein oft trügt, zeigt sich auch daran, dass wir unsere Erde nicht selten für »die Welt« halten, während sie in Wirklichkeit nur ein winziger Tropfen im All ist, nur ein winziger Partikel in einer Art riesigem Sternenwirbel.

Aber das ist nicht alles: Mit 1.670 Kilometern pro Stunde dreht sich die Erde um sich selbst. Bei dem Gedanken könnte einem glatt schwindelig werden. Doch die Schwerkraft sorgt dafür, dass alles hübsch an seinem Platz bleibt. Das Bewusstsein bemerkt auch diesen Drehkreisel nur durch den Wechsel von Tag und Nacht. Mal sind wir der Sonne zugewandt, mal von ihr abgewandt.

Sowohl die Umlaufbahn der Erde um die Sonne als auch ihre Drehung um sich selbst sind nur zwei Beispiele dafür, dass wir in einer durch und durch dynamischen Welt leben. Man könnte genauso den Körper oder die Natur heranziehen, um zu verdeutlichen, dass alles in Bewegung ist. Versuchen Sie einmal, unbeweglich an einer Stelle zu bleiben. Schon nach kurzer Zeit wird sich Ihr Bedürfnis regen, sich zu bewegen, ganz abgesehen davon, dass währenddessen Ihre Augenlider auf- und zuklappen, Ihr Herz schlägt, das Blut durch Ihre Adern fließt und vieles mehr.

Vor Ihrem Fenster fliegen Fliegen, kleine Lebewesen, die ihren Namen wegen ihrer wichtigsten Eigenschaft erhalten haben, nämlich, sich durch die Luft zu bewegen. Aber auch andere Tiere sind Tag und Nacht unaufhörlich unterwegs. Nur vorübergehend gönnen sie sich etwas Ruhe in Form von Schlaf.

Selbst viele Pflanzen, die doch ortsbeständig sind, bewegen sich im Wind hin und her. Sie wachsen, entwickeln Blüten und Blätter und werfen diese spätestens im Herbst wieder ab.

Überall ist Bewegung. Bewegung bedeutet Veränderung, und Veränderung bringt leider oft Krisen mit sich.

Plötzlich und unerwartet stirbt jemand. Sein Körper zerfällt, und damit ist er für unsere Augen verschwunden. Normalerweise ersparen wir uns den Anblick des Zerfalls und verbrennen oder begraben den Leichnam. An der Tatsache, dass der Tod eine einschneidenden Veränderung ist, ändert das jedoch nichts. Sowohl bei den Sterbenden als auch bei den Hinterbliebenen, kann der Tod Krisen mit sich bringen.

Doch Veränderungen führen nicht zwangsläufig zu Krisen. Manchmal ist uns Abwechslung durchaus willkommen. Aber die meisten Menschen fürchten böse Überraschungen. Wir wissen, dass der Wind sich jederzeit drehen kann. Wir können unerwartet arbeitslos werden oder verarmen. Krankheiten können uns überfallen, genauso wie Diebe und Räuber. Der Zahn der Zeit, wie es so schön heißt, nagt an uns. Über das Ergebnis freut sich kaum jemand. Spätestens mit dreißig möchten viele die Zeit anhalten.

Doch es hilft nichts: Änderungen sind unvermeidlich. Wir leben in einer unbeständigen Welt. Den wenigsten gelingt es, sich damit anzufreunden. Nicht zufällig sind so viele Menschen konservativ. Sie möchten, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist. Keine Experimente, lautete eine erfolgreiche politische Werbung.

Der Erde ist das egal: Sie dreht sich weiter. Die Veränderungen nehmen keine Rücksicht darauf, ob wir sie mögen oder nicht.


Warum ist die Welt so unvollkommen?

Ganz einfach: weil sie sich verändert. Etwas, was erst noch im Entstehen ist, kann nicht perfekt sein. Ebenso wenig kann etwas, was im Vergehen ist, perfekt sein. Im Verhältnis zu seinem perfekten Zustand ist es ein Minus, und zwar eines, das so lange zunimmt, bis es bei null angekommen ist. Und wer will schon eine Null sein oder mit einer zusammenleben?

Sofern man überhaupt bereit ist, irgendetwas für perfekt zu halten, ist dieser Zustand vorübergehend. Gestern war es noch nicht vollkommen, und morgen wird es das nicht mehr sein. Es handelt sich also allenfalls um einen zeitlich begrenzten Moment der Perfektion.

Dieser mag Minuten, Stunden, Tage oder Jahre andauern, doch wir wissen, er wird vorübergehen. Allein schon dieser Gedanke löst in vielen Menschen eine Krise aus.

Unvollkommenheit und Krisenerleben gehen Hand in Hand. Angesichts von Fehlern, Mängeln, Problemen und Widrigkeiten verlieren wir leicht die Beherrschung.

Der Kaffee, der uns gerade noch erfreute, ergießt sich über unsere Lieblingsjeans. Und schon liegt unsere Welt, die gerade noch in Ordnung war, in Scherben.

Eine Tasse zerbricht. Damit ist das Geschirr nicht mehr vollzählig.

Irgendetwas klemmt, hakt, drückt, rutscht oder fällt immer. Die Fassade eines Hauses bekommt Risse. Sie sah einmal sehr schön aus. Doch jetzt blättert die Farbe ab. Eine vollkommene Außenansicht bliebe dagegen immer gleich.

Noch nicht vollendet, nicht mehr vollendet: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich unser Leben.

Auf der Karriereleiter fehlen noch ein paar Stufen, die Gesundheit ist zurzeit sehr gut, aber die Partnerschaft ist nicht mehr das, was sie mal war.

Auch wenn die Antwort auf die Frage, warum die Welt unvollkommen ist, einfach scheint, ist die Sache doch etwas komplizierter.

Nicht nur die Dinge und die anderen Menschen verändern sich, auch wir tun dies pausenlos. Unsere Vorlieben wechseln. Was uns gestern oder vor zehn Jahren noch sehr gefiel, befriedigt uns heute nicht mehr. Musik, die wir als Teenager liebten, finden wir auf einmal peinlich. Unser Geschmack hat sich geändert.

Unvollkommenheit ist auch eine Frage unserer Bewertung. Daher können sich Menschen selten darüber einigen, was großartig ist und so bleiben sollte.

Ein Meisterwerk der Kunst, sagen Sie? Ich finde es belanglos.

Ein Meilenstein der Musik, finde ich! Sie halten es einfach nur für Lärm.

Ein Beispiel vollkommener Architektur? Oh, nein, bitte lassen Sie es uns abreißen.

Während Veränderung etwas ist, das man nachweisen und dokumentieren kann, ist Unvollkommenheit anders. So kann ich von einem Blumenstrauß im Abstand einer Woche Fotos machen. Daraus geht die Veränderung klar hervor. Aber wenn ich mit einem anderen darüber diskutiere, ob die Blumen vor einer Woche, heute oder überhaupt perfekt waren oder sind, gibt es dafür keinen Beweis, mit dem wir einander überzeugen könnten.

Ob die Welt perfekt oder unvollkommen ist, darüber lässt sich streiten. Passen Sie auf, dass aus dem Streit keine Krise wird!


Eine tröstliche Erkenntnis

Wir alle stehen vor der Aufgabe, mit den Veränderungen, den Unvollkommenheiten und den damit möglichen Krisen zurechtzukommen.

Dass Sie sterben müssen, ist kein Angriff des Universums auf Sie persönlich. Alles, was geboren wird, ist dem Tod geweiht. Es gibt kein Leben ohne das Sterben. Der Tod ist unpersönlich. Er ist einfach eine Tatsache. Verhandlungen darüber sind sinnlos. Mit wem sollte man auch verhandeln?

Ihre Aufgabe, meine und die aller Menschen ist es, mit dieser Tatsache irgendwie umzugehen.

Auch das Altern betrifft uns alle. Nur ein früher Tod könnte es verhindern. Doch das ist keine gute Alternative. Nehmen Sie es also nicht persönlich, dass Sie Falten bekommen und Ihr Körper nicht mehr so funktioniert wie in jungen Jahren.

Die Welt ist nicht gegen Sie, bloß weil nicht alles so läuft, wie Sie sich das vorstellen. So ergeht es uns allen. Wir sitzen, was das angeht, alle im selben Boot. Der Tod, das Alter, Krankheiten und Krisen sind die großen Gleichmacher.

Einige denken vielleicht, sie könnten sich mit viel Geld ihre Falten wegoperieren lassen. Aber stellen Sie sich einmal eine Zwanzigjährige neben einer Siebzigjährigen vor, die sich sogenannten Schönheitsoperationen unterzogen hat. Wenn Sie den Unterschied nicht sehen, haben Sie etwas mit den Augen.

Das Alter ist keine Frage der Falten. Es steckt im ganzen Körper, in seinen Funktionen, in allen Organen, in den Bewegungen, in den Haaren und den Finger- und Fußnägeln. Es lässt sich nicht wegoperieren. Der Begriff »Schönheitsoperation« beinhaltet einen semantischen Trick, genauso wie das Wort »Lebensversicherung«. Denn das Leben lässt sich nicht gegen den Tod versichern.

Im Grunde steckt in dieser Erkenntnis etwas Tröstliches. Dadurch das wir alle die gleichen, existenziellen Erfahrungen machen, steht niemand besser oder schlechter da. Es kommt allein darauf an, wie wir auf die menschliche Grundsituation reagieren. Findet man einen Weg aus der Krise, oder bleibt man ein Leben lang darin stecken?

Wir alle müssen uns mit den allgemein menschlichen Problemen und Schwierigkeiten auseinandersetzen. Das Leben ist hart. Sonst wären nicht so viele Menschen unglücklich und verzweifelt. Schon das Erwachsenwerden bringt eine Menge Prüfungen mit sich, und das nicht nur in der Schule. Auch später reißen die Nöte nicht ab.

Selbst Buddha musste erst lernen, damit zurechtzukommen.


Als Buddha noch kein Buddha war

Eigentlich hieß Buddha Siddhartha Gautama. Buddha bedeutet »Erwachter« und ist ein Titel für Menschen, die das Leiden vollständig hinter sich gelassen haben.

Um Letzteres zu erreichen, brauchte Siddhartha sechs Jahre. Fünfunddreißig Jahre lang ging es ihm nicht anders als den meisten von uns: Er war mehr oder weniger unglücklich.

Dabei half ihm auch nicht, dass er der Sohn eines Königs war und alle Privilegien genoss, die das Leben eines Prinzen mit sich bringt. Einen Vorteil hatte seine besondere Stellung allerdings: Siddhartha erkannte, dass Reichtum nicht vor dem Leiden schützt. Damit konnte er sich all die Umwege ersparen, die »Normalsterbliche« üblicherweise gehen. Diese versuchen, möglichst hoch an die Spitze der Gesellschaft zu gelangen, reich, berühmt und mächtig zu werden, weil sie sich davon das Glück versprechen. Wird uns nicht immer noch weisgemacht, dass wir den Weg des Goldes, des Geldes und der Macht gehen müssten, um so glücklich zu werden, wie wir uns das wünschen?

Siddhartha verlor am Königshof diese Illusionen. Er sah, dass sein Vater, der König, und dessen Hofstaat keineswegs zufrieden lebten. Kein Gold der Welt konnte ihnen inneren Frieden verschaffen. Sie lebten vielmehr in der Sorge, ihre Vorrechte zu verlieren, oder sie waren trotz ihrer hervorgehobenen Stellung neidisch auf die wenigen, die noch mehr besaßen als sie.

Überhaupt keinen Schutz verschaffte ihnen ihr Reichtum, wenn es um Alter, Krankheit und Tod ging. Sie bejammerten ihr menschliches Schicksal wie jeder andere auch. Die Ablenkung, die ihnen ihr Luxus bot, währte nur kurz. Im Hintergrund blieb die Angst, dies alles eines Tages hergeben zu müssen.

Seine Verwandten gaben sich alle Mühe, Siddhartha vorzugaukeln, dass er ein schönes Leben habe, doch natürlich entgingen ihm die Machtkämpfe am Königshof nicht. Er brauchte sich auch nur in die Stadt zu begeben, um menschliches Elend aus nächster Nähe zu erleben. Dort begegneten ihm viele alte und kranke Menschen. An den Straßen lagen nicht selten Tote. Am Stadtrand gab es ganze Felder mit Leichen, die niemand begrub und über die sich die Geier hermachten.

Siddhartha, der später von sich sagte, er sei in seinem Elternhaus sehr verwöhnt worden, war entsetzt von solchen Anblicken. Was für einen Sinn machte es, Häuser, Geld und Luxusgegenstände anzusammeln, wenn man all das nicht behalten konnte, fragte er sich. Jederzeit konnte einen der Tod ereilen und allen Plänen einen Strich durch die Rechnung machen.

Hinzu kam, dass Siddhartha als Prinz in eine Rolle gedrängt wurde, die ihm nicht gefiel. Er sollte später die Nachfolge seines Vaters antreten. Bis dahin hatte er sich dessen Anordnungen zu fügen. Der König war nicht nur Herrscher über sein Volk, sondern selbstverständlich auch über seine Familie und damit auch über seinen Sohn. Der Lohn für den geforderten Gehorsam bestand in dem Luxus, den ein Leben am Königshof gewährte, und in der Aussicht auf unbeschränkte Herrschaft, wenn Siddhartha selbst einmal König sein würde.

Doch all das bedeutete Siddhartha wenig. Ihm blieben die Zwänge nicht verborgen, denen sogar ein König unterlag. Der Adel verlangte Mitsprache. Das Königreich unterstand zudem einem noch mächtigeren Herrscher, dem es zu huldigen galt.

Siddhartha fühlte sich, als würde er in einem goldenen Käfig leben. Er dürstete nach Freiheit und mehr noch nach einem Glück, das nicht von Ängsten, Enttäuschungen, Ärger und der Aussicht auf Krankheit, Alter und Tod überschattet war.

Seine Unzufriedenheit steigerte sich von Tag zu Tag, bis er sich in einer solchen Krise befand, dass er unbedingt einen Ausweg finden wollte.

Siddhartha beschloss, den Königshof bei Nacht und Nebel zu verlassen. Gelegentlich waren ihm in der Stadt Menschen begegnet, die Haus und Hof aufgegeben hatten, um nach dem absoluten, unvergänglichen Glück zu streben. So ein Freiheits- und Wahrheitssucher wollte er auch werden. Trotz des äußeren Reichtums fühlte er sich innerlich leer. Er hatte das Gefühl, dass es nur besser werden konnte, wenn er sein bisheriges Leben aufgab.

Seine innere Krise verlangte eine Lösung.


Wie in Grimms Märchen?

In den Märchen der Gebrüder Grimm heißt es am Schluss oft: »… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.« Nachdem die HeldInnen ihre aufregende Suche nach dem Goldschatz erfolgreich beendet haben, dürfen wir aufgrund dieses Schlusssatzes annehmen, dass sich ihre Probleme für immer in Wohlgefallen aufgelöst haben und keine neuen mehr entstanden. Uns wird suggeriert, dass es für die Märchenfiguren nie wieder irgendwelche Beschwernisse gab.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich würde gerne mehr davon hören, wie dieses glückliche Leben konkret aussah. Gab es wirklich nie wieder Probleme, oder hatten unsere HeldInnen aufgrund ihrer erfolgreich bestandenen Abenteuer nur gelernt, mit sämtlichen Widrigkeiten des Lebens umzugehen und diese nicht mehr zu fürchten?

Ein Leben ohne äußere Probleme ist kaum vorstellbar. Mag sein, dass Märchenprinzen und -prinzessinnen nicht altern, nie krank werden und ein ewiges Leben besitzen. Dagegen spricht allerdings, dass sehr wohl vom Ende ihrer Tage die Rede ist. Wahrscheinlich sind sie auch vor Krankheit, Altersbeschwerden und anderen Komplikationen nicht geschützt. Umso interessanter wäre es, zu erfahren, wie sie es trotzdem schafften, ihr gefundenes Glück ein Leben lang zu bewahren. Leider sind es nur Volksmärchen. Die Menschen, die sie von Generation zu Generation weitererzählten, hatten offenbar keine Vorstellung davon, wie so ein unverbrüchliches Glück zu erlangen sei. Sie brachten nur eine Sehnsucht zum Ausdruck, für die es im wahren Leben keine Entsprechung gab. Es waren eben Märchen, nicht die Realität.

Anders verhält es sich mit den Überlieferungen, die Buddhas Leben und Lehre schildern. Diese enden nicht mit Buddhas Erleuchtung, sondern geben auch über die folgenden fünfundvierzig Jahre Auskunft. Außerdem enthalten sie konkrete Anleitungen, wie man so glücklich wie Buddha werden kann.

Daher wissen wir, dass Buddha tatsächlich glücklich bis ans Ende seiner Tage lebte, nachdem er herausgefunden hatte, wie man mit den Grundtatsachen des Lebens am besten umgeht. Wir wissen aber auch, dass sein weiterer Weg nicht frei von äußeren Problemen und Schwierigkeiten war. Umso besser, denn nur so kann Buddha ein Vorbild für uns sein. Ein Mensch, der vor keinen Herausforderungen mehr steht: Das taugt wirklich nur für Märchen.

Wir brauchen keine illusionären Versprechungen. Davon gibt es ohnehin genug. Nein, das Einzige, was uns wirklich weiterhelfen kann, sind wirksame Hilfen bei realen Beeinträchtigungen. Diese hören niemals auf, egal ob man erleuchtet ist oder nicht.

Nachdem er den Königshof verlassen hatte, lebte Buddha für den Rest seines Lebens als Wandermönch. Man kann sich vorstellen, dass das kein bequemes Leben war. Da tun einem schon mal die Füße oder der Rücken weh, selbst wenn man berücksichtigt, dass Waldboden sehr weich sein kann. Buddha schlief jedenfalls nicht in einem Komfortbett.

Er war dem Wechsel dem Jahreszeiten ausgesetzt, was bedeutete, dass es im Sommer sehr heiß und in der Regenzeit wochenlang sehr nass war. Zwar stellten reiche Gönner den Mönchen später Unterkünfte zur Verfügung, aber diese wurden nur vorübergehend genutzt, wenn die Wege unpassierbar waren.

In den Überlieferungen ist die Rede davon, dass Buddha von feindseligen Menschen verleumdet wurde und sein Vetter einen Mordanschlag auf ihn plante. Zwei seiner Lieblingsmönche, denen er die Weiterführung des Ordens nach seinem Tod anvertrauen wollte, starben vor ihm. Es ging ihm also äußerlich gesehen nicht besser, sondern eher schlechter als den meisten von uns.

Wir leben in Komfortwohnungen mit Bad und Zentralheizung, fahren in klimatisierten Autos und können aus dem reichen Angebot der Supermärkte wählen, was wir essen und trinken möchten, während Buddha durch die Dörfer zog und sich einmal am Tag eine Mahlzeit erbat.

So ein Leben ohne festes Einkommen und ohne eine eigene Bleibe, wäre für die große Mehrheit der Menschen mit Ängsten, Depressionen und einer Menge Ärgernissen verbunden. Auch damals wählten nur vergleichsweise wenige diesen Lebensstil.

Umso erstaunlicher scheint es, dass Buddha – anders als in der Rolle eines Prinzen – sich so frei und glücklich fühlte.

Was war sein Geheimnis?


Die positive Seite von Krisen

Buddha hat seine Lehre später in vier Wahrheiten zusammengefasst. Leiden ist die erste Wahrheit. Niemand kommt um die Einsicht herum, dass Menschen, ja überhaupt alle Kreaturen, leiden. Obwohl diese Tatsache so offensichtlich ist, wollen wir sie oft nicht wahrhaben. Wir leugnen unser Leiden, spielen es herunter und tun so, als ob wir glücklich seien. Aber tief drinnen wissen wir, dass wir unzufrieden sind. Da wir annehmen oder sogar fürchten, die anderen seien glücklich, verstecken wir unser Leiden lieber. So gründlich, dass wir selbst irgendwann glauben, »eigentlich« ganz glücklich zu sein. Doch das »Eigentlich« verrät, dass es in Wirklichkeit nicht so ist. Im Hintergrund lauern unsere Ängste, Depressionen, Ärgergefühle und weitere unangenehme Empfindungen. Es fehlt nicht viel, sie zum Vorschein zu bringen. Dann sind wir überrascht über unsere heftigen Reaktionen, die in keinem Verhältnis zum Anlass stehen. Wir schämen uns, nicht wirklich glücklich zu sein. Deshalb soll niemand unser Leid sehen, außer vielleicht unsere engsten Mitmenschen.

Stress, der kleine Bruder des Leidens, zeigen wir dagegen gerne. Es ist okay, gestresst zu sein. Mehr noch: Stress ist schön. Dafür gibt es sogar einen akademischen Begriff: Eustress. Leider ist diese schöne Form des Stresses so selten wie das Glück. Ihr Gegenteil, der Disstress, herrscht vor.

Trotzdem ist Stress gesellschaftlich anerkannt, weit verbreitet und gilt daher als normal. Wer nicht gestresst ist, gilt als Außenseiter, und wer möchte schon freiwillig so einer sein? Also gibt man vor, gestresst zu sein, selbst wenn man es ausnahmsweise nicht ist. Bloß nicht unangenehm auffallen, sich nicht verdächtig machen. Warum ist der/die eigentlich nicht gestresst?

Stress verdeckt das tiefere Leiden, über das man nicht sprechen möchte. Es ist leichter, über Alltagsprobleme zu reden als über die Dinge, die einen wirklich bedrücken.

Deshalb beginnt der Weg aus der Krise damit, dass man sich eingesteht, unglücklich und unzufrieden zu sein.

Gefühle, auch unangenehme, haben eine wichtige Funktion in unserem Leben. Sie weisen uns den Weg. Glück signalisiert uns, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Leiden ist dagegen ein Stoppsignal. Es bedeutet, dass wir uns im Leben verlaufen haben und umkehren beziehungsweise eine neue Richtung einschlagen sollten.

So gesehen, haben Krisen und Leiderfahrungen eine sehr positive Seite. Wenn wir sie nutzen, führen sie zum ersten Schritt in eine bessere Zukunft.

Ohne Krisen gibt es keine Befreiung vom Leiden. Das mag auf den ersten Blick nicht besonders einladend wirken. Lieber würde man sich die unangenehmen Erfahrungen ersparen.

Aber es stimmt: Unser Unglücklichsein ist nur dann negativ, wenn wir darin steckenbleiben. Wir brauchen Probleme, Schwierigkeiten und Hindernisse, um daran zu wachsen. Ohne Widerstand wird niemand stärker. Das gilt für unsere Muskeln genauso wie für unser Glück.

Ein allzu bequemes Leben macht uns empfindlich gegen seine Härten. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum Buddha ein Leben unter freiem Himmel der Verwöhnung im Königspalast vorzog. Indem er allen Problemen ausgewichen war, war er immer empfindlicher und unglücklicher geworden. Ist das nicht genau die gleiche, vergebliche Strategie, die wir favorisieren? Vermeiden wir nicht alles, was irgendwie anstrengend oder schwierig ist? Etwas Neues zu lernen, statt uns in immer wieder ähnlichen, längst bekannten Bahnen zu bewegen? Sport zu treiben, statt jede Strecke mit dem Auto zurückzulegen und ganze Tage vor dem Computer oder Fernseher zu verbringen? Mal eine Mahlzeit auszulassen, statt ständig zuzunehmen?

Sind vielleicht nicht die Krisen das Problem, sondern die Art, wie wir darauf reagieren?


Geborgen in einer Welt voller Probleme

Die äußeren Krisen werden, wie wir gesehen haben, nicht enden. Gegen Krankheiten ist vielleicht manchmal ein Kraut gewachsen, gegen Alter und Tod nicht. Scheidungen, Unfälle oder Naturkatastrophen gehören zum Leben dazu.

Wir kommen also, wenn wir das Leiden beenden wollen, nicht darum herum, dafür zu sorgen, dass aus den Krisen um uns herum keine Krisen in unserem Inneren werden. Genau das ist die Erkenntnis, die Buddha bereits vor 2.500 Jahren hatte.

Es geht um einen Weg, der es ermöglicht, sich mitten im Chaos geborgen zu fühlen.

Krisen führen entweder zu Leid oder zu krisenfestem Glück. Tatsächlich ist es Buddha gelungen, zu verstehen, was uns leiden lässt, und was wir dagegen tun können.

Sein Ziel war es, nicht nur ab und zu frei von Ängsten, Enttäuschung und Ärger zu sein, sondern für immer. Was immer um ihn herum geschah: Er wollte davon unbehelligt bleiben. Auch seinen manchmal erschreckenden Gedanken und heftigen Gefühlen wollte er nicht mehr ausgeliefert sein.

Sein Leben sollte fortan von Glück, Gelassenheit und Liebe bestimmt sein.

Als er sich nachts von zuhause fortschlich, war er sich nicht sicher, ob er es schaffen würde, diese hohen Ziele zu erreichen. Er kannte niemanden, der sich für immer vom Leiden befreit hatte.

Sicherlich gab es Menschen, die zeitweise glücklich und entspannt waren. Er selbst erlebte auch solche Momente. Aber sie vergingen schneller, als ihm lieb war.

Dagegen hielten die Sorgen, das Deprimiertsein und der Stress wesentlich länger an. War es möglich, die Zeiten des Glücks zu verlängern und die des Unglücklichseins zu verringern? Gab es vielleicht sogar so etwas wie beständiges Zufriedensein? In den Heiligen Schriften war die Rede davon. Leider schien in der Realität niemand so weit zu kommen. Einige Gurus behaupteten, im Zustand der immerwährenden Glückseligkeit zu leben. Lernte man sie näher kennen, erwies sich ihre Heiligkeit jedoch als bloßer Schein.

Siddhartha konnte sich also entgegen seinen Erwartungen nicht auf Lehrer stützen. Deshalb begann er selbst zu experimentieren. Nachdem er den Luxus kennengelernt hatte und dieser sich als untauglicher Schutz gegen die Härten des Lebens erwiesen hatte, kam er auf die Idee, das Gegenteil auszuprobieren. Siddhartha lebte eine Zeit lang als Asket. Aber auch dieser Weg stellte sich als Fehlschlag heraus.

Schließlich analysierte er sein bisheriges Leben gründlich. Wann war er jemals zufrieden gewesen? Was störte sein Glück? So entdeckte er zunächst die wahren Ursachen des Leidens.


WIE DAS LEIDEN IN DIE WELT KOMMT

Wunsch und Wirklichkeit

Die erste Wahrheit war das Leiden. Die zweite Wahrheit, die Buddha entdeckte, handelt vom Entstehen des Leidens. Wie kommt das Leiden in die Welt?

Es beginnt damit, dass unsere Erwartungen sich nicht erfüllen. Auf der einen Seite haben wir Wünsche, auf der anderen Seite steht die Realität. Leider passen die beiden selten zusammen. Kurz gesagt, es kommt anders, als man denkt.

Mal fehlt etwas. So wie in diesem alten Schlager:

»Ich brauche keine Millionen.

Mir fehlt kein Pfennig zum Glück.

Ich brauche nur Musik,

Musik, Musik.«

Dann ist ja alles in Ordnung, könnte man denken. Wenn es nicht am Schluss so weiterginge:

»Doch eine ganze Kleinigkeit,

die brauch ich noch dazu.

Und diese große Kleinigkeit bist du,

nur du, nur du du du du.«

Eigentlich auch kein Problem, nur dass die Person, der die Liebeserklärung gilt, vielleicht nicht mitspielt. Und schon stellt sich das Leiden am Mangel ein. Etwas ist nicht da: noch nicht, nicht mehr oder gar nicht.

Überlegen Sie einmal, welche große Kleinigkeit Ihnen noch zu Ihrem Glück fehlt.

»Ich könnte glücklich sein, wenn …« Vervollständigen Sie bitte diesen Satz. Sie werden schnell sehen, wie Unzufriedenheit entsteht.

Ein anderes Mal ist etwas da, was nicht da sein sollte. Etwas, das man nicht ausstehen kann: eine chronische Krankheit, eine laute Nachbarin, achtunddreißig Grad Celsius heiße Sommertage – so etwas in der Art.

Denken Sie an Ereignisse, Dinge und Menschen, auf die Sie gut verzichten könnten.

»Ich wäre glücklich, wenn nicht …« Das ist der andere Satz, den Sie an dieser Stelle ergänzen könnten. Was Sie dabei aufführen, sind all die Ereignisse, Dinge und Menschen, die Ihnen das Leben schwermachen.

Einiges hätten Sie gerne, anderes lieber nicht.

Bei manchen Menschen sind die beiden Listen lang.

Was viele möchten: mehr Geld, einen anderen Beruf, einen besseren Arbeitsplatz, einen schöneren Wohnort, eine Partnerin, einen anderen Partner, eine Affäre, eine glücklichere Kindheit, eine qualifiziertere Ausbildung, verständnisvollere Eltern, freundlichere FreundInnen, eine robustere Gesundheit, einen schlankeren Bauch, längere Beine, mehr Haare auf dem Kopf, ein neues Auto … Die Liste ist endlos.

Was viele gerne nicht hätten: Schulden, Stress am Arbeitsplatz, eine Wohnung am Flughafen, eine Scheidung, einen Todesfall in der Familie, noch ein Kind, nörgelnde Eltern, die dauernd zu Besuch kommen, ein reparaturanfälliges Auto, Haare an Körperstellen, wo man sie nicht braucht … Auch diese Liste kennt keine natürlichen Grenzen.

Immer wenn die Wirklichkeit nicht so will wie wir, sind Enttäuschungen, Sorgen und Ärger nicht weit.

Mögen Sie Ablehnungen? Vermutlich nicht besonders. Den Grund dafür kennen Sie jetzt. Durch eine Ablehnung wird Ihr Wunsch gefährdet. Ihr Traum rückt in weite Ferne, womöglich wird er unerreichbar. Das allein wäre noch kein Grund, sich aufzuregen. Doch es steht viel mehr auf dem Spiel: Ihr Glück.

Wenn Sie sagen: »Zu meinem Glück brauche ich X«, und X nicht zu bekommen ist, haben Sie ein Problem. Sie leiden. Je stärker Sie X brauchen, desto unglücklicher sind Sie.


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