Kitabı oku: «Coach dich selbst zu deinem besseren Ich!»
Titelseite
Thomas Jaklitsch
Coach dich selbst zu deinem besseren Ich!
Mentale Strategien von
Race-Across-America-Rekordhalter
Christoph Strasser
Leykam

Danke meiner Frau Claudia, die drei wunderbaren Kindern das Leben geschenkt hat: Ihr seid die größten Lehrmeister, Tag für Tag! Das Motto auf dem letzten Bild des Buches, entdeckt beim Race Across The West, soll eures sein können! Foto: Luca Gatscher
Neues wagen
Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ war und ist für viele meiner Leser und Leserinnen ein Wunschbuch. Ein Buch, das helfen durfte, sich seiner Wünsche und Träume zu erinnern und den Weg zur Erfüllung wieder beginnen und genießen zu können. Unzählige Reaktionen per E-Mail, über Facebook, per Post und auf persönliche Art und Weise erhielt ich seit Erscheinen dieses Buches. Nun gut, es erzählt einiges Biografisches über mich als Autor, meine herausfordernden Irrwege und auch meine Abkürzungen sowie Autobahnen zum Erfolg. Genauso wie funktionale Strategien und Handlungsideen, mit denen ich, beginnend mit dem Jahr 2007, den Rohdiamanten Christoph Strasser zum – wie er medial so oft genannt wurde – „König der Langdistanz“ formen helfen durfte. Auch meine Seminare, Workshops und Vorträge halfen, meine Ideen, Lebensträume zu erfüllen, zu verbreiten. Manche Ideen sind nicht neu, doch anders als andere, manche sind polarisierend und manche benötigen einen sehr langen Atem! Ich als Mensch finde mich ständig an irgendwelchen Grenzen. An die Grenze gehen? Überschreiten? Grenzen verschieben? Neue Grenzen positionieren? In der Nähe von Grenzen braucht man Mut, und genau den haben einige Menschen bewiesen. Indem sie mir aus ihrer Geschichte eine Vielzahl an Geschichten als Reaktion auf mein Buch zukommen ließen. Danke dafür. Nichts ist so lebensbejahend wie ein mutiger Schritt über Grenzen! Viele schrieben mir von ihren Erfolgen, einige schrieben mir von der Unmöglichkeit meiner Wege. Zweitere schrieben mir oft mehrfach, um mir dann – nachdem ich sie ermutigt hatte, sich selbst die Chance zu geben, neue Wege zu gehen – nach einiger Zeit von einem Happy End zu berichten. Die verbindende Klammer bei den vielen Kommentaren und Reaktionen war einheitlich: Das Feedback von so vielen, dass sie das Buch nicht als Buch, sondern wie einen angenehmen Kaffeeplausch, ein zufälliges und inspirierendes Treffen mit einem Seelenverwandten empfunden haben. Danke dafür.
Das Feedback, dass sie durch mich Neues wagen konnten und ihre üblichen Schranken nicht mehr ganz so ernst, sondern mit Humor betrachten durften. Danke.

Thomas Jaklitsch beim Ötztaler
Bei so viel erzeugter Nähe ist ein Du in der Ansprache eigentlich obligatorisch. Im Radsport ohnedies und wenn man nach Tirol in Österreich kommt sowieso. Als ich einen der berühmtesten Radmarathons Europas – den Ötztaler Radmarathon im tirolerischen Sölden – vor mehr als 2.000 Menschen eröffnen durfte, erfuhr ich dies hautnah. Der Saal war bereits bestens gefüllt und ich war mit Laptop und USB-Stick fast 25 Minuten vor dem geplanten Beginn meines Multimedia-Eröffnungsvortrages vor Ort. Eine Riesenbühne, großartige Stimmung und ein tiefenentspannter Tontechniker, der mich mit einem freundlichen „Griaß di!“ empfing. Was soll da noch schief gehen? Eine halbe Minute später sollte ich es wissen. Als ich ihn fragte, ob er meine Multimedia-Präsentation mit Bildern, Musik und kurzen Videos gerne per USB-Stick oder von meinem Laptop abspielen möchte, meinte er, wie es mir lieber sei – aber Beamer habe er keinen, der komme erst in zwei Stunden! Nur mit der Ruhe, waren jetzt leider nicht meine Gedanken! Nach diversem Farbenspiel in meinem Gesicht, beginnender Schnappatmung, Pulsspitzen, die ich in meinem vorgerückten Alter eigentlich schon lange nicht mehr erreichte, konnte ich gerade noch „Kannst du zaubern?“ herauswürgen. Nach kurzer Phase der freundschaftlichen Erklärungen meiner Wünsche und Vorhaben begann mein komplett ruhig und gelassen gebliebener Tontechniker zu telefonieren. Nach einer Minute, wobei ich bei dem Telefonat aufgrund des Tiroler Dialekts null Komma nichts verstand, beendete er das Telefongespräch, grinste mich an und sagte kopfschüttelnd: „Fria guat isch nia guat. (Früh gut ist nie gut – was zu früh gut ausschaut, hat sich oft als nicht so toll herausgestellt.) Wal dar Tuifl schloft nit. (Weil der Teufel schläft nicht.) Is wenn die Zeit’n schlecht wer’n, werd’ a Dicker dünn, a Dünner wird hin. (Sollten schlechte Zeiten kommen, wird ein Dicker nur dünner, ein Dünner wird kaputtgehen.)“ Mein unausgesprochenes, aber gut sichtbares Fragezeichen auf der Stirn – immerhin bin ich ein Dünner mit gerade mal 57 Kilogramm Lebendgewicht – löschte er mit einer fast auf Hochdeutsch formulierten Antwort: „Du, entspann dich, trink was, iss was, in einer halben Stunde kann die Show losgehen!“ Und wieder einmal war es einer der Momente in meinem Leben, wo ich mir dachte: die besten Krisenmanager, die größten und entspanntesten Lehrmeister, die besten Coaches sind oft mitten unter uns. Weit, weit weg von den Bildungsstätten unserer geistigen Elite und oft weit weg von den Hot-Stone-Tempeln der Oberschicht, den Klangschalen und Hildegard-Tees. Die besten Lehrmeister finden wir im Alltag. Sie haben gelernt, selbst ihr bester Coach zu sein. Und sie haben erkannt, dass es Wichtigeres im Leben geben darf, als nur kontinuierlich die Geschwindigkeit und den Druck zu erhöhen. Sie haben erkannt, dass Lebensqualität bedeuten darf, den Luxus der Zeit zu genießen. Oder wie es Giovanni Guareschi, der Erfinder der legendären Filmfiguren Don Camillo und Peppone, ausdrückte: „Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben. Damit haben sie es weiter gebracht als alle anderen.“
Also nachdem ich es eine halbe Stunde zu nichts gebracht hatte, genoss ich die Stimmung und lernte verschiedene Menschen kennen. Mein Eröffnungsvortrag selbst war ein Erfolg. Ich traf auf den noch immer bestens erhaltenen ehemaligen Skiweltmeister im Slalom, Frank Wörndl, den Bad Boy und wegen Doping gesperrten Tour-de-France-Sieger Jan Ulrich und auf Didi Senft, den „El Diablo“ des Radsports höchstpersönlich. Quasi the good, the bad and the ugly!

Radteufel Didi Senft beim Ötztaler 2014 Foto: www.sportcoaching.net
Aber am meisten berührte mich an diesem Abend der Tontechniker, der mir mit seiner Ruhe, seiner Freundlichkeit, in seinem tirolerischen Du quasi die Haut rettete. Dieses Du blieb mir noch lange im Kopf. Und auch die Feedbacks auf mein Buch, die bald von dem gestrengen Sie auf ein joviales Du wechselten. Aufgrund dieser Erfahrung möchte ich die professionelle Distanz, die meinen Worten im ersten Buch Nachdruck verlieh, aufgeben und dafür mehr und mehr der Beziehung und dem Vertrauen Raum schaffen, und Sie im Verlauf dieses Buches duzen. Auch wenn es bei mir Anteile gibt, die sich noch sträuben. Immerhin kennen wir uns vielleicht erst eine Seite lang, haben ziemlich sicher nicht gemeinsam im Sandkasten gespielt und ist ein höfliches Sie ein sehr bestimmendes Werkzeug.
„Das Gute missfällt uns,
wenn wir ihm nicht
gewachsen sind.”
(Friedrich Nietzsche)
Ich denke, das Gute nach Nietzsche, nämlich zu duzen, darf bereits beim Buchtitel beginnen. Und zwar mit dem Ziel, Ihnen mentale Strategien, um im Hier und Jetzt zu leben und nicht gelebt zu werden, vorzustellen. Die Motivation, in die Gänge zu kommen und bisher aufgeschobene Ziele endlich anzupacken, ist möglicherweise erwünschtes oder unerwünschtes Resultat des Lesens dieses Buches. Im Selbstcoachingbuch „Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ wurde ein Teil des mentalen Weges von Christoph Strasser, sein Umgang mit Niederlagen und letztlich die Erfüllung seines Lebenstraums, dem Sieg beim Race Across America – 5.000 Kilometer nonstop mit dem Rad durch die USA –, beschrieben. Was aber, wenn das Ziel erreicht und der Traum erfüllt ist? Was sind wir ohne unseren Erfolg noch? Wer sind wir außerhalb unserer möglichen Identität als Sportler/Sportlerin, Ehemann/Ehefrau, Vater/Mutter? Die Frage „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ scheint jedenfalls ein Dauerbrenner zu sein. Antworten darf es auf den folgenden Seiten geben.
Garniert mit Episoden aus dem Leistungssport, neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, Know-how aus Psychologie und Lebensberatung darf ich Sie entführen in eine wenig schillernde, dafür umso buntere Welt des Langstreckenradsports als Metapher fürs Leben – auch wenn, oder eben weil, Sie vielleicht nicht Spitzensportler sind, geschweige denn Extremradsport als liebste Freizeitbeschäftigung angeben. Lesen Sie gerade die Geschichten, die radsportspezifisch zu sein scheinen. Diese sind vermutlich für Ihr Bewusstsein weit weniger „gefährlich“ als die Storys und Erzählungen aus dem Alltag, aus dem Beruf oder der Elternschaft, die Sie ohnehin selbst gut kennen. Diese scheinbar nebensächlichen Ereignisse aus über einem Jahrzehnt Langstreckenradsport können als Metapher, als Geschichte mit sinnvoller Struktur und möglichem Aha-Effekt weit besser aufgenommen werden.
Und ja, dieses Selbstcoachingbuch ist im übertragenen Sinn ein Kochbuch. Ein Kochbuch, welches anregen darf, mehr an Gesundheit, mehr an Freude, mehr an Lebensqualität für sich selbst und damit auch für sein Umfeld zu schaffen. Und ja, manche Informationen stammen aus tendenziösen Quellen und sind gefüllt mit subjektiver Befangenheit und Liebe zum Leben im Allgemeinen und zum Randgruppenphänomen Extremradsport im Besonderen. Ein Buch, das anregen darf, mit Ihren eigenen, individuellen Zutaten verschiedenste Rezeptideen auszuprobieren und zu verfeinern. Und wie bei einem Kochbuch üblich werden Sie beim Ansehen der Gerichtideen nicht satt, sondern vielleicht erst hungrig, aber durch die Beispiele angeregt, sich für etwas entscheiden zu können und zu handeln zu beginnen. Das Gericht sind sie selber, die Zutaten besitzen Sie schon längst, haben Sie nur vermutlich lange nicht mehr benutzt. Die richtige Reihenfolge und Behandlung der Ingredienzien ist das Ziel dieses Lernbuches über sich selbst.
Welche mentalen Wege den 24-Stunden-Weltrekordhalter und Race-Across-America (RAAM)-Sieger Christoph Strasser prägen durften und ihm halfen, selbst sein bester Coach zu sein, kann Ihnen einen phänomenalen Einblick in die menschlichen Möglichkeiten und den Hauch von Grenzenlosigkeit geben. Ein Buch aus dem Leben für das Leben! Illustriert mit großartigen Fotos darf es Lust auf die Coachingarbeit für und mit sich selbst machen! So nach dem Motto: Nein zu den langweiligen Routinen, ja zu den Möglichkeiten! Gerne gehe ich den Weg mit Ihnen. Gerne gehe ich ab nun den Weg mit DIR!
Mit dem Ziel: Coach dich selbst zu deinem besseren Ich!

Thomas Jaklitsch als Verbindung zwischen Humor und Leistung Foto: www.elmas.at
Also: Griaß di!
Langstreckenradrennen? Extremradevents? 4 what? Für was, bitteschön?
Als ich im Jahr 2015 ins Ziel des 1.400 km langen Race Across the West vom Palmenstrand Kaliforniens durch die Wüste von Arizona und Utah bis zu den Nadelbäumen Colorados radelte und den dritten Platz insgesamt belegte, war die Zielankunft wie gewohnt. Einsam. Also kein Mensch da. Fast keiner. Aufgrund der langen Wettkampfdauer und der oft langen Zeitspannen zwischen den Zielankünften ist das Warten im Ziel für das Publikum vor Ort oft weniger interessant als für die Fans, die mittels GPS exakt über die Positionen Bescheid wissen. Bei der Zielankunft in der ehemaligen Goldgräberstadt Durango stimmte oben Geschriebenes zwar nicht ganz, aber fast. Immerhin wurde meine Zielankunft von der regionalen Presse bemerkt und ich lächelte in prominenter Position in Farbe am nächsten Tag in einem Riesenartikel aus dem Durango Herold. Dort wurde mir auch die übliche Frage gestellt: Wieso man so etwas macht? Wieso setzt sich jemand freiwillig diesen Strapazen und Gefahren aus? Meine mittlerweile schon seit Jahren gleiche Antwort: Weil es möglich ist und weil es eine wunderbare Metapher für das Leben ist! So frei nach dem Motto und angelehnt an Reinhold Messners Aussage: Es ist nicht die Strecke, der Berg, der Event, die bzw. den es zu erforschen gilt, es ist der Mensch, den es zu erforschen gilt.

T. Jaklitsch RAW 2015: Finish? Finish going strong? Foto: www.lucaspflanzl.at
„Ultra-Radsport ist nicht mehr und nicht weniger als eine brillante Analogie des Lebens. Er ist lang und herausfordernd und beinhaltet sowohl Glück als auch Niederlage. Es geht um unser Verhalten im Moment des Triumphs und darum, wer wir sind, wenn nichts übrig scheint, das uns definieren könnte.“ (Präsident der Ultra Marathon Cycling Association, it’s all about, 2013, S. 9)

RAW 2015, T. Jaklitsch und A. Striccher als menschliche Klimaanlage Foto: www.lucaspflanzl.at
Langstreckenradrennen sind für mich persönlich seit meinem ersten Antreten bei solch einem Event im Jahr 2001 eine wunderbare metaphorische Beschreibung für das Leben. Sie dauern lange, teilweise fast unvorstellbar lange, ein oder mehrere Tausend Kilometer lang. Wie das Leben, das zu Beginn noch unendlich, unüberschaubar lange dauert, ist es fast unmöglich, vom Start weg einen Blick auf das Ziel, auf das Finale zu erhaschen. Durch Lebensereignisse wie möglicherweise Schulbeginn und Schulende, wer religiös ist durch jeweilige Initiationsriten wie Firmung, Konfirmation etc., Wehr- oder Wehrersatzdienst, Geburtstage, Jahreswechsel etc. lernen wir bereits in jungen Jahren diese Lebenszeit zu strukturieren. Letztlich, um bei diesen besonderen Momenten – wenn auch nur kurz – innezuhalten und uns wieder neu ins Leben auszurichten und zu planen. Bei Langstreckenevents sind dies die sogenannten Timestations (Zeitstationen), die je nach Event zwischen 60 und 100 km auseinanderliegen. Jedes erreichte Zwischenziel, die Zeitstation, hilft, den Fokus aufgrund der Länge der gesamten Strecke nicht zu verlieren, sondern von Timestation zu Timestation (kurz- bis mittelfristige Zielplanung) zu denken, um die Zuversicht der Zielerreichung zu bewahren. Kein Stillstand der Stoppuhr vom Start bis zum erhofften Ziel. Nonstop, komme, was wolle, Tag und Nacht, Sturm und Sonnenschein, Freude und Pein.
Bei Langstreckenradrennen quer durch einen Staat (z. B. Race Across America 5.000 km, Race Across The West 1.400 km, Race Across Germany 1.150 km) oder rund um ein Land (z. B. Race Around Austria 2.350 km, Race Around Ireland 2.150 km, Race Around Slovenia 1.100 km) gilt es ja, der natürlichen Topografie der Strecke zu folgen. Manchmal führt die Strecke schnurgerade, doch manchmal sind die Straßen kurvig, schmal oder breit und manchmal ist der Straßenbelag sehr grob oder genau das Gegenteil. Es geht bergauf und dann wieder bergab. Der ewige Wechsel. Up and downs. Wie im Leben, wo wir dem Verlauf unseres Weges folgen, den Weg so annehmen, wie er kommt, und immer wieder entscheiden müssen, ob wir gewillt sind, die Strapazen auf uns zu nehmen, um unser Ziel zu erreichen, und dann auch wieder den Schwung, die gespeicherte Energie der vorhergehenden Anstrengung zu nutzen. Aktion und Reaktion. Energie geht nicht verloren, sie wird nur transformiert. 23.000 Höhenmeter gilt es allein beim Race Around Austria zu erklimmen, rasante Abfahrten, die Spaß machen können, sind garantiert! Außer man schläft bergab aufgrund der Übermüdung und des Schlafentzuges ein, kommt von der Strecke ab und landet hoffentlich sanft im Gras. Der Vorteil: die Müdigkeit ist dann verflogen; ist mir 2013 ebenda passiert. Die Momente des Glücks, der Mühelosigkeit genießen und feiern zu können, ungeachtet dessen, dass auch wieder die Sekunden, Minuten, Stunden der Herausforderungen, des Selbstzweifels und der Mühe kommen werden. Dieses ständige Wechselbad der Gefühle, bergauf – bergab, werde ich bewältigen können, wenn ich ausreichend Ausdauer und Motivation mein Eigen nennen kann. Nichts anderes also als mein Ziel, mit jeder Faser und Zelle meines Körpers erreichen zu wollen – letztlich das Resultat strukturierter und lohnender Zielarbeit.
Davon abgesehen werden wir im Leben wie auch bei Extremradevents alleine unser Ziel nicht erreichen. Ich kann mich möglicherweise alleine auf so einen Event vorbereiten, und ja, ich muss dafür trainieren, also die körperlichen und mentalen Voraussetzungen schaffen, werde aber kläglich scheitern ohne ein Betreuerteam. Du benötigst Menschen, die spätestens mit dem Startschuss des Rennens Verantwortung für dich übernehmen, dich versorgen: Nahrungsmittel, Getränke, Bekleidung, aber auch mit den richtigen Worten zur richtigen Zeit dein mentales Wohlbefinden stärken und dich durch den Dschungel der Straßen den vorgezeichneten Weg entlangnavigieren. Wie im Leben, wo es die einen oder anderen Menschen gibt. Welche Menschen stärken dich, welche schwächen?
Trotz aller Begeisterung und der notwendigen klassischen Erfolgskriterien, um zu finishen, nämlich physisch wie psychisch seine „Hausaufgaben“ gemacht zu haben, sich also so gut wie möglich auf die Tage X des Extremradevents vorbereitet zu haben, ist es, was es ist: ein Abenteuer! Nicht mehr und nicht weniger! Ein Abenteuer, welches allen Beteiligten hohe Erlebnisqualität verspricht und sie an Grenzen bringt, weil aufgrund der Rahmenbedingungen, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, geradelt wird – der Spielplatz ist die Welt. Eine Uhr, die Tag und Nacht bis zum erhofften Ziel nie abgeschaltet wird – wie die Lebensuhr, die einmal gestartet wird und irgendwann wird sie am Ende unserer Reise gestoppt. Es ist zu hoffen, dass es uns vergönnt sei, zurückzublicken, um uns an die Highlights zu erinnern und nachzudenken, was von uns bleiben darf. Schlafentzug und klarerweise körperliche und geistige Höhen und Tiefen müssen für ein erfolgreiches Finish durchstanden werden, um im Ziel zurückblicken zu können, voller Dankbarkeit und emotionaler Irritationen, und zu wissen: Es ist, es war ein wunderbares Abenteuer, welches man nicht kaufen, nicht besitzen, sondern nur erleben kann! Wie das LEBEN.

T. Jaklitsch beim Race Around Austria 2013 www.sportcoaching.net
Schlussfolgerung
In diesem Buch geht es nicht um Langstreckenradsport, sondern um Menschen. Menschen, die sich nicht um die Basis ihres Status quo kümmern, sondern sich lieber mit der Frage beschäftigen: Was kann ich und was möchte ich gerne in meinem Leben erreichen? Das Beispiel Langstreckenradsport dient als Analogie für das Leben, als Metapher, um selbst gesteckte Grenzen zu überwinden und die Momente des Glücks und der Verbundenheit mit einem höheren Selbst sowie auch die Situationen von Zweifel und Schmerz zu bestehen. Langstreckenradrennen dauern lang, gefühlt ewig. Um zu bestehen, braucht man Ausdauer, Disziplin, Motivation bis in die kleinste Zelle, liebevollen Umgang mit sich selbst und vieles mehr, aber sicherlich Menschen, die einen positiv fördern und fordern. Der Umgang mit dem Scheitern, mit Niederlagen, gehört genauso zum Portfolio wie das Feiern des glücklichen Augenblicks – so kurz, so lang es vergönnt und möglich ist.
Hast du deine eigene Metapher für dein Leben? Ja? Welche Aktivität ist für dich sinnbildlich, wie z. B. ein Ausschnitt aus deinem Leben? Ist es eher wie im von Udo Jürgens intonierten „Tom and Jerry-Titelsong „Vielen Dank für die Blumen: Manchmal spielt das Leben mit dir Katz und Maus … Oder ist es eher nach dem Motto: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Welche metaphorische Beschreibung passt am besten in deine Welt, um das Leben, wie du es lebst, zu beschreiben? Wie ist es? Wie könntest du es beschreiben?! Und wie hättest du es gerne? Was kannst du hier aufschreiben?
__________________________________
__________________________________
__________________________________
__________________________________
__________________________________

Thomas Jaklitsch, RAW 2015: Innehalten, während die Welt sich dreht. Foto: www.lucaspflanzl.at
Feuer und Asche
Coach dich selbst zu deinem besseren Ich. Doch – wer bin ICH? Spätestens seit Gregory Bateson gilt der Begriff „Ich“ als die ultimative Nominalisation, die Abstraktion per excellence. Und was heißt besser? Und überhaupt, wenn ja, wie viele? Diese Frage ist nicht neu und auch nicht von mir. Fans des Philosophie-Dandys der Jetztzeit – Richard David Precht – ist diese Frage möglicherweise von seinem Buchtitel aus dem Jahr 2007 geläufig. Und verzeih mir, wenn ich anmerken darf: Diese Frage stellte bereits der deutsche Psychotherapeut Gunther Schmidt im Jahr 2003 mit seinem gleichnamigen Buchtitel. Alles nur geklaut, sang die deutsche Popband „Die Prinzen“ – oder ein menschlicher Dauerbrenner. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Was war, was ist die Antwort nur? Als Vater dreier Kinder begegnet mir dieses Thema im Alltag immer wieder. Sind Kinder doch grundsätzlich gut und engelsgleich, brechen doch auch in Sekundenschnelle imaginäre kleine Teufelshörner auf der Stirn hervor. Gut und böse zugleich? Können Kinder überhaupt böse sein? Fast wie im legendären Italo-Western der Siebzigerjahre „The Good, the Bad and the Ugly“. Also gleich drei Identitäten: Clint, die Schießwut, alias Eastwood, Eli Wallach und Lee Van Cleef im dritten Teil der berühmten Dollar-Trilogie von Sergio Leone. Drei Identitäten: der Gute, der Böse und der Brutale – zufälligerweise ging dann in
der deutschen Übersetzung eine Identität verloren, denn der deutsche Filmtitel wurde zu: „Zwei glorreiche Halunken“. Anscheinend blieben nur zwei Identitäten übrig, so schnell kann also nur mit einer Übersetzung eine Identität verloren gehen – dafür die bestehenden glorreich werden. In meiner Welt treffe ich oft auf Menschen, die diesbezüglich in der klassischen Dilemmasituation sind: Entweder sie haben etwas, was sie nicht mehr haben wollen, oder sie wollen etwas, was sie eben noch nicht haben. Viele meiner Kunden, und viele mir bekannte Menschen, halten im Alltag oft an Identitäten fest, deren Zeit längst abgelaufen ist. Wie oft ertappe auch ich mich dabei, wie ein trotziges Kind zu reagieren, anstatt als selbstbestimmter Erwachsener. Anführen möchte ich eine traditionelle Indianergeschichte, die sich in diversen sozialen Netzwerken verbreitete und dies wunderbar ergänzt:
Am Abend erzählt ein Indianerhäuptling seinem Sohn im Lichte des Lagerfeuers folgende Geschichte: „In jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse, der andere ist gut. Der böse Wolf kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Der gute Wolf kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“ „Welcher der beiden Wölfe wird gewinnen?“, fragt der Sohn. „Der, den du fütterst, den du nährst, wird siegen“, antwortet der Häuptling.

RAAM 2013: C. Strasser im Dauerregen Foto: www.lupispuma.com
Jeder von uns hat manchmal gute und manchmal schlechte Tage, verspürt negative und positive Emotionen. Und manches Mal scheinen diese unberechenbar und zufällig wie das Wetter zu sein. Spitzensportler, Manager oder Menschen wie dir und mir ergeht es dabei völlig gleich. Doch in den vielen Jahren der Arbeit mit unterschiedlichsten Menschen zu verschiedensten Themen und Problemlagen durfte ich lernen, dass wir Einfluss nehmen können. Wir können uns für die Fülle oder für die Leere verantwortlich zeigen. So titelte das führende Radsportmagazin „Tour“ nach Christoph Strassers RAAM-Rekord 2013: „Der Kopf ist total leer!“ (C. Strasser, Tour, 2013/8, S. 9)Wir füttern und nähren unsere Emotionen und unseren Gefühlszustand durch uns selbst, durch unser Denken, durch unsere Selbstgespräche, durch unsere Umgebung, durch unsere Aktivitäten. Worauf wir uns konzentrieren, das kann wachsen, im negativen wie im positiven Sinne. Was wir nicht mit Aufmerksamkeit versehen, wird verkümmern. Dachte Christoph Strasser 2013 noch „mehr als ein Rennen wie das RAAM wäre also im Jahr gar nicht möglich“ (ebd.), konnte er 2014 das RAAM erneut gewinnen und zwei Monate später ebenfalls das Race Around Austria mit neuem Streckenrekord absolvieren. Denke an eine Wiese mit hohem Gras – kein Weg durchs Gras ist noch erkennbar. Wenn du – in Gedanken – durch diese Wiese schreitest, hinterlässt du Fußabdrücke, manche Grashalme werden sich recht bald wieder aufrichten, als ob du nie hier gewesen wärst. Manche Fußabdrücke werden für eine bestimmte Zeit, aufgrund deines Gewichtes, aufgrund deiner Präsenz, deine Spur nachzeichnen. Gehst du nur einmal, verblasst deine Spur recht bald und es ist, als wärst du nie hier gegangen. Welches andere Ergebnis könntest du erreichen, wenn du diesen Weg – immer in dieselben Fußstapfen steigend – mehrfach gehst? Ein Weg wird erkennbar werden: dein Weg! Ob er positiv wird oder eben nicht, kann dein Fokus, deine mentale Ausrichtung mitentscheiden. Dein gedankliches Ziel, dein mentaler Wunsch hinterlässt deine individuellen neuronalen Spuren!
Möglicherweise kannst du beginnen zu genießen, was an angenehmen und positiven Dingen Tag für Tag zu erleben ist. Füttere deinen Wolf und werde du selbst dein bester Coach!
Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,
und ich ging den,
der weniger betreten war;
und das veränderte mein Leben.
(Robert Frost)

Geht der Tag oder kommt die Nacht? Foto: lucaspflanzl.at
Vielleicht hast du „Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ gelesen – oder auch nicht. Um entweder Erinnerungen wieder wachzurütteln oder einfach in wenigen Worten Erkenntnisse aus dem Leistungssport zutage zu fördern, dürfen sechs Lektionen – um das Leben wieder zu lieben – folgen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei nicht dem prolongierten Drang zu einer ständigen Selbstoptimierung, sondern mehr der inneren Balance und dem Erlernen einer Fehlerkultur, die in unseren Breiten leider nicht sehr ausgeprägt ist. Viele Menschen tun lieber gar nichts, bevor sie Fehler machen. Doch was letztendlich ein Fehler ist, wird für viele oft von außen definiert. Diejenigen, die gelernt haben, selbst zu entscheiden, wie sie mit Fehlern umgehen, fanden für sich häufig eine andere Begrifflichkeit: keine Fehler mehr, sondern Ergebnisse. Ergebnisse, die zufriedenstellend sind, oder eben nicht – und damit die Basis für die Weiterentwicklung, um aus Ergebnissen lernen zu können, zu schaffen. Oder im Sinne einer pragmatischen Fehlerkultur, um den filmischen Albert-Einstein-Verschnitt aus „Zurück in die Zukunft“, Doc Brown, zu zitieren:
„Deine Zukunft ist immer das,
was du draus machst!”
(Doc Brown, „Zurück in die Zukunft”, Teil 3)
Schlussfolgerung
Mach es wie RAAM-Rekordmann Christoph Strasser!
So nach dem Motto „die wahren Abenteuer sind im Kopf”: passend einerseits zu sportlichen Trainings- und Wettkampfvorbereitungen, den Herausforderungen des Lebens selbst und dem Beginn, sich selbst zu coachen: sechs Quickies zum mentalen Herantasten an die persönlichen Möglichkeiten:
1 Konzentrationsfähigkeit/Fokussierung:
Wenn du trainierst, im Wettkampf oder – noch wichtiger – in herausfordernden Situationen: Sei im Hier und Jetzt! Der Pedaltritt jetzt, der Atemzug jetzt, einfach das Erleben hier und jetzt darf wichtig und im Vordergrund sein. Christoph kann so seine zeitlich sehr langen Vorhaben in kleine Mini-Arbeitseinheiten aufteilen. Um so Minute für Minute, Stunde für Stunde immer das Beste geben zu können und nicht aufgrund der noch kommenden etwaigen Strapazen schon klein beizugeben. Sei fokussiert auf den gerade stattfindenden Bewegungsablauf, dein jetziges Tun, und: Lass es fließen!
2 Stressresistenz/Psychisches Durchsetzungsvermögen
Wenn du es schaffen kannst, im Hier und Jetzt zu sein und zu bleiben, sind dir deine Konkurrenten egal. Auch die nörgelnden Zurufe von außen – zwar im Sport nicht so häufig wie in der Arbeitswelt – können im Wettkampf und vor allem zuvor zusätzlich Stressoren erzeugen. Einerseits hilft Christoph die Vorfreude auf seine Zielerreichung und andererseits seine Fähigkeit, Stress in Motivation zu verwandeln. Er lernte lieber, ein paar tiefe und ruhige Atemzüge zu nehmen und eine Körperposition einzunehmen, die für ihn Stärke und Ruhe zugleich bedeuten kann. Wie? Vielleicht kannst du dir vorstellen, du selbst wärst Christoph Strasser oder ein anderes deiner Idole. Was denkst du, welche Körperposition nimmt er/sie vor einem Wettkampf ein? Möglicherweise aufrecht, Brustbein aufgerichtet. Wie tief und ruhig kann sein Atem sein? Welche Gedanken kann er sich dann erlauben? Möglicherweise heute bzw. jetzt sich selbst überraschen und einfach das Beste an Möglichkeiten umsetzen! Wie leicht kannst du dir das auch erlauben?
3 Realistisches Selbstvertrauen
Ein Gedankenexperiment hat Christoph mittlerweile schon automatisiert: Sich immer wieder das Wissen zu bestätigen, dass Menschen alle Ressourcen in sich tragen, die sie brauchen, um die von ihnen gewünschte Veränderung herbeizuführen. Das heißt, wenn ein Mensch etwas tun kann, kann es irgendwann ein jeder/eine jede lernen. Die meisten von uns sind von Geburt an perfekt und in jeder Hinsicht bestens ausgestattet. Doch bei vielen Menschen wird bewusst oder unbewusst irgendwann scheinbar ein Riegel vorgeschoben – die Frage, die ich dabei gerne stelle, ist: Wie können diese Ressourcen/Fähigkeiten wieder aktiviert werden? Welche inneren Glaubenssätze passen oder passen nicht zum gelebten Leben einer Identität? Welche Glaubenssätze könnten die richtigen sein, um das Durchhaltevermögen und die Ausdauer von Christoph Strasser zu unterstützen? Welche könnten vielleicht dich unterstützen?
Ein Schlüssel dazu darf der nächste Hinweis sein:
4 Fähigkeit zur Selbstmotivierung – innerer Monolog
Wie spreche ich mit mir? Immer wieder stelle ich fest, dass sich Menschen anderen gegenüber meist freundlicher verhalten als sich selbst gegenüber. Lerne gut und mit angenehmer Stimme mit dir selbst zu sprechen – vielleicht auch mit der gedanklichen Stimme eines Sportreporters oder deines besten Freundes oder der besten Freundin – schlichtweg eines Menschen, den du respektierst und dem du vertraust. Auch Christoph hat dies bei einigen DNF (Did Not Finish) schmerzvoll lernen müssen, er konnte nicht mehr ausreichend gut mit sich selbst umgehen. Du kannst lernen, gut mit dir selbst umzugehen! Dadurch wird dein Körper beginnen können, mit deinem Geist in Balance zu gehen. Sei selbst dein bester Freund! Halte jeden Morgen kurz inne, betrachte dich selbst im Spiegel. Lächle dich an und frage dich: „He, was wollen wir zwei Hübschen heute alles so entdecken? Was wird dieser Tag Gutes bringen können?“
5 Willensstärke/Motivation
Willensstärke und Motivation sind das Ergebnis einer konsequenten und mit allen Sinnen durchgeführten Zielarbeit. Oder wie Christoph es gerne sagt: „Meine Motivation? Das Gefühl (Anm. Die Vorstellung meiner Wahrnehmungen) beim Überfahren der Ziellinie.“ (C. Strasser, Revue, 2009, S. 16)
6 Ziel und Feuer
In den letzten Jahren habe ich in unterschiedlichen Kontexten und an unterschiedlichen Orten eine Frage immer wieder gehört: Was sind die mentalen Geheimnisse, die zu dem Erfolg von Christoph Strasser beigetragen haben? Meine Antwort ist seit Jahren die gleiche:
Entdecke dein Ziel und lebe danach.
Erhöhe deine Wahrnehmungsfähigkeit und Sinnesschärfe, um zu erkennen, ob du noch auf dem richtigen Weg zu deinem Ziel bist.
Werde wieder flexibel und nutze deine Flexibilität, um dein Handeln so lange zu verändern, bis du das erreichst, was du willst.
Was auch immer du tust:
Es gilt, das Feuer zu bewahren
und nicht die Asche zu verwalten!

RAAM-Sieger C. Strasser (3-fach) und Daniel Wyss (2-fach) bewahren ihre Feuer nach dem RAAM 2013 Foto: www.lupispuma.com
Zurück ins Hier und Jetzt
Beginnen werde ich diesmal mit dem Ende. Mit unserem Ende. Mit dem Ende unserer Zeit. Das Gute oder das Schlimme an ihr ist – sie vergeht. In der Kindheit kann die Zeit oft nicht schnell genug vergehen. Beim Warten aufs Christkind, den Osterhasen oder auf ähnliche Ereignisse. Manchmal reicht auch das Wiederheimkommen des Vaters, wie es bei meinen Kindern doch tatsächlich der Fall ist. Obwohl meine drei Kinder mein Arbeiten am Wochenende gewohnt sein sollten, erlebte ich im Winter 2013 etwas Ungewöhnliches mit ihnen. Vor allem mit meinem Jüngsten. Für das Buch „Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ ging ich drei Mal nicht nur in eine imaginäre Klausur, sondern fuhr tatsächlich räumlich woanders hin, um meine Gedanken besser sammeln zu können. Doch obwohl ich im Durchschnitt 30 Wochenenden pro Jahr bei Seminaren, auf der Vortragsbühne oder bei Wettkämpfen bin, reagierte mein Sohn David, als ich zum vierten Mal zum Schreiben wegfahren wollte, anders als sonst. Beim abendlichen Ins-Bett-Bringen und meiner schon standardisierten Frage zum Tagesabschluss (Leser von „Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ können wissen, welche Frage ich jeden Abend stelle), fing er an zu weinen und bat mich: „Bitte bleib bei mir, fahr nicht weg.“ Und ich blieb.
Was er und ich noch nicht wissen konnten: Dass ein Eisregen am nächsten Tag meine Wohnregion bis hin zur 65 km entfernten Grenze nach Slowenien in eine quasi Zuckergusshülle aus Eis eintauchen würde. Als wenn ein göttlicher Zuckerbäcker am Werk gewesen wäre, inspiriert von dem einen oder anderen Walt-Disney-Film. Wunderschön anzusehen, doch unglaublich gefährlich: spiegelglatte Fahrbahnen, vom Gewicht des unüblichen Gefrorenen umgeknickte Bäume, gerissene Stromleitungen und dadurch seltsame Ausreißer nach oben in der Unfallstatistik. Nun gut, klar – es war vielleicht Intuition, er hat es nicht wissen können. Als Resultat ersparte ich mir vermutlich so einiges und damit meine ich nicht nur den Weg zur Autospenglerei. Kinder nehmen vieles im Leben anders wahr. Nicht nur die Zeit. Und sie vertrauen ihrem Gefühl, ihrer Intuition.
Doch mit dem Ende der Jugend, mit Beginn des Erwachsenseins ändert sich für viele Menschen das Verhältnis zur Zeit. Woher kommt sie und wohin geht sie? Die Zeit als ein flüchtiges Wesen. Es scheint fast so wie in Michael Endes Roman „Momo“ aus dem Jahr 1973. Die grauen Herren, die Zeiträuber gehen um! Termin folgt auf Termin und alles, was noch für einen persönlich wichtig wäre, fällt der fehlenden Zeit zum Opfer. Im Roman stehlen die grauen Herren den Menschen die Lebenszeit. Sie arbeiten bei der Zeitsparkasse, alles an ihnen ist grau und sie rauchen. Sie rauchen Zigarren aus getrockneten Stundenblumen, die sie den Menschen aus den Herzen stehlen. So haben die Menschen keine Zeit mehr, um sich Geschichten zu erzählen und zu spielen. Obwohl seit der Veröffentlichung bereits 42 Jahre vergangen sind, wirkt das Thema für manche Menschen in meinen Seminaren und Coachings aktueller denn je. Meine zwei Lieblingsanfordernisse, die ich oft höre: ständige Erreichbarkeit und Multitasking. Anscheinend haben die meisten Handys keinen On/Off-Schalter und ein jeder ist Wertpapierhändler und arbeitet an mehreren Bildschirmen mit zig geöffneten Fenstern gleichzeitig. Den Hinweis, dass für viele die grauen Herren im Jahr 2015 zum Beispiel blau eingerahmte Bilder und Texte auf dem Tablet, Laptop oder Handydisplay sind, könnte ich mir ersparen. Doch Facebook und Co haben auch ausreichend nutzbare und sinnvolle Anteile! Mehr davon später.
Im Roman „Momo“ jedenfalls vertraut die gleichnamige Hauptfigur ihrer Wahrnehmung sowie Intuition und macht es sich zum Ziel, den Menschen ihre Lebenszeit wieder zurückzugeben. Unterstützt vom Zeitverwalter Meister Secundius Minutius Hora, der sie in die Geheimnisse der Zeit und des Lebens einweiht, kann sie die Zeit anhalten und so den grauen Männern den Diebstahl der Stundenblumen und der Zeit verwehren. Ein Zeitdieb nach dem anderen löst sich nicht nur sprichwörtlich in Luft auf. Der positive Effekt für die Menschen: Wieder Zeit füreinander zu haben, miteinander plaudern und spielen zu können.

Teamessen vor dem Race Around Ireland 2013 Foto: www.lupispuma.com
Macht man das nicht auch auf Facebook? Plaudern und spielen? Möglich. Besser zur richtigen Zeit und am richtigen Ort wie z. B. Alexander Karelly, selbst aktiver Radsportler – seinerseits stolzer Rekordhalter für die langsamste Glocknerman-Zielzeit (1.100 km mit 16.000 Höhenmetern in 66 Stunden und ich sehe seinen Mentaltrainer jeden Tag im Spiegel) – und hauptberuflich Fotograf sowie auch Betreuer von Christoph Strasser. Wenige Tage bevor seine Tochter auf die Welt kam, hat er Folgendes auf Facebook gepostet: „Ich habe mir ein Stück Leben zurückgeholt: Habe Facebook von meinem Handy gelöscht!“ Da soll noch einer sagen, wir Menschen seien nicht lernfähig! Unsere jetzigen Technologien haben immense Auswirkungen auf unser Kommunikationsverhalten und unseren Umgang mit Zeit. Mehr von allem und das gleichzeitig ist die kaum einlösbare Forderung. Die latent unausgesprochene Aufforderung, den Status zu aktualisieren, und der Anspruch eines ehemaligen großen Handyerzeugers: connecting people, führt manche in die Zeitknappheit. So manchem zerrinnt die Lebenszeit auf dem Touchscreen, oder wie es auch ebenda zu lesen ist: Leben ist dort, wo der unscharfe Rand bei deinem Handy ist.
Doch eines ist klar, Zeiträuber gab es schon vor Facebook und Smartphones. Und obwohl es uns in Mitteleuropa im Sinne unserer wirtschaftlichen Stärke oder auch technologischen Ausstattung noch nie so gut ging wie heute, sehnen sich laut einer Umfrage, die bei 800 repräsentativ ausgewählten Menschen aus Österreich durchgeführt wurde, viele nach der „guten alten Zeit“. Laut der vom Linzer Market-Institut durchgeführten Studie konnten sich die Teilnehmer ein Wunschjahr, in dem sie gerne leben würden, aussuchen. Alles zwischen 1800 und 2100 war möglich: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Das Ergebnis förderte einen Hang zur Sehnsucht nach früheren Zeiten zutage: Im statistischen Mittel war die erste Jahreshälfte 1996 der Wunschzeitraum (Conrad Seidl, Schwerpunkt, Standard, 6. Dez. 2014, S. 3). Und das, obwohl 1996 von Smartphones keine Spur, der Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg gerade zwölf Jahre alt war und damit der noch nicht erfundene Facebook-Account nicht jeden Tag die hochethische Frage stellten konnte: Was machst du gerade?
Sollte uns dies zum Nachdenken anregen? Davon abgesehen suchten doch Marty McFly und Doc Brown gerade jetzt, in der Gegenwart, im Jahr 2015, den Schlüssel für die Veränderung der Geschichte. Kamen sie doch mit dem umgebauten DeLorean aus dem Jahr 1985 zurück in die Zukunft. Also ich für meinen Teil setz mich da lieber in den Kultwagen mit dem Fluxkompensator, hinterlasse brennende Reifenspuren und höre Doc Browns Stimme, die sagt: „Nächsten Samstag senden wir dich zurück in die Zukunft!“
Einen Vorteil hat die Vergangenheit: Das Monster der eigenen Vergänglichkeit rückt in die Ferne. In der Gegenwart wird die Aussicht auf die Endlichkeit immer größer. Sozusagen ein Logenplatz mit bester Aussicht, auf den man gerne verzichten würde. Auch wenn es noch ewig weg zu sein scheint, das Ende rückt immer näher.

Zurück in die Zukunft, De Lorean T. Jaklitsch Foto: sportcoaching.net
Als ich 2013 mit Christoph Strasser beim Race Around Ireland (2.070 Kilometer lang, mit 22.000 Höhenmetern) war, lernte ich den spätberufenen italienischen Langstreckenradfahrer Valerio Zamboni kennen. Das Frühjahr und den Sommer verbringt Valerio in Monaco, Herbst und Winter in Florida. Als ehemaliger Pilot war der Himmel sein Metier. Auch heute noch verkauft er den Menschen den Himmel auf Erden: Flugzeuge und Helikopter. Von Jugend an immer schon sportlich aktiv und mitten im Leben stehend, stürzte er beim Bergsteigen ab. Brach sich leider nicht nur die Hüften und wartete fast 20 Jahre, bis eine künstliche Hüfte ihm endlich wieder Sport und Aktivitäten ermöglichte. Zu Rehabilitationszwecken und um seine 20 Kilo Übergewicht loszuwerden, entschied er sich, weil weniger langweilig als schwimmen, fürs Radfahren. Und er fand darin sehr spät seine Passion: Langstreckenradfahren. Bei seinem ersten Antreten beim Race Across America stellte er ein Team aus Betreuern des Profiradsports zusammen und scheiterte kläglich. Bei Halbzeit der Distanz, also nach knapp 2.500 km, war für ihn am Mississippi das Rennen vorüber. Er lernte daraus, behielt seinen Humor, seine Willensstärke und änderte sein Training und seine Taktik. In den nachfolgenden Jahren finishte er nicht nur das RAAM, sondern gewann 2011 als 57-Jähriger das Race Around Ireland!

V. Zamboni, vor dem Start RAAM 2012 Foto: www.lupispuma.com
„Wenn du jung bist, lautet die Antwort: Ich möchte erfolgreich sein,
ich möchte viel Geld verdienen, ich möchte gut in meinem Sport sein.
Und dann siehst du vielleicht Menschen und Freunde sterben,
du beginnst zu verstehen, dass das Leben …
Es gibt keine Versicherung, alles kann passieren,
zu jeder Zeit, ohne Vorwarnung. Also …”
(Valerio Zamboni, it’s all about, an ultracycling movie, bei 54:56)
So kannst du vielleicht besser verstehen, wieso ich damals bei meinem Sohn blieb. Den Zeitdieben, den Verpflichtungen und geplanten Vorhaben zum Trotz, weil dieser Moment, die Zeit des Jetzt, unwiederbringlich ist. Und seine Intuition goldrichtig war. Welche Gedanken hätte ich da wohl auf Facebook posten können? Welche Antwort auf die Frage „Was machst du gerade?“ hätte da mein Profil aktualisiert?
Wie alt oder jung du auch immer bist, eines kannst du wissen: Die Gegenwart ist womöglich letztlich die Ewigkeit, nach der wir uns sehnen. Das Hier und Jetzt, die Zeitlosigkeit des Augenblicks. Ungeachtet der steigenden Lebenserwartung und frohlockenden Zahlen des österreichischen Innenministeriums (BMI). Wenige Tage bevor ich diesen Augenblick für mich genießen konnte und für mich handelte, nämlich zu Hause bei meiner Familie zu bleiben, traf ich im Rahmen einer Veranstaltung auf den Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit: Mag. Mag. (FH) Konrad Kogler. Ein eloquenter, charismatischer Mensch, der sich in seiner Position verantwortlich für das Sicherheitsempfinden der Menschen in Österreich fühlen darf. Immerhin zieht sich sein Bogen der Verantwortlichkeit vom Katastrophenschutz bis zur Flugpolizei, vom Sondereinsatzkommando Cobra bis hin zum „einfachen“ Exekutivbeamten auf der Straße. Umso begeisterter zeigte er die Verkehrstotenstatistik des BMI zum Jahresende 2013: Voller Freude und Stolz präsentierte er die Zahl von 455 verunglückten Menschen auf Österreichs Straßen! Mir gefror das Lächeln, weil wir doch wissen: jeder einzelne Tote ist zu viel und hinterlässt Spuren in seinem Umfeld. Noch unverständlicher wird diese Zahl, wenn man weiß, dass die Hauptunfallursachen dieser tödlichen Verkehrsunfälle rein menschliche Fehlleistungen waren. Angeführt wird die Auflistung der Top-fünf-Todesursachen von zu hohen Fahrgeschwindigkeiten, Vorrangverletzungen, Unachtsamkeiten bzw. Ablenkungen, Überholmanövern, Fehlverhalten von Fußgängern. Da hinterlässt auch die Jubelstatistik des BMI für das abgelaufene Jahr 2014 einen fahlen Nachgeschmack: „Niedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950“ (http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Verkehr/statistik/Jahr_2014.aspx). Zum zweiten Mal blieb die Zahl der tödlich verunglückten unter 500, exakt waren es 430 Menschen und daher nochmals um 25 Personen weniger. Ein großartiger Trend, vor allem im Vergleich zu früher. „430 Verkehrstote sind etwa ein Siebentel der Todesopfer im Vergleich zu 1972, dem bisher schwärzesten Jahr in der Unfallstatistik (2.948 Tote). Obwohl der Fahrzeugbestand sich seit 1972 von 2,5 Millionen auf 6,5 Millionen mehr als verdoppelt hat. Noch vor 15 Jahren gab es in Österreich mehr als 1.000 Tote (1.079) im Straßenverkehr. Der Rückgang seit damals beträgt 60 Prozent.“ (ebd.)
In Korrelation mit der vorher zitierten Studie mit der Fragestellung „Wann möchten Sie leben?“ wäre meine Antwort schlichtweg: JETZT!
Schlussfolgerung
Ende 2014 fand ich mich inmitten eines Konzertes eines in die Jahre gekommenen österreichischen Austropop-Musikers wieder. Während dieses Abends erkannte ich erst die vielen Hits und die Virtuosität seines Gitarrespiels. Das Publikum trieb wie mit einem „Segel im Wind” und verfiel spätestens bei „Der Kaffee ist fertig” nahezu in Agonie. Doch Peter Cornelius konnte als Sprachrohr mit seinem letzten Song das scheintote Publikum nicht nur aufwecken, sondern die Menschen wieder mit lange nicht vorhandener Lebensenergie füllen. Der ganze Saal sang nicht nur, sondern schrie sich die Vision der Textzeilen des Refrains von der Seele:
I bin reif, reif, reif, reif für die Insel.
I bin reif, reif, reif überreif.
Und i frag mi, warum i no’ da bin,
für’s Aussteig’n bin i scheinbar zu feig.
Viele Menschen der Jetztzeit erkennen scheinbar nicht, welchen Luxus wir großteils genießen, kurz gesagt, wie reich wir doch an Annehmlichkeiten sind, wie gut es uns geht. Sie brauchen dann ein Sprachrohr. Sie sind gefangen von Routinen, von Tagesabläufen, von Fremdbestimmung. Und es geht dabei nicht ums Aussteigen, darum, alles wegzuwerfen, ein Reset zu machen, sondern schlichtweg darum, wie Albert Camus die Strategie eines funktionierenden Lebensentwurfes formulierte: „Lebe tief und heftig”!
Übrigens: der Song ist aus dem Jahre 1981, entstanden ein paar Jahre vor Robert Zemeckis’ Kult-Trilogie „Zurück in die Zukunft” – und inhaltlich eine klassische menschliche Tragödie. Überforderung und andererseits Unterforderung, Ziel- und Sinnlosigkeit sowie Fremdbestimmung sind die Zutaten gefühlten Unglücks. Das Jetzt wieder nutzen, wieder genießen, sogar lieben zu können, beginnt damit, nein zu den langweiligen Routinen und ja zu deinen Möglichkeiten zu sagen. Dafür muss man nicht aussteigen, sondern sich seine eigene mentale Insel schaffen, um das JETZT wieder im Griff zu haben. Genügend
Ideen dafür darf es im Verlauf des Buches geben!
Check-up
Die Voraussetzung für eine mentale Insel ist der Beginn. Beginne mit deinem Check-up und stelle dir folgende Fragen, die deinen Fokus, deine Gedanken lenken dürfen:
Wofür bin ich dankbar oder könnte ich dankbar sein?
Worauf bin ich besonders stolz oder könnte ich stolz sein?
Wen liebe ich und von wem werde ich geliebt?
Worüber kann ich im Moment glücklich sein?
Was begeistert mich und wofür könnte ich und kann ich mich begeistern?
Mit welchen Menschen verbringe ich gerne meine Zeit?
An welchen Orten fühle ich mich besonders wohl?
Was mache ich gerne?
Wann war ich einmal besonders mutig und wie lange ist das schon her?
Also riskiere ein paar Minuten, erschaffe dir deine Insel und beginne, deine Gedanken fließen zu lassen! So wie Oscar-Gewinner Kevin Kostner es auf den Punkt gebracht hat:
„Der Gedanke, etwas nicht zu riskieren,
ängstigt mich zu Tode.”
(Kevin Costner)

Lebe tief und heftig! RAW 2015 Foto: www.lucaspflanzl.at
Henne oder Ei
Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Dass ein gesunder Geist leichter gesund bleibt und sich vielleicht in einem gesunden Körper wohler fühlt, ist nicht wirklich etwas Neues. Das wussten schon die Römer vor fast zweitausend Jahren. Mens sana in corpore sano. Auf unterschiedlichen Veranstaltungen, im Rahmen von Vorträgen oder auch im Einzelcoaching wird mir oft diese Frage gestellt: Warum hält sich diese Idee seit 2000 Jahren so standhaft? Auch habe ich schon Menschen erlebt, die richtig unleidlich wurden, so nach dem Motto: Gibt’s nichts Neues? Ewig wird das Gleiche gepredigt: Wir sollen uns mehr bewegen. Und überhaupt, Herr Jaklitsch, was haben Mentaltraining und mentale Fitness mit körperlicher Fitness zu tun?
Als ich im Frühjahr 2014 auf Manfred Spitzer, einen der führenden Psychiater und Gehirnforscher, bei einem Vortrag für Lehrer traf, fragte eine der Teilnehmerinnen, was denn nun das Beste Gehirnjogging sei? Manfred Spitzer überlegte nicht lange und antwortete darauf:

Vorbereitung von T. Jaklitsch auf das RAW 2015 Foto: www.lucaspflanzl.at
„Das beste Gehirnjogging
ist Jogging!”
Über die Funktion und die weitreichenden lebensverlängernden Effekte von Bewegung habe ich bereits im Vorgängerbuch hingewiesen. Mittlerweile gibt es ausreichend Studienergebnisse, welche positiven Effekte Bewegung und auch individuell angemessener Sport auf das persönliche Wohlbefinden haben und es steigern können. Und klarerweise nicht nur das, sondern sie können auch das Leben verlängern und die Möglichkeiten des Lebens in vielen Bereichen erweitern.
Unser Körper ist ein dynamisches System, welches sich ständig verändert und sich immer wieder erneuern kann. Spannend ist jedoch auch die Erkenntnis, dass der Takt und die Geschwindigkeit der Erneuerung von Zellen, also ein Effekt der Gesundung, nicht konstant ist. Was bestimmt nun den Rhythmus und die „Motivation“ der Zellen, sich zu erneuern und sich zu entwickeln? Verschiedenste Forschungen legen nahe, dass die Variation der Erneuerung abhängig von deinen Aktivitäten und deinen Emotionen ist.
„Ein Schlüsselsignal, das Ihren Zellen sagt, ob sie absterben oder wachsen sollen,
ist beispielsweise die Bewegung. Eine eher sitzende Lebensweise fördert das Absterben der Zellen. Ein aktiver Lebensstil hingegen fördert die Zellerneuerung.
Das trifft sowohl auf Ihren Körper als auch auf Ihr Gehirn zu.”
(B. Fredrickson, Die Macht der guten Gefühle, 2011, S. 102)
Aktuellen Studien zufolge ist der neueste Risikosport, der in unserem Kulturkreis am häufigsten ausgeübt wird, das Sitzen! Manche Zeitungen titelten sogar „Sitzen ist das neue Rauchen“ (z. B. Gerald Gartlehner im Standard, 20. März 2015). Unterschiedlichste Studien brachten im Detail verschiedene Ergebnisse hervor. Der durchgängige Trend aus den Untersuchungen zeigte aber, dass wir 50 bis 70 Prozent des Tages sitzend verbringen und dieses Faktum kostet uns einige Jahre Lebenszeit. Die Conclusio einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2012 folgert hingegen, dass wir unsere Lebenserwartung um zwei Jahre steigern könnten, wenn wir nur mehr maximal drei Stunden am Tag sitzen würden! (L. Katzmarzyk, Zusammenhang von inaktivem Verhalten und allgemeinem Sterblichkeitsrisiko in den USA, 2012) Die Frage, die sich stellt, ist, ob Bewegung helfen würde, den negativen Effekt des zu langen Sitzens zu neutralisieren? Die Antwort gibt es später.
Sporttreibende Menschen kennen den Effekt: Der Tag war anstrengend, der Akku ist leer, der Kopf hingegen voll! Doch du ringst dich durch, ziehst die Laufschuhe an oder schwingst dich aufs Rad oder welche Bewegung auch immer die passende ist, und nach einiger Zeit der kontinuierlichen Bewegung ist vieles anders. Vielleicht nach 20 Minuten, vielleicht nach 40 Minuten, vielleicht auch erst nach einer guten Stunde gewinnen viele Menschen, obwohl sie Energie für die Bewegung verbrauchen, subjektiv mehr an Energie. Der Lebensenergie-Akku darf sich wieder füllen, der Kopf hingegen leert sich und so manche Lösung für scheinbar unlösbare Herausforderungen wurde inmitten der Natur, während sportlicher Aktivität gefunden.
Es geht dabei nicht immer nur um das sogenannte „Runners High“, dieses Hochgefühl, welches aus einem körpereigenen Drogencocktail wie Endorphinen, die zu den Opioiden zu zählen sind und ähnlich wirken wie Opium, bereitgestellt wird. Auch das entspannte Gefühl und das Wohlbefinden danach werden selbst produziert und von körpereigenen Entspannungsgehilfen, nämlich Endocannabinoiden, verursacht. Sind wir selbst unser bester Drogenproduzent? Letztlich zieht unser Gehirn vermutlich mindestens den gleichen Nutzen wie unser restlicher Körper, wenn wir uns bewegen. Wir können besser denken, erlangen mehr Selbstbewusstsein und werden ausgeglichener. Bewegung sei Dank (vgl. Focus Magazin, Glücksfaktor Sport, Nr. 28, 2012). Es gilt, Aufmerksamkeit für die weitreichenden Konsequenzen des sensiblen Wechselspiels zwischen Stress und dessen persönlichen Folgen sowie unseren Möglichkeiten, Stress auch abzubauen, zu schaffen. Letztlich mit dem Ziel, uns hoffentlich ein Leben lang wohl zu fühlen und so gesund wie nur möglich zu sein, muss einerseits die kontinuierliche Zellregeneration und müssen andererseits die wechselseitigen Abhängigkeiten von Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem im Fokus der Bemühungen sein. Immerhin titelte bereits im Jahr 2007 eine Pressemitteilung der Universität Ulm: „Laufen macht schlau!“ Nachgewiesenerweise haben bei der dreijährigen Studie die Teilnehmer bereits nach sechs Wochen regelmäßigen Lauftrainings in den Bereichen „visuell-räumliches Gedächtnis“ und „Konzentrationsfähigkeit“ bessere Ergebnisse erreicht und allgemein für sich eine „positive Stimmung“ genossen. Die Conclusio von Professor Manfred Spitzer ist hoffnungsvoll: „Wir konnten jetzt zum ersten Mal zeigen, dass ganz bestimmte geistige Leistungen direkt vom Sport profitieren“. Die im EEG messbare hirnelektrische Aktivität wird von der körperlichen Fitness mitbestimmt. Je fitter, umso schneller erfolgt die Reizverarbeitung im Gehirn. Wieso es, obwohl es diese Erkenntnisse nun bereits seit Jahren gibt, noch immer Diskussionen über das Sportpensum von Kindern und Jugendlichen in der Schule gibt, ist fraglich.

Selbstproduzierte Drogen, RAAM 2013 Foto: www.lupispuma.com
Wir sind zwar selbst unser bester Drogenproduzent, doch unser Drogendealer handelt oft eigenmächtig!
Schon in der Antike war man sich der Wechselwirkung zwischen Gefühlen und körperlicher Gesundheit bewusst. Doch erst im Jahre 1974 konnte der amerikanische Psychologe Robert Ader (1932–2011) einen Nachweis erbringen, dass das zentrale Nervensystem mit dem Immunsystem nicht nur in Verbindung steht, sondern zusammenarbeitet und beide voneinander lernen können. Diese Wissenschaftsdisziplin nennt sich Psychoneuroimmunologie und hat ihr Hauptaugenmerk auf die Folgen der wechselseitigen Beeinflussung von Leib und Seele und ihre Wirkung auf die menschliche Gesundheit gelegt. Im Zuge unserer Menschheitsgeschichte entwickelten wir die Notwendigkeit, ein gut ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen Umwelt, Psyche, Hormon- und Immunsystem herzustellen. Dabei dienen verschiedenste Botenstoffe der Kommunikation und dem ständigen Austausch zwischen unserem Gehirn, sprich unseren Gedanken, und unserem Immunsystem. Die Wechselbeziehung ist so intensiv, dass das quasi gestresste Gehirn über Botenstoffe die Immunzellen strapazieren kann. Umgekehrt produziert auch das Immunsystem Botenstoffe, die sich direkt auf unser Denken und Fühlen auswirken können.
Die Abwehrreaktion des Menschen auf Stress oder Überforderung ist evolutionär genial, aber hinterlässt Folgen. Ganz automatisch werden in der ersten Abwehrreaktion vom Auftraggeber Zwischenhirn im Nebennierenmark Adrenalin und Noradrenalin produziert. Diese Aktivierungshormone sorgen dafür, dass die Muskeln und das Gehirn bestens durchblutet und aufgrund der Erhöhung des Blutzuckerspiegels auch voller Energie sind. Immerhin muss der Körper in Verteidigungsbereitschaft sein und geschützt werden können. Sobald die ersten Belastungsspitzen überstanden sind, wird der Körper mit dem Hormon Cortisol wieder beruhigt. Dieses Beruhigungshormon dämpft und reduziert möglicherweise entstandene Entzündungen.
Bei Stress als Dauerzustand produziert der Körper zu viel Cortisol, dämpft damit die Immunabwehr und bringt diese aus der Balance, vor allem das besonders sensible Gleichgewicht zwischen zellulärer und humoraler Immunabwehr. Bekämpft werden Bakterien, die zum Beispiel durch eine Wunde in den Organismus eindringen können, von der humoralen Abwehr. Viren und mutierte Zellen – Krebszellen – werden von der zellulären Immunabwehr bearbeitet. Das Zuviel an Stress, das wie beschrieben zu zu viel Cortisol führt, verschiebt dieses Gleichgewicht und führt zur Schwächung der zellulären Abwehr und damit gleichzeitig zu einer Verstärkung der humoralen Immunabwehr. Die Folge ist vielen bekannt: Wenn der Stress nachlässt, wird man krank. Viele Menschen beklagen sich, die Weihnachtsferien anstatt mit der Familie krank im Bett zu verbringen. Der Weihnachtsstress sorgt mit den oben beschriebenen Prozessen für ein Ungleichgewicht der Immunabwehr, verschlechtert die Immunfaktoren und steigert somit, gerade in Zeiten, wo eigentlich aufgrund der Witterung ein starkes Immunsystem benötigt würde, die Gefahr einer Infektion. Bei Sportlern wird dieser Effekt, der nach sehr harten und intensiven Trainingseinheiten auftreten kann, als „Open-Window-Phänomen“ bezeichnet. Überlastendes Training bzw. zu stark fordernde sportliche Aktivität – also evolutionär gesehen vom System als Stress erkannt – schwächt das Immunsystem und somit können etwaige bakterielle Krankheitserreger nicht mehr ausreichend beseitigt werden. Gerade in der Übergangszeit und in den kalten Wintermonaten sind Leistungssportler besonders gefährdet. Einerseits ist die Ansteckungsgefahr allgemein erhöht, andererseits ist das Atmen von sehr kalter Luft im Freien eine enorme Zusatzbelastung für die Schleimhäute. Durch die Schwächung der zellulären Abwehr werden wir anfälliger für Virusinfektionen wie Grippe oder Herpes. Zufall oder nicht, gerade in der Woche vor dem Start des Race Across America 2015 plauderte ich in der Zeit der Hitzeakklimatisation in der Wüste von Borrego Springs mit Extremradler Severin Zotter. Er war – wie Christoph Strasser und ich – nach dem Organisations-, Einpack- und Flugstress zur Entspannung und für den Hitzefeinschliff vor Ort. Drei Mal darf man raten, was ich an seiner Lippe entdecken durfte ...
Das Hormon Cortisol wirkt immunsuppressiv, dämpft die körpereigene Immunabwehr. Als Folge werden vermehrt Antikörper (Immunglobuline) von den weißen Blutzellen, den B-Lymphozyten, produziert. Diese überschießende Reaktion führt leider dazu, dass wir anfälliger werden können für Allergien, Hauterkrankungen sowie Autoimmunerkrankungen, wie zum Beispiel Rheuma eine darstellt. Die Psychoneuroimmunologie kann durch Faktoren wie zum Beispiel steigende Stressbelastung die Zunahme und Entstehung von bestimmten Krankheiten nachvollziehbar erklären.
Es ist auch eine unumstößliche Gewissheit, dass eine belastende Kindheit dramatische Folgewirkungen haben kann. Studien belegen, wie traumatische Erfahrungen im Kindesalter die Ursache für diverse entzündliche Prozesse bei Erwachsenen sein können. Manche Schwierigkeiten jedoch werden schon vor der Geburt produziert. Wenn werdende Mütter, überfordert, belastet und gestresst, ihr Cortisol an den Fötus weitergeben, werden manche Herausforderungen bereits in die Wiege gelegt.
Der Weg der Biochemie in die Zelle ist keine Einbahnstraße. Einerseits haben Immunzellen Rezeptoren für Entzündungssignale, Hormone und Neurotransmitter. So kann unser Nervensystem über diese Botenstoffe das Immunsystem beeinflussen. Obwohl viele dieser Wechselwirkungen noch nicht erforscht sind, wissen wir, dass dieser Vorgang auch umgekehrt stattfindet. Über Botenstoffe kann das Immunsystem dem Gehirn Erkrankungen mitteilen.
Schlussfolgerung
Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Aber wie? Unser Körper ist unsere Burg. Eine Burg, die sich im Laufe der Zeit von der Befruchtung der Eizelle bis zum Fötus, vom Baby zum Kind, vom Jugendlichen zum Erwachsenen bis zum Tod hin verändert. Eine Baustelle, die zu Lebzeiten niemals beendet wird. Ein erwachsener Mensch besteht aus ungefähr 90 bis 100 Billionen Zellen. Davon sterben jede Sekunde etwa 50 Millionen ab, um in der gleichen Sekunde wieder gebildet und ersetzt werden zu können. Ein dynamisches System, welches sich ständig verändert und sich immer wieder erneuern kann. Dabei bedeutend ist die Erkenntnis, dass der Takt und die Geschwindigkeit der Zellerneuerung, also der Effekt der Gesundung, nicht konstant sind. Verschiedenste Forschungen können einen Hinweis darauf geben, dass die Variation der Erneuerung abhängig ist von deinen Aktivitäten und deinen Emotionen. Mehrfach wurde nachgewiesen, dass Sport ein Motor in der Zellerneuerung sein kann. Dass sportliche Aktivität und Bewegung subjektiv das Wohlbefinden steigert, ist längst bekannt. Nachgewiesen wurde mittlerweile, dass Ausdauersport die räumliche Gedächtnisleistung unterstützt, die Konzentrationsfähigkeit erhöht und auch objektiv optimistischer macht. Je fitter wir sind, umso schneller
können wir die elektrischen Reize im Gehirn verarbeiten.
Diese Wechselwirkungen zwischen der Psyche, dem Nervensystem und dem Immunsystem zu erklären, ist die Hauptaufgabe des interdisziplinären Forschungsgebietes der Psychoneuroimmunologie. Während das Immunsystem in der Lage ist, auf Signale von Nerven- und Hormonsystem zu reagieren, kann auch das Immunsystem die Funktion des Nerven- und Hormonsystems beeinflussen. Ist diese Balance gestört, können Erkrankungen auftreten.

RAW 2015 Foto: www.lucaspflanzl.at

Smoveytraining in der Wüste zur Lockerung Foto: www.lucaspflanzl.at
„Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt,
muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.”
(Sebastian Kneipp, entnommen aus http://www.kneipp-meilen.ch/zitate.htm)
Drei kreislaufaktivierende Körperübungen für zwischendurch
Um den Kreislauf auf Trab zu bringen, den Puls höher zu treiben und den Stoffwechsel endlich wieder anzukurbeln, genügen im Grunde schon ein paar wenige, aber dafür funktionelle Übungen. Im Berufsalltag mancher Menschen ist kostenfrei und richtig wirkungsvoll ohnehin ein „Fitnessstudio” integriert. Einfach und variantenreich ist Treppensteigen. Erklimme 100 Stufen im Treppenhaus, entweder Treppe für Treppe zügig aufwärts gehen oder abwechselnd die Anzahl der auf einmal überwundenen Stufen variieren. Je nachdem, ob du nur eine, zwei oder drei Stufen auf einmal nimmst, werden unterschiedliche Muskelbereiche an den Beinen und am Po aktiviert! Nach dem Motto des Gehirnforschers Manfred Spitzer „Das beste Gehirnjogging ist Jogging!” lässt sich die Übung auch bezüglich der Neurogenese einsetzen. Bei jedem Schritt immer den jeweils übernächsten Buchstaben des Alphabets sagen/denken: A, C, E … Also öfter mal wieder Treppen steigen, statt Aufzug fahren.
Solltest du kein Treppenhaus haben, dann vielleicht zum Aufwärmen einfach zwei, drei Minuten locker auf der Stelle laufen, die gebeugten Arme kannst du dabei kräftig mitschwingen. Immer wieder zwischendurch zur Aktivierung den Puls nach oben bringen – wirkt wahre Wunder.
Ich selber nutze die grünen Smovey-Vibrationsringe zum Workout tagsüber und zur Lockerung meiner Schultern und Gedanken. Erfunden aus der Not heraus von Hans Salzwimmer, alias „Salzhans”: vom aktiven lebensfrohen Tennistrainer zum Parkinsonpatienten geworden, fand er damit wieder retour ins Leben. Viele meiner Kunden, vor allem auch die Schreibtischtäter, die aufgrund der Bürotischhaltung immer wieder über massive Rücken- und Nackenbeschwerden gejammert haben, nutzen die Smoveys – im Arbeitsalltag einfach über den Tag verteilt. Spätestens nach 15 Minuten schwingen sind nicht nur der Kreislauf aktiviert und die Schultern gelockert, sondern auch die Handreflexzonen über die automatische Vibration stimuliert und man fühlt sich nicht nur besser, sondern ist nachweislich in einem besseren Zustand. Für mich als Radfahrer das ideale Alternativtraining für den Oberkörper, perfekt zur Stärkung der Muskelschlingen, um eine aerodynamische Position auch über ein gesamtes Langdistanzrennen halten zu können, und gegen die hängenden Schultern der Zeitfahrposition. Also du kannst beginnen, dich freiwillig wieder zu bewegen und für dein Wohlbefinden Entscheidungen zu treffen.
Innovation
Als Christoph Strasser im Herbst 2012 beim entspannten Plaudern in meinem Beratungszentrum einerseits die Saison Revue passieren ließ und andererseits bereits mehr als intensiv auf die Saison 2013 schielte, kristallisierte sich ein Ziel immer stärker heraus. Ein Wunsch, den sich in den letzten 33 Jahren kein Mensch erfüllen hatte können: Das Race Across America unter acht Tagen zu fahren. Aufgrund der Analyse seiner Leistungsdaten und der Vergleiche der bisherigen Ergebnisse aus den vergangenen Jahren, seiner gefahrenen Zwischenzeiten bei den jeweiligen Zeitstationen des Events, konnte es möglich sein. Kann Christoph der erste Mensch in der Geschichte des seit 1976 jährlich stattfindenden Radevents sein, der 5.000 Kilometer quer durch Amerika unter acht Tagen zu radeln vermag? Ist der Anspruch vermessen? Klarerweise nur möglich, wenn auch die äußeren Rahmenbedingungen wie Wetter (Niederschläge wie auch Temperatur) und etwaige Pannen, an Rad wie an Begleitfahrzeugen, ihn verschonen würden. Aus dem gesundheitsbedingten Rennabbruch 2009 wurde gelernt, der daraus resultierende Sieg 2011 und auch der zweite Platz 2012 waren ein Fundus an Lernmöglichkeiten. Die Antwort auf die oben gestellte Frage und auch das Motto dazu, „time to perform“, konnten bereits in „Hilf mir, meinen Lebenstraum zu erfüllen“ gegeben werden. Ja, er konnte der erste Mensch sein. Doch viel wesentlicher scheint in diesem Zusammenhang die Frage zu sein: Wie? Und zu welchen weiterführenden Konsequenzen positiver wie möglicherweise negativer Natur? Also galt es, das Gute noch weiter zu optimieren, und die Dinge, die noch nicht ausreichend funktionierten, zu sanieren. Vor allem die Nervenschädigungen an den Händen – bedingt durch zu viel Druck und Gewicht auf den Händen während der Querung der USA – sollten dringend beseitigt werden. Durch die Straßenverhältnisse einerseits und aufgrund der Sitzposition von Christoph auf seinem Rad bei seinem Sieg 2011 hatte er gegen Ende des Rennens sogar Mühe, seine Trinkflaschen zu halten, geschweige denn waren feinmotorische Bewegungen seiner Finger an beiden Händen möglich. Dies ist zu einem bestimmten Grad einfach eine logische Folge der mechanischen Belastung der Hände über diese Zeitspanne von mehr als einer Woche. Immerhin sind die Hände, die Füße und die Auflagefläche des Gesäßes die einzigen Kontaktflächen, die den menschlichen Körper mit dem Fahrrad verbinden. Je nach individuellem Gewicht und mehr oder weniger komfortabler bzw. aerodynamischer Sitzposition werden an den Händen vor allem der Ulnar-Nerv – an der Außenseite der Handkante gelegen – und der Nervus Medianus (Karpaltunnelsyndrom) – direkt in der Mitte des Handballens – beansprucht. Nachdem Christoph nach seinem Sieg 2011 wochenlang Mühe hatte, ohne hinzusehen seine Hand und seine Finger zu steuern, wurden bereits 2012 vielfältige Verbesserungen gesucht. Die Verbesserungsideen reichten sogar bis zu speziellen orthopädischen Auflagen für die Hände und Unterarme aus dem Rollstuhl-Sport. Es war also ausreichend Verbesserungspotenzial vorhanden, um das neue Ziel, das RAAM 2013 unter acht Tagen zu schaffen, zu erreichen. Doch nicht nur in punkto Komfort, um eben länger entspannter und dadurch leistungsfähiger sein zu können, sollten Veränderungen und Optimierungen helfen, sondern vor allem in einem Punkt: Aerodynamik! In diesem Bereich suchten wir Unterstützung im Vorhaben, diesen Rekord aufzustellen, und fanden sie: Bisher galt bei einem Langstreckenrad das ungeschriebene Gesetz: Komfort an erster Stelle! Weil die aerodynamischste Sitzposition auf Dauer keinen Erfolg brächte, wenn sie nicht ausreichend lange und nur mit hohem energetischen Aufwand aufrechtzuerhalten wäre. Trotzdem war gerade deswegen die Idee geboren, ein klassisches Zeitfahrrad so komfortabel wie nur möglich an Christophs Körper anzupassen, damit auf den unendlichen Geraden Amerikas dieser Vorteil sich in Zeitersparnis niederschlägt. Die Straßen durch die Wüstenbereiche von Kalifornien, Arizona und Utah sowie auf den bis zum Horizont führenden Straßen zwischen den Weizenfeldern von Kansas mussten doch für aerodynamischen Vorteil zu nutzen sein. Die Idee eines Zeitfahrrades musste reifen. Doch nicht lange, denn nur wenige Monate später fand sich Christoph tagelang bei seinem Radhersteller wieder, um an der Einstellung der Sitzposition auf einem Zeitfahrrad zu feilen. Perfektioniert wurde diese Feineinstellung dann bei jenem Hersteller, der Benchmark in punkto Aerodynamik und Komfort gleichzeitig ist: Syntace. Und wirklich: Die Mühen waren so weit von Erfolg gekrönt, dass Christoph nicht nur schneller, sondern auch mit weit mehr Wohlbefinden sein Training stundenlang auf dem Zeitfahrrad vollbringen konnte. Den Oberkörper möglichst bequem abgestützt auf den Auflagen seines Zeitfahrauflegers. Eine Aussage, die seine mentale Einstellung dazu gut illustriert, getätigt im letzten Coaching kurz vor dem Abflug zum RAAM 2013, ist bemerkenswert: „Wenn man auf so einem Zeitfahrrad sitzt, ist man automatisch, ohne dass man irgendwie anders Rad fährt, um ein bis zwei km/h schneller.“ Rechnet man diesen einfach vor sich hin gesagten Vorteil auf die möglichen Flachpassagen beim RAAM mit ein – welch Riesenvorteil! Immerhin konnte Christoph das Race Across America schon zweimal in acht Tagen und weniger als neun Stunden beenden. Vorausgesetzt die Rahmenbedingungen ließen es zu und Christophs körperlicher wie mentaler Leistungsoutput wären wieder gleich stark, wäre diese magische Acht-Tage-Grenze zu kippen. Doch so weit war es noch nicht. So weit waren wir noch nicht. Immerhin ist es ein hohes Risiko, bei einem Langdistanz-Radrennen von einer Woche und mehr etwaige Rückenschmerzen zu produzieren, die Grund für Muskelverhärtungen in den Beinen und in der Pomuskulatur sein können. Deren Folgewirkungen auf Gelenke und Sehnen wiederum zu Entzündungen und letztlich zu einem Abbruch des Rennens führen könnten. Andererseits ist auch der logistische Aufwand, Räder zu zerlegen, sie nach Amerika einzufliegen, dort wieder aufzubauen, enorm. Zudem besteht das Risiko, dass aufgrund der „sorgsamen“ Behandlung des Sondergepäcks bei den Fluglinien diese High-Tech-Produkte aus Carbon und Aluminium nicht im gewünschten Zustand ankommen. Auch hier gilt: Vorsicht und Planung sind besser als ein ungestümes Voranpreschen mit den dazugehörigen Nachteilen.

Keine Stopp-Schilder mehr?! Foto: www.lupispuma.com
Doch die Idee, SUB 8, nahm immer mehr Gestalt an. Immerhin wollten wir die besondere Erfindung eines Rennrads, einer futuristisch anmutenden „Zeitfahrmaschine“, verwenden. Diese werden im Profi-Radrennsport normalerweise für Prologe über wenige Kilometern und lange Mannschaftszeitfahren von gerade mal 70 Kilometern verwendet, aber wir wollten einen Vorteil für vermutlich 1.500 Kilometer oder sogar mehr. Im Langstrecken-Triathlon, dem Ironman (3,8 km schwimmen, 180 km Rad fahren, 42 km laufen), benutzt man ja bereits seit Jahren die etwas aerodynamisch entschärften Zeitfahrräder für die ca. 180 Kilometer der Raddistanz. Aber würde dies auch auf mehrere 100 Kilometer funktionieren? Im herkömmlichen Profi-Radsport haben die flachen Einzel- und Mannschaftszeitfahren schon oft Etappenrennen wie die Tour de France, Giro d’Italia, Vuelta etc. entschieden. Die andere Rahmengeometrie im Vergleich zu einem normalen Straßenrennrad, die aerodynamischeren Rohrquerschnitte, Zeitfahrlenker, aber vor allem die wettkampfspezifisch günstigere Sitzposition, die den Radfahrer etwas weiter vor über das Tretlager bringt, in Kombination mit einem Zeitfahraufleger schaffen sekundenweise Zeitersparnis auf jedem Kilometer. Und genau diesen Vorteil wollten wir nutzen.
Steve Jobs, gespielt von Ashton Kutcher, wurde in seiner Film-Biografie folgende Aussage in den Mund gelegt:
„Man kann nicht die Konkurrenz beobachten, um es besser zu machen.
Man muss die Konkurrenz beobachten, um es anders zu machen.”
(Steve Jobs, Film-Biografie, 2013, Minute 72)
Zeitfahrräder tauchten doch in Team- bzw. Staffelbewerben immer wieder für kurze Strecken bei Langstrecken-Radrennen auf. Doch wieso nutzten es die Solofahrer noch nicht konsequent? Der Österreicher Gerhard Gulewicz fuhr als Solo-RAAM-Teilnehmer bereits 2009 mit Zeitfahrhelm aerodynamisch optimiert über die schnurgeraden Straßen von Kansas. Er blieb damals die Ausnahme. (Obwohl bereits die innovativste Kraft im Radsport, der Triathlon, und ein gleichnamiges Magazin im Jahr 2005 der Aerodynamik seitenweise Raum gaben. Dort bestätigte man zwei Prozent Leistungsersparnis nur durch Verwendung von Zeitfahrhelmen.)

Rennrad versus Aerorad Foto: www.lupispuma.com
Nach den Stunden, Tagen, Wochen der Vorbereitungen, der Optimierungen und des Trainings auf dem Zeitfahrrad half dennoch nur eines: TUN. Die drei Buchstaben, die schon Goethe als Erfolgsfaktor definierte. Als Generalprobe für das RAAM 2013 durfte also das Race Across Italy fungieren. Halb so kurz wie das Race Around Slovenia und vor allem mit dem Termin Mitte April gab es ausreichend Regenerationszeit bis zum Start des RAAM Mitte Juni. Die wunderschöne Strecke von 630 Kilometern mit 5.000 Höhenmetern führte von Nettuno im Süden von Rom auf die andere Seite der Küste nach Chieti (Pescara) und wieder retour. Laut Streckenprofil ein idealer Testparcours zur Kontrolle der Arbeit an der Sitzposition von Winter und Frühjahr. Und so war es dann auch. Die im vorangegangenen Coaching angepeilte Zielzeit von 19 Stunden konnte Christoph weit unterbieten und einen eindrucksvollen Sieg bei der Pendelfahrt quer durch Italien mit nach Hause bringen. Mit einem fast unglaublichen Schnitt von 35,5 km/h, einer Fahrzeit von 17 Stunden 44 Minuten, distanzierte er die nachfolgenden um mehrere Stunden. Christoph konnte damit eine perfekte Generalprobe für die Verwendung eines Zeitfahrrades bei einem Langstreckenradrennen liefern. Und damit war ein weiteres Mosaiksteinchen für das Ziel „Sub 8“ beim RAAM 2013 in erreichbare Nähe gerückt. Zumindest für uns wurde ab nun ein gemeinsamer Nenner, der alle schnellen Sportarten eint, mit ins Team geholt: die Aerodynamik!

Wechsel auf das Zeitfahrrad RAAM 2013 Foto: www.lupispuma.com
Schlussfolgerung
Wenn man nahe an menschlichen Grenzen arbeitet bzw. diese sogar überschreiten möchte, hat man zwangsläufig immer mit Innovation zu tun. Eine Innovation ist aber erst dann eine Innovation, wenn aus einer Idee eben ein neues Produkt, ein neues Denken, umgesetzt wurde und wahrhaftig erfolgreich Anwendung gefunden hat und im besten Fall dupliziert wurde und in der Welt einen Markt – eine Wiederholung – gefunden hat. Christoph Strasser setzte mit seinen 7 Tagen 22 Stunden und 11 Minuten, die er für das Race Across America 2013 benötigte, einen Meilenstein. Dieser Weltrekord, als erster Mensch in der Geschichte dieses Rennens den amerikanischen Kontinent unter acht Tagen mit einem Fahrrad zu durchqueren, fand sich sogar im Guinness-Buch der Rekorde wieder. Nicht umsonst war er darin auf seinem Zeitfahrrad abgebildet.
Möchte man letztendlich innovativ sein, kann es nicht anders funktionieren, als die gewohnten Wege zu verlassen und möglicherweise Risiken auf sich zu nehmen – oder menschlich ausgedrückt: seine persönliche, gewohnte Komfortzone zu erweitern. Die Zeichen der Zeit zu erkennen und im richtigen Moment am richtigen Ort die richtige Entscheidung zu treffen, ist das große Mirakel gelungener Innovation oder sogar seines Lebens. Die Geschichte der Fehleinschätzungen unserer Menschheitsgeschichte ist lang. Der Bogen spannt sich von einer Musik-Combo aus Liverpool, bei deren Probeaufnahme 1962 die Plattenbosse entschieden haben, dass sich so etwas nie verkaufen lasse. – Nicht einmal ein Jahr später führten die Beatles die Charts nicht nur an, sondern dominierten das Musikgeschehen für viele Jahre. Doch auch in der neueren Zeit gab es ausreichend unerkannte und ungenutzte neue Ideen, die innovativ letztlich eine ganze Generation prägen durften. Joanne K. Rowling blitzte bei sechs Verlagsmanagern mit ihrem Manuskript zu Harry Potter ab. Einer erkannte die Chance eines Bestsellers, griff zu und machte aus der Autorin nach insgesamt sieben Bänden Harry Potter und gleich vielen Filmen die erste Schriftstellerin der Welt, die mit Büchern über eine Milliarde Dollar verdiente. Viele Klassiker der nicht erkannten Innovation liefert die Geschichte der Technik. Selbst Nobelpreisträger Albert Einstein gab der friedlichen Nutzung der Atomenergie keine Chance, weil er sich zu sehr für deren kriegerische Verwendung schämte.
Legendärer sind natürlich die ökonomischen Einschätzungen und Reaktionen auf die technischen Innovationen unserer Kommunikation. Bei der Einführung des Telegramms lautete der allgemeine Tenor: Brauchen wir nicht, wir haben ja Briefe. Bei der Einführung des Telefons: Brauchen wir nicht, wir haben ja Telegramme. Bei der Einführung des Computers: Brauchen wir nicht, zu teuer und wir haben ja Schreibmaschinen. Eine ähnliche Fehleinschätzung beging auch Microsoft-Chef Steve Ballmer: Er sah im iPhone lediglich ein Randgruppenphänomen. Laut einer Studie aus dem Juli 2015 hat Apple mit dem iPhone in den USA einen Marktanteil von 50 Prozent aller verwendeten Smartphones. Ein Randgruppenphänomen, das sich seit der Markteinführung 2007 weltweit bis zum März 2015 700 Millionen Mal verkauft hat. Möglich nur, weil Steve Jobs sein Motto „Denke das andere“, nämlich das, was alles noch möglich wäre, konsequent verfolgte. Bereits vor dem Jahr 2000 begann die technische Entwicklung und die Ideenreifung eines Multi-Touch-Bildschirms, der später zu den berühmt-berüchtigten Wischhandys der Jetztzeit führte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.