Kitabı oku: «Homo Lupus»
THOMAS KIEHL
Homo Lupus
Thriller

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1. Auflage 2021
Copyright © 2021 by Thomas Kiehl
Copyright deutsche Erstausgabe © 2021
Benevento Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
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Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Gesetzt aus der Minion Pro, Futura
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Umschlagmotiv: © Chris Ensminger on Unsplash
Tatzen: © shutterstock.com
ISBN: 978-3-7109-0108-9
eISBN: 978-3-7109-5112-1
Für meine Familie und alle, die sich auf das Experiment Familie eingelassen haben.
Inhalt
Zwei Tage nach der Wahl
Zwei Tage vor der Wahl
14 Tage vor der Wahl
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
13 Tage bis zur Wahl
Kapitel 10
Kapitel 11
9 Tage bis zur Wahl
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
8 Tage bis zur Wahl
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
7 Tage bis zur Wahl
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
6 Tage bis zur Wahl
Kapitel 25
Kapitel 26
5 Tage bis zur Wahl
Kapitel 27
4 Tage bis zur Wahl
Kapitel 28
3 Tage bis zur Wahl
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
2 Tage bis zur Wahl
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
1 Tag vor der Wahl
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Wahltag
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Ein Monat nach der Wahl
Kapitel 61
Zwei Monate nach der Wahl
Nachwort
Danksagung
»Mächtige Rituale halten uns zusammen,
leere bringen uns auseinander.«
Prof. Van Dahlen
Zwei Tage nach der Wahl
»In diesen Zeiten lernt man seine Freunde von einer ganz anderen Seite kennen.«
Lothar Schmidt, Ingenieur, Dresden
»Alle sehen mich böse an. Dabei ich kommen aus Marokko. Ich mit ganzen Scheiß nix zu tun haben!«
Mohammed Qamari, Taxifahrer, München
»Immer, wenn meine beiden erwachsenen Kinder sonntags zum Kuchen zu mir kommen, gibt es Streit. Wie soll es nur weitergehen mit uns? Ich hoffe, die Zeiten führen uns wieder ein wenig zusammen.«
Vanessa Oberländer, Mutter, Nürnberg
»Ich habe mich vor ein paar Wochen in einen Teilnehmer meines Seminars verliebt. Er meldet sich nicht mehr. Ob das was mit der Wahl zu tun hat?«
Hanna Riefen, Erwachsenenbildung, Berlin
»Für mich hat sich wenig geändert. Das Vieh will sein Futter. In zwei Monaten wird gesät.«
Adrian Buschwerk, Landwirt, Münster
Zwei Tage vor der Wahl
Abgesehen von der abwaschbaren Gummimatratze gab es in der Zelle nichts, was man hätte zerstören können. Das Bett war gemauert und wie der gesamte restliche Raum weiß gekachelt. In einer Ecke hatte man eine Toilette ohne Klobrille und ein kleines Waschbecken, alles aus Stahl, angebracht. Es roch säuerlich, im besten Fall nach einem stark essighaltigen Reinigungsmittel – im schlechtesten nach dem Erbrochenen irgendeines armen Teufels, den sie hier zuvor untergebracht hatten.
Er hörte, wie sie die Tür hinter ihm zuschlossen. Immer noch fassungslos darüber, was gerade passiert war, brauchte er einen Moment, um sich zu sortieren. Dann drehte er sich um und hämmerte gegen die Stahltür.
»Ich will einen Anwalt sprechen!«
Keine Reaktion.
Er versuchte es erneut, dieses Mal deutlich lauter: »Ich will verdammt noch mal mit einem Anwalt sprechen!«
Wieder keine Reaktion, obwohl sie ihn hörten, da war er sich sicher.
Er blickte nach oben, zur Decke. Das grelle, sirrende Licht der Leuchtstoffröhren machte ihn wahnsinnig. Und dieser Geruch!
Dann trat er zu. Das dumpfe Geräusch von Gummisohlen, die auf Metall trafen.
»Hallo! Einen Anwalt! Sofort!«
Er trommelte mit der Faust gegen die Tür und stieß die übelsten Beschimpfungen aus, obwohl er wusste, dass das alles nichts brachte. Diese Schweine. Es würde keinen Anwalt geben.
Frustriert ließ er sich gegen die kalten Fliesen fallen. Eine unglaubliche Müdigkeit brach über ihn herein. Die letzten 48 Stunden waren die Hölle gewesen. Doch daran lag es nicht. Er liebte die Hölle – war wie für sie geschaffen. Was ihn so kraftlos machte, war das Gefühl, eine Partie verloren zu haben, ohne die Chance auf Revanche – denn die würden sie ihm sicherlich nicht geben.
Langsam ließ er sich zu Boden gleiten. Dann kämpfte er sich auf allen vieren zum Bett. Dort legte er sich auf den Rücken und schloss die Augen.
Er fragte sich, ob sie Bondroit auch schon in ihrer Gewalt hatten. Oder vertrauten sie darauf, dass sie ihren Mund hielt? Denn darum ging es ihnen doch?
Er musste an ihre erste Begegnung denken, damals, sechs Jahre war es her. Aufgrund ihrer aufbrausenden Art hatte er sie für ein unsicheres, verstocktes Frauchen gehalten, das man nicht wirklich ernst nehmen musste. Er hatte sich getäuscht. Bondroit war blitzgescheit. Und sie hatte etwas, was man immer seltener fand: einen unbestechlichen Glauben an die Gerechtigkeit und den Mut, dafür zu kämpfen. Wer sie herausforderte, musste damit rechnen, dass er in ihr ungeahnte Energien freisetzte. Zudem hatte sie jetzt als Mutter noch etwas dazugewonnen, um das es sich zu kämpfen lohnte – einen Sohn. »Unterschätzen Sie nie die Bindungskräfte einer Familie«, hatte sie ihn gelehrt, und die Kampfbereitschaft einer Mutter, wenn es um ihre Kinder geht.
Er hingegen, obwohl gerade erst fünfzig Jahre alt, hatte das Gefühl, sein Leben gelebt zu haben. Alles, was jetzt noch kam, waren Erniedrigungen im Job, zunehmende Fettleibigkeit, Magengeschwüre und Erektionsprobleme. Zudem gab es wenige Menschen, die ihn vermissen würden, da machte er sich keine Illusionen.
Er ballte die Faust und schlug mit aller Kraft gegen die Wand. Verdammt! Wie hatte er sich nur so blenden lassen können. Blut rann an seinen Knöcheln herab. Der Geruch von Eisen.
Wenn sie Bondroit etwas antaten … Er hätte sie nie in den Fall reinziehen dürfen.
Erneut schlug er zu, und jetzt spürte er auch den Schmerz, der ihm von der Hand bis in den Arm schoss.
»Gott, ich hasse dich! Ich hasse dich so sehr, als würde ich wirklich an dich glauben.«

14 Tage vor der Wahl

1
»Und warum hast du einen so großen Mund?«
»Damit ich dich besser fressen kann«, kam es kichernd von hinten.
»Und ehe das Rotkäppchen es sich versah, sprang der Wolf aus dem Bett und verschlang es mit einem Biss. Dann schlief er zufrieden ein. Kurz darauf kam der Jäger zum Haus der Großmutter. Der Wolf hatte sich zwar als Großmutter verkleidet, doch der Jäger durchschaute ihn sofort. Und als er den dicken Bauch sah, war ihm klar, was passiert sein musste. Er nahm sein Messer aus dem Gürtel, schnitt dem Wolf den Bauch auf und befreite die Großmutter und das Rotkäppchen. Und wenn sie nicht gestorben sind …«
»… leben sie noch heute.«
Lena blieb stehen und hielt sich die Hand zum Schutz gegen die tief stehende Sonne an die Stirn. Das bunte Glitzern der unberührten Schneedecke, der angrenzende dichte Wald, dessen Tannen mit Weiß überzuckert waren, der Duft nach feuchter Kälte und Holz. Das waren die Momente, in denen ihr wieder klar wurde, warum sie aufs Land gezogen war. Ein perfekter Ort, an einem perfekten Tag. Wenn das mit Michael nicht gewesen wäre. Und die Wölfe fehlten.
»Mami!«
»Ja?« Lena langte mit ihrer Hand hinter ihren Kopf und streichelte Jean über seine dicke Mütze. Während sie sich seit zwei Stunden im knöcheltiefen Schnee durch kleinere Waldstücke in der Brandenburger Schorfheide kämpfte, saß ihr dreieinhalbjähriger Sohn gemütlich in seiner Kraxe und wollte Geschichten hören. Bereits fünfzehn Minuten nach ihrem Aufbruch hatte er behauptet, nicht mehr laufen zu können. Ein wenig konnte sie ihn sogar verstehen. Das Laufen durch den frischen Schnee war beschwerlich. Doch wenn man Wölfe beobachten wollte, war Schnee von erheblichem Vorteil. Die Tiere waren mit ihrem überwiegend braungrauen Fell vor einer weißen Kulisse besser auszumachen. Vor allem aber vereinfachte der Schnee die Spurensuche. So weit die Theorie.
»Und dann?«
»Was meinst du?« Lena war über die Frage verwundert. »Der Wolf ist tot. Und die Geschichte zu Ende.«
»Ja. Aber dann?«
Für Jean war die Geschichte anscheinend noch nicht zu Ende. »Na ja, das Rotkäppchen hat sich dann ein Gewehr gekauft und alle Wölfe erschossen.«
»Wirklich?«, fragte Jean.
»Wirklich«, sagte Lena.
Sie musste daran denken, wie man den Wolf in Deutschland ausgerottet hatte. Er hatte weiß Gott keinen guten Ruf gehabt. Doch im Märchen vom Rotkäppchen ging es – wollte man den Psychologen glauben, die das Märchen interpretiert hatten – gar nicht nur um den angeblich so bösen Räuber. Es ging vor allem darum, Mädchen davor zu warnen, sich von fremden Männern ansprechen und verführen zu lassen. In älteren Versionen der Geschichte fraß der Wolf das Rotkäppchen daher zunächst auch gar nicht auf, sondern lockte es ins Bett.
»Aber die Wölfe sind wieder da!«
»Genau«, gab Lena ihrem Sohn recht. »Sie sind wieder da. Und sie sind gar nicht so böse wie im Märchen.«
»Aber wo?«, fragte Jean.
»Wölfe sind scheue Tiere, du musst Geduld haben.«
Obwohl Geduld nicht gerade zu den Stärken von Jean gehörte, war seine Frage berechtigt. Die nahe gelegenen Felder und Wiesen hatte sie bereits alle abgesucht, ohne auch nur eine einzige Spur zu entdecken. Lenas letztes Ziel war eine größere Lichtung. Dort war sie der Wolfsfamilie – bestehend aus den beiden Leittieren, den zwei Jährlingen und einem älteren Jungtier – vor zwei Tagen vor einem gerissenen Rehkadaver begegnet. Die Wölfe hatten ihre Mahlzeit bereits beendet gehabt und lagen faul in der Sonne. Nur einer der Jährlinge machte sich einen Spaß daraus, die Raben, die sich über die Essensreste hermachten, immer wieder zu vertreiben. Obwohl die Wölfe Lena entdeckt hatten, hatten sie keinerlei Anstalten gemacht aufzubrechen. Vielleicht waren sie durch das Essen einfach zu müde. Oder sie spürten, dass Lena keine Gefahr für sie war. Lena hatte im Laufe der Zeit gelernt, dass Wölfe ein sehr gutes Gespür für Gefahr hatten.
»Bist du noch böse?«
»Böse?« Lena verstand nicht.
»Auf Papa.«
Wie kam er nur plötzlich darauf? »Warum meinst du das?«
»Weil du nicht lachst. Schon die ganze Zeit.«
Lena bezweifelte, dass sie jeden Tag lachte. Aber man durfte nicht alle Worte eines Kindes auf die Goldwaage legen.
»Nein, Jean. Ich bin nicht böse auf Papa«, sagte Lena, was nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit war. Als sie heute Morgen aufgestanden war, war Michael nicht da gewesen. Er hatte einen Zettel in der Küche hinterlassen, dass er kurz in die Werkstatt müsse, aber mittags wieder zurück sei, um sich ums Essen zu kümmern. »Böse« war sie wegen des Zettels und seiner Abwesenheit nicht gewesen – eher enttäuscht, und diese Enttäuschung musste Jean ihr angemerkt haben. Der Sonntagmorgen war eigentlich ihr gemeinsamer Morgen. Michael machte Kaffee und brachte ihnen zwei Tassen ans Bett. Dann, wenn das Drängeln von Jean nicht mehr zu ertragen war, standen sie auf und bereiteten ein üppiges Frühstück mit Eiern, Speck und frischem Obstsalat zu. Der Sonntag war einer der wenigen Tage, an denen sie sich Zeit ließen. Es war ihr festes Ritual. Zumindest war es das mal gewesen.
»Aber Mami!«
»Ich bin wirklich nicht böse auf Papa!«, sagte Lena ein wenig genervt.
Wahrscheinlich hätte sie Michaels Abwesenheit beim Frühstück nicht mal gestört, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätte, dass er sich in letzter Zeit ein wenig zu viele »Auszeiten« gönnte. Dass er am Sonntag wirklich zum Arbeiten in die Behindertenwerkstatt musste, bei der er seit einigen Jahren angestellt war, nahm sie ihm einfach nicht ab. Wofür? Am Sonntag war die Werkstatt zu. Und selbst wenn es dringenden Papierkram gab, so hätte er diesen von zu Hause aus erledigen können. Erst letztes Wochenende war er auf einer Schulung in Süddeutschland gewesen. Und jetzt schon wieder den halben Sonntag weg? Die ganze Arbeit mit Jean und dem Haushalt blieb an ihr hängen, und sie kam mit ihrem Wolfsprojekt nicht weiter. So war das ursprünglich nicht verabredet gewesen.
»Und wir finden bestimmt noch Spuren«, lenkte Lena das Thema wieder auf die Wölfe. Wirklich glauben konnte sie das allerdings selbst nicht. Sie ergriff das um ihren Hals baumelnde Fernglas und ließ ihren Blick über den Schnee und den Waldrand schweifen.
»Ich will auch!«, kam es direkt von hinten.
»Moment!« Lena meinte ein paar Spuren am gegenüberliegenden Waldrand entdeckt zu haben. Sie stellte das Fernglas scharf. Zwei größere Abdrücke vorne, zwei kleinere nacheinander gesetzt hinten. Eindeutig ein Hase. »Da gibt es nicht viel zu sehen.«
»Trotzdem.«
»Aber dann läufst du ein Stück.« Sie hätte nie für möglich gehalten, welch großen Anteil das Androhen von Strafen, Bestechung und Erpressung in der Erziehung von Kleinkindern einnahm.
Hinter ihr wurde es kurz ruhig. »Okay.«
»Versprochen?«
Wieder eine längere Pause. Zumindest schien sich Jean bewusst zu sein, dass man Versprechen nicht einfach so brach.
»Ja. Gib her!«
Nachdem Lena die Kraxe auf den Boden gestellt und Jean daraus befreit hatte, griffen seine kleinen Finger gierig nach dem Fernglas. Zunächst ahmte er Lena nach und ließ es langsam über die Lichtung und den angrenzenden Waldrand schweifen. Dann sah er abwechselnd zu Boden und in die Baumkronen, um am Ende durch das Objektiv Lena anzustarren. Er begann zu kichern. »Mami. Ich sehe dich gar nicht.«
Lena musste lachen. Wie süß er aussah, den Kopf in den Nacken gelegt, das viel zu große Fernglas vor den Augen. »Du musst es an dem kleinen Rad in der Mitte scharf stellen.«
»Wo?«
Jean nahm das Fernglas von den Augen und suchte nach dem Rad. Nachdem er es entdeckt hatte, drehte er ein wenig daran herum. Dann setzte er es erneut vor die Augen. »Es funktioniert nicht!« Und schon war das Fernglas wieder uninteressant. Er reichte es ihr zurück.
»Ich glaube, wir haben heute einfach kein Glück. Komm!« Lena reichte ihm ihre Hand. »Wir kehren um. Papa wartet sicherlich schon mit dem Mittagessen. Wir könnten nach Stöcken suchen«, schlug sie vor. Das würde ihn eine Zeit lang motiviert halten, selbst zu laufen. »Da hinten im Wald. Da gibt es bestimmt welche.«
Jean rannte sofort los. Kurz darauf kam er mit einem dicken Ast zurück und drückte ihn Lena in die Hand, damit sie ihn vom Schnee und den Verästelungen befreite.
»Für dich«, sagte Jean stolz. Und schon rannte er wieder los und verschwand hinter einer kleinen Felsformation. Ihr wäre es lieber gewesen, er hätte sich seine Kräfte eingeteilt.
»Mami!«
»Ja?« Jetzt kam er bestimmt gleich mit einem halben Baum zurück, der alle Dimensionen sprengte, denn der zweite Stock war schließlich für ihn selbst bestimmt. »Was denn?«
Keine Antwort.
»Jean?« Lena ging um die Felsen herum.
Wie angewurzelt stand er da. Instinktiv blieb sie ebenfalls sofort stehen.
»Ganz ruhig!«, flüsterte Lena. »Sieh ihnen nicht in die Augen, hörst du!«
Keine zehn Meter von Jean entfernt standen fünf Wölfe. Sie starrten abwechselnd sie und ihren Sohn an. Dann löste sich eines der Tiere aus dem Rudel und bewegte sich langsam auf Jean zu.
2
Der Wolf sah Jean einfach nur an. Kein Zähnefletschen, kein wildes Knurren oder Heulen, wie man es aus Horrorfilmen kannte. Alles war gespenstig ruhig.
»Nicht bewegen!«, flüsterte Lena. Vor allem nicht wegrennen, dachte sie, sprach es aber nicht aus, damit Jean gar nicht erst auf die Idee käme.
Sie hob den Stock, den ihr Jean gegeben hatte, über den Kopf und ging langsam auf den Wolf zu. Der Wolf sah verunsichert zu ihr herüber. Dem vollen Fell und der Größe nach zu urteilen, war er einer der Jährlinge. Jetzt blickte er zu seinem Rudel zurück.
Auch Lena sah zu dem Rudel. Sie merkte, wie angespannt sie war. Dabei gab es eigentlich keinen Grund. Menschen werden von Wölfen nicht als Beutetier angesehen. Und Wölfe gehören auch nicht zu den Tierarten, die sofort angreifen, dazu sind sie viel zu scheu. Solange es eine Möglichkeit gibt zu flüchten, werden sie das tun. Ihr schlechter Ruf basiert mehr auf den Märchen und Geschichten, die man sich seit Jahrhunderten über sie erzählt. Fakt ist allerdings, dass es um ein Hundertfaches wahrscheinlicher ist, auf einer Weide von Kühen zertrampelt, als von einem Wolfsrudel verletzt zu werden. Doch all das Wissen beruhigte Lena nicht wirklich, denn leider konnte man nie hundertprozentig ausschließen, dass sich ein Wolf nicht doch anders verhielt und dass dieser hier ihrem Sohn etwas antun könnte. Wer wusste schon, was das Rudel für Erfahrungen mit Menschen gemacht hatte? An Tollwut wollte sie gar nicht erst denken.
Den Stock so über ihrem Kopf platziert, dass sie damit sofort zuschlagen konnte, bewegte sie sich langsam weiter auf den Jährling zu.
Der junge Wolf blickte jetzt zu dem größten Tier des Rudels, als wartete er auf Anweisung. Der Leitwolf sah kurz zu Lena, dann zu Jean. Dann ging er einfach weiter. Das Rudel folgte ihm. Auch der Jungwolf drehte ab und sprang seiner Familie hinterher. Kurz darauf waren sie im Gebüsch verschwunden und nicht mehr zu sehen.
Lena sprang auf ihren Sohn zu, der immer noch wie angewurzelt dastand und in die Richtung starrte, in die die Wölfe verschwunden waren. Sie umarmte ihn, drückte ihn so fest an sich, wie sie ihn noch nie gedrückt hatte. »Oh, Jean. Das hast du toll gemacht.« Tränen schossen ihr in die Augen.
Auch Jean presste sich an sie. Doch dann versuchte er, sich aus ihrer Umarmung zu lösen. »Mensch, Mami. Du verdrückst mich ja!«
Lena ließ ihn los. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich verdrück dich nicht. Ich habe dich nur so unendlich lieb.« Sie streichelte ihm über die Wange. »Hattest du gar keine Angst?«
»Quatsch.« Er schüttelte den Kopf. »Mama, waren das echte Wölfe?«
Sie nickte.
»Und wollte der mich essen?«
Lena schüttelte den Kopf. »Nein. Der Wolf war nur neugierig. Er war noch sehr jung. So wie du.«
Jean grinste. »Komm, Mama. Das müssen wir Papa erzählen! Unbedingt!« Er lief sofort los, blieb dann jedoch wieder stehen und rannte zu ihr zurück. Er ergriff ihren Stock. »Brauchst du den noch?«
»Nein. Nimm nur.«
»Wegen der Wölfe. Wenn sie wiederkommen.«
Eine knappe Stunde später hatten sie die große Weide, die an ihr Haus angrenzte, fast erreicht. Im Sommer grasten dort die Kühe des Nachbarn. Lena drückte sich durch das den Wald umgebende Gebüsch und bahnte den Weg für Jean. Und schon tauchte sie vor ihnen auf, die weite weiße Fläche, und dahinter, rund hundert Meter entfernt, das kleine alte Bauernhaus mit dem rauchenden Schornstein. Sie hatten es kurz nach Jeans Geburt gekauft. Michael und sie waren das Berliner Großstadtleben leid gewesen, die vielen Menschen und Touristen, die zunehmende Kriminalität, den Schmutz. Vor allem aber waren sie wegen Jean hier rausgezogen, da sie ihrem Kind ein Aufwachsen in der Natur, mit Tieren und weniger Schadstoffen ermöglichen wollten. Obwohl ihnen klar gewesen war, dass es viel Mühe machen würde, das Haus vernünftig zu renovieren, hatten sie sich sofort verliebt. Dass sie allerdings drei Jahre später immer noch nicht mit dem Renovieren fertig sein würden – die neue Küche kam erst in vier Wochen –, das hätte sich Lena selbst in ihren übelsten Träumen nicht vorstellen können. Und dass sie das anderthalb Stunden entfernte Berlin so häufig vermissen würde, auch nicht.
»Runter!«, forderte Jean. Er war die überwiegende Strecke des Heimwegs selbst gelaufen, doch vor rund einem Kilometer hatte er Lena dann doch gebeten, wieder in die Kraxe zu dürfen. Sie nahm sie vom Rücken und ließ ihn herausklettern.
»Aber Mama! Das mit dem Wolf, Mama, das erzähle ICH!«
»Ist doch klar.«
Hoffentlich hatte Michael schon das Mittagessen vorbereitet. Sie hatte einen wahnsinnigen Hunger. Und auch wenn Jean sich bisher noch nicht beschwert hatte, er sicherlich auch. Da konnte die gute Stimmung schnell kippen.
»Mama!« Jean zeigte auf die kleine Landstraße, die auf der einen Seite der Wiese vorbeiführte. Ein schwarzer Van fuhr dort entlang. »Besuch!«
»Der will nicht zu uns«, erklärte Lena.
Obwohl auf der Straße, die die zwei benachbarten Dörfer miteinander verband, sonntags eher wenig Verkehr war, war sich Lena sicher, dass sie keinen Besuch erwarteten. Michael hätte ihr auf jeden Fall gesagt, wenn er jemanden eingeladen hätte. Die Sonntage waren Familientage, die sie am liebsten allein verbrachten. Das war eine unausgesprochene Regel, die nur in den seltensten Fällen gebrochen wurde. Und nur nach Absprache.
»Schade.« Jean wandte sich von ihr ab. »Denen hätte ich auch vom Wolf erzählen können.« Er rannte durch das Gebüsch weiter in Richtung Weide. Dann stoppte er.
»Schau!« Er zeigte wieder auf den Van, der nun tatsächlich in den kleinen Schotterweg eingebogen war, der zu ihrem Haus führte. »Der will doch zu uns!«
Lena holte zu ihrem Sohn auf. Gemeinsam beobachteten sie durch das Gebüsch hindurch den Wagen, der auf dem großen Hof vor der alten Scheune zu stehen kam. Kaum hatte er geparkt, wurden auch schon die Seitentüren aufgeschoben, und zwei schwarz gekleidete Männer verließen den Wagen.
Lena merkte, wie ihr plötzlich ganz anders wurde.
»Wer ist das?«, fragte Jean.
»Keine Ahnung«, sagte Lena, was auch der Wahrheit entsprach. Aber sie überkam eine üble Vorahnung. Alte Bilder stiegen in ihr auf. Die Geschichte vor sechs Jahren. Damals war sie aufgrund ihrer Forschung in eine gefährliche Politintrige geraten, bei der sie nur knapp mit heiler Haut davongekommen war. Die Verantwortlichen hatte man zur Rechenschaft gezogen, allerdings waren die Hintergründe nie an die Öffentlichkeit gelangt, geschweige denn vollständig verarbeitet worden. Bislang hatte sie sich damit sicher gefühlt. Doch sie wusste zu viel. War heute der Tag, an dem sie die Sache einholte?
»Komm, Mama!« Jean war bereits dabei, sich aus dem Gebüsch zu kämpfen.
»Nein. Warte!«, zischte sie ihm hinterher.
Er blieb stehen und schaute sie irritiert an. Der Ton in ihrer Stimme ließ ihn zum Glück gehorchen.
Lena ergriff ihr Fernglas. Sie legte es an die Augen und stellte es scharf. Die Männer gingen in Richtung Haus. Was sie schon meinte, ohne Fernglas erkannt zu haben, wurde zur Gewissheit: Beide Männer trugen Pistolengürtel.
Lena griff in ihre Jackentasche und zog ihr Handy heraus. Sie wählte Michaels Nummer. Kein Freizeichen. Sie nahm das Handy vom Ohr und prüfte die Netzqualität. Nicht ein Balken war zu sehen. Diese verdammte Gegend hier draußen!
»Mist!«, fluchte sie leise.
»Was?«
»Ach, nichts. Ich habe nur keinen Empfang.«
»Wen willst du anrufen?«
»Papa.«
»Wegen dem Wolf?«
Lena sah erneut durch das Fernglas. Leider war der Van so geparkt, dass sie von ihrer Position aus die Eingangstür ihres Hauses nicht mehr sehen konnte.
»Mama, ich will das mit dem Wolf …«
»Ich weiß«, unterbrach Lena ihren Sohn herrisch. »Später, Liebling, versprochen.« Sie wollte Jean nicht unnötig Angst einjagen. Sicherlich gab es für diesen »Besuch« eine ganz harmlose Erklärung.
Sie sah erneut auf ihr Handy, als würde der Empfang allein durch das Draufstarren besser werden. Dann überlegte sie, zu den Nachbarn zu gehen, den Tönnes, um Michael vom Festnetz aus anzurufen. Doch bis zum Hof der Tönnes waren es fast zwei Kilometer. Mit Jean auf dem Rücken brauchte sie dafür bestimmt zwanzig Minuten, wenn nicht länger.
Während sie weiter überlegte, was sie tun könnte, sah sie, wie die zwei Männer wieder zum Vorschein kamen und auf den Van zugingen. Lena beobachtete sie durch ihr Fernglas. Der eine öffnete die Seitentür, während der andere über das Feld blickte, als würde er etwas suchen. Zwei Spuren führten über die ansonsten unberührte Schneedecke. Die von Jean und ihre. Geradewegs auf sie zu.
»Bück dich!«, flüsterte Lena Jean zu, der zum Glück sofort gehorchte. Sie selbst ging ebenfalls in die Hocke.
Nun verließ der zweite Mann wieder den Wagen. Er hatte jetzt etwas in der Hand. Lena erhob sich leicht, um besser sehen zu können. Sie legte erneut die Objektive an die Augen.
»Scheiße«, rutschte es ihr heraus, während sie sich wieder zu Jean kniete. Sie hatte genau in die Linsen eines Fernglases gesehen, das auf sie gerichtet war.
»Sagt man nicht! Sagt man nicht!« Jean grinste.
Lena zog ihn hinter sich durch das Gebüsch in Richtung Wald.
»Ich will zu Papa!«, protestierte er.
»Später. Wir gehen erst noch zu den Tönnes.«
»Nein, Mama. Nicht zu den Tönnes. Ich hab Hunger.«
Lena blieb stehen. Sie beugte sich zu ihrem Sohn hinunter. »Jean, bitte, steig jetzt einfach in die Kraxe. Und dann lässt du Mama so schnell laufen, wie es geht. Ich erkläre dir alles später.«
»Wegen der Wölfe?«, fragte Jean.
Wie kam er nur darauf? Aber vielleicht gab er dann Ruhe. »Ja.«
Lena riss sich die Kraxe von den Schultern. Dann half sie ihm beim Einsteigen. Ein letztes Mal blickte sie zu ihrem Haus zurück. Jetzt standen beide Männer vor dem Van. Der mit dem Fernglas in der Hand zeigte genau in ihre Richtung.
3
»Willkommen zurück bei unserer Sendungsserie ›Countdown zur Wahl‹! Jeden Tag liefern wir Ihnen, liebe Zuhörer, einen Einblick in ein aktuelles Thema zu den bevorstehenden Neuwahlen des Bundestags. Heute haben wir ein hoch spannendes Interview für Sie zum Thema ›Die manipulierte Wahl‹, das wir gestern für Sie aufgezeichnet haben. Mit unserem Kollegen Arno Stange diskutierten der Politologe Professor Manfred Fender und der Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat der Partei ›Neue bürgerliche Mitte‹, Jan Berger.«
Das Interview vom Vortag. Berger drosselte die Geschwindigkeit seines Porsche und drehte das Volumen ein wenig auf. Dabei wäre es wahrscheinlich besser, das Radio einfach auszuschalten. Er hatte sich bereits den gesamten gestrigen Tag darüber geärgert, wie man versucht hatte, ihn vorzuführen.
»Herr Professor Fender, Herr Berger, schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Seit der Corona-Krise vor fünf Jahren kommt dieses Land nicht mehr zur Ruhe. Zuletzt hat sich der Bundestag kurz nach der Wahl aufgrund von Streitigkeiten der Koalitionspartner wieder aufgelöst. In zwei Wochen sind Neuwahlen – Wahlen in nicht ganz einfachen Zeiten. Das zeigen auch die Umfragen. Fast fünfzig Prozent aller Wähler geben an, noch nicht zu wissen, wen sie wählen wollen. Unser heutiges Thema dazu: Wahlmanipulation. Wir haben es bereits in anderen Ländern erlebt und jetzt auch bei uns: Fremde Staaten mischen sich über die Wahlen in unsere Politik ein, indem sie unter anderem versuchen, über die sozialen Medien und gezielt gestreute Fake-News Parteien zu unterstützen, die ihren Interessen am dienlichsten sind. Derzeit werden die behaupteten Unterschlagungsvorwürfe diskutiert, die dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten seinen Posten und seine politische Karriere kosteten, die sich dann jedoch als falsch herausstellten. Daher die provokante Frage an Herrn Professor Fender: Leben wir überhaupt noch in einer Demokratie, in der das Volk seine Führung wählt, oder sind wir alle nur noch Puppen an fremdgesteuerten Schnüren?«
»Guten Tag zunächst einmal. Und nein, Ihre Frage ist überhaupt nicht provokant. Eine funktionierende Demokratie setzt voraus, dass sich die Wähler frei entscheiden können. Das Grundgesetz garantiert deshalb die freien Wahlen. Ein manipulierter Wähler ist eindeutig kein freier Wähler.«
»Womit wir beim Problem wären. Die sozialen Medien machen es möglich. Und das wissen wir nicht erst seit gestern. Vor vielen Jahren gab es bereits die Einmischung von Russland in die Wahlen der USA. Weniger bekannt sind die politischen Manipulationen vieler Dritte-Welt-Staaten durch große Industrienationen. Und jetzt sind wir dran?«
»Na ja. Lassen Sie uns fair bleiben: Wahlbeeinflussungen gibt es, seitdem es Wahlen gibt. Viel diskutiert wurden im letzten Jahrhundert sogenannte Hirtensprüche. Das waren Wahlempfehlungen des lokalen Geistlichen. Und in Italien hat man sich über die Mafia immer wieder Stimmen gekauft.«
»Also alles nichts Neues, sagen Sie?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich wollte nur klarstellen, dass es Wahlbeeinflussung schon immer gegeben hat. Was in diesem Ausmaß allerdings wirklich neu ist, ist die manipulative Beeinflussung von außen, also durch andere Staaten, vor allem auch durch Fake-News und manipulierte Inhalte in den sozialen Medien.«
»Also doch! Wie können wir uns dagegen schützen?«
»Eine schwierige Frage, auf die ich Ihnen leider keine befriedigende Antwort geben kann. Das Problem ist, dass man die Beeinflussungsmöglichkeiten, die uns das digitale Zeitalter bietet, zu lange nicht ernst genug genommen hat. Die systematische Hetze über das Netz, oft mit perfider technischer Hilfe von Bots aus dem In- und Ausland, ist eine große Gefahr. Hätte man schon vor Jahren mit gesetzlichen und technischen Anpassungen experimentiert, dann wären wir hier sicherlich weiter.«
»Vielleicht genau der Punkt, um zu Ihnen zu kommen, Herr Berger. Selten hat es eine Partei in so kurzer Zeit geschafft, so viele Stimmen zu vereinen. In der ersten Bundestagswahl nach der Corona-Krise schoss Ihre Partei von null auf fünfzehn Prozent. Den neuesten Umfragen zufolge wäre jetzt mit viel Glück sogar eine absolute Mehrheit im Parlament möglich. Doch Ihre reißerische Wahlkampfkampagne in den sozialen Medien steht in der Kritik. Zulässige Wahlwerbung oder schon Manipulation?«
»Guten Tag auch von meiner Seite. Und ich muss sofort klarstellen: Unsere Kampagne zu verdächtigen, manipulativ zu sein, ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Wir kommunizieren einfach, knapp und gut verständlich. Das ist keine Manipulation, sondern unsere Fähigkeit, die Sprache der Bürger zu sprechen, anstatt sie von oben herab mit leeren oder unverständlichen Floskeln abzuspeisen.«
Jetzt, wo er das Interview noch einmal hörte, ärgerte sich Berger über den Vorwurf fast noch mehr. Warum wurde ihre Kommunikationsstrategie immer wieder angefeindet? Die Medien arbeiteten größtenteils ganz ähnlich. Denn wie hatte noch der Philosoph Karl Popper gesagt: »Was man nicht versteht, ist nicht.« Nicht erst seit heute musste man auf dem Niveau von Castingshows kommunizieren, um die Massen zu begeistern. »Sorry, deine Stimme ist scheiße. Aber du siehst geil aus. Und deine Story hat mich echt berührt. Daher willkommen im Recall.« Dass das die anderen Parteien nur sehr begrenzt begriffen hatten, war nicht sein Problem.
Zudem verdankten sie ihren Erfolg nicht allein ihrer Kommunikationsstrategie. Sie waren schlicht und einfach die einzige Partei, die mit einem Programm aufwarten konnte, das für den in Deutschland dringend notwendigen Wandel stand. Von der Wirtschaft wurden sie für ihre liberalen Standpunkte und Vorschläge zur Deregulierung immer nur gelobt. Die Idee, Europa in einen Norden und einen Süden zu zerschlagen, kam ebenfalls gut an, genauso wie auch ihre fundamentale Kritik an der Politik des offenen Geldhahns; Geld, das größtenteils in den korrupten Süden von Europa floss und dort in den durstigen Kehlen von Politikern und Lobbyisten versickerte.
»Es wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie sehr populistisch unterwegs sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Auch der Vorschlag einer sogenannten Kanzlerdemokratie wird sehr kritisch gesehen. Diesbezüglich wurden Sie in letzter Zeit sogar als ›moderner Möchtegerndiktator‹ bezeichnet.«
»Zunächst zum Punkt, dass wir es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen: Ich weiß, dass sich die Medien hier gerne die alleinige Deutungshoheit zuschreiben. Aber nicht mit uns. Und zum ›Möchtegerndiktator‹ – ich möchte Sie doch bitten, solche Vergleiche in Zukunft zu unterlassen. Eine Kanzlerdemokratie, wie wir sie fordern, ist keine Diktatur. Sie ist schlicht und einfach eine Weiterentwicklung unseres derzeitigen demokratischen Systems. Letztlich ist sie nichts anderes als eine Umsetzung von Führungsprinzipien, nach denen Demokratie schon in vielen Ländern gelebt wird.«
»Auch wenn wir jetzt ein wenig vom Thema abkommen, möchte ich doch kurz darauf eingehen. Sie wollen demokratische Gremien außer Kraft setzen, die gerichtliche Überprüfbarkeit von staatlichen Entscheidungen reduzieren und viele Mitspracherechte des Parlaments einschränken. Sie wollen insbesondere auch ein erweitertes Durchgriffsrecht des Kanzlers nicht nur im Kriegsfall. Das mag so manch einen von uns an ein sehr dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte erinnern.«
»Jetzt hören Sie doch bitte mit diesen Vergleichen auf! Sie machen sich ja lächerlich! Lassen Sie uns einfach bei den Fakten bleiben. Demokratische Prozesse sind gut und richtig. Ich liebe Diskussionen. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da müssen Entscheidungen gefällt und konsequent umgesetzt werden. Wenn ein Virus die Welt im Griff hat, dann ist das plötzlich möglich. Das haben wir aus der Corona-Krise gelernt. Doch anschließend sind alle Parteien – außer uns – wieder in ihren Dornröschenschlaf gefallen. Es kann nicht sein, dass wir den durch moderne Technologien geschaffenen Fortschritt, vor allem auch bezüglich einer schnelleren Umsetzbarkeit von Dingen, durch unsere politischen Prozesse immer wieder auf ein mittelalterliches Niveau zurücksetzen. Vor allem können wir uns das im internationalen Umfeld nicht mehr leisten. Ich möchte hier nicht wieder die vielen Beispiele bemühen, wie viele Autobahnen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und Flughäfen die Chinesen bauen, während wir gerade den nächsten Gerichtsprozess abwarten oder über den Brandschutz diskutieren. Lassen Sie uns ehrlich sein: Europa ist vergleichbar mit dem Römischen Reich. Selbst träumenden Nostalgikern muss klar sein, wo das alles endet: Wir werden von China überrannt. Und über unsere Arbeits- und Lebensbedingungen werden dann andere entscheiden. Wenn Ihnen das lieber ist – keiner zwingt Sie, mich zu wählen. Aber ich und meine Partei werden das niemals akzeptieren.«
»Aber Herr Berger …«
»Ich bin Demokrat, aus vollem Herzen. Ich liebe unser Land, unsere Werte. Waren die Kanzler und Politiker vor mir, die mit harter Hand regiert und dadurch einiges erreicht haben, Nazis oder Diktatoren? Natürlich nicht. Und was haben die Parteien erreicht, die versucht haben, politische Probleme basisdemokratisch mit Tausenden von Abstimmungsrunden und Diskussionen zu lösen? Manche von ihnen gibt es nicht mal mehr!«
»Demokratie braucht manchmal Zeit. Glauben Sie nicht, dass man die ein oder andere Diskussion benötigt, um sich einem Thema anzunähern?«
»Diskussion? Ja! Endlose Debatten? Ein entschiedenes Nein! Und wissen Sie, warum? Weil das, worauf man sich dann einigt, nicht mehr aktuell ist. Die Zeiten haben sich geändert. Wir sitzen nicht mehr auf einer Kutsche, sondern im Überschallflieger. ›Fail fast‹ heißt es in der Wirtschaft. Und das bedeutet, lieber schnell eine falsche Entscheidung treffen und aus ihr lernen als langsam eine richtige, die dann für den Markt nicht mehr relevant ist. Ich bin für eine Fehlerkultur in den Behörden, nicht eine Kultur, deren Hauptanliegen es ist, ja nicht den eigenen Beamtenstatus zu gefährden. Und wie ich schon sagte: Ich liebe Deutschland. Und ich glaube, wir können auf dieser Welt einiges bewirken … wenn wir wollen.«
Berger schaltete das Radio aus. Den Rest dieses höchst tendenziösen Interviews, in dem fast nur noch dieser alberne Professor zu Wort gekommen war, würde er sich nicht erneut antun. Zudem hatte er das Anwesen der Coppenfelds fast erreicht. Hinter ein paar Bäumen sah man es bereits durchblitzen, das kleine Schloss seines Studienfreundes. Nur noch die Kiesauffahrt, dann wäre er da.
4
Lena wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie keuchte, als hätte sie gerade einen Marathon hinter sich. Ihre Beine und ihr Rücken schmerzten. Vielleicht noch hundert Meter Wald, dann der brache, schneebedeckte Acker, und dann wären sie endlich bei den Tönnes.
Jean saß brav in seiner Kraxe und sagte kein Wort. Kinder können einen in den unmöglichsten Situationen in den Wahnsinn treiben, doch sie spüren auch, wenn es wirklich ernst wird.
Lena drehte sich um und lauschte. Kein lautes Rufen, keine knackenden Äste. Wenn die Männer sie überhaupt verfolgt hatten, mussten sie noch ein ganzes Stück hinter ihnen sein. Sie setzte ihren Weg in leicht reduziertem Tempo fort.
»Wann sind wir da?«
»Gleich«, schnaufte Lena.
Als sie den Acker erreicht hatten, blieb sie kurz stehen und sah sich erneut um. »Ab zum Hof«, sagte Lena mehr zu sich selbst als zu Jean. Dann rannte sie los.
Kurz darauf hatte sie die Scheune der Tönnes erreicht. Sie rannte um einen Haufen alter Bretter herum. Von dort aus suchte sie die Waldgrenze mit ihrem Fernglas nach Bewegungen ab.
Nichts.
Sie verließ ihre Deckung und ging um die Scheune. Mit großer Erleichterung stellte sie fest, dass Eckard Tönnes’ Toyota Land Cruiser vor dem Haus stand. Er schien zu Hause zu sein. Sie ging auf die Haustür zu, die eine Handbreit offen stand. Hier auf dem Land nahmen es die Leute – mit Ausnahme von ihr – mit dem Zuschließen von Türen nicht so genau. Doch Lena überkam ein ungutes Gefühl. Vorsichtig drückte sie die Tür ganz auf.
»Eckard? Sabine?«
Keine Antwort.
Lena lauschte. Irgendwo spielte Musik. Ein bekannter Schlager dudelte das Bild einer heilen Welt vor sich hin. Ansonsten war es still.
»Hallo! Jemand zu Hause?«
Wieder keine Antwort.
Sie betrat den breiten Flur. Ein paar Meter weiter stand eine kleine Kommode, auf der sich die Ladestation für ein mobiles Festnetztelefon befand. Doch das Telefon selbst war nicht zu sehen.
»Hallo?«
Sie machte einen Schritt in Richtung Wohnzimmertür, die direkt neben der Kommode vom Flur abging. Ihre Hand legte sich auf die Klinke und drückte sie langsam herunter. Dann schob sie vorsichtig die Tür auf.
Warme Luft strömte ihr entgegen. Wahrscheinlich war der Kachelofen an. Lena sah sich in dem mit alten Eichenmöbeln vollgestellten Zimmer um. Abgesehen von Tönnes’ Katze, die Lena verschlafen ansah, war niemand hier. Sie ging in den Raum hinein und suchte nach dem Telefon. Dann hörte sie Schritte im Flur.
»Eckard?« Sie drehte sich zur Tür um.
Ein fast zwei Meter großer Mann tauchte im Türrahmen auf. »Ja. Der Eckard.« Sein breites Gesicht wurde durch das freundliche Grinsen noch ein wenig breiter. Er hatte seinen alten, löchrigen Norwegerpulli an, den er eigentlich immer trug. Vielleicht hatte er aber auch mehrere davon. Seine störrischen grauen Haare waren voller Sägespäne. »Was verschafft mir die Ehre?«
»Ich muss dringend telefonieren!«, sagte Lena, der schon in dem Moment, als sie den Satz aussprach, bewusst wurde, wie seltsam das klingen musste.
Eckard sah Lena an, als hätte er sie nicht richtig verstanden. »Alles gut mit dir?«
Lena spürte, wie sich Jean in der Kraxe bewegte. »Hallo, Eckelhard!«
»Ach!« Er ging ein paar Schritte auf sie zu. »Und der kleine Räuber besucht mich auch mal wieder. Da hätte sich Sabine aber gefreut. Die ist dieses Wochenende mit ihrem Chor unterwegs.«
»Entschuldige, Eckard.« Auch wenn es ein wenig unhöflich war, Lena musste so schnell wie möglich Michael anrufen. »Wo ist dein Telefon? Ich erkläre dir alles später.«
Eckard zog sich ein paar Sägespäne vom Pullover. »Ihr Stadtmenschen!« Er schüttelte den Kopf. »Warum zieht ihr eigentlich aufs Land, wenn ihr hier so weitermacht wie vorher?« Er knuffte Jean in die Wange. »Stimmt’s, mein Junge?« Dann ging er zurück in den Flur. »Ich mach uns jetzt erst mal einen Kaffee. Und dann suche ich das Telefon. Keine Ahnung, wo das wieder rumliegt.«
»Eckard …« Lena wollte gerade dazu ansetzen, ihm alles zu erklären, da meinte sie Motorengeräusche zu hören. Sie spitzte die Ohren. Das Brummen eines Dieselmotors, das kurz darauf wieder verklang. Dann das leise Rollen von Schiebetüren.
»Noch mehr Besuch?«
Ohne auf Eckards Frage einzugehen, sah sich Lena hektisch um. Vom Wohnzimmer führte eine Tür zum benachbarten Esszimmer. »Ich bin nicht hier! Verstanden?« Eckard sah ihr verdutzt hinterher, wie sie zur Tür sprang und sie hinter sich zuzog. Vorsichtig legte sie ihr Ohr dagegen und horchte.
»Hallo?«, rief eine ihr unbekannte Stimme.
Sie hörte die schweren Schritte von Eckard, die sich in Richtung Haustür entfernten.
»Guten Tag.«
»Ist Frau Bondroit bei Ihnen?«
»Nein. Warum?« Eckard hielt sich zum Glück an ihre Bitte.
»Wir müssen sie dringend finden«, sagte eine andere Stimme. Wie Lena verwundert feststellte, war es die Stimme von Michael. Das meinte sie zumindest.
»Und wer sind Sie?« Das war wieder Eckard Tönnes.
Die Stimmen wurden leiser. Sosehr Lena auch ihr Ohr gegen die Tür presste, sie konnte nur einzelne Wortfetzen verstehen. Also öffnete sie vorsichtig die Tür zum Wohnzimmer und ging langsam hindurch in Richtung Flur.
»Was hat sie denn ausgefressen?«, hörte sie Eckard fragen.
Jetzt erschallte ein Lachen. Auch das von Michael.
5
»Jungs!« Coppenfeld holte so tief Luft, dass die Knöpfe seiner Weste spannten. Er trug einen seiner Glencheck-Anzüge, darunter ein weißes Hemd mit goldenen Manschettenknöpfen, auf denen das Familienwappen der von Coppenfelds eingraviert war. »Es gibt da etwas Unschönes, von dem ich euch berichten muss.«
Sie waren beim Hauptgang, einem Rehbraten mit diversen Beilagen, angelangt. Frederick von Coppenfeld – oder Coppi, wie sie ihren Freund gerne nannten – hatte sie, wie jedes Jahr an diesem Tag, zur Wildschweinjagd auf sein Schloss in Oberfranken eingeladen. Traditionell ging der Jagd ein üppiges Essen voraus. Es war ein lieb gewonnenes Ritual, mit dem sie ihre lange Freundschaft feierten, mit dem sich aber vor allem auch Coppenfeld für seine Kochkünste feiern ließ. Kochen war seit ein paar Jahren seine neue Religion und der Herd der Altar, auf dem er die erlesensten Jagd- und Importprodukte opferte. Wollte man es sich mit ihm nicht verscherzen, hielt man mit Kritik bezüglich seiner Kochkünste lieber hinterm Berg.
Scheidung, war der erste Gedanke, der Berger bei Coppenfelds Worten durch den Kopf schoss. Warum sonst diese theatralische Ankündigung? Die Ehe zwischen Coppenfeld und seiner Frau glich, soweit Berger wusste, schon seit Jahren nur noch einer Arbeitsgemeinschaft, die vergessen hatte, an welchem Projekt sie arbeitete. Oder vielleicht war das Projekt, das im Wesentlichen dem Ziel der Reproduktion zur Fortführung der Familienlinie sowie der Aggregation von Vermögen galt, auch einfach nur abgeschlossen.
»Ich setze auf eure absolute Vertraulichkeit.« Coppenfeld sah bedeutungsschwanger in die Runde.
Oder vielleicht eine schwere Krankheit?, überlegte Berger. Denn auch wenn es zwischen Coppenfeld und seiner Frau nicht mehr ganz rundlief, sie beide gehörten immerhin zum alten deutschen Adel, und der Adel ließ sich nicht einfach scheiden. Schließlich bedeutete eine Scheidung Vernichtung von Kapital, ein Umstand, den das Proletariat nicht zu scheuen schien, wenn es ihn überhaupt durchschaute, der dem entromantisierten Adel jedoch zutiefst zuwider war. Bevor man sich scheiden ließ, einigte man sich lieber auf außereheliche Experimente.
Coppenfeld atmete erneut tief durch. Er war derjenige gewesen, der nach dem Studium am längsten gebraucht hatte, eine gute Anstellung zu finden. Dank der hervorragenden politischen Kontakte seines Vaters, der ein hohes Tier im Innenministerium gewesen war, hatte er am Ende aber natürlich doch noch Karriere gemacht. Er hatte mehrere hohe Ämter in verschiedenen Ministerien durchlaufen und in unterschiedlichen Projektgruppen des Bundesinnenministeriums mitgearbeitet. Vor drei Jahren schließlich kam die Krönung: die Ernennung zum Präsidenten des Verfassungsschutzes.
»Es wird einen Anschlag geben«, verkündete Coppenfeld mit einem Gesichtsausdruck, als würde morgen die Welt untergehen. Trotz der hohen Vertraulichkeit seines Amtes ließ sich Coppenfeld immer wieder – und das sogar sehr gerne – dazu verleiten, aus dem Nähkästchen zu plaudern.
»O Gott!« Berger spielte den Erschrockenen. In der Regel berichtete Coppenfeld über die schmutzigen Hintergründe von Rücktritten von wichtigen Politikern oder Managern. Das hatte immer einen gewissen Unterhaltungswert. Aber ein Anschlag? Es gab ständig Anschläge. Wenn er nicht gerade ihm oder einem Atomkraftwerk galt, war es keine Nachricht, um die man so ein Aufsehen machen musste.
Berger sah zu Sebastian Saum. Im Gegensatz zu Coppenfeld, der in den letzten Jahren stark an Gewicht zugelegt hatte und an dessen roten Wangen man seinen hohen Blutdruck erkennen konnte, sah Saum immer noch ausgesprochen gut aus. Obwohl ebenfalls fast fünfzig, schien er kaum gealtert zu sein. Seine vollen, braunen Haare hatte er mithilfe von Gel oder Wachs wild durcheinandergewühlt. Das stand ihm erschreckend gut und verlieh seinem Gesicht etwas zusätzlich Jugendliches. Die enge, graue Chino saß perfekt, und auch das schwarze Hemd wölbte sich nicht an den kritischen Stellen. Er wirkte irgendwie … – Berger suchte nach dem richtigen Wort – … energetisch und … potent. Ja, potent, das war das Wort, nach dem er gesucht hatte, ein Attribut, das er anderen Männern nur ungern gönnte.
Saum hatte es vor allem mit Fleiß und Ellenbogen geschafft, sich in der weltweiten Top-Liga der Hedgefonds-Manager zu etablieren – einer neuen Generation von Investmentbankern, die es nicht nur mit Mehrheiten, sondern vor allem über psychologischen Druck auf das oberste Management und auf Regierungen schaffte, ihre Interessen durchzusetzen. Er hatte in der Corona-Krise ein goldenes Händchen bewiesen. Seitdem mischte er ganz oben mit, auch wenn es andere Manager gegeben hatte, die noch mehr »abgesahnt« hatten. Sein Jahresverdienst lag bei schlappen 1,7 Milliarden Euro. Auch ihn schien Coppenfelds Ankündigung nicht vom Hocker zu reißen.
Der Vierte im Bunde, Paul Wittkowski, wirkte hingegen ein wenig betroffen. Er sah neben dem dynamischen Saum wie ein ausgemusterter Buchhalter aus, dessen Dynamik sich auf die PS seines Autos beschränkte. Wegen des leicht schiefen Mundes hatten sie ihm früher immer eine Hasenscharte nachgesagt, die er aber gar nicht hatte. Vorsichtig ausgedrückt: Es gab Menschen mit einem einnehmenderen Äußeren. Auch ihn hatte Berger an der London School of Economics kennengelernt. Er war damals schon ein brillanter Computernerd und Mathematiker gewesen, weitaus fähiger als viele seiner Kommilitonen, und hatte Coppenfeld aus der Patsche geholfen. Jetzt arbeitete er für eine der größten deutschen Banken als Quant und erstellte Modelle, von denen Risikoabschätzungen und Investitionsentscheidungen abhingen. Er betonte häufig, das Zünglein an der Waage zu sein, was Berger jedoch für eher fraglich hielt.
»Drei Tage vor der Wahl!«, ergänzte Coppenfeld mit aufgerissenen Augen.
»Bitte?« Berger verschluckte sich am Wein. Das war natürlich direkt eine ganz andere Sache. Seine Gedanken galten sofort den möglichen Auswirkungen für ihn und seine Partei, der auch Wittkowski und Saum angehörten. Coppenfeld war auf Anraten seines Vaters offiziell parteilos geblieben, stand ihnen jedoch sehr nahe. »Geht es ein wenig konkreter?«, fragte Berger. »Wer? Wo? Und warum so kurz vor der Wahl? Zufall?«
»Ausgeführt werden soll der Anschlag von einem der großen Araber-Clans in Berlin.« Coppenfeld schob sich sein letztes Stück Fleisch in den Mund. »Dem Aziz-Clan. Gesteuert oder zumindest unterstützt wird das aber vermutlich alles von den Saudis. Es geht um die Ermordung von Journalisten, die sich kritisch gegenüber den Saudis und Clanleuten geäußert haben. Drei Tage vor der Wahl findet eine internationale Journalistenkonferenz in Berlin statt. Vier der Teilnehmer haben von dem Clan bereits Morddrohungen erhalten. Da scheint es ein paar offene Rechnungen zu geben.«
Verrückte Muslime, die einen Anschlag verübten? Bergers Gedanken waren direkt wieder bei der Wahl. Das Thema seiner Partei im Wahlkampf war eigentlich nicht das elende, spaltende Thema »Ausländer raus! Grenzen zu!« gewesen. Dafür stand die »Partei der Heimatverbundenen«, der ein solcher Anschlag kurz vor der Wahl zweifelsohne in die Karten spielen würde. Sie war mit ihren rhetorischen Grenzüberschreitungen, billigen Hetzereien und einfachen Schuldzuweisungen einige Jahre lang bei einer bestimmten Wählerklientel nicht unerfolgreich gewesen. Zum Glück für die anderen Parteien hatte sie jedoch seit gut einem Jahr ein Plateau erreicht, von dem es nicht mehr aufwärtsging. Ein Anschlag allerdings würde dieser Partei neuen Aufwind geben, und das, wie die Vergangenheit immer wieder zeigte, auch aus der unzufriedenen Mitte der Gesellschaft. Bei seinen Wählern.
»So ein Mist«, murmelte Berger.
»Kann man wohl sagen«, pflichtete ihm Coppenfeld bei. »Wir alle wissen, wer von so einem Anschlag profitieren würde.«
»Ganz genau.« Jetzt, wo er gedanklich die Stimmenverteilung durchspielte, verging Berger auch noch der Rest seiner guten Laune. »Laut aktueller Umfragen sind fünfzig Prozent aller Wähler noch unentschlossen. Die werden sich dann spontan aufgrund der Ereignisse der letzten Tage vor der Wahl entscheiden. Weiter zurück können die meisten von denen eh nicht denken. Ein größerer Anschlag von einem muslimischen Clan! Da würde selbst ich mir überlegen, die PdH zu wählen.«
»Ich nehme an, die Beweislage ist zu dünn, um diese Clanmenschen präventiv einzubuchten?«, fragte Saum.
»Exakt«, gab ihm Coppenfeld recht. »Auch erste Vernehmungen haben nichts ergeben. Zudem reden wir hier über den Aziz-Clan. Das sind mehr als hundert Leute. Schneid einen Kopf ab, und es wachsen zwei neue nach.«
Es wurde wieder still am Tisch. Jeder schien nachzudenken.
Was für eine verdammte Scheiße! Berger betrachtete das letzte Stück Rehbraten auf seinem Teller. Neben der guten Laune war ihm nun auch der Appetit vergangen. Er hatte einen glänzenden Wahlkampf hingelegt. Und jetzt das! Der Wahlkampf war ein Marathon, das zeigte sich immer wieder. Wer anfangs zu schnell loslief, der schaffte es kaum bis zur Ziellinie. Gut war der beraten, der am Ende noch genug Reserven oder ein Ass im Ärmel hatte, um seine Widersacher auf den letzten Kilometern zu überholen. Doch dieses Ass spielte das Schicksal gerade der PdH zu.
»Wie wäre es, wenn wir der PdH einfach ein paar Slogans klauen und uns auch gegen Ausländer positionieren?«, schlug Wittkowski vor.
»Bullshit!«, raunzte Saum. Er schien nicht mal darüber nachdenken zu wollen. »Wir bleiben bei unseren Themen: Mehr freie Marktwirtschaft. Weniger Sozialstaat. Agilität. Abbau von Verwaltung. Mehr Macht für den Kanzler.«
»Moment!« Wittkowski wirkte beleidigt. »Was spricht denn gegen ein paar Statements gegen die Zuwanderung? Nach so einem Anschlag werden die Wähler unsere wirtschaftspolitischen Vorschläge nicht die Bohne interessieren. Warum sie nicht da packen, wo wir sie kriegen?«
»Witti!« Saum rollte mit den Augen. »Denk doch mal nach, bevor du sprichst. Ausländerraus-Parolen? Damit wir unser Programm verwässern und zwei Wochen vor der Wahl am Ende noch einen innerparteilichen Streit auslösen? Totaler Bullshit!«
Wittkowski duckte sich, als hätte ihm Saum nicht nur verbal eine Ohrfeige verpasst. Berger wusste, dass ihm Kritik von Saum besonderes zusetzte. Von Anfang an war es Wittkowski gewesen, der Saum am meisten bewundert hatte – dessen selbstbewusstes Auftreten, die lockere Art, mit der er mit Frauen umging, die Fähigkeit, schnell Entscheidungen zu fällen.
»Ich meine ja nur.«
»Und er hat nicht unrecht«, sprang ihm Berger zur Seite, den es ein wenig ärgerte, wie schnell Saum Wittkowskis Vorschlag unter den Tisch kehren wollte.
»Guys!« Saum erhob beide Arme wie ein Priester, der seine Gemeinde segnete. »Keep calm, keep cool! Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Ein Anschlag auf ein paar von der Lügenpresse – so what? Wichtig ist jetzt nur eins: dass wir der Welt zeigen, dass wir die einzige Partei sind, die einen schnellen Umbau von Deutschland hinbekommt, bevor uns die Tataren und Hunnen aus dem Osten komplett überrennen. Vertraut mir.«
»Ich weiß nicht …« Berger war alles andere als überzeugt. »Wir sind so nah dran. Und wir haben diesen Wissensvorsprung. Sollten wir den nicht zu unseren Gunsten nutzen?«
Saum wandte sich an Coppenfeld. »Sag mal! Bekommt ihr das denn nicht mehr unter Kontrolle?« In seiner Frage schwang mit, was er vom Verfassungsschutz hielt. Genau genommen gar nichts. Er hatte Coppenfeld mal vorgeworfen, dass der Verfassungsschutz über das wirkliche Ausmaß von Verbrechen so viel wusste wie ein Arzt, der versuchte mit einem Zungenspatel Magenkrebs zu diagnostizieren.
»Wir sind dran, keine Frage. Mit absolutem Hochdruck. Das Problem ist nur …« Coppenfeld tupfte sich mit einer Serviette seine speckigen Lippen sauber, »… dass präventive Eingriffe in unserem Rechtsstaat nur bedingt zulässig sind. Ihr kennt das Problem. Ohne Beweise sind sogar mir die Hände gebunden. Zudem rennt uns die Zeit davon.« Ob wirklich frustriert über seine beschränkten Möglichkeiten oder nur um vor ihnen zu betonen, was für ein »harter Hund« er doch eigentlich war, schlug Coppenfeld mit der Faust energisch auf den Tisch.
»Macht sie nervös. Gebt ihnen das Gefühl, dass ihr sie auf Schritt und Tritt beobachtet. Dann geben sie ihre Pläne schon auf«, schlug Saum vor.
»Ach!« Coppenfelds Miene versteifte sich. Sein Gesicht wurde eine Nuance dunkelroter, und sein Hals schwoll an. »Für wie doof hältst du uns eigentlich?«
»Alles gut, mein Lieber.« Saum klopfte seinem Freund auf die Schulter. Dann wandte er sich zufrieden an Berger. »Siehst du. Coppi ist dran. Mach dir keinen Kopf. Jetzt die Strategie zu wechseln wäre der falsche Schritt. Trust me. Never change a winning horse! Du musst auch an die negativen Folgen denken. Sollte es am Ende doch keinen Anschlag geben, dann haben wir es uns unnötig mit bestimmten Wählern verdorben. Das mit der Kanzlerdemokratie ist sowieso schon eine Gratwanderung.«
Saum hatte nicht unrecht. Trotzdem verstand Berger nicht, wie er so gelassen bleiben konnte. Obwohl Saum die Partei mitgegründet hatte, hatte Berger zunehmend das Gefühl, dass er das Interesse an der Politik verlor. Saums Spielfeld waren nur noch die internationalen Finanzmärkte.
»Alles wird gut!« Saum legte sein Besteck zur Seite. »Trust daddy.« Er hob sein Weinglas. »So Jungs. Und jetzt bitte wieder gute Laune. And no dilly-dally. Wir wollen schließlich heute noch ein paar Wildschweine erlegen!«
»Stimmt.« Wittkowski war der Erste, der Saum lachend zuprostete. Auch für ihn schien das Problem gelöst. So war es schon immer gewesen: Wenn Saum entschied, dass alles gut werden würde, dann wurde es gut. Er war ein charismatischer Gewinnertyp, den man – trotz eines gewissen Neides – bewunderte und dem man zutraute, das Ruder in die richtige Richtung zu reißen. Nur kannte er sich dieses Mal leider nicht mit dem Schiff aus, das er segeln wollte. Und der Steuermann hieß eigentlich Berger.
6
Es war, kurz nachdem die Dotcom-Blase im Jahr 2002 geplatzt war. Sie studierten im zweiten Jahr Wirtschaft an der London School of Economics. Obwohl in ihren Interessen und Persönlichkeiten durchaus unterschiedlich, hatten sie sich aufgrund ihrer deutschen Herkunft sofort angefreundet. Die gemeinsame Sprache und Kultur verband. Doch weder die Herkunft noch die Sprache waren es am Ende, die aus ihnen einen Bund fürs Leben schmieden sollten.
Berger erinnerte sich an den Abend, an dem ihnen Coppenfeld seine Misere gestand, als wäre es gestern gewesen. Während er, Saum und Wittkowski zur Finanzierung des Studiums üppige monatliche Zuwendungen von ihren Eltern erhielten, stand Coppenfeld eine nicht unbeträchtliche Summe aus einem Treuhandfonds zur eigenen Verwaltung zur Verfügung, mit der er die Jahre in London auskommen sollte. Dem recht streng erzogenen Coppenfeld, der seine neuen Freiheiten in vollen Zügen genoss, war jedoch recht bald klar geworden, dass ihm das von seiner Familie überlassene Geld nicht auf Dauer für seinen Lebensstil ausreichen würde. So verdiente er sich ein zusätzliches »Taschengeld« mit spekulativen Geschäften an der Börse. Alles lief optimal – bis die Dotcom-Blase platzte.
»So eine verdammte Scheiße!«, jammerte Coppenfeld. »Ich bin komplett am Arsch. Selbst wenn ich ab jetzt nur noch in meinem Zimmer rumhänge und meinen Kopf in die Bücher stecke, habe ich in vier Monaten keinen Cent mehr.«
»Ruf deine Eltern an«, schlug Wittkowski vor. »Sie werden vielleicht nicht begeistert sein. Aber am Ende werden sie dich nicht hängen lassen.«
»Das meinst du!«, jammerte Coppenfeld weiter und riss sich vor Verzweiflung fast die Haare aus. »Mein Vater duldet keine Fehler, und schon gar nichts, was nicht seinem konservativen Weltbild entspricht. Er holt mich sofort nach Hause. Und das war’s dann mit London, Party und der LSE.«
»Gibt Schlimmeres«, gab Wittkowski zu bedenken.
Coppenfeld sah ihn entgeistert an. »Wieder zu Hause einziehen? Was soll es denn da bitte schön Schlimmeres geben?!«
Um ihren Freund auf andere Gedanken zu bringen, gingen sie später in einen Club. Doch das stürzte Coppenfeld in eine noch viel größere Krise, da ihm immer bewusster wurde, auf was er bald würde verzichten müssen.
»Was hältst du davon, wenn du dir das Geld einfach an der Börse zurückholst?«
Wittkowskis Vorschlag kam wie aus dem Nichts. Es war bereits früher Morgen, sie lagen gemeinsam auf einer tiefen Ledercouch des Clubs und warteten darauf, rausgeschmissen zu werden. Coppenfelds Problem war eigentlich schon lange nicht mehr ihr Thema gewesen.
»Sehr witzig«, lallte Coppenfeld. »Mit dem bisschen Rest, das noch übrig ist? Um das am Ende auch noch zu verlieren? Dann holt mich mein Alter nicht nur nach Hause, sondern enterbt mich.«
Berger und Saum reagierten erst gar nicht. In der Regel waren Wittkowskis Ideen nicht gerade die besten, schon gar nicht um diese Uhrzeit.
»Nein. Keine Spekulation. Dieses Mal sicheres Investment!«
Keiner reagierte.
»Einer meiner Kumpels aus dem Computerclub hatte da neulich so eine Idee. Ein wenig verrückt, aber ich glaube, sie könnte funktionieren. Und die Sache ist nicht mal illegal.«
»Und warum macht er es dann nicht selbst?«, warf Coppenfeld mit glasigen Augen ein.
»Weil er anders ist. Geld interessiert ihn nicht.«
»So ein Quatsch.«
Alle lachten, außer Wittkowski.
»Es ist so. Vielleicht fehlt ihm auch einfach das nötige Kleingeld.«
Drei komplett betrunkene Mädchen torkelten an ihnen vorbei. Einfache Beute. Wittkowskis Idee war damit erst mal vom Tisch. Doch schon am nächsten Abend präsentierte er sie ihnen erneut. Diesmal gelang es ihm, ihre ungebrochene Aufmerksamkeit zu erlangen.
Berger hatte nie so ganz verstanden, wie das, was Wittkowski vorgeschlagen hatte, wirklich funktionierte. Am Ende ging es um einen Informationsvorteil von Millisekunden, den man mithilfe von speziellen Programmen zur Platzierung von eigenen Ordern nutzen konnte. Voraussetzung für diesen Informationsvorteil war der elektronische Handel an der Börse, der in London bereits wenige Jahre nach dem sogenannten Big Bang von 1986 eingeführt worden war. Wittkowskis Plan beruhte auf der einfachen Logik, dass die Informationen an der Börse im elektronischen Handel nicht mehr über klassische Makler, sondern über ein Netz geteilt wurden. Und dieses Netz hatte nicht unbedingt an allen Stellen dieselbe Geschwindigkeit. Anleger, die einen schnellen Rechner und noch dazu schnellen Internetzugang hatten, konnten diesen Informationsvorteil nutzen, um den Börsenkurs leicht zu manipulieren und sich zwischen einzelne Geschäfte zu schalten. Die Margen waren zwar nicht hoch, dafür aber zu hundert Prozent sicher, da es immer einen Abnehmer gab, den man durch den Informationsvorsprung bereits kannte. Und spielte man mit genug Geld, dann addierten sich die geringen Margen zu beträchtlichen Summen.
Über seine Kontakte besorgte Wittkowski den Zugang zu drei der schnellsten Rechner der Universität, mit für damalige Verhältnisse hervorragenden Internetzugängen, sowie die entsprechenden Tradingprogramme. Saum und Berger steuerten das nötige »Kleingeld« aus ihren eigenen Vorräten bei. Dann begann das, was die Jungs später als ihre erste »wirkliche Arbeit« bezeichneten. Für rund einen Monat saßen sie von morgens bis abends an der Universität und handelten. Ein Monat, in dem sie jeden Abend fix und fertig ins Bett fielen. Ein Monat, in dem sie kaum aßen. Ein Monat ohne Alkohol. Doch nach diesem Monat hatten sie Coppenfelds gesamtes verspekuliertes Kapital wieder im Kasten – und sogar noch einiges mehr.
Die anschließende Feier artete komplett aus. Saum hatte in einem Umfang Kokain besorgt, mit dem man zehn Elefanten den Todesschuss hätte geben können, Wittkowski guten Whiskey. Zudem hatte Saum »zur Feier des Tages« ein Zimmer in einem Londoner Vorstadthotel gebucht, in dem er eine kleine »Überraschungsparty« organisiert hatte. Jeder, der Saum kannte, wusste, dass seine Überraschungen fast immer mit willigen oder bezahlten Frauen zu tun hatten. Die Vorfreude war entsprechend.
Jeder zog eine oder auch zwei Lines. Dann stiegen sie in den extra für diesen Anlass gemieteten Sportwagen und brausten los. Coppenfeld saß am Steuer. Noch nie hatte ihn Berger so euphorisch erlebt. Das Radio lief auf voller Lautstärke. Je näher sie dem Hotel kamen, umso ausgelassener wurde die Stimmung.
»Gib Gas, Coppi! No dilly-dally!«, brüllte Saum gegen die Musik an. »Wer hat noch nicht, wer will noch mal?« Er saß neben Berger auf dem Rücksitz und versuchte sich gerade noch eine Line zu legen.
Berger wollte es nicht übertreiben. Wittkowski hingegen war ganz heiß darauf. »Her damit! Her damit!«
»Hau du dafür mal den Whiskey nach hinten.«
Wittkowski gab ihm die Flasche. Alle hatten sie schon ziemlich einen intus, außer Coppenfeld.
»Es dankt!«, johlte Saum und nahm direkt einen ordentlichen Schluck.
Sie grölten gemeinsam zu der Musik aus dem Radio.
»Achtung!«, brüllte Wittkowski durch das Auto. Trotz seines Zustands war er der Erste, der sie bemerkte. Die Frau torkelte halb auf der Straße, die an dieser Stelle keinen Bürgersteig hatte. Sie schien betrunken – oder einfach nur sehr alt.
Coppenfeld reagierte sofort. Er riss das Steuer herum. Durch sein abruptes Manöver geriet der Wagen allerdings ins Schleudern. Während er versuchte, den Wagen durch ein Gegenmanöver wieder unter Kontrolle zu bekommen, flog Saums Kreditkarte mit dem Kokain durch den Wagen. Dann gab es einen dumpfen Schlag. Coppenfeld brachte den Wagen zum Stehen. Alle sahen sie nach hinten. Die Frau lag reglos auf der Straße. Ihre Gliedmaßen wirkten seltsam verdreht.
»Fuck.« Coppenfeld schlug immer wieder mit beiden Händen aufs Steuer. »Fuck, fuck, fuck!«
Berger öffnete die Tür. Noch bevor er aussteigen konnte, hielt ihn Saum zurück.
»Bist du verrückt!«, fuhr er ihn an, ehe Berger auch nur einen Fuß auf die Straße setzen konnte. »Sofort wieder Tür zu!«
»Warum?«
»Weil wir keine Spuren hinterlassen werden.« Er wandte sich an Coppenfeld. »Fahr weiter!«
»Aber …«
»Nichts aber! Willst du in den Knast?«
Sie fuhren nicht mehr in das gebuchte Vorstadthotel, sondern in eine kleine unscheinbare Absteige am anderen Ende von London. Erst dort untersuchten sie den Wagen, der, abgesehen von einer Beule auf der Beifahrerseite und einem zerbrochenen Scheinwerfer, nicht sonderlich unter dem Unfall gelitten hatte. Während Berger, Wittkowski und Coppenfeld komplett unfähig waren, Entscheidungen zu treffen, war Saum zu Hochform aufgelaufen. Er hatte vorgegeben, welche Straßen sie nutzen sollten, und zeigte Coppenfeld, wo er den Wagen über Nacht am besten abstellte. Am nächsten Morgen hatte er schon vor dem Frühstück in Erfahrung gebracht, wo sich die nächste Waschanlage befand. Er übernahm jetzt das Steuer. Und er war es auch, der der Mietwagenfirma meldete, dass der Wagen gestohlen worden war. Wo er den Wagen am Ende verschwinden ließ, hatte er ihnen bis zum heutigen Tag verschwiegen.
Keiner hatte gewollt, was passiert war. Doch wegen dieses Vorfalls ihre komplette Zukunft aufs Spiel setzen? Außerdem waren sie sich einig, dass die Frau nicht unschuldig gewesen war. Was torkelte sie nachts am Straßenrand herum! So empfanden sie ihre Tat mit der Zeit durchaus entschuldbar, schließlich hätte ein Geständnis die Frau nicht mehr lebendig gemacht. Und wie jedes schlechte Erlebnis hatte auch dieses seine gute Seite: eine lebenslange, unzertrennliche Freundschaft.
7
Das Licht in dem fensterlosen Raum war stark gedimmt. Die Wände bestanden aus unverputztem Beton. An ihnen hingen vier riesige Monitore und dazu ein durchsichtiges belichtetes Whiteboard, auf das mit Neon-Markern ein Flussdiagramm aufgezeichnet war. In der Mitte des Zimmers stand ein langer Besprechungstisch, an dem zehn Personen Platz finden konnten, jedoch nur drei saßen: zwei Männer, eine Frau.
Der Mann, der in der Mitte saß, stand jetzt auf und ging langsam auf sie zu. Jetzt erst erkannte sie ihn wieder. Er war älter geworden, sah aus wie gute sechzig, obwohl Lena wusste, dass er jünger war. Seine vollschlanke Statur hatte sich nicht groß verändert sowie auch sein Haarschnitt, wenn man Haare mit der durchgehenden Länge von einem Zentimeter als solchen bezeichnen wollte. Nur waren sie jetzt grau.
»Lena Bondroit und die Sonne geht auf!«
Es wurde etwas heller. Jemand musste an dem Dimmer für die Deckenbeleuchtung gedreht haben.
»Herr Ewald.«
Er sah aus, als könnte er dringend etwas Schlaf gebrauchen. Sie hatte Ewald vor sechs Jahren im Rahmen von ziemlich brisanten Ermittlungen kennengelernt. Es ging um ein internationales Komplott, das bis in höchste politische Kreise reichte und das Ewald schließlich mit ihrer Hilfe aufdecken konnte. Und genau das, befürchtete sie, holte sie jetzt wieder ein. Aufgrund seines Ermittlungserfolges hatte man Ewald damals zum Präsidenten des Verfassungsschutzes befördert. Sie hatten nicht wirklich engen Kontakt gehalten, doch Ewald schickte ihr jedes Jahr zu Weihnachten eine Karte, für die sich Lena anschließend in einem Telefonat bedankte. Ein jährliches Ritual, das sich zwischen ihnen eingespielt hatte. Vor drei Jahren hatte sie von ihm erfahren, dass er aufgrund eines Patzers, so unbedeutend er auch gewesen sein mochte, hatte zurücktreten müssen. Seitdem war er für eine neue Abteilung zuständig, die sich mit Terrorakten im Inneren beschäftigte und in Berlin am Treptower Park angesiedelt war. Lenas Ansicht nach war diese »Degradierung«, wie es Ewald damals wutentbrannt bezeichnet hatte, zwar hierarchisch gesehen ein Rückschritt. Allein auf den Tätigkeitsbereich bezogen sah sie darin aber eine Entwicklung, die seinen Fähigkeiten viel gerechter wurde. Ewald war kein politisch, geschweige denn rhetorisch oder strategisch geschickter Mensch. Dafür hatte er ein Händchen dafür, in kniffligen Fällen mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden Verbrechern das Handwerk zu legen.
»Was soll das alles? Geht es um die Geschichte von damals?« Noch immer hatte man Lena nicht darüber aufgeklärt, was der Verfassungsschutz von ihr wollte und warum man sie an einem Sonntag von zu Hause abgeholt und hierhergebracht hatte. Nur dass ein gewisser Herr Ewald sie umgehend in Berlin sprechen wolle, das hatte man ihr verraten.
Ewald lachte laut los. »Nicht Ihr Ernst?«
»Mein voller Ernst«, korrigierte Lena. »Und was gibt es da so blöd zu lachen?« Es ärgerte sie, dass Ewald ihre Bedenken nicht ernst nahm. Um was sollte es schließlich sonst gehen?
Ewald stellte sein Lachen ein. »Na ja. Das Ganze ist eine Ewigkeit her!« Er wandte sich an seine Kollegen. »Wie Sie wissen, kenne ich Frau Bondroit bereits aus einem früheren Fall.« Ewald sah zu ihr zurück. »Entschuldigung, Frau Bondroit.« Er mimte einen zerknirschten Gesichtsausdruck. Dass er wirkliches Mitleid empfand, nahm ihm Lena nicht ab, dazu kannte sie ihn zu gut. Die einzige Person, für die Ewald Mitleid empfinden konnte, war er selbst. »Für mich klingen Ihre Bedenken ein wenig paranoid. Aber wenn ich Sie erschreckt habe, dann tut mir das ausgesprochen leid.«
»Paranoid?«, fragte Lena ungläubig. Auch die Art, wie er das Wort »ausgesprochen« betont hatte, zeigte Lena, dass er ihre Angst nicht ernst nahm. »Da tauchen zwei bewaffnete Beamte vom Verfassungsschutz unangekündigt bei mir auf! Entschuldigen Sie, Herr Ewald! Für Sie mag das der Normalfall sein. Für mich nicht! Sie hätten mich persönlich abholen können oder zumindest anrufen und vorwarnen.«
»Ist ja gut!« Ewald hob beschwichtigend die Hände. »Ich habe verstanden. Es ist nur so: Für diesen Fall gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Was wir besprechen, bereden wir am liebsten in abhörsicheren Räumen wie diesem hier.«
Er zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und bot Lena den Platz an. Dann zeigte er auf die Frau und den Mann, die am Ende des Tischs saßen. »Übrigens, nur der Vollständigkeit halber, zwei meiner Mitarbeiter. Ignorieren Sie sie einfach. Die sitzen nur hier, weil ich später keine Lust habe, den Wiederkäuer zu spielen.« Er lachte dreckig.
Lena nickte den beiden zu. Es handelte sich um einen Mann um die dreißig, der aussah, als würde er eigentlich lieber auf Bali am Strand mit einem Surfbrett in der Hand rumhängen als hier im halbdunklen Raum, und eine Frau um die fünfzig, die in ihrem grauen Hosenanzug, mit der Mireille-Mathieu-Frisur, den leicht herausstehenden Augen, die auf eine Schilddrüsenfehlfunktion hindeuteten, und dem blassen Teint sicherlich eine gute Chance gehabt hätte, als Klischee-Stasi-Mitarbeiterin fürs Kino gecastet zu werden. Beide nickten freundlich zurück. Dann setzte sie sich.
»Um was geht es denn?« Lena konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was es Geheimes mit ihr zu besprechen gab, wenn es nicht um die Geschichte von damals ging.
»Die kurze oder lange Version?«
»Die kurze, wenn es geht«, bat Lena. »Wir haben Wochenende, es ist Sonntag. Mein Sohn Jean und ich haben heute Morgen Wölfe beobachtet. Wahrscheinlich erzählt er meinem Mann gerade von diesem Erlebnis. Und ich bin nicht dabei.«
»Verstehe.« Ewald räusperte sich. »Zum Thema und direkt zum Punkt: Es gilt einen Anschlag zu verhindern. Der Anschlag soll von einem libanesischen Clan verübt werden, an dessen Spitze Vahid Aziz steht. Sie kennen ihn bestimmt aus den Nachrichten. Er wird immer mal wieder im Zusammenhang mit Drogengeschäften und Bandenkriegen erwähnt. Zuletzt wurde in den Medien die Beschlagnahmung mehrerer seiner Immobilien gefordert, die er wahrscheinlich mit gewaschenem Geld gekauft und mit ungewaschenem renoviert hat. Hier lässt sich aber nichts beweisen. Außerdem hat er die schon wieder verkauft«, erklärte Ewald weiter. »Seit Jahren versuchen wir, diesen Clan mit V-Leuten und verdeckten Ermittlern zu unterwandern. Leider eher erfolglos. Den letzten V-Mann, den die Kollegen von der Drogenfahndung aus seinem inneren Kreis für sich gewinnen konnten, fanden wir vor einigen Wochen tot auf der Toilette einer Diskothek. Details erspare ich Ihnen.« Ewald sah zu dem Sunnyboy, der den Blickkontakt mit ihm zu meiden versuchte. »Eine der letzten Informationen von dem verstorbenen V-Mann war, dass größere Mengen Sprengstoff beschafft werden sollten«, setzte Ewald fort. »Und dann konnten wir vor drei Wochen folgendes Telefonat abfangen.« Er drückte auf einen Knopf, und auf einem der riesigen Fernseher erschien ein gekürztes Abhörprotokoll. Unter dem Datum war vermerkt, dass es sich um eine Übersetzung handelte.
Ewald gab Lena etwas Zeit, sich die Zeilen durchzulesen.
NI: »Alles abgewickelt?«
V. Aziz: »Natürlich. Danke! Am 17. Januar dann …«
NI (unterbricht ihn): »Nicht am Telefon!«
V. Aziz: »Alles klar.«
NI: »Ich melde mich.«
V. Aziz: »Inshallah.«
NI: »Inshallah.«
»›NI‹ bedeutet übrigens ›not identified‹«, erklärte die Dame mit dem Pagenschnitt. »Aber wir glauben zu wissen, wer hier mit Aziz gesprochen hat. Ein gut vernetzter arabischer Finanzberater namens Issam bin Hisham Al-Tayer, auch genannt ›die Fliege‹. Er berät die halbe arabische Welt in Finanzdingen, deswegen wahrscheinlich dieser Spitzname. Er geht unter anderem beim saudischen König aus und ein, hat aber auch gute Kontakte nach Israel und in den Westen. Die CIA vermutet, dass er seine Kontakte nicht nur in Finanzangelegenheiten nutzt. Beweise dafür gibt es aber nicht. Vielleicht ist er den Amerikanern auch aus anderen Gründen ein Dorn im Auge, das kann man leider nie so genau wissen. Aziz und ›die Fliege‹ kennen sich über ihre Kinder. Eine Tochter von Vahid Aziz ist mit dem dritten Sohn von Issam liiert. Sie haben sich in Berlin kennengelernt. Issams Sohn studiert hier Betriebswirtschaftslehre. Er …«
»Ist ja gut«, fuhr Ewald seiner Kollegin ins Wort. »So weit müssen wir für Frau Bondroit jetzt wirklich nicht ausholen. ›Die Fliege‹ ist außerdem gerade nicht unser Thema. Dass wir vor dem Anschlag noch an die Hintermänner kommen, ist nämlich leider nahezu ausgeschlossen. Bis zum 17. Januar sind es schließlich keine zwei Wochen mehr. Wir sollten uns daher primär auf die Vereitelung des Anschlags konzentrieren. Bislang haben wir dazu nur sehr wenige Informationen. Der Clan hält sich seit ein paar Wochen bedeckt wie nie, kein Fehltritt, keine Auffälligkeit, alles brave Buben, wie sie im Buche stehen. Es ist zum Verrücktwerden!« Er zeigte auf den Bildschirm. »17. Januar. An dem Tag findet ein großer Journalistenkongress statt. Wir nehmen an, dass sie deshalb diesen Tag gewählt haben. Der Clan, aber vor allem auch die saudische Krone haben hier noch Rechnungen offen – Sie wissen schon, schlechte Presse, angeblich Verleugnung und Propaganda, das Übliche. Unsere Aufgabe ist es, den Anschlag zu verhindern. Wir konzentrieren uns daher auf den Aziz-Clan.« Er sah mit süffisantem Blick zu seiner Kollegin. »Und um ›die Fliege‹ sollen sich mal schön die braun gebrannten Kollegen vom Auslandsdienst kümmern. Was die für Budgets …«
»Moment«, bremste Lena Ewald, denn die für sie wichtigste Frage hatte er immer noch nicht beantwortet. »Und weswegen bin ich jetzt hier? Ich bin Biologin, Verhaltensforscherin. Ich kenne mich weder mit Clans noch im Drogenmilieu oder mit Anschlägen aus.«
Ewald nahm einen Kugelschreiber vom Tisch und zeigte damit auf sie. »Sie erinnern sich noch an unser Telefonat an Weihnachten?«
»Natürlich. Ich habe mich für Ihre nette Karte bedankt.«
»Genau. Und Sie erzählten mir von ihrem neuesten Forschungsprojekt. Sie haben ja inzwischen von Ameisen auf Wölfe umgesattelt, genauer gesagt auf die Beobachtung von Wolfsrudeln. Bei den Ameisen ging es ihnen darum, das System Staat besser zu verstehen. Dieses Mal geht es ihnen um Familienstrukturen, also auch wieder ein System, nur ein sehr viel kleineres, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Ihrer Ansicht nach hat sich diesbezüglich in der Forschung in den letzten Jahren wenig getan. Sie wollen unter anderem besser verstehen, wie Wölfe miteinander kommunizieren und was sie zusammenhält. Vor allem das Thema Rituale hat es Ihnen angetan. So weit noch alles richtig?«
»Ja, das stimmt.« Das Gespräch mit Ewald hatte ihr viel Freude bereitet, da er an ihren Ansichten aufrichtig interessiert schien. Sie wandte sich an Ewalds Mitarbeiter. »Ich bin Verhaltensforscherin und ein großer Freund der Ethologie, also der vergleichenden Verhaltensforschung. Auch wenn sich mein Projekt auf Wölfe beschränkt, erhoffe ich mir von diesen Beobachtungen neue Antworten auf die Frage, was den Gruppenverband einer Familie ausmacht, wie Herr Ewald schon sagte, was sie zusammenhält oder auch auseinandertreibt. Familienstrukturen sind ein biologisches Phänomen gegenüber anderen Verbänden wie Herden oder Staaten. Das Zusammenleben in einer Familie hat viele evolutive Vorteile. Letztlich geht es mir um klassische Grundlagenforschung. Da ich das Familiensystem an sich analysiere, könnten bestimmte Rückschlüsse durchaus auch für uns Menschen interessant sein.«
»Ganz genau«, sagte Ewald. »Und daran wollte ich anknüpfen. Sie sagten in unserem Gespräch, dass wir Menschen zwar eine gesetzlich normierte und auch kulturell tradierte Vorstellung davon haben, wie eine Familie sein sollte. Doch die bildet schon lange nicht mehr die Realität ab, wie beispielsweise die hohen Scheidungsraten, Patchworkfamilien und polyamoren Beziehungen zeigen. Vielleicht hat sie das auch noch nie.«
»Stimmt«, gab ihm Lena recht. »Aber leider verstehe ich immer noch nicht, was Sie von mir wollen?«
Ewald atmete tief durch. »Ganz konkret: Wie infiltriert man am schnellsten eine Wolfsfamilie?«
Lena sah Ewald überrascht an. »Wie bitte?«
Ewald nickte nur, anscheinend um ihr zu verstehen zu geben, dass sie ihn richtig verstanden hatte.
»Aber Sie stellen mir jetzt hoffentlich nicht diese Frage, weil Sie meinen, dass Ihnen die Antwort bei der Infiltrierung des Clans behilflich sein könnte! Denn dann haben sie etwas an meiner Forschung grundsätzlich nicht verstanden. Sie sollten lieber Clanspezialisten oder Psychologen befragen.«
»Das habe ich bereits.«
»Und?«
»Natürlich ohne Erfolg. Unsere sogenannten Clanspezialisten wärmen immer nur denselben Brei auf, der uns in diesem Fall gar nichts bringt. Und was bitte soll man von den Ideen einer Berufsgruppe erwarten, deren Theorien sich alle paar Jahre als falsch herausstellen und die dann eine Therapie für die Therapie entwickeln?« Ewald lachte laut, stoppte dann allerdings abrupt, nachdem keiner mit ihm mitlachte. Er sah sie durchdringend an. »Frau Bondroit, ganz ehrlich: Wir sind gerade am Ende mit unserem Latein. Die bewährten Methoden, die wir ansonsten anwenden, sei es bei den Kriminalern oder beim Verfassungsschutz, bringen uns in dieser Situation und in der Kürze der Zeit nicht weiter. Wir haben alle uns zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft. Wir müssen neue Wege finden, vor allem weil es schnell gehen muss. Wir müssen herausfinden, was der Clan vorhat. Und da musste ich an unser Gespräch an Weihnachten denken. Clan. Rudel. Sie wissen schon. Da gibt es doch bestimmt Parallelen. Auch das Verhalten der Ameisen damals hat uns bei der Aufdeckung des Skandals geholfen. Ich brauche neue Ideen, Impulse, etwas, an das wir noch nicht gedacht haben. Denn eines ist klar: Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden viele unschuldige Menschen sterben.«
Als Lena Ewald das erste Mal begegnet war, hatte sie ihn gehasst. Seine Passion, Mitmenschen ins Messer laufen zu lassen, um Dampf abzulassen, überhaupt die Art, wie er mit anderen Menschen umging, vor allem mit Frauen. Das alles hatte ihr nicht gefallen. Und wenn man nun sah, wie er mit seinen Mitarbeitern umging und sich in den Mittelpunkt drängte oder wie er Lenas Einwände einfach wegwischte, sprach einiges dafür, dass er sich nicht wirklich verändert hatte. Was sie allerdings schon damals an Ewald schätzen gelernt hatte, war seine Unkorrumpierbarkeit, seine Neugierde und die daraus resultierende Offenheit gegenüber neuen Ansätzen und Strategien. Damit machte er sich in seinem Umfeld sicher nicht nur Freunde, eher das Gegenteil. Manchmal musste man aber wahrscheinlich auf unkonventionelle Ermittlungsmethoden zurückgreifen, wenn man etwas erreichen wollte.
»Sie erklärten mir am Telefon«, setzte er nach, »dass der Grund dafür, dass gerade der Hund weltweit zum ›besten Freund‹ des Menschen wurde, in der dem Menschen ähnlichen Familienstruktur seiner Vorfahren zu suchen ist. Der Umgang mit Familienmitgliedern gleicht sich zum Teil sehr – Ihre Worte«, führte Ewald weiter aus.
»Ich sagte, möglicherweise«, korrigierte Lena. Sie war keine Freundin von absoluten Behauptungen. Es gab viel zu viele Beispiele dafür, dass selbst die sichersten Annahmen widerlegt wurden. Die einzige wirkliche Wahrheit war die, dass meistens nicht nur die Behauptung, sondern auch das Gegenteil zutraf.
»Egal.« Ewald machte eine abwehrende Geste. »Erzählen Sie uns von den Wölfen. Vielleicht kommen uns dann neue Ideen. Wie gelingt es zum Beispiel Wölfen, einem fremden Rudel beizutreten? Sie verstehen, was ich meine?«
»Natürlich verstehe ich«, sagte Lena. »Aber ich muss Sie enttäuschen. Es gelingt ihnen gar nicht.«
»Wie?« Ewald wirkte zugleich überrascht und verärgert.
Aus dem Augenwinkel nahm Lena wahr, wie sich die Mitarbeiterin von Ewald eine Notiz machte. Der Surferboy hingegen schien mit etwas anderem beschäftigt, etwas unter dem Tisch. Wahrscheinlich seinem Handy. Dass das Ewald gar nicht störte, wunderte sie ein wenig.
»Leider ist es so«, erklärte Lena. »Sie müssen wissen, ein Clan ist kein Rudel. Ein Wolfsrudel besteht in der Regel nur aus der Kernfamilie, also Mutter, Vater und ihren Kindern. Ich weiß, dass man lange Zeit davon ausging, dass Mitglieder größerer Wolfsrudel aus unterschiedlichen Familien stammen. Aber das ist falsch. Wölfe von anderen Rudeln werden im Regelfall nicht integriert. Ganz im Gegenteil. Andere Rudel und ihre Mitglieder stellen die Konkurrenz dar, die vertrieben, notfalls sogar vernichtet werden muss. Abgesehen vom Menschen, ist der Wolf dem Wolf der größte Feind.«
»Und dieser Wolfsmann?«, warf er ein.
Natürlich wusste Lena sofort, von wem Ewald sprach: Shaun Ellis – oder »der Wolfsmann«, wie er in vielen Reportagen medienwirksam genannt wurde. Sie kannte ihn nicht persönlich, aber hatte viel von und über ihn gelesen. Ellis hatte Wölfe lange beobachtet, sie gepflegt, Wolfswelpen »adoptiert« und angeblich sogar mit wilden Wölfen zusammengelebt. Auch wenn er und seine Methoden in der Forschung umstritten waren, wenn man es denn überhaupt als solche bezeichnen wollte, konnte man ihm nicht nachsagen, dass er nicht viel Zeit mit Wölfen verbracht hatte. Und glaubte man seinen Erzählungen, dann war es ihm tatsächlich gelungen, das Vertrauen einer wilden Wolfsfamilie zu gewinnen. Dennoch bezweifelte Lena, dass Ewald das Wissen dieses Mannes weiterbringen würde.
»Und?«, fragte Ewald erwartungsvoll.
»Mir scheint es mehr als fraglich, ob sich seine Erfahrungen reproduzieren oder verallgemeinern lassen.«
»Einen Versuch ist es wert.«
»Es wird Ihnen trotzdem nichts bringen.«
»Warum?«
»Weil man Beobachtungen aus der Tierwelt nicht einfach auf den Menschen, geschweige denn auf Clans übertragen kann. Aber vor allem weil Sie bis zu dem Anschlag nur noch elf Tage Zeit haben.«
Ewald schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wie lange hat er gebraucht?«
»Monate. Die verwaisten Welpen, die er aufzog, vertrauten ihm als Mutter- und Vaterersatz natürlich schneller, aber das ist ein ganz anderer Fall.«
Ewald legte seinen Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Er stieß genervt oder vielleicht auch nur frustriert Luft aus. »Gut. Verstanden. Wir haben ein Zeitproblem. Aber vergessen wir mal die Zeit. Wie hat er das Vertrauen gewonnen?«
Lena hätte Ewald wirklich gern weitergeholfen. Doch das Vertrauen einer Wolfsfamilie zu gewinnen war eine schwierige Angelegenheit. »Ich rede jetzt nur über Wölfe.«
»Ja, verstanden. Los!«
»Es geht viel um denselben Geruch, dieselbe Art zu kommunizieren, dieselben Rituale und die Bereitschaft, eine bestimmte Rolle einzunehmen. Gerade gemeinsame Rituale halte ich für einen entscheidenden Treiber für Bindungsgefühle und damit auch für Vertrauen.«
Ewald überlegte einen Moment. Dann schüttelte er den Kopf und sprang unvermittelt von seinem Stuhl auf. Als hätte er einen tonlosen Befehl erteilt, packten auch seine Mitarbeiter ihre Papiere zusammen. Der Surferboy zauberte eine selbst gedrehte Zigarette unter dem Tisch hervor, die er auf seine Unterlagen legte. Also doch kein Handy.
Lena war über die überraschende Aufbruchstimmung ein wenig verwundert. »Nicht sonderlich hilfreich, was?«
»Weiß nicht.« Er zeigte auf die Tür. »Ich denke noch mal drüber nach. Doch die Zeit drängt wirklich.« Er öffnete die Tür. »Und daher würde ich Sie gerne mit jemandem bekannt machen.«
8
Lena folgte Ewald und seinen Mitarbeitern durch die kargen, leeren Flure des großen Gebäudes. Man musste schon ein spezieller Typ Mensch sein, um in einer solchen Umgebung arbeiten zu können, ohne depressiv zu werden. Lena hätte es hier keine Woche ausgehalten. Vielleicht sorgte die ständige Beschäftigung mit dem gewaltsamen Tod dafür, dass man das Fehlen von Farbe und Pflanzen als nicht mehr bedrückend wahrnahm. Vor einer Tür am Ende eines Gangs hielten sie an. Ewald öffnete sie und bat Lena einzutreten.
Das Zimmer war mit einem grauen Zweisitzer, drei dazu passenden modernen Sesseln und einem niedrigen Glastisch eingerichtet. An der Seitenwand befand sich ein kleines Fenster. Auf dem Sofa saß ein Mann und las Zeitung. Er war wahrscheinlich der Urheber des süßlichen Aftershavegeruchs, der Lena unmittelbar in die Nase gestoßen war. Der Mann wartete, bis Lena, Ewald und seine zwei Mitarbeiter den Raum betreten hatten. Erst dann erhob er sich.
»Darf ich vorstellen?« Ewald zeigte auf den Mann. Lena schüttelte die ihr dargebotene Hand. »Herr Dr. Fallender. Managementberater.« Und an ihn gewandt: »Das hier ist die geniale Biologin, von der ich Ihnen erzählt habe. Frau Dr. Bondroit.«
Fallender war ein hochgewachsener Mann Mitte vierzig, den man mit seinem dichten, braunen Haar und den markanten Gesichtszügen wohl als durchaus gut aussehend bezeichnen musste. Er trug einen schwarzen Anzug, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover. Sein markantes Gesicht wurde durch die lang gezogenen seitlichen Koteletten noch betont. Lena erkannte ihn sofort wieder. Sie hatte ihn erst kürzlich in einer Talkshow gesehen. Fallender war als Experte für das Thema Management-Coaching geladen gewesen und ihr als arroganter, selbstverliebter Mensch im Gedächtnis hängen geblieben. Er hatte waghalsige, unwissenschaftliche Thesen vertreten und Plattitüden kundgegeben, garniert mit ein paar plastischen Anekdoten, die für die nötigen Lacher sorgten. Ewald musste wahrlich verzweifelt sein, wenn er solche Wichtigtuer zurate zog.
»Freut mich.« Fallender drückte ihre Hand auffallend fest, ein Verhalten, das Lena gerne bei Männern beobachtete, die von Anfang an klarzustellen versuchten, wer im Raum das Sagen hatte.
Sie nickte nur, damit sie sich eine Freundlichkeitsfloskel sparen konnte.
Fallender setzte sich zurück auf die Couch, woraufhin Ewald Lena aufforderte, in dem Sessel gegenüber Platz zu nehmen. Er öffnete das Fenster, bevor er sich selbst setzte. Wahrscheinlich störte ihn ebenfalls der penetrante Aftershavegeruch. Dann setzten sich auch seine Mitarbeiter.
Und jetzt? Lena blickte zu Ewald. Warum sollte sie diesen Mann kennenlernen? Und warum der Raumwechsel?
»Mit Herrn Dr. Fallender«, Ewald sah zu dem Managementberater, »hatten wir bereits eine kleinere Unterredung.« Fallender nickte, und Ewald sah zu Lena. »Und wie ich schon sagte: Es ist an der Zeit, anders zu denken. Innovative Methoden sind gefragt.« Er räusperte sich. »Ich habe daher auch Herrn Dr. Fallender in unser kleines – oder sagen wir lieber größeres – Problem eingeweiht.«
Lena war gespannt, was ein Managementberater für sinnvolle Ratschläge in einem Fall geben konnte, in dem es um die Unterwanderung eines Clans ging.
»Wir haben länger diskutiert. Und Herr Fallender kam mit einer Idee um die Ecke, die uns vielleicht trotz der begrenzten Zeit weiterhelfen könnte. Sie kennen die Omega-Theorie?«
»In groben Zügen.« Fallender hatte sie bereits in der Talkshow im Fernsehen erwähnt. Er beriet Manager mit seinem selbst entwickelten »Alpha-Tier-Ansatz«, einer Methode, die er angeblich aus der modernen Wolfsforschung abgeleitet hatte. Und da spielte auch diese »Omega-Theorie« eine gewisse Rolle. Lenas Ansicht nach der letzte Schwachsinn.
Sie sah zu Fallender, der sie gelassen angrinste, an dessen leicht hochgezogenen Schultern sie jedoch erkannte, wie sich alles in ihm spannte. Er schien zu ahnen, wenn nicht zu wissen, was Ewald vorhatte. Und auch Lena wurde es immer klarer: Ewald wollte Fallenders Thesen von Lena testen lassen. Er wollte sie beide einen argumentativen Arenakampf vollziehen lassen, um am Ende mit besserem Gewissen seine Entscheidung treffen zu können. Sie war für Ewald nur Mittel zum Zweck.
»Vielleicht wären sie noch mal so nett.« Ewald nickte Fallender zu.
»Aber natürlich.« Fallender blickte in die Runde. Jedem sah er dabei in die Augen, nicht wirklich lange, aber länger als üblich. Ging es ihm um die ungeteilte Aufmerksamkeit? Die hatte er bereits. Wohl eher um Einschüchterung, mutmaßte Lena.
»Eigentlich kennt es jeder«, begann Fallender und beugte sich nach vorn. »Nicht nur Tiere, sondern auch Menschen bilden eine Hackordnung.« Er schlug einige Male mit der senkrechten Hand hintereinander auf die Tischplatte. »Alpha, Beta, Gamma … Es fängt in der Schule an und hört im Altersheim auf. In der Schule entsteht sie über Cliquenbildung, Ausgrenzung, Mobbing und Schlägereien. Die schönsten und stärksten Kinder sind es in der Regel, mit denen jeder spielen möchte, die auf alle Geburtstage eingeladen werden, die das Sagen haben. Später spielen auch die materielle Ausstattung, Intelligenz und vor allem die Kommunikationsfähigkeit eine immer größere Rolle. Sperrt man daher Manager von derselben Ebene für zwei Tage in ein Hotel, natürlich unter dem Vorwand eines exquisiten Workshops«, Fallender lächelte überheblich, »dann hat man nach zwei Tagen was?« Er sah in die Runde. »Eine Hackordnung«, beantwortete er seine eigene Frage. »Am einfachsten lässt sich das Alpha-Tier identifizieren. Es ist die Person, die plötzlich den Ton angibt, die mehr oder weniger allein entscheidet, wer was präsentieren darf. Besonders schön lässt sich das Alpha-Tier – wie übrigens auch bei den Wölfen – beim Essen identifizieren. Während die anderen Manager unsicher das Restaurant betreten und darauf warten, wo sich wer hinsetzt, hat das Alpha-Tier hier kein Problem. Es sucht sich selbstbewusst einen Tisch aus, und kaum hat es sich gesetzt, wird es von den anderen umringt, manchmal sogar mit mehr oder weniger explizit ausgetragenen Streitigkeiten um die unmittelbaren Nachbarplätze. Männliche Alpha-Tiere nutzen gern kernige, despektierliche Sprüche gegenüber anderen Männern, um ihre Position zu festigen und zu betonen. Weibliche Alpha-Tiere hingegen arbeiten hier ein wenig subtiler. Sie …«
»Vielleicht kürzen wir das alles ein wenig ab«, unterbrach Ewald Fallender. »Ich denke, Frau Bondroit kennt sich mit Hackordnungen ebenfalls sehr gut aus.«
Lena konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Das, was Ewald sagte, stimmte zwar, doch Lena war klar, dass Ewald Fallender aus einem anderen Grund unterbrochen hatte. Er selbst war ungeduldig geworden. Und er wollte zeigen, wer in diesem Raum das Sagen hatte und entscheiden durfte, worüber und wie lange geredet wurde. Er war genau das »Alpha-Tier«, von dem Fallender gerade sprach.
»Natürlich.« Fallender wirkte durch Ewalds Unterbrechung ein wenig aus dem Konzept gebracht. »Wo waren wir stehen geblieben?«
»Hackordnung«, half Ewald nach. »Und wie sie uns bei unserem Fall weiterhelfen könnte.«
»Richtig«, sagte Fallender. »Wo Menschen eine Gruppe bilden, entsteht eine Hackordnung. Es gibt das Alpha-Tier, für diesen Fall noch viel entscheidender aber auch das sogenannte Omega-Tier. Den Prügelknaben, wie man es auch gerne nennt, das Tier am Ende der Hackordnung. Das Omega-Tier bekommt nicht nur den schlechtesten Platz an der Essenstafel. Es wird auch für niedere Dienste genutzt und von Frauen ignoriert. Und vielleicht am schlimmsten: Es ist das Individuum, an dem die Gruppe ihre Aggressionen auslebt. Eine evolutiv durchaus wichtige Funktion – denn auf diese Weise werden nicht die genetisch höherwertigen Alpha- und Beta-Tiere durch unnötige Kämpfe und Reibereien geschwächt. Es gibt quasi einen institutionalisierten Boxsack, an dem die Gruppe ihren Frust auslässt. Dafür darf das Tier dann auch von der Beute, die es alleine nie fähig gewesen wäre zu erlegen, fressen.«
»Interessant, nicht wahr?«, kommentierte Ewald. »Was meinen Sie?«
»Ja«, sagte Lena. »Es können in Gruppen Hackordnungen entstehen.« Bis zu diesem Punkt gab es keinen Grund, Fallender zu widersprechen.
»Sehen Sie!« Fallender wandte sich an Ewald. Er wirkte sofort um einiges gelassener. Und auch Ewald schien zu gefallen, dass Lena nicht widersprach. »Dann haben wir jetzt einen Plan?« Er sah zu seinen Mitarbeitern.
»Plan?«, fragte Lena. Von einem Plan war bisher zumindest in ihrer Anwesenheit noch nicht die Rede gewesen. »Was denn für einen Plan?«
»Das Omega-Tier im Clan auf unsere Seite zu ziehen.« Ewalds Augen blitzten. »Denn auch wenn das Omega-Tier zur Gruppe gehört und von ihr ernährt wird, so träumt es doch davon, selbst mal Chef zu sein, der Stärkste, derjenige, der gefragt ist. Im besten Fall wurde es sogar so stark erniedrigt, dass es Rachegedanken hegt.«
»Ist das denn nicht ganz normales kriminaltechnisches Vorgehen, was Sie da gerade beschreiben?«, fragte Lena, über diesen Vorschlag doch etwas verwundert. Sie bemerkte, wie sich Ewalds Kollegin ein Lachen verdrückte, während sich Fallenders Schultern wieder zu spannen begannen.
»Ja, schon«, gab ihr Ewald leicht zerknirscht recht. »Das Problem ist nur, dass wir es noch nicht anwenden konnten. Die Jungs von der Organisierten Kriminalität hatten sich als neuen möglichen V-Mann einen Neffen von Vahid Aziz rausgesucht. Doch nach meinem Gespräch mit Herrn Fallender ist mir klar geworden, dass das der komplett falsche Mann wäre. Null Omega-Tier. Irgendjemand aus dem Mittelbau, der mit seiner Funktion eigentlich zufrieden ist. Stimmt’s?«
Er sah in Richtung seiner Mitarbeiterin. »Richtig.« Sie nickte und sah zu Lena. »Vielleicht kurz zu meiner Rolle. Ich koordiniere in diesem Fall die unterschiedlichen Bereiche der Polizei und des Verfassungsschutzes. Eigentlich bin ich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert, doch seit einem guten Jahr bei Herrn Ewald eingeteilt. Und in der Tat haben da die Kollegen nicht wirklich sauber gearbeitet.«
Ewald nickte zufrieden. »Dieses Mal machen wir es richtig. Dank Herrn Fallenders Analysen wissen wir jetzt, wer das Omega-Tier ist – ein Sohn von Vahid Aziz. Was meinen Sie?«
Alle, mit Ausnahme des Sunnyboys, der auf seine Schuhe starrte, blickten gespannt zu Lena.
»Schlechter Plan.«
Sogar der Sunnyboy sah dieses Mal auf. Und Fallender fiel die Kinnlade runter, was ihm gar nicht so schlecht stand, fand Lena.
»Wie, schlechter Plan?« Ewald war direkt lauter geworden. »Warum?«
»Zugegeben, ich kenne mich mit Clanfamilien nicht wirklich aus, und Ihre Idee mag aus kriminalistischer Sicht ein übliches oder gutes Vorgehen sein. Aus biologischer Sicht spricht meiner Ansicht nach jedoch vieles dafür, dass die Regeln einer Hackordnung nicht unbedingt eins zu eins auf einen Clan anwendbar sein müssen. Ich wäre hier vorsichtig. Wolfsfamilien zum Beispiel funktionieren, den neuesten Beobachtungen folgend, nach ganz anderen Regeln.«
»Und zwar?«
Lena sah in die Runde. »Im Wolfsrudel gibt es kein Omega-Tier.«
9
Es war bereits später Abend, als Ewalds Männer Lena bei ihr zu Hause absetzten. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Während Lena in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel suchte, fielen ihr ein paar Fußspuren im frisch gefallenen Schnee auf. Ein näherer Blick sagte ihr sofort, dass diese eindeutig nicht von Ewalds Leuten oder ihr stammten. Es waren Abdrücke von Schuhen mit Absätzen, die tief in den Schnee eingedrungen waren, wahrscheinlich Damenstiefel.
Hatte Michael etwa noch Besuch? Und wenn ja, von wem?
Lena ging zum Wohnzimmerfenster und spickte durch die Scheiben. Es dauerte einen Augenblick, bis sie ihn in seinem Lieblingssessel entdeckte – einem aus ihrer Sicht hässlichen amerikanischen Giganten, den man mit einem seitlich angebrachten Hebel in eine Art Liege verwandeln konnte. Der Fernseher lief, sonst war aber niemand zu sehen. Dafür fiel Lena etwas anderes auf; die Schauspieler im Fernseher, obwohl allesamt keine Hollywoodstars, waren ihr wohlbekannt.
Dieser Schuft!
Sie ging zur Haustür und öffnete sie leise. Dann riss sie die Tür zum Wohnzimmer auf.
»Verräter!«
Michael zuckte erschrocken zusammen. »Lena!« Er hielt sich die Hand ans Herz. »Hast du mich erschreckt!«
»Zu Recht«, schimpfte Lena. »Schaust einfach unsere Serie weiter. Ohne mich!«
Es war in der letzten Zeit zu ihrem abendlichen Ritual geworden. Sie kümmerte sich um das Abendbrot, brachte Jean ins Bett und las ihm noch eine kurze Geschichte vor, dann schlüpften sie und Michael in ihre Pyjamas, holten eine Tüte Chips oder eine Tafel Schokolade aus dem Schrank und setzten sich vor den Fernseher. Diese neuen Serien waren wirklich schlimm, so gut waren manche von ihnen. Am liebsten hätten sie oft zwei Folgen hintereinander angesehen, doch das sprach gegen ihre zwei Regeln: nur eine Folge pro Abend. Und man wartete auf den anderen.
»Sorry!« Michael grinste verlegen. Er kam auf sie zu, küsste und drückte sie kurz. »Wir schauen sie noch mal gemeinsam. Von vorn. Okay?«
»Aber wehe du spoilerst!«
»Keine Sorge.«
Sie ließ sich erschöpft auf die große englische Ledercouch fallen, einem wirklichen Schmuckstück im Gegensatz zu Michaels Sessel. Kein Wunder, dass sie es mit in die »Ehe« gebracht hatte. Sie schätzte Michael für vieles, aber nicht für seinen Möbelgeschmack.
»Und?«, fragte er. »Was wollte Ewald?«
Lena erzählte ihm von dem wahrscheinlich bevorstehenden Anschlag, Ewalds Problemen bei der Unterwanderung des Clans und dass sie ihm leider auch nicht hatte weiterhelfen können. Und sie berichtete davon, wie das Treffen geendet hatte.
Für einen Moment war es im Raum totenstill gewesen. Lena hatte zu dem »Sunnyboy« gesehen, der an seinen Fingernägeln fummelte, während er auf die Reaktion von Ewald wartete. Die »Stasi-Statistin« hatte sich mal wieder etwas notiert.
»Wie, es gibt in Wolfsrudeln kein Omega-Tier?« Fallender reagierte vor Ewald. Seine Pupillen hatten sich geweitet. Und auch wenn er seine Stimme unter Kontrolle hatte, merkte Lena, dass er sich innerlich darauf vorbereitete, auf sie loszuspringen.
»So ist es.«
Fallender sah zu Ewald, dann lachte er hohl. »Sie wollen also die Ergebnisse jahrzehntelanger Wolfsforschung infrage stellen?« Jetzt wurde sein Ton schon schärfer.
»In der Tat.«
Wieder lachte Fallender kurz auf. »Wo haben Sie denn die ausgegraben?«, fragte er Ewald gespielt brüskiert.
Lena fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. Das konnte sie am wenigsten ausstehen, Menschen die über sie redeten, als wäre sie gar nicht anwesend. Wer meinte dieser Typ eigentlich, wer er war? Wollte ausgerechnet er ihr erzählen, wie Wolfsfamilien funktionierten, nur weil er ein populärwissenschaftliches Buch über sie gelesen hatte?
Früher wäre sie spätestens jetzt ausgerastet. Noch als Studentin wäre sie aufgestanden, hätte nach etwas gesucht, mit dem man Fallender bewerfen könnte, und hätte genau das dann auch getan, während sie ihn übelst beschimpft hätte. Doch mit der Zeit hatte sie gelernt, sich mit unterschiedlichen Methoden halbwegs im Zaum zu halten. Eine davon war, sich Fallender als kleinen Jungen vorzustellen, der ihr so dermaßen unterlegen war, dass es einfach nicht richtig erschien, ihn anzufluchen. Genau das tat sie jetzt.
»Frau Bondroit.« Ewald hatte sich ihr zugewendet. »Das, was Sie da behaupten – ist das bewiesen oder nur ihre persönliche Meinung?«
Was für eine Frage? Was war denn in den Naturwissenschaften schon bewiesen? Selbst große Biologen und Nobelpreisträger hatte man immer wieder widerlegt. Aber natürlich war es der aktuelle Stand der Forschung. Mit etwas anderem würde sie – im Gegensatz zu diesem Quacksalber – nicht hausieren gehen.
»Es ist das Ergebnis meiner neuesten Beobachtungen, aber nicht nur von mir, sondern auch von vielen Kollegen. Es gibt Veröffentlichungen dazu. Früher war man da in der Tat anderer Ansicht.« Lena ärgerte sich, dass sie es für nötig empfunden hatte, auf die Meinungen anderer zu verweisen.
Sie konzentrierte sich wieder auf Fallender und musste feststellen, dass sie sich ihn erschreckend gut als Kind vorstellen konnte. Sie sah es förmlich vor sich, wie er auf dem Schulhof von seinen Mitschülern verprügelt wurde.
»Ha!« Fallender lachte erneut. »Ihre Beobachtungen!« Er sagte das, als würden ihre Beobachtungen nun wirklich keine Rolle spielen. »Für welche Universität oder Forschungseinrichtung arbeiten Sie noch gleich?«
»Gar keine.«
Alle im Raum starrten sie an. Zumindest kam es Lena so vor. Sie beschlich sofort ein ungutes Gefühl. Eigentlich war es ihr egal, dass sie gerade ihr eigenes Forschungsprojekt betrieb und selbstständig war. Für die Familie und Jean war es zumindest das Beste. Jetzt wäre es ihr anders lieber gewesen.
»Hatten Sie nicht dieses Angebot vom Max-Planck-Institut, nachdem Sie Ihren Lehrauftrag an der Universität in Berlin gekündigt hatten?«, fragte Ewald nach.
»Ja«, sagte Lena. »Aber das habe ich abgelehnt. Denn dafür hätten wir nach Bayern ziehen müssen.«
Sie musste schlucken. Sie wurde von zwei Naturschutzverbänden bei ihrer Wolfsforschung finanziell unterstützt, die ihre Arbeit sehr schätzten. Doch wenn sie auf Menschen wie Fallender traf, dann merkte sie, dass das Einzige, was auf dieser Welt zählte, die Schulterklappen waren, die man trug. Arbeitete man für eine prominente Universität, war jeder Schwachsinn angesehene Forschung. Arbeitete man für sich selbst, wurde man sofort als Hobbybiologe abgestempelt.
Sie atmete tief durch. »Die bisherige Annahme einer strikten Hackordnung in Wolfsrudeln beruhte auf der Beobachtung von gefangenen Wölfen. In der Freiheit hingegen …«
»Und so weiter und so fort«, unterbrach sie Fallender.
»Herr Ewald!« Lena war kurz davor, doch noch zu explodieren. Sie sah ihn Hilfe suchend an. Er wusste doch, dass sie eine hervorragende Biologin war. Warum sonst hatte er um ihre Hilfe gebeten?
»Vielleicht erklären Sie einfach noch mal weiter Ihren Ansatz«, bat Ewald Fallender, anstatt sie zu unterstützen.
»Sehr gern.« Fallender warf Lena einen vernichtenden Blick zu. »Denn ganz ehrlich, unabhängig davon, was diese Biologin für ›Beobachtungen‹«, die Gänsefüßchen waren mehr als deutlich herauszuhören, »gemacht hat – letztlich sind mir Wölfe schnuppe. Sie bieten eine schöne Metapher, wenn ich in meinen Seminaren etwas erklären möchte. Das, was ich jedoch ganz sicher weiß – und was für Ihren Fall entscheidend bleibt: Beim Menschen gibt es das Omega-Tier. Ich treffe sie täglich in meinen Seminaren, ausgegrenzte Individuen, auf deren Kosten sich lustig gemacht wird, Männer, bei denen die Frauen vom Tisch aufstehen, wenn sie sich dazusetzen, Frauen, über deren fette Hintern noch während ihres Vortrags hinter vorgehaltener Hand gelästert wird und die sofort unterbrochen werden, wenn sie auch mal etwas sagen wollen …«
Lena schloss die Augen, während sie weiter zuhörte. Ja, man konnte es sich einfach machen. Man konnte alles über einen Kamm scheren, Äpfel mit Birnen vergleichen und mit einfachen Interpretationen versuchen, die Welt zu erklären. Da riss man sich als Forscher ein Bein aus, stellte Thesen auf, um sie jahrelang in akribischer Arbeit zu falsifizieren, bis sie standfest untermauert waren. Doch wozu? Damit am Ende Scharlatane wie Fallender mit ihren einfachen Lösungen die Entscheidungsträger berieten? Wie wütend sie das machte.
Wieder spürte sie, wie es in ihr brodelte, wie sie am liebsten aufgesprungen wäre, um Fallender schreiend eines Besseren zu belehren. Doch sie schaffte es erneut, sich im Griff zu halten. Sie atmete tief in den Bauch und hielt ihre Augen geschlossen, damit Fallenders arroganter Blick sie nicht zusätzlich provozieren konnte. Gleichzeitig suchte sie krampfhaft nach einer Idee, wie sie ihm seine Unverschämtheiten heimzahlen konnte.
»Frau Bondroit!« Es war die Stimme von Ewald.
Sie ließ ihre Augen noch einen Moment geschlossen, spürte jedoch, dass sich etwas im Raum verändert hatte. Als sie die Augen öffnete, sah sie, dass Ewald aufgestanden war und sich vor ihr aufgebaut hatte.
»Jetzt spielen Sie mal nicht die beleidigte Leberwurst. Verstehen Sie denn mein Problem nicht. Wir haben nur noch elf Tage bis zum Anschlag. Und drei Tage später wird gewählt. Können Sie sich vorstellen, was dieser Anschlag neben den direkten Schäden für politische Auswirkungen haben könnte? Sofort haben wir wieder die elende Diskussion darüber, dass alle Einwanderer und Muslime Kriminelle sind. Und welche Parteien davon profitieren, wissen Sie auch. «
An die Wahl hatte sie noch gar nicht gedacht. Dennoch. »Klar, ich verstehe Sie. Und Sie müssen machen, was Sie für richtig halten. Aber wenn Sie dazu meinen Segen wollen, kann ich Ihnen den nicht geben. Nur weil man etwas unter Zeitdruck macht, heißt das nicht, dass es richtig ist, einem pseudowissenschaftlichen Vorschlag eines selbst ernannten Wolfsspezialisten zu folgen.« Keine wirklich vernichtende Retourkutsche, aber hoffentlich doch zumindest ein kleiner Schlag in die Magengrube.
»Jetzt hören Sie aber mal!«, echauffierte sich Fallender.
»Verstanden.« Ewald ging auf seine Beschwerde zum Glück nicht ein. »Haben Sie einen besseren Vorschlag?«
Ewalds Leute arbeiteten jetzt seit Monaten an dem Fall, aber von ihr erwarteten sie einen brauchbaren Vorschlag innerhalb von Minuten. Natürlich hatte sie keinen. »Leider nein.«
»Ach, ne!« Fallender suchte den Blickkontakt zu Ewald. »Die Masche ist mir ja am liebsten.«
Wiederum ignorierte Ewald Fallenders Kommentar, was ihm Lena hoch anrechnete. Er wandte sich an seine Kollegen. »Was meinen Sie?«
»Wir sollten es zumindest probieren«, sagte der Sunnyboy nach kurzem Überlegen. »Ich denke, der Zeitpunkt könnte günstig sein. Sie wissen schon, wegen dem familieninternen Streit.«
Wie süß, dachte Lena. Er kann sogar sprechen. Sie richtete sich an ihn. »Wie war noch mal Ihr Name?« Lena war sich nicht sicher, ob Ewald ihn überhaupt namentlich vorgestellt hatte.
»Locke.«
»Herr Locke. Eine kleine Familienfehde?« Sie sah ihn ernst an. »Wie häufig streiten Sie sich mit Ihren Eltern und Geschwistern?«
Locke zuckte mit den Schultern.
»Denken Sie mal an Weihnachten. Ist ja noch gar nicht lange her. War da alles harmonisch?«
»Was hat das hiermit zu tun?« Locke sah unsicher zu Ewald und dem Stasi-Pagenkopf.
»Wir kennen sie doch alle, die Streitigkeiten in der Familie. Hoch emotional, beleidigend, scheinbar zerstörerisch. Und dennoch, würden Sie deshalb Ihre Geschwister, Ihren Vater oder Ihre Mutter ans Messer liefern?«
Lena stand auf und hielt Ewald, der immer noch vor ihr stand, die Hand zum Abschied entgegen. »Wiedersehen.«
Sie hatte beschlossen, dass es jetzt das Beste war zu gehen. Nur so konnte sie vermeiden, dass es nicht doch noch zu einem Eklat kam, den sie später bereuen würde.
»Und …« Sie sah noch einmal in die Runde. »Ein arabischer Clan ist sicherlich nicht mit einem Wolfsrudel gleichzusetzen. Vielleicht gibt es ein schwarzes Schaf, das bereit wäre, seine Familie zu verraten. Aber eines kann ich Ihnen sagen: So äußerlich zerstritten und kaputt eine Familie auch erscheinen mag, unterschätzen Sie nie ihre Bindungskräfte.«
Michael hatte sich in der Zwischenzeit neben sie auf die Couch gesetzt und massierte ihren Nacken. Ihn schienen ihre Ausführungen eher zu amüsieren, als zu erschrecken.
»Du bist einfach unverbesserlich«, sagte er kichernd. »Und wie hat Ewald auf deinen grandiosen Abgang reagiert.«
»Das ist nicht witzig!«, beschwerte sich Lena, doch auch sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich vermute, dass er es trotzdem versuchen wird. Ein Agent wird jetzt auf das vermeintliche Omega-Tier zugehen, um es zu drehen. Ich nehme mal stark an, dass man Geld anbieten wird. Wofür man für so ein Vorgehen allerdings diesen Idioten brauchte, ist mir schleierhaft.«
»Zur Identifizierung des Omega-Tiers.«
»Ich weiß nicht.«
»Egal. Und wo ist das Problem?«
»Na ja …« Lena drehte sich um und strich Michael ein paar Haare von der Stirn. »Dass dieser von Fallender identifizierte Prügelknabe einfach nicht mitmacht und den Agenten verpfeift. Und was ein Clan mit einem Verräter macht, der versucht, die Familie zu unterwandern, das kann ich mir leider sehr gut vorstellen.«
»Ewald wird schon wissen, welches Risiko er eingeht.«
Lena sah Michael lange an. Sie hatte eigentlich keine Lust mehr auf Diskussionen. »Vielleicht.« Sie atmete tief durch. »Mir erscheint das ganze Vorgehen jedoch eher getrieben und unseriös. Ich bin zwar keine Clanspezialistin oder Psychologin, aber mit Systemen kenne ich mich ein wenig aus. Und die Familie ist ein System, das sich, wie jedes System, selbsterhalten möchte, weil sich daraus erhebliche Überlebens- und damit evolutive Vorteile ergeben. Verrat ist hier eher die Ausnahme als die Regel.« Sie musste an all die Missbrauchsfälle in Familien denken oder Fälle häuslicher Gewalt, die nie zur Anklage kamen; denn wer schickte schon gerne den eigenen Mann, Vater oder Onkel ins Gefängnis. »Und daher fürchte ich, dass Ewald vor ein paar Stunden ein Todesurteil gefällt hat.«
»Möglich«, sagte Michael. »Dennoch kann ich Ewald irgendwie verstehen. Selbst wenn er einen Agenten verliert, darf er diese letzte Chance unversucht lassen? Vor allem wenn es darum geht, einen Anschlag und damit ein noch viel größeres Unglück zu verhindern?«
Lena war zu müde, um weiter zu widersprechen. Sie küsste Michael auf die Stirn, obwohl ihr eigentlich gar nicht danach war. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn er ihr einfach nur zugestimmt hätte.
Sie beschloss, das Thema zu wechseln. Schließlich stand da immer noch Michaels seltsamer Rückzug vom Morgen im Raum. Die Ereignisse hatten sich so überschlagen, dass sie den schon fast vergessen hatte. Und dann die Fußspuren im Schnee.
»Hattest du eigentlich noch Besuch?«
Sie hatte das Gefühl, dass Michael kurz ihrem Blick auswich. Doch dann sah er ihr wieder in die Augen.
»Natasha war noch da. Wegen dem möglichen Umzug. Wir haben uns heute Morgen die neuen Räume angesehen. Natasha ist nicht ganz überzeugt. Das Objekt ist zwar moderner und eigentlich genau das, was wir suchen, aber auch leider etwas kleiner.«
Deswegen hatte er also losgemusst. Warum hatte er das nicht auf den Zettel geschrieben? »Und es liegt wahrscheinlich keine hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt.«
»Woher weißt du das?« Michael schaute sie überrascht an.
»Weil ich Natasha kenne.« Natasha, die Leiterin der Behindertenwerkstatt, war sicherlich ein guter Mensch. Lena mochte sie trotzdem nicht. Das hatte seine Gründe. Obwohl Natasha viel Wert auf die Gleichberechtigung von Frau und Mann legte, kannte Lena nur wenige Menschen, die mit Frauen und Männern in so unterschiedlichen Tonlagen sprachen. Wenn sie mit Lena oder anderen Frauen redete, bekam Natasha einen seltsam hohen und fast hysterischen Gackerton in der Stimme. In Gegenwart von Männern hingegen »gurrte« sie. Und sie berührte Männer gerne am Arm, an der Hand oder sogar am Bein, wenn es sich anbot. Das war Lena schon häufiger aufgefallen. »Für die Werkstatt ist gut, was für sie selbst gut ist. Oder nicht?«
Michael musste lachen. »Gut beobachtet!«
»Danke. Ich muss jetzt trotzdem ins Bett.«
»Schon?« Michael wirkte ein wenig irritiert.
Sie nickte. »Sorry, ich bin fix und fertig.« Sie stand auf und ging in den Flur, von dem eine schmale Holztreppe in den ersten Stock führte. »Komm doch mit?«
Sie blieb stehen und wartete auf eine Antwort.
»Vielleicht gleich«, kam es nach einer Weile zurück.
Lena überkam ein schlechtes Gewissen. Es war nicht richtig gewesen, jetzt einfach aufzustehen. Michael hätte sich gerne noch etwas unterhalten, das spürte sie. Aber morgen war auch noch ein Tag. Er würde es verstehen.
Nachdem sie sich umgezogen und die Zähne geputzt hatte, ging sie in Jeans Zimmer. Die Tür war angelehnt. So wollte es Jean immer, sonst war es ihm zu dunkel und er hatte Angst. Leise drückte sie sich durch den Türspalt und kniete sich vor sein Bett.
Jean lag auf dem Rücken, die Arme und Beine weit von sich gestreckt. Er atmete ruhig, kaum hörbar. Lena beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss. Dann schaute sie ihn einfach nur an. Etwas Warmes schoss durch ihren Körper. Es war, als hätte man ihr eine heiße Flüssigkeit in die Adern gespritzt, die sich nun langsam in ihr ausbreitete. Und dann merkte sie, wie ihre Augen feucht wurden. Das war erst seit der Schwangerschaft so. Eine bestimmte Melodie im Radio, ein schmalziger Film, Jean, der sie auf eine bestimmte Weise ansah – und schon setzte irgendein unkontrollierbarer biochemischer Prozess ein, und ihr flossen die Tränen.
Kurz überlegte sie, ob sie ihn nicht mit zu sich ins Bett holen sollte. Etwas Warmes, Weiches, Unschuldiges neben sich, das war so unglaublich beruhigend. Doch da gab es auch die kleinen Kinderfüße, die ihr mitten in der Nacht ins Gesicht oder in die Brust traten.
Erneut gab sie ihrem Sohn einen Kuss.
Die eigenen Kinder. Sie machten das Leben nicht gerade einfacher. Berufliche Ambitionen blieben auf der Strecke. Ihre kaum zu sättigenden Bedürfnisse, die schlaflosen Nächte, die viele Aufmerksamkeit, die sie forderten und die einem dann an anderer Stelle fehlte. Doch gab es irgendetwas auf der Welt, was man mehr lieben konnte? Könnte man sie jemals verraten? Und würden sie es tun?

13 Tage bis zur Wahl

10
Lena hatte sich am Morgen direkt auf die Suche nach den Wölfen gemacht. Nach drei Stunden entdeckte sie sie auf einer Wiese in der Nähe eines kleinen Flusses. Es war eine Stelle, an der sie ihnen bereits vor einer guten Woche begegnet war. Sie positionierte sich hinter etwas Buschwerk rund hundert Meter von dem Rudel entfernt. Dann zog sie ihr Fernglas heraus.
Dass sich ein Wolfsrudel in der Nähe ihres Wohnortes aufhielt, hatte Lena vor zwei Jahren aus der Zeitung erfahren. Ein aufgebrachter Schafhirte hatte die Sichtung gemeldet und damit einmal mehr die Diskussion um die Lockerung des Artenschutzes und eine Abschussquote angestachelt. Gerissen hatten die Wölfe zwar noch kein Nutztier, doch natürlich bestand die Gefahr, dass sie das früher oder später tun würden. Und dem wollte man, trotz der Entschädigungsregelungen, zuvorkommen.
Während die Bauern in der Gegend der Meldung mit gemischten Gefühlen begegnet waren, war die Nachricht für Lena ein Sechser im Lotto gewesen. Ein wildes Wolfsrudel ganz bei ihr in der Nähe!
Nach Jeans Geburt hatte sie das gesamte erste Jahr fast ausschließlich ihm gewidmet. Sie musste zugeben, dass sie unterschätzt hatte, wie viel Energie und Nerven ein Kind kostete. Kommunikation in Babysprache, stundenlang Klötze übereinanderstapeln, dabei zusehen, wie Jean an großen Legosteinen lutschte. Es gab eindeutig Befriedigenderes. Die Nachricht über die Wölfe war das dringend notwendige Licht am Ende eines nicht immer dunklen, doch sehr eintönigen und nervenzehrenden Tunnels gewesen.
Während ihres Studiums hatte Lena ein Praktikum bei Biologiekollegen im Yellowstone Nationalpark in den USA gemacht. Aus dieser Zeit wusste sie, dass Wölfe lange nicht so gut erforscht waren, wie häufig behauptet wurde. Die meisten Forschungen beruhten nämlich auf Beobachtungen von Wölfen in Gefangenschaft. Die Biologen aus den USA hatten jedoch festgestellt, dass sich Wölfe in Freiheit zum Teil anders verhielten. Allerdings ist das Beobachten von Wölfen in der freien Wildbahn ausgesprochen herausfordernd, da Wölfe sehr scheue Tiere sind.
An diese Lücken in der Wolfsforschung hatte Lena sofort denken müssen, als sie von dem Rudel in der Zeitung las. Es war, als hätte das Schicksal ihr ein Projekt direkt vor die Füße gelegt. Neben dem dringenden Bedürfnis, nach einem Jahr »Babypause« endlich wieder den Kopf anzuschalten, hatte sie auch das Gefühl, dass ihr nach zehn Jahren Ameisenforschung ein neues Themengebiet guttun würde, zumal ihre Karriere an der Freien Universität Berlin ohnehin ein Ende gefunden hatte. Zudem hoffte Lena, durch ein ethologisches Vorgehen ihr Wissen über Systeme abrunden zu können. Bei den Ameisen war es das System Staat gewesen. Nun war es das System Familie.
Lena beobachtete, wie die jungen Wölfe umherliefen und miteinander balgten, sich aber auch immer wieder am Mund oder über die Nase leckten, ein Ritual, mit dem Wölfe Nähe und Verbundenheit demonstrierten, ähnlich dem Küssen beim Menschen. Sigmund Freud hatte dieses Verhalten beim Menschen von der Sexualbeziehung ableiten wollen. Doch diese Deutung lehnten heutzutage die meisten Biologen ab, da die zärtlichen Verhaltensweisen primär aus der Mutter-Kind-Beziehung stammten und erst später für die Bindung unter Erwachsenen genutzt wurden.
In diesen und vielen weiteren Ritualen der Wölfe sah Lena eines der großen Geheimnisse für den Zusammenhalt einer Wolfsfamilie. Sie vermutete, dass Rituale entschieden die Produktion von Oxytocin beeinflussten. Oxytocin galt unter Verhaltens-Endokrinologen – also Biologen, die sich vor allem mit dem Einfluss von Hormonen auf das Verhalten beschäftigten – als das Bindungshormon. Lena nannte es deshalb auch gerne das »Treuehormon«. Unterdrückte man es zum Beispiel bei an sich monogamen Wühlmäusen, so ließ die Partnerbindung nach, und die Tiere gingen zu einer polygamen Lebensform über.
Doch nicht nur Rituale förderten den Zusammenhalt in einem Wolfsrudel. Wie sie Ewald erklärt hatte, spielten auch klare Rollen und Regeln eine große Rolle. Sie führten nämlich dazu, dass man sich auf das Verhalten der anderen verlassen konnte, und dies wiederum war eine Grundvoraussetzung für Vertrauen.
In der Wolfsfamilie herrschte unbedingtes Vertrauen. Das machte sie so stark. Jeder kämpfte für jeden, notfalls bis in den Tod. Vertrauen, ob hormonell unterstützt oder auch nicht, war der Kleber zwischen den Individuen. Der bedingungslose Einsatz für die anderen brachte einem Wolfsrudel einen entscheidenden evolutiven Vorteil. Allein hatte ein Wolf gegen fremde Wolfsrudel kaum eine Chance. Gemeinsam hingegen konnten sie sich gegen rivalisierende Artgenossen verteidigen. Auch vereinfachte das Leben in einem Rudel das Jagen und die Fortpflanzung und somit am Ende das, worum es allen Lebewesen ging: die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzutragen. Egoistische Einzelgänger hingegen hatten hier nur geringe Chancen und starben mit der Zeit einfach aus.
Lena musste an den Aziz-Clan denken. Allein, in einem fremden Land, ohne Vermögen und einer guten Bildung konnte man gerade mal überleben. Im Verbund mit seinesgleichen hingegen ließ sich einfacher ein gewisser Lebensstandard erreichen und etwas aufbauen, was langfristig das Überleben der Familie absicherte. Die »Clanbildung« war eine logische Folge der Außenseiterstellung.
Während die meisten Menschen die genetische Abstammung als Abgrenzungsmerkmal einer Familie ansahen, vertrat Lena die These, dass man allein die Stärke des Vertrauens als Indikator dazu nutzen sollte. Dass Vertrauen und genetische Abstammung häufig miteinander korrelieren, war nur dem Umstand geschuldet, dass Kinder in der Regel bei ihren genetischen Eltern aufwachsen. In dieser wichtigen Phase wird viel Vertrauen und Bindung aufgebaut. Die genetische Abstammung an sich hatte hingegen streng genommen nichts mit der Bindung zu tun.
Lena ging sogar so weit, dass sie die genetische Abstammung für die Definition des Systems Familie für irrelevant ansah. Das zeigte sich schon allein an der Tatsache, dass die Partner selbst nicht den gleichen genetischen Ursprung hatten. Trotzdem würde niemand behaupten, dass nur Kinder eine Familie ausmachten. Zudem konnte man wohl kaum einem glücklichen Paar mit adoptierten Kindern den Familiencharakter absprechen? Und was galt im Fall von geschiedenen und stark zerstrittenen Partnern, die die Kinder unter sich aufgeteilt hatten? Waren sie noch eine Familie?
Dass vor allem das Rechtssystem immer wieder die genetische Abstammung als Abgrenzungskriterium heranzog, lag wohl daran, dass es etwas war, was sich leicht überprüfen ließ. Ob sich Menschen vertrauten, konnte man hingegen nur durch langes Beobachten feststellen. Und selbst dann konnte man sich nicht sicher sein. Denn natürlich konnte Vertrauen auch jederzeit brechen. Und damit wurde die Familie für Lena etwas, das keinen Anspruch auf Ewigkeit hatte.
Je mehr Vertrauen, umso stärker die Familie. Genau das machte häufig den Unterschied gegenüber Freundschaften aus. Es gab in Familien eben nicht das von Fallender behauptete Omega-Tier, das sich gegen die anderen Mitglieder wenden ließ, wenn es sich daraus einen kurzfristigen Vorteil versprach. Sicherlich, es gab Streitigkeiten. Doch eine Familie, wie Lena sie definierte, machte aus, dass sie diese Streitigkeiten aushielt. Man durfte in den Fortbestand vertrauen, durfte sogar seine Kehle zeigen, ohne dass jemand wirklich hineinbiss.
Fehlte das Vertrauen, so führte das nach Lenas Definition in logischer Weise dazu, dass sich das System Familie auflöste. Ehen und Lebensgemeinschaften, die nur noch aus finanziellen Gründen hielten, sprach Lena den Familiencharakter grundsätzlich ab. Sie waren nichts anderes als »Firmen«, die zwar finanzielle Sicherheitsbedürfnisse befriedigen konnten, jedoch in keiner Weise das grundsätzliche Bedürfnis nach Bindung.
Dass das Verschwinden von Vertrauen dazu führen konnte, dass sich Familien auflösten, sah Lena in der Praxis in vielerlei Hinsicht bestätigt. Ob es den Eltern gefiel oder nicht, es gab Auflösungstendenzen, wenn Jugendliche in der Pubertät begannen, ihren Freunden mehr zu vertrauen als den eigenen Eltern, oder einen Partner suchten. »Herkunftsfamilien« konnten zerbrechen, wenn sich die Kinder nur noch der selbst gegründeten Familie widmeten. Und auch in der Tierwelt gab es etliche Beispiele, in denen der Familienverband aufgelöst wurde, sobald die Jungtiere selbst in der Lage waren zu überleben und auf ein gegenseitiges Vertrauen nicht mehr angewiesen waren. Eichhörnchenmütter, aber auch Wölfe sind dafür bekannt, dass sie ihre Kinder ab einem bestimmten Zeitpunkt verjagen. Beim Menschen zeigten Erbstreitigkeiten häufig, wo wirkliche Familien existierten oder nur genetisch verbundene Lebewesen, die ohne die Angst vor rechtsstaatlichen Sanktionen keine Sekunde zögern würden, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Auf der anderen Seite konnten jedoch durch einen starken Vertrauensaufbau über die Herkunftsfamilie hinaus auch Großfamilien und Clans entstehen. Der Zusammenhalt wurde hier durch strenge Regeln und Rituale gestärkt, während Lena gerade in deren Fehlen mit einen Grund für die hohen Trennungsund Scheidungsquoten sah. Denn wie konnte zwischen Partnern Bindung und Vertrauen aufgebaut werden, wenn man nicht mehr miteinander aß, der Urlaub getrennt verbracht wurde und jeder die wenige verbliebene gemeinsame Zeit nur noch auf sein Handy starrte?
Während Lena ihre Gedanken schweifen ließ und die Jungtiere dabei beobachtete, wie sie jetzt das Flussufer nach spannenden Entdeckungen absuchten, lag das Leitwolfpaar aneinandergeschmiegt auf der kleinen Anhöhe etwas abseits vom Ufer und beobachtete die Umgebung – vor allem aber ihren Nachwuchs. Lena ließ das Fernglas immer wieder zwischen den Jungtieren und den beiden Eltern hin und her wandern. Das Szenario erinnerte sie an einen Spielplatz, auf dem die Kinder tobten, während sich die Eltern auf einer Bank ausruhten und die Sonne genossen. Dabei wusste sie, dass die Wolfseltern, wie auch die Eltern auf dem Spielplatz, nicht wirklich entspannten. Ihre Ohren waren gespitzt, und immer wieder ließen sie ihre Augen auf der Suche nach Gefahren über die Wiese schweifen.
Dann fiel Lena plötzlich etwas Interessantes auf: Während sich drei der Jungwölfe jagten und übereinander herfielen, war der vierte Wolf nur bedingt am Spiel beteiligt. Er hatte eine Außenseiterstellung und schien, wie die Leitwölfe, eher daran interessiert, die anderen Jungtiere zu beobachten, als mit ihnen zu tollen.
Zunächst vermutete Lena, dass dieser Wolf die Rolle des Aufpassers bekommen hatte, der die anderen vor möglichen Gefahren warnen sollte. Eine der Thesen der modernen Wolfsforschung war, dass frei lebende Wölfe nicht über eine klassische Hierarchie und Hackordnung funktionierten, sondern über Rollen. Und dieses Rollenverhalten schien hier geübt zu werden. Doch irgendetwas störte sie an ihrer schnellen Deutung. Erneut nahm Lena jedes einzelne Tier ins Visier. Während sie das Fernglas hin und her schwenkte, merkte sie, dass ihre Konzentration auf die einzelnen Tiere den Blick für das Ganze getrübt hatte: Gestern hatte das Rudel noch aus fünf Tieren bestanden, den Eltern, den beiden Jährlingen und dem dritten Jungtier, das Lena bereits auf zwei oder sogar drei Jahre schätzte. Jetzt waren es insgesamt sechs Wölfe, also einer mehr!
Lena merkte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann und eine angenehme Unruhe in ihr aufstieg. Sollte sie wirklich so viel Glück haben, diesem selten beobachteten Schauspiel beiwohnen zu dürfen: dem Beginn einer lebenslangen Beziehung?
Wölfe leben monogam. Haben sich zwei Wölfe gefunden, so gründen sie eine Familie und bleiben ein Leben lang zusammen. Die Kinder, die sie aufziehen, bilden mit ihnen zusammen das Rudel. Sind die jungen Rüden alt genug, kämpfen sie nicht etwa mit ihrem Vater oder der Mutter – es gibt durchaus auch weibliche Rudelführer – um die neue Vormachtstellung, wie es leider fälschlicherweise noch immer oft behauptet wird, sondern wandern einfach ab und gründen ein neues Rudel. Verpassen sie den richtigen Zeitpunkt für den Absprung, können die Eltern schon mal ruppiger werden und sie vertreiben. Die weiblichen Fähen verhalten sich ähnlich, lassen sich jedoch auch gerne aus der Familie »herauswerben«, wie es Lena nannte. Sie warten, bis sich ein streunender Rüde für sie interessiert. Entweder »brennen« sie dann sofort mit ihm durch, oder der Rüde wird für eine gewisse Zeit vom Rudel akzeptiert, bis er mit seiner »Eroberung« weiterzieht und seine eigene Familie gründet.
Lena beobachtete die Wölfe weiter, bis das Leitwolfpaar irgendwann aufstand und im nahe gelegenen Dickicht verschwand. Kurz darauf folgten ihnen auch die übrigen Tiere, mit Ausnahme des fremden Wolfs. Seine erste Annäherung war gut verlaufen. Das Rudel hatte ihn weder angegriffen noch verjagt. Er würde es gut im Auge behalten und auf eine neue Gelegenheit warten, sich ihm zu nähern, um das junge Weibchen für sich zu gewinnen. Das Stück war zu Ende.
Gut gelaunt machte sich Lena auf den Weg nach Hause. Es war großartig, in freier Wildbahn etwas derart Spektakuläres miterleben zu dürfen. Genau dafür liebte sie ihren Beruf, für diese seltenen Momente, in denen man das Gefühl hatte, den Geheimnissen der Natur ein kleines Stückchen näher gekommen zu sein. Sie hatte viel über neue Rudelbildung gehört und gelesen und sich mit Kollegen dazu ausgetauscht. Doch etwas mit eigenen Augen zu sehen war immer eine ganz andere Sache.
Zu Hause angekommen, rief sie sofort Michael an.
»Hallo, Herr Minister.« Wenn sie gut gelaunt war, nannte sie ihn immer noch so. Sie hatte ihn früher häufig scherzhaft so bezeichnet, da er, als sie sich kennenlernten, noch für das Innenministerium tätig gewesen war, bis er sein Leben radikal geändert hatte.
»Du klingst, als hättest du gute Laune.«
»Habe ich«, bestätigte Lena, und erzählte von ihren Beobachtungen.
Michael freute sich für sie. Auch er konnte sich immer wieder für ihre biologischen Beobachtungen begeistern. »Vor allem auch interessant, dass ein Rudel seine Grundsätze bricht.«
»Was meinst du?«
»Na ja, du hast mir doch erzählt, dass Wölfe keine Artgenossen aus anderen Rudeln akzeptieren, sie wegjagen, notfalls sogar töten.«
»Tun sie ja auch.«
»Und dieser Rüde, von dem du gerade …«
»Ist nur temporär«, unterbrach ihn Lena. Doch im selben Augenblick wurde ihr klar, dass Michael natürlich recht hatte. »Du bringst mich auf eine Idee!«
»Welche?«
»Erzähl ich dir später. Kannst du heute Jean abholen?«
»Einen Moment.« Lena hörte im Hintergrund das Klappern einer Computertastatur. »Doch, müsste passen. Aber …«
Bevor Michael weiter fragen konnte, hatte sie schon aufgelegt. Vielleicht war das ein Weg? Kurz darauf hatte sie Ewalds Nummer gewählt.
»Frau Bondroit. Was verschafft mir die Ehre?«
»Ich habe nachgedacht«, fiel sie sofort mit der Tür ins Haus. »Und ich hätte vielleicht eine Idee für Ihren Fall. Sie verstehen?«
»Wirklich?« Ewald klang plötzlich viel freundlicher. »Bitte nicht am Telefon. Sollen wir Sie abholen?«
11
Dieses Mal empfing sie Ewald in seinem Büro, in dem sich nicht viel mehr befand als ein breiter Glastisch. Auch wenn der Tisch chic war, Ewald hätte sie eher zu einem aus dicker Eiche geraten, zumindest wenn er weiterhin vorhatte, während der Arbeit seine Schuhe auszuziehen. Auf dem Tisch befanden sich ein riesiger Monitor, eine drahtlose Tastatur und eine ebensolche Maus. Daneben türmte sich ein kleiner Berg Akten und Bücher, was eher nicht zu dem ansonsten futuristischen Ambiente des Büros passte, dafür umso mehr zu dem Ewald, den sie vor sechs Jahren kennengelernt hatte. Vor dem Tisch standen zwei Stühle. Auf einem saß Locke. Auf dem anderen bat Ewald Lena, Platz zu nehmen.
»Wo ist denn Ihre Kollegin?«, fragte Lena.
»Arbeiten.« Ewald blickte zu Locke. Sie mussten beide lachen.
»Sie sind unmöglich«, entrüstete sich Lena.
»Ach, jetzt kommen Sie! Wo ist denn Ihr Humor geblieben?«
»Was haben Machosprüche mit Humor zu tun?« Sie wollte gar nicht wissen, was für Sprüche er über sie riss, wenn sie nicht im Raum war.
»Ist ja gut.« Ewald rollte mit den Augen. »Frau Sommer sitzt gerade in einem Meeting mit den Kollegen von der Organisierten Kriminalität. Mit diesen Einzellern zu kommunizieren ist einfach nicht mein Ding.«
»Vielleicht ist genau das das Problem?«, fragte Lena, teils ernst gemeint, teils um ihn ein wenig zu provozieren.
»Wieso?«
»Na ja, vernetztes Denken, Informationen teilen – das soll manchmal bei der Aufklärung von Fällen helfen, habe ich gehört.«
Ewald verschränkte seine Arme. Verteidigungshaltung. Ihre Provokation schien auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. »Dazu müssten die Leute, mit denen man sich vernetzt, aber denken können und …« Ihr schien, als wollte er noch etwas weiteres Abwertendes sagen, was er sich jedoch verkniff. »Und ganz ehrlich. Ich habe doch Sie. Mehr vernetztes Denken, ist das überhaupt möglich?« Ein breites falsches Grinsen zog sich über sein Gesicht. »Sie sagten am Telefon, Sie hätten eine Idee? Dann mal los!«
Lena erzählte von den Wölfen und welcher Einfall ihr gekommen war.
»Verstehe.« Ewald wirkte alles andere als begeistert. »Sie schlagen also vor, dass wir uns in den Clan einschleichen, indem ein Agent mit einer der Clanfrauen anbändelt?«
»So in der Art«, bestätigte Lena.
»Hm.« Ewald sah zu Locke, dann wieder zu ihr. »Die altbewährte Romeo-Falle. Nichts wirklich Neues.«
Entweder wollte er sich für ihre Kritik rächen, oder er hatte tatsächlich den entscheidenden Vorteil dieses Vorgehens noch nicht begriffen. »Mir geht es auch nicht um einen möglichst neuen Ansatz, sondern einen, der Erfolge verspricht, und das möglichst schnell. Ich halte dieses Vorgehen, insbesondere was die Geschwindigkeit betrifft, Ihrem derzeitigen Omega-Ansatz deutlich überlegen.«
Lena sah zu Locke, der heute um einiges interessierter und wacher wirkte als am Vortag, dann wieder zu Ewald.
»Und warum bitte?«, fragte Ewald missmutig.
»Diese Methode hätte einen entscheidenden Beschleuniger: Hormone.«
»Schon klar«. Für einen Moment wirkte Ewald ein wenig abwesend, als ob er über eine Zeit nachdenken würde, als bei ihm selbst noch die Hormone zugeschlagen hatten. Lena befürchtete, dass dies schon sehr lange her war.
»Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie keine Zeit mehr. Wenn also schon ein Risiko eingehen, warum dann nicht auf diesem Weg?«
»Weil man an die Clanfrauen nicht rankommt. Die werden verkuppelt. Wenn man sich denen nur nähert, gibt es Ärger. Stimmt’s, Locke?« Locke nickte. »Und ganz abgesehen davon … Selbst wenn es einem von unseren Jungs gelingen würde, einer dieser Clanmiezen den Kopf zu verdrehen – die Mädels von denen haben doch null Ahnung, was da läuft. Die werden aus den schmutzigen Geschäften rausgehalten. Wie sollte uns das also wichtige Insider-Informationen verschaffen?«
»Sind Sie sich da so sicher?«, fragte Lena. Ihr war klar, dass Frauen in anderen Kulturen nicht immer dieselben Rechte hatten wie westliche Frauen. Aber dass sie deshalb weniger wussten, was die Geschäfte ihrer Männer betraf, das musste damit nicht zwangsläufig einhergehen.
»Vielleicht ist die Idee gar nicht so blöd.«
Die Unterstützung kam von einer Seite, von der sie Lena eher nicht erwartet hatte. Eigentlich hatte sie Locke für jemanden gehalten, der darauf bedacht war, seinem Chef nicht zu widersprechen, und das nicht, weil er immer seiner Meinung war, sondern aus reiner Bequemlichkeit. Er war der Typ Mann, der Konflikte scheute, weil sie »Stress« bedeuteten. Solche Männer konnten durchaus Adrenalinjunkies sein, Fallschirmspringen lieben, die waghalsigsten Sprünge beim Skifahren vollführen und sich mit Surfbrettern in die höchsten Wellen stürzen. Aber im beruflichen Alltag mochten sie es lieber »cool« und »relaxt«.
Locke strich sich seine langen, blonden Haare hinter die Ohren und legte eine Akte auf den Glastisch, die er bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Schoß geparkt hatte. Er blätterte ein wenig darin herum. Dann zog er eine Fotografie einer Frau von etwa Ende zwanzig hervor und legte sie vor Lena auf den Tisch. Sie war keine klassische Schönheit, dazu hatte sie zu markante Gesichtszüge, doch Lena gefiel sie. Sie hatte etwas Gutmütiges im Blick und wirkte trotzdem nicht naiv oder machte den Eindruck, als würde sie sich kampflos unterwerfen.
»Leila Aziz. Die älteste Tochter von Vahid Aziz, dem Chef des Clans. Unverheiratet und solo.«
Ewald verzog sein Gesicht zu einer dummen Grimasse. »Ach, kommen Sie, Locke. Dieses Aschenbrödel soll über den Anschlag Bescheid wissen?!«
»Vielleicht nicht direkt. Aber sie könnte den Türöffner spielen und uns den Zugang zu den Aziz ermöglichen, womöglich sogar im buchstäblichen Sinne Zugang zur Wohnung«, verteidigte sich Locke.
Ewald lachte. »Ne, Locke. Überzeugt mich leider überhaupt nicht.«
Locke sah Hilfe suchend zu Lena, der auf die Schnelle nicht einfiel, wie sie ihn unterstützen könnte.
»Auf jeden Fall ist sie ein leichteres Ziel als dieser Tarek«, versuchte es Locke erneut. Er beugte sich zu Lena. »Tarek ist der dritte Sohn von Vahid Aziz und nach Fallenders Analyse das Omega-Tier.« Dann wandte er sich wieder an Ewald. »Der Typ mag ein Kauz sein und von den anderen ein wenig unterdrückt werden. Aber er ist blitzgescheit. Und er ist skrupellos. Wenn wir da die Katze aus dem Sack lassen und er nicht mitspielt, dann gibt es Tote.«
Die Tür sprang auf. »Entschuldigung!« Sommer betrat den Raum. Sie wirkte abgehetzt. »Ich war noch …« Sie holte Atem.
»… in der Besprechung mit den Einzellern«, ergänzte Ewald. »Ich weiß. Setzen.«
Sommer sah sich unsicher im Raum um, in dem sich kein weiterer freier Stuhl befand. Das schien auch Ewald zu bemerken. »In der Teeküche gibt es noch Stühle.«
Sommer lehnte sich gegen die Wand. »Ich sitze eh zu viel. Was habe ich verpasst?«
Ewald holte sie kurz ab.
»Was meinen Sie?«, fragte Lena. Sie konnte Sommer noch nicht wirklich einschätzen, da sie bisher kaum zu Wort gekommen war. Der Umstand jedoch, dass Ewald sie für seinen engeren Kreis ausgewählt hatte, sprach dafür, dass sie durchaus was auf dem Kasten hatte.
Sommer sah auf die Akte in Lockes Hand. »Riskant. Aber ich finde die Idee gut. Leila Aziz steckt gerade in einer Krise. Das könnte den Zugang vereinfachen.«
»Krise?« Ewald wie auch Locke sahen Sommer fragend an.
»Ja. Sie hatte eine Beziehung, doch die ist vor rund einem halben Jahr in die Brüche gegangen. Wir gehen davon aus, dass das damit zusammenhing, dass sie wahrscheinlich keine Kinder bekommen kann. Zumindest ging sie mit ihrem ehemaligen Freund häufig zu einem entsprechenden Spezialisten.«
»Und Sie meinen jetzt, sterile Stuten sind unter Clanleuten schwer vermittelbar?« Ewald grinste dreckig.
»Ich meinte, dass sie in einer Krise steckt.«
Lena kam sich vor wie während einer Operation, in der die Narkose nicht richtig wirkt und der Patient mitbekommt, wie das gesamte OP-Team über seinen Körperbau lästert. Sie kannte diese Leila nicht, doch hatte sie schon jetzt Mitleid mit ihr. Leila Aziz hatte wahrscheinlich wirklich wenig Ahnung von den Geschäften, die ihr Vater betrieb. Sie war verlassen worden, hatte gerade erfahren, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Und früher oder später würde sie herausfinden, dass sie benutzt wurde. Lena hätte der Frau in dieser Situation ein positiveres Erlebnis gewünscht. »Vielleicht ist die Idee doch nicht so gut.«
»Moment!« Ewald bekam glänzende Augen. »Die Idee gefällt mir immer besser. Was meinen Sie, Locke?«
Der blätterte in seiner Akte. »Sie arbeitet in einem Reisebüro, das sich auf Flüge und Gruppenreisen in den Nahen Osten spezialisiert hat. Über das Reisebüro könnte man unkompliziert an sie rankommen. Das würde ebenfalls dafür sprechen.«
»Das Büro gehört einem guten Freund von Vahid Aziz. Wahrscheinlich eine Geldwaschanlage«, ergänzte Sommer.
»Woher wissen Sie das?«, fragte Ewald erstaunt.
»Tja.« Sommer zuckte mit den Schultern. »Weil ich ab und zu mit den ›Einzellern‹ kommuniziere.« Sie zwinkerte Lena unauffällig zu. Ihr Gesicht blieb insgesamt jedoch eher teilnahmslos. Keine Spur von Schadenfreude oder Triumph.
»Gut. Zurück zur Sache.« Ewald ließ die Spitze unkommentiert. »Nehmen wir an, wir würden es versuchen. Wen haben wir, der das übernehmen könnte?«
»Da gibt es einen jungen Libanesen bei der Kripo«, schlug Sommer vor. »Den könnten wir vielleicht dafür gewinnen.«
»Auf keinen Fall!« Ewald schüttelte mehrfach den Kopf. »Niemand von der Kripo. Sie wissen, warum.«
»War nur eine Idee«, verteidigte sich Sommer.
»Rahim?« Der Vorschlag kam von Locke.
Ewald überlegte. »Ich weiß nicht. Ich schätze Rahim. Aber er ist nicht gerade ein Womanizer.«
»Locke.« Der Vorschlag kam von Sommer.
»Ich?«, fragte Locke überrascht.
»Ein blonder Deutscher, der kein Arabisch spricht und null Erfahrung in Sachen verdeckter Ermittlung hat?« Auf Ewalds Stirn bildeten sich Falten.
»Null Erfahrung macht authentisch. Locke wäre zudem so auffällig, dass er schon wieder unauffällig wäre. Und …« Sommer zeigte auf die Akte, die Locke in der Hand hielt. »Haben Sie ihr Profil mal studiert? Leila Aziz steht auf diese ›coolen‹ Sportarten, mit denen sich auch unser Kollege seine Freizeit vertreibt. Wellenreiten, Bouldern, Wasserski. Als Jugendliche hatte sie in einem Urlaub mal etwas mit einem Schweden. Das wurde natürlich sofort vom Clan unterbunden. Aber jetzt, mit diesem medizinischen Hintergrund …« Sie zog ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen nach oben.
Lena betrachtete Locke. Sie hatte gewisse Vorurteile gegenüber Männern mit langen Haaren. Doch wenn sie die versuchte auszublenden, musste sie zugeben, dass er etwas hatte. Mit seinen stechend blauen Augen, dem braunen Teint und dem sicherlich gut trainierten Körper war er durchaus attraktiv. Aber das war es nicht allein. Er war vor allem auch der Typ Mann, der einen für den Moment vergessen ließ, dass die Welt voller Probleme war. Wäre Lena Single und würde auf blonde Männer mit langen Haaren stehen … er wäre sicherlich nicht die schlechteste Wahl.
Auch Ewald betrachtete Locke für eine Weile. »Vielleicht wirklich gar keine so schlechte Idee. Locke, Sie könnten die Planung einer Reise vortäuschen. Vielleicht springt der Funke ja über. Lassen Sie mal Ihren gesamten Charme spielen. Dann Nummer austauschen und so. Aber damit kennen Sie sich sicherlich besser aus als ich. Und lassen Sie sich in jedem Fall von der Strategischen briefen. Wir können das auch noch mal in Ruhe besprechen. Dann schauen wir weiter.«

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